Sie hat den Täter gesehen, und sie will Rache. Isabelle Cutters ist nicht das impulsive, naive Mädchen, für das ihre Mitschüler sie halten. Da sie von ihrer Familie nur belogen wird, muss sie auf eigene Faust herausfinden, wer ihre Eltern auf grausame Weise ermordet hat. Unterstützung findet sie in Luke, der unglaublich anziehend und gleichzeitig ablenkend wirkt. Gemeinsam decken sie die Machenschaften von FEARLESS auf, einer Firma, die Genforschung und Manipulation an Jugendlichen betreibt. Doch nach den furchtbaren Geheimnissen, die sie aufdecken, hätten sie besser niemals gesucht ...

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ISBN: 978-9963-53-806-5

Seiten: 367

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Lou Foster

Lou Foster wurde im Mai 1999 geboren und ist in einem beschaulichen Dorf in Niedersachsen aufgewachsen, wo sie auch zur Schule ging. Nach etlichen Kurzgeschichten und Aufsätzen schrieb sie schon während ihres Abiturs ihre erste Trilogie. Ihre Begeisterung für Kunst und Literatur halfen ihr dabei, die Lust am Schreiben auch unter Schulstress nie zu verlieren. Inspiration fand sie nicht nur bei Vorbildern, sondern auch bei ihrer Familie und ihren Freunden. Mit viel Fantasie und Kreativität sieht sie mit Freuden neuen Projekten entgegen. 

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Prolog
Asche zu Asche

Beerdigungen waren schon deprimierend genug, aber wenn der Friedhof wie leer gefegt wirkte, dann fragte man sich wirklich, was das für Personen gewesen sein mussten, dass nur drei Leute zu ihrer Beerdigung kamen.
   Luke stand am Waldrand, verborgen hinter den Bäumen, und beobachtete das Geschehen. Niemand weinte. Selbst die Tochter nicht. Ihre behandschuhten Hände steckten in den Manteltaschen. Es schien, als wollte sie möglichst viel Abstand zwischen sich und den Mann neben ihr bringen. Trotz Augenringen, Falten und einen dunklen, ungepflegten Bart sah er nicht älter aus als Mitte dreißig. Der zweite Mann hingegen war bestimmt schon nahe an der Fünfzig dran. Dafür wirkte er wesentlich ordentlicher. Der Kragen seines schwarzen Mantels war zur Seite geschlagen und sein Haar zurückgegelt. Er legte ihr eine Hand auf die Schulter und flüsterte ihr etwas zu. Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen und Luke hätte nur zu gern gewusst, was der Mann gesagt hatte.
   Davon abgesehen, dass es nicht um ihre Eltern weinte, sah das Mädchen normal aus. Die blonden Haare fielen in sanften Wellen über die Schultern, die blassen Lippen waren zu einem dünnen Strich zusammengepresst. Es sah wütend aus.
   Als die Beerdigung vorbei war, schloss der Pfarrer die Pforte zu dem weißen Mausoleum. Der ältere Mann brachte den eindeutig betrunkenen, jüngeren nach Hause. Das Mädchen jedoch blieb noch lange vor der Gruft stehen. Es ging nicht hinein und sagte auch nichts. Es stand nur da und zitterte.
   Luke musste herausfinden, ob sie eine von ihnen war, aber er wollte nicht taktlos sein, immerhin hatte sie gerade erst ihre Eltern verloren. Auch wenn sie nicht besonders traurig aussah.
   Er kam hinter den Bäumen hervor. Sie schoss sofort herum und sah ihn aus großen grünen Augen an. Luke schluckte und näherte sich ihr vorsichtig. Sie sagte nichts, als er sich neben sie stellte, sondern zog nur die Nase hoch und wischte sich über die trockenen Augen. Denn das tat jemand, der eigentlich trauern müsste.
   »Isabelle, oder?«, fragte Luke.
   »Wer bist du?«, entgegnete sie leise – als hätte sie Angst, die Toten wecken zu können.
   Luke fragte sich, ob sie religiös war. Glaubte sie an ein Leben nach dem Tod? An eine Wiedergeburt? Er setzte sich vor das Grab in den Schnee. »Nicht so wichtig«, antwortete er. »Ich kannte deine Eltern nicht so gut, sie wohnten nur in der Nähe, deshalb dachte ich, es wäre nett, vorbeizukommen.«
   Isabelle setzte sich neben ihn. »Ich habe dich nie in der Nachbarschaft gesehen.«
   Luke zuckte die Achseln. »Standest du ihnen nah?«
   Isabelle nickte. »Sie waren meine Eltern. Ich habe sie geliebt.«
   »Ich habe meine Eltern auch verloren. Ich habe sie ebenfalls sehr geliebt. Ich habe schon viele Menschen verlieren müssen, die mir nahe standen.«
   »Das tut mir leid«, sagte Isabelle ohne jede Spur von Mitleid in der Stimme.
   Eine Weile schwiegen sie und starrten auf das Grab. Luke konnte nicht sagen, ob sie eine von ihnen war. Sie verhielt sich ein wenig so. Sie trauerte nicht, sie war nur wütend, sie hatte kein Mitleid. Aber sie beherrschte sich. Das konnten sie nicht. Wenn sie wütend waren, zeigten sie das auch. Isabelle hingegen unterdrückte ihre Wut und täuschte Normalität vor. Vielleicht war sie aber auch wirklich nur ein normales Mädchen. Vielleicht hatte sich Luke geirrt.
   »Kann ich dich was fragen?«, sagte sie irgendwann.
   Luke nickte gedankenverloren.
   »Hört es irgendwann auf?«, fragte Isabelle leise.
   Luke sah sie überrascht an. »Was soll aufhören?«
   »Die Schmerzen. Ich sehe dir an, dass du nicht mehr über ihren Tod trauerst, aber die Schmerzen … Hört es irgendwann auf, wehzutun?«
   Luke dachte an den Tag, an dem er seine Eltern verloren hatte. Er war furchtbar wütend gewesen und hatte sich geschworen, sich zu rächen. So hart das für einen Fünfzehnjährigen auch gewesen sein mochte. Ebenso dachte er an Massachusetts. An seine Flucht … »Nein«, sagte er mit harter Stimme. »Nie.«

1

Obwohl Isabelle vor dem Kamin stand, zitterte sie am ganzen Körper. Die Hitze, die vom Feuer ausging, erinnerte sie an die Nacht, in der sie alles verloren hatte. Sie holte tief Luft und kniff die Augen zusammen, in der Hoffnung die schrecklichen Bilder aus ihren Gedanken verbannen zu können.
   Das Zittern hörte schlagartig auf. Ihr wurde heiß, und ihr Atem ging flach. In ihrer Kehle spürte sie wieder den Rauch. Sie fühlte die Verbrennungen auf ihrer Haut und die Schuldgefühle kehrten zurück.
   Trauma, oder posttraumatische Belastungsstörung, wie ihr Psychologe sagte. Es ist eine psychische Erkrankung und muss behandelt werden! – Nein, danke, ich komme allein klar. Es war ein Unfall, sagten sie. Niemand könne etwas dafür, sagten sie. Isabelle wusste es jedoch besser. Das bilde sie sich ein, sagten sie.
   Ihr Therapeut hatte sie vorwurfsvoll angesehen. »Ich kenne dich, Isabelle. Du kannst so was wie den Tod nicht einfach hinnehmen. Du kannst nicht auf deine Eltern sauer sein, weil sie gestorben sind. Du kannst nicht auf Gott sauer sein. Nun brauchst du aber einen Schuldigen, um damit fertig zu werden. Das ist eben deine Art, so etwas zu verarbeiten. Also sagt dir dein Unterbewusstsein, dass deine Eltern ermordet wurden. Damit es einen Täter gibt, den du dafür hassen kannst.«
   Posttraumatische Belastungsstörung also. Isabelle war krank. So fühlte sie sich jedoch überhaupt nicht. Sie fühlte sich benommen. Wie betäubt. Aber nicht krank. Wie hatte man sich zu fühlen, wenn man von einer Sekunde auf die andere allein war? Zwei Wochen waren definitiv nicht genug Zeit, um sich nach diesem Unfall wieder normal zu fühlen.
   Die Beerdigung war nur eine symbolische. Ihre Onkel glaubten, dass es Isabelle helfen könnte, sich von ihren Eltern zu verabschieden. Dabei gab es nichts, was begraben werden konnte. Von ihren Eltern war nicht mehr als Asche übrig geblieben. Statt Leichen lagen nun Andenken in den Särgen.
   Der Umzug machte es auch nicht besser. Isabelle hatte mit ihren Eltern in Lost City gewohnt. Geschwister hatte sie nicht und die einzigen Verwandten, die sie kannte, waren ihr Onkel Nick, den sie auf den Tod nicht abkonnte, weil er versoffen, selbstsüchtig und armselig war, ihr Onkel William, der arrogant und herablassend war, und ihr Cousin, der ganz nach seinen Vater kam: selbstverliebt und abwertend. Isabelle wusste auch noch von einem Großvater, der irgendwo in Boston leben sollte, doch den hatte sie nie getroffen.
   Es gab wohl eine Art Vertrag, den Isabelles Vater kurz nach ihrer Geburt geschlossen hatte. Sollte ihren Eltern jemals etwas zustoßen, würde Nick zu ihrem Vormund werden. Isabelle hatte keine Ahnung, was sich Vater dabei gedacht hatte. Wie sollte sich ihr Onkel um ein siebzehnjähriges Problemkind kümmern, wenn er nicht einmal sein eigenes Leben auf die Reihe bekam?
   Nick wohnte in Lost Hollow. Sein Haus stand ziemlich in der Nähe der Millers Rocks auf der anderen Seite des Flusses. Es lag am Rand des Waldes. Lost Hollow war sehr klein. Viel mehr als diese Villa und ein paar Bauernhöfen und Hütten gab es nicht.
   Jedenfalls würde Isabelle nicht die Schule wechseln müssen. Die East Hardy High in Baker blieb die nächste. Lost Hollow war nicht sehr weit weg von ihrem ehemaligen Wohnungsort. Nur ein Fluss trennte sie von der Stadt.
   Isabelle hatte keine Ahnung, womit ihr Onkel sein Geld verdiente, aber das Wohnzimmer war sehr schön. Eine Wand bestand aus fünf hohen Fenstern, die wiederum von einem Buntglas umrandet und goldgerahmt waren. Der Blick durch diese aufwendig gestalteten Fenster ging auf den Wald. Die anderen Wände waren zur Hälfte in Weinrot gestrichen und mit einem kompliziert wirkenden Muster verziert. Die untere Hälfte hatte man mit dunklem Mahagoniholz vertäfelt. Aus dem gleichen Holz bestand der Beistelltisch neben dem dunkelroten Sofa, das vor dem großen, offenem Kamin Platz hatte. Zwei lederne Ohrensessel in gleicher Farbe standen links und rechts davon. Mitten im Raum befand sich ein schwarzer eleganter Flügel, obwohl sich Izzy ziemlich sicher war, dass ihrem Onkel das musikalische Talent dafür fehlte. Mindestens zehn Bücherregale säumten die Wände. Von der gewölbten Decke hing ein wuchtiger Kronleuchter, der noch aus alten Zeiten von Kerzen beleuchtet wurde. Die Muster auf dem Teppich bestanden aus so vielen Farben, dass Isabelle sie nicht aufzählen konnte. Hauptsächlich Purpur und Elfenbein. Ja, Nick hatte Geld.
   Als sie das erste Mal hier war, hatte sie stundenlang im Türrahmen gestanden, weil sie Angst hatte, den Teppich dreckig zu machen. Nick war das egal, er brachte Schlamm und Dreck mit herein und befleckte alles im ganzen Haus.
   Sie hörte ein Poltern und zuckte zusammen. Na toll – er war wieder da.

*

Die weißen Glitzerpartikel setzten sich sanft auf ihrem dunklen Haarschopf ab. Es war weit nach Mitternacht, und Karisma versuchte, sich auszumalen, wie sehr ihr Bruder ausrasten würde. Noch immer war ihr schlecht, aber sie hatte vorher gewusst, was Alkohol mit ihr anstellte. Zitternd stopfte sie ihre Hände in die Manteltaschen. Sie machte große Schritte und genoss das Knatschen, das ihre Schuhe im Schnee erzeugten. Als sie sich umdrehte, war ihre Spur die einzige. Da sie beinahe gesprungen war, sah es nicht so aus, als würden die Fußabdrücke zusammengehören. Sie lächelte.
   Karisma liebte den Winter. Es war ihre liebste Jahreszeit. Unter anderem, weil sich ihre Kleidung so gut kombinieren ließ. Im Sommer konnte sie nicht viel mehr als Jeans und ein T-Shirt tragen. Alle gingen so harmonisch miteinander um. Selbst Luke taute ein wenig auf. Die Landschaft war wundervoll im Winter. Gerade hier, wo keine Hochhäuser störten. Alles glitzerte von der Sonne und dem Schnee. Man sah die kleinen Spuren von Hasen oder Rehen.
   Und es war so romantisch! Die orangeroten Sonnenuntergänge, die rosafarbenen Wolken, wenn die Engel backten. Das hatte ihr Vater ihr immer erzählt. Bei Gewitter bowlten sie. Karisma hatte ihn einmal gefragt, ob sie bei Regen weinten, aber er schüttelte nur entschlossen den Kopf.
   »Sie tanzen«, hatte er gesagt. »Im Regen zu tanzen, ist ihre Lieblingsbeschäftigung.«
   Karisma hatte fest daran geglaubt. Sie hatte alles geglaubt, was ihr Vater ihr erzählt hatte.
   Fast begann Karisma zu weinen, aber dann ließ sie sich in den Schnee fallen und begann einen Engel zu machen, damit er ebenfalls im Schnee tanzen konnte.
   Karisma rappelte sich auf, weil ihr kalt war. Sie zog ihren Hals ein und vergrub ihr halbes Gesicht im grünen Schal. Den hatte sie sozusagen als Vorweihnachtsgeschenk bekommen. Von Luke, weil grün seine Lieblingsfarbe war. Ihr Bruder hatte sich seit der Flucht verändert. Sie vermisste seine aufgeschlossene, optimistische Art. Natürlich konnte sie verstehen, was in ihm vorging, aber er musste aufhören, sich dafür die Schuld zu geben.
   Tief in seinem Herzen war er gut. Ganz tief. Fast musste Karisma über ihren Gedanken lachen. Ja, sie konnte es selbst kaum glauben. Allerdings war er sehr hitzköpfig und verlor schnell mal die Kontrolle.
   So wie auch Karisma. So wie sie alle. Genau genommen waren sie alle gleich. Und das hasste Karisma so. Je wütender sie wurde, desto schneller schlug ihr Herz. Sie wusste, dass sie sich nicht kontrollieren könnte. Nicht hier und nicht jetzt. Wie immer, wenn sie versuchte, sich zu beruhigen, legte sie eine Hand an ihre Freundschaftskette. Der Gedanke an Mac machte sie stark. Doch diesmal funktionierte es nicht. Ihr Puls raste, ihr Atem ging flacher, und als das Adrenalin in ihren Adern pumpte, rannte sie los. Am Rand des Waldes auf den Schienen kam sie zum Stehen. Die Scheinwerfer des Zugs blendeten sie. Karisma schloss die Augen. Das Adrenalin tötete jede Art von Angst, was Karisma nur noch verzweifelter werden ließ. Sie legte den Kopf in den Nacken und ballte die Hände zu Fäusten. Der Zug gab ein lautes Pfeifen von sich. Karisma glaubte, ihr Herz schlagen zu hören. Es wurde immer schneller. Genau wie der Zug. Er würde nicht mehr abbremsen können.
   Er kam näher. Sie konnte nicht sagen, was ihr durch den Kopf ging. Ihre Gedanken schienen abgestellt zu sein. Alles, was sie spürte, war das Adrenalin und das Klopfen ihres Herzens. Das war der Moment, in dem Karisma zur Seite springen müsste. Wie sonst auch immer.
   Sie tat es nicht.

*

Es schneite noch immer. Weihnachten hatte Isabelle immer gemocht. Sie hatte eine riesige rote Socke, die sie als Kind immer vor den Kamin gehangen hatte. Sie hatte Kekse gebacken und Milch bereitgestellt. Das ganze Haus war voller Mistelzweigen gewesen. Ihre Mutter musste sie morgens immer wecken, weil Isabelle eine Langschläferin war. Da konnte auch die Aufregung nichts dran ändern.
   Das Poltern kam von draußen. Isabelle zog die Strickjacke enger um sich und ging auf die Veranda. Es brannte schwaches Licht, und Izzy brauchte einen Moment, bis sie ihren Onkel erkannte. Er trug weder Jacke noch Handschuhe, während er die letzte Schneekugel auf die anderen beiden hievte. Er musste schrecklich frieren.
   Nachdem er seinen Schneemann ohne Gesicht oder Arme vollendet hatte, ließ er sich auf den weichen Boden fallen und zog die Beine dicht an die Brust.
   »Was tust du da?«, fragte Isabelle.
   »Einen Schneemann bauen«, sagte er, ohne sie anzusehen. »Du bist mir zu depressiv, da wollte ich mal was Fröhliches machen.«
   »Bist du jetzt froh?«, fragte sie. Ihre Stimme klang neutral, obwohl sie genervt war.
   »Nein.«
   Isabelle sprang die paar Stufen der Veranda hinunter und setzte sich neben Nick in den Schnee. Er war unausstehlich. Außerdem stank er nach Alkohol zu Zigarettenqualm. Isabelle musste sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass auch er jemanden verloren hatte. Seinen Bruder. Ihren Vater. Die beiden hatten sich sehr nahe gestanden. Er trauert, sagte sich Isabelle. Sei nett.
   Sie wickelte den breiten Schal von ihrem Hals und legte ihn um sich selbst und um ihren Onkel. Er hatte es auch nicht leicht. Sein Bruder war gestorben und er war eindeutig noch zu jung, um ein psychisch krankes Kind zu erziehen. Nick rückte näher und nahm das andere Ende des Schals. Er hielt den Stoff fest in der Faust.
   Isabelle rümpfte die Nase. »Du hast getrunken«, bemerkte sie.
   »Ach nee?«
   »Es ist okay, wenn wir trauern«, sagte Isabelle vernünftig, auch wenn sich die Worte in ihren Ohren falsch anhörten. »Das ist nur menschlich«, fügte sie leise hinzu. Wieso trauerte sie dann nicht? Sie war doch erst siebzehn und hatte mit einem Schlag ihre Eltern verloren. Trotzdem verspürte sie keine Angst, keine richtige Trauer. Sie war einfach wütend und frustriert.
   »Du hörst dich an wie ein Roboter«, behauptete Nick lallend. Er zitterte. »Tu nicht so, als würdest du es okay finden. Ich kenne dich besser. Ich habe dich noch nie weinen gesehen, Iz, und dabei kenne ich dich schon, seit du geboren wurdest. Früher haben wir uns mal gut verstanden. Als du klein warst und ich auf dich aufpassen musste.«
   »Gut verstanden?«, spottete Isabelle. »Du hast mir in den Haaren gezogen und meine Sachen kaputtgemacht.«
   »Worauf ich hinauswollte«, fuhr Nick fort. »Du bist nicht der Typ, der trauert. Stattdessen wirst du sauer und rachsüchtig, aber es gibt niemanden, an dem du dich rächen kannst.«
   Nick hatte recht, auch wenn sie das ungern zugab. Sie war sauer und rachsüchtig. Es musste einfach einen Verantwortlichen geben und Isabelle würde ihn finden.
   Sie schüttelte den Kopf, um ihre düsteren Gedanken loszuwerden.
   Plötzlich ließ Nick sich mit dem Rücken in den Schnee fallen und begann seine Arme und Beine auf und ab zu bewegen. Er machte einen Schneeengel. »Komm schon«, jammerte er. »Mach mit, sonst komm ich mir blöd vor.«
   »Du bist blöd«, stellte Isabelle klar und rappelte sich auf. Sie konnte den Gestank, der von ihrem Onkel ausging nicht länger ertragen, genau wie seine Gegenwart. Sie sagte sich zwar, dass es daran lag, dass er versoffen und ein schlechtes Vorbild war, aber der wahre Grund war, weil er ein Vorgeschmack auf Isabelles Zukunft war, die sie nicht aushalten würde. Genau wie er war sie ein Außenseiter. Das schwarze Schaf der Familie. Sie war verhaltensauffällig und würde genauso enden wie Nick. Und das ertrug sie nicht. Das hätten ihre Eltern nicht gewollt. So sehr ihr Vater Nick geliebt hatte, sein Leben hätte er sich nicht für Isabelle gewünscht.
   Sie lief in Richtung Wald, und obwohl sie nur eine Strickjacke trug, zitterte sie ausnahmsweise nicht. Isabelle wusste nicht, wo sie hinging. Sie war sauer und musste sich abregen, bevor es zu spät war. In der Ferne hörte sie einen Zug pfeifen. Sie war nahe der Schienen, aber umdrehen wollte sie nicht. Wenn der Zug sie passiert hatte, könnte sie in den Wald gehen.
   Isabelle sah den Zug … und er raste direkt auf ein Mädchen zu. Dieses stand wie versteinert da. Isabelle erkannte es nicht richtig. Sie sah nur, dass es dunkle Haare und einen grünen Schal hatte. Wollte es sich etwa umbringen? Ihr Puls schoss in die Höhe, und ihre Gedanken schalteten sich ab. Sie rannte los. Rechtzeitig konnte sie es nicht schaffen, dafür war sie noch zu weit weg. Sie sprintete, so schnell sie konnte. Das war lebensmüde, aber was sollte sie sonst tun? Sie würde bestimmt nicht einfach darauf warten, dass das Mädchen vom Zug zerfetzt wurde.
   Plötzlich wurde es mitgerissen.
   Aber nicht vom Zug.
   Isabelle blieb stehen und schlüpfte hinter einen Baum. Vorsichtig linste sie dahinter hervor. Sie erkannte den Retter des Mädchens. Es war der Junge von der Beerdigung. Auch wenn er weiter weg war, erkannte sie ihn sofort. Wie sollte sie auch nicht? Es war der wohl schönste Junge, den sie je gesehen hatte. Er war kein typisches Model, aber auf jeden Fall war er heiß, auch wenn Isabelle so was nie sagen würde. Damals hatte er sich so elegant und schrittsicher bewegt, wie sie es noch nie bei jemandem erlebt hatte. Sein Körper schien ein einziges Instrument zu sein, das er perfekt beherrschte. Er war Isabelle an dem Tag merkwürdig vorgekommen. Und das tat er immer noch.
   Er landete auf dem Mädchen, sprang auf und zog sie auf die Füße, nur um sie danach wieder zu Boden zu schubsen und sie anzubrüllen. Das hätte Isabelle auch gemacht. Sie hatte eine schwere Zeit hinter und sogar noch vor sich, doch kein einziges Mal hat sie daran gedacht, sich umzubringen. Die Entscheidung des Mädchens konnte sie nicht verstehen. Wie verzweifelt musste man sein?
   Der Junge wandte den Kopf und sah Isabelle an. Schnell zuckte sie zurück, doch sie wusste, dass er sie gesehen hatte. Sie wartete eine Weile ab und glaubte, der Junge würde sie jeden Moment hinter dem Baum hervorziehen und … Gott weiß was mit ihr machen. Nichts geschah. Isabelle wagte einen Blick auf die Schienen.
   Die beiden waren weg.

2

»Ah«, stöhnte Isabelle und vergrub das Gesicht im Kopfkissen, als es plötzlich hell in ihrem Zimmer wurde. Sie fluchte und zog sich die Decke über den Kopf, um den Sonnenstrahlen zu entkommen. Ihr ganzer Körper schmerzte. So eine Art von Schmerz hatte sie noch nie empfunden. Er war körperlich. Als würde sie eine ganze Tonne Gewicht nach unten ziehen wollen. Oder als würden sich Tausende von kleinen Nadeln in jeden Quadratmillimeter ihrer Haut zwängen. Ebenso war der Schmerz psychisch. Es fehlte ein unglaublich wichtiger Teil in ihrem Leben. Nicht weil ihre Eltern ihr so nah standen, sondern mehr, weil sie einen wichtigen Teil von Isabelle, den sie zu vor nicht gekannt hatte, mit in den Tod genommen hatten. Fühlte sich so Trauer an?
   »Bist du wach?«, hörte sie eine vertraute Stimme provokant fragen.
   »Nein«, brummte sie in ihr Kissen. »Lass mich in Ruhe.«
   »Selbstmitleid ist scheiße«, sagte Sebastian entschlossen und zog ihr die Decke weg.
   »Es ist kalt, Sebastian.« Isabelle setzte sich auf und funkelte ihren Cousin böse an. »Gib mir meine Decke zurück.«
   »Sonst was?« Sebastian zog eine Augenbraue hoch.
   »Sonst hole ich sie mir zurück, und das wird unangenehm.«
   »Versuch’s doch. Ich bin älter, größer und stärker.« Als sie sich wieder hinlegte, seufzte er. »Deine Eltern wären nicht besonders stolz auf dich.«
   Isabelle schoss hoch und riss ihrem Cousin die Decke aus der Hand. »Wag es nicht, diese Karte zu spielen. Das steht dir nicht im Geringsten zu.«
   »Glaub nicht, dass ich mich dafür entschuldigen werde.« Sebastian versuchte, genauso böse zu schauen wie Isabelle, was ihm nicht gelang, da sein rechtes Auge durch die blonde Strähne, die darin hing, wie verrückt zuckte. Ungeduldig wischte er seine Haare weg. »Steh auf. Du bist ja fast so schlimm wie Onkel Nick.«
   »Halt die Klappe. Was machst du überhaupt hier? Solltest du nicht in Boston sein? Du warst nicht einmal auf der Beerdigung.«
   Sebastian und Isabelle hatten sich noch nie besonders gut verstanden. Er war das Familiensternchen, genau wie seine ältere Schwester Ivana, die man höchstens mal zu Weihnachten zu Gesicht bekam. Im Vergleich zu den beiden verblasste Isabelle. Sie war eben genau wie Nick, der schon immer im Schatten seiner Geschwister gestanden hatte. Isabelle erschauderte bei dem Gedanken.
   »Ich war in Boston. Ich musste arbeiten, Isabelle. Das tun Menschen, die tatsächlich was in ihrem Leben erreichen wollen. Solltest du auch mal versuchen. Aber jetzt bin ich hier, und ich werde bestimmt nicht zulassen, dass du hier vergammelst und am besten noch anfängst zu trinken.« Sebastian holte sich die Decke zurück und warf sie auf den Boden. »Also steh auf.«
   »Sag mir bitte nicht, dass dein Vater auch noch hier ist.«
   »Er versucht Nick, auf die Beine zu bringen, und darüber solltest du froh sein. Du würdest das bestimmt nicht schaffen.« Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. Er hatte die typischen Merkmale der Cutters, genau wie Isabelle. Grüne Augen, blonde Locken und irre lange Wimpern. Sie hätten Geschwister sein können.
   »Geh einfach weg. Du bist hier niemandem eine Hilfe.«
   »Eigentlich war es klar, dass du bei Nick landest«, fuhr Sebastian fort, als hätte Izzy nichts gesagt, und sah sich im Zimmer um.
   Isabelle verdrehte nur die Augen und ließ ihn reden.
   »Er sollte dein Vater sein. Ihn hättest du verdient. Im Gegensatz zu Jonathan. Deine Mutter lass ich mal aus dem Spiel. Scarlett war ja nicht unbedingt die Vorzeigeperson schlechthin.«
   Sie wurde mit jedem Wort wütender. Reflexartig riss Izzy die kleine Beistelllampe vom Nachttisch und warf sie mit voller Wucht auf ihren Cousin. Sie hatte auf seinen Kopf gezielt, und sie hätte ihn auch getroffen. Jedoch duckte Sebastian sich rechtzeitig und grinste frech.
   »Du hast keine Ahnung von meinen Eltern«, fauchte sie.
   »Ach ja? Ich kannte sie länger als du. Steh auf und wasch dich, verstanden?« Mit diesen Worten verließ er ihr Zimmer.
   Als die Tür ins Schloss fiel, ließ sie sich schreiend in die Kissen fallen. »Ich hasse ihn!«
   Trotzdem rappelte sie sich auf und ging ins Badezimmer. Da sie nicht wirklich was aus ihrem alten Haus hatte mitnehmen können, hatte ihr Onkel William ihr alles neu gekauft. Sie hatte wirklich keine Ahnung, wo ihre Onkel das ganze Geld herhatten, aber es war da. Will hatte ihr einen ganzen Schrank mit Kleidung gefüllt, er hatte ihr neue Schulsachen gekauft, Kosmetik, Bücher, einen neuen Laptop und alles, was das Herz einer Siebzehnjährigen begehrte.
   Nachdem sie geduscht hatte, der Geruch von Pfirsich hüllte sie komplett ein und überdeckte sogar den allgemeinen Gestank des Suffs im Haus, schlüpfte sie in eine Jeans und ein bequemes Flanellhemd.
   Im ganzen Haus waren Fenster geöffnet, was normalerweise nicht der Fall war. Es war eiskalt. Aus dem Wohnzimmer holte sie sich eine dünne Decke, bevor sie sich zu ihrer Familie in die Küche gesellte. Nick saß am Frühstückstisch, den Kopf auf die Platte gelegt, in der Hand eine Schnapsflasche. Isabelle setzte sich ihm gegenüber.
   Vorsichtig hob Nick den Kopf, als hätte er Angst, er könnte ihm vom Hals fallen. Wow, dachte Izzy. Er hatte sich rasiert. Das hatte er nicht einmal zur Beerdigung geschafft. So sah er gleich wieder wie vierunddreißig aus und nicht wie zweiundvierzig.
   Nick grinste seine Nichte schief an. »Hast du die Spießer eingeladen?«
   »Ich bin genauso froh über ihr Dasein wie du, Onkel Nick.« Sie wandte ihren Blick an Will und Sebastian, die mit identischer Haltung gegen die Küchenzeile lehnten.
   Wie immer waren Wills blonde Haare ordentlich zurückgekämmt, während Sebastians wild durcheinander hingen. Ansonsten ähnelten sie sich sehr. Es war unverkennbar, dass sie verwandt waren.
   »Du bist für eine Siebzehnjährige verantwortlich, Nicolas. Meinst du nicht, es wird Zeit, auch mal Verantwortung zu übernehmen?«, fragte Will im strengen Ton.
   Isabelle zog die Beine an und wickelte die Decke um ihren zusammengekugelten Körper. »Ich kann auf mich selbst aufpassen. Nick lässt mich hier wohnen, aber das war’s dann auch. Er ist nicht für mich verantwortlich.«
   »Laut Jugendamt ist er das«, sagte Sebastian und zog arrogant eine Augenbraue hoch.
   Wie ein Kleinkind streckte Isabelle ihm die Zunge raus.
   Sebastian verdrehte die Augen. »Werd erwachsen.«
   »Isabelle hat recht.« Nick lehnte sich im Stuhl zurück und sah seinen Bruder herausfordernd an. »Sie kann sehr wohl auf sich selbst aufpassen.«
   Wills Augen funkelten. »Aber sie muss doch nicht auch noch auf dich aufpassen. Kannst du dich nicht jedenfalls so lange zusammenreißen, bis sie auf dem College ist?«
   Nick schnaubte verächtlich. »College. Du Heuchler.«
   Verwirrt runzelte Isabelle die Stirn. »So schlecht sind meine Noten auch nicht.«
   »Darum geht es doch gar nicht, du Volltrottel.«
   »Sebastian, bitte«, tadelte Will ihn.
   Nick stand ruckartig auf und baute sich bedrohlich vor seinem großen Bruder auf. »Sieh zu, dass du und dein verwöhntes Balg diesen Ort verlasst. Ich kümmere mich um Isabelle, wenn es sein muss, doch dich will ich hier nicht sehen, verstanden?« Er flüsterte, und Isabelle hatte Mühe zu verstehen, was er sagte. »Du hast es selbst gesagt. Von jetzt an steht Isabelle unter meiner Verantwortung, und ich will nicht, dass sie weiterhin ein Teil von diesem verlogenen Pack ist. Sie ist meine Nichte.« Er warf Sebastian einen verächtlichen Blick zu. »Schlimm genug, dass ich dich bereits verloren hab.«
   Sebastian zog die Augenbrauen zusammen und sah aus, als wäre er kurz davor, Nick ins Gesicht zu spucken. »Vielleicht sollten wir sie entscheiden lassen. Mal sehen, ob sie sich von dir umbringen lässt.«
   »Wie bitte?«, fragte Isabelle erschrocken.
   Alle drei fuhren zu ihr herum und sahen sie an, als wäre die Decke ein Unsichtbarkeitsmantel gewesen.
   »Wie war das?«, fragte sie noch mal, da sie sich sicher war, sich verhört zu haben.
   »Wir werden uns fürs Erste ein Hotel hier in der Nähe suchen. Du kannst mich jederzeit anrufen, Isabelle«, versicherte Will und zog seinen Sohn aus dem Haus.
   Ach ja –, ein neues Smartphone hatte er ihr auch gekauft.
   Isabelle und Nick blieben in der Küche zurück. Ihre Blicke trafen sich für ein paar Sekunden. Seine Augen waren rot geädert und seine Tränensäcke dick und bläulich. Ein trauriger Anblick, aber Isabelle versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Wenn sie hier schon wohnen musste, mussten sie halt irgendwie versuchen, miteinander auszukommen.
   Izzy streckte ihren Rücken durch. Sie sah, wie in seinen Augen etwas brach. Einen Moment glaubte sie wirklich, er würde aufwachen aus seiner Trance und endlich etwas ändern, für sie da sein. Das Richtige tun.
   Nick schnappte sich seine Schnapsflasche, drehte sich um und ließ seine Nichte allein.
   Seufzend legte sie ihren Kopf auf die Knie. Der Schmerz nahm sie ein und ließ ihre Schläfen pochen. Das war merkwürdig, so was hatte sie noch nie erlebt. Vielleicht wurde sie wirklich krank. Kein Wunder bei dieser Eiseskälte, dachte sie. Isabelle rappelte sich auf, legte sich die Decke um ihre Schultern und schloss die Fenster.
   Wurde Zeit, dass hier mal jemand aufräumte. Obwohl ihr Kopf dröhnte, lenkte die Arbeit sie von diesem Schmerz ab.

*

Am Nachmittag unternahm Isabelle endlich mal wieder etwas mit ihren Freunden. Andy hatte sich bereits schrecklich Sorgen gemacht, da sich Izzy ewig nicht gemeldet hatte. So oft hatte sie sie besuchen wollen, doch da Isabelle alle ihre Anrufe und Textnachrichten ignoriert hatte, hatte sie sich nicht getraut.
   Sie verstand das. Sie verstand sie wirklich, aber Isabelle hatte sich verändert. Nicht nur so, wie sich ein junges Mädchen veränderte, wenn es ihre Eltern verlor. Andy vermutete, dass sich Isabelle Schuldgefühle machte. In der Nacht, in der ihre Eltern starben, hatte sie sich mit ihnen gestritten und sich dann aus dem Haus geschlichen. Als sie zurückgekehrt war, war es bereits zu spät gewesen.
   Eigentlich war Izzy schon immer ein wenig anders als die anderen, aber Andy hatte das nie gestört. Sie verlor eben schnell mal die Kontrolle, weinte aber nie und fürchtete sich vor so gut wie gar nichts. Selbst als Kind war sie die Einzige, die bei Gewitter draußen stand und fasziniert den Blitzen zusah, wie sie durch den Himmel zuckten und den Horizont erleuchteten. Die Einzige, die nicht die ganze Nacht geheult hatte, als sie sich das erste Mal mit sechs einen Horrorfilm angesehen hatten und die Einzige, die kein einziges Mal blöd genug war, um sich auf ein Arschloch einzulassen. Na und? So war sie eben, und dafür wurde sie nicht selten beneidet.
   Allerdings wusste Andy auch, dass es für Isabelle nicht immer leicht war, sich anzupassen. Sie schaffte es mittlerweile ganz gut, aber der Vorfall hatte sie wieder aus der Bahn geworfen. Sie starrte Löcher in die Luft und klopfte gefühlte hundert Mal in der Sekunde mit dem Fingernagel auf die Tischplatte.
   Andy tauschte mit Bobbie einen besorgten Blick. »Iz?«, fragte Andy.
   Diese biss sich fast gequält auf die Unterlippe und beschleunigte ihr Tippen.
   »Izzy«, versuchte es Bobbie nun.
   Isabelle drehte den Kopf kaum merklich und starrte auf den Parkplatz des Greenwood Diners in Lost River. Ihr Essen hatte sie auch nicht angerührt.
   »Isabelle«, riefen Andy und Bobbie nun gleichzeitig.
   Endlich zuckte sie zusammen und sah ihre Freunde fragend an. »Ist was?«
   Andy grinste erleichtert. »Woran denkst du bloß?«, fragte sie, und es interessierte sie wirklich, was in ihren Kopf vorging. Was auch immer es war, es musste furchtbar spannend sein.
   Wieder knabberte Izzy an ihrer Lippe, und Bobbie warf ihr einen bösen Blick zu. Sie war eifersüchtig auf Izzys volle Lippen, das wusste Andy. Sie war es nämlich ebenfalls. Deshalb hasste Bobbie es, wenn sie sie rissig und sogar fast blutig kaute.
   Dann schossen Bobbies Augenbrauen plötzlich hoch – sie wirkte dabei immer wie eine verrückte Wahrsagerin –, und sie griff über den Tisch nach Isabelles Handgelenken. »Da steckt ein Junge hinter, oder?«
   Andy verdrehte die Augen. Sie kannte Bobbie schon eine halbe Ewigkeit und wusste, dass sie eine Expertin in Jungs und Beziehungen war, aber mittlerweile hielt sie sich wirklich für eine Hexe, die sich auf das andere Geschlecht spezialisiert hatte.
   »Was das angeht, bin ich ein Medium.« Bobbie zwinkerte ihrer Freundin zu. »Spuck’s aus.«
   »Ich habe keine Lust, darüber zu reden«, sagte sie nur und schaute wieder aus dem Fenster. Ausnahmsweise wich Isabelle der Berührung ihrer Freundin nicht aus. Sie ließ ihre Arme einfach unter Bobbies Händen liegen.
   Andy versuchte, ihrem Blick zu folgen. Sie glaubte, dass Isabelle einen Wagen anstarrte. Einen schwarzen Mustang Fastback mit leicht getönten Scheiben. Seit wann interessierte sich Izzy für Autos?
   »Also steckt wirklich ein Junge dahinter?«, fragte Bobbie. Kurz wirkte sie überrascht, aber dann überspielte sie es mit Selbstsicherheit. »Sag ich ja.«
   »Nein, kein Junge«, sagte Isabelle, nahm sich eine Fritte vom Teller und rührte lustlos im Ketchup. »Na ja, so gesehen schon. Sebastian ist in der Stadt.«
   Andy verzog das Gesicht. Sie hatte wirklich überhaupt nichts für Sebastian Cutters übrig. Er war arrogant und gemein und sie hasste ihn mindestens so sehr, wie Isabelle es tat.
   Bobbie runzelte die Stirn. »Dein Cousin? Der mit den süßen blonden Locken?«
   »Nein, der mit den rabenschwarzen Haaren, weil die in unserer Familie ja auch jeder hat«, sagte Isabelle etwas zu scharf. Ihr Handgelenk hielt in der kreisenden Bewegung inne und sie blickte kurz und scheinbar überrascht von sich selbst auf. »’Tschuldige.«
   »Du bist gereizt«, stellte Bobbie fest. »Er kann doch nicht so schlimm sein.«
   »Er hat meine tote Mutter beleidigt.« Isabelle musste sich zwingen, ihre Stimme zu senken. Die Pommes wurde zwischen ihren Fingern zerquetscht. »Er ist ein Vollidiot, und er hat sich mit Nick angelegt, weshalb der noch mieser gelaunt ist als sonst.«
   »Du kannst bei uns bleiben, wenn du willst«, schlug Andy vor. »So lange du willst.«
   »Klar«, meinte Bobbie. »Bei uns auch.«
   Isabelle nickte und warf noch einmal einen Blick auf das parkende Auto. Irgendwas daran schien wirklich ihre ganze Aufmerksamkeit zu fordern. »Danke, aber ich komm klar.«
   Oder auch nicht, dachte Andy.
   Erst, als Isabelle das nervöse Klopfen sein ließ, bemerkte Andy, dass sie zitterte. Wieder warf sie Bobbie einen besorgten Blick zu.
   »Wirst du krank?«, fragte Bobbie und deutete mit dem Kinn auf ihre zitternde Hand.
   Isabelle zog sie zurück und legte sie in ihren Schoß. »Ich glaube schon. Meine Knochen fühlen sich ganz schwer an. Wird wohl eine Grippe sein.« Sie seufzte. »Und das in den Ferien. Wieso passiert so was nie in der Schulzeit?«
   Andy grinste erfreut über die einfachen Sorgen, über die sich Isabelle ausnahmsweise mal Gedanken machte. Einen Moment lang schloss sie die Augen, presste sie regelrecht zusammen. Und wieder erntete Izzy dafür besorgte Blicke, die ihr jedoch entgingen.
   »Willst du noch irgendwas machen, Iz?«, fragte Andy. »Ins Kino oder so?«
   Isabelle zuckte die Achseln und sah hinüber auf den Parkplatz, wo gerade ein brandneu aussehender Pick-up Chevrolet parkte. »Was läuft denn?«, fragte sie, wobei sie das neue Auto nicht aus den Augen ließ. Ein Junge stieg aus, und Andy klappte fast die Kinnlade runter. So einen Jungen fand man auf der ganzen East Hardy High nicht. Seine dunkle Mähne stand wild in alle Richtungen, als käme er gerade aus dem Bett, was wirklich süß aussah. Er war groß und sah auch muskulös aus. Für Andys Geschmack war seine Haut ein paar Nuancen zu blass. Er trug einen schwarzen Mantel, hinter dessen Kragen er sein Gesicht versteckte.
   Isabelle schluckte laut. »Na, was auch immer«, sagte sie rasch. »Lass uns gehen.« Plötzlich schien sie es eilig zu haben. Sie schob ihren Teller zur Seite und stand auf. »Kommt schon.«
   Bobbie lachte leise. »Wir haben noch nicht einmal bezahlt, Izzy.«
   Nervös sah sie sich um, wobei ihre blonden Locken wippten.
   Der Junge betrat das Diner, und Andy und Bobbie drehten sich zu ihm um.
   »Alter Falter«, murmelte Bobbie.
   Er nahm eine Hand aus der Manteltasche und strich sich sein tiefschwarzes Haar aus dem Gesicht. Da das Diner nicht besonders gut besucht war, fiel sein Blick beinahe sofort auf die drei Mädchen. Seine grünblauen Augen begannen zu funkeln. Ob vor Wut oder Freude, vermochte Andy nicht zu sagen. Sein Blick blieb an Isabelle hängen. Nun sah er eindeutig ein wenig wütend aus, obwohl sich seine Miene nicht verändert hatte. Er sah Izzy einen Moment zu lange an, und Isabelle erwiderte diesen Blick, als könnte sie sich aus irgendeinem bestimmten Grund nicht abwenden. Rasch zog der Junge den Kopf wieder ein und setzte sich in den Schatten einer Nische.
   Die Mädchen sahen Isabelle fragend an. »Wenn du mir noch einmal weismachen willst, dass du keine Jungenprobleme hast, dann hau ich dir eine rein, Iz«, meckerte Bobbie.
   Wieder schluckte Isabelle … und verschluckte sich. Sie zuckte zusammen und begann laut zu husten. Sofort fuhr der Junge hoch und musterte sie misstrauisch, als hätte Izzy gerade eine Waffe gezückt, statt sich lediglich verschluckt zu haben.
   Isabelle riss sich zusammen und legte Geld auf den Tisch. »Lass uns gehen«, sagte sie mit rauer Stimme.
   »Holla.« Bobbie grinste und machte Anstalten, zu dem Typen hinüberzugehen. »Ich steh auf Badboys.«
   »Halt die Klappe, Bobbie.« Andy zog ihre Freundinnen auf den Parkplatz, bevor die Situation noch unangenehmer werden konnte.

*

»O mein Gott.«
   »Könntest bitte aufhören, das dauernd zu sagen?« Isabelle seufzte. »Diese drei Worte aus deinem Mund haben mir den ganzen Film versaut.«
   »Sag nicht, ansonsten hättest du Die Liebe meines Lebens genossen«, sagte Andy genervt. »Die schlimmsten hundertzwanzig Minuten meines Lebens. Und für so was gebe ich mein Geld aus.«
   »O mein Gott.«
   »Bobbie«, rief Isabelle gereizt und nahm ihr den Autoschlüssel ab. »In diesem Zustand sollte niemand fahren.«
   »Das sagt die Richtige, Psycho.«
   Einen Moment lang, starrte Isabelle sie schockiert an und auch Bobbies Augen weiteten sich überrascht von ihren eigenen Worten, aber dann brachen sie in Gelächter aus und Andy stimmte schnell ein.
   Das tut gut, dachte Isabelle. Zwar waren die Schmerzen noch da und mittlerweile hatte sie auch so ein nerviges Kratzen im Hals, aber ihre Freunde schafften es, sie davon abzulenken und dafür war sie ihnen sehr dankbar.
   Als sie sich wieder einkriegten, sprang Andy vor. »Ich sitz vorn«, rief sie. »Äh … wo fahren wir eigentlich hin?«, fragte sie dann.
   Bobbie streckte ihren Rücken wie eine Katze und kroch auf die Rückbank von Isabelles rostgrünen Chevy, der locker älter war als sie selbst. Der Wagen war hässlich und laut, aber sie liebte ihn und ihr Vater hatte ihn so weitgehend getunt, dass sie so schnell damit fahren konnte, wie sie wollte.
   Isabelle setzte sich hinter das Lenkrad. »Ja«, sagte sie nun. »Wohin? Soll ich euch nach Hause bringen?«
   »Neeeeein«, rief Bobbie wie ein trotziges Kind. »Nicht bevor du uns endlich mal über den Typen aus dem Diner aufgeklärt hast.«
   Isabelle seufzte und parkte aus. Wieso musste Bobbie nur immer so hartnäckig sein? »Ich sagte doch bereits, dass ich ihn nicht kenne.«
   »Du hast ihn eindeutig gekannt.«
   »Ich habe ihn ein paarmal gesehen«, gestand sie. »Ich weiß aber nicht, wie er heißt. Er wohnt wohl bei uns in der Nähe. Keine Ahnung – ist mir auch egal. Können wir das Thema lassen?«
   Bobbie und Andy tauschten einen dieser Blicke, die Isabelle schon den ganzen Tag nervten. Ich brauche euer Mitleid nicht!, hätte sie am liebsten geschrien. Stattdessen schwieg sie und schaute auf die Straße, als hätte sie diesen Blick nicht bemerkt.
   »Komm schon, Iz«, drängte Bobbie. »Wo hast du ihn gesehen?«
   Isabelle seufzte. Eigentlich wusste sie nicht, wieso sie ihren Freunden bisher nichts erzählt hatte. Vielleicht weil ihr das alles so merkwürdig vorkam und sie nicht wollte, dass ihre Freunde sie für verrückt hielten. Zu spät, sagte eine leise Stimme in ihrem Kopf. Was soll’s?, dachte sie daraufhin. »Bei der Beerdigung«, sagte sie resigniert. »Irgendwie war es nett, dass er aufgetaucht war, nachdem meine Verwandtschaft meine Nerven bis aufs Äußerste strapaziert hatte.«
   Andy und Bobbie starrten sie fassungslos an. »Er war auf der Beerdigung?«
   »Ja. Er hat mir nicht seinen Namen gesagt, aber er kannte meinen. Obwohl seine Worte nicht wirklich tröstend waren, war ich froh, dass er da war.« Sie zuckte die Achseln und bog auf den Highway ab.
   Bobbie kicherte. »Da wär ich auch froh gewesen.«
   »Was hat er denn gesagt?«, fragte Andy.
   Isabelle überlegte. Was hatte er gesagt? Nicht besonders viel. Dass der Schmerz nie enden würde. Der Schmerz. Diesen Schmerz, den Isabelle nun empfand, konnte er nicht gemeint haben, aber trotzdem kam es ihr nun so passend vor. Mit dem emotionalen Schmerz würde Izzy wahrscheinlich irgendwann umgehen können, doch an diesen schrecklichen, körperlichen Schmerz würde sie sich nie gewöhnen. Sie hoffte nicht, dass dieser Schmerz unendlich sein würde. »Ich weiß es nicht mehr. Echt nicht.«
   Es war schon früh dunkel geworden und mittlerweile war es fast stockduster. Im Auto war es eisigkalt, weil ihre Heizung kaputt war. Alle drei zitterten wie Espenlaub. Isabelle verstärkte den Griff ums Lenkrad.
   Sie erinnerte sich daran, wie sich der Junge neben sie in den Schnee gesetzt und seelenruhig auf das Grab geschaut hatte. Er war ihr verloren vorgekommen. Einsam. Und doch willensstark.
   Isabelle musste blinzeln, als es plötzlich hell wurde. Hinter ihr tauchte ein Licht auf. Scheinwerfer. Sie wurde geblendet, doch sie war sich fast sicher, das Auto zu erkennen. Sie war sich so sicher, dass es dieser Ford Mustang war, der sie schon den ganzen Tag verfolgte. Ihr Herz schlug schneller. Instinktiv beschleunigte sie.
   Die Scheinwerfer leuchteten auf. Isabelle dachte an das Mädchen, das von den Scheinwerfern des Zugs angestrahlt wurde. Sie wäre fast gestorben, hätte sich beinahe umgebracht. Es hätte sich das Wertvollste genommen, das einem Menschen geschenkt werden konnte.
   Isabelle drückte das Gas durch. Sie hörte das Klopfen ihres Herzens in ihren Ohren, was die angsterfüllten Schreie ihrer Freundinnen untergehen ließ. Sie wurde verfolgt. Fliehen. Ich muss fliehen. Das Licht wurde schwächer. Diese Schmerzen. Sie waren unerträglich. Isabelle vergaß, vor was sie davonzulaufen versuchte. Einem Auto? Nein. Das war schon weg. Das Licht war weg. Wovor floh sie? Sie floh vor den Schmerzen, aber sie entkam ihnen nicht. Die Schmerzen, die ihre Motorik hemmte und ihr Gehirn beeinflusste.
   Ihr Atem ging flach. Ihre Gedanken löschten sich selbst aus. Der Schmerz war weg. Einfach weg. Isabelle schnappte nach Luft und bremste ab. Stopp! Nein, das waren nicht ihre Gedanken. Andy. Sie schrie.
   »Stopp! Isabelle!«
   Bobbie weinte. Sie hatte Angst. Angst. Das Herzklopfen setzte wieder ein. Schlimmer nun. Angst verspürte sie nicht. Wut. Nichts als Wut. Keinerlei Gedanken in ihrem Kopf. Was war nur los mit ihr? Sie konnte nicht denken. Denken!
   Isabelle presste ihre Fäuste gegen ihren Kopf. »Ah!« Sie schrie so laut und so lange sie konnte. Als sie heiser war, kehrten ihre Gedanken langsam zurück. Das Herzklopfen ließ nach und Isabelle atmete tief durch. Ihre Hände umklammerten noch immer das Lenkrad. Das Adrenalin würde noch eine Weile anhalten. Sie versuchte, es zu ignorieren.
   Bobbie schluchzte und presste sich in den Sitz.
   »Verdammt«, fluchte Andy. »Izzy, was war das denn?«
   »Ich … Da war dieses Auto … Ich dachte …« Sie legte ihr Gesicht in die Hände. »O mein Gott, es tut mir so leid.«

3

Das Restadrenalin schoss wie Schwarzpulver durch ihre Adern. Ihre Hand zitterte, als sie versuchte, den Schlüssel ins Schloss zu stecken. Der Schmerz hatte nachgelassen, aber sie wusste, dass er noch schlimmer zurückkommen würde, sobald das Adrenalin aus ihrem Körper war. So war es immer. Wenn sie sich gedankenlos in Gefahr brachte, sich den Arm verstauchte oder man ihre Lippe blutig geschlagen hatte, hatte sie immer erst am nächsten Morgen die Schmerzen gespürt. Das war für den Moment vielleicht vorteilhaft, aber schließlich doch schmerzhaft.
   Ihr war so kalt. Als die Tür endlich aufschwang, kam ihr eine wohlige Wärme entgegen. Sie atmete tief durch. Da Isabelle das Haus am Morgen geputzt hatte, roch es ausnahmsweise mal nicht nach Alkohol und Dreck. Sie seufzte erleichtert, als es still blieb. Nick schlief bestimmt schon.
   Nachdem Isabelle fast wegen ihrer dummen Paranoia einen Unfall gebaut hatte, war Andy gefahren. Bobbie hatte die ganze Zeit über geschwiegen, während sich Izzy pausenlos entschuldigte. Was war nur in sie gefahren? Oft genug hatte sie sich scheinbar grundlos in gefährliche Situationen gebracht, doch eigentlich war Isabelle immer eine gute Autofahrerin gewesen. Sie hatte noch nie einen Unfall gebaut.
   Sie schüttelte den Kopf. Reiß dich zusammen! Sie redete sich ein, dass es am Tod ihrer Eltern lag. Posttraumatische Belastungsstörung. Isabelle hatte ihren Tod noch nicht verarbeitet. Deshalb war sie unaufmerksam. So musste es sein.
   Sie wickelte ihren Schal vom Hals und musste husten, als der weiche Stoff ihre Haut freiließ. Angewidert hustete sie in ihre Armbeuge. Plötzlich musste sie würgen. Rasch hielt sie sich den Mund zu. O Gott. Sie schluckte die bittere Galle hinunter und räusperte sich noch einmal. Eklig!
   Isabelle raffte ihre Tasche und wollte gerade die Treppe hoch, als sie den kleinen Lichtkegel sah, der unter der Wohnzimmertür hindurchschien. Sie hielt auf dem Treppenfuß inne und ging leise auf die Tür zu. Vorsichtig klopfte sie. »Onkel Nick?«
   Ein Brummen wie von einem verärgerten Bär war die Antwort.
   Isabelle lehnte sich gegen die Tür und spähte hinein. »Oh, Mann. Echt jetzt?« Verzweifelt sank sie gegen den Türrahmen. Nick hatte es geschafft, wieder das ganze Wohnzimmer zu verunstalten. Bier- und Schnapsflaschen lagen herum, Zeitungen und Essensreste. Nick saß in einem der großen Ohrensessel und auf seinem Schoß machte es sich eine fette Perserkatze gemütlich, die noch finsterer dreinschaute als er.
   »Was hast du getan?«, fragte Isabelle, besorgt um die Katze.
   »Ich habe dir eine Katze gekauft«, sagte Nick und schaute zu seiner Nichte auf. »Ich dachte, du hättest vielleicht gern eine Katze.«
   Isabelle lachte leise in sich hinein und setzte sich neben den Sessel auf den Teppich. Sanft streichelte sie die Katze, die daraufhin genüsslich schnurrte. »Wie hast du sie genannt?«
   Nick sah Isabelle an, als wäre sie diejenige, die den Verstand verloren hatte. »Wie ich sie genannt habe?«, fragte er.
   Izzy nickte.
   »Katze«, sagte er, als wäre das die einzig logische Erklärung.
   »Einleuchtend.« Isabelle seufzte und nahm das arme Tier auf ihren Schoß. »Danke, dass du mir eine Katze gekauft hast.«
   Er nippte an seinem Whiskey, ausnahmsweise mal aus einem Glas. Sogar mit Eis. »Keine Ursache«, sagte er und grinste Izzy dann an. »Du darfst sie umbenennen, wenn du willst.«
   Sie schüttelte den Kopf. »Katze ist okay.«
   »Alles in Ordnung bei dir, Iz?«
   Isabelle schüttelte wieder den Kopf, weil sie nicht glaubte, dass ihr Onkel sich morgen noch daran erinnern würde. »Nicht wirklich.«
   »Hab ich auch nicht erwartet«, sagte Nick, leerte sein Glas samt Eiswürfel und donnerte es an die Wand über den Kamin. Es zersprang in tausend kleine Scherben.
   Isabelle beugte sich schnell über die Katze, um sie vor den Splittern zu schützen. Katze zuckte zusammen und grub sich tiefer in Isabelles Schoß.
   »Ich nehme an, dir geht’s nicht besser«, stellte Isabelle fest.
   Nick lachte bitter. Es ist ihm egal, wie du dich fühlst, dachte Izzy. Und es war ihm auch egal, wie er sich fühlte. Er ertränkte seine Sorgen in Alkohol und alles andere ging ihm am Arsch vorbei. Vielleicht konnte er ab und zu für ein paar Sekunden so tun, als würde er weiter vorausdenken als zwei Sekunden, doch der Schein trog.
   Sollte Isabelle recht sein. Mit der Katze auf dem Arm richtete sie sich auf und ließ ihren Onkel allein vor sich hinvegetieren.

Noch bevor sie am nächsten Morgen richtig wach war, wusste Isabelle, dass der Schmerz wieder da war. Diesmal stärker. Sie schwitzte und zitterte. Bilder aus einem schon vergessenen Traum blitzen hinter ihren Augenlidern auf. Sie rang nach Luft. Hustete, keuchte. Ihr Kopf pochte, ihr wurde übel. Alles drehte sich vor Izzys Augen. Sie wollte aus ihrem Bett, doch die Bettdecke schlang sich um ihre Füße. Mit einem dumpfen Krachen schlug Isabelle auf den Boden auf. Es raubte ihr den Atem. Sie versuchte, nach Luft zu schnappen, doch musste husten. Mühsam kroch sie in Richtung Badezimmer. Gerade rechtzeitig erreichte sie die Toilette, bevor sie sich übergab. Es fühlte sich tatsächlich an, als würde sie sich die Seele aus dem Leib würgen. So ging das bestimmt eine halbe Stunde. Es war unerträglich. Isabelle hing über der Toilettenschüssel und fragte sich, wie zur Hölle sie sich erbrechen konnte, wenn sie seit Tagen nichts gegessen hatte.
   Ihre Sicht wurde klar genug, dass sie erkennen konnte, dass es sich weder um ihren Mageninhalt noch um Galle handelte. Rasch wischte sie sich über die Lippen. Ihr Handrücken war rot. Sie hatte nicht nur Blut gespuckt. Sie hatte es in Schwallen erbrochen.
   Isabelle kroch auf den Kachelfliesen bis zur Wand und kauerte sich dort wimmernd zusammen. Ihre Kehle brannte, ihr Magen verkrampfte sich und ihr Kopf drohte zu explodieren. Sie weinte sogar. Zum ersten Mal seit Jahren weinte sie. Das Würgen hatte ihr Tränen in die Augen gejagt. Ich sterbe, war ihr einziger Gedanke. Ich sterbe, ich sterbe, ich werde sterben.
   Bei so viel Blut, wie sie gerade aus ihrem Körper geschleudert hatte, musste sie mittlerweile blutleer sein. Zitternd richtete sie sich auf. Tatsächlich war sie leichenblass, und ihr war furchtbar schwindlig.
   Isabelle versuchte, sich zusammenzureißen. »Ganz ruhig«, flüsterte sie sich zu. »Verlier nicht die Kontrolle. Das ist nur eine Grippe.« Ihre Worte klangen unglaubwürdig, aber das war immer noch besser, als anzunehmen, sie würde sterben.
   Sie spülte ihren Mund aus und entfernte das Badezimmer vom Blut, ehe sie es wagte, ihr Zimmer zu verlassen.

Die Strähne, die vor ihrem Auge hing, wirkte ausgebleicht und schlaff. Als hätte ihr Blutverlust sogar ihre Haare betroffen. Isabelle pustete sie aus ihrem Gesicht und durchwühlte das Medikamentenschränkchen nach Schmerztabletten. Ihre zitternden Hände ließen jedoch alles auf den Boden fallen.
   Sie seufzte. Konnte Nick seine Medikamente nicht wie jeder normale Mensch im Badezimmer aufbewahren? Nein, sie mussten in der Küche stehen. Sie kniete sich auf die Kacheln und sammelte die Döschen wieder ein. Bei einem stockte sie. Das Zeichen für giftig, was sich jeder Schüler schon in der ersten Chemiestunde einprägen musste, prangte hinten auf dem Etikett. Ein giftiges Medikament? Das wär ja mal was Neues. Isabelle las das vordere Etikett. A3-Stathmin. Das hatte sie noch nie gehört. Es war nichts Neues für sie, dass ihr Onkel seinen Körper und seine Gesundheit zerstörte, aber Gift? Ging das nicht etwas zu weit? Wieso hasste er sich nur so?
   »Was machst du da?«
   Isabelle zuckte zusammen. Instinktiv steckte sie das giftige Medikament in ihren Ärmel und hielt diesen mit den Fingern zu, damit die Dose nicht wieder herausrutschte. Sie sammelte die restlichen Tabletten ein und räumte sie zurück in den Schrank. Da! Paracetamol. Vorsichtshalber suchte sie es nach Symbolen ab, dann drehte sie sich zur Tür und präsentierte die Verpackung. »Ich habe Schmerztabletten gesucht«, beantwortete sie Sebastians Frage. »Und? Willst du wieder nerven?«
   »Schmerztabletten?«, hakte Sebastian nach. »Wofür?«
   »Na, was glaubst du denn? Ich steck mir die Dinger gern in«, sie unterbrach sich und lächelte zuckersüß, »die Nase.«
   Sebastian verdrehte die Augen. »Was für Schmerzen hast du?«
   »Kopfschmerzen«, sagte Isabelle, was nur die halbe Wahrheit war. Sie fischte eine Tablette aus der Packung und schluckte sie ohne Wasser. Als Sebastian gerade nicht hinsah, nahm sie schnell noch eine zweite. Dann legte sie die Packung zurück. »Von deiner Anwesenheit.«
   »Sehr lustig.«
   »Willst du was Bestimmtes, Lieblingscousin?« Isabelle setzte sich auf die Arbeitsfläche neben der Spüle und linste auf die Küchenuhr. »So früh am Morgen.«
   »Ich wollte nach dir sehen, Lieblingscousine.«
   »Ja, ist klar.«
   »Du siehst mies aus, Isabelle«, sagte er und musterte sie von oben bis unten.
   »Du auch«, erwiderte sie nachdenklich. »Muss in der Familie liegen.«
   »Ich meinte, du siehst krank aus.« Er stöhnte genervt. »Wie fühlst du dich?«
   Sie wurde misstrauisch. Seit wann kümmerte es ihn, wie es ihr ging? Er blickte sie an und wartete ernsthaft auf eine Antwort. »Gut«, sagte sie leise und ging an ihm vorbei in den Flur. »Abgesehen von den Kopfschmerzen geht es mir gut.«
   »Du bist blass«, stellte Sebastian fest. Es schien, als wollte er nur hören, wie dreckig es ihr wirklich ging.
   »Gib nicht mir die Schuld dafür«, konterte sie. »Das liegt an West Virginia.« Sie ging den Flur hinab, an der Treppe vorbei, bis zum Wohnzimmer.
   »Du kannst da nicht rein«, sagte Sebastian.
   Isabelle sank ungeduldig gegen die Tür. »Und wieso nicht, Nervensäge?«
   Leise drangen Stimmen durch die dicke Holztür. Sie erkannte sie und konnte sie Nick und Will zu ordnen. Isabelle verstand nur einzelne Wortbrocken, die nicht gerade leicht zu verbinden waren. … Lockwood …, sie finden …, wird verrückt …, ihr Tod …
   Das klang nicht besonders gut. Sebastian übertönte die Stimme seines Vaters. »Dad redet gerade mit Onkel Nick und hat mich gebeten, sie nicht zu stören.«
   »Ja? Und ich bitte dich, mich nicht zu stören. Lass mich einfach in Ruhe, Sebastian. Lass uns einfach in Ruhe.«
   Sebastians Augen verengten sich zu Schlitzen. Er wirkte selbstsicherer denn je. Als wäre er besser als jeder andere auf diesem Planeten. »Du hast unsere Hilfe nötiger, als du glaubst.«
   Sie schnaubte verächtlich. Hinter ihr ging die Tür auf, Izzy fiel nach hinten und stieß gegen ihren Onkel. Sie hörte die fette Perserkatze fauchen und sprang wieder nach vorn. Rasch drehte sie sich um. Nick grinste und reichte ihr das Tier.
   »Sorry, Katze«, sagte sie und nahm sie entgegen.
   »Du hast ’ne Katze?«, fragte Sebastian. »Die Arme.«
   Isabelle ignorierte seine Bemerkung und streichelte das flauschige Fell. »Worüber habt ihr geredet?«
   »Über die Zukunft«, sagte Will indirekt. »Und über Weihnachten. Wir werden es hier verbringen«, sagte er, als wäre das etwas Gutes.

*

»Schon Pläne für Weihnachten?«
   Luke ließ sich auf das Sofa fallen und breitete sich aus, wobei Karisma fast auf den Boden fiel. Kurz kämpfte sie gegen ihren Bruder an, dann gab sie sich damit zufrieden, dass Lukes Füße auf ihrem Schoß lagen.
   »Ich will kein Weihnachten feiern«, sagte Luke und sah aus dem Fenster, das fast schon weiß vom Schnee war. Trotzdem konnte man noch die schmalen Baumstämme im Wald sehen.
   Karisma seufzte und schubste seine Füße von sich. »Komm schon, Luke, sie hätten es so gew…«
   »Nein«, unterbrach Luke sie spitz. »Nein, Karisma. Keiner von ihnen hätte in so einer Situation feiern wollen.«
   »Doch«, sagte sie. »Cole. Cole hätte mit mir gefeiert.«
   »Karisma, es reicht!«
   Sie sprang auf und starrte ihren Bruder so finster an, wie sie konnte. »Nein! Du hast dich verändert, Luke, und das verstehe ich.« Tränen traten in ihre Augen und sie versuchte, sie wegzublinzeln. »Wir haben viel durchgemacht, wir alle. Wir alle, Luke. Trotzdem bist du der Einzige, der in Selbstmitleid versinkt.«
   Luke ragte vor ihr auf und kam ihr bedrohlich nah. »Ich bemitleide mich nicht selbst. Ich schäme mich. Wir haben sie zurückgelassen, Karisma. Unsere Brüder und meine Freundin. Und dafür schäme ich mich. Wir sitzen hier und unternehmen nichts, während Fearless sonst was mit ihnen anstellt.«
   Bevor Karisma etwas sagen konnte, schubste ihr Bruder sie zur Seite und stürmte aus dem Haus. Am liebsten hätte sie frustriert aufgeschrien. Das war nicht Luke. Das war nicht mehr ihr Bruder. Sie brauchte Mac. Mac war die Einzige, die Luke beruhigen konnte, die ihn aufbauen konnte, wenn er am Boden war. Und Karisma brauchte West. Lukes Zwilling. Ohne ihn war Luke nicht komplett. Kein Wunder, dass er sich so benahm. Außerdem brauchte Karisma Cole. Einfach für sich, weil Cole sie immer zum Lachen brachte und nicht nur ihr Bruder, sondern auch ihr bester Freund war. Es hatte sie so viel Mühe gekostet, Luke immer wieder davon abzuhalten, gedankenlos in das Gebäude zu stürmen und die anderen zu befreien. Und nun war sie selbst kurz davor. Seufzend ließ sie sich auf das Sofa fallen. Sie hoffte bloß, Luke würde nichts Blödes anstellen.

*

Ein Hustenanfall schüttelte Isabelle. Sie krümmte sich und hustete in ihren Schal. Dass sie rote Flecken hinterließ, beruhigte sie nicht wirklich. Nachdem sich Will und Sebastian entschieden hatten zu bleiben, war es an Isabelle, das Haus zu verlassen. Hektisch schlüpfte sie in ihre schwarzen Schnürstiefel. Den dunkelblauen Mantel ließ sie einfach offen. Wie automatisch schnappte sie sich noch den Haustürschlüssel aus der Schale und steckte ihn ein, bevor sie noch immer hustend durch die Tür stürmte.
   Sie musste hier raus. Länger ertrug sie Will nicht. Er tat immer so freundlich und hilfsbereit, aber in Wahrheit handelte er durch und durch egoistisch. Und so wie er Nick behandelte, fand Isabelle es auch nicht gut. Sie mochte ihn ja selbst nicht besonders, aber trotzdem wusste sie, dass er sich nicht grundlos betrank. Tag für Tag.
   Der Schmerz wurde immer schlimmer. Isabelle hatte keine Ahnung, was sie noch tun sollte. Die Schmerztabletten hatten nicht einmal annähernd geholfen.
   Isabelle stieg in ihr Auto und lehnte sich mit zusammengekniffenen Augen zurück. Sie ließ ihr Bein auf und ab wippen, um sich abzulenken. Das hatte sie im Diner auch gemacht, nur dass sie da mit dem Fingernagel auf den Tisch geklopft hatte. Das half tatsächlich ein wenig. Sie versuchte, tief durchzuatmen, doch es gelang ihr nicht. Fast keuchend holte sie Luft.
   Vielleicht sollte sie das nächste Krankenhaus aufsuchen und sich untersuchen lassen, denn irgendwas stimmte definitiv nicht mit ihr. Sie spielte sogar mit dem Gedanken, ihren Onkel um Hilfe zu bitten. Sie war sich sicher, dass Will ihr helfen würde. Die Schmerzen brachten sie zur Verzweiflung.
   Isabelle musste etwas unternehmen. Plötzlich erinnerte sie sich an den Autounfall, den sie beinahe gebaut hätte. Das Adrenalin hatte ihre Schmerzen überdeckt.
   Wie vom Teufel geritten, klammerte sie sich an das Lenkrad und drehte den Schlüssel im Zündschloss. Sie zerquetschte den Saum ihres Ärmels in der Hand, wobei sich das Döschen mit den giftigen Tabletten in ihren Unterarm grub. Isabelle hatte wirklich noch nie über Selbstmord nachgedacht. Nick scheinbar schon, immerhin hatte er seinen Notfallplan im Küchenschrank gehabt.
   Isabelle beschleunigte und steuerte auf den Wald zu. Sie bretterte über die Zugschienen und lenkte mit schwindelerregendem Tempo zwischen den Bäumen durch. Irgendwann erhöhte sich ihr Puls. Endlich. Sie drückte das Gas durch. Das Adrenalin strömte durch ihre Adern, und ihre Gedanken schalteten sich ab. Das war gut so, denn ihre Situation war lebensmüde. Isabelle war nicht einmal angeschnallt.
   Beinahe hätte sie laut aufgelacht. Das war bizarr, aber der Schmerz war endlich weg und …

4

Ihr war heiß. Rauch stieg in ihre Nase. Feuer! Feuer, wie in der Nacht, in der ihre Eltern starben. Träumte sie? Isabelle hatte keine Schmerzen. Sie war wie betäubt, solange das Adrenalin durch ihre Adern strömte, blitzschnell wie Elektronen durch eine Stromleitung.
   Isabelle konnte sich nicht bewegen. Sie spürte, wie etwas Dickflüssiges ihren Kopf hinunterlief. Sie musste nicht lange darüber nachdenken, was es war. Allerdings konnte sie sich nicht daran erinnern, was passiert war. Sie konnte ihre Augen nicht öffnen. Was war nur mit ihr? Ihre Gliedmaßen waren schwer. Sie musste sich anstrengen, um sich überhaupt bewegen zu können. Es fühlte sich an, als wären Stunden vergangen, bis sie den kalten Schnee unter sich spürte. Seine Kühle tat so gut auf ihrer glühenden Haut. Isabelle schaffte es, sich aufzurappeln. Sie taumelte so lange verwirrt durch die Gegend, bis sie gegen einen Baumstamm stieß, an dem sie sich festklammern konnte. Alles schmerzte. Isabelle war sich nicht sicher, ob ihre Augen wirklich offen waren. Sie sah Dinge, die sie eigentlich nicht sehen konnte. Nicht sehen durfte. Isabelle sah ihre Eltern. Dad rief nach ihr. Er lief zu ihr, um sie zu beschützen. So, wie er es immer getan hatte. Doch er erreichte sie nicht. Er lief und lief, aber er kam nie an.
   Im Gegensatz zu Mom. Sie stand vor Isabelle und sah ihr zu, wie sie blutend in den Schnee sank. Sie hatte eine ihrer dicken Strickjacken an und ihre Arme vor der Brust gekreuzt. Hilflos, war das erste Wort, das Isabelle spontan dazu einfiel, doch es traf nicht ganz zu. Tatenlos passte besser. Mom sah tatenlos zu, wie Isabelle starb.
   Dann verschwanden die beiden. Lösten sich einfach in Luft auf. Isabelle kauerte im Schnee, der unter ihrer Körperwärme langsam schmolz. Sie sah sich um, obwohl jede Bewegung höllisch wehtat. Ihre Eltern sollten wiederkommen. Isabelle war doch praktisch noch ein Kind. Sie brauchte ihre Eltern.
   Mehrere Meter entfernt tauchte ein dunkler Schemen im Nebel auf. Isabelle wurde von Hoffnung erwärmt. Ihr Vater. Er würde zurückkommen. Der Schemen wurde schneller. Die Statur wurde deutlicher. Er war jünger als Dad. Schneller, schmaler. Auch er rannte auf Isabelle zu. Sie kannte ihn. Ganz sicher. Doch sie war viel zu verwirrt, um ihn zuordnen zu können.
   Sie sah das völlig zerstörte Auto und zitterte, obwohl ihr warm war. Sie hörte gedämpfte Rufe, die von dem permanenten Dröhnen in ihren Ohren übertönt wurden. Sie sah den rot gefärbten Schnee, als zwei kräftige Arme sie aus den Trümmern zogen.
   »Dad«, wisperte sie automatisch, völlig benebelt. Dann wurde sie ohnmächtig.

Ihr war so kalt. Sie spürte die sanften Auf-und-ab-Bewegungen des Gehens. Aber sie ging nicht. Sie wusste, dass sie nicht in der Lage war zu gehen. Sie wurde getragen. Von Nick? Will oder Sebastian? Isabelle kuschelte sich an den weichen Stoff unter ihrer Wange. Wie aus weiter Entfernung hörte sie sich leise wimmern. Warum, wusste sie nicht. Sie hatte noch immer keine Schmerzen.
   »Schon okay«, hörte sie eine vertraute Stimme murmeln, aber sie konnte diese Stimme nicht einordnen. »Du packst das, hörst du?«
   Sie wollte die Augen öffnen, um zu sehen, wer sie hielt, aber sie war zu schwach.
   Der Besitzer der Arme brachte Isabelle in eine warme Umgebung. Es wurde hell und Isabelle zuckte zusammen. Die Arme trugen sie weiter, bis man sie irgendwo ablegte. Sie lag nun auf etwas Weichem. Eine Matratze oder ein Sofa.
   Langsam verspürte Isabelle die Schmerzen, die sie schon seit Tagen hatte und die vom Unfall.
   »Sie wacht nicht auf«, hörte sie eine männliche Stimme sagen, die ihr immer noch bekannt vorkam.
   »Was hast du dir dabei gedacht?«, fauchte ein Mädchen.
   »Hätte ich sie sterben lassen sollen?«
   »Du weißt noch immer nicht, auf welcher Seite sie steht.«
   Der Junge seufzte genervt. »Wir müssen einen Krankenwagen rufen. Sie ist in Ordnung, wirklich.«
   »Und das weißt du, weil du dich einmal mit ihr unterhalten hast?«
   »Wir müssen einen Krankenwagen rufen, Karisma!«
   »Dann riskieren wir, unseren Aufenthaltsort preiszugeben. Wir bringen sie ins Krankenhaus.«
   »Dafür bleibt keine Zeit.«
   »Wir haben keine Wahl. Trag sie raus, ich fahr den Wagen vor.«

»Karisma, kannst du nicht schneller fahren?«
   Isabelle lag mit dem Kopf auf den Schoß von wem auch immer. Unter ihr schien ein Autositz zu sein.
   »Damit wir auch einen Unfall bauen?«, konterte das Mädchen patzig.
   Jemand strich Isabelle eine blutige Strähne aus dem Gesicht. Das Zeitgefühl war weg. Irgendwann parkte das Auto. Isabelle wurde wieder ins Warme getragen, und jemand rief nach Hilfe, rief nach einem Arzt. Dann ging alles ganz schnell. Das glaubte Isabelle jedenfalls. Sie wurde auf einer Trage weggeschoben. Isabelle hörte Piepen, Zischen und irgendwelche Geräte. Sie bekam eine Spritze. Nun, sie hoffte, dass es eine Spritze war.
   Und wieder war sie weg.

Sie musste blinzeln, damit sich ihre Augen an das Licht gewöhnten. Es flackerte. Isabelle hasste flackernde Lichter. Sie starrte an eine kahle weiße Decke. Das Bett, in dem sie lag, war nicht ihr eigenes. Die Matratze war hart und das Kissen zu dünn.
   »Hey, sie wird wach«, sagte eine freundliche, helle Stimme. Bobbie. Unverkennbar.
   Jemand setzte sich auf den Rand des Bettes neben Izzy, was die Matratze weiter hinunterdrückte. »Na, Cousinchen. Hast du dich selbst ausgeknockt?«
   Sie jammerte wie ein Kind und presste die Augen wieder zusammen. »Ich bin mir ziemlich sicher, dass es Unglück bringt, wenn du beim Aufwachen das Erste bist, was ich sehe.«
   Sebastian lachte schadenfroh. »Du hörst dich schrecklich an«, sagte er und stand auf.
   Jemand anderes setzte sich nun auf ihr Bett und Isabelle wagte es, die Augen zu öffnen. »Andy«, krächzte sie und versuchte zu lächeln. »Was ist passiert?«
   Sie lächelte zurück, was eher traurig wirkte. »Du hattest einen Autounfall«, sagte Andy vorsichtig. »Dein Auto ist hinüber, tut mir leid. Aber du bist ziemlich schnell wieder fit, okay?«
   »Der Arzt sagte, dass du wegen deiner psychischen Störung vorübergehend halluziniert hast«, erklärte Sebastian, wobei er klang, als machte er sich über sie lustig. Typisch. »Deshalb warst du abgelenkt.«
    »Ich habe keine psychische Störung«, widersprach Isabelle kleinlaut. Mittlerweile fiel es ihr schwer, eine Psychose zu bestreiten. Die Halluzinationen konnte sie auf jeden Fall nicht leugnen. Ihre Eltern, dann dieser junge Mann und die streitenden Stimmen. Was davon war real?
   »Einsicht ist der erste Weg zur Besserung, Cousinchen.«
   »Wie bin ich hergekommen?«, fragte Isabelle, als sie sich an das Gefühl der Arme erinnern konnte, die sie gehalten hatte. Die sanften Hände, die ihr liebevoll übers Gesicht strichen. Hatte sie sich das wirklich eingebildet?
   Isabelle erinnerte sich an einen Namen. Karina? Karissa? Ka… Sie wusste es nicht mehr.
   »Nachdem du gegen einen Baum gefahren bist«, sagte Sebastian und warf Isabelle einen Blick zu, der ihr sagen sollte, wie blöd sie doch war, dass sie einen Baum übersah, »hat ein vorbeifahrendes Auto angehalten und dich ins Krankenhaus gebracht.«
   Ein vorbeifahrendes Auto? Sie war im Wald. Dort fuhren keine Autos. Selbst sie hätte da nicht fahren sollen. »Auf dem Highway?«, fragte Isabelle also.
   »Natürlich nicht auf dem Highway«, fauchte Sebastian. »Stehen auf dem Highway etwa Bäume oder was? In Lost River, in Richtung Friedhof.«
   Isabelle war irritiert. Vom Friedhof war sie weit entfernt gewesen. Wer auch immer sie hergebracht hatte, hatte gelogen. Nur weshalb?
   Sie versuchte, sich aufzusetzen, und ein heißer Schmerz schoss ihr in den Kopf. Glücklicherweise war es nicht die Art von Schmerz, der sie in die Verzweiflung und gegen den Baum gebracht hat. Der war weg … Komisch, dabei schlug ihr Herz ganz ruhig. Am Adrenalin konnte es also nicht liegen. »Kann ich nach Hause?«, fragte Izzy.
   »Wie geht’s dir denn?«, fragte Bobbie.
   »Gut.«
   Alle drei warfen ihr denselben Blick zu. Willst du mich eigentlich verarschen?
   »Ernsthaft«, beteuerte sie. »Mir geht es gut. Können wir gehen?«
   Andy stand auf und lächelte wieder dieses besorgte Lächeln. »Ich hol mal einen Arzt, der kann das wohl besser beurteilen.«
   Sebastian saß auf dem Stuhl neben dem Bett und betrachtete Bobbie, die wiederum Isabelle betrachtete. Für ein Medium war sie ganz schön blind, was Sebastians Interesse anging.
   Auch Bobbie lächelte besorgt. »Wenn du gehen darfst, wollen wir dann noch was essen gehen?«, fragte sie freundlicher, als Isabelle es gewohnt war. »Du hast bestimmt Hunger. Immerhin warst du drei Tage bewusstlos.«
   »Drei Tage? Dann ist in zwei Tagen Weihnachten?«, fragte Isabelle überrascht. »Was ist passiert, während ich weg war?«, fragte sie an Sebastian gerichtet.
   »Nicht besonders viel«, antwortete er. »Onkel Nick hat wahrscheinlich nicht einmal mitbekommen, dass du nicht da warst. Keine Sorge, ich hab mich um deine Katze gekümmert.«
   »Du hast ’ne Katze?«, fragte Bobbie und zog eine Augenbraue hoch. »Wie heißt sie?«
   »Katze«, antwortete Isabelle, während Sebastian »Patient Null« sagte. Sie funkelte ihn böse an. »Katze hat keine ansteckenden Krankheiten, Arschloch.«
   Andy kam mit einem Klemmbrett zurück und blätterte durch die Zettel. In der freien Hand hielt sie eine Packung Schmerzmittel. »Wenn du die Papiere unterschreibst, kannst du gehen. Nur darfst du vorübergehend kein Auto mehr fahren.«
   »Super«, sagte Isabelle und nahm das Klemmbrett entgegen.
   Ein Arzt kam herein. »Hallo, Isabelle.«
   »Hi«, sagte sie und richtete sich neugierig auf. »Wissen Sie, wer mich hergebracht hat?«
   Der Arzt lächelte freundlich, wunderte sich aber sichtlich über die Frage. »Ein junges Geschwisterpaar. Sie waren so schnell wieder weg, dass ich nicht nach ihren Namen fragen konnte. Sie haben mir nur deinen gesagt. Aber wie geht es dir? Wie fühlst du dich? Irgendwelche Schmerzen?«
   »Nein, alles gut. Woher kannten die denn meinen Namen?«
   »Das weiß ich nicht. Vielleicht kanntest du sie ja. Ein Junge und ein Mädchen, ungefähr in deinem Alter. Mit dunklen Haaren, beide ziemlich groß.«
   Bobbie quiekte. Alle schauten sie überrascht an. Sie grinste. »Das war der Junge aus dem Diner!«
   Isabelle seufzte. »Das hätte jeder zweite Junge auf unserer Schule sein können.«
   »Nein, nein. Ich hab ein Gespür für so was. Deshalb merke ich auch, ohne hinzusehen, dass Sebastian mich seit einer halben Stunde anstarrt.« Sie warf ihm einen Blick zu und zwinkerte. »Ich habe halt ein Gespür für so was.«
   Rasch senkte Sebastian den Blick, und Isabelle beobachtete zufrieden, wie er knallrot wurde.
   Der Arzt wirkte irritiert. Verständlich. »Wenn es dir gut geht, kannst du unterschreiben und die Papiere beim Empfang abgeben«, sagte er. »Aber ich möchte dir wirklich ans Herz legen, das nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Wenn du einen ärztlichen Ratschlag möchtest, würde ich dir vorschlagen, dass du einen Psychiater aufsuchst. Er könnte dir helfen, die Halluzinationen und Phantomschmerzen zu überwinden.«
   »Wie bitte?«, fragte Isabelle erschrocken. »Was denn für Phantomschmerzen?«
   Der Arzt sah zu Sebastian, der mit zusammengepressten Lippen auf den Boden starrte. »Nun, ihr Cousin teilte mir mit, dass du in den letzten Tagen starke Schmerzen hattest. Du warst in einer Art Schockzustand. Auslöser war wahrscheinlich der Tod deiner Eltern. Dein Cousin hat mich informiert. Die Schmerzen waren pure Einbildung. Du hast gelitten, weil du dachtest, du müsstest leiden. Wir haben spezielle Therapien für so was. Keine Sorge, du hast keine bleibenden Schäden.«
   Isabelle konnte den Arzt nur mit offenem Mund anstarren. Sie machte sich nicht die Mühe, Sebastian zu fragen, woher er von ihren Schmerzen wusste. Dass etwas mit ihr nicht stimmte, war schwer zu übersehen. »Dann bin ich wirklich krank?«, fragte sie. »Psychisch?«
   »Du musst dir wirklich keine Sorgen machen, Isabelle. So eine Reaktion ist normal, wenn man geliebte Menschen verliert.«
   Izzy schloss die Augen. Bisher hatte sie sich geweigert, das alles zu glauben, aber was, wenn es nun stimmte? Sie war verrückt. Wer sonst würde Rache an jemanden wollen, der vermutlich nicht einmal existierte? Sie hatte ihre Eltern gesehen, was eine Halluzination sein musste, denn ihre Eltern waren tot. Das war eine Tatsache, an der sie nichts ändern konnte. Und diese Schmerzen? Sie hatte Blut gespuckt, oder hatte sie sich auch das nur eingebildet? Sie musste verrückt sein. Warum sollte man ihr so was einreden wollen, wenn es nicht stimmte? Trotzdem fiel es ihr schwer, dass als einzigen Grund für alles zu akzeptieren. Aber genauso würde eine Verrückte sich verhalten, oder etwa nicht? Sie würde alles abstreiten. Verzweifelt ließ sie sich ins Bett sinken. »Was soll ich tun?«, fragte Isabelle und öffnete die Augen wieder. »Ihrer Meinung nach.«
   »Unser Krankenhaus hat erst vor Kurzem eine neue Psychologin eingestellt. Sie ist wirklich gut, und ich wette, dass sie dir helfen kann. Wenn du möchtest, mache ich ein Termin mit ihr aus und kontaktiere dich dann.«
   Isabelle zweifelte. Sie sah zu Andy und Bobbie, die sie nur mitleidig musterten. Ihr Blick wanderte weiter zu Sebastian.
   »Machen Sie das«, sagte er, stand auf und schrieb eine Nummer auf eine Serviette, die auf Isabelles Nachtschrank lag. »Hier, bitte. Das ist die Nummer ihres Erziehungsberechtigten. Darunter steht ein anderer Notfallkontakt.«
   Sie war verrückt. So einfach war das.

Isabelle sah sich als Spieglung im Fensterglas des Autos, da die Dämmerung schon eingesetzt hatte. Ihre Lippe war aufgeplatzt. Ihre Sweatshirtjacke war offen, und sie sah die Naht an ihrem Schlüsselbein.
   »Was ist mit meinem Auto?«, fragte sie.
   Sebastian warf ihr einen Blick zu, bevor er zurück zur Straße sah. »Das ist hinüber. Die Leute, die dich ins Krankenhaus gebracht haben, haben den Wagen abschleppen lassen. Wir werden informiert, wenn noch etwas brauchbar ist.«
   »Darin waren persönlich Dinge«, sagte Isabelle und dachte an die Tabletten.
   »Keine Sorge, die bekommst du zurück, sobald sie sie aus dem Auto bekommen haben.«
   »Woher weißt du das?«
   »Hat das Mädchen gesagt, das dich hergebracht hat.«
   »Ach ja?«, fragte Isabelle. »Du hast sie gesehen?«
   »Nein. Sie hat es dem Arzt gesagt. Sonst noch Fragen?«, sagte er genervt.
   »Nee«, antwortete sie resigniert. Wer hatte sie nur ins Krankenhaus gebracht? Sie erinnerte sich daran, dass sie erst noch woanders war. In einem Haus vielleicht. Es musste nahe der Unfallstelle sein. Wieso konnte sie sich nicht an den Namen erinnern? Karry? Christel?
   Sie hielten auf dem Parkplatz des Diners.
   »Turkey Baguette«, rief Bobbie gierig, als sie auf die Eingangstür zugingen. »Sag mal, Iz, was hältst du von einem Mädelsabend?«
   »Klingt gut«, sagte sie abwesend. Ihre Freundinnen verhätschelten Isabelle, weil sie Mitleid hatten. Eigentlich sollten sie mittlerweile wissen, wie sehr sie Mitleid hasste. »Aber ich hab erst noch was zu erledigen.«
   Bobbie grinste. »Hat das was mit dem Diner-Jungen zu tun?«
   Isabelle seufzte. »Nein.«
   Da Bobbie ihr Hunger auf ein Turkey Baguette gemacht hatte, bestellte sie ebenfalls eins, Andy nahm einen Hamburger mit Pommes und Sebastian nur einen Kaffee.
   Eineinhalb Stunden später brachten Sebastian und Isabelle ihre Freunde zu Bobbie nach Lost City. Izzy musste versprechen, in spätestens einer Stunde nachzukommen. Dann fuhren sie nach Hause.
   Da ihr blauer Lieblingsmantel scheinbar kaputt war, zog sie ihren alten roten mit den schwarzen Knöpfen an. Sie schlüpfte in ihre farblich passenden Gummistiefel und fasste ihre strähnigen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen.
   Die Gummistiefel waren zwar nicht besonders warm, aber sie hielten ihre Füße im Schnee trocken, während sie zu den Schienen stampfte. Ein Wunder, dass sie überhaupt bis zum Wald gekommen war. Der Zug sauste an ihr vorbei, und Isabelle schloss die Augen, als der Windstoß etliche Strähnen aus ihrem Zopf löste. Sie musste eine Weile warten, bis der Zug sie passiert hatte und sie in den Wald laufen konnte. Es hatte in den letzten Tagen viel geschneit, weshalb Isabelle kaum Spuren vom Unfall sehen konnte.
   Bis sie einen demolierten Baum fand. Hier war sie also gegengefahren. Isabelle strich über die abgesplitterte Rinde. Ein kleiner Metallsplitter lag umgeben von heruntergefallenen Nadeln im Schnee. Keine Zweifel, dass das der Baum war.
   Wo war das Haus? Oder die Hütte oder was auch immer. Sie schloss die Augen und versuchte, sich zu erinnern. Sie wurde von dem Wagen weggebracht. Nicht erst drum herum.
   Isabelle ging nach links in Richtung Südwest. Ihr wurde immer kälter, und der Wind legte sich um ihren Hals wie eine Schlinge. Sie zog die Schultern hoch und hielt den Kragen zusammen. Nach wenigen Sekunden hatte sich ihre Hand blau gefärbt. Ihr Lippen wahrscheinlich auch. Sie ging trotzdem weiter, denn sie musste das Haus finden, und war sich sicher, dass das die richtige Richtung war. Den Gedanken, dass das alles nur eine Halluzination war, ließ sie nicht einmal zu.
   Nach ungefähr zehn Minuten – in halber Bewusstlosigkeit war es ihr nicht so lange vorgekommen – wurden die Baumstämme schmaler und Isabelle erreichte eine Lichtung mit einem eleganten Blockhaus. Von der Seite wirkte es viel kleiner als von vorn. Es stand auf einer einen Meter hohen schwarzen Steinschicht. Lichter waren am Dachvorsprung angebracht. Die Dachpfannen waren ebenfalls schwarz, genau wie die Fensterrahmen, die Eingangstür und die Stufen dorthin. Das Haus bestand aus drei Teilen. Die Mitte, die fast komplett aus Glas errichtet war, dann die linke und die rechte Seite mit Veranda.
   Rechts war der Eingang. Zögernd lief Isabelle die Stufen hoch und klingelte. Erst war für einen Moment nichts zu hören. Dann stampfende Schritte, ein Poltern, ein »Aua!«, Beschimpfungen von einer weiblichen Stimme, die Isabelle eindeutig wiedererkannte, und schließlich wurde die Tür geöffnet.
   Obwohl es Isabelle nicht wirklich überraschte, stockte ihr der Atem, als sie den Diner-Jungen sah. Sie ärgerte sich über sich selbst, dass sie ihn so nannte, aber es war der Junge von der Beerdigung. Er lehnte im Türrahmen, sein rabenschwarzes Haar stand in alle Richtungen und im krassen Kontrast zu seiner blassen Haut. Er trug eine graue Jogginghose und ein schwarzes Sweatshirt. Keine Schuhe oder Socken.
   Seine grünblauen Augen erinnerten Isabelle an den Ozean, auch wenn sie nie dort gewesen war. Eigentlich sogar mehr noch an Meerglas. Sie hatten dieses reflektierende Schimmern, was die blaugrüne Farbe noch intensiver machte.
   Er sah sie beinahe schockiert an.
   Isabelle schluckte. Was sollte sie sagen? Hallo, ich bin die, die gegen einen Baum gefahren ist. Das musste auch besser gehen. »Äh …« Na, geht doch. Schon viel besser.
   Der Junge fing sich wieder und stieß sich vom Türrahmen ab. »Kann ich dir helfen?«
   »Ich … Ich bin Isabelle.«
   Seine Mundwinkel zuckten amüsiert. »Das weiß ich doch. Schön, dass es dir besser geht.«
   Stimmt. Dass er sie kannte, hatte er auf der Beerdigung klar gemacht. Isabelle nickte. »Hast du mich gestern ins Krankenhaus gebracht?«, fragte sie.
   Er schien überrascht. Es wirkte, als würden seine Augen dunkler werden. Vielleicht passten sie sich seiner Stimmung an. Demnach verärgerte sie ihn. »Daran erinnerst du dich?«
   »Vage«, gab sie zitternd zu. »Ich wollte … Danke.«
   Er lächelte. »Gern geschehen. Du frierst ja. Willst du reinkommen und dich ein bisschen aufwärmen?«
   Die stampfenden Schritte wurden wieder lauter. »Luke!«
   Er verdrehte die Augen. »Das ist meine Schwester«, sagte er zu Isabelle. »Karisma.«
   »Hast du sie noch alle?«, zischte das Mädchen.
   »Halt die Klappe«, fauchte Luke zurück. »Komm rein, Isabelle«, sagte er freundlicher. »Sonst erfrierst du noch.«
   Vielleicht war es nicht besonders klug, bei Fremden einzutreten. Noch dazu schien dieser überaus attraktive Junge sie eindeutig zu verfolgen. Warum sonst lief er ihr immer wieder über den Weg? Aber Isabelle war wirklich kurz vorm Erfrieren. Also trat sie ein, und Luke schloss die Tür hinter ihr.
   Die wohlige Wärme hüllte sie komplett ein. Sie schlüpfte aus ihren nassen Stiefeln und folgte den streitenden Geschwistern durch den Flur. »Wieso seid ihr sofort gegangen, nachdem ihr mich ins Krankenhaus gebracht habt? Ich hätte mich gern bedankt, ohne euch vorher suchen zu müssen.«
   Karisma drehte sich zu Izzy um, dabei glänzte ihre silberne Kette auf. Sah nach einer Freundschaftskette aus. »Vielleicht weil wir nicht gefunden werden wollten?«
   Luke stieß ihr sanft in die Seite. »Hör auf.«
   »Nein«, fauchte Karisma. »Hör du auf. Ich weiß, das mit Mac geht dir nah. Aber sie zu ersetzen, bringt dir auch nichts.«
   »Karisma!«
   Sie starrte ihren Bruder so wütend an, dass Isabelle zu glauben begann, Blicke könnten wirklich töten.
   »Du weißt, dass ich recht habe. Nur deshalb bist du sauer«, sagte sie angestrengt und lief weg.
   Isabelle sah Luke überrascht an. »Sie … Was hat sie denn?«
   »Tut mir leid. Ich hab dir doch erzählt, dass ich schon viele Menschen verlieren musste, die mir nah standen. Sie haben auch Karisma sehr nah gestanden, und sie wird damit nicht so gut fertig. Sie ist halt sechzehn.«
   Isabelle lächelte schmal. Als wär das die Erklärung für alles. Sie ist sechzehn. Wahrscheinlich wäre Isabelle knallrot geworden, wenn sie im Sommer nicht siebzehn geworden wäre. »Ich glaube nicht, dass das mit ihrem Alter zu tun hat. Es ist immer schlimm, jemanden zu verlieren«, wagte sie auszusprechen, was sie dachte.
   »Vielleicht hast du recht«, sagte Luke und führte sie in die Küche. »Willst du eine heiße Schokolade?«
   Isabelle nickte. Das wäre genau das Richtige. »Wohnt ihr hier allein?«, fragte sie und setzte sich auf einen der bequemen Stühle. »Schönes Haus.«
   Luke grinste schief, was süß aussah. Isabelle versuchte, ihre unpassenden Gedanken zu blockieren.
   »Danke. Ja, zurzeit schon.« Er holte zwei Tassen und füllte sie mit Milch. »Unser Erziehungsberechtigter kommt Ende der Ferien zurück.«
   »Dann bist du noch keine achtzehn«, bemerkte Izzy.
   »Im Frühling werde ich’s sein.« Luke grinste sie an. »Willst du Marshmellows?«
   »Gern«, sagte Isabelle. »Du hättest mir deinen Namen sagen sollen. Auf der Beerdigung, meine ich.«
   Luke stellte die Tassen in die Mikrowelle und setzte sich neben Izzy, wobei er seine Füße unter dem Stuhl verschränkte. »Also hast du dein Auto gegen den Baum gefahren, weil du meinen Namen wissen wolltest?«
   Isabelle spürte, wie sie rot wurde. »Nein, ich … Das war ein Unfall.«
   Luke lächelte sie an. »Ich hab nur Spaß gemacht. Darf ich fragen, was du mit dem Wagen im Wald wolltest?«
   »Was das angeht, habt ihr gelogen, richtig?«, fragte sie, um abzulenken.
   »Das hier ist Naturschutzgebiet. Ein Auto hat hier nichts zu suchen.«
   Isabelle zog eine Augenbraue hoch. »Genauso wenig wie ein Haus.«
   Er unterdrückte ein Lachen. »Punkt für dich.« Er stand auf und Sekunden später gab die Mikrowelle ein lautes Bing von sich. »Das hier war früher unser Sommerhaus. Wir kommen aus einer wärmeren Region. Da war West Virginia eine willkommene Abkühlung. Mein Vater hatte ein paar Kontakte im County, weshalb er das Haus errichten konnte«, erklärte er. Luke stellte die Tassen mit der heißen Milch und eine Packung mit Kakaopulver auf den Tisch und gab Isabelle einen kleinen Löffel.
   »Danke«, sagte sie und stellte ihr Getränk fertig. Langsam wurde ihr wieder wärmer und sie streifte ihren Mantel ab.
   Luke zeigte auf Isabelles Schlüsselbein. »Die Wunde hat mir ganz schön Sorgen bereitet. Sah echt nicht gut aus«, sagte er und schlürfte an seiner heißen Milch. »Geht’s dir besser?«
   »Viel besser«, sagte Isabelle und trank ihren Kakao. Es war nur teilweise eine Lüge. Die Schmerzen waren zwar weg, aber zu wissen, dass sie psychisch gestört war, half ihr nicht wirklich bei ihrer Genesung. »Ich schulde dir wohl was.« Sie dachte daran, wie er seine Schwester von den Schienen gestoßen hatte, kurz bevor der Zug kam. »Aber du scheinst es ja gewohnt zu sein, Leben zu retten«, murmelte sie.
   Luke zuckte zusammen und sah sie prüfend an. »Das ging jetzt tiefer, als du glauben magst.«
   »Tut mir leid. Ich weiß, das geht mich nichts an, aber …« Isabelle holte tief Luft. »Hat sie sich umbringen wollen?«
   »Es geht dich tatsächlich nichts an, Isabelle.«
   Sie nickte und schob ihre Tasse zurück. »Du hast recht. Ich sollte wohl gehen. Entschuldige.« Rasch schnappte sie sich ihren Mantel und ging zu der Tür.
   »Karisma hat sich nicht umbringen wollen«, sagte Luke, als Isabelle gerade die Küche verlassen wollte.
   Unsicher drehte sie sich zu ihm um.
   Luke schüttelte den Kopf und stand auf. Er ging zu einer Schublade neben der Spüle und holte etwas daraus hervor, was er Isabelle zuwarf. Jetzt schien er eindeutig wütend zu sein.
   Sie ließ ihren Mantel fallen, um das Döschen auffangen zu können. A3-Stathmin. Isabelle starrte erst die Tabletten und dann Luke an.
   »Du hast es in der Hand gehalten, als du den Autounfall hattest. Ich … ich dachte, ich habe für dich gehofft, dass du anders bist.«
   »Wie meinst du das?«, fragte Isabelle verwirrt, wobei sie den fetten Kloß in ihrem Hals spürte. »Ich habe das Zeug noch nie genommen. Ich bin kein Junkie oder so.«
   Nun wirkte Luke ernsthaft überrascht. Nachdenklich sah er auf die Dose. »Wieso hattest du das bei dir? Weißt du überhaupt, was das ist?«
   Isabelle lachte erstickt. Es klang fast hysterisch. »Nein! Ich hab das bei meinem Onkel gefunden und ihm weggenommen, weil er sowieso schon kaputt genug ist. Ich wollte nicht, dass er sich damit umbringt.« Sie blickte auf den Boden und warf es zurück zu Luke. »Behalt es.«

*

»Hast du was herausgefunden?«, fragte Karisma giftig.
   Luke blickte aus dem Fenster und beobachtete die vereinzelten Schneeflocken, die zu Boden segelten. Auch wenn er sich für Isabelle freute, dass sie nicht auf A3-Stathmin war, war er irgendwie enttäuscht. Dafür schämte er sich, aber er hatte sich egoistischerweise gewünscht, dass Isabelle die Geheimnisse ihrer Familie bestens kannte und ihnen helfen konnte. »Sie hat es noch nie in ihrem Leben genommen.«
   »Vielleicht lügt sie.«
   Luke schüttelte den Kopf. »Glaube ich nicht.«
   »H-hast du es behalten?«
   Er drehte sich zu seiner Schwester um und warf ihr die Tabletten zu. »Bedien dich.«
   »Du hast auch eine genommen oder?«
   Luke nickte.
   »Lucas …«
   »Ich schwöre es. Ich habe auch eine genommen.«
   Karisma blickte ihn traurig an. »Wir kommen an die Informationen, die wir brauchen«, versicherte sie ihm.
   Luke nickte. »Meinst du nicht, wir sollten es ihr sagen? Wenn Isabelle nicht weiß, was ihr Onkel mit ihr vorhat …«
   »Ich weiß nicht, Luke.« Karisma seufzte. »Mach, was du für richtig hältst. Mir ist das Mädchen nicht geheuer.«

5

Die Freundinnen hatten den Mädelsabend zu Isabelle verlegt, da sie kein Auto fahren durfte und zu stolz war, um Sebastian zu fragen. Andy und Bobbie waren gleich über Nacht geblieben.
   Will hatte am Morgen Frühstück gemacht, und selbst Nick gesellte sich zu ihnen. Auch wenn er eindeutig Alkohol im Kaffee hatte, war das für Isabelle ein Riesenfortschritt. Außerdem sah er ein wenig besser aus. Seine Augenringe hatten nachgelassen, und seine Haut hatte wieder etwas mehr Farbe bekommen. Durch seine große, rechteckige Lesebrille musterte sie wie ein Forschungsprojekt.
   »Was?«, fragte Isabelle irgendwann genervt.
   »Wie fühlst du dich?«
   »Wieso fragst du mich das andauernd?«
   »Du bist meine Nichte. Ich sorge mich«, sagte er und trank einen Schluck Kaffee.
   »Ja, ist klar. Mir geht es gut. Hör auf zu fragen.«
   Nick sah seinen Bruder bitterböse an. Dieser zuckte nur entschuldigend die Achseln. Es nervte, dass die beiden ihnen etwas zu verheimlichen schienen. Auch Sebastian war involviert. Es war wie ein Komplott gegen sie, doch sie konnte nichts sagen, ohne wieder als paranoid zu gelten.
   Isabelle saß zwischen Bobbie und Sebastian, die beide genüsslich vor sich hin schmatzten. So sorglos und ohne jegliche Probleme.
   Andy saß ihr gegenüber. Nachdem sie ihren Toast geschmiert hatte, sah sie auf und runzelte fragend die Stirn. »Alles okay?«
   Gerade wollte Isabelle ansetzen und drohen, völlig den Verstand zu verlieren, wenn heute noch jemand nach ihrem Wohlergehen fragte, da merkte sie, dass die Frage nicht an sie gerichtet war.
   »Wieso?«, fragte Sebastian und schluckte eine kleine Kapsel mit ein wenig Wasser.
   »Die Tablette?«
   »Ach so, ja.« Er lächelte und warf Izzy einen zuckersüßen Blick zu, bevor er seine Antwort an Andy richtete. »Kopfschmerzen.«
   Isabelle verdrehte die Augen, schwieg jedoch. Es machte keinen Sinn, sich über Sebastian aufzuregen. Er war unverbesserlich.
   Es wurde unangenehm still und alles, was man hörte, waren das Schmatzen und das Knistern der Zeitung, wenn Will die Seite umblätterte. Das Klingeln des Telefons rettete Isabelle aus dem Unbehagen.
   Nick zuckte zusammen und sah sich um. »Was ist das?«, fragte er.
   Sebastian sah ihn stirnrunzelnd an und stand auf. »Dein Telefon.« Er hob ab. »Cutters.«
   »Telefon?«, murmelte Nick und sah Isabelle an. »Seit wann haben wir ein Telefon?«
   »Hat der Alkohol deine Gehirnzellen nun vollkommen verdorben, Onkel Nick?«
   Er sah sie vorwurfsvoll an, und Isabelle lächelte als Zeichen des Friedens.
   »Natürlich«, sagte Sebastian. »Ich richte es ihr aus. Vielen Dank … Ja, Ihnen auch. Danke.« Alle sahen ihn fragend an. Er legte auf und schaute fast schadenfroh zu Izzy. »Du hast heute Nachmittag einen Termin beim Psychologen.«
   Sie seufzte. Wenn diese Psychologin genauso drauf war wie Isabelles alter Psychologe, würde sie vermutlich noch heute Selbstmord begehen.
   Den Rest des Vormittages verbrachten Isabelle, Bobbie und Andy damit, Nicks Haus weihnachtlich zu schmücken. Es war furchtbar schwer, den Tannenbaum mit Andys kleinem Chevy zu transportieren, aber sie haben es geschafft. Da sie keine Christbaumkugeln im Haus hatten, schmückten sie ihn mit irgendwelchen herumliegenden Sachen. Kugelschreibern, Teebeuteln, USB-Kabeln und so weiter. Auch wenn es schrecklich aussah, machte es Spaß.
   Fast wie ein normaler Tag. Draußen bedeckten dunkle Wolken den Himmel, und schon seit elf Uhr am Morgen schien es, als wollte es einfach nicht hell werden. Im Wohnzimmer knisterte das Feuer im Kamin und leise Musik drang aus dem kleinen Radio auf dem Sideboard.
   Isabelle hatte eine Lichterkette gefunden, die die drei Mädchen verzweifelt an den Baum zu bekommen versuchten, bis sie merkten, dass in der Ecke keine Steckdose war und die Hälfte der Glühbirnchen sowieso kaputt waren.
   Am Nachmittag erklärte sich Andy bereit, Isabelle zum Krankenhaus zu bringen. Irgendwie war es ihr total peinlich, doch sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Sie war einfach nur dankbar für die zwei Freunde, die sie hatte, und die sie so akzeptierten, wie sie war. Selbst wenn das bedeutete, dass sie sich mit einer Verrückten herumschlagen mussten.
   Andy setzte Isabelle beim Krankenhaus ab, versicherte sich mindestens hundertmal, ob sie sie allein lassen konnte, und fuhr weiter, um Lichterketten und Verlängerungskabel zu holen.
   Unsicher stand Isabelle vor dem großen Gebäude. Es gab kein Zurück mehr. So schnell würde sie ohne Andy nicht zurück nach Lost Hollow kommen. Immerhin befand sie sich in Woodstock.
   Das war das Schlimme, in einem Ort zu wohnen, der nicht mal auf einer Landkarte zu finden war. Man benötigte Stunden, bis man endlich fand, was man brauchte. Alles, was es in Lost Hollow gab, waren Bäume und ungefähr drei Häuser.
   Hauptsächlich, weil ihr kalt war, ging Isabelle hinein und wanderte eine Weile orientierungslos durch den Empfangsraum, bis sie endlich einen Informationsschalter fand. »Hallo«, sagte sie leise.
   Überraschenderweise verstand die Frau hinter der Glasscheibe sie und sah freundlich auf. »Was kann ich für dich tun?«
   »Ich suche, äh …« Isabelle fragte sich, ob man ihr ansah, dass sie verrückt war. Musste sie es unbedingt aussprechen? Die Frau konnte sich doch bestimmt denken, was Isabelle hier wollte. Sicher wirkte das dauerhaft verwirrte Mädchen auf andere Menschen so, als stünden die Worte Psychisch gestört auf ihrer Stirn. Isabelle räusperte sich. »Ich habe einen Termin mit der Psychologin.«
   Die Frau nickte und erklärte ihr, wie sie zu dem Büro kam, nachdem sie suchte. Es dauerte nicht lange, bis Izzy es fand. Zögerlich klopfte sie an die Tür.
   Diese ging auf und ein freundliches Lächeln strahlte ihr entgegen. Die Frau war wirklich hübsch, aber so jung, dass Isabelle erschrak. Wie konnte sie bereits einen Abschluss in Psychologie haben? Ihre Haare waren dunkelblond und gekonnt hochgesteckt. Alles in allem sah sie sehr vertrauenswürdig aus.
   »Isabelle, wie ich annehme?«
   Izzy nickte.
   Die Frau hielt ihr eine Hand hin. »Mein Name ist Colbie. Komm herein.«
   Isabelle schüttelte ihr kurz die Hand und trat ein. Das Zimmer war spärlich möbliert und wirkte weniger wie ein Büro als wie ein kleines Wohnzimmer. Es gab eine Couch mit Tisch und einen schwarzen Ledersessel. Irgendwie hätte Isabelle mit so einem typischen Diwan gerechnet, den man bei Psychiatern in Filmen immer sah, wenn die Patienten hypnotisiert wurden oder so.
   Sie setzte sich auf die Couch und faltete ihre zitternden Hände im Schoß. Colbie nahm ihr gegenüber im Sessel Platz. »Wie geht es dir?«, fragte sie und schrieb etwas auf, ohne dass Isabelle etwas gesagt hatte.
   Sie fragte sich, was Colbie sich da notierte. Den ersten Eindruck? Oder vielleicht die Tatsache, dass Izzy noch kein einziges Wort gesagt hatte. Wie viel Zeit war vergangen?
   Isabelle wurde nervös. Sie stellte sich vor, wie man sie am Ende dieser Sitzung in eine Irrenanstalt stecken würde.
   »Isabelle?«
   Izzy sah auf. »Mir geht es gut«, sagte sie rasch und zwang sich zu lächeln. »Und Ihnen?«
   Colbie erwiderte das Lächeln. »Mir auch. Ich möchte dich darauf hinweisen, dass ich dazu verpflichtet bin, alles, was du mir sagst, für mich zu behalten. Außer, wenn du eine Gefahr für dich selbst oder für andere darstellst. Allerdings bezweifle ich, dass das der Fall ist.«
   Isabelle starrte auf Colbies Hände. »Was haben Sie da?«, fragte sie und zeigte mit ihrem Kinn auf das Klemmbrett.
   »Notizen von deinem alten Psychologen.«
   Isabelle lachte. »Darf ich raten? Posttraumatische Belastungsstörung, Verfolgungswahn, Rachegelüste?«
   Colbie lächelte amüsiert. »So ähnlich. Also, Isabelle, was führt dich zu mir?«
   »Ich denke, das wissen Sie, wenn Sie die Notizen gelesen haben.«
   »Ich möchte es gern von dir hören.«
   Isabelle überlegte, wo sie anfangen sollte. Die Notizen führten nur so weit, wie sie bei ihrem alten Therapeut in Behandlung war. Also entschied sie sich, mit dem anzufangen, was nicht auf diesen Zetteln stand. »Ich habe mein Auto gegen einen Baum gesetzt.«
   »Absichtlich?«
   »Nein«, sagte Isabelle und sah überrascht auf. »Natürlich nicht.«
   »Dann hattest du keine Selbstmordgedanken, während du gefahren bist? Oder allgemein.«
   »Nein«, antwortete Isabelle ehrlich. »Noch nie.«
   »Was, glaubst du, war dann der Grund für deinen Unfall?« Colbie sah sie an. Nicht forschend oder misstrauisch oder mitleidig. Sie sah sie einfach nur an.
   »Schockzustand«, sagte Isabelle.
   Colbie hielt den Blickkontakt. »Das ist aber nicht deine Meinung, richtig? Nur die deines Arztes.«
   Isabelle seufzte. »Ich bin einfach zu schnell gefahren, schätze ich.«
   »Was hast du gemacht, bevor du in das Auto gestiegen bist?«
   Isabelle lehnte sich zurück und sah auf ihre eigenen Finger. Mit dieser Frage hatte sie nicht gerechnet. »Ich habe mit meinem Cousin geredet.«
   »Sebastian, richtig?«, fragte Colbie. »Habt ihr euch gestritten?«
   Isabelle schüttelte den Kopf. »Streit sieht bei uns anders aus. Er hat mich genervt. Mehr nicht.«
   »Laut Arztbericht hattest du Schmerzen vor dem Unfall.«
   Phantomschmerzen, dachte Isabelle. Es klang logisch, als der Arzt es sagte, doch aus ihrem eigenen Mund würde es nur lächerlich klingen. »Kopfschmerzen«, sagte sie. »Vielleicht war ich deshalb abgelenkt.«
   »Vielleicht«, bestätigte Colbie. »Starke Kopfschmerzen können auch der Grund für Halluzination sein. Hast du öfters Migräne?«
   »Nein«, gab Isabelle zu.
   »Was hast du gesehen, als du halluziniert hast?«
   »Meine Eltern.«
   Colbie zögerte. Sie klopfte ein paar Mal mit dem Kugelschreiber gegen das Klemmbrett. War sie etwa nervös? Bei Isabelle war so ein Klopfen jedenfalls ein Zeichen von Nervosität.
   »Was haben sie getan?«
   »Sie standen einfach da«, sagte Izzy, was nur die halbe Wahrheit war.
   »Hast du noch etwas gesehen?«
   Isabelle schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht.«
   »Du glaubst?« Colbie sah wieder von ihren Notizen auf. »Du kannst die Halluzinationen nicht von der Realität unterscheiden?«
   »Ich …« Isabelle überlegte, wie viel sie sagen konnte, ohne dass sie endgültig als verrückt abgestempelt wurde. »Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mir das nicht eingebildet habe.«
   »Was denn?«
   »Einen Tag vor dem Unfall bin ich mit meinen Freunden von Lost River nach Hause gefahren und … Ich habe einen Wagen gesehen, der mich verfolgt hat, deshalb bin ich schneller gefahren. Selbst als der Wagen weg war, fiel es mir schwer, mich zu beruhigen.«
   Colbie schrieb sich etwas auf. »Haben deine Freunde den Wagen auch gesehen?«
   »Nein, aber er war da.«
   »Und du bist dir sicher, dass er dich verfolgt hat?«
   »Ja, und das war nicht das erste Mal. Ich sehe diesen Wagen in letzter Zeit öfter.«
   »Was ist es für ein Modell?«
   »Ein Mustang Fastback mit getönten Scheiben«, erklärte Isabelle. »Ich erkenne nie, wer da drin sitzt.«
   »Hast du denn eine Vermutung?«
   Wenn sie ehrlich war, hatte sie eine Vermutung. Zwar wusste Isabelle, dass Luke einen anderen Wagen fuhr, aber auch er schien sie auf irgendeine Weise immer wieder zu verfolgen. Vielleicht war es auch seine Schwester Karisma, der dieser Mustang gehörte. »Nein«, sagte Isabelle. »Ich habe keinen blassen Schimmer.«
   Obwohl Andy und Bobbie Luke im Diner gesehen hatten, war sich Isabelle noch nicht zu hundert Prozent sicher, dass die Geschwister überhaupt existierten. Allein die Tatsache, dass sie ein riesiges Haus in einem Naturschutzgebiet besaßen, war verrückt. Aber was wollte ihr Verstand mit zwei imaginären Geschwistern, die Izzy nicht einmal besonders mochten, erreichen?
   »In diesen Notizen steht, dass du schon einige Male Probleme mit der Polizei hattest und schon zweimal fast von der Schule geflogen bist. Willst du vielleicht darüber reden?«, fragte Colbie.
   »Ich bin manchmal etwas impulsiv«, sagte Isabelle und untertrieb damit stark. »Außerdem neigen Autoritätspersonen dazu, mich nicht zu mögen.«
   Colbie lächelte heimlich. »Wie war dein Verhältnis zu deinen Eltern?«
   Isabelle schwieg einen Moment, weil sie an ihre Kindheit zurückdachte. Vater war selten zu Hause und Mutter war … schweigsam. Isabelle hatte immer das Gefühl, dass sie um ihre Aufmerksamkeit und irgendwie auch um ihre Liebe kämpfen musste. »Gut«, sagte sie schließlich. »Sie waren gute Eltern.«
   Colbie sah Isabelle offen an. »Freut mich zu hören.«
   Es verging eine Stunde mit unnötigen Fragen und ungenauen oder unehrlichen Antworten, bis Colbie sie endlich entließ und sie bat, nächste Woche wieder zukommen.
   Sie standen auf, und Colbie legte ihr Klemmbrett auf den Tisch, um Isabelle zum Abschied die Hand zu reichen. Dabei erhaschte Izzy einen Blick auf Colbies Notizen für diese Sitzung. Die ganze Stunde lang hatte Colbie nur so getan, als würde sie schreiben. Auf dem Zettel standen nur zwei Wörter. Zwei Wörter in wunderschön geschwungener Schrift.
   Sie lügt.

6

Isabelle war erleichtert, dass sie gehen konnte. Sie hatte fast fest damit gerechnet, dass man sie gleich dabehalten würde. Scheinbar war Isabelle eine verdammt miese Lügnerin. Aber war ihr damit geholfen? Diese ganze Therapie brachte nichts, wenn sie nicht ausnahmslos ehrlich war, doch sie konnte einer Fremden nicht bedingungslos vertrauen. Wie sollte das gehen?
   Es war bereits dunkel, als Andy und Isabelle die Grenze von West Virginia und Virginia überquerten. Im Auto war es still. Das Radio war aus. Alles, was sie hörten, war das leise Ticken der Heizung.
   »Hast du alles bekommen, was du brauchtest?«
   »Japp«, antwortete Andy. »Und wie war’s bei dir?«
   Isabelle seufzte. »Sie glaubt, dass jedes Wort aus meinem Mund eine Lüge sei.«
   Andy warf ihrer Freundin einen erschrockenen Blick zu. »Was? Wie kommst du darauf?«
   »Ich hab’s in ihren Notizen gelesen.«
   Andy schüttelte den Kopf. »Dann suchen wir dir eben einen anderen Psychodoktor. Das grenzt ja an Unverschämtheit.«
   Isabelle lachte auf.
   »Warte mal. Hast du sie denn angelogen?«
   »Nicht wirklich«, sagte Isabelle. »Ich habe ihr nur nicht immer die Wahrheit gesagt.«
   Andy schwieg eine Weile. »Eigentlich sollte ich dir sagen, dass man dir so nicht helfen kann, aber das weißt du, und irgendwie kann ich dir nicht einmal verübeln, dass du einer Fremden misstraust.«
   »Danke«, sagte Isabelle nur.
   Sie bogen vom Highway auf die Shoemaker Road ab. Schnee wechselte sich mit Regen ab. Es schüttete wie aus Eimern. Man sah so gut wie nichts. Plötzlich bremste Andy abrupt ab, und Isabelle, die vorher auf ihr Handy geschaut hatte, riss ihre Arme hoch, um sich am Handschuhfach festzuhalten. Ihr Smartphone hatte sie fallen lassen.
   »Was hast du denn?«, fragte sie überrascht und schaute auf. Vage sah sie die Umrisse eines Schemens durch den starken Regen. Es war eine Person. Ein Mann, wie sie erkannte. Das Auto verfehlte den jungen Mann nur knapp. Isabelles Puls beschleunigte sich.
   Andy atmete viel zu schnell. »War das ein Tier?«, fragte sie.
   »Spinnst du? Das war ein Mensch! Ob ihm was passiert ist?«
   Andy schüttelte den Kopf. »Das kann kein Mensch gewesen sein. Ich glaube, es war ein Reh oder so.«
   »Es war ein Mensch.«
   »Ein Mensch würde nicht einfach aufstehen und weggehen, Iz«, erklärte Andy.
   »Aber ein Tier, oder was?« Isabelle zwang sich, ihren Herzschlag zu kontrollieren. »Ich schau mal nach.«
   Andy nickte und öffnete die Wagentür. Isabelle folgte ihr in den Regen.
   »Hallo?«
   In wenigen Sekunden waren sie pitschnass.
   »Ist da jemand?«, rief Andy.
   »O Gott, haben wir echt noch nicht genug Horrorfilme geguckt, um zu wissen, dass jeder, der das sagt, daraufhin umgebracht wird?«

*

Bobbie liebte das Haus, seit sie es das erste Mal betreten hatte. Es war riesig und luxuriös und damit genau ihr Ding.
   Auch wenn sie sich freute, Izzy wieder lachen zu sehen, machte sie sich doch noch Sorgen. Eigentlich war Isabelle eine hervorragende Autofahrerin, und nun hatte sie fast zwei Unfälle in kürzester Zeit verursacht. Sie war in letzter Zeit immer abwesend und traurig gewesen und auf einmal, ausgerechnet, nachdem sie dem Tod knapp entkommen war, war sie wieder gut drauf. Sie wirkte nicht mehr so dauernervös. Das war gut, aber woran lag das? Hatte Izzy etwa eine Art Erleuchtung oder so gehabt? Nee, sie war nicht der Typ für Erleuchtungen.
   Dann war da noch dieser Greenwood-Diner-Junge. Sie kannte ihn von der Beerdigung, sagte sie. Ohne Frage war er heiß und damit eigentlich der Typ Junge, für den Isabelle viel zu unsicher war. Schon so oft hatte Bobbie versucht, ihre Freundin zu verkuppeln, aber Izzy brachte entweder nie ein Wort heraus oder blamierte sich mit ihrer Tollpatschigkeit. Oder sie tickte aus, wenn der Junge irgendwas versuchte. Und wenn Isabelle austickte, war mit ihr nicht mehr zu spaßen. Bobbie hatte das schon oft genug miterlebt, immerhin waren sie seit der Grundschule befreundet.
   Sie konnte einfach nicht fassen, dass Izzy verrückt sein sollte. Immerhin war ihr Verstand für gewöhnlich klar wie Eis.
   Sie strich sich eine blonde Locke hinter das Ohr. »Sebastian?« Als sich Bobbie zu ihm umdrehte, zuckte er zusammen. Sie lächelte.
   »Woher wusstest du, dass ich hier bin?«
   »Ich habe ein …«
   »Du hast ein Gespür für so was, schon klar.« Sebastian lachte.
   Bobbie setzte sich neben ihn auf das Sofa. »Man sollte meinen sechsten Sinn nicht unterschätzen.«
   »Natürlich.« Er grinste. »Wieso bist du mit Iz befreundet, Bobbie? Ehrlich, erklär es mir. Du bist beliebt an der Schule, oder? Und Isabelle ist eine Sozialspa…« Er lachte, als Bobbie ihm spielerisch gegen die Schulter boxte.
   »Hör auf, das ist nicht nett. Ich versteh nicht, wieso ihr euch so hasst«, sagte Bobbie, und das war die Wahrheit. Sie waren Cousin und Cousine. Wieso mochten sie sich nicht? Sie waren sich ähnlicher, als sie glaubten. Seufzend legte sie den Kopf auf die Sofalehne. »Ihr habt so viel gemeinsam.«
   »Mehr, als du glaubst«, murmelte Sebastian.
   »Wie meinst du das?«, fragte Bobbie neugierig.
   »Eine lange Geschichte.« Er winkte ab.
   Bobbie lächelte. »Ich hab Zeit.« Sie deutete auf das Fenster. »Bei dem Regen komm ich hier erst einmal nicht weg.«
   »Hat mit unserer Familie zu tun.« Sebastian seufzte und lehnte sich zurück. Er drehte den Kopf so, dass er sie entspannt ansehen konnte. »Unser Großvater hat eine Art Firma gegründet. Isabelles Vater hat dort in der medizinischen Abteilung gearbeitet. Im Labor sozusagen, während mein Vater im theoretischen Bereich und Nicolas im praktischen Bereich gearbeitet hat. Ich bin ebenfalls im praktischen Bereich und Isabelle ist eigentlich schon involviert, seit sie geboren ist. Das ist kompliziert, aber seit Izzy machen wir große Fortschritte.«
   Bobbie sah ihn verwirrt an. »Was ist das für eine Firma?«
   »Auch das ist kompliziert. Hat mit der Armee zu tun.«
   »Dann bist du in der Armee?«, fragte Bobbie begeistert.
   »Sozusagen.«
   Sebastian hatte ihr in den letzten Minuten mehr über die Familie ihrer besten Freundin erzählt, als Isabelle in den letzten fünf Jahren. Bobbie legte den Kopf auf die Seite und beobachtete ihn. Man konnte über die Cutters sagen, was man wollte, sie hatten wirklich gute Gene. Sebastians blonde Locken standen wild in alle Richtungen und luden nur dazu ein, sanft mit der Hand hindurchzustreichen. Seine Brust hob und senkte sich gleichmäßig. Sie musste schlucken.
   Sebastian lächelte schwach. »Was sagt dein Instinkt?«, flüsterte er.
   Bobbie wusste nicht, ob sie das gutheißen konnte, was sich hier anbahnte. Isabelle würde sie umbringen. »Dass wir das nicht überleben würden«, antwortete Bobbie und erwiderte das Lächeln. Seit Sebastian wieder in der Stadt war, hatte sie gemerkt, dass er auf sie stand, und sie hatte ihn eigentlich auch immer ganz süß gefunden. Das mochte vielleicht billig wirken, aber sie kannten sich doch schon ewig.
   »Keine Sorge«, wisperte Sebastian, während er immer näher rückte.
   Bobbie rückte ab. »Nein, das kann ich ihr nicht antun«, sagte sie fest, obwohl es ihr schwerfiel. Schöne Jungs waren ihre Schwäche. Sie wusste, dass auch das ziemlich billig klang, aber so war es dann auch wieder nicht. Immerhin hatte sie sich unter Kontrolle. Sie würde Isabelle nicht verraten. Bobbie wusste ja, wie sehr Izzy ihn verabscheute.
   Rasch stand sie auf und stürmte zur Tür raus. Sebastians Seufzen entging ihr jedoch nicht.

*

»Ich schwöre dir, wenn du mir noch einmal einen Schneeball gegen den Kopf wirfst, werde ich dich in deinem blöden Schnee ersticken, verstanden? Wo bekommst du den überhaupt her?« Luke sah sich um. Es hatte heftig zu regnen angefangen, und er schloss rasch seinen Mantel.
   »Unter dem Auto war noch ein wenig Matsch«, erklärte Karisma, woraufhin Luke sie entgeistert anstarrte.
   »Das ist eklig.« Er schüttelte seine Haare aus. »Beeil dich. Es ist kalt.«
   Karisma schloss zitternd den Wagen auf. »So sehr ich den Winter liebe«, sagte sie und warf ihrem Bruder einen Blick über die Schulter zu. »Die Kälte ist scheiße.«
   »Du musst nicht mitkommen, wenn du nicht willst«, sagte Luke rasch. »Vielleicht wäre es sowieso besser, wenn jemand auf das Haus aufpasst.«
   Karisma stöhnte genervt. »Meinetwegen.« Sie warf Luke die Autoschlüssel zu und flüchtete in das Blockhaus. Das hatte sich Luke schwerer vorgestellt. Allerdings war es nicht schwer, zu erkennen, dass Karisma Isabelle nicht leiden konnte. Er verstand wirklich nicht, wieso. Karisma kannte sie doch überhaupt nicht. Luke konnte nachvollziehen, dass Karisma ihr misstraute, aber genau deshalb musste er herausfinden, wie viel das Mädchen wusste.
   Es würde gefährlich werden. Das war ein weiterer Grund, weshalb Luke nicht wollte, dass Karisma ihn begleitete. Wenn Isabelle genauso zu ihrer Familie stand wie Luke zu seiner, würde sie ihn, ohne zu zögern, ausliefern. Irgendwie wollte er allerdings nicht glauben, dass sie so tickte. Sie war nett zu ihm. Ein bisschen durch den Wind, aber nett.
   Der Regen sorgte dafür, dass Luke kaum etwas sehen konnte. Zum Glück war auf dem Highway so gut wie nie etwas los.

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