Nach der Flucht aus dem Labor herrscht Chaos in Lost Hollow. Geheimnisse, die die Freunde untereinander haben, führen zu Streit. Doch gerade jetzt, wo Ivana wieder auf freiem Fuß ist und Fearless jeden Schritt der Jugendlichen verfolgt, ist Zusammenhalt geboten. Für Isabelle ist das alles andere als leicht. Wie soll sie Luke verzeihen, was er ihr angetan hat? Obwohl ihre gemischten Gefühle ihr alles abverlangen, stellt ein neuer Feind sie zusätzlich auf die Probe und ändert ihre Vergangenheit von Grund auf.

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ISBN: 978-9925-33-039-3

Seiten: 397

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Lou Foster

Lou Foster wurde im Mai 1999 geboren und ist in einem beschaulichen Dorf in Niedersachsen aufgewachsen, wo sie auch zur Schule ging. Nach etlichen Kurzgeschichten und Aufsätzen schrieb sie schon während ihres Abiturs ihre erste Trilogie. Ihre Begeisterung für Kunst und Literatur halfen ihr dabei, die Lust am Schreiben auch unter Schulstress nie zu verlieren. Inspiration fand sie nicht nur bei Vorbildern, sondern auch bei ihrer Familie und ihren Freunden. Mit viel Fantasie und Kreativität sieht sie mit Freuden neuen Projekten entgegen. 

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Prolog
Falsches Spiel

02. 12. 2015

»Hör jetzt auf, es reicht!«
   Isabelles Hände zitterten, und ihr Herz pochte übernatürlich stark. Ihre Nerven lagen blank. Wie konnte man nur so wenig Verständnis haben? »Du kannst mich hier nicht einsperren! Ich bin siebzehn Jahre, Mom! Ich bin praktisch erwachsen!«
   Mom lachte und wischte ihre Hände an der Schürze ab, die stramm um ihre Hüften gebunden war. »Du bist noch lange nicht erwachsen, Bella, und bis es so weit ist, tust du, was ich sage, verstanden?«
   »Was bist du eigentlich für eine Mutter? Wenn es nach dir ginge, würde ich mein Leben im Keller eingesperrt verbringen! Das ist aber kein Leben mehr!«
   »Ich bin für dich verantwortlich! Und wenn ich dich in einem Keller einsperren würde, dann nur, um dich zu beschützen.« Mom ging zum Küchentisch hinüber und nahm sich das kleine Büchlein, in das sie ständig schrieb.
   »Mich beschützen?« Nun war es Isabelle, die ungläubig lachte. »Du erfreust dich doch daran, wenn ich leide! Kannst du deine Scheißrezepte nicht einmal liegen lassen? Ich rede mit dir!«
   »Nein, du schreist mich an, und so lange du deine Zunge nicht zügelst, bin ich nicht bereit, mit dir zu diskutieren.«
   »Du diskutierst nicht mit mir, du bestimmst über mein Leben«, sagte Isabelle nun mit gesenkter Stimme.
   Mom schrieb rasch etwas auf und legte das Heft dann wieder weg. »Geh in dein Zimmer.«
   »Nein.« Isabelle verschränkte die Arme vor der Brust.
   Mit funkelnden Augen sah Mom zu ihr auf. »Geh. In. Dein. Zimmer.«
   Isabelle fiel es schwer, über das nachzudenken, was sie tat. Trotzdem glaubte sie, dass sie die klügste Entscheidung traf, wenn sie dem Befehl ihrer Mutter einfach nachkam. Sie hatte nicht vor, aufzugeben und Mom mal wieder ihren Willen brechen zu lassen. Isabelle musste nur ihren Plan etwas umändern. »Ich hasse dich«, zischte sie und stampfte aus der Küche.
   »Sehr erwachsen«, rief Mom ihr noch hinterher.
   Isabelle konzentrierte sich so sehr darauf, ihren Herzschlag zu senken, dass sie fast in ihren Vater hereinlief, der aus seinem Büro kam. »He Vorsicht, Izzy.« Er lächelte liebevoll. »Was ist los?«
   »Mom ist unerträglich.«
   »Sag so was nicht, Isabelle. Es ist deine Mutter.« Er tätschelte ihre Schulter. »Sie kann anstrengend sein, aber das kannst du auch, hörst du? Was ist denn passiert?«
   »Sie meint, mich mal wieder einsperren zu müssen.« Isabelle wandte sich unter der Hand ihres Vaters hinweg und trat beleidigt zurück. »Aber bitte. Ich geh jetzt in mein Zimmer. Von mir hört ihr heute bestimmt keinen Laut mehr.«
   »Sei nicht so zickig, das steht dir gar nicht. Ich versuche, mit ihr zu reden.«
   »Mach doch, was du willst.« Bevor Dad auch noch sauer werden konnte, trabte Isabelle die Treppe hoch, lief in ihr Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu. Sie konnte den Tag nicht erwarten, an dem sie endlich aufs College ging.
   Isabelle ließ sich in ihr Bett fallen. Natürlich meinte sie es nicht so, als sie sagte, sie hasste ihre Mutter. Manchmal trieb sie Izzy zwar in den Wahnsinn, aber sie war immer noch ihre Mutter. Diese Frau hatte sie großgezogen. Isabelle könnte sie nie hassen. Je mehr sie sich beruhigte, desto mehr tat es ihr auch leid, ihren Vater so angezickt zu haben.
   Aber sie blieb dabei, dass sie heute kein Wort mehr mit den beiden wechselte. Sie würde auf diese Party gehen und davon konnte Mom sie nicht abhalten. Isabelle brauchte das einfach. Sie wollte raus und sich für ein paar Stunden frei fühlen. Spaß haben. Ein normaler Teenager sein.
   Die Party fand bei Alec Collins statt. Er schmiss die besten Hauspartys der ganzen Gegend. Auch wenn das bei dieser Umgebung nicht besonders schwer war. Eigentlich hasste Isabelle Partys, aber die Vorstellung, den ganzen Abend hier oben eingesperrt zu verbringen, hasste sie noch mehr.
   Isabelle hörte ihr Handy klingeln. Ohne auf das Display zu sehen, ging sie ran. »Hey.«
   »Sag an, Iz. Wir sind unterwegs.«
   »Kommt ihr hier vorbei?« Isabelle rappelte sich auf. »In zehn Minuten oder so? Ich muss mich erst umziehen.«
   »Deine Mom hat Ja gesagt?«, fragte Bobbie überrascht.
   »So ähnlich«, sagte Isabelle vage. »Also?«
   »Zehn Minuten«, bestätigte sie.
   Isabelle musste lächeln. Bobbie war doch immer für eine Rebellion zu haben. Rasch zog Izzy sich um und löste das Zopfband aus ihren Haaren. Danach hatte sie noch genügend Zeit, um sich zu überlegen, wie sie hier unbemerkt rauskam. Die Haustür kam nicht infrage.
   Also ging Isabelle zum Fenster. Sie befand sich im ersten Stock. Unmöglich war es nicht. Entschlossen schob sie das Fenster hoch und kletterte auf die Fensterbank. Unter ihr befand sich ein Blumenbeet. Hoffentlich würde ihre Kleidung nicht allzu dreckig werden. Ohne lange darüber nachzudenken, sprang sie.
   Sie landete sicher auf ihren Füßen und ging automatisch in die Knie. Ein heißer Schmerz, der schnell wieder verging, schoss durch ihre Beine bis hoch in ihren Rücken. Nach ein paar Sekunden richtete sich Izzy auf und lief um das Haus herum.
   Trotz Jacke fror sie. Bobbie kam glücklicherweise relativ schnell. Das hintere Fenster ihres Wagens war auf. Izzy lief auf das Auto zu, stützte ihre Hände auf das Dach und schwang ihren Körper durch das kleine Fenster. Bobbies Auto hatte keine Hintertüren, aber die Fenster gingen auf, was echt praktisch war.
   Sofort sauste der Wagen los.
   »Holla«, sagte Andy vom Beifahrersitz. »Der Leichtathletikkurs lohnt sich.«
   »Aber so was von«, bestätigte Isabelle. Sie lehnte sich vor und drehte die Musik lauter. »Versprecht mir, dass das eine der besten Nächte meines Lebens wird, denn sonst … sonst hat sich der Aufwand dafür wirklich nicht gelohnt.«
   Bobbie stellte den Rückspiegel so ein, dass sie Izzy in die Augen sehen konnte. Ihr Make-Up saß wie immer perfekt. »Isabelle Cutters? Das hier wird die beste Nacht deines Lebens!«
   Izzy grinste ihre Freundin an.
   »Dafür werden wir sorgen«, fügte Andy hinzu.
   Sie errichten Alecs Haus im Nullkommanichts. Andy lächelte Isabelle aufmunternd an. Auch wenn Alec nirgends zu sehen war, lief die Party auf Hochtouren. Die meisten Gäste waren schon vollkommen betrunken.
   Sie kämpften sich in die Küche vor. Ein paar Biere später war Bobbie schon verschwunden. Isabelle nippte an ihrem Plastikbecher.
   »Du siehst nicht aus, als würdest du die beste Nacht deines Lebens genießen.« Andy grinste.
   Izzy zuckte die Achseln. »Ich fühl mich schlecht, wegen meinen Eltern. Vielleicht sollte ich wieder gehen.«
   »Gib der Party noch eine Chance.« Andy füllte ihren Becher nach und zwinkerte Izzy zu, bevor sie ging.
   Isabelle redete mit ein paar Leuten aus ihrer Schule, aber so richtig Spaß hatte sie nicht. Es war nicht langweilig und definitiv besser als Hausarrest. Sie blieb noch eine Stunde, in der sie zu viel trank und sich sogar ein wenig von Bobbies Flirttaktiken abguckte, dann ging sie.
   Izzy machte sich zu Fuß auf den Weg nach Hause. Es war nicht besonders weit, aber um ihre Ausdauer stand es nicht besonders gut. Trotzdem ging sie langsam weiter. Sie war nicht mehr weit entfernt, als sie plötzlich stockte. Ein Licht ging von ihrem Haus aus. Kein Licht … Es war ein Feuer.
   Isabelle rannte los. Scheiß auf die Ausdauer und scheiß auf ihren Puls, der in Sekundenschnelle in die Höhe schoss. Sie rannte so schnell, wie sie konnte. Glücklicherweise war es auf den Straßen nicht glatt.
   Das Haus stand in Flammen. Isabelle konnte es nicht fassen. Das durfte nicht wahr sein. War das Karma? Sie widersetzte sich einmal ihren Eltern, und schon wurde ihr Haus abgefackelt? Oh, mein Gott. Auf der Einfahrt kam sie zum Stehen. Das Adrenalin pumpte durch ihren Körper. Was sollte sie tun?
   Isabelle versuchte, jeden Zentimeter der Lage zu erfassen. Dann sah sie ihn. Einen Mann, vollkommen in schwarz gehüllt. Er sah sich rasch um, musste Isabelle aber übersehen haben, denn er lief hinter das Haus und in den Wald hinein.
   Ihr blieb keine Zeit. Isabelle musste sich entscheiden. Sollte sie dem Mann, der womöglich die Brandstiftung begangen hatte, verfolgen oder sollte sie reinlaufen und ihre Eltern retten? Ihr Herz pochte schmerzhaft gegen ihre Rippen. Isabelle atmete tief durch und rannte durch die Flammen in das Haus.
   Das Pochen in ihren Ohren übertönte die Sirenen, die immer lauter wurden. Isabelle lief die Steintreppe nach oben. Sie achtete nicht darauf, sich keine Verbrennungen zuzuziehen oder nicht von fallenden Stützpfeilern getroffen zu werden.
   Die Schlafzimmertür ihrer Eltern stand weit auf und was sie sah, raubte ihr den Atem. Vielleicht war es aber auch nur der Qualm, der sich immer weiter verdichtete. Dad lag mit dem Bauch am Boden. Blut quoll aus einer Wunde an seinem Rücken. Das hatte definitiv nichts mit dem Feuer zu tun.
   Die Hitze schmerzte auf ihrer Haut. Sie hustete, was es nur noch schlimmer machte. Lange würde sie es hier drinnen nicht mehr aushalten.
   Mom lag auf dem Bett. Sie blutete nicht, aber die Flammen züngelten sich bereits über ihren Körper. Isabelle konnte das Bild, das sich ihr bot, nicht verstehen. Was war passiert?
   Sie musste sich am Türrahmen abstützen. Das Feuer breitete sich weiter aus. Isabelle musste hier raus.
   »Es tut mir leid«, rief sie, obwohl sie wusste, dass ihre Eltern sie nicht mehr hören konnten. Sie hatte keine Chance gehabt, sich zu entschuldigen. Keine Chance, ihrer Mutter zu sagen, dass sie sie nicht hasste. »Es tut mir leid«, wiederholte sie und lief dann wie ein Feigling davon.
   Sie waren tot, und das war allein ihre Schuld.

1

Langsam zog sie sich die Kapuze vom Kopf und achtete darauf, in keine Kamera zu sehen. Isabelle fühlte sich schrecklich. Sie war unfassbar hungrig und ihr Haar hatte seit Tagen kein Shampoo mehr gesehen. Wie ein Vorhang lag es über ihrem Gesicht, als sie sich die Zopfbänder in den Ärmel schob. Mac würde ausrasten vor Freude.
   Sie sah auf, um nach Ben zu sehen. Er kam gerade aus der Umkleide und steuerte den Ausgang an. Izzy musste lächeln. Er trug bestimmt drei schichten Kleidung übereinander und verließ den Laden so selbstbewusst, dass es nicht mal einer merkte.
   Fast jedenfalls. Er war gerade kurz vor dem Ausgang, als eine Verkäuferin nach ihm rief. »Hey! Was machen Sie da?«
   Isabelle schnappte sich noch rasch eine Haarbürste und lief dann los. Die letzten drei Tage hatten sie mit Diebstahl und Zeche prellen verbracht. Als sie aus dem Labor in Boston geflohen waren, hatten sie nichts als die hässliche graue Kleidung, die sie bei sich trugen. Die Autos, die sie fuhren, waren ebenfalls gestohlen, weshalb sie sie oft wechseln mussten. Sie konnten ja nie wissen, ob man es orten konnte oder so.
   Die schwerste Aufgabe war jedoch, die Armbänder loszuwerden, mit denen sie in Boston die Türen zu ihren Sektoren aufbekamen. Sie saßen Bombenfest und als ein Haufen von Furchtlosen waren sie natürlich bereit, sich die Hand abzuhacken, um das Ding abzubekommen. Jedoch war das nicht nötig gewesen. Die Armbänder waren mit einem Verschluss versehen worden, der sich mit einem Messer knacken ließ.
   Die vier Nächte hatten sie abwechselnd im Auto oder in einem Motel verbracht. Da sie allerdings weder Ausweis noch Geld hatten, war es jedes mal schwer, überhaupt ein Zimmer zu bekommen. Geschweige denn zwei oder vier. Sie konnten von Glück reden, dass sie Mac dabei hatten. Sie konnte wirklich überzeugend sein. Wenn Karisma dabei gewesen wäre, hätten sie bestimmt noch ein Frühstück bekommen, überlegte Isabelle.
   Sie schlitterten um die Kurve.
   »Sackgasse.« Ben seufzte.
   »Da kommen wir locker hoch.« Isabelle lief weiter, sprang auf eine Mülltonne und schwang sich über die Mauer.
   Sie befanden sich in Fall River, was bedeutete, dass sie Massachusetts bald hinter sich gelassen hatten. In New York würde Ben die Truppe wahrscheinlich verlassen, und Delilah sagte, dass ihr großer Bruder in Pensilvania wohnte. Mac, West und Isabelle würden dann weiter nach West Virginia fahren. Ja, es war leichtsinnig, aber Isabelle hatte ihr Versprechen so lange nicht erfüllt, bis die Asher-Familie wieder vereint war. Cole war zu diesem Thema eher schweigsam. Niemand drang zu ihm durch und niemand wusste, was er wirklich wollte oder was er dachte.
   Der zweite Grund für einen Besuch in Lost Hollow war Nicks Villa. Zur Zeit hatten sie keinen Penny, und Nick war stinkreich, da sollte er so ein bisschen Geld nicht vermissen.
   Als sie die Sicherheitsleute abgehängt hatten, stützte sich Isabelle lachend an einer Ampel ab. Autos sausten an ihnen vorbei. Der Lärm war ohrenbetäubend. Im Gegensatz zu Lost Hollow sollte Fall River ein eigener Staat sein. Über Boston wollte sie gar nicht erst reden. Die größte Stadt, in der Isabelle zuvor je gewesen war, war Woodstock in Virginia.
   »Hast du wirklich geglaubt, du kommst damit durch?« Sie lachte und sah zu Ben auf.
   Er öffnete eine seiner vielen Jacken und reichte sie Isabelle. »Ich bin doch durchgekommen. Ich hätte nur nicht gedacht, dass es so warm wird.«
   Sie schüttelte lachend den Kopf. »Wir sollten zurück zu den anderen gehen.«
   Die Ampel wurde grün, und sie schlenderten über die Straße. »Ja, du hast recht, wenn wir Mac zu lange unbeaufsichtigt lassen, vergewaltigt der Kerl vom Empfang sie noch.«
   »Das ist nicht lustig«, sagte Isabelle, obwohl sie lachen musste. »Sie ist womöglich die Einzige, die es schafft, nach so einer Tortour gut auszusehen.«
   Ben lächelte, ohne sie anzusehen. »Nein, nicht die Einzige«, sagte er und ging voraus.
   Seit sie aus Boston raus waren, hatte sich Ben verändert. Er war glücklicher, genau wie sie alle. Langsam dämmerte Isabelle auch, weshalb. Sie wusste nicht, wie alt er war, als man ihn ins Labor steckte, doch sie war sich sicher, dass es vorher ein Mädchen gegeben haben musste. Er war glücklich, weil er sie womöglich bald wiedersehen würde.
   Isabelle lächelte. Sie freute sich für ihn. Gern würde sie ebenfalls so glücklich sein, aber seit Luke sie verraten hatte, war ein Teil von ihr gebrochen. Sie wusste nicht, ob und was sie für ihn empfunden hatte, doch er war ihr wichtig gewesen und er hatte sie allein gelassen. Das war wirklich kein schönes Gefühl.
   Das Motel, in dem sie die Nacht verbracht hatten, war zwar klein, aber nicht so ekelerregend wie das erste. Kein Schimmel, keine feuchten Matratzen, und es gab sogar relativ warmes Wasser und einen kleinen Pool im Hinterhof.
   Sie hatten zwei Zimmer bekommen, die direkt nebeneinanderlagen. Der Mann, der das Motel leitete, war schmierig und gruselig. Trotzdem hatte er sie eine Nacht kostenlos bleiben lassen, also hatte er wohl auch etwas Gutes in sich.
   Isabelle klopfte an die rote Tür, von der die Farbe bereits abblätterte. »Ich bin’s«, rief sie noch.
   Mac ließ die Tür aufschwingen und nahm Isabelle den Rucksack ab. »Hast du alles bekommen?«
   Izzy nickte.
   Macs Augen begannen zu leuchten. »Auch Shampoo?«
   »Jap.« Isabelle grinste und zog den Reißverschluss auf. »Außerdem noch die hier.« Stolz zog sie eine CD aus dem Rucksack. Im Labor hatte Mac ihr mal erzählt, dass es die Musik war, die sie am meisten vermisste. Als Isabelle dann den uralten CD-Player im Zimmer gesehen hatte, wusste sie, was zu tun war.
   In den letzten Tagen waren sie zu richtigen Freundinnen geworden. Sie waren sehr unterschiedlich, aber das störte keine von ihnen.
   Mac lachte. »Dance-Charts Zweitausendfünfzehn.«
   »Die besten«, antwortete Isabelle grinsend und legte die CD ein.
   Schon beim ersten Ton zuckte Mac zurück. »Ist sie kaputt?«
   »Nein.« Isabelle lachte. »Das ist Dubstep. Okay …« Sie sah sich die restlichen Lieder an. »Magst du Justin Bieber?«
   Mac sah sie entgeistert an.
   »Er hat sich gebessert«, sagte Delilah und schaute im Rucksack nach, was Izzy noch hatte erbeuten können. »Seine Musik jedenfalls.«
   »Hier«, sagte Isabelle und stellte ein anderes Lied an. »Das Lied wirst du mögen.« Sie drehte lauter, und tatsächlich begann Mac irgendwann rhythmisch mit zu wippen. Plötzlich drehte sie sich um, schnappte sich Delilah, die überrascht aufschrie, und tanzte ausgelassen mit ihr.
   Isabelle musste so sehr lachen, dass es weh tat. »Kommt schon. Die Jungs warten sicher schon.«
   Am Anfang hatten sich Ben und Izzy Sorgen gemacht, dass Delilah sie aufhalten und zur Last werden würde, doch so war es nicht. Sie war sehr tapfer für ihr Alter. Einerseits lag es daran, dass sie furchtlos war, aber wie Dad immer gesagt hatte: Furchtlosigkeit bedeutete nicht gleich Mut.
   Apropos Furchtlosigkeit. Es gab einen weiteren Grund, warum sie zurück nach Lost Hollow mussten. Bis auf Isabelle waren noch immer alle abhängig von A3-Stathmin, und wenn sie es nicht bald bekommen würden, würden die Entzugsschmerzen eintreten. Isabelle wusste nur zu gut, dass damit nicht zu spaßen war. Jedoch musste sie sich nicht länger damit herumschlagen. Bei ihrer Flucht hatte Isabelle so viel Blut verloren, dass das ganze Anti-Stathmin aus ihrem Kreislauf verschwunden war. Sie war zwar noch immer furchtlos, aber nicht länger süchtig.
   Das hatte sie den anderen allerdings bisher verschwiegen. Sie hielt es einfach nicht für wichtig. Das redete sie sich jedenfalls ein. In Wahrheit war es die Tatsache, dass Isabelle nun eine Gefahr für sich und alle anderen darstellte. Sie war komplett lebensmüde und rücksichtslos. Das merkte sie mittlerweile in immer mehr Situationen, und es fiel ihr immer schwerer, es zu verbergen.
   Das war ein Kontra für Lost Hollow. Isabelle vermisste ihre Freunde, sie vermisste ihre Katze, und alles in allem vermisste sie ihre Heimat, aber ihr Mangel an gesundem Menschenverstand und Selbsterhaltungstrieben machte sie zu einem Todesengel, der jeden, den sie in ihre Nähe ließ, in Gefahr brachte. Bobbie, Andy und auch Alec hatten schon genug durchgemacht, und Isabelle wollte ihnen auf keinen Fall noch mehr Menschen schaden.
   »Erde an Isabelle!«
   Sie zuckte zusammen. »Mhm?«
   »Wo bist du bloß mit deinen Gedanken?«, fragte Mac lächelnd.
   Seufzend strich Isabelle sich die blonden Strähnen aus dem Gesicht. »Wir müssen los«, sagte sie und schnappte sich die Tasche mit den Waffen.
   Mac schmiss sich den Rucksack über die Schultern und Delilah nahm die Tasche mit den wenigen Kleidungsstücken, die sie mittlerweile besaßen.
   Es waren fünf Stunden von hier bis nach New York, die sie planmäßig durchfahren würden. Bisher waren sie immer mit zwei Autos gefahren, doch für diese Strecke hatten sie sich entschlossen, einen Minivan zu nehmen.
   Ben hatte Isabelle beigebracht, wie man einen Wagen kurzschloss. Außerdem war er der Meister der Taschendiebe. Auch diese Kunst hatte er Izzy gelehrt. Mac und West wollten es nicht tun, und ihnen gefiel auch nicht, wenn die anderen es taten. Das war eine weitere Nebenwirkung von A3-Stathmin. Es hielt das Gewissen aufrecht, das bei Isabelle nicht mehr besonders ausgeprägt war. Sie verstand nicht, wo Mac und West das Problem sahen. Sie stahlen, um zu überleben. Außerdem waren die Leute bestimmt versichert.
   Ben hatte schon vor seiner Zeit im Labor Autos kurzgeschlossen, und Isabelle wollte den Grund dafür nicht wissen.
   Ab und zu assistierte Cole bei ihren Diebstählen, aber meistens kümmerte er sich um Delilah. Es war süß, die beiden so zu sehen. Delilah schwärmte für den Jüngsten der Ashers wie nur eine Zehnjährige für einen Älteren schwärmen konnte. Für Cole war Delilah das, was einer Schwester am Nächsten kam. Seit Karisma weg war, redete Cole mit niemandem mehr. Isabelle glaubte, dass Delilah ihn an Kar erinnerte. Auch wenn seine Schwester ein Jahr älter war als er. Anders konnte Izzy es sich nicht erklären.
   Auf dem Parkplatz fuhr Ben den neuen Wagen vor. Die anderen beiden Jungs saßen schon darin. Isabelle zögerte, als Mac und Delilah nach ganz hinten schlüpften. Der einzige freie Platz war bei West auf der Rückbank.
   West war der netteste Mensch in der ganzen Weltgeschichte, aber er war Lukes Zwilling. Dementsprechend glichen sie sich bis auf die Augen, und es fiel Isabelle verdammt schwer, in seiner Nähe zu sein. Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, immerhin war es nicht Wests Schuld.
   Die Familie konnte man sich nicht aussuchen. Davon konnte Isabelle ein Lied singen.

*

Ihr Blick wanderte vom Kaffeebecher auf ihre kleinen Hände. Drei primitive Silberringe zierten ihre Finger. Ihre abgekauten Fingernägel wurden durch schwarzen Nagellack ein wenig verschönert. Ihre Haut war so blass und ihre Hände leicht bläulich. Sie schaute auf den silbernen Ring mit dem kleinen Rubin. Sebastian hatte ihr den Familienring der Cutters gegeben, als sich Isabelle geweigert hatte, ihn zu tragen.
   Ehrlich gesagt wusste Bobbie nicht so genau, warum sie ihn angenommen hatte. Es war eine nette Geste von Sebastian, aber den Nachnamen Cutters zu tragen, war für die Jugendlichen schon lange nichts mehr, auf das man stolz sein konnte. Bobbie verband diesen Ring auch nicht mit dieser Familie. Sie verband ihn mit Mut und Stärke. Außerdem verband sie ihn mit Sebastian.
   Sie hatte immer viel Wert auf ihr Äußeres gelegt. Zweimal nacheinander wurde sie Homecoming Queen. Für gewöhnlich waren ihre Nägel immer perfekt gefeilt und ihre Hände so mit Handcreme verwöhnt worden, dass sie vor Makellosigkeit nur so strahlten.
   In den letzten Wochen hatte sie allerdings mit anderen Problemen zu kämpfen. Ihre beste Freundin wurde von ihrer eigenen Familie verschleppt, Izzys Cousin, der dafür verantwortlich war, war der Junge, den Bobbie liebte, und Isabelles Katze, die sie, kreativ wie sie war, Katze getauft hatte, wurde von Sebastians verrückter Schwester in Bobbies Schrank erhängt. Dazu kam, dass sie sich nun auch noch mit Lukes Selbstmitleid herumschlagen musste, der Isabelle – bildlich gesprochen – hinterrücks erstochen hatte.
   Verrückt war, dass noch zwei weitere Personen in einer ähnlichen Situation steckten. Da wäre Andy, die von Sebastian gefesselt und in ein Verließ im Keller einer Villa gesteckt wurde und nun Halt bei einem Junkie auf Entzug suchte, und Karisma, das einzige Mädchen, das annähernd so hysterisch sein konnte wie sie selbst und ihren Bruder Luke im Moment genauso so sehr hasste wie Bobbie.
   Rasch klemmte sie sich eine Strähne hinters Ohr, als sie den Jungen durch das Fenster sah. Auch andere Gäste drehten sich nach ihm um, so wie sie sich nach Bobbie umgedreht hatten, als sie hereinkam.
   Bobbie konnte es den Gästen nicht verübeln, dass ihre Blicke an Luke hängen blieben. Er war atemberaubend schön. Kein typisches Männermodell, mehr auf mysteriöse Weise. Er war heiß und anziehend. Sein rabenschwarzes Haar sah aus, als würde er schon Stunden draußen im Wind verbracht haben. Sein Blick drückte nur zu gut aus, wie wenig er im Moment hier sein wollte. Obwohl er genervt aussah, waren die markanten, schönen Züge seines Gesichtes zu erkennen.
   Als er die Tür öffnete, wirbelte ein kalter Windstoß Bobbies Haare hoch. Die Frauen im Lokal sahen auf und warteten gespannt ab, zu wem er sich setzen würde. Luke trug nicht länger seinen Wintermantel. Stattdessen hatte er eine schwarze Lederjacke an, die ihm Bobbies Meinung nach wesentlich besser stand. Dazu ein schlichtes weißes T-Shirt, eine dunkle Jeans und Stiefel, die von einem Designer sein könnten. Geschmack hatte er, das musste Bobbie ihm lassen. Auch wenn seine restlichen Eigenschaften momentan echt für die Tonne waren.
   Die Tür schloss sich, und es war wieder windstill. Seine dunklen Haare waren mittlerweile etwas zu lang geworden und seine Haut vom Winter zu blass. Er sieht nicht aus wie siebzehn, überlegte Bobbie. Doch das tat sie auch nicht. Sie hatte noch nie Probleme mit ihrem gefälschten Ausweis gehabt, laut dem sie bereits einundzwanzig war.
   Luke sah müde aus. Kein Wunder. Sie alle hatten seit Tagen kaum geschlafen. Dafür machten sie sich viel zu viele Sorgen.
   Er rieb sich die grünblauen Augen und ließ sich Bobbie gegenüber auf einen Stuhl fallen.
   »Du bist spät dran«, bemerkte sie. »Wo ist Karisma?«
   »Wo ist Sebastian?«, fragte er, statt zu antworten. Bobbie erinnerte sich an ihre Begegnung in der Villa von Nick. Er hatte sie damals getröstet und aufgemuntert, als sie verwirrt und traurig war. Sie hatte ihn für einen netten Kerl gehalten …, also nachdem sie ihn für den Mörder von Isabelles Eltern gehalten hatte.
   Mittlerweile war das anders. Sie konnte ihn nicht mehr ausstehen, denn sie mochte sich nicht ausmalen, wie sehr er Izzy verletzt haben musste. Er hatte sie verraten und zugelassen, dass man sie nach Boston verschleppte.
   Ein netter Kerl war er auch nicht mehr. Er war genauso eine Zicke wie Isabelle, wenn sie schlecht drauf war. Irgendwie konnte Bobbie ja verstehen, was sie in Luke sah.
   »Woher soll ich das wissen?«
   Luke zog eine Augenbraue hoch. »Ich dachte, ihr seid …«
   »Nein!«, unterbrach Bobbie ihn. »Wir sind nicht zusammen.«
   Luke nickte desinteressiert. »Karisma ist mit Christian in Shoemaker Hollow.«
   Nun war es Bobbie, die fragend die Augenbrauen hob. Jedoch sagte sie nichts, denn sie wusste, wie Luke zu seinem Vater stand. Fragen in diese Richtung waren alles andere als erlaubt. »Andy wird nicht kommen.«
   »Warum nicht?«
   »Es wird nicht nötig sein. Wir vertreten dieselbe Meinung, und da keine von uns besonders scharf darauf war, dich zu sehen, haben wir Streichhölzer gezogen.«
   Luke verdrehte die Augen. »Du hast mir besser gefallen, als du mich noch für einen Mörder gehalten hast.«
   Bobbie nickte und lächelte falsch. »Du hast mir auch besser gefallen, als du noch der unschuldige Diner-Junge warst.«
   »War’s das jetzt mit der Feindseligkeit? Wir haben Wichtigeres zu besprechen.«
   »Da hast du ausnahmsweise mal recht.« Seufzend lehnte sie sich vor. »Du willst deine Geschwister zurück und ich Izzy. Glaubst du, sie sind blöd genug, um nach Lost Hollow zurück zu kommen?«
   »Ja, das glaube ich«, sagte Luke und zog vorsichtig Bobbies Kaffeebecher zu sich, als würde er einem Löwen die Beute klauen. »Darauf baue ich sogar.«
   »Dann sagst du also, wir sollen hier herumsitzen und warten, bis sie zur Tür hereinspazieren, damit alles wieder so wird wie vorher?«
   Luke schüttelte den Kopf. »So naiv bin ich nicht. Du allerdings schon, wenn du glaubst, dass Isabelle einfach mit euch zurück nach Hause geht und so tut, als wäre nichts gewesen.«
   Bobbie wurde stutzig. Nachdenklich klopfte sie ihre Fingernägel der Reihe nach auf das Holz. Sie war nie in diesem Labor von Fearless gewesen, aus dem Isabelle und Lukes Geschwister geflohen waren, doch sie glaubte gern, dass es traumatisch war, von seinen eigenen Eltern verkauft zu werden – oder in Izzys Fall nur gezeugt worden zu sein, um ein Medikament zu testen. »Mir ist bewusst, dass sich Isabelle verändert haben wird«, sagte sie realistisch.
   »Das ist nicht alles«, erwiderte Luke. Nun lehnte auch er sich vor, und sie waren sich näher als Bobbie lieb war. »Isabelle wird nicht in Lost Hollow bleiben wollen und ihr habt keinen Grund, zu gehen. Steckt ihr nicht mitten im Abschlussjahr? Und danach? Habt ihr überhaupt schon über ein College nachgedacht? Für Isabelle spielt das alles keine Rolle mehr. Wenn sie klug ist, wird sie es wie Nick machen: Einen Deal mit Fearless aushandeln und sich mit der Abfindung irgendwo am anderen Ende der Welt absetzen. Und wenn nicht, wird sie ständig auf der Flucht sein, so wie wir es sind. Du wirst Isabelle nie zurückbekommen, Bobbie, und das sag ich dir nicht, weil ich dich fertig machen will, sondern weil ich Realist bin.«
   »Du bist Pessimist«, verbesserte Bobbie ihn, doch sie wusste, dass er recht hatte. Wenn sie Isabelle wäre, würde Lost Hollow auch der letzte Ort sein, in dem sie wohnen wollen würde. »Was macht dich dann so sicher, dass sie hier her zurückkommen werden?«
   »Sie haben nichts«, sagte Luke. »Kein Geld, keine Unterkunft, nicht einmal eine Identität, wenn du so willst.« Er lehnte sich wieder zurück und wischte mit einer Serviette sorgfältig Bobbies Lippenstift vom Becherrand. »Entweder werden sie herkommen, um Nicks Villa oder das Blockhaus leer zu räumen, oder sie werden sich in Kentucky niederlassen.«
   »Wieso Kentucky?«, fragte Bobbie verwirrt.
   »Dort bin ich geboren worden. Die Ravens hatten dort eine große Ranch. Ich bin mir sicher, dort gibt es noch ein paar teure Erbstücke.«
   »Raven?«, fragte Bobbie. Scheinbar wusste sie nicht ganz so viel, wie sie gedacht hatte. »Wer soll das sein?«
   »Mackenzie Raven ist mit ihnen geflohen«, sagte Luke genervt. »Sonst noch Fragen?«
   Sie schüttelte rasch den Kopf und seufzte. »Ist das dein Ernst, Luke? Du willst einfach nichts tun? Dann gibst du auf? Schon wieder?«
   »Aufgeben?«, fragte Luke. »Das habe ich nicht. Meine Geschwister sind frei. Das war alles, was ich wollte. Sie wissen, wo sie mich finden.«
   Bobbie schnaubte verzweifelt. Sie konnte Luke einfach nicht verstehen. »Und Isabelle? Ist sie dir egal?«
   Luke schüttelte den Kopf und stand auf. »Ich werde ihr nie wieder in die Augen gucken können.« Er schob den Stuhl an den Tisch und ging. Bobbies Kaffee nahm er mit.
   Mistkerl. Bobbie schloss die Augen und zählte innerlich bis zehn, um sich zu beruhigen. Dieser Kerl war echt unmöglich. Er hatte Isabelle verraten und sah es noch nicht einmal ein. Nein, in seinen verschrobenen Gedanken war Izzy wahrscheinlich die Böse.
   Karisma hatte ihr erzählt, dass Luke glaubte, Isabelle hätte Christian um Hilfe gebeten, obwohl sie wusste, dass Luke seinen Vater nie wiedersehen wollte. Luke musste gestört sein, wenn er glaubte, das würde seinen Verrat rechtfertigen.
   Bobbie bezahlte den Kaffee, den Luke ihr geklaut hatte, und machte sich auf den Weg. Ihr war egal, was Luke vorhatte oder auch nicht vorhatte. Sie wollte handeln, obwohl sie noch nicht wusste, wie. Auch wenn Isabelle andere Vorstellungen hatte … Bobbie wollte ihre Freundin zurück.

*

New York war atemberaubend. Wie echte Touristen hatten sich Isabelle und Mac den ganzen restlichen Tag lang Sehenswürdigkeiten angesehen. Vom Central Park, dem Empire State Building, über die Freiheitsstatue, dem Times Square, bis hin zum Madison Square Garden hatten sie alles abgeklappert. Natürlich besichtigten sie alles nur von außen. Immerhin besaßen sie ja kein Geld. Deshalb waren sie auch zu Fuß durch die Großstadt gelaufen.
   Schlichtweg alle Unterkünfte in der Stadt waren für die Jugendlichen unbezahlbar. Sie schliefen die Nacht über im Auto auf einem Parkplatz vor dem Central Park. Immer je zwei Personen blieben wach, nur für den Fall, dass Beamte auftauchen sollten. Das war auch der Grund, warum sie alle übermüdet waren.
   Isabelle war das recht. Sie konnte sowieso nicht schlafen. Es genügte schon das Schließen ihrer Augen, damit die Bilder wieder auftauchten. All die Personen, die sie verletzt oder zurückgelassen hatte, hatten sich in ihr Gehirn gebrannt. Sie kannte nicht einmal ihre Namen. Ohne zu zögern, wäre sie bereit gewesen, Menschen zu töten, um sich selbst zu retten. Doch das war vorbei. Das Monster, das A3-Stathmin aus ihr gemacht hatte, hatte sich wie ein Phönix in Asche verwandelt und war als neues, unkontrollierbares Monster wiederauferstanden.
   Als die Autotür neben ihr aufging, zuckte Isabelle zusammen. Paranoia war bei ihnen mittlerweile ebenfalls an der Tagesordnung. Wests Gesicht tauchte vor ihr auf, und Isabelle konnte sich gerade noch zusammenreißen. Beinahe hätte sie zugeschlagen.
   West wich zurück und bedeutete Izzy, auszusteigen. Zögernd tat sie es. Leise schloss er die Tür wieder. »Alles bestens«, sagte West, der von seiner Patrouille wiedergekehrt war.
   Isabelle nickte, ohne ihn anzusehen.
   »Abgesehen davon, dass du mich zu hassen scheinst«, sagte er unerwartet. »Darf ich fragen, warum?«
   Isabelle erinnerte sich daran, was Karismas Antwort gewesen war, als Izzy sie gefragt hatte, wieso sie Isabelle nicht leiden konnte. Es dreht sich nicht immer alles um dich. Damals hatte Izzy nicht verstanden, wie Karisma sie hassen konnte, ohne dass Isabelle überhaupt etwas getan hatte, doch nun hatte sie das selbe Problem mit West. Er hatte ihr nichts getan, und doch konnte Isabelle ihn nicht einmal ansehen.
   »Ich hasse dich nicht«, sagte Isabelle kleinlaut. Das stimmte auch, trotzdem fiel es ihr unfassbar schwer, sich in seiner Gegenwart aufzuhalten.
   West seufzte und ging ein Stück in Richtung Park. Langsam trottete Izzy hinter ihm her.
   »Ich weiß«, sagte er. »Ich weiß, dass es wegen Luke ist. Ich trage sein Gesicht.«
   »Aber nicht seine Schuld«, sagte Isabelle. »Es tut mir leid, dass ich mich so albern benommen habe.«
   »Das ist nicht albern«, widersprach West. Er blieb stehen und drehte sich zu Isabelle um. »Vielleicht könnte es sogar hilfreich sein. Du bist sauer auf Luke, und da du nicht wissen kannst, wann du ihn das nächste Mal wiedersiehst, lass es einfach an mir aus.«
   Isabelle hob fragend die Augenbrauen. War das sein Ernst? Wollte er, dass sie ihn anschrie? Isabelle schüttelte den Kopf. »Das, was ich zurzeit für Luke empfinde – was auch immer das sein mag –, hat nichts mit dir zu tun, West. Ich kann nicht einfach mit dir sprechen, als wärst du er.«
   »Ach nein? Denn mich ignorieren, als wär ich er, beherrschst du tadellos.«
   Isabelle rieb sich müde die Augen. Obwohl die Sonne nicht schien, konnte man nicht unbedingt behaupten, dass es dunkel war. Überall flackerten Lichter. Ob es nun die einer Leuchtreklame oder eines Streifenwagens waren. Sie erhellten die Nacht und machten die Sterne von Isabelles Standpunkt aus unsichtbar. Das war der Nachteil einer Großstadt. Sie vermisste die Sterne. Es war nachts einfach zu hell.
   »Hör zu«, sagte West. »Ich will dir nur helfen. Schrei mich an, beschimpfe mich, schlage mich, wenn du mich dann endlich wieder ansehen kannst.«
   Es war ein merkwürdiges Gefühl. Auch Luke hasste sie nicht. Klar, sie war sauer, aber wenn er statt West nun vor ihr gestanden hätte, hätte sie ihn nicht angeschrien. Sie hätte sich distanziert. So wie sie es bei West getan hatte. Nicht, weil Luke und alles, was sie zusammen durchgemacht hatten, ihr egal war, sondern weil sie es einfach nicht über sich brachte. West hatte recht. Er trug Lukes Gesicht. Oder auf jeden Fall trugen sie die selben Gesichtszüge. Wenn Isabelle Luke ansah, war ihre Wut wie weggeblasen. Das war der Grund, weshalb sie West nicht ansehen konnte. Nicht, weil sie sauer auf seinen Bruder war. Es schmerzte, weil sie ihn so sehr vermisste.
   Sie kam sich schwach vor. »Ich werde dich nicht anschreien, West.«
   »Dann sag mir, was ich tun soll, damit du endlich wieder mit mir redest.«
   Das war ja das Traurige. Sie wusste es selbst nicht.
   »Isabelle.«
   Er nahm ihr Gesicht in die Hände und hob es behutsam an, damit er ihr in die Augen gucken konnte. Seine Augen. Das Einzige, was ihn von Luke unterschied. Isabelle vermisste dieses intensive Blaugrün, das sie immer so sehr an den Ozean erinnerte.
   »Sag etwas.«
   Sie schwieg und starrte in diese fremden Augen. Wests warmen Hände, die sanft an ihren Wangen lagen, zitterten. Die Lippen, die ihren nicht fern waren, waren die gleichen wie die, von denen sie noch genau wusste, wie sie sich auf ihren anfühlten. Warm, federleicht, weich und zurückweisend. Luke hatte sie zurückgewiesen.
   West tat es nicht, als sich Isabelle rasch auf ihre Zehenspitzen stellte und die kleine Lücke zwischen ihnen mit einem sehnsüchtigen Kuss schloss.

2

Was ist es mit uns kaputten Menschen, dass es stets die Engel sind, die uns wollen? Das waren Alecs Worte. Isabelle hatte es ihn einmal in der Schule sagen hören, als ein Mädchen ihn nach einem Date gefragt hatte. Es war ihr nicht weiter bedeutsam vorgekommen, und so hatte sie diesen Satz schnell wieder vergessen, doch nun fiel er ihr wieder ein.
   Alec war insofern kaputt, als dass er Drogen nahm und reichlich Alkohol trank. Das Mädchen, das ihn um ein Date gebeten hatte, war, wie sich Isabelle erinnerte, in der Schülerzeitung und in fast jedem anderen schulischen Verein tätig gewesen. Sie war aufrichtig, freundlich und gut in der Schule. Sie war ein Engel.
   Auch Mac war ein Engel, und sie hatte Isabelle einmal gebeichtet, dass sie sich sehr um Luke bemüht hatte, der, wie Isabelle mittlerweile nur zu gut wusste, einer der kaputtesten Menschen überhaupt war. Isabelle gehörte auch zu dieser Kategorie. Sie war kaputt, völlig fertig und ihr Inneres wie verkrüppelt. So fühlte sie sich jedenfalls.
   Wieso also war es ausgerechnet West, der ihren Kuss erwidert hatte? Was ist es mit uns kaputten Menschen, dass es stets die Engel sind, die uns wollen?
   Isabelle wusste es nicht. Der Kuss sollte bestimmt kein Experiment sein, doch er war auch kein Ausdruck ihrer Gefühle. Izzy ließ sich zurück auf ihre Fersen sinken und legte sich eine Hand auf den Mund.
   Sie hatte West geküsst, weil er ihr Luke näher brachte. Das war gemein und egoistisch und das wusste Isabelle, aber da sie nicht glaubte, dass West etwas für sie empfinden würde, fühlte sie sich nicht besonders schlecht.
   Jedenfalls wusste sie jetzt, dass es nicht einmal annähernd dasselbe war, einen Jungen zu küssen, der nur so aussah wie der, den sie … Ja, was eigentlich? Vermisste? Brauchte? Gernhatte? Weiter wollte sie mit ihren Gedanken nicht gehen. Luke hatte klargemacht, was er von Isabelle hielt und wie viel sie ihm Wert war.
   Wieso sollte Isabelle dann mehr für ihn empfinden?
   »Entschuldige«, murmelte sie.
   Die einzige Erklärung, weshalb West sie nicht abgewiesen hatte, war, dass er sie nicht verletzen wollte. Oder vielleicht, dass er drei Jahre in diesem Labor festsaß und auch nur ein Junge war, aber das passte eher weniger zu ihm.
   Seine Augen waren noch geschlossen. Er legte den Kopf in den Nacken und schaute dann in den Himmel, statt zu Izzy. »Das war es also«, sagte er leise. »Du warst nie sauer auf Luke, stimmt’s?«
   Isabelle lachte hysterisch auf. »Doch! Und wie ich sauer auf Luke bin. Aber …«
   Langsam senkte West den Blick, und plötzlich war es kein Problem mehr für Isabelle, ihm fest in die Augen zu sehen.
   »Aber du liebst ihn«, sagte West.
   Isabelle sah Schmerz in seinen Augen. Sie hatte es tatsächlich geschafft, ihn zu verletzen, dabei war es das Letzte, was sie gewollt hatte. Mit zitternder Unterlippe schüttelte sie den Kopf. »Ich weiß nicht, was ich empfinde.«
   »Schon okay«, sagte West, rang sich ein Lächeln ab und wandte sich in Richtung Minivan.
   »West, warte!«
   Geduldig blieb er stehen und drehte sich zu Isabelle um. Dabei hatte sie keine Ahnung, was sie sagen sollte. Sie war sich über ihre Gefühle nicht bewusst. Luke war ihr sehr wichtig, soviel stand fest.
   Auch West mochte sie gern, nur funktionierte das leider nicht so herum. Die kaputten Menschen konnten sich nicht zu den Engeln hingezogen fühlen, denn sie wussten, dass sie ihrer nicht Wert waren.
   Isabelle atmete tief durch. »Ich wollte dich weder benutzen noch verletzen.«
   »Das weiß ich«, sagte West ehrlich.
   »Ich weiß nicht, ob ich überhaupt fähig bin, zu lieben. Möglicherweise muss ich es erst einmal lernen, und wenn das der Fall ist, bin ich mir sicher, dass Luke der Letzte ist, der es mir beibringen könnte.«
   West kam auf Isabelle zu, bis er wieder so nah vor ihr stand, dass sie seine Körperwärme spürte. Sie glaubte sogar, sein Herz furchtbar schnell schlagen zu hören. Wann hatte ihr Herz das letzte Mal so schnell geschlagen?
   »Ich bin dir nicht böse, Izzy. Versuch, dir über deine Gefühle klar zu werden. Alles, was ich dir sagen kann, ist, dass Liebe nicht erlernt wird. Sie wird hervorgerufen. Du wirst wissen, was ich meine, wenn es so weit ist. Da ist dieser eine bestimmte Moment, der dich lieben lässt, und du wirst diesen Moment in deinem ganzen Leben nicht mehr vergessen.« Sanft fasste West ihr Kinn mit Zeigefinger und Daumen und küsste ihre Stirn.

Isabelle hatte furchtbare Schuldgefühle. Ihre Gefühle waren also doch nicht so weit abgestumpft, wie sie gedacht hatte. Sie kämpfte, ohne zu zögern, doch Menschen zu verletzen, die sie mochte, tat ihr selbst weh.
   Ben wusste genau, wo sich seine Jungs aufhielten. Jedenfalls behauptete er das. Isabelle hatte allerdings mittlerweile das Gefühl, dass sich Ben etwas vormachte. Sie liefen seit gefühlt drei Stunden durch East Village und Ben tat noch immer so, als hätten sie sich nicht verlaufen.
   »Jamies Cousin hat hier ein Café. Ganz sicher sind sie dort. So war es abgemacht.«
   »Das ist ja schön, aber wo ist dieses blöde Café?« Isabelle sah sich um. Da war eine Bar und noch eine Bar, ein paar Restaurants und – na, so was – noch eine Bar. »Bist du sicher, dass wir im richtigen Viertel sind?«
   »Ja, ganz bestimmt. Ich glaube, wir müssen hier links!«
   Isabelle kniff die Augen zusammen und las das Schild. »Das ist ein Zahnarzt, Ben.«
   »Verdammt«, fluchte er.
   Sie seufzte. »Okay. Wie heißt das Café überhaupt?«
   »Der krumme Baum.«
   Überrascht runzelte die Stirn. »Und das gehörte nicht zur Wegbeschreibung? So wie, bei dem krummen Baum musst du rechts?«
   »Nein«, sagte Ben genervt. »Es ist hier irgendwo. Ich bin mir sicher.«
   Isabelle stöhnte. »Ich frage jetzt jemanden.« Sie ging ein paar Schritte vor und hielt einen attraktiven, dunkelhäutigen, jungen Mann an, der gerade mit einer Zeitung aus einem Kiosk kam. »Entschuldigen Sie? Wissen Sie vielleicht, wo das Café Der krumme Baum ist? Unsere Freunde sagten uns, es sei hier irgendwo in der Nähe.«
   Der Mann lächelte, und seine strahlend weißen Zähne kamen zum Vorschein. »Aber ja. Das Café gehört mir.«
   »Tatsächlich?« Isabelle lächelte erleichtert und warf Ben einen vielsagenden Blick zu. »Dann sind Sie Jamies Cousin?«
   »Der bin ich. James.« Er reichte Isabelle die Hand, und sie stellte sich ebenfalls vor. Nachdem sich auch Ben mit ihm bekannt gemacht hatte, führte James die beiden in ein kleines Café auf der anderen Straßenseite.
   Bens Jungs, die mittlerweile in dem Café zu arbeiten schienen, kamen erfreut auf sie zu. Jake, der einzige Mensch, dessen Haut weißer war als die von Isabelle, verwuschelte streitfreudig ihre Haare. »Iz! Schön, dich lebend zu sehen, Kleine. Lass mal sehen, deine Kriegsnarbe.«
   Isabelle lachte und schob ihre Haare zurück, damit Jake die Naht begutachten konnte.
   »Puh, Ben. Da hast du ja Glück, dass dir das Mädchen nicht weggestorben ist.«
   »Halt die Klappe«, kommentierte Ben, dem es noch immer nahe ging, dass er sie beinahe umgebracht hatte.
   »Ihr arbeitet also?« Sie lächelte matt. »Ihr scheint es wirklich geschafft zu haben.«
   Jamie sah erleichtert aus, als er nickte. »Wir sind frei, und das haben wir euch zu verdanken.«
   Ach echt? Isabelle fühlte sich nämlich nicht im Geringsten frei. Wie hatten es die Jungs geschafft, so schnell zur Normalität zurückzukehren?
   »Izzy?«, fragte Ben. »Bist du sicher, dass du nicht hierbleiben willst?«
   »Ich habe noch ein Versprechen einzuhalten«, erwiderte Isabelle. »Wer weiß, vielleicht komme ich dann ja wieder.«
   »Und bis es so weit ist«, sagte James vom Tresen aus. Er schnappte sich eine Serviette und schrieb mit einem Kugelschreiber etwas darauf. »Hier. Das ist die Nummer vom Café. Du kannst jederzeit anrufen, wenn du die Jungs sprechen willst.«
   »Danke schön.« Isabelle lächelte abgelenkt, denn ihr Blick hatte sich bereits auf das Telefon fixiert. »D-Dürfte ich es vielleicht einmal benutzen?«, stotterte sie.
   »Klar, nur zu.«
   Isabelle war nie gut darin gewesen, sich Nummern zu merken. Handynummern hatte sie in ihrer Kontaktliste eingespeichert, und ein Festnetztelefon benutzte sie so gut wie nie. Allerdings gab es eine Nummer, die sie auswendig kannte. Ihre eigene. Isabelle hatte keine Ahnung, wo sie ihr Handy das letzte mal gesehen hatte oder wo es jetzt liegen könnte, aber sie musste es versuchen.
   Rasch wählte sie die Nummer und klammerte sich gespannt an den Hörer. Es klingelte, also war ihr Handy tatsächlich an. Plötzlich blitzte ein Bild in ihrer Erinnerung auf.
   Isabelle und Luke tauschten einen Blick. Er wollte sie nach Waffen absuchen. Da er sie wohl kaum abtasten würde, nickte Isabelle und lächelte zuckersüß. Rasch schob sie Luke ihr Handy unter. Er steckte es ein.
   Da hatte sie ihr Handy das letzte Mal gesehen. Nun war sie sich nicht mehr so sicher, ob sie wollte, dass jemand ranging. Doch sie war nicht naiv genug, um einfach wieder aufzulegen.
   »Hallo?« Isabelle war extrem erleichtert, eine weibliche Stimme zu hören. Sie war so glücklich, dass sie keinen Ton herausbrachte. »Izzy? Sag mir bitte, dass du es bist!«
   »Karisma?«
   Sie hörte das Mädchen lauthals kreischen. »Izzy! O mein Gott. Ich bin so froh, deine Stimme zu hören! Wo bist du? Wir haben mitbekommen, dass mehrere Testpersonen aus dem Labor fliehen konnten und dass du ins Krankenhaus gebracht werden musstest. Wie um alles in der Welt, bist du da wieder rausgekommen?«
   »Ich bin auch froh, dich zu hören, Kar. Ich bin in New York. West, Cole und Mac sind auch hier.«
   »Wirklich? Kann ich sie sprechen?«
   »Na ja, sie sind nicht hier bei mir. Tut mir leid. Sie warten ein paar Straßen weiter auf mich. Aber ich werde mein Versprechen halten, Karisma. Wir fahren gleich los nach Pennsylvania. Spätestens morgen sind wir in Lost Hollow, also rühr dich nicht vom Fleck, verstanden?«
   Karisma lachte. »Keine Sorge. Mein Gott, ich bin dir so dankbar, Isabelle. Wie geht es den anderen?«
   »Gut. Sehr sogar. Sag mal, war Cole schon immer so gesprächig?«
   Wieder lachte Karisma. Sie klang so glücklich, was wiederum Izzy glücklich machte. »Ich vermisse ihn. Sag ihm das bitte. Beeilt euch! Ich kann es kaum erwarten, euch wiederzusehen. Wenn ihr in West Virginia seid, solltet ihr zu erst zu Bobbie oder zu Andy. Sie wissen, wo ihr uns findet.«
   »Wie geht es den beiden?«
   »Sie erholen sich, aber gesundheitlich geht es ihnen gut.«
   »Kar, ich muss jetzt auflegen. Wir sehen uns morgen, ja?«
   »Auf jeden Fall! Grüß alle und sag ihnen, wie sehr ich sie liebe.«
   »Mach ich.« Isabelle lächelte. »Mach’s gut!«
   Isabelle legte auf und sah zu den Jungs. Ihr Lächeln konnte sie nicht verbergen. Sie war verdammt erleichtert, dass es allen gut ging.
   »Sie sind noch in Lost Hollow?«, fragte Ben.
   Izzy nickte.
   »Dann solltest du dich schnell auf den Weg machen.« Rasch zog er Isabelle an sich und drückte sie fest. »Man sieht sich immer zweimal im Leben, stimmt’s?«
   »Stimmt«, sagte sie und ließ sich gegen ihn sinken. Ben roch frisch nach Seife und Zitrone. Sie vergrub ihr Gesicht in seiner Halsbeuge und hätte ihn am liebsten nie mehr losgelassen.
   »Und wenn du Luke siehst«, sagte er und sah Isabelle an, »hau ihm so fest du kannst eine rein, verstanden?«
   Isabelle lachte erstickt auf. »Danke für alles, Ben.«

Cole hatte nie gelernt, ein Auto zu fahren, und Isabelle war zwar furchtlos, aber das hieß nicht, dass sie sich durch eine Fahrt mit Mac oder West als Fahrer leichtsinnig umbrachte.
   Da sie also die Einzige mit einem Führerschein war, musste sie das Fahren übernehmen. Isabelle war schon immer eine gute Fahrerin gewesen und jetzt, da sie nicht mehr von dem Medikament beeinflusst wurde, gab es auch keine Zwischenfälle mehr, die einen Unfall verursachen könnten.
   Mac war auf dem Beifahrersitz eingeschlafen, und ein Blick in den Rückspiegel verriet Izzy, dass auch West und Delilah schliefen. Sie fuhren bereits seit vier Stunden auf der Interstate, und auch Isabelle wurde langsam müde.
   »Hast du Hunger?«, fragte Isabelle und hielt Ausschau nach der nächsten Ausfahrt. »Cole? Hast du Hunger?«, wiederholte sie, da Cole gedankenverloren aus dem Fenster sah und es gut möglich war, dass er sie nicht hörte.
   Seufzend legte er seinen Kopf nach hinten und sah Izzy über den Rückspiegel in die Augen. Rasch blinzelte Isabelle und sah wieder auf die Straße. Cole hatte die selben dunkelblauen Augen wie sein Bruder.
   »Ja«, sagte Cole schließlich.
   Es war immer wieder merkwürdig, seine Stimme zu hören, weil er so selten sprach. Dabei hatte er eine sehr schöne Stimme. Eine Mischung aus dem Melodischen von West und dem Ernsten, Nachdenklichem von Luke. Dazu kam das Zickige von Karisma.
   »Yo!« Isabelle pustete Mac an, in der Hoffnung sie möglichst sanft zu wecken. Sogar im Schlaf sah sie wunderschön aus. Ihr Kopf war an die Scheibe gelehnt und eine rotblonde Strähne ruhte auf der ebenmäßigen Haut ihrer rosigen Wange.
   Cole schnaubte. »Um die zu wecken, brauchst du einen Presslufthammer.«
   »Großartig«, murmelte Isabelle. »Scheiß drauf, wenn ich nicht bald einen Kaffee kriege, kann ich nicht weiterfahren.« Sie nahm einfach die nächste Ausfahrt. »Halt die Augen nach einem Drive-in offen.«
   Cole sah wieder aus dem Fenster. »Wo sind wir überhaupt?«
   »Ich glaube, um die fünf Meilen von Danville entfernt.«
   »Da!« Cole kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können.
   »Kein Drive-in«, erkannte Isabelle.
   »Ist doch egal. Dann gehen wir rein und holen was zum Mitnehmen.«
   »Und die anderen lassen wir einfach …«
   »Ich komm mit«, schrie Delilah plötzlich.
   Isabelle zuckte zusammen und riss fast das Lenkrad herum. »Großer Gott … Seit wann bist du denn wach?« Sie fuhr auf den Parkplatz von dem Fastfood Restaurant und sah nach hinten, als sie hielt. »Geht ihr rein. Ich warte hier.«
   Als sie Cole ein Portmonee reichte, sah er sie verwirrt an. »Wo hast du das her?«
   »War in der Jacke, die Ben und ich in der U-Bahn gefunden haben.«
   »Mhm«, grummelte Cole und stieg aus. »Gefunden …« Mit einem Knall flog die Tür hinter ihm zu.
   Isabelle verstand wirklich nicht, was sie für ein Problem hatten. Wenn die Leute, die sie beklauten, ihre Situation kennen würden, würden sie ihnen die Sachen sicherlich freiwillig geben. Sie brauchten es bestimmt dringender als die beklauten Personen. Und bald, wenn sie Lost Hollow erreicht hatten, sollte es ja sowieso vorbei sein mit den Diebstählen.
   Dabei hätte Isabelle nie gedacht, dass es so einfach war, ein Auto, dass nicht abgeschlossen war, kurzzuschließen. Wie oft hatte sie ihren Wagen einfach kurz stehen lassen, weil sie eben was holen wollte? Jetzt wusste sie es besser.
   Seufzend lehnte sich Isabelle zurück und trommelte ungeduldig auf dem Lenkrad herum. Sie war so müde. Wann hatte sie das letzte Mal richtig geschlafen? Isabelle brauchte Koffein und zwar schnell. Besonders hungrig war sie gar nicht.
   Forschend warf sie einen Blick auf Mac. Sie hätten in New York bei einem KFC vorbeischauen sollen. Auch sie hätte mal wieder Lust auf ein paar Chicken Wings gehabt.
   Isabelle lehnte sich wieder vor, um den Eingang im Blick zu haben. Ein grauer Ford Exception kam langsam auf den Parkplatz getuckert und raubte ihr die Sicht. Genervt verdrehte sie die Augen. Was sollte das? Hier waren noch dutzende Parkplätze frei, aber nein, die mussten genau vor dem Eingang parken.
   Es stiegen zwei Personen aus. Ein Mann und eine Frau, die Isabelle auf Anhieb bekannt vorkamen. Sie konnte sich jedoch nicht erinnern. Isabelle war sich ganz sicher, dass sie vor allem den Mann irgendwoher kannte. Er war groß, relativ jung und hatte kinnlange, dunkle Haare. Denk nach! Dass sie mit den beiden Personen Gefahr verband, half ihr leider auch nicht weiter.
   Doch dann tauchte ein Bild in ihrem Kopf auf. Der schwarze Mustang Fastback. Die beiden hatten versucht Isabelle zu töten! Damals hatte sie geglaubt, Fearless hatte sie auf Izzy gehetzt, doch Lockwood hatte ihr beteuert, dass das nicht der Fall war. Und wenn doch? Sie musste Cole warnen.
   »West!« Sie schnappte sich das Nächstbeste, was sie zu greifen bekam – ein Feuerzeug – und warf den Jungen damit ab. »West! Wach auf!« Sie traf ihn voll am Kopf, und West schreckte hoch. »Los! Du musst ans Steuer! Und halt dich bereit.«
   »Was? Wie…«
   »Keine Zeit«, schrie Isabelle und sprang aus dem Wagen. Die lange Strickjacke, die sie trug, war ihr zu groß und störte sie bei jeder Bewegung. So schnell sie konnte, rannte sie zum Eingang. Der Mann zückte schon seine Waffe, und da bemerkte Isabelle, dass sie rein gar nichts zum Kämpfen hatte. Bei ihrer Flucht hatte sie zwar zwei Beamten die Pistole wegnehmen können, aber die lagen noch im Auto.
   Was brachte es ihr, dass sie nun in Stresssituationen nachdenken konnte, wenn sie es verdammt noch mal nicht tat?
   Isabelle ärgerte sich über sich selbst, aber sie hatte keine Zeit, wieder zurückzurennen. Ihr war nicht wohl dabei, doch sie wusste sich nicht anders zu helfen und so riss sie die Kette von ihrem Hals. Sie bestand aus kleinen metallischen Kugeln, die alle miteinander verschweißt waren. »Tut mir leid«, murmelte sie leise und damit meinte sie bestimmt nicht die beiden Personen, die es in diesem Moment auf Cole abgesehen hatten.
   Sie stießen die Tür auf und der Mann hob seine Waffe. Isabelle sah sofort, dass er auf Cole zielte. Delilah war so klein und unscheinbar, dass er sie wahrscheinlich nicht wahrnahm.
   »Cole, pass auf«, schrie Isabelle, machte einen Satz nach vorn und hoffte inständig, dass die Kette nicht nachgab. Sie schlang sie um den Hals des Mannes, wickelte sich das Ende um die Hand und riss den Kerl mit zu Boden. Währenddessen fielen drei schnell aufeinander folgende Schüsse.
   Schon beim ersten Schuss kreischten die Leute alle vor Angst auf, weshalb Isabelle nicht sagen konnte, ob jemand getroffen wurde. Die Waffe schlitterte über den Boden. Schnell drückte Izzy den Mann runter und setzte sich rittlings auf ihn. Sie legte die Kette enger um seinen Hals, und er keuchte erstickt auf.
   Dafür, dass Cole ziemlich perplex sein musste, reagierte er schnell. Gleichzeitig mit der Frau, die Isabelle bei ihrer letzten Begegnung so gnadenlos in den Magen getreten hatte, sprang er vor und griff nach der Waffe.
   Der Mann unter Isabelle versuchte, sich zu währen, doch da er auf dem Bauch lag, war das für ihn nicht so einfach. Mit den Händen versuchte er die Kette zu greifen zu bekommen, doch sie schnitt ihm schon so tief in den Hals, dass er nur verzweifelt seine Haut aufkratzte.
   Es war die Frau, die den Kampf um die Pistole gewann. Sie klammerte sich daran, als wäre es ihr Lebenselixier, und richtete sich schnell wieder auf. Cole blieb am Boden und kickte der Frau mit einer Bewegung, die irgendwie nach Breakdance aussah, die Beine weg.
   Der Mann hatte aufgehört zu kämpfen. Er war tot. Nur kurz zögerte Isabelle bei dem Gedanken, was sie gerade getan hatten, dann befreite sie den Toten von der Kette und legte sie sich wieder um den Hals.
   Die Frau knallte hart auf den Boden. Als sie sich wieder aufrichten wollte, trat Isabelle ihr in die Rippen. »Wie du mir, so ich dir.«
   Sie riss die Pistole hoch, doch Cole beförderte die Waffe mit einem schnellen Tritt gegen das Handgelenk der Frau zu Boden. Als Isabelle sich sie schnappte, wandte sich Cole plötzlich ab. Izzy pustete sich eine Strähne aus dem Gesicht und zog die Frau wütend auf die Füße. »Wer seid ihr, und was wollt ihr von uns?«
   Die Frau hatte Blut am Mundwinkel und als sie ihren Mund aufmachte, schimmerten auch ihre Zähne rot. »Sie hat uns gewarnt, dass ihr Monster seid …«
   »Wer?«, fragte Isabelle. »Rede!«
   Zur Antwort spuckte sie Isabelle ins Gesicht. »Abschaum!«, beschimpfte sie sie. »Monster, Unmenschen, Mist-«
   Isabelle unterbrach sie, indem sie ihr den Kolben der Pistole gegen die Schläfe donnerte. Sofort sackte die Frau zusammen. Izzy wischte sich angewidert die Mischung aus Blut und Speichel aus dem Gesicht und drehte sich um. Wieder schrieen ein paar Gäste auf. Sie haben Angst vor mir, realisierte Isabelle. Am liebsten hätte sie ihnen versichert, dass nicht sie die Böse war, doch sie bezweifelte, dass das was ändern würde.
   Bestimmt hatte schon einer die Polizei gerufen. Sie mussten hier schleunigst weg. Ihr Blick streifte einmal durch das Restaurant und plötzlich hielt sie inne. Drei Schüsse. Ein Treffer. Nein. Nein. Nein, nein, nein, bitte nicht. Das ist unfair. Das ist so unfair.
   Sie schluckte und starrte Cole an, der das Mädchen sanft auf seine Arme hob. »Sie wird nicht sterben«, sagte er fest, obwohl ihr vollkommen durchgebluteter Pullover etwas anderes erahnen ließ. Vollkommen neben der Spur folgte Isabelle Cole nach draußen. Er bewegte sich schnell, aber vorsichtig.
   »Warte«, sagte Isabelle, als sie das Auto erreichten. Sie nahm ihm Delilah ab und bedeutete ihm, sich reinzusetzen. Dann legte sie das junge Mädchen in seinen Schoß und kletterte vorsichtig neben ihn. »Fahr«, sagte sie zu West. »Fahr vorichtig.«
   »Sie schafft es«, sagte Cole leise.
   Isabelle betrachtete den blassen, kleinen Körper. Sie schaffte es nicht, denn sie war bereits tot.

Es war ein großer, dichter Wald vor Danville, den Isabelle seit einer halben Stunde im Dunkeln absuchte. Sie wollte schon aufgeben, als sie ein Rascheln hörte und ihr ein paar Blätter auf den Kopf segelten. Zum ersten Mal in dieser halben Stunde kam sie darauf, mal nach oben zu schauen. Cole saß rittlings auf einem Ast und schaute nach oben in den Sternenhimmel, den Kopf am Baumstamm gelehnt. Isabelle kletterte auf einen niedriger gelegenen Ast – vielleicht zwei Meter vom Boden entfernt. Sie erreichte nun Coles Höhe mit den Fingern und zog sich zu ihm hoch.
   »Ich verstehe nicht, wie sich manche Menschen vor der Höhe fürchten können«, sagte sie und sah nach unten in den Schnee. »Ich liebe dieses Gefühl. Es ist wie in einer Achterbahn, kurz bevor es steil nach unten geht.«
   »Ich bin noch nie Achterbahn gefahren.«
   »Echt nicht? Dann hast du auf jeden Fall was verpasst.«
   »Tja …«
   »Das Loch ist jetzt tief genug. Bist du sicher, dass du …?«
   »Lass gut sein, Iz.«
   Sie seufzte. »Kann ich dich was fragen? Du musst auch nicht antworten … Wieso Delilah? Ich meine, du hast mit niemanden geredet, seit ich im Labor war. Wieso Delilah?«
   Cole ließ sich lange Zeit. Isabelle dachte schon, er würde nichts mehr sagen.
   »Ich hasse meine Geschwister«, sagte er irgendwann leise. »Alle, bis auf Karisma. Ich kann dir nicht einmal sagen, wieso. Du solltest Luke mittlerweile gut genug kennen. Er sorgt ja geradezu dafür, dass man ihn hasst.«
   »Okay, aber West?«
   »Ich habe euch gesehen, wusstest du das? In New York. Ich war wach. Du hast ihn geküsst, und ich weiß, dass du es wegen Luke getan hast, auch wenn ich nicht verstehe, warum. West hat es auch gewusst. Ich hasse ihn, weil er lügt. Er tut es, um andere nicht zu verletzen, aber ich finde es besser, wenn man ehrlich ist. Karisma war immer ehrlich. Außerdem behandeln West und Mac mich immer wie ein Kleinkind. Sie wollen nur das Beste für mich. Das kotzt mich an. Karisma war nie so. Wir haben uns mehr wie Zwillinge verhalten als Luke und West.«
   »Und Delilah hat dich an sie erinnert«, sprach Isabelle aus, was sie schon vorher vermutet hatte.
   »Sie ist genau wie Karisma, als wir noch jung waren.« Und da sah Isabelle Cole das erste Mal lächeln. Es war so ansteckend, dass sie es gleich erwiderte.
   »Ihr seid in Kentucky aufgewachsen, stimmt’s?«, sagte Izzy, um seine Gedanken von dem toten Mädchen abzulenken. »Alles, was ich als Kind hatte, war ein Wald.«
   Nun lachte Cole sogar kurz. Es klang wahnsinnig aufrichtig und plötzlich sah Isabelle den Jungen mit ganz anderen Augen. Er war nicht mehr traurig, still, verbittert. Nein, Cole konnte strahlen und verdammt glücklich sein, wenn er an die Menschen dachte, die er liebte.
   Isabelle lächelte ihn sanft an.
   »Wir hatten auch nicht mehr als endlose Felder. Unsere Familie hatte noch nie wirklich viel Geld und so was, aber wir waren glücklich, verstehst du? Meine Eltern hatten kein Recht, das zu tun.«
   Isabelle atmete tief durch. »Dieser Satz ist in den letzten Wochen zu meinem Mantra geworden, Cole.«
   »Scheiße«, zischte er und sprang dann unerwartet in Tiefe.
   Isabelle musste grinsen. »Was hast du vor?«
   »Sie hätte gewollt, dass ich zu ihrer Beerdigung gehe. Glaubst du nicht?«
   »Doch«, sagte Isabelle entschlossen und sprang ihm hinterher. »Möglicherweise brauchen wir allerdings noch ein bisschen, um wieder aus diesem Wald zu finden.«
   »Ich habe ein ziemlich guten Orientierungssinn«, sagte Cole und ging voran.
   Isabelle trödelte in einem gewissen Abstand hinterher, um ihm ein wenig Zeit zu lassen. In gewisser Weise hatte er seine Schwester bereits vor ein paar Monaten verloren, und nun mit dem Tod von Delilah musste es für ihn sein, als würde er wieder einen Teil von ihr verlieren.
   In der Dunkelheit waren Mac und West nur Schemen, die vor einem Haufen Erde standen. Cole gesellte sich zu ihnen. Brüderlich legte West ihm eine Hand auf die Schulter, und Cole ließ es zu. Er stützte sich sogar kurz an seinen Bruder.
   Isabelle sah sich nach irgendwas um, was sie auf das Grab legen konnte. Rund um einen dicken Baumstamm herum wuchsen ein paar weiße Schneeglöckchen, die Izzy für den Anlass perfekt erschienen. Sie pflückte vier von ihnen und verteilte sie an die Trauernden.
   Niemand sagte etwas. Schweigend legten sie die Blumen auf Delilahs Grab. Wie hätten sie auch etwas sagen können? Sie hatten das Mädchen so gut wie gar nicht gekannt. Es war wirklich unfair. Delilah hatte eine Chance gehabt, einen Entzug zu überleben. Sie hätte frei sein können, und nun war sie es, die sterben musste.
   Mac wandte sich zum Gehen und West bedeutete Isabelle, sie zu begleiten.
   »Hat er mit dir geredet?«, fragte West, als sie außer Coles Hörweite waren.
   »Ja«, sagte Isabelle. Sie schaute über ihre Schulter zu Cole, der sich nun auch in Bewegung setzt.
   »Was hat er gesagt?«
   »Nichts Besonderes. Hör mal, wenn wir nicht bald an A3-Stathmin kommen, dann werden die Entzugserscheinungen anfangen. Ich finde, wir sollten sofort los und bis nach Lost Hollow durchfahren.«
   »Wir sind gerade erst vier Stunden durchgefahren«, sagte West und sah sie unsicher an. »Glaubst du, du packst noch einmal das Doppelte?«
   »Klar«, log sie. »Ich bin nicht müde.«

3

Nach drei weiteren Stunden erreichte Isabelles Müdigkeit das höchste Level. Sie wusste nicht, wann sie das letzte Mal was gegessen hatte, und durstig war sie auch. Aber ihr Drang nach Schlaf war unerträglich. Die perfekte Lösung war ein Kaffee. Izzy brauchte Kaffee und zwar dringend.
   »Ein paar Meter von der Interstate hier ist ein Starbucks.« Sie wäre West fast vor Freude um den Hals gefallen.
   Halleluja. Isabelle nahm die nächste Ausfahrt nach Winchester. Kaffee, ich komme.
   West hatte recht, wenn man die Interstate verließ, sah man schon direkt das leuchtende Starbucks-Schlid. Während West und Cole auf den Wagen aufpassten, gingen Mac und Izzy in den Laden. Diesmal jedoch bewaffnet. Isabelles Strickjacke verbarg die Pistole ganz gut.
   Allein der Geruch der Kaffeebohnen beflügelte Izzy. Am liebsten hätte sie losgeheult, als Mac sie zuerst mit auf die Toilette schleifte. Sie wollte doch einfach nur einen Kaffee.
   Sie standen nebeneinander vor dem Spiegel, und Isabelle hoffte, dass man ihr nicht ansah, wie sehr sie erschrak. Während Mac wie immer strahlte wie ein Model, sah Izzy einfach nur schrecklich aus.
   Mac hatte ihre langen rotblonden Haare zu einem Zopf zusammengebunden, sodass ihre perfekten Gesichtszüge zur Geltung kamen. Wenn man Mac ansah, fielen einem als Erstes ihre dunkelbraunen Augen auf, ihre hohen Wangenknochen kamen direkt danach. Sie hatte auch eine hübsche Nase, volle Lippen und perfekt geschwungenen Augenbrauen, aber die standen eher im Hintergrund.
   Isabelle hingegen war schrecklich blass, was ihre blutroten Narben nur hervorstechen ließ. Ihre grünen Augen schienen in ihrem zierlichen Gesicht nahezu riesig, und ihre glanzlosen Haare rahmten schlaff ihr Gesicht. Außerdem war sie in den letzten Wochen verdammt dünn geworden. Sie hatte zwar auch an Muskeln zugelegt, doch das spürte sie mehr als man es sah.
   Das einzig Gute: Von der Wunde auf ihrer Wange sah man nur noch einen blassen Strich. Ein K konnte man daraus nicht mehr erkennen. Auch wenn sie es Ky nicht mehr übel nahm, wollte sie nicht mit seinen Initialen im Gesicht herumlaufen.
   Mac stützte sich an das Waschbecken und starrte ihr Spiegelbild an. »Eine Stunde noch.« Sie seufzte und fasste sich an die Kette um ihrem Hals. Ein schüchternes Lächeln huschte ihr über die Lippen. »Irgendwie bin ich aufgeregt. Das ist so albern.«
   Isabelle lächelte über den Spiegel zurück. »Ich bin einfach nur erleichtert.«
   »Wenn ich ehrlich bin, habe ich geglaubt, dass du in New York bei Ben bleiben würdest.«
   »Tatsächlich? Warum?«
   Mac zuckte die Achseln und richtete sich wieder zu ihrer vollen Größe auf. »Ihr habt euch gut verstanden, und nach dem, was Luke dir angetan hat, hätte ich es nachvollziehen können, wenn du ihn nie wiedersehen wollen würdest.«
   »So ist es nicht«, murmelte Isabelle. »Er hat auch euch zurückgelassen.«
   »Klar, aber das war ja auch der Plan. Raus schafft es der, der es schafft. Die es nicht schaffen, werden zurückgelassen und später befreit. Das war die Abmachung. Ich dürfte nicht sauer auf ihn sein.«
   »Bist du es denn?«
   »Vielleicht ein bisschen. In erster Linie freue ich mich, ihn wiederzusehen.«
   Isabelle sah von Macs Spiegelbild zu ihrem eigenen und wieder zurück. Sie hatte schon vorher aus Macs Worten herausgehört, dass sie in Luke verliebt gewesen war, doch Isabelle hatte nie in Erwägung gezogen, dass Luke diese Gefühle erwidert haben könnte. Vielleicht waren sie ja sogar zusammen gewesen. Isabelle sah, wie sie rot wurde und wandte sich vom Spiegel ab.
   Das erklärte so einiges. Karisma hatte Luke einmal vorgeworfen, dass er Mac nicht weniger vermissen würde, wenn er sie ersetzte. Nun verstand sie auch, dass Karisma sie anfangs nicht mochte. Mac war ihre beste Freundin und da wollte sie bestimmt nicht, dass Izzy ihr den Freund ausspannte. Oh, Gott … Hätte sie das nur eher gewusst.
   Isabelle presste ihre Lippen zusammen. »Liebst du ihn noch?«, wagte sie zu fragen.
   Mac zögerte, doch dann nickte sie. »Ich habe nie aufgehört, Luke zu lieben.«
   Rasch wandte Isabelle den Blick ab. Was ist es mit uns kaputten Menschen, dass es stets die Engel sind, die uns wollen? Schuldgefühle ergriffen sie. Isabelle hatte Macs Freund geküsst. Sie dankte Gott dafür, dass Karisma das nicht gesehen hatte.
   »Also dann.« Mac seufzte. »Holen wir den Kaffee und dann ab nach Hause.«
   Doch es war nie ihr Zuhause gewesen. Lost Hollow gehörte nicht Mac. Genauso wenig, wie Luke ihr gehörte. Isabelle hasste sich für die Spur von Eifersucht, die in ihr aufkam. Sie hatte Luke nie etwas bedeutet. Er hatte sie benutzt, um seine Freundin wiederzubekommen.
   Isabelle musste sich daran erinnern, dass Mac nichts dafür konnte. Sie hatte nie von Izzys Gefühlen zu Luke gewusst. Sie selbst war sich nicht sicher, was ihre Gefühle zu Luke anging, doch von jetzt an durften sie nicht mehr existieren.
   Mac und Izzy holten den Kaffee für sich und die Jungs und kehrten zum Auto zurück. Das Getränk machte sie nicht wirklich wacher, aber ihr Kopf war nun so leer, dass es Izzy leicht viel, sich auf die Straße zu konzentrieren.
   Nur noch eine Stunde.

Karisma hatte gesagt, sie sollte sich bei Bobbie oder Andy melden, wenn sie Lost Hollow erreichte. Isabelle parkte das Auto kurz vor Lost City und sie legten den Rest des kurzen Weges zu dem Haus von Bobbie zu Fuß zurück.
   Isabelle hatte zwar behauptet, dass sie einfach nur erleichtert war, wieder hier zu sein, doch das stimmte nicht. Lost Hollow war in Wahrheit der letzte Ort, an dem sie sein wollte. Die Idee, bei Ben und seinen Jungs in New York zu bleiben, erschien Isabelle plötzlich nicht mehr so schlecht. Sie hatte nichts, was sie in ihrem Heimatdorf hielt. Ihre Freundinnen waren besser ohne sie dran, ihre Familie jagte Isabelle, und Luke hatte eine Freundin, die ihn über alles zu lieben schien.
   Warum also sollte sie länger als nötig bleiben?
   Vor der Einfahrt bedeutete sie den anderen, zu warten, und ging allein zur Haustür. Überraschenderweise machte Bobbies kleiner Bruder die Tür auf. Isabelle hatte Sasha schon ewig nicht mehr gesehen. Sie grinste schief. »Hey, Kumpel.«
   »Hi, Izzy. Wie geht’s?« Er wollte ihr machomäßig zunicken, doch mit seiner schiefen Brille und den blonden Locken sah das sehr süß aus.
   »Jetzt wo ich dich sehe, besser.«
   Bobbie lief schnell die Treppe runter. »Das ist ja widerlich. Komm schon, Iz, er ist neun. Ich bin mir sicher, dass das verboten ist.«
   Isabelle lachte. »Ich warte auf dich, Sasha.«
   »Das will ich doch hoffen.«
   »Verschwinde.« Bobbie schubste ihn am Kopf in Richtung Treppe, woraufhin er ohne weiteren Protest nach oben lief.
   »Was? Du darfst mit meinem Cousin flirten, aber dein Bruder ist Tabu?«
   Bobbie grinste breit, was ihr wirklich gut stand. »Halt die Klappe«, sagte sie und fiel ihr um den Hals. »Ich bin so froh, dass es dir gut geht.«
   »Gleichfalls.« Isabelle erwiderte die Umarmung. »Hat Karisma dir erzählt, dass ich angerufen habe?«
   »Ja, hat sie. Es ist so viel passiert.« Bobbie löste sich von ihr und sah Izzy fest an. »Sebastian behauptet, die Seiten gewechselt zu haben, und ich hasse Luke übrigens wieder. Außerdem … Izzy, Ivana war hier.«
   »Was?« Isabelle starrte ihre Freundin entsetzt an. »Hast du sie gesehen? Hat sie dir was getan?«
   Bobbie schüttelte den Kopf. »Ich hab sie nicht gesehen, aber sie war hier im Haus und … und sie hat Katze umgebracht.«
   Isabelle war sprachlos. Das war Ivanas Rache? Nachdem sie wegen Isabelle zum Tode verurteilt wurde, rächte sich dieses geistesgestörte Miststück, indem sie Isabelles Katze tötete? Obwohl Izzy das verdammt wütend machte, passte es nicht wirklich zu Ivana. Außer es war erst der Anfang. Das würde dann tatsächlich zu Ivana passen. »Sie hat meine Katze umgebracht?«, fragte Isabelle noch einmal.
   Bobbie nickte. »Tut mir leid. Andy und ich haben sie beerdigt.«
   »Wo ist Andy?«
   Verlegen schaute Bobbie weg. »Sie … nimmt sich eine Auszeit.«
   »Eine Auszeit wovon?«
   »Von der Realität«, erklärte Bobbie und zog an einer imaginären Zigarette. »Sie verbringt ihre Zeit mit Alec.«
   Isabelle seufzte. »Das ist nicht dein Ernst? Ich dachte, Alec wäre clean?«
   Bobbie zuckte entschuldigend die Achseln.
   »Wie auch immer«, sagte Isabelle und schüttelte den Kopf, um ihre Gedanken zu sortieren. »Komm, ich stell dir die anderen vor.«
   Bobbie schnappte sich einen Mantel und schloss die Tür hinter sich.
   Die Pistole in ihrem Hosenbund gab Isabelle ein Gefühl von Sicherheit. Gerade in dieser Umgebung wollte sie nie wieder unbewaffnet herumlaufen. Lost City und Lost Hollow waren nur zwei kleine Städte, doch zusammen waren sie gefährlicher als die Bronx bei Nacht. Jedenfalls für Leute wie Isabelle, West, Cole und Mac. Sie fragte sich, wo sich Luke und Karisma aufhalten mochten.
   Isabelle machte alle miteinander bekannt. Bobbie verhielt sich freundlich, wie immer. Sie erklärte, dass es eine kleine Jagdhütte in Shoemaker Hollow gab, in der sich die restlichen Ashers versteckten. Wortlos wechselten Cole und Isabelle einen Blick. Sie dachten wohl genau dasselbe, nämlich, dass sie noch nicht bereit dafür waren. Isabelle glaubte, dass Cole Luke genauso wenig sehen wollte wie Izzy, und wenn er Karisma wiedersah, dann ohne seine restlichen Geschwister.
   »Wieso bringst du Mac und West nicht schon einmal hin?«, sagte Isabelle so beiläufig wie möglich. »Cole und ich gehen währenddessen in die Villa und holen uns, was wir brauchen. Es ist wahrscheinlich sowieso besser, wenn wir nicht alle dort auftauchen. In der Villa, meine ich.«
   Verwirrt sah Bobbie sie an, doch ihre Freundin verstand relativ schnell. »Klar«, sagte sie rasch. »Kommt einfach nach, wenn ihr fertig seid.«
   »Wir könnten ein Auto gebrauchen«, sagte Isabelle und sah Bobbie bittend an.
   Sie seufzte. »Gut, nehmt meins. Wir nehmen dann Dads.« Bobbie kramte in ihrer Jackentasche und warf Izzy die Schlüssel zu.
   »Danke, ich fahr auch vorsichtig.«
   »Klar doch«, brummte Bobbie.
   Cole und Isabelle wandten sich ab und gingen den Hof entlang. Izzy war so erleichtert, dass sie hoffte, man sah es ihr nicht an.
   »Danke«, hörte sie Cole leise flüstern.
   »Das habe ich nicht für dich getan«, erwiderte sie, und es war die ehrlichste Antwort.
   »Du kannst dich nicht ewig vor ihm verstecken«, sagte Cole, als sie im Auto saßen und Isabelle viel zu schnell an den anderen vorbeisauste.
   »Warum nicht?«, fragte Isabelle und fuhr den altbekannten Weg zurück in die Hölle. »Wir teilen das Geld auf, und ich gehe zurück nach New York.«
   »Zurück zu Ben?«, fragte Cole verächtlich. Nun hatte er richtig Temperament in der Stimme. Das war neu und irgendwie merkwürdig.
   »Ja, wieso auch nicht? Ben ist ein guter Freund. Treu.«
   »Mag sein, aber er ist nicht derjenige, den du liebst«, sagte Cole wütend.
   »Was geht dich das an, Cole? Du hasst Luke.«
   »Tu ich«, bestätigte er. »Aber du bist in Ordnung, und du hast es verdient, glücklich zu werden, okay? Und wenn Luke der Einzige ist, der das ermöglichen kann, dann gehört er zu dir und nicht zu Mac.«
   »So spielt das Leben aber nun mal nicht.«
   »So spielt das Leben nicht? Verdammt, Izzy, was ist los mit dir? Du bist eine von uns, klar? Und wenn wir etwas wollen, dann geben wir nicht einfach auf!«
   »Cole, Lukes Gefühle liegen nicht in meiner Hand.«
   »Ich bin ein Junge und noch dazu Lukes Bruder. Ich weiß also ziemlich gut, wie er tickt. Mac ist nicht die Richtige für ihn.«
   »Vielleicht, aber ich bin es auch nicht. Ich bin nicht stark genug, um mit ihm klarzukommen.«
   Cole schüttelte verärgert den Kopf. »Du bist eine der stärksten Personen, die ich kenne. Du hast dir eine Glasscherbe in den Hals rammen lassen, um frei zu sein! Du bist hundertmal stärker, als Luke es je sein wird.«
   Isabelle ließ ihre Hände am Lenkrad entlanggleiten. »Hör zu, im Gegensatz zu dir habe ich sowohl mit Mac als auch mit Luke geredet. Die beiden lieben sich. Daran gibt es nichts zu rütteln.«
   Cole blickte ihr Profil an und grinste verschwörerisch. »Wollen wir wetten, dass wir das Ding richtig rütteln können?«
   Isabelle lachte gegen ihren Willen. »Du hast einen Knall.«
   »Und wenn schon.« Cole lehnte sich zurück und betrachtete die Villa, die immer größer wurde, je näher man ihr kam. »Auf jeden Fall wirst du bei uns bleiben müssen. Jedenfalls bis wir Fearless von den Hacken haben. Jetzt wollen sie uns sogar schon umbringen …«
   Isabelle schüttelte den Kopf. »Die beiden kamen nicht von Fearless. Die Frau hat mich ein Monster genannt. Die Leute von Fearless würden so was nicht sagen. Sie sind stolz auf ihr Werk. Außerdem hatte ich das Vergnügen schon vor ein paar Wochen. Lockwood hat mir versichert, dass diese Leute nicht von ihm kamen.«
   »Und du glaubst ihm?«

»Na ja, es scheint jedenfalls so, als würde es stimmen.«
   »Dann musst du erst recht bleiben!«, sagte Cole entschlossen. »Wenn nicht nur Fearless hinter uns her ist, sondern auch so eine Gruppe Möchtegerntierschützer, dann ist die Gefahr für uns doppelt so hoch.«
   »Tierschützer?«, fragte Isabelle amüsiert, weil sie nicht verstand, wo Cole dort den Zusammenhang sah.
   »Diese Leute, die Ärzte, die Medikamente an Hasen testen, penetrieren, bis diese damit aufhören.«
   »Retten diese Leute die Hasen nicht für gewöhnlich? Warum müssen wir dann dran glauben?«
   Cole zuckte die Achseln. »Nennen wir es Gnadenschuss …, Hase.«
   Isabelle lächelte matt und parkte auf dem Hof. »Ich glaube, dass sie so was wie einen Vorgesetzten haben. Die Frau hat so was durchblicken lassen.« Isabelle stieg aus und schloss den Wagen ab. »Aber wenn es stimmt und diese Leute so was wie Hardcore-Tierschützer sind, dann sollten sie doch gegen Fearless vorgehen und nicht gegen uns.«
   Cole zuckte die Achseln. »So weit ich weiß, werden immer erst die Hasen befreit und da es für uns kein Zurück gibt, bedeutet Befreiung Tod.«
   Sie gingen um die Villa herum. Die Wohnzimmerfenster waren mit Pappe und einer Plastikfolie zugeklebt. Isabelle löste die Pappe vom Rahmen und kletterte hinein.
   »Was ist denn hier passiert?«, fragte Cole.
   »Ein Ablenkungsmanöver«, sagte Isabelle ausweichend und sah sich im Wohnzimmer um. »Okay, pass auf. Jetzt kannst du nämlich was lernen.« Isabelle kniete sich vor den Kamin und lehnte sich zu den verrußten Steinen vor. »Jede alte Villa«, vorsichtig tastete sie die Kaminwand ab, bis sie den Stein fand, der nicht dazu passte und ihn vorsichtig nach hinten drückte, »hat mindestens ein Geheimversteck.« Ein kleines Quadrat löste sich aus der Mauer und schwang wie eine Tür auf. Dahinter kam ein Tresor zum Vorschein. Seufzend ließ sich zurücksinken. »Na toll.«
   »Probier’s mit Nicks Geburtsdatum.«
   Isabelle tippte die Zahlen ein. »Ich glaube kaum, dass Nick so primitiv …« Klick. »Oh.« Die Tresortür löste sich vom Schloss. »Er ist primitiv.«
   Isabelle hatte keine Zeit, das Geld, das sich im Tresor befand, zu zählen, doch es waren sicher um die fünfzigtausend Dollar. Fünfundzwanzigtausend für die Ashers. Fünfundzwanzigtausend für Isabelle, Ben und seine Jungs. Das sollte genügen. Natürlich nur als Startkapital.
   Ein Jahr jobben im Café und dann weiterziehen nach Los Angeles. Ein kleines Haus kaufen und jeden Tag am Strand liegen.
   Doch Isabelle wusste, dass diese Vorstellung weit von der Realität entfernt war. Sie würde in Los Angeles nicht glücklich werden können, und sie würde mit Ben nicht glücklich werden können, denn er war nicht Luke.
   »Ich hol eine Tasche. Warte kurz«, murmelte sie und lief aus dem Wohnzimmer. Sie sprang die Treppe hoch und rannte in ihr altes Zimmer. Es überraschte sie nicht wirklich, dass all die Papiere ihres Vaters weg waren.
   Schnell stopfte sie ein paar Kleidungsstücke in eine Umhängetasche und kehrte zurück zu Cole. Er verstaute das Geld, und sie sahen sich noch einmal um, ob sie etwas vergessen hatten. Nun konnten sie es wahrscheinlich nicht mehr aufschieben. Sie mussten Luke und Karisma gegenübertreten.
   Sie gingen in die Küche, um die Hintertür nach draußen zu nehmen, als das Telefon plötzlich zu klingeln begann. Isabelle erkannte Bobbies Nummer, also ging sie ran.
   »Gut, dass wir euch noch erwischen«, sagte sie. »Luke ist wohl im Diner. Wir fahren dort jetzt mit Karisma hin. Kommt ihr auch?«
   »Ja, sind unterwegs«, sagte Isabelle leise. »Bis gleich.«

*

»Und?« Sebastian lehnte sich zurück und rührte lustlos in seinem Kaffee herum. Den Drang, seine Cousine wiederzusehen, war nicht besonders ausgeprägt. Obwohl er sich für sie statt für den Rest der Familie entschieden hatte, würde er verstehen, wenn Isabelle ihm noch immer misstraute. So wie Sebastian sie kannte, wäre es kein Wunder, wenn sie ihn nun aufrichtig hasste.
   »Karisma sagt, sie sind hierher unterwegs. Sie alle.« Luke sah auf den Tisch und nahm sich eine Fritte, nur um sie ausführlich zu mustern, als wäre sie ein Forschungsobjekt.
   »Letzte Chance, um durchzubrennen«, scherzte Sebastian.
   Luke grinste und ließ die Fritte wieder auf den Tisch fallen. Er sah nicht gerade glücklich aus. Sebastian hätte nie gedacht, dass sie mal was gemeinsam hatten, doch indem Luke ohne seine Familie geflohen war, hatte er sie genauso verraten wie Sebastian seine. Er verstand also, dass Luke nicht besonders scharf auf ein Wiedersehen war.
   »Bestimmt hat Bobbie schon alle informiert, was für ein Arschloch ich mittlerweile bin«, sagte Luke.
   Sebastian zuckte die Achseln. »Das warst du auch schon vorher.«
   »Wo du recht hast«, sagte Luke und prostete ihm mit seinem Teeglas zu. Er sah aus dem Fenster, und Sebastian folgte seinem Blick. Er kannte das Auto, das nun auf den Parkplatz vorfuhr. Es gehörte zwar nicht Bobbie selbst, aber Sebastian hatte es oft auf ihrem Hof stehen sehen. Vermutlich der Wagen ihrer Eltern. »Nur eins?«, fragte Luke.
   »Was meinst du?«
   »Sie sind zu sechst. In das Auto dürften nur fünf passen«, erklärte Luke, doch als nur vier Personen ausstiegen, hatte sich seine Frage geklärt.
   Sebastian kniff die Augen zusammen, um die Leute, die in Richtung Eingang gingen, zu erkennen. »Cole und Isabelle fehlen.«
   Nervös klopfte Luke auf die Tischplatte. »Das ist kein gutes Zeichen«, meinte er. Wahrscheinlich hatte er da recht, aber ehrlich gesagt bezweifelte Sebastian, dass Izzy irgendwas zugestoßen war. Vermutlich wollte sie weder Luke noch Sebastian sehen. Das war alles.
   Bobbie erreichte die beiden als Erste. Sie bedachte Luke mit einem missbilligenden Blick und setzte sich dann neben Sebastian. »Ich habe mich mit Mac unterhalten«, sagte sie.
   Luke schnaubte und senkte schuldbewusst den Blick.
   »Willst du mich eigentlich verarschen?«, fauchte Bobbie so leise, dass nur Luke und Sebastian es hörten. »War Izzy nur ein Mittel zum Zweck oder was?«
   »Natürlich nicht!«, zischte Luke.
   Sebastian hob fragend eine Augenbraue, schwieg aber, als die anderen an den Tisch kamen. So wenig er seine Cousine mochte, wenn Luke sie verletzt hatte, würde das nicht gut für den Jungen ausgehen.
   Luke stand auf und Mac schlang sofort ihre Arme um seinen Hals. Jetzt verstand Sebastian, was Bobbie meinte. Es war ziemlich offensichtlich gewesen, dass sich Isabelle in Luke verliebt hatte, doch er hatte die ganze Zeit über eine Freundin gehabt. Autsch.
   Luke erwiderte die Umarmung zögernd. »Es tut mir leid«, murmelte er.
   Sebastian war sich nicht sicher, ob er damit Mac meinte oder nur Bobbie besänftigen wollte. Mac schien Luke nicht mehr wieder loslassen zu wollen. Wie gesagt, Isabelle war nicht Sebastians beste Freundin, aber das da machte sogar ihn etwas wütend.
   Und das war der Moment, indem Izzy und Cole das Diner betraten. Kurz hielt Isabelle inne, musterte Luke und Mac … und drehte sich direkt wieder um, um zu gehen. Cole hielt sie jedoch fest und zog sie entschlossen weiter.
   Luke machte sich von Mac los, um seinen Zwillingsbruder zu begrüßen. Unwillkürlich musste Sebastian lächeln. Die beiden fielen sich in die Arme und sahen so erleichtert aus, dass es ansteckend wirkte. Sebastian hätte auch gern einen Bruder gehabt. Obwohl wahrscheinlich alles besser als Ivana wäre.
   »Cole!«, kreischte Karisma plötzlich und stürzte sich auf ihren jüngeren Bruder. Sie vergrub ihr Gesicht in seiner Halsbeuge und schlang selbst ihre Beine um den Jungen. Cole konnte Karisma gerade so halten. Er lachte und drückte sie noch fester an sich.
   Isabelle schlängelte sich unauffällig an den beiden vorbei und setzte sich Sebastian gegenüber. »Weißt du«, begann sie seufzend und steckte sich eine von Lukes Fritten in den Mund, »ich bin zum ersten Mal echt froh, dass du hier bist.«
   »Iss die nicht«, sagte Bobbie angewidert und schob das Körbchen mit den Fritten weg von Isabelle. »Die gehören Luke. Bestimmt ist da seine DNA drauf. Ich wette, dass die Arschloch-Krankheit ansteckend ist.«
   »Furchtbar«, sagte Izzy und aß noch eine. »Aber ich habe Hunger.«
   Sebastian merkte, dass Isabelle angestrengt versuchte, das herzzerreißende Familienwiedersehen auszublenden. Sie griff nach Sebastians Hand und betrachtete den Ring mit dem blutroten Rubin. »Du trägst ihn noch?«
   »Natürlich«, sagte er. »Er ist ein Zeichen des Mutes.«
   Isabelle schnaubte verächtlich, sagte jedoch nichts.
   »Habt ihr alles gefunden?«, fragte Bobbie und nickte zu der Tasche, die Izzy bei sich trug.
   Sie nickte. »Darf ich?«, fragte sie Sebastian und zeigte auf den Kaffee, der womöglich schon kalt war.
   Sebastian schob die Tasse zu ihr rüber, doch bevor sie ihn trinken konnte, ließ sich Karisma neben Izzy auf den Sitz fallen, umarmte sie fest und gab ihr einen Schmatzer auf die Wange. Isabelle zuckte überrascht zusammen, wobei sie Kaffee auf den Tisch kleckerte, und blickte dann lächelnd zu Karisma. »Du hast mir auch gefehlt.«
   »Danke«, sagte Karisma aufrichtig. »Dafür, dass du dein Versprechen gehalten hast.«
   »Keine Ursache.«
   »Kannst du mir noch was versprechen?«, fragte Karisma und rückte etwas von ihr ab.
   Isabelle hob fragend die Augenbrauen. Abgesehen von den vielen Narben hatte sich noch etwas an Isabelle geändert. Etwas an ihrem Wesen, doch Sebastian konnte nicht sagen, was es war. Sie wirkte zäher, irgendwie gleichgültiger. Er warf Bobbie einen Blick zu. Sie musterte ihre Freundin forschend. Auch sie hatte es bemerkt.
   Das Labor veränderte jeden. Ohne Ausnahme, aber bei Isabelle schien etwas Schwerwiegenderes passiert zu sein. Sebastian sah es in ihren Augen und in ihrer Haltung.
   »Bleib«, bat Karisma. »Ich weiß, dass es hier nicht besonders leicht für dich ist, aber bitte bleib. Jedenfalls so lange, bis wir eine Lösung gefunden haben.«
   Isabelle sah unauffällig auf und betrachtete Luke, der sich noch immer mit West und Mac unterhielt und dann sah sie zu Cole, der mit eisernem Blick auf die drei zuging. »Oh, oh«, sagte Isabelle leise, und Sebastian wusste genau, was sie meinte.
   Cole erreichte die drei, riss Luke unsanft von den anderen beiden weg und donnerte seinem großen Bruder die Faust ins Gesicht.

4

Bobbie schlug sich eine Hand vor den Mund.
   »Cole«, rief Karisma empört.
   Isabelle hätte ihm am liebsten laut applaudiert. Ein leichtes Lächeln konnte sie nicht verbergen. West zog Cole von Luke weg, der aussah, als hätte er am liebsten mit voller Wucht zurückgeschlagen. Hätte er das getan … Oh, Gnade Gott, dann hätte sich Isabelle eingemischt.
   Das Lächeln verging ihr, als sich Mac mit bestürztem Gesichtsausdruck Luke zuwandte und ihn nach Wunden abtastete. Seine Nase schien nicht gebrochen zu sein, doch er blutete und auch seine Lippe war aufgeplatzt. Gut platzierter Schlag, dachte Isabelle.
   Als könnte sie ihre Gedanken lesen, haute Karisma ihr gegen die Schulter.
   »Was denn?«, fragte Isabelle beleidigt.
   »Kannst du wenigstens versuchen, deine Freude zu verbergen?«
   Isabelle räusperte sich und versuchte, ernst zu blicken, aber dann musste sie doch wieder lächeln. »Nein, tut mir leid.«
   Karisma schnalzte tadelnd mit der Zunge und stand auf, um nach Cole zu sehen.
   »Hier, setz dich hin«, sagte Mac sanft zu Luke und lenkte ihn zu Isabelles Sitz.
   Rasch rückte sie weiter ans Fenster. Luke setzte sich mit dem Gesicht zu Mac gewandt, die mit einer Serviette das Blut aus seinem Gesicht tupfte. Erst, als Sebastian ihr unter dem Tisch gegen das Bein trat, gelang es Izzy, ihren Blick abzuwenden.
   »Warte hier. Ich frag an der Theke, ob sie was zum Kühlen haben.«
   »Nicht nötig«, sagte Luke schnell, aber Mac lief bereits los. Er seufzte und zog seine langen Beine unter den Tisch. Zum ersten Mal warf er Isabelle, die fest auf den kalten Kaffee starrte, einen Blick zu. Ganz sanft fasste Luke ihr Kinn und drehte ihr Gesicht so zu sich, dass er ihre Wange besser sah. Isabelle konnte hören, wie Bobbie nach Luft schnappte.
   »Wo hast du die denn her?«, fragte Luke und fuhr die Narbe mit seiner Fingerspitze nach. Bevor er wieder ihr Kinn erreichen konnte, packte Izzy sein Handgelenk und zwang sich, fest in seine blaugrünen Augen zusehen, die sie so schmerzlich vermisst hatte.
   Als Isabelle ihn losließ, ließ er seine Hand langsam sinken. Seine Brust hob sich, als er einatmete. »Schon gut«, sagte er leise und wandte den Blick ab. »Hab verstanden.«
   »Du hast nichts verstanden«, knurrte Izzy. Am liebsten wäre sie weggelaufen, aber sie saß fest.
   Mac kam mit einem Kühlpack wieder und bedeutete Luke, aufzurücken. Dieser sah wiederum zu Isabelle. Sie verdrehte nur die Augen. Das konnte doch nicht wahr sein. Als sie keine Anstalten machte, sich zu bewegen, rutschte Luke einfach näher an sie heran, sodass sich Mac neben ihn setzten konnte.
   »Hast du dich wieder eingekriegt?«, fragte Luke wütend, als Cole, Karisma und West zurückkamen.
   »Kommt drauf an«, antwortete Cole und warf Isabelle einen vielsagenden Blick zu. Sie musste lächeln.
   »Ich denke, wir können die nächsten Tage in der Villa bleiben«, sagte Sebastian, um das Thema zu wechseln. »Nick wird so bald nicht zurückkommen.«
   Wieder wechselten Cole und Izzy einen Blick. Sebastian hatte keine Ahnung von dem Tresor und so sollte es auch bleiben.
   »Ist das nicht etwas riskant?«, fragte Karisma. »Was ist mit dem Blockhaus?«
   »Da würde Fearless zuerst suchen«, erinnerte Luke.
   »Ist ja nur vorübergehend«, sagte Sebastian und zuckte die Achseln. »Nur bis wir einen Plan haben.«
   »Das könnte kompliziert werden«, sagte Cole. »Nicht nur Fearless ist hinter uns her.«
   »Meinst du Ivana?«, fragte Bobbie.
   Isabelle schüttelte den Kopf. »Erinnert ihr euch an den Überfall auf der Shoemaker Road? Will hat nicht nicht gelogen, als er behauptete, dass die Leute nicht von ihm kamen.«
   Luke nickte. »Es war mir von Anfang an merkwürdig vorgekommen, dass sie versucht haben, dich umzubringen.«
   »Als Cole in diesem Vorort von Danville angegriffen wurde, waren es dieselben Leute. Sie haben wieder versucht, uns umzubringen, und sie haben behauptet, wir wären keine Menschen mehr. Unmöglich, dass die von Fearless kamen.«
   »Waren sie wieder zu viert?«, fragte Luke.
   »Zu zweit.«
   »Vielleicht hat Ivana sie geschickt?«, mutmaßte Karisma.
   Isabelle schüttelte den Kopf. »Ivana bevorzugt es, allein zu arbeiten. Außerdem will sie mich nicht töten. Noch nicht jedenfalls.«
   »Stattdessen hat sie es auf deine Haustiere abgesehen«, sagte Sebastian und sah Luke vielsagend an, sodass alle wussten, dass er mit Haustier nicht Katze meinte. Nun war es Isabelle, die ihren Cousin unter dem Tisch trat.
   »Wir haben die Vermutung, dass diese Leute Fearless stoppen wollen, indem sie alle Testpersonen umbringen, sodass sie mit niemanden mehr experimentieren können. Erst dann gehen sie tatsächlich gegen Fearless vor«, erklärte Isabelle.
   »Und wie können wir sie aufhalten?«, fragte Karisma.
   »Eine Angreiferin hat durchblicken lassen, dass sie für jemanden arbeiten.«
   »Für wen?«, fragte Luke.
   »Das kann ich auch nicht riechen, Luke.«
   Er verdrehte genervt die Augen.
   »Wie auch immer. Die Kerle werden wiederkommen, und dann schnappen wir uns einen«, sagte Sebastian. »Aber es wird spät. Vielleicht sollten wir zurück nach Lost Hollow fahren.«

Es war schon dunkel, als sie in der Villa ankamen. Sie hatten genug Schlafzimmer für alle. Bobbie hatte sich jedoch entschieden, zu Hause zu bleiben. Sie wollte ihrer Familie so viel Normalität wie nur möglich vorheucheln. Vielleicht wollte sie aber auch nur Sebastian aus dem Weg gehen.
   Um sich zu beschäftigen, fing Isabelle zu kochen an. In dem Wohnzimmer konnte man sich nicht lange aufhalten, da es dort mindestens so kalt war wie draußen, und auch wenn man den Kamin anmachte, brachte das rein gar nichts. So verzogen sich alle nach und nach in ihre Zimmer. Die Meisten wollten einfach nur schlafen.
   Isabelle hörte Mac und Karisma im Esszimmer nebenan reden. Sie hatten sich einen Tee gemacht und waren nun seit einer Stunde unaufhörlich am Plaudern. Izzy stellte das Radio an, damit sie nicht in Versuchung kam, zu lauschen.
   Wenn Isabelle an ihre Mutter dachte, sah sie Mom merkwürdigerweise immer in der Küche. Izzy konnte sich nicht daran erinnern, dass Mom je etwas anderes gemacht hatte als Kochen. Irgendwie verstand sie ihre Mutter nun sogar. Es beruhigte ungemein und lenkte von den eigentlichen Problemen ab.
   Isabelle war nie die beste Köchin, und als ihr der Versuch eines Nudelauflaufes zweimal anbrannte, wünschte sie sich das Rezeptbuch ihrer Mutter herbei. Letztendlich entschied Izzy sich dazu, Spagetti zu kochen. Sie aß sie nicht. Hungrig war sie nicht. Nur müde. Sie kochte sich einen Kaffee und machte sich dann noch daran, Pudding selbst zu machen. Natürlich war es nur eine fertige Mischung, die sie mit Milch aufgoss, aber für sie war das schon selbst gemacht.
   Sie stellte ihn in den Kühlschrank und setzte sich mit ihrem Kaffee an den Küchentisch. Das Ticken der Uhr machte sie beinahe verrückt. Um elf Uhr am Abend verstummten die Stimmen nebenan. Um zwölf Uhr war es dann im ganzen Haus leise. Bis auf die Uhren war nichts mehr zu hören.
   Isabelles Augenlider flatterten, doch sie weigerte sich, zu schlafen. Der Schlaf war schlimmer als ihre Müdigkeit, doch nun, wo sie hier saß, allein mit ihren Gedanken, war das auch nicht viel besser als ihre Träume.
   Wenn sie darüber nachdachte, wie sehr sie sich seit dem Tod ihrer Eltern verändert hatte, bekam sie Gänsehaut. Es waren zwei Monate, doch Isabelle hatte so viel verloren und sie hatte so viel gelernt, dass es ihr vorkam wie eine Ewigkeit. Andererseits spürte sie noch immer das Feuer auf ihrer Haut. Sie sah ihren Vater noch immer blutend am Boden liegen und sie sah den Mann aus dem Haus rennen. Sie sah es jedes Mal, wenn sie die Augen schloss.
   Sie sah die vielen Menschen, die sie verletzen musste, das tote Mädchen in ihrem Keller, Sebastian, wie er ihr in die Augen sah, bei dem Versuch, sie zu töten, Luke, wie er ging und einen Teil von Izzy mit sich nahm. Isabelle sah Ky, der blutend am Boden lag und von dem sie inständig hoffte, dass er es geschafft hatte.
   Und nun sah sie auch noch den Mann, den sie getötet hatte. Eigenhändig. Ein Schuss wäre gnädiger gewesen, doch sie hatte ihn ersticken lassen. Vielleicht hatte die Frau recht. Isabelle war ein Monster. Mit dem Verlust des Medikamentes hatte sie ihre Empathie verloren. Sie verspürte keine Angst. Keine Skrupel. Wie war das möglich?
   Ky hatte recht gehabt. In gewisser Weise war das Medikament ein Segen gewesen.
   Mit Tränen in den Augen nahm sie die Kette von ihrem Hals und sah auf die Gravur. Ky hatte es ihr in die Hand gedrückt, bevor sie geflohen war. In dem Glauben, dass die Kette Ky gehörte, hatte sie sie sich umgelegt, bevor Ben sie niedergestochen hatte. Erst viel später hatte Isabelle mal einen Blick drauf geworfen und festgestellt, dass die Kette nicht Kys war.
   Sondern Lukes. Selbst Ky hatte gemerkt, wie sehr sie ihn vermisst hatte. Deshalb hatte er ihr etwas gegeben, dass sie an Luke erinnern sollte, solange sie nicht bei ihm sein konnte. Und sie würde nie bei ihm sein. Deshalb würde er diese Kette nie bekommen.
   Er brauchte sie jedoch auch nicht mehr. Er war jetzt frei. So wie sie alle.
   Ein Schlurfen riss Isabelle aus ihren Gedanken. Es war Luke, der in die Küche trottete und ein Glas mit Wasser füllte. Erst, als er sich wieder umdrehte, bemerkte er Isabelle. Rasch sah sie wieder auf den Tisch. Luke trug nicht mehr als eine Boxershorts, und Isabelle wusste zwar schon immer, dass er gut gebaut war, doch dass sein Körper so perfekt war, war ihr neu. Sie schluckte.
   Luke ging zum Ausgang. Sie glaubte, dass er wortlos wieder gehen würde, doch das war nicht der Fall. Er schloss die Tür und setzte sich gegenüber von Isabelle.
   »Würdest du bitte mit mir reden?«
   Isabelle schwieg.
   »Würdest du mir dann jedenfalls zuhören, wenn ich rede?«
   Als sie ihren Blick hob, überraschte es Isabelle fast, wie leicht es ihr fiel, ihm in die Augen zu sehen. Er sah aus wie immer, nur dass seine Haare etwas länger waren. Seine Augen leuchteten genauso intensiv wie damals, als sie sprachlos vor seiner Tür gestanden hatte und ihn zum ersten Mal bewusst angeblickt hatte. »Rede«, sagte Isabelle tonlos.
   Luke atmete tief ein. Sie vermutete, dass er keine Ahnung hatte, was er sagen wollte.
   »Ich wollte dir das mit Mac sagen«, sagte er schließlich kleinlaut. »Als du das erste Mal nach dem Überfall bei uns geschlafen hast, wollte ich es dir sagen, aber ich konnte nicht, denn ich wollte nicht, dass du dich deshalb von mir fernhältst. Ich weiß, dass das egoistisch war. Sowohl dir als auch Mac gegenüber. Also … tut es mir leid.«
   Isabelle wollte etwas sagen, aber sie ließ es, denn sie wusste, sobald sie den Mund aufmachte, würde sie schwach werden. Also sah sie ihn einfach nur an und hoffte, er würde weiterreden, denn wenn sie ihm zuhörte – und es war egal, dass er so einen Schwachsinn redete –, dann war es, als wäre Isabelle auch nicht mehr als ein einfaches siebzehnjähriges Mädchen mit Eltern, das keinen Mord begannen hatte.
   Luke wartete noch kurz, ob Isabelle etwas sagen würde, dann nahm er sein Glas und stand auf. »Okay, das wollte ich nur gesagt haben.«
   Das war’s?, dachte Isabelle verblüfft.
   Luke ging in Richtung Tür, doch bevor er sie öffnen konnte, brach Isabelle ihren Vorsatz. »Das war alles, was du zu sagen hast?«, fragte sie, wobei sie nicht einmal wütend klang. Sie stand ebenfalls auf, sodass sie nicht ständig zu ihm hochsehen musste. Obwohl sie auch im Stehen noch fast einen Kopf kleiner war als er.
   Luke drehte sich zu ihr um. »Willst du denn noch etwas hören?«
   »Du entschuldigst dich bei mir, dass du mir deine Freundin verschwiegen hast?« Bleib stark. »Und du glaubst, das ist es, was mir wichtig ist? Luke, dein Liebesleben ist mir völlig egal! Ich war für dich da, und du hast mich im Stich gelassen!«
   »Ich habe meine Schwester gerettet.«
   »Und vorher? In der Scheune? Du hast mich meinem Schicksal überlassen und bist abgehauen.« Jetzt klang sie wütend, aber so lange sie es nicht war, die sich entschuldigte, war alles gut.
   Luke hob eine Augenbraue. »Deinem Schicksal? Du tust ja gerade so, als wärst du dabei draufgegangen.«
   »Das hast du dir doch gewünscht, oder? Dass Ivana mich umbringt und du mich los bist.«
   »Du verhältst dich total kindisch, Isabelle.« Luke ging zur Spüle und stellte sein Glas ab.
   »Ich verhalte mich kindisch?! Glaubst du, ich weiß nicht, weshalb du mich von der einen auf der anderen Sekunde plötzlich gehasst hast? Du dachtest ich hätte deinen Vater hinter deinem Rücken kontaktiert, stimmt’s? Karisma hat’s mir erzählt. Du hättest mir einfach die Wahrheit sagen können. Ist das nicht kindisch? Du behauptest, dein Vater sei für dich gestorben, dabei kannst du froh sein, dass du überhaupt noch einen hast, Luke. Hast du ihm überhaupt einmal zugehört?«
   Luke lachte verächtlich. »Klar, dass du ihn wieder in Schutz nimmst. Du hast keine Ahnung, wie es sich anfühlt, von den eigenen Eltern derart verraten zu werden.«
   »Wenn du das glaubst, hast du wohl vergessen, dass meine Eltern mich zum Versuchskaninchen für Furchtlosigkeit im Alltag gemacht haben«, sagte Isabelle nun wieder etwas ruhiger.
   Luke sah kurz weg, als hätte er seinen Fehler bemerkt.
   »Mein Vater hat mich also auch verraten«, fuhr Isabelle fort, »und trotzdem würde ich alles dafür tun, dass er wieder lebt, denn er war ein guter Vater, und ich vermisse ihn, Luke. Vielleicht verstehst du nun, warum ich es absolut kindisch finde, wenn man einen lebendigen Menschen als tot bezeichnet.«
   Luke sah sie entschuldigend an und trat einen Schritt auf sie zu. »Isabelle …«
   Sie wich vor ihm zurück. »Hör auf.«
   »Okay, aber darum geht es hier doch nicht. Weder um deinen Vater noch um meinen.«
   »Stimmt«, bestätigte Isabelle. »Es geht darum, dass ich darauf vertraut habe, dass wir als Team funktionieren.«
   »Ach echt? Inwiefern wolltest du denn mit mir als Team funktionieren? Denn du hast dich für mich nicht wirklich wie ein Kamerad oder ein Kollege angefühlt, als du mich geküsst hast.«
   Isabelle setzte sich auf die Tischplatte und ließ Luke dabei nicht aus den Augen. »Darf ich dann fragen, warum du gezögert hast, mich zurückzuweisen, wo du doch eine Freundin hast?«
   Mit diesem Konter schien Luke nicht gerechnet zu haben. Isabelle sah ihn weiterhin an, doch nun wirkte es, als würde eine Art Schutzschicht von Luke abfallen. Sein Blick wurde sanfter, als er näher kam.
   »Was willst du hören, Isabelle? Was glaubst du, warum ich gezögert habe? Weil ich lange nicht geküsst worden bin? Weil du mich an Mac erinnert hast?« Luke schüttelte den Kopf und kam Isabelle dann so nahe, dass seine Hüften ihre Knie berührten. Er stützte seine Hände links und rechts von ihren Hüften ab und lehnte sich zu ihr vor. Überrascht wich Isabelle ein wenig zurück. »Ich habe gezögert, weil ich dich wollte, Isabelle.« Seine Stimme war nur ein Hauchen. Seine Augen strahlten mehr denn je. »Ich wollte dich die ganze Zeit über, und deswegen kam es mir gerade recht, dass Ivana mir eingetrichtert hat, du hättest Christian hergeholt. Nun hatte ich einen Grund, dich zu verlassen und den habe ich dringend gebraucht, denn es hätte nicht mehr lange gedauert und ich hätte aufgehört, dich zurückzuweisen. Das war verdammt egoistisch von mir, aber so bin ich nun einmal.«
   Isabelle funkelte ihn mit zusammengekniffenen Augen an. »Mac hat was besseres verdient als dich, ist dir das bewusst?«
   Luke nickte, wich aber nicht zurück. »Wieso glaubst, dass du nicht zu gut für mich wärst?«
   Darauf hatte Isabelle keine Antwort. Jeder, der sie kannte, wusste, dass sie kein Unschuldslamm war. »Ich bin kein Engel«, sagte sie also.
   Noch immer waren es nur ihre Knie, die Luke von ihr fernhielten. »Trotzdem hast du jemand besseres verdient. Ich habe dich verletzt, weil ich zu egoistisch war, um ehrlich zu dir zu sein. Ich bin also auch nicht gerade ein Held.«
   Isabelle schüttelte den Kopf. Sein Gesicht war ihr so nah, dass sie sich nur traute, zu flüstern. »Ich will auch keinen Helden«, sagte sie und ihr war bewusst, wie schwach sie geworden war. »Helden sterben letztendlich immer, aber ich brauch dich lebendig.«
   Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen. »Deshalb habe ich gezögert«, sagte er. »Das ist der Grund, warum ich dich gewollt habe, seit ich dich das erste Mal auf dem Friedhof gesehen habe. Du hast mir beigebracht, mit meinen Verlusten und Gefühlen zu leben. Du hast mich das Lachen gelehrt, als ich die Freude verloren hatte. Du hast mir beigebracht, zu tanzen und wie man ein Rad schlägt. Du bist die lebendigste Person, die ich kenne, und das obwohl dich der Tod umgibt.«
   Isabelle blinzelte die Tränen weg und versuchte, weiter nach hinten zu rücken. »Was soll das?«
   Endlich stieß sich Luke vom Tisch ab und richtete sich zu seiner vollen Größe ab. »Ich war nur ehrlich. War es nicht das, was du wolltest?«
   Isabelle sprang auf den Boden und schubste Luke zurück. »Idiot! Wieso machst du es noch schlimmer?! Willst du, dass ich dir zu Füßen falle? Soll ich dich anflehen, Mac zu verlassen? Denn das werde ich nicht tun! Sie hat es verdient, glücklich zu werden und du wirst ihr nicht das Herz brechen.«
   »Ist es denn nicht genau das, was du von mir erwartest? Was jeder hier von mir erwartet? Ein weiterer Verrat? Der nächste Fehler, den ich begehe? Ihr seht mich doch sowieso nur als tickende Zeitbombe, der niemand zu nahe kommen will, weil ihr nicht von mir in der Luft zerfetzt werden wollt!«
   Isabelle sah ihn sprachlos an. »Das ist nicht fair, Luke.«
   »Tja, so bin ich nun mal! Unfair, egoistisch, selbstsüchtig …«
   »Hör auf«, schrie Isabelle. »Hörst du dich eigentlich selbst reden? Was willst du denn damit erreichen?«
   »Ich will, dass du zugibst, dass du nur aus einem einzigen Grund sauer auf mich bist! Ich will, dass du zugibst, dass du mich liebst und sauer bist, weil ich dich zurückgewiesen habe.«
   Bingo. Er hatte so ziemlich den Nagel auf den Kopf getroffen, aber die Genugtuung gab sie ihm nicht. Luke machte Isabelle mit seinen Worten nur noch wütender. »Wenn ich deshalb sauer auf dich bin, dann nur weil mir Mac leid tut. Hätte ich gewusst, dass sie deine Freundin ist, hätte ich dich nie geküsst. Sowieso habe ich das nur getan, weil wir die Tage zuvor fast jede Sekunde zusammen verbracht haben und du auch nicht gerade schlecht aussiehst, aber glaub nicht, dass ich dich liebe. Da braucht es schon mehr als Bauchmuskeln.« Isabelle griff hinter sich in die Obstschale und warf einen Apfel gegen seinen Bauch.
   Luke zuckte zusammen. »Wo wir wieder bei kindisch wären«, murmelte er. »Weißt du was? Ich bin froh, dass du das sagst. Das erspart mir nämlich die peinliche Situation, dir zu erklären, dass ich eine Freundin habe und bestimmt nichts von einem anderen Mädchen will, das auch noch kaputter ist als ich es bin.«
   »Arschloch«, schrie Isabelle. Ihre ganze Wut auf ihn brodelte in ihr auf. Sie wollte ihn genauso verletzen, wie er sie verletzt hatte. Sie wollte ihn treffen. Es war nicht nur, weil er sie beleidigt hatte, sondern viel mehr weil er sich für Mac und gegen sie entschieden hatte, was sie mehr verletzte, als er ahnen konnte.
   Er sollte genauso leiden wie sie selbst. Also packte sie die Glasschale schüttete das Obst raus und warf das Ding in seine Richtung.
   Erst im letzten Moment duckte er sich. Die Schale krachte gegen den Schrank, der an der Wand hinter Luke hing und fiel in Scherben zu Boden.
   »Spinnst du?«, brüllte Luke entgeistert und wutentbrannt.
   »Ich hasse dich!« Isabelle hob das Obst auf und warf es der Reihe nach auf Luke. »Es ist mir egal, was du von mir hältst. Es ist mir egal, dass du mich wolltest«, kreischte sie und Tränen liefen über ihre Wangen. Sie wusste, dass sie total überreagierte, aber auch das war ihr egal. »Ich hasse dich bis auf den Tod, Lucas Asher!«
   Luke zuckte zusammen, und Isabelle glaubte nicht, dass es daran lag, dass die Banane seine Brust traf. »Hör auf«, brüllte er sie an. »Isabelle!« Er trat auf sie zu und wollte ihr das Obst aus der Hand reißen. Kurz kämpften sie um das Essen.
   »Lass das«, schrie Isabelle. »Lass mich!« Sie schubste ihn zurück, und er riss sie mit sich. Wütend donnerte Isabelle ihre Faust gegen seine Brust. »Verdammt!«
   »Fluchen hilft dir auch nicht weiter! Hör auf, mich zu schlagen, oder ich schlag zurück, Izzy. Hör auf!«
   »Nein«, schrie Isabelle schon fast heiser. Sie schubste ihn erneut, brachte ihn aus dem Gleichgewicht, und er fiel zu Boden.
   Luke landete direkt in den vielen Scherben. Isabelle hielt erschrocken inne und erstarrte. Schmerzerfüllt verzog Luke das Gesicht und dunkelrote Tropfen fielen von seinem Rücken auf die Glassplitter. Oh, mein Gott. Was hatte sie getan? Luke stützte sich an der Küchenzeile ab, um sich aufsetzen zu können.
   Noch immer schockiert kniete Isabelle sich vor Luke nieder, wobei Scherben auch ihre Haut aufkratzen. »Luke«, wisperte sie.
   Sie machte sich Sorgen, eine kleine masochistische Ader zu besitzen, da sie den Schmerz einen Moment lang willkommen hieß.
   »Willst du mich umbringen?«, sagte Luke so leise, dass seine Stimme beinahe brach. »Los … Lass es uns hinter uns bringen.« Er rückte näher an Isabelle heran und drückte ihr eine große scharfe Scherbe in die Hand, die sich sofort in ihr Fleisch bohrte. »Wo du mich doch so hasst.« Seine Stimme war nur noch ein Wispern. Der Druck wurde stärker und sein Blut vermischte sich mit Isabelles und tropfte auf den weißgefliesten Boden. »Auf den Tod.«
   Izzy weinte lautlos vor Schmerz und schaute Luke durch den Tränenschleier an. Er hatte eine Schnittwunde an der Schläfe und ein kleines Blutrinnsal lief wie eine Träne über seine Wange. Es war furchtbar.
   Isabelles Herz klopfte laut in ihren Ohren, doch sie hörte hastige Schritte den Flur entlangkommen. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis der Lärm die anderen weckte. Spätestens jetzt mussten sie Isabelle wirklich für verrückt halten.
   Luke hörte diese Schritte scheinbar nicht. Er verringerte den Abstand zwischen ihren Händen und die Scherbe drang weiter in ihren beiden Körpern ein. »Los«, schrie er sie an.
   West, Sebastian und Cole stürmten in die Küche.
   »Lass es uns hinter uns bringen«, wiederholte Isabelle leise Lukes Satz. »Erst ich, dann du.«
   Die Tatsache, dass sich seine Augen weiteten, nahm sie als Zeichen dafür, dass er verstand, was sie meinte. Natürlich verstand er. Er wusste immer, was sie dachte.
   Luke zog seine Hand zurück und die Scherbe blieb in ihrer Handfläche stecken. Nun kamen auch Karisma und Mac in die Küche. Natürlich lief Mac sofort zu Luke. Sebastian stürzte neben Isabelle und riss die Scherbe raus. Sofort schrie sie vor Schmerz auf, doch das übertönte noch lange nicht die Vorwürfe ihres Cousins, die Luke galten.
   West half Sebastian, Isabelle auf die Füße und von den Scherben wegzubringen. »Was hast du nur getan?«, fragte er und brachte sie damit erneut zum Weinen.

5

Isabelle hätte heulen können, als sie am nächsten Morgen aufwachte. Sofort stürzten die Erinnerungen auf sie ein. Hatte sie Luke wirklich einen Doppelselbstmord vorgeschlagen? Sie stöhnte auf.
   Alles tat ihr weh. Sie lag auf dem Bauch und trug nur ein dünnes Top. Ihre Knie waren blutig und um ihre Hand war ein dicker Verband gewickelt. Sie traute sich nicht, sich zu bewegen.
   Wie hatten sie sich das antun können?
   Nachdem West und Sebastian sie in ihr Zimmer gebracht hatten, wurde Isabelle mit Fragen bombardiert, was denn passiert wäre, doch Isabelle heulte sich einfach nur die Seele aus dem Leib, was extrem guttat. Sie hatte es auch verdient, mal schwach zu sein, nach allem, was sie durchgemacht hatte.
   Da West und Sebastian nichts aus ihr herauskriegen konnten, ließen sie sie allein. Später kamen dann Mac und Karisma, pumpten sie mit Schmerzmittel voll und machten sich mit einer Pinzette daran, die Scherben aus ihren Beinen und den Händen zu zupfen. Egal, wie schmerzhaft sich das anhören mochte … Es war hundertmal schmerzhafter.
   Das einzig Gute daran war, dass Isabelle dank der Schmerzmittel durchschlafen konnte, ohne Albträume zu haben.
   Isabelle hörte ein zartes Klopfen an ihrer Tür. »Ja?«, murmelte sie in ihr Kissen. Sie drehte ihren Kopf auf die Seite und sah Mac ins Zimmer kommen. Vorsichtig kniete sie sich vor das Bett und stützte sich an der Matratze ab. »Es tut mir so leid«, wisperte Isabelle.
   Mac lächelte nur sanft. »Schon okay, Izzy«, sagte Mac. »Ich bin deshalb nicht sauer auf euch. Es ist nur so, dass ich mir Sorgen um Luke mache. Er hat sich verändert. Ich will einfach nicht, dass ihm etwas passiert.«
   »Ob du’s glaubst oder nicht«, sagte Isabelle undeutlich, doch Mac verstand sie. »Das will ich auch nicht.«
   »Aber wieso verhaltet ihr euch dann so? Wieso könnt ihr euch nicht einfach verstehen?«
   »Kennst du das, wenn du jemanden das erste Mal siehst und sofort über ihn urteilst? Und egal, was er tut, du kannst dieses Urteil über diese Person nicht mehr ändern?«
   Mac nickte, das Lächeln war verschwunden. Sie lauschte einfach nur Isabelles Worten.
   »Bei Luke …«, begann sie. Sie musste wirklich aufpassen, dass sie nichts Falsches sagte. »… habe ich das Gefühl, als würde ich ihn schon sehr lange kennen. Wie eine Art alter Freund, mit dem man sich so oft streiten kann, wie man will, weil er nicht aus deinem Leben verschwindet. Ich weiß nicht, ob das gut ist oder nicht. Wir lassen bei uns Dampf ab und weil es gegenseitig passiert, können wir es uns nicht einmal vorwerfen. Ich hasse Luke nicht. Er hilft mir, diese Zeit durchzustehen. Das ist nicht leicht für mich. Ich bin ihm wirklich dankbar, auch wenn ich das nicht immer zeige. Er weiß das. Mach dir keine Sorgen, Mac, das ist das Letzte, was ich und auch Luke wollen.«
   Mac nahm Izzys Hand in ihre eigene. »Danke, Isabelle. Du bist eine sehr gute Freundin. Ich bin froh, wenn Luke und du euch versteht, denn ich will weder ohne ihn noch ohne dich leben müssen.«
   Isabelle schloss die Augen und drückte ihre Hand. Alles wäre so viel einfacher, wenn Mac ein Miststück wäre. Aber das war sie nicht, und Isabelle mochte sie von Tag zu Tag mehr. Sie wollte sie wirklich nicht verletzen, doch so leicht war das nicht.
   »Wir haben Frühstück gemacht. Hast du Hunger?«, fragte Mac.
   Isabelle nickte. »Hilfst du mir auf?«
   »Klar.«
   Schmerzerfüllt stemmte sie sich auf die Ellenbogen. Rasch half Mac ihr in eine aufrechte Position, sodass sie aufstehen konnte. »Warte, du solltest dir was überziehen.« Mac holte eine rote Sweatshirtjacke aus Isabelles Schrank und half ihr, sie anzuziehen. Sie zog den Reißverschluss zu und grinste Izzy an. »Du Pflegefall.«
   Isabelle lachte überrascht auf. Das konnte man wohl laut sagen.

*

Lost Hollow hatte nicht viel zu bieten. Ein paar wenige Häuser, Nicks Villa, ein Kiosk und direkt neben an eine kleine Gaststätte. Der Besitzer war ein Italiener, der nicht unbedingt immer darauf achtete, wie alt die Person war, der er Alkohol ausschenkte.
   Luke hob das leere Glas an und drehte es so, dass der Eiswürfel darin am Rand seine Runden drehte. Seit drei Uhr am Morgen saß er hier und ihm war bereits richtig übel schwindelig. Als die Eingangstür aufging, blendete ihn ein grelles Licht. O Gott, wie spät ist es? Schützend legte er sich eine Hand vor die Augen.
   »Nicht die Location, die ich mir für ein Treffen mit meinem siebzehnjährigen Sohn vorstelle.«
   Luke strich sich durch das wirre Haar, um es ein wenig zu glätten. »Hallo Vater.«
   Christian setzte sich neben ihn betrachtete missbilligend das leere Glas. »Ich muss zugeben, dass ich überrascht war, dass du mich sehen wolltest. Was ist der Anlass?«
   »Der Anlass für die Drinks oder das Treffen?«, fragte Luke. »Warte! Es ist derselbe: Isabelle.«
   »Dann geht es ihr gut?«, fragte Christian.
   Es gefiel Luke nicht, dass sein Vater besorgt klang, wenn er über Isabelle redete. »Schwer zu sagen«, antwortete Luke. »Anfangs dachte ich, ihr geht es sehr gut, aber dann ist sie auf mich losgegangen und war kurz davor, einen Doppelselbstmord zu begehen. Dann hatte ich Zweifel, was ihr Wohlergehen angeht.«
   »Wie bitte? Sie wollte sich umbringen?«
   »Eigentlich wollte sie mich umbringen. Danke, dass du dich um das Mädchen sorgst statt um mich, Dad.«
   »Lucas, du sagtest Doppelselbstmord. Was habt ihr getan?«
   Luke zog sein T-Shirt hoch und zeigte ihm den weißen Verband, den West ihm umgelegt hat. Die Wunde an seiner Schläfe sollte er sowieso bereits gesehen haben und dann zog er das Pflaster von seiner Hand.
   Christian schnappte nach Luft. »Das hat Isabelle dir angetan?«
   »Wir haben es uns gegenseitig angetan, schätze ich.«
   »Okay, das erklärt, warum du trinkst. Und warum bin ich hier?«
   »Sie hat mich zum Nachdenken gebracht.«
   »Wow. Das Mädchen muss mehr drauf haben, als ich bisher gedacht habe.«
   »Rede nicht so über sie«, knurrte Luke. Er orderte noch einen Drink und kippte ihn auf Ex. »Sie hasst mich.«
   »Das glaube ich nicht, Lucas. Du hättest sie über dich reden hören müssen. Mit Engelszungen.«
   Luke schüttelte den Kopf. »Sie hat es mir ins Gesicht gesagt. Aber ich wollte mit dir reden, weil Isabelle darüber gesprochen hat, dass sie ihren Vater wiederhaben will. Ich habe meinen freiwillig aufgegeben. Deshalb bist du hier. Ich verzeihe dir.«
   »Das bedeutet mir sehr viel, Lucas«, beteuerte Christian. »Jedoch würde es mir mehr bedeuten, wenn du nüchtern wärst.«
   »Tut mir leid«, sagte Luke genervt und ernst meinte er es auch nicht wirklich.
   »Kann es sein, dass es da noch jemanden gibt, bei dem du dich entschuldigen solltest?«
   »Es gibt weniger Menschen, bei denen ich mich nicht entschuldigen sollte.«

*

Alle bis auf Mac und Luke waren im Esszimmer versammelt, um zu frühstücken. Da Isabelle jedoch nicht besonders hungrig war, spielte sie nur mit dem Besteck herum, bis ihr eine Idee kam. Sie wirbelte ihr Buttermesser herum und haute es immer wieder so schnell wie möglich zwischen ihre Finger auf den Tisch. 1, 2, 3, 4. 1, 2, 3, 4. 1, 2, 3, 4. »Ahh!« Isabelle atmete schwer und ihr Herz setzte einen Schlag aus. Das Messer steckte im Holz des Mahagonitisches. Zwischen ihrem Zeige- und ihrem Mittelfinger. Nur ein Millimeter von ihrer Haut entfernt.
   Schockiert schaute sie auf die nur allzu bekannte Hand auf dem Heft des Messers. Die schlanken eleganten Finger klammerten sich fest um die Waffe. Isabelle blickte zu Sebastian auf, der auf dem Stuhl ihr gegenübersaß und die Zeitung las. »Du nervst«, sagte er.
   »Und deshalb musst du mich abstechen?!«
   Die anderen starrten die beiden an.
   »Das habe ich doch gar nicht«, verteidigte sich Sebastian und sah Isabelle verwirrt an, als würde er nicht verstehen, wieso sie sich so aufregte.
   »War ziemlich knapp, meinst du nicht?«, fragte Isabelle sauer und blickte auf ihre Hand, die sie sich nicht zu bewegen traute.
   »Ich bin treffsicher.«
   »Na, scheinbar nicht. Gott sei Dank.«
   Sebastians Hand ruhte noch immer auf dem Messer. »Du glaubst, ich wollte dich treffen?« Er sah sie überrascht an. »Hätte ich dich treffen wollen, hätte ich dich getroffen, Izzy. Pass auf.« Er zog das Messer aus dem Tisch und positionierte es zwischen Isabelles Daumen und ihrem Zeigefinger.
   »Sebastian, lass den Scheiß«, schimpfte Karisma. »Du verletzt sie nur.«
   »Ich verfehle mein Ziel nie«, beteuerte er.
   »Es könnte aus Versehen passieren«, sagte West, typisch fürsorglich. »Bitte leg das Messer weg.«
   Isabelle schaute zu Sebastian auf und er sah ihr in die Augen.
   »Los«, forderte sie ihn auf.
   So schnell, dass Isabelle sie kaum noch richtig wahrnehmen konnte, sauste seine Hand los, ohne dass das Messer ihre Finger auch nur einmal streifte.
   Isabelle schaute auf und sah seinen konzentrierten Blick. Ihr war nicht ganz bewusst, wieso sie das tat, was sie nun tat. Vielleicht war sie tatsächlich etwas masochistisch, vielleicht wollte sie nur, dass Sebastian die Schuld dafür bekam, vielleicht wollte Isabelle aber auch einen Grund, um ihn wirklich zu hassen. Sie zog ihre Hand vor. Es war nur ein Zucken, doch es hätte ihre Hand durchbohrt und ihre Sehnen durchgeschnitten …,
   … wenn Sebastian nicht rechtzeitig reagiert hätte. Keinen Zentimeter über ihrem Handrücken, zog er das Messer zurück und ließ es fallen. Schockiert sah er sie an. »Was soll das?«
   »Was meinst du?«, fragte Isabelle gespielt ahnungslos.
   Sie sah, dass Sebastian sie anschreien wollte, doch da kam Mac in den Raum gestürmt und schnitt ihm das Wort ab. »Luke ist weg«, sagte sie panisch.
   Isabelle schnappte sich das Messer, wirbelte es herum und lächelte Sebastian an. »Jetzt ich?«
   »Leck mich.«
   »Leute«, rief Mac. »Luke ist weg!«
   »Inwiefern weg?«, fragte West.
   »Weg! Er ist nicht in seinem Zimmer und auch sonst nirgendwo in der Villa.«
   »Dann ist er eben spazieren oder so«, sagte Cole und zuckte die Achseln.
   Isabelle rieb sich die Finger, die vom Spreizen schmerzten. »Er ist keine sieben mehr. Ist doch halb so wild.«
   »In den letzten Tagen ist er morgens oft spazieren gegangen«, sagte Karisma und biss genüsslich in einen Toast. »Mach dir keinen Kopf.«
   »Wir sollten uns jedenfalls in der Gegend umsehen. Er war voller Schmerzmittel. Er könnte ja sonst wo hingerannt sein.«
   Unauffällig verdrehte Isabelle die Augen und kassierte dafür einen Tritt von Sebastian.
   »Na gut.« Karisma seufzte und rappelte sich auf. »Leute?«
   »Oh.« Rasch schüttelte Izzy den Kopf. »Sorry, bin krank geschrieben.«
   »Ich muss auf Isabelle aufpassen«, sagte Cole sofort. »Sie steht ja immerhin auch unter Schmerzmittel.«
   Isabelle grinste.
   »Ihr seid furchtbar«, sagte West tadelnd und stand auf.
   Selbst Sebastian schloss sich dem Suchtrupp an.

Die Ruhe hielt nicht lange an. Eine halbe Stunde hatten Cole und Izzy Zeit, Playstation zu spielen und alles zu tun, wobei die anderen sie gestört hätten, bis Isabelles Handy klingelte. Karisma hatte es ihr gestern wiedergegeben, und schon heute ging es ihr auf die Nerven. Sie sah auf das Display und dann zu Cole.
   »Wer ist es?«, fragte er.
   Isabelle schüttelte nur den Kopf und verließ den Raum, bevor sie den Anruf entgegennahm. »Christian?«
   »Hallo, Isabelle, tut mir leid, wenn ich störe.«
   »Nein, gar nicht. Freut mich zu hören, dass es Ihnen gut geht.«
   »Gleichfalls. Hör mal, ich habe hier ein kleines Problem. Es geht um Luke. Du solltest am Besten herkommen.«
   »Ähm …, die anderen suchen Luke gerade sowieso. Rufen Sie einfach Karisma an«, schlug Isabelle vor, die Luke nach dem gestrigen Abend nicht unbedingt sehen wollte.
   »Nein, Isabelle, du hast mich falsch verstanden. Es ist notwendig, dass du herkommst.«
   Nun wurde Isabelle stutzig. Was hatte Luke seinem Vater erzählt? Seit wann erzählte Luke ihm überhaupt irgendwas? »Ist was passiert?«, fragte Isabelle und nahm sich ihre Jacke.
   »Komm einfach her, bitte. Ich schick dir den Standort per SMS.« Bevor Isabelle Nein sagen konnte, legte Christian auf. Kurz darauf folgte die SMS. Sie waren in einer Bar? Oh, Mann. Das konnte nichts gutes heißen.
   »Muss kurz weg«, rief sie und rannte nach draußen. Die Taverne war leicht zu Fuß zu erreichen. Ihre Beine schmerzten, doch es war auszuhalten. Wie konnte Luke nur so blöd sein und sich mit Schmerzmitteln im Organismus betrinken? Und warum war es notwendig, dass Isabelle kam, um ihn zu holen?
   Sie erreichte das kleine Häuschen und spähte durch das Fenster in der Tür. Christian erblickte sie und kam sofort zu ihr nach draußen gelaufen. »Danke, dass du gekommen bist.«
   »Ist er …?«
   »Hackedicht.«
   Isabelle rieb sich die Stirn. »Warum haben Sie nicht Karisma angerufen?«
   »Luke hat gesagt, dass er nicht geht, bevor du herkommst.«
   »Was? Echt?«, fragte Isabelle überrascht. »Hat er Ihnen erzählt, was gestern …«
   Christian nickte. »Könntest du ihn jetzt bitte da rausholen? Noch ein Drink und er kippt vom Hocker.«
   »Ich kann es ja versuchen«, murmelte Isabelle unsicher.
   »Kommst du klar?«, fragte Christian. »Oder soll ich bleiben?«
   »Ich schaffe das schon … schätze ich«, antwortete sie und schlüpfte durch die Tür in den dunklen Raum. Luke saß an der Theke und spielte mit den Eiswürfeln in seinem Glas. Schweigend setzte sich Isabelle neben ihn und nahm sich eine Olive aus der Schale vor ihr.
   Sie beobachtete ihn, während sich seine Brust gleichmäßig hob und senkte. »Bist du betrunken?«, fragte sie.
   »Und wenn?«, fragte er provokant, die Augen geschlossen.
   »Warst du die ganze Zeit hier?«
   »Was glaubst du denn, wenn ich jetzt betrunken bin?«
   »Zicke«, murmelte Isabelle. »Es gibt da ein paar Personen, die sich Sorgen um dich machen. Kommst du mit mir?«
   Luke sprang auf, drehte ihren Hocker zu sich und sah sie an als würde er sie gleich auffressen. »Du willst schon gehen?«
   Sie nickte.
   »Dann komm ich mit.« Luke folgte Isabelle nach draußen. Das war ja leichter als gedacht. Christian war schon verschwunden. Scheinbar hatte er sehr viel Vertrauen in Izzy.
   Sie gingen schweigend den Wald entlang. Es hatte wieder zu schneien begonnen. Sie waren nicht mehr weit von der Villa entfernt, als Luke plötzlich eine Hand nach ihr ausstreckte, sie sanft mit dem Rücken gegen einen Baumstamm drückte und mit dem Reißverschluss ihrer Sweatshirtjacke spielte, der zwischen ihren Schlüsselbeinen ruhte. Ein heißer Schmerz schoss Izzy durch ihren Körper, doch sie verzog keine Miene.
   »Ich bin froh, dass du hier bist, Isabelle«, wisperte Luke.
   »Ich glaube, du verwechselst mich. Sicher, dass du nicht Mac meinst?«
   »Solche Fehler unterlaufen mir nicht«, antwortete Luke geschickt. Seine Finger wanderten mit dem Verschluss in der Hand Millimeter für Millimeter Izzys Oberkörper hinab.
   »Was wird das?«, fragte Isabelle und machte sich nicht die Mühe, ihm am Weitermachen zu hindern, da sie ja noch etwas unter der Jacke trug.
   »Wovon redest du, Isabelle?«
   Ihre Jacke war offen. Lukes Hände wanderten zu ihren Schultern. Es kostete Isabelle sehr viel Überwindung, seine Hände von ihrer Haut zu schieben. Am liebsten hätte sie ihn einfach machen lassen.
   »Du hast dich also die ganze Nacht in einer Bar betrunken?«, fragte Isabelle.
    Da der offene Reißverschluss an Reiz verloren hatte, spielte Luke nun mit ihren Haaren. Seelenruhig wickelte er sich eine blonde Strähne um den Finger. »Ich glaube, ich weiß, warum ich mich damals auf Mac eingelassen habe«, sagte er nachdenklich.
   Lukes schwarze Haare waren feucht vom Schnee und klebten an seinen Schläfen.
   »Ach ja?«, fragte Isabelle und beobachtete ihn weiterhin. Er war betrunken. Wahrscheinlich würde er sich später nicht mehr daran erinnern. Das wollte Isabelle auch nicht ausnutzen. Aber genau genommen, taten sie im Moment noch nichts Falsches. Also wieso sollte sie ihn von sich stoßen?
   »Jap. Sie sieht dir ähnlich.«
   »Nein, tut sie nicht«, sagte Isabelle und musste wieder lächeln.
   Luke sah sie nun an und erwiderte das Lächeln. »Stimmt, du bist hübscher.«
   Isabelle presste ihre Lippen unwohl zusammen. »Hör auf«, flüsterte sie, in der Hoffnung, er würde es nicht hören.
   Er seufzte und wich von ihr zurück. »Isabelle, bitte. Sag mir einfach, was du willst. Was soll ich tun, damit du nicht mehr sauer auf mich bist? Ich weiß doch, dass du es auch willst. Wenn du Dampf ablassen willst, gut. Los. Hau mir eine rein, wenn es dir dann besser …«
   Isabelle ließ ihn nicht ausreden. Sie machte einen Satz nach vorn und schlug ihm mit der offenen Hand ins Gesicht.
   Luke sah mehr überrascht als verletzt aus. Er hielt sich die rote Wange und sah Izzy fragend an. »Besser?«
   Isabelle blinzelte. Es war tatsächlich besser. »Du willst wissen, was ich will?«
   Luke nickte.
   »Ich will, dass du Mac glücklich machst, denn das hat sie verdient.«
   »Kannst du nicht ein einziges Mal auch an dich denken? Kannst du nicht einmal egoistisch sein, Isabelle? Gib zu, was du für mich empfindest. Sei egoistisch, okay?«
   Es war verrückt. Luke sah verzweifelt aus. Er war betrunken, seine Wangen waren rot und er starrte Isabelle aus diesen leeren, verlorenen Augen an. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Isabelle schüttelte den Kopf. »Das kann ich nicht.«
   »Es ist egal, was du sagst«, behauptete Luke. »Du bist kein schlechter Mensch. Du bist einer von den Guten. Ein Engel. Aber ich bin nicht so und deshalb muss ich jetzt einfach egoistisch sein.«
   Bevor Isabelle etwas erwidern konnte, zog Luke sie an sich, legte seine Hände um ihr Gesicht und küsste sie. Seine Hände wanderten hinunter zu ihren Hüften, und er drückte sie wieder sanft gegen den Baum. Luke kam ihr so nahe, bis keine Feder mehr zwischen ihnen Platz gefunden hätte.
   Isabelle war sich nicht sicher, wo sie die Kraft hernahm, Luke von sich zu schieben. Seine Lippen schienen ihr im Moment das einzig wundervoll Warme in dieser Eiseskälte, aber sie konnte das Mac nicht antun. Nicht nach dem, was Mac gesagt hatte. Sie machte sich solche Sorgen um ihn. Mac liebte ihn aufrichtig. Isabelle durfte nicht egoistisch sein.
   »War das die Rache wegen letztem Mal?«, fragte Luke perplex.
   »Es geht mir bestimmt nicht um Rache.« Isabelle seufzte.
   Er runzelte die Stirn. »Dann hasst du mich wirklich? Es würde mich wirklich interessieren, wann der Sinneswandel kam.«
   Isabelle verdrehte die Augen. »Ich bin bereit, mich mit dir zu unterhalten, wenn du nüchtern bist, okay?«
   Sie wollte sich umdrehen und einfach gehen, aber Luke fasste rasch ihren Arm und sah sie eindringlich an. »Bitte, sag es mir.« Er hörte sich nicht mehr spöttisch oder herablassend an. Luke wirkte ernsthaft besorgt.
   Er sah ihr tief in die Augen, und plötzlich war Isabelle überhaupt nicht mehr kalt. Im Gegenteil. In ihrem Inneren machte sich eine wohlige Wärme breit. »Ich hasse dich nicht«, wisperte Isabelle. »Ich könnte dich nie hassen.«
   Luke ließ ihren Arm los und legte seine warmen Hände sanft um ihr Gesicht. »Wieso tust du das dann? Willst du damit mich bestrafen oder dich selbst?«
   Das war eine sehr gute Frage. Isabelle hasste sich dafür, dass sie Mac hinterging und noch mehr hasste sie sich dafür, dass es ihr eigentlich egal war und alles, woran Isabelle zur Zeit denken konnte, war das Gefühl von seinen Lippen auf ihren.
   Sie sollte es wagen. Sie wollte egoistisch sein und Luke für sich beanspruchen. Er wollte es doch so, oder nicht? Hatte er ihr nicht gerade indirekt gezeigt, dass er sie wollte und nicht Mac? Ihre Gedanken erschraken sie. Seit wann war das ihre Denkweise? Sie musste zugeben, dass sie sich nur einredete, dass sie Mac nicht verletzen wollte, um die Wahrheit nicht akzeptieren zu müssen. Isabelle war bereits egoistisch. Macs Gefühle waren ihr völlig egal.
   »Ich weiß es nicht«, sagte Isabelle und tastete so unauffällig wie möglich nach ihrer Kette. »Ich würde gern darüber nachdenken, was ich in Bezug auf dich will, aber es gibt zur Zeit Wichtigeres, auf das ich mich konzentrieren muss.«
   Luke lachte auf, ließ sie los und wich zurück. »Darüber nachdenken? Du weißt, was du für mich empfindest. Wieso gibst du es nicht einfach zu?«
   Seine Arroganz und Selbstsicherheit gingen Isabelle auf die Nerven. »Und du? Wieso sagst du mir nicht einfach, was du empfindest, denn ich würde wirklich gern wissen, wer dir im Moment wichtiger ist. Mac oder ich?«
   Mit dieser konkreten Frage schien Luke nicht gerechnet zu haben. Kurz sah er auf seine schlanken Finger, dann sah er wieder auf. »Ich hätte nie gedacht, dass du diejenige sein wirst, die mich zur Wahl stellt.«
   »Ich hätte nie gedacht, dass du dumm genug bist, um zu glauben, ich wäre zum Teilen bereit«, zischte Isabelle, drehte sich um und ging diesmal wirklich, bevor er sie aufhalten konnte.

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