Du führst allein mit deiner Tante ein ruhiges Leben am Strand. Manchmal ist es vielleicht etwas einsam, bis ein Tag dein Leben verändert. Bei einem nächtlichen Spaziergang triffst du auf die wunderschöne Isobel. Ihr freundet euch an, und du erfährst ihr Geheimnis. Du hättest nie gedacht, dass sie existieren, aber… du hast dich wie alle anderen geirrt. Isobel ist eine Meerjungfrau. Anfangs hast du Angst, doch du stürzt dich mit ihr ins Abenteuer. Alles könnte so schön sein, wäre da nicht ihr fieser, aber zugegebenermaßen gut aussehender Bruder Livian, der Menschen und vor allem dich nicht ausstehen kann. Doch Isobel meint, dass Livian nicht immer so war und sich geändert hat. Aber solltest gerade du dich in die Angelegenheiten der Meermenschen einmischen? Ein modernes Märchen zum Verlieben und Träumen, erzählt aus Sicht des Menschenmädchens Sarah und des Meerjungens Livian.

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ISBN: 978-9963-53-960-4

Seiten: 275

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Carolin Kippels

Carolin Kippels
Carolin Kippels wurde 1995 in Gummersbach geboren. In ihrer Kindheit erkundete sie die Wälder des bergischen Landes und brachte mit klaren Strichen abenteuerliche Fantasiegebilde auf Papier. In der Schulzeit entwickelte sich ihr reges Interesse an zwischenmenschlichen Prozessen, über die sie Kurzgeschichten schrieb. Nach dem Abitur baute sie dieses Interesse aus und absolvierte ein Psychologiestudium. Deswegen dreht es sich in ihren Geschichten oft um vielschichtige Charaktere mit Ecken und Kanten, die die verschiedensten Abenteuer erleben. Und fast immer ist in den Geschichten eine kleine Botschaft versteckt. Sie ist ein Hundefreund und widmet sich in ihrer Freizeit leidenschaftlich ihren Lieblingsbüchern und einigen Serien. 

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Seitdem ich denken kann, erinnere ich mich daran, dass mich Leute angestarrt haben. In unserem Fischerdorf zerrissen sich die Leute über alles und jeden den Mund, und ich war ein gefundenes Fressen für sie. Ich war nie einfach nur Sarah. Ich war immer das arme
   Mädchen ohne Eltern. Die Sarah, die allein mit ihrer Tante in dem kleinen Strandhaus am Meer lebte. Die Sarah, die allein auf dem Pausenhof herumstand. Das Gerede der Bewohner war das Einzige, was mich an meiner Heimat störte. Abgesehen davon war es nicht immer so gewesen.
   In unserem Dorf war es recht ruhig. Das war auch gut so, denn ich hasste zu viel Trubel. Nur zu den Urlaubszeiten tummelten sich die Touristen und überfüllten die Strände. Den Tratsch der Bewohner konnte ich gut ausblenden. Viel davon bekam ich auch nicht mit. Außer, wenn ich zur Schule musste. Dann wünschte ich mir, dass ich sie endlich beendet hätte, denn meine Mitschüler tuschelten über mich. Die Blicke, die sie mir zuwarfen, waren nicht zu übersehen. Manchmal stand in den Augen nur Neugier, manchmal auch Kälte. Jedenfalls fühlte ich mich in der Schule nie richtig wohl, weder im Unterricht noch in der Pause. Deswegen bildete sich auf meinen Armen schon eine Gänsehaut, wenn ich morgens das Schulgebäude betrat. Es war nur noch dieses Schuljahr, tröstete ich mich. Mittlerweile hatte ich mich damit abgefunden, allein zu sein. Anscheinend war das mein Schicksal, und ich kam damit klar. Teilweise war es auch meine Schuld, weil ich auf andere verschlossen wirkte. Meine Schüchternheit machte es mir nicht leicht, neue Leute kennenzulernen, stattdessen beschäftigte ich mich anders. Den Großteil meiner Freizeit verbrachte ich am Meer. Ich liebte dieses beruhigende Rauschen, die frische Meeresluft und das Gefühl des Sandes zwischen den Füßen. Nur dort hatte ich Ruhe und konnte wirklich ich selbst sein. Dort konnte ich Stunden verbringen und hatte das Gefühl, dass erst ein paar Sekunden vergangen waren. Von Kindesbeinen an zog es mich immer wieder zum Meer. Der Übergang von Strand zu der Weite des Meeres hatte für mich immer etwas Magisches. Genau wie der Horizont, der das Meer endlich erscheinen lässt. Wie oft hatte ich mir als kleines Mädchen vorgenommen, einmal zum Horizont zu schwimmen und wieder zurück. Obwohl ich im Leben schon viel Pech hatte, habe ich nie aufgehört, an Wunder zu glauben. Ich hatte immer auf etwas gehofft, das mir helfen würde, die restliche Schulzeit zu überstehen. Wie sehr sehnte ich mich nach etwas, das meine Einsamkeit und auch mich verändern würde. Was das sein sollte, wusste ich nicht. Jeden Abend schloss ich die Augen, dachte daran und hoffte, dass mein Wunsch irgendwann erfüllt wurde. Ich fand eine Freundin: Isobel. Wir verstanden uns sofort und stürzten uns in die verrücktesten Abenteuer. Doch Isobel war nicht wie ich. Isobel war etwas Besonderes.

Kapitel 1
Vielleicht

Wie an jedem Spätsommerabend machte ich meinen Spaziergang am Strand. Meine Tante hätte das nicht gern gesehen, aber sie musste ja nicht alles wissen. Glücklicherweise war mein Zimmer im Erdgeschoss, und demnach war es ziemlich leicht,
   sich aus dem Staub zu machen, wenn man leise genug war. Meine Tante Karin war zwar herzensgut, konnte jedoch streng sein. Sie war etwas fülliger und eine hervorragende Köchin. Karin hatte meine Liebe zum Meer nie verstanden und meinte schon damals, dass ich eindeutig nach meiner Mutter käme.
   Ein kurzer Fußweg durch die Siedlung führte mich zum Strand, wo ich erst einmal einen tiefen Atemzug nahm. Die frische Luft strömte durch die Nase in die Lungen und belebte mich. Langsam fiel der ganze Ärger von mir ab. Meine Füße steckten im Sand, und ich blickte auf das Wasser, in dem sich die Lichter spiegelten. Ein zufriedenes Lächeln glitt über mein Gesicht, und ich genoss den Moment, ehe ich weiterschlenderte. Vor allem bei Nacht hatte dieser Ort etwas Magisches. Spät abends war eigentlich niemand hier, und ich hatte diesen Platz für mich allein. Die Leute, die in unserem Dorf lebten, hatten sich an das Meer gewöhnt. Für sie war es nichts Besonderes mehr.
   Ich ging die übliche Strecke und erreichte den etwas verwilderten Teil des Strandes. Hier war mein kleines Geheimversteck. Seitdem das alte Hotel an der Bucht pleite war, hatte man diesen Ort vergessen. Bisher gab es auch keinen neuen Besitzer, weswegen alle Pflanzen weiterwuchsen und dieser Teil ungepflegt wirkte. Gerade das machte ihn für mich so idyllisch. Der Wind pfiff durch das hohe Gras und brachte die Wellen in Bewegung. Mich fröstelte es, ich strich mir über die Arme und spürte, wie sich dort die kleinen Härchen aufstellten. Mein Blick glitt über den Strand und blieb an ein paar riesigen Steinen hängen, die aus dem Sand hervorragten. Doch halt, ich hatte mich getäuscht, es handelte sich nicht nur um Steine, die an der Küste lagen. Nein, etwas weiter weg konnte ich eine Gestalt erkennen. Wobei Gestalt hierbei zu viel gesagt war. Eigentlich war es nur ein Oberkörper, der leblos am Strand lag. Der Rest war noch im Wasser. Die Wellen waren mittlerweile heftiger geworden und schlugen nun stärker auf dem Sand und damit auch auf diesem Körper auf. Es war ziemlich dunkel, da es hier kaum Beleuchtung gab. Die Schatten, die durch das spärliche Licht zu erahnen waren, wirkten lang und düster. Als ich etwas näher gekommen war, erkannte ich mit Mühe, dass es ein Mädchen war. Es bewegte sich nicht. Keine einzige Regung. Was, wenn ihr etwas zugestoßen war?
   Leider machten mich Situationen wie diese schnell nervös, und ich spürte, wie mein Herz seinen Schlag verdoppelte. Mir wurde heiß, und ich konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Trotzdem strich ich mir das Haar aus dem Gesicht und ging auf die Fremde zu. Mein Handy diente hierbei als Taschenlampe. So vermied ich es, wenigstens über irgendetwas auf dem Boden zu stolpern.
   »Hallo?«, fragte ich vorsichtig, doch bekam keine Antwort darauf. »Hallo?«
   Der Körper blieb regungslos. Also nahm ich meinen Mut zusammen, ging noch etwas näher heran und tippte mit meinem Fuß gegen die Person.
   »Hallo!«
   Ich schrie schon fast, aber das hatte endlich den gewünschten Effekt. Das fremde Mädchen gab ein Lebenszeichen von sich.
   »Hey«, erwiderte sie, hob den Kopf und sah mich wütend an.
   Durch das bisschen Licht versuchte ich, mir mein Gegenüber genauer anzuschauen. Sand und Muscheln klebten in ihren Haaren, die an ein paar Stellen zu Zöpfen geflochten waren. Es sah wild aus, aber passte zu ihr. Ihr Haar war lang, dunkel und besaß eine grüne Strähne, die mit den restlichen Haaren sanft ihr Gesicht umschmeichelte. Oder war das Seetang? Genau konnte ich es nicht sagen, aber mir wurde eines bewusst: Sie war wunderschön. Die Fremde starrte mich mit großen Augen an, ehe ihr Gesichtsausdruck ernst wurde.
   »Kein Grund, mich anzuschreien!«
   Mit dieser Reaktion hatte ich nicht gerechnet. Deswegen verschränkte ich die Arme vor der Brust. »Entschuldige, aber du lagst da, als wärst du tot. Ich kann keine Gedanken lesen und wissen, dass es dir gut geht. Normale Menschen liegen nachts nicht im Sand herum …, vor allem nicht so nah am Meer. Es hätte auch sein können, dass du ertrunken bist und durch die Strömung an Land gespült wurdest.«
   Das fremde Mädchen sah mich an, zögerte ein paar Sekunden und lachte. Es war ein klares, helles Lachen. »Nein, keine Sorge. Ertrinken werde ich wohl nicht.«
   »Kann man nie sicher sagen«, murmelte ich.
   »Doch, das kann ich.«
   Sie lachte noch einmal und bespritzte mich mit Wasser. Dazu nutzte sie ihre Beine und machte eine merkwürdige, feine Bewegung. Mit einem erneuten Kichern wiederholte sie das Ganze, weswegen ich nun genauer hinsah. Irgendetwas war merkwürdig bei dieser Bewegung und machte mich stutzig. Sie bewegte nicht ihre Beine. Dort hinten aus dem Wasser ragte tatsächlich … ein Fischschwanz. Mir klappte der Unterkiefer herunter.
   »Was? Wie kann das …«
   »Hast du noch nie eine Flosse gesehen?« Das Mädchen grinste.
   »Das ist ein Trick, du …«
   »Ach, ihr Menschen … Ihr seid doch alle gleich«, unterbrach sie mich.
   Ich brachte kein Wort mehr heraus, ich starrte sie an und brauchte einen Moment, ehe ich meine Sprache wiederfand. »Wenn du wirklich eine Meerjungfrau bist … Was machst du dann hier am Strand? Gehörst du nicht ins Meer?«
   »Doch, aber im Meer ist momentan viel zu viel los. Wenn ich davon genug habe, komme ich an den Strand, um etwas Ruhe zu haben.«
   Das war doch verrückt. Ich kniff mich in den Arm, um mir zu beweisen, dass ich nicht träumte. Es schmerzte, also war ich wach. »Ist das nicht gefährlich? Ich meine, ich habe dich gesehen.«
   Auf dem zierlichen Gesicht der Meerjungfrau zeichnete sich ein Grinsen ab. »Quatsch. Nachts kommt hier niemand vorbei. Wirklich.«
   Stimmt. Das wusste ich auch, und deswegen war es mein Lieblingsort.
   »Abgesehen davon hast du mich gesehen. Toll. Was willst du jetzt machen? Es deinen Menschenfreunden erzählen? Die würden dir wahrscheinlich sowieso nicht glauben.«
   Darüber dachte ich nach. Wahrscheinlich hatte sie recht. Abgesehen davon hatte ich kaum Freunde, mit denen ich über so etwas tratschen könnte. Und die hätten mich wohl für verrückt erklärt. Es reichte schon, dass die Leute aus dem Dorf mich für sonderbar hielten. Da wollte ich ganz gewiss nicht mehr Öl ins Feuer gießen. »Stimmt schon«, sagte ich, auch wenn sich mein Mund trocken anfühlte. Die ganze Situation war so merkwürdig, dass ich die peinliche Stille nicht besser fand. Deswegen wollte ich das Gespräch fortführen und mehr über die Meerjungfrau erfahren. »Hast du einen Namen?«
   Die Meerjungfrau nickte. »Ja, mein Name ist Isobel.«
   Isobel. Ein merkwürdiger Name, der aber passte.
   »Und du?«
   »Sarah«, antwortete ich und fand, dass wir gar nicht so verschieden waren. Auch Isobel suchte am Strand nach Ruhe. Genau wie ich.
   »Freut mich.«
   Ich nahm ihre Hand und bemerkte, dass diese nass war. Dazu fühlte ich etwas Merkwürdiges, Glitschiges zwischen ihren Fingern. Waren das etwa Schwimmhäute? Aus Höflichkeit schluckte ich jegliche Bemerkung dazu herunter und ignorierte es.
   »Kommst du öfter hierher?«, fragte sie mich, worauf ich nickte.
   »Ja. Ich wohne in dem grünen Strandhaus da drüben.«
   Ich zeigte in die Richtung, worauf sie meinem Blick folgte. »Ah, okay. Ich war noch nie in einem eurer Menschenhäuser. Wie ist es darin so?«
   »Ganz bequem, aber ich habe eigentlich noch nie darüber nachgedacht.« Das stimmte wirklich. Schließlich war es für mich normal, in einem Bett zu schlafen, an einem Tisch zu essen … All das hatte ich nie hinterfragt. Die Gedanken schob ich beiseite, weil es noch etwas gab, das mich interessierte. »Bist du morgen wieder hier?«, fragte ich die Meerjungfrau neugierig.
   »Vielleicht.« Die Meerjungfrau zwinkerte, wandte sich um und stürzte sich ins Wasser. Dabei spritzte sie mich noch einmal mit ihrer Flosse nass und winkte mir, ehe sie endgültig untertauchte. Die Wellen schlugen über ihr zusammen, und sie verschwand. Der Spuk war also so schnell vorüber, wie er begonnen hatte. Die Meerjungfrau ließ mich nass und allein am Strand zurück.
   Nachdenklich strich ich mir über die Stirn und versuchte, mich zu ordnen. Was ihr Vielleicht wohl zu bedeuten hatte? Ich wusste es nicht, aber war mir sicher, dass ich morgen Abend wieder hier sein würde.

Kapitel 2
Loreley

Die Begegnung mit Isobel ließ mich nicht mehr los. Auch als ich zu Hause war, gingen meine Gedanken zu dem Meermädchen. Vielleicht war ich am Strand einfach nur eingenickt und hatte das Ganze geträumt? Nein, meine Sachen
   waren klitschnass, und normalerweise spritzten die Wellen nicht so hoch, dass sie die ganze Kleidung erwischten. Zumindest nicht, wenn man am Ufer stand.
   Zu Hause musste ich natürlich durch mein Fenster einsteigen, damit Tante Karin es nicht mitbekam. Und dabei musste ich leise sein. Mit großer Mühe gelang es mir. Schnell entledigte ich mich der nassen Kleidung und legte mich ins Bett. Leider war ich noch immer aufgekratzt und bekam deswegen kein Auge zu. Ständig suchte ich in meinem Hirn nach Beweisen dafür, dass ich nur geträumt hatte. Im Grunde gab es nur eine Lösung: Ich musste mich morgen wieder zu dem verwilderten Strandteil aufmachen.
   Am nächsten Tag war ich viel zu müde und es fiel mir schwer, mich zu konzentrieren.
   Tante Karin bemerkte es und strafte mich sofort mit einem bösen Blick, als sie mich sah. »Hast du wieder heimlich gelesen?« Im nächsten Moment lag ihre Aufmerksamkeit allerdings nicht mehr auf mir. Sie suchte nach ihrem Autoschlüssel.
   Fast jeden Morgen hatte sie ihn verlegt, und es lief dasselbe Spiel ab. Nach einigen Schlucken Kaffee rannte sie durch das ganze Haus und suchte den Schlüssel. Meistens fand sie ihn an den Orten, an denen sie ihn am wenigsten vermutet hätte.
   »Nein, ich habe nicht gelesen. Wirklich.« Das war die Wahrheit. Gelesen hatte ich nicht, sondern eine Bekanntschaft am Strand gemacht. Mit reiner Unschuldsmiene sah ich sie an und hoffte, dass sie mir glaubte.
   »Okay, ich vertraue darauf, dass du die Wahrheit sagst. Aber wenn du morgen wieder so müde aussiehst, gibt es abendliche Kontrollen.«
   Das wollte ich auf jeden Fall vermeiden. Meine abendlichen Spaziergänge wären nämlich Geschichte, wenn Tante Karin unangekündigt mein Zimmer betrat. Also gab ich sofort ein Nicken von mir. Das stimmte sie vorerst zufrieden.
   Die Schule dauerte einfach viel zu lange, aber das konnte ich auch über den ganzen Tag sagen. Bis die Sonne endlich unterging, kam es mir vor, als wären Wochen vergangen. Außerdem war ich aufgeregt und spielte in der letzten Stunde mit meinem Stift herum. Die anderen schienen es zu bemerken, denn sie tuschelten wieder. Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Als die Klingel ertönte, packte ich meine Sachen zusammen, schnappte mir die Tasche und wollte gehen. Jedenfalls war das der Plan. Leider wurde dieser von ein paar ‚besonders freundlichen‘ Mitschülern vereitelt. Meine Schulkameradin und Erzfeindin Linda baute sich mit zwei Freunden vor der Klassenzimmertür auf.
   »Na, Sarah? Du wirkst heute angespannt. Was ist los? Hast du heute etwa ein Date? Vielleicht klappt es ja besser als mit Jonas damals«, sagte Tom und verschränkte die Arme vor der Brust.
   Immer wieder mussten sie mich mit Jonas ärgern. Das Ganze brachte mich innerlich zur Weißglut, aber ich versuchte, ruhig zu wirken.
   »Oder bist du aufgeregt, weil es heute irgendwo Schlussverkauf für Langweilerklamotten gibt?« Linda stellte sich neben Tom und sah abschätzig auf mein einfaches weißes T-Shirt und die Jeans.
   Natürlich war ihr Sommerkleid mit tiefem Ausschnitt schicker und auffälliger, aber ich fand, dass ihr Outfit auch nicht die richtige Wahl für die Schule war. So war Linda eben. Das hatte ich schon einige Male zu spüren bekommen.
   »Keine Ahnung, lasst mich in Ruhe«, erwiderte ich und wollte an ihnen vorbei, aber Tom versperrte weiter den Weg.
   »Oh, da hat es aber jemand eilig«, bemerkte er.
   »Lasst mich einfach durch, okay? Ich habe keine Lust, mich mit euch zu streiten. Und es bringt euch nur Ärger ein.«
   »Wir sind aber zu dritt. Du bist ganz allein … Wenn du uns anschwärzen willst, machen wir dir das Leben zur Hölle.«
   Ich ballte die Hände zu Fäusten und blickte die drei wütend an. »Ja, ich weiß, dass ihr zu dritt seid. Und deswegen ist das, was ihr hier tut, einfach arm und daneben.«
   Tom beugte sich etwas vor und hob die Augenbrauen. Ich hatte ihn provoziert und damit wohl mein Todesurteil unterschrieben.
   »Was war das?«, fragte er, doch er wurde von Kevin zurückgehalten.
   »Kommt schon, lasst das. Ich habe keine Lust, heute nachzusitzen. Lasst uns lieber zu mir nach Hause und etwas zocken«, erwiderte er, weswegen er von seinen Freunden verwirrt angestarrt wurde.
   »Du hast Glück«, murmelte Linda und zog sich zurück. Kevins Blick ging zu mir, ehe er sich mit den anderen zurückzog. Wieso hatte sich Kevin eingemischt und Partei für mich ergriffen? Verwirrt fuhr ich mir durch das Haar und war froh, dass alles gut ausgegangen war. Trotzdem hatte das Ganze Konsequenzen für mich. Da war ich sicher.

Zu Hause brachte ich die Schulaufgaben hinter mich, aber wartete eigentlich nur darauf, dass es dunkel wurde. Als sich die Sonne endlich dem Horizont näherte, wünschte ich Tante Karin schnell eine gute Nacht und sagte ihr, dass ich schlafen wolle. Sie war etwas irritiert, weil es noch sehr früh war, aber akzeptierte es. Wahrscheinlich dachte sie, dass ich Schlaf nachholen wollte, weil ich heute so müde ausgesehen hatte. Damit war ich sie erst einmal los. Und da sie mir noch eine Chance gab, morgen ausgeschlafen am Frühstückstisch zu erscheinen, musste ich mir wegen der nächtlichen Kontrolle auch keine Gedanken machen. Trotzdem war ich sehr vorsichtig, als ich aus meinem Fenster kletterte und mich zum Strand aufmachte. Der Weg kam mir länger als sonst vor. Aber umso näher ich dem verwilderten Strandteil kam, desto nervöser wurde ich. Meine Knie zitterten, als meine Füße den Sand berührten. Ich atmete noch einmal tief durch, ehe ich nach Isobel Ausschau hielt. Es war aber weit und breit niemand zu sehen, was mich enttäuschte. Sie hatte auch nur gesagt, dass sie vielleicht wieder hier sein würde. Das war weder ein Versprechen noch eine Verabredung gewesen. Seufzend nahm ich auf einem großen Stein an der Bucht Platz und bettete den Kopf auf die Knie. Anscheinend wollte auch das Meermädchen nichts mit mir zu tun haben. Was war denn nur falsch mit mir?
   Nachdenklich schloss ich die Augen und lauschte den Wellen. Vielleicht war ich einsamer, als ich gedacht hatte, und Isobel meiner Fantasie entsprungen. Bestimmt gab es Leute, die sich aus Einsamkeit Freunde erfanden. Zumindest bei Kindern hatte ich davon gehört.
   Platsch. Das Geräusch kannte ich, und nicht nur das: Von einer Sekunde auf die andere war mein T-Shirt komplett nass. Sofort öffnete ich die Augen und fuhr herum. Kurz vor dem Ufer erkannte ich den Umriss eines Mädchens. Meine Miene hellte sich auf. Das konnte doch kein Zufall sein. Schnell sprang ich von dem Stein auf und rannte die paar Meter hinunter.
   »Hey! Das ist nicht fair«, beschwerte ich mich, als ich Isobel vor mir sah. Tatsächlich, sie war gekommen.
   Sie gab wieder ihr helles Lachen von sich und winkte mir zu. »Natürlich ist es fair. Du kannst ja auch mit Sand oder Schlamm nach mir werfen.«
   Ganz wie sie wollte, ich probierte es, doch erwischte sie nicht, weil sie im selben Moment wieder untergetaucht war. »Ich wiederhole mich: Es ist nicht fair. Schließlich kannst du untertauchen.«
   Isobel gab ein Nicken von sich und hielt inne. »Da hast du recht. Vielleicht solltest du einfach zu mir ins Wasser kommen.«
   Nun zögerte ich. Ehrlich gesagt war ich nicht sicher, ob es eine gute Idee war, einer Meerjungfrau, die ich gestern kennengelernt hatte, zu vertrauen und ins Wasser zu folgen. Schließlich erinnerte ich mich an den Mythos, der besagte, dass einige Meerjungfrauen mit böser Absicht Männer in das Meer gelockt hatten. »Ich kann nicht gut schwimmen«, erwiderte ich knapp.
   »Dann helfe ich dir, es zu lernen.«
   Auch darauf schüttelte ich den Kopf. Isobel gab ein Seufzen von sich.
   »Schon gut. Du vertraust mir nicht. Das liegt alles nur an dieser dämlichen Loreley«, murmelte sie und kam nun näher an das Ufer.
   »Du kennst die Sage?«, fragte ich erstaunt.
   »Ja, und es ist tatsächlich keine Sage. Ich habe Loreley kennengelernt. Sie war eine Freundin meines Vaters, aber ich habe sie nie gemocht. Mein Vater hat sie schlussendlich auch bestraft, weil ihm die ganzen Schiffsunglücke auf die Nerven gingen.« Sie machte eine Pause und kämmte mit den Fingern ihr wildes Haar. »Ehrlich. Loreley denkt nur an sich und hat die Schiffbrüche als Zeichen ihrer Schönheit gedeutet. Wenn es an einem Tag keinen Schiffbruch gab, hat sie wohl geweint. Sie ist eine richtige Zicke. Ich hasse Meermenschen wie sie.«
   Bei ihren Worten musste ich schmunzeln. »Wem sagst du das?«, fragte ich und konnte nicht verhindern, dass meine Gedanken sofort zu Linda wanderten.
   »Kennst du auch so jemanden?«
   Ich nickte. Wie es aussah, hatten Isobel und ich einige Gemeinsamkeiten.
   »Sahst du deswegen so traurig aus?«
   »Du hast mich beobachtet?« Natürlich versuchte ich, die Antwort zu umgehen. Es war mir unangenehm, über Linda oder meine vorherigen Gefühle zu sprechen.
   »Ein bisschen. Schließlich wollte ich einen perfekten Überraschungsangriff starten.« Sie tauchte ihre Flosse bei diesen Worten wieder ins Wasser. Die Schuppen schimmerten lilafarben, aber gingen an manchen Stellen in ein Dunkelblau über. »Zurück zu meiner Frage. Hat dich das traurig gemacht?«
   Es war mir peinlich, dass sie das bemerkt hatte, aber ich entschied mich, ehrlich zu sein. »Ja. Ich habe ein Mädchen namens Linda in der Schule. Sie hasst mich, und ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung wieso. Es ist schon eine ganze Weile so. Dabei habe ich ihr nie etwas getan, und ich bin auch keine Konkurrenz für sie. Sie hat alles in ihrem Leben: Sie ist hübsch, hat gute Noten, Freunde …«
   »Das heißt nicht, dass sie glücklich ist oder dich nicht als Konkurrenz sieht«, gab Isobel zurück. Sie richtete sich etwas auf und musterte mich interessiert. »Von dem, was du mir erzählst, klingt sie aber schon wie eine Loreley. Du solltest mal genau darauf achten, mit wem sie sich umgibt. Wahrscheinlich sind es nur Leute, die nicht so hübsch oder begabt sind wie sie. Und alle anderen Leute, die an sie heranreichen könnten, kann sie deswegen nicht leiden oder macht sie fertig. Ganz typisch für kleine Tyranninnen. Loreley hat damals auch alle anderen Nixen aus ihrer Umgebung vertrieben, die so schön wie sie waren.«
   Isobel kroch ein wenig aus dem Wasser und berührte mich sanft am Knie. Wieder einmal war ihre Hand nass und etwas kalt, aber es war eine freundliche Geste.
   »Lass dich von dieser Linda nicht einschüchtern. Wahrscheinlich ist sie nicht gewohnt, die Stirn geboten zu bekommen. Wenn du das durchhältst, wird es sie überraschen. Vielleicht ängstigt es sie sogar so sehr, dass sie dich in Ruhe lässt. Was genau ist heute denn vorgefallen in eurem Menschendorf?«
   »Ich glaube, um Linda die Stirn zu bieten, ist es schon zu spät«, antwortete ich und seufzte. »Das Ganze hat mit der Vergangenheit zu tun und leider nicht nur mit dem heutigen Tag.«
   Isobel zuckte darauf nur lässig mit den Schultern. »Ich habe Zeit.«
   Gut, sie hatte es so gewollt. Ich erzählte ihr die ganze Geschichte und endete bei dem heutigen Tag, worauf sie verständig nickte.
   »Wer ist dieser Kevin?«
   »Keine Ahnung. Einer ihrer Freunde. Ich kenne ihn nicht so gut.«
   »Das hindert dich nicht daran, ihm morgen dafür zu danken, dass zumindest er sich vernünftig verhalten hat«, meinte Isobel.
   »Du meinst, ich soll zu Kevin gehen …, mich bedanken und …«, fing ich an und schüttelte den Kopf, ehe ich lachen musste. »Das ist verrückt. Er ist mit Linda befreundet.«
   »Und? Er gehört Linda doch nicht. Und wenn Linda sich aufspielt, während du mit Kevin redest, wird es ihm klarmachen, dass Linda daneben ist. Falls er das nicht begreift, weißt du, dass er ein Idiot ist.«
   So hatte ich das noch überhaupt nicht betrachtet, aber aus Isobels Mund klang es logisch. Ich zuckte mit den Schultern. »Du hast recht. Ich kann es ja versuchen.«
   »Zu verlieren hast du nichts. Und du kannst mir morgen sagen, wie es gelaufen ist.«
   »Klar. Heißt das, wir sehen uns morgen wieder?«, fragte ich und konnte nicht verhindern, dass ich grinsen musste.
   Isobel nickte sofort und flocht sich dabei einen neuen Zopf in ihr Haar. »Klar, wenn du willst und Zeit hast?«
   »Ich denke schon. Dann sehen wir uns wohl morgen Abend.«
   »Ich werde da sein. Ich muss ja sehen, wie du mit der menschlichen Loreley fertig geworden bist«, verabschiedete sie sich, stieß sich vom Ufer ab und verschwand wieder im Wasser.
   Hatte mir gerade eine Meerjungfrau Tipps für den Umgang mit Zicken gegeben? Das alles war abgefahren, machte mich aber glücklich. Mit einem Lächeln auf den Lippen begab ich mich auf den Rückweg und schlüpfte schnell ins Bett, als ich zu Hause war. Dieses Mal war ich auch nicht mehr so aufgekratzt wie zuvor. Im Gegenteil. Ich war ruhig und freute mich auf morgen. Zwar machte mich der Gedanke an das Gespräch mit Kevin nervös, doch ich dachte an das, was Isobel gesagt hatte. Eigentlich hatte ich nichts zu verlieren. Mit diesem Gedanken schlief ich ein und erwachte am nächsten Morgen relativ ausgeschlafen. Sehr zu Karins Zufriedenheit. Meine Tante fuhr mich wie immer zur Schule, nachdem sie endlich ihren Autoschlüssel gefunden hatte. Leider gerieten wir in einen Stau, weswegen ich mich hetzen musste und trotzdem zu spät kam. Na, das passte ja. Als ich die Klinke der Klassenzimmertür herunterdrückte, fühlte sie sich schwer an. Außerdem gab die Tür ein lautes Knarren von sich, als ich sie aufzog. Sofort richteten sich alle Augenpaare auf mich. Sich schnell und unauffällig auf den Platz zu setzen, war damit unmöglich.
   Diese Gelegenheit ließ Linda natürlich nicht aus, um einer Freundin irgendetwas zuzuflüstern. Darauf kicherten die beiden natürlich. Als ich die beiden beobachtete, fiel mir auf, dass Lindas Freundin nicht so hübsch war wie sie. Automatisch musste ich wieder an Isobels Worte denken, während ich mich setzte.
   Ich wartete noch brav bis zur Pause, ehe ich meinen Plan auszuführte. Als es klingelte, machte ich mich zu Kevins Platz auf. Der wollte sich gerade seine Jacke schnappen und das Zimmer verlassen, doch als er mich sah, blieb er stehen. Er musterte mich neugierig. Wahrscheinlich hatte er nicht erwartet, dass die schüchterne Sarah zu ihm kommen würde. Verständlich, denn so etwas hatte ich bisher noch nie getan. Es waren nur noch ein paar Schüler im Klassenraum. Darunter Kevin, Linda und ich. Und genau in diesem Moment wusste ich auch wieder, warum ich so etwas nicht tat. Weil es mich nervös machte und ich nie wusste, wie ich ein Gespräch anfangen sollte. Vielleicht hätte ich das genauer durchdenken sollen. Aber es war zu spät. Ich stand schon vor Kevins Platz und musste irgendetwas sagen. Sonst wäre das Ganze noch peinlicher. »Hey, also wegen gestern … Ich fand es nett, dass du Linda und Tom zur Vernunft gebracht hast«, sagte ich und versuchte, Kevins Blick zu deuten.
   Er wirkte überrascht, doch nickte leicht. »Schon gut, ich weiß auch nicht, was das …«
   Und in diesem Augenblick trat Linda neben ihn. »Mach, dass du wegkommst, Sarah. Sonst kommst du noch zu spät zur Pause«, zischte sie und sah mich verärgert an.
   »Ich weiß nicht, wo dein Problem ist. Kevin und ich unterhalten uns nur. Du kannst dich freundlich mit uns unterhalten oder gehen.« Mein Mund war leider schneller als mein Verstand gewesen. Was tat ich hier? Mein neu gewonnener Mut hatte sich wohl in kompletten Wahnsinn verwandelt.
   »Ich unterhalte mich mit dir, wie ich will, du …«
   »Könnt ihr mal aufhören, euch so anzugiften? Das geht mir auf die Nerven«, unterbrach Kevin sie.
   Lindas Augen waren in diesem Augenblick ungläubig, und ihr Freund Tom schnappte sich seine Jacke und ging aus dem Zimmer. »Ich weiß nicht, was mit dir los ist, Sarah … Aber du stoppst es besser. Ich lasse so nicht mit mir reden. Keiner von euch beiden, weder Kevin noch du, haben das Recht, mich so anfahren.«
   Aber wenn sie andere Leute fertigmachte, war das okay? Ich verschränkte die Arme vor der Brust und schüttelte den Kopf. »Nein, ich rede mit dir so, wie du es verdienst.« Ich drehte mich um, schnappte mir meine Tasche und ging. Dabei versuchte ich, meine zitternden Hände zu verstecken. Das Ganze war anstrengend gewesen.
   »Das wird dir noch leidtun, und das weißt du«, rief Linda mir hinterher, blieb aber im Klassenraum stehen.
   Zum Glück. Den ganzen Tag wartete ich auf eine neue Gemeinheit von Linda, doch es kam keine. Also freute ich mich auf den Schulschluss und mein nächstes Treffen mit Isobel.

Kapitel 3
Meermenschen und Menschen

In letzter Zeit war alles anstrengend: mein Vater, die neuen Pflichten und vor allen Dingen diese neugierigen Meermenschen. Ständig diese Fragen, wann meine Ausbildung abgeschlossen sei und ob ich Angst davor hätte, über die Nordsee zu herrschen.
   Natürlich hatte ich Angst davor. Es war zwar nur ein kleiner Teil des Meeres, aber der Teil, den mir mein Vater zugeteilt hatte. Wie jeder Sohn des Poseidons sollte ich mein Amt mit zwanzig antreten. Ab diesem Zeitpunkt war ich also kein freier Meerjunge mehr. Dann gab es nur noch die Herrschaft.
   Ehrlich gesagt hatte ich bereits im letzten Jahr kaum Zeit für mich gehabt. Ständig musste ich lernen oder meinen Vater zu Besprechungen begleiten, und das nervte. Ich beneidete meine Halbschwester Isobel. Sie war genau wie ich von königlichem Blut, aber frei. Und sie würde frei bleiben. Zwar bekam sie auch nie die Chance auf Herrschaft, aber das war bisher jedem Meermädchen verwehrt geblieben. Das war ein Tick von meinem Vater und eigentlich kein Wunder. Wahrscheinlich war mit seinem hohen Alter ein Teil seines Denkens in irgendeinem Jahrhundert stecken geblieben. Jedenfalls hingen mir seine Standpauken zum Hals heraus, und ich wollte endlich wieder etwas Freizeit haben.
   Deswegen kehrte ich heute nicht in unseren Palast zurück. Was sollte schon passieren? Das würde mir zwar eine Gardinenpredigt mehr einbringen, aber dafür hätte ich meine Ruhe. Abgesehen davon war ich nicht der Einzige, der sich nachts aus dem Schloss schlich. Auch Isobel sah ich nur noch selten dort, und mittlerweile wollte ich wissen, wo sie nachtsüber steckte. Vielleicht hatte sie einen netten Meerjungen kennengelernt und war deswegen so selten zu Hause. Der Gedanke amüsierte mich. Das durfte mein Vater auf keinen Fall erfahren. Schließlich plante er, Isobel zu verheiraten. Ach, Isobel, die liebe, aber eigensinnige Meeresprinzessin und meine Halbschwester.
   Wenn ich nicht wusste, wo sie steckte, wer dann? Glücklicherweise waren wir schon immer durch ein enges Band miteinander verbunden, weswegen ich spüren konnte, wenn sie in der Nähe war. Als ich es geschafft hatte, mich am Palast vorbeizuschleichen, versicherte ich mich noch einmal, dass die Wächter nichts bemerkt hatten. Sonst würden sie nur Fragen stellen, wo ich heute Abend noch hinwollte, und ich hatte keine Lust mir eine Ausrede zu überlegen. Hinter einem riesigen, moosbedeckten Felsbrocken beobachtete ich sie. Die Wächter standen ruhig vor dem Tor und hielten nach Gefahren Ausschau. Sehr gut, sie hatten mich nicht bemerkt. Dann konnte es weitergehen. Ich tauchte durch den dichten Seetang, der unserer königlichen Familie Sichtschutz vor neugierigen Besuchern bot. Ungeduldig schob ich die dichten Blätter beiseite und machte mich auf die Suche nach Isobel. Manchmal versteckte sie sich in dem alten Schiffswrack und sprach dort mit den Tieren. Das alte Wrack war ein Ort, an dem wir früher oft zusammengespielt hatten. Dachte ich an das Wrack, hellte sich meine Miene fast automatisch auf. In jeder kleinen Kammer des gesunkenen Schiffes gab es damals viel zu entdecken. Mittlerweile waren wir zu alt für so etwas und hatten diesen Ort ein paar Meerestieren überlassen. Die Reling des Schiffes war mittlerweile kaputt und verrostet. Hier unter Wasser hing der Rost länglich daran herunter und erinnerte an einen roten Wasserfall. Als kleiner Meerjunge hatte ich mir oft vorgestellt, wie die Landgänger dieses Schiffes versucht hatten, damit zu reisen.
   Auch im Wrack war meine Halbschwester nicht zu finden. Trotzdem befragte ich die Tiere, ob sie Isobel gesehen hatten. Kaum hatten mich die Fische entdeckt, bildeten sie einen Schwarm, schwammen auf mich zu und umringten mich. Ich konnte ihre aufgeregten Bewegungen über das Wasser spüren und hielt inne, damit sie mich bewundern konnten. Ja, so war es, wenn man Sohn des Poseidons war. Man war immer so etwas wie eine Berühmtheit. Dabei hatte Poseidon ziemlich viele Kinder in der ganzen Welt. Als Gott des Meeres ließ er wohl nichts anbrennen. All seine Söhne bekamen einen Teil des Meeres zugeteilt, über den sie herrschen sollten. Alle paar Jahrhunderte bildete Poseidon selbst einen seiner Söhne aus. Und da ich in einem Jahr alt genug sein würde und Poseidon mich bereits als Herrscher über die Nordsee einplante, hatte ich derzeit dieses »Glück«.
   Die Fische umschwärmten mich weiter und waren ganz aufgeregt. Einer von ihnen schwamm die ganze Zeit vor meinem Gesicht hin und her. Trotzdem beschwichtigte ich sie. »Habt ihr Isobel gesehen? Ich glaube, dass sie jede Nacht aus dem Palast verschwindet, und ich habe keine Ahnung, wohin.«
   Das erstaunte die Fische, weswegen sie noch wilder als zuvor durcheinanderschwammen. Leider hatten auch sie keine Ahnung, wo Isobel steckte.
   Ich seufzte. »Schon gut. Danke für eure Hilfe«, murmelte ich und ließ sie zurück.
   Eine Krabbe zwickte mich noch in den Schwanz. Anscheinend wollte sie, dass ich länger blieb. Kommentarlos löste ich mich von ihr, indem ich mit dem Fischschwanz ausschlug und meines Weges schwamm. Ich hatte keine Zeit für irgendwelche Spielchen. Ich wollte Isobel finden. Deswegen verabschiedete ich mich etwas harsch. Meine Stimme klang nun tief und fast schon bedrohlich. Unsere Sprache war anders als die der Menschen. Sie war mehr ein Gesang und besaß teilweise Frequenzen, die Menschen nicht mehr hören konnten. Unter Wasser waren die Worte der Menschen keine große Hilfe, deswegen benutzten wir Laute, die durch das Wasser besser übertragen wurden. Trotzdem hatte ich auch die Sprache der Menschen, oder besser gesagt Landgänger, gelernt. Isobel und ich hatten damals viel davon aufgeschnappt, als wir noch jung waren. Wir hatten den Fischern damals oft Streiche gespielt und sie beobachtet. Isobel fand Menschen immer faszinierend. Ganz im Gegenteil zu mir. Ich fand diese Wesen an Land eigentlich nur merkwürdig. Deswegen sprach ich von ihnen auch fast nur als Landgänger. Das war bei uns der abwertende Begriff für die Menschen.
   In meinem Kopf arbeitete es. Wo steckte Isobel? Als ich über all das nachdachte, kam mir ein Gedanke. Vielleicht hatte sie sich zum Ufer aufgemacht. Das tat sie manchmal, wenn sie nachdenklich war. Mein Weg führte mich weiter weg von dem Palast, von dem Schiffswrack, hin zu den Menschen. Und während ich durch das Wasser schwamm und mich dem Ufer immer mehr näherte, bemerkte ich, dass ich auf dem richtigen Weg war. Ein angenehmes, warmes Gefühl durchzuckte meine Flosse. Ich konnte sie spüren.
   »Ach Isobel«, seufzte ich in unserer Meeressprache, weswegen es wie ein tiefer Singsang klang.
   Mittlerweile glaubte ich, nahe genug an ihr zu sein und rief ihren Namen. Erneut verließ ein Laut meine Lippen, der Walgesang ähnelte.
   Es dauerte ein paar Sekunden, ehe sie mir antwortete. »Ich bin hier drüben, bei dem Steinfelsenstrand.«
   Der Steinfelsenstrand. Natürlich wusste ich, wo das war. Das war einer der wenigen Orte, an dem die Landgänger nicht ihr Unwesen trieben. »Ich habe dich schon gesucht. Was machst du da?«, rief ich ihr durch das Wasser zu, doch erhielt keine Antwort. Anscheinend war sie beschäftigt. Als ich auftauchte, erkannte ich meine Schwester von Weitem, aber musste bemerken, dass sie nicht allein war. Dort war noch jemand bei ihr. Und umso näher ich dem Ufer kam, desto bewusster wurde mir, dass die andere Gestalt nicht wie wir war. Sie hatte Beine. Das konnte nicht wahr sein!
   Ich beschleunigte mein Tempo, spürte, wie das Wasser an meiner Flosse und den Schwimmhäuten vorbeischoss, ehe ich bei Isobel angelangt war.
   »Wow, du bist aber ganz schön schnell unterwegs, Bruderherz«, bemerkte Isobel.
   Ich ging nicht darauf ein. Mir war nicht danach Komplimente anzunehmen. »Kannst du mir mal sagen, was du da machst?«, fragte ich und nutzte die Sprache der Menschen. Schließlich waren wir nicht mehr unter Wasser und dieses Menschenmädchen konnte ruhig bemerken, dass mir die Situation missfiel.
   »Wonach sieht es denn aus?«, fragte Isobel locker und zog eine Augenbraue hoch. »Ich treffe mich mit einer Freundin.«
   Meinte sie das ernst? »Einer Freundin«, wiederholte ich und sah noch einmal zu der Fremden. Sie sah zwar nicht aus, als wäre sie eine Bedrohung für meine Schwester, aber nach wie vor war sie ein Mensch. Das konnte nicht gut gehen.
   »Hey, Sarah. Das hier ist mein Bruder Livian«, stellte Isobel mich vor und stupste mich an. »Willst du ihr nicht die Hand geben? Das macht man bei den Menschen doch so.«
   Ich konnte mich nicht länger zurückhalten und schnaubte verächtlich. »Ist das dein Ernst, Isobel? Ich glaube, du hast zu viel Zeit am Strand verbracht, und das hat deinen Verstand vernebelt. Seit wann geben sich Meermenschen und Landgänger die Hand? Ich werde niemals einem Menschen die Hand schütteln.«
   »Livian.« Isobel sprach nur meinen Namen aus und zeigte damit, dass sie wirklich sauer war.
   Isobel war eine Person, die nicht lauter wurde, wenn sie wütend war. Im Gegenteil. Sie wurde ruhiger. »Sarah ist in Ordnung, okay? Also sei nicht so unhöflich.«
   »Sicherlich. Glaubst du denn, dass es für unseren Vater auch in Ordnung wäre, wenn er euch hier sehen würde? Ich glaube nicht«, erwiderte ich verärgert.
   Mein Blick wanderte zu dem Menschenmädchen. Die Worte schienen ihr nicht zu gefallen, denn sie sah nicht mehr zu Isobel und mir. Ihr Blick ging zum Boden. Schwach war sie anscheinend auch noch.
   »Drohst du mir gerade, Livian?«, fragte Isobel, und ich erkannte ein Funkeln in ihren Augen.
   »Das hast du gesagt.« Ich verschränkte die Hände hinter dem Kopf und wollte gelassen wirken, aber es gelang mir nur teilweise. Zumindest hatte es auf Isobel nicht den gewünschten Effekt.
   »Gut, ich lasse mir von dir nämlich nicht drohen und vorschreiben, mit wem ich befreundet sein kann und mit wem nicht.«
   »Was soll das heißen? Ich bin der Sohn Poseidons und zukünftiger Herrscher über die Nordsee. Du kannst nicht …«
   »Und ob ich kann. Willst du, dass Vater ein kleines Geheimnis von dir erfährt?« Sie sah mich unbeeindruckt an.
   Stimmt, sie wusste, dass ich bei der Seetangkundeprüfung geschummelt hatte. Das durfte Vater nicht erfahren, und damit hatte sie mich leider in der Hand. Normalerweise zog die »Sohn des Poseidons und Herrscher der Nordsee«-Masche immer, aber nicht bei Isobel und natürlich auch nicht bei meinem Vater. Eigentlich hätte ich es nicht versuchen müssen. »Mach doch, was du willst, Isobel. Aber erwarte von mir nicht, dass ich es akzeptiere«, zischte ich und drehte mich um. »Euch noch viel Spaß bei eurer komischen Freundschaft.«
   Isobel war doch verrückt. Was sollte das?
   Sie war schon immer an Menschen interessierter gewesen als ich, aber das war doch kein Grund, sich mit einem Landgänger anzufreunden. Wir wussten viel zu wenig von ihnen und was ich wusste, reichte mir. Die Landgänger verdreckten die Strände, das Wasser und fischten die Meere leer. Ohne auch nur ansatzweise Rücksicht auf die Natur zu nehmen. Warum wollte Isobel da Kontakt zu ihnen? Ohne meine Schwester eines weiteren Blickes zu würdigen, stieß ich mich vom Ufer ab und tauchte unter. Das alles musste ich erst einmal verdauen und mir einen Plan überlegen. Die Tochter Poseidons konnte nicht mit Menschen befreundet sein. Das war schlecht für den Ruf der königlichen Familie. Ich musste etwas dagegen unternehmen und das Mädchen namens Sarah von meiner Schwester fernhalten.
   Fragte sich nur noch, wie.

Kapitel 4
Arielle

er Abend war eigentlich schön gewesen. Ich hatte Isobel von meinem Erlebnis mit Linda und Kevin erzählt. Wir tratschten viel und besprachen, wie es weitergehen sollte. Isobel war wirklich gut darin, Pläne auszuhecken. Sie
   wirkte auch ein wenig älter und erwachsener als ich. Doch mit einem Mal schien sie abgelenkt.
   »Alles in Ordnung mit dir?«, fragte ich und trat näher an das Wasser heran. Sie schien kurz nicht ansprechbar zu sein und tauchte wortlos unter. Verwirrt sah ich ihr hinterher und wartete darauf, dass sie wieder an die Wasseroberfläche kam.
   Als sie auftauchte, klatschte sie begeistert in die Hände. »Ich habe schon gerade die Anwesenheit meines Bruders gespürt. Und jetzt, wo ich untergetaucht bin, habe ich ihn gehört. Er ruft mich. Ich habe ihm gesagt, wo wir sind. Dann kann er uns besuchen und dich kennenlernen«, sagte sie erfreut.
   Das Ganze machte mich stutzig, denn ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie sie unter Wasser mit anderen Meermenschen sprechen konnte. Das sagte ich aber nicht. Erst einmal war ich auf Isobels Bruder gespannt.
   Es dauerte nur ein paar Minuten, ehe ein zweiter Meermensch durch die Wellen brach und zu Isobel herüberschwamm. Kaum hatte er mich erblickt, verfinsterte sich seine Miene. Sein Haar war grün, und seine Augen wirkten kalt, was nicht zu dem Rest seines Gesichtes passt. Eigentlich wirkte er wie ein Junge in meinem Alter, vielleicht ein, oder zwei Jahre älter, aber trotzdem war da eine Härte in seinem Gesicht, die nicht zu dem Rest passte. Er schien alles andere als begeistert darüber, dass seine Schwester mit einem Menschen Kontakt hatte. Irgendwie konnte ich das auch verstehen. Es musste seltsam für ihn sein. Trotzdem musste er Isobel deswegen nicht gleich drohen oder mir seine Abscheu offen zeigen und mich mit Landgänger beschimpfen. Aus dem Streit der beiden Geschwister hielt ich mich raus. Nur ein paar Worte ließen mich aufhorchen: Sohn Poseidons und zukünftiger Herrscher über die Nordsee? Ihr Bruder schien verdammt wichtig für die Meerleute zu sein. Isobel ließ sich davon aber nicht beeindrucken und gab ihrem Bruder eine Antwort, die sich mit Meerwasser gewaschen hatte. Livian zog einfach ab, aber ihm war anzumerken, dass er mit der Sache noch nicht fertig war.
   Besorgt sah ich zu Isobel, als ihr Bruder endlich im Wasser verschwunden war. »Es tut mir leid. Ich wollte nicht, dass es meinetwegen Streit gibt. Wirklich.«
   Isobel zuckte nur mit den Schultern. »Ach, Sarah. Schon gut. Es ist nicht deine Schuld. Livian war von Menschen noch nie begeistert, doch dass er so schlecht auf dich reagiert … Damit habe ich nicht gerechnet. Ich hatte die Hoffnung, dass er vielleicht überrascht ist, aber dann bemerkt, dass du nicht so schlimm bist, wie es uns als Meerkindern mit Horrorgeschichten eingebläut wurde.« Sie seufzte.
   »Horrorgeschichten über Menschen?«
   »Na ja, es gibt immer eine andere Seite der Medaille. Uns wurde erzählt, dass ihr Jagd auf Meermenschen macht, uns gefangen nehmt und vielleicht sogar tötet, weil wir anders sind … Euch wurde dagegen erzählt, dass wir für Schiffsunglücke verantwortlich sind oder Menschen zum Ertrinken verführt haben …«
   Ich hatte noch nicht darüber nachgedacht, dass auch die Meermenschen ihre Geschichten über uns hatten oder uns ebenfalls fürchteten. »Das stimmt aber nicht ganz. Es gibt auch Geschichten über gute Meerjungfrauen. Arielle, die Meerjungfrau zum Beispiel.«
   »Wir sind ja auch nicht alle, wie die schrecklichen Geschichten uns dargestellt haben. Es ist wie bei euch. Es gibt gute und böse Menschen.«
   Ich nickte. »Das stimmt. Und … wozu zählt dein Bruder Livian?«
   »Ich glaube, er ist ein guter Meerjunge, aber er hat sich verändert. In letzter Zeit ist er ernst und verschlossen. Mein Vater erzählt ihm auch ständig Geschichten über Menschen. Vielleicht hat ihn das zu sehr beeinflusst.«
   Verwirrt schaute ich Isobel an, die anfing, einen ihrer Zöpfe neu zu flechten. Heute schien ihr das aber nicht so recht zu gelingen.
   »Mein Vater … hatte, sagen wir mal, selbst Kontakt zu Menschenfrauen. Deswegen habe ich auch nie geglaubt, dass sie böse sind.«
   »Wie meinst du das?«
   Trotz des ernsten Themas lachte Isobel kurz und zwinkerte. »Meine Mutter ist ein Mensch.«
   Nun entglitten mir alle Gesichtszüge, und ich konnte nicht anders als Isobel anzustarren. »Was?«
   »Glaubst du denn, dass sich Poseidon nur mit Meerfrauen zufriedengibt? Mein Vater hat mindestens hundert Kinder. Manche von ihnen zeugte er mit Menschenfrauen, andere mit Meerfrauen. Ein paar Meermenschen stehen mir und Livian deswegen skeptisch gegenüber. Ich glaube, dass auch Neid mit hineinspielt.«
   »Wieso sind sie darauf neidisch?«, fragte ich und kam mir vor, als würde ich ein Interview führen. Im Grunde genommen sprach nur Isobel und ich stellte Fragen. Aber ich war von dem Meermenschen fasziniert und wollte mehr über ihr Leben erfahren.
   »Na ja, hast du einen Meermann zum Vater und eine Meerfrau zur Mutter bist du zu hundert Prozent Meermensch. Das Meer ist dein einziges Zuhause. Wenn aber ein Elternteil von dir Mensch und der andere Meereskreatur ist, bist du beides. Deine Heimat kann sowohl an Land als auch im Wasser sein.«
   »Wie soll das funktionieren? Du hast … einen Fischschwanz«, bemerkte ich.
   »Wenn wirklich stimmt, was man sagt, kann ich als Halbmensch und Halbmeerjungfrau ein paar Stunden an Land gehen. Die Meerjungfrau, die du als Arielle kennst, war dazu in der Lage. Sie konnte eine Zeit lang an Land gehen. Es tat am Anfang weh, und sie musste es üben, aber es kann funktionieren. Das Problem hierbei war nur, dass sie nach einer gewissen Zeit wieder ins Wasser musste. Als sie an Land gehen konnte, hat sie sich überschätzt und es einmal nicht rechtzeitig geschafft. Deswegen ist sie gestorben.«
   Stimmt. Das eigentliche Märchen war anders als die Disney-Version, in der Prinz und Meerjungfrau glücklich zusammenlebten.
   »Es war eigentlich etwas anders und es gab keinen Deal mit einer Hexe oder dergleichen. Ihr Menschen liebt einfach das Drama, glaube ich. Mein Vater ist wegen Arielles Tod wahrscheinlich etwas paranoid und hat Angst, dass seinen Halblingen dasselbe passiert: dass wir an Land gehen und uns überschätzen. Mit seinen vollblütigen Meerkindern hat er diese Sorge ja nicht.«
   Das klang logisch. »Du bist also … noch nie an Land gewesen?« Es war wahrscheinlich eine verdammt dumme Frage. Schließlich war es allein schon verrückt, dass so eine Möglichkeit existierte.
   »Nein. Bin ich nicht. Ich würde es sehr gern ausprobieren, aber … ein bisschen Angst habe ich schon. Allein sollte ich es erst recht nicht versuchen«, meinte Isobel nachdenklich.
   In diesem Augenblick kam mir eine Idee. Allerdings war ich vorsichtig und wollte nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. »Klar. Das verstehe ich. Vorsicht ist dabei bestimmt ganz wichtig. Aber wenn du willst, helfe ich dir.«
   Nun war Isobel diejenige, die zögerte. Sie wirkte sonst mutig und furchtlos, doch jetzt war sie verunsichert. Das war verständlich, weil sie dieses Thema wohl schon lange beschäftigte und sie sich dafür vielleicht in Gefahr begeben müsste. Sie schwieg eine ganze Weile. Der Blick meiner Freundin ging vom Wasser zum Strand und wieder zurück. Zum ersten Mal wirkte sie nervös. Sie biss sich auf die Lippe und kratzte sich am Hinterkopf, ehe sie nickte.
   »Okay. Wir versuchen es. Du musst mir versprechen, dass ich mich auf dich verlassen kann. Und du müsstest mir Kleidung mitbringen.«
   Das war auch eine Sache, an die wir denken sollten. Isobel trug bisher nur ein bikiniartiges Oberteil: eine Mischung aus Muscheln, Seetang und einem Fischernetz. Wenn es wirklich funktionieren sollte und sie an Land gehen konnte, brauchte sie wohl mindestens noch etwas um ihre Beine zu bedecken.
   »Ich verspreche es dir«, sagte ich ernst und konnte nicht fassen, was wir planten. »Davon darf dein Bruder nichts erfahren.«
   Isobel nickte. »Da hast du recht. Ich hoffe einfach, dass mein Vater ihn morgen beschäftigt. Also sehen wir uns morgen? Selber Zeitpunkt, selber Ort?«
   Aufgeregt nickte ich und sah noch einmal zu meiner Freundin. »Das wird verrückt und ist absolut unglaublich. Ich bin mit einer Meerjungfrau befreundet. Einer Meerjungfrau, die sich morgen an Land wagen will. Das ist mehr als ein Wunder«, stellte ich fest und trat von einem Bein auf das andere. »Hoffentlich geht alles gut.«
   Etwas Sorge, dass sich Isobel dabei verletzen könnte, hatte ich schon. Doch sie schien fest daran zu glauben, dass es funktionieren konnte.
   »Es wird alles gut. Hast du denn nie an Wunder geglaubt? Hast du nie gedacht, dass sich hinter dem Wellenrauschen und der glitzernden Wasseroberfläche mehr verbirgt?«
   Ich ließ ihre Worte auf mich wirken und lächelte zaghaft. Eine Klarheit erfasste mich. Eigentlich hatte ich immer daran geglaubt, und deswegen zog es mich auch jeden Abend hierhin. »Doch.«
   Isobel lächelte zufrieden, als sie das hörte. »Und so ist es auch bei mir. Ich habe immer daran geglaubt, dass hinter diesem Strand und dem Wald mehr ist. Eine wunderbare Welt, die ich vielleicht eines Tages erkunden werde.«
   Das war ein schöner Wunsch, weswegen ich sie ermutigen wollte. »Das wirst du, Isobel. Ganz sicher«, sagte ich und sah sie ehrlich an. Es würde bestimmt nicht leicht werden, aber einen Versuch war es wert.

Kapitel 5
Versöhnung?

Meine Laune war noch immer mies. Ich konnte einfach nicht verstehen, wie Isobel so leichtfertig handeln konnte. Was dachte sie sich dabei? Die Antwort war einfach: wahrscheinlich überhaupt nichts. Schließlich musste sie sich um alles
   weniger Gedanken machen. Sie würde nie über die Nordsee herrschen.
   Isobel schlich sich spät abends ins Schloss, unser altes, prächtiges Anwesen, zurück. Vor sehr langer Zeit hatte Poseidon dafür gesorgt, dass dieses Gebäude im Meer versank und damit uns gehörte. Er hatte aus Zorn damals wohl eine ganze Stadt ausgelöscht und unter die Wasseroberfläche gebracht. Seitdem die Stadt versunken war, hatte nie wieder ein Mensch einen Blick auf sie geworfen. Wir hatten Wächter, starke Meermänner, postiert und beim kleinsten Anzeichen, das Hinweise auf Menschen gab, wurde dafür gesorgt, dass diese verschwanden. Entweder dadurch, dass mein Vater eingriff und einen Sturm heraufbeschwor, oder durch riesige Fischschwärme, die den Menschen die Sicht nehmen sollten. Schließlich war jedes Tier der Nordsee unser Untertan. Wenn meine Ausbildung beendet war, würde er wohl einen anderen Sohn lehren und mir freie Hand über die Nordsee lassen. Aber noch war es nicht so weit.
   Kaum hatte ich bemerkt, dass meine Schwester zurück war, schwamm ich zwischen den alten Säulen zu ihr hindurch und stoppte vor ihr. »Und? Viel Spaß mit dem Menschenmädchen gehabt?«, fragte ich sie, worauf sie nur ein Nicken von sich gab. Normalerweise hätte sie sich ein Wortgefecht mit mir geliefert, aber nicht heute. Im Gegenteil. Sie wirkte abwesend und nervös. Und wenn Isobel nervös war, hatte das etwas zu bedeuten. »Isobel. Ich rede mir dir.« Meine Stimme war ein einziges, ernstes Röhren.
   »Ich weiß«, gab sie mit einem hellen Ton zurück. »Und ich habe dir eine Antwort gegeben. Es war schön. Zu schade, dass du das nicht verstehen kannst.«
   »Kann ich auch nicht.« Ich verschränkte die Arme vor der Brust und warf Isobel einen vielsagenden Blick zu. Sie schlug die Augen nieder. »Was ist los mit dir? Normalerweise bist du nicht so schnell kleinzukriegen.« Es schien mir, als wollte sie irgendetwas vor mir verstecken. Deswegen achtete ich nun genau auf sie, auf ihre Mimik und jede ihrer Bewegungen.
   »Ich will … einfach nicht mehr mit dir streiten, Livian. Das ist alles«, sagte sie und schwamm an mir vorbei.
   Sie wollte nicht mit mir streiten? Sicherlich. Isobel konnte mir viel erzählen, aber das glaubte ich ihr nicht. Nein, sie war nur so versöhnlich, weil sie etwas anderes vorhatte. Etwas, das für sie wichtig war. Deswegen wollte sie keinen Ärger. Ich war nicht dumm und hatte sie durchschaut. Das sollte sie jedoch nicht bemerken. Sonst wäre sie weiterhin misstrauisch, und ich würde nie herausfinden, was hier vor sich ging. Also zögerte ich nur einen kleinen Augenblick und schwamm ihr hinterher.
   »Isobel, warte«, sagte ich und berührte sie sanft an der Schulter. »Du hast ja recht. Ich hasse es auch, mit dir zu streiten. Tut mir leid, dass ich wegen des Menschenmädchens ausgetickt bin. Du weißt ja, dass ich nicht so entspannt bin wie du, was Landgänger angeht. Ich lasse dich damit in Ruhe, aber wenn du ihretwegen zu Schaden kommst, wird sie dafür büßen, okay?« Die Töne waren ein leichter Singsang und zeigten, dass ich versöhnlich gestimmt war.
   »Okay.« Isobel nickte und gab ein Seufzen von sich. Es war ein heller, fast schriller Ton, von dem ich mir sicher war, dass Menschen ihn nicht mehr hören konnten. Ich schwamm noch ein wenig dichter an sie heran und legte die Arme um sie. Es erinnerte mich an unsere Kindheit. Wie oft hatten wir im Seetang verstecken gespielt, uns beim Fangen spielen gejagt und in den Armen des anderen gelegen, wenn es einem von uns schlecht ging. Wir hatten uns immer gut verstanden. Nur in den letzten Jahren hatten wir uns voneinander entfernt.
   Das lag wahrscheinlich daran, dass ich seitdem immer mehr in das Visier meines Vaters geraten war und deswegen nicht mehr so viel mit ihr unternehmen konnte. Das störte mich sehr. Herrscher der Nordsee zu sein, war natürlich eine tolle Sache, aber ich war mir nicht einmal sicher, ob das zu mir passte. Ich verbarg den Kopf in Isobels Haar, ehe ich mich von ihr löste. Ich hatte den Moment genossen. Schließlich lag mir viel an meiner Schwester, und ich wusste, dass ich bald wieder mit ihr streiten würde. Wenn sie erfuhr, dass ich plante, ihre Freundschaft zu dem Menschenmädchen zu zerstören, würde sie wütend sein. Das war auch ihr gutes Recht, aber als zukünftiger Herrscher musste ich auch solche Entscheidungen treffen. Und ich war sicher, dass es das Beste für sie war.
   Kaum war Isobel aus dem Eingang des riesigen Palastes verschwunden, dachte ich darüber nach, wie ich das Mädchen loswerden konnte. Sie war noch jung, wahrscheinlich ein bisschen jünger als Isobel. Das machte es einfacher. Mit etwas Glück reichte es, Sarah zu erschrecken und ihr vor Augen zu führen, wie gefährlich wir Meermenschen waren. Dann würde sie bestimmt Abstand von meiner Schwester halten. Dafür musste ich mich wahrscheinlich nur eine kurze Zeit für Isobel ausgeben und sie ins Wasser locken. Ein zufriedenes Grinsen glitt über mein Gesicht. Das Ganze würde einfach werden. Ich musste nur dafür sorgen, dass Isobel mir nicht dazwischenkam. Das würde ich schon hinbekommen. Langsam machte ich mich zu meinem Zimmer auf.
   In meinem Zimmer gab es nie irgendwelche dieser menschlichen Möbel. Wozu auch? Unter Wasser brauchte man all das nicht. Es gab nur eine morsche, alte Truhe, in der ich meine kleinen Schätze aufhob. Geschenke meines Vaters zum Beispiel und ein paar interessante Funde, die ich von meinen Ausflügen im Meer mitgenommen hatte. Der Rest wirkte kahl, doch ich verbrachte hier kaum Zeit. Das Meer war sehr viel schöner und ansprechender als mein Zimmer. Eigentlich brauchten wir Meermenschen nicht einmal ein Haus oder eine Wohnung, aber es war angenehm, so etwas zu besitzen. Durch die Wände konnte man im Schlaf zum Beispiel nicht weggeschwemmt werden. Im Wasser war es schwierig, sich einfach auf den Boden zu legen. Deswegen schliefen wir aufrecht und ließen uns einfach treiben. Genauso versuchte ich auch jetzt, Schlaf zu finden und spürte die angenehme Strömung. Sie streifte mich sanft und wirkte entspannend. Es gab nur Probleme, wenn die Strömung zu stark war. Denn dann erwachte man mit etwas Pech an einem ganz anderen Ort. Die Wände verhinderten dies. Man stieß allerhöchstens mal sanft gegen eine Wand, aber das war es schon. Und auch wenn man weggetrieben wurde, war das keine Katastrophe. Wir Meermenschen besaßen einen sehr guten Orientierungssinn und fanden schnell zurück. Und falls wir uns wirklich mal verschwommen hatten, half uns unser Gesang. Dank der guten Schallleitfähigkeit des Wassers konnten wir den Gesang eines anderen Meermenschen auch aus großer Entfernung wahrnehmen. Im Wasser die Orientierung und jeglichen Kontakt zu allen Meermenschen zu verlieren, ist demnach unmöglich. Unsere Sprache konnten wir sogar noch über hundert Kilometer Entfernung hören, wenn wir es wollten. Das war eine Feststellung, die mich schon als kleiner Meerjunge beruhigt hatte.
   In meinem Kopf ging ich noch einmal meinen Plan durch, ehe ich die Augen schloss und die Gedanken einfach vorbeiziehen ließ. Das Wasser wiegte mich sanft in den Schlaf und ließ mich Ruhe finden. Zumindest vorerst.

Kapitel 6
Landgang

Heute war Samstag, und ich konnte an nichts anderes denken als an das Treffen mit Isobel. Vielleicht war das, was wir wagen wollten, verrückt. Wobei in meinem Leben mittlerweile alles ziemlich verrückt war. Da sollte ich mich an dieser Kleinig-
   keit nicht aufhalten. Trotzdem war ich aufgeregt, wenn ich an den Abend dachte. So konnte das nicht weitergehen. Ich musste mich ablenken. Deswegen suchte ich mir als Erstes eines meiner Bücher heraus und beschloss, etwas zu lesen. Das war nicht wirklich hilfreich, weil ich jeden Satz dreimal lesen musste, und meine Gedanken letztendlich wieder bei Isobel und unserem Vorhaben waren. Also gab ich irgendwann auf und legte das Buch frustriert aus meiner Hand. Beim Mittagessen versuchte ich natürlich ebenfalls, nicht verdächtig zu wirken und war deswegen stiller als sonst. Wenn man nicht gut lügen konnte, sagte man am besten nichts. Ich sah wie gebannt auf die Nudeln in meiner Suppe und mied den Augenkontakt zu meiner Tante.
   Karin hielt beim Essen inne. »Ist irgendetwas, Sarah? Du bist doch sonst nicht so still.«
   Ich schüttelte den Kopf und starrte meine Nudelsuppe an.
   »Wenn etwas ist, kannst du es mir ruhig sagen. Hat es mit der Schule zu tun?« Sie sah ernst aus.
   Ich hasste es, wenn sie das tat. Es verunsicherte mich und machte es schwierig, standhaft zu bleiben. Ihr Blick schien alles zu durchdringen. Meine Antwort war wieder ein Kopfschütteln. Schließlich lag es wirklich nicht an der Schule. Zwar hatte ich diese Woche die Auseinandersetzung mit Linda gehabt, aber das war nicht der Grund, weshalb ich so aufgekratzt war.
   »Na schön. Hast du eine Arbeit verhauen?«
   »Nein«, sagte ich und hob vorsichtig den Blick.
   »Du verhältst dich wirklich seltsam. Das weißt du, oder?«
   Ich zuckte mit den Schultern. »Kann schon sein. Mach dir keine Sorge, Karin. Mir geht es gut.«
   Sie schien mir nicht zu glauben, beendete dennoch ihr Verhör. Gott sei Dank. Ich schnappte erleichtert nach Luft, als sie unsere Teller nahm und sie in die Spülmaschine steckte. Damit war ich ein freier Mensch und konnte heute Abend mit Isobel den Strand unsicher machen.
   Als sich der Tag dem Ende zuneigte, lief das gleiche Ritual ab. Ich wünschte meiner Tante eine gute Nacht und gab vor, noch etwas lesen zu wollen, ehe ich mich auf mein Zimmer verzog. Dort stieg ich aus dem Fenster und machte mich zum Strand auf. Dieses Mal allerdings mit einer kleinen Tasche. Darin waren ein altes T-Shirt von mir und ein bequemer, längerer Rock. Eine Hose war wahrscheinlich keine gute Idee. Wenn Isobel zuvor noch nie Beine besessen hatte, würde sie eine Hose sicher nur behindern. Das setzte aber erst einmal voraus, dass unser Vorhaben funktionierte. Meine Beine zitterten, und ich hatte das Gefühl, dass meine Nervosität mit jedem Schritt anstieg.
   Am Strand wartete ich aufgeregt auf Isobel. Dabei konzentrierte ich mich auf meine Atmung, um ruhig zu bleiben. Ein paar Meter vom Ufer entfernt tauchte Isobel auf. Sie winkte mir und vollführte ein paar gekonnte Sprünge durch das Wasser, die mich an Delfine erinnerten. Kurz darauf hatte sie den Strand erreicht. Normalerweise blieb sie immer so weit im Wasser stehen, dass es ihr bis zur Hüfte reichte. Sie war aber in dem Bereich, wo das Wasser stehenden Menschen nur bis zu den Knien ging, angelangt. Auch sie schien nervös zu sein, denn sie drehte sich noch einmal um und sah zurück, ehe sie ihre Flosse bewegte und die letzten Meter zum Ufer zurücklegte. Ihr Schwanz war keine große Hilfe mehr. Sie musste sich mit den Armen an Land ziehen, was durch den Sand nicht leicht war. Ihr Unterleib robbte hinterher, was ziemlich merkwürdig aussah. Gleichzeitig erkannte ich aber, dass es anstrengend für sie sein musste. Deswegen bot ich ihr sofort meine Hilfe an und reichte ihr meine Hand. Ihre nassen Finger legten sich in meine, wobei mir ihre Hand fast entglitten wäre. Mit viel Geduld und Mühe gelang es mir schlussendlich, sie an Land zu ziehen. Kaum lag Isobel auf dem Sand, fing ihr wunderschöner Fischschwanz an zu zucken. Er schlug hektisch von einer Seite auf die andere, was Isobel und mich gleichermaßen erschreckte. Die Meerjungfrau stieß einen kurzen Schrei aus, doch verstummte dann sofort wieder.
   »Willst du …, willst du zurück ins Wasser?«, fragte ich sie und blickte mich schnell um. Nicht, dass ausnahmsweise heute ein paar Menschen hier einen Nachtspaziergang machten. Das konnten wir nicht gebrauchen. Bisher war jedoch niemand zu sehen.
   Ich atmete tief durch. Ihr Fischschwanz zuckte noch immer und schien nicht daran zu denken, sich zu beruhigen. Im Gegenteil, umso mehr Zeit verging, desto heftiger wurde das Zucken. Auch mein Blick blieb an dem Schwanz hängen. Er war wirklich zauberhaft. Die Schuppen waren prächtig und hatten einen schönen, ruhigen Grünton. Ich konnte den Blick kaum davon lösen, weil ich sprachlos war. Auch Isobel brachte kein Wort über die Lippen und starrte ihren Schwanz an. »Kriegst du … Kriegst du denn Luft?«, fragte ich, als ich endlich geschafft hatte, mich auf das Eigentliche zu konzentrieren. »Ja, das ist nicht das Problem. Aber mein Schwanz … ich weiß nicht, so etwas habe ich noch nie erlebt.«
   »Isobel, wir müssen das nicht …«
   »Und ob wir das müssen. Noch einmal werde ich mich das nicht trauen.«
   »Aber, was wenn du doch nicht …«
   Isobel hob die Hand als Zeichen, dass ich still sein sollte. Das Zucken verringerte sich nun ein wenig, bis ihr Fischschwanz mit einem Mal komplett unbeweglich schien.
   »Ist das normal?«, fragte ich und kam mir wieder schrecklich dumm vor.
   »Keine Ahnung. Ich mache das hier gerade auch das erste Mal«, sagte Isobel angespannt.
   Kannst du den Schwanz denn noch bewegen?«
   Isobel zögerte und versuchte es, aber es war keine Regung zu sehen.
   »Verdammt. Was haben wir getan? Was, wenn du jetzt lahm bist und deinen Schwanz nicht mehr gebrauchen kannst?« Verzweifelt raufte ich mir das Haar und stellte mir eine Meerjungfrau ohne brauchbaren Fischschwanz vor. Hatten wir gerade Isobels Leben zerstört?
   Isobel gab mir keine Antwort, sondern blickte einfach starr in das Meer. Ihr Blick wirkte leer. Sie hatte Angst und brachte verständlicherweise keinen Ton hervor. Zumindest, bis etwas Sonderbares geschah. Die Flosse am Ende des Schwanzes rollte sich ein und schien darin zu verschwinden. Gleichzeitig funkelten ihre Schuppen noch einmal auffällig, ehe ein Beben durch ihren Körper ging und diese einfach von ihrem Körper abfielen.
   »Was um Himmels willen«, stieß ich hervor, ehe ich bemerkte, dass die abfallenden Schuppen Beine freigaben.
   Isobel saß kerzengerade auf dem Sand und berührte fassungslos die Beine, die nun Teil ihres Körpers waren. Nur noch ein paar Schuppen waren daran zu sehen und zeigten, dass sie eigentlich ein Meereskind war. »Es ist wahr«, flüsterte sie leise und strich von ihren Füßen bis zu ihrer Hüfte. Das wiederholte sie einige Male, ehe sie sich zu mir umdrehte. »Kann ich nun … etwas von eurer Menschenkleidung haben?«, fragte sie mich vorsichtig, worauf ich nickte.
   Schnell suchte ich nach meiner Tasche und fand sie nicht auf Anhieb, weil ich so aufgeregt war. Als es mir gelungen war, reichte ihr mit zitternden Händen den Rock und das T-Shirt herüber. Geistesabwesend zog sie das T-Shirt über. Mit dem Rock wurde es da schon schwieriger. Ihre Beine wirkten noch steif und unbeweglich. Aber vielleicht lag das auch nur daran, dass Isobel Angst hatte, ihre neuen Körperteile zu nutzen. Jedenfalls benutzte sie eher ihre Arme, um sich den Rock anzuziehen. Als sie das geschafft hatte, schwieg sie. Das konnte ich nur zu gut verstehen. Ich ließ ihr die Zeit, die sie brauchte. Erst, als sie mich fragend anschaute, ergriff ich das Wort.
   »Okay, wollen wir es mal probieren?«
   »Ja, klar. Worauf … muss ich achten?«
   »Versuch erst einmal, dich richtig aufzusetzen.«
   Isobel versuchte es und zog die Beine an den Körper. »Beweg erst einmal nur einen Fuß«, schlug ich vor. Das musste ich Isobel nicht zweimal sagen. Sie streckte ihren rechten Fuß aus und ließ ihn ein wenig wackeln. Das Ganze sah noch sehr mechanisch aus und wirkte eher wie die Bewegung eines Roboters.
   »Auch den anderen.«
   Dasselbe tat sie mit dem linken Fuß. Das erleichterte mich schon einmal. Sie konnte beide Beine und Füße bewegen. Zwar etwas unkoordiniert und statisch, aber das war ein guter Anfang. Ich ließ sie noch ein paar Mal treten, ehe ich mich vor sie stellte. »Vielleicht schaffen wir es, dich aufzurichten. Dann kannst du stehen, und ich glaube, ab da ist es einfach. Nur noch ein Fuß vor den anderen«, versuchte ich, sie aufzumuntern und warf ihr ein Lächeln zu.
   Isobel nickte. »Lass es uns versuchen.«
   Sie nahm meine Hände und zog sich daran hoch. Dafür ging sie erst einmal in die Knie und bemühte sich, sich vom Boden abzustoßen. Das wurde schon schwierig. Sie brauchte einige Anläufe, ehe sie es schaffte, ihre Knie vom Boden zu erheben und zu stehen. Gleich darauf verlor sie das Gleichgewicht und kippte um. Ich war selbst so überrascht, dass es mir nicht gelang, sie rechtzeitig und fest genug zu packen. Deswegen fiel sie auf ein paar Steine und verletzte sich.
   »Verdammt, Isobel. Tut mir leid. Ich … war selbst so überrascht. Alles okay bei dir?«, fragte ich und war sofort bei ihr, um zu helfen.
   Sie hielt sich den Arm und strich über ihren Rücken. Es war nichts Schlimmes passiert. Sie hatte sich nur eine kleine Wunde zugefügt, die in blauen Flecken enden würde. Das war sicher alles. Zumindest nickte sie auf meine Frage.
   Es war merkwürdig, dieser jungen, schönen Frau Laufen beizubringen. Schließlich lernten wir Menschen Laufen schon als Kleinkinder. Aber ich konnte mir vorstellen, dass es sehr schwierig war, wenn man vorher nie Beine gehabt hatte oder an Land gewesen war. »Lass dich nicht entmutigen. Wir bekommen das hin. Ganz sicher.«
   Isobel lächelte mich dankbar an und nahm einen tiefen Atemzug. »Das glaube ich auch. Ich bin gerade einfach erleichtert, dass es funktioniert hat. Vielen Dank für die Hilfe, Sarah.«
   »Bedank dich nicht bei mir. Ich habe dich fallen lassen.« Isobel winkte ab. »Keine Sorge. Ich bin nicht aus Zucker, oder wie ihr Menschen das sagt. Alles in Ordnung.«
   »Gott sei Dank«, sagte ich erleichtert.
   »Und ich glaube auch, dass es funktionieren wird. Ich brauche einfach Übung. Wenn das stimmt, was mir mein Lehrer gesagt hat, lernt ihr Menschen erst nach einem Jahr laufen, nicht wahr? Ich hoffe nur, dass ich nicht so lange brauchen werde.«
   Ich war erstaunt, dass sie das wusste. »Ihr habt ein Fach, in dem es um Menschen geht?«
   »Tatsächlich ja. Mein Vater will, dass wir wissen, mit wem wir es zu tun haben.« Sie zwinkerte.
   »Und was lernt ihr da alles?«
   Isobel dachte nach und schmunzelte. »Es war mein Lieblingsfach. Ich weiß alles über euch Menschen, was man mir beigebracht hat. Dass es unter euch Pflanzen- und Fleischfresser gibt. Ein paar von euch verzichten freiwillig auf Fleisch, andere von euch sind eher Jäger, obwohl ihr euer Essen selten selbst beschafft. Ihr könnt es auch anders besorgen … In … Ach Mist, ich habe das Wort vergessen«, murmelte sie und kratzte sich am Hinterkopf.
   »In Geschäften und Supermärkten?«, fragte ich, worauf Isobel nickte. »Genau in Geschäften und … mit … Geld. Ist das richtig?«
   »Ja, genau. Bei uns gibt es Geld.« Es war wirklich erstaunlich, was die Meermenschen alles über uns wussten. Interessiert musterte ich meine Freundin. »Woher weiß dein Lehrer davon?«
   »Na ja, wir Meermenschen beobachten euch. Was hast du denn gedacht?«
   Das war natürlich logisch. »Wie ist das bei euch denn? Gibt es so etwas wie Geld?«
   Isobel schüttelte sofort den Kopf. »Nein. Es gibt kein Geld …, und ich verstehe ehrlich gesagt auch nicht, wieso ihr Geld benutzt.«
   Natürlich, benutzten sie kein Geld. Geldscheine würden im Wasser wohl ziemlich schnell vom Zeitlichen gesegnet worden. Trotzdem hätte es ja sein können, dass die Meermenschen Münzen oder dergleichen besaßen. »Und wie funktioniert das bei euch?«
   »Tauschhandel. Das ist viel einfacher als mit Geld. Denn Geld hat nur den Wert, den ihr ihm gebt. Bei uns haben die Sachen den Wert, den sie wirklich haben. Kennst du den Spruch: Geld kann man nicht essen?«
   Ich nickte. »Ja, hat das nicht ein Indianer gesagt?«
   »Genau. Es ist eine Weissagung der Crees über die Umwelt. Sie waren weise Menschen. Schade, dass es heutzutage nur noch so wenige von euch gibt, die so denken.« Isobel sah nun zum Meer und schloss die Augen. »Erst wenn der letzte Baum gefällt, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.«
   Isobels Stimme war sanft und trotzdem eindringlich. Während ich ihr zuhörte, strich der Wind durch die Meeresluft und die Wellen rauschten. Ich war mir sicher, dass ein Mensch, der Isobel zuhörte, verstand, dass er für die Umwelt verantwortlich war. Nur wir blendeten es oft aus, weil das leichter war und niemand der Natur zuliebe auf etwas verzichten wollte. Eigentlich dachte ich schon lange so. Die Begegnung mit Isobel hatte es mir nur noch klarer gemacht. Jetzt, wo sie hier war, wollte ich ihr erst einmal helfen, ihre Beine zu nutzen.
   »Wollen wir noch einen Versuch starten?«, fragte ich Isobel, worauf diese nickte.
   »Ja, klar. Wie sagt ihr Menschen: Übung macht den Meister.«
   Ich musste schmunzeln, als sie das sagte. Es war amüsant, wie viel Isobel über die Menschen wusste.
   Als die Meerjungfrau wieder meine Hand ergriff, schüttelte ich den Kopf. »Vielleicht lassen wir das Stehen erst einmal. Es ist, glaube ich, noch ein bisschen schwierig, das Gleichgewicht zu halten. Vielleicht versuchst du es erst einmal etwas anders. Zum Beispiel Krabbeln«, schlug ich vor.
   »Krabbeln?« Verwirrt sah sie mich an, weswegen ich es ihr demonstrierte und über den Sand kroch. Isobel versuchte, es nachzuahmen, aber robbte eher. Sie bewegte beide Beine immer gemeinsam und sah aus wie ein Seehund. Das war nicht verwunderlich. Wenn man sonst einen Fischschwanz hatte, gewöhnte man sich nicht so schnell um.
   Mit jeder Bewegung wurde sie sicher, bis sie sich schließlich koordinierter und schneller fortbewegen konnte. »Sehr gut«, lobte ich sie und war mit unserem heutigen Ergebnis zufrieden. »Wenn das so weitergeht, kannst du am Montag bestimmt laufen.« Das schien Isobel zu gefallen, denn sie strahlte. »Glaubst du wirklich?«
   »Klar. Du hast heute das geschafft, wofür Babys Monate brauchen. Also mach dir keine Sorgen.«
   »Danke, Sarah. Wirklich. Das, was wir heute hier gemacht haben, ist einfach unglaublich.« Überschwänglich umarmte sie mich und drückte mich an sich. Nun war ich diejenige, die strahlte. Denn eine Gewissheit erfasste mich und machte mich überglücklich: Ich war nicht mehr allein. Ab jetzt hatte ich eine gute Freundin an meiner Seite.

Kapitel 7
Was du tun musst

Obwohl ich heute ewig lange Unterricht gehabt und sowohl mein Vater als auch mein Lehrer mich halb tot gequatscht hatten, konnte ich nicht schlafen. Eigentlich sollte man denken, dass man gerade nach so langweiligem Gelaber gut schlafen
   konnte, aber das stimmte nicht. Ich war wütend, weil mich mein Vater davon abgehalten hatte, meinen Plan in die Tat umzusetzen. Deswegen hatte sich Isobel einfach wegschleichen können und ihr Menschenmädchen getroffen. Dabei hatte ich Sarah heute eine Lektion erteilen wollen. Ich war nicht mehr dazu gekommen, weil mein Vater mit mir unbedingt noch einen Ausflug in Sachen Seetangkunde machen wollte. Er hatte sich dafür genau das falsche Timing ausgesucht. Wenn er nur wüsste, was hier vor sich ging.
   »Na warte, Isobel. Wenn du nach Hause kommst«, murmelte ich und lehnte mich gegen eine der Wände meines Zimmers. Sie ließ sich heute mehr Zeit als sonst. Einen Augenblick erfasste mich Sorge, weil sie noch immer nicht hier war. Was, wenn das Menschenmädchen doch nicht so ungefährlich war, wie ich gedacht hatte? Wenn Isobel etwas zugestoßen wäre, könnte ich mir das niemals verzeihen. Deswegen war an Schlaf nicht mehr zu denken. Nein, ich musste warten, bis sie wieder hier war. Ich stieß mich von der Wand ab und sah aus dem alten Loch, das wohl irgendwann mal ein Fenster oder so etwas gewesen war. Es dauerte eine Weile, bis Isobel endlich auftauchte. Sie schwamm an den Wachen vorbei, die die Meeresprinzessin natürlich sofort passieren ließen, aber sie schienen aufgeregt zu sein. »Alles in Ordnung mit euch, Prinzessin?«, fragte einer von beiden durch die Abfolge von mehreren schrillen Tönen.
   Isobel sagte dazu nichts, sondern nickte nur. Es schien, als wollte sie schnell an den Wachen vorbeikommen. Da hatte sie die Rechnung aber ohne mich gemacht. Schnell wie der Blitz verließ ich mein Zimmer und versteckte mich im Flur hinter einer der alten Säulen, bis ich Isobel erblickte. An ihrem Rücken war eine Wunde. Es blutete zwar nicht mehr, doch es war eindeutig eine Verletzung. Dazu waren einige Stellen ihrer Haut gerötet. Was war mit ihr passiert? Hatte das alles mit dem Menschenmädchen zu tun? Das war die einzige Erklärung, die mir einfiel. Isobel war oft allein unterwegs, aber war noch nie mit einer Verletzung heimgekehrt. Deswegen war ich in absoluter Alarmbereitschaft und schoss sofort auf meine Halbschwester zu.
   »Na, Isobel? Hattest du einen schönen Abend mit Sarah?«, fragte ich sie und packte sie am Handgelenk. Sie war im ersten Moment irritiert, doch das war nicht das Einzige, was ich sah. In ihren Augen stand Angst.
   »Livian, lass mich los«, rief sie und die Töne, die sie in unserer Sprache von sich gab, waren ein einziges, lautes Quietschen.
   »Das kannst du vergessen. Sarah hat dich verletzt, nicht wahr?« Ich zeigte auf die Wunde und die roten Flecken an ihrem Körper. »Kein Landgänger verletzt meine Schwester und kommt damit ungestraft davon.«
   »Livian, bitte hör mir zu.« Sie berührte mich sanft am Arm. »Sarah kann nichts dafür. Glaub mir.«
   Ich wollte nichts davon hören. Für mich war alles klar. »Du nimmst einen Menschen in Schutz? Einen Menschen, der dich verletzt hat? Isobel, ich weiß nicht, was mit dir los ist. Du musst endlich zur Vernunft kommen.«
   »Du würdest es nicht verstehen. Bitte, lass Sarah einfach in Ruhe.«
   Darauf schüttelte ich heftig den Kopf. »Nein, ich muss ihr eine Lektion erteilen und dafür sorgen, dass ihr euch nie wiederseht. Es ist das Beste für euch.«
   Isobel versuchte, sich loszureißen, aber ich hielt sie fest. »Livian, seit wann hast du diesen Zorn und dieses Misstrauen in dir? Wenn ich dir sage, dass Sarah nichts damit zu tun hat, …«
   Ich unterbrach sie. »Das hat nichts damit zu tun. Als zukünftiger Herrscher habe ich Verantwortung. Für dich und über die ganze Nordsee. Also muss ich dich beschützen. Auch vor dir selbst.« Ich wandte mich von Isobel ab, aber ließ sie nicht los. Es gab nur eine Sache, die ich tun konnte. Und das war, Poseidon informieren. Also zögerte ich keinen Augenblick und rief meinen Vater. Ich rief ihn von ganzen Herzen und mit aller Kraft, die mir innewohnte. Es war ein markerschütterndes Rufen, und ich war mir sicher, dass jedes Wesen im Umkreis von hundert, vielleicht sogar tausend Kilometern, meinen Ruf im Wasser hörte. Jeder Fisch, jede Qualle oder Meermensch, der hier lebte. Natürlich kamen auch die Wächter sofort, da ich Alarm geschlagen hatte. »Prinz, was ist los?«, fragten sie mich und sahen abwechselnd von Isobel zu mir. »Ihr habt meine Schwester einfach passieren lassen, obwohl man sieht, dass ihr Leid zugefügt wurde. Wie kann das sein?« Meine Frage war ein einziges Zischen.
   »Wir haben nachgefragt, und sie meinte, dass alles in Ordnung sei.«
   »Und das habt ihr geglaubt?« Ich gab ein verächtliches Schnauben von mir. »Meine Schwester wurde von einem Menschen verletzt.« Die Augen der Wächter weiteten sich. »Das … wussten wir nicht.«
   »Na, das glaube ich euch gern«, erwiderte ich und sah in die Ferne. »Mal sehen, was mein Vater dazu sagt.«
   »Oh, bitte, Prinz Livian, sagt es ihm nicht. Es war unser Fehler, aber es wird nicht wieder vorkommen.«
   Ich verschränkte die Arme vor der Brust und nickte. »Das hoffe ich für euch. Passt auf meine Schwester auf. Lasst sie nicht aus den Augen und erst recht nicht den Palast verlassen. Ich muss mit meinem Vater sprechen.«
   »Selbstverständlich«, sagten die Wächter wie aus einem Munde und stellten sich neben Isobel. »Kommt, Prinzessin, wir bringen euch in Euer Zimmer.«
   »Ich will aber nicht«, erwiderte Isobel und wurde ignoriert. Sie hatte zwar eine gewisse Befehlsgewalt, doch noch lange nicht so viel wie ich. Dass ich meine Macht nun nutzte, missfiel ihr. Sie warf mir einen wütenden Blick zu, aber hatte keine andere Wahl, als sich ihrem Schicksal zu fügen.
   Ich blieb im Flur stehen und wartete auf meinen Vater. Er hatte meinen Ruf gehört. Da war ich mir sicher. Es vergingen auch nur noch ein paar Minuten, ehe er den Palast betrat. Seine Ankunft wurde bereits von einer starken Strömung angekündigt, und seine Stimme war ein einziges Donnern. Wie fast immer trat er gebieterisch auf. Seine Muskeln waren gespannt und der Blick in seinen Augen verärgert. Er fuhr sich durch seinen langen, aber gepflegten Bart. »Sohn, weswegen rufst du mich gerade jetzt? Ich hatte eine wichtige Besprechung.«
   Heute ließ ich mich nicht von ihm einschüchtern, denn ich war mir sicher, dass er auf meiner Seite war, wenn er erfuhr, dass Isobel verletzt wurde. »Das weiß ich, aber ich dachte, dass die königliche Familie vorgeht.«
   Vater schwamm etwas näher auf mich zu und betrachtete mich skeptisch. »Wie … meinst du das?«
   »Wie es aussieht, hat ein Mensch Isobel angegriffen.«
   »Du machst Witze, oder?« Die Töne, die mein Vater hervorbrachte, klangen tief und bedrohlich. Sie zeigten, dass nicht mit ihm zu spaßen war.
   »Es sind kleine Verletzungen, aber trotzdem müssen wir klarmachen, dass wir so etwas nicht akzeptieren, Vater. Ich werde diesem Menschen schon auf die Sprünge helfen.«
   Das machte meinen Vater hellhörig. Er verschränkte die Arme vor der muskulösen Brust und betrachtete mich. »Was hast du vor? Es ist klar, dass wir das nicht einfach hinnehmen, aber zu viel Aufsehen erregen wäre auch nicht gut.« Sein Blick fixierte mich.
   »Ich kenne den Menschen und weiß, was ich tun muss. Du hast mich doch schon so manches gelehrt. Lass mich das in Ordnung bringen. Ich möchte nur deine Erlaubnis dafür haben.«
   Poseidon zögerte und strich sich übers Kinn. »Es scheint, als wirst du erwachsen. Aus dem Meerjungen wird wohl ein Meermann und ein Herrscher. Ich bin stolz auf dich.« Er klopfte mir auf die Schulter, und auf seinem Gesicht war nun ein Lächeln zu erkennen. Das war bei Poseidon ein seltener Anblick.
   Ich wusste, dass ich meinen Vater eigentlich nur auf diese Weise beeindrucken konnte: indem ich eine Kopie von ihm wurde und so handelte, wie er es erwartete.
   »Tu das, was du tun musst«, sagte er zu mir und drehte sich um. »Ich lege diese Sache in deine Hände und verlasse mich auf dich, denn ich muss zurück zu meiner Besprechung.«
   Wieder so eine langweilige Besprechung mit Vaters Beratern. Ich hasste so etwas und war froh, nicht dabei sein zu müssen. Das war einfach nicht mein Ding. Da sorgte ich lieber dafür, dass Sarah das bekam, was sie verdiente. »Ja, Vater. Ich werde dich nicht enttäuschen«, versprach ich. Ich war entschlossen und wusste, was ich tun würde. Isobel konnte mir hierbei nicht in die Quere kommen, weil sie bewacht wurde. Umso besser.
   Am nächsten Tag war ich von meinem Unterricht befreit. Poseidon höchstpersönlich hatte das angeordnet, damit ich mich auf den Plan konzentrieren konnte. Eigentlich war er simpel, deswegen hätte ich keinen freien Tag benötigt. Aber ich war froh, dass ich heute von den langweiligen Stunden verschont blieb. Abgesehen davon musste mein Vater nicht alles wissen, oder? Irgendwann im Laufe des Tages kam Isobel, natürlich von Wachen begleitet, aus ihrem Zimmer und wollte mit mir reden.
   »Was?«, fragte ich.
   »Du kannst dir ja wohl denken, warum ich hier bin. Ich bitte dich einfach nur darum, dass du nichts Unüberlegtes tust …, und bitte verletze Sarah nicht. Das hat sie nicht verdient«, sagte sie ernst.
   »Mach dir keine Sorgen. Ich weiß schon, was ich tue. Dabei denke ich an dich und an alle Meermenschen.«
   Isobel schüttelte den Kopf. »Das glaube ich dir nicht. Irgendetwas sagt dir, dass du so handeln musst. Vielleicht, weil du denkst, dass du Vater beeindruckst, aber das passt nicht zu dir, Livian.«
   Ihre Worte gefielen mir nicht, und ich starrte sie an. »Raus hier, Isobel. Du hast keine Ahnung, warum ich das tue. Du hast keine Ahnung, wie es ist, der zukünftige Herrscher zu sein.«
   »Dann … sprich mit mir darüber«, bat sie mich und wollte mich an der Schulter berühren, doch ich schüttelte den Kopf.
   »Damit du mit deiner Menschenfreundin darüber tratschst? Vergiss es.«
   Ich schwamm an ihr vorbei und blickte nicht zurück. Es würde bald dunkel werden. Einige nachtaktive Jäger waren bereits unterwegs und versteckten sich zwischen den Gräsern. Sie warteten auf ihre Beute. Die Natur konnte eben grausam sein, und auch das gehörte dazu. Heute war ich genau wie die Raubtiere unter Wasser auf der Jagd. Ich sollte mich schnell zum Stand aufmachen. Sarah wartete bestimmt schon.

Kapitel 8
Wunder und Albtraum

Es war lange her, dass ich mich so glücklich gefühlt hatte. Endlich eine richtige Freundin zu haben und so etwas Unglaubliches zu erleben, war unbeschreiblich. Deswegen konnte ich kaum warten, bis der Sonnenuntergang kam. Ich blickte immer
   wieder zu der Uhr. Warum konnte ich die Zeit nicht vordrehen? Tante Karin bemerkte, dass ich aufgeregt war und fragte, ob wir einen gemeinsamen Fernsehabend machen sollten. Das Angebot schlug ich natürlich aus. Ich konnte schon ahnen, dass sie versuchen würde, mich auszuquetschen. Karin fiel selten mit der Tür ins Haus. Wenn sie die Vermutung hatte, dass etwas vorgefallen war, ging sie es geschickt an. Sie fragte mich erst aus, wenn sie wusste, dass wir genug Zeit für ein ausführliches Gespräch hatten. Meine Tante war nicht begeistert darüber, dass ich keine Lust hatte, aber akzeptierte es. Natürlich wollte sie gleich einen anderen Termin ausmachen. Ich stimmte ihrem Vorschlag zu, um sie zu besänftigen. Schließlich durfte ich mein Treffen mit Isobel heute auf keinen Fall versäumen. Sie zählte auf mich, und da sie noch immer wacklig auf den Beinen war, sollte jemand dabei sein. Dieses Mal würde ich besser auf Isobel achtgeben und nicht so baff sein. Dann könnte ich auch sicher verhindern, dass sie erneut stürzte.
   Glücklich schlich ich mich abends aus dem Haus und machte mich mit weiterer Kleidung zum Strand auf. Allerdings war ich etwas zu früh da und musste warten. Einige Meter vom Strand entfernt erkannte ich einen Fischschwanz, weswegen sich meine Miene aufhellte. Das musste Isobel sein. Sofort trat ich etwas näher an das Meer heran.
   »Hey«, rief ich, doch wusste nicht genau, ob sie es hören konnte. Schließlich war sie noch unter Wasser. Sie streckte aber eine Hand aus und winkte mir. Wahrscheinlich alberte sie herum. Ich sah ihr zu, wie sie mit ihrem Fischschwanz probierte, mich nass zu spritzen.
   »Ach, Isobel«, murmelte ich und verdrehte die Augen. Sie hob wieder ihre Hand und winkte mich zu sich. Ich sollte zu ihr kommen. Das war ungewöhnlich, weil wir eigentlich laufen üben wollten. Aber ich kannte Isobel, und da die ganze Lage nicht mehr so ernst war, dachte ich, dass sie zu Scherzen aufgelegt war. Also wollte ich ihr folgen. Mittlerweile kannte ich sie gut und vertraute ihr. Vorsichtig setzte ich einen Fuß ins Wasser und zuckte zusammen. Es war zwar Spätsommer, aber dadurch, dass es abends war, hatte das Meer keine angenehme Temperatur. Es fühlte sich im ersten Moment wie Eis auf der Haut an. Trotzdem trat ich weiter hinein. Schrittchen für Schrittchen. Da ich Shorts trug, konnte ich recht gut hineinwaten. Meine Arme bespritzte ich, um mich schneller zu gewöhnen. Ich war nur noch ein paar Meter von ihr entfernt. Das Wasser ging mir mittlerweile knapp bis zu den Shorts. Glücklicherweise waren sie aber noch nicht nass geworden.
   »Willst du denn nicht an die Oberfläche kommen?«, fragte ich und sprach absichtlich laut, damit sie mich hören konnte. Tatsächlich spritzte es noch einmal, und sie tauchte auf. In dem gleichen Moment erkannte ich, dass der Meermensch neben mir nicht Isobel war. Es war ihr Bruder Livian. Perplex starrte ich ihn an und brachte keinen Ton hervor.
   »Überraschung, Sarah«, sagte er und sah mich an. Die ganze Sache gefiel mir nicht. »Wo ist Isobel?«
   »Zu Hause, da, wo sie sicher ist vor dir.«
   »Ich … verstehe nicht, was …«
   Livians Augen waren kalt und fixierten mich. Hätte sich auf meinen Armen wegen des kühlen Wassers nicht schon eine Gänsehaut gebildet, wäre es spätestens jetzt der Fall gewesen.
   »Du verstehst sehr wohl, Sarah. Meine Schwester kam mit Verletzungen nach Hause, und ich glaube, dass du daran schuld bist.«
   »Livian, das ist doch verrückt. Isobel und ich sind befreundet. Ich würde nie …«
   »Du bist ein Landgänger. Landgängern kann man nicht trauen. Also hör mir gut zu: Du wirst meine Schwester nie wiedersehen. Hast du das verstanden?«, zischte er und schwamm etwas näher an mich heran.
   Ich versuchte, Abstand zwischen uns zu bringen. »Das hat … Isobel zu entscheiden. Nicht du. Wenn sie mich sehen will, werden wir uns weiter treffen«, erwiderte ich, obwohl mir unwohl zumute war.
   »Ist das deine Antwort?«
   Wahrscheinlich sollte ich mir das Ganze gut überlegen, aber ich war mir sicher, dass Isobel nicht gewollt hätte, dass ich vor ihrem Bruder gleich einknickte. Also nickte ich.
   »Na gut. Dann werde ich dir klarmachen, wieso du dich besser von meiner Schwester fernhältst.«
   Dieser Satz ließ endgültig Alarmglocken bei mir läuten, und ich drehte mich um. Schnell versuchte ich, von Livian wegzukommen, aber das Wasser war sein Element. Er bewegte sich viel schneller als ich und schnappte sich eines meiner Beine. Ich strampelte und versuchte, mich zu befreien, doch nach ein paar Sekunden hatte er schon mein zweites Bein erwischt und brachte mich zu Fall. Mit einer unheimlichen Geschwindigkeit zog er mich weiter vom Strand weg und in die Tiefe. Panik packte mich und ich versuchte mit all meiner Kraft, an die Wasseroberfläche zu kommen. Es gelang mir nicht. Livian war stark und hielt mich unnachgiebig fest. Mittlerweile hielt er meine Beine nur noch mit einem Arm fest und drückte mich mit dem anderen auf den Boden. So hatte ich keine Chance, an Luft zu kommen. Egal, wie sehr ich mich anstrengte. Trotzdem zappelte ich wild und erfolglos umher. Das war es dann wohl. Kraft und Luft wichen aus meinem Körper. Anscheinend musste ich mich meinem Schicksal ergeben. Instinktiv wollte ich nach Luft schnappen, doch atmete nur Meereswasser ein. Es war ein schreckliches Gefühl. Das salzige Wasser brannte in meiner Lunge. Automatisch rang ich wieder nach Luft und füllte die Lungenflügel mit Wasser. Gerade, als es anfing, schwarz vor meinen Augen zu werden, umfasste Livian meinen Oberkörper und zog mich nach oben. Auch wenn das Ganze nur ein paar Millisekunden dauerte, kam es mir fast wie eine Ewigkeit vor.
   An der Wasseroberfläche rang ich nach Luft und spuckte Wasser. Erst einmal konnte ich nur Husten und nicht fassen, dass ich noch am Leben war. »So, das ist der Grund, weshalb du meine Schwester nicht mehr treffen kannst. Du …«, er machte eine Künstlerpause und starrte mich an, seine Augen wirkten in dem Licht hellblau und kalt, »gehörst nicht ins Meer. Kannst du im Wasser atmen? Wie es aussieht, nicht. Deswegen wäre es besser, wenn du dich von ihr fernhältst. Wenn nicht, ziehe ich dich wieder ins Meer, und dann kannst du dich darauf verlassen, dass du dortbleibst. Auf dem Meeresgrund. Für immer.«
   Das war deutlich genug. Ich nickte kraftlos. Sprechen kam noch nicht infrage. Dafür hustete ich noch zu viel.
   »Hast du das verstanden?« Er hielt mich weiter fest und musterte mich.
   »J-Ja«, brachte ich mit brüchiger Stimme hervor und hustete gleich wieder.
   »Sehr schön. Ich bringe dich in einen Bereich, in dem du stehen kannst. Danach will ich dich nie wiedersehen.«
   Das brauchte er mir nicht zweimal zu sagen. Ich fühlte mich schwach und war erleichtert, dass ich nicht mehr schwimmen musste. Dazu hätte mir die Kraft gefehlt. Livian packte mich unsanft und setzte mich an einer Stelle ab, an der ich stehen konnte. Endlich ließ er mich los. Meine Beine waren wacklig, aber taten zum Glück ihren Dienst. Ich drehte mich nicht nach Livian um. Ich wollte einfach weg. Weg und schnell zum Ufer, wo ich auch hingehörte. Ein paar Mal stolperte ich im Wasser und wäre beinahe gefallen. Trotzdem hielt ich nicht inne. Umso schneller ich aus dem Wasser kam, umso besser. Als ich das Strandufer erreichte, ließ ich mich erschöpft in den Sand fallen und nahm tiefe Atemzüge. So tief, wie es ging, wenn in der Lunge noch Salzwasser steckte. In meinen nassen Sachen sollte mir eigentlich eher kalt sein, aber durch den Schock erreichte mich die Kälte nicht. Mein Blick ging zurück zum Meer, wo ich in reichlicher Entfernung noch einen Fischschwanz verschwinden sah. Livian war weg. Gott sei Dank.
   Ich lag eine halbe Ewigkeit auf dem Sand, ehe ich es endlich schaffte, mich aufzurichten. In meinem ganzen Leben war ich noch nie so erschöpft gewesen. Ich zitterte am ganzen Körper und konnte nicht fassen, was hier gerade geschehen war. Das Wunder und die schöne Freundschaft mit Isobel hatten sich von heute auf morgen in einen Albtraum verwandelt. Vielleicht hatte Livian recht. Ich gehörte nicht zum Meer und sollte mich damit abfinden. Meine Liebe zu diesem magischen Ort war einseitig und unvernünftig.

Kapitel 9
Eine Lehre

Sarah würde bestimmt nichts mehr von Isobel und den Meermenschen wissen wollen. Da war ich mir sicher. Ich hatte die Angst und den Schrecken in ihren Augen gesehen. Dieses Erlebnis würde sie nicht vergessen. Dank dem Unterrichtsfach
   Leben an Land hatte ich gewusst, wie lange ich sie untertauchen konnte, ohne dass ihr etwas zustieß, aber sie trotzdem bemerkte, wo ihr Platz war. Im Normalfall konnten Menschen zwei Minuten unter Wasser aushalten, weswegen ich Sarah nur eine Minute und ein paar Sekunden untergetaucht hatte. Aber ich hatte auch von Menschen gehört, die in der lange waren, neun Minuten ohne Luft unter Wasser zu bleiben. Für einen Landgänger eine ziemlich beachtliche Leistung.
   In der Zwischenzeit machte ich mich auf den Rückweg. Die Fische, die mir dabei entgegenkamen, waren aufgeregt. Sie schwammen auf mich zu, umschwärmten mich und wollten wohl wissen, was aus dem Menschenmädchen geworden war. Anscheinend hatte sich mein Vorhaben schnell herumgesprochen. Das überraschte mich nicht. So laut wie Poseidon gedonnert hatte, als er ins Schloss gekommen war, konnte man davon ausgehen, dass alle Fische der Nordsee es mitbekommen hatten.
   »Alles gut, ich habe mich darum gekümmert. Das Mädchen wird uns keine Probleme mehr bereiten.« Die Antwort schien den Fischen zu gefallen, denn sie verneigten sich vor mir. Ich hatte mächtig Eindruck geschunden.
   Dasselbe wiederholte sich einige Male mit anderen Meerestieren. Ein paar Krebse, Quallen und Schildkröten fragten mich ebenfalls aus. Sie schwammen eine ganze Weile neben mir her, aber die Schildkröte konnte nicht lange Schritt halten. Bald schon hatte ich den Palast erreicht und wurde von unseren Wächtern begrüßt.
   »Willkommen zurück, Meeresprinz. Ich hoffe, euer Vorhaben ist euch geglückt.«
   Meine Antwort war ein Nicken, ehe ich an ihnen vorbeischwamm. »Wo ist meine Schwester?«
   »Wir haben zwei weitere Wachen vor ihrem Zimmer postiert. Eine vor dem Eingang und eine vor dem Fenster.«
   »Gut, ich werde nach ihr sehen.«
   Mein Weg führte zu Isobels Zimmer. Der Wachmann dort machte mir natürlich bereitwillig Platz, worauf ich eintrat. Isobel trieb in einer Ecke und starrte die moosbedeckte Wand an. Sie würdigte mich keines Blickes. Auf ihrem Schoß lag ihr Zitteraal Finn, den sie streichelte. Auch der Zitteraal schien mich zu ignorieren.
   Finn war ein Geburtstagsgeschenk meines Vaters für Isobel gewesen. Eigentlich lebten Zitteraale nicht an der Nordsee, aber mein Vater hatte ihn von einer Reise mitgebracht.
   »Isobel, hör auf damit. Das ist albern und das weißt du«, sagte ich ernst.
   Noch immer kein Wort von ihr.
   »Komm schon, Isobel. Sie ist ein Mensch, und du bist eine Meeresprinzessin. Du könntest mit jedem Meermädchen hier unten befreundet sein. Warum muss es ausgerechnet das Menschenmädchen Sarah sein? Das ergibt doch keinen Sinn.« Vielleicht kam ich mit Logik besser an sie heran. »Wie sollten eure weiteren Treffen ablaufen? Du hängst die ganze Zeit im Wasser und sie steht am Strand herum. Klingt für mich ehrlich gesagt ziemlich langweilig.«
   Endlich drehte sie sich um und beachtete mich. Ihr Blick war wütend und gleichzeitig lag Bitterkeit darin. »Wir hätten einen Weg gefunden, wenn du das nicht alles zerstört hättest. Ich erkenne dich nicht wieder, Livian.«
   »Was soll das bedeuten?«
   »Früher warst du nicht so. Du hättest meine Freundschaft akzeptiert oder dir zumindest deine eigene Meinung dazu gebildet. Heute … urteilst du vorschnell.«
   Darauf ging ich nicht ein, denn das war mir zu dumm. »Wenn du meinst. Willst du nicht wenigstens wissen, was aus Sarah geworden ist?«
   Sie gab ein Nicken von sich.
   »Ich habe ihr Angst eingejagt. Mehr ist nicht passiert. Aber wenn sie dir noch ein Haar krümmt …«
   »Die kleinen Verletzungen waren nicht ihre Schuld. Das habe ich schon gesagt«, erwiderte Isobel.
   »Wessen Schuld war es dann?«
   Sie zögerte. »Meine.«
   »Was?«, zischte ich und schwamm näher an sie heran. Ihre Worte verwirrten mich. »Es ist auch egal. Wenn du wüsstest, was ich vorhatte, wärst du nur noch wütender geworden. Und verstanden hättest du es sowieso nicht.« Sie reckte das Kinn vor und warf mir einen bösen Blick zu. »Verschwinde aus meinem Zimmer. Ich will meine Ruhe haben.«
   »Ist das dein Ernst?« Ich verschränkte die Arme vor der Brust und schaute sie herausfordernd an.
   »Verschwinde«, schrie sie.
   Ihre Stimme war ein einziger schriller Laut, der zu mir herüberdrang. Es war ein Laut, der dafür sorgte, dass sich meine Nackenhaare aufstellten. Trotzdem machte ich mich nicht gleich aus dem Staub, sondern betrachtete meine Schwester. Ich verstand nicht, was mit ihr los war. Sie schien mich aber keine Sekunde länger in ihrem Zimmer zu dulden. Sie berührte Finn, und der wusste sofort, was zu tun war. Er schoss auf mich zu und wollte mir einen ordentlichen Schlag verpassen. Ich war allerdings schneller, wich aus und verließ das Zimmer.
   Das war nicht so gelaufen, wie ich geplant hatte. Eigentlich wollte ich, dass meine Schwester Verständnis aufbrachte und endlich einsah, dass eine Freundschaft zu Menschen eine törichte Idee war. Andererseits hatte ich sie beschwichtigen wollen. All das hatte nicht funktioniert. Sie war nach wie vor wütend auf mich, was ich irgendwo auch verstehen konnte. Ich hatte sie in Sicherheit gewiegt und den Vorfall als Anlass genommen, Sarah in Angst zu versetzen. Aber ich hätte niemals gedacht, dass sich ihre Wut so konstant hielt oder dass sie ihren Zitteraal auf mich hetzte. Einen Moment lang hielt ich inne, ehe ich zurück in mein Zimmer schwamm. Ich dachte, alle Probleme wären gelöst, wenn die Freundschaft mit Sarah nicht mehr zur Debatte stand. Da hatte ich mich wohl getäuscht. Isobel hatte schon immer einen dicken Kopf gehabt, und das würde sich wohl niemals ändern.
   Wahrscheinlich sollte ich sie einfach in Ruhe lassen, bis sie sich beruhigt hatte. Über Nacht kam mir aber noch ein Gedanke, den ich mit unserem Vater besprechen wollte. Vielleicht wäre es das Beste, Isobel noch einmal klarzumachen, dass Landgänger grausam sein konnten. Wir sollten uns ein paar Fischerboote ansehen. Damit würde ich Isobel vielleicht endlich ins Gedächtnis rufen können, was Menschen wirklich waren: gierige, dumme Wesen.
   Ich plante, in den nächsten Tagen einen kleinen Ausflug mit Isobel zu unternehmen. Mein Vater war einverstanden und befürwortete dies. Meine Schwester hatte darauf zwar keine Lust, aber da Poseidon selbst wollte, dass wir den Ausflug durchführten, hatte sie keine Wahl.

Zwei Tage nach unserem letzten Streit statteten wir den Fischerbooten einen Besuch ab. Isobel hatte darauf bestanden, dass sie Finn mitnehmen durfte. Widerwillig hatte ich dem zugestimmt. Es gab einige Stellen hier, an denen die Fischkutter anlegten. Also konnten wir uns fast aussuchen, welche wir uns anschauen wollten. Einer davon war ziemlich nahe an dem Strand, wo Isobel Sarah getroffen hatte. Ich entschied mich dafür, diese Stelle zu nehmen, weil ich fand, dass gerade das Isobel endlich zur Erkenntnis helfen würde: Ganz in der Nähe des Strandes, an dem sie sich mit einem Menschenmädchen getroffen hatte, wurden unsere Meere leergefischt.
   Schon von Weitem konnte ich die Schiffe der Menschen erkennen. Das hier waren nur Fischkutter und nicht die großen Tanker, die so bedrohlich wirkten. Trotzdem ging auch von den kleineren Schiffen eine Bedrohung für uns aus. »Wir müssen vorsichtig sein«, warnte ich Isobel, die nur seufzte und die Augen verdrehte.
   Ihre ganze Körperhaltung machte klar, dass sie nur hier war, weil sie es musste. Ich ignorierte das. Eigentlich hätte das Wetter nicht besser sein können. Die Sonne strahlte und sorgte dafür, dass es im Wasser angenehm warm war. Na, wenn das nicht der perfekte Tag war, um einen makabren Ausflug zu machen.
   Wir näherten uns langsam den Schiffen und damit auch den Netzen. Das war auch der Moment, in dem Isobels Zitteraal nervöser wurde. Er suchte ständig Isobels Kontakt und bewegte sich hektischer. »Halt den Aal unter Kontrolle, okay? Ich habe keine Lust, dass wir ihn gleich aus einem dieser Netze ziehen müssen.«
   Isobel sagte nichts dazu, sondern versuchte, den Aal zu beruhigen. Dafür berührte sie ihn sanft und flüsterte beruhigende Worte in unserer Sprache. Der Zitteraal wurde etwas ruhiger, also konnten wir uns die Netze anschauen.
   Dieses engmaschige Gebilde hatte bereits ein paar Fische gefangen. Den Fang ihres Lebens hatten diese Fischer heute jedoch nicht gemacht. Es war schließlich schon Spätnachmittag und ging auf den Abend zu. Bestimmt würden die Fischer die Beute bald an Land holen. Die Fische, die in das Netz geraten waren, zappelten und versuchten sich zu befreien. All ihre Versuche waren vergeblich. Ein paar von ihnen bewegten sich nicht mehr und hatten sich mit ihrem Schicksal abgefunden. Als sie Isobel und mich bemerkten, bewegte sich aber jeder von ihnen, selbst die Fische, die bereits die Hoffnung aufgegeben hatten. Sie wollten unsere Hilfe und hofften darauf, dass wir sie befreiten. Das stellte Isobel und mich vor eine schwierige Wahl. In diesem Augenblick wusste ich wirklich nicht, was wir tun sollten. Wir hatten mit Poseidon besprochen, dass wir uns das Ganze nur anschauen und auf keinen Fall eingreifen würden. Ganz abgesehen davon durften wir kein Aufsehen erregen. Es war noch nicht dunkel und auf dem Schiff waren wahrscheinlich mehrere Menschen. Wenn die uns entdeckten, war guter Rat teuer. Einen einzelnen Menschen würden die Bewohner bestimmt als Spinner abtun, aber wenn drei auf einmal davon sprachen, einen Meermenschen entdeckt zu haben, war das etwas anderes. Deswegen mussten wir vorsichtig sein.
   Isobel schien das nicht so zu sehen. Sie machte sich tatsächlich an einem der Netze zu schaffen.
   »Was machst du da? Bist du vollkommen verrückt?«
   Isobel schüttelte den Kopf. »Wenn wir schon mal hier sind, können wir zumindest ein paar von ihnen befreien.«
   Ich schnaubte. »Das war nicht abgesprochen, und das weißt du. Unser Vater will …«
   Isobel schüttelte den Kopf. »Hör auf, immer davon zu reden, was unser Vater will. Wir können unsere eigenen Entscheidungen treffen. Gerade du als späterer Herrscher musst eigene Entscheidungen treffen können. Du kannst dich nicht immer hinter unserem Vater verstecken.«
   »Ich verstecke mich nicht. Du hast keine Ahnung, Isobel. Und jetzt komm endlich von diesem Netz weg.« Sie hörte nicht auf mich. Typisch. »Isobel, beim verdammten Dreizack, komm endlich hierhin.«
   Meine Schwester dachte nicht daran. Ich stieß mich von einem der Boote ab, schwamm auf sie zu und packte sie.
   »Lass. Endlich. Los«, fauchte ich und versuchte, sie wegzuziehen.
   Isobel setzte sich zur Wehr, weswegen sich nun auch ihr Zitteraal einmischte. Dummerweise erwischte er in dem Gerangel aber nicht mich, sondern seine Besitzerin, die darauf im ersten Moment betäubt war. Instinktiv stieß ich Isobel von mir weg und in Richtung eines der Netze. Meine Schwester war vor Schock und dem Schlag ihres Zitteraals gelähmt. Sie geriet in das Netz. Erst ein paar Sekunden später packte sie Panik, weswegen sie sofort versuchte, sich zu befreien. Das wäre ihr bestimmt gelungen, wenn sie nicht so aufgeregt gewesen wäre. Mit ihren hektischen Bewegungen sorgte sie eher dafür, dass sie sich noch mehr in dem Netz verhedderte und darin festhing.
   »Isobel«, rief ich und konnte nicht glauben, was gerade geschehen war. Ich fuhr durch mein Haar, besah mir die Lage und ruckelte an dem Netz. Dann versuchte ich, es aufzureißen, was mir an einer kleinen Stelle gelang, aber nicht genug. Wir würden viel zu lange brauchen, um Isobel zu befreien.
   Sie schüttelte den Kopf. »So wird das nicht funktionieren. Du brauchst einen spitzen Gegenstand und …, wir brauchen jemanden, der die Fischer ablenkt.«
   »Wie stellst du dir das vor? Soll ich einen unserer Meermenschen fragen, ob sie nach oben kommen und die Fischer ablenken, während ich probiere, dich zu befreien? Das ist ein bescheuerter Plan. Damit fallen wir erst recht auf.«
   Isobel schüttelte den Kopf. »Nein, wir brauchen keinen Meermenschen. Wir brauchen … Sarah.«
   Das konnte doch nicht ihr Ernst sein. Wahrscheinlich sah sie, dass mir die Idee missfiel.
   »Sarah kann die Fischer ablenken, ohne Verdacht zu erregen und dir vielleicht ein Messer oder so etwas geben. Es ist die einzige Möglichkeit.«
   Die ganze Situation stresste mich und ließ mich erst einmal tief durch die Kiemen atmen. »Glaubst du, dass Sarah uns noch helfen würde? Nachdem ich sie in Todesangst versetzt habe? Ich glaube nicht. Und du vergisst hierbei noch etwas: Wie soll ich Sarah kontaktieren? Glaubst du, sie kommt einfach an den Strand gelaufen?«
   »Nein. Aber sie wohnt in der Nähe. Ihr Haus ist in Sichtweite von unserem früheren Treffpunkt. Es ist das grüne kleine Strandhaus.« Ich gab ein hysterisches Lachen von mir. »Und wie komme ich zu dem Strandhaus? Soll ich hinfliegen?«
   »Livian, bitte hör mir zu.« Isobel sah mich ernst an, ehe sie weitersprach. »Du musst an Land gehen und mit ihr sprechen.«
   In diesem Augenblick wich wohl jegliche Farbe aus meinem Gesicht. »An Land gehen … Ich?«, wiederholte ich einfach nur.
   »Wenn du nicht willst, dass ich von den Fischern gefunden werde, ja.«
   »Aber … das funktioniert nicht, und das weißt du …«
   »Doch, es funktioniert.« In ihrer Verzweiflung wurde Isobel lauter. »Ich … habe es selbst probiert.«
   Verwirrt starrte ich sie an.
   »Erinnerst du dich noch an die kleinen Verletzungen, die ich hatte?«
   Ich nickte. Mehr brachte ich nicht zustande.
   »Ich hatte diese Verletzungen, weil ich versucht habe, an Land zu gehen. Du erinnerst dich an die Sage von Arielle, nicht wahr?«
   »Die … Meerjungfrau, die … an Land gehen konnte?«
   »Genau. Sie konnte an Land gehen, weil sie halb Mensch, halb Meermensch war. Es tut weh, und es erfordert Übung, aber es funktioniert. Wenn du ein paar Minuten an Land bist, wachsen dir Beine und die Kiemen ziehen sich zurück.«
   Das konnte nicht ihr Ernst sein. Fassungslos starrte ich sie an.
   »Eigentlich brauchst du für das Laufen etwas Übung und Zeit, aber die haben wir nicht. Bitte, Livian, du musst es versuchen.«
   Die ganze Sache widerstrebte mir, und ich war auch fest davon überzeugt, dass Sarah uns nicht helfen würde, aber was für eine andere Chance hatten wir schon? Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich es schaffen würde, an Land zu gehen, aber ich musste es versuchen. Meiner Schwester zuliebe.
   »Okay«, presste ich hervor, berührte noch einmal Isobels Hand, die an dem Fischernetz hing, und machte mich auf. Ihr Zitteraal blieb in ihrer Nähe. Er war ein treues Meerestier. Ich warf noch einmal einen Blick zurück, ehe ich meine Flosse in Bewegung setzte und, so schnell es ging, zum Steinfelsenstrand schwamm. Noch nie in meinem Leben hatte ich mich so schnell bewegt wie heute. Meine Muskeln verkrampften sich bereits, aber ich hielt nicht inne. Ich hatte keine Zeit für eine Verschnaufpause. Wie könnte ich? Es ging um das Leben meiner Schwester, das ich in Gefahr gebracht hatte. Würde Isobel ernsthaft etwas zustoßen, könnte ich mir das nie verzeihen. Wer wusste schon, was die Landgänger mit ihr taten, wenn sie sie entdeckten?

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