Unter falschem Namen kehrt Naidu mit ihrem Freund Eron an den Ort zurück, wo man sie einst zu einer Geheimagentin umoperierte. Dort sollten ihre Aktosensoren gereinigt werden. Aber in der Klinik wartet man auf sie. Um nicht gefasst zu werden, vertraut Eron auf Naidus Instinkt. Doch Naidu hat sich auf unheimliche Art verändert.

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ISBN: 978-9925-33-186-4

Seiten: 234

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Dorothe Zürcher

Dorothe Zürcher
Dorothe Zürcher knobelt in der Nacht oder in der Einsamkeit der Berge an spitzfindigen Charakteren und überraschenden Wendungen. Sie wurde 1973 in Zürich geboren, ist verheiratet und arbeitet als Dozentin. Alle paar Jahre nimmt sie sich eine Auszeit, um mit ihrem Mann die Welt zu bereisen. Nach mehreren Kurzgeschichten wurde 2014 ihr Fantasy-Debüt „Tamonia“ veröffentlicht. 2015 folgte der Urban Fantasy „Der schwarze Garten“. 2016 wurde ein Hörspiel von ihr im Radio SRF ausgestrahlt, weitere Romane und Kurzgeschichten folgten. Dorothe Zürcher ist Mitglied bei AdS (Autoren und Autorinnen der Schweiz) und Mitbegründerin des Vereins Schweizer Phantastikautoren (VSPA).    

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
… oder was bisher geschah

»Du magst Naidu nicht«, sagte Mosa und sah Koshua kritisch an.
   Koshua schluckte. Er hatte nicht geahnt, dass sein Sohn ihn durchschaute. »Sie ist anders als wir«, sagte er entschuldigend. »Sie …« Wie konnte er das nur seinem Sohn erklären? Im Grunde genommen schätzte er Naidu. Er bewunderte ihre Willenskraft. Aber Mosa hatte recht. Naidu war eine Saugerin, eine ehemalige Spionin und eine wandelnde Zeitbombe. »Sie ist nicht bei uns im Ödland geboren«, versuchte er es erneut. Natürlich wusste der Junge das. Koshua war nicht hier geboren, sondern wie Naidu drüben im System. Willkommen im Europa des 22. Jahrhunderts!
   Im letzten Jahrhundert hatte noch der Wasserkrieg getobt. Nun lebten sie auf einem zerstörten Kontinent, und das Wetter spielte verrückt. Schlimmer war nur noch dieser Camorra, der die Mächtigen überzeugte, dass am Krieg nur der gierige Mensch schuld sei. Glückliche Menschen würden weder seinesgleichen noch das Klima oder die Umwelt zerstören. Der Veredler wurde erfunden, das Gerät, das jedes Individuum glücklich machte, sowie die Aktosensoren, mit denen man die Gedanken der anderen las. Und die Menschheit fand sich in einem System wieder, wo man gezwungen wurde, einen Veredler zu tragen. Koshua hatte von klein auf die hinterhältigen Manipulationsversuche der Herrschenden durchschaut. Wer glaubte schon, dass man dank spezieller elektromagnetischer Wellen im Gehirn nur noch glücklich wäre? Glück erfuhr man dank Unglück. Die Menschen im System hatten sich zu leer lächelnden Süchtigen verwandelt, die ausgebeutet wurden. Deswegen war Koshua hierher ins Ödland geflohen. Naidu hingegen – nicht nur, dass sie einen Veredler trug, der sie zu einem lächelnden Zombie machte. Sie hatte sich sogar Aktosensoren einsetzen lassen, um damit die Gedanken ihrer Mitbürger zu kontrollieren. »Naidu darf dich nie berühren, niemanden von uns«, mahnte Koshua.
   Mosa lachte. »Deswegen trägt sie doch Handschuhe«, sagte er leichthin.
   Koshuas schüttelte den Kopf. »Du bist zu leichtgläubig. Sie hat im System Jugendliche überprüft und ihre Gedanken manipuliert«, erklärte er. »Stell dir vor, Naidu würde in deinen Gedanken lesen, wie sehr du Mama magst, und dann deine Gefühle so manipulieren, dass du Mama aus Hass anspuckst.«
   Mosa beugte sich interessiert vor. Hatte ihm wirklich noch niemand von Naidus Vergangenheit erzählt?
   »Du weißt, dass Tante Sala als Spionin im System tätig war? Dort hat sie Naidu kennengelernt. Wir wissen nicht viel darüber, aber die beiden wurden Freundinnen. Als der Geheimdienst deiner Tante auf die Schliche kam, verhalf Naidu ihr zur Flucht.« Sanft strich er seinem Sohn über das Haupt. Flucht und Vertreibung, zu schnell lernten die Kinder des Ödlandes das Elend der Welt kennen. »Sala starb auf der Flucht. Aber zuvor konnte sie all ihre Informationen in Naidus Veredler speichern. Als Naidu mit uns Kontakt aufnahm, misstrauten wir ihr und verdächtigten sie der Spionage. Eron ist tagelang mit Naidu im Ödland herumgestreift, um sie zu testen. Irgendwie haben sie sich damals verliebt …« Mosas Augen waren rund geworden. Begann sich sein Sohn für Frauen zu interessieren? »Dank Salas Nachforschungen werden unsere Schmuggler im System nicht mehr erwischt – aber Leon fürchtet, dass wir deswegen angegriffen werden. Wie damals …«, Koshua stockte.
   »Als die Systemsoldaten uns angegriffen haben, flog Naidu den Rotierer und half uns«, warf Mosa ein. Manchmal wachte sein Sohn schreiend auf, wenn er wieder vom Überfall auf den Höhlenkreis geträumt hatte.
   Koshua nickte. Er hatte seine Zweifel, ob Naidu bei einem weiteren Angriff nochmals hilfreich sein würde. Seither war einiges geschehen. Seine Familie war hierher ins Felsental gezogen, Eron und Naidu waren ihnen gefolgt.
   »Eron mag Naidu sehr, nicht wahr?«, fragte Mosa träumerisch.
   Koshua nickte. »Ja, und ich hoffe, dass diese Liebe noch lange anhält. Wenn Naidu ihren Halt im Ödland verliert, kann sie ohne mit der Wimper zu zucken mit ihren grausigen Aktosensoren innerhalb von Sekunden unsere ganze Familie auslöschen – mit einem Zombielächeln auf den Lippen.«

Erinnerungen

Es musste ein Mensch sein, der dort unten zwischen dem Geröll im Staub lag. Naidu rannte los, kletterte von Felsen zu Felsen, um im steilen Abhang nicht auszurutschen. Vielleicht täuschten ihre Augen sie. Der graue Sand, mit dem der Sturm dieser Nacht die ganze Gegend eingefärbt hatte, ließ nur Konturen erkennen. Naidu sprang, rutschte, ruderte mit den Armen, um ihr Gleichgewicht zu halten. Sie fiel auf ihren Hintern, stützte sich ab, etwas schnitt in ihre Hände. Sie hätte Handschuhe anziehen sollen. Ihr Gesichtsschutz wurde von ihrem keuchenden Atem feucht. Als sie ihn öffnete, erblickte sie Blut an ihren Händen. Schnell wischte sie es ab.
   Nun erkannte sie Stiefel und einen Schutzanzug. Es lag wirklich jemand im Canyon. Naidu griff an ihren Gurt. Aber sie hatte keine Waffe dabei, nicht mal einen PHand. Nach dem Sturm hatte sie nur die Umgebung der Schmugglerburg auskundschaften wollen. Manchmal wurden Pflanzenteile angeschwemmt oder hingefegt. Unbekannte Samen, die sie untersuchen konnte. Das hatte sie finden wollen, nicht einen Menschen.
   Sie leckte das herausquellende Blut vom Finger und hastete weiter. Die Gestalt lag auf der Seite, als würde sie schlafen, reagierte nicht auf Naidus Rufe. Naidu kniete sich neben sie, öffnete hastig deren Gesichtsschutz. Obwohl sie Zitti vor Monaten das letzte Mal gesehen hatte, erkannte sie sogleich deren fein geschwungenen Brauen. Zitti, eine von Yariks Freundinnen. Naidu zog ihr die Handschuhe aus, fühlte den Puls. Schwach war er zu erkennen. Sie spürte einen leichten Hauch unter der Nase. Auf den ersten Blick waren keine Wunden zu erkennen. Naidu löste sanft die Kapuze, ertastete zwei Beulen am Kopf.
   Zu dumm, dass sie keinen PHand bei sich trug. Es würde eine Weile dauern, bis sie Hilfe geholt hatte. Sie ließ die Leblose seitlich liegen, tätschelte Zittis Wange, rief ihren Namen. So wenig wie einen PHand hatte sie ein Erste-Hilfe-Set eingepackt.
   Kurz zögerte Naidu. Mit ihren Aktosensoren an Händen und Stirn konnte sie in Zittis Gedankenwelt eintauchen, um so etwas über ihren Zustand zu erfahren. Aber das war hier im Ödland verboten – unter Strafe. Naidu hielt sich an dieses Gesetz – meistens.
   Da flatterten Zittis Augenlider.
   »Zitti!«, rief Naidu erleichtert, strich ihr über die Wangen, fühlte wieder ihren Puls. Zitti öffnete die Augen, öffnete ihre Lippen. Ein Ächzen entfuhr ihr. Sie ertastete den Boden, stützte sich ab, als wollte sie sich erheben. Naidu hielt sie an, liegen zu bleiben. Zitti hörte nicht darauf, stützte sich hoch, um gleich mit einem Wimmern wieder hinzusinken und sich den Schädel zu reiben.
   Naidu löste ihren Wasserschlauch, hielt ihn an Zittis Lippen, hob ihren Kopf, als diese trank.
   »Erkennst du mich?«, fragte sie, als Zitti nicht mehr schluckte.
   »Yarik wartet auf dich«, krächzte Zitti.
   Das Blut schoss in Naidus Wangen. Das stimmte. Sie hatte es tags zuvor vor dem Sturm gerade noch in die Burg geschafft. Und heute Morgen, als es ruhig war, hatte sie sich abgemeldet, um nach Pflanzen zu suchen. Dabei war sie wegen Yarik hierhergekommen. Er erwartete sie.
   Zitti versuchte nochmals, sich aufzusetzen, Naidu stützte sie. »Mein Kopf«, brummte Zitti und rieb sich wiederum den Schädel.
   Naidu hätte gern gewusst, was sie hier draußen während des Sturms gesucht hatte. Sie wollte aber nicht aufdringlich sein, stattdessen bot sie Zitti eine getrocknete Tomate an. Aber diese bat nochmals um Wasser und leerte fast den halben Wasserschlauch.
   »Wenn wir zurückkehren, werden sie uns wieder nach Wanzen absuchen«, murrte Zitti, als sie den Schlauch abgesetzt hatte. »Was für ein Hundeleben! Glaubst du, dass wir angegriffen werden?«
   Naidu blickte beunruhigt in Zittis große unschuldige blaue Augen. Die Frage überrumpelte sie. »Leons Schmuggler schaden dem System«, antwortete sie vorsichtig. »Systemsoldaten haben deswegen schon einmal versucht, seine Laboratorien zu vernichten.«
   Zitti lachte auf, ihre Wangen bekamen mehr Farbe. »Du verhältst dich immer noch so höflich korrekt«, rief sie und versuchte, sich ächzend zu erheben.
   Naidu stützte sie erneut.
   Auf halbem Weg ließ sich Zitti wieder zu Boden sinken und rieb ihre Stirn. »Ich habe es satt, dauernd Angst vor einem Angriff zu haben«, murrte sie.
   »Leon besitzt hier das beste Überwachungssystem überhaupt«, beruhigte Naidu sie und wusste, dass sie besser Zitti vorgeschlagen hätte, zu ihr ins Felsental zu ziehen, wo die Kirschen blühten und niemand von einem Angriff sprach. Sie selbst war nur Eron zuliebe hierhergekommen und würde die Burg so schnell wie möglich wieder verlassen. Aber Zitti war Yariks Freundin. Sie pflegte in der Burg die operierten Schmuggler und nahm die Strapazen, in dunklen Gängen zu hausen und Leons Misstrauen auszuhalten, wegen Yarik auf sich. Naidu wollte mit ihrem Vorschlag nicht zwischen die beiden treten. Yarik würde die Burg nie verlassen. Er war das Gehirn der ganzen Organisation, und soweit Naidu die Zusammenhänge begriff, ging Yarik darin auf, neue Identitäten für die Schmuggler zu erfinden und in das Netz des Systems zu speisen, damit die Schmuggler drüben schalten und walten konnten, wie sie wollten.
   »Du könntest mir eine von deinen Wellen eingeben, damit ich auf die Beine komme. Nicht wahr?«, fragte Zitti.
   Naidus Kinnlade fiel hinunter. Ödländer mieden und verachteten sie, weil sie an Händen und Stirn Aktosensoren einoperiert hatte, um elektrische Wellen in andere Menschen fließen zu lassen. Alphawellen – Ruhe, Beta – Glück, Gamma – beruhigen. Ein Erbe aus früherer Zeit, als sie selbst noch im System gelebt hatte.
   Zitti kicherte. Naidu kam sie immer unheimlicher vor, als hätte sie wirklich Betawellen bekommen. »Ich werde es niemandem verraten«, frotzelte Zitti, stützte sich ab und versuchte wieder, sich zu erheben.
   Naidu bat sie, noch sitzen zu bleiben. Aber Zitti schüttelte den Kopf, zitternd lehnte sie sich gegen Naidu und zog sich hoch. Sie versuchte, Zitti zu stützen, ohne sie mit den Händen zu berühren. Ein schwieriges Unterfangen, aber sonst hätte sie mit ihren Aktosensoren Zittis Gefühlswelt aufgenommen, was sie nicht wollte. Deswegen hatte sie im System immer Handschuhe tragen müssen und hier im Ödland eigentlich auch – was sie immer weniger tat. Wer hatte schon wissen können, dass sie hier im Canyon jemandem begegnete?
   Sie kamen nur langsam vorwärts. Zittis Beine knickten immer wieder weg. Erst als Naidu Zitti bat, ihr ihre Handschuhe zu leihen, konnte sie die schmale Frau besser stützen und den steilen Abhang hochführen.
   »Werden die aus dem System uns töten oder in Zombies verwandeln?«, fragte Zitti, als sie oben angelangt waren.
   Naidu brauchte einen Moment, bis sie verstand, was Zitti meinte. Die Menschen im System ließen sich mit achtzehn Jahren veredeln, was bedeutete, dass sie sich ein Porzellankästchen in den Hinterkopf einoperieren ließen. Dieses erzeugte elektronische Wellen, die Teilbereiche im Gehirn aktivierten, und der Träger fühlte mehr Freude, Ruhe oder Selbstvertrauen. Mit einem Veredler würde der Mensch nie mehr so egoistisch sein, seiner Umwelt oder seinen Mitmenschen zu schaden. Dies glaubte man jedenfalls im System. Hier im Ödland war man anderer Meinung.
   »Leon wird uns vor einem Angriff schützen«, antwortete Naidu vorsichtig. Ihr Versuch, Zitti anzulächeln, misslang, dazu hätte sie schon Betawellen gebraucht. Sie warf einen Blick auf Zittis Handgelenke. Diese waren nicht vernarbt. Zitti hatte nie einen Chip getragen und war also hier im Ödland geboren. Sie hatte nie zwischen Veredelung oder einem Leben in der Verbannung wählen müssen.
    Komm mit mir ins Felsental, wo das grüne Korn leuchtet, wollte sie Zitti auffordern, sagte aber nichts.
    »Und warst du dort drüben immer glücklich?«, fragte Zitti.
   Naidu schüttelte den Kopf. »Ein Veredelter spürt nicht dasselbe Glück wie ihr«, antwortete sie und überlegte sich, wie sie Zitti den Unterschied erklären konnte.
   »Es ist nur so«, Zitti schien plötzlich verlegen zu sein, »manchmal möchte ich mich von allem hier wegdenken.«
   Naidu lächelte müde, wie gut konnte sie Zitti verstehen. Gerade letzte Nacht, als der Sturm über ihnen tobte, hatte sie sich zwingen müssen, ihren Veredler nicht zu öffnen, um die eigenen Ängste nicht mit Elektrowellen zu unterdrücken.
   »Veredelte können in ihrem Zustand gut manipuliert werden«, erklärte Naidu. Yarik hatte Zitti sicherlich erzählt, was mit ihr im System geschehen war. Aber Zitti tat so, als hätte sie nichts gehört.
   Unterdessen waren sie bei einem Höhleneingang angekommen. Von außen sah er verlassen aus, das täuschte jedoch. Kaum waren sie eingetreten, trat ihnen ein Wächter entgegen. Naidu erkannte Rick, einen ehemaligen Zögling aus dem System. Scheu lächelte sie ihn an. Yarik hatte viele der Hochbegabten der Erziehungsanstalt, wo sie gearbeitet hatte, kontaktiert und überzeugt, ins Ödland zu fliehen. Hochintelligente Köpfe, die ihm halfen, Schutzprogramme zu entwickeln und geheime Informationen aufzuspüren. Die Kinder der Reichen rebellierten gegen das System ihrer Eltern. Leider hatte Leon Yarik einen Riegel vorgeschoben. Er befürchtete, dass Spione unter ihnen sein konnten. Wer ins Ödland floh, sollte in die Kreise ziehen und dort den steinigen Acker von Hand pflügen und Kartoffeln anpflanzen. Leons Labor nahm niemanden mehr auf.
   Zitti war schon daran, ihren Schutzanzug auszuziehen.
   »Wir haben unten angeschwemmtes Material gesammelt«, erklärte Zitti, und Naidu war überrascht, wie überzeugend ihr die Lüge über die Lippen trat. Was hatte Zitti im Canyon gesucht?
   Rick leuchtete in Zittis Augen, kontrollierte die Bewegung ihrer Pupillen und suchte sie nach Wanzen ab. Naidu stand daneben. Ihre Aktosensoren würden ein Signal auslösen, darum würde ihre Untersuchung um einiges länger dauern. Yarik wartete drinnen auf sie. Eigentlich sollte sie ausführlicher mit Zitti reden.

»Wir versuchen es nochmals«, sagte Yarik eine Stunde später.
   Naidu hätte am liebsten den Kopf geschüttelt. Warum war sie auch in die Burg gekommen? »Sie narkotisieren die Patienten, wenn sie die Aktosensoren reinigen«, wiederholte sie etwas zu störrisch. Sie wusste nicht, was während einer Reinigung geschah.
   »Das Körperbewusstsein erinnert sich«, beharrte Yarik. »Ich weiß, dass die Rückerinnerung nicht angenehm ist, aber es geht schließlich um dich.«
   Naidu schluckte. Es ging um sie. Seit Monaten hätten nach dem Protokoll ihre Aktosensoren gereinigt werden müssen. Naidu spürte es, wenn sie ihre Handschuhe auszog und etwas mit ihren Fingerspitzen berührte. Sie spürte es, wenn sie ihren Veredler aktivierte. Dieses seltsame Ziehen, der stockende Fluss der Wellen. Und dann kamen die Stiche, verstopfte Aktosensoren. Anfänglich hatte sie nur täglich Schmerzmittel, das Yarik ihr aus dem System besorgte, geschluckt. Nun krallten sich die eisernen Händchen fast stündlich in ihr Gehirn. Naidu seufzte. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte sie sich die Aktosensoren aus Stirn und Fingern reißen wollen. Der Schmerz hatte sie erschöpft.
   Dann hatte Eron sie gefunden, wie sie erstarrt auf dem Boden lag, und sie hatte sich erklären müssen. Eron war gleich zu Yarik geeilt und hatte erfahren, was in ihrem Körper los war.
   In ihrem Blut entwickelten sich immer mehr Antikörper gegen die Aktosensoren. Eine natürliche Reaktion ihres Abwehrsystems gegen die Fremdkörper. Antikörper, die sich in ihren Blutbahnen formten und sich zu Tausenden an den synthetischen Nervenfäden niederließen. Anfänglich konnte man die Reaktion noch mit Medikamenten bremsen, aber nicht für immer. Wenn sie ihre Aktosensoren nicht reinigte, würde sie über kurz oder lang an einer Überreaktion sterben.
   Eron hatte ihr das Versprechen abgerungen, Leons Schmuggler wieder auszubilden. Dafür konnte sie hierherreisen, um mit Yarik ihre Reinigung im System vorzubereiten.
   Nun wollte Yarik wissen, wie diese Reinigung vor sich ging. »Aus dem Systemnetz erfährst du, was mein Bruder zum Frühstück isst«, maulte Naidu. »Da wirst du doch auch erfahren, wie so eine Operation abläuft.«
   »Alles geblockt«, erwiderte Yarik. »Wenn ich an die Informationen gelange, wissen die da drüben, dass ich mich dafür interessiere. Weißt du, was für Schlüsse die daraus ziehen?«
   Naidu nickte. Es gab nur eine Person mit Aktosensoren im Ödland – das war sie. Im System wusste man genau, wann Naidu das letzte Mal gereinigt worden war, und würde auf sie warten. »Gib mir den Hypnosestift«, brummte sie.
   Yarik strahlte sie an, verband ihren Veredler mit seinem Bildschirm. Darauf würde er bald ihre Erinnerungen sehen. Verbotene Software im Ödland, aber Yarik hielt sich nicht an Verbote.
   Naidu schoss sie Augen, erinnerte sich an die Klinik. An den Geruch nach Äther und Hygieneseife. War sie wirklich so ruhig gewesen, als sie dort im weißen Patientenkittel auf ihre Reinigung gewartet hatte?
   Der Hypnosestift kitzelte nur leicht ihren Veredler, sie kannte das Gefühl. Was war damals geschehen?
   Ein Arzt trat in den Raum, sprach mit ihr, prüfte ihre Pupillen. Sie lachte noch, als der Arzt etwas darüber sagte. Eine Schwester kam herein, strebte an ihr vorbei. Naidu konnte nicht sehen, wohin, konnte sich nicht nach ihr umdrehen. Hielt sie nicht eine Spritze in der Hand? Schon wurde sie festgezurrt, zwei Gurte über den Oberleib, dann die Arme. Warum die Arme?, fragte sich Naidu. Etwas pikte in ihren Nacken. Ihr Bett wurde aus dem Raum geschoben. Das Licht leuchtete stärker. Naidu spürte, dass mehrere Menschen um sie herumstanden. Sie wollte den Kopf heben, aber es ging nicht. Wollte die Augenlider öffnen, sie waren so schwer. Hände tasteten Stirn und Schläfen ab, fuhren Schulter und Arme entlang zu den Fingern. Dann schnitt etwas hinter den Ohren in ihre Haut, zugleich fühlte es sich an, als würden Tausende Nadeln in ihre Finger stechen und weiter, immer weiter hineindringen. Naidu schrie auf und riss den Hypnosestift weg.
   »Sehr gut«, rief Yarik und tippte wie wild auf der Tastatur. Dann drehte er sich zu ihr um. »Noch einmal, dann sehen wir die Operation.«
   »Yarik«, bat Naidu, aber er schüttelte den Kopf.
   »Es ist noch nie jemand an seiner Erinnerung gestorben«, beharrte er.
   Naidu rieb sich die Stirn, ihre Finger, eben noch hatten sie gebrannt vor Schmerzen.
   Da klopfte es, und Leon trat in den Raum. Beide erhoben sich gleichzeitig. Naidu grüßte ehrerbietig, flößte ihr der kräftige Mann immer noch ziemlichen Respekt ein. Er war Erons Onkel und hatte Eron im Ödland aufgezogen, eigentlich sollte er eine Art Schwiegervater für sie sein. Doch Naidu kannte sein Imperium, seine Macht im Ödland. Und sie kannte seinen eisernen Willen. Leon erwartete von ihr, zu kooperieren. Das hatte sie oft verweigert. Im System hatte man Naidu eingetrichtert, den Vorgesetzten zu gehorchen. Wenn sie Leon begegnete, fühlte sie sich immer hinterlistig und feige.
   »Ich reise gleich an die Grenze. Karol hat dort eine Ladung Waffen entdeckt, die nicht von uns stammt«, fing Leon ohne Umstände an. »Du«, er zeigte auf Naidu, die zusammenzuckte. »Wir wollten über die Schmugglerausbildung sprechen.« Naidu nickte. »Ich hab für dich drei Männer und vier Frauen hier. Die anderen schicke ich dir ins Felsental. Die Leute stehen Schlange. Seit wir die neuen Programme anwenden, will jeder Schmuggler werden.«
   Naidu nickte immer noch. War sie doch daran beteiligt gewesen, die neue Technologie zu Leon zu bringen. »Alpha- und Betawellen sind mir egal. Jag ihnen einige durch den Körper, wenn sie von der Operation noch Schmerzen haben. Und dann dringe mehrmals in ihre Gedanken ein, am besten, wenn sie es nicht erwarten. Ich will, dass du ihnen mindestens einmal Omegawellen …«
   Naidu wollte protestieren, doch Leon winkte ab.
   »Das müssen sie lernen, sie dürfen nicht das Gefühl haben, das dort drüben sei ein Kindergeburtstag. Benimmregeln, Kommunikation, Reisemöglichkeiten – das alles bringst du ihnen bei, wie du es früher getan hast.«
   Naidu nickte wieder. Sie hatte schon Schmuggler ausgebildet, eigentlich hatte sie gehofft, es nie mehr zu tun.
   Leon trat auf sie zu, legte seine Hände auf ihre Schultern und küsste sie auf die Stirn. Naidu zwang sich, stillzuhalten. Die rohe Kraft Leons überschwemmten ihre Aktosensoren an der Stirn, dahinter erkannte sie seine gelbe Wut über das Unbekannte, das ihn an der Grenze erwartete, und ganz weit darunter erblickte sie graue Würmer – seine Angst. Gut begraben, Angst vor dem Angriff, vor dem Ende. Obwohl sie keine Handschuhe trug, legte sie ihre Hände um seine Schultern, hielt sich zurück, ihm Betawellen einzuflößen. Die hätten ihm gutgetan.
   »Grüß mir Eron«, raunte Leon.
   Sie nickte, wieder mit einem schlechten Gewissen. War sie doch der Grund, dass Eron nicht dauernd hier bei Leon arbeitete.
    Leon wechselte mit Yarik einige Worte, dann verließ er den Raum.
   »Und nun ab mit deiner Erinnerung in die Klinik!« Yarik zwinkerte ihr zu.
   Naidu drehte den Hypnosestift zwischen den Fingern und nahm sich vor, sich erst reinigen zu lassen, wenn die Schmerzen sie komplett überwältigen würden.

Überwachung

»Es gibt ein Problem.« Leon schaltete seinen PHand aus, legte ihn auf den Tisch, schob ihn etwas weiter weg, dann wieder zu sich.
   Eron beobachtete es stumm. Probleme gab es immer. Naidu war schon ins Felsental zurückgekehrt, und er wollte ihr so schnell wie möglich folgen. Seinen Onkel beflügelten Probleme meistens. Zum Beispiel die PHands. Rick hatte ein eigenes Netz für das Ödland konzipiert und programmiert. Seither wurde die Hardware aus dem System geschmuggelt – Server, Sendemasten, PHands – und hier umprogrammiert. Eine Erleichterung für viele, und zugleich ein weiterer Grund für das System, anzugreifen.
   »Yarik fand heraus, dass in den Veredlern ein Sender steckt«, unterbrach Leon Erons Gedanken. »Dieser sendet dem Sicherheitsdienst in regelmäßigen Abständen, wie der Träger seinen Veredler einsetzt. Falls ein Bürger verweigert, den Veredler zu benutzen, schickt der Sicherheitsdienst einen seiner Diener vorbei, um dessen Gedanken zu lesen, was uns nicht überrascht. Die da drüben können ihre Finger nicht von der totalen Kontrolle lassen.«
   Eron durchfuhr es heiß. Yarik hatte immer behauptet, in den Veredlern der Systembürger stecke mehr als nur ein Aktor, den der Inhaber für seine elektrischen Wellen betätigen kann. »Naidu?«, fragte er.
   »Wenn wir sie ins System schicken, um sich reinigen zu lassen, wird das Signal ihres Senders das erste Mal seit zwei Jahren erfasst werden. Es wäre erstaunlich, wenn dies nicht den Sicherheitsdienst aus seinen Löchern ruft.«
   Eron lehnte sich zurück. Naidu ins System zurückzuschicken, war schon ohne Sender kompliziert genug. »Fand Yarik dazu eine Lösung?«, fragte er ohne Hoffnung. Er wusste, dass Yarik genug zu tun hatte, ihre Tätigkeiten hier auszubauen und vor dem System zu verbergen.
   Leon schüttelte den Kopf. »Karol bot ihm an, neue Sender hierherzuschmuggeln, damit Naidu ihren auswechselt. Aber Yarik möchte Naidu lieber etwas einoperieren, was schon seit Jahren gesendet hat.«
   »Will er einen Systemdiener entführen und ihm den Sender entnehmen?«
   Leon schüttelte den Kopf, das wäre zu auffällig. Die Sache wäre noch nicht gelöst. »Wie lange kann Naidu noch durchhalten?«
   Eron wusste es nicht. Hoffentlich noch lange, am liebsten für immer. Und erst da überlief es ihn heiß. »Als Naidu aus dem System floh, zerstörte sie ihre Identität. Aber ihr Veredler sendete immer noch weiter«, folgerte er. Leon nickte. »Das heißt, jemand wusste, dass sie noch lebte und hierherkam. Jemand hat ihre Flucht verfolgt!«
   »Jemand hat ihre Flucht bis zur Grenze verfolgt. Im Ödland gibt es nichts, was das Signal des Senders aufnimmt.«
   »Trotzdem …« Eron fuhr sich durchs Haar. Ihm war unwohl dabei, dass irgendwelche Sicherheitsleute mehr über Naidu wussten, als gut für sie war.
   »Das ganze Ödland weiß, dass Naidu hier ist«, ereiferte sich Leon. »Dann wissen es die da drüben auch. Wir können denen nichts vormachen. Wir schmuggeln Naidu zum Reinigen ins System, ohne dass die rausfinden, dass es Naidu ist.«
   Eron nickte wie in Trance. Warum ließ das System Naidu am Leben, wenn sie wussten, dass sie hier war? War sie ihnen gleichgültig? Er blickte seinen Onkel an und wusste, wie dieser die Fragen beantworten würde: Das System plane seit Monaten einen Anschlag auf sie, der sie alle vernichten würde. Auch Naidu. Eron fröstelte.
   Im letzten Herbst hatte er Naidu seltsam leblos auf dem Boden liegend angetroffen. Erst nach langem Zureden und Schütteln war sie zu sich gekommen und hatte ihm gebeichtet, dass im System die Aktosensoren regelmäßig gereinigt wurden. Eron war bei der nächsten Gelegenheit zu Yarik geeilt und hatte ihn über die Medikamente befragt, die er für Naidu aus dem System schmuggeln ließ.
   »Das meiste Zeugs, das sie den Saugern geben, sind Schmerzmittel. Dann gibt es noch andere, über die ich keine Hinweise finde«, hatte Yarik erklärt und die Dosis erhöht. Aber einmal müsse Naidu ins System reisen und ihr Blut sowie die Aktosensoren säubern lassen.
   »Können wir nicht einen Arzt entführen, der das bei uns macht?«, hatte Eron gefragt.
   Yarik hatte aufgelacht und von dem Maschinenpark erzählt, durch die die Sauger gelassen wurden, wenn sie gereinigt wurden.
   »Ich werde eine Saugeridentität im System erfinden. Naidu pflanzen wir die Identität in den Chip. Sie reist ins System, gibt sich als diese Saugerin aus, und schon wird sie gereinigt«, erklärte er enthusiastisch.
   »Der Aufwand ist riesig«, erwiderte Eron.
   Da drehte sich Yarik auf seinem Stuhl zu ihm und blickte ihn ernst an. »Leon würde dies für Naidu tun, wenn …« Der Rest des Satzes hing ungesagt zwischen ihnen.
   Auf dem Rückweg ins Felsental hatte Eron eine Entscheidung gefällt. »Ich liebe dich«, sagte er zu Naidu. »Ich will, dass du am Leben bleibst. Bitte, arbeite für Leon.«
   Naidu stand auf, stampfte auf den Boden, tigerte hin und her. Nicht eine Betawelle hatte sie freigelassen. Selten hatte er sie so erlebt. »Nein«, rief sie nur immer. »Nein, nein, nein.« Aber später murmelte sie: »Es glauben ja so oder so alle, dass ich eine Saugerin bin.« Dann blieb sie stehen und brach in Tränen aus.
   Er nahm sie in die Arme und strich über ihr langes braunes Haar.
   »Warum kann ich meine Vergangenheit nicht hinter mir lassen?« Sie schluchzte.
   »Nicht in dieser Welt«, antwortete er.
   Naidu hatte Leon zugesagt, wieder seine Schmuggler auszubilden.

Drei Tage später legte Karol einen schwarzen Sack auf den Tisch und trat einen Schritt zurück, als würde ihn die Tüte anspringen.
   »Ich habe im Zombieland schon einiges erledigt«, sagte er. »Aber dies war das Schlimmste. Wenn Rania mir nicht geholfen hätte …« Anklagend blickte er Yarik an.
   »Für Naidu hast du es sicherlich gern getan«, frotzelte Yarik. Hastig warf er Eron einen Blick zu.
   Eron tat so, als hätte er nichts gehört. Wir müssten Koshua holen, dachte er und wollte sich schon zum Gehen umwenden, als Yarik an den Tisch trat und die Tüte öffnete. Eron blieb stehen.
   Yarik zog ein kleines weißes Porzellankästchen heraus und drehte es in den Händen.
   »Ich weiß nicht, warum die Zombies es in den Leichen drin lassen«, erklärte Karol. »Sonst sind sie immer drauf und dran, alles wiederzuverwerten.«
   Eron versuchte, nicht daran zu denken, wie Karol an die Kästchen gekommen war. Doch gerade deswegen sah er dunkle Friedhöfe vor sich. Einen Totenschädel, der ihn angrinste. Er sollte wirklich Koshua holen, damit dieser die Veredler untersuchte. Aber er blickte nur auf das weiße Kästchen. Karol musste es gut gereinigt haben.
   »Wir hätten schon lange mal so ein Ding aufschrauben sollen. Da drin hat es massenweise Platz für all ihre Schweinereien.« Yarik legte das Kästchen auf den Tisch.
   »Sala habe ich fabrikneue Veredler gebracht …« Karol unterließ es, mit Yarik zu streiten. Dieser hatte seine ganze Überzeugungskraft gebraucht, Karol zu erklären, dass sie gebrauchte Veredler untersuchen wollten, solche, die einen Sender enthielten.
   »Naidu wird sich freuen!« Yarik warf einen ironischen Blick zu Eron herüber.
   Er schluckte. Koshua wollte, dass Naidu die Veredler mit ihren Aktosensoren untersuchte. Vielleicht würde sie damit mehr über diese Dinger rausfinden als sie alle zusammen.
   »Ich schaue nicht in Leichen rein«, hatte Naidu wütend geantwortet.
   Koshua hatte die Schultern gezuckt. Eron hatte auf dessen Meinung beharrt. Es ging darum, dass sie Naidu retteten. Dafür gingen sie über Leichen.

Im Felsental

Naidu beobachtete, wie der angehende Schmuggler vor ihr mit dem Messer auf die Fleischimitation einstach. Sie hätte sich die Haare raufen können. Es wirkte, als würde er mit dem Fleisch kämpfen. Dass ihr Leon auch immer solche Holzköpfe zukommen ließ.
   »Stopp«, rief sie und unterließ es, höflich zu lächeln, obwohl sie dem Mann eigentlich das Gefühl geben müsste, sich im System aufzuhalten. Kalas hieß er, war ihr vor drei Tagen geschickt worden, damit sie ihm Manieren beibrachte oder nach Leon: systemtauglich machte. Was nutzte es, wenn die Schmuggler ein Hologramm in ihrem Veredler trugen, das die Gedankendiener daran hinderte, sie zu entlarven, sich jedoch verhielten, als wären sie direkt dem Dschungel entronnen wie dieser Kalas hier.
   Kalas warf das Messer zur Seite. Er unterdrückte wenigstens einen Fluch.
   »Ich mache es nochmals vor«, sagte Naidu und versuchte, ihre Stimme entspannt klingen zu lassen. Sie nahm die Gabel locker in die Hand, stach in die Imitation, setzte das Messer an und fuhr hin und her. Das sollte doch wirklich machbar sein. Sonst durfte dieser Typ nie in der Öffentlichkeit essen. Was für ein Ochse! Schwierigkeiten bekamen die meisten erst, wenn sie Konversation übten. Die Menschen hier hatten kein Gefühl für die Floskeln und Beteuerungen, die Botschaften hinter den Wörtern, die verstanden sein sollten. Naidu verdrehte innerlich die Augen. Noch viel Arbeit würde auf sie zukommen. Dabei wollte sie lieber in den Gärten arbeiten.
   »Warum muss ich üben, Fleisch zu zersägen?«, fragte Kalas verärgert. »Ich fahre rüber, hole, was wir brauchen, und esse schon wieder im Ödland.«
   Naidu lächelte säuerlich. Was für ein Dummkopf! Aber es lag nicht an ihr, ihm beizubringen, wie viele Unveredelte als Kontaktpersonen wochenlang im System ausharrten. Die Ausgestoßenen hier verlangten immer nach mehr. Ein Schmuggler musste kaum noch im Supermarkt Nahrungspillen kaufen. Leon brauchte Operationsbesteck, Infusionsständer, und Yarik war daran, die PHands umzuprogrammieren, damit der Benutzer im System nicht geortet werden konnte. Alles Waren, die genau analysiert werden mussten. Teilweise brauchte man dafür eine gezielte Beratung, und da durfte sich kein Schmuggler eine Blöße geben.
   »Es geht darum«, fing Naidu an. Ja, worum ging es eigentlich? Das Leben eines Systembürgers war komplett überwacht und rationalisiert, damit es so ökonomisch und nachhaltig wie möglich ablief. Und der Systembürger war glücklich dabei. Er unterstützte die Kontrolle, um sich und allen anderen zu beweisen, dass er ein perfekter Bürger in einer perfekten Gesellschaft war. Nur zusammen agierte man zum Besseren, konnte man überleben. Naidu musste diese Grundidee den Ausgestoßenen in ihre sturen Köpfe trichtern. Sie kannte die dunklen Seiten des Systems, kannte sie besser als einige Ausgestoßene hier. Aber sie wollte bei der Schmugglerausbildung nicht darüber diskutieren. Wer Schmuggler werden wollte, musste sich für eine kurze Zeit restlos ins System eingliedern können. Wer unfähig dazu war, war fehl am Platz. Das sollte dieser Kalas endlich begreifen. »Denken Sie daran«, sagte sie. Sie siezte ihre Zöglinge, damit sie sich daran gewöhnten. »Sie sind ein glücklicher Mensch, der sich daran freut, das Leben seiner Mitmenschen zu verbessern. Ungereimtheiten, Unklarheiten sind zu lösen oder zu melden. Es gibt keine Heimlichtuerei. Alle agieren offen und freundlich. Das ist Ihr Grundgefühl. Was Sie alles dahinter verbergen, ist Ihre Sache. Aber nichts davon durchdringt Ihre Fassade. Und nun üben wir nochmals das Schneiden.«
   Kalas nickte. Sie konnte spüren, dass er wütend und frustriert war. Sie konnte spüren, dass er sie ablehnte. Wie so viele Ausgestoßene. Kalas wusste nicht, wie er mit ihr umgehen sollte. Einerseits hatte er Angst vor ihr, andererseits verachtete er sie. Bis jetzt war noch kein einziger Veredelter aus dem System freiwillig im Ödland geblieben – nur sie.
   »Möchten Sie eine Pause machen?«, fragte Naidu.
   Kalas schüttelte den Kopf. »Das schaff ich schon«, brummte er.
   Schade, dachte Naidu. Gern stände sie nun in ihrem Garten und würde die Tomaten- und Bohnenbestände kontrollieren. »Stellen Sie sich vor, vor Ihnen säße Ihre große Liebe, die sich noch nicht für Sie entschieden hat«, sagte Naidu.
   Kalas warf ihr einen misstrauischen Blick zu, wahrscheinlich hatte er keine Ahnung, was die große Liebe bedeutete. »Und nun schneiden Sie das Fleisch und sprechen über die Schönheit eines stiebenden Wasserfalls.«
   Kalas starrte auf seinen Teller, als würde der ihm helfen. Er setzte sich gerader hin, legte sein Messer korrekt hin und räusperte sich. »Schönes Wetter heute, nicht wahr«, säuselte er.
   »Ein wunderbarer Tag«, flötete Naidu zurück.
   »Sind Sie heute spazieren gegangen?«
   Naidu unterdrückte ein Lachen. Die Frage war falsch, im System wurde gearbeitet, nicht spaziert. Aber sie wollte Kalas nicht entmutigen. »Ihr Mundtuch ist zu Boden gefallen.« Sie lächelte ihn mit ihrem strahlenden Lächeln an.

*

Eron ließ seinen Blick über die bepflanzten Hänge schweifen. Er erkannte die einzelnen Pflanzen noch nicht, aber er erkannte das satte Grün, die feinen Abstufungen dazwischen. Naidus Werk. Amenia ging ihr mit ihren Söhnen zur Hand. Aber nur Naidu ließ sich mit all ihren Gedanken und Gefühlen auf die Pflanzen ein. Ertastete ihr Bedürfnis nach Wasser, Nahrung und auch nach Ruhe, spürte ihrer Kommunikation untereinander nach. Eine erstaunliche Sache. Anfänglich hatten sie sich befremdet angesehen, wenn Naidu berichtete, wie die Pflanzen untereinander kommunizierten, wie sie den kommenden Regen erspürten oder Angst bekamen, wenn jemand das Korn schnitt. Doch seit sich die Ernte verdoppelt hatte, zweifelten niemand mehr an Naidus Berichten. Eron war froh darum. Obwohl Naidu ihre Gefühle hinter ihrem Puppenlächeln versteckte, konnte sie die dunkle Seite seiner Seele erkennen, bevor er eine Ahnung davon hatte, was in ihm geschah. Mit den Pflanzen hatte sie ein stummes Gegenüber gefunden, das ihre hohen moralischen Anforderungen an das Leben nicht dauernd mit den Füßen trat.
   Eron beschleunigte seine Schritte. Zwei Wochen war er weg gewesen. Die Untersuchung der von Karol gestohlenen Veredler hatte mehr Zeit in Anspruch genommen als gedacht.
   Yarik hatte nichts Neues gefunden, nun hatte sich Koshua der Sache angenommen. Eron hatte für Leon einige Botengänge in Orte erledigt, die noch nicht ans PHandnetz angeschossen waren. Aber im Grunde genommen zog es ihn ins Felsental.
   Er wollte dort sein, wo Naidu war. Eine seltsame Sache. Früher hatte es ihn nach einigen Tagen immer weggezogen, weg von dem Ort, an dem er sich befand. In seinen Beinen hatte es gekribbelt. Mit dem Blick hatte er den Horizont abgesucht und Pfade vor sich gesehen, die er ausprobieren könnte. Nun war es anders. Es war wie ein inneres Band, das ihn mit Naidu verband. Er wollte wissen, was sie dachte, fühlen, was sie fühlte, sehen, was sie sah. Anfänglich hatte er sich gegen diese Wünsche gesträubt. Sich einen Idioten geschimpft und war so weit weg wie möglich gereist, um sie zu vergessen.
   Ein Lächeln umspielte Erons Lippen. Ein Narr war er gewesen. Es hatte lange gedauert, bis er Naidu in seine Seele blicken ließ und sie darüber lachen konnten. Nun sehnte er sich danach, Naidu endlich wiederzusehen. Sie in den Armen zu halten. Diesen biegsamen Körper an seinen zu drücken. Selbst ihre Hände wollte er auf sich spüren, obwohl sie mit der Berührung ihrer nackten Finger in seine Gedanken- und Gefühlswelt eindringen konnte. Deswegen hatte er sie anfänglich gemieden. Aber Naidu manipulierte seine Gedanken nicht, das wusste er. Und manchmal war er froh, dass er nicht immer aussprechen musste, was er dachte. Worte finden für seine Gefühle war ihm noch nie leichtgefallen.
   Die Hütte in der Talsohle konnte Eron schon erkennen. Weiter hinten befanden sich die Eingänge in die Sandsteinhöhlen, wo er und Naidu nächtigten. Hier wohnten nur wenige Menschen. Kora, die ursprünglich hier mit ihrer Tochter Lera wohnte, hatte Amenias Familie, sowie Naidu und ihn aufgenommen. Ab und zu kamen einzelne Schmuggler vorbei, die Naidu ausbildete. Für mehr Menschen gab es nicht genügend Wasser. Eron war glücklich darüber. Er brauchte nicht viele Menschen um sich. Hingegen war er unsicher, ob Naidu wirklich glücklich war. Die Pflanzen gaben ihr vieles. Aber im System hatte Naidu in der Hauptstadt gelebt, unzählige Freunde gehabt und in einer Schule gearbeitet. Sie war täglich von Menschen umringt gewesen, dauernd am Puls der Zeit, und Eron fragte sich, ob sie hier nicht dieses Leben vermisste, ob sie nicht einmal ihm oder sich den Vorwurf machen würde, hier in der Einsamkeit zu versauern. Natürlich würde Naidu so etwas nie aussprechen. Aber in ihr würde der Vorwurf wachsen und sich irgendwie mit hässlichen Äußerungen und Taten Luft verschaffen, wie damals, als sich Naidu plötzlich Hals über Kopf entschlossen hatte, ins System zurückzukehren.
   Eron wurde langsamer. Er konnte Naidu nicht im Garten entdecken.
   Nachdem der Höhlenkreis vom System angegriffen und damit ihre ehemalige Bleibe zerstört worden war, war er mit Naidu in den Wasserkreis zu seiner Schwester Nara gereist. Nara hatte sie mit offenen Armen aufgenommen. Nicht aber die Kreisbewohner. Eron hatte ihr abweisendes Verhalten nicht gestört, störte es ihn so oder so nicht, wenn sich Menschen abweisend verhielten. Jeder hatte seine eigenen Dinge zu verbergen, er auch. Aber als er Naidu auf dem Markt entdeckt hatte, mit dem Rücken zur Mauer, die Tasche an ihre Brust gepresst, und wie sie mit riesigen Augen die Menschen betrachtete, hatte er gewusst, dass etwas nicht stimmte.
   »Sie haben Angst vor mir«, hatte Naidu gesagt und ausgesehen, als würde sie selbst vor Angst vergehen. »Ängstliche Menschen sind unberechenbar.«
   Sie hatte Eron nicht gebeten, abzureisen, aber er hatte die Bitte in ihrem Blick erkannt. Naidu konnte mit ihren Aktosensoren in die Gedanken der Menschen eindringen, diese lesen und beeinflussen. Das wussten alle, und darum mied man sie. Sie beide hatten so schnell wie möglich den Wasserkreis verlassen und gewusst, dass sie in allen anderen Kreisen dasselbe erleben würden. Einzig Kora nahm Naidu auf. Diese scherte sich nicht darum, was andere dachten. Naidu hatte ihr einst geholfen, ihre Tochter Lera zu finden. Und Amenia, die schon bei Kora lebte, mochte Naidu, weil sie die Freundin ihrer verstorbenen Schwester Sala gewesen war.
   Eron blickte zwischen den Baumstämmen hindurch. Weiter hinten beim Ziehbrunnen glaubte er, Lera zu erkennen. Ihre Mutter war sicherlich auf der Jagd oder strich sonst wo in den Bergen herum. Eron hatte Kora, seine Cousine, nie leiden können. Aber sie schienen die gleichen Nomadengene geerbt zu haben. Amenia konnte er nicht entdecken, sie würde wohl im Haus sein und irgendwelche Soßen aus Naidus Gemüse zusammenbrauen. Ihre Söhne würde er hinter dem Haus antreffen, entweder zielten sie mit Steinen auf die Hühner oder rupften gerade eines. Nein, das wohl nicht. Amenia wusste nicht, dass er früher zurückkam, und würde erst, wenn er in der Tür auftauchte, Mosa den Auftrag geben, ein Huhn zu töten. Koshua, ihr Mann, würde kaum anzutreffen sein. Obwohl er sich vorgenommen hatte, hier mit seiner Familie im Tal zu leben, arbeitete er öfter bei Leon im Labor. Zusammen organisierten sie Operation und Ausbildung der Schmuggler. Koshua hatte sich darin ereifert, jeden Ausgestoßenen mit einem falschen Veredler auszustatten, damit alle Ödländer problemlos illegal ins System reisen konnten. Ein unmögliches Unternehmen. War das Einoperieren eines Veredlers nicht nur teuer und die Ausbildung des Operierten langwierig, sondern es lebten auch viele Ausgestoßene hier, die nie mehr einen Fuß ins System setzen wollten. Trotzdem war Koshuas Grundidee verlockend: Wenn jeder Ausgestoßene wieder ins System zurückkehren konnte, dann gab es keine Ausgestoßenen mehr, und das System musste seine Gesetze überdenken.
   Deswegen war Leon überzeugt, dass das System ihre Arbeit komplett zerstören wollte. Er hatte etwas Paranoides, Ängstliches bekommen, erkannte überall die Anzeichen des übermächtigen Nachbarn, der zuschlagen wird. Einerseits musste Eron seinem Onkel zustimmen. Das System hatte ihre Aktivitäten nie akzeptiert und würde es nie tun. Andererseits konnten sie seit über einem Jahr schalten und walten, ohne dass ihnen etwas zugestoßen war. Leon behauptete, dass das System nur darauf wartete, dass ihre Aufmerksamkeit nachließ. Aber weder Eron noch die Mitarbeiter im Labor wollten hinter jedem unregelmäßigen Blinken einen verborgenen Spionageakt des Systems erkennen.
   Da hörte Eron jemanden rufen. Lera eilte ihm lachend entgegen. Die schmalen Beine in zu langen Hosen und klobigen Schuhen. Eron bückte sich, hielt die Arme auf. Sie warf sich hinein, und er schwenkte sie herum.
   »Leon hat sich heute Morgen gemeldet, er will mit dir sprechen«, berichtete sie eifrig.
   »Dann werde ich gleich mit ihm Kontakt aufnehmen.« Eron versuchte, nicht besorgt zu klingen. Normalerweise ließ Leon ihn eine Weile in Ruhe, wenn er in das Felsental zurückkehrte.
   »Koshua will Naidus Kopf aufschneiden«, ergänzte Lera.
   »Wirklich?«, sagte Eron, stellte Lera auf den Boden, nahm sie bei der Hand und eilte der Hütte entgegen. Hatte Koshua etwas über den Sender rausgefunden?

Die Tomate war prall und rot. Sanft drückte Naidu daran, entschied, sie noch einen Tag hängen zu lassen. Sie bückte sich, um ein nächstes Exemplar zu ergreifen. Warum und weich lag sie in der Hand. Sie drehte die Frucht vom Stängel und legte sie in ihren Korb. Sie umfasste die Staude und ließ Gammawellen durch ihre Aktosensoren hineingleiten. Es zog in ihren Fingern, kribbelte unangenehm, sie ignorierte es. Gamma mochten Tomaten am liebsten. Stundenlang konnte sie zwischen den Pflanzen stehen, deren Schwingungen erspüren oder Wellen in sie fließen lassen, wie ein Spiel. Es klang absurd, aber manchmal meinte sie, die Pflanzen lachen oder protestieren zu hören. Ab und zu surrte es, als würden die Pflanzen Wellen zurücksenden. Nie hatte sie mit jemanden darüber gesprochen. Die anderen hielt sie auch so für ziemlich seltsam.
   Naidus Blick strich von den Tomaten zu den Bohnen, zu den Pfirsich- bis hinüber zu den Pistazienbäumen. Weiter hinten sah sie die hängenden Salate und den Fenchel. Feines Blatt, das in der gleißenden Sonne zu viel Wasser verdunsten würde, am Hang war dies nicht der Fall. Die Wurzeln der Pflanzen hielten sich am feinen Gitter fest, das sie in die Erde gelegt hatten. Das Wasser wurde in der Ebene abgefangen und durch Kapillare wieder hochgeführt. Eine Meisterleistung, die Koshua, Amenias Gatte, konstruiert hatte. Der Garten sah wunderschön aus. In ein paar Jahren würden sie auch genügend ernten können – falls sie bis dann überlebt hatten.
   Vor einem Monat war ihnen aus dem Salzkreis endlich ein Wildbienenstock geliefert worden. Die Bienen bevölkerten das morsche Holz hinten bei den Pistazien. Aber die Blüten waren schon verwelkt und kaum befruchtet worden.
   »Wir füttern die Bienen dieses Jahr mit Zucker«, hatte Koshua erklärt. Hier wuchsen keine Blumenwiesen, keine Tannen rauschten im Wind, nur die Obstbäume blühten wenige Wochen. Bis jetzt zogen sie selbst mit dem Pinsel von Blüte zu Blüte und verteilten die Pollen auf fremden Fruchtständen. Eine mühsame und komplizierte Arbeit.
   In den frühen Morgenstunden hatten sie die Beete bewässert. Wasser, ihr kostbares Gut, das sie hier nur begrenzt erhielten. Die Pflanzen hatten genug bekommen, um die gleißende Hitze des Tages zu überstehen.
   Naidu legte sanft ihre Finger um ein Tomatenblatt. Tägliches Üben hatte ihr geholfen, sich über die austauschenden Säfte in einer Pflanze ein Bild zu machen. Ein leichtes Ziehen und Senken. Die prallen Blattzellen am Morgen, die am Abend lose hinunterhingen. Eine Pflanze ist wie ein Jungbrunnen, dachte Naidu. Sie altert nicht so wie wir. Sie erneuert sich über Nacht, kann Teile von sich abstoßen und absterben lassen, während irgendwo an ihr etwas Neues sprießt. Ohne je ihren Standort zu wechseln. Eine Pflanze kann nicht fliehen, muss ausharren, gleich, was kommt. Je nachdem wuchs sie im Schatten und machte daraus das Beste, was ihr ihre Gene schenken konnten. Naidu umfasste sanft den Stängel. Für immer am gleichen Ort ausharren. Hier im Felsental wäre sie gern für immer geblieben – zusammen mit Eron. Wie schnell konnte sich so ein Wunsch ändern, das Tal zum Gefängnis oder Grab werden. Sie strich über die Blätter, diese würden bald alt und müde werden – zu bald. Die Pflanze würde durch eine neue, jüngere ersetzt und als Kompost enden. Naidu blickte zu den Pistazienbäumen. In fünf Jahren würden sie erst Frucht bringen und dann ewig hier stehen. Sie hob den Korb auf und strich der Tomate der vordersten Reihe übers Blatt. Da bemerkte sie es. Ein Vibrieren in einer zu hohen Frequenz. Die Pflanze fühlte sich angespannt an. Naidu löste ihre Finger, umfasste dann nochmals das Blatt. Das Signal war eindeutig, auch die Staude nebenan zeigte dieselben Signale. Fehlte Wasser? Die Blattelastizität fühlte sich gut an. Naidu grub ihren Finger in den dunklen Humus, zog ihn heraus. Einzelne Erdkrümel klebten daran. Der Humus war mit Wasser gesättigt.
   Über die Wurzeln konnte die Pflanze ihre Vibrationen über weite Strecken an ihre Artgenossen weitergeben. Naidu hatte schon erlebt, wie ganze Weizenfelder in Panik ausbrachen, als die Schnitter in der ersten Reihe mit ihrer Arbeit begannen. Sie ging zur hintersten Tomatenreihe, umfasste ein Blatt. Eine sanfte, langsame Schwingung machte sich bemerkbar. Sie Pflanze war im Wachstum und nahm die Sonnenenergie in sich auf. Was hatte die Tomaten in der vordersten Reihe in Aufruhr gesetzt?
   Naidu wusste, dass sie sich die Frage allein beantworten musste. Amenia und auch Eron hörten fasziniert zu, welche Veränderungen Naidu über ihre Aktosensoren wahrnahm. Aber die Nachricht, die vorderste Tomatenreihe fühle sich erschüttert, obwohl sie genügend Wasser und Nahrung habe, würde weder Eron noch Amenia stutzig machen. Einerseits, weil sie die Gefühlswelt der Pflanzen nicht wirklich wahrnahmen und diese trotz Naidus Berichten etwas Befremdendes für sie waren. Andererseits, weil sich Eron und Amenia wie jeder hier grundlegende Sorgen ums eigene Überleben machten. Für eine angespannte Tomate konnten sie keine Empathie aufbringen. Naidu ging zur vordersten Reihe, strich mit den Fingern über ein Blatt, ließ Gammawellen aus ihren Aktosensoren in die Pflanze strömen. Elektrische Wellen, die in den Gehirnzentren der Menschen ein Gefühl von unendlich tiefer Ruhe und Kontemplation auslösten. Die Tomaten stärkte es. Sie blieb länger als geplant stehen, um die Wellen nachwirken zu lassen. Wenn sie heute Nachmittag Zeit hatte, würde sie die Tomaten nochmals überprüfen.
   Sie blickte flüchtig um sich und küsste das Blatt. Eine Geste, die sie sich nur zu machen getraute, wenn niemand sie beobachtete. Eron glaubte ihr zwar, dass die Pflanze ihren Dank bemerkte und deswegen auch stark und robust wurde, doch er hatte sich noch nie dazu bewegen lassen, Pflanzen zu küssen.
   Naidu eilte den Pfad hoch zu den Felswänden. An deren Fuße starrten ihr mehrere Höhleneingänge aus dunklen Löchern entgegen. Die Öffnungen waren von Menschen aus den Felsen gesprengt worden. Ein Werk aus einer vergangenen Zeit.
   Ein Stich im Kopf ließ sie innehalten, ihr Blick verschleierte sich. Ihre Hand fuhr zum Kopf hoch, gab sich Alphawellen ein, die andere fuhr in ihre Tasche, ertastete ihre Pillendose. Hastig schluckte sie zwei und wartete, bis ihr Blick wieder klar wurde.
   Vor dem Eingang blieb Naidu stehen und blinzelte in die Dunkelheit, bis ihre Augen schemenhaft die Hochbeete darin erkennen konnten. Die Dreitagessprossen waren reif, um für einen Tag ans Licht gebracht zu werden, bevor sie diese verspeisten.
   Die Sonne hatte den Zenit längst überschritten und würde die zarten Keimlinge kaum mehr verbrennen. Naidu hob die Platte hoch und stellte sie hinaus. Pflanzen in den Höhlen keimen zu lassen, war sicher und effizient. Bei den gewaltigen Gewittern, die sich über dem Tal entluden, waren die Samen hier drin geschützt, wurden nicht davongeschwemmt, zudem keimten sie in dem geringen Licht wie unter der Erde. Je nachdem aßen sie die Keimlinge oder zogen daraus Pflanzen. In den Höhlen war dies das ganze Jahr möglich.
   Naidu war bei den im Wasser eingelegten Körnern angelangt, siebte sie aus und verteilte sie auf eine neue Platte. Dann ging sie in den hinteren Teil, öffnete einen luftdichten Kanister, um eine Handvoll Samen herauszuholen. Sie waren nach dem Wasser ihr zweitwichtigstes Gut. Sie legte die Samen ins Wasser, morgen würde sie sie rausholen.
   Seit einigen Monaten war ihre kleine Gemeinschaft hier im Felsental nicht mehr von Nahrungslieferungen aus dem System abhängig. In Naidus Augen war dies eine große Errungenschaft. Der Schmuggel wurde zwar immer effizienter und sicherer, aber Naidu wollte nichts mit dem System zu tun haben. Sich nichts daraus mehr einverleiben – das machte sie frei und unabhängig.
   Abgesehen davon ergatterten die Schmuggler im System kaum Samen. Auch dort wusste man, was für ein kostbares Gut diese waren. Naidu hatte Eron aufgefordert, ihr die Gräser zu zeigen, die er manchmal gedankenverloren auszupfte und kaute. Von diesen hatten sie in der Ebene unzählige gesammelt. Ihr Blick wanderte über weitere Platten, wo die Samen schon keimten.
   Ihre Eltern sowie ihr Bruder Helgo arbeiteten auf den unterirdischen Feldern des Systems. Nachdem Naidu von zu Hause ausgezogen war, hatte sie von ihrer Arbeit nicht mehr viel mitbekommen. Trotzdem erinnerte sie sich, mit welchen Problemen er sich wenigstens vor Jahren noch herumgeschlagen hatte – das fehlende Licht, wenig Wasser und die Befruchtung der Blüten.
   Aus diesem Grund hatte Naidus Herz gleich höher geschlagen, als sie die Höhlen im Tal entdeckt hatte.
   »Pflanzen in Höhlen keimen lassen?«, hatte Amenia zweifelnd gefragt.
   So zweifelnd wie die anderen, aber Naidu hatte von den Vorteilen gewusst, die ein Höhlenklima bot – wenn man die Samen täglich betreute und sie zur gegebenen Zeit ins Sonnenlicht brachte.
   Wie es wohl ihrem Bruder ging? Naidu dachte oft an Helgo. So viel könnte er ihr nun beibringen. So eng könnten sie zusammenarbeiten. Aber zwischen ihnen lagen die Gesetze des Systems. Sie war eine Ausgestoßene. Naidu musste zugeben, dass sie der Gedanke daran schmerzte. Zu gern hätte sie das System für immer vergessen, aber es war nicht möglich. Mehr als zwanzig Jahre hatte sie darin verbracht und oft eine glückliche Zeit erlebt. Nur sich selbst durfte sie das zugestehen. Eron und Amenia verurteilten das System, und vom Verstand her musste sie ihnen recht geben. Aber wenn sie ihre ersten zwanzig Lebensjahre als Lüge betrachtete, wurde sie verrückt.
   Naidu strich über die Keimlinge, durch die Aktosensoren nahm sie wie nebenbei die Bewegung der Säfte, die Lebenskraft wahr. Sie hatte in einer großen Lüge gelebt und sich selbst etwas vorgemacht. Und trotzdem … Ihr Leben war nicht nur schlecht gewesen. Die Leere, die sie damals in die Enge getrieben hatte, hatte sie manchmal ausfüllen können. Und manchmal, ja manchmal, wünschte sie sich, wieder so unwissend zu sein wie damals. Lächelnd einem Befehl zu folgen. Sich für nichts verantwortlich zu fühlen.
   Naidu schüttelte sich, um auf andere Gedanken zu kommen. Die Kälte in der Höhle drang langsam durch ihre Kleider, aber sie ging nicht hinaus ins grelle Licht. Hier drin konnte sie sich am besten in die eigene Seele blicken und Dinge erkennen, die diesen Raum nicht verlassen durften. Dort draußen warteten ihre große Liebe und ihr neues Leben auf sie, was sie sich mühsam und unter Lebensgefahr erarbeitet hatte. Aber manchmal gab es diese Momente wie jetzt. Momente, in denen sie spürte, dass ihr Ich nicht aus einem Teil bestand. sondern sich aufsplitterte in Tausende von kleinen Glasteilchen, die unterschiedlich glitzerten.
   Ihr Blick verlor sich in den Keimlingen. Sie erblickte ihre Freundinnen aus dem System vor sich, die glitzernden Hausfassaden der Hauptstadt. Eine so andere Welt als hier …
   Das sanfte Kribbeln in ihren Aktosensoren beachtete sie zuerst nicht. Dann zog sich ihr Nacken leicht zusammen. Es war, als würden sich Blumenranken verspielt ineinander verdrehen. Konnte es wirklich sein, dass er schon angekommen war?
   Naidu packte ihren Korb und eilte hinaus. Ihre Schritte wurden graziös, die Hüften schwangen im Takt. Schon Erons Nähe ließ sie leicht und lebendig werden. Das Licht blendete sie, aber sie brauchte auch nicht zu den Felsen zu schauen, um zu wissen, dass Eron dort stand. Ihre Aktosensoren nahmen seine Freude auf. Sie kribbelte in ihrem Magen, die Sehnsucht weitete ihre Brust, und war da nicht auch tief unten seine Angst, sie zu verlieren? Wie klebriger Schleim haftete sie sich an die Blumenranken. War das der Preis der Liebe? Angst um den anderen zu haben?
   Naidu wischte den Gedanken zur Seite, öffnete die Arme und umarmte ihn stürmisch. Das Kribbeln fuhr durch ihren Rumpf, am liebsten hätte sie ihn in die Luft gehoben, so energiegeladen fühlte sie sich plötzlich.
   »Welche Überraschung, dass du schon hier bist«, sprudelte es aus ihr heraus.
   »Geht es dir gut?« Eron hätte nicht fragen sollen. Schon spürte sie seine schwere Sorge in ihren Sensoren.
   Naidu löste die Arme von seinem Nacken, trat zurück. »Wunderbar«, sagte sie und unterdrückte ein Lächeln, er sollte es ihr glauben.
   Eron musterte sie genau. Fast tadelnd blickte sie ihn an. Jetzt war nicht die Zeit, sich Sorgen zu machen. Sie trat auf ihn zu, lehnte sich gegen seine Brust und küsste ihn.
   Bald überwog seine Sehnsucht, sie konnte es genau spüren. Sie stupste ihn mit der Nase an, er grinste. Sie stellte sich neben ihn, und zusammen blickten sie über das Felsental. Ihre Heimat. Es war dessen Ruhe, die sie beide in sich aufnehmen konnten. Naidu hätte mit Eron stundenlang hier stehen können. Er brauchte nicht zu sprechen, sie spürte ihn. Ihre Aktosensoren spielten schon wild genug, weil er neben ihr stand.
   Ein leichter Stich im Nacken ließ Naidu kurz erstarren. Sie hatte doch erst ihre Pillen genommen! Der Stich ließ nach, sie atmete auf.
   »Leon wollte mich heute Morgen sprechen«, sagte Eron.
   Deswegen seine Sorge! Schon konnte sie nicht mehr die ruhigen Hänge betrachten.
   »Koshua denkt, dass er das Problem mit den Sendern gelöst hat«, sagte sie und merkte, wie Eron aufatmete.
   Koshua hatte sie kontaktiert und erklärt, dass sie zu ihm ins Labor reisen solle. Naidu hatte keine Freudensprünge gemacht. Um ehrlich zu sein, glaubte sie Koshuas Theorie nicht, die sie nun Eron erklärte. Sie hatte Koshua hingehalten und erklärt, sie würde mit Eron zusammen ins Labor reisen. Deswegen hatte sich nun wohl Leon gemeldet.
   Erons Begeisterung über das Gehörte ließ ihre Aktosensoren erzittern. »Wir reisen morgen ab«, sagte er entschlossen.
   Naidu nickte zögerlich. Sie wollte Erons Hand ergreifen, mit ihm über das Felsental blicken, aber sie wusste, dass sie damit ihre Zweifel nicht mehr verdrängen konnte. Sie reichte Eron ihren Korb und erklärte, dass sie noch ihre Werkzeuge im hinteren Garten wegräumen müsse. Eron gab ihr einen langen Kuss, bevor er mit ihrer Ernte Richtung Hütte eilte.
   Die Sonnenstrahlen brannten auf der Haut. Naidu zog den Gesichtsschutz hoch. Amenia behauptete, mit dem Gesichtsschutz sähen sie aus wie außerirdische Ameisen in Kriegszustand. Sie und Kora hielten sich schon lange nicht mehr an die Sicherheitsvorschriften, aber Naidu war sich sicher, dass sich der fehlende Gesichtsschutz einmal an ihnen rächen würde. Die Strahlung würde sich in ihre Haut brennen und die Zellen zerstören, und irgendeinmal würde sich das schädliche Licht durch Krankheit bemerkbar machen. Ein Thema, das Amenia mit einer Handbewegung wegwischte. Gerade sie, die Mutter zweier Kinder.
   »Wir leben nur einmal«, sagte sie. »Dann aber richtig und nicht als vermummte Ameisen.«
   Mosa kugelte sich dann vor Lachen, und Koshua nickte stolz. Also unterließ Naidu die Diskussion, denn die Tomatenpflanzen starben früh, auch die Bohnen. So wohl sich die Pflanzen hier im Tal fühlten, umso garstiger war ihr Ende. Nicht Lebensschwäche führte zu ihrem Tod, sondern ein plötzliches Wuchern an den seltsamsten Stellen zwang die Pflanzen, ihren Lebenssaft unverhältnismäßig zu verteilen. Plötzlich quollen aus den elastischen Stängeln Geschwüre hervor. Die Pflanze starb nicht, sie kollabierte, weil sie das letzte hergab. Beim Kompostieren stach Naidu manchmal in die Geschwüre, aus denen ein schwarzer Saft quoll und wie dickflüssiges Blut hinabtropfte.

»Das zu Koshuas Theorie.« Leon blickte zweifelnd.
   Eron ignorierte es. Sie mussten sich an jedem Strohhalm festhalten.
   »Das ist aber noch nicht alles: Wir ziehen um.« Leons Abbild flackerte.
   Eron hätte ihn gern festgehalten, aber das ging nicht. Er saß im Übertragungsraum und hatte nur Leons Hologramm vor sich. Am liebsten hätte er seinem Onkel widersprochen, argumentiert, dass sie erst umgezogen seien, dass seine Angst seine Mitarbeiter zermürbte, die Arbeit verhinderte, dass hinter seinem Rücken gemurrt wurde. Amenia würde jammern, wenn sie ihren Mann wieder wochenlang nicht sehen würde. Aber Eron sagte nichts. Leon lebte schon seit über vierzig Jahren im Ödland und hatte vieles überlebt, Krieg, Verfolgung. Seine Intuition hatte ihn zu großem Erfolg geführt, doch je mehr Erfolg er hatte, umso misstrauischer wurde er. Und seit seine Geliebte Petua bei der Zerstörung des Höhlenkreises gestorben war, hatte sich dies nur verstärkt.
   »Sie wissen genau, was wir ihnen wegnehmen«, rissen Leons Worte Eron aus seinen Gedanken. »Das System überwacht Produktion und Verbrauch aller Waren. Ins Ödland fließt eine riesige Menge. Wir sind gerade daran, ihnen ihre neuste Technik unter der Nase durchzuschmuggeln. Das kann ihnen nicht egal sein.«
   Eron nickte, er kannte Leons Argumente zur Genüge. Früher waren sie Zwerge gewesen. Seit sich der Schmuggel verbessert hatte, einte er die Ödländer wie nie zuvor, und mehr Waffen wurden in die Region gebracht. Leon war unruhig, da er nicht wusste, wann oder wo ein Angriff stattfinden würde. Selbst Yarik, der sonst seine Finger dank dem Systemnetz in jede geheime Angelegenheit steckte, fand nichts in den einschlägigen Kanälen. Leon wollte gewappnet sein, aber er wusste nicht, gegen was.
   »Wir haben Welledon in die verseuchten Gebiete getrieben. Vielleicht hemmt sie das, vielleicht haben sie eine innere Krise. Vielleicht ist die herrschende Schicht im System uneiniger, als wir denken. Darum greifen sie nicht an«, erklärte Eron.
   »Und morgen kommt der Weihnachtsmann«, sagte Leon.
   »Ich will damit nicht sagen, dass wir nicht aufpassen müssen. Aber es gibt sicherlich eine Erklärung für ihr Verhalten. Wir haben keine Spitzel. Darum wissen wir nichts.«
   »Es ist unmöglich, Spitzel ins System zu schleusen«, polterte Leon.
   »Das wollte ich dir nicht vorwerfen«, sagte Eron. Kein Veredelter würde sich dazu herablassen, für die Ausgestoßenen zu arbeiten. Eron konnte sich vorstellen, warum. Er hatte Naidu gesehen, wie sie kämpfte, mit ihnen zusammenzuarbeiten, wie sie jetzt noch kämpfte, obwohl Welledon sie im System aufs Ärgste missbraucht hatte. »Ich komme mit Naidu vorbei, wenn ihr eingerichtet seid.«
   Leon nickte.

Eron löschte die Übertragerfrequenzen, kontrollierte die Schutzschilder, damit niemand im System erkennen konnte, wo ein Übertrager stand. Dauernd diese Vorkehrungsmaßnahmen!
   Müde erhob er sich. Als er angekommen war, war Leon nicht erreichbar gewesen. Dann hatte Leon sie beim Abendessen gestört. Gern würde er wieder an den Esstisch zurückkehren, andererseits wurde erwartet, dass er berichtete.
   Nur die Grillen waren zu hören, als er durch die Gemüsebeete schritt. Das unruhige Licht einer Öllaterne flackerte im Haus. Eron blickte durch das Fenster. Naidu saß mit dem Rücken zu ihm, ihr gegenüber Kalas und Kora, die eifrig diskutierten. Amenia starrte in die Luft, ihre beiden Kleinen hatten den Tisch schon verlassen.
   Als er eintrat, wurde es ruhig. Die Blicke aller folgten ihm, bis es sich setzte. Jemand hatte seine Schale mit der Gemüsesuppe zugedeckt.
   »Leon zieht um«, sagte er.
   Amenia stöhnte auf und schlug auf den Tisch.
   »Er soll von diesem Schmuggelzeug lassen. Wir leben hier gut, auch ohne die Errungenschaften des Systems«, knurrte Kora.
   Eron unterließ es, mit ihr zu diskutieren, aber Kalas holte schon zu einem Gegenschlag aus. Eron hätte ihn gern unter dem Tisch getreten. Koras Meinung war festgefahren. Alles, was aus dem System kam, war grundlegend schlecht und wurde von ihr abgelehnt. Wenn es nach ihr ginge, würden hier alle wieder mit Pfeil und Bogen bewaffnet auf die Jagd gehen.
   Erons Blick traf den von Naidu. Sie lächelte verkrampft. Jedes Mal, wenn Leon umzog, wurde sie an die Übermacht des Systems erinnert. Eron suchte unter dem Tisch Naidus Hand und drückte sie. Später würden sie in aller Ruhe ihre Reise ins neue Labor planen. Hastig begann er seine Suppe zu löffeln. Je schneller er fertig war, umso schneller konnten Naidu und er von hier verschwinden.
   »Aktosensoren, Veredler, Übertrager – alle diese Dinge sollte man verbieten und vernichten«, predigte Kora gerade.
   Kalas fiel ihr ins Wort, um die Vorzüge des Übertragers zu loben. Auch auf einen PHand könne man nicht mehr verzichten, er erleichtere nicht nur das Leben, er sei oft lebensrettend. Gerade wollte er ansetzen und von einem solchen Fall erzählen, als Naidu ihn stoppte.
   »Wir können nichts verbieten, was der Mensch je erfunden hat«, sagte sie bestimmt. »Aktosensoren, Gedankenlesen, Gedankenüberwachung – nichts können wir mehr rückgängig machen. Wir müssen lernen, damit zu leben – menschenwürdig damit zu leben.«
   Kora schüttelte den Kopf, setzte zur Widerrede an, fing dann Naidus Blick auf und schloss den Mund. Eron war froh darum. An keinem hier ging vorbei, welche Schmerzattacken Naidu überfielen wegen ihren Aktosensoren. Und sie alle profitierten von der großen Ernte, die sie nur dank Naidus Aktosensoren erzielten.

Der Sender

Koshua zog eine Spritze auf. Naidu starrte darauf, als würde sie eine Schlange sehen.
   »Wir haben zurzeit Hunderte von Schmugglern im System. Keiner trägt einen Sender, und keiner ist deswegen erwischt worden.« Koshua tippte mit dem Finger gegen eine Ampulle, blickte dann auf Naidu. »Es ist ganz simpel. Ich mache deinen Sender unschädlich, und das Problem ist gelöst.«
   Naidu schüttelte den Kopf. So einfach konnte die Lösung nicht sein. »Wenn die Ärzte im System mich reinigen, werden sie sehen, dass der Sender ausgeschaltet ist und dies melden«, entgegnete sie.
   Koshua blickte sie müde an. »Schon x-mal habe ich dir erklärt, dass Yarik deine Erinnerungen genau geprüft hat: Die Ärzte untersuchen den Sender nicht. Der Sender ist nicht ihre Aufgabe, der Sicherheitsdienst kümmert sich um die Sender. Wir haben schon Ödlander unter falscher Identität in ihre Spitäler geschleust und niemand hat bemerkt, dass ihre Veredler nicht senden!«
   Niemand schraubt den Veredler deiner Schmuggler auf, dachte Naidu und schwieg trotzig.
   »Naidu!« Koshua hatte sich vorgebeugt. »Was ist los?« Sie wich seinem Blick aus. Koshua schüttelte den Kopf. »Wir bereiten deine Reise ins System vor. Wir opfern Stunde um Stunde, um herauszufinden, welchen Spitzfindigkeiten und Fallen wir ausweichen müssen. Und was machst du? Du schaust mal kurz in einen Veredler rein, sagst, dass du nichts siehst, und fliehst dann zu deinen Tomaten. Bei allen Zombies! Es geht um deine Reinigung! Warum kooperierst du nicht mit uns?«
   Naidu schluckte, öffnete den Mund, schloss ihn wieder. »Es wird nicht funktionieren«, flüsterte sie mit heiserer Stimme.
   »Warum nicht?«
   »Weil …« Was hatte sie sagen wollen? Ein Zittern erfasste Naidu. Dann war es ein Schütteln. Ihr Unterkiefer schlug gegen oben, dann merkte sie, dass sie schluchzte. Ihre Reise konnte nicht funktionieren, sie konnte nicht!
   Es war nicht das erste Mal, dass Koshua sie in den Armen hielt. Er war ein besonnener Mensch, das mochte sie. Nur ganz leicht konnte sie seine Irritation über ihr Verhalten spüren. Er wartete, bis sie wieder ruhig atmete, wartete weiter.
   »Sie sehen dich überall«, brach es schließlich aus Naidu heraus. »Ihre Augen sind überall, und die Gedankenleser …« Mit Abscheu erinnerte sie sich, wie oft ihr Veredler verkabelt worden war, damit jemand auf einem Monitor ihre Gedanken sehen konnte. Naidu schüttelte wie wild den Kopf. »Sie sind stärker als wir. Es wird nicht funktionieren!« Und vielleicht – sie wagte nicht, es auszusprechen. Aber wenn sie im System wieder die Botschaften hörte, dass die Unveredelten versagt hatten und sie alle deswegen ein Leben ohne Verschwendung und ohne Hass führen sollten … Vielleicht … würde sie das alles wieder glauben!
   Koshua blickte sie an. Zu ihrem Schrecken nickte er. »Das System beherrscht dich immer noch«, folgerte er, und Naidu hätte schon wieder in Tränen ausbrechen können.

Als Naidu am nächsten Morgen aufwachte, war Eron schon weg, aber Amenia saß auf ihrer Bettkante. Überrascht setzte sie sich auf. War Amenia ihretwegen ins Labor gereist?
   »Sollst du mich überreden, ins System zurückzukehren?«, fragte sie irritiert.
   »Das traue ich mir nicht zu.« Amenia nahm ihre Hand, strich darüber.
   Naidu getraute sich nicht, die Hand zurückzuziehen, aber zu intensiv drang Amenias Trauer in sie hinein. »Ich wollte mit dir nur über das Grab sprechen. Soll es in den Gärten liegen?«
   »Welches Grab?«
   »Dein Grab.«
   Naidu keuchte auf. Sie warf sich aufs Bett zurück und blickte zur Decke hoch. »Koshua soll diesen verflixten Sender abstellen«, stieß sie endlich hervor.
   Amenia drückte ihre Hand fester. »Erzähl mir vom System. Erzähl mir von der Überwachung.«

Koshua zog die Spritze auf und warf einen Blick zu Naidu herüber.
   »Könntest du mir nicht den Veredler aus dem Kopf schneiden?«, fragte sie.
   »Das hat noch niemand überlebt«, antwortete er trocken. Er legte die Spritze beiseite und nahm ihre Hand.
   Naidu zog sie zurück. Warum nahmen plötzlich so viele Unveredelte ihre Hand? Sie wussten doch, dass sie fähig war, bei einer solchen Berührung in die Gedanken ihres Gegenübers einzudringen.
   »Ich habe noch nie jemanden mit einem funktionierenden Veredler operiert«, sagte Koshua. »Wir wissen nicht, was sie euch da noch reinprogrammiert haben. Ich sehe aber, wie du auf meine Spritze reagierst.«
   Naidu spürte, wie das Blut in ihre Wangen schoss. So peinlich, dass Koshua ihre Ängste durchschaut hatte. Wusste er auch, dass sie erst ins System reiste, wenn es wirklich nicht mehr anders ging?
   »Ich weiß nicht, was geschieht, wenn ich dir die Spritze setze. Aber ich ahne nichts Gutes. Kannst du dir nicht selbst Omega-Wellen eingeben?«
   »Ich mir?« Koshua schien keine Ahnung zu haben! Naidu atmete tief ein. Sie sollte sich selbst bewusstlos machen? Diese Unveredelten hatten seltsame Ideen!
   »Dann werde ich dir die Narkose setzen. Naidu, um ehrlich zu sein: Du trittst in dieses Zimmer und siehst aus, als würdest du gleich durchdrehen.«
   Schon lange hatte sie keine Alphawellen mehr benötigt, zudem schmerzte es, wenn sie ihren Veredler öffnete. Naidu blinzelte. Das alles war doch lächerlich! Sie gab sich doch so Mühe, so normal wie möglich zu sein! Naidu blickte auf ihre zitternden Hände, spürte, wie ihre zusammengeschnürte Kehle ihr das Atmen erschwerte. »Omegawellen möchtest du«, sagte sie mit zu hoher Stimme.
   Koshua nickte.
   Naidu blickte auf ihre Fingerspitzen. Sie hatte genau gelernt, was zu tun sei, um jemanden mit Omegawellen unschädlich zu machen. Diesen versteckten Ort im Veredler, den sie öffnen musste, um durch ihre Aktosensoren Omegas in jemanden fließen zu lassen. Sie müsste sich die Hände in den eigenen Nacken legen. »Nach etwa zehn Sekunden wache ich auf«, sagte sie mit belegter Stimme. Sie konnte sich im bewusstlosen Zustand ja nicht wiederholt die Wellen eingeben.
   »Mehr Zeit benötige ich nicht, dir die Spritze zu setzen«, antwortete Koshua.
   Naidu hob die Hände an ihren Nacken und bemerkte, wie ihr der Schweiß ausbrach.

Zerplatzte Träume – die Reise

Spitze Finger bohrten sich durch ihren Schädel, gruben sich in ihren Kopf, drangen tiefer. Naidu schlug die Augen auf. Dunkelheit umhüllte sie, nur der Schmerz grub sich tiefer, drang bis in ihren Nacken. Sie sollte ausharren, still bleiben, da jede Bewegung den Schmerz nur vervielfältigte. Ihr Verstand hingegen befahl ihr, sich zu erheben. Sie zwang ihre Finger, sich in eine Faust zu schließen und wieder zu öffnen. Mit äußerster Willenskraft erhob sie sich. Ihr Kopf pochte, drohte zu platzen. Sie tastete nach dem Wasserglas und den Pillen, führte beides zum Mund. Schweiß brach ihr aus, als sie sich wieder hinlegte, im Schmerz wartete und hoffte, einzuschlafen und aus dieser Welt zu verschwinden.
   Eine warme Hand berührte ihre Schulter, strich ihren Armen entlang. Eron flüsterte ihren Namen. Naidu blieb bewegungslos liegen.
   
   Als sie das nächste Mal die Augen aufschlug, musterte sie die Steindecke im gedämpften Licht. Eron war dabei, sein Hemd überzustreifen. Seinem fragenden Blick wich sie aus, der Schmerz war weg. Sie erhob sich, erblickte das Wasserglas, die Pillen daneben. Diese Nacht hatte sie dreimal davon geschluckt. Gewisse Dinge konnte man nicht ein Leben vor sich hinschieben.
   Naidu räusperte sich. »Ich reise«, sagte sie, drehte sich nicht um, weil sie Erons Gesichtsausdruck erahnte. Diesen Satz hatte er gefürchtet, seit Langem. Das Bett knarrte, seine Arme legten sich um ihre Schultern. Gern hätte sie sich nach hinten gelehnt, an seinen nackten Oberkörper. Seinen Geruch nach Sand hätte sie gerochen und mit ihrem Handrücken über die feinen Haare an seinen Armen gestrichen. Aber sie blieb steif sitzen.
   »Ich werde Yarik benachrichtigen«, sagte Eron.
   Naidu wollte den Kopf schütteln. Nein, wollte sie sagen. Nein, ihr sollt nicht so ein Aufheben darum machen. Aber sie sagte nichts.
   »Das wird eine Sonntagsfahrt«, hatte Yarik immer versprochen. Naidu hatte gelacht und ihren Schmerz verdrängt.
   Eine Rückkehr ins System gab es nicht.
   »Soll Yarik mit dem Countdown beginnen?«, fragte Eron.
   Naidu nickte.
   Eron strich ihr übers Haupt, setzte einen Kuss darauf und verließ den Raum.
   Naidu schloss die Augen, um die letzten ruhigen Sekunden zu erspüren. Der Raum war in einen Sandsteinfelsen hineingehauen worden, hier drin hatte sie immer das Gefühl gehabt, einen Teil des Felsens zu sein. Die Ruhe des jahrtausendealten Gesteins zu spüren. Wie oft hatte sie ihre nackten Fingerspitzen an den kalten Stein gelegt und ihre Aktosensoren schwingen lassen. Die Sensoren, mit denen sie Emotionen und Gedanken ihrer Mitmenschen nicht nur lesen, sondern auch beeinflussen konnte. Aber im Stein hatte sie nichts aufgenommen, gar nichts, da war nur diese zeitlose Ruhe.
   Vor über einem Jahr war sie illegal hier ins Ödland geflohen, um Sendres verschlüsselte Botschaft Leon zu überbringen. Eigentlich hatte sie nur Karol treffen – oder genauer – seine Hände auf ihrem Rücken spüren wollen. Aber sie hatte Eron zuerst getroffen, und alles war ganz anders gekommen.
   Die Zeit hier? Es war die schönste Zeit ihres Lebens gewesen. Oder … vielleicht stimmte das nicht. Naidu konnte sich nicht an ihr ganzes Leben erinnern. Als man ihr die Aktosensoren eingesetzt hatte, war ein Missgeschick geschehen und ein Teil ihrer Erinnerung gelöscht worden. Aber die Zeit hier war sicherlich die wirklichste Zeit ihres Lebens gewesen. Die, in der sie, Naidu, gewusst hatte, was sie wollte und was sie liebte.
   Endlich gab sie sich einen Ruck, streifte ihre Handschuhe über und erhob sich. Zwei Tage würden Eron und sie durch die Steppe reiten, dann im Labor ankommen und von Yarik unterwiesen werden, wie ihre Reise verlaufen würde. Aber zuvor musste sie sich noch verabschieden. Davor graute ihr.
   Eron stand draußen und kontrollierte den Gesichtsschutz auf seine Durchlässigkeit. Der Finder lag auf dem Fensterbrett und wurde von einem Solarpanel aufgeladen.
   Eron blickte konzentriert, nur seine Bewegungen waren leicht fahrig. Früher hatte Naidu ihre Aktosensoren benötigt, um seine Gedanken zu lesen. Heute konnte sie Erons Gedanken lesen, als läge ein offenes Buch neben ihr. Nie und nimmer würde er sie ins System reisen lassen, wenn nicht der Schmerz der Aktosensoren ihr den Schlaf rauben und die Antiblocker ihren Blick verschleiern würden.

Amenia hielt Naidu fest umarmt. »Es wird alles gut gehen«, flüsterte sie in Naidus Haar, und der graue Nebel ihrer Angst waberte durch Naidus verstopfte Aktosensoren. Es war lange her, dass sich Naidu in der Nähe von Unveredelten so unwohl gefühlt hatte.
   Naidu versuchte zu lächeln, es klappte nicht. Ein leichter Schmerz durchzuckte ihren Nacken, dann vibrierten die Betawellen durch ihr Nervensystem. Das Lächeln stahl sich von selbst auf ihre Lippen.
   Amenia wich ihrem Blick aus. Sie hatte sie durchschaut.
   Mosa rief etwas aus dem Hof. Amenia nutzte die Gelegenheit, als sie den Kopf zu ihm wandte, um die Tränen aus den Augen zu wischen.
   »Ich komme wieder zurück«, stieß Naidu endlich hervor, und Amenia schluchzte auf. Naidu nahm die Freundin bei der Hand und drehte sich mit ihr Richtung Tal. Vor ihnen erstreckten sich eine grüne Wand aus Tausenden von Blättern und Ranken – ihre hängenden Gärten.
   »Wenn die Pfirsiche reif sind, bist du zurück.« Amenia unterdrückte ein Schluchzen.
   Naidu nickte und spürte auf der Zunge schon das süßsaure Aroma der Früchte.
   Vorsichtig zog sie einen Brief aus der Tasche. Das Papier war im Ödland geschöpft, der Umschlag mit Baumharz aus dem Tal zugeklebt. »Bitte zerreiß ihn, wenn ich zurückkehre«, bat sie Amenia. »Sonst gib ihn Eron.«

Die Nacht war sternenklar und bitterkalt. Eng an Eron gekuschelt lag Naidu da. Genoss die Wärme, die sein Körper ausstrahlte. Erons Atem streichelte ihren Nacken. Sie hatten sich geliebt, wie sie es oft taten, wenn sie draußen in der Wüste übernachteten. Zu stark erinnerte das Flackern des Feuerwürfels, die Stille der Nacht an ihre erste gemeinsame Reise im Ödland. Als sie sich gegenseitig beschnüffelt hatten, misstrauisch, als wären sie Feinde. Beide hatten ihre Abneigung und Vorurteile nicht überwinden können. Deswegen hatten sie sich das Leben schwer gemacht.
   Und nun? Morgen würden sie im Labor ankommen, und wer wusste, wann sie sich wieder allein für sich hatten?
   Die Pferde standen angebunden in der Nähe. Nur ein Schnauben war ab und zu zu hören. Eron hatte sie zielsicher zu einem Wasserloch geführt. Wie er die Wege in diesem Land fand, war Naidu ein Rätsel. Als Hilfsmittel benutzte er den Finder, auf dem die Position, wo man sich befand, angegeben wurde. Jedoch zeigte das Gerät nicht, wohin man gehen sollte. Wie konnte er auch? Das Ödland war ein zerstörter Teil Europas, der nie mehr kartografiert worden war. Wer hier ausgesetzt wurde, sollte sich in der endlosen Wüste verirren und verdursten und nicht von Wasserstelle zu Wasserstelle reisen wie Eron. Sanft fuhr Naidu über Erons Nacken, über seinen falschen Veredler. Das Kästchen, das er am Nacken trug, um im System die Menschen zu täuschen. Naidu hörte an Erons Atem, dass er noch wach war. Sie wollte die Stille zwischen ihnen nicht stören.
   Eron suchte die Stille der Wüste. Vielleicht war das der Grund, dass sie sich so nahestanden. Die Ruhe hier draußen beruhigte ihre Aktosensoren, brachte Naidu zu sich zurück. Sonst drangen alle Gefühlsregungen und Gedanken ihrer Mitmenschen in sie ein, wirbelten ihr Inneres durcheinander. Erst in der Wüste, wenn ihre überspannten Sinne nichts mehr wahrnahmen, merkte sie, unter welcher Anspannung sie stand. Selbstverständlich lebte sie glücklich im Felsental, war sie froh, von Menschen umgeben zu sein, die sie akzeptierten. Selbstverständlich würde die Stille der Wüste einmal in ihren Ohren zu rauschen beginnen und sie sich nach den Stimmen der anderen sehnen. Aber sie brauchte diese Aussetzer, die Reizlosigkeit einer braunen Landschaft. Und sie brauchte es noch mehr, wenn sie daran dachte, was auf sie zukam.

Pläne<

Eron tätschelte seinem Pferd den Hals, schaute über die Schulter zurück zu Naidu, die ihn aufmunternd anlächelte. Er kannte dieses Lächeln. Das puppenhafte Verzehren der Mundwinkel, wenn Naidu Betawellen aus ihrem Veredler schüttete. Sie tat es meist nur, wenn der Schmerz sie übermannte.
   Das Felsband konnte er schon von Weitem sehen. Bronzen leuchtete es in der untergehenden Sonne. Reißendes Wasser hatte einst einen Canyon in den ausgetrockneten Boden gegraben, in dessen Wand hatten die Rufer einst eine ihrer berüchtigten Burgen geschlagen. Von außen konnte man nur einen Höhleneingang entdecken, aber im Innern führte ein Labyrinth von Gängen zu einzelnen Räumen – Leons Labor.
   »Bewegungsmelder«, meldete Naidu neben ihm. Ihre Aktosensoren nahmen die elektrischen Strahlen von Leons Überwachungssystem wahr. Naidus Gesicht hatte sich vor Schmerz verzogen. Wenigstens hatten sie genug Betablocker dabei. »Vernichten«, stieß Naidu hervor. »Man müsste sie alle vernichten.«
   Eron legte überrascht den Kopf zur Seite. Einen solchen Ausbruch von Naidu kannte er nicht.
   »Das System«, fuhr Naidu fort, »die Oberen, die uns zwingen, den Veredler zu tragen, deren Beamten Aktosensoren tragen, um die Untergebenen zu kontrollieren. Die …« Naidu presste die Augen zusammen. Ihre Unterlippe zitterte.
   Eron zog sanft an den Zügeln. Als er Naidu kennengelernt hatte, war sie eine fanatische Verfechterin des Systems gewesen. Erst die Erkenntnis, dass sie von einem der Oberen missbraucht worden war, hatte sie überzeugt, hier im Ödland zu leben. Aber so vehement hatte sie sich noch nie gegen das System ausgesprochen. Waren ihre Schmerzen so stark geworden? »Möchtest du dich hinlegen?«
   »Die Rufer haben alles falsch gemacht!«, rief Naidu. »Man sollte …« Sie klappte ihren Mund wieder zu, blickte ins Leere.
   Sie musste wirklich große Schmerzen haben. Eron überlegte, anzuhalten. »Wir haben den Menschen im System nichts besseres anzubieten«, sagte er stattdessen. Dies waren Naidus Worte, wenn irgendwelche Hitzköpfe wieder davon fantasierten, das System zu stürzen. Eine zerstörte Umwelt, chaotische Wetterverhältnisse, gegenseitiger Kampf ums Überleben: Kein Wunder, dass sich die Systembürger mit Alphawellen ruhigstellten und sich mit Betawellen ein falsches Glück vorspielten.
   »Man sollte wenigstens frei zwischen dem System und dem Ödland wählen können«, knickte Naidu ein, griff in ihre Tasche und holte eine Packung Pillen hervor.
   Eron schwang sein Bein über sein Pferd und trat auf Naidu zu. Widerstandslos glitt sie vom Pferd in seine Arme.
*

Naidu hatte nicht erwartet, Karol in der Ruferburg anzutreffen. Sie umarmten ihn lange, sehr lange. Naidu wusste, wie Sala ihn gehalten hatte. Sie konnte es nicht unterlassen, es ihr nachzutun, als Erinnerung an Sala, wie alles angefangen hatte, und für Karol. Eron sah es nicht gern.
   »Du begleitest uns«, folgerte sie erfreut.
   »Leon lässt dich nicht mit einem Anfänger ins System«, antwortete Karol und deutete auf Eron.
   Naidus Lächeln verschwand. Sie wünschte sich, dass Eron im Ödland in Sicherheit bliebe. Aber darüber ließ er nicht mit sich reden. Gern hätte sie Karol ausgefragt, wie es ihm gehe, aber die Zeit drängte.
   »Yarik erwartet uns«, fuhr Karol fort, »um uns unsere drei Identitäten auf den Chip zu programmieren. Naidu, geh vorher noch bei Rick vorbei, um mit ihm zu besprechen, wie du falsche Hologramme in deinen Veredler kriegst.«
   Naidu lächelte säuerlich. Yarik konnte keine Hologramme in ihrem echten Veredler speichern. Sie hatte ihre eigene Technik, aber dies musste sie Karol nicht erklären.
   »Eron und ich informieren uns danach über die neusten Sicherheitsvorkehrungen des Systems«, fuhr Karol leichthin fort, verabschiedete sich und zog Eron mit sich.
   Naidu schaute ihnen nach. Über die neusten Sicherheitsvorschriften hätte sie sich auch lieber informiert.

*

Yarik strahlte, drehte sich zu den Monitoren um, ließ Zahlenreihen an sich vorbeiziehen. Äußerte sich ab und zu über eine Ungereimtheit.
   Eron strich über das porzellane Kästchen in seinem Nacken, wo nun die Hologramme seiner drei neuen Identitäten einprogrammiert waren. Er schätzte den jungen Mitarbeiter von Leons Schmugglertruppe sehr. Er bewegte sich im Netz des Systems wie ein Fisch im Wasser, erfand und programmierte die Identitäten der Schmuggler mit einer Fantasie und Vielfalt, wie es kaum jemand nachahmen konnte. Für Naidu hatte er mit Elan eine Saugeridentität erfunden. Yarik würde eine Meldung in die Klinik von Mareille, der nächsten Stadt an der Grenze schicken, dass Naidu eine Reinigung brauche. Sie würde unter ihrem Saugernamen dorthin reisen, sich reinigen lassen, und die Angelegenheit war erledigt.
   Die flimmernden Zahlen auf dem Bildschirm begannen vor Erons Augen zu tanzen. Yariks Begeisterung über die gewagte Aktion stieß ihn ab. Eine Bewegung hinter ihm ließ ihn herumfahren. Karol hatte den Raum betreten.
   »Markas macht die Transporter bereit«, erklärte er knapp und schlug Eron auf die Schultern.
   »Wollt ihr wirklich nicht den Rotor nehmen?«, fragte Yarik. »Ich könnte eine Landeerlaubnis für euch eingeben.«
   »Mach dir keine Mühe, der Landweg bekommt uns besser«, antwortete Karol, blickte zu Eron und rollte die Augen.
   Yarik hatte schon Verletzte über die Grenze fliegen lassen, damit sie unter falscher Identität in einer Klinik operiert wurden. Aber sie müssten den Beamten im System einiges erklären, wenn eine Saugerin mit zwei Wissenschaftlern per Rotor zur Reinigung eingeflogen würde.
   Eron musterte kurz Karols Reiseanzug. Er sollte besser seine Ausrüstung kontrollieren. Wenn die Sonne untergegangen war, würden sie losfahren und im Morgengrauen Kerena erreichen, wo sie mit dem Schiff ins System übersetzten.

*

Yarik hielt einen Übertrager in der Hand. Naidu spürte, wie sich ihre Haare auf den Armen aufstellten. Mit dem Gerät konnte er Informationen über ihre erfundene Identität in falsche Veredler einspeisen.
   »Zeig mir mein neues Leben auf dem Bildschirm«, sagte sie.
   »Du benötigst fünf Tage, wenn du alles durchsehen willst«, widersprach Yarik.
   Naidu setzte sich vor den Bildschirm, scrollte sich durch die Bilder und Textstellen, hörte nicht auf seine Einwände. Wenn es sein musste, würde sie hier die ganze Nacht sitzen.
   »Ich habe dir ein Leben zusammengeschnitten, das logisch abläuft«, hörte sie Yariks Stimme hinter sich. »Einfacher wäre es gewesen, eine echte Biografie zu nehmen. Aber man kann nie wissen, wer von wem schon gehört hat.«
   Naidu hob ihren Blick nicht vom Bildschirm, hörte, wie sich Yarik entfernte.
   Die Buchstaben und Bilder verwischten vor ihren Augen. Der Übertrager hätte ihr einige Arbeit abgenommen. Aber könnten sich die eingegebenen Erinnerungen nicht mit ihren echten vermischten? Und sie könnte nicht mehr unterscheiden, was fiktiv oder real war. Seit sie mit Eron im Ödland lebte, würde ihr das etwas ausmachen. Sie wollte wissen, welches Leben sie geführt hatte, welches ihre eigenen Erlebnisse gewesen waren. Wenn sie die Gedanken fremder Menschen las, erkannte sie den Unterschied zwischen echtem Erlebnis und Vorstellung. Die Vorstellung war zweidimensional, träge, ohne Überraschungen, ohne Geruch. Im Gegensatz zu den echten Erlebnissen, die sich vor ihr eröffneten wie ein weiter Raum voller Geheimnisse und Leben. Aber war ein Individuum fähig, zwischen echten Erlebnissen und erfundenen zu unterscheiden? Naidu zweifelte daran. Und zum wiederholten Mal fiel ihr ein, dass sie sich nicht an einen Teil ihres Lebens erinnern konnte. Und ihre Kindheit und Jugend – hatte sie diese wirklich erlebt, oder war ihr die Erinnerung mit einem Übertrager eingegeben worden?
   Stunden später brannten ihre Augen, vom langen Blick auf den Bildschirm. Eron und Karol schliefen bestimmt schon lange.
   »Häschen, iss was.« Yarik war in den Raum getreten und grinste Naidu an. »Wenn du gereinigt zurückkehrst, musst du mich und Rona besuchen.« Er streckte ihr ein Stück Brot hin, er kaute schon.
   Naidu betrachtete ihn. So nahe standen sie sich nicht. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm.
   »Was ist los?«, fragte sie.
   Yarik zuckte die Schultern, nahm nochmals einen großen Biss. »Zitti ist verschwunden«, sagte er endlich.
   Naidu erinnerte sich an die Gestalt, die sie im Canyon entdeckt hatte. Sie musterte Yariks Gesicht. Konnte er seinen Liebeskummer nicht mit seinen Arbeitskollegen besprechen? Oder war es gar kein Liebeskummer? »Was sagt Rona dazu?«, fragte sie vorsichtig.
   »Sie ist ganz verzweifelt. Das passt überhaupt nicht zu ihr. Sie behauptet, Zitti sei entführt worden.« Yarik zog die Schultern hoch, schüttelte den Kopf.
   »Habt ihr Lösegeldforderungen bekommen?«
   Yarik verneinte. »Aber Rona hält an ihrer Behauptung fest, ohne irgendwelche Beweise zu liefern oder etwas gesehen zu haben.«
   Naidu runzelte die Stirn. Gern hätte sie mit Rona gesprochen. Sie war die letzte, die irgendwelche hysterischen Aussagen machte. Sie war kühl und berechnend, direkt und klar. Das war der Grund, dass sie die feste Frau immer geschätzt hatte. »Meint Rona, dass das System etwas damit zu tun hat?« Sie ahnte nun, warum Yarik mit ihr sprechen wollte.
   Er kratzte sich hinter den Ohren und nickte mit einem entschuldigenden Lächeln.
   »Was glaubst du?«, fragte Naidu.
   Yarik räusperte sich und blickte verloren um sich. »Hier verschwindet ja ab und zu mal jemand«, sagte er leise. »Ich meine: Leon ist hysterisch, meint endlos, wir werden angegriffen. Die dauernden Sicherheitsvorkehrungen und das Umziehen. Die meisten haben die Nase voll. Wir befinden uns im Ödland. Du machst einen Schritt zur Seite, und schon bist du verschwunden. Entweder bleichen irgendwo deine Knochen im Sand, oder du führst unter einem anderen Namen ein sorgenfreies Leben. Wen kümmert es außer dich? Aber Zitti … Sie war wie immer. Du kennst sie, eine Frohnatur. Und sie ist eine der Hiergeborenen, solche Leute gehen nicht so schnell verloren. Zitti macht vielleicht einen zerbrechlichen Eindruck, aber wenn es ums Überleben geht …« Yarik blickte an Naidu vorbei, als würde die zierliche Frau gleich in den Raum treten.
   »Vielleicht hat sie einen neuen Liebhaber gefunden«, sagte Naidu vorsichtig und wollte sich nicht an Zittis Fragen nach dem System erinnern.
   Er schüttelte den Kopf. »Mir wäre so etwas vielleicht entgangen, aber Rona … verstehst du. Die beiden, ich meine … sie waren sich schon sehr nahe …«
   Naidu nickte, wünschte sich immer mehr, mit Rona zu sprechen.
   »Wenn Zitti nun auftaucht … Leon wird ausrasten. Du kennst ihn. Wir müssten Zitti komplett durchleuchten, ob sie nicht gehirngewaschen ist oder so etwas. Das hier geht mir langsam auf die Nerven. Verstehst du? Diese ganze Angst und Kontrolle. Dabei haben wir hier die Freiheit gesucht. Und nun? Hocken wir mehr in der Falle als je!«
   Noch nie hatte Naidu Yarik so hoffnungslos gesehen. Zittis Verschwinden musste ihm sehr an die Nieren gehen.
   »Wirst du nach ihr Ausschau halten, wenn du im System bist?«, fragte Yarik.
   Naidu schüttelte den Kopf. Wie kam er nur auf so eine absurde Idee? Sie würde in Mareille vom Parkplatz ins Krankenhaus und wieder zurück spazieren. Aber Naidu sagte nichts. Yarik wusste genau, was sie im System tun würde.
   »Ich meine«, sagte er, »vielleicht stolperst du über irgendwelche Hinweise, die mit entführten Ausgestoßenen zu tun haben. Du weißt schon, dort drüben wandeln nicht nur Heilige herum.«
   Naidu betrachtete Yariks Gesicht. Eben noch hatte er ihre Identität mit Konto und Wohnung ins Netz des Systems eingespeist. Er konnte herausfinden, welche Nudeln ihr zukünftiger Bettnachbar in der Klinik heute zum Abendessen serviert bekam. Wenn er sie darum bat, im System nach Zitti Ausschau zu halten, musste er verzweifelt sein. Sie trat auf ihn zu und umarmte ihn, achtete darauf, dass sie ihn nicht mit den Fingern berührte. »Ich werde mich darum kümmern.« Das Lächeln, das sie ihm schenkte, war nur möglich, weil sie ihren Veredler öffnete. Ein leichter Schmerz durchzuckte ihren Hinterkopf.
   Yarik lächelte zurück, er schien zu wissen, was in ihr ablief.

»Wir gehen nochmals alles durch«, sagte Karol und warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel.
   Das Gefährt holperte über die Piste. Eron brummte etwas.
   Rania, die vorn neben Karol saß, wandte sich zu ihnen um. »In zwei Tagen erwartet ein Doktor Eisach Naidu in der Klinik«, begann sie.
   »Falsch«, unterbrach sie Karol. »Der Doktor erwartet Afne in der Klinik.
   »Afne, die Systemdienerin«, übernahm Naidu, »hatte einen wichtigen Auftrag in den ligurischen Feldern und konnte ihren Posten aus geheimen Gründen nicht verlassen. Darum wurden ihre Aktosensoren nicht zur richtigen Zeit gereinigt. Sie hatte einen Zusammenbruch und muss nun generalüberarbeitet werden. Das ist der Grund, dass sie nicht zu ihrem angestammten Arzt, Dr. …« Naidu zögerte, sie hatte den Namen vergessen.
   »Sprich in Ichform«, ermahnte sie Eron. »Du bist Afne.«
   Naidu nickte. Sie hätte lieber die weite Wüstenlandschaft hinter ihren Fenstern betrachtet.
   »Wer bist du denn?«, fragte sie Eron.
   Er puffte sie in die Seite, um ihr zu zeigen, dass er genau wusste, dass sie vom Thema ablenkte. Trotzdem zählte er mechanisch seine Daten auf.
   Naidu hörte ihm nicht zu, schaute hinaus in die dunkle Ebene, die sanft vom Mond beschienen wurde. Ruinen von zerstörten Siedlungen lagen unter einer dicken Schicht Staub oder Sand und warfen unregelmäßige Schatten.
   Das Zeugnis der Zivilisation ihrer Vorfahren, die sich selbst zerstört hatten.
   Nachdem Karol den Lebenslauf seiner drei Identitäten repetiert hatte, war es wieder ruhig geworden. Eron legte einen Arm um ihre Schultern.
   Naidu kuschelte sich an ihn. »Ich möchte meine Eltern besuchen«, sagte sie so leise, dass es nur Eron hörte, spürte, wie sich sein Arm versteifte. Jeder ihrer Schritte im System war nicht nur von ihnen geplant, sondern auch von Yarik in die Systemüberwachung einprogrammiert worden. Jeden Schritt, den sie außerhalb des Plans machten, würde sie in Gefahr bringen. Trotzdem, Naidu hatte sich weder von ihren Eltern noch von ihrem Bruder verabschieden können, als sie geflohen war. Das bereute sie.
   »Ich habe dir erzählt, dass ich meine Eltern im System besucht habe«, raunte Eron.
   Naidu nickte. Zwei Mal, hätte sie sagen können. Eron hatte seine Eltern als Teenager zwei Mal besucht. Er sprach nicht gern darüber.
   »Die Systemdiener haben meinen Eltern erklärt, dass ich tot sei«, fuhr Eron fort.
   Naidu nickte wieder, sie nahm an, dass ihre Eltern dieselbe Meldung bekommen hatten.
   »Meine Eltern«, fuhr Eron fort, »haben dem System geglaubt, nicht mir.«
   Naidu hob ihren Kopf. Das hatte Eron noch nie erzählt. »Aber du hast lebendig vor ihnen gestanden.«
   »Das hat für sie keinen Unterschied gemacht.« Erons Stimme zitterte.
   Naidu umarmte ihn.
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