Als Eva Lykan nach langer Suche den mysteriösen Kendric Silberéich findet, erhofft sie sich Hilfe von dem charismatischen Alben. Doch der junge Mann hadert mit seinem Schicksal, denn er ist aus seiner Heimat Alveon verbannt und sitzt in der Menschenwelt fest. Trotzdem schließt sich das ungleiche Paar zusammen und macht sich auf die Suche nach dem Silberachat, einem Juwel, der endlich Evas Fluch lösen könnte. Denn Eva hütet ein Geheimnis – sie kann sich in einen Wolf verwandeln, hat aber keine Kontrolle darüber. Der Übergang nach Alveon ist allerdings alles andere als leicht. Er verbirgt sich in einem Kunstwerk, das Yeats Gedicht „Stolen Child“ nachempfunden ist. Das Portal muss also erst einmal gestohlen werden, bevor Kendric es aktivieren kann. Trotz aller Bedenken lässt er sich auf dieses Unterfangen mit Eva ein und entfacht ein Gefühlschaos, mit dem keiner von beiden gerechnet hat.

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ISBN: 978-9963-53-294-0

Seiten: 274

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Tanja Bern

Tanja Bern
© Svenja Born
Tanja Bern ist dem Ruhrgebiet immer treu geblieben, obwohl sie eine Vorliebe für die nordischen Länder hegt. Sie ist in Herten geboren und lebt heute mit ihrer Familie und drei Katzen in einem kleinen Gelsenkirchener Stadtteil. Durch eine starke Verbundenheit zur Natur und die Liebe für mystische Bücher entstand bei ihr schon früh das Bedürfnis zu schreiben. Zu der Fantasy ist vor allem die Romance ein fester Bestandteil in den Geschichten von Tanja Bern, die den Leser mit ihren authentischen Figuren zu fesseln weiß. Die Autorin hat schon mehrere Bücher und E-Books veröffentlicht und ist in diversen Anthologien vertreten.

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Leseprobe

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Kapitel 1
Albenduft


    Nebel schwebte über den Wildgräsern, die am Pfad hinter dem Tor wuchsen. Eva umfasste eine Eisenstange der Pforte, rüttelte sachte daran. Die Kälte des Metalls drang unangenehm in ihre Haut. Als sie gegen das Tor drückte, gab es mit einem leisen Knarzen nach. Rasch schlüpfte sie hindurch. Eva lief den schmalen Weg entlang und kam durch einen verwilderten Garten. Eine Villa tauchte aus dem Morgendunst auf. Von der einstmals weißen Fassade blätterte die Farbe ab, Kletterranken wanden sich an der Hauswand hinauf. Sie näherte sich dem Gebäude. Ihre Finger strichen sachte über den Efeu. Der Tau auf den Blättern benetzte ihre Haut, ließ sie erschaudern.
   So lange suchte sie ihn nun schon. Dies musste einfach die Zuflucht sein, in der er sich verbarg.
   Eva schlich um das Haus herum, begutachtete den Ort, der einen natürlichen Frieden ausströmte. Vögel zwitscherten in den Zweigen der Sträucher, überall raschelte es vor Kleintieren. Sie schreckte einen Raben auf, der krächzend über dem Haus zum Wald flog. Hinter der Villa lagerte Gerümpel, das eine Mäusefamilie als Unterschlupf nutzte. Sie roch die kleinen Biester, hörte sie piepsen. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Ob man dies mit Absicht so liegen gelassen hatte, um den Nagern einen Unterschlupf zu gewähren?
   Das Anwesen wirkte heruntergewirtschaftet, die Wildnis holte sich die weitläufige Gartenanlage zurück. Überall wuchsen Baumsprösslinge aus der Wiese, die Sträucher wucherten ungehemmt. Das Gras war so hoch, dass ihr die Halme bis zu den Knien reichten. Dieses Spukhaus passte eher zu einem Untoten. Hier sollte einer der Alben wohnen? Ein Elfengeschöpf?
   Eine Katze huschte fauchend hinter ein Gebüsch. Nun ja, sie kam mit diesen Tieren nicht besonders gut aus. Die Getigerte schlüpfte durch ein Kellerloch und verschwand.
   Hinter ihr raschelte es. Eva sah sich nicht um, sie verspürte keine Angst. Ihre Sinne nahmen nur eine Maus wahr. Langsam stieg sie über einige Bretter, erwog, der Katze zu folgen, und entschied sich dafür, erst einmal zum Eingang zu gehen. Vielleicht klingelte sie einfach?
   Eva lachte leise. So leicht würde es nicht sein. Sie befürchtete, dass der Mann längst weitergezogen war.
   Ein halb geöffnetes Fenster befand sich oberhalb von ihr, zu hoch, um hineinschauen zu können. Aber sie roch etwas, und der Blumenduft, der aus dem Raum über ihr strömte, ließ Hoffnung in ihr aufflammen.
   Er ist hier!
   Sie beschleunigte ihre Schritte und verharrte am Eingang. Die Tür war unverschlossen, nur angelehnt. Zögerlich schob Eva sie auf und trat in den Flur.
   Irgendwo plätscherte ein Brunnen. Im Haus standen überall Pflanzentöpfe, sodass sich Eva wie in einem Gewächshaus fühlte. Staub bedeckte die Möbel. Ein Spinnennetz spannte sich von der verzierten Lampe, die in der Zimmermitte von der Decke hing, bis in eine der Ecken.
   Langsam ging sie dem blumigen Geruch hinterher und fand sich in einem riesigen Wohnzimmer wieder. Auch hier beherrschten Blumen den Raum. Ein kleiner Wasserfall ergoss sich aus einem Steinbrunnen, der fast eine Wand vereinnahmte. Antike Schränke standen verstreut und ohne System im Zimmer. Trotz dieser ungewöhnlichen Einrichtung befand sich ein Flachbildschirm auf der anderen Seite und erinnerte an eine Kinoleinwand.
   Eva lenkte ihre Aufmerksamkeit zu einem Tisch, der aus dunklem Schiefer gebaut zu sein schien. Auf ihm stapelten sich leere Flaschen. Zu dem Blumenduft mischte sich eine Alkoholfahne.
   Kendric Silberéich lag besinnungslos auf seinem Sofa. Zumindest vermutete sie, dass er der Gesuchte war. Sie näherte sich der Couch und betrachtete den Mann skeptisch. Das Gesicht konnte sie nicht erkennen, weil schwarze Haarsträhnen, die seinen halben Oberkörper umschlangen, es verbargen. Wäre seine Kleidung nicht so zerschlissen, würde Eva vermuten, dass sie von einer teuren Designermarke stammte. So wirkte sie wie aus einer vergangenen Zeit.
   Dies war also der Mann, nach dem sie über ein Jahr gesucht hatte? Das einzige Elfenwesen in dieser Welt und der Schlüssel zu ihrer Erlösung?
   Eva seufzte tief auf und knabberte auf ihrer Unterlippe herum. Das dürfte interessant werden. Wenn sie ihn in dem Zustand überhaupt wach bekam. Sie beugte sich vor und rüttelte ihn sanft an der Schulter. Knurrend wischte er ihre Hand fort, drehte sich auf die andere Seite und verbarg den Kopf unter dem Kissen, das er zuvor umklammert hatte. Für einen Moment erhaschte Eva einen Blick auf sein Gesicht.
   Dies hier war Kendric. Niemand sonst konnte in derart betrunkenem Zustand noch so gut aussehen. Sollte sie vielleicht ein Glas Wasser über ihm ausgießen? Sie schüttelte den Kopf. Schließlich wollte sie seine Hilfe, und das wäre kein guter Anfang.
   »Nun ja, dann warte ich eben.« Sie drehte einen der Sessel zum Fernseher und griff nach der Fernbedienung, die irgendwo zwischen den leeren Whiskyflaschen lag. Nach einigem Herumprobieren schaltete sich die Anlage ein und eine der amerikanischen Serien flimmerte gestochen scharf vor ihr auf. »Wow, was für ein Bild.« Eva kuschelte sich in die Polster, schaltete zu einem interessanteren Programm und versuchte, das nervende Brunnengeplätscher zu ignorieren.

Nach über zwei Stunden regte sich der Albe. Stöhnend richtete er sich auf.
   »Kaffee?«, fragte Eva beiläufig.
   Kendric zuckte zusammen und starrte sie mit geschocktem Gesichtsausdruck an. Fahrig stand er auf und griff nach einer getönten Brille, die vor ihm auf dem Tisch lag. Er stolperte gegen die Kante und sog zischend den Atem ein, weil er sich das Bein angeschlagen hatte. »Was tun Sie hier?«, herrschte er Eva an.
   Eva begegnete seinem Blick, den sie wegen der Brille nur erahnen konnte. »Ich habe dich gesucht, Kendric Silberéich. Die Tür war offen, du lagst besoffen auf dem Sofa, und ich konnte es mir gerade noch verkneifen, dich mit einem Schwall Wasser zu wecken. Du kannst die Brille abnehmen, ich weiß, was du bist.«
   Wie gelähmt stand Kendric da. Er rührte sich sekundenlang nicht. Eva fürchtete, er wäre im Stehen wieder eingeschlafen. Sie erhob sich und trat auf ihn zu.
   »Wer sind Sie?«, flüsterte er heiser.
   »Eva Lykan du brauchst mich nicht zu siezen. Ich bin hier, weil ich deine Hilfe brauche.«
   »Wobei?«
   »Darüber möchte ich später reden.«
   Mit einem frustrierten Geräusch setzte Kendric die Brille ab. Eva schnappte nach Luft, als sie die wunderschönen Augen des Mannes sah. Je nachdem, wie das Licht auf sie fiel, changierten sie in verschiedenen Farben. Sternsplitter schienen in ihnen zu funkeln. Er würde das Elfenhafte ohne eine Brille nicht verbergen können.
   »Du hast was von Kaffee gesagt«, brummte er und schwankte in die Küche.
   »Hattest du ’ne Party hier?«
   »Ich halte keine Partys ab.«
   »Dann sind die Flaschen alle von dir?«
   Kendric wandte sich zu ihr um. Seine Augen verwirrten sie, Eva blinzelte.
   »Ein Albe braucht einiges an Alkohol, wenn er betrunken sein will«, erklärte er resigniert.
   »Und warum …?«
   »Erst Kaffee«, zischte er.
   Während Kendric das dunkelbraune Pulver in seine altmodische Maschine füllte, stopfte er fast eine halbe Tafel Schokolade in sich hinein. Später hockte er wie ein Häufchen Elend in seiner Küche und umklammerte die Tasse mit dem heißen Getränk. Von der Schokolade bekam Eva nichts ab.
   »Warum bist du hier, Eva Lykan?«
   »Ich frage mich eher, warum du dich besäufst und Schokolade in dich hineinstopfst.«
   »Mir geht es nicht gut.«
   »Das sehe ich. Deine Gesichtsfarbe ähnelt einer Leiche. Aber …« Kendric hob den Blick und in seinem Ausdruck schwamm so viel Leid, dass sie verstummte.
   »Ich bin eine Leiche. Mir geht es seit Jahren nicht gut.«
   »Du lebst und kommst mir nicht wie ein Zombie vor, also rede nicht so ein dummes Zeug.«
   Wortlos nippte Kendric an seinem Kaffee. Er zog die Brauen zusammen, schluckte und entschuldigte sich hastig, bevor er aus dem Zimmer stürmte. Eva folgte ihm, hielt aber Abstand und ließ ihn allein, denn sie hörte, wie er sich in dem naheliegenden Badezimmer erbrach. Sie hoffte, das würde einen Teil des Alkohols aus seinem Körper schwemmen.
   Kreidebleich taumelte er zurück zur Küche, klammerte sich an den Türrahmen. »Tut mir leid, ich …«
   Ehe Eva ihn erreichen konnte, verdrehte er die Augen und sackte zusammen. Sie stürzte zu ihm und fing ihn gerade noch auf, bevor er mit dem Kopf auf die Holzdielen schlug. Sein warmer Körper hing schlaff in ihren Armen, und trotz seiner Situation verströmte er diesen elfenhaften Duft, der sich nun mit dem säuerlichen Geruch des Erbrochenen mischte. Der Mix verursachte selbst ihr Übelkeit.
   »Komm schon, wach auf.« Sie drehte ihn mühsam herum, tätschelte ihm die Wange. Schatten zeichneten seine Augenpartie, mit seiner fahlen Haut wirkte er wie tot.
   Seine Lider flatterten. »Der Brunnen«, wisperte er. »Bring mich hin.«
   Eva seufzte. »Leichter gesagt als getan.«
   Trotz ihrer zierlichen Gestalt barg ihr Körper Kräfte, mit denen sie Kendric schließlich wieder ins Wohnzimmer zerrte. Am Brunnen kroch er zu der kleinen Quelle und schöpfte wie ein Ertrinkender Wasser aus ihr. Er schloss die Augen und lehnte sich gegen den kühlen Stein.
   »Dieses Wasser ist … aus Alveon«, sagte Kendric rau. »Es heilt …« Er öffnete die Lider und betrachtete sie, schien darauf zu warten, dass es ihm besser ging. »Wer bist du?«
   Eva versuchte, nicht seinem Zauber zu erliegen, räusperte sich stattdessen und sah aus dem Fenster. »Ich sagte es schon, ich bin …«
   »Ich meine nicht deinen Namen.«
   Die getigerte Katze von draußen kam plötzlich auf sie zu, fauchte und tobte, als wollte sie ihren Herrn beschützen. Eva registrierte verdutzt, dass das Vieh tatsächlich in Angriffsstellung ging.
   »Hau ab«, blaffte sie.
   »Sie will mich beschützen. Aber warum?«
   »Sag ihr, dass ich dir nichts tue. Ich will sie nicht verletzen.«
   Kendric stemmte sich auf, runzelte angesichts ihrer Aussage die Stirn und sagte drei sanfte Worte zu dem Tier. Die Katze beruhigte sich, schmiegte sich an den Alben, beäugte Eva argwöhnisch. Ihr Schwanz schlug vor Nervosität hin und her.
   »Also, warum bist du hier?« Kendrics Gesicht gewann mehr und mehr an Farbe. Dieses Wasser half wirklich.
   Eva wand sich ein wenig, aber es half nichts. »Ich habe ein Problem und brauche deine Hilfe.«
   »Warum gerade meine?«
   »Weil du der Einzige bist, der mich nach Alveon führen kann. Ich brauche einen Silberachat.«
   Kendric knöpfte sein Hemd auf, zog es an der rechten Schulter hinunter und enthüllte ein Brandmal. »Siehst du das? Ich bin aus Alveon verbannt. Es wäre mein Tod, würde ich versuchen, durch ein offizielles Portal einzudringen.«
   »Ich weiß, dass du verbannt bist. Es gibt einen anderen Weg, ein … ähm … inoffizielles Portal.«
   Kendric sah sie an, als hielte er sie für völlig verrückt. »Das kannst du nicht wollen.«
   »O doch.«
   Trotz seiner Schwäche lachte er und dieser Laut hörte sich so bitter an, dass sie verstört zurückwich. »Wie willst du mich dazu bringen, das zu tun?«
   Eva musste improvisieren, etwas anderes blieb ihr nicht. Sie setzte alles auf eine Karte. »Ich kenne jemanden, der dich vergessen lassen kann.«

Kapitel 2
Wolfsgeruch

Kendric starrte sie an. »Vergessen?«
   »Ist es nicht das, was du willst? Schau dich doch an.«
   Er senkte getroffen den Blick. Das heilende Wasser von Alveon strömte durch seinen Körper und kühlte sein vom Alkohol vergiftetes Inneres. Wollte er Tilana wirklich vergessen?
   Die vergangenen drei Jahre hatte ihr Porträt, das sie ihm geschenkt hatte, die Gefühle zu ihr wach gehalten. Genauso zerstörte es ihn unaufhaltsam, denn Tilana war unerreichbar. Die Sehnsucht nach seiner magischen Heimat fühlte sich schon schlimm genug an. Dieser Liebeskummer zerfetzte nach und nach sein Herz. »Woher weißt du, was mir widerfahren ist?«
   Eva sah ihn herausfordernd an. »Widerfahren? Laut meinen Recherchen bist du an deiner Verbannung nicht unschuldig.«
   Kendric seufzte tief auf. Dies konnte er keinesfalls leugnen. Tilana war die Frau des Albenkönigs. Der fand ihre Liaison schließlich heraus und Caylen verbannte ihn aus Alveon. Trotz allem behielt der König Tilana für sich, denn sie galt als die Schönste im Land. Nun fristete Kendric sein Dasein in der Menschenwelt.
   Gaya schmiegte sich an ihn, gurrte leise, und beobachtete mit Argusaugen die junge Frau. Das Tier misstraute ihr zutiefst. Er strich beruhigend über Gayas Fell.
   Was verbarg diese Fremde? Sie kam Kendric nicht bedrohlich vor, nicht einmal tauglich für einen Kampf. Hellbraune Locken umrahmten ihr Gesicht. Die Iriden schimmerten wie Bernstein. Eva Lykan sah ihm nie lange in die Augen. Wusste sie, dass er seine Magie teilweise mit dem Blick lenkte? Fürchtete sie sich vor einem Zauber? Ihre Finger spielten mit einem Zipfel ihrer Bluse. Sie wirkte unschuldig, aber irgendein Geheimnis hütete sie.
   Kendric kam auf das eigentliche Thema zurück. »Sag mir, was du vorhast.«
   »Du hilfst mir?«
   Er hörte Aufregung in ihrer Stimme. »Das hab ich nicht gesagt.« Mit einem unguten Gefühl besah sich Kendric die leeren Flaschen auf dem Tisch, richtete sich auf. »Ich möchte wissen, wie dein Plan aussieht und wofür du einen Silberachat brauchst.«
   »Aber du würdest an einen der Fluchjuwelen herankommen?«
   Kendric schnaubte. »Wenn man davon absieht, dass es mich das Leben kosten könnte, ja. Ich trage nicht umsonst das Wort Silber in meinem Namen. Diese Juwelen gehören zu meiner Familie.« Er ging im Raum umher. Gaya folgte ihm auf Schritt und Tritt. Stehlen müsste er den Edelstein trotzdem. Sein Vater hielt vor allem die kostbaren Silberachate unter Verschluss, denn sie kamen sehr selten vor. Ihm kam noch ein Gedanke. »Bist du nicht auch hier, weil du um das kleine Geheimnis der Alben weißt?«
   Eva nickte. »Ihr könnt so ziemlich alles öffnen.«
   »Dein Plan«, verlangte er.
   Eva erhob sich und riskierte endlich, ihn direkt anzusehen. Ihr furchtloser Blick fühlte sich keineswegs unangenehm an. Ihm rieselte eine Gänsehaut über die Haut. Also keine Angst, sie ließ nur Vorsicht walten.
   »Ich bringe dich an einen Ort, wo vielleicht ein Übergang ist.« Sie näherte sich ihm. »Ich habe herausfinden können, dass er auf beiden Seiten unbewacht, aber verschlossen ist. Du öffnest dieses Tor nach Alveon, findest einen Silberachat für mich, wir verschwinden, und ich bringe dich zu der Frau, die dich vergessen lässt.«
   »Das ist wirklich ein toller, ausgeklügelter Plan«, sagte Kendric sarkastisch. »Ich müsste verrückt sein, wenn ich dem zustimmen würde.«
   Eva zuckte mit keiner Miene. »Sieh dich um. Du bist verrückt. Wer lässt denn so eine Villa verkommen, betrinkt sich bis zur Besinnungslosigkeit und ernährt sich nur von Schokolade?«
   »Ich esse auch andere Dinge!«
   »Außerdem«, fuhr sie fort, »langweilst du dich doch hier zu Tode.«
   Kendric fiel nichts ein, was er darauf kontern könnte. Sie hatte seine Situation beim Namen genannt.
   Eva lehnte sich an den Brunnen und hielt seinem Blick stand. »Ich habe wirklich ein schwerwiegendes Problem und brauche den Silberachat.«
   »Und was ist dein Problem?«
   »Du wirst es früh genug erfahren.«
   »Sag es mir.«
   »Nein.«
   Dieses kleine Luder drang in sein Haus ein, verlangte Unmögliches von ihm und wollte ihm nicht einmal sagen, warum? Als er sich nah vor sie stellte, ihr keine Möglichkeit zur Flucht ließ, glommen ihre Augen auf. Interessiert registrierte er diese Tatsache und trieb das Spiel weiter, drängte sie an die Steine des Brunnens. »Ich werde in nichts einwilligen, bevor …«
   Ihre Gestalt verschwamm. Sie knurrte ihn mit Reißzähnen an, die zuvor nicht da gewesen waren. Fell erschien auf ihrer blassen Haut. Der Geruch nach Wolf umfing ihn. Kendric wich zurück. Gaya kreischte auf, ging in Angriffsposition.
   Beschwichtigend hob Eva die Hände. »Nicht! Es war keine Absicht.« Sie rang sichtlich um ihre Fassung und drängte die Wolfsmerkmale zurück. Schwer atmend sank sie zu Boden.
   »Also das ist dein Problem.« Er flüsterte Gaya ein paar der geheimen Albenworte zu und sie wich fauchend zurück, griff aber nicht an. Dieses Wolfsmädchen würde seine Kleine sonst noch unabsichtlich töten.
   »Es … ich … ich hab es nicht unter Kontrolle. Immer wenn die Emotionen mit mir durchgehen, passiert es. Und du hast mich bedrängt.«
   »Du fürchtest mich also doch«, murmelte er.
   »Ich habe höchstens Respekt!«
   Kendric schmunzelte. Er hatte ihr Angst eingejagt, ob sie dies zugab oder nicht. Was würde wohl geschehen, wenn er sie weiter provozierte? »Ich mag keine Hunde.«
   »Ich bin kein Hund.«
   »Ich mag auch keine Wölfe.«
   Tief in ihrer Kehle knurrte es. »Ich bin kein …« Eva presste die Lippen aufeinander und schwieg.
   Kendric schüttelte den Kopf und gab sein Vorhaben auf. Er konnte noch nicht einschätzen, wie gefährlich sie in ihrer Wolfsgestalt sein würde. Zu sehr reizen sollte er sie nicht. »Wann begann es?«
   Eva blickte auf. »Mit sechzehn.«
   »Und du bist …?«
   »Vor sechs Tagen einundzwanzig geworden.«
   »Du denkst, der Silberachat kann dich davon erlösen?«
   »Ich weiß, dass er Flüche aufheben kann. Meine Eltern haben mich mit irgendeinem Fluch oder so belegt, und ich will wieder normal sein.«
   Das Wort Eltern spie sie derart feindselig aus, dass sich Kendric fragte, was sie ihr angetan hatten.
   »Hilfst du mir? Bitte.« Eva schaute ihn mit einem unglücklichen Ausdruck an.
   Resigniert seufzte Kendric auf. Dieses Leben vergiftete ihn. Er wollte vergessen oder sterben. »Ich denke darüber nach.«
   »Das ist mehr, als ich erhofft hatte.«
   Kendric beobachtete, wie sie noch immer damit kämpfte, die Fellansätze von ihrer Haut zu beseitigen. Die Verwandlung fiel ihr alles andere als leicht. »Du sperrst dich dagegen, deshalb kannst du es nicht kontrollieren.«
   Eva funkelte ihn an, ihre Augen veränderten sich erneut. »Was weißt du schon davon?«
   Kendric ignorierte ihre Frage und scheuchte die Katze aus dem Haus, damit sich Gaya nicht mehr so aufregte. »Hast du es jemals geschafft, dich komplett zu verwandeln?«
   »Frag mich lieber, ob ich es wieder zurück in meine Menschengestalt schaffe.«
   Also war der Wolf in ihr sehr stark. »Erzähl mir von diesem angeblichen Fluch, den deine Eltern ausgesprochen haben.«
   Eva drehte sich zum Fenster, sah hinaus. Er sah ihr deutlich an, wie aufgewühlt sie war, ihr Körper bebte leicht.
   »Ich weiß nicht, was meine Eltern taten. Sie zapften mir vor den Verwandlungen Blut ab. Eines Abends erwischte ich sie bei einem seltsamen Ritual. Danach begann es.«
   Instinktiv schätzte Kendric ihre Situation anders ein. Ob sie vielleicht …? Nein, er würde nichts sagen, sie würde es nicht akzeptieren. »Hast du sie nie danach gefragt?«
   »Ich bin fortgelaufen. Hör endlich auf mit der Fragerei!«
   »Du willst doch, dass ich dir helfe.«
   »Du sollst nur den verdammten Silberachat finden, mehr nicht.«
   Kendric zuckte mit den Schultern und ging in die Küche. Er warf einen verstohlenen Blick zurück, zog eine Schublade auf und holte eine Tafel Schokolade hervor. Genüsslich schloss er die Augen, als die Süße seine Geschmacksnerven traf.
   »Soso, du ernährst dich auch von anderen Dingen«, spottete Eva, die plötzlich im Türrahmen stand.
   Schuldbewusst ließ Kendric die Süßigkeit zurück in den Schrank fallen und schob die Schublade zu.
   »Gib mir gefälligst auch was davon ab.« Eva drängelte sich an ihm vorbei und fischte seine Schokolade wieder hervor.
   Fasziniert beobachtete er, wie ein Riegel alle Wolfsspuren beseitigte. »Ich dachte immer, Schokolade ist giftig für Hunde.«
   Eva starrte ihn an. Es war um ihre Beherrschung geschehen. Noch in der Bewegung wurde sie zum Tier und sprang ihn an. Sie stolperten zu Boden. Mit den Reißzähnen an seinem Hals verharrte Eva. Ein tiefes Knurren grollte aus ihrer Kehle. Er spürte ihren warmen Atem, der trotz der Verwandlung nach Mensch roch.
   Kendric rührte sich nicht, lachte nur leise. »Wie kann man nur so reizbar sein.«
   Eva verschärfte ihre Warnung, indem sie ihr Maul ein wenig schloss. Die Spitzen ihrer Zähne bohrten sich in seine Haut.
   »Schon gut! Ich gebe mich geschlagen.«
   Sie lockerte den Griff und Kendric strafte seine Worte Lügen. Er packte Eva am Hals und stieß sie von sich. In seinem Inneren prickelte es, als er seine geheime Kraft weckte, die hier in der Menschenwelt gedämpft war. Er fixierte die Efeuranken am offenen Fenster. Die Pflanzen schossen auf Eva zu, fesselten sie und hielten sie am Boden.
   Eva jaulte auf, versuchte, sich zu befreien, aber es gelang ihr nicht. Sie winselte, als sich die Ranken fester um ihre Pfoten schlangen.
   »Versuch nie, mich auf diese Art anzugreifen auch nicht als Wolf.« Kendric blinzelte und unterbrach den Zauber. Der Efeu schlängelte sich zurück nach draußen.
   Eva rang mit sich und ihrer Verwandlung. Als sie halbwegs wieder ein Mensch war, sah sie ihn flehend an. »Bitte reize mich nicht. Es quält mich.«
   Kendric schüttelte leicht den Kopf und drehte sich weg. Sie kämpfte so sehr gegen sich, dass sie völlig die Kontrolle verlor. Dabei könnte es anders sein.
   Nun, vielleicht brauchte sie wirklich einen Silberachat.

Kapitel 3
Entscheidung

Eva kroch hinter das Sofa und ordnete ihre Kleider, die durch die Verwandlung verrutscht waren. So schnell sollte er ihr Geheimnis nicht herausfinden, auch nicht auf diese Art. Ihre Muskeln schmerzten und sie ahnte, dass es damit zu tun hatte, dass sie sich stets gegen das Wolfsein wehrte. Der Albenbrunnen plätscherte vor sich hin. Ob er sie heilen könnte? Unsicher stand sie auf, wandte sich dem Wasser zu, das über die Steine floss.
   »Es wird dir nicht helfen, Eva«, sagte Kendric, dem wohl ihr Blick nicht entgangen war. Er lehnte an einer Kommode und schien sie zu studieren.
   »Warum nicht?«
   »Weil du nicht krank bist.«
   Sie schnaubte. »Wie hast du das gemacht? Mich so schnell wegzustoßen, meine ich.«
   »Das willst du wissen? Nicht, wie ich dem Efeu befohlen habe, dich festzusetzen?«
   »Ich hab mir gedacht, dass du über die Natur verfügen kannst. Dass du schnell wie ein … keine Ahnung … wie ein Superheld bist, hat mich überrascht.«
   Kendric lachte so sehr, dass eine Vase auf der Kommode umfiel. Mit einem Klirren, das Eva zusammenzucken ließ, zerbrach das Gefäß am Boden. Er ignorierte die Scherben. »Superheld? Dir fällt nichts Besseres ein?«
   »Nein, zu meinem Bedauern nicht.«
   »Es ist das Wasser. Es heilt nicht nur, sondern es verstärkt auch Körperfunktion und Wahrnehmung. Zumindest wenn du nicht all zu sehr verletzt warst und genug davon trinken konntest.«
   »Dann sollten wir etwas davon mitnehmen.«
   Kendric schüttelte den Kopf. »Das geht nicht. Albenwasser muss in Bewegung bleiben, sonst verliert es seine Wirkung.«
   »Und wie lange hält diese Wirkung an?«
   Kendric verzog das Gesicht. »Vielleicht eine Stunde, mehr nicht.«
   Eva betrachtete den Alben. Das schwarze Haar fiel ungekämmt über seine Schultern. Die Erschöpfung sah man ihm nach wie vor an. Nur in seinen Augen funkelte wieder eine gewisse Lebendigkeit. Mit einem sehnsuchtsvollen Ausdruck starrte er auf die gegenüberliegende Wand. Evas Blick folgte der Richtung. Dort hing das Bild einer Albin. Ihr helles Haar umwehte ihren zierlichen Körper und sie schaute den Betrachter an. Die Schönheit dieser Frau drang einem ins Herz, ihr Aussehen rührte etwas in Eva. Rasch wandte sie sich ab. Ob das Tilana war?
   Plötzlich griff er nach einer großen Scherbe der Vase und warf sie gegen das Gemälde. Das Bild blieb unversehrt, als wäre es von einem Zauber geschützt. Die junge Albin lächelte noch immer auf sie herab.
   »Das hat mich zerstört«, flüsterte er.
   Mühsam raffte sich Eva auf. Sie ging auf Kendric zu, berührte ihn aber nicht. »Dann beende das jetzt. Komm mit und hilf mir.« Er wandte sich ihr zu, und sie widerstand dem Drang, seinem Blick auszuweichen. Für einen Moment verschwamm ihre Sicht, als sie unbeirrt in seine Augen sah. Die Bäume eines tiefen Waldes tauchten vor ihr auf. Sie sah Wildblumen auf einer Lichtung, die Hügel einer vollkommenen Landschaft …
   Kendric unterbrach den intensiven Kontakt und senkte den Kopf. Eva blinzelte verwirrt. Hatte sie durch ihn einen Bruchteil seiner Heimat gesehen?
   »An welchem Ort vermutest du das Portal?«, fragte er fast tonlos.
   »Ich würde es dir lieber zeigen.«
   »Fürchtest du, es schreckt mich ab?«
   Eva erlaubte sich ein feines Lächeln. »Ja, aber anders, als du vielleicht denkst.«
   »Inwiefern?«
   »Es wird ein wenig schwierig werden«, druckste Eva herum. »Wir … na ja … werden etwas stehlen müssen.«
   Kendric zog die Augenbrauen zusammen. »Das sollte kein Problem darstellen.«
   Überrascht sah ihn Eva an. »Nicht?«
   Er zuckte mit den Schultern.
   »Erklärst du mir das näher, Kendric?«
   »Nein.«
   Frustriert verschränkte sie die Arme, ging zum Fenster und sah hinaus. Dieser Mann reizte sie so sehr, dass Eva ihr Wolfsfell kaum zurückdrängen konnte. »Du provozierst gern andere Leute, oder?« Immer noch betrachtete Eva die Bäume draußen, die sich im Wind wiegten. Erst, als er nicht antwortete, riss sie den Blick von dem verwilderten Garten.
   Kendric beachtete sie nicht, sondern begann, die Alkoholflaschen vom Tisch zu räumen. Er stopfte sie in eine Papiertüte und verschwand nach draußen. Wo mochte er seinen Abfall hinbringen? Die alte Villa befand sich bestimmt nicht auf der Tour eines Müllwagens.
   Als er wieder ins Haus zurückkam, verharrte er an der Tür. Ihre Blicke begegneten sich. In diesem Moment spürte Eva eine seltsame Verbindung zu ihm. Sie waren Geschöpfe, die alles verloren hatten. Ein Zittern erfasste sie, ihre Finger klammerten sich an das Fensterbrett.
   Eva wagte, die Stille zu durchbrechen. »Manchmal hilft es, wenn man nicht mehr allein ist.« Ihre Stimme fühlte sich heiser an.
   Kendric schwieg sekundenlang, schien darüber nachzudenken. Unvermittelt wandte er sich ab. »Ich gehe duschen«, sagte er und verschwand ohne ein weiteres Wort im Bad.
   Wie versteinert blieb sie zurück. Ihr entschlüpfte ein leiser Fluch. Sie konnte Kendric überhaupt nicht durchschauen. Mit einem Seufzen wandte sie sich wieder zu dem Fernsehbildschirm. Eva kuschelte sich in das weiche Polster der Couch, doch das Programm langweilte sie. Lethargisch starrte sie auf die flimmernden Bilder. Müdigkeit lähmte ihre Glieder, jetzt, wo sie Kendric gefunden hatte und er sie zumindest tolerierte. Wann hatte sie das letzte Mal richtig geschlafen? Sicher fühlte sie sich nirgendwo. Egal, wo sie sich aufhielt, ihr Körper blieb wachsam. Das zehrte an ihr.
   Als sie das TV-Gerät ausschaltete, nahm sie das beruhigende Rauschen des Duschwassers wahr. Hier war sie nicht mehr allein. Kendric mochte arrogant, stur und wortkarg sein, aber auch geheimnisvoll und attraktiv. Eva lächelte über ihren Gedankenwechsel, spürte einen Hauch Zuneigung zu Kendric Silberéich. Das Wichtigste war, er schickte sie nicht fort. Schläfrig schloss sie die Augen …

»Eva?«
   Sie schreckte auf, sah auf einen entblößten Oberkörper. Nur ein knappes Handtuch bedeckte Kendrics tiefere Regionen. Dorthin wanderte eher ungewollt ihr Blick, sie zwang sich aufzusehen, starrte auf seine Brustmuskeln, und richtete sich verlegen auf. Sie mochte ihm vorgeworfen haben, dass er dieses Leben nicht mehr im Griff hatte, seinen Körper vernachlässigte er anscheinend nicht.
   »Äh, ich bin wohl eingeschlummert«, murmelte sie und vermied es nun vehement, seine halb nackte Erscheinung zu betrachten.
   »Ja, bist du. Ist nicht schlimm. Ich bin oben und ziehe mich um.«
   »Dann … hilfst du mir?«
   Mit einem tiefen Atemzug nickte er. »Ja.« Abrupt wandte sich Kendric ab, warf das kleine Handtuch nachlässig zurück ins Bad und stieg splitternackt die Treppe hinauf.
   Das Bild, seiner von nassen Haaren umschlungenen Gestalt, brannte sich in ihre Gedanken. Evas Herz machte kleine Purzelbäume und der Wolf wollte in ihr die Oberhand gewinnen, weil pure Aufregung durch sie strömte. Sie schüttelte um Klarheit bemüht den Kopf. Vielleicht sollte sie eine Meditation versuchen.

Nur wenig später kam Kendric ins Wohnzimmer zurück. Sein Haar war ordentlich zu einem Zopf zusammengebunden, er trug eine getönte Brille und schlichte Kleidung. Die dunkle Jeans schmiegte sich um seine Beine, und unter dem Blazer sah sie ein grünes T-Shirt hervorblitzen.
   Wow, dachte sie, beeindruckt von seinem Auftreten. Wusste sie wirklich, auf was sie sich hier einließ? Dieser Kerl beschäftigte ihre Gedanken schon jetzt viel zu sehr.
   »Fahren wir?«
   Eva rieb sich die Augen. »Wenn du ein Auto auftreiben kannst …«
   »In der Garage stehen zwei, du kannst dir eins aussuchen.«
   Zwei?
   Kendric strich seiner Katze liebevoll über das Fell und flüsterte ihr ein paar Worte zu.
   »Wird sie allein zurechtkommen?«
   »Sicher, sie ist ein freies Wesen und braucht mich nicht.« Er stutzte. »Nein, das ist so nicht richtig.« Gaya schmiegte sich an sein Bein. »Wir brauchen einander, aber nicht in der Hinsicht, dass sie auf mich angewiesen ist. Sie ernährt sich selbstständig, kommt und geht, wann sie will. Außerdem können Katzen auch ohne Portal nach Alveon.«
   Eva folgte Kendric nach draußen, und er führte sie um die Villa herum zu einer weiträumigen Garage. Er stemmte das Tor auf und zutage kamen ein Jeep, der schon einige rostige Stellen aufwies und ein verstaubter, aber recht neuer Kombi.
   »Wie kommst du an zwei Autos?«
   »Meine Mutter stammt vom Clan der Goldweide. Dieser Clan besitzt dementsprechend recht viel Gold. Mutter hat mir einiges davon zukommen lassen, als ich fortgehen musste. Aber der Jeep stand noch vom Vorbesitzer hier. Ich glaube, er ist verstorben.«
   »Vermisst du deine Eltern?«
   Kendric verharrte. »Wahrscheinlich hoffen sie immer noch, dass der König ihr Gnadengesuch erhört, sodass ich zurückkehren kann.«
   »Das fragte ich nicht.«
   Er atmete tief durch. »Ja. Ich konnte mich nicht einmal von meiner Familie verabschieden.«
   »Wird es eines Tages Gnade für dich geben?«
   Kendric warf ihr einen kurzen Seitenblick zu. »Das weiß ich nicht.«
   Sie entschieden sich für den Kombi, weil der am wenigsten auffiel. Kendric setzte sich auf den Fahrersitz und sah Eva mit einem warnenden Gesichtsausdruck an, als sie fasziniert an dem Radio herumspielte. Der Wagen besaß sogar ein Display mit kompletter Navigation.
   Ihr entwischte ein amüsiertes Schnauben, denn er wirkte, als wollte er ihr gleich auf die Finger schlagen. Sie ließ sich nicht beirren und suchte ihren Lieblingssender. Als rockige Musik ertönte, verdrehte er die Augen, ließ ihr aber ihren Willen.
   Er steuerte den großen Wagen sicher aus der Einfahrt, stoppte und sah Eva an. »Wohin?«
   »Nach Norden, ich führe dich.«
   »Ziemlich karge Beschreibung.«
   Eva lächelte süß. »Mit kargen Antworten kennst du dich ja aus.«
   Ein Lächeln kräuselte um seine Lippen, was er jedoch zurückhielt, als kämpfte er um seine unnahbare Fassade. Also wies sie ihm den Weg und beobachtete vergnügt, wie er im Takt der Musik sachte auf das Lenkrad trommelte.

Kapitel 4
Fahrt ins Ungewisse

Seit zwei Stunden fuhr Kendric nun nach Norden. Eva rückte noch immer nicht mit der Sprache heraus, wo eigentlich ihr Ziel lag. Sie hatte ihm eine ungefähre Wegbeschreibung gegeben und schlummerte nun auf dem Beifahrersitz.
   Das Albenwasser verlor seine Wirkung, leichte Übelkeit plagte ihn. Zuerst schob Kendric es auf den Restalkohol, dann erinnerte er sich, dass seine letzte Mahlzeit, mal ausgenommen die Schokolade, schon eine Weile her war. Kurzerhand bog er in einen Rastplatz ein und stupste Eva sachte an.
   Sie zuckte zusammen, schlief aber weiter.
   »Aufstehen, kleine Wölfin. Ich habe Hunger.« Seine Worte erreichten sie. Mit funkelndem Blick starrte sie ihn an und er war froh, dass sie hier ihr Fell zurückhalten konnte. »War nicht böse gemeint«, beschwichtigte er sie.
   »Wo sind wir?«
   »Es sind noch etwa fünfzig Meilen bis zum nächsten Orientierungspunkt.«
   »Wie lange habe ich geschlafen?« Sie strich sich das wirre Haar glatt.
   »Über eine Stunde.«
   Kendric stieg aus und streckte sich ausgiebig. Schon fast automatisch griff er nach seiner Brille. Die Welt wurde in warme Farben getaucht, als er durch die getönten Gläser schaute. Als Eva wieder einzudösen drohte, scheuchte er sie aus dem Auto. Sie torkelte schließlich verschlafen hinter ihm her. Ihre Lebensgeister schienen zu erwachen, als der Geruch nach Burger die Luft erfüllte.
   »Hast … hast du Geld? Ich bin grad nicht so flüssig.«
   Kendric musterte sie. »Du erinnerst dich an den Clan meiner Mutter?«
   »Du bezahlst jetzt aber nicht mit Goldklumpen, oder?«
   »Nein, die habe ich eingetauscht.« Er wedelte mit einer Kreditkarte.
   Zu seinem Unbehagen bestellte sie einen Burger, einmal Pommes und eine Cola. Er entschied sich für Wasser, Salat und Baguette. Stirnrunzelnd beobachtete er, wie sie das Fast Food in sich hineinschlang.
   »Was?«, fragte sie pikiert.
   »Du isst Fleisch«, murrte er nur.
   Eva schnaufte belustigt. »Ich bin ein Wolf. Schon vergessen?« Sie grinste ihn seltsam an, es erinnerte ihn an ein Zähnefletschen.
   »Stimmt, ich vergaß. Ich hoffe nicht, dass du nachts Kaninchen jagst.«
   Eva verengte die Augen. »Vielleicht jage ich ja lieber Alben.«
   Kendric bedachte sie mit einem schiefen Grinsen. »Das möchte ich sehen.«

Später kamen sie an Feldern und Wiesen vorbei. Der Wald blieb hinter ihnen zurück, sie fuhren auf die Küste zu. Die Sonne brannte vom Himmel und schenkte der Meeresoberfläche schimmernde Lichtreflexe. Die Klippen sahen wie abgebrochen aus, nur eine Leitplanke schützte vor der Tiefe. Sie fuhren in Serpentinen am Meer entlang. Eva blieb schweigsam.
   Schließlich führte ihn das Wolfsmädchen in eine Ortschaft, von der Kendric noch nie gehört hatte. Steingärten begrenzten niedrig gebaute Häuser, die ein gewisses Kleinstadtflair verströmten. Knorrige Bäume säumten die Straße. Kinder spielten auf den Bürgersteigen.
   »Fahr hier nach rechts.«
   Kendric bog ab und fand sich im Zentrum wieder. Eine Post, eine Eisdiele und ein paar Boutiquen bildeten hier die City. Ein Hinweisschild warb mit einem Heimatmuseum. Die wenigen Leute, die auf dem Bürgersteig spazieren gingen, schlenderten durch das Städtchen.
   »Hier links. Wir müssen zum Hafen.«
   »So was gibt es hier?«
   »Klar, schließlich ist es ein Fischerdorf.«
   Der Hafen bildete den Grundstein dieses Ortes. Die Kutter schaukelten an ihren Seilen, die meist an den Bojen vertäut waren. Zwei Männer saßen auf einer Mauer und flickten ihre Netze. Ein Hund lag zwischen ihnen und schlief. Hier hielten sich mehr Leute auf, es herrschte geschäftiges Treiben.
   »Das ist ja alles idyllisch, aber was wollen wir hier?«
   »Hier ist das Gemälde.«
   Verdutzt schaute Kendric sie an. »Welches Gemälde?«
   »Es bildet das Portal.«
   »Ein Bild?« Das war ihm wirklich neu.
   »Du wirst es sehen, wenn wir drin sind. Es hängt im Restaurant.«
   Kendric erwog den Gedanken, sie für völlig verrückt zu halten, aber er hielt den Mund, denn er wollte sie hier zwischen den Menschen nicht reizen. Seine Rache würde später folgen, wenn dies ein Scherz sein sollte.
   Sie parkten den Wagen ordnungsgemäß und stiegen aus.
   »Komm«, drängte Eva und steuerte das Lokal an, das sich direkt am Wasser befand und dessen Terrasse einen wunderschönen Blick auf das Meer erlaubte.
   In die Autobahnraststätte hatten sich nur wenige verirrt, hier in dem Lokal herrschte Hochbetrieb. Kendric atmete flacher, als sie in das Gebäude gingen. Er mochte den Geruch von Menschen auf engem Raum nicht besonders. Seine Nase wäre wohl mit der eines Hundes vergleichbar. Innerlich lachte er über diesen Gedanken. Dann hätte er wenigstens eines mit Eva gemeinsam.
   Als sie in den Gasthof traten, umfingen ihn Dämmerlicht und Wärme. Der Duft nach gebratenem Fleisch erschien ihm übermächtig und ließ erneut Übelkeit in ihm aufflammen.
   Eva schnupperte genießerisch. »Da hinten«, flüsterte sie und wies auf eine Wand im hinteren Teil der Wirtschaft, die schon sehr alt, aber gepflegt wirkte.
   Erstaunt verharrte Kendric. Dort hing ein Gemälde, das so viel Magie ausströmte, dass es ihm für den Augenblick so vorkam, als ob sich die Gestalten, die dort durch das Gehölz liefen, bewegten. Langsam ging er darauf zu. Eine Albin, vollendet gezeichnet, führte ein Menschenkind an der Hand. Der dunkle Wald prägte die Atmosphäre, die das Bild ausfüllte. Auf einem Kärtchen stand Stolen Child. Den Maler kannte Kendric nicht, wohl aber den Titel. »Es ist Yeats nachempfunden, oder?«, hauchte er und konnte sich von dem Anblick kaum lösen.
   »Ja. Fühlst du die Schwingungen des Zaubers?«
   »Natürlich. Die Frage ist viel eher, warum fühlst du sie?«
   Eva zuckte nur mit den Schultern. Kendric hingegen streckte zaghaft die Hand aus, fuhr mit den Fingerspitzen über die Farbe. Er spürte, dass diese in mehreren Schichten verarbeitet worden war. Dieses Gemälde war niemals von einem Menschen gemalt worden, auch die Farben kamen aus Alveon, das fühlte er. War der Künstler ein Verbannter wie er? Auch kam ihm der Ort auf dem Bild vertraut vor.
   »Es ist seit einiger Zeit im Besitz dieser Familie«, flüsterte Eva. »Den Menschen ist das Bild unangenehm. Niemand will hier sitzen, deshalb ist dieser Tisch wohl immer leer. Trotzdem ist das Kunstwerk hier bekannt und lockt die Gäste an.«
   »Nun, heute wird der Platz nicht leer sein.« Kendric schob sich an Eva vorbei und setzte sich unter das Gemälde. Er genoss die Strömungen Alveons, die nun durch seine Sinne fluteten. Eva folgte seinem Wink und setzte sich, denn die Kellnerin beäugte sie bereits. Ob sie sich wunderte, dass sich endlich jemand hier niederließ? Ihrem Blick nach zu urteilen, ja. Auch die Mitarbeiter an der Theke tuschelten.
   »Wie hast du das Bild gefunden, und woher weißt du so viel darüber?«
   Eine junge Frau kam an den Tisch, schaute sie immer noch verwundert an und fragte nach ihren Getränkewünschen. Kendric bestellte einen Kaffee und eine süße Nachspeise. Er brauchte Schokolade. Verdammt, er war wirklich süchtig nach dem Zeug. Eva konnte sich nicht beherrschen und verlangte nach einem Steak.
   »Du bringst mich mit deinen Essgewohnheiten zur Verzweiflung.« Er seufzte.
   »Gewöhn dich dran«, zischte sie zurück.
   Als die Bedienung fortging, um die Bestellung weiterzuleiten, sah Kendric Eva fragend an.
   »Meine Familie sammelt alte Artefakte und Bücher. Vorrangig solche, die mit Sagen, Legenden und Märchen zu tun haben«, erklärte Eva leise. »Darunter befinden sich auch Schriften, die niemand außer den Lykans in den Händen gehalten hat. Es ist so etwas wie eine Familientradition.«
   »Ihr fertigt Schriften dazu an?«
   »Ich nicht, nein. Meine Eltern gewährten mir keinen Zugang. Aber ich weiß, dass meine Großeltern noch immer daran arbeiten.«
   »Keinen Zugang?« Er grinste. »Deshalb weißt du auch so viel über das Portal.«
   Eva lachte heiser. »Sie hatten keine Ahnung von der geheimen Kammer unter Großvaters Arbeitszimmer. Er zeigte mir den Gang, als ich acht war. So konnte ich nachts heimlich in die Bibliothek und allerhand erforschen – vor allem später nach der Verwandlung.«
   Kendric schmunzelte. »Dein Großvater scheint ein vernünftiger Mann zu sein. Aber du hast nichts über deinen Zustand herausfinden können?«
   Eva schüttelte den Kopf. »Da war nichts. Als ob meine Eltern dieses Thema ausgerottet hätten.«
   Oder diese Unterlagen waren in ihrem eigenen Gebrauch, dachte er, sagte aber nichts.
   »Auf jeden Fall fand ich ein Buch über die Albenjuwelen, die man auch Fluchjuwelen nennt. Und ich fand einen Artikel über das Bild, das in einer Mappe voller Zeitungsberichte steckte.«
   »Was stand darin?« Kendric wollte unbedingt mehr über dieses Gemälde herausfinden.
   »Nicht viel. Es war ein Bericht über eine kleine Galerie hier im Ort, die wegen eines Todesfalls geschlossen und deren Besitz versteigert wurde. Der Eigentümer des Restaurants kaufte Stolen Child.«
   »Das erklärt aber nicht, wie du auf den Gedanken eines Portals kommst.«
   Eva wollte etwas sagen, blieb aber stumm, weil die Kellnerin die Getränke und Kendrics Süßspeise brachte. Erst, als sich die junge Frau entfernte, fuhr sie fort. »Das Bild war nur im Hintergrund abgebildet, aber … es fiel mir auf. Ich spürte das Besondere darin. Dann der Name des Künstlers! Ich hatte über ihn eine Abhandlung in den Schriften meiner Mutter gefunden.«
   »Erzähl mir davon.« Lag er mit seiner Vermutung richtig?
   Könnte es womöglich …?
   »Der Name unter dem Gemälde ist nur sein Pseudonym. In den Unterlagen stand, dass sein wahrer Name Nistyriel Lerchenblatt war.«
   Kendric schwieg einen Augenblick. »Und … er ist tot?«
   »Man weiß es nicht, er verschwand.« Sie stutzte. »Kennst du ihn etwa?«
   Kendric biss sich auf die Unterlippe, versuchte die Erinnerung an den freundlichen Nymphen heraufzubeschwören. »Ja, er wurde vor mir verbannt. Er gehört zum Geschlecht der Nymphen und geriet in Verdacht, ein Attentat auf den König zu planen.«
   »Und?«, hakte Eva nach.
   »Ich glaube nicht daran. Er gehörte vielleicht den Rebellen an, aber ein Attentat? Nein, das passt nicht zu ihm.«
   »Gegen was wird denn in Alveon rebelliert?«
   Kendric schnaubte und nahm einen großen Löffel seiner Süßspeise. Wie sollte er dieses komplexe Thema in einem Satz erläutern? »Sagen wir mal so. Es gibt einige, die die Herrschaft des Königs … nun ja … anzweifeln.«
   »Warum?«
   Dieses Wolfsmädchen konnte einfach nicht lockerlassen. Er hasste es, die Probleme seiner Heimat zu erörtern. »Weil der König ein Bastard ist. Seine Mutter war die Geliebte des damaligen Herrschers. Die rechtmäßige Frau schenkte ihm keine Kinder. Also erbte Caylen den Thron, als sein Vater im Kampf fiel.«
   »Ach so. Na ja, vielleicht ist Nistyriel heimlich zurückgekehrt?«
   »So sieht es aus. Nur deshalb wird er das Bild angefertigt haben.«
   »Also ist es eine Chance? Du könntest uns nach Alveon bringen?«
   »Ich bin kein Nymph, und wir können das keinesfalls an diesem Ort tun. Aber wenn dieses Gemälde ist, was ich denke, kann ich uns vielleicht nach Hause bringen.«
   Eva runzelte angesichts seiner letzten Worte die Stirn, aber er würde dies nicht erläutern oder zurücknehmen.

Kapitel 5
Einbrecher

Eva saß unruhig im Auto, knibbelte an ihren Fingernägeln, und wartete auf die Dunkelheit. Kendric nahm die Situation gelassener, sah aus dem Fenster auf das Meer und trank seinen dritten Piccolo, den er in einem Lebensmittelladen gekauft hatte.
   »Wie willst du das Gemälde stehlen, wenn du besoffen bist?«
   »Du glaubst im Ernst, ich werde davon betrunken? Das ist doch lächerlich.«
   Eva funkelte ihn an. »Deine Antwort ist einfach nur traurig.« Wie konnte er sich so gehen lassen? Litt er wirklich immer noch an Liebeskummer? »Du bist ein armer Trottel, wenn du ihr immer noch hinterherlechzt.«
   Kendric starrte sie an, senkte dann den Blick. Ihre Worte schienen ihn getroffen zu haben.
   »’Tschuldigung«, murmelte sie nur.
   »Nein«, sagte er rau. »Du hast recht.«
   Sie wagte, ihn anzusehen. Die kleine Sektflasche betrachtete er auf einmal wie einen Feind. Abrupt öffnete Kendric die Tür, stieg aus dem Auto, und warf die halb volle Flasche in eine Abfalltonne. Wortlos setzte er sich zurück auf den Fahrersitz und beobachtete die Passanten, die an ihnen vorbeiliefen.
   »Wie lange trinkst du schon?«
   Kendrics Blick huschte kurz zu ihr, nur um sich wieder abzuwenden. »Ich bin nicht süchtig, wenn du das meinst.«
   Sie hoffte, dass er sich nicht selbst belog.
   Das Wetter wandelte sich. Regen trommelte gegen die Windschutzscheibe und leichter Nebel stieg vom Meer auf. Kendric schwieg sich aus, er wirkte, als meditierte er.
   Die Zeit verstrich für Eva viel zu langsam. Sie fühlte sich gelangweilter denn je. »Könntest du mal was sagen?«, blaffte sie in die Stille.
   Erschrocken zuckte Kendric zusammen, schaute grimmig zu ihr hinüber. »Was soll ich denn sagen?«
   »Vielleicht sollten wir uns Gedanken machen, wie wir das Gemälde stehlen? Wo wir es hinbringen? Wie es funktionieren soll?«
   »Ich weiß, wie ich das Gemälde stehle, und ich habe auch eine Idee, wo wir es hinbringen können. Den Portalschlüssel werde ich schon finden.«
   Eva klappte der Mund auf. »Und das sagst du erst jetzt? Ich zerbreche mir seit Stunden den Kopf darüber!«
   Er zog nur kurz die Schultern hoch.
   »Manchmal bist du wirklich ein arroganter Mistkerl.«
   »Weiß ich.«
   Eine Weile wartete Eva ab, ob er ihr seinen Plan erklären würde. Als er keine Anstalten machte, sprang sie wütend aus dem Wagen, lief durch den Regen auf einen der breiten Stege. Wieso war sie nur so zornig? Was erwartete sie denn von ihm nach ihrem Überfall in seinem Haus? Schließlich half er ihr. Wie er nun vorgehen würde, blieb seine Sache. Aber war sie plötzlich nicht mehr integriert? Es war ihre Mission, da sollte sie über alles Bescheid wissen.
   Das Meer schlug gegen den hölzernen Anlegeplatz, der leise knarrte, als sie sich setzte. Gischt spritzte ihr ins Gesicht, und sie fröstelte. Der Nebel wurde dichter, zum Glück schwächte der Regen ab. Eva rutschte an den Rand und ließ die Beine über den Steg baumeln. Die Wellen schäumten, brachen sich an den Holzpfählen. Das Rauschen beruhigte ihr aufgewühltes Gemüt.
   Kendric rührte etwas in ihr, das sie nicht verstand. Er schien mehr zu wissen, als er preisgab, und das ärgerte sie. Seine Unnahbarkeit spielte er nur, dessen war sie sich sicher. Wahrscheinlich ging es ihm ähnlich wie ihr. War man so lange allein, verlernte man den Umgang mit anderen.
   Insgeheim hoffte sie, dass er zu ihr kam, sich entschuldigte, ihr hier an diesem einsamen Steg Gesellschaft leistete.
   Sie fühlte einen Stein unter ihrer Hand und warf ihn in das Hafenbecken. So direkt in seine Augen hätte Eva wirklich nicht sehen sollen. Oder war dieses Gerücht nur ein Märchen? Man erzählte sich, dass in den Augen der Alben wahre Magie lag, dass sie einen an sich banden, wenn man zu lange in ihre Iriden schaute. Und hatte er den Efeuranken nicht genauso befohlen?
   Eva warf einen Blick zurück, sie konnte den Wagen kaum noch erkennen. Für einen Moment fürchtete sie, dass er einfach fortfuhr. Sie erhob sich, lief zurück zu Kendric, der emotionslos dasaß und das Restaurant betrachtete. Schweigsam setzte sie sich wieder auf den Beifahrersitz.
   »Wieder beruhigt?«, murmelte er.
   »Nicht wirklich.«
   Sie beobachteten, wie die Leute ins Gasthaus hinein- und wieder herausströmten. Irgendwann brach die Nacht herein und die Angestellten verließen das Lokal. Eine halbe Stunde später schloss der Besitzer ab. Die Hafengegend wirkte wie ausgestorben. Die Gebäude wirkten wie bedrohliche Schatten. Eva sah eine Ratte über das Kopfsteinpflaster huschen.
   Kendric wartete noch einen Moment, dann verließ er ohne ein Wort den Kombi und lief über das Gelände. Eva folgte ihm dichtauf. Ihr Herz klopfte so rasch, dass sie sich kaum konzentrieren konnte. Immer wieder wollte die Wolfsgestalt in ihrer Aufregung die Oberhand ergreifen. Jedes Mal kämpfte Eva sie nieder. Sie spürte, wie das Fell aus ihrer Haut spross, und drängte auch dieses zurück, obwohl es ihr bei dem feuchtkalten Wetter gute Dienste geleistet hätte.
   Ihre Nervosität blieb nicht unbemerkt. Kendric legte seine Hand beruhigend auf ihren Unterarm. Seine kurze Berührung fühlte sich warm und vertraut an.
   Gespannt beobachtete sie ihn. Wie würde er sich als Albe Einlass verschaffen? Zu ihrer Überraschung holte er einen Dietrich aus seiner Tasche und öffnete das Schloss in kürzester Zeit. »Das ist nicht dein Ernst, oder?«
   »Was hast du gedacht? Dass ich meinen Zauberblick gebrauche?«, fragte er spöttisch.
   »Irgendwie ja.«
   Er schnaubte amüsiert und schlüpfte in das Lokal.
   »Aber ich dachte …«
   »Na, und hab ich die Tür nicht geöffnet?«
   »Jaah«, sagte Eva mit einem Augenrollen.
   Vorsorglich verschloss sie das Restaurant wieder. Kendric schien in der Finsternis gut zurechtzukommen und sie konnte so oder so gut im Dunkeln sehen.
   Das Gemälde leuchtete schwach und wies ihnen zusätzlich den Weg. Die Farben des Waldes waren verändert, schimmerten in Pastelltönen. Das feenhafte Geschöpf, das ein Menschenkind führte, strahlte hell daraus hervor. Wie ein Geheimnis waberten die Farben in dem Dämmerlicht, das von dem Bild ausgestrahlt wurde.
   Eva wollte es berühren, aber Kendric drängte sie sanft zurück und prüfte, wie man das Gemälde befestigt hatte. Sachte hob er es aus der Verankerung an der Wand. Sie musste sich ducken, als er es über sie hinwegschwenkte.
   »Willst du mir damit den Kopf einschlagen?«
   Kendric zwinkerte ihr zu. »Ich vertraue auf deine Instinkte, Wölfchen.«
   »Du bist unmöglich, Kendric Silberéich!«
   »Ich stehle für dich kostbare Gemälde, also beschwer dich nicht.«
   Ihr entfuhr ein ärgerlicher Laut, der ihn zu einem leisen Lachen reizte. Eva gefiel die Veränderung in seiner Stimme, wenn diese so unbedarft klang. »Wo bringen wir es hin?«
   Kendric antwortete nicht, sondern verschwand aus dem Restaurant. Eva fluchte leise, folgte ihm und schloss die Tür hinter sich. Er verstaute das Bild im Kofferraum, setzte sich ohne Hast wieder hinters Steuer. Rasch stieg sie zu ihm ins Auto.
   Als Kendric aus dem Hafen fuhr, schüttelte Eva über die Leichtigkeit ihres Einbruchs verwundert den Kopf. »Sie hatten nicht mal eine Alarmanlage.«
   »Doch, hatten sie. Die manipulierte ich aber, als ich heute Mittag von der Toilette des Lokals kam.«
   »Was? Warum sagst du mir so was denn nicht?«
   »Warum sollte ich dir erklären, wie ich arbeite?«
   Arbeiten? Tat er so etwas öfter? »Bist du … ein professioneller Dieb?«
   »Natürlich nicht. Aber am Anfang meiner Verbannung war es trotz des Goldes nicht leicht. Man beäugte mich misstrauisch und wollte es nicht eintauschen.«
   Also hatte er gestohlen, um zu überleben, mutmaßte sie. Eva kannte diese Hilflosigkeit, wenn man nicht einmal Geld für Essen besaß. Kendric schaltete das Radio aus. Konnte er fröhliche Musik in diesem Moment nicht ertragen? Sie verstand ihn gut.
   »Ich hab oft Essen geklaut, seit ich von zu Hause weg bin«, sagte sie leise.
   Sie vermieden jeden Blick zueinander.
   Zuerst schwieg er, dann hörte sie ihn aufatmen. »Ich machte damals den Fehler, dass ich alles Gold auf einmal eintauschen wollte. Dass man nicht damit bezahlen kann, wusste ich. Das Endergebnis war, dass man die Polizei rief und ich erst einmal verhaftet wurde, weil man dachte, es wäre Diebesgut. Aber man konnte mir nichts nachweisen.«
   Nun sah Eva doch zu ihm hin, betrachtete sein gut aussehendes Gesicht im Profil. »Und dann?«
   »War mir alles egal. Ich besaß nichts, außer dem verdammten Gold und meiner Albenkleidung, mit der ich überall auffiel. Als man mich wegen fehlender Beweise freiließ, stahl ich Decken, Nahrung und andere Kleidung aus einem großen Kaufhaus. Erwischen ließ ich mich nie mehr. Ich lernte, dass ich immer nur einen kleinen Goldbetrag bei verschiedenen Händlern eintauschen durfte. Es dauerte, aber jetzt habe ich sozusagen ein kleines Vermögen.«
   »Und wie kommst du an eine Kreditkarte? Ich meine, du hast ja schließlich keinen Ausweis.«
   »Doch, hab ich, aber der ist nicht echt. Trotzdem ist er so gut, dass ich die Bank täuschen kann. Na ja, und ich hab auch eine Menge Geld dort angelegt.«
   »Warum lebst du dann in dieser halb verfallenen Villa?«
   »Ich habe jetzt genug von mir preisgegeben.«
   Eva ließ sich nicht abspeisen. »Genug Geld hättest du, um sie herrichten zu lassen. Ich meine, verstehen kann ich ja, dass du die Einsamkeit bevorzugst, aber …«
   »Du bist ein nerviges, kleines Ding, weißt du das?«
   »Das ist mir bewusst. So wie du weißt, dass du ein arroganter …«
   »Schon gut! Spar dir deine Beschimpfungen.« Er löste seinen Zopf und fuhr sich durch das Haar. »Ich brauche die Natur, das ist die Schwäche der Alben. Außerdem werden die Pflanzen hier in dieser Welt von mir angezogen, wenn ich länger an einem Ort verweile, und sie machen Häuserfassaden gern kaputt.«
   »Also sind die Pflanzen schuld an der Verwahrlosung?«
   Kendric bremste abrupt, sodass Eva in ihren Gurt gepresst wurde. Zum Glück fuhr sonst niemand diese Strecke in der Nacht. Er starrte sie an, und sie sah die aufkeimende Verzweiflung in seinem Ausdruck. Sofort tat es ihr leid, dass dieses Mal sie ihn provoziert hatte.
   »Die Villa ist mir egal«, flüsterte er plötzlich. »Ich möchte … nach Hause.«
   Die nachfolgende Stille war erdrückend. Sachte berührte sie seine Hand. »Wir arbeiten daran«, wisperte sie ihm zu.

Kapitel 6
Reise ins Moor

Kendric fielen fast die Augen zu, aber er weigerte sich, dies zuzugeben. War er stur? Wahrscheinlich. Aber er würde diesem Wolfsmädchen nicht die Führung in seinem Auto überlassen. Mit blinzelnden Lidern kämpfte er sich über die dunklen Straßen. Die Feuchtigkeit auf dem Asphalt reflektierte im Scheinwerferlicht und gaukelte ihm mehr als einmal seltsame Gebilde vor. Selbst das für ihn intime Gespräch konnte ihn nicht mehr wachhalten, obwohl es lange in seinen Gedanken umhergeirrt war.
   »Wenn du einschläfst und uns vor einen Baum setzt, kommen wir nicht schneller ans Ziel. Lass mich doch einfach fahren.«
   Er schwieg beharrlich, ignorierte Eva. Kendric ließ das Seitenfenster ein Stück hinunter, um Luft einzulassen. Dann schaltete er das Radio wieder ein, kniff sich heimlich in den Arm, aber die Müdigkeit wich nicht, sondern drohte ihn zu überwältigen. Für einen Augenblick wurde es dunkel und Kendric schrak auf, als Eva panisch ins Lenkrad griff.
   »Schluss! Du fährst jetzt rechts ran!«
   »Es geht schon.«
   Völlig unerwartet schlug sie ihm unsanft auf den Hinterkopf.
   »Au! Was soll das denn?«, blaffte er und rieb sich verstohlen die Kopfhaut.
   »Fahr rechts ran, Kendric, und lass mich fahren. Du schläfst gleich ein.«
   Genervt fuhr er sich mit einer Hand übers Gesicht. Sie würde ja doch nicht locker lassen. Wortlos parkte er das Auto am Wegrand, stieg aus und machte Eva mit düsterer Miene Platz.
   Sie legte den Gang ein und fuhr los. »Wohin?«
   »Nach Südosten in die Wälder.«
   »Geht es etwas genauer? Welche Autobahn muss ich nehmen?«
   Mürrisch schmiegte er sich in den Sitz, legte den Kopf nach hinten. »Keine Autobahn, bleib auf der Landstraße.« Er erklärte ihr, wo sie ungefähr abbiegen musste und kämpfte noch immer gegen seine Schwäche an. Kendric hasste es, sich jemandem so anzuvertrauen. Diese Kleine rührte jedoch etwas in ihm, sie weckte seltsame Gefühle. Bevor er diesen Gedanken nachhängen konnte, verschleierte sich seine Sicht. Mit einem Seufzen schloss er die Augen.

Ihm entfuhr ein erschrockener Laut, als Eva ihn in den Oberarm knuffte und ihn aus dem Schlaf riss.
   »Hier, Frühstück.«
   Blinzelnd schaute er auf eine Tankstelle und nahm mechanisch die Brötchentüte entgegen. Die Morgensonne brach durch rosafarbene Wolken. Ein lauer Wind wehte ein paar Blätter über den asphaltierten Platz. Schläfrig rieb er sich über das Gesicht, umklammerte den Pappbecher mit Kaffee, den Eva ihm reichte.
   »Wie lange hab ich geschlafen?«
   »Es ist fast sieben Uhr, also ein paar Stunden. Ich weiß nicht genau, wann wir gewechselt haben.«
   Ungläubig sah er auf die Digitaluhr des Kombis.
   Eva lächelte. »Du hast geschlafen wie ein Baby.«
   »Ich war müde.«
   »Zu Tode erschöpft passt wohl eher.«
   »Wo sind wir?«
   Eva zeigte in Richtung des Sonnenaufgangs. »Hinter dem Hügel fangen die Wälder an.«
   »Dann lass mich wieder fahren. Es ist schwer zu erklären, wo ich hin will.«
   Stirnrunzelnd zuckte sie mit den Schultern und scheuchte ihn vom Beifahrersitz. Kendric sog die frische Luft ein, nippte an dem Kaffee und lehnte sich an die Motorhaube des Kombis. Er lugte in die Tüte und ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Eva hatte ihm, wahrscheinlich von seinem Geld, ein Schokocroissant gekauft. Genüsslich biss er davon ab und schlürfte seinen Kaffee, der so heiß war, dass er öfters die Hand wechseln musste, da die Hitze durch den Becher nach außen drang.
   Das Wolfsmädchen streckte sich. Von der Haltung rutschte ihre Bluse hoch und gab einen Blick auf ihre nackte Taille preis. Er begutachtete sie. Ihre Locken lagen unordentlich auf den Schultern. Wachsam streifte ihr Blick über den Platz, als erwartete sie einen Feind. Wie lange mochte sie schon allein herumgeirrt sein, auf der Suche nach ihm? Sie sah ihn verstohlen an, und er senkte den Kopf.
   »Ich muss mal austreten«, bemerkte er und steuerte ein karges Wäldchen an.
   »Dahinten sind Toiletten.«
   »Bevor ich Tankstellenklos benutze, gehe ich lieber in die Natur.«
   Ihr melodisches Lachen hallte über den Platz. Er beachtete es nicht, warf die leere Brötchentüte in den Abfall und suchte einen geeigneten Ort. Prüfend schaute er zu Eva hinüber, hoffte, dass sie ihn nicht dabei beobachtete, und stellte seinen Kaffeebecher auf einen Baumstumpf. Dann war sie fort, er konnte sie nicht mehr sehen. Argwöhnisch erledigte er sein körperliches Bedürfnis.
   »Ich wusste gar nicht, dass es einem Alben peinlich ist, zu pinkeln.«
   Er zuckte zusammen und wich mit einem heiseren Schrei zurück. »Verdammt, Eva!«
   »Ich kann ziemlich lautlos sein, was?«
   Mit einem Knurren, das eher zu seiner Gefährtin gepasst hätte, richtete er seine Hose. »Ich mag es nicht, wenn man mir dabei zusieht.«
   »Aber du läufst nackt aus dem Bad und stellst dich mit einem winzigen Handtuch vor mir auf?«
   »Das … war was anderes. Ich hab nicht …« Kendric stockte.
   »Gepinkelt?«
   »Sag das nicht so.«
   »Warum nicht? Wie nennst du es denn?«
   »Ich bin ein Albe. So etwas wird nicht benannt.«
   »Irgendwie ist das süß. Ein Elfenwesen mit Schamgefühl.«
   »Ich bin kein Elf.«
   »Eine Fee?«
   »Möchtest du als Wolf weiterfahren? Hinten im Kofferraum mit Hundegitter?«
   Dies machte sie sprachlos, denn Eva wusste wohl, dass er sie so weit treiben könnte, indem er erneut begann, sie zu provozieren. Sie schnaufte auf und stapfte zurück zum Auto.
   Im Vorbeigehen schnappte sich Kendric seinen Kaffeebecher und eilte ihr nach. »Was hast du eigentlich zu sehen erhofft?«
   Schwungvoll drehte sie sich um, ein seltsames Lächeln legte sich auf ihre Lippen, das ihm ein Kribbeln im Bauch bescherte. »Vielleicht das, was das winzige Handtuch verhüllt hat.«
   Dies ließ ihn verdutzt verharren. Wortlos trank er seinen Kaffee aus, murmelte etwas vom Weiterfahren und stieg ins Auto.
   Später lenkte er den Wagen in einen Waldweg. Der Kombi holperte über die unwegsame Straße, und er dachte an seinen Jeep, der hier wohl besser gewesen wäre. Über eine Stunde kurvte er auf Wanderpfaden, die kaum so breit waren wie das Auto. Ein Bussard flog vom Unterholz auf und verbarg sich im hohen Geäst der Laubbäume. Nach einigen Kilometern, die immer unwegsamer wurden, wandelte sich die Landschaft. Knorrige Erlen und Birken wuchsen auf schlüpfrigem Untergrund. Ranken hangelten sich über die Äste. Weiter hinten ragten Baumstümpfe aus einem Moor.
   Kendric stoppte und stieg ohne einen Kommentar aus.
   »Hier willst du durch das Portal?« Eva schaute sich ungläubig um.
   »Nicht direkt hier am Weg, sehr wohl aber hier in dem Gebiet. Ich kenne es.«
   »Warum denn hier mitten im Wald?«
   Kendric holte das Gemälde aus dem Kofferraum, stellte es an einer bestimmten Stelle auf und forderte Eva auf, näher zu kommen.
   »Sieh es dir an und vergleiche es mit der Gegend.«
   Eva schnappte nach Luft. »Nistyriel hat diese Gegend gemalt.«
   »Ja, er muss am Moor gestanden und den Beginn des Laubwaldes gezeichnet haben. Und nur hier funktioniert das Portal.«
   »Nur hier?«
   Kendric ignorierte ihre Frage, die er ja bereits beantwortet hatte, und fuhr fort. »Er muss gewusst haben, dass es von hier aus auf der anderen Seite für ihn sicher ist. Die Nymphen leben in den Sümpfen. Hoffen wir, dass sie uns freundlich gesonnen sind.«
   »Wie kam das Bild zurück in die Hafenstadt?«
   »Er muss einen Begleiter gehabt haben, der es zurückbrachte.«
   »Was geschieht, wenn mit dem Bild etwas passiert oder man es findet und fortbringt?«
   »Dann haben wir ein Problem.« Das würden sie wahrhaftig haben, denn eventuell gab es keinen Weg zurück in die Menschenwelt.
   »Was heißt das, Kendric?«
   »Wie schon gesagt, das Portal funktioniert nur hier. Bringt man es fort, verliert es seine Wirkung. Zerstört man es, lässt es niemanden hindurch.«
   »Was ist mit Feuchtigkeit?«
   »Es ist mit Albenfarben gemalt. Solange man es nicht im Moor versenkt, dürfte die Natur kein Problem darstellen.«
   Kendric besah sich genau die Umgebung. Wo hatte Nistyriel gestanden oder gesessen? Er trug das Bild von einem Ort zum anderen, verglich die Umgebung mit der Zeichnung und fand schließlich einen Baumstumpf. Die Landschaft gegenüber glich dem Gemälde, und Kendric vermutete, dass dieses verrottete Holzteil dem Nymphen als Sitzplatz gedient hatte, als das Bild erstellt worden war.
   »Wir hätten eine Staffelei organisieren sollen«, murmelte er und ärgerte sich über seine Nachlässigkeit.
   »Ich hab Werkzeug im Auto gesehen und könnte so was bauen. Hier liegt ja genug Holz herum.«
   »Dann tu das. Ich suche nach dem Portalschlüssel.«
   Eva verschwand. Kendric vermutete, dass sie geeignete Hölzer suchte. Wenig später hörte er sie werkeln, blendete aber die Geräusche aus. Konzentriert fuhr er die Zeichnung entlang. Eigentlich konnte es nur die Frau oder das Kind sein, wobei er annahm, dass die Frau vielleicht die Begleiterin war, die sich hat zeichnen lassen. Das Kind hingegen symbolisierte den Fortgang in Yeats Gedicht. Es folgte der Fee in ihre Welt und wurde entrückt.
   Also das Kind. Vorsichtig fühlte er über die getrocknete Farbe und suchte eine bestimmte Unebenheit. Seine Fingerspitzen kribbelten von den Nachwirkungen der Magie, die er deutlich spürte. Zuerst fand er nichts. Dann fiel ihm jedoch ein Aspekt in Yeats Gedicht ein. Come away, o human child. To the waters and the wild, with a fairy, hand in hand …
   Kendric untersuchte die verschlungenen Hände der Gestalten auf der Zeichnung. Ein winziger Dorn ragte dort hervor, kaum größer als eine Nadelspitze.
   »Ich habe es gefunden!«
   Eva schrak auf und trat zu ihm, um sich den Schlüssel zeigen zu lassen. »Was ist das?« Sie kam nah an das Bild heran, blinzelte und versuchte, das ominöse Objekt zu erkennen.
   »Dies ist unser Portal.«
   »Es ist … klein.«
   Kendric konnte sich ein Auflachen nicht verkneifen, kommentierte es aber nicht.
   »Und wie funktioniert es?«
   »Mit Blut.«
   Eva verzog das Gesicht und schaute ihn mit einem seltsamen Blick an. »Dir muss man wirklich jedes Wort aus der Nase ziehen.«
   »Ich wusste nicht, dass ich auch mit der Nase sprechen kann.«
   Eva schnaubte amüsiert auf und widmete sich wieder dem Holzgestell.

Kapitel 7
Wild

Skeptisch beäugte Eva, wie Kendric das Bild auf ihrem behelfsmäßigen Gestell ausrichtete. Mit einem ausgeprägten Hang zum Perfektionismus schob er es hin und her, prüfte seit einer halben Stunde immer wieder die Position.
   »Wie lange wird das noch dauern?«, erkundigte sie sich.
   Kendric funkelte sie an. »Solange es eben dauert. Oder willst du im Nirgendwo landen?«
   Das wollte sie natürlich nicht, also setzte sie sich auf ein Stück Wiese und zupfte Grashalme ab. Je näher sie ihrem Ziel kamen, desto gereizter wurde Kendric, das spürte sie deutlich. Ob er die Rückkehr nach Alveon fürchtete?
   Plötzlich hielt der Albe inne, entfernte sich ein Stück von dem Gemälde und blickte zum Himmel.
   »Fertig?«, fragte Eva und sprang auf.
   »Das Bild zeigt den Wald in der Nacht, also müssen wir warten, bis es dunkel ist.«
   Eva ließ sich wieder ins Gras fallen und seufzte tief auf. Die Ungeduld riss an ihr und ließ sie die Kontrolle verlieren. Immer wieder drang das Wolfsfell durch ihre Haut. Sie kämpfte es vehement zurück, versuchte es vor Kendric zu verbergen – was unmöglich war.
   »Wieso lässt du es nicht zu?«, murmelte er fast teilnahmslos. »Mich würde es nicht stören.«
   »Aber mich«, brummte sie.
   Kendric zuckte mit den Schultern, setzte sich auf den Baumstumpf und schloss die Augen. Eva betrachtete ihn eine Weile verwundert, denn er rührte sich nicht mehr.
   »Was tust du da?«
   Kendric öffnete ein Auge und schaute sie derart pikiert an, dass sie ein belustigtes Schnaufen nicht unterdrücken konnte.
   »Ich meditiere.«
   »Du …?«
   »Das würde dir auch mal guttun, Wölfchen.«
   Eva schüttelte den Kopf, erhob sich und ließ ihn in seiner Meditation allein. Eine leise Stimme in ihrem Kopf sagte ihr, dass er recht hatte, aber sie ignorierte es wie so oft. Rasch ging sie ein Stück fort und rannte dann wie ein Irrwisch durch den Wald. Bäume und Sträucher rasten an ihr vorbei. Ihre wölfische Schnelligkeit übernahm die Oberhand und sie konnte nicht verhindern, dass nun das Fell ihre Haut bedeckte. Diesem Drang wollte sie nicht völlig nachgeben, konnte sich aber nicht mehr dagegen wehren. Als sie über einen umgefallenen Baum sprang, tat sie das instinktiv mit allen vieren und verwandelte sich noch in der Luft in eine Wölfin. Sie streifte dabei ihre Kleidung genauso ab wie ihr menschliches Aussehen. Ihre Pfoten berührten den Erdboden und sie stoppte. Unruhig verharrte sie, konnte dem tierischen Erbe diesmal nicht entrinnen.
   Die Luft roch anders, viel umfassender. Das Wilde in ihr gewann die Oberhand. Die vergangenen Tage hatte sie es zurückgedrängt, nun spürte sie, dass sie es auskosten musste, solange ihr Verstand diesen Zustand zuließ.
   Sie durchstreifte den Wald, nahm die unterschiedlichen Tierfährten auf und sog die Düfte in sich auf. Wie jedes Mal in der Wolfsgestalt schmerzte die Einsamkeit in ihr stärker denn je, und sie sehnte sich nach ihrer Familie. Die Wölfin wollte zu ihrem Rudel. Eva schüttelte sich, um die Empfindung zu vertreiben.
   »Ah, du bist es.« Kendric lehnte mit verschränkten Armen vor einem Baum und betrachtete sie. »Ich wunderte mich schon. Eigentlich gibt es hier keine Wölfe.«
   Ein leises Knurren ertönte aus ihrer Kehle. Sie versuchte, sich zurück in ihre menschliche Gestalt zu verwandeln, aber nun wehrte sich der Wolf in ihr. Eva wollte dem Alben eine scharfe Antwort geben, doch aus ihrem Maul kam nur ein Wuff.
   Plötzlich veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Er ging in die Hocke. »Ich habe gelogen«, flüsterte er. »Ich mag Wölfe.«
   Eva starrte ihn an, richtete ihre Ohren nach ihm aus. Würde er ihr noch mehr verraten?
   Langsam streckte Kendric die Hand aus. »Darf ich dich … berühren?«
   Sie zögerte und entschied sich für die Flucht. Berühren? Niemals! Nicht, wenn sie ein Wolf war. Wieder flüsterte ihre innere Stimme. Warum?
   Eva lief in den dichten Wald. Sie würde Kendric wiederfinden vor allem als Wolf. Sie betrat feuchtes Gras auf einer Lichtung. Jeden Tautropfen spürte sie auf ihrer Pfotenhaut, als sie nun sachte über Laub, Erde und Moos schritt. Ein Kaninchen huschte an ihr vorbei und der Drang, es zu jagen, überkam sie mit voller Wucht. Sie beherrschte sich, wollte nicht zu viel ihrer Menschlichkeit aufgeben.
   Es begann, leicht zu regnen, doch ihr dichtes Fell ließ keine Feuchtigkeit an ihre Haut. Eva streifte durch den Wald und erlaubte sich endlich, wild zu sein.
   Auf einmal erschien ihr dieses Dasein so richtig. Die Natur nahm sie wie einen Freund auf. Ihr Körper verlor die Anspannung. Die Atmosphäre des Waldes überflutete ihre Sinne. Ausgelassen tollte Eva durch das Unterholz. Jeden menschlichen Zweifel verdrängte sie.
   Der Wald lichtete sich. Sie stoppte in ihrem Lauf. Zwischen den Bäumen schaute sie auf ein Tal. Bauernhöfe schmiegten sich in die Landschaft. Kühe und Schafe grasten idyllisch auf den Weiden. Ein Hund bellte warnend. Ob er sie bereits roch? Neugierig näherte sie sich den Häusern. Niemand verweilte draußen, die Gegend wirkte wie ein Gemälde, wären da nicht die Tiere, die nun in ihre Richtung blickten. Eva spürte ihre Angst wie ein kleines Feuer, das zu ihr aufloderte. Jemand rief ihren Namen, oder bildete sich Eva diesen Laut ein? Der Wind verwischte den Ruf.
   Diese Ortschaft zog sie wie magisch an, so sehr fühlte sie sich an Zuhause erinnert. Auch dort standen Höfe, und der Wald umgab das alte Herrenhaus, in dem sie aufgewachsen war.
   Das Bellen des Hundes wurde panisch, als er sie in Wolfsgestalt sah.
   Völlig unerwartet hallte ein Schuss durch das Tal. Eva zuckte zusammen.
   »Eva!« Ihr Name hallte nun deutlich zu ihr herunter. Sie wandte sich um. Kendric stand oben am Hang, nahe dem Waldrand, und gestikulierte wild. Endlich erkannte sie die Gefahr. Einer der Bauern schoss mit einem Gewehr auf sie. Nun mischte sich ihre Aufregung mit der Angst der Tiere und überflutete ihre Sinne. Raubtier oder nicht, sie wusste, dass ein Zögern ihren Tod bedeutete. Also rannte sie die Anhöhe hinauf. Wieder ein Schuss, sie fühlte, wie die Kugel ihr Fell streifte.
   Eva erreichte den Wald, Kendric warf ihr einen Blick zu, den sie zuerst nicht deuten konnte. Kein Vorwurf, sondern … Sorge? Sie winselte leise.
   »Hat er dich getroffen, Eva?«
   Verstohlen warf sie einen Blick zurück zu den Höfen. Der Bauer lag am Boden, kämpfte mit einer aus dieser Entfernung undefinierbaren Pflanze, die ihn wohl zu Fall gebracht hatte. Kendric hat mich gerettet. Der Gedanke ließ sie nicht los. Wieso war sie nur so unvorsichtig gewesen?
   »Eva …« Kendric hockte sich hin, wollte sie zu sich locken.
   Hin- und hergerissen verharrte sie vor ihm, flüchtete dann erneut. Die Bäume rasten förmlich an ihr vorbei, als sie wie in Panik tief in den Wald rannte.
   Er war ihr gefolgt und hatte sie beschützt. Nun weilte sie allein inmitten von Tannen. Kendric ließ ihr die Zeit, wieder zu sich zu finden. Immer noch klopfte ihr Herz viel zu schnell. Der Bauer hätte sie fast getroffen. Eva hatte vorhin die alte Spur eines Luchses gerochen. Vielleicht riss er manchmal die Lämmer? Das würde die Aggressivität des Mannes erklären.
   Eine Schar Krähen erhob sich von den Wipfeln der Buchen, die weiter vorn wuchsen. Mit lautem Geschrei wechselten sie ihren Lagerplatz. Ob auch sie in Eva eine Gefahr spürten?
   Einsam trottete sie umher. Das Wolfssein verlor seinen Reiz und ließ sich dennoch nicht abschütteln. Verzweiflung stieg in ihr auf, sie wollte nicht in dem Wolf gefangen sein.
   Eva stutzte. Erneut roch sie den Luchs. Dieses Mal war die Fährte frisch. Sie witterte ihn. Auf einen Kampf wollte sie sich nicht einlassen, also folgte sie ihrem Instinkt und kehrte um.
   Als sich die Abenddämmerung wie ein dunkler Flügel über den Wald legte, kam Eva zurück zum Moor. Noch immer verweilte sie in ihrer Tiergestalt. Sie wollte es nicht zugeben, aber das Wilde umschlang sie mit festem Griff. Kendric warf ihr einen Blick aus seinen nachtleuchtenden Augen zu zumindest darin waren sie sich ähnlich. Eva winselte.
   »Du kannst nicht zurück?« Seine Stimme hörte sich mitfühlend an. »Dadurch, dass du es so vehement verdrängst …«
   Eva knurrte. Er sollte aufhören! Sie wusste es selbst.
   »Komm her«, forderte er sie auf, doch sie schüttelte sich, als wäre ihr seine Nähe zuwider, obwohl dies überhaupt nicht stimmte. Unschlüssig lief sie vor ihm hin und her, wollte nicht, dass er ihr so nah war, wenn sie keine Kontrolle über sich besaß. Schließlich überwand sie sich, tapste zu ihm hin, beäugte ihn misstrauisch. Mit einer gewissen Faszination, die sie in seinem Ausdruck erkannte, betrachtete er sie. Dann streckte er die Hand aus, sie wich zurück.
   »Eva«, wisperte er. Seine Iriden glommen sanft auf. Müdigkeit erfasste sie. Eva konnte nicht anders und legte sich hin. Kendric näherte sich, seine Hand ruhte auf ihrem Kopf. Zärtlich strich er ihr über das Fell. Wärme erfasste sie, als hüllte er sie in eine Decke ein. Diese Empfindung schenkte ihr Ruhe, sie ließ sich fallen.

Kapitel 8
Das Tor

Kendric sah mit gemischten Gefühlen zu Eva, die in einen tiefen Schlaf gesunken war. Langsam verwandelte sie sich wieder in ihre menschliche Gestalt. Er wusste, dass sie Ruhe gebraucht hatte. Ruhe vor dem Kampf, den sie im Inneren mit sich ausfocht.
   Fasziniert beobachtete er die Wandlung, bis Eva nackt vor ihm lag. Jegliche Kleidung war ihr in der Wolfsgestalt abhandengekommen. Zierlich wirkte sie und auf eine gewisse Weise makellos, obwohl er auch einige feine Narben auf ihrer Haut sah.
   Er riss sich von ihrer Gestalt los, holte eine Decke aus dem Wagen und breitete sie über ihr aus. Kendric schloss die Augen, konzentrierte sich auf seine Sinne, die hier in der Natur wieder erwachten. Seine magischen Fähigkeiten verstärkten sich, so war es auch kein Problem für ihn, die Wölfin zu beruhigen. Er folgte Evas Spuren und stellte fest, dass sie kreuz und quer durch den Wald gelaufen war. Nach über einer Stunde fand er ihre Jeans und wenig später auch die Bluse. Nach den Schuhen musste er etwas länger suchen. Ihre Unterwäsche blieb unauffindbar. Oder trug sie keine? Allein die Vorstellung erregte ihn.
   Kendric verharrte. Ein Lächeln glitt über seine Lippen. Das Wolfsmädchen entfachte etwas in ihm, das er glaubte, tief in sich verschüttet zu haben.
   Er schaute in den Nachthimmel und schätzte die Zeit. Noch ungefähr eine Stunde, dann würde der Übergang vielleicht möglich sein. Danach würde das Tor nicht mehr funktionieren, nur wieder in der Nacht. Wahrscheinlich brauchten sie ohnehin mehrere Tage. Solch ein Portal brachte immer Schwierigkeiten. Erneut fragte sich Kendric, wieso Nistyriel das Bild in der Nacht gezeichnet hatte. Und in welchem Moorgebiet kämen sie heraus? Ob sie dieses Portal überhaupt öffnen konnten? Von Anfang an bezweifelte er das insgeheim. Dieses Abenteuer weckte hingegen seine Lebensgeister. Eva vertrieb die Leere, die ihn zur Verzweiflung getrieben hatte.
   Er lief den schnellsten Weg zurück zu ihr und wunderte sich nicht, dass sie bereits erwacht war. Unsicher schlang sie die Decke um sich, schaute ihn aus großen Augen an.
   »Wie hast du das gemacht?«, fragte sie heiser.
   »Du blockierst dich, Wölfchen. Das verhindert, dass du Macht über die Wandlung erhältst.«
   »Das war nicht meine Frage. Und nenn mich nicht so.«
   Kendric verkniff sich ein amüsiertes Schmunzeln. »Ich habe dich in einen Albenschlaf versetzt. Sonst wärst du noch immer in Tiergestalt. Obwohl ich schon überlegt habe, ob das nicht sinnvoller wäre.«
   »Warum?«
   »Weil Alveon-Sümpfe immer gefährlich sind.«
   »Oh … und … und was lauert da?«
   »Es kommt darauf an. Ich weiß nicht, wohin uns Nistyriels Tor führen wird.«
   Eva schien besorgt zu sein. »Wann können wir denn hindurch?«
   Kendric prüfte erneut den Stand der Sterne und verglich es mit dem Gemälde. »Es ist gleich so weit. Dann versuchen wir es.« Er warf Eva ihre Kleidung hin und holte aus dem Auto ein Albenmesser, das er mitgenommen hatte. Die inoffiziellen Tore konnten immer nur mit Blut geöffnet werden. Es war gut, wenn man Albenstahl besaß, der nicht verschmutzen konnte.
   Heimlich beobachtete er, wie Eva nach ihrer Hose und der Bluse griff, diese rasch überstreifte. Sie fragte nicht nach ihrer Unterwäsche, was Kendric in seiner Annahme bestätigte. Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
   Kommentarlos kam Eva zu dem Gemälde und betrachtete den winzigen Dorn. Er wusste, dass ihre Wolfsaugen diesen auch bei Dunkelheit sehen konnten.
   »Was müssen wir tun?«
   Ohne ein Wort schnitt sich Kendric in den Finger und fing das Blut mit einem kleinen Gefäß auf. Sein Lebenssaft wurde von dem Albenstahl aufgesogen. Als er Eva das Messer reichte, sah man keine Spur mehr davon. Eva tat es ihm ohne mit der Wimper zu zucken nach, auch ihr Blut tropfte in den Behälter. Sie reichte ihm die Waffe zurück, die er zurück in seinen Lederschutz steckte und hinten in seinem Hosenbund verbarg.
   »Tritt zurück«, murmelte er.
   Eva tat wie ihr geheißen und stellte sich schräg hinter ihn. Kendric beschwor innerlich den Zauber der Alben, rief die Natur an und ließ seine Kraft zu dem Dorn strömen. Er spürte, wie die Macht an ihm zog. Schweiß brach ihm aus, und er konnte einen leisen Schmerzlaut nicht unterdrücken, als die Magie durch seine Adern flammte. Er zwang sich näher zu dem Gemälde, dessen Zeichnung nun in Bewegung geriet. Der verborgene Dorn trat aus den Farben hervor. Kendric ließ ihr Blut darauf fließen. Die Spitze sog es auf und ein Lichtblitz blendete ihn.
   Bisher hatte er dies nur einmal gewagt, allerdings ging er damals von der Albenwelt zu den Menschen, um einem Freund zu helfen, der dort in Schwierigkeiten geraten war. Dieses Unterfangen gestaltete sich schwieriger, denn er zweifelte an dem Zauber des Gemäldes. Zugleich konnte er seine Angst wegen der Verbannung nicht unterdrücken. Sie schwelte wie ein Feuer in ihm und überschattete seine Magie.
   Trotzdem öffnete sich das Tor nach Alveon. Für einen Augenblick verharrte Kendric, begriff überrascht, dass es ihm gelungen war, ein Portal zu erschaffen. Nie hätte er erwartet, dass dies so reibungslos gelingen würde. Schon gar nicht beim ersten Mal. Für gewöhnlich musste ein inoffizielles Tor mehrmals mit Magie bearbeitet werden, um es irgendwann eine Weile durchlässig zu halten.
   Aus dem Dorn schwoll ein flimmerndes Licht und breitete sich aus. Wie auf dem Gemälde nahm Kendric Eva instinktiv an die Hand. In seinem Inneren hallten die alten Worte Yeats. Come away, oh human child, to the waters and the wild, with a fairy hand in hand …
   Kendric ahnte, dass das Portal nicht lange halten würde, und zog seine Gefährtin, ohne weiter darüber nachzudenken, durch das Licht. Eva schrie leise auf, als das Flimmern auf ihre Haut traf. Auch er spürte das kurze Brennen, verbiss sich jedoch jeden Ton.
   Sie fielen in Finsternis, die nicht zu durchdringen war. Wasser schwappte um ihre Beine, der Boden fühlte sich morastig an, schien sie aufsaugen zu wollen. Kendric spürte, dass Eva erneut ihre Verwandlung nicht unter Kontrolle halten konnte. Fell umhüllte ihre menschliche Gestalt, er fühlte es, als er sie am Arm berührte.
   Ein Geruch drang ihm in die Nase, der ihn alarmierte. Zuerst konnte er das Aroma nicht einordnen. Er lauschte verwirrt auf die Geräusche um sich. Dann begriff er, was dieser Duft, den man in der Menschenwelt nicht kannte, bedeutete. Es war das scharfe Narsjakraut, das nur an einem Ort wuchs. In dem Sumpf, der denselben Namen trug. Sein Herz stolperte regelrecht vor Schreck.
   »Raus aus dem Wasser!«, zischte er.
   Eva keuchte auf.
   Kendric verspürte einen Stoß. »Schnell, Eva!«
   »Ich sehe nichts«, flüsterte sie mit Panik in der Stimme.
   »Ich weiß, vertrau mir.« Wie erschreckend die tiefe Dunkelheit dieses verzauberten Ortes auf Fremde wirkte, wusste Kendric nur zu gut. Die knorrigen Bäume ließen kein Mond- oder Sternenlicht hindurch. Ihre Äste und Zweige bildete eine undurchlässige Barriere.
   Kendric orientierte sich kurz, fühlte härteren Untergrund, indem er sich mit den Füßen vortastete. Etwas streifte sein Bein und er beeilte sich, aus dem Wasser zu steigen. Eva zerrte er hinter sich her.
   Sie schrie auf, dann klammerte sie sich an ihm fest. »Was ist da im Wasser?«, wisperte sie voller Angst. »Und wieso bin ich trotz meiner Sehfähigkeit blind?«
   Behutsam legte Kendric seine Arme um ihre zitternde Gestalt. »An diesem Ort existieren Wesen, die willst du dir lieber nicht vorstellen.«
   »Was ist dort im Wasser?«
   »Sumpfmorphas. Sie sind halb so groß wie wir, aber sehr stark. Sie ziehen dich unter die Oberfläche, wenn du nicht schnell genug aus dem Wasser kommst.«
   »Und … und was wollen sie?«
   Kendric lachte rau. »Was glaubst du wohl? Wir wären ihre Nachtmahlzeit.«
   »Warum sehe ich nichts?«
   »Die Bäume hier besitzen einen Zauber, der sie schützt. Nur die Sumpfwesen vermögen dies zu durchdringen. Außerdem ist das Blättergeflecht hier verdammt dicht.«
   »Finden wir hier wieder heraus, Kendric?«
   Das war eine wirklich gute Frage. Der Narsja-Sumpf …
   Verdammt!
   Dieses Gebiet war besonders. Es bestand hauptsächlich aus kleineren Seen und sumpfigem Terrain, das je nach Jahreszeit feucht oder ausgetrocknet war. Stellenweise bildete sich aber auch Torf, weil gewisse Teile von Narsja immer durchnässt waren. So konnte man es auch als ein Moor bezeichnen, je nachdem wo man sich hier aufhielt. Es war das gefährlichste Gebiet Alveons und nur die Nymphen konnten hier problemlos überleben.
   Trotzdem ließ er sich nichts anmerken. »Du hast einen Alben bei dir, oder nicht?« Kendric hörte nur ihren raschen Atem, ihre Hand umfasste verkrampft die seine.
   »Lass mich nicht los, Kendric.«
   Er fasste sie fester und dirigierte sie durch einige Farne, zumindest fühlten sich die fächerartigen Blätter so an.
   Bei Nacht war dies wahrlich ein verfluchter Ort. Selbst er konnte sich nicht richtig orientieren. Er ließ sich in die Hocke sinken, berührte das feuchte Erdreich und versuchte zu fühlen, wo sich der sichere Weg befand. »Willst du nicht lieber wieder in deine Wolfsgestalt zurück?«, fragte er leise.
   »Kann ich dich dann an der Hand halten?«
   Eine Antwort erübrigte sich. Geduckt tastete sich Kendric vorwärts, zwang die unangenehme Empfindung zurück, die ihn in Furcht versetzen wollte. Zweige, Dornen und Blätter berührten seine ausgestreckten Hände, Kendric richtete sich nach den Geräuschen, die er in dem Sumpf wahrnahm.
   Als er das letzte Mal in dieses Gebiet geraten war, hatte es ihn fast das Leben gekostet. Inständig hoffte er, dass er dieser Todesfalle erneut entkam, dass er Eva vor diesem nächtlichen Grab beschützen konnte.

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