Die Hoffnung auf Frieden scheint in weite Ferne zu rücken, als Marc und Daryan auf andere H4-Träger stoßen, die ihnen kein herzliches Willkommen bereiten. Ihr Volk scheint nach all den Jahren den Kampfgeist verloren zu haben. Um dennoch gegen die HSU vorzugehen, entwickelt Marc einen riskanten Plan, der das Leben aller in Gefahr bringen könnte. Als jedoch die Zwillinge geboren werden, steht er vor einer weitaus größeren Herausforderung. Die Zukunft seiner Kinder hängt von seinen Plänen ab. Obwohl sie von ihrem Volk keine Hilfe erwarten können, machen sie sich auf den Weg in den hohen Norden. Was sie allerdings erwartet, als sie in den HSU-Komplex dringen, stellt alles bisherige infrage …

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ISBN: 978-9963-53-940-6

Seiten: 161

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Lina Jacobs

Lina Jacobs
Schon in der Schule hat Lina das Schreiben fasziniert. Am Anfang war es ein Hobby, mittlerweile eine tief verbundene Leidenschaft. Obwohl sie nicht viel dazu beitragen kann, möchte sie trotzdem die Welt ein wenig schöner machen. Mit ihrem Debütroman „Geflüsterte Lügen“, der im Februar 2015 im bookshouse-Verlag erschien, ging ein lang ersehnter Traum in Erfüllung. Heute lebt sie mit Mann, Tochter und einem Schäferhund/Husky-Mischling in der Nähe der schönen Hellwegstadt Soest.

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Prolog

Die Kälte riss Daryan ins Leben zurück. Ein Leben, von dem sie geglaubt hatte, es sei zu Ende. In ihren Ohren schienen Wattebäusche zu stecken, ihr Gehör fühlte sich taub an. Langsam stieß sie den Atem aus und kleine weiße Wölkchen entwichen ihr. Auf ihrem Mantel lag eine dünne Schneeschicht. Sie fror entsetzlich. Schmerz durchfuhr ihre Finger, als sie versuchte, sie zu bewegen. Ihre Hände fühlten sich von der Kälte taub an. Blinzelnd schirmte Daryan die Augen ab, die Sonne verwandelte das Weiß in ein Brennglas.
   Wie lange sie schon hier lag, wusste sie nicht. Ihr Zeitgefühl war abhandengekommen. In ihrem Kopf herrschte Chaos. Da existierten neu gewonnene Eindrücke, die ihr Verstand immer noch nicht erfasste. Etwas oder jemand hatte zu ihr gesprochen. Eine weiche Stimme, doch es war nicht die, die sie meinte, als den Virus zu identifizieren.
   Tausend Nadeln schienen in ihren Beinen zu stechen, als sie vorsichtig aufstand und den Schnee von ihrer Kleidung entfernte. Daryan schob die mit Fell gefütterte Kapuze zurück und starrte zu der riesigen Festung hinauf. Die steinerne graue Außenwand wies ein riesiges schwarzes Loch auf. Der Schnee davor war geschmolzen. Qualm drang aus dem Inneren. Etwas musste Feuer gefangen haben. Der hintere Teil war komplett zusammengebrochen.
   Sie waren in den Komplex eingedrungen, hatten etwas vorgefunden, das ihr die endgültige Bestätigung gegeben hatte, kein wirklicher Mensch zu sein. Doch das war nicht schlimm, sie fühlte sich schon lange nicht mehr wie ein Freak.
   Die nachfolgende Explosion war verheerend gewesen, hatte ihr den Boden unter den Füßen weggerissen. Dort drin hatte niemand überlebt. Wo sind Jack, Zoey, Myra und vor allem Marc?
   Der letzte Name holte sie vollends in die Realität zurück. Ihr benebelter Verstand lichtete sich. Keuchend taumelte sie zur Seite und drehte sich einmal im Kreis, um die Umgebung in seinem Gesamtbild zu erfassen.
   Der Schnee hatte sich an manchen Stellen zu einem hohen Haufen aufgetürmt. Mit eisigen Fingern grub sie in dem nächstliegenden. Ihre Finger waren nach wenigen Sekunden starr vor Kälte, doch sie würde erst Ruhe geben, wenn sie Marc gefunden hatte.
   In ihren Augen sammelten sich Tränen, als sie Marc leblos in einem großen Schneehaufen fand. Sein Gesicht war blau angelaufen, sogar seine Lippen waren blau – er sah tot aus.
   »O nein.« Ein Schluchzer löste sich aus ihrer Kehle. Hektisch wischte Daryan den Schnee von seinem Gesicht. An seinem Hals klaffte eine blutige Wunde, aus der ein Metallsplitter ragte. Sie tastete nach seinem Puls. Nichts.
   Sie befreite seinen Körper vollständig von der Schneemasse. In seinem Hosenbund steckte seine Waffe. Daryan legte sie beiseite.
   »Wach auf!« Verzweifelt rüttelte sie an seinem Körper, bildete sich ein, ihn so lebendig zu machen. »Wir haben es geschafft! Wir sind frei!«
   Verdammt noch mal – sie hatten zusammen noch so viel vor. Er war der Vater ihrer Kinder. Der Mann, mit dem sie ihr restliches Leben verbringen wollte. Der Traum zersprang in Millionen Splitter. Auf dieser Welt gab es noch so einiges, was sie zusammen erleben wollten …
   Eine Idee konnte sie jedoch noch versuchen. Entschlossen zog sie den Splitter aus der Wunde, sogar sein Blut schien zu Eis erstarrt zu sein. Daryan nahm ihr Messer, schnitt sich in die Hand und legte die Handfläche über die Wunde. Ihr Virus heilte, erweckte sogar Tote zum Leben … das musste einfach funktionieren.
   Den Oberen hatten sie so zurückgeholt. In ihrem Blut steckte etwas Besonderes. Es heilte, spendete Leben. Das musste, verdammt noch mal, auch bei Marc funktionieren!
   Minuten verstrichen. Jeder Atemzug ein Wust aus Angst und Zweifel. Daryan tastete erneut nach seinem Puls.
   Der Schmerz war unbeschreiblich. Noch nie hatte sie Ähnliches gefühlt. Auch damals nicht, als sie glaubte, ihn in dem unterirdischen HSU-Komplex verloren zu haben. Nun wusste sie, wie es sich anfühlte, einen geliebten Menschen zu verlieren. Man starb mit ihm. Weinend hielt sie ihn in ihren Armen. Wiegte ihn sanft hin und her und begriff nicht, wie es so weit kommen konnte. Alles nur, um in Freiheit zu leben. Sie wollte die Freiheit nicht, wenn der Preis dafür sein Leben war.
   So konnte und wollte Daryan nicht weiterleben. Ihr verschleierter Blick fiel auf die Waffe. Welcher Impuls sie auch vorantrieb, als sie danach griff, entsicherte und an ihren Kopf hielt – ihre Gedanken waren wie ausgelöscht. Ein Entschluss beherrschte sie, der jedes rationale Denken ausradierte. Eisige Kälte floss durch ihre Venen. Nicht mal der Bazillus hielt sie davon ab, diesen Schritt zu überdenken. Daryan schloss die Augen.
   Ihr Zeigefinger krümmte sich …

Kapitel 1
Nordeuropa, vier Wochen zuvor …

Wie vermochte man die Zukunft vorauszusehen? Die Taten zu erkennen, die noch im Dunkeln lagen? Das Kommende so weit zu verändern, dass alles ein gutes Ende nahm?
   Es gab wahrscheinlich nicht viele Menschen, die solch eine Gabe besaßen. Marcs verloren geglaubte Schwester Myra schien die Einzige auf dieser Welt zu sein, die das konnte. Sie hatte ihren Bruder in einer Vision gesehen, ihn aus den Trümmern des unterirdischen HSU-Bunkers gerettet und ihnen allen etwas geschenkt, das sich Hoffnung nannte. Eine klare Zukunft sah Myra jedoch nicht. Der Gedanke ängstigte Daryan zwar nicht, doch zum Wohle ihrer ungeborenen Kinder wäre eine gewisse Voraussicht von Vorteil.
   Die HSU-Bosse würden weiterhin nichts unversucht lassen, die Zwillinge in ihre Fänge zu bekommen. Sie verließ sich auf Lisbeths Worte, ihnen zu helfen. Ohne sie wäre Daryan heute nicht hier und die Zwillinge ebenso wenig.
   Die Kinder zu schützen, ist das höchste Gebot bei unserem Volk.
   Seit Tagen fühlte sie sich seltsam ruhelos. Ein unerklärlicher innerlicher Antrieb, der sie mehr als einmal daran erinnerte, was auf dem Spiel stand: ihre gemeinsame Zukunft. Hatte sie sich jemals zuvor so viele Gedanken darum gemacht? Eher nicht. In der Vergangenheit hatte es nur ihren treuen Weggefährten Shi gegeben. Die Chimäre war schon immer Teil ihres Lebens gewesen – bis Marc ihr Leben komplett verändert hatte. Ihre erste Begegnung war jedoch nicht von freundlicher Natur gewesen. Wenn sie heute an ihr Leben als Kopfgeldjägerin zurückdachte, erfüllte sie das nicht mit Stolz.
   Sie sah aus dem Seitenfenster des Jeeps. Zum wievielten Mal, hatte sie vergessen zu zählen. Blattlose, knorrige Bäume zogen in einem schnellen Tempo vorbei. Die Umgebung wirkte trostlos und verlassen. Das Klima rauer und kälter, je weiter sie in Richtung Norden fuhren. Ein mögliches Ziel auf Bellas Terminal konnte nicht mehr weit sein. Sie warf einen flüchtigen Blick in den Rückspiegel. Der Lkw, in dem Zoey, Jack, Bella und Liv saßen, folgte ihnen wie ein Schatten. Ob das wirklich richtig war, dass die Menschen mit ihnen gegen die HSU kämpften?
   Die asphaltierten Straßen wurden miserabler, die Schlaglöcher schienen kein Ende zu nehmen. Jede Unebenheit war wie ein Hammerschlag in ihrem Rücken. Die Zwillinge ließen nicht viel Raum für Bequemlichkeit. Von Tag zu Tag schienen sie zu wachsen. Sanft fuhr sie über die runde Wölbung. Irgendetwas hatten die HSU-Ärzte mit den Zwillingen gemacht, als sie völlig wehrlos und von Betäubungsmitteln lahmgelegt ans Bett gefesselt gewesen war. Vielleicht hätte sie da schon tätig werden und alle Menschen in dem unterirdischen HSU-Bunker töten sollen? Gelegenheiten hätte es bestimmt gegeben, nachdem Lisbeth ihr aus dem Bunker geholfen hatte.
   Sie verlagerte das Gewicht, versuchte, eine bequemere Haltung auf dem Beifahrersitz einzunehmen. Zunehmend fiel es ihr schwerer, sich auf der Reise wohlzufühlen. Ihr Bauch spannte und die Zwillinge vollführten des Öfteren wahre Kunststücke. Die Tritte und Stupser von zwei paar Füßen und Fäusten waren mitunter schmerzhaft. Sobald sie sich etwas Ruhe gönnte, demonstrierten die beiden, wie gut sie austeilen konnten.
   Leise seufzte sie.
   »Was ist?« Besorgt sah Marc sie an. »Geht’s dir nicht gut?«
   In den letzten Tagen benahm er sich überfürsorglich und stets darauf bedacht, dass es ihr an nichts mangelte. Seine Gesten waren süß, aber manchmal sogar für Daryan zu viel. Das Gefühl, nur eine Last zu sein, bestärkte sich dadurch. Und eine Last wollte sie nicht sein. Sie lächelte.
   »Alles gut.« Seine Besorgtheit schürte eine gewisse Aggression in Daryan. »Später«, entfuhr es ihr genervter als beabsichtigt.
   Marc musterte sie misstrauisch. »Was hast du dann?«
   Daryan wich seinem Blick aus und starrte wieder aus dem Fenster. »Die Fahrt verläuft bis jetzt ungewöhnlich ruhig. Findest du nicht?«
   »Weil ich bei euch bin«, meldete sich Myra zu Wort.
   Lächelnd drehte sich Daryan zu Myra um. »Träum weiter.«
   Myra grinste, während sie sich einige Haarsträhnen hinters Ohr strich, mit der anderen kraulte sie Shis flauschigen Pelz. Die Chimäre ließ sich den Bauch kraulen und gab ein gelegentliches wohliges Schnurren von sich.
   »Ist nur die Wahrheit.« Vor ihrer Weiterreise hatte sich Myra gewaschen und saubere Kleidung angezogen, die Daryan ihr gegeben hatte. Myra sah nun ganz passabel aus, und die Ähnlichkeit zu ihrem Bruder stach noch mehr heraus. Dass sich die beiden wiedergefunden hatten, grenzte fast an ein Wunder. Dank Myras Gabe der Voraussicht wäre sie ihm wahrscheinlich niemals begegnet. Daryan freute sich, dass wenigstens Marc einen Teil seiner Familie an seiner Seite hatte.
   Marc warf einen Blick auf den Bordkompass. »Wir fahren in Richtung Nordwest. Hoffen wir, dass die nächsten Daten diesmal ein bewohntes Dorf offenbaren.«
   Er schien gefrustet. Die ersten Koordinaten nahe einer Stadt namens London hatten ihnen leider völlig ausgestorbene Hütten eröffnet. Wie es aussah, war Lisbeths Datensammlung von anderen Siedlungen fehlerhaft. Ob sie da nicht einem Hirngespinst hinterherjagten? Womöglich gab es überhaupt keine anderen H4-Träger mehr. Eventuell waren sie alle von der HSU getötet worden, und nur noch sie drei waren übrig. Tröstend legte Daryan ihre Hand auf seinen Arm.
   »Vergiss nicht, Lisbeths Daten sind nur mögliche Punkte. Hast du in dieser Gegend damals die anderen H4-Träger getroffen?«
   »Du meinst, die im Norden?«
   Daryan nickte.
   »Nein, so weit im Norden war ich noch nie. Die Umgebung war nicht so rau und unwirtlich. Und es gab Berge, aber die waren nicht schneebedeckt.«
   Ja, der Schnee … So etwas war Daryan völlig fremd. Marc hatte sie aufgeklärt, und sie war sich wie ein dummes, kleines Kind vorgekommen. Wenn sie es genau betrachtete, fühlte sie immer noch eine gewisse Hilflosigkeit, wenn es um die Natur ging. Sie hatte in ihrem ganzen Leben noch nie Schnee gesehen, bevor sie mit Marc und Myra in den Norden aufgebrochen war.
   Gestern, nachdem sie ein Nachtlager aufgeschlagen hatten, hatte sie sich die Hand an einem Draht aufgeschnitten. Myra hatte ihr erklären wollen, wie eine Schlingenfalle aufgebaut wurde. Daryan ballte die Hand zur Faust, die Wunde schmerzte nicht mehr. Noch immer war sie der Meinung, in der Natur allein nicht einen Tag zu überleben. Töten war alles gewesen, was sie gelernt hatte und hervorragend konnte, doch sie hatten Menschen gejagt und nicht Tiere. Das Töten musste ein für alle Mal vorbei sein. Nie wieder würde sie Gesetzlose jagen und ins Zwangslager stecken. Der Anblick der Röhren, in dem die Menschen in der Flüssigkeit geschwebt hatten, würde sie bis an ihr Lebensende begleiten, auch wenn sie sich sagte, dass es nicht ihre Schuld war.
   »Vor sechs Tagen haben wir Dover verlassen, und wenn ich recht überlege, scheint es mehr als wahrscheinlich, dass Lisbeth gelogen hat«, fuhr Marc fort. »Es gibt keine anderen H4-Träger.« Seine Fingerknöchel traten weiß hervor, so sehr hatte er das Lenkrad umklammert. »Ich hätte ihr den Hals umdrehen sollen, als ich die Gelegenheit dazu hatte, anstatt mich von ihr einwickeln zu lassen.« Er sah Daryan an. »Das wäre die beste Option gewesen. Noch einmal wird mir das nicht passieren.«
   »Ohne sie säße ich heute nicht hier«, bemerkte sie leise. »Und die Zwillinge wären auch nicht da. Ihre Hilfe hat uns gerettet.«
   Sein Blick schweifte auf die Straße zurück. »Das weiß ich. Mittlerweile frage ich mich, wie sie uns helfen will, ungesehen in den HSU-Komplex zu gelangen. Ihre Teilhaber sind nicht blöd, sie werden Lunte riechen und sie als Verräterin entlarven, wenn sie uns entdecken.«
   »Wenn es so weit ist, werden wir es herausfinden.«
   Aus den Augenwinkeln bemerkte sie seinen kritischen Blick. »Du bist tatsächlich davon überzeugt?«, fragte er skeptisch.
   »Ich möchte daran glauben und überzeugt sein. Über die Vertrauensfrage haben wir schon mehr als einmal diskutiert. Oder?«
   Myra wies auf einmal nach vorn. »Dort liegt ein altes Schild. Halt mal an, Brüderchen.«
   Marc stoppte den Jeep, und sie stiegen aus. Ein Schwall kühler Luft wehte Daryan entgegen, und sie zog die Jacke enger um ihren Körper. Der Lkw bremste hinter dem Jeep ab.
   Jack sprang von der Ladefläche. Obwohl er sich bis zur Nasenspitze in seine Jacke gehüllt hatte, sah sein Gesicht vor Kälte gerötet aus. »Warum halten wir?«
   »Meine Schwester ist neugierig«, entgegnete Marc mit einem schiefen Lächeln.
   Myra sah sich um, ging einige Meter zurück. Shis kleiner, pelziger Körper flimmerte und er sprang in seiner größeren, weitaus gefährlicheren Gestalt aus dem Jeep. Seine kleinen Halsstacheln bebten, als er hörbar die Luft einsog. Die kleinen Panzerplatten schabten leise aneinander, als er Myra folgte und neugierig die Umgebung beschnüffelte.
   Am Straßenrand bückte sie sich und entfernte das Unkraut von dem abgeknickten Schild. »Glasgow.« Fragend sah sie hoch. »Kennt das jemand?«
   »Wahrscheinlich wieder eine alte Stadt, die nach der Epidemie dem Erdboden gleichgemacht wurde«, bemerkte Marc.
   »Erst jetzt wird mir das zerstörerische Ausmaß klar.« Jack wirkte nachdenklich. »Die Eindämmung der Infektion muss verheerend gewesen sein.«
   »War sie«, sagte Daryan leise. »Ich habe die Bilder im Stadtarchiv meiner Heimatzone gesehen. Die Soldaten haben die vielen Leichen verbrannt. Zuletzt hat das Militär die Städte nur noch mit Brandbomben eingedeckt, um der Lage Herr zu werden. Die Epidemie war zu weit fortgeschritten. Millionen von Menschen sind gestorben.«
   »Je weiter wir in Richtung Norden fahren, umso schlimmer werden die Zerstörungen.« Jack fuhr mit der Stiefelspitze durch das Unkraut am Straßenrand. »Als ob hier alles begonnen hat.«
   Das mochte vielleicht sogar zutreffen. Gelesen hatte Daryan nichts davon, aber das würde die zerstörerische Wut erklären, die in den alten Städten geherrscht hatte, durch die sie bis jetzt gefahren waren. Stellenweise hatte kein Stein mehr auf dem anderen gelegen. Was die HSU getan hatte, hatte Auswirkung auf jedes Lesewesen gehabt. Es war nicht auszuschließen, dass es noch mehr Mutationen in der Tierwelt gab als nur diese Gorillawesen und die großen Vögel.
   Myra wischte noch einmal über das Schild.
   Daryans Blick glitt die Straße entlang. »In London standen kaum noch Häuser und die Stadt muss riesig gewesen sein. Ich denke, in Glasgow wird es kein Durchkommen geben. Am besten fahren wir auch hier außen herum. Oder was meinst du?«
   Marc blickte in die Ferne. »Wäre die beste Lösung.« Er schaute Bella an, die schweigend neben dem Lkw stand. »Oder gibt es hier erneut einen Reinfall deiner Schwester?«
   »Ich kann nichts dafür, okay?« Bella klang verärgert. »Ich habe die Daten schließlich nicht gesammelt. Und nein, die nächste Markierung liegt noch einige Kilometer entfernt.«
   »Na dann.« Marc zuckte mit den Schultern.
   »Ich weiß, dass du gefrustet bist.« Daryan legte sanft ihre Hand an seine Wange. In seinen Augen spiegelten sich Müdigkeit und Trauer. »Wir möchten sie auch finden.«
   »Für dich wird die Fahrt immer anstrengender.« Zärtlich strich er über ihren gewölbten Bauch. »Ich mache mir Sorgen um dich und unsere Süßen.«
   »Uns geht es gut.« Zur Bestätigung folgte ein leichtes Stupsen gegen die Bauchdecke. Daryan lächelte. »Siehst du, beide sind meiner Meinung.«

Kapitel 2

Sie kamen Glasgow näher. Der Straßenrand wurde zunehmend von Ruinen gesäumt. Alte, zerfallene Cottages wechselten sich mit zersplitterten und umgestürzten Schildern von Leuchtreklamen, Wellblechhütten und Häusern ab, die erst kurz vor dem Ausbruch der Epidemie entstanden sein mussten. Doch auch an diesen hatten die Zeit und der Krieg genagt.
   Die Zerstörung war allgegenwärtig. Es gab kein Gebäude, das noch intakt war. Der Krieg hatte hier gnadenlos zugeschlagen. Je weiter sie vorrückten, desto mehr Trümmer und entwurzelte, tote Bäume säumten den Weg.
   Einige Autowracks, mit Unkraut überwuchert, standen auf der Fahrbahn wild durcheinander, sodass sie gezwungen waren, Schlangenlinie zu fahren. Ein fast identisches Bild hatten sie auch in London vorgefunden. In diesen einst blühenden Städten lebte nur noch Gevatter Tod.
   Marc verlangsamte die Geschwindigkeit, als er Shis leises Knurren vernahm. Er sah in den Innenspiegel. Die Chimäre hatte den Kopf erhoben und schien aufmerksam zu lauschen. Er blickte auf die Straße zurück. Wolken verdeckten die Mittagssonne und hinterließen ein seltsames Muster auf dem grauen Asphalt. In seinem Nacken entstand ein angespanntes Kribbeln. Er kannte Shi lange genug, um zu wissen: Die Chimäre irrte sich nie, wenn es um eine Gefahr ging.
   »Ich glaube, unser Freund wittert etwas«, sagte Myra.
   Marc stoppte den Jeep. »Ich weiß.«
   Die Bremsen des Lkws quietschten, als er neben dem Jeep zum Halten kam. Aus den Augenwinkeln sah er, dass Zoey geschmeidig wie eine Raubkatze von der Ladefläche heruntersprang und mit einem Fernglas nach vorn ging.
   »Shis Knurren sollten wir immer ernst nehmen.« Daryan öffnete die Beifahrertür. Shi zitterte am ganzen Leib, knurrte erneut und folgte ihr sogleich.
   »Ich werde ebenso Ausschau halten.« Myra kletterte aus dem Wagen.
   »Weiber«, murmelte Marc kopfschüttelnd und stieg ebenfalls auch.
   Misstrauisch sah er sich um. Kampfbereit war er seit Daryans Schwangerschaft ohnehin immerzu, doch gerade witterte er keine Gefahr. »Was soll denn hier sein?« Er sah die Chimäre an und grinste. »Sind dir Myras Streicheleinheiten auf den Magen geschlagen?«
   »Mach dich bereit, Marc, wir bekommen Besuch«, meldete sich Zoey, während sie das Fernglas sinken ließ.
   Jack kam mit seinem Gewehr angelaufen, blieb stehen, um etwas am Himmel anzuvisieren. Myra stellte sich daneben, ein Gewehr im Anschlag.
   »Na, Bursche?«, fragte sie. »Wollen wir eine Wette abschließen, wer zuerst trifft?«
   Marc grinste, als Jack mit verblüffter Miene die Waffe sinken ließ. Schon in London hatte sich eine Art freundschaftlicher Wettkampf zwischen Jack und Myra entwickelt – möglicherweise sogar mehr, wenn er Myras gerade erröteten Wangen richtig deutete. Dennoch wirkte seine Schwester hoch konzentriert.
   Flügelschläge und ein lauter Vogelschrei hallten zu ihnen hinüber. Die geflügelte Bestie, die ihn an einen zu groß geratene Raubvogel erinnerte, hatte sie offenbar entdeckt. Dieses bestimmt einen Meter vierzig große Ungetüm konnte mit seinen langen, spitzen Krallen verheerenden Schaden anrichten, wenn es zum Angriff überging. Zu gut erinnerte er sich an die erste Begegnung auf dem Feld, wo Daryan gemeint hatte, sie müsste die Heldin spielen und gleich drei von diesen Vögeln töten. Sie hatte sich zu behaupten versucht, bis Marc ihr zur Hilfe geeilt war.
   Shi stand einige Meter entfernt hinter einem der Autowracks und reckte den Kopf in die Höhe. Sein Körper bebte, als er ein erneutes Knurren verlauten ließ.
   Ein Schuss löste sich aus Myras Gewehr und der Vogel trudelte zu Boden.
   »Genau zwischen die Augen.« Zufrieden lud sie die Waffe durch und grinste Jack an. »Noch Fragen?«
   Marc zuckte die Achseln, als sich Jack verblüfft zu ihm umdrehte. »Was soll ich sagen? Meine kleine Schwester ist offensichtlich eine sehr gute Schützin.«
   »Sind alle Frauen bei euch so … so frech und selbstbewusst?«, fragte Jack, wobei er das Gewehr schulterte.
   Leise lachte Marc. »Finde dich damit ab, dass sie dir im Schlaf so geschwind die Eier abreißen können, dass du es nicht mal merkst.«
   »Tolle Aussichten«, murmelte Jack.
   Myra ging zum Jeep zurück, während Jack seinen Blick auf sie gerichtet hielt. Marc hegte den Verdacht, dass Jack von Myra recht angetan war. Wie er sie manchmal ansah, war nicht mehr jugendfrei.
   »Starrst du meiner kleinen Schwester etwa auf den Hintern?«, fragte er freundlich, aber ermahnend.
   »Ähm …« Ertappt wandte der Mann den Blick ab, und Marc klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.
   »Keine Sorge, Myra kann tun und lassen, was sie will. Sie ist erwachsen.« Er zog Jack zu sich heran und hob drohend den Finger. »Brichst du ihr allerdings das Herz, breche ich dir die Beine. Verstanden?«
   Er gab Jack frei und ging zum Jeep zurück. »Wir nutzen am besten die Nebenstraßen in Glasgow«, rief er über die Schulter hinweg.
   Die Trümmer stapelten sich am Stadtrand immer höher. Wenn Marc es nicht besser gewusst hätte, hätte er angenommen, dass die Stadt mausetot vor ihnen lag. Aber so war es nicht. Von überall waren zischende Laute zu hören, gefolgt von gespenstischem Wispern.
   »Wie mir scheint, gibt es von den Vögeln hier eine ganze Menge.« Marc neigte den Kopf und versuchte, mehr vom Himmel zu sehen.
   Daryan sah ihn an. »Weißt du, was ich seltsam finde?«
   »Was?«
   »Bis jetzt sind uns nur diese mutierten Gorillas und diese Vögel begegnet. Wo sind die anderen Tiere? Falls die gesamte Tierwelt durch den H4 kopfsteht, müssten doch noch mehr Mutationen vorhanden sein.« Daryan sah nun ebenfalls in den Himmel hinauf.
   »Nur die Stärksten überleben, so war das schon immer. Wenn man bedenkt, wie blutrünstig die Wesen sind, haben sie womöglich die Kleinen und Schwachen gefressen. So ist die Natur«, bemerkte Marc.
   Im nächsten Atemzug erkannte er, dass seine Theorie einen Haken hatte. Wenn diese Bestien alle anderen gefressen hatten, was zur Hölle fraßen sie jetzt? Meuchelten sie sich gegenseitig, bis keiner mehr übrig war? Dass Daryan seinen Denkfehler nicht erkannt hatte, war gut, sein Mädchen brauchte nicht noch mehr Aufregung in ihrem schwangeren Zustand.
   »Geht dennoch nicht in meinen Kopf. Was ist mit Shis Verwandtschaft, den Wölfen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass alle von der Bildfläche verschwunden sind.« Daryan sah kurz zu der schlafenden Chimäre.
   »Möglicherweise haben sie sich irgendwo zurückgezogen.« Er schmunzelte. »Jetzt sag mir nicht, du willst auch noch seine Verwandten suchen?«
   »Nein. Ich habe mich nur gewundert, wo all die anderen Tiere sind.«
   In der Ferne ragte ein großes Gebäude rechts von ihnen auf. Es schien als Einziges nicht in sich zusammengefallen zu sein, hatte den äußeren Einflüssen seit Jahrzehnten gestrotzt. Marc stoppte und betrachtete die Umgebung genauer. Das Haus war dem Militär nicht zum Opfer gefallen. Aus den zerborstenen Fenstern ragten grüne dicke Ranken. Moos bedeckte die Außenfassade und bildete auf dem grauen Beton ein eindrucksvolles Mosaik. Eine Vielzahl der mutierten Vögel hockte zwischen den emporwachsenden Efeuranken auf dem Flachdach. Beinahe hätte dieser Anblick etwas Friedfertiges und Harmonisches ausgestrahlt, doch die Tiere schnappten und geiferten sich gegenseitig an. Ihr abnormes Verhalten zerstörte das Bild eines idyllischen Ortes, der seiner grausamen Vergangenheit hatte strotzen können. Die Vögel erweckten einen unruhigen Eindruck und waren so mit sich selbst beschäftigt, dass sie die Fahrzeuge nicht bemerkten. Von Shi war ein leises Knurren zu vernehmen.
   »Ruhig, mein Freund«, sagte Marc leise.
   »Verdammt, was ist das?«, flüsterte Myra, während sie zwischen die Vordersitze rutschte.
   Marc beobachtete ein Dutzend Vögel. Einige nutzten die kaputten Fenster, um in das Gebäude und wieder herauszukommen. Klar! Das Haus bot ihnen Zuflucht, die sie besser nirgends finden konnten.
   »Das sieht wie ein verfluchtes Nest aus«, murmelte Marc. »Irgendwelche Vorschläge?«
   »Ich denke, das sind zu viele, um sich auf einen Kampf einzulassen«, bemerkte Myra. »Die Viecher sehen verdammt hungrig aus. Noch haben sie uns nicht bemerkt.«
   Marc warf einen Blick in den Außenspiegel. Der Lkw war neben ihnen stehen geblieben. Die Plane, unter der der Raketenwerfer stand, flatterte leicht im Wind. Nur allzu gern würde er diesen verdammten Ort zerstören. Er sah zu Daryan. »Wie viele Raketen haben wir noch?«
   Ihre Augen rissen sich überrascht auf. »Keine Ahnung. Du willst die mit Raketen befeuern? Das wäre, als ob du in ein riesiges Wespennest stocherst.« Sie schüttelte den Kopf. »Das lassen wir lieber.« Er beobachtete, wie sie liebevoll über ihren Bauch strich. Wollte sie ihre Kinder beschützen, oder dämmte die Schwangerschaft ihren Kampfgeist?
   »Damit sich die Bande weiter fröhlich vermehrt?«, murrte Marc missmutig.
   Ein schlechtes Gewissen bereitete sich im nächsten Augenblick in ihm aus. Versuchte er gerade Daryans rationale Entscheidungen infrage zu stellen, um seiner eigenen Wut gegen diese Kreaturen freien Lauf zu lassen? Betroffen wandte er den Blick von ihr ab, um erneut das Nest zu beobachten.
   »Daryan hat recht, wir würden das nicht schaffen«, sagte Myra. »Wir sollten sie besser in Ruhe lassen. Eines Tages finden sie sowieso nichts mehr zu fressen und verhungern.«
   »Oder sie fallen eines Tages über die restliche Menschheit her.«
   »Und dann fressen sie sich selbst«, flüsterte Daryan.
   Den Blick hielt Marc weiterhin auf das Gebäude gerichtet, auch wenn ihm Daryans Bemerkung einen Schauder über den Körper jagte. »In jedem Nest steckt jemand, der das Sagen hat. Der dafür sorgt, dass die Untertanen parieren.« Sein Blick schweifte zu Daryan, die ihn fragend musterte.
   »Du meinst, so etwas wie eine Königin in einem Ameisenhaufen?«
   Er nickte. »Korrekt.«
   »Vergiss es, Bruder, wir fahren weiter und kümmern uns irgendwann darum – wenn überhaupt. Momentan haben wir andere Prioritäten.« Myra tippte ihm auf die Schulter und schüttelte den Kopf.
   Marc schmunzelte. »Dass ihr Frauen immer zusammenhalten müsst.«
   Zoey trat ans Fahrerfenster und Marc senkte die Scheibe hinunter. »Möchtet ihr hier Mittag machen? Oder Vogelkunde betreiben?« Mit nachdenklicher Miene sah sie zum Gebäude. »Sind verdammt viele von den Viechern.«
   »Marc hegt den Gedanken, Raketen abzufeuern«, bemerkte Daryan.
   »Dank Liv haben wir vielleicht noch zwanzig Stück und die verballere ich nicht einfach so. Außerdem sagt Bella, in ungefähr fünf Kilometer ist die nächste Markierung.« Also würden sie der Straße doch folgen müssen.
   »Traut sie sich nicht, auszusteigen?«, feixte Marc.
   Zoey grinste. »Nein.« Fragend sah sie Marc an. »Möchtet ihr vorfahren?«
   »Wäre wahrscheinlich besser«, entgegnete Myra. »Dann kannst du gleich weiterfahren, Bruderherz, falls es abermals eine Finte ist und die Siedlung verlassen ist.«
   Sogar Myra erweckte einen gefrusteten Eindruck. Ihm ging es nicht anders. Auch im Sinne seiner Schwester wollte er gern eine positive Entdeckung machen. Vielleicht fanden sie bald ihren Vater. Irgendwo musste er leben. Doch diese verdammte Welt schien so verflucht groß.
   Er drehte sich zu Myra um. »Wenn das wieder ein Reinfall ist, sei nicht traurig, irgendwann werden wir andere H4-Träger und vielleicht auch Vater finden.«
   Sein Blick richtete sich auf Daryan. Ihr Gesicht sah ernst aus. »Ist alles in Ordnung?«
   Sie nickte. »Ja. Lass uns weiterfahren.«
   Shis leises Grollen verhieß nichts Gutes. Sie würden sich dem Gebäude noch einige Meter nähern müssen. Wie gern hätte er Daryan aus dieser Gefahrenzone gehalten, doch wenn Bella sagte, es gab eine Markierung in fünf Kilometern, dann wäre eine Umkehr völliger Unfug.
   Er bemühte sich, dass die Frauen seine Nervosität nicht bemerkten, und legte den Gang ein. Etwas schwungvoller als zuvor fuhr er an den Autowracks vorüber. Vereinzelt erhoben sich einige und zogen Kreise am Himmel.
   »Sie sind so mit sich selbst beschäftigt, dass sie uns offenbar nicht bemerken«, flüsterte Daryan, als könnte ihre Stimme die Kreaturen auf sie aufmerksam machen. Dabei dröhnte der Motor des Jeeps doch deutlich lauter. Ein Vogel flog auf, segelte über die Straße hinweg und nahm Kurs auf das Gebäude zurück.
   Marc warf einen Blick in den Rückspiegel, um der Flugbahn des Vogels zu folgen. Wenn sich die Viecher weiterhin selbst beschäftigten, wäre das optimal für ihr Weiterkommen. Es war gut so, dass er auf Daryan gehört, und nicht zum Angriff geblasen hatte. Sie war und blieb die Besonnenere in ihrer Beziehung. So wie Daryan durch die Schwangerschaft veränderte Verhaltensweisen aufzeigte, so tat er es als werdender Vater wohl auch. Dabei wusste er doch, dass Daryan eine Kämpferin war, nur mit dem Unterschied, dass sie abschätzen konnte, wann ein Kampf Sinn machte. Und egal, was er sagte, er würde ihren Willen nicht brechen.

Kapitel 3

Die Straße wurde um einiges schmaler, als sie Glasgow hinter sich ließen. Die bevorstehende Entdeckung schien Marc in eine stille Euphorie zu stürzen. In seinen Augen war ein freudiges Funkeln zu erkennen.
   Daryan teilte die Vorfreude nicht, auf andere H4-Träger zu treffen. Ein Gefühl sagte ihr, dass sie nicht das vorfinden würden, was sie erwarteten. Womöglich war alles anders, als Marc dachte. Vierzehn Jahre waren vergangen, seit ihr Volk gewaltsam auseinandergerissen wurde. Die HSU hatte tiefe Wunden hinterlassen, irgendwelche Narben mussten zurückgeblieben sein.
   Was, wenn die Überlebenden den Menschen feindlich gesinnt waren? Marc war das beste Beispiel dafür gewesen, wie es den Menschen ergehen konnte. Sein jahrelanges Gemetzel hatte viele das Leben gekostet, und Daryan war sich sicher, dass er das bei Zoey, Jack und auch Bella wiedergutmachen wollte. Sich selbst zu vergeben war immer am schwierigsten. Niemand wusste das besser als Daryan.
   Die Straße führte mit einem scharfen Knick nach links in einen Wald hinein. Die Bäume standen stellenweise so dicht beieinander, dass sie das Tageslicht regelrecht verschluckten. Die bewaldete Lichtung, die nach einiger Zeit vor ihnen auftauchte, ließ Marc auf die Bremse treten. Einige dünne Rauchsäulen stiegen hinter den Bäumen hervor.
   »Da ist tatsächlich Rauch zu sehen«, rief Myra aufgeregt. »Ich kann es nicht glauben.«
   Sogar Shi schien aufgeregt zu sein. Er tapste im Heck hin und her. Sein kleiner Körper bebte. Über Marcs Gesicht huschte Freude. Er griff nach Daryans Hand und drückte sie leicht. »Bist du bereit, mein Schatz, möglicherweise deine Familie wiederzusehen?«
   Leicht nickte sie, obwohl sie nicht wirklich daran glaubte, dass ihre Eltern und ihre Brüder noch lebten. Nach all den Jahren war das höchst unwahrscheinlich, aber sie wollte Marc und auch Myra nicht die Zuversicht nehmen. Die letzten Male waren frustrierend genug gewesen.
   »Lasst uns nachsehen, ja?«, rief er eifrig, während seine Hand bereits auf dem Türöffner lag.
   »Warte, bitte«, hielt Daryan ihn zurück.
   »Was ist?«
   »Die anderen sollten erst mal beim Lkw bleiben«, bat sie gedämpft.
   »Du machst dir Sorgen, dass unsere Leute ihnen nicht wohlgesonnen sind«, stellte Myra fest.
   »Ja.« Es war immer noch ungewohnt, dass Marcs Schwester um die Gedanken der Mitmenschen wusste.
   Myra rutschte nach vorn und sah sie an. »Das kann ich gut verstehen. Daryan hat recht, sie sollten wirklich hierbleiben, bis wir die Lage gecheckt haben. Wir wissen noch nicht mal, wie sie drauf sind, wenn sie uns sehen.«
   »Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie uns feindlich gesinnt sind.« Er sah Myra an. »Wir sind von einem Volk, der Kodex …«
   »Den sie nicht einhalten müssen, nachdem unsere Zivilisation den Bach runterging.« Myras Stimme klang hart, und Daryan drehte sich zu ihr um.
   Trauer war in Myras Gesicht zu erkennen. Auch nach der langen Zeit, die Daryan mit Marc zusammen war, empfand sie nicht diese Trauer. Der Kummer fühlte sich fremd an, und daran war die HSU schuld. Die vielen Gehirnwäschen hatten etliche Erinnerungen zerstört, und Daryan konnte froh sein, dass sie überhaupt noch wusste, wer sie war. Von einer totalen Säuberung, wie die Bosse es genannt hatten, war sie dank Lisbeth, verschont geblieben. Eigentlich empfand sie im Bezug auf ihre Familie nichts, und das fühlte sich erschreckend an. Am liebsten hätte sie die Flucht ergriffen, um sich nicht anderen H4-Trägern zu stellen. Oder besser, ihrer Familie gegenüberzutreten, die ihr so fremd war, dass es ihr unmöglich schien, jemals etwas anderes zu fühlen.
   »Ich werde es den anderen sagen.« Myra kletterte aus der hinteren Tür.
   »Deine Schwester hat recht. Auch wenn die Überlebenden zu uns gehören, müssen wir vorsichtig sein«, gab Daryan zu bedenken. »Wir wissen nicht, wie sich ihr Denken und Handeln in den vierzehn Jahren entwickelt hat. Du weißt, auch ich habe den Kodex nicht befolgt und dich …« Sie stockte und senkte den Blick.
   Die Scham, dass sie ihn wehrlos zurückgelassen hatte, war manchmal noch präsent. Beinahe hätte sie den Mann getötet, den sie eigentlich vom ersten Augenblick an geliebt hatte – auch wenn sie sich das damals nicht eingestehen wollte. Seine Hand strich zärtlich über ihre Wange, und sie sah auf.
   »Ich weiß, trotzdem konntest du mir nicht widerstehen«, raunte er. Marc beugte sich vor und küsste sie sanft auf ihren Mund. Sein Gesicht war ihrem nahe. »Nachdem ich Myra wiedergefunden habe, würde ich auch gern meinen Vater wiedersehen. Bist du nicht neugierig, ob deine Familie hinter dieser Lichtung lebt?«
   Sie wandte sich ab und sah aus der Windschutzscheibe. Ihre Ängste sollte er nicht in ihrem Gesicht erblicken. »Bin ich nicht«, sagte sie knapp.
   »Das überrascht mich.« Er fasste nach ihrer Hand, hielt sie fest, als Daryan sie wegziehen wollte.
   »Ich habe keine Erinnerung an meine Familie, als ob sie nie da gewesen wäre.« Sie sah ihn an, hoffte, dass er für ihre Sorgen Verständnis aufbrachte. »Ich wüsste noch nicht mal, wie ich meine Eltern und meine Brüder erkenne. Noch vor Kurzem habe ich gedacht, dass es das Schönste wäre, sie wiederzusehen, aber jetzt …« Tränen traten in ihre Augen. »Ich fühle nichts – überhaupt nichts. Ich trage ein riesiges schwarzes Loch in mir, wenn ich an sie denke.«
   »Es war doch auch dein Wunsch, unser Volk zu suchen.« Marc klang enttäuscht, aber vielleicht bildete sich Daryan das auch nur ein. Sie hatte ihn nicht enttäuschen wollen, nach dem ganzen Desaster ihrer Suche.
   »Das ist es auch noch. Gib mir einfach ein wenig Zeit, mich darauf vorzubereiten. Ich …«
   Er zog sie an sich. »Du hättest doch sagen können, dass es dir zu schnell geht, dann hätten wir irgendwo eine längere Rast gemacht.«
   Daryan schüttelte den Kopf, denn darum ging es nicht. »Das Gefühl ist erst jetzt aufgetaucht. Dem Ziel so ganz plötzlich nah zu sein, macht mir Angst.«
   Marc lächelte zärtlich. »Hey, ich bin ebenso aufgeregt, weil ich nicht einschätzen kann, was uns erwartet. Ich weiche nicht von deiner Seite, mein Schatz. Auch Myra wird dich beschützen. Wir sind eine Familie.«
   Seine Worte wärmten ihr Herz. »Das weiß ich doch.«
   »Falls deine Familie noch lebt, werden sie dich ganz bestimmt erkennen.«
   Das half ihr zwar nicht wirklich über die Angst hinweg, aber es zeigte, dass die Zukunft mehr für sie bereithielt, als eine ständige Flucht vor sich selbst. Sicher, sie hatte sich fest vorgenommen, sich nie wieder vor der Vergangenheit zu verschließen, manchmal fiel ihr das aber noch furchtbar schwer. Die negative Altlast schien wie eine Klette an ihr zu hängen, um die schönen Momente zu verdrängen.
   Myra trat an die Seitenscheibe. Ein Schwall kühler Luft drang ins Innere, als Marc die Scheibe senkte. Shi steckte neugierig die Nase aus der Öffnung und schnüffelte laut. Auch er schien eine Veränderung zu fühlen. Nach so vielen Jahren würde die Chimäre, die etwas ganz Besonderes für ihr Volk war, einer neuen, anderen Zeit entgegensehen.
   Daryan zog die Jacke enger um ihren Körper. Lisbeth hatte sie ihr gegeben, nachdem sie ihr aus dem unterirdischen HSU-Bunker geholfen hatte. Warum sie gerade jetzt an die Frau dachte, begriff sie nicht.
   »Die anderen bleiben hier. Jack ist ebenso der Meinung, dass wir uns erst mal allein umsehen sollten. Sie schlagen ein Lager auf.« Myra sah Daryan an. »Vielleicht ist es besser, wenn auch du hierbleibst?«
   »Warum?«, fragte Daryan, obwohl sie diesen Vorschlag begrüßte.
   »Ich bin mir nicht sicher. Je länger ich über das bevorstehende Treffen nachdenke, umso unwohler wird mein Gefühl.« Sie hielt inne und fügte leise hinzu. »Womöglich kommt es zu einem Kampf.«
   »Hattest du eine Vision?«, fragte Marc.
   »Nein, es wäre schön, wenn ich eine gehabt hätte.«
   Marc drückte sanft Daryans Hand. »Wäre dir wohler, mein Schatz, wenn du bei den anderen bleibst? Ich werde nachfragen, ob deine Familie unter ihnen ist.«
   Daryan nickte. »Das wäre es durchaus.«
   Er strich sanft über ihre Wange. »In deinem Zustand ist es einfach zu gefährlich, sollte es tatsächlich zu einer Auseinandersetzung kommen. Shi lasse ich bei dir.« Marc sah zurück zu seiner Schwester. »Ich finde, wir sollten Jack als Rückdeckung mitnehmen. Er ist ein hervorragender Scharfschütze. Er könnte sich irgendwo verstecken und falls … Aber hoffen wir, dass es nicht so sein wird.«
   »Klar komme ich mit.« Jack tauchte neben Myra auf, in den Armen hielt er das große Gewehr. Auf seinen Lippen lag ein Grinsen. »Ich kann einer Maus aus zweihundert Metern in den Hintern schießen.«
   »Dann lasst uns nicht länger diskutieren.« Er gab Daryan einen Kuss und legte sanft seine Handfläche auf ihren gewölbten Bauch. »Und du wirst schön auf unsere Lieblinge aufpassen, ja?«
   »Mache ich. Seid bitte vorsichtig.«
   Zum Abschied lächelte er noch einmal. »Sind wir.«

Kapitel 4

Die Luft wurde zunehmend von Fischgeruch begleitet. Sie betraten die Lichtung und umrundeten vorsichtig einige Baumreihen. Dass sie dem Ziel so nahe waren, erzeugte in Marc ein angespanntes Kribbeln. Er vernahm Stimmen, sie waren fast am Ziel. Myra griff nach hinten und zog den langen, dünnen Säbel aus der Hülle.
   »Glaubst du, das ist notwendig?«, fragte er leise.
   Ihr Gesicht sah konzentriert und ernst aus. »Gewohnheit.«
   »Geht ihr allein weiter, ich suche mir einen schönen Platz.« Jack drehte nach links ab und verschwand durch das Dickicht.
   Marc ging schneller. Er trat aus dem Dickicht und stoppte – er fand sich zwischen zwei kleinen Holzhütten wieder. Die Erinnerung an seine alte Heimat schien wie ein Hammerschlag auf ihn niederzufahren. Die Hütten sahen genau so aus, wie er sie im Gedächtnis hatte. Vor den Fenstern hingen Felle oder Stoffe. Die spitzen Dächer waren mit dickem Schilf bedeckt. Marc erinnerte sich gut, wie er mit seinem Vater das Dach ihres Hauses ausgebessert hatte, nachdem das Schilf einem Sturm zum Opfer gefallen war. Drei große Baumstämme, die um das große Lagerfeuer herum lagen, dienten als Sitzplätze.
   Was jedoch einen befremdlichen Eindruck hinterließ, waren die drei grauhaarigen alten Frauen, die am Lagerfeuer auf einem Baumstamm saßen und etwas in einem großen Kessel einstampften. Noch hatten sie Myra und ihn nicht bemerkt. Sein Geruchssinn nahm den intensiven H4-Geruch auf und noch etwas anderes. Myra schnappte hörbar nach Luft und ließ den Säbel sinken.
   »Ich weiß nicht, wie es dir geht, Bruder«, flüsterte sie, »aber mir ist nicht wohl.«
   Er sah sie an. »Was meinst du?«
   »Die Gedanken der Frauen … Sie sind verworren.« Myra blickte ihn mit großen Augen an. »Als ob sie den Verstand verloren hätten.« Sie hob den Säbel. »Den werde ich garantiert nicht wegstecken.«
   »Bleib hinter mir. Ich gehe vor.«
   Marc ging einige Schritte vorwärts. Die Köpfe der drei Frauen fuhren so schnell herum, dass sich ein Keuchen aus seiner Kehle löste und er stehen blieb. Nicht, weil sie ihn bemerkt hatten, sondern die Tatsache, dass die Augen der Frauen schneeweiß waren. Sie waren blind. Was ihn aber noch mehr beunruhigte: Die Hände und die Unterarme waren blutverschmiert.
   »Was haben die da im Kessel?«, wisperte Myra.
   Eigentlich wollte Marc das nicht so genau wissen. Er ließ den Blick flink umhergleiten. Insgesamt standen acht Holzhütten um das Lagerfeuer herum. Außer den drei Frauen war niemand zu sehen.
   »Sprich. Wer seid ihr?«, krächzte eine Alte mit rauer Stimme. »Wir haben euch schon lange gehört.«
   »Myra und Marc McBride. Wir suchen unseren Vater Patrick McBride.«
   »Wir kennen den Namen nicht.«
   Die Alte kicherte leise. Aus unerklärlichen Gründen stellten sich Marcs Nackenhaare hoch. Das Wiedersehen hatte er sich anders vorgestellt. Keine Wiedersehensfreude, keine lächelnden Gesichter, die sie Willkommen hießen, kein Fest zu ihrer Heimkehr. Nun hatten sie diesen weiten Weg zurückgelegt und alles fühlte sich fremd an. Wo steckten die Bewohner der restlichen Hütten?
   Jetzt zog auch er seine Waffe, entsicherte sie und ging einen Schritt vorwärts. »Lebt ihr hier allein?« Wachsam sah er sich in der Umgebung um.
   Die Alte kicherte erneut, während die anderen Frauen schweigend danebensaßen. Marc wurde das langsam zu bunt.
   »Wo sind anderen?« Seine Stimme besaß nun einen scharfen Klang.
   Das Kichern erstarb und ihr faltiges Gesicht verzog sich hämisch. »Da, wo sie schon lange sind: unter der Erde.«
   Myra entwich ein Keuchen. »Du meinst, sie sind alle tot?«
   »Du hast es erfasst«, krächzte die Alte.
   »Wie …?«
   »Wie sie gestorben sind? Der letzte Winter war lang und kalt, wir hatten wenig Nahrung.«
   Marc trat näher heran. Der Geruch von Blut ließ ihn jedoch wieder zurücktreten. Der Gestank weckte Erinnerungen, an die er nicht mehr denken wollte. All das Blut an seinen Händen, all das Leid, das er gebracht hatte … Ich bin nicht mehr böse, ich trage ein gutes Wesen in mir. Er hatte längst bewiesen, dass er zu mehr fähig war, als nur zu morden. Sein Blick richtete sich auf den Kessel. »Was ist in dem Kessel?« Mit Absicht ließ er seine Stimme drohend klingen.
   »Unser Mittagessen.«
   »Das reicht jetzt, Pia«, rief eine Frauenstimme energisch.
   Aus der Hütte gegenüber trat eine Frau mittleren Alters. Ihre blonden Haare waren zu einem dicken, langen Zopf geflochten. Die Augen erstrahlten in einem Grün. Ihr Blick ließ schließen, dass sie ihrer Autorität voll bewusst war. Sie erinnerte ihn an Liv, nur das diese Frau in ihrem Inneren garantiert kein Feigling war. Stolz hatte sie den Kopf erhoben, während sie Myra und Marc musterte. An ihrem linken Arm prangte die schwarze Zeichnung, die sie als Dorfälteste auszeichnete. Die weiseste Frau in dem Dorf. Diejenige, die das Wissen der Vergangenheit in sich trug und die in einem langen Ritual auserwählt worden war.
   Marc starrte auf die verschlungenen schwarzen Schriftzeichen. Wieso war eine Frau mittleren Alters die Dorfälteste und nicht eine von den alten Weibern? Das passte nicht, sie war zu jung dafür. Die Frau war allenfalls Mitte vierzig.
   »Die alten Weiber am Feuer sind zu verwirrt, um Dorfälteste zu werden«, wisperte Myra, die mal wieder seine Gedanken las. »Du brauchst dir also nicht den Kopf zu zerbrechen.«
   Kein Gesicht kam Marc bekannt vor. Entweder hatten sie nicht in seinem Dorf gelebt oder er hatte sie nie beachtet. Nicht mal die drei Alten waren ihm bekannt. Mit sicheren Schritten trat die Fremde auf Myra und Marc zu.
   Ihr Aussehen gab ihm Rätsel auf. Die Frau besaß weiche Züge, es passte nicht zu der rauen, bedrohlichen Umgebung, in der sie sich befanden. Ihr Gesicht war weder zu einer mürrischen noch gramgebeugten Fratze verzogen. Ihr fehlten auch die dunklen Augenringe, die fast jeder mangels Schlaf vorweisen konnte.
   Mit ihrer weißen Haut sah sie so aus, als gäbe es noch etwas, auf das sie hoffen konnte. Die Dorfälteste passte nicht ins Gesamtbild. Um es auf den Punkt zu bringen: Sie sah viel zu zart für die raue, grausame Welt aus, dennoch schien sie etwas in sich zu tragen, dass sie zu einer sehr starken Gegnerin machte.
   Die dicke Wollhose, Weste und der Mantel sahen abgenutzt und alt aus. Ihr Blick trübte keine Angst, kein Schatten der Verzweiflung und ständigen Entbehrungen. Sie sah … wie sollte er es ausdrücken … zu unbeschwert aus, als ob draußen kein Krieg tobte und sie in ihrer eigenen Welt lebte.
   »Der Mann mit dem Gewehr kann beruhigt hervortreten«, sagte sie mit wohlklingender Stimme. »Eirene, Ryan und Blaze haben ihn bereits gestellt.«
   Jack trat aus dem Dickicht hervor. Seine linke Gesichtshälfte wies einen feuerroten Abdruck auf. Hinter ihm gingen drei vermummte schwarz gekleidete Gestalten. Nur die Haare und Augen waren zu sehen. Was diese Aufmachung für einen Sinn und Zweck ergeben sollte, war Marc schleierhaft. Eine von den Gestalten trug das Sturmgewehr. Jack stellte sich neben Marc.
   »Das ging wohl in die Hose«, murmelte er.
   »Was ist mit deinem Gesicht passiert?«, erkundigte sich Marc leise.
   »Nicht jetzt.«
   »Misstraut ihr eurem eigenen Volk so sehr, dass ihr bewaffnet in unseren Kreis einmarschieren müsst?« Die Stimme der Frau klang vorwurfsvoll, aber nicht unfreundlich.
   »Wir wollten nur vorsichtig sein«, entgegnete Myra.
   Ihr Körper sah angespannt aus. Marc hätte sehr gern gewusst, was seine Schwester in den Gedanken der Frau las. Da Myra nicht den Säbel sinken ließ, musste sie wohl etwas gelesen haben, das beunruhigend war.
   »Wir möchten keine Schwierigkeiten«, sagte die Frau.
   »Wir auch nicht«, entgegnete Marc und steckte als Zeichen des guten Willens die Waffe weg.
   Er sah seine Schwester an. »Steck den Säbel weg«, raunte er. »Oder gibt es einen ernst zu nehmenden Grund, das nicht zu tun?«
   »Das weiß ich noch nicht.« Zögernd ließ sie den Säbel hinter ihrem Rücken verschwinden. Ihre Miene sah argwöhnisch aus.
   In seiner Vorstellung war das Wiedersehen anders verlaufen. Nicht mal den Namen der Dorfältesten kannte er. Auch die schwarz gekleideten Gestalten, die still neben der Fremden standen, hielten es nicht für nötig, sich vorzustellen. Die sechs Augenpaare schienen ihn ohne großes Interesse zu mustern. Die Frau lächelte und wies zum Lagerfeuer, auf dem jetzt der Kessel stand. »Du hast sicher Fragen, Marc? Wenn ihr möchtet, dürft ihr an unserem Mahl teilhaben. Es gibt Hasengulasch und Gemüse.«
   Ob er Fragen hatte, wusste er noch nicht so genau. Das kam darauf an, ob sie blieben oder nicht.
   »Ich heiße übrigens Claire, und ihr wisst sicher, wer ich bin?«, fuhr die Frau fort.
   »Die Dorfälteste«, entgegnete Marc ernst.
   Sie nickte. »Mir wurde das Amt von meinem Vater übergeben, der vor zwei Wintern starb.«
   »Wie viele seid ihr?«
   »Bis vor Kurzem waren wir noch fünfzehn, jetzt nur noch sieben. Erst waren die Kreaturen das Leid, dann der kalte Winter, wo wir kaum Nahrung fanden und zuletzt verschwanden einige der Bewohner.«
   Marc wurde hellhörig. »Hatte die HSU ihre Finger im Spiel?«
   »Möglich. Wir wissen es nicht.«
   Die Tatsache stieß bei ihm auf Unverständnis. Sie schrieb ihre Leute einfach so ab? »Ihr habt euch nicht vergewissert?«
   »Wozu suchen? Unsere Leute sind weg.«
   Marc verstand noch weniger. Wo war der Kampfgeist seines Volkes geblieben? Wieso schien er der Einzige zu sein, der Vergeltung üben wollte? Und weshalb fiel es ihnen so schwer, einen kalten Winter zu überstehen? Sie lebten offenbar schon sehr lange hier. Eventuell viele lange Jahre, da mussten sie doch eine gewisse Raffinesse entwickelt haben, um auch einem harten Winter zu trotzen. Ihre Heime wurden von keinem Zaun geschützt. Jeder ging hier ein und aus, ob Freund, ob Feind. Er begriff das nicht.
   »Warum kämpft ihr nicht?«, platzte es aus Marc heraus.
   »Wir kämpfen nicht mehr. In der Vergangenheit haben wir zu viele Tote begraben.«
   Die Worte kamen ihm durchaus bekannt vor. Liv hatte ähnlich gesprochen. Diese Resignation war ihm fremd. Möglich, dass er zu lange der Welt den Rücken gekehrt hatte, um von außerhalb etwas mitzubekommen. Sein Eigenbrötlerleben war jedoch notwendig gewesen – bis ihm die Frau fürs Leben begegnet war. Marc dachte gern an das erste Zusammentreffen mit Daryan zurück.
   »Gerade dann sollten wir gemeinsam an vorderster Front stehen. Ein für alle Mal die HSU zu Fall bringen, zusammen können wir das schaffen.«
   Claire lächelte nachsichtig. Sie nahm seinen Appell offensichtlich nicht für voll. »Man merkt, dass du lange von deinem Volk entfernt gelebt hast. Du besitzt noch den wilden Kampfgeist, der uns abhandengekommen ist. Früher waren wir stolz, stark und voller Tatendrang, doch heute …« Sie schüttelte betrübt den Kopf. »Nein, Marc. Wir wollen nur in Frieden leben.«
   »Stell dir vor, das wollen wir auch, aber nicht mit der HSU im Nacken«, knurrte er mit unheilvoller Stimme.
   Wie sich zeigte, durfte er von Claire keine Hilfe erwarten. Diese Leute waren nicht bereit, für ihre Freiheit zu kämpfen, sie wollten weiterhin der Knechtschaft einer Organisation unterliegen. In seinem Kopf flammte für einen Augenblick ein waghalsiger Plan auf, eine winzige Eventualität, ein Weg, den zu gehen, eine große Gefahr darstellte. Wie sah das allerdings für den Rest der Erdenbewohner aus? Wären die bereit zu kämpfen?
   Leicht schüttelte er den Kopf. Völliger Unsinn. Den Plan sollte er sich schnell aus dem Kopf schlagen, das war einfach zu riskant.
   Eine Frage gab es aber noch zu klären, bevor sie weiterzogen. »Lebt eine Familie Anderson unter euch?«
   Claire schwieg, während durch den Körper einer vermummten Gestalt ein Ruck fuhr. Sie zog das Tuch vom Gesicht hinunter, und zum Vorschein kam ein Mann mittleren Alters, mit schulterlangen, dunklen Haaren. Das scharf geschnittene Gesicht musterte Marc voller Argwohn. In den braunen Augen schien ein Feuer zu wüten, so sehr brannte sich der Blick in Marcs Gesicht.
   »Ich bin Ryan Anderson«, sagte der Mann mit strenger Stimme. »Weshalb nimmst du den Namen meiner Familie in den Mund?«
   »Weil meine Frau Daryan eine Anderson ist.«
   Die Gesichtsfarbe des Mannes nahm eine weiße Färbung an. Marc ahnte, dass er möglicherweise Daryans Bruder oder Vater gegenüberstand.
   »Meine Tochter hieß Daryan, sie ist jedoch …« Der Mann trat einen unsicheren Schritt vor. »Wo ist sie?«
   »Das tut nichts zur Sache.« Claire machte eine forsche Handbewegung, und der Mann trat zurück.
   »Sie wartet mit den anderen am Jeep.« Marc wollte den Mann nicht in Unwissenheit lassen, auch wenn Claire das anders sah.
   »Woher kommt ihr?«, schnitt Claire ein anderes Thema an.
   »Wir kommen aus dem Süden. Wir sind aber nicht allein.«
   Sie lächelte. »Wir wissen, dass ihr mit Menschen unterwegs seid. Eirene«, sie wies auf eine der vermummten Gestalten, »hat euch bereits angekündigt. Sie ist eine sehr gute Späherin. Ihr habt eine Chimäre bei euch, und nur deshalb haben wir euch erlaubt, in unseren Kreis zu treten.«
   »Shi«, wisperte Ryan erfreut.
   Claire zischte ihm etwas zu, und der Mann neigte den Kopf. Der Ältesten ins Wort zu fahren, erwies sich hier als nicht ratsam. Sie duldete offenbar keine Regelbrüche in der Gemeinschaft. Mit der übertriebenen Strenge konnte man den Bogen auch überspannen. Sogar ihm ging der herrische Ton gehörig auf die Eier.
   Marc lächelte den Mann an. Es interessierte ihn nicht, dass er womöglich eine Gemeinschaftsregel brach. »Richtig. Die Chimäre, die du gezähmt und Daryan geschenkt hast.«
   Ryan sah flüchtig auf und lächelte ebenfalls. Marcs Plan war doch nicht so unsinnig. Daryans Vater wusste, wie man Chimären zähmte.
   »Falls ihr bleiben möchtet, teilen wir gern unser Mahl mit euch – auch mit den Menschen.« Claires Tonlage duldete keine Unterbrechung mehr.
   Aus den Augenwinkeln bemerkte er Myras fragenden Blick. »Was sagst du dazu?«, flüsterte sie.
   Marc wusste nicht wirklich, was er machen sollte. Er sah sie an. »Was liest du in ihren Gedanken?«
   »Die Dorfälteste schirmt sich gut ab.« Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. »Noch nie bin ich auf solch eine Barriere gestoßen. Die anderen sind alle verunsichert und die alten Weiber verwirrt.« Sie lächelte. »Aber Daryans Vater freut sich sehr.«
   »Ich werde das erst mit Daryan bereden, ob wir bleiben«, wandte er sich an Ryan. »Tut mir leid. Falls sie weiter möchte, werde ich nicht dagegen sein.«
   Ryan schwieg, er sah betroffen aus. Einerseits tat es Marc leid, andererseits musste er in erster Linie an Daryan denken. Er hatte ihren entsetzen Blick gesehen. Für sie war ihre Familie fremd. Wie würde sie also reagieren, wenn sie von ihrem Vater erfuhr?
   Die Dorfälteste nickte und gab einer vermummten Gestalt leise Anweisungen. Die trat vor, um Jack das Sturmgewehr zurückzugeben.
   »Solltet ihr euch entschließen, zu bleiben, könnt ihr die Fahrzeuge vor der Lichtung parken. In der Zeit lasse ich einige Hütten herrichten – für alle Fälle.«

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