Die junge Hexe Sybil Bellis hegt nur einen Wunsch. Sie möchte endlich magische Fähigkeiten besitzen, denn die Magie wurde in ihrer Familie wegen eines dunklen Fluchs unterbunden. Nur ein Blutsaphir könnte dies umgehen. Ohne den daran gebundenen Blutgeist ist der Juwel aber wirkungslos, deshalb braucht sie Darvin von Moorfels. Der ist von ihrem Vorschlag nicht gerade begeistert, denn Sybils Urgroßmutter verfluchte ihn damals zu einem Leben als Vampir. Natürlich verheimlicht Sybil ihre Herkunft. Trotzdem bleibt Darvin misstrauisch, verweigert ihr zunächst seine Hilfe. Der jungen Hexe bleibt nur ein letztes Mittel. Sie erpresst Darvin mit dem Silberachat, der für ihn vielleicht Erlösung bedeuten könnte. Widerwillig lässt sich Darvin auf dieses Unterfangen ein. Womit Sybil nicht rechnet, ist die Zuneigung, die sie viel zu schnell zu dem Mann verspürt.

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ISBN: 978-9963-53-483-8

Seiten: 259

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Tanja Bern

Tanja Bern
© Svenja Born
Tanja Bern ist dem Ruhrgebiet immer treu geblieben, obwohl sie eine Vorliebe für die nordischen Länder hegt. Sie ist in Herten geboren und lebt heute mit ihrer Familie und drei Katzen in einem kleinen Gelsenkirchener Stadtteil. Durch eine starke Verbundenheit zur Natur und die Liebe für mystische Bücher entstand bei ihr schon früh das Bedürfnis zu schreiben. Zu der Fantasy ist vor allem die Romance ein fester Bestandteil in den Geschichten von Tanja Bern, die den Leser mit ihren authentischen Figuren zu fesseln weiß. Die Autorin hat schon mehrere Bücher und E-Books veröffentlicht und ist in diversen Anthologien vertreten.

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Leseprobe

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Eine Tasse Blut

Nebel sank auf die Gräser, die sich sachte im Wind wiegten. Darvin lauschte dem Atem der Tiere, die auf der Weide standen. Der Flügel des Raben streifte seine Wange, als der Vogel auf seiner Schulter in eine andere Position balancierte. Sachte zupfte er mit dem Schnabel an Darvins Haar.
   »Hör auf damit, Ceyl«, raunte Darvin.
   Der Rabe war sein Gefährte. Das Tier beherbergte eine besondere Seele, die ihm treu ergeben war. Darvin hob die Hand und strich ihm über das Gefieder.
   Er konzentrierte sich wieder auf das Gehöft. In den Fenstern sah er Feuerschein, das Haus selbst wirkte wie ein Schatten im Mondlicht. Ein Pferd schnaubte leise, wandte seinen Kopf in seine Richtung. Gefahr witterte es nicht.
   Darvin gab dem Raben ein Zeichen, sodass er aufflog. Mit seinem schwarzen Federkleid schwebte er unsichtbar am Nachthimmel, wartete auf Darvin, der sich nun aufrichtete und über die Trockenmauer kletterte. Langsam ging er auf die Arbeitspferde zu. Eine Fuchsstute trottete ihm entgegen. Für einen Augenblick hörte er, wie ihr Herz das Blut durch den großen Körper pumpte. Sie stieß ihn sachte an die Schulter und Darvin legte seine Hand an ihre Flanke, strich über ihr Fell. Das Pferd rührte sich nicht, als stünde es unter seiner Kontrolle.
   Die Tür des Hofes öffnete sich, jemand schwankte hinaus, stieß einen wütenden Fluch aus.
   Endlich!
   Darvin löste sich von dem Pferd, hörte Ceyls leises Flügelschlagen über sich.
   »Was machen Sie auf meiner Weide?«, fauchte der Mann.
   Darvin ging ungerührt auf ihn zu. Eine Antwort gab er ihm nicht. Er schwang sich mit einem Satz über das Gatter und blieb vor dem Bauern stehen. Der wich verunsichert zurück. Hunger flammte in Darvin auf, so sehr, dass es all seine anderen Sinne vernebelte. Der Zauber, der auf ihm lag, kam wie ein Dämon hervor. Bevor der andere auch nur einen Schritt zurücktreten konnte, packte Darvin den Mann und zog ihn zu sich heran. Er spürte nun seine Fangzähne mit der Zunge und biss dem entsetzten Bauern in den Hals, sodass ihm das warme Blut in den Mund floss. Alle anderen Gedanken vernebelten sich. Darvin löschte das Dasein des Mannes, als bliese er eine Kerze aus. Der Bauer erschlaffte in seinen Armen, Darvin ließ ihn einfach los, und sein lebloser Körper sank wie ein Sack zu Boden.
   Seit zwei Tagen beobachtete Darvin diesen Hof, hatte sich umgehört. Nie wieder würde der Mann seine Kinder schlagen oder seine Frau nötigen, ihm zu Willen zu sein. Er würde nie mehr die Pferde peitschen und sie an einen Schlachter verkaufen, wenn sie ausgedient hatten.
   Schuldgefühle wollten in Darvin erwachen und er drehte sich abrupt weg, lief in Richtung des Waldrandes. Er hatte keine Wahl, musste töten. Seit neunzig Jahren lag ein Fluch auf ihm. Wie oft hatte er versucht, diesem wahnsinnigen Hunger zu entkommen. Darvin hatte schon vor Jahren aufgehört, zu zählen, wie oft er gescheitert war.
   In den Augenwinkeln sah er, wie die Fuchsstute ihm hinterherschaute. Der Rabe flog haarscharf an seinem Kopf vorbei, aber Darvin duckte sich nicht. Ceyls Ruf hallte durch den Laubwald, der vor ihm lag. Ein letztes Mal sah Darvin zurück zu dem Gehöft, schob jeden Anflug von Reue beiseite.
   Die Bäume umfingen ihn wie eine schützende Hülle. Alle Tiere nahm er wie einen kleinen Lebensfunken wahr. Sie waren die Einzigen, bei denen er keinen Hunger verspürte.
   Der Weg zurück zum Herrenhaus zog sich in die Länge, weil Darvin seine Fähigkeiten bewusst vernachlässigte. Er wollte nicht schneller oder leiser sein als ein Mensch. Das Geräusch der raschelnden Blätter und der knackenden Äste genoss er, weil es ihn an die Zeit vor dem Fluch erinnerte. Das Raubtier in ihm käme früh genug wieder hervor. Die Schatten der Moorfelsen ragten vor ihm auf und er umging sie. Weiter hinten begannen die sumpfigen Stellen und er wich bewusst nach Westen aus.
   Darvin stockte, er witterte einen alarmierenden Geruch.
   Feuer!
   Für den Augenblick fiel der Mensch wieder von ihm ab und er raste in Richtung des alten Herrenhauses, das er bewohnte. Aber seine Sorge war unbegründet. Es war nur Morgret, der, mit einer Fackel bewaffnet, auf ihn wartete.
   Mit einem tiefen Atemzug ging er auf ihn zu, ein Seufzen konnte er nicht unterdrücken. »Du hast Mut. Glaubst du, die Fackel hielte mich wirklich auf?«, sagte er und lehnte sich an die metallene Umzäunung seines Anwesens, weil Morgret das Tor versperrte.
   Der Mann räusperte sich und packte den Stiel seiner nutzlosen Waffe fester. »Wer sagt denn, dass ich dich aufhalten will? Ein bisschen Licht hat in der Nacht noch nie geschadet.«
   Darvin schnaufte belustigt auf.
   »Ich will dir einen Vorschlag unterbreiten«, sagte Morgret.
   »Eigentlich möchtest du mich viel lieber töten, doch weißt nicht wie.«
   »Das mag sein, aber ich weiß, dass das nicht möglich ist. Der Fluch würde dich immer wieder erwecken.«
   Und wenn sie es wirklich schaffen würden, ihn gänzlich zu vernichten, durch Verbrennung, ginge der Fluch auf einen anderen über.
   »Ihr müsst also mit mir leben, ob ihr wollt oder nicht«, flüsterte Darvin und dachte, dass er das ebenso musste. »Was also willst du mir vorschlagen?«
   »Du kannst dich nicht weiter als Richter aufspielen, die Menschen im Dorf …«
   »Soll ich lieber Unschuldige töten?«, zischte Darvin.
   »Nein, nein, natürlich nicht«, beschwichtigte Morgret und hielt die Fackel etwas höher, bereit ihn abzuwehren, falls er angriff. »Aber ich bin für die Sicherheit im Dorf verantwortlich und viele sind schon aus dieser Gegend geflüchtet, weil sie Angst haben.«
   Das sollten sie auch, dachte Darvin. »Was also schlägst du vor?«
   »Wir werden dir jeden Tag eine Tasse Blut geben, wenn du aufhörst zu töten.« Tatsächlich hob Morgret etwas vom Boden auf und hielt es ihm hin. Der Körper des Mannes bebte vor Furcht. Er wich trotzdem nicht zurück.
   »Wessen Blut ist das?« Der Geruch stieg ihm in die Nase und kitzelte die Gier in ihm. Dieser Fluch schien etwas geweckt zu haben, das niemals hätte hervorkommen dürfen. Mit einer fast fahrigen Bewegung nahm er die Tasse und sog das Aroma des Blutes auf. Tatsächlich kein Tierblut.
   »Wir haben beschlossen, dass jeder von uns etwas Blut opfert. Jeden Tag ein anderer. Es ist mein Blut. Ich beginne.«
   Wut quoll in Darvin hervor. »Du kommst hierher, mit einer Tasse von deinem Blut und denkst, es stimmt mich milde?« So gern er das Blut probiert hätte, es genügte nicht. Er warf Morgret die Tasse vor die Füße. »Ihr habt nicht die geringste Vorstellung davon, was es heißt, ein Blutgeist zu sein!«
   Mit einer Bewegung, die Morgret wohl nicht einmal sehen konnte, kam er auf ihn zu, stieß ihm die Fackel aus der Hand und packte den Mann am Kragen. »Es ist nicht nur das Blut! Der Fluch zwingt mich, zu töten! Glaubst du nicht, ich hätte in den neunzig Jahren nicht alles versucht, um dem zu entkommen? Es ist auch euer Fluch, Morgret. Die Hexe wollte, dass wir alle leiden.«
   Der Mann zitterte, wich aber seinem Blick nicht aus. Darvin bewunderte ihn insgeheim dafür.
   »Einen Versuch ist es doch wert, oder?«, wagte Morgret zu sagen.
   »Ich habe es bereits versucht! Wissen eure Alten denn gar nichts mehr? Vor vierzig Jahren und am Anfang des Fluchs. Und weißt du, was jedes Mal das Ergebnis war?«
   Morgret schüttelte den Kopf.
   »Dass ich tagelang kaum bei Sinnen war und wahllos getötet habe. Und jetzt verschwinde von meinen Ländereien.«
   Darvin stieß Morgret in Richtung des Waldes, den er durchqueren musste, wenn er zum Dorf zurück wollte.
   »Ich weiß, du beschützt unser Dorf auch auf gewisse Weise vor Verbrechern, aber … es ist falsch. Sie werden …«
   »Verschwinde«, knurrte Darvin.
   Das Blut aus der Tasse sickerte in die Erde. Darvin sog ungewollt den Duft in sich auf. Morgret wäre längst tot, wenn er den Bauern nicht zuvor umgebracht hätte. Der Fluch kam hervor wie glühende Lava. An Morgrets entsetztem Gesicht sah er, dass sich bereits sein Aussehen veränderte. Bevor er ihm etwas antun konnte, sprang er über den hohen Zaun, rannte ins Haus und warf die Tür hinter sich zu. Schwer atmend lehnte er sich dagegen.
   Er kannte Morgret, seit er ein Junge war. Er hielt die Dorfgemeinschaft zusammen, war ein guter Mann. Solche Menschen versuchte er zu schützen, trotz des Fluchs. Oft gelang es ihm manchmal nicht.
   Mit einem Unmutslaut lief er in seine Bibliothek. Erneut holte er das abgegriffene Buch der Hexen hervor, das er ihnen einst gestohlen hatte. An Tagen wie diesen fühlte sich der Einband an, als brannte er ihm in die Haut. Aber er musste sich diese Bilder ansehen, um weiterhin zu widerstehen.
   Ceyl flatterte durch ein offenes Fenster zu ihm herein, hielt jedoch Abstand. Vielleicht spürte er, dass Darvin im Moment keine Nähe ertrug. Mit einem leisen Krächzen setzte er sich auf seine Stange, die Darvin extra für ihn angebracht hatte, tänzelte unruhig hin und her.
   Das schwere Buch legte Darvin auf seinen Sekretär, setzte sich davor und schlug es auf. Das alte Papier roch merkwürdig, erinnerte an faulende Kräuter. Sachte strich er über die Oberfläche, schlug Seite um Seite um, bis er zu dem Kapitel über Blutgeister kam.
   Die kurze Erklärung kannte er auswendig, er musste sie nicht noch einmal lesen. Die Zeichnungen hingegen betrachtete er, so oft er sich dazu aufraffen konnte. Sie zeigten blutgierige Monster, die ihre Seelen verloren hatten. Die schier wahnsinnig geworden waren und jegliches Menschsein verloren hatten.
   Seit neun Jahrzehnten kämpfte er dagegen an, hielt seinen Hunger unter Kontrolle. Er wollte sich seine Seele bewahren und hoffte, eines Tages von dieser Finsternis erlöst zu werden. Zumindest lebte dieser Hoffnungsfunke in ihm.
   Der Rabe flatterte auf, schien ihm etwas sagen zu wollen.
   »Was hast du denn, Ceyl?«
   Er warf einen Blick aus dem Fenster, ging hin und öffnete es. Draußen rauschte der Wind in den Zweigen, bewegte die Halme der Gräser. Kleintiere raschelten im Unterholz. Er roch noch immer den Geruch von Morgrets erloschener Fackel. Eine Gefahr nahm er nicht wahr. Der Rabe kam jedoch nicht zur Ruhe, wollte ihn offensichtlich warnen.
   Das konnte nur eines bedeuten.

Gefährliche Nähe

Sybil verharrte im Unterholz, schaute dem Raben zu, wie er seine Kreise um das Herrenhaus zog. Darvin von Moorfels hatte sie nicht wahrgenommen, als er an ihr vorbeigekommen war. Seine Fähigkeiten schienen bei einer Hexe tatsächlich nicht zu wirken.
   Gespannt beobachtete sie den Streit am Tor, der Wind wehte die Stimmen zu ihr herüber. Würde Darvin den Mann töten?
   Sie umklammerte einen abgebrochenen Ast, dessen Unebenheiten sich in ihre Haut bohrten. Mit Herzklopfen wartete sie ab.
   Der Blutgeist ließ den Mann entkommen. Dies schürte ihre Hoffnung und stimmte auch mit einigen Erzählungen überein. Es gab Menschen, die munkelten, dass Darvin von Moorfels keine Unschuldigen tötete. Diese Stimmen waren in der Minderheit und Sybil konnte noch nicht abschätzen, was der Wahrheit entsprach. Wenn er dem Fluch völlig verfallen wäre, könnte sie ihm nicht einmal nahe kommen. Sie wäre tot, bevor sie an seine Tür klopfte, völlig unabhängig, ob er ihr Hexenblut trinken konnte oder nicht. Die Beziehung zu dem Raben überraschte Sybil, zeigte ihr aber, dass er kein Monster war.
   Geduld war hier vonnöten. Darvin musste sich erst beruhigen. Nur so könnte sie ihn überzeugen, ihr zu helfen.
   Überzeugen?
   Über diese Wortwahl schüttelte Sybil den Kopf. Sie würde ihn erpressen, das traf es eher. Schuldgefühle wucherten in ihr wie Unkraut, ließen sie nicht zu Ruhe kommen. Doch sie hatte keine Wahl. Und vielleicht erfüllte es ja auch seinen Traum.
   Sybil schloss die Augen, verdrängte vorerst jeden weiteren Gedanken und suchte Ruhe.
   Sie spürte, wie die Zeit verging
   Eine sanfte Böe umschmeichelte sie. Das Zirpen einer Grille hallte über die Wiese, die das Anwesen und den Wald trennte. Es roch nach Heu, frischen Minzkräutern und Moosveilchen. Ihre Blüten öffneten sich im Mondlicht und verströmten einen zarten Duft, den Sybil unweigerlich mit dem Herbst verknüpfte.
   Der Ruf des Raben störte ihre Meditation, trotzdem wollte sie noch nicht aus ihrer geistigen Übung hervorkommen. Zu viel hing von diesem einen Gespräch ab und …
   »Glaubst du wirklich, ich bemerke es nicht, wenn mir jemand nachspioniert?«, zischte eine Stimme an ihrem Ohr.
   Sybil schrie auf und wich zurück. Erschrocken sah sie Darvin von Moorfels, der viel zu nah vor ihr stand. Der Rabe saß auf seiner Schulter. Jedes Wort war ihr entglitten. Die Augen des Blutgeistes waren schwarz wie die eines Dämons. Seine Gesichtshaut wirkte wie mit schwarzen Tätowierungen durchzogen.
   »Du wagst es wirklich, hierherzukommen, Hexe?«
   Sybil hatte sich schon gedacht, dass er sie nicht willkommen heißen würde, deshalb reagierte sie rasch, bevor er sie tötete. »Ich möchte dir einen Handel vorschlagen. Mit deinem Fluch habe ich nichts zu tun, aber ich weiß, wie man ihn brechen könnte.«
   Ihre Worte zeigten Wirkung. Die dunklen Male in seinem Gesicht verschwanden, seine Augen veränderten sich im Licht des Mondes. Das Misstrauen wich dennoch nicht, sie sah es ihm an.
   »Sprich«, sagte er nur leise.
   Sybil schöpfte tief Atem. Die vollständige Wahrheit musste sie um jeden Preis verheimlichen. »Auch ich unterliege einer Art Bann. Deshalb brauche ich einen Blutsaphir, doch nur ein Geschöpf wie du könnte solch einen Edelstein finden.«
   »Und was soll mir das bringen?«
   »Ich weiß, wie ich an einen der Silberachate komme.«
   Verständnislos sah er sie an, schien nicht zu begreifen, wovon sie redete. Natürlich! Darvin war vor seinem Fluch ein Mensch gewesen. Sie ahnten nichts von den Fluchjuwelen, denn die Alben und Hexen hüteten dieses Geheimnis.
   »Der Silberachat ist ein Edelstein, der Flüche aufheben kann.«
   Sein Gesichtsausdruck veränderte sich, er wirkte ehrlich überrascht. »So etwas habe ich noch nie zuvor gehört«, sagte er skeptisch.
   »Wir hüten diese Juwelen gut. Vor allem vor den Menschen werden sie geheim gehalten.«
   »Warum?«
   »Du solltest selbst wissen, dass dein Volk jedem Schatz hinterherjagt.«
   Das schien ihm einleuchtend zu sein, denn er nickte unmerklich. »Was also muss ich tun?«
   »Ich sagte es dir schon.«
   Sybil sah, wie er gegen das Böse in sich ankämpfte, denn die düsteren Fluchlinien erschienen erneut, doch er gewann die Fassung wieder. Darvin verschränkte die Arme vor der Brust, lehnte sich gegen einen Baumstamm. »Und du glaubst, ich kann so einen Saphir einfach finden, nachdem ihr diese Edelsteine vor uns geheim gehalten habt.« In seiner Stimme schwang ein seltsamer Unterton, den sie nicht einordnen konnte.
   »Du bist kein Mensch mehr, Darvin von Moorfels. Blutgeister verfügen durchaus über diese Fähigkeit.«
   »Fein, sag mir bitte, worauf ich achten soll, damit ich ihn nicht verfehle.«
   Sybil begegnete seinem Blick und konnte ihm diese Frage nicht beantworten. Die Schriften sagten nichts über die Art und Weise, wie ein Blutgeist vorgehen musste. Seine Mimik verhieß nichts Gutes.
   »Verschwinde, Hexe! Wenn du mich noch einmal zum Narren hältst, töte ich dich.« Mit diesen Worten verschwand er einfach.
   Sie vermutete, dass er so schnell war, dass ihr Verstand dies nicht wahrnehmen konnte. Ärgerlich schrie sie auf. Dies lief überhaupt nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Darvin hätte sie nicht einmal bemerken sollen! Dieser Blutgeist konnte Hexen eigentlich nicht aus der Ferne wahrnehmen. Der verflixte Rabe.
   Sie sank gegen die alte Eiche, die hinter ihr aufragte.
   In Bezug auf den Blutsaphir war Darvin von Moorfels völlig unwissend. Dies hatte sie nicht bedacht. In ihren Unterlagen stand, dass man mit einem Blutgeist sofort erkannte, wenn sein Blutsaphir in der Nähe war, aber der Schreiber war vielleicht davon ausgegangen, dass der Verfluchte vom Volk der Alben abstammte.
   Ratlos setzte sie sich am Fuß des Baumes nieder, sah zu dem Herrenhaus, in dem nun an einem der Fenster ein einzelnes Licht aufflammte. Aufgeben kam für Sybil nicht infrage. Als könnte sie Darvin dadurch irgendwie für sich gewinnen, schaute sie auf sein Zuhause, ohne den Blick abzuwenden. Ein leichter Kopfschmerz flammte hinter ihrer Stirn auf und sie schloss die Augen. Ihr Seufzen hörte sich viel zu laut an. Die frühen Morgenstunden nahten, es wirkte viel zu still in dem Wald. Kälte nahm von ihr Besitz. Sie griff nach ihrer Umhängetasche und holte eine Decke hervor, hüllte sich darin ein.
   Ob er am Tag ruhte? Blutgeister, die ihrem Fluch erlegen waren und dabei ihre Seele eingebüßt hatten, mieden das Sonnenlicht, denn es schwächte sie. Wie ging Darvin von Moorfels damit um? Ob er das Licht noch ertrug?
   Sybil sah zu, wie die Dunkelheit der Dämmerung wich. Erste Sonnenstrahlen tauchten am Gipfelplateau des Wolfhügels auf. Ein Berg mit seichten Hängen, der je nach Lichteinfall wie ein schlafender Wolf aussah. Das Anwesen wurde in Zwielicht getaucht, erste Vögel begannen mit ihrem Gezwitscher. Bodennebel bildete sich auf der Wiese, die Gräser bogen sich schwer von der Feuchtigkeit des Morgentaus.
   Darvin von Moorfels mied das Licht nicht. Er trat aus der Tür. Den Raben hielt er immer noch in seiner Nähe. Sybil blinzelte. Ging er zu den Stallungen? Er konnte als Blutgeist keine Pferde halten. Oder doch? Sie wusste, dass seine Familie eine gut gehende Pferdezucht bewirtschaftet hatte. Scheuten die Tiere nicht vor ihm? Sybil dachte an den Raben. Vielleicht nicht.
   Auf wen mochte er durch den Fluch geprägt sein? Nur auf Menschen und Alben? Das kam überaus selten vor, aber wenn der dunkle Zauber mit dem Saphir entsprechend gelenkt worden war …
   Verwundert schaute Sybil zu, wie er drei Pferde auf die Weide führte, die wie das Anwesen von dem Zaun geschützt war. Die Tiere tollten über die Wiese, glücklich über die Freiheit.
   Zu spät erkannte sie, dass Darvin sie ebenso sehen konnte. Diesmal kam er wie ein Mensch auf sie zugelaufen. Im Mondlicht hatte er weitaus düsterer und gefährlicher gewirkt. Sie erhob sich, zog die Decke enger um sich.
   Schweigend betrachtete er sie.
   »Du hast nur gesagt, ich soll nicht wagen, dich zum Narren zu halten. Das habe ich nicht vor«, sagte sie rasch.
   »Ich habe auch gesagt, dass du verschwinden sollst.«
   Darvin überragte sie fast um eine Kopflänge, seine ernsten Gesichtszüge waren überraschend gut aussehend. Das halblange Haar war eine Nuance dunkler als ihr helles Blond.
   »Du würdest dir deine Erlösung verwehren.«
   Dies schien etwas an ihm zu rütteln. Er presste die Lippen aufeinander. Sie wagte näherzutreten, berührte ihn leicht am Arm. Als hätte er sich verbrannt, wich er zurück.
   »Rühr mich nicht an!«
   »Wann war das letzte Mal, dass du freiwillig von jemandem berührt worden bist?«
   Er antwortete nur mit einem wütenden Laut, wich ihrem Blick aus. Ruhelos lief er zu der Eiche, wo sie die Nacht verbracht hatte, stützte sich gegen ihren Stamm. »Du spielst mit deinem Leben, Hexe.«
   »Das weiß ich. Trotzdem werde ich nicht gehen.«
   »Vielleicht will ich ja überhaupt nicht erlöst werden«, zischte er und brachte sein Gesicht nah an ihres heran. Er war so schnell! Wieder erschienen die feinen Linien auf seiner Haut.
   »Und wer soll dir das glauben?«, erwiderte sie.
   Darvin wandte sich ab, blieb aber bei ihr am Waldrand.
   »Ich hatte nicht bedacht, dass du vor dem Fluch ein Mensch warst. Dann mag es etwas anders geartet sein. Ich bin aber sicher, dass du den Edelstein findest, denn er ist Teil eines Blutgeistfluchs.«
   Langsam drehte er sich wieder zu ihr um, also fuhr sie fort.
   »Man verbindet diesen Fluch mit einem besonderen Saphir, um ihn langfristig zu halten.«
   »Was passiert, wenn der Edelstein danach benutzt wird?«
   »Mit dir? Ich denke nichts, du sollst ihn ja nur finden.«
   »Und du besitzt diesen Silberachat?«
   »Ein guter Freund gab ihn mir zur Aufbewahrung und er kann ihn auch aktivieren.«
   Sybil wagte, wieder näherzutreten. Ohne ihn zu berühren, war sie ihm nun nah. Er konnte nicht nach hinten ausweichen, da die Eiche in seinem Rücken stand.
   »Wie oft musst du töten, Darvin? Alle zwei Nächte? Jede Nacht? Öfter? Irgendwann wirst du gegen den Fluch verlieren. Das weißt du.«
   »Ich vertraue dir nicht. Deine Sippe hat dieses Unheil zu verantworten.« Er sprach leise und gefasst, aber ohne Zorn.
   »Ist es dann nicht gerecht, wenn eine Hexe es wieder in Ordnung bringt?«

Ungebetener Besuch

Sie war ihm viel zu nah! Seit Jahrzehnten hatte sich keine Hexe mehr zu ihm gewagt und ihre Unerschrockenheit verunsicherte Darvin. Ob sie wirklich die Wahrheit sprach?
   Die grobe Rinde der Eiche fühlte sich unangenehm in seinem Rücken an, weil er sich an den Stamm presste. Er löste sich von dem Baum und wich ihr seitlich aus.
   Ihre Gesichtszüge sahen unschuldig aus, fast zart, aber im Ausdruck ihrer Augen blitzte pure Entschlossenheit. Mit ihrem langen Haar, das sachte im Wind wehte, wirkte sie auf ihn wie eine weiße Fee, doch einen Alben nähme er anders wahr. Hexenblut war Gift für ihn, er gierte nicht danach ein seltsames Gefühl.
   Sie zitterte vor Kälte, obwohl sie warme Kleidung trug. Zu seinen Lebzeiten als Mensch hätte er ihr sofort seine Jacke gereicht. Nun ließ er sie frieren. Er wandte sich ab, blickte auf seine Pferde, die übermütig über die Koppel jagten. Ohne die Tiere wäre er an dieser verfluchten Einsamkeit längst erstickt.
   »Was sagst du zu meinem Vorschlag?«, fragte die Hexe.
   Er beobachtete, wie sie die Decke enger um sich zog. Resigniert zog er sich doch die Jacke aus und hielt sie ihr hin. Er würde ihr das warme Kleidungsstück nicht noch um die Schultern legen. Mit einem überraschten Gesichtsausdruck nahm sie die gefütterte Jacke entgegen.
   »Wie heißt du?« Darvin wollte seine Stimme gefährlich klingen lassen, aber dies gelang ihm nur kärglich. Diese Frau irritierte ihn.
   »Sybil. Ich komme aus den Wäldern in der Nähe von Lilienthal.«
   »Hast du eine Vermutung, wo sich dieser Edelstein befindet?«
   »Die Hexe, die ihn benutzt hat, ist in die Welt der Menschen geflüchtet. Ich denke, sie hat den Blutsaphir mitgenommen.«
   »Das ist alles, was du weißt?«, fauchte er. »Warst du je bei den Menschen? Hast du eine Ahnung, wie riesig diese Welt ist?«
   Sybil verengte die Augen. »Ich kenne die Menschenwelt wahrscheinlich besser als du.«
   »Ach ja? Dann liefere mir mehr, wenn du so versessen darauf bist.«
   »Dir mehr liefern? Ich habe den Silberachat und somit deine Erlösung in der Hand. Ich muss dir nicht …«
   Wenn er sich wie ein Blutgeist bewegte, schien sich die restliche Welt zu verlangsamen. Die Hexe sah es nicht kommen. Erst, als seine Hand ihren Hals umklammerte und Darvin sie gegen einen Buchenstamm drückte, gewahrte sie die Gefahr. Sie rang nach Luft, aber er hielt sie unerbittlich fest. »Und ich halte dein Leben in der Hand! Vergiss das niemals!«
   Abrupt ließ er sie frei. Sybil keuchte auf und hustete. Nach einigem Räuspern sah sie ihn an, immer noch ohne Angst.
   »Dann sind wir ebenbürtig?«, fragte sie heiser.
   Fassungslos betrachtete er Sybil. »Ebenbürtig? Ich könnte dir mit einem Handgriff das Genick brechen.«
   Die Hexe lächelte. »Dann wirst du diesen Fluch niemals los, denn niemand weiß, wo ich den Silberachat verborgen habe. Er wird auf ewig verschwunden bleiben.« Sie sah zum Haus. »Können wir reingehen? Es ist wirklich kalt geworden und ich brauche ein Feuer.«
   »Ich lasse keine Hexe in mein Haus! Sag mir ansatzweise, wo ich diesen Blutsaphir finde und ich hole ihn.«
   »Allein wird dir das nicht möglich sein, fürchte ich.«
   »Du willst mir erzählen, dass wir gemeinsam auf die Suche gehen müssten?«
   Die Hexe nickte mit einem Gesichtsausdruck, den er überhaupt nicht einordnen konnte.
   »Nein, niemals«, grollte er. Darvin ließ sie einfach stehen, strebte zurück zum Haus und nutzte erneut seine übernatürliche Schnelligkeit. Sollte sie doch draußen sitzen und frieren. Mit ihr würde er nicht auf eine Reise gehen. Eine leise Stimme flüsterte ihm zu, dass er sich die einzige Erlösung verwehrte, die für ihn möglich war. Wie ein ruheloser Geist setzte er sich im Salon in einen Sessel und schaute aus dem Fenster.
   Sybil ließ sich nicht einschüchtern oder aufhalten. Sie kletterte wie ein Wiesel über den Eisenzaun, ging zu den Pferden, die ihr neugierig den Kopf zuwandten.
   Er hastete auf. Sie würde ihnen doch nichts antun? Ceyl schien der gleichen Meinung und flatterte vor ihr her, als wollte er die Hexe aufhalten. Sie sprach mit dem Raben. Ungläubig verfolgte er, wie sich Ceyl auf ihrem Arm niederließ und Sybil ihm über das Gefieder streichelte. Er sah zu, wie sie einem Pferd freundlich über die Nüstern strich. Sie würde ihnen kein Leid zufügen. In ihren Gesten lag keine Feindseligkeit. Mit einem Schnauben wandte er sich ab.
   Etwas später klopfte es, aber er blieb stur, regte sich nicht, sondern starrte in die Asche des erloschenen Kaminfeuers. Allerdings hatte er die Tür nicht verschlossen. Die junge Hexe trat zu ihm in den Salon. Ihr Blick ruhte auf ihm.
   »Lass mich dir helfen«, bat sie mit leiser Stimme. »Ich will dieses Unrecht wieder ausgleichen.«
   »Dann erlöse mich sofort«, sagte er ohne große Hoffnung.
   »Das kann ich nicht. Der Blutsaphir wäre für immer verschollen. Nur du kannst ihn wirklich finden, als Blutgeist. Selbst für eine Mayhexe wäre er unauffindbar.«
   »Was hat ein bestimmter Hexenclan damit zu tun?«
   Sybil winkte ab. Sie stellte ihre Tasche ab und kam auf ihn zu. Darvin fürchtete, zu ihr aufsehen zu müssen, wollte sich erheben, aber sie fiel vor ihm auf die Knie.
   »Bitte …«
   Ihre Wandlung ließ ihn kurz die Kontrolle verlieren. Der Fluch in ihm regte sich. Er zwang ihn zurück in die Tiefen seines Seins. »Warum ist dir der Blutsaphir so wichtig?«
   »Ich habe meine Kräfte verloren. Nur mit so einem Fluchjuwel könnte ich sie wieder aktivieren.«
   Ihm kam ein sonderbarer Gedanke, sie hatte es auch schon angedeutet. »Ist es … mein Blutsaphir, den du suchst?«
   Sie blinzelte. Egal, was sie sagte, er sah die Wahrheit in ihren Augen.
   »Es bedeutet nichts, Darvin«, flüsterte sie.
   Als die Hexe seinen Namen aussprach, rührte es etwas in ihm. Er hörte, wie Ceyl ins Zimmer geflogen kam, der Vogel gab keinen Laut von sich, Darvin nahm nur das Schlagen seiner Flügel wahr.
   »Eine Hexe hat dich verflucht und eine Hexe wird dich erlösen«, wisperte sie. Ihre Stimme wirkte wie ein Versprechen, ihre Worte wie die Erfüllung eines Traumes.
   »Trotz allem erpresst du mich.«
   Sie biss sich auf die Unterlippe, verteidigte sich nicht.
   Ihre Nähe verwirrte ihn. Darvin stand auf, ging zum Fenster, dachte über die Situation nach. Er sollte sie des Hauses verweisen, sie zum Teufel jagen oder ihr gleich den Hals umdrehen. Man konnte Hexen nicht trauen. Und wenn sie so hübsch und unschuldig aussahen, kamen sie ihm noch gefährlicher vor.
   Er spürte förmlich ihren Blick auf sich, hatte ihr den Rücken gekehrt. Als er sich zu ihr umwandte, kniete sie immer noch vor dem Sessel. Ceyl war auf die Lehne gehüpft und näherte sich ihr, beäugte sie ohne Argwohn.
   Blieb ihm eine Wahl? Wenn er diesem dunklen Leben entfliehen wollte, musste er in diesen Handel einwilligen.
   »Ich tue, was du verlangst«, sagte er schließlich und verließ den Raum, flüchtete vor seiner eigenen Entscheidung.
   Im Tageslicht, das nun an Stärke zunahm, fühlte er sich unbehaglich. Es verletzte ihn nicht, doch direkte Sonnenstrahlen raubten ihm nach und nach die Kraft, die er nur mit Blut füllen konnte. Er strebte nach oben in sein Gemach, zog dort die Samtvorhänge der Fenster zu und legte sich resigniert auf das Bett. Tagsüber schlief Darvin gern, er fühlte sich der Nacht verbunden. Aber mit einer Hexe im Haus? Seine Überlegungen irrten hin und her, an Schlaf war nicht zu denken.
   Die Menschenwelt hatte er das letzte Mal als Kind besucht. Das war mittlerweile ein Jahrhundert her. Ob sich in dieser Zeit viel verändert hatte? Darvin dachte an seinen Vater, der ihm damals eine Küstenregion gezeigt hatte. Einst flüchteten einige Menschen hierher, weil ein Krieg getobt hatte. Schon damals war es ein Geheimnis und nur die Wenigsten wussten um die Übergänge, die von den Alben scharf bewacht wurden.
   Der Blutsaphir kam ihm in den Sinn. Er erinnerte sich, dass die Hexe, die ihn verflucht hatte, tatsächlich einen blauen Juwel in der Hand gehalten hatte. Nur wie sollte er dieses Artefakt finden? Dies blieb ihm ein Rätsel. In seinem Buch stand nichts darüber.
   Als er von unten Geräusche wahrnahm, horchte er auf. Geschirr klapperte. Ein Glas klirrte. Sogar wie das Feuer entfacht wurde, blieb ihm nicht verborgen. Sein Gehör glich einem Raubtier. Ob Sybil etwas für sich kochte? Diese Laute erinnerten ihn an die Zeit, in der seine Eltern und die Bediensteten noch hier gelebt hatten. Anfangs war es ihm kaum möglich gewesen, den Fluch in Schach zu halten. In kürzester Zeit hatte er die Hälfte der Dienerschaft getötet, die anderen flüchteten. Nur seine Mutter konnte ihn immer wieder besänftigen, ließ ihn nie im Stich. Seine Eltern erlagen schließlich dem Alter, während er zeitlos umherwanderte und nicht aufhören konnte zu töten.
   Ruhelos erhob er sich, stellte sich vor den großen Spiegel. Er sah erschöpft aus, wirkte jedoch nicht wie die Bestie, die er war. In den Zeiten ohne Blutgier sah er aus wie früher als Mensch. Das änderte sich, wenn der Fluch in ihm hervorkam.
   Sybil ließ sich nicht aus seinen Gedanken vertreiben. Ihr Mut, ihre Furchtlosigkeit gefielen ihm, ob er sich das nun eingestehen wollte oder nicht.
   Manche fanden die Finsternis in ihm aufregend und faszinierend, sie hatten sich auf ihn eingelassen und er konnte ihnen nicht widerstehen. Sie hatten mit dem Leben bezahlt, denn schlussendlich hatte er den Fluch in sich nicht kontrollieren können, wenn sie ihm so nah waren. Was täte er erst einer Hexe an?
   Bewusst ließ er den Fluch hervorkommen, sah zu, wie sich seine sonst blauen Augen schwarz verfärbten, wie die Linien des Blutgeistfluches sein Gesicht zeichneten. Wie feine Adern wanden sie sich von seinem Haaransatz bis zu Augen, Mund und Nase. Nun roch er Morgrets Blut, das vor dem Tor in die Erde gesickert war. Hunger ziepte an ihm. Rasch schüttelte er den Kopf, um Klarheit bemüht. Die Zeichnung auf seiner Haut verschwand, seine Augen nahmen wieder ihren ursprünglichen Ton an.
   Seine damalige Verlobte fand zuerst eine gewisse Schönheit an den Malen. Sie floh trotzdem vor ihm, beantwortete später keinen seiner Briefe.

Flammen

Als Darvin regelrecht vor ihr flüchtete, blieb Sybil noch eine Weile vor dem Sessel knien. Der Rabe rührte sich nicht, sah sie voller Neugierde an. Sie streckte die Hand vor, doch die Geste verscheuchte den Vogel. Mit einem Seufzen erhob sie sich.
   Ja, es war Darvins Blutsaphir. Was mit ihm geschähe, wenn sie den Juwel für ihre Zwecke nutzte, konnte sie überhaupt nicht einschätzen. Schadete es ihm? Die Schuld drückte sie nieder. Natürlich war ihr zu Ohren gekommen, dass Darvin von Moorfels kein seelenloser Blutgeist war. Nur deshalb wagte sie dieses Unterfangen. Jedoch war er viel mehr Mensch geblieben, als sie jemals für möglich gehalten hätte. Trotzdem war er verflucht. Niemals durfte er herausfinden, inwieweit Sybil in diesen dunklen Zauber verstrickt war.
   Sie sah sich um. Das Haus erschien ihr düster und verlassen. Die Kälte drang von draußen herein und sickerte in jede Ritze. Im Kamin befand sich nur Asche. Sie musste die Situation für sich etwas aufbessern, denn sie fror.
   Ein wenig Kaminholz lagerte in der Nähe der Feuerstelle. Sie schichtete es sorgfältig auf, nutzte den Anzündstein, der auf dem Sims lag, und entfachte ein Feuer. Wenn sie es in dieser Nacht warm haben wollte Darvin bot ihr sicher kein warmes Bett an , müsste sie die Glut gegen Abend noch einmal schüren.
   Darvins Jacke hängte sie an die Garderobe im Flur. Mit ihrer Umhängetasche lief sie durch den unteren Hausbereich und suchte nach der Küche. Im hinteren Bereich führten sechs Treppenstufen in einen dunklen Raum mit verhangenen Fenstern.
   »Natürlich, du brauchst keine Küche«, murmelte sie. Entschlossen riss sie die Behänge fort, ließ helles Sonnenlicht herein. Da die Küche etwas tiefer als das restliche Erdgeschoss lag, befanden sich die Fenster erhöht. Staubpartikel flogen umher. Wie winzige Insekten tanzten sie im Licht.
   Sybil brauchte die Küche. Auf dem Weg hierher hatte sie einige Pflanzen gesammelt. Bevor sie aufbrachen, musste sie daraus einen Trank brauen. Niemand wusste, was sie erwartete. Sie wollte vorbereitet sein.
   Hier entfachte sie nur das Feuer im Ofen, füllte etwas Wasser in einen Topf und gab bestimmte Pflanzenteile dazu. Krautlinse, die sie von einem Nymphen abgekauft hatte. Sie wirkte heilend, schützte eine Wunde. Weidenrinde als Schmerzstiller. Und die Blütenblätter der Feenlilie. Kaum einer wusste um die Wirkung dieser Blume, und man musste sie sehr sorgsam einsetzen. Wusste man um die richtige Dosierung, verhinderte der fertige Sud die Ausbreitung von Keimen. Nahm man zu viel, konnte das durchaus schwere Vergiftungserscheinungen zur Folge haben.
   Sybil zählte die Blütenblätter ab, ging sehr sorgsam vor. Diesen Trank bereitete sie für sich selbst zu. Der feine Duft der Blume stieg ihr in die Nase. Unwillkürlich dachte sie an die Albenstadt Lilienthal. Dort fand ein Umbruch statt, positive Veränderungen bewegten das Volk, denn ein neuer König war gekrönt worden.
   Sie lugte durch eines der Fenster und merkte sich den Stand der Sonne, um die Zeit abzuschätzen, die der Sud zum Köcheln brauchte. Erneut griff sie in ihre Tasche. Das, was sie nun hervorholte, hatte sie vorsorglich in ein Tuch eingebunden. Vorsichtig enthüllte sie den Pilz. Er sah besonders aus, bläulich mit dunkleren Flecken. Berührte man ihn, fühlte es sich ähnlich an wie bei einer Brennnessel. Zögerlich fasste sie den Pilz am Schirm und schnitt ihn klein. Die pelzige Oberfläche ließ ihre Finger brennen, aber sie konnte darauf keine Rücksicht nehmen. Mit einem Stößel, den sie in den Schubladen von Darvins Küche fand, pürierte sie die Stücke. Die Feuchtigkeit, die dabei entstand, fing sie auf. Es war nur wenig, musste aber genügen. Mehr von den Blutpilzen hatte sie nicht finden können. Nur selten fand man sie in den Tiefen der Albenwälder. Sie ernährten sich wie fleischfressende Pflanzen von lebendem Kleingetier, die durch die Brennhaare betäubt wurden.
   Eine Zutat fehlte noch. Sybil zögerte, starrte auf die Pilzmasse und presste die Lippen aufeinander.
   Dann gibt es kein Zurück …
   Sie straffte sich, stach sich mit der Spitze ihres Messers, das sie stets bei sich trug, in den Finger und ließ fünf Blutstropfen in den Pilzsud fallen. Ohne dass sie es verrührte, vermischte es sich, und sie füllte es in eine kleine Phiole ab.
   Dies musste vorerst ein Geheimnis bleiben, denn Darvin wäre von so einer Arznei eventuell nicht begeistert. Vielleicht schenkte ihm der Trank in der Welt der Menschen ein wenig Erleichterung von seinem Fluch. Allerdings konnte er auch gewisse Nebenwirkungen haben.
   Den Heiltrank bereitete sie ebenfalls zu, füllte auch ihn in ein kleines Gefäß ab und verbarg die Arzneien in einer verborgenen Innenfalte ihrer Tasche. Sybil löschte das Feuer des Ofens, beließ die Vorhänge aber offen.
   Als sie die Stufen zum Flur hinaufging, hörte sie aufgeregtes Wiehern. Der Schrei des Raben hallte durch das Haus. Alarmiert hastete sie zur Tür und öffnete sie, um nach draußen zu sehen. Die Pferde tänzelten, sie schienen nervös und ängstlich zu sein. Hinter sich hörte sie einen Fluch, das Flattern von Flügeln.
   Darvin drängelte sich an ihr vorbei und schaute ungläubig auf die Bäume. Sie folgte seinem Blick und blinzelte. Weiter hinten im Tannenwald flackerte etwas, das aussah wie … Brannte der Wald? Erschrocken versuchte sie, mit allen Sinnen die Umgebung wahrzunehmen. Alles schien in Aufruhr zu sein, Todesangst bei den Tieren verspürte sie nicht. Sybil besaß die Gabe, die Natur zu verstehen. In diesem Moment konnte sie nicht einordnen, was auf sie zukam.
   Darvin rannte los, blieb jedoch auf der Koppel stehen und starrte in den Wald. Da erkannte Sybil Menschen, die mit Fackeln auf das Anwesen zukamen. Sie trat neben Darvin, der die Pferde zu sich rief.
   »Ihnen hat meine Antwort von heute Nacht wohl nicht gefallen«, sagte er leise.
   Sybil beobachtete, wie der Fluch in ihm die Oberhand bekam. Die Male traten immer wieder hervor, er kämpfte noch damit. »Was ist geschehen?«, fragte sie aufgeregt.
   »Später. Ich muss fort. Kannst du reiten?«
   »Ja.«
   »Dann hilf mir beim Aufsatteln und steig aufs Pferd. Nimm den rotbraunen Hengst.«
   Darvin eilte zu einer Scheune, so schnell, dass sie seine Bewegungen kaum wahrnehmen konnte. Verwirrt sah Sybil auf die Männer und Frauen. Gefährlich ruhig näherten sie sich, trugen das Feuer vor sich her. Endlich begriff sie. Diese Menschen mochten den Blutgeist neunzig Jahre ertragen haben. Nun war ihre Geduld am Ende. Warum auch immer.
   So rasch sie konnten, machten sie die Pferde reitfertig. Die Menschen waren derweil am Zaun angekommen, sie stemmten sich dagegen. Wütende Schreie begannen, als sie Darvin erkannten. Das ganze Dorf musste versammelt sein und allein ihre Menge bog die Umzäunung nach innen.
   »Was hast du getan?«, verlangte Sybil zu wissen.
   Als sich Darvin zu ihr umdrehte, waren seine Augen tiefschwarz und die Male zierten seine Haut wie feine Tätowierungen. »Ich bin ein Blutgeist, Hexe. Sie haben mir ein Angebot gemacht, das ich leider ausschlagen musste.« Mehr sagte er nicht.
   Sie führten die gesattelten Pferde rasch zur anderen Seite des Hauses, das dritte folgte ihnen einfach. Der Mob ließ sich nicht abschütteln, sie liefen außen am Zaun entlang, nur das Metall hielt sie auf. Sybil und Darvin beschleunigten, sodass die Pferde antrabten.
   Sie sah keinen Hinterausgang, die Einfriedung umgab das komplette Gebäude und das umliegende Land. »Wie willst du …?«
   Ohne ein erklärendes Wort reichte er ihr die Zügel seines Pferdes. »Steig auf!«
   Fackeln flogen in ihre Richtung. Ob sie wagten, das Anwesen der Moorfels niederzubrennen?
   »Ceyl«, schrie Darvin und schaute in Richtung der Menschen. Der Rabe, der auf die Menge zugeflogen war, als wollte er sie angreifen, machte kehrt und flatterte schließlich in die Richtung, die Darvin anstrebte. Noch immer begriff sie nicht, wie er den massiven Zaun überwinden wollte. Sie gehorchte trotzdem und stieg auf den Fuchs, der nervös nach hinten auswich. Sie ließ sich nicht beirren und kam in den Sattel.
   Ohne Vorwarnung rannte Darvin direkt auf die Einzäunung zu. Die Wucht seines Angriffs ließ das Metall erzittern, es bog sich nach außen.
   Eine Fackel flog zwischen die Pferde. Das schwarze Tier, das nicht aufgezäumt war, scheute und sprintete zurück in Richtung Weide. Darvins Gesicht nahm fast abrupt sein menschliches Aussehen an. Er wirkte erschrocken. Dennoch stemmte er sich weiter gegen den Zaun. Der Fluch verlieh ihm also auch eine besondere Kraft. Sybil fühlte sich seltsam unbeteiligt. Ihr Verstand wollte nicht begreifen, in welcher Gefahr sie schwebten.
   Das Metall fiel, riss weitere Teile des Zaunes mit ins Gras, sodass ein großer Teil umgestürzt am Boden lag. Darvin rannte zurück zum Haus, direkt auf die Eindringlinge zu, die das Tor zerstört hatten und sich nun auf seinem Land befanden.
   »Flieh«, schrie er ihr zu.
   Sybil erkannte, dass er sein Pferd nicht im Stich lassen würde. Sie trieb den Fuchs an, hielt immer noch die Zügel des anderen Pferdes und ritt hinaus. Einige Dörfler kamen außen am Zaun viel zu nah an sie heran. Fackeln flogen auf sie zu. Sie gehörte vorerst zu dem Blutgeist und musste flüchten.
   Sybil führte die Pferde zum Wald, der nahe der Rückseite des Herrenhauses wuchs. Man folgte ihr nicht. Alles konzentrierte sich auf das Grundstück der Moorfels. Auf Darvin.
   Wie erstarrt sah sie, wie das Feuer auf die Scheune übergriff. Das Geschrei der Menschen wirkte Angst einflößend. Sie wollte nicht ohne ihn gehen, aber die Pferde nahmen ihr indirekt die Entscheidung ab, da sie in Panik gerieten. Obwohl sie eine passable Reiterin war, konnte sie sich kaum halten, da sie auf keinen Fall ihre Tasche verlieren durfte und sie sich vor tief hängenden Ästen in Acht nehmen musste.
   Erst auf einer moosbewachsenen Lichtung stoppten die Tiere schnaubend. Sie wollte fluchen, schimpfen, vor Zorn gegen einen Stein treten. Stattdessen schaute sie unbeirrt zwischen die Bäume. Ihr Körper bebte. Er musste ihnen entkommen!
   Fahrig ließ sie sich vom Pferd gleiten, gurtete die Sättel nach und lief ein Stück zurück, um Ausschau nach Darvin zu halten.
   Ceyl flog mit einem Krächzen auf einen Ast in ihrer Nähe. Er tippelte aufgeregt herum und gab klagende Laute von sich. Sybil bot ihren Arm an, doch in diesem Augenblick vertraute ihr der Rabe nicht. Mit Herzklopfen wartete sie.
   Auf der Lichtung wirkte alles friedlich. Vögel zwitscherten, der Wind rauschte leise in den Zweigen, ein Eichhörnchen huschte über den Boden zu einer hohen Kiefer. Darvin jedoch blieb verschwunden.

Die Kraft des Fluchs

Darvin konnte ihnen Dessa nicht überlassen. Er hatte sie aufgezogen, nachdem ihre Mutter nach der Geburt gestorben war. Und für diese Menschen war sie das Pferd eines Dämons, das keine Gnade verdiente. Er sah es in ihren hasserfüllten Gesichtern.
   Als er auf sie zurannte, wichen sie zuerst zurück, das Feuer schützend vor sich gehoben. Flammen konnten ihn verletzen, er musste vorsichtig sein.
   Sie umkreisten ihn und er sah sich um. Morgret schien nicht unter ihnen zu sein, zumindest sah er den Mann nicht.
   Dessa stieg panisch und sie hätte eine Frau fast mit den Vorderhufen getroffen. Anstatt sie in Ruhe zu lassen, trieb man sie mit Fackeln zurück. Noch konnte sich die Menge nicht entscheiden, wen sie zuerst angreifen wollten.
   Vielleicht hätte er ihr Angebot nicht ablehnen sollen. Blut aus Tassen hätte ihm sicher nicht geschadet. Sie begriffen jedoch nicht, dass der Fluch ihn trotzdem zwang zu töten.
   »Dessa«, schrie er.
   Die Stute reagierte auf seinen Ruf, er wusste, dass er sie leiten konnte. Sie kämpfte sich zu ihm durch, trampelte einen Mann nieder und presste sich an ihn, sodass er schwankte. Mehrere wagten sich nun näher, ließen ihm keinen Ausweg. Ob er mit ihnen verhandeln sollte?
   Ein Schmerz schoss ihm in den Rücken. Er drehte sich um und konnte dem zweiten Messerstich so gerade ausweichen. Feuer verbrannte ihn an der linken Schulter, als eine Frau sein Hemd anzündete. Er zerrte sich den brennenden Stoff herunter und warf das Oberteil ins Gras.
   Der Fluch trat mit Macht hervor. Er ignorierte die Fackel in ihrer Hand und biss ihr wie ein Raubtier in den Hals. Sie schrie auf, stieß ihn von sich und hielt sich die blutende Stelle. Die Menschen wichen zuerst geschockt zurück, ließen sich aber nicht von ihrem Vorhaben abhalten. Sie wollten seinen Tod.
   Verstanden sie nicht, dass sie nur einen neuen Blutgeist erschaffen würden? So konnte der Fluch nicht gebrochen werden!
   Für einen Augenblick dachte er darüber nach, ob er dem nachgeben sollte. So lange lebte er nun schon … Aber Sybil entfachte neue Hoffnung in ihm. Mit einem festen Schlag auf den Hintern trieb er Dessa in die Richtung, in die Sybil mit den anderen Pferden geflüchtet war. In ihrer Angst drängte die junge Stute die Menschen zur Seite und floh.
   Darvin spürte den Schmerz der Fackel nur vage. Noch dämpfte der Fluch in ihm jedes Gefühl. Zwei Menschen griff er noch an, um an ihnen vorbeizukommen, dann setzte er zu einem übermenschlichen Sprung an. Noch in der Luft wusste er, dass er mitten zwischen seinen Feinden landen würde. Er riss drei Dörfler mit sich, kämpfte sich hervor, wehrte sich und sprang erneut.
   Dessa rannte in den Wald. Ceyls Schatten flatterte über ihm. Der Rabe verteidigte ihn, pickte einem Mann immer wieder in die Hand, die der schützend über sich hielt. Erst, als Darvin frei war, ließ der Rabe von ihm ab. Die Sonne brannte auf seiner Verletzung. Darvin taumelte und stolperte am Waldrand über eine Wurzel. Das Licht schwächte ihn, nahm ihm die Luft zum Atmen, da er dem viel zu lange ausgesetzt war. Er musste in den Schatten.
   Keuchend sah er sich um, hielt sich am Stamm einer Buche fest. Die Menschen ließen ihn ziehen, warfen Fackeln auf sein Zuhause. Der Familiensitz der Moorfels fing Feuer. Resigniert wandte sich Darvin ab, lief weiter durch das Unterholz.
   Er hätte es voraussehen müssen. Seit Jahren rebellierten sie gegen ihn. Morgrets Vorschlag war ihr letzter Versuch, das Töten zu beenden. Ihre Hoffnung war so oder so umsonst.
   Als er an das Feuer dachte, das sich durch sein Zuhause fraß, alle Erinnerungen vertilgte, stoppte er in seinem Lauf, fiel auf die Knie. Er spürte jede Unebenheit des Waldbodens, hörte Dessas Schnauben, die in seiner Nähe sein musste. Wie gelähmt kauerte er dort, während das Böse in ihm wieder in die Tiefen seines Seins verschwand. Eine seltsame Kälte befiel ihn, ließ ihn frieren. Seine linke Schulter begann so sehr zu brennen, dass er leise aufstöhnte. Das Pferd näherte sich ihm, er nahm Dessas leise Tritte wahr. Sachte stupste sie ihn an, ihre warmen Nüstern schnupperten an seiner Wange. Darvin umfasste ihren Hals, ließ sich von ihr hochziehen.
   »Bist du verletzt?«, flüsterte er und strich über ihr Fell. Sie wieherte leise. »Komm, suchen wir die verdammte Hexe.«
   Er fand sie auf einer Lichtung, zusammen mit seinen Pferden. Ihr Gesichtsausdruck wirkte voller Sorge. Ob sie ihr Vorhaben hatte scheitern sehen? Ohne ihn fände sie diesen Blutsaphir nicht.
   »Deine Schulter …«
   Darvin ließ sich ins Gras fallen. Er musste sich seine Verletzung nicht ansehen, der Schmerz reichte ihm völlig aus, um die Schwere einzuschätzen. »Ich hätte einen von ihnen töten sollen, dann wäre es schneller geheilt«, sagte er rau.
   »Ich habe einen Heiltrank, aber der wirkt bei einem Verfluchten nicht.«
   »Das weiß ich.«
   »Warte …« Sybil kramte etwas aus ihrer Tasche hervor und verschwand im Wald.
   Ihm war egal, was sie tun würde, er wollte nur noch schlafen, dieses Brennen vergessen. Er schloss die Augen, doch der Schmerz in der Schulter brachte ihn um den Verstand. Es fühlte sich an, als ob sich das Feuer immer noch in seine Haut brannte.
   Die Schritte der Hexe näherten sich. »Erschreck dich nicht«, flüsterte sie.
   Etwas Kaltes berührte seine Verbrennung und er zuckte zusammen. Dann verebbte der Schmerz nach und nach. »Was ist das?«
   »Einfach nur ein Tuch mit kaltem Wasser aus dem Bach drüben. Wenn wir es nicht kühlen, wird es noch schlimmer.«
   Würde er sich ein Opfer suchen, sein Blut trinken und es töten, wäre die Verletzung binnen kurzer Zeit geheilt. Noch war er nicht bereit dazu.
   Unermüdlich kühlte Sybil seine Verbrennung. Ob sie dies nur tat, damit ihr Vorhaben nicht gefährdet war? Darvin fühlte sich aller Kräfte beraubt. Immer wieder sah er vor seinem geistigen Auge, wie der untere Wohnbereich seines Herrenhauses in Flammen aufging. Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen und er schloss die Augen. Die leise Stimme der Hexe lullte ihn ein, er wurde schläfrig. Aber nun hielt diese Kälte ihn davon ab, wirklich zu ruhen. Sie dämmte den Schmerz, dafür fror er so sehr, dass er ein Zittern nicht unterdrücken konnte.
   Abrupt richtete er sich auf. »Es ist genug«, sagte er heiser.
   Einer Hexe ausgeliefert zu sein, ertrug er nicht mehr. Darvin flüchtete in den Wald. Wie ein verletzter Wolf streifte er umher, hoffte, dass Sybil gut auf die Pferde achtete. Sie benahm sich seltsam für eine Hexe, aber er war diesem verhassten Volk auch jahrzehntelang aus dem Weg gegangen. Ob sie wirklich ihre Kräfte eingebüßt hatte?
   Hunger keimte in ihm auf. Dieser Aufruhr, in Verbindung mit der Verbrennung, brachte ihn an seine Grenzen. In seiner Not mobilisierte er noch einmal die Kraft des Fluches. Die Landschaft raste an ihm vorbei. Den Wald ließ er hinter sich zurück. Felder und Wiesen kennzeichneten nun die Gegend. Gehöfte, die er seit Jahren gemieden hatte, weil die Familie seiner Verlobten hier gelebt hatte, tauchten vor ihm auf. Die Kontrolle hatte er schon lange verloren, der Fluch bemächtigte sich seiner, als wollte er um jeden Preis einen unversehrten Körper. Noch sperrte sich Darvin gegen das Töten. Er wollte sich nicht an Unschuldigen vergehen. Dann versanken seine menschlichen Gedanken in einen Abgrund, denn er witterte ein Mädchen, das draußen die Hühner fütterte. Etwas schrie in ihm auf. Darvin wollte das nicht, aber die Finsternis, die sich in ihm eingenistet hatte, ließ ihm keine Wahl. Wie eine Bestie schlich er sich an den Bauernhof an, ignorierte das Geräusch sich nähernder Hufe.
   Bis ihn ein übler Schlag am Kopf traf. Er wurde nach vorn gerissen und fiel zu Boden.
   »Du wirst es dir nicht verzeihen können, wenn du sie tötest. Komm mit!«
   Er sah in den grünen Blick der Hexe, die ihn einfach am Kragen packte und aufhievte. Sogar die Sprache war ihm entglitten, aber auf eine gewisse Weise konnte er sich ihr nicht widersetzen. Überrumpelt ließ er sich auf den Hengst dirigieren. Ohne Skrupel stieg sie hinter ihm auf und trieb das Tier zurück in Richtung Wald. Darvin schrie auf vor Wut. Der Schmerz in der Schulter vernebelte sein Hirn, nicht einmal der Fluch schützte ihn nun davor.
   »Wir sind gerade einem Pöbel entkommen und du suchst dir im nächsten Dorf ein unschuldiges Opfer?«
   »Ich … kann … nicht …!« Mehr brachte er nicht hervor.
   »Ich verstehe es ja. Glaub mir, ich weiß, wie ein Blutgeist tickt. Doch du hast dich sonst relativ gut unter Kontrolle. Zumindest war so mein Eindruck.«
   Sie begriff nichts. Am liebsten hätte er sich umgedreht und sie vom Pferd geschubst. Die Hexe brachte seinen Hengst zum Halten, das Pferd tänzelte nervös herum.
   »Wenn du schon jemanden töten musst, dann ihn.«
   Verblüfft starrte er in die Richtung, in die Sybil wies. Abseits des Dorfes, schon halb im Wald, befand sich ein heruntergekommener Hof. Sybil musste alle Kraft aufwenden, um das Pferd festzuhalten. Es roch nach altem Blut und Tod.
   »Fühlst du es, Darvin?«, wisperte sie und ihre Augen schienen dunkler zu werden, glichen nun dem Sumpfwasser von Narsja. »Er ist ein Monster.«
   Mit aller Macht drang die Dunkelheit dieses Ortes auf ihn ein. Er hörte ihren Worten nicht mehr zu, glitt vom Pferd und ging langsam auf das Gelände. Was Darvin gerade mit ansah, konnte er kaum beschreiben. Dieser Kerl schlachtete Tiere, aber so grausam, dass ihm übel davon wurde.
   Der Mann sah ihn nicht kommen. Von seiner Schürze triefte das Blut, sein Gesichtsausdruck wirkte zufrieden, er genoss das Töten. Unter normalen Umständen würde sich Darvin vor diesem Mann ekeln, aber sein Fluch übernahm die Oberhand und vernebelte jedes weitere Gefühl.
   Erst, als Darvin bereits vor ihm stand, ihm das Schlachtermesser entwand, gewahrte er ihn. Er biss wie eine Schlange zu, Blut quoll ihm in den Mund. Der Mann war so geschockt, dass er nicht einmal aufschrie, nur ein Keuchen entrang sich ihm. Zuerst wehrte er sich, Darvin musste ihn mit aller Kraft festhalten. Dann erschlaffte der Körper und Darvin ließ ab von ihm. Rasch wich er vor dem Schlachter zurück, rang um Atem, versuchte, den Dämon in sich zurückzudrängen.
   Langsam kam der Mensch wieder in ihm hervor. Er fühlte, wie der Fluch die Schmerzen der Verbrennung linderte. Trotz dieses blutbesudelten Ortes schloss er die Augen und gab sich der Heilung hin. Insgeheim dankte er der Hexe für diese Tat. Den Mord an dem Mädchen hätte er nicht so leicht verwunden. Mit dem Handrücken wischte er sich über den Mund. Dann stutzte er, sog die Gerüche ein.
   »Wer war dieser Kerl?«, fragte er die Hexe.
   Sybil war zurückgewichen, schaute ihn mit einem seltsamen Gesichtsausdruck an. Das Geschehen hatte sie nicht gleichgültig aufgefasst. Er hörte ihr Herz rasen, roch ihre Furcht, die sie ihm in ihrer Mimik verheimlichte.
   »Ich kam hier vorbei, bevor ich dich aufsuchte«, sagte sie gefasst. »Die Bauern fürchteten ihn, aber niemand wagte, gegen ihn vorzugehen.«
   »Trotzdem ließen sie ihre Tiere von ihm schlachten?«
   »Es war einfacher für sie, die Augen zu verschließen.«
   »Ich rieche altes Menschenblut«, sagte Darvin mit einem bitteren Unterton.
   Erschrocken schaute Sybil zu ihm auf.

Mordkeller

Der Mord an dem Mann ließ Sybil nicht so unbeteiligt sein, wie sie es gehofft hatte. Auch wenn Darvin den Fluch unter Kontrolle hielt, sie konnte ihre Furcht nicht völlig vor ihm unterdrücken. Er war ein Raubtier, nur ihr Hexenblut schützte sie. Und wüsste Darvin, wer sie wirklich war …
   Seine Worte rissen sie aus ihren Überlegungen. Menschenblut?
   Als sie auf dem Weg zu Darvin gewesen war, begegnete ihr der Schlachter in einem Wirtshaus. Sybil erinnerte sich an die Angst in den Augen der Dörfler. Niemand wagte, den Mann schief anzusehen. Später war sie ihm aufgrund einer Ahnung gefolgt, denn der Geruch nach Blut haftete ihm an. Man nannte ihn den Schlachter. Er kaufte die Tiere anscheinend für gutes Geld ein, was wohl die Kundschaft erklärte. Wie die Menschen die Grausamkeit ausgeblendet hatten, verstand sie nicht. Was Sybil auf diesem Gehöft von Weitem beobachtet hatte, verdrängte sie vehement.
   Als sie erkannt hatte, dass Darvin die Kontrolle verlieren würde, war sie ihm in rasendem Galopp gefolgt. Sie war erleichtert, dass Darvin gerade diese Richtung genommen hatte, aber viel Auswahl war ihm auch nicht geblieben, angesichts der Tatsache, dass man sein Zuhause verbrannt hatte.
   Der Hengst wich weiter in den Wald zurück, warf dem Hof argwöhnische Blicke zu.
   Darvin stieg über die Leiche des Schlachters hinweg und ging auf das heruntergekommene Anwesen zu. Bei all den Kadavern, die der Mann draußen zum Ausbluten hingehangen hatte, stieg Übelkeit in ihr auf. Sie liefen um das baufällige Haus herum, Darvin schien seinem Geruchssinn zu folgen. Weiter hinten, verborgen in einem Bretterverschlag, hing der Körper einer Frau.
   Sybil schnappte nach Luft, ihr entfuhr ein erstickter Schrei. Die Fremde war genauso behandelt worden wie die Schweine. Sie konnte sich das nicht ansehen und wich zurück. Darvin fasste sie am Arm, ließ sie nicht gehen. Dieses furchtbare Bild wollte Sybil nicht mehr sehen, sie schloss kurz die Augen.
   »Bleib in meiner Nähe«, zischte er Sybil zu.
   Also wollte er sie schützen? Überrascht suchte sie seinen Blick, den er nicht erwiderte. Darvin brachte sie aus der alten Scheune und zog sie zu dem Haus, das sie wachsam betraten. Die Einrichtung wirkte karg, die Räume schmutzig. Es roch nach Fäulnis.
   Ihr Körper bebte leicht, die Gerüche der Behausung raubten Sybil den Atem. »Ich wusste nicht, dass er wirklich ein … ein Mörder ist«, wisperte sie.
   »Das bin ich auch.«
   »Nicht so!«
   Darvin hob den Finger an die Lippen. Augenblicklich schwieg sie. Ihr Herz klopfte so hart gegen ihren Brustkorb, dass sie ein leichtes Stechen verspürte.
   »Hier ist noch jemand, ich höre ihn atmen«, sagte er rau.
   Sybil stellten sich alle Nackenhaare auf. Sie wollte nur noch fort von hier. Darvin ließ sich von seinen Instinkten führen und lief die Treppe zum Keller hinunter. Er mochte ohne Scheu diese Stufen nehmen, Sybil zögerte. Sie warf einen verstohlenen Blick aus dem Fenster. Ein Schatten flog draußen vorbei und sie zuckte zusammen. Ob es Ceyl war?
   »Sybil …«
   Sie wandte sich zu Darvin um, der am Treppenabsatz verharrte. Seine Haltung und der Tonfall, mit der er ihren Namen sagte, versetzte sie in noch stärkere Aufregung. Sie wollte sich nicht fürchten, wollte vor Darvin nicht schwach erscheinen. Dieser Ort setzte ihr jedoch so sehr zu, dass sie ihren Gefühlen nicht entfliehen konnte. Sie ging trotzdem die Stufen hinunter. Ungläubig schaute sie auf den düsteren Kellerraum. Dort befanden sich drei Käfige. In einem kauerte ein halb nackter Junge, so ausgemergelt, dass Sybil erst nicht einschätzen konnte, ob er tot oder lebendig war, da er bewegungslos gegen das Gitter lehnte, nicht einmal aufschaute.
   Darvin schaute ihn mit unbewegtem Gesicht an. Er mied ihren Blick.
   »Kümmer dich um ihn«, raunte er. »Bring ihn fort von hier und treffe mich auf der Lichtung bei den Pferden. Nimm Aslan mit.«
   »Das Pferd?«
   Er nickte nur, wandte sich ab und ging nach oben in den Wohnbereich.
   »Was wirst du tun, Darvin?«
   »Ich vernichte diesen Ort.«
   Wie ein Geist verschwand Darvin und ließ sie allein in dem Zwielicht des Kellergeschosses. Achtsam näherte sich Sybil dem Käfig, sah sich um. Der Junge, er mochte siebzehn Jahre alt sein, rührte sich nicht, starrte auf die Gitter, die ihn gefangen hielten. Er zwinkerte nicht einmal. Nur am Heben und Senken seines Brustkorbs sah man überhaupt, dass er noch lebte.
   »Wie heißt du?«, fragte Sybil sanft und kniete sich vor den Käfig.
   Er reagierte nicht, nur seine Augen schlossen sich träge, als wäre er in Trance. In dieser Position kam sie nicht an ihn heran, also schob sie einen der leeren Metallkäfige mit einem Kraftaufwand zur Seite und hockte sich neben ihn. Zaghaft schob Sybil die Hand durch die Stäbe und berührte ihn sachte am Arm. Dies ließ ihn so heftig zusammenzucken und aufspringen, dass er sich den Kopf oben an den Gittern stieß.
   »Ruhig! Ich werde dir nichts tun«, beschwichtigte sie ihn.
   Wie ein gehetztes Tier starrte er sie an. Das erste Mal schien er Sybil überhaupt zu registrieren. Es vergingen etwa zehn Sekunden, in denen sie sich schweigend musterten. Dann fiel er zu ihr auf die Knie.
   »Du musst verschwinden«, flüsterte er mit heiserer Stimme. »Er wird zurückkommen und dich töten.«
   In den blassen Augen des Jungen blitzte pure Panik. So einen Ausdruck hatte Sybil nur ein einziges Mal bei einem verwundeten Tier gesehen, das man gejagt hatte.
   »Er ist tot. Mein … Gefährte hat ihn aufgehalten«, erklärte Sybil. Mehr Worte brachte sie zunächst nicht hervor.
   Er wich zurück an das Metall. Sie sah ihm an, dass er ihr nicht vertraute.
   »Wer bist du, Junge? Warum hält er dich gefangen?«
   Er zögerte kurz. »Weil er kein Albenfleisch mag.«
   Sie betrachtete ihn näher. Er war kein Mensch? In seinem Zustand und bei den Lichtverhältnissen konnte sie das kaum erkennen. Aber sie erkannte, dass er älter sein musste, als sie zuerst gedacht hatte.
   »Wie öffnet man diesen Käfig?«
   »Er ist tot? Der Blutgeist hat ihn umgebracht?«, fragte er, ihre Frage ignorierend.
   »Woher …?« Sybil biss sich auf die Lippe. Natürlich, wenn er ein Albe war, dann konnte er genau spüren, was Darvin war. Sie kannte diese Gabe von ihrem Freund Kendric, der ein ähnliches Gespür besaß. »Der Käfig?«
   »Er hat ihn zugeschweißt, … weil er mich fürchtete.«
   Sybil suchte eine Möglichkeit, sein Gefängnis zu zerstören.
   »Dein Freund könnte vielleicht die Gitter auseinanderbiegen«, sagte er.
   Sein Vorschlag erschien ihr einleuchtend. Der fremde Junge kauerte sich wieder reglos an die Gitter. Eine Sache verwunderte sie. »Du warst vorhin nicht ansprechbar. Erst, als ich dich berührte.«
   Langsam wandte er ihr den Kopf zu, in seinem Ausdruck las sie pures Leid. »Was tätest du, wenn du diesen Tod Tag um Tag miterleben müsstest? Würdest du immer wieder zuschauen? Die Menschen schlachtete er hier, vor meinen Augen, damit die im Dorf nichts davon erfuhren. Hättest du weiter zugesehen, Hexe?«
   »Nein …«
   »Ich kapselte mich ab. «
   »Wie konnte er diese Morde nur verbergen?«
   »Die Menschen im Dorf verschonte er. Die Durchreisenden gabelte er am Weg auf, auch mich.«
   »Wie nennt man dich?«
   »Vaylon.«
   Sie wollte Darvin holen, aber der musste gespürt haben, dass sie seine Hilfe brauchte, denn er stand bereits oben am Treppenabsatz.
   »Du musst den Käfig aufbiegen, Darvin.«
   Schweigsam kehrte er in den Keller zurück. Für einen Augenblick starrten sich Darvin und der Gefangene an. Der wich zurück, bis sein Rücken an die Eisenstangen stieß. Seine Augen wechselten die Farbe. Das Blasse verwandelte sich in ein dunkles Grau, soweit Sybil das bei dem Zwielicht erkennen konnte. Darvin umfasste zwei der Gitter, versuchte sie auseinanderzubiegen, doch auch er scheiterte an dem dicken Metall. Kurzerhand warf er den Käfig um, sodass der Albe auf die Seite stolperte. Der Boden dieses Kerkers war aus Holz, lange Nägel befestigten das Eisen. Darvin zerrte daran, konnte sie jedoch nicht lockern.
   »Ich habe einige Fluchtversuche unternommen. Er wollte nichts riskieren«, erklärte Vaylon.
   Sybil sah Narben auf seinem entblößten Oberkörper, er trug nur eine zerfetzte Hose, die kaum etwas verhüllte. Was hatte dieser Kerl ihm angetan?
   Mit einem Unmutslaut schaute sich Darvin in dem Gewölbe um, durchforstete die Werkzeuge, die dort zu finden waren. Vaylon kauerte sich derweil auf die Eisenstäbe und sah ihm mit Misstrauen im Blick dabei zu. Als Darvin mit einer Säge zurückkehrte, die an der Schneide dunkel verfärbt war, flackerte Angst im Blick des Alben.
   »Die Knochensäge«, murmelte er.
   Darvin ließ sich nicht beirren, obwohl er sicher das alte Blut an der Säge wahrnahm. Entschlossen setzte er am Holz an und begann den Boden in zwei Teile zu spalten, um ihn auseinanderzubrechen.
   Als sie Vaylon nach einiger Zeit heraushalfen, konnte er kaum stehen. Darvin hielt Abstand. Sybil sah, dass ihn das Blut des Alben reizte, denn die Male erschienen zwischenzeitlich auf seiner Haut.
   Sie brachte Vaylon zu Darvins Hengst und bestand darauf, dass der Albe aufstieg. Im Schritt führte sie das Pferd durch den Wald. In seinem geschwächten Zustand kämpfte Vaylon darum, sitzen zu bleiben, beschwerte sich aber mit keinem Wort. Immer wieder schaute Sybil zu ihm, um sich zu vergewissern, dass er nicht herunterfiel. Im Tageslicht sah sie, dass sein zerzaustes Haar blond sein musste, wenn man es vom Schmutz befreite. Ob er zu den weißen Feen gehörte?
   Auf der Lichtung, wo die anderen beiden Pferde friedlich grasten, half sie ihm abzusteigen. Sie sattelte Aslan ab und beobachtete den Alben. Vaylon saß zitternd da, also entfachte Sybil für ihn ein Lagerfeuer.
   »Du musst hungrig sein.« Sie bot ihm einen Brotkanten aus ihrem Vorrat an.
   Er riss es ihr fast aus der Hand und schlang die Nahrung gierig in sich hinein. »Hast du auch Wasser?« Sein Blick erinnerte sie an ein ausgehungertes Tier.
   Sybil reichte ihm ihre Wasserflasche, die sie zuvor am Bach gefüllt hatte.
   Der Geruch nach Feuer drang durch den Wald. Sie sah die Rauchsäule, die in den Himmel stieg. Darvin hatte also alles dem Feuer übergeben.
   Es dauerte eine Weile, bis er zu ihnen stieß. Er trug ein einfaches Hemd, das er noch nicht geschlossen hatte, und warf dem Alben ein Kleiderbündel hin. Der stieß es mit einem angewiderten Gesichtsausdruck weg. »Ich werde nichts von diesem Mörder anziehen!«
   Vaylon funkelte ihn wütend an. Er musste völlig entkräftet sein, auch wenn er versuchte, diese Schwäche nicht zu zeigen. Der Albe stand auf, brachte mit einem Taumeln Abstand zwischen sich und Darvin.
   »Sei nicht töricht. Du frierst, und etwas anderes haben wir nicht. Ich muss auch ein Hemd von diesem verdammten Kerl tragen, weil meins verbrannt wurde.«
   »Du bist genauso ein Mörder!«
   Vaylon konnte ihm nicht ausweichen, als Darvin ihn packte. »Bin ich das? Und warum stehst du dann hier? Warum bist du nicht im Käfig und brennst? Warum höre und rieche ich dein Blut, aber nehme es nicht?« Mit einem wütenden Stoß schubste er den Alben von sich. »Zieh dich an, verdammt!«
   Sybil sah Tränen in Vaylons Augen funkeln. Er weinte sie nicht. Sein Atem kam stoßweise und er rang um seine Fassung. Sie näherte sich zaghaft, hielt ihm Hemd und Hose hin, wollte ihn an der Schulter berühren, doch er wich abrupt zur Seite weg. »Rühr mich nicht an!«
   Für einen Augenblick fiel seine Fassade und sie erkannte seine wahren Gefühle, die er für Sekundenbruchteile in seiner Mimik nicht verbergen konnte. Was immer man ihm angetan hatte, es hatte ihn gebrochen.
   Schließlich nahm er die Kleidung. Er berührte sie, als verbrannte er sich daran, zog sie dennoch über. Sybil reichte ihm ihre Decke und er hüllte sich schweigend darin ein, setzte sich ans Feuer und starrte in die Flammen. Reglos saß er da, sein Geist schien wieder abgekapselt zu sein.

Gespräche am Feuer

Fast eine Stunde bewegte sich der Albe nicht, starrte auf den Boden neben dem Feuer und schien völlig abwesend zu sein. Darvin beobachtete ihn argwöhnisch, hielt gebührenden Abstand. Sybil lehnte am Stamm einer Erle und schaute in die sich wiegenden Baumkronen.
   Plötzlich erhob sich Vaylon, wie von unsichtbaren Fäden angehoben. Sein Gang wirkte träge, als wäre er all seiner Kräfte beraubt. Langsam ging er auf die Schimmelstute zu. Nila wandte sich zu ihm um, weil er in einiger Entfernung stehen blieb und sie leise ansprach. Er wollte also, dass das Pferd auf ihn zukam, drängte sich ihm nicht auf.
   Darvin runzelte die Stirn. Die Stute trottete auf Vaylon zu, beschnupperte ihn. Er sah zu Darvin, die Hand am Hals des Pferdes. Seine Iriden changierten zwischen Dunkelblau und einer Graufärbung, die ihn an Gewitterwolken denken ließ. Vaylons Blick sprach deutlich zu ihm. Lass mich gehen.
   Darvin war ihm dankbar, dass er Nila nicht einfach bei der nächsten Gelegenheit stahl und davonritt. Denn das könnte er. Im Gebaren der Stute sah er, dass sie sich ihm nicht verweigern würde. Sie wieherte leise.
   »Wo bringst du sie hin?«, hakte Darvin nach, auch um sein Einverständnis zu geben.
   »Du wirst sie bei den weißen Feen finden.«
   »Nimm den Sattel. Auf Dessa kann noch niemand reiten, sie ist zu jung.«
   Vaylon nickte und zäumte den Schimmel auf.
   Sybil beobachtete sie, sagte aber nichts zu seiner Entscheidung.
   Er selbst hielt Abstand zu dem Alben. Zu sehr nahm er den Herzschlag des jungen Mannes wahr, der das kostbare Blut durch seine Adern fließen ließ. Hunger konnte er überhaupt nicht gebrauchen und der Fluch in ihm reagierte recht willkürlich. Er richtete das Wort an Sybil. »Wir werden ebenso zu den Feen reisen, oder?«
   »Ja. Dort ist das Portal, das wir brauchen.«
   Vaylon zog sich aufs Pferd und nahm die Zügel auf. Nila ließ sich von dem Alben umlenken, ohne dass der groß an den Zügeln hantierte. Also ein erfahrener Reiter, dachte Darvin beruhigt.
   Er ritt noch nicht fort, sah sich auch nicht zu ihnen um. »Danke«, hauchte Vaylon und verschwand mit Darvins Stute in dem lichten Erlenhain.
   Eine Weile hörte Darvin nur das Rascheln von Kleintieren, die Pfiffe der Erlenlerche, die hier beheimatet war. Der Vogel war so klein, dass man ihn leicht übersah. Seine Laute hallten dafür oft penetrant durch den Wald.
   In den Augenwinkeln sah er, wie sich Sybil etwas entfernte. Er sah zu, wie sie ihr Haar anhob und die blonden Strähnen zu einem Zopf flocht. »Du hattest Angst vor mir, als ich getötet habe«, sprach er seinen spontanen Gedanken aus.
   Sybil stutzte kurz und zuckte dann mit den Schultern. »Vor dem Schlachter fürchtete ich mich mehr«, erwiderte sie und band ihr Haar mit einer Schnur zusammen, sodass ihr der geflochtene Zopf auf den Rücken fiel.
   Ohne einen weiteren Kommentar setzte sie sich ans Feuer, kramte in ihrer großen Umhängetasche und holte einen kleinen Topf hervor. Sie begann Kräuter und hellbraune Pilze zu zerteilen, sogar eine Kartoffel hatte sie dabei. Als sie Salz dazugab und von den Zutaten über den Flammen eine Suppe zubereitete, stieg ihm der köstliche Duft in die Nase.
   Schon sehr lange hatte er keine normale Nahrung zu sich genommen. Erinnerungen brandeten in ihm auf, die ihm einen Stich versetzten. Er wandte sich ab und setzte sich abseits vor einen Holunderstrauch, sah ihr bei ihrem Tun zu.
   Von Zeit zu Zeit schaute Sybil zu ihm herüber. Darvin wich dem aus, konnte sich noch nicht damit abfinden, einer Hexe so nah zu sein. So viele Jahre hatte er dieses Volk gehasst, aber auch ihm war klar, dass Sybil an seinem Fluch keine Schuld trug.
   Ceyl krächzte leise und flatterte zu ihm auf den Boden, pickte ihm sachte ans Bein.
   »Du hast ja recht«, raunte er dem Raben zu. »Es tut gut, Gesellschaft zu haben, deren Blut man nicht begehrt.«
   »Hattest du schon immer eine so enge Verbindung zu Tieren?«, fragte Sybil, während sie den Topf mit einem Stock ins Feuer hielt.
   Ceyl hüpfte ihm auf die angezogenen Knie und er kraulte den Vogel am Kopf, sodass der Rabe leise gurrte. »Ja, aber mit dem Fluch wurde es stärker. Vielleicht weil sie die Einzigen sind, denen ich nicht gefährlich werden kann.«
   »Nun, mit einer Hexe klappt es doch auch ganz gut«, sagte Sybil und lächelte.
   »Solche Begegnungen habe ich gemieden, wie du sicher verstehen kannst«, erwiderte Darvin nicht ohne Schärfe in der Stimme.
   Schweigen hüllte sie ein. Der Rabe flatterte auf seine Schulter und lehnte sich an ihn. An seinen leisen Atemgeräuschen hörte Darvin, dass Ceyl einschlummerte.
   »Wie hast du deine Kräfte eingebüßt?«
   Fast erschrocken sah sie zu ihm herüber. Sybil brauchte einen Moment, um zu antworten. »Unsere Familie hat einen schwerwiegenden Fehler begangen, der auch mich betrifft. Es ist eine Art Bann.«
   »Deine Magie wurde dir also von deinem eigenen Volk geraubt?«
   »So kann man sagen.«
   »Was ist geschehen?«
   »Ich möchte nicht darüber reden, Darvin.« Sie nahm ihre Mahlzeit vom Feuer und kam zu ihm, setzte sich ihm gegenüber. »Erzähl mir lieber, wie das mit deinem Fluch geschehen ist.«
   »Darüber möchte ich nicht reden«, grummelte er.
   Sybil löffelte ihre Suppe. Die Stille zwischen ihnen war nicht unangenehm. Insgeheim genoss er ihre Gegenwart, denn sie brach seine Einsamkeit auf. Egal welchem Volk sie angehörte. Rasch verdrängte er Gedanken dieser Art.
   »Warum hast du Vaylon das Pferd überlassen? Vertraust du ihm so weit?«
   »Die Alben mögen verschwiegene, eingebildete Lackaffen mit zu vielen Kräften sein. Allen voran die weißen Feen. Aber wenn man ihnen etwas anvertrauen kann, dann sind es Tiere. Das Gleiche kann ich von meinem Volk nicht behaupten.«
   »Mein bester Freund gehört zu den Hochalben. Ohne ihn wäre es für mich in der Kindheit einsam gewesen. Wir trafen uns immer heimlich an einer alten Mühle und spielten zusammen.«
   »Was wurde daraus?«
   »Wir halten den Kontakt noch immer aufrecht. Er gab mir den Silberachat.«
   »Dann vertraut man den Hexen also lieber Fluchjuwelen an?«
   Sie lachte herzhaft und Darvin sah sie erstaunt an. Dieser Laut ließ sein Herz schneller schlagen. In diesem Augenblick fühlte er sich nicht mehr verflucht. Als könnte er durch sie das Böse abstreifen.
   Sybil schien seine Empfindungen zu spüren, schenkte ihm ein Lächeln. Er ließ zu, dass sie ihn sachte am Handrücken berührte.
   »Es tut mir leid, was dir widerfahren ist«, flüsterte sie.
   Er zog die Hand fort und streichelte Ceyl, der immer noch auf seiner Schulter hockte und leicht schwankte, weil er eingeschlafen war.
   Ihm kam ein Gedanke. »Wie willst du die Erlaubnis für einen Übergang einholen? Ich stehe schließlich unter einem Fluch.«
   »Ich habe die Erlaubnis schon vor Wochen den Feen vorgelegt.«
   »Und?«
   »Man hat mich dreimal abgewiesen.« Sybil warf ihm einen vorsichtigen Blick zu.
   Darvin verschränkte die Arme vor der Brust. »Und wie willst du dann in die Menschenwelt gelangen?«
   »Das … Das weiß ich noch nicht. Ich hatte gehofft, die Feen irgendwie überlisten zu können.« Mit einem schuldbewussten Ausdruck knabberte sie auf ihrer Unterlippe herum.
   »Na ja, ich könnte die Portalwächter alle töten und wir schlüpfen hindurch.«
   Die Hexe starrte ihn an.
   »Das war ein Scherz!«
   »Ein Blutgeist mit Humor«, murmelte sie.
   Ihre Mimik brachte ihn zum Lachen. Er stockte im gleichen Moment. Seit Jahren hatte ihn niemand zu solch einer Gefühlsregung gereizt.
   Sybil legte den leeren Topf zur Seite, schien auf eine Reaktion seinerseits zu warten.
   »Irgendwie wird uns schon eine Lösung einfallen. Oder kennst du inoffizielle Tore?«
   »Nur eines, durch meinen Albenfreund, aber das ist bereits verschlossen worden.«
   »Ich sehe schon, dies ist ein durch und durch ausgeklügelter Plan«, sagte Darvin.
   »Spotte nur. Wir werden einen Weg finden, das weiß ich einfach.«
   Völlig unerwartet wurde Darvin klar, dass er dieser jungen Frau vertraute. Er nickte unmerklich und atmete tief durch. »Du solltest schlafen. Ich wache über dich.«
   Ohne eine Antwort abzuwarten, weckte er sanft den Raben und kletterte auf eine knorrige Eiche. Dieser erhöhte Punkt bescherte ihm einen guten Überblick, sodass sich niemand einfach ihrem Lager nähern konnte. Ceyl leistete ihm Gesellschaft und setzte sich auf einen dünnen, erhöhten Ast und wippte damit auf und nieder, als wollte er sich in den Schlaf wiegen.
   Darvin beobachtete, wie Sybil zum Bach lief, den Topf auswusch und alles wieder verstaute. Sie folgte seinem Rat, hüllte sich am Feuer in ihre Decke und legte sich nieder.
   Der Nachmittag war längst der Dämmerung gewichen. Am graublauen Himmel blitzten erste Sterne hervor, die Darvin zwischen der sich wiegenden Krone sehen konnte. Immer wieder stellte er sich die Frage, ob diese Reise für ihn wirklich die Erlösung des Fluchs bedeutete. Eine fiese Stimme, die er nicht verdrängen konnte, ließ ihn daran zweifeln. Immer wieder warnte sie ihn, dass es ihn genauso gut das Leben kosten konnte.
   Er wischte diese Bedenken beiseite, klammerte sich an die Hoffnung, die ihm in all den Jahrzehnten verloren gegangen und nun neu aufgeflammt war.
   Wieder schweiften seine Erinnerungen zu dem Tag des Fluchs. Auf eine gewisse Weise verstand er die Hexe Rilana, die ihm dies angetan hatte. Er war nur Mittel zum Zweck. Sie hatte seine Familie treffen wollen, weil man ihr jede Hilfe verweigert hatte. Nun waren alle von damals tot und er büßte noch immer dafür.

Eindringlinge

Sybil starrte ins Feuer. Sie spürte Darvins Blick auf sich. Wo genau er sich befand, wusste sie nicht, aber sie fühlte, dass er in der Nähe weilte. Eines seiner Pferde schnaubte leise, Kleintiere huschten durch das Laub, sie hörte deutlich die trappelnden Pfötchen der Mäuse. Ihre Hand ruhte am Erdboden. Sie ertastete Moos und Erde, kleine Wurzeln. Dies schuf eine Verbindung zum Wald, die einzige Magie, die ihr geblieben war das Horchen auf die Natur.
   Warum schlang sich immer mehr ein Band um sie und Darvin? Noch war es unmerklich. Trotzdem schien eine Kraft, die sie noch nicht begriff, Einfluss auf sie zu nehmen. Sein Hass schwand immer mehr, sie sah es an den Blicken, die er ihr zuwarf, an seiner Haltung, aus der das Feindselige wich. Obwohl sie zu dem Volk gehörte, das ihn verflucht hatte, und zu allem Übel auch noch zum …
   Sybil wischte ihre Gedanken rasch beiseite und konzentrierte sich auf das, was vor ihnen lag. Oder besser, auf das, was sie selbst betraf. Schuldgefühle raubten ihr den Schlaf. Sie erpresste ihn mit einer Hoffnung, die vielleicht nur für sie galt und nicht für ihn. Schlussendlich wäre es Verrat. Jetzt, wo sie ihn kennengelernt hatte, fiel es ihr noch viel schwerer. Er mochte ein Blutgeist sein, ein Verfluchter. Den Menschen in sich bewahrte er, und wenn dieser Hexenfluch ihm nicht die Seele hatte stehlen können, dann musste er vor neunzig Jahren ein edler Mann gewesen sein, sonst erläge er der Gier längst vollständig.
   Sie sollte schlafen, wie Darvin es ihr geraten hatte, aber sie konnte nicht. Jeder Laut schreckte sie wieder auf. Die Angst, dass er es sich anders überlegen würde, womöglich fortging, lähmte sie, weil sie ihn nicht aufhalten könnte. Was wog schwerer? Sein Verlust als Person? Oder der Verlust der Hoffnung auf ihr Ziel? Diese Fragen warf sie innerlich auf eine Waage. Ihr Gefühl dazu überraschte sie.
   Sybil drehte sich auf die andere Seite, schaute sich nun doch um. Aus einem Impuls heraus, sah sie hinauf und erspähte seinen Umriss im Mondlicht. Darvin saß oben im Baum, wachte über sie. Unwillkürlich geisterte in ihr die Überlegung, wann er wieder töten müsste. Ihre Hand legte sich auf ihre Tasche, wo ihre Tränke bereit lagen. Ob der Blutpilz seine Mordlust mildern konnte? Hier nicht, dafür war der Fluch zu sehr mit dieser Welt verbunden. Aber in der Menschenwelt? Sie wusste von einigen Blutgeistern, die dorthin geflüchtet waren, um ihrem Fluch zu entgehen. Die Menschen nannten sie Vampire. Die meisten wussten nicht, dass der Weltenwechsel allein nicht ausreichte.
   Die Atmosphäre des Waldes änderte sich abrupt. Sybil spürte deutlich, dass jemand eingedrungen war. Es raschelte leise und sie nahm an, dass Darvin es ebenso wahrgenommen hatte. Die Tiere verharrten still. Fremde Geräusche mischten sich mit dem Rauschen des Windes. Sie hörte die Bäume warnend flüstern. Ihr Körper spannte sich an, als erwartete sie einen Feind. Langsam richtete sie sich auf. Darvin bewegte sich nicht, sie sah es an seiner reglosen Silhouette. Sollte sie ihn leise rufen? Womöglich täuschte sie sich, und er wusste nichts von einer Gefahr.
   Ohne Vorwarnung löste sich seine Gestalt vom Baum und tauchte direkt vor ihr am Boden auf. Sybil schrie auf und wich aus. Er zog sie zurück, damit sie nicht zu nah an das Lagerfeuer kam.
   »Entschuldige«, murmelte er. »Etwas stimmt hier nicht. Bleib, wo du bist. Ich werde nachsehen, wer dort in den Wald eingedrungen ist.« Er schaute sie an, runzelte die Stirn. »Du fühlst es auch, nicht wahr?«
   Sybil nickte nur. Darvin war ihr so nah, dass seine Körperwärme für sie fühlbar wurde. Er zauste sich das dunkelblonde Haar, als überlegte er, wie er vorgehen könnte. Bemerkte er nicht, dass sie sich fast berührten? Darvin beobachtete den Waldrand. Sie sah in diesem Augenblick nur ihn. Dann war er fort, im Bruchteil einer Sekunde. Verwirrt blinzelte Sybil. Sie hüllte sich fester in die Decke und erhob sich. Auch die Pferde waren unruhig, deshalb prüfte sie die Seile, mit denen sie die Tiere angebunden hatten, damit sie nicht fortliefen. Dessa presste sich Schutz suchend an den Hengst, der dies ruhig über sich ergehen ließ. Sie wusste, dass manche Pferde solch einen Körperkontakt nicht schätzten. Dass er es duldete, sagte Sybil, dass die beiden Tiere einander vertrauten. Jetzt, wo Nila fort war, leitete der Fuchs die junge Stute.
   Darvins Fernbleiben erschien Sybil wie Stunden. Was im Wald geschah, konnte sie überhaupt nicht abschätzen. Sie vernahm Rufe. Oder waren es Schreie? Manchmal schien ihr jemand zu nahe zu kommen, deshalb löschte Sybil irgendwann das Feuer. Sonst zöge es die Fremden womöglich wie die Motten das Licht an. Die Geräusche kamen ihr dennoch gefährlich nah.
   Eine Wolke schob sich vor den vollen Mond. Für den Moment fühlte sich Sybil blind. Ihre Nackenhaare stellten sich auf, etwas näherte sich ihr auf leisen Sohlen. Oder gaukelte die Angst ihr Trugbilder vor? Aslan wieherte, sie hörte, wie er versuchte, sich zu befreien. Sybil schlich zu den Pferden, wollte sie beruhigen, als ein Knurren ertönte. So tief, dass es in ihrem Körper vibrierte. Ihr Herz schlug so schnell, dass sie nach Atem ringen musste.
   Der Wind trieb die düsteren Wolkenfäden beiseite, das Mondlicht fiel auf die Lichtung. Sybil sah sich einem Wolfsgesicht gegenüber. Vor Schreck stolperte sie zurück, konnte nicht einmal schreien. Das riesige Tier brachte sie vollends zu Fall und sie sah, dass er sich veränderte. Ein Wandler!
   Warum griff er sie an? Dieses Volk war normalerweise friedlich. Der Mann hatte sich nun zurück in seine menschliche Gestalt verwandelt, benahm sich aber seltsam. Er beugte sich zu ihr herunter, schnüffelte an ihr, schien ihren Duft einzusaugen. Sie wand sich unter ihm, wollte sich aus seinem Griff befreien. Seine Nacktheit war ihr unangenehm, vor allem, weil sie spürte, dass er erregt war.
   »Lass mich in Ruhe«, zischte sie ihm zu und wünschte sich inständig, dass sie normale Hexenkräfte besäße.
   Der Wandler lachte rau. In den Augenwinkeln sah sie zwei weitere Männer. Einer von ihnen wurde vom fahlen Licht direkt beleuchtet und sie sah seinen changierenden Blick. Ein Albe? Der andere schien ein Mensch zu sein.
   »Wer seid ihr? Ein zusammengewürfelter Haufen Wilder?« Sybil kämpfte darum, freizukommen.
   Sie sah, dass der Albe zurückwich und in den Wald verschwand. Der Wandler zerrte an ihrer Hose, der andere durchwühlte ihre Tasche. Sie kam sich vor wie in einem Albtraum.
   »Lass mir noch was übrig, ich will sie auch«, grollte der Mensch.
   Sie sah den Wandler böse grinsen, hörte, wie Stoff zerriss. Sybil gebärdete sich wie wild, doch ihr Angreifer stemmte die Hand gegen ihren Hals, raubte ihr die Luft. Jemand zog an ihrer Hose. Sie konnte nicht verhindern, dass man sie ihr entriss. Verzweifelt versuchte sie zu schreien, aber aus ihrer wunden Kehle kam nur ein Krächzen. Sie trat um sich, japste nach Luft. Sie hörte Glas zersplittern, dachte an ihre Tränke und versuchte ein letztes Mal aufzubegehren. Panik überschwemmte sie. Sie bekam keine Luft! Die Umgebung verschwamm in grauem Nebel.
   Er würde sie töten …
   Etwas riss an ihr. Ein Schrei hallte ihr in den Ohren und sie konnte wieder atmen. Sybil drehte sich auf die Seite, die Luft wollte nur schwer in ihre Lunge strömen, als hätte sie eine Blockade im Hals. Aber sie atmete.
   Ein Keuchen drang an ihre Ohren. Völlig verstört zwang sie die Lider auf und blickte in die toten Augen des Wandlers. Sie schrie heiser auf, wich zurück. Jemand hatte ihm die Kehle aufgerissen. Unerwartet packte sie jemand. Sybil wurde an einen Körper gepresst. Kaltes Metall lag an ihrem Hals und sie schluchzte auf.
   Sie sah Darvin, wie er mit dem Menschen kämpfte, ihn tötete, um sie zu retten. Er drehte sich zu Sybil um, man erkannte in ihm kaum noch den Menschen. Sein Hemd war voller Blut, die Fluchmale zeichneten sein Gesicht, schwarze Augen starrten sie an. Der Blutgeist war in einen Rausch gefallen.
   Vor wem sie mehr Angst haben sollte, konnte Sybil nicht einschätzen.
   »Verschwinde, oder ich töte sie«, sagte eine leise Stimme hinter ihr. Sein Atem streifte ihre Wange. War es der Albe, den sie gesehen hatte?«
   Doch Darvin konnte nicht klar denken. Er raste auf sie zu. Der Albe streckte das Messer vor, um ihn abzuwehren, Darvin riss sie einfach um. Sybil konnte dem Gerangel nicht entgehen. Etwas traf sie scharf in die Schulter, und sie konnte nur leise aufkeuchen.
   Der Albe riss sich los. Darvin verfolgte ihn nicht. Er kniete auf allen vieren am Boden und kämpfte um seine Beherrschung. Sybil sah an sich hinab. Ihre lange Lederbluse bedeckte zwar ihre Blöße, aber ein dunkler Fleck breitete sich darauf aus. In ihren Ohren begann es zu rauschen. Sie befühlte die Stelle und sah Blut auf ihren Fingern.
   »Darvin …«, wisperte sie.
   Dann senkte sich Dunkelheit über all ihre Sinne.

Ein unangenehmer Schmerz weckte sie. Darvin beugte sich mit besorgtem Blick über sie. Er hatte versucht, sich das Blut vom Mund zu wischen und dabei alles verschmiert. Die Male waren fort, seine Augen wieder hellblau. Vorsichtig wollte sie sich aufrichten, doch Darvin hielt sie am Boden.
   »Nicht, bleib liegen. Du bist verletzt.«
   »Sieh in meine Tasche. Ich habe dort einen Heiltrank«, krächzte sie. Sybil fror, ihre linke Schulter schmerzte, als schlüge jemand immer wieder mit einem Hammer darauf. Ein Wimmern entrang sich ihr, sie spürte Tränen, die an ihren Schläfen hinunterliefen.
   »Diese hier?« Darvin hielt ihr eine von ihren Phiolen hin.
   Sie schüttelte den Kopf, diese war für ihn gedacht. »Die … andere.«
   »Sie ist zerbrochen.«
   Sybil schluchzte leise, sie spürte die Decke auf ihrem Körper, die ihr keinerlei Wärme schenkte. Nur der Schmerz pochte unbarmherzig durch ihren Körper.
   »Wer … war das?«
   »Es waren Geächtete. Banditen. Ein wirklich bunter Haufen. Ich wollte ihnen nichts tun, verfolgte sie nur, aber diese drei hatten sich abgeseilt und … Sybil! Nicht einschlafen!«
   Sie fühlte sich so erschöpft, konnte die Lider kaum mehr aufhalten. Mühsam sah sie an sich hinab und erkannte, dass Darvin einige Stofflagen auf ihre Wunde presste. »Du tust … mir weh.«
   »Es blutet immer noch.«
   Sie versuchte zu nicken, um ihm zu sagen, dass er richtig handelte, aber alles entglitt ihr. Sybil sank in eine Finsternis, die sie regelrecht verschlang. Auch Darvins Rufe konnten sie nicht wieder zurückholen.

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