Seine Liebe bedeutet ihren Tod Ein jahrhundertealter Fluch liegt auf dem Meereskönigshaus von Ocean Mayrin. Doch nach einer Reihe männlicher Nachkommen wird endlich die Prinzessin geboren, mit der sich die uralte Weissagung der Meerhexe Dirdra erfüllen soll. Einige Jahre später geschieht, wovor sich das Königspaar seit der Geburt ihrer kleinen Nixe Hope am allermeisten gefürchtet hat. Hope verliebt sich in Gabriel - einen Menschen. Natürlich ist das Zusammentreffen kein Zufall, denn Gabriel ist Hopes Schicksal. Aus Liebe zu ihm wird sie zum Menschen, ohne jedoch zu ahnen, dass er derjenige ist, der der Fügung unwissentlich den Weg ebnet. Denn Gabriel wurde nur aus einem Grund geboren. Er ist ihr Jäger. Als das Unheil in der Menschenwelt seinen Lauf nimmt, entgeht Hope nur knapp dem Tod und flieht in ihre Heimat. Aber es ist zu spät, denn durch den Fluch sind sie beide unlösbar miteinander verbunden. Hope zieht es zurück zu den Menschen, zurück zu Gabriel - und ihr Jäger wartet schon auf sie …

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ISBN: 978-9963-52-226-2

Seiten: 284

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Tine Armbruster

Tine Armbruster
Tine Armbruster wurde 1970 als älteste von zwei Kindern in Karlsruhe geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie mit ihren Eltern, der Schwester und jeder Menge Getier in einem kleinen Örtchen nahe Karlsruhe. Mittlerweile lebt sie, selbst Mutter von zwei Kindern, mit ihrem Ehemann und zwei kleinen durchgeknallten Hunden in der Nähe von Bretten. In frühester Jugend begann sie, Geschichten niederzuschreiben, was sie aber in der bewegten Teenagerphase wieder aus den Augen verlor. Fast genauso lange ist Lesen eines ihrer liebsten Hobbys, damit – so findet die Autorin – lässt sich neben Musik einfach am besten vom Alltag abschalten. Außerdem entfachte es, nun, da sie sich selbst als älter und reifer betitelt, ihre alte Leidenschaft des Schreibens aufs Neue.  Ihre erste Arbeit „Wandel der Zeit, Savannah – Liebe gegen jede Regel“ ist seit Mai 2012 im Handel erhältlich. Danach folgten im Juni 2013 „Lilith wunschlos glücklich“ und im Februar 2014 „Hope - Fluchgebunden“, die beide über den bookshouse-Verlag publiziert wurden. Weitere Werke der Autorin sind in Arbeit.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Hope hatte sich aufgesetzt. Sie hielt den Blick gesenkt und malte belanglose Kreise in den Sand. Obwohl Gabriel sie nicht mehr umarmte, war ihr viel zu heiß. Das lag nicht allein an der Sonne, die unermüdlich auf sie niederstrahlte. An das Tragen von Kleidungsstücken hatte sich ihr ansonsten im Wasser lebender Körper noch nicht gewöhnt. Selbst wenn sie mit Tanktop und Shorts nicht zu den Menschen gehörte, die an einem Tag am Strand die meisten Kleidungsstücke am Leib trugen. Die Hitze und die Trockenheit der Luft setzten ihr zu, zumal sie die vergangene Nacht nicht ins Wasser zurückgekehrt war. Ihr fehlte das kühle Nass auf ihrer Haut, das Salz in ihren Poren und das Atmen fiel ihr schwer. Sauerstoff aus der Luft zu filtern, war ermüdend.
   Vielleicht lag es doch an dem Jungen neben ihr, der sie schon seit geraumer Zeit mit seinen honiggoldenen Augen taxierte, dass ihr viel zu heiß war?
   Ihnen war vor einigen Minuten der Gesprächsstoff ausgegangen. Wie sollte sie sich Gabriel gegenüber verhalten? Die vergangene Nacht hatte alles zwischen ihnen verändert. Jetzt war da mehr, als sie jemals hätte zulassen dürfen und den Weg zurück, den gab es nicht mehr.
   Hope grub ihre Füße in den heißen Sand und spürte jedes einzelne Korn, das ihr dabei zwischen die Zehen rutschte, kantig und rau. Es war einfach ein wunderbares und völlig neuartiges Gefühl. Sie genoss es mit jedem weiteren Atemzug, während sie ihre Zehennägel betrachtete, die in den Farben ihrer Schuppen glitzerten. Momentan war ihre Farbe von einem strahlenden Sonnengelb, denn sie war glücklich, hier bei Gabriel zu sein, und auch darüber, Beine, Füße, ja sogar Zehen zu besitzen. Auch wenn ihr menschlicher Körper sie ausdörrte, fand sie sich immer noch schön anzusehen. Ihre Lippen bogen sich zu einem bewundernden Lächeln nach oben.
   »Du siehst wunderschön aus.« Gabriel schob ihr langes goldenes Haar, das sie wie einen Vorhang zwischen sich und ihm ausgebreitet hatte, hinters Ohr. Er strich zärtlich über ihren Hals und das Schulterblatt. Langsam wanderte er ihre Wirbelsäule hinab, bis er an ihrer Hüfte stoppte. Ihr wurde mit einem Mal noch heißer, während ihr erneut ein kleines, für ihn wohl kaum sichtbares, Lächeln über die Lippen huschte. Hatte sie das nicht schon seit Tagen herbeigesehnt? Dass Gabriel Xander sie mochte, sie schön fand, sie vielleicht sogar wahrhaftig und von ganzem Herzen liebte?
   »Wunderschön.« Er hob ihr Kinn ein wenig an und drehte ihr Gesicht in seine Richtung.
   Gabriel hätte sie Stunden, ja Tage, so ansehen können. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sie sein Anblick jemals langweilen würde. Er war einfach das schönste männliche Wesen, dem sie je begegnet war. Hier ebenso wie im Meer.
   Gleich darauf wurde ihr Lächeln unsicher. Hier und Meer, Mensch und Nixe. Konnte das gut gehen? Meinte er es wirklich ernst? Sie war kurz davor, ihr Geheimnis mit ihm zu teilen, obwohl es ein Risiko war. Hundertprozentige Sicherheit gab es nicht, aber sie liebte ihn aus tiefstem Herzen und hoffte, dass es ihm genauso ging. Er wäre der erste Mensch, dem sich ein Meereswesen je offenbart hätte. Sie wollte sich sicher sein, jeden Fehler ausschließen, doch als sie in seine Augen sah, verflogen Angst und Zweifel. Gabriel war jedes Risiko wert, auch dann, wenn es sie das Leben kosten sollte.
   »Was meinst du, wollen wir schwimmen gehen?«
   Hope stockte, ihr Herz klopfte plötzlich viel zu unrhythmisch und drohte, ihr aus der Brust zu springen. Panik ergriff sie. Sie? Schwimmen? Mit ihm? Energisch schüttelte sie den Kopf. »Nein. Ähm … Ich … ich hab keine Badesachen dabei.«
   »Diese Ausrede zählt nicht.« Er lachte. »Wir können doch in unserer Unterwäsche schwimmen gehen. Niemand außer uns ist hier. Komm schon.« Er ergriff ihre Hand und meinte es anscheinend ernst.
   Hope seufzte. Er betrachtete sie mit einem absolut süßen, bettelnden Seehundeblick. Sie hätte so gern Ja gesagt, aber es ging nicht. Er würde nicht verstehen, was er sah. Niemand würde das. Sie musste ihn zuerst darauf vorbereiten. Mit Worten, nicht mit Taten. »Es tut mir leid«, lehnte sie erneut ab. »Vielleicht ein andermal.«
   »Okay. Wie wäre es damit: Du kommst einfach mit zu mir. Dann kann ich dich endlich meinen Eltern vorstellen. Dad ist nach seinen ewigen Geschäftsreisen ein paar Tage zu Hause und außerdem ist das eh schon längst überfällig. Ich muss ihnen ja mal meine Freundin vorstellen. Wie klingt das? Komm schon. Sag ja, bitte.«
   »Freundin?«
   Gabriel grinste verschlagen, beugte sich vor und küsste sie. »Ja, meine Freundin. Oder meinst du, ich verbringe mit jedem Mädchen so eine Nacht am Strand?«
   Hope warf einen Blick in Richtung Sonne und auf Gabriels Armbanduhr. Ihr Herz zog sich schmerzend zusammen. Die Zeit würde dafür nie und nimmer ausreichen. In etwas mehr als einer Stunde musste sie aufbrechen. Sie hatte es Mia versprochen. »Tut mir leid, Gabe, aber auch das müssen wir verschieben. Ich kann nicht. Ich hab dir doch erzählt, wie streng meine Eltern sind. Wenn ich nicht pünktlich gehe, werden sie bemerken, dass ich die Nacht über nicht zu Hause war.«
   Sein Blick lag forschend auf ihr, fast so, als suchte er in ihren Augen nach einer Lüge. Schnell senkte sie den Blick. Sie wusste nur zu gut, dass ihre Augen ihr Geheimnis nicht bewahren konnten.
   »Ganz ehrlich, Hope. Ich mag dich. Du brauchst dich nicht vor mir zu verstecken. Es ist okay. Glaub mir.«
   »Was meinst du damit?«, fragte Hope, während sich in ihr leichter Argwohn ausbreitete.
   Er legte zärtlich eine Hand auf ihr Bein. »Ich kenne dein Geheimnis«, flüsterte er in ihr Ohr.

Kapitel 1
Verflucht

Im Jahr 1609

»Lasst mich durch! Aus dem Weg, ihr Gesindel!«
   Die Palastwache, die für die Sicherheit in
   Ocean Mayrin zuständig war, stoppte Dirdra mit ausgestreckten Waffen. Sie stemmte ihre Hände in die Hüften und baute sich so bedrohlich, wie es ihr möglich war, vor den Wächtern auf. Dirdra hatte nur ein Ziel: Die Ungerechtigkeit zu verhindern, die an jenem Tage hinter den Mauern des Palastes stattfinden sollte. Ihr Auftritt hatte seine Wirkung nicht verfehlt, denn die Wache wich einen Flossenschlag zurück.
   »Eure Ho… Hoheit, wir mü… müssen um Ihre Einladung bit… bitten.« Die Wache deutete eine leichte Verbeugung an.
   Genugtuung durchflutete sie bei diesem Anblick. Es bereitete ihr einen unbändigen Spaß, die Angst in den sonst so abgeklärten Gesichtern der Elitesoldaten zu erkennen. Ihr Ruf war ihr zweifelsfrei vorausgeeilt. Sie warf ihnen die Einladung, die sie in den Händen gehalten hatte, ungehalten vor die Flossen und schwamm hoch erhobenen Hauptes in Richtung Kathedrale davon.
   Es war das höchste Gebäude der Unterwasserstadt und schon von Weitem als solches zu erkennen. Wie alle Gebäude in Ocean Mayrin war es aus Korallen und Muschelgestein erbaut worden und wirkte dennoch viel erhabener. Doch nicht an diesem Tag. Jede einzelne Wohnstätte war zu diesem Ereignis festlich geschmückt worden, einer Hochzeit würdig, die die ihre oder die jeder anderen Adeligen der sieben Weltmeere hätte sein können. König Aladar hätte jedes weibliche Wesen seiner hochrangigen, geladenen Gäste ehelichen können und Dirdra wäre damit klargekommen. Aber eine Nixe aus dem Volk, eine gewöhnliche, einfache, nichtssagende Dirne, das war einfach zu demütigend.
   Sie erreichte den festlich geschmückten Eingang der Zeremonienstätte, verharrte einen kurzen Moment und musterte das bizarre Treiben. Die Braut, die Zeremonie, die Gäste. Ihr erschien dieses Szenario wie eine einstudierte Farce. Sie kannte jedes Gesicht in diesem Raum. König Aladar hatte keine Kosten und Mühen gescheut. Er hatte um Anwesenheit zu seiner Hochzeit gebeten. Alle waren seinem Ruf gefolgt. Niemand hatte sein Handeln, eine gewöhnliche Dirne zu ehelichen, hinterfragt. Niemand außer Dirdra.
   Sie wartete lediglich noch so lange, bis alle Gäste gespannt auf die Antwort der Braut lauschten.
   »Stoppt dieses Schauspiel. Sofort!«
   Sämtliche Augenpaare fuhren zu Dirdra herum, während sie dem Brautpaar entgegenschwamm. Leises Gemurmel stieg aus den Reihen der Gäste empor und erfüllte das sauerstoffgeschwängerte Wasser bis in die hohen Decken. Die zukünftige Königin deutete eine Verbeugung an, doch König Aladar stoppte seine Braut.
   »Dirdra. Was tust du hier?«, fragte Aladar und schwamm schützend vor seine Verlobte.
   Ein Gefühl von Anspannung zog sich durch das Gewässer. Dunkle Magie, die es so gar nicht geben dürfte, ihr Ziel aber dennoch nicht verfehlte, kroch bis in die letzte Ritze der sonst so friedlichen Kathedrale. Überall sah sie Kinder, die sich verängstigt an ihre Mütter klammerten. Frauen, die Schutz bei ihren Männern suchten. Sie konnte die Angst vor sich und ihrem Zauber in jedem einzelnen Gesicht der verschreckten Anwesenden erkennen. Selbst der König schien endlich zu ahnen, dass sie mit der Wahl seiner Königin nicht einverstanden war. »Aber Eure Hoheit. Ihr habt mich doch eingeladen oder habt Ihr das etwa vergessen?«
   König Aladar schwamm ihr ein Stück entgegen. Sicherlich versuchte er, Zeit zu schinden. Bestimmt überlegte er gerade fieberhaft, was er gegen sie ausrichten könnte. Immerhin war er der König. Die Schauergeschichten, die man sich über sie und ihre Familie erzählte, waren unweigerlich auch durch die hohen Mauern seines Schlosses gedrungen. Jetzt würde er einsehen, dass es nicht nur haltlose Gerüchte waren. Dirdra genoss dieses Gefühl der Überlegenheit in vollen Zügen.
   »Natürlich habe ich das«, antwortete der König. »Zu meiner Hochzeit, zum Feiern meiner Königin. Nicht, um …«
   »Nicht, um was? Glaubt Eure Hoheit wirklich, dass ich Eure Entscheidung, eine Nixe aus dem Volk zu ehelichen, so einfach hinnehmen kann? Seit Jahrtausenden bleibt das königliche Blut unter sich, wird nicht vermischt. Ihr verwässert es, Eure Hoheit. Bringt Schande über Eure Stadt. Seht sie an. Sie ist es nicht wert.«
   Wieder erhob sich Gemurmel unter den Anwesenden und auf einigen Gesichtern fand sich der Ausdruck blanken Entsetzens wieder. Mit einer erhobenen Hand ließ der König seine Gäste verstummen.
   Einige Wachen stürmten durch den Kathedraleneingang. Dirdra wirbelte zu ihnen herum. Über ihr verdunkelte sich das Wasser, Blitze zuckten und der heraufbeschworene Nebelschleier kreiste wie ein dunkles Versprechen, Ocean Mayrin zu vernichten, über ihrem Antlitz. »Ahzar Ehze Izare«, flüsterte sie und die Wachen erstarrten zu Stein. Sie sahen aus, als wären sie vom Palastausstatter persönlich in liebevoller Handarbeit in Salzgestein gemeißelt worden. Ihre einstig glänzenden und farbenfrohen Schuppen waren nun mausgrau und matt, hart und leblos.
   Dirdra wandte sich wieder dem König zu. »Siehst du nun, was passiert, wenn du mich nicht ernst nimmst?« Über ihrem Haupt braute sich erneut ein Unwetter zusammen. Das Wasser um sie herum färbte sich zusehends dunkler. Die Gäste wurden, genau wie ihr Lebensraum um sie herum, mit jeder Sekunde, die verstrich, unruhiger. Sie schwamm bedrohlich nah vor den Bankreihen der unverheirateten Nixen auf und ab. »Und ihr? Habt ihr nichts zu sagen?«
   Ihre Flosse peitschte über den steinernen Boden und erschuf kleine dunkle Spiralen. Noch waren sie zu klein, um echten Schaden anzurichten, aber alle wussten, dass ein guter Magier weitaus größere Strudel, aus denen es kein Entkommen gab, hervorbringen konnte.
   Die Nixen wichen ihrem bohrenden Blick verängstigt aus.
   »Prinzessin Adeline? Fürstin Sophie? Gräfin Iman? Contessa Ajyna? Keine? Wollt ihr mir wirklich alle weismachen, dass ihr dieses ganze Theater billigt?«
   Die Nixen krümmten sich förmlich unter Dirdras stechendem Blick, doch keine wagte auch nur den Hauch einer Erwiderung.
   Als keine ihrer Mitkonkurrentinnen um Aladars Hand Anstalten machte, angemessen auf ihre Fragen zu reagieren, galt ihr Zorn wieder allein Aladar und seiner Braut. »Wie hast du es geschafft, all deine potenziellen Bräute davon zu überzeugen, dass eine Dirne weitaus mehr wert sei als königliches Blut?«
   »Nicht alle, wie ich jetzt sehe«, antwortete der König und bemühte sich sichtlich um einen ruhigen Umgangston. »Die Anwendung von Magie ist Nixen untersagt. Ihr macht Euch strafbar, das ist Euch doch bewusst. Bitte Herzogin, so kommt zur Vernunft.«
   Dirdra warf ihre wilden feuerroten Locken in den Nacken. Ein grollendes Lachen entwich ihr und erfüllte die mit Angst geflutete Kathedrale. »Vernunft? Vernunft? Ich soll zur Vernunft kommen?«
   Die schwarzen Schatten, die sie seit geraumer Zeit umkreisten, erhoben sich. Blitze zuckten aus ihren Leibern und drängten die Gäste in Richtung Ausgang zurück. Langsam schwamm Dirdra höher empor und mit jedem Schwanzschlag vergrößerte sich der Strudel unter ihrer Flosse. Obwohl er immer noch klein, kaum größer als Dirdra, war, begann er unaufhaltsam, die leichteren Algen und kleineren Fische in sein Innerstes zu ziehen.
   »Dirdra, ich bitte dich. Tu das nicht. Du wirst das Volk vernichten, über das du regieren wolltest. Das kann nicht die Lösung sein.«
   Sie stoppte ihren Aufstieg. Die Spirale kam zum Stillstand und entließ seine kleinen bunten Gefangenen unaufgefordert in die Freiheit.
   »Ich danke dir, Herzogin. Es wird keinerlei Konsequ…«
   Ihr biestiges Lachen ließ den König innehalten. Einen Flossenschlag später schwamm sie ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüber. »Ich verschone dein Volk, denn es ist ohne Schuld. Deine Familie jedoch nicht.«
   Hinter ihnen erklang ein von Panik erstickter Schrei. Sie hatte die zukünftige Königin beinahe vergessen. Doch bei ihrem gefassten Plan spielte die neue Königin eine nicht unwesentliche Rolle. Dirdra bedachte sie mit einem abwertenden Blick. »Ago Ysar Ineea Ganab.« Sie formte zwischen ihren Händen eine tiefschwarze rauchende Kugel. Sie schien aus dem gleichen Material wie Dirdras Schatten geschaffen zu sein. Als sie weitaus größer als ihre Handflächen war, teilte Dirdra die schwelende Kugel in zwei gleich große Hälften. Nachdem sie die Situation und das Unverständnis des Königspaares genug ausgekostet hatte, und ihr das ganze Theater zu langweilig wurde, blies sie die Kugeln an und der dunkle Zauber setzte sich in Bewegung. Beide magiebeladenen Zauberkugeln bahnten sich ihren Weg in den jeweils vorhergesehenen Körper, obwohl König Aladar sofort schützend vor seine Braut schwamm.
   »Was zum heiligen Poseidon hast du getan?« Aladar wehrte sich gegen die schwarze Macht in seinen Eingeweiden.
   Dirdras siegessicheres Lachen drang bis in die kleinste Ritze der verwüsteten Kathedrale. »Was ich getan habe?« Sie setzte eine gespielt bedrückte Miene auf. »Ich verrate es dir. Ich habe Euch genommen, was Ihr noch nicht einmal besitzt, mein König. Heiratet Eure Dirne, aber wird Eurem Königshaus eine kleine Prinzessin geboren, so seid gewiss, dass ihr Jäger schon auf sie wartet.«

Kapitel 2
Der erste Blick

Das Jahr 2012

Hope lag flach und versteckt auf einem kleinen Felsen, während die Brandung ihre Hüften umspülte. Fast automatisch berührte sie ihr kostbarstes Gut, eine wahrhaft magische Muschelkette, die geschmeidig um ihren Hals lag. Sie hatte sie noch nie benutzt, doch gerade war die Versuchung, es zu tun, überirdisch groß. Die Kette bedeutete ihr alles, denn sie gab ihr die Möglichkeit, ihrer Tante irgendwann zu folgen.
   Jeder Meeresbewohner besaß nur eine Kette dieser Art und trug sie täglich, wenn auch nicht, um sie tatsächlich zu verwenden. Es war eine Art Bann. Ohne sie fühlte man sich unvollständig und wurde nervös. Meeresbewohner hüteten ihre Ketten wie einen gigantischen Schatz. Sie war unersetzbar. Jedes Meeresbaby, das die Nacht des Meeresbodens erblickte, besaß eine einzigartige Schuppe mit anhaltend magischer Wirkung. Diese außergewöhnliche Schuppe zierte den Bauchnabel der kleinen Neuankömmlinge und wurde kurz nach der Geburt entfernt, um an das oberste Hexenorakel weitergereicht zu werden. Dieser fertigte in den geheimen Labyrinthen jene mystischen Ketten, die den Nixen und Meermännern erlaubten, jederzeit menschliche Gestalt anzunehmen. Dabei funktionierte jede Kette nur bei seinem wahren Träger. Das machte dieses Schmuckstück so einzigartig für die Meeresbewohner.
   »Hier steckst du also. Hätte ich mir ja denken können«, rief Mia ihr aus einiger Entfernung zu.
   Die Stimme ihrer besten Freundin würde Hope immer und überall erkennen. Sie machte sich nicht die Mühe, sich ihr zuzuwenden, denn Mia tauchte wieder ab, um Sekunden später, neben ihr erneut aufzutauchen.
   »Warum tust du dir das an, Hope?«, fragte Mia sie traurig. »Du wirst nie eine von ihnen sein. Das ist nicht deine Welt. Wann siehst du das endlich ein?«
   »Tante Sidney hat es geschafft. Sie gehört in diese Welt.«
   »Ja, ja. Für mich und jeden anderen in Ocean Mayrin gilt deine Tante als vermisst und du weißt, dass die Mehrheit deines Volkes hinter vorgehaltener Hand sogar von ihrem Tod spricht. Wie kannst du also auch nur in Erwägung ziehen, ein Mensch zu werden? Glaub mir, das ist nichts für dich. Kein Mensch wird dich je lieben, wenn er erfährt, was du bist. Sie würden dich jagen. Ist es das wert?«
   Mia legte ihr tröstend eine Hand auf die Schulter. Sie zwang sich, Mias wohlwollende Geste über sich ergehen zu lassen, und ihre Hand nicht brüsk abzustreifen. Mia seufzte und zog ihre Hand zurück. Hope deutete in Richtung Ufer.
   Mia riskierte einen Blick auf den von aufgekratzten Teenagern überfüllten Strand. Nach einigen Minuten schüttelte sie ablehnend den Kopf. »Was findest du nur an dieser Spezies? Schon allein diese komischen Flossen …«
   »Beine, Mia. Es sind Beine.«
   »Was auch immer. Es ist mir ein Rätsel, wie die Menschen damit zurechtkommen.«
   »Das Gleiche würden sie bestimmt auch über deine Flosse denken.«
   Abrupt und wie zum Widerspruch schoss Mias grellpinke Schwanzflosse pfeilschnell in die Höhe und schlug mit einem mächtigen Hieb aufs Wasser. Hinter den beiden stieg eine riesige Wasserfontäne auf, die in sanften Tropfen auf sie niederregnete.
   Entsetzt warf Hope einen Blick Richtung Strand, aber niemand schien etwas bemerkt zu haben.
   »Was hast du nur gegen meine schöne Flosse?«, fragte Mia gekünstelt pikiert, drehte sich auf den Rücken, reckte die Flosse erneut aus dem Wasser und musterte sie anscheinend selbstverliebt.
   Hope tat es ihrer Freundin gleich und legte sich ebenfalls sichtgeschützt auf den Felsen. Sie betrachteten stumm ihre Flossen. Die Sonne ließ sie in den unglaublichsten Farben schimmern. Ihre Schuppenkleider spiegelten minütlich ihre Stimmungen und auch deren Schwankungen wider. Einige von Mias Schuppen waren aus einem hellen Rosa und zeigten Hope, dass ihre kleine, zickige Freundin gerade ziemlich selbstsicher und zufrieden mit sich war. Hatte Hopes Flosse vor einigen Minuten noch in einem strahlenden Sonnengelb vor Glück geschimmert, waren die Schuppen nun von einem matten, herbstlichen Orange überzogen. Sie war deprimiert.
   Sie verstand Mias Einwand, doch ihre Freundin hatte das Talent, jedem Meeresbewohner ihre Meinung hemmungs-, und vor allem schonungslos vor die Schuppen zu klatschen. Von Feinfühligkeit hatte Mia noch nie etwas gehört. Und ja, sie hatte recht. Jeder Bewohner von Ocean Mayrin – Hope eingeschlossen – war unglaublich stolz auf seine Schwanzflosse. Dennoch war Hope wohl die Einzige ihrer Spezies, die für ein Paar Beine darauf verzichten würde.
   »Du denkst nicht wirklich darüber nach? Deine Mutter würde das niemals zulassen, von deinem Vater ganz zu schweigen. Du weißt, deine Tan…«
   »Ja, ja. Aber keiner weiß, was wirklich mit Sidney passiert ist. Ich sage es dir nun zum wiederholten Mal. Sie ist nicht tot!«
   Mia stöhnte laut auf. »Komm nach Hause in dein richtiges Leben, wenn es dir hier zu lahm wird. Ich hau’ ab. Bis später, Süße.« Kurz darauf spritzte erneut ein Schwall Wasser auf und Mia war verschwunden.
   Hope drehte sich wieder zurück auf den Bauch und beobachtete weiter den bunten Trubel am Strand. Mia hatte ihre gute Laune vertrieben. Ihr wurde langweilig und sie beschloss, nach Hause zu schwimmen. Sie hatte sich schon abgewandt, als sie ein undefinierbares Bauchgefühl dazu zwang, noch einmal einen Blick zu riskieren.
   Ihr Blick verharrte auf einem gut aussehenden Jungen, der mit einigen anderen Menschen den Strand entlangging. Wieso war er ihr noch nie aufgefallen? Hope wollte weiterhin nach Hause, aber ihre Flosse ließ sich nicht bewegen und sie konnte den Blick von diesem jungen Menschen nicht abwenden. Er war nur mit einer kurzen Hose bekleidet, was hier am Strand nichts Ungewöhnliches war, dennoch stockte ihr bei seinem Anblick kurzfristig der Atem. Wenn nur Mia noch hier wäre. Was sie wohl von diesem männlichen Exemplar halten würde?
   Der Junge hatte eine wahnsinnig gute Figur für einen Menschen, war braun gebrannt und verfügte über zwei wunderbar muskulöse Beine. Seine Haare glänzten goldbraun in der Sonne und sein Lächeln löste selbst aus dieser Entfernung ein befremdliches Kribbeln hinter ihrem Bauchnabel aus. In einer Hand trug er ein rundes Etwas. Es war wohl eine Art Spielzeug, denn einige Teenager warfen ein ähnlich aussehendes Ding unentwegt über ein gespanntes Netz, das fast so wie die Netze, mit denen die Menschen Fische aus den Meeren holten, aussah. Ein paar Mal hatte Hope gesehen, dass die Jungen mit ihren Beinen darauf eintraten und versuchten, dieses runde Ding zwischen zwei Felsen zu platzieren. Gelang es, jubelten ihnen immer einige Mädchen zu.
   Menschen waren in gewissen Dingen eigentümlich und für Hope schwer einschätzbar. Sie war zwar nicht völlig unwissend, was das Leben der Menschen betraf, aber sie kannte vieles nicht, was für diese Spezies anscheinend völlig normal war.
   Ihre Tante Sidney war über mehrere Jahre Landgänger gewesen, ehe sie eines Abends nicht wieder nach Ocean Mayrin zurückkehrte. Als sie noch bei ihrer Familie lebte, teilten sie das Interesse und die Leidenschaft für die Spezies der Menschen und sie hatte ihr einiges über ihre Art und deren Leben beigebracht. Nur leider hatten Sidneys Ausführungen über ihr Leben bei den Menschen Hopes Interesse daran nicht gedämpft, sondern eher gesteigert.
   Hope war hypnotisiert und irritiert zugleich. Menschen faszinierten sie schon, seit sie denken konnte, doch nie hatte sie ein einzelnes Individuum so sehr in seinen Bann ziehen können, wie es dieser Junge tat.
   Er warf dieses runde Ding in die Höhe, balancierte es kurze Zeit auf einem Finger und warf es anschließend einem seiner Begleiter zu. Er ließ sich auf etwas Buntem nieder, das er zuvor auf dem Sandboden ausgebreitet hatte. Die Beine angewinkelt, mit den Armen umschlungen, saß er da und starrte gebannt aufs Meer hinaus. Sie ließ ihn nicht aus den Augen. Es schien, als suchte er etwas. Sein Blick wanderte am Horizont entlang und blieb an ihrem Felsen hängen. Ertappt zog sie ihren Kopf ruckartig zurück. Hatte er sie etwa bemerkt? Sie überzeugte sich davon, dass ihre gesamte Flosse unter Wasser versteckt war. Nein, er konnte sie nicht gesehen haben. Auf keinen Fall.
   Einige Minuten hielt sie sich noch hinter dem Felsen versteckt und lauschte ihrem beschleunigten Herzschlag. Je länger sie sich im Verborgenen hielt, desto nervöser wurde sie. Ihre Hände fingen von den Fingerspitzen her an zu kribbeln und ihre Atmung ging immer noch viel zu stockend und unheimlich schnell. Zum allerersten Mal steckte irgendwo tief in ihr ein kleiner Hauch von Angst. Dabei musste sie sich vor nichts fürchten. Sie war eine Nixe, ein starkes Meermädchen und selbst, wenn er sie entdeckt hätte, würde er seinen Augen keinen Glauben schenken.
   Als sie erneut hinter ihrem Versteck auftauchte und Richtung Strand lugte, unterhielt sich der Junge mit einem anderen, den Hope ebenfalls noch nie hier gesehen hatte, zumindest war er ihr noch nie zuvor aufgefallen. Er hatte sie also nicht entdeckt. Ihre Haltung wurde entspannter, ihr Herzschlag innerhalb kürzester Zeit ruhiger. Sogar mehr als das: Neugier breitete sich in ihr aus und verdrängte letztlich jegliches Gefühl von Scheu und Angst. Sie wollte mehr von diesem unglaublich gut aussehenden Jungen sehen, wollte seine Stimme hören. Hope schwamm unvorsichtigerweise näher an den Strand heran. Der letzte Felsen, der ihr eine einigermaßen gute Deckung bot, war noch etwa zehn Meter von den beiden Jungen entfernt. Es war riskant, aber das war ihr augenblicklich egal. Mia wäre in Ohnmacht gefallen, wenn sie sehen könnte, was sie gerade trieb. Ihr Handeln war falsch und gefährlich, doch sie konnte diese Aktion nicht einfach abbrechen und sich in Sicherheit bringen. Die Menschen, allen voran dieser Junge, faszinierten sie zu sehr.
   Vorsichtig tauchte Hope hinter ihrem neuen, felsigen Versteck auf. Sie musste darauf achten, dass keiner dieser jungen Leute weit genug herausschwamm, um sie entdecken zu können. Aber die Luft war rein, und so konzentrierte sie sich auf das Objekt ihrer derzeitigen Begierde.
   »Wo hast du denn eigentlich Amber gelassen?«, erkundigte sich der rothaarige Typ, der neben ihm auf diesem bunten Teppich, oder was auch immer, Platz genommen hatte.
   Hope lauschte auf die Antwort. Amber. Bei diesem Namen musste es sich um ein Mädchen handeln. War sie seine Freundin?
   »Wie, zum Teufel, kommst du ausgerechnet jetzt auf Amber? Du weißt doch, dass wir kein Paar mehr sind!«
   Heiliger Poseidon! Diese Stimme war genauso göttlich wie der Rest des Jungen. Hopes Herz verfiel erneut in einen schnelleren Rhythmus und ein erwartungsvolles Kribbeln zog sich durch ihren gesamten Körper.
   Was tat dieser Mensch nur mit ihr? Nie zuvor hatte sie derart auf ein fremdes Wesen reagiert. Dabei beobachtete sie die Menschen schon ihr Leben lang. Sie musste dringend nach Hause, um diese Erfahrung mit Mia zu teilen, aber sie konnte sich einfach nicht von dem Anblick dieses Jungen losreißen. Noch nicht.
   »Sorry Gabriel«, sagte der Junge neben ihm gelassen, »aber vor Kurzem wolltest du Amber noch zurückerobern, oder irre ich mich da?«
   Gabriel hieß der Junge also. Gabriel. Gabriel. Welch klangvoller Name. Gabriel.
   »Das ist doch Wochen her! Ich bin drüber weg – glaub mir«, antwortete Gabriel.
   »Klar doch.« Der Rothaarige nickte bedeutungsschwer.
   Er hatte keine Freundin. Diese banale Erkenntnis vergrößerte unglaublicherweise die Bewunderung, die Hope für ihn empfand. Was war nur los mit ihr? Wenn Sidney doch bei ihr wäre. Sie wüsste, wie Hope mehr über diesen Jungen namens Gabriel erfahren könnte.
   Hope vermisste ihre Tante wirklich.
   Mehrere aufgekratzte Stimmen kamen auf sie zu. Surfer. Sie kamen schneller näher, als ihr lieb war, und so musste sie sich gezwungenermaßen zurückziehen. Hope beschloss, am nächsten Tag und genau zur gleichen Tageszeit wieder zurückzukommen. Sie musste ihn einfach wiedersehen. Das musste sie!

*

Mia platzte fast vor Neugier. »Und? Wie war dein Nachmittag bei den Menschen?« Nach dem Abendmahl traf sie Hope in ihrer kleinen, geheimen Lagune. Hope hatte ihr während des Essens zu verstehen gegeben, dass sie wichtige Neuigkeiten für sie hatte.
   »Ich habe einen Menschenjungen beobachtet, er heißt Gabriel und er sieht verboten gut aus. Zumindest für einen Menschen. Mein Magen macht Saltos, wenn ich an ihn denke, kannst du das verstehen? Ach Mia, ich muss ihn unbedingt wiedersehen.«
   Mia traute ihren Ohren nicht. »Du kennst sogar seinen Namen? Wie das? Sag mir nicht, dass du dich mit ihm unterhalten hast.«
   »Natürlich nicht. Ich bin doch nicht so dumm, mich einem Menschen zu zeigen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Wer weiß …«
   »Das ist nicht dein Ernst?«, fragte Mia, nachdem Hope ihre Ausführungen beendet hatte. »Hast du noch alle Fische im Teich? Ich meine, wie stellst du dir das vor? Du hast Flossen – er hat Beine, du hast Schuppen – er wahrscheinlich überall makellose Haut, du kannst unter Wasser atmen – er ertrinkt. Kann man noch unterschiedlicher sein?«
   Mia war Kummer gewohnt. Hope zog Schwierigkeiten an wie ein Angelhaken Fische, dennoch tat ihr ihre Freundin leid. Sie sah enttäuscht und verletzt aus. Zu gern hätte sie sie getröstet, aber diesmal ging Hope zu weit. Wenn ihre Eltern von ihren Ausflügen Wind bekämen, und erfahren würden, dass Mia nichts dagegen unternommen hatte, wäre sie ihren Job ein für alle Mal los. Wieso verstand Hope einfach nicht, dass von den Menschen viel zu viele Gefahren ausgingen?
   »Mia.« Hope seufzte und blickte auf. »Wenn nicht einmal du mich verstehst, wer soll es denn verstehen?«
   Mia schüttelte abwehrend ihre schwarzen Locken. »Süße, ich verstehe dich doch, aber als deine beste Freundin muss ich dich vor diesem Fehler beschützen. Hope, sieh es ein. Die Welt der Menschen ist nichts für uns! Wir sind Meeresbewohner. Wir sind nicht wie sie und sie nicht wie wir. Sie können uns nicht lieben, denn sie jagen alles, was sie nicht kennen oder verstehen. Zum Poseidon! Hope, du warst im Unterricht immer die Beste in Menschenkunde. Hast du etwa alles vergessen, was wir in der Schule gelernt haben?«
   »Natürlich nicht!« Hope schüttelte den Kopf und Mia krümmte sich unter ihrem erbosten Blick. »Aber denk mal nach Mia. Das sind bestimmt alles nur Schauermärchen, um uns von den Menschen fernzuhalten. Du glaubst doch nicht im Ernst alles, was sie uns da eingebläut haben? Ich dachte, du wüsstest es besser, schließlich hast du die Erzählungen meiner Tante oft genug gehört.«
   Mia seufzte, wie so oft, wenn sie ihrer Freundin nichts entgegenzusetzten hatte. »Ich weiß, dass ich dich nicht umstimmen kann, aber bitte versprich mir, dass du nichts überstürzt. Bitte.« Sie schwamm auf Hope zu und schloss sie fest in ihre Arme.
   Hope erwiderte ihre Umarmung, gab ihr aber nur widerwillig das Versprechen, nichts zu tun, ehe sie nicht Bescheid wusste.
   »Lass uns nach Hause schwimmen«, bat Mia. Sie knuffte Hope mit den Worten »Du bist!« in die Schulter und schoss pfeilschnell Richtung Ocean Mayrin davon.

Kapitel 3
Das Zusammentreffen

Am nächsten Tag wartete Hope Stunde um Stunde hinter ihrem felsigen Versteck. Menschen kamen und gingen und sie wurde nicht müde, Ausschau zu halten, aber Gabriel tauchte nicht an diesem Strandstück auf. Als sie aufgeben wollte, blieb ihr Blick an dem rothaarigen Jungen hängen, den sie gestern in Gabriels Begleitung gesehen hatte. Schlagartig verbesserte sich Hopes Laune und ihr Herz klopfte ihr vor freudiger Erwartung bis zum Hals. Nun konnte es nicht mehr lange dauern, bis Gabriel auftauchte.
   Die Sonne verschwand langsam hinter den Felsen, Himmel und Wolken wurden in ein malerisches Rosa getaucht und die ersten Lagerfeuer erhellten den immer dunkler werdenden Abendhimmel. Hope gab schließlich doch auf. Er war nicht gekommen und sie spürte förmlich, wie sich ihre Schuppen von einem hellen, erwartungsvollen Goldgelb in ein schlammiges, trauriges Ocker verfärbten. Sie ließ sich unter Wasser sinken und antriebslos von der Strömung nach Hause treiben.

»Hope, du bist schon wieder zu spät«, tadelte ihre Mutter, als sie in den Speisesaal schwamm. Alle anwesenden Gäste unterbrachen ihr Mahl und sahen in ihre Richtung. Sogar Dad blickte sie tadelnd an.
   »Wieso trägst du die Haare offen? Und wo ist überhaupt dein Diadem?« Mom bombardierte sie gnadenlos mit nichtigen Fragen.
   Am liebsten hätte Hope das Abendmahl ausfallen lassen. Ihr ging es gar nicht gut.
   »Mia, bitte begleite Hope in ihre Gemächer und sorge dafür, dass sie angemessen wieder hier erscheint«, forderte ihre Mutter.
   Mia erhob sich von ihrem Platz, verneigte sich, schnappte sich ihre Hand und schwamm mit ihr hinaus. »Wie kannst du mir das nur immer wieder antun?«
   Hope entging Mias entrüsteter Tonfall nicht. »Es tut mir leid. Ich hab einfach die Zeit vergessen.«
   »Du hast die Zeit vergessen? Du hast auf diesen Jungen gewartet, und wie es aussieht, hat es sich nicht gelohnt, deine Zeit dafür zu verschwenden.«
   »Woher willst du das wissen?«, fragte Hope, riss sich von Mia los und schwamm aufgebracht in ihre Suite.
   »Ein ockerfarbenes Schuppenkleid. Wie passend für eine Prinzessin. Du kannst froh sein, dass deine Mutter nichts davon bemerkt hat. Sie hätte sofort geahnt, dass du wieder oberhalb des Meeres warst und dich einsperren lassen – und mich gleich mit. Denkst du vielleicht irgendwann mal an mich? Ein kleines bisschen wenigstens?«
   »Aber Mia …« Mia hatte nicht ganz unrecht. Hope war schon immer eine Bauchnixe gewesen und dachte eher selten darüber nach, was ihr Handeln für Konsequenzen nach sich zog.
   »Nichts, aber Mia! Setz dich und reiche mir Klammern und dein Diadem, damit ich endlich deine Haare aufstecken kann. Ich möchte zurück in den Salon. Dein Vater hat einen neuen und wirklich gut aussehenden Diener an seiner Seite, und eigentlich hatte ich vor, mich heute von meiner besten Seite zu präsentieren. Aber nein, Prinzessin Hope denkt ja wieder nur an sich.«
   Hope wurde ganz Elend, und ihr Schuppenkleid färbte sich erneut eine Nuance dunkler. Ihre sonst so hell und prachtvoll strahlende Schwanzflosse war ein Bild des Jammers. Mia hatte recht! Sie hatte nur an sich gedacht … und an Gabriel, diesen Menschenjungen.
   Mia zupfte und kämmte ohne weiteren Kommentar an ihren Haaren. Es ziepte ganz schön, aber Hope beschwerte sich nicht. Ihre beste Freundin schien stinksauer auf sie zu sein. Sie hatte ihre Freundin verletzt, wie sie an Mias verhärteter Miene im Spiegel erkannte. Sie versuchte erst gar nicht, sich bei Mia für ihr Verhalten zu entschuldigen, sie würde ihr gerade eh nicht zuhören.
   Zum Schluss platzierte Mia das Diadem auf Hopes kunstvoll frisiertem Haupt.
   Als Mia einen Blick auf ihr fertiges Gesamtwerk warf, stellte Hope erleichtert fest, dass ihrer allerbesten Freundin sogar wieder ein kleines Lächeln gelang.
   »Noch böse?«, fragte Hope und vermied es, Mia dabei in die Augen zu sehen.
   »Ich würde gern Ja sagen, ganz ehrlich. Aber dann hätte ich die Bezeichnung ‚beste Freundin‘ wohl nicht verdient – oder?«
   Hope streckte Mia eine Hand entgegen und die zog sie auf die Flossen. »Komm schon, Prinzessin, lass uns zurückschwimmen, sonst muss ich heute mit leerem Magen ins Bett.«
   Hope sah an sich herunter. »So?«, fragte sie und zeigte auf ihre immer noch viel zu dunkle Schwanzflosse.
   Mia seufzte. »Okay, ich verspreche dir beim Leben des Poseidon, dass ich dich in deinem Vorhaben, diesen Jungen kennenzulernen, unterstützen werde. Großes Nixenehrenwort! Heitert dich das ein wenig auf?«
   Hope sah erneut an sich herunter. Ihre Schuppen waren wieder von einem heiteren Sonnengelb überzogen. Sie nahm Mia bei der Hand und zog sie freudestrahlend mit sich.

Nach dem Abendessen wurde Hope von ihrer Mutter in ihre Gemächer verfolgt. Hope wusste, was jetzt folgen würde und sie hasste es. Die Standpauken hingen ihr sprichwörtlich zum Hals heraus. Manchmal wünschte sie sich, eine ganz normale Nixe ohne jegliche Verpflichtungen zu sein. Mia hatte es gut.
   »Wie oft habe ich dich gebeten, pünktlich beim Abendmahl zu erscheinen? Wie oft, mein Kind?«
   Hope schüttelte ergeben den Kopf und seufzte. »Oft Mutter, oft.«
   Währenddessen schwamm ihre Mutter, stramm wie einer der Soldaten, hinter Hope auf und ab. »Ja, genau. Oft. Um genau zu sein, sogar viel zu oft! Wann wirst du endlich lernen, was sich für eine Prinzessin gehört? Du bist die Thronerbin meiner Schwester. Alles, was Sidney gehörte, gehört nun dir. Das Schöne ebenso wie die unschönen Pflichten. Begreif doch, wie wichtig es ist, dass du deinem Volk eine gute Königin wirst.«
   Mit einem kräftigen Ruck peitschte Hopes Schwanzspitze über den Meeresboden und sie wirbelte zu ihrer Mutter herum. »Ich werde niemals Königin werden – niemals!« Sie riss sich Sidneys Diadem vom Kopf und verzog keine Miene, obwohl sie sich mehrere kleinere Haarbüschel mit vom Kopf zerrte. Als ihre langen, lockigen Haare wieder ihr Gesicht umspielten, durchfuhr Hope eine selige Woge der Erleichterung. Sie schmiss ihrer Mutter das Diadem vor die Flosse, wandte sich ruckartig um und peitschte los.
   »Hope«, rief ihr ihre Mutter entrüstet hinterher. »Hope, du kommst sofort zurück!«
   Sie achtete nicht auf ihre Mutter. Pfeilschnell war sie aus dem Palast geschwommen, sodass die Wachgardisten mit ihren Verbeugungen nicht hinterherkamen.
   Ein Lächeln der Genugtuung stahl sich auf Hopes Gesicht. Ihre Schuppen färbten sich langsam wieder heller, da sie sich ihrer besseren Stimmung anpassten.
   Hope achtete nicht darauf, wohin sie schwamm, denn sie wollte einfach nur weit weg von zu Hause – weg von ihrer Mom und den ungeliebten Regeln. Sie schoss in Küstennähe irgendwann pfeilschnell nach oben und brach mit dem Kopf durch die Wasseroberfläche. Sofort erkannte sie die kleine Bucht und den Strand, der in nächtlicher Ruhe vor ihr lag. Allein die geheime Hoffnung, ihn zu sehen, hatte sie wohl hierhergeführt. Wie töricht. Es war mitten in der Nacht, der Strand inzwischen menschenleer. Was wollte sie hier? Hope hatte keine Ahnung, aber heute Nacht würde sie nicht in den Palast zurückkehren. Sollten sich ihre Eltern doch grämen vor Sorge.
   Sie sprang aus dem Wasser, legte sich auf ihren Felsen und betrachtete den wolkenleeren und zugleich sternenklaren Nachthimmel. Es war Neumond und die Sterne strahlten umso heller für sie. Hope liebte diesen Anblick. Nichts auf dem Meeresgrund erschien ihr so schön wie dieser nächtliche Sternenhimmel zu sein. Er funkelte wie Abertausende kleiner Juwelen – so wunderschön, zum Greifen nah und doch so unerreichbar fern. Genau wie dieser Menschenjunge Gabriel.
   Hope schloss die Augen, lauschte in die Stille der Nacht und versank in ihren Träumen. Sein Anblick verfolgte sie, seine Stimme hallte in ihren Ohren. Was hatte er an sich, das sie dermaßen aus der Fassung brachte? Sie Regeln brechen und sogar ihre beste Freundin vergessen ließ?
   Urplötzlich war da eine unnatürliche Bewegung im Wasser und riss sie aus ihren Gedanken. Irgendjemand war hier, drehte mitten in der Nacht seine Runden im schlafenden Meer. Die kleinen, für einen Menschen bestimmt nicht wahrnehmbaren Wellen, die die Bewegungen des Schwimmers stetig weitertrugen, brachen sich immer schneller an ihrem Lieblingsfelsen. Wieso schwamm jemand nachts so weit hinaus? In der Hoffnung, dass der herannahende Mensch bald wieder abdrehen würde, ließ sich Hope lautlos ins Wasser gleiten und wartete etwa zwei Meter unter der Wasseroberfläche auf den ungebetenen Gast.
   Der Mensch, sie tippte anhand seiner muskulösen Beine auf einen jungen Mann, stoppte an genau dem Felsen, auf dem Hope gelegen hatte. Er suchte unter Wasser mit seinen Füßen nach Halt und zog sich ruckartig nach oben. Mist! Nun war der Felsen nicht mehr sicher genug, sie würde nicht wieder hierher zurückkehren können. Aber wenn sie schon den Rückzug antreten musste, wollte sie wenigstens wissen, wer ihr ihren Lieblingsplatz zunichtegemacht hatte.
   Langsam, und ohne, dass sich die Wasseroberfläche dadurch bewegte, tauchte sie im Schatten des Felsens auf. Hier war es dank des Neumondes so dunkel, dass sie kein menschliches Auge würde entdecken können. So viel hatte ihr Tante Sidney vor ihrem Verschwinden wenigstens beigebracht und so riskierte Hope einen zögernden Blick auf den Felsen.
   Beim Anblick des Menschen verfärbten sich ihre Schuppen mit einem Schlag goldgelb.
   Gabriel.
   Er lag genau auf derselben Stelle, auf der Hope vor Minuten noch gelegen hatte, und blickte mit der gleichen Geste in den Nachthimmel empor. Hope hatte sich geirrt. Es gab in dieser Nacht doch etwas, das schöner war als Tausende funkelnde Sterne.
   Gabriel übertraf einfach alles, was Hope von den Menschen wusste. Er überflügelte sogar Tristan, eine ihrer Wachen und zeitgleich auch der schönste Meermann, den sie je gesehen hatte. Sie konnte den Blick einfach nicht abwenden, jetzt wo sie ihm so nah war. Näher, als sie jemals einem menschlichen Wesen gekommen war.
   Der Wind drehte kurzzeitig und kam nun vom Meer her auf sie zu. Hope reckte den Kopf ein wenig weiter aus dem Wasser und nahm einen tiefen Atemzug. Gabriel roch nach Seegras und ein wenig holzig. Irgendwie erahnte sie an ihm den Duft der kleinen Lagune, in der Mia und sie sich immerzu trafen. Die Sträucher dort hatten das gleiche aromatische Bouquet. Sie liebte diesen Geruch.
   Die Minuten verstrichen, aber sie konnte sich einfach nicht vom Fleck bewegen. Es war töricht, knapp einen Meter neben diesem schönen und makellosen Menschen zu verweilen, aber ihre Flosse bewegte sich nicht, sie gehorchte ihr einfach nicht mehr. Als wäre sie an einen tonnenschweren Anker gekettet – unmöglich, sich aus eigener Kraft daraus zu befreien.
   Völlig unerwartet setzte sich Gabriel auf, verharrte kurz mit Blick zu den Sternen und ließ sich anschließend geschmeidig ins Wasser zurückgleiten. Er stieß sich vom Felsen ab und das Wasser trug ihn in ihre Richtung. Hope hielt abrupt den Atem an, denn mit ihm strömte erneut sein alles verzehrender Duft – und damit ihre lang verdrängten Sehnsüchte – gegen ihren zitternden Körper.
   Hastig zog sie den Kopf ein und sank vorsichtshalber wieder einen Meter tiefer. Gleich würde er über sie hinweggleiten und verschwinden. Nein, er stoppte genau über ihr und sie raffte flugs die Haare zusammen, damit sie Gabriel nicht versehentlich um die rudernden Beine strichen. Sie müsste nur einen Arm ausstrecken, um ihn berühren zu können. Noch ehe Hope den Gedanken zu Ende gesponnen hatte, löste sie eine Hand von den zusammengezwirbelten Haaren und streckte sich ihm entgegen. Kurz vor dem Ziel hielt sie jedoch inne. Gabriel erschien ihr verwirrt. Er drehte sich. Konnte er nicht erkennen, in welcher Richtung der Strand lag? Hope ließ sich hinter ihm an die Wasseroberfläche treiben, durchbrach sie aber nicht.
   Sein Gesicht erschien Hope atemberaubend schön und dann bewegten sich seine Lippen. Seine Stimme war tief, ruhig und erstaunlicherweise auch unter Wasser äußerst melodisch. Eine Welle schwappte über sie hinweg und das Rauschen des Wassers übertönte seine Frage, dämmte sie zu einem süßen Flüstern. Aber Hope hatte ihn trotz allem verstanden. Mit einem Mal war es erneut um sie geschehen. Gabriels Worte versetzten ihr ohnehin schon zu nervöses Herz schlagartig in einen noch ungesünderen, stockenderen Rhythmus.
   »Hallo, ist da jemand? Hallo?«, fragte er.
   Bei allen heiligen Meereshexen, wie hatte er nur erahnt, dass sie ihn beobachtete, dass überhaupt jemand in seiner Nähe war? Er konnte sie unmöglich gesehen, geschweige denn bemerkt haben. Sie hatte sich ständig in seinem Schatten aufgehalten und dabei nicht das geringste Geräusch, nicht die kleinste Strömung heraufbeschworen. Niemand konnte sich so geschmeidig durch die Meere bewegen wie die Spezies der Meeresnixen. Er meinte also unmöglich sie. Oder doch? Hope sah sich ebenfalls um, aber sie konnte beim besten Willen keinen weiteren Menschen, kein Meereswesen, ja nicht einmal einen Fisch in ihrer näheren Umgebung ausmachen. Mist!
   In einem angemessenen Abstand tauchte sie hinter seinem Rücken auf. Menschen waren langsam. Sollte sie denken, dass er ihr gefährlich werden könnte, wäre sie verschwunden, noch ehe er sie erreicht hätte.
   »Ich weiß, dass du mich beobachtest. Komm raus! Ich will sehen, mit wem ich es zu tun habe.«
   Sie nahm all ihren Mut zusammen. Es war stockdunkel, das Meer rabenschwarz – er würde ihr Geheimnis nicht entdecken, nicht in dieser Nacht. »Hinter dir.«

Kapitel 4
Das Versprechen

Gabriel hatte seit einiger Zeit das unbestimmte Gefühl, beobachtet zu werden. Er spürte die Blicke des Unbekannten sprichwörtlich mit jeder Faser seines Körpers. Es war ein höchst befremdliches Gefühl. Schwer, erdrückend und unnachgiebig brannte es sich in seinen Kopf.
   Sieh dich um, sagte eine neuartige, innere Stimme. Sie ist da, so nah.
   Hinter ihm ertönte eine weibliche Stimme.
   Gabriel ruderte hastig mit den Armen und Sekunden später schwammen sich er und ein ihm unbekanntes Mädchen Auge in Auge gegenüber. Er war überrascht, denn er hatte nicht wirklich damit gerechnet, jemandem hier draußen zu begegnen, noch dazu mitten in der Nacht. Was suchte sie so weit hier draußen? So weit weg vom sicheren Ufer? Er stierte mit der Dunkelheit um die Wette, und obwohl er nur ihre Umrisse erahnen konnte, fühlte er sich auf magische Weise von ihr angezogen.
   Sie ist es, flüsterte diese unbekannte Stimme in seinem Kopf. Endlich.
   »Hi«, sagte er, während seine Arme und Beine unaufhaltsam weiterruderten, damit sein Körper nicht unterging wie ein tonnenschwerer Stein.
   »Hi«, erwiderte das Mädchen. Eigentlich hätten die Wellen die unbekannte Schönheit auf ihn zutreiben müssen. Stattdessen entfernte sie sich. Anscheinend versuchte sie, etwas Abstand zu ihm zu bekommen.
   Ohne zu zögern, schloss Gabriel die entstandene Lücke zwischen ihnen wieder. Er wollte ihr keine Angst machen, aber die Nacht machte es schon schwer genug, etwas von ihr zu erkennen, sogar wenn sie direkt vor ihm schwamm. Und er wollte unbedingt mehr von ihr sehen als nur die Umrisse ihres Gesichts. »Kenne ich dich?« Eine kleine Welle Wasser umspülte sein Kinn und Salzwasser drang durch seine Lippen. Angewidert schluckte er.
   »Ich glaube nicht …« Das Mädchen schien weiterhin argwöhnisch jede seiner unbeholfenen Bewegungen zu beobachten. Auf ihre Antwort hin lächelte Gabriel und reckte ihr keck und selbstsicher eine Hand entgegen.
   »Na dann, ich bin Gabriel. Schön, dich kennenzulernen.«
   Er wartete darauf, dass sie seine Hand ergriff, und sich ihm ebenfalls vorstellte, doch sie trieb nur stumm und fast bewegungslos auf der Stelle. Wie konnte sie sich nur ohne diese mühsamen Ruderbewegungen über Wasser halten? Sie verhielt sich so eigenartig ihm gegenüber und mit jeder Sekunde, die verging, gab sie ihm nur noch mehr Rätsel auf.

*

Hope verglich seine Bewegungen mit den ihren und stellte fest, dass sie sich, für seine Augen, überhaupt nicht zu bewegen schien. Sie fing an, mit den Armen über das Wasser zu gleiten, achtete darauf, wieder ein wenig Abstand zwischen sich und Gabriel zu bringen, doch sie konnte ihn einfach nicht abschütteln. Er bewegte sich zu ihr fast synchron, auch wenn seine Rudertechnik bei Weitem nicht so grazil war wie die ihre. Manchmal hatte sie bei den Menschen das Gefühl, als kämpften sie im Wasser um ihr Leben, anstatt sich einfach nur zu entspannen.
   Ihr Blick fiel auf seine immer noch ausgestreckte Hand. Er wartete wohl darauf, dass sie sie ergriff, und ebenso auf ihren Namen. Letzteres wäre kein Problem für sie, aber Körperkontakt? Was, wenn er sie nicht wieder losließ? Sie an sich zog oder womöglich ihre Flosse entdeckte? Etwas überfordert von der Situation blickte sie in sein Gesicht, in seine Augen. Augen logen nicht. Sie schimmerten so golden wie die kleinen, flachen, runden Scheiben, die sie in einigen gesunkenen Schiffen gefunden hatte.
   Erneut klatschte ihm ein Schwall Wasser ins Gesicht. Er war kein Meermann, ja – aber gefährlich erschien er ihr auch nicht. Dennoch, nicht zu flüchten, ihm heute Abend so nah gegenüberzuschwimmen, mit ihm zu reden, hatte so viel Mut von ihr gefordert, dass es ihr nun widerstrebte, den Rückzug anzutreten. Eine warnende Gänsehaut kroch Hopes Rücken entlang, als sich ihre Finger spreizten, um das Zittern darin abzustreifen. Sie reckte auch ihm die Hand entgegen.
   »Hi. Ich bin Hope. Ebenfalls erfreut, dich kennenzulernen.« Ihr Herz schlug vor Aufregung so schnell, dass sie Angst hatte, es würde seine Arbeit ganz aufgeben wollen. Noch nie in ihren siebzehn Lebensjahren war sie so nervös, aufgeregt und der Ohnmacht nahe gewesen wie gerade jetzt. Was sich aber Sekunden später als unnötig erwies, da er ihre Hand mit einem kurzen Nicken aus seiner entließ. Sie vermutete, dass er sich wieder mit beiden Händen über Wasser halten wollte, da erneut eine Welle über ihn hinweg schwappte. Hope fuhr sich mit dem Daumen prüfend über die Fingerspitzen. Ihre Hand kribbelte vom Druck seiner Berührung. Würde dies immer so sein, wenn sie ein Mensch berührte oder nur bei ihm?
   »Was treibt dich mitten in der Nacht hierher?« Er machte eine ausladende Handbewegung. Sein Lächeln war umwerfend und sie dankte Poseidon, dass sie in der Dunkelheit über sogar noch bessere Sehkräfte verfügte als am Tag. Gabriel hatte da als Mensch bestimmt größere Schwierigkeiten, das Erstaunen über ihn in ihrem Gesicht zu erkennen.
   »Ich schwimme gern ungestört«, antwortete sie betont lässig.
   »Dito«, erwiderte er.
   Was auch immer das heißen mochte. Sie wollte es zwar nicht wahrhaben, aber langsam wurde es Zeit, sich zurückzuziehen. Noch hatte Gabriel ihr Geheimnis nicht bemerkt, aber man sollte sein Glück nicht allzu sehr herausfordern. Zaghaft trat sie den Rückzug an. »Also dann …«
   Gabriel streckte erneut seine Hand nach ihr aus. »Hey, warte. Willst du etwa schon gehen? Es ist mitten in der Nacht. Hast du keine Angst so allein? Soll ich dich vielleicht nach Hause begleiten? Es würde mir nichts ausmachen. Ehrlich!«
   Hope musste lächeln. Er wollte sie tatsächlich nach Hause begleiten. Ob das Angebot noch galt, wenn er erst wüsste, wo sie in Wirklichkeit zu Hause war? Wäre sie ein Mensch gewesen, hätte sie sofort zugesagt, aber so? »Nein, weder noch. Aber danke für das Angebot.«
   Abermals trug sie ihre Schwanzflosse einen knappen Meter von ihm weg. Hope fühlte sich zerrissen, denn sie wollte sich eigentlich nicht von ihm trennen, jetzt, wo sie so weit gekommen war, ihm so nah war. Sein Geruch war von Minute zu Minute intensiver geworden und wiegte sie in einer nicht vorhandenen Sicherheit. Unverständlicherweise fühlte sie sich in seiner Nähe genauso geborgen wie in ihrer geheimen Lagune. Als hätte ihr Körper nur darauf gewartet, von ihm gefunden zu werden. Wer wusste schon, wann sie ihn wiedersehen würde?
   »Hope, hey. Wo willst du denn hin? Warte. Bitte.« Blitzschnell griff er unter Wasser nach ihrer Hand.
   In ihre schwärmerischen Gedanken versunken, hatte sie vergessen, sich weiterhin von ihm zu entfernen. Er hatte sie mühelos eingeholt. Hope war, als hätte sich ein Zitteraal um ihr Handgelenk geschlungen. Tausende kleine Stromstöße schossen durch sie hindurch, das Gelenk und den Arm empor und ließen ihren Körper versteifen. Es war ihr unmöglich, sich zu bewegen. Selbst das Atmen fiel ihr zunehmend schwerer.
   »Du willst doch nicht einfach so verduften, oder?« Er hielt ihre Hand weiter umklammert.
   Kurze Zeit später ließ das Zucken nach und je weniger es wurde, desto mehr genoss sie seine Berührung. Er hatte große, starke Hände, aber er tat ihr nicht weh. Er hielt sie so leicht, dass sie sich ganz einfach von ihm hätte befreien können. Irrwitzigerweise wollte sie sich nicht mehr von ihm lösen. Sie hob ihre ineinander verschlungenen Hände aus dem Wasser und betrachtete sie neugierig. Ihr Herz hüpfte bei dem Anblick so wild, dass es ihr schwerfiel, ruhig neben ihm zu verharren. Wie ähnlich sie sich im Grunde doch waren. Das Einzige, das die beiden trennte, waren zwei Beine oder eine Flosse. Ach, was machte sie sich vor? Sie trennte weitaus mehr von Gabriel als das allein. Eine Träne kullerte ihre Wange entlang. Es war so viel mehr, ganze Welten trennten sie und ihn. »Ich muss leider wieder weiterschw… äh … Na ja, ich muss los.« Hope versuchte, ihm ihre Hand zu entziehen.
   Seine Finger schlossen sich fester um ihr Handgelenk und ein Hauch von Panik überkam sie, als die kribbelnden Stromstöße zurückkehrten. Sie musste ihre gesamte Kraft aufwenden, um ihre Schwanzflosse unter Kontrolle zu halten. Es war ein angeborener Instinkt und es fiel ihr unsagbar schwer, dagegen anzugehen. Ihre Flosse wollte Hope zwingen, den Menschen einfach mit sich unter Wasser zu reißen. So weit und so schnell, bis er einfach losließ und sie ungehindert flüchten konnte. Doch wieder war ihre Angst umsonst, denn er ließ sie nach einigen Sekunden freiwillig los. Wenn auch diesmal etwas zögerlicher.
   »Sorry, ich möchte dir keine Angst machen. Wirklich, ich … ich … Na ja, wenn du gehen musst, ist das okay. Ich würde dich nur gern wiedersehen. Wie wäre es morgen Mittag? Hier am Strand? Nach meiner Arbeit in Mrs. Julies Gemüseladen?«
   Wow, er wollte sie tatsächlich wiedersehen … und was war überhaupt ein Gemüseladen? Gerade fühlte sich Hope wie ein Fisch ohne Wasser. Eigentlich konnte sie sich unmöglich mit ihm verabreden, schon gar nicht am helllichten Tag und an diesem überfüllten Strandabschnitt. Irritiert von seiner überraschenden Bitte blickte sie aufseufzend in sein flehendes Gesicht. So süß.
   Sie sollte seine Bitte ablehnen, dessen war sich Hope bewusst, aber sie konnte nicht. Irgendetwas Mächtiges drängte sie dazu, diese zweite Chance nicht ungenutzt verstreichen zu lassen und sich mit diesem einzigartigen Menschen zu treffen.
   Sein Blick ruhte fragend auf ihrem Gesicht, durchbohrte sie regelrecht.
   »Okay, aber mittags bin ich beschäftigt. Wenn du möchtest, können wir uns morgen Nacht wieder hier treffen. Gleiche Zeit?«
   Das Lächeln auf seinen Lippen stahl sich hinauf bis zu seinen Augen. »Also dann«, sagte er und zögerte sichtlich.
   »Also dann«, erwiderte Hope. Als keiner von ihnen Anstalten machte, sich zu entfernen, mussten sie lachen. Noch so etwas, das Hope irritierte. Lachen mit einem Menschen fühlte sich irgendwie befremdlich, aber dennoch fantastisch an. Hope hob noch einmal kurz die Hand und glitt unter die Wasseroberfläche.
   »Hope?«
   Sie hörte ihn rufen.
   Seine Beine ruderten mit einem Mal hektischer. »Hope?«
   Sie versuchte, ihn und seine Rufe zu ignorieren. Dafür musste sie möglichst viel Raum zwischen sich und Gabriel bringen. Zwei, drei Flossenschläge später, war sie mehrere Hundert Meter von ihm entfernt. Je weiter sie sich Gabriels Nähe entzog, desto mehr freute sie sich auf ein Wiedersehen in der darauffolgenden Nacht.

»Hast du noch alle Schuppen an der Flosse?«, keifte Mia, als Hope ihr von den Erlebnissen der vergangenen Stunden berichtet hatte. »Ich meine, ich fass es einfach nicht. Wie, zur Höllengrotte noch mal, konntest du dich einem Menschen zeigen? Das hätte so was von schiefgehen können.«
   Hope verdrehte die Augen. »Ja, hätte es. Ist es aber nicht. Es war mitten in der Nacht, stockdunkel und er ist ein Mensch, Mia. Seine Augen … Ach, was erklär ich dir das überhaupt. Du verstehst mich einfach nicht. Du willst mich ja gar nicht verstehen.« Sie knallte ihre Bürste auf den Korallentisch, schlüpfte in ihr Muschelbett und zog ihren Meeresalgenbaldachin zwischen sich und ihre Freundin. Sie hörte Mia übertrieben laut aufseufzen. Gleich darauf schob ihre Freundin einige Algenfäden zur Seite, setzte sich auf die Kante des Bettes und strich Hope tröstend über die Haare. Hope blieb stur, drehte ihr weiterhin den Rücken zu und reagierte nicht auf Mias Annäherung.
   »Schlaf gut, Prinzessin.« Mia erhob sich und verließ auf leisen Flossen ihre Gemächer.

Hope schlief so schlecht wie lange nicht mehr, geradezu katastrophal. Ihr schlechtes Gewissen und verschiedenste Albträume bereiteten ihr eine immens unruhige Nacht. Gabriel tauchte in ihren Träumen auf, was an sich nicht schlimm gewesen wäre. Im Gegenteil, aber es mischten sich immer mehr absonderliche Gestalten in ihre Träume ein, genauso wie Mia, ihre Mom oder ihr Dad. Als sie ihre vermisste Tante Sidney in ihrer Meerjungfrauengestalt tot und ausgetrocknet am Strand liegen sah, weckte Hope ihr eigener, ohrenbetäubender Schrei. Sie schreckte hoch, schlug schreiend um sich und atmete keuchend ein und aus. Ihr Seetanglaken hatte Hope vor Schreck in zwei Hälften gerissen und sie rang nach Luftbläschen. Sie konnte einfach nicht genug Sauerstoff aus dem Wasser filtern und krallte sich Hilfe suchend an den zerrissenen Enden ihres Lakens fest.

Kapitel 5
Der perfekte Meermann

Gabriel drehte sich und rief Hopes Namen, aber sie blieb verschwunden. Fast so, als hätte das Meer sich geteilt und sie verschluckt. Was sollte er jetzt nur tun? Zur Polizei gehen? Ein ihm eigentlich unbekanntes Mädchen als vermisst melden? Was sollte er den Cops zu ihrem Verschwinden sagen? Mehr als ihren Vornamen hatte er ja nicht. Was, wenn dieses Mädchen schon als vermisst galt und die Cops ihn deshalb gleich festnahmen? O Mann, wo war er da nur wieder hineingeraten?
   Ein letztes Mal rief er ihren Namen, doch sein Ruf nach der unbekannten Schönheit blieb unbeantwortet. Wie sollte er sich nun weiter verhalten?
   Er schwamm langsam und aufmerksam ans Ufer zurück. Dort fischte er seine Kleidung vom sandigen Untergrund und suchte erfolglos das Meer rund um den Felsen nach dem Mädchen ab. Falls sie wirklich da war und nicht nur ein Produkt seiner Einbildung gewesen war, würde er sie morgen wieder sehen, doch jetzt blieb sie jedenfalls verschwunden.
   Gedankenverloren stieg er auf seine Yamaha und brauste mit viel zu hoher Geschwindigkeit nach Hause. Nach einer ausgiebigen Dusche schnappte er sich eines seiner noch nicht ausgelesenen Bücher vom Nachttisch und machte es sich damit in seinem Bett gemütlich. Aber er konnte sich an diesem Abend einfach nicht auf die Buchstaben darin konzentrieren. Sie schwirrten vor seinen Augen hin und her und ihre Logik entglitt ihm immer wieder aufs Neue. Er seufzte und klappte es zu, griff nach seiner Fernbedienung und zappte durch die Kanäle des nächtlichen Fernsehprogramms. Aber egal, in welcher Sendung er auch landete, stets trugen die darin vorkommenden Mädchen das Gesicht dieser Hope. Viel hatte er in der mondlosen Nacht von ihr nicht erkennen können, aber ihre Stimme klang immer noch engelsgleich in seinen Ohren und ihre Hand war zierlich und zart und hatte wunderbar in seine gepasst. Mein Gott, was dachte er da bloß?

Als er gegen Mittag des nächsten Tages bei Mrs. Julie seinen Ferienjob antrat, fühlte sich Gabriel, als ob er die gesamte vergangene Nacht kein Auge zugemacht hätte. Ständig sah er auf die Uhr, aber die Zeiger hatten heute überhaupt keine Eile, sich seiner Feierabendzeit zu nähern.
   »Gabe? Gabe, geht’s dir nicht gut?«, fragte Julie.
   Gabriel fuhr zu ihr herum. Sie musste ihm wohl dabei zugesehen haben, wie er minutenlang bewegungslos aus dem Fenster gestarrt hatte. »Doch, doch. Alles bestens, Julie. Entschuldige, ich war in Gedanken.«
   »Das hab ich bemerkt. Ist sie hübsch?« Mrs. Julie konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.
   Seine Chefin war eine reizende, kleine weißhaarige Dame, mit immerhin schon fünfundsechzig Jahren auf dem Buckel, doch Gabriel wusste, sie hatte nie verlernt, mit dem Herzen zu sehen.
   »Wa… was?« Er spürte, wie das Blut in verräterischer Weise in seine Wangen schoss.
   »Das Mädchen aus deinen Gedanken. Ist sie hübsch?« Gabriel nickte knapp und senkte den Blick beschämt zu Boden. »Es tut mir leid, ich werde …«
   »Tz, tz, tz. Was sonst sollte es schaffen, einen attraktiven jungen Mann deines Alters abzulenken, wenn nicht ein hübsches Mädchen? Nimm dir ruhig einen halben Tag frei. Das ist schon okay. Heute ist nicht viel los, ich schaff das schon.«
   Gabriel warf einen schnellen Blick auf seine Armbanduhr und überlegte, ob er Julies Angebot annehmen sollte. Eigentlich war es unnötig. Hope hatte ihm gesagt, dass sie nicht vor Einbruch der Nacht am Strand erscheinen würde. Dennoch hielt er es hier, zwischen all den Obst- und Gemüsekisten, kaum eine Sekunde länger aus.
   »Nun hau schon ab.« Mrs. Julie hielt ihm eine Hand entgegen, um seine Schürze in Empfang zu nehmen. Gabriel entledigte sich seiner Arbeitskleidung, stürmte nach draußen und schwang sich erleichtert auf seine geliebte Yamaha. Ohne größere Umwege lenkte er seine Maschine geradewegs zum Mokuleia Bay. Noch während er auf dem Parkplatz ausrollte, suchte er den Strand nach dem Mädchen von vergangener Nacht ab. Aber keines ließ sein Herz höherschlagen. Sie war nicht da – noch nicht. Gabriel suchte sich einen Platz, an dem er fast den gesamten Strandabschnitt im Auge behalten konnte und wartete.

*

Hope quälte sich geradezu durch ihre morgendlichen Unterrichtsstunden. Nicht einmal ihr geliebtes Fach »Menschenkunde« konnte heute ihr Interesse entfachen. Sie sehnte sich einfach nur die Nacht herbei.
   »Was bist du denn heute so zapplig?«, flüsterte Mia, während ihr Land- und Menschenkundehofrat aufmerksam durch die Bankreihen schwamm.
   »Ich bin nicht zapplig. Ich will nur nach Hause.«
   Mias unterdrücktes Lachen geriet zu einem Glucksen. »Du willst nicht nach Hause. Du willst zu diesem Menschen.«
   Hope reagierte nicht auf die Stichelei. Für eine Erwiderung war es eh zu spät, da der Hofrat gerade zwischen ihren Tischen hindurchschwamm. Hope bemerkte Mias anklagenden Blick und gab ihr mit einer ebenfalls streng aufgesetzten Miene zu verstehen, dass sie keinen Widerspruch duldete.
   Entgegen ihrer bisherigen Gewohnheit fand sich Hope rechtzeitig im Speisesaal ein.
   »Oh, da bist du ja schon, meine Liebe, und so pünktlich. Wirklich lobenswert«, sagte ihre Mutter, als sie schon vor der vereinbarten Zeit zum Abendmahl erschien.
   Dass sie am liebsten gar nicht erschienen wäre, ahnte ihre herrische Frau Mutter, Poseidon sei Dank, nicht.
   »Dein Vater wird erfreut sein, dich heute gleich zu Beginn des Abendmahls hier anzutreffen.«
   Sie bemühte sich, bei ihrer Mutter kein Misstrauen zu erwecken. Immerhin war es seit Wochen das erste Mal, dass sie, wie von ihrer Mutter gewünscht, zur festgelegten Zeit am öffentlichen Leben teilnahm. Genau genommen, seit ihre Mutter damit begonnen hatte, sie mit all diesem lästigen Königinnenquatsch zuzutexten. »Das war reiner Zufall, Mom. Glaub nicht, dass dein Vortrag gestern irgendetwas an meiner Einstellung zu unserem Leben geändert hat.« Sie setzte sich an die reich gedeckte Tafel und wartete darauf, dass der letzte fehlende Gast endlich eintraf. Außer den Mitgliedern des Unterwasserkönigreichs Ocean Mayrin hatte wöchentlich eine andere Meeresfamilie das Privileg, gemeinsam mit ihnen zu speisen. Heute war es wieder so weit. An den hiesig geladenen Gästen lag die erneute Verzögerung aber nicht, denn der Einzige, der nicht anwesend war, war Dad. Typisch.
   Hope lauschte dem unwichtigen Geplänkel zwischen Mom und den geladenen Gästen und tat ihre Lustlosigkeit in einem tiefen Seufzer kund. Nichts als belanglose, nichtssagende Nettigkeiten. Sie konnte nicht verstehen, warum jeder einzelne Meeresbewohner es so unsagbar hipp fand, mit der königlichen Familie den Abend zu verbringen. Für sie waren diese Essen stocksteif und oberlangweilig, ohne den geringsten Platz für kleine, lockere Abweichungen. Was sich auch diesmal wieder bestätigte, denn weder ihr endlich aufgetauchter Dad, die zur Unterhaltung geladenen Magier und Hexer noch der junge, gut aussehende Meermann ihr gegenüber konnten daran etwas ändern. Auch wenn Letzterer immer wieder das Gespräch mit ihr suchte.
   Nachdem der offizielle Teil des frühen Abends beendet war, zog sie sich mit der Entschuldigung, dass es ihr aus einem unerfindlichen Grund nicht mehr gut ginge, in ihre Gemächer zurück. Wie von ihr beabsichtigt, entließ ihre Mutter auch Mia von der Tafelrunde.
   »Ich nehme nicht an, dass du heute große Lust hast, deinen restlichen Abend mit mir zu verbringen?«, fragte Mia, als die Wachen außer Hörweite und die Türen geschlossen waren. In ihren Ohren klang diese Frage kalt und spitz.
   »Wie kommst du denn auf die Idee? Natürlich kann ich den Abend mit dir verbringen.« Mias Blick durchbohrte sie so schmerzhaft, dass sie sich innerlich zu winden begann.
   »Kann? Du kannst den Abend mit mir verbringen? Ach lass mal, ich will dich garantiert zu nichts zwingen, wozu du keine Lust zu haben scheinst!« Mia war wütend.
   Hope wusste genau, warum. Sie schlug Mias gut gemeinte Warnungen, was diesen Menschen betraf, wirklich nicht gern in den Wind. Aber Mia irrte sich. Sie war sich sicher, dass von Gabriel keine Gefahr ausging. Mia musste sie nicht vor einem Fehler bewahren, denn es war kein Fehler, sich erneut mit ihm zu treffen, sondern pures Glück. Wieso verstand sie das nicht?
   Da Mia es nicht tat, lenkte Hope schließlich ein, schwamm auf ihre Freundin zu und schloss sie in eine feste Umarmung. Ihre Freundin erwiderte diese Geste nicht. Mia blieb starr. Einzig ein verächtliches Schnauben verriet Hope, dass sie keine eiskalte Statue umklammerte. »Mia, bitte …«
   Mia seufzte auf, aber diesmal klang es versöhnlicher.
   »Ich liebe dich, Mia. Wie eine Schwester. Wieso kannst du dich nicht mit mir freuen?«
   Mia löste sich aus ihrer Umklammerung. »Ich freue mich über alles, was dich glücklich macht. Aber, Süße, muss es diesmal ausgerechnet ein Mensch sein, von dem dein Glück abhängt?«
   Hope brachte ein wenig Abstand zwischen sich und ihre Freundin und schwamm vor ihrem Bett auf und ab. »Genau das ist es, Mia. Er ist nur ein Mensch. Was ist so schlimm daran, wenn ich mich mit ihm treffe? Er weiß ja noch nicht einmal, was ich bin.«
   »Und du denkst, dabei bleibt es? Glaubst du wirklich, du kannst dein Geheimnis für immer vor ihm verbergen?«
   Hope zuckte mit den Schultern und schwamm zu ihrer Freundin zurück. »Ich weiß nicht, was in meinem Leben noch alles passieren wird, aber ich weiß, dass ich Gabriel besser kennenlernen will. Er ist das Risiko wert.«
   »Du willst ihn heute wiedersehen, nicht wahr?«
   Hope nickte. »Willst du mitkommen?« Mia hob unsicher die Augenbrauen. »O bitte, Mia. Wenn du ihn sehen würdest, könntest du mich besser verstehen.«
   Mia zögerte.
   Hope wusste, dass sich Mia in der Nähe der Menschen noch nie richtig wohlgefühlt hatte. Sich absichtlich in die Reichweite von einem Landbewohner zu begeben, musste Mia große Überwindung kosten, da war sich Hope sicher. Dennoch zählte sie auf ihre Freundin. »Bitte.« Sie brachte Mias Widerstand schneller als erhofft zum Schmelzen.
   »Okay. Du gibst ja doch keine Ruhe.«
   »Super.« Hope schnappte sich die Hand ihrer Freundin und zog sie hinter sich her. »Na dann los.«

*

Mia empfand die Idee, Hope zu diesem Treffen zu begleiten, immer noch nicht prickelnd, aber diesmal wollte nicht sie es sein, die Hope ihre gute Laune verdarb. Also sah sie ihr zu, wie sie in ihrer geheimen Lagune zum x-ten Mal versuchte, ihre wilden Haare zu bändigen und hing dabei weiter ihren Gedanken nach. Vielleicht tauchte dieser Gabriel heute Nacht nicht auf? Menschen schliefen zu dieser späten Stunde für gewöhnlich, anstatt sich mit Nixen zum Planschen zu verabreden. Außerdem waren Menschen generell sehr unzuverlässige Wesen. Zumindest hatte man ihnen das im Unterricht der Menschenkunde stets beigebracht. Vielleicht war es doch keine schlechte Idee, ihre zukünftige Königin bei so einer heiklen Angelegenheit nicht aus den Augen zu lassen.
   »Du siehst gut aus, glaub mir.« Mia nahm ihrer Freundin die Seeigelbürste und das Korallen-Make-up aus der Hand. Mit ein paar geübten Handgriffen hatte sie sie in eine atemberaubende Schönheit verwandelt. Was sie in Mias Augen eh von Natur aus war.
   Hope betrachtete sich in einem Stück reflektierendem Glas und schien sehr zufrieden mit ihrer Arbeit zu sein.
   »Es ist Zeit«, flüsterte Mia nach einem kurzen Blick in den Himmel.

Als sie sich nach einer knappen halben Stunde Hopes Lieblingsstrand näherten, hatte sich der Himmel über ihnen in tiefe Schwärze gehüllt. Es war eine milde, wolkenlose Nacht und inmitten der Sterne konnte man den Mond, wenn auch nur als äußerst schmale Sichel, erahnen.
   »Bleib du hier«, sagte Hope. »Ich treffe ihn dort drüben an meinem Felsen.«
   Mia riskierte einen Blick in Richtung des Felsens und gehorchte. Sie wollte ihre Freundin nicht mit diesem Menschen allein lassen, aber was sollte sie sonst tun? Nervös schwamm sie in der alles verschlingenden Dunkelheit hin und her. Sie musste sich beruhigen. Hope wusste, was sie tat. Das hoffte sie zumindest. Doch so ganz konnte Mia ihre Nervosität nicht ablegen, ihre Schwanzflosse zuckte weiterhin durchs Wasser. Mit jeder Minute, die verstrich, und die sie Hope allein vor dem Felsen umherschwimmen sah, verfestigte sich Mias geheime Hoffnung, dass sich Hope in diesem Gabriel geirrt hatte. Vielleicht hatte sie ja Glück, und das Nichterscheinen dieses Jungen würde Hope ein für alle Mal von ihrer Besessenheit den Menschen gegenüber heilen?
   Etwas Fremdartiges schwamm vom Strand aus auf Hope zu.
   Schlagartig zerplatzte Mias Zuversicht wie eine Luftblase in tiefster See. Als es näher kam, verschlug es Mia sprichwörtlich den Atem. Sie verstand, was in ihrer Freundin vorging. Wenn er eine Flosse hätte, wäre er der perfekte Meermann.

Kapitel 6
Süßes, kleines Meereskind

Hope entspannte sich, als sie Gabriel auf sich zuschwimmen sah. Ihr war, als träfe sie auf einen langjährigen Freund oder zumindest, als wäre sie schon ewig dazu bestimmt gewesen, ihn endlich zu finden. Dabei hatte sie schon fast damit gerechnet, dass er nicht wie versprochen auftauchen würde. Aber er war da. Nur noch wenige Meter Wasser trennten sie voneinander. Mit jedem Meter, den Gabriel näher auf sie zu schwamm, kam Hopes Anspannung zurück. Was, wenn er diesmal hinter ihr Geheimnis kommen würde? Wenn er versehentlich an ihre Flosse stieß oder er sie diesmal aus dem Wasser, und damit zu sich auf den Felsen, ziehen würde? O heiliger Poseidon! Das waren eindeutig zu viele Was-wäre-wenn-Fragen.
   Während sie versuchte, ihre widersprüchlichen Gefühle zu ordnen, schienen ihre Ängste urplötzlich wie weggeblasen. Sie sah Gabriels strahlende Augen vor sich und sein wunderschönes Lächeln.
   »Hope, du bist wirklich gekommen. Wahnsinn …«
   »Hattest du Zweifel?«, fragte sie und war froh, dass Gabriel in der Dunkelheit nicht erkennen konnte, wie sehr sie sich über sein Erscheinen freute.
   »Ehrlich gesagt, ja«, antwortete er und verzog die Mundwinkel süß und scheu zur Seite.
   Ihr gefiel diese beiläufige Geste, dessen Wirkung er sich bestimmt nicht bewusst war.
   »Wohin bist du gestern eigentlich so schnell verschwunden? Ich hatte schon Angst, dass du abgesoffen bist.«
   »Abgesoffen?«
   »Na, abgesoffen, untergegangen, weggeblubbert, ertrunken eben.«
   Sie lachte so laut, dass selbst Mia wissen müsste, dass es ihr gut ging. »Bevor ich … Wie hast du es genannt? Abgesoffen? Na ja, lass mich dir etwas erklären: Der Erste, der von uns beiden hier absaufen würde, wäre mit Sicherheit nicht ich.« Sich mit ihm zu unterhalten, war so wunderbar einfach. Wovor hatte sie sich nur gefürchtet?
   Gabriel zuckte unbeeindruckt mit seinen breiten, muskulösen Schultern, kletterte auf den Felsen und hob ihr eine Hand entgegen. »Wie du meinst. Aber wie wäre es, wenn du trotzdem zu mir nach oben kommst. Dann kannst du dir deine Kräfte für den Rückweg aufsparen. Komm, ich helfe dir rauf.«
   Mist. Das war genau das, was nicht möglich war. Warum hatte sie daran nicht gedacht? Sie würde mit Gabriel nie mehr Zeit verbringen können als ein paar Minuten, schwimmend im Meer und noch dazu in der Nacht. Wie dumm sie doch war, zu glauben, dass sie all die Unzulänglichkeiten zwischen ihnen überbrücken könnte.
   »Ich kann nicht. Sorry«, versuchte sie sich der Situation zu entziehen. Ihre Schwanzflosse wollte den Rückzug antreten, obwohl ihre Hände die harten Kanten des Felsen umklammerten. Sie wusste instinktiv, dass es bei diesem Menschen kein Vorankommen gab. Der einzig richtige Weg führte sie zurück nach Hause. Ihre linke Hand löste sich vom felsigen Untergrund. Hope senkte resigniert den Kopf. Ab sofort würde sie immer auf Mia hören – jawohl.
   Unvermittelt legte Gabriel seine Hand auf ihre und hinderte sie so daran, sich zu entfernen. »Wag es nicht, einfach zu verschwinden!«
   Sie erschauderte. Gabriels Berührung ließ ihr Herz schon wieder in einen beunruhigenden, ungleichmäßigen Takt verfallen und ihre Lungen waren plötzlich viel zu groß und leer in ihrer Brust. Ihr fehlte Sauerstoff.
   Gabriel umklammerte ihre Hand und rutschte zurück ins Wasser. Ihre Flosse wollte unwillkürlich den Rückzug antreten, doch Gabriel hielt sie zu fest. Ruckartig zog er sie wieder an sich. Sogar näher, als sie ihm jemals gewesen war. Sie musste ihre gesamte Willensstärke aufbringen, um die Muskeln in ihrer Schwanzflosse im Zaum zu halten. Als Gabriels andere Hand nur knapp über ihrer Hüfte zum Liegen kam, entfuhr ihr ein kleiner Aufschrei. Sie entriss ihm ihre Hand und schlug ihm mit beiden Händen abwehrend vor die Brust. Er hatte ihre harten Schuppen nur um einige Zentimeter verfehlt. Was, wenn er gespürt hätte, dass sie kein Mensch war? Panik stieg in ihr auf und ließ sie erneut zurückweichen.
   »Bitte nicht! Bleib. Ich … Es tut mir leid!«
   Hope stoppte. Er war nicht gefährlich. Sie musste in Zukunft lediglich besser auf sich und vor allem auf ihn aufpassen. Heiliger Poseidon! Konnte sie sich irgendwann mal entscheiden? Ja – nein, gefährlich – nicht gefährlich, gut – schlecht. Gabriel kappte jeglichen ihrer rationalen Gedanken. Okay, das war definitiv schlecht. »Das muss es nicht. Ich … Na ja, wir kennen uns einfach nicht … Deine Hände …« Sie seufzte.
   Gabriel schwamm langsam auf sie zu.
   Sie vergaß schlagartig, was sie sagen wollte. Wieso musste er so verdammt gut aussehen? Das brachte sie ganz aus dem Konzept. Er warf sie völlig aus der Bahn.
   »Dann lass uns das ändern. Ich würde dich gern näher kennenlernen.«
   Seine Stimme entlockte Hope ein glucksendes Lachen. Ohne es zu merken, überbrückte sie mit einem einzigen Schwanzschlag die letzten Meter zurück zu ihm. »Wieso?«
   »Wieso was?«
   »Wieso willst du mich kennenlernen?«
   »Na ja«, sagte er leise, »du bist irgendwie so geheimnisvoll, so anders. Und interessant und hübsch.«
   »Soso«, erwiderte sie gedehnt und konnte ihr Lachen kaum noch unterdrücken, was ihre Antwort ein wenig holprig klingen ließ. »Du findest mich also irgendwie hübsch?«
   Gabriel schüttelte energisch den Kopf.
   Sie sah ihm an, dass er nach einer Ausrede suchte. Sie hatte es tatsächlich geschafft, ihn aus der Fassung zu bringen.
   »Nein. Ich meine doch … also nicht nur irgendwie. Doch, ja.«
   Nun konnte sie nicht mehr an sich halten. Sie prustete los, während Gabriel sie nur verständnislos anstarrte.
   »Schön, dass du dich auf meine Kosten amüsierst«, sagte er, als sie sich auch nach einigen Sekunden nicht beruhigt hatte.
   Hope konnte nicht anders. Obwohl sie lieber gejubelt als gelacht hätte, doch das hätte Gabriel wohl noch mehr verunsichert. Ihre Schuppen hatten sich mit einem Schlag goldgelb verfärbt, weil er sie hübsch fand. Auch wenn sie wusste, dass diese Aussage wenig zu bedeuten hatte, da er in diesen dunklen Nächten so gut wie gar nichts von ihr hatte erkennen können. Trotzdem wurde ihr warm ums Herz.
   Er musterte sie inzwischen resigniert und Hope hätte sich am liebsten sofort ein paar schöne, mädchenhafte Beine gewünscht, um mit Gabriel zusammen aus dem Wasser steigen zu können. Sie wollte ihm zeigen, wie sie als Mensch aussah, wollte ihn gern außerhalb der Nacht treffen, doch dafür müsste sie sich wünschen, ein Mensch zu werden. Sie müsste sich auf dieses Menschsein vorbereiten und diese schönen Beine bekommen und wusste doch nicht einmal, wie man mit ihnen umging. Sie müsste ebenso darauf achten, nicht nass zu werden und auch darauf, wieder rechtzeitig zu Hause sein und auf noch einiges mehr. Im Moment war sie einfach viel zu verwirrt, um eine rationale Entscheidung zu treffen. »Ach sei nicht so. Außerdem finde ich auch, dass du irgendwie gut aussiehst.« Als sich daraufhin Gabriels Lippen zu einem süßen Lächeln kräuselten, nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und ergriff seine Hand. »Ich würde dich auch gern näher kennenlernen. Ehrlich. Aber nicht heute. Wie wäre es morgen?«
   »Mittags?« Gabriels Stimme klang flehend in ihren Ohren und sein Gesichtsausdruck glich dem einer bettelnden Babyrobbe.
   So gern sie seinen Wunsch erfüllt hatte, es war schlichtweg nicht möglich. Nicht, solange ihr Unterkörper mit harten, glänzenden Schuppen überzogen war. »Ich sagte doch, dass ich tagsüber unabkömmlich bin.« Dennoch plumpste ihr vor Erleichterung gerade eine riesige Koralle von der Flosse. Es schien ihr gar nicht mehr so schwerzufallen, einen Menschen hinters Licht zu führen. Bei Gabriel gelang ihr das zumindest ganz gut. Gleichwohl verstand er es sehr gut, sie in seinen Bann zu ziehen. Sie konnte sich nicht erklären, warum, aber am liebsten hätte sie seinem Flehen, sie tagsüber zu treffen, sofort nachgegeben.
   Hope nahm sich vor, gleich morgen nach ihrem Unterricht in Sidneys geheime Grotte zu schwimmen. Sie war schon lange nicht mehr dort gewesen, hatte diesen Ort seit Sidneys Verschwinden wie eine Unterwasserpest gemieden. Doch nun musste sie sich besser auf die Treffen mit Gabriel vorbereiten, so viel war sicher. Was eignete sich dazu besser, als Sidneys zusammengetragene Menschengeheimnisse?
   Gabriel strich mit seiner Hand zart und prüfend über ihr Schulterblatt und unterbrach so ihre Gedanken. Obwohl sie beide bis zu den Schultern im Wasser steckten, überragte er sie um einige Zentimeter. Das gefiel Hope. Es war wie jedes Mal, wenn sie ihm in die Augen sah. Sein Blick hielt sie auf eine hypnotische Weise gefangen und ihr Herzschlag beschleunigte sich, ohne dass sie in der Lage war, etwas dagegen zu unternehmen. Diesmal kamen Tausende kleiner Zitteraale dazu, die wie wild durch ihre Eingeweide zuckten. Dieses Gefühl war neu, aber sie empfand es keineswegs als unangenehm. Im Gegenteil, es war eher eines von der Art, nach der man süchtig werden könnte.
   Einem Menschen, vor allem Gabriel, so nahe zu sein, würde sie wohl noch des Öfteren aus dem Takt bringen. Das war ihr nun klar und sie freute sich schon auf das nächste Mal.

*

Gabriel zog seufzend die Hand von Hopes Schulter und spielte mit einem Ring, der an Hopes Zeigefinger steckte. Die nächtlichen Treffen waren zwar auf irgendeine Art romantisch, dennoch würde er viel lieber mit ihr einen sonnigen Nachmittag am Strand verbringen, anstatt nachts mit ihr gegen die kalten Wellen anzukämpfen. »Das bedeutet dann wohl, dass ich dich wieder nur in der Nacht zu sehen bekomme?« Er hob seine andere Hand aus dem Wasser und strich über ihre Wange. Sie erschauderte unter seiner erneuten Berührung. »Eine Frage: Hast du Angst, dass ich dich hässlich finde? Oder, dass ich hässlich bin?«
   Damit brachte er Hope erneut zum Lachen. »Wie … wie kommst du denn darauf?«
   »Wie sollte ich nicht darauf kommen? Ich glaube, wenn es nach dir geht, sehen wir uns weiterhin nur nachts.« Leider bejahte sie seine Frage und er seufzte geknickt. Mittlerweile hatte er irgendwie das Gefühl, dass er bei Hope nicht weiterkam. Und dabei wollte, nein, er musste Hope bei Tageslicht sehen. Da war wieder die Sache mit seiner inneren Stimme, die er sich einfach nicht erklären konnte. Sie drängte ihn quasi dazu, sie sich genauer anzusehen.
   »Wenn ich dir verspreche, dass ich mich bemühe, einen Tag zu finden, an dem wir uns früher treffen können – außerhalb der Dunkelheit –, kommst du morgen Nacht wieder?«
   Gabriels Lippen kräuselten sich zu einem Lächeln. Er hatte sie an der Angel, das wurde ihm nun bewusst, genau so, wie es sein innerer, kleiner Teufel von ihm erwartete. »Ich hätte dich auch ohne dein Versprechen wiedersehen wollen«, erwiderte er.
   Du hast sie am Haken, mein Kleiner – nun zieh sie an Land, flüsterte die kleine, nervige Stimme in seinem Inneren.
   »Wie heißt du eigentlich?«, fragte er ungeachtet dessen, dass Hope eigentlich hatte verschwinden wollen.
   Sie sah ihn fragend an. Gabriel konnte Hopes grüblerische Mimik zwar nur schemenhaft erahnen, er war sich aber sicher, dass sie gerade zum Anbeißen süß aussah.
   »Wie meinst du das? Du weißt doch, wie ich heiße.«
   »Na, deinen Nachnamen. Ich heiße Xander. Gabriel Xander. Und du?«
   »Ocean, Hope Ocean«, sagte sie nach kurzem Zögern.
   »Schöner Name. Er passt irgendwie zu dir.«
   Meeresmädchen, o du wunderschönes Meeresmädchen, summte die Stimme im Takt der Wellen.
   »Darf ich dich heute begleiten?«, fragte er und zwirbelte eine Strähne ihres endlos langen Haares um seine Fingerspitzen. Dabei bemerkte er, wie Hope auf seine Berührung reagierte und er wurde mutiger. Denn egal, was seine innere Stimme von ihm verlangte, er wollte wirklich nicht, dass sie ihn hier allein zurückließ.
   »Wieso fragst du?«
   »Weil ich glaube, dass du gleich wieder abhaust, und mir ist nicht wohl dabei, dich mitten in der Nacht allein hier rumschwimmen zu lassen.«
   »Keine Panik, ich bin nicht allein. Meine Freundin will mich später abholen.«
   »Okay, dann warte ich.«
   »Brauchst du nicht – ehrlich.«
   Je mehr sich Hope gegen seine Fragen und Angebote, sie zu begleiten, wehrte, desto neugieriger wurde er auf sie. Sie war kein normales Mädchen. Bei ihr hatte er ständig das Gefühl, als wollte sie, kaum war sie da, wieder vor ihm flüchten. Aber diese Andersartigkeit gefiel Gabriel. Genau das machte sie so interessant.
   Lass sie nicht ziehen. Das süße, kleine Meereskind.

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