Eine Buchhandlung am Ende der Welt. Lilja Sedewick könnte sich keinen schlimmeren Ort für ein Praktikum vorstellen. Verschlungene Schachpartien und Mathematik, das ist ihre Leidenschaft. Doch um ein Studium in Amerika zu finanzieren, muss sie sich den Bedingungen ihrer wohlhabenden Mutter fügen. Widerwillig reist Lilja auf die Nordseeinsel Greeglund und beginnt ihre Arbeit im Buchladen. Der pragmatischen Achtzehnjährigen stellen sich schon bald ungeahnte Herausforderungen. Ned ist eine von ihnen. Eine Zusammenarbeit mit dem unverbesserlichen und leider unverschämt attraktiven Literaturkenner scheint nahezu unmöglich. Bei einer ihrer Auseinandersetzungen stößt Lilja auf ein altes Notizbuch und beginnt, ihre Gedanken darin festzuhalten, bis auf den weißen Seiten plötzlich Botschaften erscheinen. Es ist die ehemalige Besitzerin des Notizbuchs – und sie fleht Lilja an, ihren Mörder zu finden. Gemeinsam mit Ned begibt sich Lilja auf eine rätselhafte Suche. Zwischen ihnen knistert es gewaltig, doch kann sie riskieren, ihm zu vertrauen? Lilja muss eine Entscheidung treffen, denn auch sie schwebt inzwischen in Lebensgefahr ...

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ISBN: 978-9963-53-794-5

Seiten: 319

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Antonia Anders

Antonia Anders
Antonia Anders studiert Kommunikationswissenschaften, drückt sich aber am liebsten durch das geschriebene Wort aus. Fantasy ist dabei ihre große Leidenschaft. Von Kindesbeinen an verschlang sie Dutzende Bücher, bis sie selbst mit dem Schreiben begann und 2016 ihr erster Roman „Ebelle“ veröffentlicht wurde. Wenn sie nicht gerade an Ideen tüftelt, lässt sie sich von Musik, Tee und HBO-Serien inspirieren. Ihr Geheimrezept für jeden Regentag.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Auch an diesem Morgen hatte mich der frühe Vogel hämisch krächzend überholt.
   »Aufpassen, Fräulein!«
   »’Tschuldigung!«
   Wohl ebenfalls kein Frühaufsteher. Ohne einen Blick zurückzuwerfen, stürmte ich im Laufschritt durch den herbstlichen Park, während ich sorgenvoll auf das Display meines Handys schielte.
   Es ging schon lange nicht mehr um Pünktlichkeit. Nur noch um Schadensbegrenzung. Schnaufend beschleunigte ich meine Schritte und registrierte, dass es unter so einem dicken Daunenmantel wirklich unangenehm heiß werden konnte. Wie hielt Mum das nur aus? Erneut sah ich mich gezwungen, einigen frühmorgendlichen Joggern auszuweichen, die mit mir um das sportlichste Tempo konkurrierten.
   Kaum hatte ich den Park verlassen und mein Gleichgewicht auf dem glitschigen Boden wiedergefunden, da klingelte auch schon mein Handy. Verdammt.
   »Ja?« Ich hetzte außer Atem den Asphaltweg hinunter, während mein grüner Schal hinter mir her flatterte wie eine Fahne.
   »Wo bleiben Sie, Frau Sedewick? Ihre Schicht hat bereits vor zwanzig Minuten begonnen«, lautete die unfreundliche Begrüßung.
   »Keine Sorge, ich bin so gut wie da«, log ich mit atemloser Stimme, hielt mir eine Hand an die Hüfte, um das Seitenstechen zu unterdrücken, und durchforstete fieberhaft meine Gedanken nach einer passablen Ausrede. »Die U-Bahn ist ausgefallen, deshalb musste ich, hallo …?« Meine Chefin hatte bereits aufgelegt. Vermutlich deshalb, weil ich die Geschichte von der U-Bahn schon einmal erzählt hatte.
   Sechs Querstraßen, vier erzürnte Spaziergänger und eine unfreiwillige Schlitterpartie auf den feuchten Herbstblättern später, hatte ich mein Ziel tatsächlich erreicht.
   In Windeseile rauschte ich die Stufen hinunter auf das modern schnittige Gebäude des Bonner Kunstmuseums zu. Ich hatte heute Morgen nicht mehr gehofft, pünktlich zu kommen, vielmehr hatte ich gehofft, noch so wenig zu spät zu kommen, dass keiner etwas bemerkte.
   Für die beeindruckend hohe Vorderfront, die schlanken weißen Säulen, die geometrische Einfachheit und das zeitlos schlichte (niemals würde ich sagen anonyme und langweilige) Design hatte ich heute kaum einen Blick übrig. Mit verschwitztem Gesicht, prustend wie ein Walross und windzerzausten Haaren kam ich in der Eingangshalle an, blieb kurz stehen, um ein wenig Atem zu schöpfen, und steuerte anschließend zielstrebig den Personalbereich hinter den Kassen an. Dort, wo die Jacken und Mäntel verantwortungsvollerer Mitarbeiter als mir hingen, wartete auch bereits meine Chefin Frau Kopetzki auf mich.
   »Dreißig Minuten«, sagte sie und sah mich streng an.
   Insgeheim wettete ich, dass sie neben ihrer Armbanduhr noch eine höchst präzise Stoppuhr in der Tasche ihres makellos weißen Blazers mit sich herumtrug.
   »Tut mir leid«, murmelte ich und gab mir Mühe, ein möglichst zerknirschtes Gesicht aufzusetzen.
   »Sie werden nun an der Kasse sofort Ihre Arbeit aufnehmen, Frau Sedewick«, erwiderte meine Vorgesetzte mit geschürzten Lippen. »Wir unterhalten uns später noch einmal.« Auf hohen Absätzen trippelte sie davon, während ich hinter ihrem Rücken genervt die Augen verdrehte.
   Kopetzki war meiner Meinung nach die absolute Verkörperung dieses Museums: kühl, makellos und vor allem korrekt. Ich konnte mich immer noch nicht daran gewöhnen, von ihr mit einem strengen »Frau Sedewick!« abgekanzelt zu werden. Immerhin war ich erst vor ein paar Monaten achtzehn geworden und gefühlsmäßig in diese Anrede noch nicht ganz hineingewachsen.
   Eilig zupfte ich an meinem schwarzen Wollpullover herum, dem Elegantesten, das mein Kleiderschrank hergab (auch wenn meine Mum ihn ursprünglich für Beerdigungen gekauft hatte) und trollte mich an meinen Arbeitsplatz.

An der Kasse des Museumsshops zu arbeiten, war, um ehrlich zu sein, nie mein großer Traum gewesen – und dass mich ein älterer Herr an diesem Morgen darauf hinwies, dass ich meinen Pullover mit dem Etikett nach außen trug, definitiv ein wahrgewordener Albtraum. Verschämt musste ich mich für zehn Sekunden unter die Theke ducken, um ihn wieder richtig herum anzuziehen.
   Der Museumsshop war ein regalgesäumter Verkaufsraum mit klinisch weißen Wänden, wo man von Postkarten, über Radiergummis, über Kalender bis zu vielen schlauen Büchern alles erstehen konnte, was das intellektuelle Herz begehrte. Ich, Lilja Juline Maria Sigurne Sedewick, war Herrin über diesen Hort der Bildung und Kultur. Den Namen hatte mir meine Mutter verpasst, in der seltsamen Hoffnung, der Herkunft ihrer Tochter so etwas wie einen adeligen Touch zu verleihen. Frau Kopetzki hatte ich mit dieser Heerschar an Vornamen leider nicht beeindrucken können. Das Einzige, was er mir bisher eingebracht hatte, war eine irritierte Nachfrage der Personalabteilung.
   »Entschuldigung, junge Dame?« Eine Seniorin mit akkurater Dauerwelle und goldgelbem Mantel unterbrach meine tristen Gedanken. »Ich habe in der Ausstellung ein außergewöhnliches Bild gesehen und hätte es gern auf einer Postkarte.«
   »Klingt gut«, antwortete ich, Ausbund an Kompetenz und Kundennähe, der ich nun einmal war.
   »Bedauerlicherweise finde ich sie nicht …«
   Ich konnte mir gerade noch eine Antwort à la »Dann nehmen Sie eine andere« verkneifen. »Was für ein Bild war es denn?«, hakte ich daher mit meiner höflichsten Stimme nach.
   Ein Fehler, denn nun begann die alte Dame, mir ausführlich das Kunstwerk zu beschreiben, in einer Präzision und Detailverliebtheit, die ich ihr in diesem Alter nicht zugetraut hätte. Zwischenzeitlich wurde die Schlange an Kunden, die ihre Einkäufe bezahlen wollten, immer länger. Ungeduldig scharrte der Pulk aus Studenten, Touristen und restlichen Kunstliebhaber mit den Füßen, während ihre genervten Blicke mir deutlich zu verstehen gaben, möglichst schnell diese alte Frau abzuwimmeln.
   »Es tut mir leid, aber ich bin mir gerade auch nicht ganz sicher, welches Motiv Sie meinen könnten«, unterbrach ich den Redefluss der Seniorin bestimmt, als ob ich auch den gesamten Postkartenkatalog im Kopf gehabt hätte. »Wie wäre es, wenn Sie kurz bei den Kartenständern warten und ich schicke Ihnen einen, ähm, Kollegen vorbei, der sich um das Problem kümmert?«
   Ein langhaariger Mann, mit Schlapphut und Hipsterbart zeigte mir hinter ihrem Rücken den Daumen nach oben.
   »Nein, junge Dame«, antwortete meine Kundin mit verärgerter Miene. »Ich habe doch nicht den ganzen Tag Zeit!«
   »Bitte«, wiederholte ich leicht erschöpft. »Wir werden uns dieses Problems sofort annehmen.« (Es war immer von Vorteil, bei solchen Angelegenheiten in die »Wir«-Form zu wechseln, um notfalls den entstandenen Schaden von sich abwälzen zu können).
   »Hmpf, eine Unverschämtheit! Hochmütig weist man mich also ab«, sagte die Kundin pikiert, warf mir einen letzten strafenden Blick zu und stakste leise vor sich hinprotestierend davon.
   Ich kassierte die Schlange von Leuten ab, druckte Kassenzettel aus, verkaufte Briefmarken und wickelte Bücher in Plastiktüten ein. Eine Beschäftigung dieser Art war vielleicht eine Stunde lang interessant und anspruchsvoll. Einen ganzen Vormittag über, also etwa vier bis fünf Stunden lang, nicht.
   Als der Besucherstrom etwas abflaute, schlug ich die Zeit tot, indem ich still die vielen Bücher zählte, die in den Regalen standen. Ich teilte sie durch die Anzahl der Vitrinen und addierte dazu die Anzahl von Kindern, die ihren Müttern mitteilten, dass sie auf die Toilette mussten. Regelmäßig drehte ich mich um und warf einen Blick auf die große Uhr, die direkt über der Kasse hing. Es nervte mich unsäglich, dass sie keine Zahlenmarkierungen besaß.

Halb zwei. Endlich! Gefühlt waren zwei Jahre vergangen. In zehn Minuten sollte ein Kollege kommen, um mich von meiner Arbeit zu erlösen, aber meine Geduld hatte leider bereits ihr Ende erreicht. Ich schloss die Kasse und stellte das Schild auf, das ich eigens für Anlässe wie diese gebastelt hatte. »Wartezeit ist geschenkte Zeit. Keine Sorge, gleich dürfen Sie zahlen.« Ich platzierte es neben Sparky, dem Trinkgeldschwein (das fette rosafarbene Tier hatte mich bereits durch einige Jobs begleitet) und verließ kurz den Museumsshop, um auf die Toilette zu gehen.
   Eigentlich konnte ich diesen Ort nicht ausstehen. Er war genauso reinweiß und anonym wie der Rest des Museums. Wenn ich mit meinem Nebenjob endlich etwas Geld beisammenhatte, war ich mit großer Wahrscheinlichkeit schneeblind geworden. Das grelle Licht direkt über den großen Spiegeln, ließ mich die Augen zusammenkneifen, als ich eiskaltes Wasser über meine Hände laufen ließ. Insgeheim hatte ich es »das Hexenlicht« getaut, denn es ließ selbst ein Model wie Cindy Crawford zwanzig Jahre älter aussehen. Gefühlte zweitausend Volt brachten eben auch die winzigste Falte zum Vorschein. Ich blickte nicht auf, als ich das Waschbecken verließ. Ich wollte sie nicht sehen: die schwarzen schulterlangen Haare, die Himmelfahrtsnase, den schmalen Mund und den Schalk, der, Mum zufolge, immer in meinen tiefblauen Augen blitzte. Vor Kurzem hatte ich mir auch einen silbernen Nasenring zugelegt, denn seit ich volljährig war, konnte Mum nur noch darüber zetern. Bei der Arbeit durfte ich ihn leider nicht tragen.
   Ich pustete eine Strähne meines Haares aus dem Gesicht und marschierte eilig in Richtung des Shops. Ein Lächeln breitete sich auf meinen Lippen aus, als ich sah, dass endlich jemand erschienen war, um die nächste Schicht zu übernehmen. Ich arbeitete erst seit drei Wochen im Museum und hatte bisher noch kaum die Namen der anderen Mitarbeiter verinnerlicht. Um ehrlich zu sein, war ich auf eine Weihnachtsfeier mit einem Haufen anstrengender Mittfünfzigerinnen auch nicht besonders scharf.
   »Na endlich«, rief ich erfreut, als ich beschwingt eintrat, erstarrte allerdings mitten im Gehen, da ich einen weißen Blazer erkannte. Kopetzki hatte sich hinter der Kasse postiert, das »Wartezeit«-Schild entfernt und kassierte dort mit einem schmallippigen Lächeln die Leute ab. Autsch, ich saß richtig tief in der Tinte. Ein glatzköpfiger Rentner ließ mit einem gutmütigen Zwinkern sein Restgeld klirrend in Sparky hineinfallen. Mein Pullover schien auf einmal unerträglich eng zu sitzen. Ich schluckte und ging auf Frau Kopetzki zu. Sie wartete gerade noch, bis sie der letzten Frau ihre Plastiktüte in die Hand gedrückt hatte, dann verschwand ihr aufgesetztes Lächeln und ihr Blick verwandelten sich in den eines Adlers, der seine zitternde Beute fixierte.
   »Frau Sedewick …«
   »Ich war nur kurz auf der Toilette«, sagte ich rasch und wies über die Schulter.
   »Sagen Sie einmal, was denken Sie sich eigentlich?«
   Klassischer Einstieg. Kannte ich schon von daheim und aus alten Schulzeiten.
   »Erst erscheinen Sie zu spät zur Arbeit und kurz darauf kommt mir schon eine Beschwerde über Sie zu Ohren. Sie wimmeln Kunden ab, die lediglich eine kurze Beratung wünschen!«
   Was für eine dreiste Lüge!
   »Ich wollte die Sache klären, aber das ist wohl kaum möglich, wenn Sie nicht einmal an der Kasse stehen! Und zusätzlich zu der wenigen Arbeit, die sie überhaupt leisten, streichen Sie auch noch Trinkgeld ein!« Sie deutete erbost auf Sparky, der unter ihrem zornigen Blick ebenfalls ein wenig in sich zusammenschrumpfen zu schien.
   »Frau Kopetzki …«, startete ich einen halbherzigen Versuch, die nahende Katastrophe abzuwenden.
   »Mir reicht es mit Ihren ewigen Eskapaden, dem Zuspätkommen, der Unzuverlässigkeit und Ihrem Mangel an Respekt. Ich war von Anfang an dagegen, Sie hier anzustellen. Wenn Ihre Frau Mutter Sie uns nicht ausdrücklich empfohlen hätte.«
   »Dafür kann ich auch nichts«, erwiderte ich, nun doch leicht unwirsch. Warum mussten alle nur immer meine Mutter mit ins Spiel bringen?
   »Sie sind entlassen, fristlos.«
   »Tatsächlich? Wissen Sie was? Danke!« Ich schenkte meiner Ex-Vorgesetzten einen kühlen Blick, in der Hoffnung, diese Art des non-verbalen Duells genauso gut zu beherrschen wie sie. »Komm, Sparky. Wir gehen.«
   Hocherhobenen Hauptes schob ich mich an ihr vorbei, schnappte mir das dümmlich vor sich hingrinsende Sparschwein und marschierte aus dem Museumsshop, während meine Schritte immer eiliger wurden. Ich konnte Kopetzki gerade noch hinter mir entrüstet schnauben hören. Schließlich rannte ich fast, als ich endlich die Garderobe erreichte. Zitternd blieb ich zwischen den dicken Jacken stehen und atmete tief ein und aus.
   »Verdammt, verdammt, verdammt!« Frustriert trat ich nach ein paar Tüten auf dem Boden, bereute es allerdings sofort, als der Inhalt ein geräuschvolles Klirren von sich gab. Ich hatte es mir selbst versaut – schon wieder. Schon. Wieder! Ich biss mir fest auf die Lippen. Ich wusste nicht, warum, aber aus irgendeinem Grund stellte ich mir andauernd selbst ein Bein. Kein Wunder – wie mich dieser Job genervt hatte! Diese blöde Kuh Kopetzki nicht wiedersehen zu müssen, konnte man doch als Erfolg in meinem Leben verbuchen. Rauchend vor Zorn zog ich den rosafarbenen Daunenmantel an, den ich mir heute Morgen von meiner Mum geborgt hatte, klemmte Sparky unter den Arm und verließ meine ehemalige Arbeitsstelle. Es war schon die dritte in diesem Jahr gewesen. Nirgends schaffte ich es lange, und verwunderlich war das nicht, das wusste ich ganz genau.
   Die Sonne war inzwischen durch die trübgrauen Wolken gebrochen und versuchte, mich mit ihren warmen Strahlen ein wenig aufzuheitern – Zeitverschwendung. Für die Schönheit der roten Blätter, die durch die Luft tanzten und die quirligen Spatzenschwärme oben in den kahlen Bäumen hatte ich keinen Blick übrig. Mit gesenktem Kopf stapfte ich die Straße hinunter, den Blick fest auf den Asphalt geheftet. Mum würde daheim sein.

»Na, Schatz? Wie war deine Schicht?«
   Natürlich war sie da. Mum hatte ja auch das Glück, einen Homeoffice-Job auszuüben.
   Ich stand im Flur des großen Apartments, das wir allein bewohnten. Ein gediegenes Stadtviertel mit schnörkellosen Fassaden und ein bis zwei Doktortiteln auf jedem Namensschild. Verärgert riss ich die Namensplakette ab, die noch an meiner Brust pinnte, und schmiss sie in den Müll. Sparky stellte ich behutsam auf der Mahagonikommode ab.
   »Schatz?«
   »Es war okay«, rief ich durch die offene Tür in Richtung Küche und hängte den Mantel auf. Mit einem Seufzen fuhr ich mir einmal durchs Haar, das nach dem Spaziergang zerzaust in alle Richtungen abstand, und ging in die Küche. Edelstahl und Chrom, eine halb offene Essecke, etwas erhöht, mit zwei bequemen Barhockern. Auf einem davon saß Mum, ihre Kopfhörer um den Hals gelegt und den summenden Laptop vor sich aufgebaut. Sie blickte kurz auf, als ich eintrat.
   »Hast du Hunger?«
   »Ja, aber passt schon. Ich mache mir was«, antwortete ich und öffnete den Kühlschrank. »Gut vorangekommen?«, fragte ich beiläufig, während ich leicht schockiert unseren spärlichen Lebensmittelbestand musterte. Hatte Mum plötzlich Heißhungerattacken?
   »Oh, durchaus, aber ich lege bald eine kleine Pause ein.«
   Ich entdeckte eine Packung Eier, griff rasch danach, bückte mich und holte eine Plastikschüssel aus dem Schrank hervor.
   »Na, haben Sie sich schon gekriegt?«, erkundigte ich mich über die Schulter, während ich das erste Ei aufschlug.
   »Aber nein, Lilja! Noch lange nicht!« Meine Mutter lachte geziert und ließ die Tastatur klappern. »Momentan ist sie eben erst nach Thounton zurückgekehrt und muss ihre Gefühle sortieren. Sie unternimmt einen Spaziergang durch den Wald und morgen kommt endlich die Szene, wenn …«
   Ich hörte ihr schon nicht mehr zu, während sie munter weiter über ihr Manuskript quasselte und ich in aller Seelenruhe mein Omelett zubereitete.
   »Ja, aber dann enthüllt sie nach all der Zeit das Geheimnis von Thounton Castle!« Mum hatte dramatisch die Stimme erhoben, um das Zischen des Öls in der Pfanne zu übertönen.
   »Ganz toll …«, murmelte ich und wendete das Omelett.
   Meine liebe Frau Mutter verdiente ihr Geld mit Büchern. Sie war Schriftstellerin, aber leider keine von der Sorte, die coole Horrorthriller schrieb und mit ihrer Tochter in einem alternativen Hausboot auf der Spree lebte. Nein, sie verbrach furchtbare Schnulzenromane, die einsame, kitschbegeisterte Frauen abends im Bett lasen, um mit sehnsüchtigen Träumen von James, Lars, oder Angus zu entschlummern. Der unsägliche Höhepunkt der ganzen Sache war letztes Jahr eingetreten, als das Fernsehen auch noch beschlossen hatte, eines ihrer Machwerke zu verfilmen. Mum hatte sich kaum beruhigen können, und ich war gezwungen gewesen, an einem schönen Sonntagabend gemeinsam mit ihr den quälend langen und quälend romantischen Streifen anzuhimmeln. Während ihr am Ende Tränen der Rührung über die Wangen liefen, schielte ich nur nach der Fernbedienung, kaum, dass die zwei ihr Gestüt in Irland endlich eröffnet hatten.
   »Wenn du magst, kannst du gern am Abend reinlesen …«
   Oh, Mum.
   »Hm«, brummte ich ausweichend. Schweigend briet ich mein Omelett, klatschte es auf einen Teller und stellte ihn neben Mums Laptop.
   Sie speicherte ihr Dokument ab, nachdem sie es mit einem begeisterten Lächeln ein letztes Mal überflogen hatte. Eigentlich konnte man sie direkt beneiden. »Soll ich dich morgen aufwecken, Lila?«, fragte sie sanft, während ich mein Ei in mich hineinschaufelte. »Dann musst du nicht mehr so hetzen.«
   Lila hatte ich mich als kleines Kind genannt, weil ich damals meinen eigenen Namen nicht aussprechen konnte. Wenn Mum ihn benutzte, verhieß das nichts Gutes. »Nicht nötig«, nuschelte ich mit vollem Mund, während mir bewusst wurde, dass meine Wangen sicher rosafarben anliefen. »Aber danke.«
   »Sag mal …«, sagte sie mit einem weiteren verständnisvollen Lächeln, stützte einen Ellenbogen auf die Theke und sah mich aus unschuldigen Augen an. »… wie lange willst du denn noch jobben?«
   Ich zuckte mit den Achseln.
   »Ich habe da letztens einen interessanten Aushang gesehen. Tag der offenen Tür der Universität Köln, wäre es nicht …?«
   Oh, nein! Nicht dieses Thema. »Ich gehe da nicht hin«, antwortete ich kurz angebunden und salzte mein Omelett nach, um Mum nicht in die Augen sehen zu müssen. »Das habe ich dir letzte Woche schon gesagt.«
   »Aber Lila, ich habe die Fakultät gegoogelt. Die Universität ist einfach großartig. Auch die Semesterthemen klingen wirklich interessant und denk mal an die Berufschancen, die sich dir später bieten würden. Du hast doch einen richtig guten Abschluss. Sieh mal, ich habe dir einen Flyer ausgedruckt.«
   Sie hatte was? Wann würde sie endlich aufhören, mein Leben in ihre Hand zu nehmen? »Mum«, sagte ich und sah sie scharf an. »Zum hundertsten Mal, nein, zum tausendsten Mal! Ich werde nicht Germanistik studieren und auch nicht Kunstgeschichte oder Ethnologie! Mum, ich habe mit Kultur einfach nichts am Hut!«
   »Aber …«
   »Du weißt ganz genau, was ich studieren will!«
   »Lila, reiß dich doch einmal zusammen.« Nun wurde Mum leicht aggressiv. Ihre Miene hatte von bemüht verständnisvoll zu offen vorwurfsvoll gewechselt.
   Das sollte mir ein schlechtes Gewissen bereiten, wie immer, wenn sie ihre Meinung nicht durchsetzen konnte.
   »Ich bin deine furchtbaren Allüren auch allmählich leid! Du hast mir und der Familie wirklich lange genug bewiesen, dass du mir auf der Nase herumtanzen kannst, wie es dir passt«, schnauzte sie mich an.
   Es überstieg ihren Horizont, dass ich nichts mit Kultur und Sprachen studieren wollte. Sie dachte, das behauptete ich nur, um gegen sie zu rebellieren. Dafür fehlten mir die Nerven. Seit ich Abitur gemacht hatte, ging das schon so. »Mir reicht’s. Den Flyer kannst du behalten«, schnaubte ich und sprang von meinem Hocker. »Erst macht mir Kopetzki heute Morgen die Hölle heiß und jetzt musst du schon wieder mit diesem beschissenen Thema anfangen. Mum, ich hab dir gesagt, was ich aus meinem Leben machen will! Und dabei bleibt es, punkt. Basta! Akzeptier es endlich!« Es war nicht meine Absicht gewesen, zu schreien, und ich bemerkte es erst, als ich Mums Gesichtsausdruck registrierte. Ohne eine Antwort abzuwarten, ließ ich sie an der Theke sitzen und stürmte in mein Zimmer – ganz genau wie ein bockiges dreizehnjähriges Mädchen – und ich war erwachsen, verdammt!

Den restlichen Tag über verschanzte ich mich in meinem eigenen Reich und konzentrierte mich bewusst darauf, Mum zu ignorieren, die erst anfing, in der Wohnung herumzuräumen und dann Ewigkeiten lang telefonierte. Bestimmt wollte sie meinem Vater ihr Leid klagen. Offiziell lebten sie getrennt, aber bei Sorgen bezüglich meines Werdegangs hatte er stets ein offenes Ohr für sie. Für ihn schien die Vorstellung noch viel schlimmer zu sein, dass ich eines Tages ohne akademischen Titel auf der Straße landen könnte.
   Die Schatten, die meine Lampe an die Wand warfen, waren bereits dunkel geworden, da klopfte Mum an der Tür meines Zimmers. Konnte sie mir nicht meine Zeit zum Schmollen gönnen? Ich hätte sofort fliehen sollen.
   »Ist offen«, brummte ich schlecht gelaunt, aber sie hatte schon die Klinke heruntergedrückt.
   »Schatz?« Sie steckte vorsichtig den Kopf durch die Tür. Einerseits provozierte sie seit Wochen ständig Streit, andererseits konnte sie es auch nicht ertragen, wenn wir nicht mehr miteinander sprachen.
   Sie trat ein, besaß immerhin die Höflichkeit, kein Wort bezüglich der Unordnung zu verlieren, und setzte sich mir gegenüber. Ich hatte mich mit dem getröstet, dass mir in diesem Haushalt mehr Freude bereitet als all ihre dämlichen Bücher zusammen: meinem Schachbrett. Mum betrachtete die weißen Figuren vor ihr wie einen Haufen skurriler Insekten.
   »Lilja«, sagte sie reumütig. »Bitte versteh’ doch meinen Standpunkt.«
   Natürlich verstand ich ihren Standpunkt. Das war ja das Kreuz in einer Familie, in der jeder, wirklich jeder seine Brötchen mit der Kunst verdiente. Großvater war Maler gewesen, die Schwester meines Vaters trat auf Konzerten auf, mein Vater rezensierte Theaterstücke und meine Mum schrieb eben Bücher. Daher war ich in diesem Kulturclan mit meinem Standpunkt leider völlig allein.
   »Ich will Astrodynamik studieren«, antwortete ich so ruhig, wie ich konnte, und schob einen Bauern zwei Felder nach vorn. »In Indiana. Und wenn ihr es alle nicht wollt … hab ich das Geld trotzdem bald zusammen.« Bald – das war eine nette Umschreibung für in etwa zehn Jahren, wenn ich auch gleich in Bonn alt und sesshaft werden konnte. Bald hieß so viel wie, wenn ich endlich einen Nebenjob gefunden hatte, den Mum mir nicht aufgedrückt hatte, wohl wissend, dass ich ihn sowieso hinschmeißen würde.
   »Schatz, es tut mir leid, dass ich in letzter Zeit vielleicht aufdringlich gewesen bin.«
   Huch, das waren ja ganz neue Töne. Ich blickte von einem weißen Turm auf, den ich gerade in die Hand nehmen wollte.
   »Ich habe über die Sache noch einmal nachgedacht.«
   »Aha«, sagte ich, gespannt, wie ihre nächste Strategie aussehen würde, mich zu meinem Glück zu zwingen.
   »Wir zahlen dir dein Studium in Indiana.« Es dauerte ein wenig, bis die Bedeutung dieser Worte zu mir durchsickerte. Ich starrte Mutter entgeistert an, in der Erwartung, jemand würde gleich aus meinem Schrank hervorspringen und »April, April«, rufen. »Wie war das noch mal?«, flüsterte ich mit trockenem Mund.
   »Wir zahlen die Semestergebühren und den Flug nach Indiana.
   »Mum …«, stotterte ich völlig überrumpelt.
   »Schlussendlich kenne ich deinen Dickschädel leider viel zu gut. Dir kann man ja doch nichts ausreden, Lila. Allerdings«, sagte Mum und drohte mir scherzhaft mit dem Finger, »möchte ich nicht hören, dass du plötzlich wieder zurückwillst, weil dir alles zu schwierig wird. Du musst dich da allein durchbeißen. Wie du weißt, gibt es niemanden in der Familie, der dich aus der Sache herausboxen könnte.«
   »Oh, Mum!« Ich sprang auf, sodass der weiße Turm mit einem Klacken umfiel und über das Brett rollte. Ich schloss sie fest in die Arme, während mir zu meiner eigenen Überraschung Tränen in die Augen traten. Sie hielt mich fest umschlungen, während ich ihren typischen Geruch nach Vanille und Zedern einatmete. Als Kind war dieser Duft immer für mich das Sinnbild meiner Mutter gewesen, bis ich eines Tages festgestellt hatte: Das war nicht Mum, nur ein Parfum. Meine Mutter, das war die Person, die mich ein Stück weit von sich weghielt und mich stolz lächelnd von oben bis unten musterte. Wieder einmal fiel mir auf, wie wenig Ähnlichkeit wir eigentlich besaßen. Dieselbe Augenfarbe, dieselbe Nase, doch sie hatte langes, blondes Haar, das sie immer zu einem eleganten Dutt nach oben verschlungen trug, aus dem gerade ein paar nachlässig hochgesteckte Strähnen abstanden. So war es immer gewesen. Sie würde immer dieselbe Person für mich bleiben. Als Kind merkte man auch nicht, wie die Fältchen um die Augen jedes Jahr tiefer, das Mascara unpassender und die Cremes im Bad zahlreicher wurden.
   »Lila«, sagte Mum sanft und lächelte verschmitzt.
   Sie hielt mich noch immer fest und mich beschlich das seltsame Gefühl, dass unsere Umarmung gerade zu einer Falle geworden war, in die ich unversehens hineingeraten war wie ein Fisch ins Netz.
   »Wir zahlen dir das Studium, aber nur unter einer winzigen Bedingung …«
   Und zack, hatte ich mich verfangen und wurde an Land gezogen.

Kapitel 2

Liebe Lilja,
   es freut mich sehr, dass du dich entschieden hast, den Herbst bei mir auf Greeglund zu verbringen.

   Ganz sicher, eines Tages würde ich Mum umbringen.
   Du wirst schon sehen, im Oktober, wenn ein Großteil der Touristen fort ist, ist es noch viel schöner auf der Insel.
   Wieso ausgerechnet auf einer Insel?
   Wieso?
   Und was sollte denn viel schöner bedeuten? Wohl eher noch viel isolierter, stürmischer und vor allem langweiliger. Mich seifte diese Frau nicht ein.
   Einsame Sandstrände, so weit das Auge reicht. Himmlische Ruhe und gemütliches Wetter, das nur dazu einlädt, den Abend mit einem guten Buch am Kamin zu verbringen.
   Was genau meinte sie bitte mit gemütlichem Wetter? Kräftige Schauer mit gelegentlichem Nieselregen konnte man wohl kaum enthusiastischer ausdrücken. Sie sollte in Zukunft auf jeden Fall die Touristikinformation über dieses Greeglund schreiben.
   Ich bin mir sicher, es wird dir bei uns gefallen. Außerdem kann ich deine Hilfe gut gebrauchen.
   Die Arme würde schon bald feststellen, dass ich keine besonders große Hilfe darstellte. Es sei denn, sie wollte auf Greeglund astronomische Beobachtungen vornehmen oder einen Schachklub eröffnen.
   Auch wenn die meisten Besucher nun abgereist sind, gibt es viel zu tun, denn ich will vor der nächsten Saison einige Umstrukturierungen vornehmen, für die ich ein paar zusätzliche Hände gebrauchen kann.
   Sollte ich etwa Bretter zersägen? Oder Schafe scheren? Nein, es wartete keine handwerkliche Arbeit auf mich. Das war ja der Sache Pudels Kern (Ein Faust-Zitat, das Mum mir eingeprügelt hatte).
   Wir sehen uns am Sonntag. Meine Azubine holt dich am Hafen ab und hilft dir, dich in meiner Buchhandlung zurechtzufinden. Gute Reise! Wir sehen uns in einer Woche!
   
   Viele liebe Grüße
   Carmen


Holla, das klang ja wirklich so, als hätte ich mich freiwillig für diese Expedition nach Hinterdupfingen gemeldet.
   Ich hatte unterdessen einen zweiten Tab im Browser geöffnet und Greeglund in die Suchmaske eingegeben. Die Ergebnisse erwiesen sich im negativen Sinne als überwältigend. Greeglund war ein Zweihundert-Seelen-Inselchen und mit dem Schiff etwa dreißig Minuten von der nächstgrößeren Insel Brigmarn entfernt (noch mal eine halbe Stunde vom Festland nach Brigmarn …). Dort befanden sich immerhin zivilisatorische Errungenschaften wie ein Drogeriemarkt, eine Bäckerei und Kunstateliers.
   Ich wühlte mich weiter durch die Suchergebnisse und gewann ein immer umfassenderes Bild von meinem zukünftigen Heim. Greeglund schien im Sommer seine Einwohnerzahl etwa zu verdoppeln, wenn ein Haufen Touristen die zahlreichen Ferienhäuser bevölkerten, die man mir sogleich vermieten wollte. Die geschäftstüchtigen Insulaner lebten von April bis September vom Postkartenverkauf und dem Hochbetrieb überteuerter Cafés. Ab dem Herbst gehörte Greeglund wieder den Einheimischen und den nordseetypischen Schafherden, die vermutlich etwa fünfzig Prozent der Bevölkerung ausmachten. Vor meinem inneren Auge tauchte eine trostlos verlassene Geisterstadt auf, durch deren rot gepflasterte Gassen der Wind peitschte, während Schafherden wie dicke Schneeflocken in den Vorgärten der Feriendomizile grasten. Großartig.
   Was hatte Mum mir da nur eingebrockt? Gut, dass ich mich entschieden hatte, die Mail auf meinem Laptop in meinem Zimmer zu lesen, so konnte sie nicht sehen, wie sich meine Augenbrauen immer weiter zusammenzogen, je mehr ich über den Ort meines sozialen Praktikums erfuhr.
   »Soziales Praktikum«, schnaubte ich laut. Das Wort bereitete mir immer noch Bauchschmerzen.
   Was sollte an dieser Arbeit bitte schön sozial sein! Das einzig soziale daran, war Carmens Einverständniserklärung, mich für sie schuften zu lassen und das für zwei Monate! Natürlich am hintersten Ende der Welt und auch noch bei einer mir völlig unbekannten Frau und ihrer molligen, sicher ultrabelesenen und langweiligen Auszubildenden. Nein, Mum konnte sich das abschminken. Ich würde nicht zwei Monate lang Bücher abstauben und dabei letzten Endes doch noch meine Liebe zur Kultur entdecken. Das Schlimmste daran war: Diese Schwachsinnsidee bewies nur, dass sie, mein Vater und vermutlich auch der Rest meiner Familie immer noch nicht über meinen Wunsch hinweggekommen waren, vollends aus der Art zu schlagen. Wer garantierte mir, dass wenn ich aus dem Exil zurückkam, Mum nicht mit der nächsten winzigen Bedingung aufwartete? Eine Lehre bei einem Malermeister vielleicht? Ein soziales Projekt namens Operetten für die Welt? Oder vielleicht doch wieder die Arbeit im Kunstmuseum …?
   Nein, ich ließ mich nicht von ihr herumschieben wie eine meiner Schachfiguren. Rauchend vor Zorn klappte ich den Laptop zu, warf ihn auf mein Bett und stürmte aus dem Zimmer. »Mum?«, rief ich in Richtung Küche. »Deine Freundin hat geschrieben!«
   »Was?«
   Natürlich, sie steckte mitten in der Arbeit, und ich riss sie gerade aus einer sicher sehr romantischen Szene zwischen »Emilia!« und »James!« (*kreisch*) heraus.
   »Ich habe über die Sache nachgedacht …«, sagte ich, kaum, dass ich die Küche betreten hatte. Mit verschränkten Armen baute ich mich vor der Theke auf. »Ich mach’s nicht. No way. Dass du ein großer Fan davon bist, arme, unschuldige Protagonisten ins Niemandsland zu schicken, weiß ich ja, aber mich kriegen keine zehn Pferde dort hin.«
   »Wusstest du, dass mein nächstes Projekt in New York spielen wird?«
   »Jetzt bleib mal ernst«, fauchte ich. »Ich kann wirklich nicht verstehen, wie du auf so eine dämliche Idee kommen konntest.«
   »Bitte, Lila.« Nun blickte Mum doch vom Bildschirm auf und warf mir ebenfalls einen genervten Blick zu. »Nicht noch einmal. Die Sache ist bereits geklärt.«
   »Du kannst mich doch nicht zu einer wildfremden Frau an die Nordsee schicken! Ich habe keine Ahnung, wer diese – ich kramte kurz in meinem Gedächtnis – Carmen ist«, erwiderte ich und meine Entrüstung war definitiv nicht gespielt. Ich hasste außerdem diese Art von Erwachsenen, die sofort beim Vornamen genannt werden wollten, als ob sie das irgendwie jünger machen würde.
   »Keine Sorge«, sagte meine mütterliche Chefin und tippte erneut auf ihrem Laptop. »Sie ist keine Wildfremde. Ich stehe mit Carmen schon seit einiger Zeit in E-Mail-Kontakt.«
   »Kennst du diese Sendungen, in der Zwölfjährige genau das Gleiche über ihren neuen besten Freund behaupten, den sie in einem Chatroom kennengelernt haben?«, sagte ich giftig. »Er klang doch so nett …«
   »Das ist eine völlig andere Sache«, unterbrach mich meine Mutter und rollte mit den Augen. »Sie ist eine meiner treuesten Leserinnen. Meine Romane laufen anscheinend sehr gut in ihrer Buchhandlung, so haben wir uns auch kennengelernt. Sie hat mir damals geschrieben, wie sehr meine Geschichten sie bewegen …« Mum legte eine kurze Pause ein, um träumerisch in Richtung Kühlschrank zu starren. Lob fremder Personen ging bei ihr hinunter wie Honig. Ich konnte ihr Ego beinah bis hierher schnurren hören. Natürlich kannte ich diese Carmen nicht. Mums Fans (zu meinem Entsetzen waren sogar männliche dabei) hatten mich schon immer herzlich wenig interessiert.
   »Wir haben schon einmal darüber geredet, vielleicht eine Lesung bei ihr zu veranstalten«, riss sich meine Mutter von ihren Tagträumen los. »Aber es ist nun einmal sehr weit weg.«
   »Ja«, stimmte ich zu. »Genau das ist es.«
   »Es war wirklich großzügig von ihr, diese Vereinbarung ohne jede Gegenleistung einzugehen«, antwortete Mum streng und ignorierte meinen Kommentar. »Du solltest das mehr zu schätzen wissen. Jedenfalls bleibt es dabei, Lilja – ‚No way‘, um es in deinen Worten zu sagen.«
   »Aber, Mum …«
   »Lila«, fuhr meine Mutter dazwischen, der allmählich der Geduldsfaden riss. Sie schob den Laptop beiseite und sah mir geradeheraus in die Augen. »Ich habe gestern deine ehemalige Chefin gerade so noch überreden können, die Sache mit der unerlaubten Trinkgeldkasse nicht weiterzuverfolgen. Du hast es wirklich verbockt, Schatz.«
   Meine Kündigung – natürlich wusste sie Bescheid und natürlich hatte sie mich schlussendlich wieder in der Hand. So war Mum eben. Ihre Vorliebe, nicht nur sämtliche Geschicke ihrer Protagonisten, sondern auch die meinen fest in ihren Händen zu halten, hatte mich mal wieder schachmatt gesetzt. Dad hatte es Kontrollwahn genannt – und ich glaubte, es war auch einer der Gründe, warum wir schon seit Ewigkeiten nicht mehr unter einem Dach lebten.
   »Dann …«, sagte ich langsam, um ein wenig Zeit zu gewinnen und mir ein möglichst würdiges Ende für mein persönliches Waterloo einfallen zu lassen. »Dann gehe ich eben auf diese verdammte Insel. Aber eines solltest du nicht vergessen, Mum: Das war ganz sicher noch nicht der Epilog dieser bescheuerten Angelegenheit.« Ich hoffte, mich damit einer Wortwahl bedient zu haben, die meine Mutter auch verstand.
   »Danke, und um es in deiner Sprache auszudrücken, Schatz«, erwiderte sie freundlich, aber bestimmt. »Du hast eine Strecke von achthundert Kilometern zurückzulegen, noch hundertachtundsechzig Stunden, um deine Koffer zu packen und exakt hundertfünfzig Euro, um deine Reise zu buchen. Also mach dich besser an die Arbeit.«
   Touché.

Jenen Morgen, als beim Aufwachen mein Blick auf den vollgestopften neongelben Rollkoffer neben der Tür fiel, konnte man mit Fug und Recht als den schlimmsten bezeichnen, seit ich die Schule beendet hatte. Schlecht gelaunt tastete ich halb wach nach meinem Handy, das auf meinem Nachttisch lag und sah auf das Display. 4:30 Uhr. Wieso hatte ich mir diese unchristliche Reisezeit ausgesucht, nur weil das Flugticket günstiger zu haben gewesen war? Es dauerte noch bis 4:44 Uhr, bis ich mich dazu aufraffen konnte, die Beine aus dem Bett zu schwingen. Schon verrückt, vor etwa acht Tagen hatte ich noch in einem Kunstmuseum gearbeitet und nun zog ich los, um auf einer abgeschiedenen Nordseeinsel Bücher zu verkaufen.
   Seufzend stand ich auf und schob die Spiegeltür meines Kleiderschranks beiseite. Solch ein Anblick reichte schon, um diesen Tag vollends zu ruinieren. Mit kritischem Blick betrachtete ich die fast leer geräumten Fächer. Ich hatte gestern und vorgestern so gut wie jeden halbwegs warmen Pullover, den ich besaß, in meinen Koffer gestopft. Mutter, die es sich nicht nehmen ließ, mir beim Packen zu helfen, hatte vorgeschlagen, ich sollte einen Badeanzug mitnehmen. Für wen hielt sie mich? Einen finnischen Eistaucher? Ungeduldig schob ich einen Stapel Tops weg und tastete mit der Hand nach einem langärmeligen Oberteil. Schließlich wurde ich in einem grauen unförmigen Sweatshirt fündig. Ich hatte es anno dazumal im Internet bestellt. Hatte ich die Aufschrift damals wirklich lustig gefunden? Und war mir damals wirklich nicht aufgefallen, dass das Ding wie ein Sack um die Schultern schlotterte? Egal, es sollte doch nur für eine Reise sein. Ich zog eine enge Jeans dazu an, die sich tapfer der Aufgabe stellte, den Schlabberlook ein wenig auszugleichen.
   Im Bad wurde mir schmerzhaft bewusst, dass dies für die nächsten zwei Monate das letzte Mal sein würde, dass ich ungefragt Mums alten Eyeliner benutzte, ihre sündteure Feuchtigkeitscreme auf Gesicht und Hals verteilte und die Delfin-Sanduhr beim Zähneputzen umdrehte – wenn dir als einmal Kind eingeredet wurde, dass das arme Tier sonst weinen muss, wird das eine verdammt gut antrainierte Gewohnheit.
   Im Flur schaltete ich das Licht an und griff gewohnheitsmäßig nach dem rosafarbenen Daunenmantel, bis mir einfiel, dass die Zeiten von nur kurz ausgeborgt fürs Erste vorbei waren. Warum ich zum großen Teil, die Kleidung und Kosmetik meiner Mutter mitbenutzte? Weil ich chronisch pleite war.
   Gerade als ich überlegte, wo ich den Wohnungsschlüssel verstauen sollte, hörte ich ein deutlich vernehmbares Räuspern hinter mir. Ach, stimmt, da war ja noch was.
   »Tja, Mum …« Ich drehte mich mit einem schiefen Lächeln um. »Ich bin reif für die Insel.«
   Mutter gähnte vernehmlich und wickelte ihren Morgenmantel fester um sich.
   »Gute Reise, Lila-Schatz.«
   »Mach’s gut.«
   »Ruf an, wenn du da bist.«
   »Ja.«
   »Ich hab dir gestern noch eine Reiseapotheke eingepackt.«
   »Danke.«
   »Vergiss nicht …«
   »Ich mache nicht die Tür auf, wenn Fremde klingeln, kaufe nichts, ohne vorher meine Kontoauszüge gecheckt zu haben, und steige auf keine Fähre bei akuter Eisberg-Warnung«, antwortete ich mit gebotenem Ernst. »Bis in zwei Monaten.«
   Sie machte einen Schritt auf mich zu, als wollte sie mich umarmen. Ich hingegen packte energisch den Griff meines Rollkoffers, sodass er als hässlicher gelber Koloss zwischen uns stand.
   »Tschüss, Mum«, sagte ich und ließ mich immerhin zu einem halben Lächeln hinreißen, das sie meiner Meinung nach nicht verdient hatte. Mum schickte mir über den Koffer hinweg einen Luftkuss, den ich pantomimisch auffing und in der Brusttasche meiner Jacke verstaute.
   »Pass auf dich auf, Lila.« Mit diesen Abschiedsworten in den Ohren öffnete ich die Wohnungstür und begann meine Reise an den Ort, der mich vermutlich wirklich reif für die Insel machen würde: Greeglund.

Hatte ich eigentlich schon einmal erwähnt, dass ich nicht gern flog? Vermutlich stand ich mit dieser Abneigung ziemlich allein da. Fakt war allerdings, dass ich mich in Flughäfen verloren fühlte. Große Menschenmassen wälzten sich dort von einem Punkt des Gebäudes zum anderen, und ich schien ihnen dabei prinzipiell im Weg zu stehen. Vor lauter Nervosität suchte ich fünf Minuten lang meinen Ausweis, während die Leute am Schalter immer ungeduldiger wurden. Selbst den dummen Anfängerfehler, heute einen Gürtel anzuziehen, hatte ich gemacht und auch nicht auf meinen Nasenring verzichtet. Man konnte sich ausrechnen, wie erleichtert ich war, als ich endlich unbeschadet im Flugzeug saß. Sogar einen Fensterplatz hatte ich ergattert. Ich nestelte ein wenig am Sicherheitsgurt herum, dann holte ich ein letztes Mal mein Handy heraus, bevor ich es für den Start ausschalten musste.
   Natürlich nichts Neues. Die meisten meiner Freunde hatten sich nach dem Abschluss einen Selbstfindungstrip rund um die Welt gegönnt. Daher war alles, was ich von ihnen mitbekam, gelegentliche Nachrichten aus exotisch klingenden Städten wie Antananarivo oder Kuala Lumpur. Den Großteil der Zeit hatten sie keinen Empfang, da sie abwechselnd mit fremdländischen Steckern und abgelaufenen Flatrates kämpften. So gut wie alle meine Bekannten verbrachten gerade die Zeit ihres Lebens an einem sonnigen Ort oder studierten schon fleißig. Sie starteten durch, während ich mir einen zermürbenden Kleinkrieg mit Mum lieferte –, aber auch das würde bald vorbei sein. Falls sie Wort hielt, stand nur noch Greeglund zwischen mir und meiner Zukunft. Ich hoffte es zumindest.
   »Wenn Sie Ihr Handy nun bitte ausschalten würden …?« Die Stewardess sah mich erwartungsvoll an.

Während des Starts kaute ich Kaugummi und während des Fluges sah ich müde aus dem Fenster, war aber nur mit halbem Herzen dabei. Fliegen … fliegen, das klang normalerweise nach Abenteuer und exotischen Orten. Auf alle Fälle haftete dem »Fliegen«-Image in meinem Kopf etwas Spektakuläreres an als Köln/Bonn – Hamburg. Die Anspannung des Morgens fiel allmählich von mir ab, und ich versank langsam, aber sicher in wohltuenden Schlaf.
   Ich wachte erst auf, als der Kapitän verkündete, dass wir in wenigen Minuten landen würden. Er teilte sogar die Temperatur in Hamburg mit: neun Grad, der Sommerurlaub konnte beginnen.
   Mein Koffer wirkte wie ein exotischer Alien zwischen den anderen schwarzen oder bestenfalls neutralbraunen Reisetaschen, die auf dem Fließband gemächlich an uns vorbeifuhren. Ich sah unterdessen wieder einmal hektisch auf mein Handy, denn mir dämmerte die Tatsache, dass ich den Anschlusszug vielleicht etwas zu eng getaktet hatte. Gerade noch rechtzeitig wuchtete ich meinen Koffer vom Fließband und machte mich auf in das Gewimmel der U-Bahn. Mum war online – vermutlich wartete sie schon ungeduldig auf eine Nachricht – und vermutlich hatte sie den ganzen Morgen Radio gehört, in der Befürchtung, mein Flugzeug könnte auf mysteriöse Weise verschwunden sein. Sie hätte diese sechs Staffeln Lost nicht mit mir zusammen durchsuchten sollen. Ich schaltete das Handy trotzdem auf Stand-by. Mum durfte ruhig noch ein wenig zappeln.
   Das Flugzeug war kaum besetzt gewesen, der Zug hingegen war schlicht und einfach leer. Während der ersten halben Stunde Fahrt begegnete mir niemand bis auf einen älteren Zugbegleiter, der mich stilecht mit »Moin, Moin« begrüßte. Mir war tatsächlich so langweilig, dass ich mich dazu durchrang, meiner Mutter eine Nachricht zu schreiben, in der ich ihr versicherte, dass ich noch lebte und sich daran in nächster Zeit hoffentlich nichts ändern würde. Sie schrieb innerhalb von Millisekunden zurück, dass sie den ganzen Vormittag an Thounton Castle geschrieben und gerade eben zufällig meine Nachricht auf ihrem Handy entdeckt hatte. Als ich sah, dass sie eine Sprachnachricht für mich aufnahm, legte ich mein Smartphone rasch weg. Sprachnachrichten bedeuteten, dass sie mir einen verwickelten Handlungsstrang näherbringen wollte, der so kompliziert war, dass er sämtliche nonverbalen Grenzen sprengte. Nein, danke.
   Die Landschaft draußen zeigte sich nicht von ihrer vorteilhaftesten Seite. Es hatte angefangen zu regnen, und das norddeutsche Flachland bestand bisher hauptsächlich aus grünen Wiesen, Windrädern und Lärmschutzwänden. So viele Déjà-vus wie in den letzten zwei Stunden hatte ich in diesem Monat kaum zu Gesicht bekommen, und selbst die Musik in meinen Ohren schien sich irgendwann in einer furchtbaren Endlosschleife zu wiederholen.
   Als wir den letzten Bahnhof erreichten, zog ich mir die Kapuze meines Sweatshirts über den Kopf und rannte mit schlingerndem Koffer zum Busbahnhof. Mein Haar klebte trotzdem nass am Kopf, als ich beim Fahrer mein Ticket löste.
   »Wann fährt der Bus ab?«, hakte ich sicherheitshalber noch einmal nach. Ich hatte Carmen bereits meine ungefähre Ankunftszeit gemailt und wollte an meinem ersten Tag nicht zu spät zum Abendessen kommen.
   »Wenn alle da sind«, antwortete der Fahrer mit einem breiten Lächeln. Ich starrte ihn ein wenig verdutzt an und verzog mich mit meinem Koffer an einen Fensterplatz.
   Wir starteten mit etwa zehnminütiger Verspätung, da der Busführer tatsächlich gewartet hatte, bis jeder seiner Schützlinge eingestiegen war. Guter Kleinkaff-Service – eher schlecht für mich. Draußen regnete es weiter in Strömen. Trübselig starrte ich aus dem Fenster und wickelte meine Jacke noch einmal enger um mich. Nach einer langen Fahrt über eine schnurgerade Landstraße erreichten wir schließlich eine kleine Ortschaft. Hinter einigen Häusern hatte ich bereits den ersten Blick auf das Meer erhascht. Wann war ich zuletzt am Meer gewesen? Es musste während der Abifahrt nach Kroatien gewesen sein. Mit dem kleinen Unterschied, dass es in Kroatien heiß und im Bus alle betrunken gewesen waren. Wir bogen nun in die Kleinstadt ein.
   Die meisten Fahrgäste stiegen in der Ortsmitte aus und ich blieb allein im Bus zurück, was dem Fahrer natürlich nicht entging.
   »Wir sind gleich an der Endstation, Fräulein«, rief er durch den ganzen Bus, als der Hafen in Sicht kam. Der Regen hatte sich mittlerweile gelegt, und ich sah durch einen dicken Dunstschleier die Rümpfe der Boote, die im Hafenbecken lagen. »Sieh mal an, die Fähre ist schon da.« Natürlich war sie schon da, sie fuhr schließlich auch in drei Minuten ab.
   »Jepp«, antwortete ich daher knapp, stellte mich mit meinem Koffer direkt vor die Tür und sprang mit einem Satz hinaus, als der Bus endlich hielt. Keuchend stürmte ich den Hafen hinunter, die Metallplanke, die das Schiff mit dem Festland verband, dabei sorgenvoll im Blick. Ich kam genau in dem Moment schnaufend an, als ein Matrose (mir fiel kein besseres Wort ein) erschien, um das Schiff für das Ablegen vorzubereiten.
   »Halt«, rief ich außer Atem und hielt mir die Seite. Kopetzki hätte mit missbilligendem Blick den Ärmel ihres Blazers zurückgeschoben und dezidiert auf ihre rosé vergoldete Armbanduhr getippt. Der junge Mann allerdings lachte nur auf.
   »Keine Sorge, du musst schon nicht rüberrudern«, erwiderte er gut gelaunt mit einem Dialekt, der das R rollen ließ. Er hatte halblanges, blondes Haar und dichte Augenbrauen. Sein Gesichtsausdruck war freundlich und auch sein Lächeln hatte etwas Einnehmendes an sich. Er wirkte wie ein zahmer Wikinger. Dankbar nickte ich ihm zu und rollerte mit meinem Koffer auf die Fähre.
   »Wo soll’s denn hingehen?«, fragte der junge Seemann beiläufig, während er auf einem elektronischen Bedienfeld tippte. Die Planke wurde mit einem gleichmäßigen Piepen eingefahren.
   »Nach Greeglund«, antwortete ich mit einem schiefen Lächeln.
   »Greeglund?« Interessiert sah er auf, dann musterte er meinen Koffer. »Touristin?«
   »Nein, also, ja, also … Ich arbeite dort die nächsten zwei Monate«, erklärte ich überaus eloquent.
   »Ach ja?« Amüsiert zwinkerte er mir zu. »Wie bist du denn auf die Idee gekommen?«
   »Ähm«, antwortete ich verlegen. »Ich wurde eher auf diese Idee gekommen – quasi.« Meine Worte ergaben mal wieder wenig Sinn.
   »Tja, nimm’s mir nicht übel, aber so siehst du auch aus«, meinte mein Gesprächspartner grinsend. »Ich wünsch dir noch eine gute Überfahrt. Vielleicht sehen wir uns die nächsten paar Monate noch öfter.« Auf diesen Inseln ließ sich das wahrscheinlich kaum vermeiden.

Meine kürzlich geschlossene Bekanntschaft salutierte flott, als ich nach einer halben Stunde zufrieden, aber durchgefroren und mit zerzauster Frisur die Fähre verließ. Mittlerweile war es später Nachmittag geworden, und wie es an Herbsttagen üblich war, verabschiedete sich das Tageslicht bereits zeitig von seiner Pflicht. Ich fühlte mich müde und erschöpft. Der Arm, mit dem ich schon den ganzen Tag meinen Koffer durch die Weltgeschichte bugsierte, schmerzte unangenehm. Das war also Brigmarn. Ehe ich ausgiebiger die Skyline bewundern konnte, musste ich beiseite springen, um einige Autos vorbeizulassen, die von der Fähre auf die Insel fuhren. Brigmarn auf Brigmarn war ein kleines verschlafenes Nest mit rot geziegelten Häusern und einer Menge Hinweisschildern zu Hotels, Eisdielen, Touristikinformationen und Wanderwegen. Vom Hafen aus konnte man den Weg direkt in Richtung der angrenzenden Altstadt einschlagen. Ich beugte mich näher an die auf Holzpflöcken genagelte Inselkarte, deren Plastik noch feucht vom Regenguss glänzte. Im Stadtkern befanden sich die historische Kirche, das historische Rathaus und das historische Museum, direkt im Anschluss ein kleines Wohngebiet. Die Hotels lagen größtenteils am Strand, der vor allem den westlichen Teil der Insel ausmachte. Insgesamt sah die Insel aus wie ein dickes, zusammengestauchtes S. Ich befand mich gerade am unteren Ende des Buchstabens. Doch ich war weder auf der Suche nach einer Strandbar noch nach einer Eisdiele. Ich wollte einfach nur auf die nächste Fähre nach Greeglund.
   »Alles in Ordnung?« Neben mir war überraschend der Schiffsmatrose aufgetaucht.
   »Nein. Wo muss ich jetzt hin?«, fragte ich und zeigte mit dem Finger auf die Karte. »Oder fährt hier das nächste Boot nach Greeglund ab?«
   Er schmunzelte kurz, dann tippte er auf den Fahrplan, der direkt darunterklebte. Die nächste Fähre nach Greeglund kam in eineinhalb Stunden.
   »Das soll wohl ein Scherz sein«, stöhnte ich auf. Sollte ich die ganze Zeit hier herumstehen?
   »Keineswegs«, antwortete mein Freund und Helfer in der Not.
   Ich sah ihn von der Seite an. Er strich sich eine Strähne blondes Haar aus dem Gesicht und lächelte entwaffnend. Mum hätte ihn sofort als Romanfigur verwurstet, schoss es mir durch den Kopf.
   »Gut, dann suche ich mir wohl eine Bank«, seufzte ich missmutig. »Danke für die Hilfe.«
   »Nichts zu danken.« Mein neuer Bekannter tippte sich an die Schläfe. »Ein guter Matrose rettet schließlich nicht nur Schiffbrüchige.«
   »Ähm … ja«, erwiderte ich leicht perplex und langte nach dem Griff meines Koffers.
   »Schau doch mal vorbei, wenn dir der Sinn nach ein wenig Abwechslung steht«, verabschiedete sich der junge Mann gut gelaunt. »Frag einfach nach Aike.«
   Ein norddeutscher Name, der ungefähr so prägnant war wie »Frag einfach nach Herrn Müller.« Ich machte mich auf den Weg in Richtung Altstadt, während Aike auf die weißblaue Fähre zurückkehrte.
   »Such dir besser einen Unterstand«, rief er mir hinterher. »Es sieht wieder nach Regen aus …«

Ich war heilfroh, als endlich die letzte Etappe meiner Reise anbrach. Das Schiff nach Greeglund schien derselben Reederei anzugehören wie die Brigmarn-Fähre. Der Rumpf glänzte in einem braven Weiß und ich erkannte ein blaues Wellenlogo am Bug wieder. Zusammen mit zehn anderen Reisenden nahm ich auf einer abgenutzten Holzbank im Innenraum Platz. Die Fenster standen offen, weshalb mir der Wind ordentlich unter die Jacke fuhr. Neugierig blickte ich in die Gesichter der Greeglunder, die sich gerade auf dem Heimweg befanden. Zwei Teenager, vermutlich beste Freundinnen, mit azurblauen Gummistiefeln saßen mir gegenüber und unterhielten sich lebhaft. Zu meiner Rechten und Linken saßen Frauen und Männer etwa mittleren Alters. Nur ich zuckte zusammen, als die Schiffssirene heulte und sich die Fähre schwerfällig in Bewegung setzte. Während der Fahrt schluckte ich gegen meine Aufregung an. Der Ausblick auf das von der Dämmerung in tiefgoldenes Licht getauchte Meer war zwar atemberaubend, doch viel mehr beanspruchte mich die Tatsache, dass ich gleich meine zukünftige Heimat auf Zeit betreten würde. Nervös knetete ich immer wieder den Saum meiner Jacke und erwachte erst aus meiner Trance, als nach knapp dreißig Minuten der Kapitän durch den Lautsprecher blechern verkündete, Greeglund würde gleich in Sichtweite kommen. Durch die offenen Fenster konnte ich einen ungetrübten Blick auf den Küstenstreifen werfen, der am Horizont immer größer wurde.
   Greeglund nahm allmählich schärfere Konturen an, während die Fähre gemütlich weiter in Richtung Küste schipperte. Ich packte also meinen Koffer und stellte mich damit an die Reling, um einen ersten Eindruck zu gewinnen.
   Der Hafen der Insel war an sich kaum der Rede wert. Ein wenig Beton, ein paar Signallichter und einige gemütlich vor sich hindümpelnde Boote ergaben ein leicht trostloses Bild.
   Inzwischen konnte ich die Personen erkennen, die am Hafen standen und in dunkler Regenkleidung verpackt auf Ankömmlinge warteten. Ich hielt mit einem flauen Gefühl im Magen nach der angekündigten »Azubine« Ausschau, die mich abholen sollte. Bisher konnte ich in der kleinen Menschenmenge niemanden ausmachen, der meiner Meinung nach infrage kam.
   Mittlerweile hatten sich auch andere Greeglunder mit nach vorn an den Bug gesellt und winkten ihren Müttern, Freunden, Ehepartnern und sonstigen Bekannten an Land zu. Ich machte spaßeshalber einfach mal mit.
   Als die Fähre endlich anlegte, drängelten sich die Passagiere an mir vorbei, während ich den Griff meines Koffers umklammert hielt, damit er nicht davonrollte. Vom langen Sitzen, langen Laufen und langen nass geregnet werden, taten mir inzwischen sämtliche Knochen weh. Meine Finger, die den dunkelgrünen Schal ein wenig enger um meinen Hals zurrten, fühlten sich unheimlich klamm an. Ich verließ als Letzte das Schiff und betrat wenig feierlich die Insel Greeglund.
   Ich blickte mich um. Hatte Carmen meine Ankunft etwa vergessen? Der Großteil der Passagiere hatte sich entweder bereits aus dem Staub gemacht oder hakte sich gerade bei Freunden unter. Die Abendsonne wurde unterdessen langsam vom Meer verschluckt. Ihre letzten Strahlen tauchten das Geschehen in ein mattgraues Licht. Ich stiefelte durch eine Pfütze und blickte mich verwirrt um. Am Hafen war niemand mehr, bis auf einen hochgewachsenen jungen Mann, der mich quer über den Platz hinweg interessiert musterte.
   Er sah aus – man verzeihe mir den Ausdruck –, er sah aus wie ein verdammter Zeitreisender. Kein Scherz. Er trug einen beigefarbenen, leicht zerknautschten Trenchcoat mit dicken braunen Knöpfen, dazu Lederschuhe und einen dunklen Filzhut. Einzig die ausgeblichenen Jeans störten die perfekte Illusion des Gentlemans vergangener Zeiten. Ich blinzelte heftig, als mir dieser Mensch aus dem vorletzten Jahrhundert ein gut gelauntes Lächeln schenkte. In der einen Hand trug er einen marineblauen Regenschirm – erst jetzt erblickte ich das ordentlich ausgeschnittene Pappschild in seiner anderen Hand. Erwartungsvoll hielt er es in meine Richtung. Ich brauchte eine Weile, um die eng zusammenstehenden Druckbuchstaben zu entziffern.
   Lilja Juline Maria Sigurne Sedewick.

Kapitel 3

Ich blickte immer noch in einer Mischung aus Erstaunen und Entsetzen zu jener Person hinüber, die es tatsächlich fertiggebracht hatte, meinen vollen Namen auf ein welliges Stück Pappe zu quetschen. Allmählich sickerte die Erkenntnis in mir durch, dass ich nicht den ganzen restlichen Abend lang vier Meter von ihm entfernt stehend Maulaffen feilhalten konnte. Ich gab mir einen Ruck und rollerte mit meinem Koffer auf ihn zu, während meine Fantasie mit dem Gedanken spielte, dass er trotz des nasskalten Wetters vielleicht doch nur eine Fata Morgana sein könnte.
   »Hallo.« Das war das Originellste, das mein Wortschatz gerade hervorbrachte. »Ähm«, sagte ich und versuchte, meine sieben Sinne zu sammeln. »Bist du die Azubine?«
   Der vermeintlich weibliche Auszubildende zog amüsiert eine Augenbraue hoch. Er hatte braune Augen, die mich durch die Gläser einer Hornbrille interessiert musterten. Ich schätzte ihn vielleicht ein, zwei Jahre älter als mich. Sein schmales Gesicht wurde von einem gepflegten Dreitagebart eingerahmt. Zugegeben, er sah gut aus, unter dem Trenchcoat zeichnete sich eine kräftige Statur ab, aber eben auch aus der Zeit gefallen.
   »Richtig, ich bin Frau Langs Assistent, und ich freue mich sehr, Sie endlich kennenzulernen. Mein Name ist übrigens Eduard.« Er nahm den Hut ab und nickte mir galant zu.
   Wie ich nun feststellen durfte, hatte mein Gesprächspartner blondbraunes Haar, das wohl einmal ordentlich zurückgebürstet gewesen war. Von der Kopfbedeckung befreit, stand es nun allerdings abenteuerlich nach allen Seiten ab. Eduard, der sogleich meinen Blick bemerkt hatte, hob die Hand und strich verlegen über die vorwitzigen Strähnen.
   »Aber … hä?« Ich hatte eine junge Frau mit rot geschminktem Mund, plumper Figur und jedem anderen Klischee erwartet, das ich gegenüber Buchhändlerinnen besaß.
   »Ich bin sozusagen die Azudrohne der Buchhandlung. Ein kleiner Spaß, den Carmen sich gern erlaubt«, sagte Eduard und zwinkerte mir zu. »Darf ich?« Er fasste nach dem Griff meines neongelben Rollkoffers.
   »N…atürlich darfst du«, erwiderte ich leicht verdutzt, während mein Unterbewusstsein mich anschnauzte, dass ich Eduard gefälligst zu siezen hatte.
   »Es ist sehr spät geworden«, sagte er und zupfte ein wenig am Ärmel seiner Jacke, um auf seine Armbanduhr zu blicken. Ich registrierte, dass er immerhin keine Taschenuhr benutzte. »Wir haben mit dem Abendessen auf Sie gewartet. Keine Sorge, es ist nicht weit von hier. Auf Greeglund ist eigentlich nichts weit von hier«, fügte er scharfsinnig hinzu, klemmte seinen Regenschirm unter den Arm und setzte sich mit meinem Koffer in Bewegung.
   Zu meiner Überraschung liefen wir einfach mitten auf der geteerten Straße, die einige Schlaglöcher aufwies. Zu beiden Seiten erhoben sich weiß getünchte Häuser mit braunen Reetdächern und ordentlich eingezäunten Vorgärten. Die hell erleuchteten Fenster spendeten uns ein wenig Licht. Ich blickte mich um und warf einen letzten Blick auf den Hafen und die Fähre, dann bogen wir nach rechts ab.
   »Wie war Ihre Reise?«, erkundigte sich der zügig voranschreitende Eduard.
   »Sehr angenehm«, antwortete ich und verkniff mir ein »Sir«. »Trotzdem freue ich mich schon auf ein Bett und eine heiße Dusche.«
   »Keine Sorge, es ist alles vorbereitet.« Das klang, als hätte man sich auf geradezu royalen Besuch eingestellt.
   Nach weiteren fünf Minuten Fußmarsch bogen wir in eine kleine kopfsteingepflasterte Seitengasse ein. Eine schmale Laterne, die an einer weißen Hauswand angebracht war, verbreitete etwas Licht. Eduard hatte meinen Koffer angehoben, um möglichst wenig Lärm zu verursachen, und trug ihn nun zu dem Haus, das ganz am Ende der Gasse lag.
   »Wir nehmen den Seiteneingang«, erklärte er, als er aus der Tasche seines Trenchcoats einen Schlüssel hervorkramte. Kurze Zeit später standen wir in einem kleinen beigefarben gestrichenen Vorraum. An einer Reihe Garderobenhaken hingen zwei dicke Mäntel. Ich wollte schon den Reißverschluss meiner Jacke aufziehen, doch Eduard trug meinen Koffer unbeirrt weiter durch die Tür. Ich folgte ihm, während er das Licht einschaltete. Die Lampe flackerte kurz und gab dann den Blick auf einen engen Lagerraum frei, vollgestopft mit Kisten, Bücherregalen, fest verschnürten Postkartenstapeln, Plüschrobben und anderem Krimskrams. Es roch ein wenig nach Putzmittel und Tinte.
   »Ich denke, der Zweck des Lagerraums ist wohl selbsterklärend«, sagte Eduard über die Schulter. »Gehen wir gleich in den Laden.«
   Wir durchquerten also das Lager, wobei ich mir Mühe gab, nirgends anzustoßen. Mein persönlicher Fremdenführer zog einen dicken roten Vorhang schwungvoll beiseite.
   »Willkommen in der wunderbaren Buchhandlung Lang«, sagte er stolz und wies mich mit einer Handbewegung an, ihm zu folgen.
   Etwas unsicher betrat ich Eduards Heiligtum.
   Die Buchhandlung war ein geräumiger Laden mit dunklem Parkettboden und weiß gestrichenen Wänden, der durchaus Charme besaß. Es gab zwei lang gezogene Regalreihen, die quer durch den Raum verliefen. Sie standen Rücken an Rücken zueinander und wurden immer kleiner wie eine Art Treppe. An jedem hing ein handbeschriftetes Schild von »Krimi« über »Romantik« über »Jugendliche« bis zum kleinsten Regal: »Erstleser.« Ich passierte die Bücherreihen, bis ich am anderen Ende des Ladens angekommen war. In der rechten Ecke thronte eine Kasse auf einer geschwungenen Holztheke. Den Bereich dahinter betrat man durch ein niedriges Flügeltürchen wie einen Saloon im Western. An der Wand daneben befanden sich festgeschraubte Regalbretter, darauf Bücher zu Themen wie Kochen, Stricken, Töpfern und Malen. Darunter standen niedrige Tische, übersät mit allerlei Krimskrams, den man zur Ausübung seines Hobbys brauchte. Die wenigen Stücke Wand, die noch frei blieben, waren mit Bildern aus der Gegend verziert. Ich ging ein Stückchen nach rechts und blickte nun aus dem Schaufenster. Neugierig trat ich näher, beugte mich ein wenig nach vorn und schob die Plakate beiseite, die mir die Sicht versperrten, sah aber kaum etwas anderes als mein eigenes Spiegelbild.
   »Gefällt’s Ihnen?« Eduard hatte sich mit meinem Koffer still neben mich gestellt.
   Ich zuckte mit den Achseln und zog meinen Kopf zurück.
   Eduard deutete mit dem Kinn nach rechts. »Wir sollten hochgehen«, sagte er.
   Zu unserer Rechten führten weiße Treppenstufen aus Holz nach oben ins zweite Stockwerk. Ein rotes Band mit einem »Privat«-Schild markierte den Aufgang. »Ich zeige Ihnen noch Ihr Zimmer, das Bad, die Küche und das Wohnzimmer. Ich würde vorschlagen, Sie packen kurz aus, dann können wir gemeinsam essen«, erklärte er.
   Erneut hob er den Koffer an, hakte die »Privat«-Absperrung aus, und stieg die Treppen hoch. Eduard öffnete die Tür, und wir standen in einem schmalen Gang. Drei Türen lagen auf der rechten Seite. Am Ende befand sich eine weitere und zur Linken zweigte ein offener Torbogen ab.
   »Direkt Ihnen gegenüber ist das Bad«, erläuterte Eduard. »Durch den offenen Bogen geht es zu Wohnzimmer und Küche. Die erste Tür rechts führt zu Ihrem Zimmer, daneben wohne ich und Carmen im letzten.«
   In diesem Moment hörte ich es aus dem Bereich, wo sich Küche und Wohnzimmer befinden sollten, geräuschvoll klirren.
   »Sie kocht vermutlich noch das Abendessen«, sagte Eduard und grinste. Etwas, das seiner aristokratischen Erscheinung ein wenig den Schrecken nahm. »Ich gebe Bescheid, dass Sie da sind. Wenn Sie wollen, können Sie schon einmal in Ihr Zimmer und sich umziehen.« Er blickte fragend zu mir herunter und schob seine Brille den Nasenrücken hoch.
   Ich sah ihn ein wenig perplex an. Mir wurde bewusst, dass er eventuell recht hatte. Vor dem Kapitänsdinner sollte ich besser mein Sweatshirt loswerden, auf dem in dicken Buchstaben »Lächeln und Winken« gedruckt war.
   »Äh«, sagte ich. »Okay, gute Idee.«
   Eduard wandte sich ab und machte Anstalten, seinen Trenchcoat aufzuknöpfen, um ihn an die winzige Garderobe neben der Eingangstür zu hängen. Ich zupfte ihn am Ärmel. Es funktionierte. Also war er sicher auch kein Geist.
   »Ja?« Fragend drehte er sich um.
   »Wäre es schlimm, zum Du zu wechseln«, schlug ich vor. »Oder besser: Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Ich sieze Sie und du duzt mich. Oder kann ich auch Sie duzen und Du siezt mich weiter? Ähm, macht das Sinn? Jedenfalls«, sagte ich, »reicht es mir völlig, Lilja genannt zu werden. Den ganzen Juline-Sigurne-Mist kannst du weglassen.« Hoffentlich hatte er das verstanden. Eduard sah mich kurz an, dann lächelte er und seine braunen Augen leuchteten auf.
   »In Ordnung, Lilja«, antwortete er sichtlich erfreut. »Übrigens – nichts kann Sinn machen. Der Sinn macht nicht, er ergibt Sinn.«
   Mir fiel mal wieder die Kinnlade herunter. »Ja, klar«, sagte ich verlegen. »Ich verzieh mich dann mal in mein Zimmer.« Energisch griff ich nach meinem Koffer, drehte mich um und flüchtete in mein neues Zuhause. Ich schaltete rasch das Licht an.
   Meine Bleibe war ein kleiner rechteckiger Raum mit pastellblauen Wänden und einem flauschigen Teppich. Auf der linken Seite stand ein weißes frischbezogenes Bett. Rechts gegenüber befand sich ein hellbrauner Frisiertisch mitsamt Hocker und rundem Spiegel, daneben eine hölzerne Kommode. Direkt vor dem Ende des Bettes stand noch ein winziger Sekretär. Mehr wäre in den Raum definitiv auch nicht hineingegangen. Ich ließ meinen Koffer an Ort und Stelle stehen, zog Schuhe und Jacke aus und ließ mich mit einem wohligen Aufseufzen in die noch steife Decke des Bettes fallen.
   Einen tiefen Atemzug nehmend, schloss ich die Augen und lauschte einige Minuten lang dem Geklapper aus der Küche, vermischt mit der Stimme Eduards und der meiner neuen Chefin. Ich wollte doch keinen schlechten ersten Eindruck bei ihr hinterlassen. Ich setzte mich daher auf, sprang aus meinem Bett und öffnete den Koffer.
   Das Sweatshirt zog ich rasch über den Kopf und ließ es achtlos auf den Sekretär fallen. Stattdessen zog ich einen meeresblauen Strickpullover über den Kopf, der meine Augenfarbe betonte, löste meinen Pferdeschwanz und kämmte mein feuchtes Haar, bis es mir glänzend um die Schultern fiel. Unwillkürlich wälzte ich den Gedanken, ob ich mich gerade schick machte, um mit Eduard mithalten zu können – oder wollte ich diese Reinkarnation des Grammatik-Dudens etwa beeindrucken? Egal. Mit der Bürste in der Hand ließ ich mich vorsichtig auf den Hocker vor dem Frisiertisch sinken. Ich fühlte mich wie die Lady eines Herrenhauses um das neunzehnte Jahrhundert, nur dass keine Zofe hereinkommen würde, um mir den Lidstrich nachzuziehen. Wobei in meiner Vorstellung Eduard einen exzellenten Butler abgab.
   Gerade als ich überprüfte, ob mein Nasenring auch richtig saß, klopfte es an der Tür.
   »Es gibt Essen«, hörte ich Eduards gedämpfte Stimme.
   »Ich komme«, rief ich zurück, wandte nur noch rasch den Kopf nach links und rechts, um mein Spiegelbild zu begutachten, dann sprang ich auf und öffnete die Tür. Ich lief über den Gang durch den Bogen und betrat den angrenzenden Raum. Küche, Ess- und Wohnbereich gingen nahtlos ineinander über. Auf der linken Seite des lang gezogenen Raumes befand sich die Kochecke, daneben der für drei Personen gedeckte Tisch (den sie wohl den weiten Weg vom nächsten Ikea bis hierher verschifft hatten) und gleich angrenzend wetteiferten die Sofaecke, Bücherregale, ein Fernseher und ein ramponiertes Klavier um den wenigen Platz.
   »Lilja, endlich bist du da!« Hinter der Theke war plötzlich eine Frau mit kinnlangem braunen Haar und energischem Gesicht aufgetaucht. Sie stellte die Schüssel ab und ging mit ausgestreckter Hand auf mich zu. »Ich bin Carmen, schön, dich kennenzulernen.«
   Carmen hatte einen energischen Händedruck. Sie war ungefähr genauso groß wie ich, kräftig gebaut, hervorstehendes Kinn und hagere Wangen. Ihre grauen Augen sahen mich aufmerksam, aber nicht unfreundlich an, als ich ihr Lächeln erwiderte.
   »Bitte, es ist alles fertig«, sagte sie gut gelaunt. »Setzen wir uns doch.«
   Eduard, der in der Zwischenzeit Platz genommen hatte, sprang auf, als Carmen und ich dazukamen.
   »Schon gut, Ned.« Carmen lachte und bedeutete mir, mich ihr gegenüber hinzusetzen. Ihr Auszubildender nahm augenblicklich Platz.
   Auf dem Tisch stand eine Platte mit Lachs, daneben zwei Schüsseln mit Reis und grünen Bohnen.
   »Bitte, bedien dich«, sagte Carmen, während ich mir höflich ein wenig Lachs und Reis auf den Teller häufte.
   Auch Ned (zum Glück war sein Spitzname weniger altmodisch) und Carmen taten sich auf. Ich schenkte mir ein Glas Wasser aus einer Karaffe ein.
   »Tja, Lilja, ich kann mir vorstellen, dass du eine Menge Fragen hast«, meinte meine Gastgeberin, als ich mir gerade eine Gabel Lachs in den Mund schob.
   »Jep«, antwortete ich und schluckte rasch hinunter. »Aber nicht jetzt, entschuldige, ich verhungere gleich.«
   Carmen lachte und nickte verständnisvoll. »Natürlich, iss erst mal auf.«
   Damit hatte ich glücklicherweise die nächste Viertelstunde meinen Frieden. Ned und Carmen sagten nicht viel, nur das Kratzen von Besteck auf Tellern unterbrach die Stille, während ich mir den Bauch vollschlug. Der Fisch schmeckte ganz vorzüglich. Als ich jedoch den letzten Rest Reis mit Weißweinsoße aufgegessen hatte, spürte ich, wie sich die Aufmerksamkeit der kleinen Runde auf mich richtete. Ich beschloss, zuerst das Wort zu ergreifen.
   »Wann geht es morgen los, und was genau muss ich tun?«, brachte ich alle meine Fragen auf den Punkt.
   Carmen nickte zufrieden. »Um neun öffnet der Laden. Ich würde also vorschlagen, du stehst um sieben Uhr auf, frühstückst mit uns und anschließend erklären Ned oder ich dir deine Aufgaben. Keine Sorge, für den Anfang werden wir dich sicher nicht überfordern und mach dir keine Gedanken wegen der Kunden. Wir Greeglunder sind ein ganz harmloses Völkchen.«
   »Dann bin ich ja beruhigt.« Erwachsenenhumor.
   »Sicher willst du ein wenig mehr über das alles hier wissen«, fuhr Carmen fort und lehnte sich entspannt auf ihrem Stuhl zurück. »Die Buchhandlung habe ich vor etwa sechs Jahren eröffnet. Das Gebäude stand zu dieser Zeit schon lange leer, aber ich habe es wieder auf Vordermann gebracht und das Beste herausgeholt. Inzwischen läuft das Geschäft mit den Touristen und den Einheimischen ganz gut. Ich bin stolz, dass sie mich dazuzählen, obwohl ich noch nicht in der vierten Generation auf dieser Insel lebe«, erzählte Carmen schmunzelnd.
   »Soso, meine zwei Monate werden da leider nicht reichen«, erwiderte ich und konnte es mir nicht verkneifen, einen neugierigen Blick zu Ned hinüberzuwerfen, der an seinem Glas Wein nippte.
   »Mein Assistent ist erst kürzlich dazugestoßen«, sagte Carmen, die meinen Blick bemerkt hatte.
   »Vor etwa einem Jahr, um genau zu sein«, antwortete Ned ruhig und stellte sein Glas ab. »Ich bin mir noch nicht ganz sicher, was ich mit meinem Leben anfangen will.«
   Das konnte ich mir bei ihm kaum vorstellen. Er sah aus wie jemand, der zielstrebig bis zum Master durchstudierte und anschließend schnurstracks in die Forschung ging.
   »Ich habe dir ja bereits erzählt, dass Liljas Mutter eine hervorragende Schriftstellerin ist«, sagte Carmen, als wollte sie von diesem Thema ablenken. »Wir stehen ja schon seit einiger Zeit in engem Austausch. Wie geht es denn gerade mit ihrem aktuellen Projekt voran?«
   »Hm …«, antwortete ich zögerlich, während mein Gehirn fieberhaft meine letzten Gespräche mit Mum nach einem hängen gebliebenen Informationsfetzen durchforstete.
   »Ach, bestimmt spielt der Roman wieder in England in irgendeinem Cottage oder Castle«, sagte Ned und verdrehte die Augen.
   »Tatsächlich tut er das«, stimmte ich Ned zu, der sich von Carmen einen verärgerten Blick einfing. »Ich glaube, es hieß, Thrompton Castle – oder so ähnlich.«
   »Das klingt auf jeden Fall nach einer spannenden Geschichte«, sagte Carmen heiter.
   »Ja … Mit eindimensionalen Figuren, peinlich simplem Plot und Handlungswendungen von der Raffinesse eines Kreisverkehrs.«
   »Eduard«, wies Carmen ihre rechte Hand in die Schranken und warf mir einen nervösen Blick zu.
   »Du hast absolut, ganz und gar und so was von verdammt noch mal recht«, sagte ich zu Ned, der mir in der letzten Minute um ein ganzes Stück sympathischer geworden war.
   »Und diese furchtbar klischeebehafteten Schauplätze …«
   »Du hast die dämlichen Familiengeheimnisse vergessen!«
   »Die ewig gleichen stereotypen Gutsbesitzer.«
   »Vor allem diese entsetzlich schmalzigen Happy Ends! Da kommt einem jedes Mal von Neuem die Galle hoch.«
   Wir spielten uns die Bälle zu wie ein eingefleischtes Duo.
   »Und als zu allem Überfluss auch noch diese Verfilmung dazukam …«
   »Ich schwöre dir …«
   »Das Langweiligste, das ich je …«
   »Kein noch so guter Schauspieler hätte das irgendwie retten können.«
   Wir strahlten uns über den Tisch hinweg an. Ned wirkte zum ersten Mal aufrichtig überrascht – und das gefiel mir.
   »Ähm …«, wagte Carmen nach einer kurzen Stille eine Wortmeldung. »Wie du bereits bemerkt hast, ist Ned kein … allzu großer Freund der romantischen Literatur.«
   »Unter Literatur verstehe ich eine gewisse Relevanz für die Gesellschaft«, dozierte Ned daraufhin. »In Frau Sedewicks Romanen finde ich lediglich die Intention, einer Menge Frauen über ihr Klimakterium hinwegzuhelfen.« Er hatte ja so recht!
   »Schon in Ordnung, Carmen«, sagte ich, als sie anheben wollte, Ned erneut zurechtzuweisen. »Um seine Worte meiner Mutter übermitteln zu können, hätte ich mehr als fünfzig Prozent davon verstehen müssen.«
   »Das ist die Hybris des gebildeten Menschen«, erwiderte Ned unschuldig. Nun konnte er doch wirklich wieder anfangen, normal zu reden. Falls das ein Versuch werden sollte, mich zu beeindrucken, schlug er jedenfalls fehl. Mit Fremdsprachen hatte ich mich immerhin auch vier Jahre lang gequält.
   Carmen blickte ein wenig verwirrt abwechselnd von mir zu Ned, dann stand sie auf und begann den Tisch abzuräumen.
   »Nein, nein, ich mach das schon«, wehrte sie, ab als Ned und ich aufspringen wollten, um ihr zu helfen.
   Als Nachtisch gab es Vanilleeis mit heißer Himbeersoße. Es schmeckte köstlich, und ich begann widerwillig, mich in der kleinen Runde ganz wohlzufühlen. Ich konnte mir nicht verkneifen, Ned über den Tisch hinweg neugierige Blicke zuzuwerfen. Ein erstes Wortgefecht hatte ich gut gemeistert, aber mich interessierte mehr, was hinter der hochgestochenen »Hybris«-Fassade steckte.
   »Deine Mutter hat mir erzählt, du willst bald in Amerika studieren?«, hob Carmen wieder an in dem höflichen Versuch, Konversation zu machen.
   »Stimmt«, antwortete ich und schleckte ein wenig Himbeersoße aus meinem Mundwinkel. »Ich werde Astrodynamik studieren.«
   »Was soll das denn sein?«
   Erstaunt blickte ich zu Ned hinüber, der anscheinend ausnahmsweise etwas nicht besser wusste. Er hatte die Unterarme an der Tischkante abgestützt (Ellenbogen gehörten sich schließlich nicht) und beugte sich interessiert vor. »Bei Astrodynamik geht es um die Bewegung künstlicher Körper im Gravitationsfeld«, erklärte ich hoheitsvoll. »Ich interessiere mich auch für Astrophysik im Allgemeinen sehr: die Bewegungen von Planeten und Sternen, ihre Umlaufbahnen, wie man den Einfallswinkel der Sonnenstrahlen berechnet, atmosphärische Refraktärzeit … solche Sachen.«
   »Und was kann man mit diesem Wissen anfangen?«
   »Mehr als mit Literatur auf jeden Fall«, antwortete ich mit einem herausfordernden Lächeln.
   »Denkst du?«, fragte Ned gelassen und lehnte sich zurück.
   »Die meisten Menschen, die ich kenne, hassen alles, das auch nur im Entferntesten nach Mathematik klingt, aber denk doch mal darüber nach: Zahlen sind so viel einfacher und unkomplizierter als Worte. Worte kannst du formen, manipulieren, aber Zahlen – Zahlen lügen nicht.«
   »Weil sie schrecklich simplifizierend sind«, antwortete Ned süffisant.
   »Du könntest deine Wortwahl mal etwas simplifizieren.«
   »Ich denke, wir lösen die Tischrunde nun allmählich auf«, fuhr Carmen dazwischen, als Ned gerade zu einer Antwort ansetzen wollte. »Lilja hat eine lange Reise hinter sich und möchte sicher nicht den ganzen Abend noch mit uns Bücherwürmern verbringen«, sagte sie scherzhaft.
   Ich begann mich zu fragen, wie viel meine Mutter ihr über mich erzählt hatte. »Gut«, erwiderte ich. »Danke für das tolle Essen. Man sieht sich morgen.«
   »Dann ziehe ich mich ebenfalls zurück«, sagte Ned, der sich gleichfalls erhoben hatte. Ich schob rasch den Stuhl zurück und flüchtete in den Gang, damit er mich nicht in eine längere Diskussion über die Sinnhaftigkeit von Literatur verwickeln konnte.
   In meinem Zimmer kramte ich mein Handy aus der Jackentasche. Ich hatte Mum versprochen, mich zu melden, wenn ich angekommen war und ich musste mich beeilen, der Akku war schon fast leer. Ich tippte eine Nachricht für sie ein, in der ich ihr mitteilte, dass ich wohlbehalten Greeglund erreicht hatte und morgen den ersten Tag meines Praktikums absolvieren würde. Die Tatsache, dass ich Carmen sympathisch und Ned etwas skurril fand, hielt ich zurück, denn sie hätte sicher höchst abenteuerliche Theorien über ihn aufgestellt. Klar, mein Hirn war seit meiner Ankunft auch mit nichts anderem beschäftigt gewesen, aber das ging Mum nicht das Geringste an! Ich schickte die Nachricht ab und durfte zu meinem Leidwesen (und nicht besonders großer Überraschung) feststellen, dass ich auf dieser Insel keinen Internetempfang hatte. Wenn ich nicht auf Flaschenpost umsteigen wollte, würde ich Carmen fragen müssen, ob sie mir das WLAN-Passwort überließ. Vermutlich war sie bisher der einzige Internetnutzer, Ned schrieb bestimmt noch mit Feder und Tinte auf Pergament.
   Da mein Handy für diesen Abend zu nichts mehr zu gebrauchen war, packte ich es weg und begann, in meinem Koffer zu wühlen. Ganz unten, dick in mehrere Plastiktüten eingepackt, hatte ich mein Schachbrett verstaut. Mum hatte zwar genörgelt, dass es viel zu viel Platz wegnahm, aber von ihr ließ ich es mir garantiert nicht verbieten.
   Vorsichtig stellte ich es auf der ein wenig staubigen Oberfläche der Kleiderkommode ab.
   Ich liebte diesen Anblick: das schwarz-weiß gemusterte Feld, die cremefarbenen und die tiefdunklen Figuren, einfach alles hatte seinen Platz. Von wegen simplifizierend! Sorgsam stellte ich die Figuren auf und ließ mir dabei Zeit. Für mich war es beinahe eine meditative Beschäftigung. Ich hatte das Schachbrett damals für wenig Geld auf einem Flohmarkt erstanden, auf dem zu meinem Glück neben Büchern auch einige interessante Dinge verkauft wurden. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht einmal, was all die Figuren bedeuteten. Mich hatten sie einfach fasziniert. Besonders war es der Name, der mich reizte, mit Schach zu beginnen. Spiel der Könige.
   Mum war die Königin ihrer Protagonisten und ich die Königin meiner kleinen Holzarmee. Morgen würde ich der Knappe einer Buchhandlung sein.

Kapitel 4

»Wie meinst du das, nur über die Telefonleitung?«
   »So wie ich es gesagt habe?«
   »Das heißt …?«
   »Du wirst den Computer hinten im Lager benutzen müssen. Hier gibt es kein drahtloses Internet.«
   Ich musste Ned angesehen haben, als hätte er eben verkündet, dass er eigentlich Kfz-Mechaniker war.
   »Du wirst schon damit zurechtkommen«, meinte er nun und hob beschwichtigend die Hände. »Und nach einer Zeit wirst du sogar feststellen, dass …«
   »Sag jetzt bloß nicht, dass das ganz angenehm ist. Denn bis zu diesem Zeitpunkt werde ich schon unter massiven Entzugserscheinungen leiden. Händezittern, Halluzinationen, Verwirrtheit, du weißt schon, das ganze Programm.«
   »Ich glaube, du übertreibst.«
   »Gut erkannt, übrigens …«
   »Halt das mal.« Ned drückte mir einen Stapel Wörterbücher in die Hand, unter dessen Last ich unversehens ein wenig einknickte. Wir befanden uns im Lagerraum. Ich war heute Morgen zeitig aufgestanden, um ihm dabei zu helfen, Regale einzuräumen und seinen lehrreichen Vorträgen über das Buchhandelswesen zu lauschen.
   »Was soll das denn sein?«, fragte ich nun mit einem Blick auf ein Spanisch-Wörterbuch. »Befindet sich Greeglund in internationalen Gewässern?«
   »Aber nein, Greeglund liegt in der Nordsee«, antwortete Ned abwesend und wühlte in einer Kiste.
   Ich rollte mit den Augen.
   »Zurzeit geht der Trend in Richtung Fremdsprachen-Training in der Freizeit. Hält das Gedächtnis in Schwung und ist mal was anderes als Kreuzworträtsel.«
   »Wenn du das sagst …« Bestimmt sprach Ned fließend Französisch, Italienisch, Spanisch, Japanisch und Urdu.
   »So!« Ned war aus der Kiste wieder aufgetaucht, in der Hand mehrere CDs. Ich warf einen fragenden Blick darauf. »Musik steigert die Kauflaune«, bemerkte er daraufhin.
   »Hoffentlich ist was Anständiges dabei«, erwiderte ich und verlagerte mein Gewicht auf das andere Bein.
   »Lass mich das nehmen.« Ehe ich widersprechen konnte, nahm Ned mir die Wörterbücher ab und legte die CDs oben auf den Stapel. »Komm, wir haben nur noch zwanzig Minuten.«
   Wir gingen zurück in den Verkaufsraum. Ned zeigte mir, wo ich die Bücher einzuräumen hatte. Außerdem erklärte er mir, wo genau sich welche Genres befanden, was ich den Kunden besonders zu empfehlen hatte und wie man ihnen einen Prospekt aufschwatzte. Das Einzige, das ich schon beherrschte, war die Bedienung einer Kasse. Auch wenn diese hier von einem ganz alten Schlag war und aussah, als wäre sie eines Tages von der Titanic angespült worden. Mittlerweile war es fünf vor neun.
   »Und jetzt …« Ned, der heute ein dunkles Jackett mitsamt Hemd trug, zupfte aufgeregt an seinem Ärmel. »Öffnen wir den Laden.«
   »Okay«, sagte ich achselzuckend.
   »Weil heute dein erster Tag ist, möchte ich dich darum bitten, diese Aufgabe zu übernehmen«, erklärte Ned mit feierlichem Gesichtsausdruck. Es fehlte nur noch, dass er die Hand aufs Herz legte.
   »Ähm, ja. Bekomme ich noch eine Schere, um ein rotes Band zu durchschneiden?«
   »Es reicht, das Schild umzudrehen.«
   Ich schüttelte lachend den Kopf, durchquerte den Raum und drehte sorgfältig das Schild um, das an der Glasscheibe der Eingangstür hing. In Siegerpose stellte ich mich neben die Tür.
   »Es ist vollbracht, Sir!« Mist, jetzt hatte ich ihn doch noch Sir genannt.
   Ned grinste. »Würden Sie sich hinter die Kasse begeben, Mylady?«, sagte er und vollführte eine elegante Handbewegung, als forderte er mich zum Tanz.
   In einem Ballsaal konnte ich ihn mir jedenfalls gut vorstellen … Oje, ich hörte mich schon an wie ein verzückter Jane-Austen-Fan.
   »Mach ich«, antwortete ich rasch.
   In diesem Moment kam Carmen die Treppe herunter. Im Gegensatz zu ihrem Assistenten hatte sie sich nicht besonders in Schale geworfen. Sie trug einen roten Pullover und eine Jeans mit Flicken.
   »Läuft alles so weit?«, fragte sie, kaum, dass sie unten war. Ohne auf eine Antwort zu warten, fuhr sie fort. »Ich bin hinten im Büro. Holt mich, wenn ihr was braucht. Ich sollte in einer Stunde fertig sein.«
   Sie schien sich wirklich auf Ned zu verlassen. Dieser hatte soeben einen recht modernen CD-Spieler auf die Kassentheke gestellt und legte eine Scheibe ein. Eine Weile ertönte nichts, dann trauten sich allmählich die ersten zaghaften Töne aus den Lautsprechern: klassische Musik.
   »Willst du die Leute in den Schlaf lullen?«, fragte ich, ehe ich mich zurückhalten konnte.
   »Nein, aber wir sind auch nicht bei Rock am Ring«, erwiderte Ned entschlossen.
   Wir standen nun hinter der Kasse, sodass es ein wenig eng wurde. Als Ned bemerkte, wie verkrampft ich dastand, rückte er kommentarlos einige Zentimeter ab, was mir zu meinem Missfallen sofort Hitze in die Wangen trieb.
   Etwa eine Viertelstunde lang blieb uns nichts anderes übrig, als zu abzuwarten, denn auch wenn die Buchhandlung Lang vermutlich ein aufregender Hotspot auf Greeglund war, rannten uns die Leute nicht von Anfang an die Tür ein. Die morgendlichen Sonnenstrahlen fielen unterdessen durch das Schaufenster und ließen hellgoldene Flecken auf dem Parkettboden tanzen. Ob es hier im Winter auch schneite? So stark, dass keine Fähren mehr unterwegs waren und jeder auf der Insel festsaß? Eingeschneit mit Carmen und Ned …
   Meine vorlauten Gedanken malten sich sogleich eine Szene aus, in der ein gezielter Schneeball einen eleganten Filzhut traf.
   »Und?«
   »Was?« Ich hatte gar nicht bemerkt, dass Ned mich etwas gefragt hatte. »’Tschuldigung, war in Gedanken«, antwortete ich, heilfroh, dass Ned diese nicht lesen konnte.
   »Schon verziehen«, erwiderte er und schob seine Brille ein Stück den Nasenrücken hoch. Anscheinend eine Angewohnheit von ihm.
   Ich lehnte mich an die Theke, um ihm beim Gespräch in die Augen sehen zu können.
   »Ich habe mich nur gefragt, und vergib, wenn ich zu neugierig bin, ob du mit dem berühmten Maler Sedewick verwandt bist?«
   Ich verzog ein wenig den Mund. Eigentlich war ich daran gewöhnt, dass sich die Leute mehr für meine Verwandten als für mich interessierten. Gerade beim kulturaffinen Ned hätte mich das kaum überraschen sollen – irgendwie enttäuschte es mich trotzdem.
   »Ja«, antwortete ich lustlos. »Das ist mein Großvater. Der hat es vom Sedewick-Clan vermutlich am weitesten gebracht.«
   »Seine Bilder waren wirklich außergewöhnlich! Ich bin leider erst kurz nach seinem Tod auf ihn aufmerksam geworden. Dieses Blau, diese Farben! Hinten im Lager steht ein Band mit seinen Werken.«
   »Und wir leben alle noch von dem Geld, das das Zeug einbringt«, erwiderte ich knapp. Ich hatte meinen Großvater ein einziges Mal als Kleinkind zu Gesicht bekommen. Lustigerweise hatte er nie viel von Mums Karriere als Schriftstellerin gehalten, auch wenn sie es nie als offiziellen Grund für das kühle Verhältnis genannt hatte.
   »Meiner Meinung nach …«
   In diesem Moment ging die Klingel. Ned und ich zuckten zusammen und ich erfuhr seine erhellende Ansichten über meinen Großvater nicht mehr. Eine Mutter mit ihrer Tochter, eingemummelt in einen pinkfarbenen Mantel, spazierte in den Laden.
   »Guten Morgen«, grüßten wir beinahe synchron die Neuankömmlinge.
   »Oh, hallo!« Die etwa dreißigjährige Frau hob gut gelaunt die Hand. Ihr Kind winkte schüchtern. »Annie und ich sind auf der Suche nach neuem Lesestoff. Beziehungsweise, Annie mag lieber ein Malbuch, stimmt’s, Schatz?« Annie nickte den Boden an.
   »Aber gern!« Ned trat rasch hinter der Kasse hervor. »Wir haben hier bestimmt etwas, das dir gefällt.« Er ging vor Annie in die Hocke. »Wollen wir das Malbuch zusammen aussuchen?«, fragte er freundlich. Das Mädchen taute ein wenig auf und schenkte Ned ein halbherziges Lächeln.
   »Okay.«
   »Dann wollen wir mal sehen.« Er nahm die Kleine an der Hand und führte es zu den Auslegetischen im Hobby-Bereich. Sie gaben ein seltsames Paar ab, er und das Kind im pinkfarbenen Mantel.
   »Dich kenne ich doch. Warst du nicht gestern am Hafen?« Annies Mutter sah mich erwartungsvoll an.
   »War ich. Ich mache bei Frau Lang ein zweimonatiges Praktikum«, antwortete ich.
   »Und wie darf ich Sie nennen?«
   »Lilja reicht.«
   »Schön, dich kennenzulernen, Lilja«, sagte die Frau herzlich. »Ich hoffe, du wirst dich bei uns wohlfühlen – manchmal kann es auf Greeglund doch ein wenig ruhig sein.« Sie zwinkerte mir zu. »Ich geh mich mal bei der Belletristik umsehen.«
   »Brauchen Sie Hilfe?«, erbot ich mich höflich, innerlich flehend, dass sie verneinen würde.
   »Was? Nein, keine Sorge. Ich habe da meine Stammautoren«, antwortete sie gut gelaunt und ich atmete innerlich auf.
   Die Mutter entschwand hinter einem Bücherregal, und ich beobachtete Ned, der zusammen mit dem kleinen Mädchen hoch konzentriert ein Malbuch aussuchte.
   »Und das mit den Elefanten?«
   »Nee …«
   »Oder das mit den Blumen?«
   »Hm …«
   War wohl eine schwierige Beratung. Währenddessen kam ein neuer Kunde in den Laden, ein glatzköpfiger Herr, der mir nur höflich zunickte und hinter einem Regal verschwand. Ich mochte Kunden, die am liebsten ihre Ruhe hatten. So einer war ich auch.
   »Also nehmen wir das mit den Delfinen?«
   »Hm …«
   »Wie wär’s mit dem da oben?« Eduard hob das Kind vorsichtig an der Taille hoch.
   »Lilja?« In diesem Moment war die Mutter aufgetaucht und legte zwei Taschenbücher auf die Theke. »Ich würde gern zahlen.«
   Ich riss mich von dem, zugegebenermaßen sehr süßen Anblick los.
   »Annie? Bist du so weit?« Sie hatte Glück, denn anscheinend hatte Ned es gerade geschafft, dem Mädchen ein dickes Malbuch mit Sternen und Planeten schmackhaft zu machen. Stolz drückte sie es an ihre Brust, lief zur Kasse und legte es zu den Einkäufen ihrer Mutter dazu.
   »Natürlich.« Ich scannte die Strichcodes auf der Rückseite, nahm die Bezahlung entgegen und focht einen kurzen Kampf mit der Kasse aus, deren Schublade partout nicht aufgehen wollte. Schlussendlich gewann ich, zahlte das Wechselgeld aus und druckte den Kassenzettel.
   »Tüte?«
   »Nein, danke, ich habe eine.« Die Frau zog eine Baumwolltasche hervor und stopfte ihre Einkäufe hinein.
   »Wiedersehen!« Sie nahm ihre Tochter an die Hand.
   »Tschüss, Eddy«, rief diese über die Schulter, als sie mit ihrer Mutter aus dem Laden marschierte.
   Ich prustete los. »Na, Eddy«, neckte ich ihn frech.
   Er nahm es allerdings gelassen und zuckte nur mit den Schultern. »Hier ist ja jeder per Du.«
   »Ist Eddy auch sonst dein Spitzname?«
   »Gott bewahre, Ned reicht vollkommen«, sagte er sofort. »Hast du denn einen?«, hakte er nach und ein verschmitzter Zug trat auf sein Gesicht. »Bei Lilja Juline Maria Sigurne bieten sich doch viele Möglichkeiten.« Mein Unterbewusstsein registrierte, dass dieser Kerl tatsächlich alle meine Namen auswendig kannte.
   »Wenn du’s wissen willst, ich laufe auch unter der Abkürzung Lila.«
   »Lila …«, wiederholte Ned und stützte die Handballen auf die Kassentheke. »Die Farbe steht für Intuition und Mystik. Gleichzeitig symbolisiert sie aber auch Spannung und Unzufriedenheit.«
   »Soll das heißen, ich stehe immer unter Spannung?«
   »So ungeduldig, wie du hinter der Kasse von einem Bein aufs andere trittst …«
   »Nicht jeder kann eben die Korrektheit in Person sein«, erwiderte ich spöttisch. »Spannung ist immerhin das Gegenteil von gelebter Langeweile.«
   »Keine Sorge, ich halte dich für überhaupt nicht langweilig, Lila …«
   »Entschuldigung?« Der andere Kunde im Laden, den ich völlig vergessen hatte, tippte Ned auf die Schulter. »Kann ich bitte an die Kasse?«
   »Oh, Verzeihung, selbstverständlich können Sie.« Ned, ganz der vollendete Gentleman, machte sofort Platz, und ich kassierte ab. Ich war froh, dass kaum als er den Laden verließ, ich das Geräusch des Vorhangs hörte. Carmen kam mit schwungvollem Schritt in den Verkaufsraum.
   »Alles in Ordnung?« Sie sah mich und ihren Assistenten prüfend an.
   Ich nickte stumm.
   »Ich bin mit den Abrechnungen durch und könnte nun kurz den Ladendienst übernehmen. Wir haben oben fast nichts mehr im Kühlschrank, könntest du mit Lilja den Einkauf machen?« Fragend sah sie Ned an. »Dabei würde sie auch die Insel ein wenig kennenlernen.«
   »Natürlich«, stimmte Ned dienstfertig zu. »Sehr gute Idee.«
   Er hatte es wirklich viel besser drauf als ich, sich im Job beliebt zu machen.

»Und war das alles?« Fragend blickte ich auf die Liste, die Carmen geschrieben hatte.
   »Der Korb ist ohnehin voll.«
   Wir standen in einem kleinen Tante-Emma-Laden, wie ich ihn nur aus alten Filmen kannte. Die Regalen drängten sich dicht aneinander, die Preisschilder waren noch handgeschrieben und jedes Produkt in diesem Laden schien es in maximal dreifacher Ausführung zu geben. Neds edles Aftershave stammte bestimmt nicht von hier – oder hatte er diesen Geruch nach Kaffee und Tinte in der Buchhandlung aufgefangen? Er balancierte einen braunen Flechtkorb in der Armbeuge, trug wie immer seinen knittrigen Trenchcoat und sah ganz im Allgemeinen so aus, als plante er gerade ein Picknick mit Sherlock Holmes im Hyde Park.
   »Dann zahlen wir besser.« Im Gänsemarsch passierten wir das Regal und Ned stellte mit einem satten Geräusch den Korb auf der Theke ab. Der Verkäufer, ein älterer Herr mit wettergegerbtem Gesicht und schlohweißem Haar, zählte die Einkäufe zusammen. Er warf mir unverhohlen neugierige Blicke zu.
   »Besuch von daheim?«, fragte er und zwinkerte mir zu, während Ned ihm das Geld reichte. »Da rief wohl die Sehnsucht.«
   Ich brachte immerhin noch ein gezwungenes Lachen zustande. Ganz gewiss hatte mich alles andere als Sehnsucht auf diese Insel geführt.
   »Lilja arbeitet für zwei Monate bei uns«, antwortete Ned peinlich berührt. Ehe der Verkäufer noch etwas hinzufügen konnte, schnappte er sich das Wechselgeld, nahm den Korb unter den Arm, und ich musste mich beeilen, hinterherzukommen, als er den Laden verließ.
   Das Lebensmittelgeschäft lag in der Nähe des Hafens, und wenn man sich umdrehte, konnte man einen ausgiebigen Blick auf die kleinen Boote und das Meer werfen. Heute war das Wetter uns gewogen. Die Sonne schien, sodass das Licht das Wasser hell glitzern ließ. Ich blieb kurz stehen und betrachtete den Ausblick. Klar, Sehnsucht hatte mich nicht an die Nordsee geführt, trotzdem ließ sich nicht abstreiten, dass dieser Ort auch schöne Facetten hatte.
   »Genießt du die Aussicht?« Eine Hand berührte sacht meine Schulter. Ned war neben mich getreten und blickte nun ebenfalls auf die Boote hinaus.
   »Hm …«, gab ich vage zurück.
   »Entschuldige wegen vorhin, die Greeglunder sind nun mal ein wenig, ähm, geradeheraus. Neuankömmlinge haben es nie leicht.«
   »Nicht schlimm«, sagte ich achselzuckend.
   »Als ich noch ganz frisch hier war, hatte ich gewisse Schwierigkeiten, mich einzuleben«, gestand Ned zu meiner Überraschung.
   »Na ja, du musst zugeben, dass du eine außergewöhnliche Erscheinung abgibst«, sagte ich mit einem schiefen Lächeln und wandte mich ihm zu.
   »Das sagt ausgerechnet eine angehende Astrophysikerin mit Nasenring«, scherzte Ned und rückte seinen Hut gerade.
   »Ich wollte dir keine Konkurrenz machen«, erwiderte ich und zog eine Augenbraue hoch, wie Ned es so gern tat. »Im Grunde ist eine einsame Insel doch ideal für Sonderlinge. Hier kann mir meine Mutter immerhin nicht jeden Tag gute Ratschläge erteilen oder versuchen, mir die Astro-Begeisterung auszureden.«
   »Was hat sie denn dagegen?«, fragte Ned skeptisch.
   »Ach, ihr ist das Weltall zu weit von ausgetretenen Familienpfaden entfernt«, sagte ich mit einer abwehrenden Handbewegung. »Sie hält es für eine Spinnerei, seit ich ihr Pollux zum Muttertag geschenkt habe. Ihrer Meinung nach hätte ich besser zugegeben, dass ich verschwitzt hatte, was Rosafarbenes zu basteln – nur konnte schon die zehnjährige Lilja Rosa nicht ausstehen.«
   Ned lachte leise in sich hinein.
   »Du machst dich über mich lustig, nicht?«
   »Nein, Lilja, wirklich nicht, aber, was hast du ihr geschenkt?«
   »Pollux. Den hellsten Stern im Sternbild Zwillinge, der zwar rot, aber eben nicht ganz rosa ist und wer ihn gebastelt hat – darüber kann ich nur spekulieren.«
   »Nun, wir sollten uns allmählich wieder den irdischen Dingen zuwenden und Carmen nicht länger warten lassen«, sagte Ned und nickte über die Schulter. Wir wandten uns vom Hafen ab und schlugen den Weg in Richtung Buchhandlung ein.
   »Wie steht’s eigentlich mit deiner Familie? Wo kommst du her?«, fragte ich Ned, denn, ja, ich war neugierig, aus was für einem Elternhaus man stammen musste, um eine Vorliebe für Trenchcoats und altehrwürdige Literatur zu entwickeln.
   »Aus Norddeutschland, dort lebt auch meine Familie.« Ned seufzte, schien einen Moment etwas hinzufügen zu wollen, verstummte dann jedoch. Sonderlich präzise war diese Antwort nicht gewesen.
   »Was hat dich auf Greeglund verschlagen?«, setzte ich daher das Verhör fort.
   »Das habe ich doch gestern Abend schon gesagt, ich möchte mich ein wenig orientieren«, antwortete Ned und die herzliche Stimmung, die bis vorhin noch zwischen uns geherrscht hatte, kühlte merklich ab.
   »Komm schon, du bist doch nicht gleich nach dem Abschluss auf die nächstbeste Fähre gesprungen und zufällig auf Greeglund gelandet«, sagte ich kritisch.
   Ned runzelte die Stirn und warf mir einen verstimmten Seitenblick zu. »Zuvor habe ich zwei Semester Komparatistik studiert.«
   Vergleichende Literaturwissenschaften also, Mum wäre entzückt. »Hat dir wohl nicht gefallen?«
   »Himmel, bist du neugierig«, sagte Ned barsch und beschleunigte seinen Schritt. »Es ist meine Sache, in Ordnung?«
   Verwirrt über die schroffe Zurückweisung verstummte ich. Was hatte ich denn falsch gemacht?
   Wir waren inzwischen im Ortskern angekommen und passierten die Vorderseite der Buchhandlung, wobei ich bemerkte, dass Carmen die Postkartenständer zwischenzeitlich herausgeräumt hatte. Ned und ich bogen in die Seitengasse ein. Er sperrte den Nebeneingang auf. Wir gingen in den Lagerraum und Ned stellte den Korb auf dem hoffnungslos überfüllten Schreibtisch in der hintersten Ecke ab.
   »Wir sind wieder da«, rief ich und riss den roten Vorhang beiseite. In der Buchhandlung herrschte inzwischen schon überraschend geschäftiger Betrieb: Gleich mehrere Leute schlenderten die Regalreihe entlang, suchten zusammen mit ihren Kindern etwas aus oder blätterten in Romanen. Carmen, die gerade eine Kundin beriet, blickte auf.
   »Dann ab an die Kasse«, rief sie zurück. Ich postierte mich pflichtbewusst dahinter und bemerkte, dass Ned immer noch im Lager war. Wollte er mir plötzlich aus dem Weg gehen? War ihm meine Neugier unangenehm oder die Fragen, die ich gestellt hatte? Momentan konnte ich keine weiteren Gedanken über sein seltsames Verhalten wälzen, denn eine Menge Greeglunder wollten ihre Einkäufe bezahlen und mich über mein plötzliches Auftauchen in der Buchhandlung Lang löchern.
   Ich machte meiner Meinung nach eine ganz gute Figur, denn ich beantwortete alle Fragen mit ausgesuchter Höflichkeit und bekam sogar die störrische Kasse in den Griff. Carmen nickte mir lächelnd zu, als ein Strom von Leuten mit zufriedener Miene und Prospekten in der Hand den Laden verließ.
   Ich hatte Glück: Den Nachmittag über ließ mich Carmen meistens auf meinem Posten hinter der Kasse. Nur einmal kam es zu einem etwas peinlichen Intermezzo, als sie beschloss, ich solle eine Dame älteren Semesters beraten, die »zufälligerweise« auch noch ein Fan meiner Mutter war. Eigentlich musste ich nur lächeln und nicken, beziehungsweise dadurch verschleiern, dass ich den Großteil ihrer Bücher nicht mal beim Namen kannte. Im Grunde reichte es völlig, die Handlung jedes Mal mit »spannend«, »romantisch« und »mitreißend« zusammenzufassen. Etwas erschöpft nahm ich daher wieder meinen Platz hinter der Kassentheke ein und hoffte, dass das für heute meine letzte Kundenberatung gewesen war. Carmen übernahm meistens das Gespräch mit den Insulanern, die sie größtenteils beim Namen kannte. Ned war unterdessen dazu abgestellt worden, im Lager aufzuräumen. So bekamen wir uns den ganzen Nachmittag über kaum mehr zu Gesicht. Was mir leider die Zeit verschaffte, unser letztes Gespräch in gedanklicher Endlosschleife abzuspulen. Meiner Neugier hatte seine plötzliche Schroffheit jedenfalls keinen Dämpfer verpasst – eher im Gegenteil.

Gegen fünf Uhr tütete ich gähnend einen kleinen Stapel Postkarten ein, als Carmen zu mir herüberkam.
   »Alles super bei mir«, sagte ich und klappte rasch den Mund zu. »Schönen Urlaub noch«, wünschte ich der jungen Frau und ihrem Freund. Kundenfreundlich strahlend hielt ich ihr das flache Päckchen hin.
   »Wir wohnen hier«, sagte sie und steckte es in ihre Handtasche.
   »Oh.« Ich biss mir auf die Lippe.
   »Inge und Christian gehört das kleine Café am Hafen«, erklärte mir Carmen, als die beiden den Laden verließen. »Keine Sorge, du kannst bald die Touristen von den Einheimischen unterscheiden. Wir machen in einer Viertelstunde zu. Sei doch so nett und zähl das Geld in der Kasse nach.«
   »Mach ich«, erwiderte ich.
   »Lief doch ganz gut heute«, sagte Carmen und nickte mir ermutigend zu. »Wirst du am Wochenende etwas die Gegend erkunden?«
   »Äh, ja, vielleicht«, erwiderte ich ausweichend.
   »Ich kann es dir nur empfehlen. Es tut wirklich gut, ein paar Stunden am Strand zu sein, um einfach mal den Kopf freizukriegen, ganz egal, ob mit oder ohne Buch.« Carmen zwinkerte mir zu. »Du interessierst dich doch für Sterne nicht wahr? Hier auf Greeglund kannst du bestimmt viel bessere Beobachtungen anstellen als in der Stadt.«
   Moment mal, das war eigentlich keine so schlechte Idee.
   »Ich hätte dir ja Ned als Fremdenführer empfohlen, aber er verkriecht sich an seinen freien Tagen leider viel zu oft hinter seinen Büchern.« Carmen warf einen prüfenden Blick in Richtung Lager. »Apropos, ich habe noch eine kleine Überraschung für dich. Zur Feier deines ersten Tages darfst du dir gern hinten ein Buch aussuchen. Sieh dich einfach um, sobald du Zeit hast. Ich muss kurz nach oben, halt du hier bitte die Stellung.«
   »Kein Problem«, gab ich zur Antwort. »Und danke für die Aufmerksamkeit. Vielleicht finde ich ja ein Buch, das mir gefällt.«
   »Bestimmt wirst du das. Bin gleich wieder da.« Mit diesen Worten wandte sich Carmen schon ab.
   Ich sah zu, wie sie die Stufen ins Obergeschoss hocheilte. Die Tür ließ sie einfach offen stehen. Unterdessen ging mal wieder die Shopping-Musik aus. Na toll, ich wandte mich um und sah den Stapel nach einer Alternative durch. Zur Auswahl standen beruhigende Klavierklänge, Harfenzupferei oder Flötenspiel. Nein, danke. Ich fühlte mich schon wie nach einer Klassik-Radio-Gehirnwäsche. Ganz unten fand ich eine unbeschriftete CD in einer Plastikhülle. Hoffentlich nahm Ned es mir nicht übel, wenn ich das Programm variierte. Ich schielte in Richtung Lagerraum, wo er sich gerade aufhalten musste. Was hatte Carmen ihm eigentlich aufgetragen, dass er dort immer noch so schwer beschäftigt war? Ich beschloss, den Laden für eine Sekunde sich selbst zu überlassen. Die Schublade der Kasse kriegte ja selbst der cleverste Dieb nicht auf.
   »Ned?« Ich schob den Vorhang beiseite. »Du kannst doch unmöglich so lange Regale abstauben? Hast du eventuell Lust, die Einnahmen in der Kasse zu zählen? Keine Sorge, das ist ein ganz simpler Teilbereich der Mathematik, der sich Addition nennt.«
   Ich sah mich um, weit und breit keine Spur von ihm.
   »Hallo?« Ich warf einen Blick in die zweite Regalreihe und erblickte gerade noch einen aufgeschreckten Ned, der sich von einer Kiste aufrappelte, in der Hand ein Buch. Er hatte die Ärmel seines Jacketts hochgekrempelt und die Brille saß ein wenig schief auf seiner Nasenspitze. Er wirkte, als hätte ich ihn gerade aus einer völlig fremden Welt aufgescheucht. Das Buch hielt er immer noch in der Hand, den Finger so zwischen den Seiten, dass die Stelle eingemerkt blieb.
   »Du räumst ja gar nicht auf«, stellte ich fest und verschränkte grinsend die Arme. »So gehört sich das aber nicht, Freundchen.«
   »Ich habe aufgeräumt«, verteidigte sich Ned, während ich mit der Fingerspitze über ein Regalbrett strich.
   »Hast du nicht«, konterte ich und pustete ein wenig Staub herunter. »Gib’s doch zu. Für mich ist es der beruhigende Beweis, dass du auch deine Fehler hast. Mum zumindest meint, dass jeder Protagonist eine Macke braucht, um sympathisch zu wirken.«
   Ned setzte zu einer Erwiderung an.
   »Aber ich weiß ja, was du von ihren Büchern hältst«, bremste ich ihn rasch. »Was liest du da eigentlich?« Ich nickte mit dem Kinn zu dem Buch, das er in der Hand hielt.
   Wortlos hielt er es hoch, sodass ich das Cover lesen konnte.
   »Canterbury Tales. Soso, Chaucer.« Nie gehört.
   »Ein faszinierendes Werk. Ein wahrer Meister der Lyrik und Metrik …«
   »Bitte? Egal, ich wollte wissen, ob du kurz mit rüber in den Laden kommst.« Ich wies mit dem Daumen über die Schulter.
   »Im Original lohnt es sich noch viel mehr …«
   »Es wäre hilfreich, wenn du mir helfen könntest, die Einnahmen zu zählen.« Drüben läutete die Klingel. Anscheinend ein allerletzter Kunde.
   »Meiner Ansicht nach befindet er sich schreibtechnisch mindestens auf einem Niveau mit Shakespeare!«
   »Ned …«, sagte ich und verdrehte die Augen. Ich musste wohl eine andere Strategie bemühen. »Akt 1, Szene 4, im Lagerraum. Lilja trifft auf einen völlig unkooperativen Ned, der nicht in der Lage zu sein scheint, eine einfache Frage zu beantworten. Lilja (leicht verärgert): Eduard! Würdest du bitte rüber in den Laden gehen!«
   Das schien endlich zu ihm durchzudringen. Ned sah mich ein wenig verblüfft an.
   »Habe nun versucht, mit heißem Bemüh’n, deine Aufmerksamkeit auf mich zu zieh’n«, deklamierte ich. »Also beweg jetzt bitte deinen Hintern zur Kasse.«
   »Oh, ja … tut mir leid, Lila.« Mit einem entschuldigenden Blick stellte Ned das Buch zurück ins Regal. »Vermutliche wirke ich wie ein kompletter Exzentriker auf dich.« Zerknirscht strich sich mit der Hand das Haar zurück.
   Und ob er das tat. »Schon gut.« Ich winkte ab. »Wahrscheinlich bin ich das auch, drum sei’s dir verziehen.«
   »Vernunft und Logik ist das genaue Gegenteil davon.«
   »Ich frage mich wirklich, wie du es fertigbringst, diese Wälzer zu lesen«, platzte es aus mir heraus. »Nicht in zehn Jahren hätte ich die Geduld dafür. Lesen liegt mir einfach nicht, es langweilt mich nach ein paar Seiten entsetzlich.« Schon bevor ich zu Ende gesprochen hatte, sah ich Neds Augen aufleuchten. Was hatte ich da nur ausgelöst? Mir wurde ein wenig kribblig.
   »Ich würde etwas finden, das dir gefällt! Irgendwo in diesem Raum gibt es diese eine Zeile, die nur für dich bestimmt ist, Lilja …« Er ging auf mich zu. Seine Stimme nahm einen weichen Klang an, warm und samtig wie heiße Schokolade. »Diese Handvoll Wörter, die dich in ihren Bann ziehen und mit federleichter Tinte ihre Geschichte um dich spinnt; dir leise zuflüstert, bis du am nächsten Morgen nicht mehr weißt, ob du nur gelesen oder bereits geträumt hast …« Gedankenverloren fuhr er mit dem Zeigefinger über die Buchrücken zu seiner rechten, während seine verträumte Stimme um seine Worte strich.
   Ned stand nun dicht vor mir.
   »Lässt du es mich versuchen, Lilja?«, fragte er leise.

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