Obwohl Caleb hinter den Buchseiten gefangen ist, gibt sich Anna die größte Mühe, ihn von seinem Schicksal abzulenken. Doch mit seiner Verschlossenheit stößt er sie immer wieder vor den Kopf, sodass sie schließlich auf Abstand geht. Gleichzeitig taucht der attraktive Dorian in ihrem Leben auf und wirbt ebenfalls um ihre Aufmerksamkeit. Ist Calebs Chance auf Freiheit damit endgültig vertan?

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ISBN: 978-9963-53-650-4

Seiten: 224

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Michelle Parker

Michelle Parker
Michelle Parker wurde 1989 geboren und lebt in einem kleinen, idyllischen Städtchen mitten im Ruhrpott. Nachdem sie ihr Studium der Religions- und Erziehungswissenschaft 2013 erfolgreich abgeschlossen hat, widmet sie sich nun in ihrem Alltag der Arbeit mit Auszubildenden. Schon immer war Lesen ihre große Leidenschaft, und mit den Jahren kam das Schreiben dazu. „Das Flüstern der Zeilen“ ist neben „Dunkler Engel – Melodie der Nacht“ und „Narbenkuss“ ihre dritte Buchveröffentlichung. In Kürze erscheint der Folgeband der Zeilen-Dilogie „Die Stille der Zeilen“. Sie ist auch mit einigen ihrer Gedichte in verschiedenen Anthologien vertreten. Außerdem hält sie einmal im Jahr eine Schreibwerkstatt für Kinder zwischen 10 und 14 Jahren ab.

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1

Was hatte er getan? Sein idiotisches Verhalten brachte ihn in eine unmögliche Situation. Wie konnte er sie nur als Lügnerin bezeichnen? Als ob sie ihren sterbenskranken Großvater als Ausrede benutzen würde, um ihn zu täuschen. Damit hatte er sein Schicksal besiegelt, und er war sich sicher, dass sie das Buch nie wieder öffnen würde. Es war einfach mit ihm durchgegangen, und er hatte sich nicht beherrschen, nicht mehr klar denken können. Zu tief saß in ihm die Angst vor weiteren Enttäuschungen. Jetzt stand er vor dem Scherbenhaufen, der vor der Begegnung mit Anna schon groß genug gewesen war.
   Seit Tagen hüllte ihn die Dunkelheit ein oder sollten es sogar Monate sein? Er besaß kein Zeitgefühl mehr. Erst fühlten sich die Sekunden wie Minuten an, dann wie Stunden und schon stand sie ihm erneut bevor – diese Ewigkeit in Dunkelheit. Wie hatte er sie nicht vermisst. Ob Anna das Buch jemals wieder öffnen würde? Wie lange war das letzte Mal her? Mochte sie ihn wirklich zurück ins Lager gebracht haben? Besonders der letzte Gedanke raubte ihm fast den Verstand. Er war so nah dran gewesen, nur einen Handgriff von der Freiheit entfernt, und nun lag ein einziger Scherbenhaufen vor ihm. Mal wieder.
   Seit 1697 war er an dieses Buch und damit an eine finstere Zwischenwelt gebunden, zur Einsamkeit verdammt. Nur selten öffnete jemand das Buch, das für jeden neuen Besitzer leer war und fand Interesse daran. Zwischen den Kontakten könnten Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte vergehen. Man wusste es nie. Machtlosigkeit überrannte ihn und drückte ihn nieder. Anna war seine Chance gewesen, um diesem Elend entfliehen zu können, und er hatte es vermasselt. Sie hatte sich um ihn bemüht und viel Zeit mit ihm verbracht, während er sie hinterging und nur ihre Seele opfern wollte, damit das alles hier endlich ein Ende fand. Nur wahre Liebe konnte ihn aus seinem Gefängnis befreien – so seine abgewandelte Version der Geschichte, damit Anna überhaupt näheres Interesse an ihm zeigte und er ihr Mitleid erweckte. In Wirklichkeit wollte er nur, dass sie sich ihn verliebte und ihre reine Seele für ihn opferte. Inzwischen war er sich nicht mehr sicher, ob er sein Vorhaben umsetzen konnte, doch nun hatte er sie ohnehin vergrault.
   Diese Hilflosigkeit, verbunden mit der Aussicht, die nächsten Jahre wieder in dieser Dunkelheit zu versauern, machte ihn wahnsinnig. Die Phase nach einem menschlichen Kontakt war die schlimmste. Wenn er sich erneut an die Dunkelheit, Kälte und Einsamkeit, aber auch an den Kontrollverlust gewöhnen musste. Versagt. Versagt. Versagt. Er würde niemals aus dieser Hölle hier herauskommen.
   Die unzähligen Jahre der Gefangenschaft zerrten an seiner Seele und veränderten ihn, sodass er nicht mehr wusste, wer er eigentlich war. Während er glaubte, mit jeder Minute, die verging, herzloser und selbstsüchtiger zu werden, merkte er nun, dass er sich die ganze Zeit über an einer Fassade festgehalten hatte, die langsam zu bröckeln anfing. Damit hatte er nicht nur Anna, sondern auch sich etwas vorgemacht.
   Obwohl diese Erkenntnis in sein Bewusstsein sickerte, gaben seine Gedanken keine Ruhe. Ständig hielten sie ihm sein Versagen vor Augen und was er hätte besser oder anders machen können. Was nutzten ihm dieses immer wiederkehrende »hätte« und »wäre«, das sich in seine Gedanken stahl und ihn an früher oder eine unmögliche Zukunft denken ließ? Die Vergangenheit konnte man nicht ändern. Die Zukunft schien aussichtslos, zu weit entfernt, um greifbar zu sein. Seine Chance auf Freiheit war vertan und Annas Seele der Gefahr, die von ihm ausging, nicht mehr ausgesetzt. Könnte damit das Kapitel nicht abgeschlossen sein?
   Überraschenderweise verspürte er bei der Tatsache, dass Annas Seele frei sein würde, eine seltsame Befriedigung –sogar eine Erleichterung, obwohl es ihn seine eigene Freiheit kosten würde, sie ziehen zu lassen. Und plötzlich realisierte er, dass sich irgendwie alles richtig entwickelte, auch wenn er alles Leid auf seinen Schultern trug. Nie hatte ein Leser sein Herz berührt wie Anna. Nicht einmal Sophie, die er einst zu sehr geliebt hatte, um sie zu opfern. Die ganzen biestigen Gedanken der letzten Zeit waren nur ein schwacher Versuch gewesen, sich das alles nicht eingestehen zu müssen.
   Caleb war sich sicher, dass Anna früher oder später ihre Seele für ihn geopfert hätte. Er wusste, dass ihr etwas an ihm lag. So viel Zeit und Mühe investierte man nicht in einen bedeutungslosen Fremden. Alles nur eine Frage der Zeit, bis zu dem Punkt, an dem alles die ursprünglich geplanten Bahnen eingenommen hätte – wären ihm nicht seine überschäumenden Gefühle in den Weg gekommen. Ihm wurde jedoch immer bewusster, was Anna ihm bedeutete und dass er ihr das nicht antun konnte.
   Er hatte sich das alles schöngeredet und sich zum Ende hin ständig selbst belogen. Erleichterung durchströmte ihn, dass diese Erkenntnis nicht zu spät, sondern genau zum richtigen Zeitpunkt kam. Anna würde er in guter Erinnerung behalten und Kraft aus ihrer Begegnung ziehen. Damit und mit dem Wissen, irgendwie doch das Richtige getan zu haben, würde er die nächsten Jahre der Ewigkeit ertragen können, bis die Verzweiflung ihn erneut packte und erneut einen herzlosen Dämon aus ihm machte.


*

Als Anna am Morgen aufwachte, fühlte sie sich kaputt und erschlagen. Obwohl sie eher für Tee zu begeistern war, musste heute ein Kaffee her, sonst hätte sie den Tag nur im Halbschlaf durchgestanden. Ein merkwürdiger Traum hinterließ auch nach dem Aufwachen noch deutlich seine Spuren. Sie hatte von der Beerdigung ihres Opas geträumt, der zwar zurzeit sterbenskrank, aber immerhin noch am Leben war, wenngleich er im Koma lag. Viele Leute waren erschienen, um sich zu verabschieden, doch das ganze Ereignis wurde überschattet von Untoten, die aus ihren Gräbern herausgekrochen kamen. Als ob der Tod ihres Großvaters nicht schon schlimm genug gewesen wäre, erwachte auch er als Zombie und kletterte aus seinem Sarg heraus, um sich auf die Menschen zu stürzen. Er sah absolut verwest und abartig aus, dabei war er, rein logisch betrachtet, noch nicht lange genug tot, um diesem Äußeren gerecht zu werden. Zu allem Überfluss fing er an, sie zu verfolgen, wobei er ständig ihren Namen rief. Als er ihr in die Hand biss und sie vor Schreck aufschrie, rannte sie nur noch um ihr Leben. Letztendlich stolperte sie über einen Grabstein und erwachte damit aus ihrem fürchterlichen Traum. Beim Gedanken daran bekam sie eine Gänsehaut. Es würde ein paar Tage dauern, bis sie den Anblick verarbeiten und weit in die Tiefen ihres Gedächtnisses verdrängen konnte.
   Zum Glück wartete heute Beschäftigung auf sie, um sie von ihren Gedanken abzulenken. Dabei lag ihr nicht nur der Albtraum, sondern auch die Situation mit Caleb schwer auf der Seele. Das Buch, das sie vor einigen Wochen im Lager der Bibliothek gefunden hatte, in der sie arbeitet, brachte ihr Leben ganz schön durcheinander. Caleb und das Buch waren unumgänglich miteinander verbunden, denn er war darin gefangen und konnte nur über die Schrift mit ihr kommunizieren. Anfangs hatte ihr dieser Gedanke noch Angst eingejagt, doch dann lernte sie den Mann hinter den Buchstaben besser kennen. Obwohl er durchaus charmant war und sie ermutigte, ihre Grenzen zu überschreiten, stieß er sie mit seiner Verschlossenheit oft vor den Kopf. Letztens hatte er sie als Lügnerin bezichtigt, weil sie einen Anruf aus dem Krankenhaus erhalten und ihn versetzt hatte. Das Ganze hatte im Streit geendet, und nun gönnte sich Anna eine Pause von diesem egozentrischen Buch. Sie war von seinen Unterstellungen tief enttäuscht und brachte es nicht übers Herz, ihm zu verzeihen. Seit Wochen mied sie den Kontakt, wenngleich es ihr schwerfiel. Heute aber stand ein Date mit einem Besucher der Bibliothek an. Zunächst hatten sie die Gewissensbisse geplagt – nicht wegen ihrem Großvater Phil, sondern wegen Caleb. Inzwischen war sie aber zu der Überzeugung gelangt, dass sie ihr Glück nicht vor das eines uneinsichtigen Buches stellen musste, und wenn Caleb ihr misstraute, war er eventuell nicht der richtige Umgang für sie. Umso mehr freute sie sich auf den Tag mit Dorian. Der attraktive Fremde hatte sie kurz vor Feierabend noch zu einem spontanen Date eingeladen, und da stand sie nun. Anna hatte nach dem Duschen allerhand mit dem Styling zu tun. Ständig wanderte sie mit der Hand an ihren Kleidern entlang, unsicher, was sie anziehen sollte. Sie wusste nicht einmal, wohin Dorian sie ausführen würde. Eher gehoben oder doch etwas Stinknormales? Sie kombinierte Jeanshosen mit Oberteilen, die sie in den versteckten Ecken ihres Schrankes fand, und kramte Sachen hervor, die längst aus ihrem Gedächtnis verschwunden waren. Nachdem sie gefühlte Stunden später immer noch vor ihrem Schrank stand, schmiss sie sich frustriert aufs Bett und seufzte auf. Sie fragte sich, warum sie überhaupt Wert darauf legte, passend gekleidet zu sein, wo sie sich sonst nicht darum scherte? Dorian verdiente keine Extrabehandlung, nur weil er selbst umwerfend aussah. Neben ihm würde ohnehin jeder verblassen, ganz gleich, was er trug. Also verfrachtete sie kurzerhand alles wieder in den Schrank und entschied sich für Jeans und ein schwarzes Longshirt, wobei die Ärmel und die Schultern aus Spitze bestanden. Für die milderen Temperaturen Ende Juni, sollte das ausreichend sein. Zur Sicherheit würde sie noch eine Jacke mitnehmen. Ihre Haare trug sie heute ausnahmsweise offen, damit konnte man selten etwas falsch machen. Caleb würde es bestimmt gefallen, sie so zu sehen. Beim Gedanken daran, wie er ihr ein Kompliment machte, wurde ihr warm ums Herz.
   Hinsichtlich Caleb beschloss sie, ihr schlechtes Gewissen beiseitezuschieben. Mit seinen ganzen Vorwürfen hatte er es sich selbst zuzuschreiben, dass sie ihn ignorierte. Sollte das ewig so weitergehen, dass er ihr misstraute? Wo sollte das hinführen? Er würde ihr nie die Hand küssen, über die Wange streicheln, in ihre Augen blicken, sie anlächeln, an ihrem Haar riechen oder ihr sonst irgendwie nah sein können. Wieso verschwendete sie überhaupt einen Gedanken an ihn? Nein, nein. Heute wollte sie sich amüsieren, also schob sie die Gedanken beiseite und machte sich auf den Weg zur Bibliothek.
   Als sie von Weitem einen Blick auf den Haupteingang warf und Dorian dort warten sah, geriet sie doch noch einmal ins Stocken. Ihr Herz rebellierte bei diesem Anblick und zog sich schmerzhaft in ihrer Brust zusammen. Das ist nicht Caleb, wollte es ihr sagen, und sie blieb stehen, um einen Augenblick innezuhalten. Traf sie sich aus den falschen Beweggründen mit Dorian? Er sah absolut atemberaubend aus. Heute trug er eine schwarzen Jeans, die ihm lässig auf den Hüften saß und ein weinrotes Hemd, das seine Augen bestimmt hervorragend betonte. Legte sie denn Wert auf solche Oberflächlichkeiten? Normalerweise nicht. Ansonsten konnte sie über ihn nichts sagen, außer, dass seine Ausstrahlung sie einschüchterte. Er war ihr fremd. Und was wollte er von ihr? Machte er sich eine Freude daraus, Menschen wie sie aus ihrem Schneckenhaus zu locken? Wie Caleb es stets versuchte? Eventuell suchte er auch nur nach einer weiteren Eroberung, die er zu den anderen auf seine Liste schreiben konnte? Sie sehnte sich nach dem sicheren Gefühl, das sie in Calebs Nähe empfand, aber es blieb aus. Plötzlich schien das Ganze doch eine ganz dumme Idee zu sein.
   Nein. Stopp! Anna zwang ihre Gedanken zur Ruhe. Dorian schien ein gebildeter Mann zu sein, und sie sollte sich durch sein Aussehen nicht zu Vorurteilen hinreißen lassen. Das würde garantiert ein schöner Tag werden, und sie konnte diese Ablenkung von ihrem Großvater und Caleb gut gebrauchen. Damit brachte sie das Chaos in sich zum Schweigen und überwand rasch die letzten Schritte bis zum Bibliothekseingang.
   Als Dorian sie entdeckte, warf er ihr ein strahlendes Lächeln zu, nahm die Hände aus den Hosentaschen und ging ihr entgegen. »Wie schön Sie zu sehen, Miss Forster und Sie sehen bezaubernd aus«, begrüßte er sie mit einem Kompliment.
   Das konnte sie nur zurückgeben. Dorian bewies bisher bei jedem Zusammenstoß Stilsicherheit – was man von ihr nicht gerade behaupten konnte. Sie freute sich schon, wenn sie einigermaßen passende Schuhe zu ihrem Outfit fand. Als was er wohl arbeitete? Seinem Stil nach zu urteilen, verdiente er nicht schlecht und bestimmt trug er nur maßgeschneiderte Klamotten. Keine Kaufhauskleidung saß dermaßen perfekt am Körper.
   Dann fragte sich Anna, woher er ihren Nachnamen kannte. Für einen Moment fühlte sich unbehaglich, ehe ihr einfiel, dass sie auf der Arbeit ein Namensschild trug. Wie dumm von ihr, natürlich hatte er darauf geachtet. Man traf sich schließlich nicht mit einer namenlosen Fremden, oder? Anna geriet für einen Moment erneut ins Grübeln.
   »Worüber denken Sie nach?«, fragte Dorian freiheraus und lächelte sie immer noch warm an.
   Das brachte sie schnell zurück in die Gegenwart. »Es ist ungerecht, dass ich nur Ihren Vornamen kenne. Wie soll ich da höflich bleiben? Wollen Sie mir nicht Ihren Nachnamen verraten?«, erwiderte sie, da sie ihre wahren Gedanken lieber für sich behalten wollte.
   »Wieso vergessen wir nicht diese überflüssigen Höflichkeiten und Sie verraten mir Ihren Vornamen?«, schlug Dorian im Gegenzug vor und zwinkerte ihr zu.
   Das entlockte Anna tatsächlich ein Schmunzeln. Hoffnung keimte in ihr auf, dass Dorian vielleicht doch herzlicher war, als es zunächst den Eindruck machte. »Das wäre viel zu einfach. Ich würde einen Deal vorschlagen.«
   Der Schalk blitzte in Dorians Augen auf und befand sich sicherlich auch in Annas Augen. Sie war erleichtert, dass diese Unterhaltung ohne jegliche Anspannung ihren Anfang gefunden und sie direkt eine gute Kommunikationsebene erwischt hatten. Wenn sie nervös war, neigte Anna dazu, ohne Sinn und Verstand vor sich herzuplappern. Heute blieben sie und er davon jedoch verschont. Was ein Glück.
   »Einen Deal? Das klingt interessant, Miss Forster. Sie haben meine Neugierde geweckt. Ich bin ganz Ohr.« Und um seine Worte zu unterstreichen, verschränkte er seine Arme vor der Brust und legte in Erwartung ihrer Worte den Kopf schief.
   »Es ist ganz simpel. Ich offenbare Ihnen meinen Vornamen, wenn Sie mir Ihren Nachnamen nennen. So gewinnen wir beide.« Und jetzt nutzte Anna die Gelegenheit, ihm zuzuzwinkern. Zu ihrer Freude bemerkte sie erneut ein amüsiertes Strahlen in den Augen ihres Gegenübers. Also schien Dorian diese scherzhafte Unterhaltung ebenfalls zu genießen. Das sorgte dafür, dass sie sich in seiner Gegenwart wohler fühlte und das wiederum ermöglichte es ihr, sich zu entspannen. Die Gedanken und Zweifel bezüglich Caleb und ihres Großvaters rutschten für den Moment in den Hintergrund.
   »Einverstanden.« Dorian nickte ihr zu. »Aber nur, wenn wir trotzdem zum Du wechseln.« Mit diesen Worten hielt er Anna seine Hand entgegen, damit sie ihren Deal besiegeln konnten. »Hand drauf?«, fragte er, und sie schlug ein.
   »Gut, gut«, nahm Dorian das Wort an sich. »Da ich ein Gentleman bin, übernehme ich die unangenehme Aufgabe und beginne. Natürlich nur, weil ich darauf vertraue, dass Sie mich nicht hängen lassen.« Er hob scherzhaft tadelnd den Zeigefinger in ihre Richtung, während er das sagte, und grinste über das ganze Gesicht.
   Es wirkte ansteckend und so grinste auch Anna erneut. »Seien Sie unbesorgt, ich bin für meine Zuverlässigkeit bekannt«, ermutigte sie ihn, und zu ihrer Überraschung nickte er.
   »Den Eindruck habe ich auch, und Sie waren pünktlich, was heutzutage eine Seltenheit ist. Eins Plus mit Sternchen, würde ich sagen.«
   Anna lachte kurz auf und macht einen höflichen Knicks. »Gern geschehen, aber wir haben genug um den heißen Brei geredet. Ich brenne vor Neugierde.«
    »Ja, ja, Sie haben recht«, bestätigte er ihre Worte und hielt ihr erneut seine Hand entgegen. »Havoc, Dorian Havoc, sehr erfreut Frau…?«
   Er ließ den Satz unbeendet, sodass die Frage nach ihrem Namen für einen Moment in der Luft schwebte. Schnell ergriff Anna seine Hand.
   »Anna Forster.«
   »Ah, Anna ein wundervoller Name. Wie mir scheint, haben wir beide eine Verbindung zu literarischen Persönlichkeiten mit einem bedauernswerten Schicksal. Wenn ich da an Anna Karenina denke.«
   »Zum Glück hat die Literatur viele Annas hervorgebracht und bestimmt sind glücklichere dabei. Ich brauche mich also nicht zu sorgen. Du allerdings … Dorian findet man selten, und dein grausames Ende scheint leider vorprogrammiert.«
   Dorian tat im ersten Moment tief betroffen von ihren Worten, ehe er wieder das Lächeln auf seine Lippen setzte. »Wie kannst du das nur sagen? Wir kennen uns seit fünf Minuten, und schon hast du mein Schicksal besiegelt. Hm, aber vermutlich hast du recht. Nun, zumindest scheine ich einen lichten Moment erwischt zu haben. Den sollte ich genießen. Genug von den tragischen Geschichten. Wir wollen doch diesen wundervollen Tag nicht vergeuden, um über Bücher zu reden.«
   Anna stutzte. Sollte das nicht der Grund für ihr Treffen sein? Gestern zumindest hatte es geklungen, als wenn er mehr über die Lektüre von Oscar Wilde erfahren und diskutieren wollte. »Nicht?«, entfuhr es ihr überrascht, und sie schaute ihn fragend an, während sie sich die Haare zurück hinter das Ohr schob, damit sie ihr nicht im Gesicht hingen. Dorian beobachtete diese einfache Geste genau, und Anna stieg Hitze in die Wangen.
   »Nein, ich liebe das Lesen, aber das hier ist das wahre Leben, das kein Buch der Welt ersetzen kann. Dorian Gray gehört hier nicht hierhin. Du musst dich also voll und ganz mit Dorian Havoc begnügen.«
   Seine Worte versetzten Anna einen kleinen Stich, denn sie erinnerten sie unweigerlich an Caleb und rissen somit ein kleines Loch in ihr entspanntes Inneres. Das richtige Leben fand man nicht in Büchern – irgendwie war das wahr. Trotzdem hatte es sich gerade in den letzten Monaten mit Caleb anders angefühlt. Aufregend, lebendig, berauschend. Doch gehörte Caleb in Wirklichkeit auch nicht hierher, wie jede andere literarische Figur? Hatte sie sich in etwas verrannt? Sie wusste aus eigener Erfahrung, dass die Geschichten aus Büchern nur für den Moment glücklich machten, aber nicht die Geschehnisse im wahren Leben ersetzten. Irgendwie war Caleb aber selbst das Leben, oder nicht? Anna schüttelte den Kopf. Sie sollte sich auf die Person an ihrer Seite konzentrieren und nicht in wirren Gedanken schwelgen.
   »Wollen wir los?«, fragte Dorian und lenkte ihre Aufmerksamkeit endgültig zurück auf ihn.
   Sie nickte und folgte ihm, gespannt, was sie unternehmen würden. Dabei hoffte sie inständig, dass er nicht in ein exklusives Café mit ihr ging, denn von diesen Luxusgeschichten hielt sie nicht viel. In der Welt von Reichtum und Wohlstand fühlte sie sich nicht wohl, doch ein langweiliges Kaffeetrinken stand bestimmt nicht auf seinem Plan. Am besten ließ sie sich einfach überraschen.
   Dorian winkte ein Taxi heran und zeigte dem Fahrer eine Adresse auf seinem Handy. Dieser nickte und fuhr los. Annas Neugier stieg – nicht nur auf ihr Ziel, sondern auch auf ihren Sitznachbarn. Wenn man es genau nahm, saß sie hier mit jemand völlig Fremden im Auto, was ihr ja nicht zum ersten Mal bewusst wurde. Hinzu kam, dass sie auch nicht wusste, wohin die Fahrt gehen sollte. Im Fernsehen war das entweder romantisch oder absolut gruslig, doch für sie fühlte es sich irgendwie normal an.
   Vermutlich fehlt die passende Filmmusik, dachte sie und stellte sich die aktuelle Szenerie mit der entsprechenden Musik vor. Das brachte sie innerlich zum Schmunzeln.
   Während der Fahrt warf Anna heimliche Seitenblicke zu ihrer Begleitung, aus der sie nicht schlau wurde. Irgendwann fing Dorian an zu lachen.
   »Kannst du aufhören, mich die ganze Zeit komisch von der Seite anzuschauen? Wenn dir etwas auf dem Herzen liegt, dann raus damit. Oder sehe ich so unverschämt gut aus, dass du deinen Blick nicht von mir abwenden kannst?«
   Anna wurde heiß. Erwischt – wie peinlich. Sicherlich gab es Menschen, die ihn den ganzen Tag über anstarren könnten, doch sie gehörte nicht dazu. »Das hättest du wohl gern«, überspielte sie ihre Verlegenheit. »Überschätz dich nicht – ich hab schon Hübschere als dich gesehen«. Eine glatte Lüge, denn sie konnte sich an niemanden erinnern, der nur annähernd so attraktiv war wie er – aber das musste er nicht wissen. »Wo fahren wir hin?«, versuchte sie, das Thema zu wechseln.
   Dorian durchschaute sie schnell. »Das wird nicht verraten. Lass dich überraschen. Ich glaube aber nicht, dass das wirklich das ist, was du wissen wolltest. Sei nicht schüchtern«, forderte er sie auf. »Du kannst mich alles fragen.«
   Anna dachte einen Augenblick lang über seine Worte nach und seufzte dann ergeben. »Na gut«, sagte sie und rutschte zu ihm herum, um ihn während ihrer Unterhaltung anblicken zu können. »Ich habe mich gefragt, was du machst, wenn du deine Zeit nicht gerade in der Bibliothek verbringst.«
   »Was genau meinst du? Möchtest du unauffällig wissen, ob ich in meiner Freizeit hübsche, junge Frauen entführe und böse Dinge mit ihnen anstelle?« Anzüglich zog er die Augenbrauen hoch. »Böse ist dabei natürlich eine Frage der Definition.«
   Sie überlegte, ihm für diesen Kommentar auf die Schulter zu boxen, hielt sich jedoch zurück und schüttelte, nun ebenfalls grinsend, den Kopf. »Blödmann«, rutschte es ihr dennoch heraus. »Ich meine, was sind deine Hobbys? Was machst du beruflich?«
   Dorian schien es mit Humor zu nehmen, lachte und wuschelte sich dabei mit der Hand durch die kurzen schokoladenbraunen Haare. »Das ist nicht meine Schuld«, verteidigte er sich. »Du darfst mir bei deinen Fragen nicht so viel Spielraum für Antwortmöglichkeiten geben.« Er strich ihr kurz liebevoll über das Knie.
   Anna horchte in sich hinein, ob sie diese Berührung als unangenehm und zu früh empfand, doch sie enthielt nichts Anzügliches und ihre Alarmglocken schrillten nicht. Alles in Ordnung.
   »Ich möchte es mal so formulieren, ohne einschüchternd wirken zu wollen. Ich habe eine verantwortungsvolle Führungsposition in einem Betrieb mit vielen Mitarbeitern und Kunden.« Er überlegte kurz. »Ja, ich denke, so kann ich das stehen lassen. Und zu meinen Hobbys – das ist schwieriger, denn meine Arbeit nimmt einen großen Teil meines Lebens ein. Generell bin ich gern unter Menschen, interessiere mich für ihre Schicksale und mag es, ihre Gesellschaft zu genießen. Dass ich gern lese, weißt du ja schon. Außerdem bin ich ein Freund davon, neue Dinge und Wege auszuprobieren. Man kann nur wissen, was einem gefällt, wenn man es getestet hat, nicht?«
   Anna nickte, obwohl sie das anders sah. Wenn sie ehrlich war, blieb sie lieber in ihrer Wohlfühlzone und damit bei den Dingen, die sie kannte und von denen sie wusste, dass sie ihr gefielen, anstatt Neues auszuprobieren. Sie wollte jedoch nicht gleich zu Anfang zeigen, was für langweilige Ansichten sie vertrat, und zu ihrem Glück fragte Dorian auch nicht weiter nach.
   »Noch irgendwelche Fragen?« Er sah sie gespannt an.
   In Annas Kopf befand sich noch ein ganzer Haufen an Fragen – welche sollte sie zuerst stellen? Darüber musste sie einen Augenblick nachdenken. »Hm«, machte sie, während sie sich mit dem Finger über die Lippen strich. Als sie merkte, wie Dorians Blick daran hängen blieb, nahm sie die Hand schnell wieder runter. Die Lippen stellten definitiv eine Tabuzone dar.
   »Machst du so was öfter?«, fragte sie und hoffte nur, dass er sich davon nicht auf die Füße getreten fühlte.
   Dorian legte den Kopf schief und sah sie verständnislos an. »Was genau, Anna? Du musst präziser werden. Das hatten wir doch gerade erst, oder möchtest du wieder eine freche Antwort?« Er grinste schelmisch.
   Sie ließ sich nicht beirren, holte in einer großen Geste aus und umfasste damit sich, das Taxi und ihn. Alles. »Na, fremde Damen zu einem Kaffee einladen und das zu einem spektakulären Überraschungsausflug ausweiten. Vielleicht war das mit der Entführung vorhin ja kein Scherz von dir.« Als sie das sagte, riss sie im gespielten Ernst die Augen auf und versuchte, ihn entsetzt anzusehen.
   Dorian schüttelte amüsiert den Kopf. »Entspann dich, Anna. Solche Situationen sind was vollkommen Alltägliches. Menschen lernen sich ständig irgendwie irgendwo kennen. Zu meinem Bedauern wurde das alles zunehmend mehr ins Internet verlagert. Hoch lebe die moderne Technik, bei der man sich hinter dem Bildschirm verstecken kann. Zum Glück versteckst du dich lieber hinter Büchern, sonst würde ich diese humorvolle Unterhaltung nicht mit dir führen. Du wirkst überrascht darüber, dass ich dich eingeladen habe. Sag mir Anna, wieso sollte ich dich nicht kennenlernen wollen?«
   Okay, Dorian hatte natürlich recht. Anna lebte einfach hinter dem Mond, was Dinge wie Kennenlernen und Verabredungen anging. Mit seiner Frage traf er direkt ins Schwarze. Gruslig, wie schnell er sie durchschaute. Sie wollte ihm diese nicht beantworten, denn dann hätte sie ihr angeknackstes Selbstbild offenbaren müssen, und dafür war es definitiv noch zu früh.
   »Und wieso warst du dir sicher, dass ich heute erscheinen würde? Schließlich hast du mich nicht einmal gefragt!« Aus dem letzten Teil konnte man ihre Empörung über seine Dreistigkeit deutlich heraushören.
   Dorian umging die Tatsache, dass sie seine Frage nicht beantwortete, und zuckte mit den Schultern, während er leise über ihre Entrüstung lachte. »Du bist süß. Ich wusste es nicht. Woher auch? Du hättest mich genauso gut für unsympathisch halten und dort versauern lassen können. Ich habe gehofft, dass es nicht so ist, und siehe da – das Glück, oder Schicksal, wie man es auch nennen mag, stand auf meiner Seite.«
   Das brachte Anna für einen Moment zum Schweigen. Gestern hatte Dorian so selbstsicher geklungen – ein Irrglaube. Wenn man es genau nahm, gründete ihre Einschüchterung auf einer falschen Annahme. Sie begriff nach und nach, dass Dorian nur ein normaler Typ und kein Übermensch war, und damit gewann er gleich ein paar Sympathiepunkte. Nach und nach fing sie an, sich mit ihm auf eine Ebene zu stellen und das machte die ganze Situation für sie erheblich leichter, als sich ständig als das hässliche Entlein neben ihm zu betrachten. »Mit der Antwort habe ich nicht gerechnet«, gab sie offen zu, und Dorian knuffte sie freundschaftlich auf die Schulter.
   »Du solltest dich von dem ersten Eindruck nicht blenden lassen. Es ist oft so, dass viel mehr hinter den Personen steckt, als man im ersten Augenblick meinen mag.«
   Anna überkam mit diesen Worten ein merkwürdiges Gefühl von Unwohlsein, und der Anflug einer Gänsehaut wurde spürbar. Sie konnte sich nicht erklären, woher das auf einmal kam, und einen Herzschlag lang verwirrte es sie, ehe sie es auf einen verirrten Luftzug schob und sich wieder Dorian widmete.
   »Ich bin im Übrigen davon überzeugt, dass wesentlich mehr in dir steckt, als man auf den ersten Blick meinen könnte«, fügte er hinzu.
   Und dabei lächelte er sie warm an, sodass Anna nicht anders konnte, als zurückzulächeln. Trotzdem wollte sie die Unterhaltung auf ein anderes, unverfänglicheres Thema lenken. »Magst du mir verraten, wie alt du bist? Ich weiß, dass es nicht höflich ist, das zu fragen, aber soweit ich mich erinnere, haben wir die Höflichkeiten vorhin abgelegt.«
   »O ja, ich erinnere mich. Na, dann wird diese Frage wohl erlaubt sein«, witzelte er. »Ich denke man könnte sagen, dass ich in dieser Gestalt seit achtundzwanzig Jahren umherwandle.«
   »Da hat der liebe Gott es anscheinend gut mit dir gemeint, denn er hat dir eine recht ansehnliche Gestalt gegeben«, griff sie seine Formulierung auf und grinste. Irgendwie machte diese Unterhaltung mit Dorian Spaß. Vor allem erinnerte es sie an die dämlichen und sinnlosen Gespräche, die sie mit Benjamin führte und ebenfalls liebte.
   »Ob der liebe Gott dafür verantwortlich ist, sei dahingestellt, aber ich bin auch ganz zufrieden. Hier und da gibt es noch ein paar Verbesserungsmöglichkeiten, aber wer ist schon perfekt?«
   Das konnte Anna kaum glauben, doch selbst wenn es hier und da einen kleinen Makel gab, war er nah dran an der Perfektion – zumindest äußerlich. Über seinen Charakter konnte sie noch nicht viel sagen. »Niemand sollte perfekt sein«, gab sie ihre Meinung kund. »Der Mensch strebt meiner Ansicht nach sowieso zu sehr nach Perfektion. Es sind gerade die Ecken, Kanten und Mängel eines jeden, die uns interessant und einzigartig machen.«
   Dorian legte den Kopf schief und sah sie nachdenklich an. Seine Hand lag dabei unruhig auf seinem Knie und glitt immer wieder darüber. Was machte ihn nervös? Nicht etwa ihre Anwesenheit?
   »Ich denke, dass das eine kluge Antwort und eine vernünftige Einstellung ist. So genau habe ich darüber noch nie nachgedacht, wenn ich ehrlich bin. Das Streben nach Perfektion wird uns jeden Tag ans Herz gelegt, doch deine Betrachtungsweise erscheint mir viel gesünder. Das gefällt mir.« Er grinste wieder und wuschelte sich mit einer verlegen-wirkenden Geste durch die Haare. »Waren das alle Fragen oder möchte Madame Anna noch irgendetwas wissen?«
   Sie schüttelte den Kopf. Für den Moment war sie zufrieden. Überraschenderweise lehnte sich Dorian jetzt zu ihr herüber. »Gut, dann bin ich dran«, flüsterte er ihr ins Ohr.
   Das löste zwei Reaktionen in ihr aus. Zum einen verursachte sein Atem – der nicht nur ihr Ohr, sondern auch kurz ihren Hals streifte und sie kitzelte – einen wohligen Schauder. Zum anderen stieg aber auch Panik in ihr auf. Was würde er wissen wollen? Anna betete, dass er nicht mit irgendwelchen Fragen zu ihren sexuellen Vorlieben oder dergleichen ankam, denn dann hätte sie auf der Stelle dieses Taxi verlassen müssen. Dabei wusste sie nicht einmal, in welchem Stadtteil sie sich befanden – in dieser Gegend war sie noch nie gewesen. Dorian schien das aufsteigende Entsetzen in ihrem Gesicht zu bemerken. Auf jeden Fall versuchte er, sie sogleich zu beruhigen, nachdem er wieder von ihr abrückte.
   »Mach dir keine Sorgen. Ich habe nur eine einzige, harmlose, kleine Frage.«
   Anna schluckte. Ob eine Frage harmlos war, entschied sie lieber selbst. »Die wäre?«, fragte sie daher und wünschte sich in diesem Moment Dorians augenscheinliche Gelassenheit.
   Er lehnte sich entspannt zurück und blickte aus dem Fenster. Sie tat es ihm gleich, und stellte fest, dass sie an Luxushäusern, teuren Restaurants und Edelboutiquen vorbeifuhren. Vermutlich würde sie sich hier nicht einmal ein Paar Socken leisten können. Ihre Sorge stieg, dass sie hier haltmachen würden. Sein Blick wanderte zurück zu ihr und ein Lächeln huschte erneut auf seine Lippen.
   »Ich will dich nicht länger auf die Folter spannen«, sagte er und sein Ton hatte etwas Freches, Neckisches. In Wirklichkeit kostete er sicherlich diesen Augenblick aus und genoss den Nervenkitzel. »Ich möchte nur wissen …«
   Ihr Herz drohte stehen zu bleiben. Konnte er nicht endlich sagen, was er wollte? Langsam zog er jede einzelne Silbe. Wie gemein.
   »… ob du mir den Gefallen tust und zumindest versuchst, die nächsten Stunden zu genießen? Du bist angespannt. Ich auch ein bisschen, aber dafür gibt es keinen Grund. Ich verspreche dir, dass ich dich nicht entführen, umbringen oder andere Dinge mit dir anstellen werde, wenn du sie nicht willst.« Er musste kurz auflachen und versuchte, es mit einem Räuspern zu unterdrücken. »Deine Absichten kenne ich natürlich nicht, doch ich möchte einen schönen Tag haben und habe nur das Beste im Sinn. In Ordnung?«
   Sie brauchte eine Sekunde, um seine Worte zu realisieren. Das war es? Mehr nicht? Und dafür quälte er sie? Sie nickte ihm zu, und sein Gesicht nahm einen zufriedenen Ausdruck an. Zumindest könnte sie es versuchen. Es kehrte für einige Minuten Stille ein und jeder hing seinen Gedanken nach. Obwohl Anna Stille bei Fremden nicht gut ertragen konnte, empfand sie diese nicht als unangenehm und genoss den Ausblick, den ihr das Autofenster bot. Draußen veränderte sich die Umgebung. Die Gebäude wurden weniger und dafür erblickte Anna immer mehr Grün. Hier war es schön. Irgendwann wurde der Wagen langsamer, bis er schließlich zum Stehen kam.
   Dorian drückte dem Fahrer ein paar Scheine in die Hand und deutete Anna auszusteigen. Auf den ersten Blick schien hier nichts Besonderes zu sein. Sie erblickte Häuser, Autos, Geschäfte und ein paar Grünflächen, aber nichts, was diese halbstündige Fahrt gerechtfertigt hätte. Dorian ließ sich von ihrem skeptischen Gesichtsausdruck nicht beirren und griff nach ihrem Arm, damit sie ihm folgte.
   »Schau nicht so. Ich weiß, dass es noch nicht beeindruckend ist, aber vertrau mir. Das wird dir gefallen.«
   Seine Berührung brannte auf Annas Haut. Als er sie nach einigen Metern wieder losließ, spürte sie genau, wo er sie berührt hatte, denn die Stelle hörte nicht auf zu prickeln. Sie bogen um eine Häuserecke und der friedliche Anblick, der sich ihr bot, zog sie in seinen Bann und das nicht, weil es derart besonders oder exklusiv war – im Gegenteil. Gerade die Einfachheit machte das Ganze atemberaubend. Hinter den Häusern verbarg sich ein Fluss und am Ufer gegenüber spiegelten sich die Bäume im klaren Wasser. Auch der Himmel und seine Wolken fand man darin wieder. An ihrer Seite des Ufers gab es eine Anlegestelle für Schiffe, einen Eiswagen und eine Wiese, auf der hier und dort einige Menschen verstreut saßen. Es wirkte alles idyllisch, doch anscheinend sollte das noch nicht ihr Ziel sein, denn Dorian ging noch weiter am Ufer entlang und steuerte auf etwas weiter hinten zu. Sie folgte ihm brav und verkniff sich die nervige Frage, ob sie bald da seien, auch wenn es ihr Freude bereitete, ihre Begleitung zu necken.
   Schließlich standen sie vor einer Strandbar, was sie erst im letzten Moment realisierte. Überall befanden sich die unterschiedlichsten Sitzgelegenheiten wie Bänke, Stühle, Sessel oder Körbe. Die Wege über den Sand waren mit Holzplatten gepflastert und links und rechts mit Kerzen gesäumt. Hier und dort standen Kübel mit großen und kleinen Palmen oder anderen exotisch wirkenden Pflanzen. Anna konnte sich gut vorstellen, wie romantisch es wäre, im Sonnenuntergang oder bei Nacht hier zu liegen und die Atmosphäre zu genießen.
   Dorian leitete sie an alledem vorbei und ihr Blick fiel auf eine kleine Brücke, die über das Ufer zu einer mit einem Baldachin überdachten Matratze führte. Der Stoff war so dünn, dass man bei Nacht dadurch bestimmt die Sterne betrachten konnte. An jeder der vier Ecken stand eine Feuerschale, die zur gegebenen Zeit sicherlich für Wärme und ein freundliches Licht sorgten. Dieser Platz war ideal für Pärchen geeignet. Auf der Mitte der Matratze erblickte sie einen Picknickkorb mit vielen Leckereien. Das Schild, das vor dem Korb lehnte, trug in großen schwarzen Buchstaben das Wort »Havoc« und brachte unmissverständlich zum Ausdruck, dass Dorian das hier organisiert haben musste.
   »Setz dich«, sagte er und deutete auf die Matratze.
   Anna folgte seiner Aufforderung und auch Dorian ließ sich nieder. Dann nahm sie das Schild in die Hand und wedelte damit vor seiner Nase herum.
   »Du bist kilometerweit mit mir gefahren, nur um mit mir hier ein kleines Picknick machen können? Hätte es nichts Vergleichbares in unmittelbarer Nähe des Stadtzentrums gegeben?«, fragte sie und ließ ihre Stimme betont fröhlich klingen, obwohl sie diese Frage ernst meinte.
   »Nein, kein Ort, an dem ich bisher war, ist vergleichbar mit diesem hier. Diese Ruhe und Idylle – ich finde, die Atmosphäre hier trägt etwas Einzigartiges, was man nicht greifen kann.« Er zwinkerte ihr zu. »Also nur das Beste für mi…, äh, dich.«
   »Soso«, erwiderte sie und fing an, den Korb auf seinen Inhalt zu untersuchen. Zum einen, weil sie hungrig geworden war und zum anderen, weil die Neugierde sie gepackt hatte.
   »Da ist aber jemand voreilig. Keine Geduld, na so was«, tadelte ihr Gegenüber kopfschüttelnd und half ihr beim Auspacken.
   Gemeinsam kramten sie unter anderem Erdbeeren, herrlich duftendes Brot, Schokolade, Käsehäppchen, Tomaten und eine Flasche frisch gepressten Orangensaft hervor. Es war für jeden Typ – ganz gleich, ob süß oder herzhaft – etwas dabei. Anna lief das Wasser im Mund zusammen. Sie liebte Erdbeeren und wusste gar nicht, dass es so früh im Juni schon welche zu kaufen gab.
   »In Ordnung, ich glaube wir sind quitt«, kommentierte sie den Inhalt des Korbs, während sie sich genussvoll eine Erdbeere in den Mund schob.
   »Quitt?«, fragte Dorian verwirrt. »Ich kann mich nicht erinnern, noch eine Rechnung bei dir offen gehabt zu haben.«
   »Doch, doch«, erwiderte Anna und hob nun ihrerseits tadelnd den Finger. »Du hast gestern dein Buch liegen gelassen und nicht zurück ins Regal gestellt. Deswegen konnte ich nicht pünktlich meinen Arbeitsplatz verlassen. Zwei Minuten unbezahlte Arbeitszeit, lieber Herr Havoc. Nicht sehr gentlemanlike.« Obwohl Anna bei diesen Worten versuchte, ernst zu bleiben, prustete sie schließlich los, und auch Dorian stimmte in ihr Lachen mit ein.
   »Du hast recht. Was für ein Glück, dass ich diese Schuld nun begleichen konnte.«
   Eine Weile saßen sie da, genossen die Köstlichkeiten, lachten und tauschten sich über Belanglosigkeiten aus. Nach und nach gewann ihre Unterhaltung an Tiefe, was Anna gefiel. Sie mochte, dass man mit Dorian viel lachen konnte, aber auch die ernsten Seiten gehörten zum Leben dazu. Daher sprach sie den gesitteten Gesprächen genauso viel Relevanz zu wie den Albernheiten.
   »Wieso bist du eigentlich ständig schick angezogen?«, wollte sie von ihm wissen. Dass er während seiner Arbeitszeit mit Hemd und Weste herumlief, erschien ihr einleuchtend. An einem Samstag wie diesem gab es aber keinen offensichtlichen Grund, sich nicht der Bequemlichkeit hinzugeben. Dorian zuckte mit den Schultern.
   »Für mich passt dieser Stil zu meinem Charakter – gradlinig, engagiert, zielorientiert, aber auch offen und nicht versteift. Das möchte ich ausstrahlen. So weiß man von Anfang an, woran man bei mir ist.«
   Anna dachte darüber nach, welchen ersten Eindruck er bei ihr hinterlassen hatte und im Großen und Ganzen stimmte es mit seinen Worten überein. Wobei Respekt einflößend ihr fehlte. Das konnte gut, aber in gewissen Situationen auch schlecht sein. Wären ihre Lebensumstände andere gewesen, hätte sie sich vermutlich auf kein Treffen mit ihm eingelassen.
   Bevor Anna auf seine Worte reagieren konnte, passierte etwas Unerwartetes. Es fing an zu regnen. Eben noch war der Himmel strahlend blau und die Sonne herrlich warm gewesen und von jetzt auf gleich schlug das Wetter komplett um. Quietschend sprang Anna auf, weil der dünne Baldachin keinen Schutz bot, und fing hektisch an, das Essen zurück in den Korb zu räumen. Sie hatte keine Ahnung, wo die Wolken plötzlich herkamen, und es erschien ihr weit entfernt jeglicher Logik. Kurz zuvor war nicht eine einzige Wolke am Himmel gewesen. Eigentlich unmöglich.
   »Schnell, hilf mir«, rief sie Dorian zu, doch der grinste nur fasziniert über das ganze Gesicht und sah total entspannt aus.
   »Lass liegen«, sagte er stattdessen. »Lass uns lieber schwimmen gehen.«
   Anna hielt mitten in der Bewegung inne, aber bevor sie analysieren konnte, ob ihre Ohren ihr gerade einen Streich spielten, streifte Dorian sein weinrotes Hemd und die schwarze Hose ab und gab ihr damit die Antwort. Ungläubig betrachtete sie das Bild von einem Mann, das sich ihr bot, von oben bis unten, ehe dieses mit einem Sprung im Wasser des Flusses verschwand. Als er wieder auftauchte, grinste er ihr entgegen.
   »Komm schon. Du bist sowieso schon nass. Es macht keinen Unterschied.«
   Sie konnte seine Worte von einer gewissen Logik nicht freisprechen, trotzdem zierte sie sich. Es entsprach nicht ihrer Art, sich vor anderen zu entkleiden und derartige verrückte Aktionen durchzuführen. Außerdem erinnerte sie diese Situation an den regnerischen Tag mit Caleb und ihr Herz wurde warm und schwer zugleich. Darum schüttelte sie energisch den Kopf.
   »Es tut mir leid, Dorian«, rief sie ihm zu, »aber ich möchte gehen.« Zügig packte sie die letzten Sachen in den Korb und ging den Steg entlang zurück zur eigentlichen Strandbar, um sich dort unterzustellen und zu warten. Ihr blieb nichts anderes übrig, schließlich wusste nur Dorian, wo sie sich befanden. Er folgte ihr einige Minuten später. Zum Glück wieder mit Hose und Hemd bekleidet, wobei der Stoff nass an seinem Körper klebte. Anna schluckte schwer und richtete ihren Blick lieber auf seine feuchten Haare.
   »Jetzt vermittelst du eher den Eindruck von nasser Pudel«, witzelte sie und hoffte, dass ihre Entscheidung, nicht ins Wasser zu kommen, nicht für Anspannungen zwischen ihnen sorgte. Dorian grinste und wuschelte sich verspielt durch die Haare, damit ihr ein paar Tropfen ins Gesicht flogen. Sie hielt sich schnell die Hände vor das Gesicht, um diese abzuwehren.

Als sie sich auf dem Rückweg im Taxi befanden, verschwand der Regen genauso schnell, wie er gekommen war, und der Himmel erstrahlte erneut in einem klaren Blau.
   »Das habe ich noch nie erlebt«, äußerte sich Anna dazu, doch Dorian zuckte wieder nur mit den Schultern.
   Schien eine Eigenart von ihm zu sein. Eine Weile schwiegen sie, ehe Anna die Stille nicht mehr aushielt. Sie fühlte sich nicht wohl und wollte versuchen die Stimmung auflockern.
   »Wieso hast du mich ausgerechnet zur Mittagszeit an eine Strandbar ausgeführt?«
   Dorian sah auf und blickte sie an. »Wie meinst du das?«, hakte er nach, was Anna die Hitze ins Gesicht trieb.
   Die Intention dieser Frage erschien ihr offensichtlich, aber da irrte sie wohl.
   »Na, du weißt schon. Kerzen, Sonnenuntergang, Romantik…«, gab sie nur kurz wieder und schaffte es nicht, ihrem Gegenüber ins Gesicht zu sehen. Wenn man eine Frau auf ein Date einlud, erwartete man eher diese Richtung, doch er hatte sich nicht dafür entschieden. Zu ihrer Erleichterung hörte sie Dorian leise lachen.
   »Ich wollte dich kennenlernen und nicht ins Bett bekommen. Einfache Geschichten bedeuten mir nichts. Es wäre manipulativ gewesen, dich abends dorthin mitzunehmen. Ich möchte nicht die Kerzen meine Arbeit machen lassen.«
   Oha, vielversprechende Worte.
   Er legte seine Hand unter Annas Kinn, um es hochzudrücken und sie anzusehen. »Ich habe dir doch gesagt, dass ich gute Absichten habe.«
   Während er das sagte, strich er mit dem Daumen die Linie ihres Gesichts entlang. Das sorgte nur für noch mehr Hitze auf Annas Wangen. Glücklicherweise ließ er das unkommentiert.
   »Obwohl das Ganze heute nur ein kurzes Vergnügen war und ein abruptes Ende gefunden hat, würde ich mich freuen, wenn wir das wiederholen würden. Ich für meinen Teil hatte viel Freude und habe mich in deiner Gegenwart wohlgefühlt.«
   Und nun zeigte sich wieder der selbstbewusste Dorian, von dem sie nicht wusste, was sie von ihm halten sollte. Noch ehe Anna zu einer Antwort ansetzen konnte, zauberte er einen Stift hervor und schrieb ihr seine Handynummer auf das Handgelenk. Alles Weitere ging auf einmal ganz schnell. Das Taxi hielt, Dorian gab ihr einen zarten Handkuss, verließ ohne ein weiteres Wort den Wagen und ließ die perplexe Anna allein zurück. Sie schüttelte den Kopf über die letzten Minuten. Unfassbar. Irgendwie konnte man Dorian mit dem Regenschauer von eben vergleichen: Er tauchte plötzlich auf, traf einen mit voller Wucht und verschwand genauso schnell, wie er gekommen war – ohne sich um die Kollateralschäden zu kümmern. Annas Kopf rauchte von dem Chaos in ihrem Innern. Ihr Herz raste. Diesen Tag würde sie in Ruhe Revue passieren lassen müssen.

2

Einsamkeit. Kälte. Dunkelheit. Das kannte er. Jetzt kamen jedoch zusätzliche Faktoren hinzu, die ihn quälten. Erinnerungen. Sehnsüchte. Träume – von Anna angetrieben. Oh, könnte er nur vergessen. Ihr Lachen hallte in ihm, ihr Gesicht spiegelte sich vor seinem inneren Auge wider. Wie er sie vermisste. Das schmerzte im Moment mehr als alles andere. Caleb hatte vergessen, wie sehr ihn der Verlust einer Person aus dem Alltag riss. Alles, die Finsternis, das Alleinsein erschien erträglicher als diese verdammte Hoffnung, sie würde jeden Augenblick das Buch öffnen.
   Anna war immer offen ihm gegenüber gewesen, und die Trauer über ihren kranken Großvater stand ihr immerzu ins Gesicht geschrieben. Sie würde ihn nie als Alibi benutzen. Dafür erschien sie ihm zu unschuldig und ehrlich – aber was wollte dieser dreckige Kerl unten in ihrem Wohnzimmer? Wie passte das zusammen? Er sollte sich von ihr fernhalten – vor allem, wenn die Zeit eigentlich ihm gehörte. Wie konnte Caleb da nicht ausrasten?
   Doch selbst wenn er netter zu Anna gewesen wäre, hätte das alles nirgendwohin geführt. Er blieb gefangen, bis sich jemand für ihn opferte. Punkt. Früher oder später wäre er also so oder so in diese Situation gekommen. Wieso konnte der Wahnsinn ihn nicht ergreifen und endlich dafür sorgen, dass er vollends den Verstand verlor? Er wollte nicht mehr Herr seiner Sinne sein. Wollte nicht mehr über die Situation, seine ganzen Fehler oder seine Unzulänglichkeiten nachdenken. Es brachte nichts, Getanes oder nicht Getanes zu bereuen. Vergangenes ließ sich nicht mehr ändern. Viel zu oft kreisten die gleichen Gedanken durch seinen Kopf und brachten ihn an den Abgrund seiner jetzigen Existenz. Es gab kein Zurück, kein Entkommen – nicht für ihn. Caleb hatte dieses Spiel satt. Dumm nur, dass er nicht der Spielleiter, sondern nur eine dumme Witzfigur in diesem Ganzen war. So musste er nach den Regeln des Teufels spielen, und dieser würde sie höchstens zu seinen eigenen Gunsten ändern. Wie gern hätte er die Zügel in der Hand! Wenn es nur einen anderen Ausweg geben würde, er hätte ihn längst gewählt – ganz gleich, welchen. Alles, was in seiner Macht stand, erwies sich jedoch als hoffnungslos. Das hier sollte sein nie endendes Schicksal sein. Der Teufel würde sich niemals geschlagen geben und genauso lange leben wie er selbst. Ein Schatten schwarz wie seine Umgebung legte sich um sein Herz und breitete sich in ihm aus. Sein alter Freund, sie kannten sich gut – die Verzweiflung und er.


*

Anna blickte dem Taxi nach, bis es um eine Ecke bog und verschwand. Der Taxifahrer hatte sie zwar gefragt, ob er sie noch woanders hinbringen sollte, doch sie wollte von hier aus lieber zu Fuß nach Hause. Die frische Luft und das Laufen würden ihr helfen, den Kopf freizubekommen. Als sie vor ihrer Haustür stand, kreisten ihre Gedanken jedoch nach wie vor um den verwirrenden Dorian und den temperamentvollen Caleb.
   Sie setzte sich im Treppenhaus auf den erstbesten Treppenabsatz und ließ seufzend das Gesicht in die Hände sinken. Wo war sie nur hineingeraten? Vor ein paar Monaten fühlte sich ihr Leben noch anders an, und nun befand es sich nicht mehr auf der richtigen Spur – nicht nur wegen der Männer, sondern auch wegen ihres Großvaters. Das alles war zu viel und zu überwältigend, als dass sie das ohne Weiteres bewältigen könnte. Jede einzelne Stunde der letzten Wochen würde ihre Seele ein Leben lang zeichnen.
   Von den Ereignissen des Tages fühlte sich Anna aufgewühlt. Dem wollte sie auf den Grund gehen. Dorians Lachen und seine offene Art hatten eine ansteckende und berauschende Wirkung. Sie lachte viel mehr und fühlte sich weniger wie sie selbst. Wenn sie genauer darüber nachdachte, hatte sie bis auf wenige Ausnahmen kaum etwas über diesen braunhaarigen Schönling erfahren. Damit blieb Dorian genauso inhaltslos, undurchsichtig und geheimnisvoll wie Caleb. Fantastisch. Noch so einer. Das ganze Hin und Her und die Vergleiche brachten doch nichts. Wollte sie ihn wiedersehen? Darüber sollte sie sich Klarheit verschaffen. Letztendlich wollte Anna keine falschen Hoffnungen wecken oder sich in etwas verrennen, das von Anfang an nicht mehr als eine Abwechslung sein sollte.
   Dorian schien ein netter und humorvoller Typ zu sein, und er zählte definitiv zu den attraktivsten Menschen, die ihr je über den Weg gelaufen waren. Fühlte sie sich zu ihm hingezogen? Ja, aber wer würde das nicht? Dafür schämte sie sich nicht. Das merkwürdige Gänsehautgefühl in seiner Nähe wusste sie allerdings nicht zu deuten. Heute hatte sie viel mit ihm gelacht und ihre Sorgen vergessen können, aber so oder so war Dorian, egal wie großartig und umsichtig er sein konnte, nicht Caleb.
   Sie wäre viel lieber mit Caleb als mit dem grünäugigen Schönen an dieser Strandbar gewesen. Das alles fühlte sich falsch an. Der Knoten in ihrer Magengegend bestätigte ihr das. Als hätte sie Caleb betrogen und hintergangen. Damit kam sie dem eigentlichen Problem langsam auf den Grund: Wie stand sie zu Caleb? Hier schien der wesentliche Ursprung für ihr Ungleichgewicht zu liegen.
   Sie merkte eindeutig das Loch, das die Distanz zu diesem Buch in ihrem Leben hinterließ. Das war ironisch, denn erst vor Kurzem hatte sie sich mehr Freiheiten und weniger Kontrolle gewünscht, doch mit Calebs Verschwinden fühlte sie sich nicht mehr ganz. Irgendetwas fehlte. Es herrschte keineswegs Zufriedenheit über diesen Zustand – im Gegenteil – Leere und ein schlechtes Gewissen erfüllten sie. Die letzten Wochen hatte sie sich noch nicht eingestehen wollen, wie sehr sie ihn vermisste. Sie realisierte, dass sie mit Absicht die Augen davor verschloss und jeden Gedanken und jede Gefühlsregung in die hinterste Ecke ihres Bewusstseins verdrängte. Die Sache mit Dorian ließ sie allerdings aufstoßen. Obwohl dieser Gedanke Anna ängstigte, musste sie sich eingestehen, dass sie Caleb mochte – mehr als das. Sie hegte eindeutig tiefere Gefühle für ihn und dieses Date mit Dorian führte ihr diese Tatsache mehr als je zuvor vor Augen. Sie konnte nicht sagen, wann oder warum das passiert war, aber es ließ sich nicht länger leugnen.
   Anna begann ihren Nacken zu massieren. Diese ganze Situation erschien ihr makaber. Wie konnte man nur Gefühle für ein Buch entwickeln? Für gestaltlose Worte? Anders als bei einem Chatpartner könnte sie nicht einfach ein persönliches Kennenlern-Treffen mit ihm vereinbaren, um zu schauen, ob die Harmonie weiterhin stimmte. Was mochte sie eigentlich an ihm? Er war stur, temperamentvoll, kompliziert, herrisch und uneinsichtig. Außerdem wusste sie fast nichts über ihn, weil er seine Vergangenheit geheim hielt. Da empfand sie seit Jahren für alle nur Freundschaft und dann das! Das volle Chaos. Sie kam sich unendlich dumm vor – doch war es wirklich so einfach? Sie tat ihm Unrecht, ihn auf seine schlechten Eigenschaften zu reduzieren und ihre augenblickliche Meinung bezog sich auf ihre letzte Auseinandersetzung. Er konnte auch mitfühlend, verständnisvoll, verletzlich und ehrlich sein. Dementsprechend hatte er durchaus seine Vorzüge. Die letzten Wochen gehörten, trotz allem Schlechten, zu den schönsten ihres Lebens. Caleb beherrschte es gut, ihr Trost und Freude zu spenden und sie aus ihrer Wohlfühlzone zu locken, ohne, dass sie es später bereute. Er holte sie zurück ins Leben, aber was war, wenn sie am Ende nur das Bild in ihrem Kopf mochte und das nicht mit seinem wahren Wesen übereinstimmte? Dieser Gedanke bereitete ihr Sorgen. Existierte dieser Caleb aus ihrer Vorstellung? Oder hatte sie sich ihn zusammengewürfelt und zurechtgebogen? Das wäre fürchterlich. Anna konnte nur hoffen, dass das nicht der Fall war, und sie wollte fest daran glauben.
   Wie wollte sie mit diesen neuen Erkenntnissen umgehen? Wenn man das alles durchdachte, blieben ihr nur drei Möglichkeiten. Entweder sie mied Caleb weiterhin, ignorierte den schmerzhaften Stich und die Leere in ihrem Innern, bis er abklang und das alles in Vergessenheit geriet. Dann sollte sie ihn zurück ins Lager bringen. Möglichkeit Nummer zwei: Sie würde den Kontakt zu Caleb aufnehmen, mit ihm über ihre Gefühle reden, und vielleicht bestand sogar Hoffnung für ihn, seinem Schicksal zu entrinnen. Oder, die abwegigste Möglichkeit, sie würde wieder mit Caleb schreiben, ihm ihre Gefühle jedoch verheimlichen. Das machte allerdings absolut keinen Sinn – warum sollte sie das tun? Um sie und ihn zu quälen? Ganz oder gar nicht, beschloss Anna. Wobei sie kurz überlegte, diese ganzen Gedankenexperimente zu lassen, alle Erkenntnisse über Bord zu werfen und sich vor den Fernseher zu setzen.
   Für welche der übrigen Möglichkeiten sollte sie sich entscheiden? Anna verspürte noch Wut aufgrund seiner ungerechtfertigten Anschuldigungen. Er verdiente es durchaus, im Keller der Bibliothek zu verrotten. Wo sollte dieses Misstrauen hinführen? Würde er ihre Worte ständig hinterfragen? Ihr zukünftig öfter solche Sachen unterstellen? Und wenn ihre Gefühle nur auf eine kleine Verliebtheit gründeten? Nichts mit der wahren Liebe. Wollte sie falsche Hoffnungen in ihm wecken? Was bedeutete überhaupt diese »wahre Liebe«, von der er sprach? Musste es beidseitig sein? Reichten Annas Gefühle? Würde sie am Ende auf die Probe gestellt werden? Sie ängstigte sich vor den Antworten auf diese Ungewissheiten – und vor dem, was sie erwartete. Wollte sie sich dem allen stellen? Und eine Liebschaft zwischen einem Buch und einer realexistierenden Person … wie sollte das funktionieren? Je mehr sie darüber nachdachte, desto deutlicher schien das Ganze zum Scheitern verurteilt zu sein. Es gab so viel »wenn« und »aber«, dass ihr davon schwindlig wurde.
   Anna sollte es lassen, Caleb nehmen und ihn zurück ins Lager bringen, damit er mit der Nächsten sein Glück versuchen konnte. Doch wieso schmerzte dieser Gedanke so? Diese Frage ließ sich ausnahmsweise leicht beantworten, denn die Antwort saß in ihrem Herzen: weil sie tief in sich wusste, dass sie Caleb nicht hergeben wollte – Wut und Ängste hin oder her. Er war besonders und es wert, dass man seinen inneren Schweinehund überwand und für ihn und seine Freiheit kämpfte. Nach dem ganzen Scheiß in seinem Leben schuldete sie es ihm, es zu versuchen. Damit fiel die Entscheidung. Wow. Eine ganze Kette an Gedanken und Gefühlen prasselte auf sie ein, und sie bemühte sich, einen klaren Kopf zu bewahren. Sie würde also mit Caleb sprechen. Damit ihre Entscheidung nicht noch ins Wanken geriet, sollte sie das am besten sofort tun. Ruckartig stand sie auf und schwankte mit zitternden Knien die Treppe hoch. Das fiel ihr unheimlich schwer. Ihre Füße fühlten sich bleiern an, und der Weg bis zu ihrer Wohnungstür kam ihr wie eine Ewigkeit vor.
   Mit wackligen Händen bekam sie den Schlüssel ins Schloss und atmete tief durch, ehe sie ins Bücherzimmers schritt. Eilig räumte sie die anderen Bücher in ihrem Regal zur Seite, bis sie diesen unverwechselbaren Buchrücken sah. Ihr Herz schlug bis zum Hals, als sie danach griff und sich das weiche Leder des Einbandes an ihre Finger schmiegte. Es kam ihr vor, als hätte sie das Buch ewig nicht mehr in ihren Händen gehalten, dabei waren gerade einmal drei Wochen vergangen.
   Der Gang bis zu ihrem Lesesessel fühlte sich ebenfalls wie ein halber Marathon an. Damit, Caleb aus dem Regal zu kramen, lag nur jedoch der leichteste Teil ihres Vorhabens hinter ihr. Immer noch zitterten ihre Hände unaufhörlich, und für den Moment schaffte sie es nur, das Buch anzustarren, weil sich ihre Finger nicht bewegen wollten. Dabei war diese Nervosität vollkommen bescheuert. Was sollte ihr passieren? Hier stand Calebs Schicksal auf dem Spiel – nicht ihres. Sie erwartete im schlimmsten Fall ein gebrochenes Herz, was mit der Zeit heilen würde, aber auf ihn warteten qualvolle Jahre in Dunkelheit und Einsamkeit. Anna wollte nicht tauschen. Trotzdem, auch ein gebrochenes Herz erschien ihr nicht ersehnenswert.
   Letztendlich fand Anna den Mut für den nächsten Schritt, klappte den Buchdeckel auf und blätterte sich durch die Seiten. Alles, was sie mit Caleb an Worten gewechselt hatte, jedes Textstück, jedes Gedicht, jede Zeichnung war noch an seinem ursprünglichen Platz. Es fühlte sich an, als würde sie durch ihr Leben zurückblättern und wundervolle Erinnerungen wurden in ihr Bewusstsein gerufen. Melancholie umfing sie. Sie schlug die letzte Seite ihres Dialogs auf. Mit ihrem letzten Gespräch vor ihren Augen – oder zumindest seinem Teil davon – bildete sich ein schwerer Klumpen in ihrer Magengegend. Der unfreundliche Umgang zwischen ihnen war keine schöne Erinnerung, und die Worte lasteten schwer auf ihrer Seele.
   Vermutlich würde Caleb ihr gerade ins Gesicht blicken – garantiert sogar. Was er darin lesen könnte? Und was er wohl dachte? Ein Gefühl von Überforderung überkam sie. Auf einmal sprudelten unzählige Gedanken auf sie ein, sodass es sie schier überwältigte. Am liebsten hätte sie ihm so viel erzählt, doch am Ende fehlten ihr die Worte. Wo sollte sie anfangen? Und vor allem, wie sollte sie ihm all das sagen, was sie empfand? Kurz wurde ihr schwindlig und ihre Gefühle drohten, sie zu überrennen. Es wäre einfacher, wenn er den ersten Schritt machen würde. Wieso schrieb er nichts? War er genauso überwältigt wie sie? Oder noch eingeschnappt? Fragen über Fragen, die es Anna unmöglich machten, sich zu sammeln, um einen Anfang zu finden. Wie hypnotisiert starrte sie auf die Buchseiten. Schließlich entschied sie sich für den Anfang, für etwas Einfaches und Unverfängliches, doch bis die Worte ihren Mund verlassen konnten, brauchte sie einige Herzschläge.
   »Caleb?«, fragte sie irgendwann. »Bist du da?« Wobei ihre Stimme nur einem Hauch glich. Ihr Herz drohte in ihrer Brust vor Nervosität zu zerspringen und Anna fühlte sich, als stünde sie kurz vor einem Infarkt. Natürlich war diese Frage dumm – er lebte in diesem Buch und konnte nicht anders, als präsent zu sein, trotzdem schien er darauf anzuspringen und ihr keinen Strick aus ihren Worten zu drehen.

Anna …? Oh, Anna, ich kann es nicht… Hast du mich nicht zurückgebracht? Es …, ich … Entschuldige, ich stehe gerade etwas neben mir.

Ihm ging es also wie ihr. Konnte sie Unglauben aus seinen Worten lesen? Hatte er ernsthaft geglaubt, sie würde ihn ins Lager zurückbringen? Ging er davon aus, dass er ihr so wenig bedeutete? Zugegeben, sie hatte darüber nachgedacht, aber es schlussendlich nicht übers Herz gebracht. Sie wollte sauer auf ihn sein, ihm sein bescheuertes Verhalten vorwerfen, doch nichts davon schien gerade von Bedeutung zu sein. Erleichterung über seine Reaktion durchströmte sie und seinen Worten konnte sie entnehmen, dass er nicht beabsichtigte, ihr Vorhaltungen zu machen. Für einen Moment gab sich Anna diesem tröstlichen Gefühl hin, ehe sie die Stille durchbrach.
   »Wie geht es dir?«, erneut eine dämliche Frage, aber die erste, die ihr in den Sinn kam. Sein Gefängnis aus Dunkelheit und Einsamkeit ließ ihn vermutlich nicht gerade Purzelbäume schlagen, doch sie wollte sich mit dieser Frage an seinen momentanen Gefühlszustand herantasten. Eventuell brodelte es unter seiner Oberfläche. Caleb brauchte wohl einen Augenblick, um in sich hineinzuhorchen, denn es dauerte einige Minuten, bevor er schrieb. Anna wartete geduldig. Sie wusste, dass das hier ein schwieriges Gespräch werden würde und sie fühlte sich, als wenn sie auf einem Seil zwischen zwei Hochhäusern balancierte.

Ich habe nicht mehr damit gerechnet, dass wir uns wiedersehen. Ich bin froh, dass ich falsch lag. Es tut mir leid, Anna, unendlich leid. Ich war ungerecht dir gegenüber. Ich möchte, dass du das weißt.

Anna konnte sich ein mildes Lächeln nicht verkneifen, als sie seine Worte las. Ihr tat es auch leid, und sie entschied, dass sie die Vergangenheit hinter sich lassen und das Ganze vergessen wollte. Es spielte keine Rolle mehr, sie würden darüber hinwegkommen, da war sie sich sicher. »Mir auch. Also lass uns kein Wort mehr darüber verlieren. Wir haben uns dumm verhalten und können in Zukunft nur daraus lernen.«
   Der Knoten in ihrem Inneren löste sich und machte einem vertrauten, warmen Gefühl Platz, das sie oft in Calebs Nähe empfand. Vielleicht hatte ihre eigene Angst vor dieser intensiven Empfindung zu ihrem Wunsch nach Abstand geführt? Sie konnte nicht ausschließen, dass sie das alles unterbewusst sabotieren wollte, weil sie sich insgeheim vor alledem fürchtete. Diese Furcht spürte sie auch jetzt. Noch wusste Caleb ja nicht, was ihn erwartete und wenn er es nicht gut auffasste? Manchmal musste man sich seinen Ängsten stellen und dies war so ein Moment.

Wie viel Zeit ist seit unserem letzten Kontakt vergangen?

Diese Frage überraschte Anna. Sie freute sich zwar, dass er ihren Wunsch, das alles ruhen zu lassen, einfach hinnahm, dennoch wurde sie bei seinen Worten blass um die Nase. Beschönigen konnte sie es nicht und lügen wollte sie nicht. Blieb nur die Wahrheit und ein wenig Offenheit von ihrer Seite. Sie konnte nur hoffen, dass er ihr die Antwort nicht übel nehmen würde.
   »Ungefähr drei Wochen«, gestand sie ihm, und während sie das sagte, blickte sie beschämt zur Seite. »Ich …, na ja …, es … Ich musste mir erst über ein paar Dinge klar werden. Es ist viel passiert. Ich war sauer und enttäuscht und… Ach, es ist egal. Ich möchte nicht mehr über unseren letzten Zusammenstoß sprechen.«

Das musst du auch nicht. Alles ist in Ordnung. Du sagst, viel ist passiert – ich hoffe nichts Schlimmes?

Anna wurde schon nach den wenigen Zeilen den Eindruck nicht los, dass er sich anders verhielt – Caleb-untypisch. Sonst neigte er zur Dominanz und legte ein aufbrausendes Temperament an den Tag. Jetzt erschien er ihr ruhiger, verständnisvoller und … wärmer. Das sorgte bei ihr für Irritationen, denn der Caleb, den sie kannte, hätte ihr Vorhaltungen gemacht – aber er fragte nach ihren Erlebnissen, anstatt mit ihr zu schimpfen. Wo war der Mann hin, den sie kannte? Hatten die drei Wochen Abstinenz ihm derart zugesetzt? Wie würde er reagieren, wenn sie ihn vor den Kopf stieß? Dorian und ihr Großvater sollten gerade kein Thema sein. Sie wollte mit ihm andere Dinge klären.
   »Ehrlich gesagt, möchte ich etwas Bestimmtes mit dir besprechen, aber du erscheinst mir«, Anna versuchte ein geeignetes Adjektiv zu finden, aber richtig passend erschien ihr keines, »seltsam. Ist wirklich alles in Ordnung zwischen uns?«
   Es dauerte wieder einen Moment, ehe eine Antwort kam. Nach anfänglicher Sorge ließ diese Annas Herz schneller hüpfen.

Ja, Anna. Es ist alles in Ordnung zwischen uns. Ich habe nur erkannt, wie dumm und kurzsichtig ich die ganze Zeit gewesen bin. Das hattest du alles nicht verdient, wo du mir ohne jede Gegenleistung einen Platz in deinem Leben geschenkt hast. Die Stunden mit dir waren wie ein warmer Sonnenstrahl für mich. Ich bin erleichtert, dass du hier vor mir stehst und ich möchte nicht mehr so engstirnig sein und mir das verspielen. Also, was möchtest du besprechen?

Diese Antwort machte sie zunächst sprachlos. Wochenlang hatte sie um mehr Offenheit gebettelt und versucht, ihm alles aus der Nase zu ziehen, und nun offenbarte er ihr das alles ohne größere Anstrengung. Er konnte nicht ahnen, wie glücklich sie das in diesem Augenblick machte. Auch sie wollte es sich nicht mehr mit Caleb verscherzen und wenn er es ernst meinte, könnte die Beziehung zwischen ihnen in Zukunft viel harmonischer sein. Unglaubliche Vorfreude keimte in ihr auf. Ein regelrechtes Hochgefühl breitete sich in ihrem Körper aus, und für einen Herzschlag lang fühlte sich Anna sogar stark genug, um mit der Krankheit ihres Großvaters zurechtzukommen. Das klang zu schön, um wahr zu sein. Das ermutigte sie für den nächsten Schritt. Trotzdem fiel es ihr noch schwer, ihr Anliegen in Worte zu fassen, weswegen sie herumdruckste.
   »Ich, na ja, ich … Ich ma… Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll«, gestand Anna ihm und ihre Wagen wurden heiß.

Nur zu, keine falsche Scheu. Egal, was es ist, ich kann sowieso nicht hier heraus, um dir den Kopf abzureißen.

Anna wusste, dass er seine Worte nur scherzhaft meinte und er sie bestärken wollte – doch er verunsicherte sie damit. Könnte er das, was Anna sagen wollte, als so schlimm empfinden? Wenn sie jedoch nicht endlich den Mund aufbekam und sich ihren Bedenken hingab, würde sie niemals den Mut aufbringen. Leider wusste Anna nach wie vor nicht, wie sie das, was sie sagen wollte, formulieren konnte. Die folgenden Worte klangen stockend, wobei sie froh war, dass überhaupt zusammenhängende Satzteile ihren Mund verließen.
   »Du …, du hast mir mal erzählt, dass die wahre Liebe … dir …, hm …, dir deine Freiheit wiederbringen könnte. Ich glaube …, na ja …, ich …, ich denke, dass es vielleicht, ähm …, Hoffnung geben könnte … Ich …«
   Noch bevor Anna auf den eigentlichen Punkt kommen konnte, wurde sie durch Calebs geschriebene Worte unterbrochen. Sie hielt inne und las.

Anna, bitte hör auf zu stammeln und sag mir, was los ist. Was meinst du mit »Es könnte Hoffnung geben«?

Sie seufzte auf. In Ordnung, es brachte nichts, um den heißen Brei herumzureden und wirre Worte von sich zu geben. Wobei der Satz fast für sich selbst sprach, wenn man richtig hinhörte. Sie ärgerte sich darüber, dass er diese Andeutung nicht verstand und sie noch deutlicher werden musste. Gut, dann klar und deutlich. Sie nahm all ihren Mut zusammen. »Ich meine, dass ich Gefühle für dich habe.«
   Du Idiot …, hätte sie am liebsten noch hinzugefügt, biss sich aber auf die Lippen, ehe das noch herausrutschen konnte. Für eine gefühlte Ewigkeit tat sich nichts auf den Seiten vor ihr und die Stelle, die als Nächstes beschriftet werden müsste, blieb leer. Ein mulmiges Gefühl schlich sich in Annas Magengegend, doch ihr Verstand mahnte sie, voreilige Schlüsse zu ziehen. Er musste diese Neuigkeit erst verdauen, schließlich könnte das alles für ihn verändern. Glaubte sie zumindest. Sie versuchte ruhig zu bleiben, wenngleich die Panik schon lauerte. Als endlich der erste Buchstabe erschien, atmete sie erleichtert auf.

Gefühle? Wie meinst du das, Gefühle? Hass? Mitleid? Verachtung?

Bei seinen Worten verebbte die Erleichterung gleich wieder. Beabsichtigte er, sie zu erzürnen? Wieso sollte sie das meinen? Wollte oder konnte er Annas Worte nicht verstehen? Sie ließ sich nicht provozieren und blieb ruhig. Bestimmt überforderte ihn die Situation nur. Vielleicht brauchte er einen Moment Ruhe. Sie musste vernünftig bleiben und das ausstehen, bis er sich beruhigte. Sie trieb ihren aufgewühlten Geist an, sich zu entspannen und ihre Gedanken, sich zu ordnen. »Nein, Caleb, positive Gefühle. Ein Kribbeln im Bauch, wenn du in meiner Nähe bist. Ein warmes Gefühl in der Herzgegend, wenn wir miteinander schreiben. Eine stechende Sehnsucht, wenn du dich emotional von mir entfernst. Ist das jetzt verständlich genug für dich?«
   Den letzten Teil des Satzes seufzte Anna geradezu. In ihrem Kopf war das alles anders abgelaufen. Auf irgendeine Weise einfacher oder eben mit einer anderen Problematik. Es kostete sie Mühe, ihre Gefühlswelt offen auf den Tisch zu legen. Sie hatte sich seinetwegen dazu entschlossen, und nun blockte er ab. Warum machte er keine Freudensprünge? Machte ihm die nahende Freiheit solche Angst?

Soll das ein Witz sein? Damit macht man keine Scherze, Anna. Bestimmt meinst du das nur, weil die lange Pause dir zugesetzt hat und dir das Ungewöhnliche in deinem Leben fehlt. Die Sehnsucht nach dem Außergewöhnlichen und die damit einhergehende Langeweile ist keine Verliebtheit. Ich hab es dir zu Anfang gesagt: Die Menschen fühlen sich immer zu dem Falschen hingezogen. Verlangen nach dem, was interessant ist, und wahre Sehnsucht werden oft verwechselt. Ich mache dir keinen Vorwurf daraus.

Oha! Seiner Meinung nach war sie also nur auf der Suche nach Abenteuern und nicht in der Lage, wahre Gefühle von Langeweile zu unterscheiden? Ein paar gewagte Unterstellungen! Anna musste mehr als einmal tief durchatmen, um nicht die Kontrolle über sich zu verlieren und ihn, wie bei ihrem letzten Gespräch, an die Wand zu werfen. In ihr tobte es, und Wut und Unverständnis drohten immer mehr an die Oberfläche zu kommen.
   Das alles hatte so schön und romantisch angefangen. Wie waren sie nur dort gelandet? Und wieso tat er sich so schwer damit, ihre Empfindungen zu akzeptieren? Glaubte er tatsächlich, sie scherzte nur? Spielte nur ein böses Spiel mit ihm?
   Sie nahm sich die Zeit, in sich hineinzuhorchen und seine Anschuldigungen zu ergründen. Bildete sie sich ihre Gefühle nur ein? Das sollte er doch besser wissen! Sie versuchte, sich in seine Lage hineinzufühlen. Vermutlich hätte sie nach den Jahrzehnten der Gefangenschaft auch Angst, Hoffnung zu empfinden, und würde alles in dieser Richtung abblocken und von sich wegstoßen. Wenn sie es aus dieser Perspektive betrachtete, konnte sie verstehen, wieso er sich gerade wie ein Ekel benahm. Es fiel ihr schwer, ihm keine Vorwürfe zu machen.
   »Das ist weder ein Scherz noch ein Spiel und ich sage das auch nicht nur aus einer Laune heraus. Ich bin kein vierzehnjähriges Mädchen, das ihre Schwärmerei nicht von echten Gefühlen unterscheiden kann, Caleb«, sagte sie mit Nachdruck. »Ich weiß nicht, wie das passiert ist, aber es ist, wie es ist. Wenn ich Aufregung brauche, kann ich diese anderweitig haben – dafür brauche ich kein störrisches Buch, das mir den letzten Nerv raubt. Die Tatsache, dass ich hier bin und mich trotz deiner idiotischen Anschuldigen noch mit dir auseinandersetze, sollte dir Beweis genug sein, dass du mir wirklich wichtig bist.«
   Wenn sie Spaß und Abenteuer wollte, würde sie Dorian bestimmt dafür begeistern können und müsste sich nicht mit Caleb herumärgern und auf ihren Gefühlen herumtrampeln lassen. Doch Dorian erwähnte sie gerade lieber nicht, denn Caleb würde sicherlich nur noch unerträglicher werden. Anna konnte nur hoffen, dass ihre Worte zu ihm durchdrangen, denn langsam wusste sie nicht mehr weiter.

Du irrst dich!

Sie traute ihren Augen nicht, als sie das las. Er beharrte weiterhin auf seinen Standpunkt. Wie konnte er das nur immer noch behaupten? Dieses sture Buch! Warum war jemand derart störrisch? Wollte er es nicht verstehen? »Ich irre mich nicht«, widersprach Anna lauter und energischer. Langsam drohte ihre Geduld, trotz aller guten Vorsätze, verloren zu gehen. Unter ihrer Oberfläche brodelte es gewaltig. »Ich kann verstehen, dass du Angst hast, die Hoffnung zuzulassen, aber ich mag dich wahrhaftig. Ich wollte es mir eine ganze Weile nicht eingestehen, aber am Ende hat das alles nichts genutzt. Meinst du, ich habe nicht auch Angst? Aber stell dir nur vor, wie es wäre, endlich nicht mehr gefangen zu sein. Alles kann sich ändern.« Es war ihr letzter Versuch, Caleb auf ihre Seite zu ziehen. Wobei sie sich dumm vorkam, sich ihm so aufzudrängen. »Also, wie soll das funktionieren? Muss ich irgendetwas Bestimmtes machen? Irgendeinen Test erfüllen? Sag es mir, und ich mache es – für dich, für uns, damit beides eine Chance hat, zu wachsen«, forderte sie ihn auf.
   Die Vorstellung, Caleb ein Leben zu ermöglichen, trieb Anna Tränen der Freude in die Augen. Sie fragte sich unwillkürlich, wie sich Caleb anfühlte oder roch. Diese Erfahrung würde sie nur zu gern machen.

Nein!

Mit diesem kleinen Wort holte er sie in die Realität zurück, und sie landete schmerzhaft auf dem Boden der Tatsachen. Verdutzt blickte sie auf das eine Wort. Wie konnten vier Buchstaben und ein Satzzeichen nur derart viel Macht innehaben? Es traf sie schmerzhaft mitten ins Herz, und sie spürte, wie es kurz davor war, zu brechen. Wieso wollte er ihnen und sich keine Chance geben? Ihre Augen füllten sich erneut mit Tränen, die diesmal von ihrer Verzweiflung herrührten. Langsam beschlich sie das Gefühl, dass nicht alles gut werden würde – sie verstand nur nicht, wo das Problem war. Lag es an ihr? Konnte er sie nicht leiden? Das hatte sich vorhin anders angehört. Hatte sie etwas falsch gemacht? Oder gab es etwas, das Caleb ihr verheimlichte? Etwas, das Anna nicht wissen konnte und alles änderte? Wieso konnte er dann nicht ehrlich sein? Unzählige Fragen und Ungewissheiten. Plötzlich wusste Anna nicht mehr, wo ihr der Kopf stand. Es brauchte einen Moment, ehe sie ihre Stimme wiederfand.
   »Nein?«, fragte sie, zwinkerte die Tränen weg und schaute irritiert auf die Buchseiten. Sie hatte keine Kraft mehr zu kämpfen, konnte mit ihren Worten ohnehin nichts ausrichten. Langsam wandelte sich ihre Wut in Trauer. »Wie, nein? Was willst du mir damit sagen, Caleb?«

Ich will dir sagen, dass du dir das Ganze schleunigst aus dem Kopf schlagen sollst. Es wird keine Rettung für mich geben, und erst recht nicht von dir. Wie dumm und naiv muss man sein, sich in ein paar körperlose Buchstaben zu verlieben? Das spricht nicht gerade für dich, Anna. Es wird kein »Uns« geben. Keine weitere Diskussion. Ich weiß gar nicht, wie du auf diese lächerliche Idee kommst.

Erst recht nicht von ihr? Dumm und naiv? Lächerliche Idee? Wieso sagte er das alles? Bis vor ein paar Minuten war noch alles gut und harmonisch gewesen und nun? Eben noch freute er sich und wollte sie in seinem Leben behalten und jetzt drehte er sich um hundertachtzig Grad und verhielt sich vollkommen gegensätzlich. Was war ihr in den letzten Augenblicken entgangen? Was sorgte dafür, dass er sie so vor den Kopf stieß? Anna verstand die Welt nicht mehr.
   »Aber Caleb …«, setzte sie an, doch noch bevor sie ein drittes Wort sprechen konnte, ließ er sie verstummen.

Kein »Aber«, Anna. Und da du es auf die nette Art nicht verstehen willst, möchte ich, dass du gehst. Verschwinde!

Was? Verschwinden? Damit erreichte seine Unfreundlichkeit eine persönliche Ebene, die sie noch nicht mit ihm erlebt hatte. Schickte er sie tatsächlich weg? Irgendetwas stimmte hier nicht – ganz und gar nicht. Ein Teil passte nicht in das Puzzle, aber so sehr sich Anna den Kopf zerbrach, sie konnte nicht ausmachen, welches. Irgendetwas entging ihr. Eine Information fehlte, um aus Calebs Verhalten schlau zu werden. Vielleicht konnte sie die Situation noch kippen, wenn sie sich entschuldigte? Auch wenn sie bei sich keine Schuld sah, würde sie gerade nahezu alles tun, um das Gefühl in ihrem Innern loszuwerden.
   »Es tut mir leid, Caleb. Ich weiß nicht, was ich falsch gemacht habe. Wenn du es mir sagst, werde ich das nächste Mal vorsichtiger sein – versprochen«, versuchte sie es und starrte erwartungsvoll auf die leere Stelle unter seinem letzten Text – doch auch nach Minuten, die sich wie Kaugummi zogen, füllte sie sich nicht mit Worten. Er schien es ernst zu meinen. Die erste Träne lief Annas Wange hinunter, und sie unterdrückte ein Schluchzen. Wie konnte es sein, dass sie sich so elend fühlte? Hätte sie vorher gewusst, wie dieses Gespräch enden würde, hätte sie es nicht begonnen. Sich in Dorians Aufmerksamkeit zu suhlen, wäre definitiv klüger gewesen. Der schickte sie nicht weg. Im Gegenteil – er wollte ihre Nähe und gab sich Mühe, um diese zu bekommen. Diese Gedanken hinterließen einen bitteren Nachgeschmack, trotzdem konnte Anna nichts dagegen tun, dass sie sich in ihren Kopf stahlen.
   In einem wirklich allerletzen Versuch griff sie nach einem Stift und schrieb ein paar Zeilen in das Buch.

Schade, dass du mir nicht die Chance gibst, dir zu beweisen, dass meine Gefühle echt sind. Ich brauche keinen Körper, um zu erkennen, dass du ein toller, wenn auch manchmal ruppiger und launischer Mensch bist. Du stehst dir nur selbst im Weg. Ich wäre gern deine Hoffnung … Ich bin bereit, mit dir zu kämpfen und an deiner Seite zu stehen. Ich verstehe nicht, wieso du es nicht zulassen willst. Ich wünschte, du würdest es mir erklären.

Wie nicht anders zu erwarten, reagierte er auch hierauf nicht. Er ignorierte sie – mit Absicht. Dieses Wissen sorgte dafür, dass ihr Herz in tausend Teile zerbrach. Sie legte Caleb zur Seite und machte sich auf den Weg ins Schlafzimmer. Hier legte sie endlich die Tasche ab und warf sich auf das Bett, um ihren Tränen freien Lauf lassen zu können. Sie wusste nicht wohin, mit ihren Gedanken und ihrem Kummer. Alles in ihrem Kopf überschlug sich. So lag sie eine ganze Weile da und gab sich ihrem Schmerz hin. In solchen Momenten wünschte sie sich, dass die Trauer verfliegen und alles gut sein würde. In kindlicher Naivität ersehnte sie sich eine andere Lebenssituation – dass es ihrem Opa nicht schlecht ginge, sie nicht unglücklich verliebt wäre, dass ihre Eltern und ihr Bruder noch leben würden, dass sie ein anderer Mensch sein könnte. Manchmal verfluchte sich Anna dafür, ein gutherziger Mensch zu sein.
   Schließlich trieb sie durch die aufkommende Müdigkeit in den Schlaf. Ihre Augen brannten vom Weinen, ihr Gesicht war gerötet, ihr Innerstes ausgelaugt von den kräftezehrenden Neuigkeiten der letzten Wochen. Sie wollte sich nur noch dem befreienden Nichts hingeben, das im Schlaf auf sie wartete. Zwar wusste sie, dass es sich nur um eine temporäre Erlösung handelte und nach dem Aufstehen, wenn die Realität langsam zurück in das Bewusstsein sickerte, alles noch viel schlimmer sein würde, doch sie brauchte diese paar Stunden Auszeit, um zu funktionieren.
   Die erhoffte Pause blieb allerdings aus, denn erneut suchte einer dieser fürchterlichen Albträume Anna heim, und diesen empfand sie im Nachhinein als besonders schlimm. Dabei waren die anderen schon grausam gewesen. Zwischen ihr und ihrem sechs Jahre jüngerem Bruder Adam, hatte von Anfang an eine besondere Beziehung bestanden. Bis zu seinem Tod waren sie ein Herz und eine Seele gewesen. Dementsprechend behielt sie viele Momente mit ihm in guter Erinnerung und nahm sich bei Gelegenheit die Zeit, um diese Revue passieren zu lassen. Genau diese besonderen Augenblicke durchlebte sie in ihrem Traum erneut. Das hätte schön sein können – theoretisch.
   Zunächst befand sie sich mit ihrem Bruder im Wald hinter ihrem Haus. Dort hatten sie oft gespielt und waren irgendwann auf die irrsinnige Idee gekommen, sich ein Baumhaus zu bauen. Heimlich hatten sie sich Werkzeug aus dem Keller geholt und Stöcke wahllos an die Äste gehämmert. Mit einem richtigen Baumhaus ließ sich das Endergebnis natürlich nicht vergleichen, doch die beiden liebten ihren neuen Sitzplatz und verbrachten unzählige Stunden dort. Gern stellten sie sich vor, dass an den Baumwurzeln heiße Lava entlangfloss und sie sich nur in der Baumkrone in Sicherheit befanden. Auch Nachbarskinder fügten Holzteile hinzu. Somit veränderte sich ihr Zufluchtsort von Woche zu Woche. In ihrem Traum hatte Anna mit Adam dort gesessen und zusammen schlugen sie Nägel in den Baum, redeten und lachten. Sie hatte sich frei und fröhlich gefühlt – ausgelassen wie zuletzt zu Kinderzeiten. Adam gegenüberzusitzen, löste eine unbeschreibliche Empfindung in ihr aus, die sie nicht in Worte fassen konnte.
   Dann änderte sich die Umgebung, und der Traum ging in ein neues Szenario über. Auch hier war ihr Bruder der Mittelpunkt des Geschehens. Diesmal befanden sie sich im Urlaub mit ihren Eltern. Alle zusammen saßen sie am Strand um ein kuschliges Lagerfeuer und machten sich Stockbrot, während sie den Sonnenuntergang betrachteten. Der letzte Urlaub als Familie. Danach waren sie umgezogen und alles hatte sich geändert. Adam verbrannte sich die Finger an dem heißen Brot, weil er nicht warten konnte. Anna tröstete ihn – damals wie im Traum und hielt ihn fest in den Armen. Ihr Bruder küsste sie daraufhin auf die Wange und sagte ihr, wie lieb er sie habe. Diesen Augenblick könnte Anna niemals vergessen, ganz gleich, wie viel Zeit noch werden würde.
   Auch diese Mischung aus Erinnerung und Traum verblasste viel zu schnell, sodass sie sich schließlich unter einem wundervollen Sternenhimmel wiederfand. Neben ihr lag Adam. Sie hatten die Erlaubnis erhalten, heute draußen im Garten zu übernachten – natürlich im Zelt, aber nachdem das Licht im Schlafzimmer ihrer Eltern erloschen war, hatten sie ihre Isomatten und Schlafsäcke einfach vor dem Zelt deponiert. Die Nacht war wundervoll warm und klar, dass sie es unter dem stickigen Zeltstoff nicht ausgehalten hatten. Irgendwann kuschelte sich ihr Bruder zu ihr in den Schlafsack und schlief ein.
   Dann lief sie plötzlich mit Adam an der Hand durch ein Feld. Sie spielten gerade mit anderen Kindern Verstecken. Anna wusste genau, was passieren würde, aber es stand nicht in ihrer Macht, irgendetwas daran zu ändern. Sie war gleichzeitig Zuschauerin und Teilnehmerin an diesem merkwürdigen, jedoch schönen Traum. Und ehe sie sich versah, steckte ihr Bruder bis zum Knie in einer Matschpfütze. Adam konnte sie ohne Probleme daraus hervorziehen, aber sein nagelneuer Gummistiefel war in den Tiefen der Matschpfütze verloren. Adam weinte bitterlich, weil er sich vor dem Ärger zu Hause fürchtete. Auch wenn es nur ein Missgeschick gewesen war, wusste er, dass ihre Eltern strafende Worte darüber verlieren würden. Schließlich warf Anna ihren eigenen neuen Gummistiefel ebenfalls in den Matsch. Gemeinsam liefen sie mit jeweils einem nackten Fuß nach Hause und standen den Ärger gemeinsam durch.
   Die Sequenz, die danach folgte, weckte in ihr gemischte Gefühle, denn mit der weiterführenden Schule hatten ihre Freunde in ihrem Leben mehr Platz eingenommen, sodass solche Momente mit ihrem Bruder seltener wurden. In einen dieser seltenen Augenblicke tauchte sie jetzt. Adam hatte zu seinem siebten Geburtstag einen Kicker bekommen. Gerade waren sie dabei, die ganze Wohnung nach Decken und Kissen abzusuchen, um sich mit Hilfe des Kickers eine Kuschelhöhle zu bauen. Hier machten sie es sich gemütlich und sie las ihrem Bruder aus seinem Lieblingsbuch vor.
   So ging das weiter. Ereignisse reihten sich an Ereignisse. Anna durchlebte erneut Adams Einschulung, wie sie mit ihm Schreiben übte, wie sie gemeinsam Schwimmen lernten, wie sie lachten, quatschten und Blödsinn machten. Die Traumerinnerungen folgten keiner zeitlichen Logik, mal war Adam noch klein und sie hielt ihn im Arm, mal war es kurz vor dem Unfall, doch sie zeigten alle dasselbe: ihren Bruder. Wie sehr wünschte sie sich, das alles noch einmal durchleben zu können, und dass dieser Traum nie enden würde.
   Dann folgte der Albtraum, und Anna war froh, dass er doch sein Ende fand. Auf einmal fing Adam laut an zu schreien. Sie saßen gerade im Garten, und er malte, während sie ein Buch las. Anna ließ das Buch fallen und blickte panisch zu ihrem Bruder. Dieser krümmte sich vor Schmerzen, und sein Wimmern wurde von Sekunde zu Sekunde schlimmer. Erst konnte sie nicht ausmachen, warum er sich quälte, doch über sein Schreien und Weinen hinweg zwang sie ihn, sich zu ihr zu drehen. Sie bemerkte, dass sein rechter Arm eine ungewöhnlich graue Farbe angenommen hatte. Dieses Grau breitete sich mit einer unheimlichen Schnelligkeit auf seinem Körper aus und schien unheimliche Schmerzen mit sich zu bringen. Wo kam das her? Wie konnte sie helfen?
   Immer wieder schrie sie den Namen ihres Bruders, rief nach ihren Eltern oder um Hilfe. Nichts geschah. Ihre Rufe blieben unerhört, und ihr Bruder weinte, schrie, wimmerte unter Höllenqualen, während sie nur zusehen konnte, wie er litt. Sollte sie loslaufen und Hilfe holen? Sie konnte ihn doch nicht allein zurücklassen! Irgendwann liefen ihr selbst die Tränen über das Gesicht, und ihr Herz blutete bei seinem Anblick. Die Schmerzen schienen mit jedem Zentimeter, den das Grau vordrang, schlimmer zu werden und viel zu schnell nahm es seinen ganzen Körper ein. Adam wurde ungewöhnlich still – schrie und bewegte sich nicht mehr. Anna geriet noch mehr in Panik. Sie zerrte an ihm, doch er rührte sich nicht und dann kam der schrecklichste Augenblick des ganzen Traumes: Adam löste sich in Staub auf. Nach und nach bröckelte er dahin und die einzelnen Körperteile verloren sich im Wind. Ihr Bruder verschwand und ließ Anna allein zurück.
   Der Schmerz, den sie empfand, war so schlimm, dass er sie weckte, sie hochschreckte und augenblicklich in Tränen ausbrach. Die plötzliche Leere, der Verlust und die Hilflosigkeit, die durch den Traum hervorgerufen wurden, rissen ihr den Boden unter den Füßen weg. Und als wenn das nicht schlimm genug wäre, tröpfelte nach und nach die Realität in ihr Bewusstsein – die Sache mit Caleb, die Krankheit ihres Großvaters. Ihr Elend wurde größer und größer. Vor lauter Tränen bekam Anna kaum noch Luft. Sie wiegte sich auf ihrem Bett hin und her, um sich zu beruhigen, was allerdings keine Wirkung zeigte. Kurz spielte sie mit dem Gedanken, Benjamin anzurufen, denn sie wusste, dass er für sie da sein würde, auch um sechs Uhr morgens. Diesen verwarf sie jedoch direkt wieder. Ihre Seele war dermaßen schwer von der Last der Wirklichkeit, dass sie niemals wüsste, wie sie dies in Worte fassen und über die Lippen bringen sollte. Am Ende würden sie nur schweigen, und Anna hätte ein schlechtes Gewissen, ihn geweckt zu haben. Sie weinte allein vor sich hin, suhlte sich in ihrem Kummer und wünschte sich in diesem Augenblick nichts sehnlicher, als die Hand ihres kleinen Bruders zu halten. Der Traum, seine Schmerzen und Qualen, das alles würde ihr noch lange in Erinnerung bleiben.
   Sie saß eine Ewigkeit im Bett und wusste nicht, woher sie noch die Kraft nehmen sollte, um aufzustehen. Also blieb sie liegen, zu verängstigt von dem Traum der Nacht, um noch die Augen erneut zu schließen, die von den vielen Tränen deutlich brannten.

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