Die perfekte Gesellschaft zwingt Naidu, sich glücklich zu fühlen. Seither träumt sie von Hass und Liebe. Aber darf sie deswegen ihre Mitmenschen verraten? Naidu ist begeisterte Anhängerin eines Systems, das durch Nervenmanipulation seine Bürger von allen Ängsten befreit. Sie lässt sich Aktosensoren einoperieren, um die Gedanken anderer zu kontrollieren. Als sie entdeckt, dass ihre Mitbewohnerin Sendre die Höhen und Tiefen ihrer Gefühle auslebt, ist sie fasziniert. Sie lässt sich auf eine verbotene Freundschaft ein, um in Sendres Gefühlswelt einzutauchen. Da wird Sendre entdeckt. Sie bittet Naidu, Informationen in das verseuchte Rebellengebiet zu schmuggeln. Dort lebt Karol, der Mann, für den Sendre leidenschaftlich brennt und Naidu mit ihr.

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ISBN: 978-9963-53-822-5

Seiten: 303

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Dorothe Zürcher

Dorothe Zürcher
Dorothe Zürcher knobelt in der Nacht oder in der Einsamkeit der Berge an spitzfindigen Charakteren und überraschenden Wendungen. Sie wurde 1973 in Zürich geboren, ist verheiratet und arbeitet als Dozentin. Alle paar Jahre nimmt sie sich eine Auszeit, um mit ihrem Mann die Welt zu bereisen. Nach mehreren Kurzgeschichten wurde 2014 ihr Fantasy-Debüt „Tamonia“ veröffentlicht. 2015 folgte der Urban Fantasy „Der schwarze Garten“. 2016 wurde ein Hörspiel von ihr im Radio SRF ausgestrahlt, weitere Romane und Kurzgeschichten folgten. Dorothe Zürcher ist Mitglied bei AdS (Autoren und Autorinnen der Schweiz) und Mitbegründerin des Vereins Schweizer Phantastikautoren (VSPA).    

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April 2118
Hormonschwankungen

Der Junge saß auf dem untersten Ast und starrte sie mit aufgerissenen Augen an.
   »Jarob.« Naidu lächelte ihn an und streckte die Hand aus. »Komm zu mir.«
   Er schüttelte heftig den Kopf.
   »Jarob!« Naidu senkte ihre Stimme. »Wir werden zusammen alles klären. Gib mir die Hand!«
   Er schreckte zurück und umkrallte den Baumstamm, als hinge sein Leben davon ab. »Du wirst in mich eindringen!« Seine Stimme tönte schrill.
   Naidu ließ durch ihren Veredler mehr Gammawellen in ihren Körper strömen. Aufatmend nahm sie das beruhigende Vibrieren in sich wahr. Jarob sollte ihre Ruhe spüren und so mehr Vertrauen zu ihr aufbauen. »Ich helfe dir. Alles wird gut.«
   Der Junge zögerte. Naidu behielt ihr Lächeln. Alle Fluchtwege waren ihm abgeschnitten, er hatte keine Wahl. Nach einer Weile senkte er den Blick. Zitternd streckte er seine Hand aus. Naidu wartete, bis er ihre Finger berührte. Dann packte sie seine Hand und jagte durch ihre Aktosensoren Betawellen in seinen Körper. Jarob keuchte auf. Seine Augen verdrehten sich leicht. Endlich lächelte er dümmlich.
   »Spring«, flüsterte sie.
   Elegant und ohne ihre Hand loszulassen, landete er neben ihren Füßen. Er lächelte auch noch, als sie sich zu ihm neigte und ihre Stirn auf die seinige legte.
   Obwohl Naidu schon seit Jahren mit Pubertierenden arbeitete, traf sie die Gedankenverbindung immer noch wie ein Schlag. Wirre Gedankenfetzen, Bilder aus verschiedensten Erinnerungen, alle durch den grauen Filter der Angst gefärbt, jagten umher. Wie schafften es die Unveredelten nur, damit zu leben?
   Zum Glück waberten die gegenwärtigen Erlebnisse zuvorderst herum: Jarob hatte von einem Kollegen verbotene Bilder von nackten Frauen bekommen. Davon ganz erregt, hatte er in der Pause in der Jungentoilette masturbiert und war von einem Klassenkollegen gehört worden. Dieser wollte den Vorfall gleich dem Betreuer melden, aber Jarob hatte ihn noch in der Toilette erwischt und zugeschlagen. Spätestens bei der nächsten Gedankenkontrolle wäre der Vorfall an den Tag gekommen. Jarob war gleich darauf aus der Betreuungsanlage geflohen.
   Naidu richtete sich auf, blinzelte, bis sie ihre Umgebung wieder wahrnahm. Beruhigend legte sie dem Jungen eine Hand auf die Schulter.
   »Wir gehen zusammen zurück.« Ihre Stimme klang immer noch warm und weich. Der Junge verzog das Gesicht, als würde er gleich zu weinen anfangen.
   Sie lächelte immer noch lieblich, als sie Jarob an der Hand zum Institut führte. Warum waren dessen Hormonschwankungen nicht erkannt und gemeldet worden? Warum hatte niemand sein aufkeimendes Interesse an seiner Sexualität bemerkt? Jarob würde sich ein paar Wochen täglich einer Untersuchung beim Arzt und seinem Gedankenbetreuer unterziehen müssen. Er würde Spritzen bekommen, damit er und sein Körper besser lernten, seine Triebe zu kontrollieren. Sie verzog kurz den Mund. So etwas durfte nicht geschehen.
   Wäre der Junge in eine öffentliche Schule gegangen, hätte man seit seinem zehnten Lebensjahr seinen Hormon- und Gefühlshaushalt stärker überwacht und mit Medikamenten ausgeglichen, doch Jarob lebte in einem staatlichen Institut für Hochbegabte, wo man so wenig wie möglich in den biochemischen Körperhaushalt des Zöglings eingreifen wollte, bis der Junge ausgereift war.
   Die Nacktbilder steckten im Futter seiner Arbeitsmappe. Der Überbringer der Bilder würde heute Nachmittag beim Leiter vorsprechen müssen. Naidu hatte ihn in den Gedanken des Jungen erkannt. Missbilligend schüttelte sie den Kopf. Die Bilder mussten sehr alt sein, seit dem Wasserkrieg war so etwas nicht mehr hergestellt worden. Durch ihre Aktosensoren jagte sie weitere Betawellen in den jungen Körper. »Wir gehen zuerst zum Arzt. Dann wirst du dich bei deinem Kameraden entschuldigen.«
   Der Junge sah sie mit einem verschleierten Blick an. »Gern, Naidu.«

Gedankenkontrolle

Die letzten Sonnenstrahlen spiegelten sich an den hohen Glaswänden der Gebäude, als die Schwebebahn Naidu zurück in die Stadt brachte. Abgesehen vom Vorfall am Morgen war der Tag ruhig verlaufen. Ihre Zöglinge hatten Sport getrieben, geschrieben und gelernt. Mit Freude und vor allem ohne Angst, so wie es von ihnen erwartet wurde. So wie sie später als veredelte Erwachsene im System existieren würden. Angst war der Hauptgrund dessen gewesen, weshalb man sich früher gehasst und zerfleischt hatte. Dank der Veredelung der Menschen existierte keine Angst.
   Lächelnd starrte Naidu aus dem Fenster. Die funkelnden Hochhäuser jagten an ihr vorbei. Der größte Teil von Novapolis umfing eine Schutzhülle aus Glas gegen die schädlichen Sonnenstrahlen. Das System behütete seine Bürger.
   Auf dem Heimweg machte Naidu einen kleinen Umweg. Während der Morgentoilette war in ihrem Urin Eisenmangel festgestellt worden, kurz darauf erschien auf ihrem PHand die Nachricht, wo sie die benötigten Eisentabletten abholen konnte.
   Die Verkäuferin verpackte lächelnd die Tabletten. Naidu lächelte zurück. Sie öffnete die Riemen ihrer Handschuhe und übersah geflissentlich, wie das Lächeln der Angestellten verrutschte. Wer ein reines Gewissen hatte, musste sich vor Systemdienern nicht fürchten. Diese trugen wegen ihrer Aktosensoren Handschuhe. Sie war keine Systemdienerin, aber weil sie Aktosensoren besaß, musste sie auch Handschuhe tragen. Der Laser kitzelte auf ihrem Handgelenk.
   Naidu verließ das Warenhaus und eilte zu ihrem Wohnheim. Im 20. und 21. Stock der Wohnüberbauung waren Zimmer und Gemeinschaftsküchen für allein lebende Frauen eingerichtet worden. Dort angekommen, hielt Naidu ihr Handgelenk ans Schloss. Es klickte, als sich die Wohnungstür öffnete. Als sie in die Küche trat, saß Afne dort.
   »Willkommen, du Sonne meines Herzens, wie war dein Tag?«
   Naidu stellte ihre Tüten auf den Tisch. »Danke, gut.«
   »Keine Unveredelten, die ausflippen und euch mit dem Messer traktieren?«
   »Lass die Gruselmärchen! Wir betreuen sie richtig. Sie gedeihen und freuen sich am Leben.«
   »In deinen Fingern stecken Aktosensoren, um die Halbwilden zu zivilisieren. Aber Spaß beiseite. Deine Mutter ist erschienen, sie wird es nochmals versuchen.«
   »Oh.«
   »Es sollte eine Überraschung sein, darum hast du keine Nachricht auf dem PHand.« Afne stand auf. »Ich esse bei Karpf. Vrena und ein paar andere sind auch dort. Wir gehen anschließend noch unseren Körper formen.« Sie zwinkerte. »Komm nachher rüber.« Sie schickte ihrer Mitbewohnerin eine Kusshand zu und verschwand.
   Naidu stand eine Weile unschlüssig in der Küche. Endlich ging sie in den Empfangsraum und schickte mit ihrem PHand eine Nachricht an ihre Mutter. Deren Abbild manifestierte sich sogleich in der Mitte des Raumes.
   Sie strahlte und breitet die Arme aus.
   »Naidu! Was für eine schöne Überraschung! Wie geht es dir.«
   »Gut.«
   Mutter blickte sie verunsichert an, dann lächelte sie. »Wir fragen uns immer, was du gerade machst. Wie läuft es bei der Arbeit? Im Wohnheim? Und wie geht’s … der Liebe?«
    Naidus Lächeln veränderte sich nicht. »Es ist alles gut. Ich habe euch alle Informationen und Filmsequenzen geschickt.«
   »Und Semon?«
   »Es ist gut.«
   »Dein Vater hat sich so auf eine Heirat gefreut. Doch da er anscheinend nicht der Richtige ist …« Mutter zögerte.
   »Es ist gut.«
   Sie sahen sich an.
   »Man hat mir erzählt, dass ihr von guten Gedankenbetreuern begleitet werdet. Ich bin so froh darüber.«
   »Ja, es sind die Besten, weil wir mit Unveredelten arbeiten. Dank dem System.«
   »Dank dem System. Wir sind so stolz auf dich.«
   Wieder herrschte Stille.
   »Dein Bruder lässt dich grüßen, die Arbeit mit dem neuen Weizen macht ihm Freude.«
   »Ich weiß.«
   Sie lächelten sich an.
   »Dein Vater ist schon zu Hause. Soll ich ihm etwas ausrichten?«
   »Sag ihm, ich liebe ihn, wie auch dich.«
   Mutter strahlte. »Wir lieben dich auch, Naidu. Wann kommst du wieder vorbei?«
   Naidu betrachtete den Fußboden. »Das kann ich nicht sagen.«
   »Liebling, du bist jederzeit höchst willkommen! Du fühlst dich wohl bei uns.«
   »Ja, Mutter.« Der Fußboden glänzte.
   »Wir freuen uns sehr, dich bald wiederzusehen.«
   »Ich freue mich auch.« Naidus Stimme war leise.
   Mutters Abbild winkte, verabschiedete sich mit einem Handkuss und verschwand. Naidu blieb wie angewurzelt stehen. Endlich schüttelte sie sich und verließ den Empfangsraum. Draußen lehnte sie sich erschöpft an die Wand. Dann nahm sie ihren PHand hervor und meldete Afne, dass sie nicht vorbeikommen würde. Langsam ging sie in die Küche, um ein paar Aufbaupillen zu schlucken. Sie würde heute früh zu Bett gehen.
   Sie durchsuchte gerade die Küchenschränke, als Sendre hereinkam. Sie lächelten sich stumm an.
   Anfänglich war Naidu nichts an ihrer neuen Mitbewohnerin aufgefallen. Sie grüßten sich, fragten sich nach dem Befinden, lächelten sich an. Naidu wurde misstrauisch, als sie von ihrer Arbeit erzählte und Sendre mehrmals interessiert nachfragte. Veredelte verhielten sich höflich und zurückhaltend. Sendre blickte sie jedoch fasziniert an. Wenn Naidu nicht täglich mit Unveredelten gearbeitet hätte, hätte sie nichts bemerkt.
   Um ihren Verdacht zu bestätigen, zog Naidu die Handschuhe aus und fragte, ob Sendre ihr die Wasserflasche reichen könne. Ihre Finger berührten sich nur für Sekunden. Naidus Aktosensoren nahmen jedoch sofort Sendres unbeholfene Neugierde und unterdrückte Angst auf. Sie hatte eindeutig eine Unkontrollierte vor sich, eine Ausgestoßene. Sie nahm dankend die Wasserflasche an und entschied sich, anschließend in ihrem Zimmer beim Systemdienst die Mitbewohnerin anzuzeigen.
   Auf der Schwelle zum Erwachsenenleben mussten sich Jugendliche entscheiden, sich veredeln zu lassen oder nicht. Wer sich veredeln ließ, bekam ein Porzellankästchen in den Nacken operiert – den Veredler. Dieser sendete elektromagnetische Wellen an das Gehirn, um die eigene Biochemie zu stimulieren. Ruhe und ewige Freude breiteten sich im Körper aus. Per Gedankenkontrolle wurde überwacht, ob der Veredler eingesetzt wurde. Denn Unveredelte ließen sich von ihren Emotionen lenken. Sie manipulierten das Zusammenleben in der Gemeinschaft und zerstörten mit ihrer Gier nach Anerkennung Umfeld und Umwelt. Wer sich nicht veredelte, wurde verbannt.
   Um Sendre nicht misstrauisch zu machen, blieb Naidu sitzen. Sie öffnete ihren Veredler und ließ Betawellen durch ihre Nervenbahnen strömen, atmete tief und lächelte.
   Sendre deutete auf Naidus geschminktes Gesicht. »Das sieht nach Ausgang und schönen Männern aus«, sagte sie augenzwinkernd.
   Aus Höflichkeit erklärte ihr Naidu, dass sie ihren Freund treffe. Sendre reagierte wieder falsch, indem sie nur interessiert lächelte, anstatt sich mit Naidu zu freuen. Um die peinliche Situation zu überbrücken, fragte Naidu, ob Sendre auch einen Freund habe. Diese nickte heftig.
   Ein dumpfer Stoß traf Naidus Brust. Überrascht starrte sie Sendre an. Ihre Brust schien sich ausweiten zu wollen, traf aber gegen ein unsichtbares, eisernes Band. Irritiert hielt Naidu sich an der Tischplatte fest, um sich nicht vorzubeugen und die Gedanken der anderen zu lesen – sie selbst reagierte unkontrolliert. Waren die Unveredelten darum so gefährlich?
   Nur mühselig konnte sie ihr Lächeln aufrechterhalten, als sie Sendre aufforderte, von ihm zu erzählen. Diese zuckte etwas verlegen die Schultern.
   »Er lebt im Süden. Er ist … ich meine … alles an ihm ist genial. Er ist mein Freund, anders kann ich ihn nicht beschreiben.«
   Naidu kam es vor, als könnte sie Sendres Sehnsucht durch die Luft einatmen: Dunkelroter Samt, süß Hitze der Lust, die von ihren Schenkeln in ihren Schoß fuhr. Meeresrauschen, Füße, die sich in den Sand eingruben, eine kräftige Hand, die auf der Schulter lag. Sie schloss die Augen und atmete den salzigen Duft des Windes ein.
   Als ihr PHand piepste, um Semons Ankunft zu melden, stand sie mit wackligen Beinen auf, verabschiedete sich und verließ die Küche. Die Anzeige beim Systemdienst würde sie später machen.
   Der Abend mit Semon verlief wie immer angenehm plätschernd. Man hörte sich zu, man lächelte sich an. Alles war gut. Nur wünschte sich Naidu, weit weg an einem Strand zu spazieren, den Wind im Gesicht, ohne lächeln zu müssen.
   Sie kehrten früh ins Wohnheim zurück.
   Dort entschied Naidu, dass sie Sendres Urteil über Semon wissen wollte und klopfte an ihre Zimmertür. Erstaunt trat Sendre heraus. Naidu stellte beide vor. Man grüßte sich und stellte die gewohnten Fragen. Sendre reagierte nicht auf den Mann, kein verstecktes Lächeln, kein Zwinkern, kein Kribbeln im Bauch. Sie lächelte und blieb ihm gegenüber vollkommen gleichgültig.
   Zwei Tage später berichtete Naidu ihrer Gedankenbetreuerin, dass sie noch keine feste Beziehung eingehen wolle. Diese blickte erstaunt von ihrem Bildschirm hoch.
   »Das System hat dich dafür bereit erklärt. Du darfst eine Liebesbeziehung aufbauen und sogar heiraten! Semons Profil gehört zur engeren Auswahl.«
   »Das System irrt nie, aber Semons Nähe verwirrt mich und lenkt mich von der Arbeit ab.«
   Die Betreuerin schüttelte den Kopf, rüttelte am Kabel, das den Bildschirm mit Naidus Veredler verband. »Deine Emotionen sind stabil.«
   Naidu behielt nur mit Mühe ein Lächeln im Gesicht.
   Den Blick wieder auf den Bildschirm gerichtet, schüttelte die Gedankenbetreuerin den Kopf. »Du hast vor zwei Monaten eine Ganzkörperreinigung erhalten. Das Institut für Hochbegabte meldet, dass du verlässlich arbeitest. Vielleicht ist Semon nicht der Richtige, ich werde deinen Entscheid weiterreichen.«
   In der folgenden Nacht konnte Naidu das erste Mal seit Langem wieder durchschlafen. Semon hatte sie nie mehr gesehen.

Jedes Mal wenn Naidu Sendre begegnete, wie nun in der Küche, überlegte sie krampfhaft, wie sie das Gespräch auf deren Freund lenken konnte, um den Wind und die Hitze schmecken zu können, bis es in ihrer Brust schmerzte.
   Die Türklingel riss sie aus ihren Gedanken. Sie schloss den Schrank und eilte zum Eingang. Der Bildschirm zeigte einen Systemdiener in Uniform. Sie öffnete lächelnd, der Beamte lächelte zurück.
   »Emotionskontrolle. Ich komme wegen des Brandes im zweiten Stock.«
   »Oh!«, murmelte sie erstaunt und hob lächelnd ihr Haar. »Es gab einen Brand?«
   »Der Bewohner hatte nicht aufgepasst. Personen wurden keine verletzt. Haben Sie den Rauch im Treppenhaus nicht gerochen?« Die Finger des Beamten legten sich sanft auf ihren Veredler, während er seine Stirn an die ihre legte. Naidu spürte nur ein leises Surren im Kopf, als er ihre Gedanken las.
   Brand im zweiten Stock? Sie aktivierte ihren Veredler. Langsame Alphawellen lockerten ihre Nervenbahnen. Nichts ist passiert, das Haus ist sicher, jeder kann einmal einen Fehler machen, die Küche wird sicherlich bald wieder schön aussehen. Ihr Körper entspannte sich. Das fremde Surren nahm sie kaum wahr.
   »Alle Gefühle im positiven Bereich. Sie machen das sehr gut. Dank dem System.« Der Staatsdiener lächelte. »Die Küche wird bald wieder blitzblank und benutzbar sein.«
   »Dank dem System.« Naidu lächelte zurück.
   »Ist sonst noch jemand in der Wohnung?«
   »Nein, es ist niemand da.« Eifrig schüttelte sie den Kopf. »Soll ich etwas ausrichten?«
   »Das ist nicht nötig. Ihre Mitbewohner werden morgen bei ihrer Arbeit kontrolliert.« Der Systemdiener grüßte und drehte sich um.

Als Naidu in die Küche zurückkehrte, stand Sendre beim Spülbecken und löffelte ein Aufbaumus. »Wer hat geklingelt?«
   »Ein Staatsdiener, Emotionskontrolle, es gab einen Brand im zweiten Stock.«
   Der Löffel stockte auf halbem Weg. »Will er mich sehen?«
   »Nein, ich habe gesagt, es sei sonst niemand hier.«
   Der Löffel senkte sich langsam in die Schale. »Du hast gelogen?«
   Langsam schritt Naidu zum Tisch. »Du hättest die Gedankenkontrolle nicht bestanden.«
   Sendre starrte sie an. Dann lief sie blitzschnell zur Tür, schlug diese zu und stellte sich davor. »Wie meinst du das?«
   Naidu bewegte sich langsam nach rechts, bis sie unter der Überwachungskamera stand.
   »Du imitierst uns sehr gut. Ich arbeite mit pubertierenden Unveredelten, darum sind mir gewisse Unregelmäßigkeiten aufgefallen. Zu viel Neugier, dann wieder zu wenig Freude. Wer nicht darauf spezialisiert ist, merkt nichts.«
   Sendres rechte Hand tastete dem Hosenbund entlang nach hinten. Naidu verlangsamte ihren Atem. Betawellen einströmen lassen. Sie benötigte Glücksgefühle, um ihre Mitbewohnerin nicht zu einer unkontrollierten Handlung zu verleiten!
   »Ich melde dich nicht. Ich hätte es schon längst tun können.«
   »Du willst mir weismachen, dass du eine unkontrollierte Rebellin in der Wohnung hausen lässt?«
   Naidu zeigte beschwörend hoch zur Kamera.
   »Falls du mich nicht verrätst, finden es die Diener in einer Gedankenkontrolle raus.«
   Naidu schloss die Augen. Unveredelte regierten in so einer Situation gewalttätig, sie musste aufpassen. Atem verlangsamen, beruhigende Gammawellen in die Nervenzentralbahn senden, Stimmlage senken. »Es gibt eine Möglichkeit, Gedanken zu verstecken. Und nun komm hierher unter die Kamera. Hier werden wir von ihr nicht erfasst.«
   Sendre starrte sie an. Dann schritt sie langsam, die rechte Hand hinter ihrem Rücken, zu Naidu.
   »Warum verrätst du mich nicht?«, zischte sie.
   Hitze schoss Naidu in die Wangen. »Seit ich mich von Semon getrennt habe, kann ich wieder ruhig schlafen. Du hast mir dabei geholfen.«
   Sendre sah sie zweifelnd an. Naidu wich ihrem Blick aus. Es gab einen anderen Grund.
   »Willst du mit mir Gedanken austauschen?«, brach es aus ihr heraus.
   Sendre schnaubte. »Und wie soll das gehen? Ich bin nicht veredelt. Das hast du mir doch eben mitgeteilt.«
   »Als Betreuerin trage ich Aktosensoren, mit deren Sinuswellen kann ich deine Gedanken erfassen. Ich würde nie tief in dich eindringen. Ich meine, ich würde nur das abschöpfen, was du bewusst an die Oberfläche schickst.«
   Sendre schüttelte heftig den Kopf. Naidu starrte auf ihre Handschuhe. Das Meeresrauschen, sie hatte so lange darauf gewartet.
   »Falls nicht, musst du die Wohnung verlassen.« Sie lächelte starr.
   Sendre strich sich das Haar aus dem Gesicht. »Wie hast du den Diener anlügen können?«, flüsterte sie.
   Hitze schoss erneut in Naidus Wangen. Sie blickte weg.
   »Ich erlaube dir, meine Gedanken zu lesen. Dafür beatwortest du meine Fragen. Abgemacht?«, fragte Sendre.
   Naidu nickte.
   »Wenn du tiefer dringst, werde ich dich töten«, sagte Sendre.
   Naidu lächelte sie an.

Gedankenlesen

Naidu zitterte, als sie Sendre in die Waschküche folgte. Die defekte Überwachungskamera war noch nicht repariert worden. Sendre lehnte einen Eimer an die Tür. Falls jemand hereinkam, würde das Scheppern sie warnen. Neben dem Kleiderreiniger kauerten sie sich hin.
   Naidu hatte ihre Handschuhe ausgezogen und rieb ihre Fingerspitzen aneinander. »Ich werde mit Gammawellen deine Nervenbahnen lockern, damit deine Nervosität nachlässt.«
   Sendre schüttelte den Kopf. »Lass mich in Ruhe mit deinen Wellen! Ich will keine lächelnde Marionette sein.«
   »Gamma beruhigt nur«, korrigierte Naidu. »Alpha setzt dich in einen angenehmen Zustand. Beta macht glücklich.«
   »Und die anderen Wellen?«, fragte Sendre.
   »Welche anderen?«
   »Na, die, die ihr sonst in die Menschen hineinjagt!«
   »Es gibt keine anderen«, antwortete Naidu spitz. Sie starrten sich an, bis Sendre den Blick senkte.
   »Übermittle mir ein schönes Erlebnis«, sagte sie leise. Naidu umfasste Sendres Arm und beugte ihren Kopf nach vorn. Sendres Stirn war feucht.
   Menschen stehen am Straßenrand und klatschen. Rosafarben angezogene Kinder defilieren an ihnen vorbei, winken und singen. Naidu winkt zurück. Freude und nervöse Erwartungen kribbeln in ihrem Bauch. Bald wird es Kuchen geben.
   Sendre wich zurück, löste die Verbindung.
   »Canorras Geburtstag, Kuchen mit Erdbeergeschmack und roter Glasur. Er schmeckt gut.« Verträumt sah sie ins Nichts. »Ich kenne euer Leben. Mit zwölf Jahren bin ich geflohen, zusammen mit meiner älteren Schwester.«
   »Warum bist du weg?«
   Sendres Blick war abwesend. Schließlich schüttelte sie den Kopf. »Das ist zu kompliziert.« Sie fixierte Naidu. »Aber ich bin keine Terroristin. Ich bin hier, weil ich …«
   »Erzähl nicht mehr.« Naidu lächelte steif. Sie wollte nicht wissen, warum sich Unveredelte im System aufhielten. Sie wollte das Meeresrauschen hören.
   Aber Sendre schüttelte den Kopf. »Ich bin Wissenschaftlerin. Mir fehlen gewisse Informationen, darum bin ich hier. Warum kannst du Gedanken verbergen?«
   »Ich …« Naidu zögerte. »Wirst du mir ein paar Gedanken schenken?«
   Sendre blickte sie mit gerunzelter Stirn an. Dann zuckte sie die Schultern. »Woran soll ich denken?«
   »Deine Familie?« Naidu lächelte.
   »Nein, Informationen über sie gebe ich dem System nicht preis. Entschuldige, du behauptest, du kannst Gedanken verbergen, aber ich kenne eure Gedankenkontrollen.«
   Langsam krümmte Naidu ihre Fingerkuppen. »Du hast einen Freund«, sagte sie so beiläufig wie möglich.
   »Ach so!« Sendres kicherte. »Das ist es! Lass mich kurz sondieren.«
   Sie kniff die Augen zusammen, dann nickte sie. Naidu neigte sich zu ihr.
   Zuerst herrschte Dunkelheit, dann durchzuckte sie einzelne Lichtblitze. Es knisterte.
   »Sie möchten wirklich, dass wir echte Zombieveredler auftreiben?«, hörte Naidu, bevor sie etwas sah.
   Seine Stimme klang angenehm tief. Der Blick aus den hellen Augen war starr. Doch ließ er ein seltsames Kribbeln in der Brust zurück.
   Das Licht wurde heller. Sein Gesicht beugte sich zu ihr nieder.
   »Schön, dass Sie wieder da sind.« Es kratzte nur leicht in der Kehle. Graublaue Augen zwinkerten.
   »Das finde ich auch.« Etwas flatterte im Magen.
   Es knisterte.
   Das Lachen sammelte sich in der Brust und perlte frei heraus. Seine Hand lag auf ihrem Arm.
   »Wenn es nicht so tragisch wäre, wäre Zombieland wirklich ein unterhaltsamer Ort.«
   Ihr Atem ging tief. Seine Augen waren ganz nahe, das Lächeln auch.
   »Der Systemdiener dachte wirklich, dass …«
   Das Bild zersprang wie Glas.
   »Wüstenblume.« Ein feines Lächeln umspielte seinen Mund, der Ton klang leise und voll. Ein herber Holzduft lag in der Luft. »Die Gewitterwolken ziehen sich zusammen. Bleibst du heute Abend bei mir?«
   Die Hitzewelle aus dem Unterleib erreichte den stockenden Atem unterhalb des Herzens. Es roch nach Moschus. Ihre Hand lag auf seiner nackten Brust. Er atmete langsam. Ihre Finger kringelten seine Brusthaare, wanderten zum Bauchnabel, der Zeigefinger fuhr darum herum. Die Hand wanderte weiter, spielte mit seinen Schamhaaren, sie …
   Naidu löste sich. Sie konnte ihr Zittern nicht unterdrücken. Die ungewohnte Wärme in ihrer Körpermitte pulsierte. Fühlten sich so die Menschen an?
   Sendre musterte sie mit zusammengekniffenen Augen an.
   »Du magst ihn sehr«, flüsterte Naidu.
   Sendre schüttelte sich, als müsste sie etwas Unangenehmes loswerden. »Natürlich.« Sie beugte sich nach vorn. »Wie fühlt sich das an, wenn du in einem fremden Kopf sitzt?«
   Verwirrt runzelte Naidu die Stirn und versuchte, die Bilder zur Seite zu drängen. Sanft berührte sie ihr Porzellankästchen im Nacken.
   »Bei Veredelten fühlt es sehr angenehm an. Die Welt ihrer Gedanken hat eine klare Struktur, die Farben leuchten in rosa und blau. Man befindet sich in einer glücklichen und schönen Welt und kann sich in alle Richtungen bewegen. Aber bei euch …« Sie schüttelte den Kopf. »Eigentlich erkennt man nur einzelne Bilderfetzen oder kurze, unlogische Filmsequenzen, gemischt mit gesprochenen Wörtern oder Satzfragmenten, oft hört oder riecht man etwas.« Sie rückte etwas zur Seite. »Ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen, wie ihr das Chaos in eurem Kopf aushalten könnt. Man erkennt in euren Gedanken keine Orientierung. Alles mischt sich wild durcheinander und läuft gleichzeitig ab. Wir Betreuer haben eine intensive Ausbildung machen müssen, um überhaupt etwas von dem zu verstehen, was auf uns niederprasselt, wenn man in den Kopf eines Unveredelten schaut.«
   Lächelnd hob sie ihre Hände.
   »Darum benutzen wir die hier.« Ihre Finger zappelten vor Sendres Gesicht. »Durch die Aktosensoren können wir die elektromagnetischen Wellen des Körpers wahrnehmen. Wir wissen darum, was der Berührte fühlt. Gefühle und Gedanken stehen im direkten Austausch. Mit der Kombination von Gedankensehen und Emotionenlesen wissen wir etwas mit dem Chaos, das in euren Köpfen herrscht, anzufangen.«
   Sendre hielt die Stirn gerunzelt. »Der Veredler in eurem Nacken kontrolliert eure Gedanken derart, dass ihr nur an ein Ereignis denken könnt?«
   »Nein, der Veredler wird aktiviert, wenn wir negative Gefühle wie Angst, Wut oder Hass haben. Dank ihm kann ich elektromagnetische Wellen in meine Nervenbahnen und Teilbereiche meines Gehirns senden. Das balanciert mich aus und beruhigt meine Gedanken.«
   Sendre wollte etwas entgegnen, atmete stattdessen aber tief ein. »Man erzählte mir, Gedankenleser können tief in den unbewusstesten Vorstellungen eines Menschen herumwühlen!«
   Naidu lächelte. »Das ist nicht schwierig.«
   Sendre blickte sie entsetzt an.
   »Du kannst lügen«, fuhr Naidu fort, »aber du kannst nicht deine Gedanken verstecken. Wenn ich etwas Bestimmtes wissen will, spreche ich darüber. Der Berührte kann seinen Gedankenfluss nicht stoppen. Er erinnert sich an das Gesagte, ob er will oder nicht und ich lese seine Gedanken.«
   »Und das nennt ihr Freiheit?«
   »Darum geht es nicht. Wir Veredelten sind nicht daran interessiert, irgendwelche Geheimnisse zu horten. Früher verbarg man vor den Mitmenschen schlechte Gedanken. Dank der Gedankenkontrolle wird alles offen auf den Tisch gelegt. Dadurch wird der Mensch gezwungen, sich seinen negativen Gedanken zu stellen und diese zu ändern. Wir sind offen und glücklich geworden.« Lächelnd zog Naidu ihre Handschuhe an. »Der unveredelte Mensch hat es nicht geschafft, seine eigene Spezies in Ruhe zu lassen und die Erde zu schützen. Er hat …«
   »Danke!« Sendre hob die Hände. »Diese Reden kenne ich.«
   Eine unangenehme Stille entstand. Schließlich räusperte sich Sendre. »Fühlst du dich nicht wie ein Parasit, wenn du in den Gedanken fremder Menschen herumwühlst?«
   »Ich darf nur in speziellen Fällen Gedanken lesen. Ich … Meine Aktosensoren habe ich für meine Arbeit im Institut bekommen, gewöhnliche Bürger benötigen keine.«
   »Und damit hast du mich erwischt.«
   »So könnte man das sagen.« Naidu lächelte entschuldigend.
   »Warum bist du für diese Arbeit ausgesucht worden?«
   Naidu lächelte stolz. »Ich bin in meiner Jugend sehr mitfühlend gewesen.«
   »Das ist alles?«
   »Ja.« Naidus Lächeln blieb unbeweglich.
   Sendre schüttelte sich, als müsste sie etwas loswerden. »Danke für diese … ungewöhnliche Erfahrung. Ich werde bald verschwinden müssen.«
   »Aber …« Naidus Hände verschränkten sich ineinander. War das schon alles gewesen? »Von mir wird niemand etwas erfahren, das schwöre ich dir. Ich … Es war sehr schön.«
   Sendre kicherte, dann puffte sie Naidu in die Seite. »Das weiß ich selber. Es ist besser, wenn wir den Raum getrennt verlassen. Gute Nacht und träum süß.«

Gedankenbetreuung

Der Mann starrte sie an.
   Naidu wachte sofort auf. Ihr Herz klopfte, und ihr Haar klebte im Nacken. Sie musste nicht auf die Uhr schauen, um zu wissen, dass es vier Uhr morgens war. Es würde über eine Stunde dauern, bis sie wieder einschlief. Sie stand auf, hängte das verschwitzte Nachthemd zum Trocknen auf und suchte ein neues. Dies tat sie, seit sie von ihrer Gedankenleserin gefragt worden war, warum so viele Nachthemden in ihrer Wäsche lägen. Sie hatte darauf nicht geantwortet, als Veredelte durfte sie keine Albträume haben. Gern hätte sie schnell geduscht, doch sie wollte das System nicht über ihr Wachsein informieren. Sie ging zum Fenster und starrte in den schwarzen Himmel.

Als der Wecker klingelte, fühlte sie sich trotzdem ausgeschlafen. Nach der Dusche stellte sie die Überwachungskamera auf aktives Filmen ein, stellte sich davor und legte die Hände zusammen.
   »Ich begrüße den Tag und werde heute mein Möglichstes tun, den Menschen und der Umwelt zu dienen. Ich werde glücklich sein, glücklich, glücklich und andere glücklich machen. Mögen Natur und Gesellschaft gedeihen, zugunsten von uns allen. Ich danke dem System, ich danke Canorra. Danke, danke. Alles ist gut.« Die Worte flossen von selbst über ihre Lippen. Alle Gedanken verstummten. Sie verbeugte sich zwei Mal. Dann wechselte sie den Modus der Kamera, scheu über ihre Eitelkeit lächelnd. Wer sich beim Beten filmte, dessen Sequenz wurde durch ein Zufallsprinzip während des Tages irgendwo in der Stadt auf eine Leinwand projiziert.
   Die Betreuungsanlage lag außerhalb der Stadt. Von der Haltestelle der Schwebebahn aus brauchte Naidu nur wenige Minuten zu Fuß. Hier lag der Grundwasserspiegel etwas höher als im Umland. Darum hatte man kleine, öffentliche Parkanlagen angelegt, in denen sich die Bewohner erholen konnten. Das Erleben der Natur sollte den Geist beruhigen und stabilisieren. Wälder oder Wiesen gab es keine mehr. Einige wichtige Persönlichkeiten hatten hier draußen ihren Wohnsitz. Darum wurde kontrolliert, wer in die Gegend kam. Naidu lächelte. Als Mitarbeiterin des Institutes war sie privilegiert. Ihrer Freunde kamen nie hier heraus.
   Das Anwesen lag auf einer leichten Anhöhe, ein helles Gebäude mit mehreren überdachten Innenhöfen. Alle Ausgänge waren mit Bewegungssensoren ausgestattet. Darum war es am Vortag ein Leichtes gewesen, Jarobs Flucht zu bemerken und ihm zu folgen.
   Nachdem ein Mensch veredelt wurde, lehrte man ihn innerhalb kürzester Zeit mittels Gedankenübertragung die Dinge, die er für seine berufliche Tätigkeit und sein Leben in der Gemeinschaft wissen musste. Im Institut wurde darum kein Lernstoff übermittelt. Die Betreuer bemühten sich, Gehirn und Körper ihrer Zöglinge aktiv zu halten, den sozialen Umgang der Jugendlichen zu überwachen und ihnen die ethischen Grundlagen des Systems beizubringen. Mit seiner Veredelung war der Jugendliche entlassen.
   Jeden Morgen ließ Naidu am Eingang ihre Emotionen kontrollieren. Dann bekam sie den aktuellen Tagesplan und betreute die Zöglinge in täglich neu zusammengestellten Gruppen.
   Heute bestand die Schar aus vier gleichaltrigen Jugendlichen. Sie saßen im Kreis im Innenhof. Die Informationsmappe auf Naidus Schoß war mit ihrem Veredler verbunden. Sie lächelte und hörte einem braunhaarigen Mädchen zu.
   »Canorra ist nicht wegen der Erfindung des Veredlers angegriffen worden. Es war vor allem die Gedankenkontrolle, von der die Menschen damals zurückschreckten.« Alisas Ton klang herablassend, trotzdem war das Publikum von ihr gefesselt.
   Pirro nickte eifrig in ihre Richtung. »Unveredelte leben lieber ihre Macht und ihren Egoismus aus, als sich auf das Wichtige zu konzentrieren. Kein Wunder, dass sie während des Wasserkrieges die halbe Welt und den größten Teil der Menschheit zerstörten. Hätte man früher auf Canorra gehört …«
   »Keine Annahmen, Pirro.« Naidu lächelte. »Wir akzeptieren die Vergangenheit so, wie sie ist.« Ihre Hand lag auf der Informationsmappe, mit leichten Bewegungen des Zeigefingers konnte sie die Akten der Jugendlichen einsehen. Über ihren Veredler ergänzte sie den Inhalt per Gedanken.
   »Ich meine auch nur, dass die alles vernichteten, bis sie auf Canorra hörten.«
   »Mir ist das Gedankenlesen trotzdem unangenehm«, sagte der andere Junge.
   Rick Voltard, stand in der Akte, siebzehn Jahre alt, hohe Qualifikation im vernetzten Denken und Mathematik, reagiert negativ auf emotionalen Einfluss, Kontakt mit Bewohnern überwachen, fünfzehn Verweise wegen unangepasster Äußerungen, muss alle fünf Stunden seinen Hormonspiegel kontrollieren lassen.
   »Naidu, wie hält ihr diese dauernde Überwachung aus?«, fragte Rick.
   »Eine Veredelte hat nichts zu verbergen. Die Überwachung hilft uns, unsere negativen Gedanken zu erkennen und aufzulösen.«
   Alisa nickte beflissen. »Canorra wusste, dass die Unkontrollierten ihr Glücklichsein nur vorspielten«, sagte sie eifrig. »Ihre schlechten Gefühle hielten sie unter Verschluss, weil sie sich dafür schämten. Bei jeder Entscheidung spielten diese negativen Emotionen aber eine Rolle. Erst die Gedankenkontrolle kann diese verdrängten Komplexe an den Tag bringen und den Menschen helfen. Rick, wenn du veredelt bist, wird dich die Überwachung nicht mehr stören.«
   Alisa machte ihre Aufgaben wirklich sehr gut, nur am Ton musste sie noch arbeiten. Naidu lächelte ihre Zöglinge an.
   »Wir alle können verstehen, wenn die Überwachung teilweise als unangenehm empfunden wird, aber …«
   »Warum gibt es immer noch Menschen, die sich nicht veredeln lassen wollen?«, fragte Mara Kissa.
   Ihr Akte sprang auf: sechzehn Jahre alt, Tochter von Ilia Kissa, bekannteste Kunstgrafikerin im System. Mara zeigte ähnliche Begabungen. Kontaktfreude sollte gefördert werden, verweigerte die Annahme von Betawellen. Emotionen sollten regelmäßig kontrolliert und ausgeglichen werden.
   »Du sprichst von wenigen Querschlägern. Das System kann nicht allen gefallen.«
   »Stimmt es, dass man die Unkontrollierten in verseuchten Gebieten aussetzt?«
   Naidus Zeigefinger scrollte zu Pirros Akte und schrieb: Kennt Terroristen-Gerüchte. Angstzustände überwachen.
   »Die Unveredelten haben die Erde in einem lebensfeindlichen Planeten verwandelt«, erklärte sie. »Täglich tun wir unser Bestes, unsere Umwelt lebenswert zu machen. Wir verzichten auf Luxus, fördern unseren Zusammenhalt und begrüßen das einfache Leben. Unser Konsum wird geregelt, niemand vergeudet Energie oder Rohstoffe. Wer seine Veredelung verweigert, verweigert sich dem Leben. Er soll am lebendigen Körper erfahren, zu was die Unkontrollierten fähig waren und sind. Im Ödland der Ausgestoßenen herrschen Anarchie und Gewalt. Die Unveredelten haben es bis heute nicht geschafft, ihr Verhalten zu verbessern. Wir hindern niemanden, so zu sein wie sie. Aber wer unkontrolliert bleibt, soll unter seinesgleichen leben und nicht bei uns.«
   Naidu aktivierte ihren Veredler, das Gespräch nahm unangenehme Wendungen an. Sie würde nach der Diskussion bei jedem Schüler einen Emotionsausgleich vornehmen.
   »Es wird aber gesagt, dass die Unkontrollierten uns Zombies nennen. Durch den Veredler werden wir zu lebendigen Robotern gemacht, nicht mehr fähig, die eigene Individualität zu entwickeln und wirkliche Gefühle zu haben.«
   Naidu tippte schon, während Rick sprach: Streut schädliche Gerüchte. Nachforschen, wie er diese bekam. Maras und Pirros emotionale Reaktion auf die Schmähung überprüfen.
   Anschließend lächelte sie. »Sehe ich aus wie ein Roboter?«
   Alisa kicherte.
   »Jedes System hat seine Neider. So auch unseres. Jeder kann frei entscheiden, ob er dazugehören will oder nicht, und jeder kann frei entscheiden, auf welche Stimmen er hören will oder nicht.« Sie blickte jedem tief in die Augen. »Auch ihr könnt das tun.« In Gedanken zählte sie bis fünf. »Das war eine intensive Diskussion. Gebt mir eure Hände, damit ich euch ausgleiche und ihr keine Ängste nährt.«
   »Naidu …« Maras Stimme klang zögerlich. »Warum dürfen wir uns in Novapolis nicht frei bewegen? Verhalten wir uns so … unkontrolliert?«
   Mara, tippte Naidu, benötigt mehr Vertrauen ins System. Verdoppelung der Ethikdiskussionen und stärkere Kontrolle während des Gebets.
   »Warum willst du in die Stadt? Ihr bekommt hier die Ausbildung, die das System für euch vorgesehen hat. Zu viel Ablenkung bringt euch durcheinander.«
   »Ich sehe meine Familie jedes Wochenende.« Alisas Ton war wie immer zu hoch.
   Naidu lächelte in Ricks argwöhnisches Gesicht. »Und nun eure Hände bitte. Das Gespräch hat euch aufgewühlt. Gammawellen werden euch beruhigen.« Mit einem Tippen stellte sie die Informationsmappe ab.

Die Schwebebahn surrte leise. Naidu hatte ihre Stirn an die kühle Fensterscheibe gelegt und starrte nach draußen. Farbige Wolkenkratzer mit wechselnden Leuchtsprüchen zogen an ihr vorbei, wurden zu einem Fluss, zu einem undurchdringbaren Teppich.
   Sie hörte Sendres Stimme im Ohr. »Kannst du wirklich Gedanken verbergen?«
   Konnte sie es? Hatte Yarik recht?

Der ehemalige Zögling durfte wegen seiner schnellen Auffassungsgabe in Mathematik und Informatik im Institut leben. Er war der Sohn eines hohen Logistikers und darum mit besonderer Vorsicht zu behandeln. Naidu schätzte es, dass der Junge die bevorzugte Behandlung nicht ausnutzte.
   Als er einst im Ringen verlor, zog sie den zerknirschten Jungen von der Arena und jagte Gammawellen durch seine Nervenbahnen. Yarik schrie auf und versuchte, sich von ihr zu befreien. Um ihn besser zu verstehen, berührte sie seine Stirn und prallte zurück: Innerhalb eines Augenblicks war die blutrote Kampfszene, in der sie von Yarik mit einem Messer traktiert wurde, verschwunden. Sie stand auf einer Wiese und lächelte sich selbst an. Yarik stand hinter ihrem Phantom und blinzelte ihr zu.
   Naidu löste die Verbindung und musterte den Jungen, der nun lächelnd zu ihr hochsah. Benommen schüttelte sie den Kopf. Waren ihre Aktosensoren verstopft? Solche emotionalen Veränderungen waren ihr unbekannt.
   In Yariks Akten konnte Naidu nichts über Gedanken- und Gefühlsprünge finden. Der Junge wies kaum emotionale Schwankungen auf und gliederte sich einwandfrei in das System ein. Für einen jungen Pubertierenden zu problemlos. Sie beobachtete ihn genau, las jede Aufzeichnung über ihn, und Yarik schien sie zu studieren. Lächelnd umkreisten sie sich.
   Yarik stellte sie während einer Nachtschicht. Sein PHand hatte eine erhöhte Körpertemperatur gemeldet. Mit fiebersenkenden Medikamenten betrat sie sein Zimmer. Er saß unter der Überwachungskamera. Das Systemgebet dröhnte aus den Lautsprechern. Sie erkannte sogleich, dass er kein Fieber hatte. Nach einem kurzen Zögern kauerte sie sich neben ihn. Seine Hände zupften am Saum seines Shirts.
   »Kannst du mir eine Bitte erfüllen?«, fragte er.
   »Yarik, du weißt, dass wir dir jederzeit alles …«
   »Ich möchte, dass du mir hilfst.«
   Naidu zögerte. Im Institut wurden alle Zöglinge gleich behandelt. Individuelle Wünsche waren nicht erlaubt.
   Er zog seine Ärmel über die Hände. »Du denkst, ich sei komisch, nicht wahr?«
   »Nein! Du handelst und fühlst fast wie ein Veredelter, das ist … sehr speziell.«
   Er lachte auf. »Warnst du mich, wenn sie mich holen, um mich zu veredeln?«
   »Yarik!« Entrüstet schüttelte sie den Kopf. »Jeder Mensch entscheidet selbst, ob er veredelt werden will oder nicht. Du …«
   »Nein!«
   »Yarik. Der freie Wille wird hier im System hoch geachtet. Niemand wird gezwungen.«
   »Warnst du mich?«
   »Es ist nicht nötig.«
   Er beugte sich zu ihr vor. »Ich bitte dich darum.«
   »Willst du nicht so werden wie wir?«
   Yarik blickte weg. Hatte er Tränen in den Augen? »Wenn du mich warnst, werde ich dir das Geheimnis verraten«, flüsterte er.
   Sie zuckte zurück.
   Wieder gefasst, blickte er sie an. »Du suchst danach, nicht wahr?«
   Das Blut schoss in ihren Kopf. Der Junge hatte ihr während des Gedankenlesens etwas Falsches gezeigt. Eigentlich hätte sie es rapportieren sollen. Aber konnte man damit Albträume verbergen?
   Yarik nahm die fiebersenkenden Tabletten aus ihren Händen, erhob sich und legte sich ins Bett.
   »Danke für die Medikamente. Danke dem System.«
   Unschlüssig blinzelte sie ihn an. Dann stand sie wortlos auf und verließ das Zimmer.
   Sie hätte den Vorfall gleich melden müssen, unterließ es jedoch. Eine Stimme in ihr sagte, dass sie Yariks Vertrauen nicht zerstören durfte, um sein Geheimnis zu erfahren. Danach würde sie alles dem Institut mitteilen. Eine andere Stimme drängte sie, von diesem Experiment zu lassen. Yarik war ein Unkontrollierter, man konnte ihm nicht trauen. Sie überflutete sich mit Betawellen und ihre Zweifel verstummten.
   Nach einem freien Wochenende entdeckte sie die Bemerkung in Yariks Akte: In der Küche waren seine Fingerabdrücke gefunden worden. Sein Betreuer war danach tiefer in sein Gedächtnis eingedrungen und hatte unerklärliche Gedankensprünge entdeckt. Nachdem man Yariks Vater informiert hatte, entschied jener, den Jungen zu veredeln, bevor sich seine Anomalie festigen könnte. Yarik war siebzehn Jahre alt. Eine frühzeitige Veredelung hemmte die weitere Entwicklung des Gehirns.
   Naidu brauchte nicht lange, um sich zu entscheiden. Als Yarik ihr Übungszimmer betrat, legte sie ihm einen seiner alten Texte auf den Tisch. »Deine Arbeit enthält systemfremde Stellen. Wir überarbeiten den Text.«
   Der Junge verstand sofort.
   Wortlos setzte er sich hin und nahm einen Stift in die Hand. Als die Gebete in den Lautsprechern über ihnen erschallten, teilte sie ihm die Entscheidung seines Vaters mit.
   Yariks Miene blieb ausdruckslos. »Baue in deinem Kopf ein Gebäude mit weißen Gängen, deine Gedanken lässt du in den verschiedenen Zimmern hausen. Das ist nicht einfach. Sie brechen immer aus, aber du kannst die Zimmer nach dem Geschmack deiner Gedanken gestalten, das hält sie ruhig. Wenn jemand in dich eindringt, schließt du die Türen der Zimmer. Achte auf die weißen Gänge, der Gedankenleser kann die Türen nicht finden.«
   Er grinste sie an, dann stand er auf und ging. Am nächsten Tag war er verschwunden, und Naidu fing an, ihr weißes Gebäude zu bauen.

Feste feiern

Als sie am Abend in die Küche trat, war Sendre nicht da, dafür Afne, die sie zum Tanzen einlud. Naidu lehnte erschöpft ab.
   »Du darfst eine Beziehung eingehen und bist seit zwei Wochen nicht mehr ausgegangen«, rief Afne. »Das System wird bald auf dich aufmerksam.«
   Naidu lächelte freudlos. »Danke für deine Unterstützung. Ich werde mich gleich umziehen.«
   Afne lachte und legte einen Arm um ihre Schultern. »Komm in mein Zimmer! Ich kleide dich ein und schminke dich. Sonst trägst du wieder so was Langweiliges!« Kichernd zog sie ihre Mitbewohnerin aus dem Raum.

Das selbstfahrende Taxi schnurrte. Afne strahlte und schwatzte. Naidu lächelte.
   Nur ein Wächter stand vor dem Eingang von Afnes Lieblingsklub. Naidu hielt ihr Handgelenk hin, der Laser kitzelte. Zwei Pillen wurden in ihre Handschuhe gedrückt. Sie trank Wasser, um sie runterzuschlucken. Im Eingangsbereich wurden ihnen zwei Sitze zugewiesen. Naidu blinzelte. Nach der Pilleneinnahme konnte sie die Umgebung nur verschwommen wahrnehmen. Neben ihr kicherte Afne und stupste sie in die Seite. Nachdem ein Angestellter die Reaktion ihrer Pupillen kontrolliert hatte, durften sie eintreten.
   Der Raum war abgedunkelt und voller Menschen. Lächelnd folgte Naidu ihrer Freundin durch das Gewühl.
   Die Lichter drehten sich, die Musik glitt in ihren Körper. Der Rhythmus wurde zu ihrem Herzschlag. Die fordernden Klänge zeigten ihr, was noch alles möglich war, was alles in ihr steckte. Sie reckte sich nach oben, ihr Atem floss. Die Welt war schön.
   Afne war schnell verschwunden. Naidu drehte sich auf der Tanzfläche. Die Musik bewirkte, wonach sich ihr Körper sehnte. Sie vibrierte in ihren Händen, in den Fingern. Alles war eins, sie war alles. Um sie herum tanzten andere im selben Takt. Glückliche Menschen, die sie liebten.
   Der Drink war süß und schaumig. Sie lehnte sich an einen Körper, fuhr mit der Hand über einen sehnigen Hals. Hörte sie Meeresrauschen? War die Luft salzig? Sie roch an der fremden Haut. Jemand streichelte ihr Haar. Die Klänge der Musik fuhren wellengleich durch ihren Körper. Die Lichter blinkten. Glücklich schloss sie ihre Augen.

Der Mann starrte sie an.
   Naidu fuhr hoch. Erschrocken blickte sie sich um. Sie musste kurz eingenickt sein. Die Lichter und die Musik flossen ineinander, verfilzten sich zu einem dicken, zähen Teppich. Verwirrten ihre Sinne. Eine Hand strich über ihren Rücken. Der Schweiß brach ihr aus. Sie riss sich los und taumelte zum Ausgang.
   Die Systemdienerin sah ihr lächelnd entgegen. Der Laser kitzelte. Naidu sank auf die Bank. Zwei Pillen wurden ihr gereicht.
   »Gleich kommt Ihr Taxi. Die blaue Pille müssen Sie nicht schlucken.« Der Blick der Staatsdienerin blieb auf dem Bildschirm. »Sie hatten vor fünf Tagen einen Eisprung. Seit einer Woche schon Eisenmangel, die neue Diät wird Ihnen morgen zugestellt.« Sie warf einen Blick auf Naidus Handschuhe. »Betreuerin von Hochbegabten? Wie kamen Sie zu so einem beliebten Job?«
   »Ich war in der Schule sehr mitfühlend.«
   »Genau. Sie sind ein bisschen erschöpft. Sonst ist Ihr körperlicher Zustand gut. Emotionen wieder ausgeglichen. Das Kleid steht Ihnen gut. CR hat seit gestern eine Aktion mit ähnlichen Modellen.«
   Naidu erhob sich. Draußen ließ sie die frische Luft in ihre Lungen strömen. Ein Blick auf den PHand verriet ihr, dass Afne noch im Klub tanzte. Sie schickte ihr eine Nachricht. Dann hielt das Taxi neben ihr.
   Die Hintertür surrte zur Seite. Naidu hielt ihr Handgelenk über den Laser, danach stieg sie ein und lehnte sich nach hinten. Hoffentlich konnte sie heute Nacht schlafen.

Als sie am Morgen von ihrem PHand geweckt wurde, blieb sie erschöpft liegen. Sie hatte am Vorabend auf ein Schlafmittel verzichtet, um das System nicht auf sich aufmerksam zu machen. Nun hatte sie das Gefühl, sie hätte die ganze Nacht kein Auge zugetan.
   Sie erlaubte sich eine kurze Dusche – ihre wöchentliche Wasserration ging zu Ende – und schlurfte in die Küche. Unentschlossen blieb sie stehen. Es war Samstag. Was sollte sie tun? Körperformen, frühstücken, jemandem erscheinen, austauschendes Treffen im Wohncafé? Alles hatte den gleichen grauen Geschmack. Nach einer Weile gab sie sich einen Ruck.

Als Vrena eine Stunde später in der Küche auftauchte, warf sie die Hände in die Höhe.
   »Naidu, es riecht köstlich, wie im Märchen!«
    Naidu wischte das letzte Mehl vom Tisch. »Du musst noch warten.«
   »Das macht nichts.« Vrena zückte ihren PHand. »Ich werde gleich Afne melden, dass du Brot gebacken hast. Hat dir dein Bruder Körner geschickt?«
   »Ja. Die neue Sorte wächst gut. Sie haben weniger Probleme mit dem künstlichen Licht unter der Erde.«
   »Das freut mich. Wie lief es gestern Abend?«
   Naidu wrang den Lappen aus. »Gut.«
   »Afne meldete mir, du seist früh weggegangen.«
   »Ich war müde.«
   »Sie schrieb, der Mann, mit dem du getanzt hast, sei sehr attraktiv.«
   »Ah.«
   »Komm schon, erzähl!«
   Naidu setzte sich langsam, dann blickte sie lächelnd auf. »Es ist sehr schön gewesen.«
   »Echt?« Es klang enttäuscht.
   Naidu deutete auf die Pfanne. »Das Brot ist in zwanzig Minuten fertig. Ich vermisse immer noch einen Ofen.«
   Vrena lachte. »Schätzchen, wer bäckt heute noch Brot? Wir werden bei dir anstehen, wenn es fertig ist!« Sie drehte sich um und wollte gerade die Küche verlassen, als Sendre mit einem erstaunten Gesichtsausdruck hereinkam.
   »Was riecht hier so gut?«
   »Du liebes Küken!« Vrena fuchtelte vor ihrem Gesicht herum. »Unsere liebste Mitbewohnerin hat geheime Kornquellen. Wenn du vor ihr auf die Knie fällst, wird sie dir ein Stück Brot überreichen.«
   »Brot?« Sendres Augen wurden kugelrund. »Keine Trockenimitation, kein Jahre altes Bröselwerk. Echtes, frisches Brot?« Sie strahlte. »Das ist unglaublich. Woher hast du das Mehl?«
   »Meine Familie wohnt draußen. Sie arbeiten in der Getreideproduktion. Mein Bruder ist in der Forschung tätig.«
   »Woran arbeiten sie gerade?«
   Naidu zögerte. Sendre war wie so oft zu neugierig. Sie sollte sich freuen und nicht fragen.
   »Sie arbeiten auf den unterirdischen Feldern. Das künstliche Licht macht den Pflanzen Schwierigkeiten, zudem benötigen sie zu viel Energie. Vrena, ruf Afne, damit ich ihr auch etwas abgeben kann.«
   Vrena sprang auf. »Mach ich, und nachher erzählst du von dem Kleid, das dir Afne ausgeliehen hat.« Sie eilte hinaus.
   Naidu winkte Sendre zu sich und hob den Deckel. Sie beugten sich über die Pfanne.
   »Stell deine Fragen später und sei einfach glücklich«, raunte Naidu.

Um die Mittagszeit trafen sie sich mit vollem Magen in der Waschküche. Sendre blickte lächelnd zur Decke.
   »Ein Systemdiener hat gestern die Kameras kontrolliert. Dummerweise ist diese hier unten schon wieder kaputt.« Sie blinzelte zu ihrer Gedankenpartnerin hinüber. »Neue Experimente mit Weizen?«
   Naidu nickte. »Helgo, mein Bruder, forscht seit Jahren mit Dunkelweizen. Auf der Erdoberfläche ist das Wetter zu unberechenbar, zudem weht der Wind radioaktiven Staub herüber.« Eine Weile betrachtete sie ihre Handschuhe. »Die unterirdischen Felder sind umstritten. Endlich scheint sich ein Erfolg einzustellen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Früher wusste ich mehr darüber.« Sie lächelte. »Das Brot schmeckt wunderbar, nicht wahr?«
   Sendre hatte sie mit einem zur Seite geneigten Kopf beobachtet. »Wie lange lebst du schon in Novapolis?«
   »Zwei Jahre.«
   »Und wo warst du vorher?«
   Naidu krümmte ihre Finger, streckte sie wieder. »Ich weiß es nicht.«
   »Wie bitte?«
   Sie trug immer weiße Handschuhe, sie könnte sich einmal welche mit einer anderen Farbe kaufen. »Meine Eltern sagen, ich hätte vorher mit ihnen auf dem Land gelebt. Ich sei in der Kommunikationsbranche tätig gewesen und hätte das System über die Weizenforschung informiert.«
   Weiße Handschuhe passten zu allen Kleidern. Sanft strich sie darüber, zudem waren sie Teil der Betreuerinnenuniform. Eine andere Farbe wäre nur eitel, zudem …
   »Du hast Gedächtnislücken?«
   Seufzend legte Naidu ihre Hände auf die Knie. »Es fehlen mir nur ein paar Jahre. Meine Eltern haben mir von der vergessenen Zeit erzählt.«
   »Und du kannst dich an nichts erinnern?«
   Naidus Blick schwirrte unruhig umher. Ihre Hose war fleckig, sie sollte sie wieder einmal waschen. »Manchmal kommen … Bilder.«
   »Warum, was ist geschehen?«
   Nein, sie hatte erst gerade gewaschen, wie hatte sie das vergessen können. Naidu entfernte ein paar Staubfäden. »Als sie mir die Aktosensoren einlegten, ging ein Teil meiner Erinnerung verloren.«
   »Sie haben gepanscht?«
   »Nein, sie …« Erst jetzt ließ Naidu ihren Veredler im Hinterkopf knacken. Ihr Nacken versteifte sich leicht, dann spürte sie die wohlige Wärme. Sie schloss die Augen und ließ ihren Atem tief in ihren Körper gleiten. »Es kann geschehen, dass es nach Operationen Gedächtnislücken entstehen. Das ist nicht schlimm. Meine Eltern haben mir aus meiner Vergangenheit erzählt.« Sie winkte ab und lächelte. »Ich erfuhr, was ich damals gemacht habe. Vielleicht weiß ich sogar noch ein paar Dinge mehr.«
   Sendre schüttelte den Kopf. »Das ist schrecklich!«
   Naidu lächelte. »Schon als Kind wollte ich Betreuerin werden. Als ich operiert wurde, muss ich gewusst haben, dass es Komplikationen geben könnte.« Sie blickte auf ihre Handschuhe. »Es ist gut so, wie es ist. Ich bin sehr zufrieden.« Sie klatschte mit der Hand auf ihren Oberschenkel. »Wie geht es Karol?« Es war das erste Mal, dass sie seinen Namen laut aussprach. Sendre zuckte zusammen. »Warum kennst du seinen Namen?«
   »Er war in deinen Gedanken nicht zu überhören.«
   »Dann hörst du mehr, als ich dir senden will.«
   Die Alphawellen vibrierten in Naidus Nacken, als sie besänftigend lächelte. »Ich sehe deine Bilder. Ab und zu höre und schmecke ich mehr, das kannst du nicht verhindern. Bitte vertrau mir.«
   Es ging eine Weile, bis Sendre ihr ein paar Erinnerungen überließ: Sie und Karol beim Essen, beim Schäkern, beim Gehen, beim Lieben. Alles etwas verwackelt, mit einigen Unterbrechungen. Naidu sog alles in sich hinein, füllte sich damit. Nach einigen Minuten lehnte sie sich zurück, blickte zur Decke und lächelte abwesend.
   »Warum weißt du, dass ich dir nicht etwas vorgaukle?«, durchbrach Sendre die Stille. »Vielleicht gibt es Karol überhaupt nicht und ich habe mir alles ausgedacht.«
   Fast hätte Naidu gelacht. »Vorstellungen erscheinen in Gedanken eher zweidimensional, ohne Geruch und Ton. Ich würde Karols Stimme vermissen.«
   Verlegen strich Sendre über die Bodenfliesen. »Ich möchte ihn gern wieder einmal sehen.«
   Verunsichert betrachtete Naidu ihre Gedankenpartnerin. Schmeckte ihre Sehnsucht auf der Zunge. Gefährliche Gefühle und trotzdem so verlockend. Dann fasste sie sich ans Herz.
   »Sendre. Bist du glücklich?«
   Die Angesprochene runzelte die Stirn. »Jetzt?«
   »Nein, so allgemein.«
   Sendre zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht. Manchmal. Mit Karol, bei meiner Arbeit, bei meiner … mit anderen zusammen. Manchmal eben. Ich finde, dass Canorra das Glück überbewertet. Es gibt mehr als nur Betawellen. Was ist Glück ohne Unglück?«
   Naidu zuckte zusammen.
   Sendre hob die Hände. »Entschuldige«, flüsterte sie. »Ich lebte im System. Ich kenne Canorra und seine Ideen.« Sie erhob sich. »Danke für das Brot und alles andere.«

Gedankenüberwachung

Naidu versuchte täglich, Sendre abzufangen. Sie brannte darauf, das Kitzeln im Magen zu spüren, vielsagende Blicke zu erhaschen. Aber von einem Tag auf den anderen war Sendre verschwunden. Naidu redete sich ein, dass es ihr nichts ausmache. Doch innerlich bohrte es in ihr, dass die Unveredelte ihr nichts mitgeteilt hatte. Als sie eines Abends nach Hause kam, kauerte Sendre stumm mit geröteten Augen im Schatten ihres Zimmertürrahmens. Über ihr blinkte die Überwachungskamera.
   Naidu beachtete ihre Gedankenpartnerin nicht, zog einen Handschuh aus und tippte auf die Zimmerentriegelung. Nachdem sie die Schuhe gewechselt hatte, stieg sie in die Waschküche hinunter, wo Sendre schon neben der Kleidermaschine kauerte. Ihre Augen waren geschwollen. Die Lippen seltsam verzehrt. Laut zog sie die Nase hoch.
   »Er hat mich betrogen. Ich weiß es«, zischte Sendre.
   Naidu prallte zurück. Ohne Sendre zu berühren, spürte sie die Dornen in deren Körper.
   »Wir haben beide nicht erwartet, dass wir uns sehen.« Sendres Hand krallte sich in ihre Hose. »Ich wollte Informationen überreichen und loggte mich in ihren Übertrager ein. Karol stand im Empfangsraum und konnte mir nicht in die Augen sehen. Er wusste nicht, was er tun sollte! Ich fragte, was los sei, und er stotterte nur herum. Er stand da wie ein kleiner Junge, der beim Naschen erwischt wurde!«
   Sendre fing haltlos an, zu schluchzen.
   Naidu prallte zurück. Dann packte sie ihren PHand und tippte. Laute Gebete ertönten.
   »Entschuldige, ich bringe dich in Gefahr.«
   »Mach dir darüber keine Gedanken.« Beruhigend legte Naidu ihre Hand auf Sendres Arm. Diese riss sich sogleich los.
   »Fass mich nicht an! Ich will auf keine Weise jetzt glücklich werden! Er ist ein Arschloch. Wenn ich zurück bin, werde ich ihm persönlich die Haut abziehen und ihn über dem Feuer braten. Karol, das wird dir noch leidtun!«
   Betrug und Eifersucht, das kannte sie nicht. Sendre sollte sich ihren Emotionen nicht so preisgeben! Betawellen würden ihr guttun. Ein steifes Lächeln formte sich auf Naidus Gesicht, sie führte ihren Atem tiefer, bündelte ihre Alphawellen. »Bist du sicher, dass Karol dich betrogen hat?«
   »Die Schlampe vom Transport hat es schon lange auf ihn abgesehen. Ich Idiotin hätte das durchschauen müssen. Wenn ich zurückkehre, bringe ich beide um.« Sendre fixierte sie. »Es soll dir ja nicht einfallen, mich glücklich zu machen! Ich will hassen, mit jeder Faser meines Körpers. Karol, deine Tage sind gezählt!« Wütend zog sie die Nase hoch.
   Naidu lächelte entschuldigend. Sie ließ aus ihrem Veredler weitere Alphawellen frei, um von Sendres Wut nicht weggeschwemmt zu werden.
   »Kannst du mir einen Gefallen tun?«, fragte Sendre.
   »Selbstverständlich.«
   »Könntest du über deinen Schatten springen und mir sagen, dass Karol ein Idiot, ein krankhafter Triebtäter, ein schwanzgesteuertes Arschloch ist und mich nicht verdient hat?«
   Naidu erstarrte. Sendre konnte diese Verletzung nicht mit Wut heilen! »Ich nehme an, dass er unkontrolliert handelte.« Sie unterdrückte ein besänftigendes Lächeln.
   »Vergiss es.« Sendre erhob sich mühsam. »Danke für dein offenes Ohr. Ich zisch ab.«
   Naidu schnappte nach Luft. »Du kannst unmöglich in diesem Zustand unter Veredelte treten. Schon deine geschwollenen Augen würden dich entlarven.«
   Sendre setzte sich wieder und schloss die Augen. Nach ein paar Sekunden hielt sie ihr die linke Hand hin. Langsam zog Naidu ihre Handschuhe aus und umfasste Sendres Handgelenk. Die Betawellen vibrierten durch ihre Fingerspitzen.

Der Mann starrte sie an.
   Naidu wachte sofort auf. Ihr Herz klopfte und ihr Haar klebte im Nacken. Vier Uhr morgens. Sie hatte eine Stunde für sich allein. Nachdem sie das Nachthemd gewechselt hatte, blickte sie aus dem Fenster. Am Vorabend hatte es eine Sturmwarnung gegeben, niemand durfte das Haus verlassen.
   Es war verräterisch still. Selbst das Wetter hatten die Unkontrollierten verändert – und sie tolerierte eine in ihrer Wohngemeinschaft. Zu welchem Preis? Sie atmete tief ein und fing an Häuser mit weißen Wänden zu bauen.

Die folgenden Tage reihten sich gleichtönig aneinander. Die Schwebebahn glitt lautlos dahin. Auf Naidus PHand reihten sich Grüße und Einladungen. Die Zöglinge verhielten sich angenehm oder widerspenstig. Sie sprachen davon, wie wichtig es war, als glücklicher Mensch verzichten zu können und dem System zu dienen. Naidu lächelte, bediente die Informationsmappe oder ihre Aktosensoren und hoffte, dass Sendre wieder auftauchte, gleich mit welchen Erinnerungen. Sie lächelte, dachte an die Schritte im Sand, hörte eine dunkle Stimme.
   Das Auto bemerkte sie erst, als es neben ihr hielt. Die Tür glitt lautlos zur Seite. Ein Systemdiener sah sie lächelnd an.
   »AX12 45C, wir möchten mit Ihnen sprechen.«
   »Selbstverständlich. Dank dem System.« Naidu lächelte zurück. Es musste etwas Ernstes vorgefallen sein, der Mann hatte ihre Systemnummer genannt.
   Im Innern war der Wagen geräumig, zwei Diener saßen ihr gegenüber. Naidu hob ihr Haar und gab den Nacken frei. Ein Diener verkabelte ihren Veredler mit einem Bildschirm.
   »Es geht um eine Mitbewohnerin, genannt Sendre, Systemnummer CL1423L. Sie wissen, von wem ich spreche.« Naidu nickte lächelnd. Sie dachte daran, wie Sendre am Tisch saß und ein Aufbaumus aß. Sie sah Sendre am Spülbecken. Sendre, die mit einer Tasche voller Einkäufe in die Küche kam.
   Die Blicke der Diener waren auf den Bildschirm gerichtet.
   »Ist Ihnen an ihrer Mitbewohnerin etwas Außergewöhnliches aufgefallen?«
   Naidu fokussierte sich auf das Aufbaumus. Dann sah sie Sendre, wie sie mit Semon sprach. Sendre, die sich am Handgelenk kratzte. Die Wände der Küche waren weiß. »Es tut mir leid, Inspektor«, flüsterte Naidu. »Ist etwas mit meiner Mitbewohnerin?«
   Sendres Gesicht verfärbte sich gelb. Sie sprach nochmals mit Semon, diesmal etwas schneller.
   »Wir wissen, dass CL1423L mehrmals Ihr Zimmer aufsuchte.« Sendre schaut ihre Möbel an, bestaunt die blaue Bettdecke, bewundert die Aussicht. Sendre steht im Badezimmer und zupft sich einige Haarsträhnen aus dem Gesicht. Sendre lächelt sie an.
   »Was wissen Sie über deren Beruf?«
   Sendre lächelt. »Ich bin Wissenschaftlerin.« Weiß.
   »Was wissen Sie über ihre Familie?«
   Weiß. Sendre steht am Spülbecken und wäscht eine Schale aus.
   »Warum waren Sie nie mit ihr im Ausgang?«
   Weiß. Afne sitzt kichernd neben ihr im Taxi, Sendre spricht mit Semon.
   »Hat sie sich je negativ über das System geäußert?«
   Weiß. Sendre steht in der Waschküche. »Die Seife wäscht nicht sauber!«
   »Warum haben Sie gestern Bargeld abgehoben?«
   Naidu stockte. »Ich werde bald meine Eltern besuchen.« Es piepte zwei Mal. Dann wurde der Bildschirm eingerollt.
   Ein Diener tastete ihren Veredler ab, der andere lächelte.
   »Danke. Sie waren eine große Hilfe.«
   Naidu legte ihre Hand auf das Herz. »Inspektor, bitte. Was ist mit dieser Mitbewohnerin?«
   »Das System interessiert sich für sie. Sie haben nichts zu befürchten. Melden Sie sich bei uns, wenn Sie sie wiedersehen.« Er deutete auf ihre Handschuhe. »Ich nehme an, Sie können sich selbst beruhigen. Warum wurden Sie Betreuerin von Hochbegabten?«
   »Ich war schon in der Schule sehr mitfühlend.«
   Der Systemdiener lächelte. »Genau. Dank dem System.«
   Naidu ließ einige Betawellen durch ihren Körper gleiten. »Dank dem System.«

Gedankenpartnerinnen

Naidu fand Sendre in der Waschküche. Sie kauerte im Kanalausgang, aus dem die schmutzige Kleidung herausfiel.
   »Sie suchen dich«, flüsterte Naidu.
   »Ich weiß. Sie kamen schon vorbei und bewachen das Haus.«
   Naidu zögerte, dann nahm sie ihren PHand hervor. Sendre starrte sie prüfend an. »Wie hast du erfahren, dass sie mich entlarvt haben? Haben sie dir etwas getan? Wirst du verfolgt?«
   Naidu strich über das Gerät. »Wir werden immer verfolgt.« Ihr Blick blieb auf dem Bildschirm. »Ich werde Afne bitten, ob sie mir den Energiewagen des Wohnheims zum Einkaufen ausleiht. Du kannst von hier unbemerkt in die Tiefgarage gelangen. Wenn ich das Auto entriegle, schlüpfst du hinten hinein und legst dich auf den Boden. Dann schauen wir weiter.« Sie schickte die Nachricht ab.
   »Warum tust du das für mich?«
   »Du bist meine Gedankenpartnerin.«
   »Und das ist alles?«
   »Es ist vieles.«
   Afne antwortete schnell. Naidu durfte deren Zimmer entriegeln und die Fahrbewilligung entnehmen. Dann erinnerte sie sich an das Pillendöschen in ihrem Nachttischchen.

Das Auto schnurrte aus dem Parkhaus heraus und ordnete sich in den Verkehr ein. Naidu stellte die Musik lauter.
   »Wir fahren in ein größeres Einkaufszentrum. Dort gibt es eine Schwebebahnstation und du kannst verschwinden.«
   »Das geht nicht.« Die Stimme im hinteren Teil klang dumpf. »Um in die Schwebebahn zu kommen, wird das Handgelenk durchleuchtet. Das System wird mich erkennen. Ich kann keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen. Ich kann kein Auto starten und darf vor allem nicht in eine Kontrolle kommen. Kannst du mit dem Wagen die Stadt verlassen?«
   Naidu zögerte. »Ich kann es versuchen. Zuerst muss ich jedoch einkaufen. Diese Information hat das System bekommen. Was brauchst du?«
   »Aufbaunahrung und Schutzkleidung. Wird das System nicht misstrauisch, wenn du so etwas kaufst?«
   »Ich werde mit Bargeld bezahlen.«
   »Ich habe mich immer gefragt, warum das System so etwas Unkontrollierbares und Veraltetes wie Bargeld erlaubt.«
   »Als wir damit aufhörten, vermehrten sich die Angstzustände in der Bevölkerung. Echtes Geld in den Händen zu haben, steigert das Sicherheitsgefühl und macht glücklich.«

Der Lift brachte Naidu nach oben in die Warenabteilung. Sie beeilte sich, das Gewünschte zu erhalten, ohne gehetzt zu wirken. Atem vertiefen, lächeln, grüßen, Betawellen aktivieren.
   Ihre Hände tasteten sich durch die unterschiedlichen Schutzbekleidungen, während sie nach Systemdienern Ausschau hielt. Sie starrte die Aufschrift der Aufbaunahrung an, ohne den Inhalt zu verstehen. Die Verkäuferinnen lächelten sie an, sie lächelte zurück und legte die Schachteln in den Einkaufskorb. An der Kasse strahlte sie. Wie so oft störten die Handschuhe beim Geldzählen.
    Sie verstaute einen vollen Rucksack im Kofferraum, setzte sich in den Wagen und schaltete den Selbstfahrer-Modus aus.
   »Wohin?« Neben ihrem Ohr klickte es. Im Rückspiegel konnte sie Sendre erblicken, die mit einer Lasergun, genannt Lagun, auf Naidus Nacken zielte. Die Waffe zitterte leicht.
   »Fahr nach Süden.«
   Das Lächeln blieb in Naidus Gesicht, die Hände auf dem Steuerrad. Nach einer Weile löste sie die rechte Hand und startete das Auto. Der Wagen fuhr ruckartig aus der Tiefgarage. Sie stellte den Blinker und warf einen weiteren Blick in den Rückspiegel. Die Waffe und Sendre waren verschwunden.
   Der Wagen surrte durch die Straßenschluchten.
   »Entschuldige, Naidu.« Die Stimme klang wieder dumpf aus dem Hintergrund. »Ich wollte dir ein Bild für die Gedankenkontrolle geben. Damit du es abrufen kannst, falls wir erwischt werden.«
   Naidu blieb stumm.
   »Canorra wäre stolz auf dich gewesen. Du bleibst immer kühl und gelassen. Hast du wirklich keine Angst?«
   Naidu konzentrierte sich auf den Verkehr und bog in den Schnellstraßenzubringer ein. Dann öffnete sie ihren Veredler. »Bleib unten«, sagte sie, als sie ihre Stimme wiederfand. »Bevor man auf die Schnellstraße kommt, wird jedes Gefährt kontrolliert.« Sie folgte dem vorderen Wagen und bremste vor den Kontrollhäuschen. Eine Systemdienerin beugte sich hinaus. »Wohin des Weges, Schöne?«
   Naidu lächelte. »Ich hole ein paar Mammutgräser.«
   »Wie bitte?«
   Naidu streckte ihre Hand aus, der Laser surrte. »Ich bin Betreuerin. Meine Zöglinge interessieren sich für die Gräser.« Die Systemdienerin betrachtete Naidus Uniform.
   »Da draußen herrscht nur Zerstörung«, sagte sie.
   Naidu lächelte, die Dienerin musterte sie, dann blickte sie auf den Bildschirm. »Der Wagen ist gut gewartet, die Batterien reichen für hundert Kilometer. Ich wünsche eine gute Fahrt.«
   Die Schranke hob sich. Naidu trat aufs Gaspedal.
   Eine Minute später zwängte sich Sendre nach vorn.
   »Das werde ich dir nie vergessen. Fahr mich zur nächsten Energiestation, dort spring ich ab.«
   Der Wagen brauste durch die öde Steppe. Naidu war froh, das Steuer in den Händen zu halten, so konzentrierte sie sich aufs Fahren und vergaß alles andere.
   Sendre starrte aus dem Fenster. Schließlich wandte sie sich Naidu zu. »Wenn sie dich erwischen, was werden sie mit dir machen?«
   »Sie werden mich umprogrammieren.«
   Sendre zuckte zusammen. »Stört dich das nicht?«
   Naidu starrte geradeaus. Hier draußen war alles braun, hier gab es wirklich nichts. »Was passiert mit dir, wenn sie dich erwischen?«, erwiderte sie.
   »Lebend werden sie mich nicht bekommen.« Sendre strich angespannt über ihre Lagun.
   Naidu konzentrierte sich auf ihren Atem. Nach einer Weile warf Sendre ihren Kopf zurück.
   »Es ist alles meine Schuld.« Sie strich sich mit der linken Hand durch die Haare. »Ich hab nur an mich gedacht.« Sie warf einen Blick zu Naidu herüber. »Ich meine die Sache mit Karol. Er hatte solche Angst, als ich die Expedition hierher plante. Er wollte nicht, dass ich gehe.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe ihn nur als Bremsklotz wahrgenommen. Ich wollte unbedingt meine Hypothese beweisen. Ich musste mir vor Ort alles anschauen!« Sie strich sich über die Augen. »Karol, es tut mir leid. Wir … Ich werde mit dir sprechen.« Sie schloss die Augen und legte ihren Kopf nach hinten. Tränen liefen ihr über das Gesicht.
   Naidu starrte geradeaus und konzentrierte sich auf ihren Atem. Das warme Gelb von Sendres Vergebung strömte durch ihre Sensoren. Die fremde Wärme umspielte ihren Nacken. Wie gern hätte sie Sendre berührt. Tief atmete sie ein. »Ich werde dich bis zur Grenze fahren!«
   Sendres Augen blieben geschlossen. »Das geht nicht. Bald wird Afne den Wagen vermissen und das System informieren. Was denkst du, wann wird das sein?«
   »Ich schätze in zwei Stunden.«
   »Bis dann musst du zurück sein, sonst wird der Wagen blockiert und wir sitzen hier fest, bis die Systemdiener kommen. Zur Grenze kann ich mich durchschlagen.«
   Naidu betrachtete die ausgetrocknete Landschaft, die an ihnen vorbeizog. »Wenn ich dich begleite, kann ich dir helfen. Ich kenne die Regeln des Systems und du könntest mich im Notfall als Geisel nehmen!«
   »Spinnst du? Ich will nicht, dass dich jemand umprogrammiert!«
   Einzelne Gesteinsbrocken glitzerten im Sonnenlicht. Naidu lächelte. »Es stört mich nicht. Ich wäre nachher auch glücklich.« Sie staunte über ihre eigenen Worte. Dann spürte sie eine Hand auf dem Rücken, Schritte im Sand.
   Sendre hielt ihre Augen geschlossen. »Es wäre eine Möglichkeit. Das wäre vielleicht … Ich müsste deine Identität zerstören.«

Identität

Der Wagen schwenkte elegant in den Parkplatz ein und hielt. Sie stiegen aus und holten den Rucksack aus dem Kofferraum.
   »In einer Stunde werden sie das Auto orten, dann sind wir längst über alle Berge.« Sendre blickte zu Naidu herüber. »Ich kann dich immer noch fesseln, knebeln und im Wagen zurücklassen.«
   Naidu schüttelte den Kopf.
   »Du willst, dass sie dich an der Grenze schnappen, bis ins letzte Detail durchleuchten und dann deine Festplatte löschen?«
   Naidu betrachtete den blauen Horizont. Vielleicht würden so ihre Albträume verschwinden. »Mein Leben wird sich dadurch nicht verändern«, sagte sie.
   Ein heißer Wind fuhr über den Platz, wirbelte Staub auf. »Komm«, sagte Sendre. »Wir schnappen uns einen leeren Transporter und lassen uns in den Süden fahren.«
   »Woran erkennst du, wohin die Transporter fahren?«
   »Die leeren fahren zu ihrem Ursprungsort. An der Grenze gibt es viele Minen. Wir werden ab und zu umsteigen müssen, damit sich unsere Spur verliert.«
   Hinter der Station standen riesige Gefährte. Ihre glatten Wände spiegelten sich in der untergehenden Sonne, niemand war zu sehen. Sendre studierte die Aufschriften. Naidu hielt Ausschau nach Überwachungskameras. Dann zog Sendre Naidu hinter den dritten Transporter und warf einen Blick auf das Containerschloss, schon hastete sie weiter. Naidu konzentrierte sich auf ihren Atem. Fuß vor Fuß setzen, lächeln. Plötzlich schüttelte sie den Kopf, lächeln war nicht nötig.
   Etwas knackte, dann schwang eine Tür auf. Naidu ließ sich ins dunkle Innere ziehen. Es klickte, als die Tür vorsichtig wieder geschlossen wurde.
   »Wir setzen uns in die vorderen Ecken«, flüsterte Sendre. »Dort können wir uns festhalten, wenn das Gefährt schlingert. Mach keinen Lärm, solange er steht. Ich hoffe, der Fahrer musste nur kurz aufs Klo.«
   Naidu zuckte zusammen, als ihre Hand gepackt wurde. Dann ließ sie sich durch die Dunkelheit führen. Sie ertastete eine Ecke und ließ sich zu Boden sinken.
   Die Minuten verrannen. Dann hörte sie Stimmen. Eine Tür schlug zu. Der Motor heulte auf. Als der Wagen in eine Kurve bog, stemmte Naidu ihre Fersen in den Boden. Auf der Schnellstraße beschleunigte der Transporter. Aufatmend lehnte sie sich an die Metallwand. Was machte sie hier?
   Neben ihr raschelte es.
   »Gib mir deine rechte Hand.«
   Fremde Finger berührten Naidus Arm und tasteten herum. Ein blauer Strahl leuchtete auf, traf ihr Handgelenk und fraß sich in die Haut. Der Schmerz fuhr ihr bis in die Schulter. Sie schrie auf und riss ihre Hand weg. Erst jetzt roch sie ihre verbrannte Haut. Stöhnend beugte sie sich nach vorn.
   »Nimm das, und press es auf die Wunde. Wir müssen uns bald etwas zum Desinfizieren besorgen.« Etwas Feuchtes berührte ihre Wange. Sie riss es an sich und presste es gegen die brennende Wunde.
   »Der Chip ist tot«, sagte Sendre. »Für das System bist du gestorben. Bald werden sie hier deine Leiche suchen. Wenn sie nichts finden, werden die wohl darauf kommen, dass du in meiner Hand bist.«
   In Naidus Ohren surrte es, der Transporter dröhnte, trug sie weg vom Ort des Geschehens, weg von ihrer eigenen Identität.
   Als das Summen im Kopf endlich nachließ, richtete sie sich wieder auf. »Was ist mit dir, musst du deinen Chip nicht auch wegbrennen?«
   »Den habe ich umprogrammiert, damit sie die Frequenz nicht mehr erkennen. Spezialanfertigung von uns da drüben.«
   Naidu hörte den Stolz in ihrer Stimme. »Wie auch das Porzellankästchen in deinem Nacken?«
   »Wie auch das. Neustes Veredler-Imitat. Ein Gedankenleser braucht zehn Sekunden, bis er merkt, dass etwas nicht stimmt. Habe selbst daran mitgearbeitet.« Naidu vermied es, sich auszudenken, was geschehen würde, wenn der Gedankenleser nach zehn Sekunden das Imitat erkannte.
   »Wenn der Transporter hält, suchen wir uns einen neuen und eine Handapotheke. Entschuldige, ich habe ganz vergessen, dass wir eine brauchen.« Naidu ließ ein paar Betawellen durch ihren Körper gleiten. »Wo ist dein PHand?«
   »Ich habe ihn im Auto gelassen.« Naidu fühlte sich seltsam nackt ohne das vertraute Gerät.
   »Gut.«
   Der Wagen brummte, fuhr in eine unbekannte Welt. Plötzlich fiel ihr Kopf nach vorn. Sie schreckte hoch. Was tat sie hier?
   Eine Hand berührte ihren Arm. »Warum kommst du nicht mit mir über die Grenze?«, fragte Sendre. »Dort wird dir nichts geschehen.«
   »Nein.«
   »Du könntest mit mir zusammenarbeiten.«
   »Nein.«
   »Es ist nicht so schlimm bei uns, wie ihr denkt. Ich habe ein eigenes Labor, um Forschungen durchzuführen.«
   Naidu schüttelte den Kopf. Im Ödland konnte man nicht forschen.
   Naidu erwachte, als das Brummen erstarb. Ihr Handgelenk brannte. Eine Tür schlug zu. Schritte entfernten sich. Eine Hand packte ihren Arm. Als sie sich erhoben, taumelte Naidu vor Müdigkeit. Reglos blieb Sendre vor den Flügeltüren stehen und lauschte. Nichts war zu hören. Etwas knackte, die Tür schwang auf. Draußen leuchtete der Mond. Eine kühle Brise streifte Naidus Wangen.
   »Zuerst die Handapotheke, dann der nächste Wagen.« Gewandt sprang Sendre auf den Boden. »Bleib hier, bis ich wiederkomme.« Naidu kletterte hinunter und lehnte sich etwas benommen gegen den Transporter.
   In der Ferne hörte man einzig das Brummen einzelner Transporter. Naidu zuckte zusammen, als sie jemand an der Schulter berührte.
   »Ich bin’s«, zischte Sendre neben ihr. »Wir nehmen den Dritten von da drüben. Schmerzt deine Wunde?«
   Naidu nickte und folgte dem Schatten vor sich.
   Nach einigen Metern blieb Sendre stehen und kletterte zum Schloss hoch. Das Brennen dehnte sich aus, ließ Naidu zittern. Sie konzentrierte sich auf ihre überspannten Nervenbahnen. Dann öffnete sie ihren Veredler. Wie hatte sie dies vergessen können? In ihren Ohren rauschte es. Hörte sie den Verkehr oder ihr Blut?
   »Was tun Sie hier?« Die Stimme war tief und laut. Ein Lichtstrahl leuchtete auf. »Was ist los?«
   Naidu kniff geblendet die Augen zusammen. Tief atmen. Die Silhouette eines kräftigen Mannes trat näher heran. Sinuswellen verlangsamen, in den Alphazustand zurückkehren. Naidu lächelte und zog ihren Handschuh aus. »Wir suchen Fred«, flötete sie.
   »Fred?«
   In ihrem Veredler knackte es leicht. Sie legte die Hand auf diejenige des Mannes. »Es ist eine Überraschung. Weißt du, wo er ist?« Ihre Stimme war samtweich, während die Betawellen in ihn hineinjagten.
   »Nein.« Der Mann zögerte. »Welche Überraschung?«
   »Eine Überraschung. Er hat Geburtstag.« Naidu lächelte, ihre Stimme klang tief und entspannt. Sie jagte noch mehr Betawellen durch ihre Aktosensoren.
   »Es tut mir leid.« Die Stimme des Mannes klang ruhiger. »Ich kann Ihnen leider nicht helfen.«
   Naidu ließ ihre Hand auf der seinen. »Das macht nichts. Dank dem System.« Naidu schwenkte mit dem Mann herum und schob ihn ein paar Schritte mit sich. »In der Raststätte wird ein Aufbaugetränk offeriert. Das dürfen Sie nicht verpassen.«
   Obwohl sie ihn nicht sah, wusste sie, dass er lächelte. Sie jagte noch ein paar Betawellen durch seinen Körper, ließ ihn los, huschte zu Sendre zurück und zog diese am Ärmel hinter den Transporter. »Es wird ein paar Minuten dauern, bis er wieder bei Sinnen ist.«
   »Wird er Alarm schlagen?«
   »Nein, er wird sich verschwommen an zwei liebliche Damen erinnern.«
   »Naidu, das war gruselig!«
   »Ihm eine Überdosis Betawellen einzugeben? Viele sehnen sich danach.«

Es dauerte lange, bis Sendre einen Transporter öffnen konnte. »Die neuen Schlösser enthalten einen Scanner mit Iriserkennung. Da hab ich keine Chance«, erklärte sie.
   Im Container ertasteten sie den Inhalt der Handapotheke. Kühles Desinfizierungsmittel beruhigte Naidus brennende Wunde.
   »Die Sache mit diesem Mann vorhin. Arbeitet ihr so mit euren Zöglingen?«
   Naidu schoss Hitze in die Wangen. »Wir übertragen nur Glücksgefühle, wenn sie keine erzeugen können.«
   »Oder erzeugen wollen?«
   Naidu blieb stumm.
   Es dauerte lange, bis jemand den Transporter startete. Da tastete eine Hand nach Naidus Arm.
   »Kann ich dich um etwas bitten«, fragte Sendre.
   »Selbstverständlich.« Naidu lächelte zwangsläufig.
   »Könnte ich meine Informationen in deinem Veredler speichern?«
   »Ich bin keine Botin.«
   »In allen Veredelten können Daten gespeichert werden.«
   »Nein.«
   »Ich brauche nur wenige Sekunden. Ich kann die Botschaft so verschlüsseln, dass sie kein Gedankenleser entziffern kann. Bitte! In dir sind meine Forschungsergebnisse am sichersten versteckt!«
   »Nein.«
   »Warum nicht?«
   »Ich begleite dich an die Grenze, dort gehst du mit deinen Informationen zu deinen Leuten, und ich bleibe bei meinen.«
   »Naidu, es könnte sein, dass ich …«
   »Nein.«
   »Hör mir zu! Ich habe Jahre gebraucht, um das zu bekommen, was ich nun habe. Dafür habe ich mein Leben riskiert. Dafür habe ich Karol sitzen lassen. Naidu, wenn mir etwas passiert, ist alles … Versteh doch. Das ist kein Zuckerschlecken!«
   Naidu packte Sendres Hand. »Du wirst mit deinen Informationen ins Ödland gehen. Konzentrier dich nicht auf Dinge, die nicht geschehen sollen!«
   »Aber …«
   »Nein!«
   Der Transporter brummte. Naidu löste Sendres Hand von ihrem Arm.

Abschied

Zwei Tage später saßen sie in der Essenausgabe einer Energiestation. Sie hatten seither mehrmals den Transporter gewechselt. Zwei Mal hatte es keine Möglichkeit gegeben, gleich weiterzureisen. Die lange Wartezeit hatte Naidu mehr Nerven gekostet, als sie sich eingestehen wollte.
   »Es sind nur noch achtzig Kilometer bis Gena«, erklärte Sendre kauend. »Dorthin fahren nur Transporter von Fern. Warten wir besser, bis es Nacht wird, um ein Gefährt zu suchen.« Sie blickte Naidu an. »Wenn wir gut auf die Überwachungskameras achten, können wir in der Einöde da draußen ein bisschen schlafen.«
   Naidu nickte und kratzte an der Kruste an ihrem Handgelenk. Sie hätte sich gern gewaschen.
   »In Gena haben wir Verbindungsleute. Wenn du bei ihnen bleiben willst, kannst du …« Sendre zögerte.
   Naidu starrte die Tischplatte an, sie wusste nicht, was sie wollte. Hätte sie nur nie das Meer gerochen und in fremde Augen geschaut.
   Die Kruste an ihrem Handgelenk juckte. Ihre Identität war mit dem Chip verschwunden, ihr PHand schon lange umprogrammiert. Warum war sie hier?
   Sendres Hand legte sich auf ihren Arm. »Naidu. Wir sind Gedankenpartnerinnen. Was ist los?«
   Tief atmen, den Veredler aktivieren. Naidus Lippen verzogen sich zu ihrem Lächeln. »Wir werden an der Grenze weitersehen.« Ihre Kehle zog sich zusammen. War sie nahe dran zu weinen?
   Da krallte sich Sendres Finger in ihren Arm. Naidu folgte ihrem starren Blick. Mehrere Autos parkten vor der Energiestation. Neben der Energiesäule stand eine Frau im roten Kleid, daneben ein Herr im Anzug. Naidus Blick flatterte zu Sendre. Diese legte langsam ihr Trockenbrot auf den Teller.
   »Ich sehe vier Systemdiener da draußen. Sie suchen uns.«
   »Wie …?«
   »Keine Ahnung warum. Sie sind da«, zischte Sendre.
   Ruhig atmen, Gammawellen! »Sie müssen nicht wegen uns da sein«, sagte Naidu.
   Sendres Blick flackerte umher, dann zog sie die Luft ein. »Ich Trottel! Am Eingang haben sie einen Ganzkörperscanner. Dein Chip ist tot und meine Identität konnten sie nicht entschlüsseln!«
   Naidus Hände zitterten. »Was …?«
   Sendre erhob sich. »Wir müssen verschwinden.«
   Der Veredler schien nicht zu funktionieren. Naidu lächelte trotzdem. Schlängelte sich elegant an den Gästen vorbei. Hielt ihr verbundenes Handgelenk an den Bauch gedrückt. Lächelte. Wer blickte ihr nach? Wie viele Zimmer hatte ihr imaginäres Haus?
   Niemand stand im Gang. Sendre zog sie in Richtung Notausgang. Als sich dieser öffnete und jemand hereintrat, drehten sie sich gleichzeitig um.
   »Wir brauchen Zeit, wir müssen rauf«, murmelte Sendre und steuerte auf den Lift zu.
   Es surrte, als die Tür aufging. Sendre tippte auf die höchste Zahl. Der Lift schoss nach oben. Naidu sah sie benommen an. Was suchten sie in der Höhe? Sie konnte Sendres Gedanken nicht folgen.
   »Soll ich nicht deine Geisel sein?«, flüsterte sie.
   Sendre schüttelte den Kopf. »Dafür ist es zu spät. Es sind zu viele.«
   Ein Klingelton ertönte, als der Lift stoppte. Die Tür öffnete sich, eine Frau und ein Mann standen davor. Naidu lächelte automatisch, grüßte und drängte sich an ihnen vorbei.
   Sie huschten den Gang entlang. Sendre kontrollierte die Schilder der Zimmertüren. Naidu zog den Kopf ein. Ihre Wangen brannten. Dann klickte ein Schloss. Sie wurde in einen Raum gezogen – eine Putzkammer.
   Sogleich wurde sie von Sendre gepackt und gegen die Wand gedrückt. Über ihnen blinkte die Überwachungskamera.
   »Bitte hör mir zu«, zischte Sendre. »Sie suchen in diesem Haus Unkontrollierte. Wenn du es geschickt anstellst, kannst du verschwinden. Niemand weiß, dass sich eine Veredelte ohne Chip im Haus befindet. Selbst wenn sie vermuten, dass wir hier sind, nehmen sie an, dass du meine Geisel bist und hier nicht frei herumspazierst.«
   »Aber ich …«
   »Bitte bring meine Informationen zu meinen Leuten! In wenigen Sekunden habe ich diese in dir gespeichert und dir die Hinreise gezeigt.«
   »Nein! Du …«
   »Ich werde hier nicht mehr lebend rauskommen. Bitte, tu es!«
   Die Stimme blieb Naidu im Halse stecken.
   »Wir können Erinnerungen löschen, Naidu. Wenn du willst, dann stellen meine Leute dich nachher wieder an die Grenze und du weißt von nichts!«
   Naidu erstarrte.
   »Bitte. Wenn du … Durch dich kann ich mich wenigstens von meinen Leuten verabschieden!«
   Sendres Schmerz krallte sich in ihre Brust, engte sie ein. Naidu schnappte nach Luft. Weit weg hörte sie ein Lachen, blaugraue Augen zwinkerten ihr zu. Karol!
   »Du versuchst alles Menschenmögliche, um hier lebend rauszukommen?«, flüsterte Naidu.
   Sendre nickte, ihre Augen waren feucht. »Ja, das werde ich.«

Wenige Minuten später verließ Naidu auf wackligen Beinen die Kammer und steuerte auf den Lift zu. Dieser war blockiert.
   »Atme! Kontrolliere dich!«
   Langsam blickte sie sich um. Dann wankte sie zum Treppenhaus auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges. Unterdessen öffnete sich die Tür der Putzkammer nochmals, und Sendre in Putzfrauenmontur trat heraus. Naidu blickte weg und eilte hinunter.
   Gammawellen vibrierten in ihrem Nacken. Ihr Blick wurde klar. Nach vier Stockwerken kamen ihr drei Staatsdiener entgegen. Naidu lächelte. Ernst blickten die Männer zu ihr hoch. Die Laserguns baumelten an ihren Hüften. Sie blieben stehen, legten ihre Hände aufs Geländer. Es war kein Durchkommen möglich.
   »Gedanken- und Identitätskontrolle.«
   Unsicher sah sie die Männer an. »Was ist geschehen?«
   »Alles im Griff. Dank dem System. Ihr Handgelenk bitte.«
   Naidu hob ihre Haare und zeigte den Veredler. »Bitte sehr.« Sie lächelte. Zwei Finger legten sich darauf, eine Stirn traf die ihre, es kitzelte leicht.
   Trockenbrot lag in einem Korb, daneben Früchteimitate. Weiter hinten füllt jemand eine rote Flüssigkeit ins Glas.
   »Ihr könnt schon weitergehen, ich mach das!« Der Mann wandte sich wieder ihr zu.
   »Warum sind Sie hier?«
   »Ich besuche meinen Onkel im Süden.«
   Onkel Noru sieht sie lächelnd an, sagt etwas, sie muss lachen. Sie sitzen in seiner Küche …
   »Wie sind Sie hierhergekommen?«
   Die trockene, öde Landschaft zieht vorbei. Einzelne Bäume recken ihre leeren Äste gegen den Himmel. Die Sonne scheint auf die ausgetrocknete Landschaft. Naidu sitzt am Steuer, der Horizont ist weiß.
   »Wir suchen hier unkontrollierte Terroristen. Haben Sie jemanden gesehen?«
   Naidus Herz stockte. Ein rotes Bild mit einem Mann, der vor einem zerstörten Fahrzeug steht und ein Vernichter in der Hand hat, taucht auf. Der Mann schreit.
   Naidus zog die Luft stärker durch ihre Nase. Das Bild verfärbt sich von Rot zu Gelb.
   »Keine Angst, wir legen denen gleich das Handwerk. Geschieht ab und zu so nahe an der Grenze.«
   Naidu öffnete ihren Veredler. Glücksgefühle kitzelten unter der Haut.
   »Das machen Sie sehr gut.« Die Finger lösten sich. »Nun noch ihre Identität, das Handgelenk bitte.«
   Naidu nickte und zog ihren linken Handschuh aus. Sie legt ihre Hand auf diejenige des Mannes.
   »Entschuldigen Sie. Können Sie mich zuerst nach unten begleiten.« Sie lächelte, der Mann zögerte und riss dann die Augen auf. Seine Mundwinkel zogen sich nach hinten. Er nickte. »Selbstverständlich.«
   Lächelnd schwebten sie nach unten, an anderen Staatsdienern vorbei. Dann ertönte der Alarm. Sie zuckten zusammen. Der Mann blickte sie verwirrt an. Mehrere bewaffnete Staatsdiener rannten an ihnen vorbei nach oben. Naidu zog ihre Hand zurück.
   »Folgen Sie den Männern.« Der Mann blinzelte und richtete sich ruckartig auf.
   »Dank dem System«, stotterte er, zog seine Lagun und eilte die Treppe hoch.
   Ihre Knie zitterten. Der Alarm dröhnte in ihren Ohren. Taumelnd stieg sie die letzten Stufen hinab. Vor dem Ausgang standen mehrere Staatsdiener. Im Essraum warteten einige Gäste. Naidu mischte sich unter die Zivilisten. Etwas verunsichert lächelte sie die Leute an. Konnte sich jemand daran erinnern, dass sie mit einer anderen Frau hier gewesen war? Hektisch sog sie die Luft ein. Besser, sie konzentrierte sich auf ihre Angst vor Terroristen.
   Der Alarm hörte abrupt auf. Irritiert blickten sich die Gäste an.
   »Entschuldigen Sie unser raues Auftreten.« Eine Staatsdienerin hatte den Raum betreten. »Wir dienen dem System, kommen Sie bitte vorbei. Emotionsausgleich.« Sie streckte ihre Hände aus.
   Naidu stellte sich in die Schlange. Atme tief, Gammawellen verlangsamen. Ihr Herz hämmerte weiter. Sie stopfte unauffällig ihre Handschuhe in die Hosentasche.
   Als sie an der Reihe war, war sie froh um die Betawellen der Beamtin. Lächelnd nahm sie sie in sich auf, blinzelte die Frau an. »Entschuldigen Sie. Darf ich schon hinausgehen, um etwas frische Luft zu schnappen?«
   »Sicherlich. Sie sehen bleich aus.«
   Naidu strahlte. »Ich lasse mich so schnell aus dem Gleichgewicht bringen.«
   Die Frau winkte einen Mann zu sich heran und befahl ihm, Naidu hinauszubegleiten.
   Draußen schlug ihr die Hitze entgegen. Sie öffnete den Mund, um ihre Lungen mit Luft zu füllen. Dann wandte sie sich lächelnd an ihren Begleiter. »Danke für Ihre Hilfe. Am besten werde ich gleich zu meinem Auto gehen und …«
   »Nein.« Seine Hand legt sich auf ihren Arm. »Wir wissen noch nicht, was geschehen ist. Diese Leute sind gefährlich. Bleiben Sie hier.« Dann deutete er mit dem Daumen auf das Haus. »Oft treten sie in Gruppen auf. Wer weiß, was sich noch hinten bei den Transportern versteckt.« Sie nickte steif lächelnd.
   Drei Staatsdiener traten aus dem Haus und sprachen mit den beiden Wächtern, die am Eingang standen. Naidu berührte ihren Beschützer leicht an der Schulter. »Es ist besser, wenn ich mich dort drüben zu den anderen Zivilisten in den Schatten stelle.« Sie zeigte zu den Energiesäulen hinüber. »Gehen Sie zu Ihren Leuten.« Der Mann zögerte, dann nickte er und kehrte um.
   Ganz langsam bewegte sie sich über den Platz zu den neugierigen Zuschauern hinüber. Sie stellte einen Fuß vor den anderen. Ein Gummiband schien sie an das Gebäude fesseln. All ihre Sinne waren nach hinten gerichtet. Richtete sich eine Waffe auf sie?
   Nichts geschah.
   Die Zuschauer starrten sie erwartungsvoll an.
   »Was ist geschehen?«, rief jemand.
   Naidu lächelte. »Ich weiß es nicht. Ich sah viele Staatsdiener.«
   Man sah sich verunsichert an. Sie schlängelte sich durch die Gruppe nach hinten. Dort lehnte sie an eine Energiesäule und starrte zum Eingang.
   Die Zeit schien stehen zu bleiben. Nichts bewegte sich, nur einige Schweißtropfen liefen ihr das Gesicht hinunter. Einige Zuschauer verschwanden, neue kamen hinzu. Dann öffnete sich die Eingangstür und weitere Staatsdiener erschienen. Sie trugen eine Bahre. Eine schwarze Plastikhülle verbarg einen reglosen Körper. Naidus Atem stockte. Sie krallte sich an der Säule fest.
   »Da haben sie einen erwischt. Ich wette, es sind Terroristen.«
   »Hier kommen immer mal wieder welche hin. Darum haben sie die Überwachungsanlage aufgerüstet. Unverschämt, dass es die Unkontrollierten wagen, uns zu stören.«
   »Das System weiß sich zu wehren.«
   »Da haben Sie recht, wer nicht mit dem System einverstanden ist, soll nicht die Frechheit haben …«
   Naidu krallte sich an die Säule. Wenn sie sich bewegte, würde sie zusammenbrechen.
   »Sendre«, flüsterte sie. »Ich überbringe deine Informationen.«
   »Geht es Ihnen nicht gut?« Sie erblickte ein lächelndes Gesicht. »Am besten bringe ich Sie zu einem Emotionsausgleich.«
   Luft floss wieder in ihre Lungen. Im Hinterkopf knackte es. Naidu lächelte. »Vielen Dank für Ihre Bemühungen. Es ist alles gut. Ich bin nur etwas erschrocken. Das ist alles.«
   Die Frau sah sie kritisch an. »Das hier«, sie zeigte nach hinten, »ist keine schöne Angelegenheit. Vertrauen Sie den Staatsdienern, die helfen Ihnen gern.«
   Naidu berührte sanft die Hand der Frau, ihre Aktosensoren öffneten sich. »Das ist sehr nett von Ihnen. Sind sie mit dem Auto da?«
   Die Frau blinzelte, dann lächelte sie. »Ja, sicher.«
   Naidu neigte leicht den Kopf, als sich ihr Lächeln vertiefte. »Wohin fahren Sie denn?«
   »Nach Verva.« Die Frau lächelte scheu. Naidus Veredler arbeitete ununterbrochen.
   »Können Sie einen kleinen Umweg nach Gena machen?«
   Die Frau zog die Stirn in Falten. »Nach Gena?«
   »Ja!«
   Die Unbekannte zögerte. Naidu nahm ihre Hand in beide Hände. Die Frau blinzelte, ihre Falten strafften sich.
   »Das sollte kein Problem sein.«

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