Bei Aufräumarbeiten fällt Anna zufällig ein ganz besonderes Buch in die Hände, denn es scheint zu leben – irgendwie zumindest. Nachdem sie den ersten Schrecken überwunden hat, offenbart sich ihr die Wahrheit hinter diesem Mysterium. Caleb wurde vor einer Ewigkeit in eine dunkle Zwischenwelt verbannt und kann nur noch über diese Buchseiten mit der Außenwelt kommunizieren. Während er Anna erzählt, dass einzig die wahre Liebe ihn aus seiner Misere befreien kann, will er in Wirklichkeit nur eines: ihre Seele.

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ISBN: 978-9963-53-646-7

Seiten: 263

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Michelle Parker

Michelle Parker
Michelle Parker wurde 1989 geboren und lebt in einem kleinen, idyllischen Städtchen mitten im Ruhrpott. Nachdem sie ihr Studium der Religions- und Erziehungswissenschaft 2013 erfolgreich abgeschlossen hat, widmet sie sich nun in ihrem Alltag der Arbeit mit Auszubildenden. Schon immer war Lesen ihre große Leidenschaft, und mit den Jahren kam das Schreiben dazu. „Das Flüstern der Zeilen“ ist neben „Dunkler Engel – Melodie der Nacht“ und „Narbenkuss“ ihre dritte Buchveröffentlichung. In Kürze erscheint der Folgeband der Zeilen-Dilogie „Die Stille der Zeilen“. Sie ist auch mit einigen ihrer Gedichte in verschiedenen Anthologien vertreten. Außerdem hält sie einmal im Jahr eine Schreibwerkstatt für Kinder zwischen 10 und 14 Jahren ab.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
Oktober 1784

»Ich habe diese Nacht von dir geträumt. Wenn Träume nur wahr werden könnten«, schrieb Sophie, und ihr Gesicht zeigte dabei ein strahlendes Lächeln auf ihren schmalen Lippen und ein sehnsüchtiges Funkeln in ihren haselnussbraunen Augen. Ihre Wangen färbten sich bei ihren Worten rot, was ihm verriet, welche Art von Traum es gewesen sein musste. Sie wusste noch nicht, dass er sie sowohl sehen als auch hören konnte und er hatte auch nicht vor, ihr das in absehbarer Zeit zu offenbaren. Sicherlich würde Sophie ihm mehr von ihrem anrüchigen Traum erzählen, wenn er darum bat, aber für den Augenblick blieb er ihr eine Antwort schuldig. Ein innerer Kampf tobte in ihm, der noch nicht bis zum bitteren Ende ausgefochten, jedoch unausweichlich war.
   Es hätte alles so einfach sein können. Sie war das perfekte Opfer – lebensfroh, jung, behütet und zusätzlich noch herrlich naiv und leichtgläubig. Das Wichtigste von allem war allerdings ihre Reinheit. Sophie behandelte alle mit Güte, denn sie glaubte an das Gute in jedem Menschen. Sie berichtete oft von ihren Eltern. Diese besaßen Unmengen an Reichtümern und strebten danach, ihrer Tochter jeden Wunsch von den Augen abzulesen und jegliche Probleme aus der Welt zu schaffen. Welche Summe an Geld das erforderte, spielte keine Rolle, denn Sophies Wohl stand immer an erster Stelle. Auf diese Weise hielten sie, nach Möglichkeit, alles Schlechte von ihrer Tochter fern. Soweit er wusste, hatte sie noch nie einen richtigen Verlust erlitten, und über die kleineren wurde sie stets mit irgendwelchen freudigen Überraschungen, Erlebnissen und Geschenken hinweggetröstet. In Sophies Persönlichkeit hatte sich nie die Angst vor Schmerz oder Leid verankert. Stattdessen standen Offenheit und Verständnis im Mittelpunkt ihres Charakters. Sie empfand Mitgefühl für alles und jeden und bemühte sich, andere zu unterstützen. Ihre durch und durch reiner Charakter war fast schon abartig und er verdrehte stets die Augen, wenn sie sich um das Seelenheil von Fremden sorgte. Was interessierte ihn das Leid der anderen?
   Auf ihn war sie durch Zufall beim Durchstöbern der riesigen Bibliothek ihrer Eltern gestoßen. Nur Tage später besaß er einen festen Platz in ihrem Leben. Sophie war zu gutherzig, um einen vom Leben gestraften Mann wie ihn nicht zu beachten. Zusammen mit einem hohen Grad an Faszination hatte sich nach und nach eine besondere Beziehung zwischen ihnen aufgebaut. Sie war immer öfter gekommen und immer länger geblieben und ihm inzwischen bedingungslos verfallen. Ihr Herz sprühte vor Zuneigung für ihn, sodass sie ihm jeden Wunsch ohne nachzudenken erfüllt hätte. Darauf arbeitete er seit Wochen hin. Er hatte sie umgarnt, jede Chance genutzt, um ihr Komplimente zu machen und seinen Charme einzusetzen. Verliebte Menschen waren einfacher zu manipulieren und schneller bereit, Geliebtes aufzugeben. Weil Liebe bekanntlich blind machte, wäre es umso leichter, das zu bekommen, was er brauchte – ihre Seele. Alles andere nutze er nur als Vorwand. Sie glaubte nun, dass ihre Liebe allein ausreichte, um ihn zu befreien. Dementsprechend hatte sich Sophie ihm voller Hingabe gewidmet. Jetzt war der perfekte Zeitpunkt gekommen, ihr zu sagen, dass er mehr als das benötigte. Noch nie war er der Freiheit so nah gewesen, nur so wenige Worte entfernt. In den letzten Jahrzehnten hatte er viel durchgemacht und gelitten. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als seinem Gefängnis endlich zu entkommen. Aber dieses seltsame Ziehen in seiner Herzgegend wurde zunehmend schlimmer. Eine Stimme in seinem Kopf meldete sich, von der er dachte, dass sie seit Jahren nicht mehr existierte: sein Gewissen.
   Sein Plan stand schon seit Langem fest. »Liebst du mich mit Herz und Seele?«, würde seine erste Frage werden. Natürlich würde sie Ja sagen. »Dein Herz und deine Seele gehören allein mir?« Selbstverständlich würde sie auch das bejahen. Von dort aus wäre es nur noch ein Katzensprung zu seinem eigentlichen Ziel. Doch er schaffte es nicht. »Mach schon«, versuchte er, sich zu ermutigen.
   Während er mit sich kämpfte, strich sich Sophie eine Strähne ihres welligen roten Haares hinter das Ohr und wartete auf seine Antwort. In ihrem Blick erkannte er Sehnsucht und Ungeduld. Bestimmt fragte sie sich, was los war. Obwohl er es nicht wollte, bewunderte er die Schönheit und Sanftmut, die sie ausstrahlte. Dafür hasste er sich noch mehr.
   Ohne, dass es ihm bewusst geworden war, hatte Sophie nicht nur sein Herz berührt, sondern sich auch hineingeschlichen. Und das, obgleich er dachte, dass sich dort nur noch ein Eisbrocken befand. Gerade wünschte er sich, diese sinnlichen, leicht geöffneten Lippen küssen zu können und die Wärme ihres Körpers an seinem zu spüren. Es war unmöglich. An ihm nagte eine immerwährende Kälte. Sophie würde seine Sehnsucht ohnehin niemals stillen können. Entweder sie opferte ihre Seele und schenkte ihm die Freiheit oder sie blieb am Leben und er in seinem Gefängnis. Er oder sie. Alles andere war ausgeschlossen.
   Jahr um Jahr hatte er gegen sein Schicksal und gegen die wachsende Verbitterung angekämpft, die sein Dasein mit sich brachte, und diesen Kampf letztendlich verloren. Nach einer gefühlten Ewigkeit blieb nichts anderes übrig, als die Einsicht, sich seinem Schicksal ergeben zu müssen. Daraufhin hatte er sich regelmäßig eingeredet, inzwischen so gleichgültig zu sein, dass es ihm nichts mehr ausmachen würde, jemanden zu seinem Vorteil zu opfern. Das Ganze musste irgendwann ein Ende haben, und er hatte wahrlich genug gelitten. Damit rechtfertige er schließlich seine Entscheidung, sich Sophies Seele anzueignen. Jetzt stellte er allerdings fest, dass er sich mit alledem nur belogen hatte. Obwohl er sich mit jeder Faser seines Körpers wünschte, dass es anders wäre, war er noch lange nicht so verschlagen und abgestorben, wie er bisher annahm. Sophie verdiente den Tod nicht. Genauso, wie er das alles – die Kälte, die Dunkelheit, die vollkommene Einsamkeit – nicht verdiente.
   »Nur dieses eine Opfer. Du schaffst das. Du bist dir lange genug treu geblieben«, murmelte er in einem schwachen Versuch, sich zu überzeugen. Leider sank seine Willenskraft mit jeder Sekunde. Die ganzen Wochen hatte er knallhart durchgezogen. Warum musste er ausgerechnet jetzt anfangen zu schwächeln?
   In den ersten Jahren war diese Opferung nicht einmal eine Option für ihn gewesen. Er hatte sich standhaft geweigert, überhaupt darüber nachzudenken. Von Anfang an hatte er gewusst, dass der Sinn und Zweck dieser Bestrafung nur darin bestand, seinen Willen zu brechen. Deshalb war er lange zu stolz gewesen. Inzwischen konnte davon keine Rede mehr sein. Seinen Stolz hatte er vor langer Zeit verloren, dennoch schien irgendwo in ihm noch ein Funken zu sein, der noch mit seinem Schicksal kämpfte und auf einen anderen Ausweg hoffte. Widerwärtig! Er hasste sich dafür. Was für ein wertloses Stück Dreck er war.
   Als ihm vollends bewusst wurde, dass er seinen lang gehegten Plan nicht in die Tat umsetzen würde, rollte eine riesige Welle des Schmerzes über ihn hinweg und zeigte ihm, wie zerstört er innerlich war. Sein feiges Verhalten hatte weitläufige Konsequenzen für ihn. Nicht nur würde er nie wieder Kontakt zu Sophie aufnehmen, sodass die Stelle, die sie anstarrte, auf ewig für sie leer bleiben würde. Nein, es warteten auch weitere qualvolle Jahre in dieser endlosen Gefangenschaft auf ihn. Sie würde ihn vergessen, während er nie aufhören würde, sich zu grämen. Er verschonte ihr Leben und bekam absolut nichts außer unzähligen Jahren der Dunkelheit. Vielleicht sogar Jahrzehnte.
   Neben dieser bitteren Erkenntnis keimte unbändige Wut in ihm auf. Jeder Dahergelaufene hatte mehr Macht über ihn als er selbst. Das würde er ändern. Irgendwann. Bald. Bei Sophie hatte das wunderbar funktioniert – er wusste also, wie es ging. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die richtige Person das Buch öffnen würde. Jemand der naiv, leichtgläubig, leicht zu manipulieren und am besten weiblich war. Er musste sich nur in Geduld üben und bis dahin aushalten, ohne dem Wahnsinn vollkommen zu verfallen.
   Er schaffte es nicht, seinen Zorn lange aufrecht zu halten. Mit jeder Minute, die verging, hüllten ihn die Erinnerungen an seine Verluste, die Stunden der Dunkelheit und all sein Leid immer mehr ein. Für den Augenblick gab er sich diesem hin, sich darüber im Klaren, dass er nach ein paar Jahrzehnten in dieser auffressenden Finsternis kein Gewissen, kein Mitgefühl und kein bisschen Menschlichkeit mehr besitzen würde. Wenn es endlich so weit war, würde ihm so etwas wie heute nicht mehr passieren.

1
März 2016

Dunkelheit – alles verzehrende Dunkelheit. Sie hüllte ihn ein – verschluckte ihn. Ließ Zeit und Raum in Vergessenheit geraten. Tag und Nacht gab es nicht mehr. Alles war gleich. Jede Sekunde, jede Stunde, jedes Jahr. Immerwährende Finsternis war sein zu Hause. Einsamkeit – alles einnehmende Einsamkeit. Lange hatte er niemanden mehr berührt. Hatte das Gefühl von Haut auf Haut längst vergessen. Gedankenspiele quälten nur. Er träumte nicht mehr. Ließ alles verblassen. Alles vernichtende Kälte hatte ihn eingenommen. War tief in jede Faser eingedrungen. Der Tod wäre nicht schlimmer gewesen. Im Gegenteil. Es gab Tage, da sehnte er sich danach. Der Tod hätte Erlösung bedeutet. Aber das lag nicht in seiner Macht. Er war zur Existenz gezwungen – dieser Existenz. Zumindest, wenn man es so nennen wollte.
   Freude? Wärme? Liebe? Worte ohne Bedeutung. Äußere Hüllen, ohne Füllung. Dunkelheit, Einsamkeit, Kälte – nichts anderes. Und die Erinnerungen. Natürlich. Quälend, zäh und fern. Die hatten sie ihm nicht nehmen können. Bis jetzt zumindest. Sie verblassten langsam. Nach und nach wurden es weniger. Sie verschwanden in der Dunkelheit und er verschwand mit ihnen. Erinnerungen an eine Zeit, die er niemals zurückhaben konnte. Alles Vergangenheit. Erinnerungen an eine Zeit, die er niemals zurückhaben wollte. Zu schlimm. Obwohl sie schmerzten, die guten wie die schlechten, waren sie alles, was er noch hatte. Zumindest neben den Gedanken, die ihn an den Rand des Wahnsinns trieben. Fortwährend. Nie Ruhe gaben. Weiterliefen wie ein Uhrwerk. Wie lange eigentlich schon? Jahrhunderte lang? Eine Ewigkeit. Kein Zeitgefühl. Immer das gleiche Spiel. Tick tack, tick tack. Schmerz. Verzweiflung. Wut. Verbitterung. Und am Ende blieb nichts als abgrundtiefer Hass. So entstand das Böse.


*

Anna war so vertieft in ihr Tun, dass sie die oberste Sprosse der Leiter knapp verfehlte und beim Hinaufsteigen gefährlich ins Wanken geriet. Sie konnte von Glück reden, dass Benjamin, der direkt neben ihr ebenfalls auf einer Leiter stand, schnell reagierte und sofort die Hand nach ihr ausstreckte, um sie zu stützen.
   »Wow, Anna, vorsichtig!«, entfuhr es ihm, und er sah sie mit zusammengezogenen Augenbrauen an. Besorgnis und Verwunderung lagen in seinem Gesicht. »Nicht mehr viel, und ich hätte dich vom Boden aufsammeln dürfen.« Kurz wanderte sein Blick nach unten, und er runzelte erneut die Stirn. »Die Höhe ist nicht zu unterschätzen, da kann man sich durchaus was brechen.«
   Milde lächelte sie in Benjamins Richtung und zuckte nur mit den Schultern. Seine Besorgnis war rührend, aber übertrieben. Es war nicht Annas erstes Mal hier oben, und sie besaß auch einen brauchbaren Gleichgewichtssinn. »Mal den Teufel nicht an die Wand. Ist doch alles gut gegangen«, beschwichtigte sie ihn und wandte sich dem Regal vor ihr zu.
   Sie kletterte auf die oberste Stufe und griff nach dem Buch, das vorhin ihre ganze Aufmerksamkeit erregt hatte. Es wanderte auf den Stapel, der sich vor ihr auf einem Regalbrett befand und den sie noch hinunterwuchten musste. Mit vollbepackten Armen stieg sie die Leiter wieder hinunter.
   Skeptisch beäugte Benjamin sie, sagte jedoch nichts und tat es ihr gleich. Unten angekommen legte er die Bücher zur Seite und stemmte die Hände in die Hüften. Ein kurzes, ärgerliches Flimmern blitzte in seinen Augen auf. »Ich meine es ernst, Anna. Ein Sturz von einer Leiter ist nicht ungefährlich. Nimm das nicht auf die leichte Schulter. Vorsicht ist besser als Nachsicht.« Der Ausdruck auf seinem Gesicht wurde sanfter. »Und ich wäre ohne meine beste Freundin vollkommen aufgeschmissen. Wer würde sich denn dann den ganzen Tag mein elendiges Gejammer anhören, hm?«
   Anna legte die Bücher ebenfalls auf den Tisch, der neben ihnen stand, und lächelte Benjamin beruhigend an. Nach ihrem Empfinden benahm er sich viel zu oft wie der große, beschützende Bruder, den sie nie gehabt hatte, und war in einigen Situationen definitiv zu überfürsorglich. Ab und an fühlte sie sich bedrängt von seiner Art, meistens kamen sie jedoch gut miteinander klar. Anna kannte ihn genug, um zu wissen, wie hitzköpfig und beharrlich Benjamin werden konnte, aber durch jahrelange Erfahrung wusste sie ebenfalls, wie man dem entgegenwirkte. Ohne das kleinste bisschen Einsicht ihrerseits würde er keine Ruhe geben.
   »‘Tschuldige, Ben, du hast recht. Das nächste Mal werde ich vorsichtiger sein«, versprach sie ihm, da ihr heute, wie so oft in letzter Zeit, weder nach Albernheiten noch nach Diskussionen zumute war. Mit diesen Worten nahm sie ihm bewusst jegliche Grundlage für eine weitere Diskussion und bereitete dem Thema ein schnelles Ende. »Außerdem kann ich niemand anderem aufhalsen, dein Gejammer zu ertragen. Dafür würde man mich früher oder später in die Hölle schicken.« Anna schlug sich die Hände vor den Mund, denn sie hatte nicht die Absicht gehabt, ihn weiter anzustacheln. Eigentlich wollte sie nur in Ruhe ihrer Arbeit und ihren deprimierenden Gedanken nachgehen.
    »Sei mal nicht so frech, junge Dame, ansonsten wird dir die Ehre zuteil, alleiniger Mittelpunkt meiner nächsten Meckerrunde zu sein.«
   Was folgte, war ein Moment der Stille, bevor sie zeitgleich in schallendes Gelächter ausbrachen.
   »Diese Ehre ist mir schon oft entgegengebracht worden«, erwiderte Anna, als sie endlich wieder Luft bekam.
   Das Ganze kommentierte Benjamin nur mit einem Grinsen und einem Schulterzucken, und sie widmeten sich ihrer eigentlichen Aufgabe.
   Ben stellte sich zu Anna an den Tisch und betrachtete die Bücher, die sie aus den Regalen gezogen hatte. »Was hast du denn da an Altpapier ausgegraben?«
   Anna funkelte ihn an und riss ihm das Buch aus der Hand. »Wie kannst du so etwas nur sagen, Benjamin Dustin Hollister?«, fragte sie. »Altpapier …«, wiederholte sie ungläubig. »Mir blutet das Herz bei deinen Worten. Hinter den alten Buchdeckeln könnten sich wertvolle Schätze verbergen.« Sie streichelte liebevoll über den Deckel und entfernte eine dünne Staubschicht von dem Buchrücken. Es war ihr unverständlich, wie man Büchern so wenig Wertschätzung entgegenbringen konnte. Das alte Schriftgut musste auf jeden Fall verteidigt werden.
   Benjamin zog die Stirn kraus. »Du weißt, dass ich es nicht leiden kann, wenn du meinen zweiten Vornamen benutzt«, murmelte er und verzog das Gesicht noch weiter, bis es der Grimasse eines schmollenden Kindes glich. »Bring mich nicht dazu, es zu bereuen, dass ich ihn dir in einem schwachen Moment anvertraut habe.«
   Das aufkommende Grinsen zu unterdrücken, war unmöglich, deswegen biss sich Anna von innen auf die Unterlippe. Wenn sie die Beherrschung verlor, würde Ben den ganzen Tag schmollen, und sie hatten noch einiges an Arbeit vor sich. Sie wägte kurz ab, ob es das wert war, doch ein Blick in die noch gefüllten Regale sorgte dafür, dass sie standhaft blieb. Sie hatte wenig Lust, das alles allein aufzuräumen, während er eingeschnappt danebensaß. Ein paar tiefe Atemzüge brauchte sie, bis sie ihre Mundwinkel unter Kontrolle wusste. »Du weißt, dass du das verdient hast! Wie kann man nur in einer Bibliothek arbeiten und Bücher als Altpapier beschimpfen?«
   »Ich bitte dich. Diese Diskussion wieder.« Er seufzte. »In diesem Teil des Lagers stehen Bücher, die mindestens seit tausend Jahren nicht mehr angerührt worden sind. Jeder Asthmatiker würde an der Menge von Staub, die sich hier befindet, erstickend zugrunde gehen. Keine Sau interessiert sich für den Plunder, der hier steht.« Er verschränkte die Arme vor der Brust und grinste Anna vorwitzig an. »Und dass ich hier arbeite, ist mehr oder minder deine Schuld.«
   »Ach Gott«, entfuhr es Anna. »Ja, und weißt du was? Manchmal bringst du mich dazu, diese Entscheidung zu bereuen. Noch eine Beleidigung, und ich rede heute den ganzen Tag kein Wort mehr mit dir. Außerdem gehe ich dann nach oben und du kannst den Rest des Lagers allein aufräumen.«
   Benjamin tat, als wenn ihn diese Drohung wie ein Pfeil mitten ins Herz treffen würde und legte die Hände auf seine Brust. »O bitte, nein, das überlebe ich nicht. Gib mir alles an Arbeit, was vorhanden ist. Beiß mich, kratz mich, schlag mich, reiße mir jeden Fingernagel einzeln aus, nur bitte versage mir nicht deine liebliche, engelsgleiche Stimme. Du bist grausam, Anna.«
   Sie betrachtete das Schauspiel ungläubig. Was für ein Idiot. Er könnte sie ruhig ernster nehmen. »Für jemanden, der Geschichte studiert, zeigst du wenig Interesse an der Historie, die hier zu finden ist«, versuchte sie es mit einem anderen Argument. Diese Unterhaltung führten sie regelmäßig. Sie würde Benjamins Nichtliebe zur Alltagsliteratur nie nachempfinden können.
   »Hier finden sich nur veraltete Schundromane, langweilige Gedichtbände, Tagebücher von unbekannten Menschen, für die sich noch nie einer interessiert hat, und billige Groschenkrimis. Nichts, was jemals jemand ausleiht oder an historischen Wert besitzt. Ich verstehe sowieso nicht, wieso wir hier sind. Meiner Meinung nach ist das hier verschwendete Lebenszeit. Von mir aus kann das alles auf den Müll und braucht nicht sortiert zu werden.«
   Scharf sog Anna die Luft ein und versuchte, nicht die Geduld mit Benjamin zu verlieren. An Tagen wie diesen fragte sie sich, warum sie ihm diesen Teilzeitjob besorgt hatte. Meistens war Ben nur eine große Nervensäge, anstatt eine wirkliche Hilfe. Er hatte nichts übrig für Literatur, man musste ihm alles erklären und meistens meckerte er über die anspruchslosesten Aufgaben. Trotzdem wollte sie ihn nicht missen. Schließlich hatte er sich hauptsächlich für diesen Job hier entschieden, damit sie ab und an Zeit miteinander verbringen konnten. Seit Anna nicht mehr studierte und sie sich deswegen nicht mehr an der Uni trafen, hatte sich der Kontakt merkbar reduziert. Abends war Anna oft müde und kaputt und sehnte sich nach ein paar ruhigen Stunden. Benjamin hingegen hatte ständig etwas für die Uni zu tun, sodass er, wenn er nicht im Seminar saß, lernte. Manchmal fand sie es schade, dass er ihre große Leidenschaft für Bücher nicht teilte, doch das tat ohnehin niemand, den sie kannte.
   Bevor sie etwas auf seinen unangebrachten Kommentar erwiderte, strich sie sich eine Strähne ihrer Haare hinter das Ohr, die sich immer wieder aus ihrem Zopf löste.
   »Unsere Aufgabe für die nächsten Tage ist es, das Lager der Bibliothek aufzuräumen – nicht leer zu räumen. Nur für dich erläutere ich noch einmal, was das bedeutet: Wir haben ein Platzproblem. Alles, was nicht mehr brauchbar ist oder ohnehin niemals ausgeliehen wird, kommt weg. Alles, was hingegen interessant erscheint, kommt in die Ausleihe oder in eine andere Abteilung des Lagers. Also hab bitte mehr Respekt vor den Büchern. Nicht alles, was du hier siehst, ist Schund.« Sie tippte ihm unsanft gegen die Brust. »Außerdem haben viele Leute einiges an Zeit und Mühe in das gesteckt, was hier zu finden ist. Das sollten wir nicht vergessen. Ein Buch zu erstellen, unabhängig vom Genre, ist harte Arbeit. Das sollte man würdigen.«
   Anna wusste, wie viel Engagement es brauchte, um ein eigenes Buch zu verfassen, denn sie arbeitete seit einiger Zeit an einem Kinderbuch. Neben dem Lesen war das Zeichnen eine geliebte Beschäftigung für sie, und sie wünschte sich, dass es eines Tages mehr sein würde. Sie setzte alle Hoffnungen darauf, dass, sollte es jemals soweit sein, irgendwer ihr Werk genauso schätzen würde, wie sie es mit allen anderen tat. Bisher hatte sie sich nicht getraut, jemandem von ihrem Traum zu erzählen, geschweige denn, ihre ersten Entwürfe preiszugeben, an denen sie seit Monaten hartnäckig arbeitete. Viel zu groß war die Angst, dass der Traum zerplatzen und die Enttäuschung groß sein würde. Die mitleidigen Blicke der wenigen Mitmenschen, die sie schätzte, wollte sie nicht zusätzlich noch ertragen müssen. Vielleicht würden ihre Freunde ihre Zeichnungen oder die Geschichte überhaupt nicht mögen. Dann würde sie niemals den Mut aufbringen, ihren Traum voranzutreiben, sondern ihn einfach fallen lassen.
   »Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, denke ich, dass nie wieder jemand irgendetwas hiervon lesen wird. Also tendiere ich, trotz deines Einsatzes, stark dazu, das Ganze zu vereinfachen und alles verschwinden zu lassen. Damit ersparen wir der zukünftigen Generation viel Arbeit. Daran muss man auch denken. Es ist also nicht nur purer Eigennutz.«
   Eines musste Anna ihm lassen – er wusste seine Position mit den richtigen Argumenten zu verteidigen. Trotzdem erntete er für diese Aussage einen bitterbösen Blick. Augenblicklich verschwand Bens hämisches Grinsen und er hob beschwichtigend die Hände.
   »Oha!«, entfuhr es ihm. »Okay, okay. Ich hab es verstanden. Kein Plunder, sondern kostbare Schätze. Wenn es so ist, setze ich all meine Hoffnungen darauf, dass ich Unentdecktes von Shakespeare, Goethe oder Schiller zwischen den ganzen Seiten finde. Oder wie auch immer diese berühmten Philosophen und Dichter alle heißen mögen. Dann werde ich reich, schmeiße mein Studium hin und kaufe mir ein Haus in Spanien. Mit Pool versteht sich. Direkt am Meer. Und mit integrierter Kartbahn. Oh, und selbstverständlich nicht zu vergessen mit Heimkino und Wellnessbereich im Keller.«
   Anna konnte sich ein Lächeln nicht mehr verkneifen, obwohl ihr das ganze Thema wichtig und ernst war. Manchmal war Benjamin so süß charmant, dass man nicht anders konnte, als von seiner Art bezaubert zu sein. Ob er das ernst meinte und ein Haus in Spanien sein Traum war? Sie hätte sich eine Weltreise gegönnt, aber ein solcher Fund wäre so wertvoll, dass sie viel, viel mehr als nur das Haus in Spanien und eine Weltreise davon finanzieren könnten. »Soso, du wirst reich?«, stieg sie in sein Spiel mit ein. »Schon einmal etwas von teilen gehört? Hälfte-Hälfte oder so ähnlich?«
   »Vielleicht gebe ich dir ein Drittel ab – oder ein Fünftel – und lasse dich im Gästezimmer meines Hauses wohnen. Das kommt darauf an, wie du dich die nächsten Stunden mir gegenüber verhältst. Und selbstverständlich müsstest du dich um den gesamten Haushalt kümmern. Wenn du kostenlos bei mir wohnst, will ich mir das Säuberungspersonal sparen. Über die Dienstkleidung müssen wir dann noch verhandeln.«
   Bei diesen Worten zog er anzüglich die Augenbrauen nach oben und grinste über das ganze Gesicht. Nun war es um Anna endgültig geschehen, und sie konnte sich ein lautes Lachen nicht mehr verkneifen. Anstatt ihm zu antworten, widmete sie sich ihren Büchern. Für Benjamin empfand sie nicht mehr als freundschaftliche, manchmal geschwisterliche Zuneigung, und das war seit ihrem Kennenlernen vor zwei Jahren auch nie anders gewesen. Sie waren sich während des Studiums zufällig in einem Studentencafé begegnet. Anna hatte sich in den letzten Zügen ihrer Abschlussprüfungen für Bibliothekswesen befunden und dort gelernt. Er war gerade frisch an der Universität angemeldet gewesen und bei seinem Besichtigungs-Rundgang dort vorbeigekommen. Das Café war beliebt und stets gut besucht, was unter anderem an dem köstlichen Kaffee und der einmaligen Atmosphäre lag. Nur an Annas Tisch war noch ein freier Platz gewesen, und er hatte sich frecherweise, ohne zu fragen, dort niedergelassen. Am Anfang hatte sie das als dreist empfunden, doch irgendwann waren sie ins Plaudern gekommen und Benjamin ihr immer sympathischer geworden. Dabei hatte er sie mit seiner vorwitzigen, neugierigen Art nur von ihrem Lernstoff abgelenkt. Trotzdem oder vielleicht genau deswegen war er seitdem ein wesentlicher Bestandteil ihres Lebens, auch wenn sie nicht mehr studierte, sondern hier als Bibliothekarin arbeitete.
   Während sie einen Blick in die Bücher warf, die sie eben heruntergeholt hatte, kletterte Ben erneut auf die Leiter und nahm neue aus dem Regal. Diese legte er neben die anderen und gesellte sich zu ihr. Inzwischen befanden sich mehrere Stapel auf dem Tisch verteilt, denn sie waren in der letzten Stunde des Öfteren hinauf– und hinuntergestiegen und hatten einiges an Büchern zusammengesammelt, die es nun zu sichten galt.
   »Ich denke, das reicht vorerst, oder was meinst du?«, fragte Benjamin hoffnungsvoll.
   Anna nickte.
   »Auf geht‘s«, entfuhr es ihm wenig euphorisch, und er klatschte als Startsignal in die Hände.
   Sie zogen sich einen Stuhl heran und nahmen jeweils ein Buch von einem der Stapel. Zunächst musste geschaut werden, ob die Bücher sichtbare Beschädigungen oder sonstige äußerliche Mängel aufwiesen. Darunter fielen zum Beispiel vergilbte, fehlende, geknickte, bemalte oder eingerissene Seiten. Diese mussten, so leid es Anna tat, aussortiert werden. Alle anderen Bücher – und das waren die wenigsten – wurden nach Genre und Inhalt genauer untersucht. Leider musste sie Benjamin recht geben: Für Groschenkrimis und Schundromane gab es keinen Platz in der Ausleihe mehr – damit waren genug Regale gefüllt. Zudem würde sich für diese alten Geschichten niemand mehr interessieren. Nur die Wenigsten hatten eine Vorliebe für alte Schmöker. Die Kunden von heute liehen verständlicherweise lieber die aktuellen Werke aus. Also musste hier ein Großteil der Bücher ausrangiert werden. Immerhin: Einzelnen Büchern wurde das Glück zuteil, entweder hier im Lager verweilen zu dürfen und damit immerhin im Inventar zu bleiben, oder sie bekamen sogar einen Platz in der Ausleihe.
   Jedes Buch, das in der Kiste mit der Aufschrift »Müll« landete, schmerzte Anna. Die Bücher konnten nichts dafür, dass so schändlich mit ihnen umgegangen worden war. Sie tröstete sich damit, dass das ihr Job war und sie keine andere Wahl hatte. Auch solche Aufgaben gehörten, zu ihrem Leidwesen, ab und an dazu. Wäre ihre Wohnung um einiges größer gewesen, hätte sie all den Werken ein Zuhause gegeben, aber ihre kleine Fünfundvierzig-Quadratmeter-Wohnung war mehr als überfüllt mit Büchern und anderem Kram. Kurz überlegte Anna, ob man sie nicht über einen Flohmarkt verkaufen oder in einen Bücherschrank auslagern könnte, doch sie musste sich eingestehen, dass sie auch dort keinen neuen Besitzer finden und auf dem Müll landen würden. Es entging ihr nicht, wie Benjamin mehrmals aus den Augenwinkeln zu ihr herüberblickte. Mitleid lag in seinen Gesichtszügen. Er musste wissen, wie schwer ihr diese Aufgabe fiel, auch wenn es ihm nichts ausmachte. Immerhin das tröstete sie.
   Es vergingen Stunden, in denen sie neue Stapel aus den Regalen holten und durchblätterten, doch ein erneutes Gespräch wollte sich nicht einstellen, sodass sich die Zeit wie eine Ewigkeit zog. Die Stille zwischen ihnen hatte Anna zu verschulden. Sie blockte jeden Versuch, eine Konversation zu beginnen, ab. Normalerweise war sie ein ausgelassener Mensch, lachte viel und genoss die Albernheiten mit Benjamin. Es dauerte jedoch nie lange, bis die Realität sie einholte und sie nichts anderes mehr als tiefe Trauer und lähmende Furcht empfinden konnte. Manchmal passierte es so schnell, dass es sie vollkommen überrollte. Dass sie überhaupt in der Lage war, die Wirklichkeit für einige Augenblicke zu vergessen, überraschte sie immer wieder. Sie erfreute sich an diesen flüchtigen Momenten – und brauchte sie auch. Denn die Geschehnisse der letzten Wochen lasteten schwer auf ihrer Seele. Begebenheiten, rund um die Situation ihres Großvaters, die sie mit niemandem teilte und lieber für sich behielt. Sogar Benjamin gegenüber hüllte sie sich in Schweigen. Sie sah ihm an, dass er sich sorgte, konnte sich aber nicht überwinden, ihm die Wahrheit anvertrauen. Aufgrund dessen konnte er ihre ständigen Stimmungsschwankungen verständlicherweise nicht nachvollziehen.
   Nicht nur einmal brachte der Staub, der durch das Sortieren der Bücher aufgewirbelt wurde, Anna zum Niesen. Benjamin lächelte immer schadenfroh und sie hätte ihm am liebsten sein Grinsen aus dem Gesicht gezogen. Er konnte froh sein, dass seine Nase weniger empfindlich war. Bei jedem Niesen ging ihr Benjamins Spruch über die Asthmatiker durch den Kopf, und das schien er zu wissen. Als einer der »Müll«-Kartons mal wieder voll war, schlug sie vor, eine Pause einzulegen. Er seufzte erleichtert auf und klappte augenblicklich das Buch zu, das er gerade in den Händen hielt. Die dadurch aufkommende Staubwolke ignorierte er.
   »Endlich, ich hab befürchtet, du würdest bis zum Feierabend durcharbeiten wollen. Das hätte meine Arbeitsmotivation deutlich überstrapaziert. Noch zehn Minuten länger, und ich wäre durchgedreht und hätte für nichts mehr garantieren können.«
   »Ich bin mir sicher, dass dir ein bisschen mehr Arbeit nicht schaden würde. Irgendwann wirst du Vollzeit beschäftigt sein, und es ist besser, sich frühzeitig daran zu gewöhnen«, zog sie ihn auf. Als er den Mund aufmachte, um etwas zu erwidern, winkte sie ab. »Lass uns nicht von Arbeit sprechen, jetzt ist Pause.«
   Damit gab er sich zufrieden und ließ sich entspannt tiefer in den Stuhl sinken. Von jetzt auf gleich schien er die Ruhe selbst zu sein, und Anna beneidete ihn, dass er so schnell abschalten konnte. Sie nutzte den Augenblick, um ihn eingehender zu betrachten. Ihr Gegenüber war ungefähr einen Meter achtzig groß und überragte sie damit um einen halben Kopf. Er hatte kurzes, blondes, leicht lockiges Haar, das wild von seinem Kopf abstand und ihn verwegen erscheinen ließ. Seine Augen leuchteten in einem so intensiven Blau, dass sie sofort die Blicke auf sich zogen. In der Regel war er stets frisch rasiert, was ihn jungenhaft wirken ließ. Das wurde von seinen weichen, runden Gesichtszügen nur noch unterstrichen. Obwohl er alles andere als dick war, war er die Pausbäckchen seiner Kindheit nie losgeworden. Das verlieh ihm, trotz seiner siebenundzwanzig Jahre, etwas Jugendliches.
   Alles in allem konnte man sagen, dass er gut aussah. Andere hätten ihn mit Sicherheit als attraktiv bezeichnet. Hier und da hatte Anna häufiger beobachtet, dass sich eine Frau nach ihm umdrehte. Oftmals wurde er von ihnen angesprochen. Dabei nahmen sie keine Rücksicht darauf, ob er in weiblicher Gesellschaft in Form seiner besten Freundin war, oder nicht. Das fand sie zwar dreist, aber im Endeffekt war es ihr gleich. Wahrscheinlich sahen sie in ihr keine Konkurrenz. War sie schließlich auch nicht. Benjamin jedoch schien sich nie groß für diese Frauen zu interessieren. Viel mehr ärgerte ihn ihre aufdringliche Art, und er empfand ihre Störung als respektlos und unhöflich. In der Hinsicht verstand sie ihn nicht. Sie wäre ihm auf jeden Fall nicht böse gewesen, wenn er sich ein paar Minuten zum Flirten genommen hätte. Tatsächlich traf er sich, soweit Anna das wusste, nur selten mit anderen Frauen. Sie hatten sich nie darüber unterhalten und sie vermutete, dass er entweder keine Zeit für eine feste Partnerschaft hatte oder einfach sein Single-Dasein genoss.
   So bemerkenswert wie Benjamin war Anna bei Weitem nicht. Sie fiel zumindest nicht sofort jedem männlichen Wesen ins Auge, was schätzungsweise an ihrer schlichten Kleidung und ihrem dezenten Make-up lag. Anna gab nicht viel darum, im Mittelpunkt zu stehen. Das war noch nie ihr Ding gewesen.
   Sie fand sich grundsätzlich nicht hässlich, aber sie war Realistin und sich darüber im Klaren, dass sie eben auch keine absolute Schönheit war. Dafür war ihre Figur zu normal, ihre Beine zu kurz und ihr Busen zu klein. Dazu kamen ihre Haare, die ihrem eigenen Willen folgten. Auf solche Oberflächlichkeit gab sie ohnehin nicht viel. Sie kannte ihre Schwächen und akzeptierte sie. Für sie zählte der Charakter und sie wollte lieber nach diesem als nach ihrem Aussehen bewertet werden. Vielleicht war das der Grund, weshalb ihre letzte Partnerschaft einige Jahre zurücklag. Manchmal vermisste sie eine intime und von Zuneigung geprägte Beziehung, aber an den meisten Tagen war sie mit der Arbeit oder dem Zeichnen gut ausgelastet oder zu sehr in ihre Bücher versunken, um darüber nachzudenken.
   »Hey, warum starrst du mich so an?«, fragte Benjamin, während er eine Augenbraue nach oben zog, und riss sie damit aus ihren Gedanken. »Habe ich einen hässlichen Fleck auf dem Pullover, oder genießt du nur die unbeschreiblich-umwerfende Aussicht?«
   Anna zuckte zusammen und fühlte sich ertappt. Im Anflug leichter Nervosität strich sie sich zum wiederholten Male diese nervige Haarsträhne hinter das Ohr. Niemals würde sie Benjamin sagen, dass sie ihn gut aussehend fand. Das würde sein Ego nur ins Unermessliche steigern, und er würde es ihr ewig vorhalten und sie noch Jahre später daran erinnern. »Bilde dir ja nichts ein, ich war nur in Gedanken versunken«, antwortete sie und ärgerte sich über sich selbst, weil ihr auf die Schnelle keine schlagfertigere Antwort eingefallen war.
   Ihr Blick glitt von Benjamin zu den ein Dutzend gut gefüllten Müllkartons. Sofort waren ihre Gedanken wieder woanders. Wie gebannt starrte sie auf die Bücher. Sie fragte sich kurz, wie sie diese schweren Kisten jemals aus dem Lager bekommen sollten, als ein Buch ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Es lag versteckt zwischen zwei alten Tagebüchern, und Anna konnte nur einen Teil des Buchrückens erkennen, der ihr wie magisch entgegenfunkelte. Sie konnte nicht sagen, warum ihr genau dieses Buch unter allen anderen in der Kiste aufgefallen war, doch es brachte sie dazu, aufzustehen, und als sie es in die Hand nahm, war sie überrascht, wie neu es noch aussah. Das Buch war in dunkles, glänzendes Leder gebunden, das sich wunderbar weich anfühlte. Der Umschlag war makellos, frei von Kratzern und Knicken und kein Titel war vorn hineingeritzt. Einzig der Buchrücken trug ein Wort, in einer wunderschönen silbern leuchtenden, geschwungenen Schrift: Caleb.
   »Was ist das?«, fragte sie Benjamin fasziniert. Anna hatte das Buch heute definitiv nicht in der Hand gehabt. Dementsprechend musste es von ihm aussortiert worden sein.
   Dieser zuckte nur mit den Schultern. »Ein Buch?«, versuchte er es zunächst auf die witzige Art, aber als Anna darauf nicht ansprang, legte er mehr Ernsthaftigkeit in seine Antwort. »Es lag zwischen den alten Tagebüchern irgendeines Bauern. Ich habe es nur kurz durchgeblättert. Die Seiten sind alle leer. Scheint ein unbenutztes Tagebuch oder Notizbuch zu sein. Keine Ahnung. Wer leiht sich schon ein leeres Buch aus? Ich frage mich ernsthaft, wie und warum es in einer Bibliothek gelandet ist. Da hat jemand seinen Job vor Jahren nicht gut gemacht. Und nun bleibt alles an mir hängen.« Er seufzte laut auf und hielt sich theatralisch die Hand an die Stirn, um seine Überforderung gestisch zu untermauern.
   Anna stand gerade nicht der Sinn nach seinen Scherzen. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt diesem mysteriösen Fund. Bezaubert strich sie erneut über das weiche Leder. Trotz seiner Größe und Massivität war das Buch beeindruckend leicht. Eine erste, oberflächliche Betrachtung ließ darauf schließen, dass es trotz seines Aussehens ein beträchtliches Alter haben musste. Heutzutage wurde kein Leder mehr für den Einband benutzt und so ein teures schon gar nicht. Außerdem hatte das Buch keine klassisch-moderne Buchbindung und roch anders, als sie es von den neuen Exemplaren gewohnt war.
   Sie schlug es auf, blätterte durch die Seiten und musste mit einer gewissen Enttäuschung feststellen, dass diese wirklich leer waren. Insgeheim hatte Anna, trotz Benjamins Worten, auf ein großes Geheimnis, einen wahren Schatz gehofft – vergebens. Nichts dergleichen war der Fall. Nur ein leeres, unbedeutendes Buch. Dennoch ließ Anna das Gefühl nicht los, dass daran irgendetwas ungewöhnlich war. Das Gesamtbild stimmte nicht. Trotz seines geschätzten Alters waren die Seiten weder vergilbt noch eingerissen oder umgeknickt. Das gesamte Äußere war ebenfalls, wie eben schon festgestellt, makellos – zu makellos. Eventuell war es nicht so alt, wie sie vermutete. Trotzdem, ein paar Jahre musste es mindestens hier liegen.
   »Aus welchem Jahr stammten die Tagebücher des Bauern? Weißt du das zufällig noch?«, hakte sie nach und versuchte, die Bedenken in ihrer Stimme zu verbergen und wie Neugier klingen zu lassen.
   Ben überlegte einen Moment. »1960, glaube ich. So um den Dreh auf jeden Fall. Stand nur langweiliges Zeug drin. Nichts Brauchbares.«
   1960? Sie hätte es weit älter als die fünfzig bis sechzig Jahre geschätzt. Das alles verwirrte Anna, und obwohl sie nicht ausmachen konnte warum, verspürte sie ein merkwürdiges Kribbeln. Anders als Benjamin würde sie dieses Buch nicht seinem Schicksal überlassen können, das wusste sie. »Es sieht noch unbenutzt und neu aus. Viel zu schade, um es wegzuschmeißen«, murmelte sie leise vor sich hin.
   Benjamin verdrehte die Augen und verschränkte zeitgleich die Arme vor der Brust. »Du hast ein Herz für Bücher, liebe Anna. Aber du kannst sie nicht alle retten. Ehrlich gesagt habe ich erwartet, dass du schwach wirst. Was möchtest du mit einem leeren Buch? Ich würde dir jedes Buch zugestehen, doch dort findet sich keine der Geschichten, die du so abgöttisch liebst.«
   Anna riss den Blick von dem Buch los und sah Benjamin an. »Schon, aber wenn wir das Buch zurück in den Karton legen, nehmen wir ihm die Chance, jemals eine eigene schöne oder bewegende Geschichte zu erzählen. Seiner ursprünglichen Geschichte beraubt, würde es auf ewig leer bleiben, bis zum baldigen Ende seiner sinnlosen Existenz. Dieser Gedanke ist traurig, findest du nicht?«
   Benjamin fuhr sich über das Gesicht und schaute Anna einen Moment lang an. Sie hielt seinem Blick stand und schließlich seufzte er ergeben auf.
   »In Ordnung. Von mir aus. Nimm es mit nach Hause. Ich werde Stillschweigen darüber bewahren und so tun, als hätte ich nichts gesehen. Aber nur dieses eine, und dafür habe ich etwas gut bei dir.«
   Innerhalb von Sekunden strahlte Anna über das ganze Gesicht. Sie legte das Buch beiseite, klatschte in die Hände und fiel ihm hüpfend um den Hals. »Danke, danke, danke. Manchmal bist du einfach der Beste«, quietschte sie erfreut, während sie ihn an sich drückte.
   Ben fing an zu lachen und erwiderte ihre Umarmung. Insgeheim hätte sie es auch hinter seinem Rücken rausschmuggeln können, aber sie freute sich trotzdem, und ihr blieb das schlechte Gewissen erspart.
   »Ich verstehe zwar nicht, warum es ausgerechnet dieses Buch sein muss. Aber gut. Deinen traurigen Gesichtsausdruck kann halt keiner ertragen und die Entscheidung hätte wesentlich schlimmer ausfallen können. Und das ‚manchmal‘ habe ich überhört, denn ich bin immer der Beste – vor allem zu dir.«
   Kichernd ließ Anna von ihm ab. Ihr Blick huschte über die noch halb vollen oder, wenn man es positiv betrachten wollte, halb leeren Bücherregale. Ganz gleich, wie man es sah, es lag auf jeden Fall noch einiges an Arbeit vor ihnen. »So, jetzt war die Pause lang genug.«
   Gespielt entsetzt riss Benjamin die Augen auf. »Ist das dein Ernst? Wird meine gute Tat mit Arbeit bestraft? Dann sollte ich mir mein Angebot noch einmal überlegen.« Er tat so, als wenn Anna ihm einen Pflock ins Herz gerammt hätte, und starb mit einer viel zu theatralischen Geste auf dem Stuhl ihr gegenüber.

Es war kurz vor einundzwanzig Uhr, als sie die Tür der Bibliothek hinter sich abschlossen. Anna war so in dem Schwung gewesen, die Regale zu entrümpeln, dass sie die Zeit aus den Augen verloren hatte. Offiziell war die Bibliothek nur bis zwanzig Uhr geöffnet und deswegen waren alle anderen, sowohl Besucher als auch Mitarbeiter, schon vor einer Stunde gegangen. Als Anna bemerkte, wie spät es war, hatte sie das eine Regal trotzdem noch zu Ende sortieren wollen. Was fertig war, war fertig. Obwohl sie Benjamin angeboten hatte, ruhig zu gehen, hatte er darauf bestanden zu bleiben. Unerwarteterweise war er tüchtig gewesen und hatte bis zum Ende tatkräftig mitgeholfen, sodass nun mehrere Kartons mit aussortierten Büchern irgendwie den Weg in das Altpapier finden mussten. Anna konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen, denn sie war von oben bis unten eingestaubt und zudem spürte sie die Anstrengung des Tages mit jeder Faser ihres Körpers. Sie sehnte sich nach einer heißen Dusche und ihrem kuscheligen Bett.
   Kaum setzten sie einen Fuß vor die Tür, fing Anna an zu frösteln. Draußen war es stockfinster, kühl, und es wehte ein frischer Wind. Noch war nichts von dem herannahenden Frühling zu spüren, von dem sie hoffte, dass er bald kommen würde. Es war März, und die Erfahrung in den letzten Jahren zeigte, dass weiterer Schneefall durchaus möglich war, ebenso wie erste milde Temperaturen und Sonnenschein. Da sie kein Mensch für nasskaltes Wetter war, sehnte sie sich nach dem Frühling und der damit verbundenen ersten Wärme. Außerdem war es für ihren Geschmack im Winter viel zu früh dunkel. Ihr fehlte die Motivation für Unternehmungen. Das Aufstehen am Morgen in tiefster Finsternis gehörte ebenfalls nicht zu ihren Vorlieben, obwohl sie grundsätzlich damit keine Probleme hatte. Deswegen konnte sie es kaum erwarten, bis die Tage wieder länger wurden und man um zweiundzwanzig Uhr noch durch die sonnenerleuchteten Straßen gehen konnte. Sie war eindeutig ein Sommerkind.
   Anna hielt ihren neuen Besitz wie einen Schatz in ihren Händen. Wenngleich sie nicht ausmachen konnte, warum, empfand sie Stolz, dass sie dieses Buch ihr Eigen nennen durfte. Das hatte ihren Tag erheitert. Dabei handelte es sich, rein oberflächlich betrachtet, nur um ein leeres Buch – so wie Benjamin sagte.
   »Soll ich dich noch nach Hause begleiten?«, fragte Ben und lächelte liebevoll auf sie herab. Es war nicht das erste Mal, dass er Anna dieses Angebot machte, eigentlich kam es sogar regelmäßig. Er wusste, dass sich Anna nie wohlfühlte, wenn sie die dunklen Straßen abends allein bis zu ihrer Wohnung gehen musste. Noch ein Grund mehr, dass es endlich Frühling werden sollte. Trotzdem schlug sie sein Angebot für heute aus.
   »Das ist nett von dir, aber ich schaffe das. Sehen wir uns morgen?«
   Er nickte – immer noch lächelnd – während er sich den Staub aus den Haaren wuschelte. Anna glaubte, für einen Augenblick Enttäuschung in seinem Gesicht aufblitzen zu sehen. Doch genauso schnell wie sie gekommen war, verschwand sie wieder. Hatte sie sich das nur eingebildet?
   »Klar. Wenn ich in dem Tempo von heute weiterarbeite, kann ich meine Überstunden im Sommer mit sechs Wochen Freizeit ausgleichen. Noch habe ich das Haus in Spanien nicht aufgegeben!«
   Er lachte laut auf, und Anna schüttelte nur lächelnd den Kopf, zum Teil über sich selbst. Sie war müde und gehörte dringend ins Bett.
   »Selbstverständlich nur, damit du in Ruhe, in vollkommener Abgeschiedenheit, für deine Prüfungen lernen kannst, nicht wahr?«, neckte sie ihn und boxte ihm spielerisch auf die Schulter. Sie wusste, dass Benjamin im Sommer bis zum Hals in Arbeit stecken würde, denn er war ein Genie darin, die wichtigen Dinge wie Prüfungsvorbereitung vor sich herzuschieben.
   Auch an diesem Abend hatte er es erfolgreich verdrängt und riss nun die Augen auf. »Du traust mir immer viel zu wenig zu, liebe Freundin. Irgendwann werde ich euch alle überraschen.«
   »Daran habe ich keine Zweifel«, erwiderte sie sanft und die hatte sie wirklich nicht. Ganz gleich, welchen Weg Benjamin einschlagen würde, sie war sich sicher, dass er darin großartig und mit Herz und Leidenschaft dabei sein würde.
   Kurz darauf konnte Anna ein erschöpftes Gähnen nicht mehr unterdrücken.
   »Okay, genug Albereien für heute. Es ist Zeit nach Hause zu gehen«, entschied Benjamin. »Ich wünsche dir eine gute Nacht.«
   »Ich dir auch. Und ich hoffe, es wartet kein Bücheralbtraum auf dich.«
   Ben verdrehte grinsend die Augen, bevor sie sich zum Abschied umarmten.
   Von der Bibliothek bis zu Annas Wohnung waren es circa fünfzehn Minuten Fußweg. Da sie in der Nähe der Bibliothek und zur Innenstadt wohnte, benötigte sie den Luxus eines Autos nicht. Nur selten war sie auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, aber das machte ihr nichts aus. Sie wohnte in einer beschaulichen Gegend, die vorwiegend aus Einfamilien- und Reihenhäusern bestand, in denen meistens alte Leute zu finden waren. Ein junges Gesicht sah man kaum. Da sie, ganz untypisch mit ihren vierundzwanzig Jahren, eher ein stiller Zeitgenosse war, hatte sie sich bewusst für dieses Gebiet entschieden. Anna wusste die Vorzüge der Ruhe und Abgeschiedenheit zu schätzen. Sie wohnte in einem der wenigen Mehrfamilienhäuser, die in der Straße zu finden waren. Ihre Nachbarn sah sie maximal dreimal im Monat. Neben ihr wohnten noch zwei Parteien in dem Haus, und zwar im Erdgeschoss und im ersten Stock, während sie das Dachgeschoss ihr Eigen nannte. Hier hatte sich Anna auf wenigen Quadratmetern in einer Maisonette-Wohnung eingerichtet.
   Das Zentrum ihres bescheidenen Heims bildete der offene Wohnbereich. Anna hatte sich eine riesige Couch ausgesucht, die fast das gesamte Wohnzimmer einnahm, denn sie mochte es gemütlich. Hier befand sich außerdem eine Treppe, die hinauf zu ihrem Schlafzimmer führte. Sie liebte diesen kleinen Bereich, denn durch die vielen Dachschrägen verströmte er einen einzigartigen Charme. Wenn es regnete, lag sie oft nachts da und lauschte dem Geräusch der fallenden Tropfen, während sie sich in ihre Decke kuschelte. Neben dem Bad und einer kleinen Küche besaß die Wohnung noch ein weiteres Zimmer, das vom Vermieter ursprünglich als Gäste- oder Kinderzimmer angedacht war, für sie aber als Bücher- und Zeichenzimmer herhielt. Dort in ihrem Schwingsessel zu sitzen, gehörte zu ihrer Lieblingsbeschäftigung – umgeben von Büchern und mit einer Tasse Tee in der Hand. Das war Entspannung pur.
   Heute würde Anna allerdings kein Buch und keinen Stift in die Hand nehmen, denn dazu war sie zu erschöpft. Die Arbeit im halbdunklen, staubigen Lager war anstrengend gewesen und die Sehnsucht nach ihrem Bett groß. Dieses müsste sich noch ein paar Minuten gedulden, denn sie musste vorher noch duschen. So verdreckt wie sie war, blieb ihr da keine Wahl.

Nach einer flüchtigen Mahlzeit und einer schnellen, heißen und wohltuenden Dusche lag Anna dreißig Minuten später in den weichen Kissen. Vor ihr befand sich das Buch, das sie aus der Bibliothek mitgenommen hatte. Trotz aller Müdigkeit wollte sie sich nicht nehmen lassen, es noch einmal genauer zu betrachten. Andächtig berührte sie das weiche Leder, ehe sie den Buchdeckel aufschlug. Sie stutzte. Was war das? Vor ihr, direkt auf der ersten Seite, befand sich die Schwarz-Weiß-Zeichnung eines Mannes. Eines gut aussehenden Mannes. Wo kam diese her? War sie vorher schon da gewesen? Weder ihr noch Benjamin war sie aufgefallen. Anna konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob die erste Seite zuvor leer gewesen war, denn sie erinnerte sich nicht mehr daran, ob sie darüber hinweggeblättert hatte. Aber Benjamin hätte es doch bemerken müssen? Vielleicht hatte er es gesehen und als unwichtig abgestempelt. Ansonsten gab es nichts als leere Seiten. Diese Entdeckung hinterließ ein merkwürdiges, freudiges Kribbeln in Anna. Zumindest konnte sie nun mit Sicherheit sagen, dass sich noch etwas anderes als unbenutztes Papier zwischen den Buchdeckeln befand. Irgendjemand musste das Buch vorher also verwendet haben, denn die Zeichnung war nicht auf das Papier gedruckt. Wieso war es nur bei dieser einen Zeichnung geblieben? Wer hatte dieses wundervolle Buch besessen und es im Regal verrotten lassen? Fragen über Fragen, auf die sie nie eine Antwort bekommen würde. Jetzt gehörte das Buch ihr, und sie würde ihm eine neue Bedeutung geben.
   Erneut wanderte das seltsame Kribbeln durch ihren Körper. Der Anblick des fremden Mannes löste ein unbeschreibliches Gefühl in ihr aus, das bis in ihre Fingerspitzen wanderte. Dort fand es seinen Höhepunkt, als sie über die Zeichnung strich. Sie konnte sich ein Auflachen nicht verkneifen, denn sie bemerkte erneut, wie attraktiv der Mann vor ihr aussah. Dabei hatte er nichts von der Schönheit, die die heutige, moderne Männerwelt auszeichnete, sondern besaß etwas Archaisches, das ihn in Annas Augen unwiderstehlich machte. Seine Kleidung, eine Weste unter der er nichts außer seiner nackten Haut trug, und eine Kniehose, die eng an seinem Körper lag, verriet mehr, als sie verdeckte. Seine kräftigen Arme, seine muskulöse Brust – es war genau, wie Anna es mochte, nicht so durchtrainiert, dass man jeden Muskel sehen konnte, aber ansehnlich. Die Kleidung erinnerte an die Garderobe des siebzehnten Jahrhunderts. Vorausgesetzt Proportionen und Seitenverhältnis stimmten, schätzte sie ihn auf eine Größe von circa einen Meter fünfundachtzig, womit er Benjamin überragen würde. Seine Gesichtszüge waren markant, jedoch nicht knochig, und um sein Kinn herum zeichnete sich der leichte Schatten eines Drei-Tage-Bartes ab. Da die Zeichnung den Mann leicht von der Seite zeigte, konnte sie erkennen, dass ihm die dunklen Haare bis zu den Hüften gingen. Seltsamerweise faszinierte sie seine Haarpracht, obwohl sie noch nie viel für Männer mit langen Haaren übriggehabt hatte. Zu ihm passte es. Anna hielt zum Versuch den Zeigefinger über das Papier, um die langen Haare zu verdecken und musste sogleich feststellen, dass ihr diese Vorstellung nicht gefiel. Das war nicht richtig und minderte die Schönheit des Gesamtbilds.
   Sein Aussehen gab nichts über seinen Charakter preis. Das war nicht ungewöhnlich, doch manchmal gab es Menschen, denen man bestimmte Charakterzüge ansehen konnte. Dieser hier gehörte nicht zu dieser seltenen Sorte. Er hätte in einem Film den Bösen genauso gut wie den Guten spielen können. Schade. Sie erwischte sich dabei, wie sie gedankenverloren über seine Brust strich. Dieser Mann war attraktiv. Wer war er? Hatte ihm das Buch einmal gehört? Hatten seine Hände den Einband ebenso berührt wie die ihren? Oh, wie unrecht Benjamin hatte. Das Buch hatte eine Geschichte und mit jeder Sekunde, die sie auf die Zeichnung starrte, wollte sie mehr und mehr wissen, welche.

2

Ein flüchtiges Licht. Ein Blick auf einen blonden Schopf, ehe die Augen ihren Dienst versagten. Innerhalb von Sekunden war alles vorbei, und die Finsternis kehrte zurück. Dann durchbrach erneut ein kräftiger Lichtschein die alles umfassende Dunkelheit, die ihn seit Jahrhunderten gefangen hielt. Geblendet brannten seine Augen. Die Lichterflut war so ungewohnt für ihn, dass er nach einigen Minuten noch damit zu kämpfen hatte. Seine Pupillen brauchten ungewöhnlich lange, um sich an die neuen Umstände zu gewöhnen. Diese Situation war ihm durchaus bekannt, wenn sie auch einige Zeit zurücklag. Er musste sich nur in Geduld üben und bald würde er alles zu seiner Zufriedenheit sehen können. Leider besaß er diese Geduld nicht, was sein Leiden hinauszögerte und ihn zusätzlich quälte. Es war jedes Mal wieder töricht von ihm, wie er nach der ewig langen Dunkelheit keine Sekunde verstreichen lassen wollte, doch er konnte nicht anders. Unmengen an Adrenalin waren schlagartig freigesetzt worden. Aufregung überkam ihn mit dem Lichtermeer. Neben der sonst herrschenden Lethargie war dies ein wunderbares, befreiendes Gefühl.
   Nach gefühlten Stunden kam endlich der Zeitpunkt, an dem er sich an das schwache Licht größtenteils gewöhnt hatte. Zu Anfang war er nur in der Lage, grobe Schemen zu erkennen, doch nach und nach wurde aus dem verschwommenen Etwas in seinem Blickfeld ein zartes, weibliches Gesicht. Sein Herz raste noch verrückter, als ihm die Bedeutung hinter diesem Antlitz bewusst wurde. Haltlose Freude überkam ihn, die ihn in Ekstase versetzte. Eben noch hatte er kläglich vor sich hinvegetiert, und nun war er so voller Leben wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Das Buch war seit Jahren nicht mehr aufgeklappt worden. Vielleicht täuschte er sich, aber auch, wenn ihm jede Möglichkeit fehlte, die Zeit zu messen, sagte ihm sein Zeitgefühl, dass die letzte Öffnung weit über zwanzig Jahre zurücklag – wenn nicht sogar schon fünfzig. Jede Stunde war quälend langsam dahingekrochen.
   Damals hatte er ewig in einer dreckigen Ecke gelegen und Wochen lang in den Himmel gestarrt. Nur einmal war ihm das rundliche, unrasierte und hässliche Gesicht eines dickbäuchigen Mannes dargeboten worden. Dieser hatte nicht nur ungepflegt, sondern auch vollkommen widerwärtig ausgesehen. Einige Narben an Stirn und Kinn und seine krumme Nase, die mehr als einmal gebrochen gewesen sein musste, verrieten ihm seinerzeit, dass dieser Typ einige Schlägereien in seinem Leben gehabt hatte. Vermutlich waren die meisten von ihm selbst angezettelt worden. In jedem Fall war dieses verwahrloste Drecksgesicht absolut ungeeignet für seinen Plan. Verdammter Mist! Seine Enttäuschung zu jener Zeit hätte man greifen können und kurz darauf war es um ihn herum wieder dunkel geworden. Seitdem setzte er all seine Hoffnungen auf das nächste Gesicht, das sich ihm zeigte. Was gab es auch für eine andere Möglichkeit? Tatsächlich schien es, als sollte er dieses Mal wahrlich nicht enttäuscht werden.
   Eine junge Frau mit langen braunen und wunderschön lockigen Haaren blickte ihm aus neugierigen und ebenfalls braunen Augen entgegen. Auf ihren Lippen lag ein Lächeln, und ihre Wangen waren leicht gerötet. Alles in allem hatten ihre Gesichtszüge etwas Verträumtes, und sie wirkte fasziniert von dem, was sie gerade erblickte. Zwar konnte er für den Augenblick nicht viel mehr als ihren Kopf erkennen, aber die Frisur, die Brille und das, was er um sie herum ausmachen konnte, bestärkten ihn in seiner Vermutung, dass weitaus mehr Zeit als nur ein Jahrzehnt vergangen sein musste. Der Stil erschien anders als das, was ihm das letzte Mal geboten worden war, und er hatte mit den Jahren gelernt, auf die Details zu achten. Grundsätzlich war es bemerkenswert, was sich zwischen den Zeitabschnitten an Trends und Neuerungen entwickelte. Vieles hätte er nie für möglich gehalten, und bei jedem neuen Kontakt wurde er aufs Neue überrascht.
   Er schwebte auf einer riesigen Wolke des Glücks. Nach so langer Zeit bot sich ihm endlich ein weibliches Wesen und so ein reizendes noch dazu. Seine Erfahrung zeigte, dass diese viel einfacher zu manipulieren waren als das männliche Geschlecht, und ihre Seelen besaßen oft mehr Reinheit, als ein Mann jemals besitzen konnte. Dieses Exemplar hier vor ihm wirkte auf den ersten Blick dermaßen unschuldig, dass er es kaum noch erwarten konnte, das Spiel zu beginnen. Sie entsprach genau dem, was er brauchte und sich die letzten Jahre ersehnt hatte. Er lachte auf. Das versprach herrlich unkompliziert zu werden. Nach den vielen Rückschlägen schien das Schicksal ihm diesmal endlich wohlgesonnen. Was Besseres hätte ihm nicht passieren können. Hoffentlich hielt dieses weibliche Gesicht, was es versprach.


*

Dass Anna und Benjamin die nächsten Tage damit zubrachten, die Regale im Lager auszuräumen, um Platz für neue Bücher zu schaffen, war bei den Unmengen an alten Schätzen vorhersehbar gewesen. Die Kisten mit Werken, die es nicht wert waren, länger im Inventar zu verweilen, füllten sich schneller, als ihr lieb war. Sie seufzte bei jedem Buch auf, dessen Schicksal unausweichlich die Müllkippe war. Letztendlich tröstete sie nur die Hoffnung, dass irgendwo sicherlich noch ein weiteres Exemplar existierte, das von jemandem geliebt und geschätzt wurde. Schon bald waren mehr Bücher in Kartons als in den Regalen. Der ganze Boden war mit Kisten so zugestellt, dass sie sich die einzelnen Wege immer wieder freischieben mussten. Zum Glück hatte ihr Chef für die Entsorgung der Kisten mittlerweile ein Unternehmen beauftragt. Sie war erleichtert, dass sie sich nicht selbst um die Beseitigung kümmern mussten. Vermutlich hätte sie sich beim Schleppen der ganzen Kartons noch einen Bandscheibenvorfall zugezogen. Selbst Benjamin tat sich schwer damit, die Kartons von A nach B zu rücken.
   Sie waren inzwischen so routiniert in ihrer Arbeitsweise, dass sie bis zum Ende der Woche auf jeden Fall mit dem größten Teil fertig sein würden. Alles andere war dann nicht mehr dringend und konnte in einigen Monaten noch angegangen werden. Trotzdem brauchte es Motivation und Disziplin, stundenlang im staubigen Lager zu stehen und sich mit den Büchern auseinanderzusetzen.
   Wegen der vielen Arbeit, und weil sie so verbissen war, waren sie am Donnerstagabend wieder die Letzten, die die Bibliothek verließen. Das war seit Montag jeden Tag der Fall gewesen. Anna hatte zwar an Bens Mimik gemerkt, dass ihm das nicht gefiel, aber er hielt sich mit Kommentaren zurück und arbeitete vorbildlich. Wie die ganze Woche schon, bot er ihr nach der Arbeit an, sie nach Hause zu begleiten. Normalerweise hätte sie dieses Angebot auch heute ausgeschlagen, denn sie wollte ihm keine Umstände machen. Doch sie brachte es nicht übers Herz, obwohl ihr mehr nach Alleinsein war.
   »Nun sag nicht wieder Nein.« Er seufzte und blickte sie bittend an. »Wir haben seit einer gefühlten Ewigkeit nichts mehr unternommen. Ich erwarte nicht, dass du deinen ganzen Abend mit mir verbringst. Ich kenne dich und weiß zu gut, wie sehr du dich nach deinem Schwingsessel, einem guten Buch und einer Tasse Tee sehnst. Alles, was ich möchte, ist, dich bis zu deiner Haustür zu begleiten und abseits der Arbeit einen kleinen Plausch mit dir zu halten. Die nächsten Tage werden wir uns nicht sehen. Ich muss einiges für mein Studium aufarbeiten, was ich durch die Lagerarbeit vernachlässigt habe. Sieh es als deine gute Tat für heute, mir diesen Gefallen zu tun.«
   Anna atmete tief ein und aus und ergab sich ihrem Schicksal. »Na gut. Von mir aus, begleite mich. Ich hab nur immer ein schlechtes Gewissen, wenn du den ganzen Weg später wieder zurückmusst. Schließlich wohnst du in der entgegengesetzten Richtung, nicht gerade um die Ecke von mir.«
   »Oh, ich versichere dir, das macht mir nichts aus.«
   Benjamin grinste über seinen Sieg, und Anna freute sich, dass sie ihn mit so etwas Simplen glücklich machen konnte. Insgeheim ging es ihr nicht anders als ihm. Auch sie vermisste ihre gemeinsamen Studientage – die Zeit im Café, der Unibibliothek, der Mensa, dem botanischen Garten. Wenngleich sie zwei vollkommen unterschiedliche Studiengänge belegt hatten, hatten sie an jedem Tag Zeit füreinander gefunden und wenn es nur dreißig Minuten gewesen waren. Es war Benjamins offene und unbeschwerte Art, die Anna von Anfang an gefallen hatte. Damit stellte er nämlich das komplette Gegenteil zu ihrer strikten, durchorganisierten Art dar. So ergänzten sie sich fantastisch, wenn es Benjamin an Engagement fehlte, trieb sie ihn an – ebenso wie er sie stoppte, wenn sie zu übereifrig war. Dieses Gleichgewicht kippte mit dem Ende ihres Studiums leicht. Obwohl es nicht viele Tage waren, die sie gemeinsam studiert hatten, waren sie zumindest unbeschwerter gewesen.
   Insbesondere in den letzten Wochen hatte sich einiges verändert, was sich in Annas Verhalten widerspiegelte. Nur wer sie so gut kannte wie Benjamin, konnte bemerken, dass sie weniger lächelte, seltener sprach und die albernen Momente kontinuierlich abnahmen. Oft war sie in Gedanken versunken. Alles in allem zog sie sich immer mehr zurück.

*

Nach zwei Jahren der Freundschaft war Benjamin schnell aufgefallen, dass etwas nicht in Ordnung sein musste, doch Anna hüllte sich in Verschwiegenheit. Er hatte mehrfach versucht, sie darauf anzusprechen oder Andeutungen gemacht, aber jedes Mal hatte sie nur milde gelächelt, das Thema gewechselt oder sich von ihm abgewandt. Er konnte nicht nachvollziehen, wieso sie ihren Kummer in sich hineinfraß. Was war bloß los und warum wollte sie sich ihm nicht öffnen? Was war so schlimm, dass sie es ihm nicht sagen konnte? Bisher hatte er den Eindruck, dass sie sich alles erzählten. Obwohl er es sich nicht anmerken ließ, beunruhigte ihn ihr Verhalten. Er kannte ihre Vergangenheit und wusste, wie zerbrechlich sie trotz ihrer äußerlichen Charakterstärke sein konnte. Doch ebenso wie er seine Sorgen vertuschte, gab sich Anna die größte Mühe, um ihre Stimmung zu verbergen. Eventuell glaubte sie, ihn mit ihren Problemen zu sehr zu belasten? Zumindest würde das zu ihrer umsichtigen Persönlichkeit passen. Nur war das absolut unnütz, denn seine beste Freundin still leiden zu sehen, schmerzte ihm in der Seele. Er fühlte sich hilflos. Ihm war mit ihrem Schweigen nicht geholfen. Leider blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr ihren Freiraum zu lassen und zu hoffen, dass sie sich ihm besser früher als später öffnen würde. Bedrängen würde er sie nicht. Dennoch hatte er Angst, dass sie an der Last eingehen würde. Nur zu gern hätte er ihr einen Teil abgenommen. Vielleicht unterschätzte sie die Möglichkeiten seiner Hilfe. Allerdings war sie alt genug, um es selbst zu wissen. Er jedenfalls war froh, dass er ihr zumindest mit diesem alten, leeren Buch eine Freude hatte machen können. Dieses strahlende Lächeln auf ihren Lippen war unbezahlbar gewesen und in den letzten Wochen viel zu selten geworden.
   Am liebsten hätte er die Arme um sie geschlungen und ihr versichert, dass er alles in Ordnung bringen würde. Doch er musste sich zusammenreißen, wenngleich ihre traurigen Blicke ihm regelmäßig die Knie weich werden ließen. In den Augenblicken, in denen Annas Verletzlichkeit am offensichtlichsten war, begehrte er sie am meisten, und er hatte alle Mühe, sich zurückzuhalten.
   Annas gedrückte Stimmung zeigte sich auch am heutigen Abend. Für ihre Verhältnisse war sie ungewöhnlich ruhig. Ben versuchte mehrmals, eine Konversation zu starten und erhielt nur »Hm«, »Interessant« oder »Ach so« als Antworten. Das führte dazu, dass sie nahezu die gesamte Strecke stillschweigend nebeneinander herliefen. Benjamin wünschte sich, er könnte ihre Gedanken lesen und wüsste, was in ihr vorging. Leider war das nicht möglich.
   »Ich bin erstaunt. Heute gab es keine Buch-Rettungsaktion. Wie ungewöhnlich. Ich möchte sagen – sogar unheimlich«, witzelte er, in einem Versuch, Anna aus der Reserve zu locken und sie zum Schmunzeln zu bringen.
   Sie zuckte nur die Schultern. »Ich habe mich mit der Situation abgefunden.«
   Diese Aussage schockierte Benjamin zutiefst, denn sie war untypisch für diese Büchernärrin. Er überlegte, was er erwidern sollte, fand aber nicht die richtigen Worte und schwieg.
   Anstatt sich mit Ben zu unterhalten, betrachtete Anna den Himmel. »Ist das nicht schön?«, fragte sie.
   Er blickte nach oben. Es war ein milder, klarer Abend und nur vereinzelte Wolken waren am Firmament zu sehen. Unzählige Sterne funkelten ihnen aus der Dunkelheit entgegen. Anna hatte recht. Der Anblick war atemberaubend und wirkte wie gemalt. Dennoch wanderte sein Augenmerk zurück zu ihr. Am liebsten hätte er ihr gesagt, dass ihr Antlitz tausendmal schöner für ihn war, doch das erschien ihm nicht angemessen. So nickte er nur, behielt seine Gedanken für sich und gab ein zustimmendes »Mhm« von sich.
   Das schien Anna nicht zu stören, und einige Minuten später standen sie vor ihrer Haustür.
   »Vielen Dank, dass du mich begleitet hast. Ich wünsche dir viel Erfolg und Motivation für das Lernen«, sagte sie, während sie in ihrer Tasche nach dem Schlüssel suchte. Sie lachte über ihren kleinen Scherz auf. »Wir sehen uns die Tage.«
   »Hey, soll ich nicht doch mit hochkommen?«, startete er einen erneuten Versuch.
   Anna, die ihren Schlüssel gefunden und die Tür aufgeschlossen hatte, drehte sich zu ihm um. Obwohl ein Lächeln auf ihrem Gesicht lag, bemerkte er die kleine, skeptische Falte zwischen ihren Augenbrauen, die auf eine gewisse Verwunderung über seine Worte hindeutete.
   »Heute nicht mehr. Es tut mir leid. Ich bin erschöpft und habe noch Dinge zu erledigen. Sei mir bitte nicht böse.«
   Er winkte ab und versuchte, sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Wenn er ehrlich war, hatte er mit dieser Antwort gerechnet. »Ach was. Ich wünsche dir noch einen schönen und hoffentlich entspannten Abend«, sagte er, ehe Anna ihm den Rücken zukehrte und die Haustür ins Schloss fiel. Mit einem tiefen Seufzer machte sich Ben zurück auf den Heimweg.

*

Hastig rannte Anna die Stufen zu ihrer Wohnung nach oben. Dort angekommen riss sie die Tür auf und ließ sich von innen daran hinuntergleiten. Es brannte hinter ihren Augen, und Tränen bahnten sich ihren Weg nach oben. Nur mit Mühe schaffte sie es, diese zurückzuhalten. Langsam zog sie die Knie an ihren Körper und bettete ihren Kopf darauf. Wieso war das Leben so kompliziert? Sie hatte nicht vorgehabt, Benjamin vor den Kopf zu stoßen, aber im Leben lief nicht alles nach Plan. Irgendwann musste sie ihn um Entschuldigung bitten und eine Erklärung für ihr Verhalten liefern. Bis dahin würde er sich gedulden müssen. Die Ereignisse der letzten Wochen lasteten auf ihrer Seele und es fiel ihr zunehmend schwerer, unbekümmert zu sein und einen freien Kopf zu bekommen. In seiner Gegenwart versuchte sie, sich zusammenzureißen und sich nichts anmerken zu lassen, doch ihr war bewusst, dass dieses Vorhaben utopisch war. Er merkte deutlich, dass nichts in Ordnung war.
   Heute Morgen erst hatte sie wieder ein Telefonat mit dem Krankenhaus geführt. Wie ständig in den letzten Wochen. Es nahm kein Ende mehr. Nein, tatsächlich wurde das Übel schlimmer. In der letzten Zeit war ihr Opa mehrfach wegen Herzproblemen eingeliefert worden. Zunächst hatte man anhand der Symptome keine genaueren Eingrenzungen machen können. Diese Ungewissheit hatte sie an den Rand des Wahnsinns getrieben. Inzwischen wusste man, dass ihr Großvater an einer schlimmen Herzkrankheit litt, die im Endeffekt nur durch eine Herztransplantation beseitigt werden konnte. Mit dieser Gewissheit ging es ihr allerdings nicht besser.
   Obwohl ihr Opa vor einigen Tagen, unter Vorbehalt und auf eigene Verantwortung, entlassen worden war, war er heute Morgen erneut eingeliefert worden. Der Anruf hatte sie aus dem Schlaf gerissen, und seitdem war sie durch den Wind. Vor lauter Sorge zuckte sie jedes Mal zusammen, wenn das Telefon klingelte. Sie befürchtete das Schlimmste. Daher traute sie sich kaum noch, den Hörer abzunehmen, aus Furcht, von seinem Tod unterrichtet zu werden. Heute war es glücklicherweise nur eine kleine Komplikation gewesen, und ihr Großvater hatte das Krankenhaus nach wenigen Stunden verlassen dürfen. Trotzdem saß ihr der Schock noch in den Knochen und bereitete ihr Unbehagen. Die sorgenvollen Gedanken war sie den ganzen Tag nicht losgeworden. Er würde sie weiterhin quälen, wenn sie es nicht endlich schaffte, sich abzulenken.
   Das Schlimmste an dieser ganzen Situation war nicht die Krankheit, sondern dass ihr Großvater sich weigerte, einer Operation zuzustimmen. Seine Furcht ließ Anna nicht zu ihm durchdringen, sodass sie es nicht geschafft hatte, ihn zu überreden, sich auf die Transplantationsliste setzen zu lassen. Er war alles, was sie an Familie noch besaß. Alle anderen hatte sie verloren. Wieso musste sie um ihn nun auch noch bangen? Was dachte sich das Schicksal dabei? Das war alles ungerecht.
   Sie hatte vorgehabt, Benjamin von dieser ganzen Situation um ihren Großvater zu erzählen. Vor vielen Wochen schon. Die Besorgnis in seinem Blick, wenn sie in sich gekehrt und ungewöhnlich ruhig war, machte ihr ein schlechtes Gewissen. Das tat ihr unheimlich leid. Sie mochte sich nicht, wenn sie diese bedrückte Stimmung überkam. Bisher war sie allerdings nicht in der Lage gewesen, das Thema anzusprechen. Laut auszusprechen, wie schlecht es ihrem Opa ging, hätte das Ganze viel realistischer und schlimmer für sie gemacht. Solange niemand außer ihr davon wusste, konnte sie zumindest versuchen, einen Teil ihrer heilen Welt zu bewahren. Anna wollte diese mitfühlenden Blicke und Worte nicht, die nach diesem Geständnis auf sie warten würden. Am besten war, wenn alles blieb, wie es war. Das machte es ihr leichter, damit umzugehen.
   Bevor sie sich noch weiter den Kopf darüber zerbrach, musste sie sich auf andere Gedanken bringen. Vielleicht sollte sie lesen? Es tat ihr gut, in eine der Geschichten aus ihren Büchern zu verschwinden. Es half, die Realität zumindest für einen Augenblick zu verdrängen. Mit einem Ruck stemmte sie sich hoch und streifte Mantel und Schuhe ab. Dann verschwand sie ins Bücherzimmer und steuerte sofort ihren Lieblingsplatz an. Nachdem sie es sich in ihrem Schwingstuhl bequem gemacht hatte, griff sie nach dem Buch, das neben ihr auf dem Tisch lag. Ungefähr zwei Drittel hatte sie gelesen, aber es überzeugte sie nicht. Der Schreibstil des Autors war langatmig und die Geschichte vorhersehbar. Auch die Hauptprotagonistin wollte ihr nicht sympathisch werden. Wenn sie ehrlich war, fehlte ihr im Moment jegliche Lust, sich mit dem Buch auseinanderzusetzen. Es würde ihr ohnehin nicht helfen, ihre Sorgen zu vergessen, weil es sie nicht genug in seinen Bann zog. Sie entschloss, es zu einem anderen Zeitpunkt zu Ende zu lesen. Sollte sie ein neues Buch anfangen? Normalerweise war sie niemand, der mehrere Geschichten parallel lesen konnte. Das wurde den Büchern und ihrer Vorstellung vom Lesen nicht gerecht. Was dann? Ein ruhiger Abend vor dem Fernseher? Diese Vorstellung erfüllte sie genauso wenig mit Freude, aber irgendetwas musste sie tun, sonst würde sie noch verrückt werden. Kurz bereute sie, dass sie nicht noch länger in der Bibliothek geblieben war. Arbeit war eine hervorragende Ablenkung. Sie hätte sich durchbeißen und etwas mit Benjamin unternehmen sollen, doch diese Chance war vertan.
   Anna ließ ihren Blick durch das Zimmer wandern und blieb an dem Buch hängen, das sie gestern aus der Bibliothek mitgenommen und heute Morgen noch dorthin gelegt hatte. Sofort blitzte die Zeichnung des attraktiven Mannes vor ihrem inneren Auge auf, und sie musste lächeln. Nach der Arbeit an ihrem Kinderbuch war ihr ebenfalls nicht, aber was sprach dagegen, einfach so ein bisschen herumzukritzeln?
   Gemächlich ließ sie sich auf ihrem Schreibtischstuhl nieder und zog das alte Buch zu sich heran, um die erste Seite aufzuschlagen. Obwohl dieser Mann definitiv nur eine Zeichnung war, brachte er ihr Blut in Wallung. Was für einen Charakter mochte er haben? War er zärtlich? Mitfühlend? Verständnisvoll? Oder eher wild, arrogant und direkt? Wie es wäre, ein Bett mit ihm zu teilen? War er der stürmische oder romantische Typ? Und wie mochte es sich anfühlen, von ihm berührt zu werden? Anna schüttelte über ihre anzüglichen Gedanken den Kopf. Also ehrlich.
   Dennoch brachten ihre Hirngespinste sie auf eine Idee. Wie würde die passende Frau für diesen schönen Unbekannten aussehen? Blonde Haare oder dunkel? Kurz oder lang? Glatt oder lockig? Ohne Zweifel wäre sie größer als Anna, aber auch nicht zu groß. Und dünner. Auf jeden Fall schmalere Hüften. Animiert von ihrer Fantasie, blätterte Anna eine Seite weiter und ließ ihrer Kreativität freien Lauf. Mit einer gewissen Übung ließ sie den Bleistift schonend und sicher über das Papier wandern und erschuf nach und nach das passende, weibliche Gegenstück zur männlichen Zeichnung. Groß, schlank, lange, dunkle Haare, volle Lippen, schmale Hüften und gekleidet in einem hautengen, bodenlangen Kleid mit einem tiefen Dekolleté. Sie ging noch einen Schritt weiter – das, was sie wollte, genau vor Augen. Der faszinierend attraktive Fremde, wie er die unbändige Schönheit in seinen Armen hielt. Sie wollte, dass er hinter der Frau stand und sie an den Hüften festhielt, während sie die Arme über sich gestreckt hatte und seinen Kopf zu sich heranzog. Ihre Lippen waren nur ein paar Zentimeter voneinander entfernt und die Anziehung zwischen den beiden nahezu greifbar. Der Stift glitt weiter über das Papier.
   Es war weit nach Mitternacht, als Anna zufrieden ihre Zeichnung betrachtete. Sie empfand einen kleinen Stich der Eifersucht auf ihre selbstgeschaffene und wunderschöne Frau. Gern wäre Anna so perfekt und schön, aber noch viel lieber würde sie in den Armen eines solchen Mannes liegen. Er strahlte Stärke und andere Qualitäten eines Beschützers aus. Wie schön wäre es, sich in seine kraftvollen Arme fallen zu lassen und alle Sorgen zu vergessen. Doch sie machte sich keine Illusionen, er spielte nicht in ihrer Liga. Zumindest hatte er ihr indirekt den Abend gerettet. In den letzten Stunden hatte sie alle Sorgen vergessen können. Müde rieb sich Anna die Augen und seufzte auf, als sie einen Blick auf die Uhr warf. Wie schnell die Zeit dahingeflogen war – höchste Zeit, um ins Bett zu gehen.
   Trotz der augenblicklichen Erschöpfung, die Anna mit einem Mal empfand, fiel sie in einen unruhigen Schlaf. Immer wieder wachte sie auf, drehte sich von einer Seite auf die andere und fand nur schwer zurück ins Traumland. Schließlich gab sie es auf und kroch lange vor ihrem Weckerklingeln aus dem Bett. Sie würde den ganzen Tag wie erschlagen sein, wenn sie noch länger liegen blieb. Die wenigen Stunden Schlaf würden ausreichen müssen. Um die bleierne Müdigkeit hinter ihren Augen zu vertreiben, gönnte sie sich eine ausgedehnte, heiße Dusche. Danach brühte sie sich eine Tasse ihres Lieblingstees auf und spürte sofort, wie gut ein entspannter und stressfreier Morgen, ohne jede Hektik, ihrer Seele tat. Zusammen mit ihrem Getränk setzte sie sich in ihr Bücherzimmer. Da ihr noch Zeit bis zum Arbeitsbeginn blieb, beschloss sie, dem Buch, das sie gestern beiseitegelegt hatte, noch eine Chance zu geben.
   Auf dem Weg zu ihrem Schwingstuhl blieb sie irritiert vor dem Schreibtisch stehen und betrachtete entgeistert ihre Zeichnung von gestern Abend. Wie …? Das war nicht möglich! Anna zwinkerte ein paar Mal, doch das Bild vor ihren Augen blieb das gleiche. Das war eindeutig nicht die Frau, die sie gezeichnet hatte. Diese hier war kleiner, hatte hellere und weniger glatte Haare, breitere Hüften und … sah ihr selbst unheimlich ähnlich. Ja, war quasi ihr Ebenbild. Wie konnte das sein? Welches Spiel wurde hier gespielt? Anna betrachtete die Seite genauer und stellte zu ihrer Verwunderung fest, dass sie keine Spur von Radiergummi an der Zeichnung ausmachen konnte. Dort, wo normalerweise Abdrücke der alten Skizze im Papier hätten zu finden sein müssen, war ebenfalls nichts zu sehen. Jedem Außenstehenden wäre niemals aufgefallen, dass etwas verändert worden war. Wie konnte das sein? Das war unmöglich. Bei dieser Erkenntnis lief es ihr eiskalt den Rücken hinunter. Sie fing an, an ihrem Verstand zu zweifeln. Beunruhigt lief sie durch ihre Wohnung und betrachtete alles bis ins kleinste Detail – schaute, ob Gegenstände fehlten oder verschoben worden waren. Nichts erweckte den Eindruck, dass sich jemand außer ihr hier aufgehalten hatte. Die Haustür war nach wie vor geschlossen, genauso wie alle Fenster, und das Türschloss war intakt. Die Annahme, jemand könnte durch die Fenster in der zweiten Etage in ihre Wohnung klettern, war ohnehin absurd. Langsam schienen die Nerven mit ihr durchzugehen.
   Sie ging zurück ins Bücherzimmer und warf einen letzten Blick auf die Zeichnung. Trotz der leisen Hoffnung, dass die Müdigkeit ihr einen Streich gespielt hatte, blickte sie sich immer noch selbst entgegen. Obwohl ihr jede logische Erklärung fehlte, beschloss Anna, dass ihr Leben genug Chaos bot und sie sich nicht damit auseinandersetzen wollte. Solange es nur eine seltsame Zeichnung war, sollte dies das Geringste ihrer Probleme sein. Es gab andere Dinge, um die sie sich sorgen musste. Trotzdem blieb ein flaues Gefühl, als sie sich auf den Weg zur Arbeit machte.

Ungefähr Wochen später fasste sich Anna ein Herz und nahm Kontakt zu einem Verlag auf, der auf Kinderbücher spezialisiert war. Bisher stand sie sich mit ihrer Feigheit bei der Verwirklichung ihres Traumes selbst im Weg. Heute sollte sich das ändern. Ihr Buch war zwar nur eine Rohfassung, aber wenn sie Erfolg haben wollte, musste sie wissen, was sie zu beachten hatte. Es wurde Zeit, dass sie die Initiative ergriff, damit sie nicht auf ewig einer unerfüllten Träumerei hinterherjagte.
   Ihr Herz schlug wild in ihrer Brust, als sie die Nummer wählte, und das Klingeln, bevor endlich jemand abnahm, erschien ihr wie eine Ewigkeit. Sie saß in dem Bücherzimmer, wippte in ihrem Schwingstuhl hin und her und wollte schon auflegen, als sich eine freundliche Männerstimme meldete. Schlagartig wusste sie nicht, ob sie erleichtert oder noch nervöser sein sollte. Anna fühlte sich, als ob sie kurz vor einem Herzinfarkt stünde, und ihre Brust war wie zugeschnürt.
   »Hallo? Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte die Stimme am anderen Ende des Telefons erneut. Anna war so in Gedanken gewesen, dass sie vergessen hatte, zu reagieren. Wie peinlich.
   »Äh … Guten Tag«, stotterte Anna. Sie hatte sich den ganzen Vormittag überlegt, was sie sagen wollte, aber auf augenblicklich war ihr Gehirn wie leer gefegt. Nur mit Mühe und Not schaffte sie es, das Nötigste an Informationen zusammenzusuchen.
   »Mein Name ist Anna Forster. Ich, nun ja, ich arbeite seit geraumer Zeit an einem Kinderbuch. Also keines zum Lesen, na ja, doch ein bisschen …, aber eben für kleine Kinder. Mit vielen Bildern«, plapperte sie ohne Pause vor sich hin. »Also, so wie ‚die Raupe Nimmersatt‘ oder das ,Ich bin Ich‘. Sie wissen schon. Auf jeden Fall wollte ich mich einfach mal darüber informieren, was ich alles zu beachten habe, wenn ich es an Ihren Verlag schicken möchte.«
   Anna zog ein Gesicht, als ob sie gerade in eine Zitrone gebissen hätte und schüttelte über sich den Kopf. Das war kein bemerkenswerter erster Eindruck, den sie hinterlassen hatte. Sie konnte nur hoffen, dass der Mann am anderen Ende der Leitung sie nicht für durchgeknallt hielt. Der sah über ihr Gestammel hinweg und beantwortete ihr diese und weitere Fragen mit einer beeindruckenden Geduld und Ausführlichkeit. Das überraschte Anna, denn sie hatte fest damit gerechnet, dass am Tag fünfzig Leute anriefen und die gleichen Fragen stellten und die Angestellten in den Wahnsinn trieben.
   Schnell griff sie nach der nächstbesten Notizmöglichkeit, um die wesentlichen Auskünfte festzuhalten. Wie der Zufall es wollte, hielt sie das Buch aus der Bibliothek in den Händen. Als sie das bemerkte, verspürte sie ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend.
   Schwachsinn, redete sie sich ein. Du kannst dir das alles nicht erklären, aber alles ist in Ordnung.
   Sie ignorierte ihr Unbehagen und schlug die dritte Seite auf, um die Angaben niederzuschreiben, bevor sie vor lauter Aufregung die Hälfte vergaß.
   Welche Charakteristika zeigen die Hauptfiguren auf? Welche Lehre kann man aus der Geschichte ziehen? Können Kinder die Handlungsweise der Figuren nachvollziehen? Welche Altersgruppe soll angesprochen werden?
   Dies waren nur Beispiele für das, was sie sich notierte. Als der freundliche Mitarbeiter all ihre Fragen beantwortet hatte, bedankte sich Anna herzlich und beendete das Telefonat. Sie legte den Hörer beiseite und starrte auf ihre Aufzeichnungen.
   Der erste Schritt war geschafft. Erleichterung keimte in ihr auf. Anna konnte es noch nicht glauben. Sie war auf dem richtigen Weg, und das Gespräch bestätigte sie darin, dass sie aus reiner Intuition heraus Vieles richtig gemacht hatte. Nun konnte die Feinarbeit beginnen. Sie musste unter anderem noch ein Exposé und eine Autorenvita schreiben und sich um kleinere Korrekturen kümmern. Aber das hatte alles Zeit. Auf Tage oder Wochen kam es ihr nicht an. Jetzt würde sie einkaufen gehen und ihren Kühlschrank auffüllen, der seit Tagen nur gähnende Leere bot. Und nebenbei würde sie sich einen guten Wein besorgen, um später auf die Überwindung ihrer Feigheit trinken zu können.
   Anna zog sich Mantel und Schuhe an, und während sie den Schlüssel in ihrer Tasche verstaute, fiel ihr das Blinken ihres Handys ins Auge. Ein Blick auf das Display verriet, dass Benjamin ihr geschrieben hatte. Für den Abend plante er seine Lernpause, und er wollte etwas mit ihr unternehmen. Anna seufzte. Sie mochte Ben, aber die Situation mit ihrem Opa nahm ihr jegliche Freude an gemeinschaftlichen Unternehmungen und das seit Wochen. Das erfreuliche Gespräch mit dem Verlag hatte ihre Laune nicht längerfristig heben können. Zu schnell holte die Realität sie ein. Auch wenn die meisten Außenstehenden das als langweilig bezeichnen würden, freute sie sich auf einen gemütlichen und ruhigen Abend auf der Couch – mit einem hoffentlich guten Buch und dem hervorragenden Wein. Langsam bekam sie aufgrund ihres distanzierten Verhaltens in letzter Zeit ein richtig schlechtes Gewissen. Das verdiente Benjamin nicht. Zudem wäre es die perfekte Gelegenheit gewesen, um ihm endlich von ihrem Traum, ein Kinderbuch zu veröffentlichen, zu erzählen. Trotzdem konnte sie sich nicht aufraffen. Obwohl sie sich elend fühlte, schrieb sie ihm eine Absage und hoffte auf sein Verständnis.
   Als Anna vom Einkaufen nach Hause kam und mit vollbepackten Tüten die Wohnungstür hinter sich schloss, freute sie sich auf ein leckeres Abendessen und ihre Couch. Unterwegs war ihr eingefallen, dass sie eine wichtige Notiz vergessen hatte. Das musste sie schnell nachholen. Zügig verstaute sie die Einkäufe und machte sich auf den Weg ins Bücherzimmer, um ihre Aufzeichnungen zu ergänzen. Das Buch lag noch geöffnet auf dem Tisch, wo sie es abgelegt hatte. Alles wirkte unverändert und sah genauso aus, wie vor dem Verlassen der Wohnung. Deswegen blieb ihr beinahe das Herz stehen, als sie den Stift zur Hand nahm und neben ihrer eigenen Handschrift eine ihr fremde entdeckte. Über ihren Vermerk »Welche Lehre kann man aus der Geschichte ziehen?«, stand in einer feinen, leicht geschwungenen Handschrift, die sie dem ersten Eindruck nach einem Mann zuordnen würde, ein weiterer Text.

Letztendlich interessiert die Lehre nicht. Trotz aller Belehrungen neigen die Menschen dazu, die Fehler zu wiederholen. Sie könnten es besser wissen, aber sie werden magisch von Grenzen angezogen, die sie nicht überschreiten sollten. Es liegt in ihrer Natur, sich nach dem zu sehnen, das nicht gut für sie ist. Das ist der Kreislauf des Lebens – ein Teufelskreis.

Wie unheimlich! Wo kam das her? Beim ersten Mal hatte Anna die Zeichnung ignorieren können, aber jetzt sorgte ihr Unbehagen dafür, dass ihr ganzer Körper von einer Gänsehaut überzogen wurde. Plötzlich fühlte sie sich in ihrer Wohnung nicht mehr sicher. Irgendjemand musste hier gewesen sein – und das nicht nur einmal. Anders war das Ganze nicht zu erklären. War jemand durch ihre Räume geschlichen? Hatte irgendwer auf ihrer Couch gesessen? Oder in ihrem Bett gelegen? Vielleicht war sie sogar beim Schlafen beobachtet worden? Mit Sicherheit steckte dieselbe Person dahinter, die sich an ihrer Skizze vergriffen hatte. Ein weiteres Mal lief ihr das Grauen eiskalt den Rücken hinunter. Dann tat sie das Erstbeste, das ihr einfiel: Benjamin anrufen. Nach dem ersten Klingeln ging er an sein Handy.
   »Anna?«, fragte er in den Hörer, und Verwunderung klang in seiner Stimme mit.
   »Du musst sofort herkommen«, forderte sie geradeheraus. Die Panik in ihren Worten war unüberhörbar.
   Es folgte ein Moment der Stille, ehe ihr bester Freund reagierte. »Was ist denn passiert?«, wollte er ruhig wissen.
   War das sein Ernst? Um das genauer auszuführen, fehlte ihr die Zeit. Anna hätte ihn für seine Gelassenheit köpfen können. »Komm einfach her«, bat sie ihn erneut und gab sich alle Mühe, nicht durchzudrehen.
   »Aber …«, versuchte er noch anzusetzen, doch dadurch verlor sie jede Geduld.
   »Sofort«, schrie sie in den Hörer und legte auf. Sie vertraute darauf, dass er herkommen würde, auch wenn er nicht explizit zugesagt hatte.
   Augenblicklich fing ihr Kopf an zu arbeiten. Je nachdem, wo er sich gerade herumtrieb, ob zu Hause oder in der Universität, würde er circa zwanzig bis dreißig Minuten hierher brauchen – zwanzig endlos lange Minuten. Zu viel Zeit, um sich in panische Gedanken hineinzusteigern. Wie sollte sie das überleben? Hoffentlich beeilte sich Benjamin! Sie ließ sich an einer Wand im Flur nieder und wippte mit den Füßen auf und ab.

Eine halbe Stunde später klopfte es. Anna sprang hoch und riss sofort die Tür auf. Ihr Herz hämmerte, als wenn sie kurz vorher einen Marathon gelaufen wäre. Benjamin zu sehen, war eine Erleichterung. Noch bevor sie ihn in die Wohnung ziehen konnte, brachen die Tränen aus ihr heraus.
   Sanft nahm Ben sie in die Arme und streichelte ihr den Rücken. »Scht. Was ist los?«, wiederholte er seine Frage von vorhin, und das Fragezeichen stand ihm ins Gesicht geschrieben.
   »Irgendjemand war hier«, brachte Anna unverständlich zwischen ein paar hemmungslosen Schluchzern hervor.
   »Jemand war hier?«
   Anna nickte nur, konnte aber vor lauter Tränen kein klares Wort herausbringen.
   »Beruhige dich«, flehte er, führte sie zurück in die Wohnung und schloss die Tür hinter sich. »Wie meinst du das, jemand war hier? Wann? Bitte von vorn und in Ruhe.«
   Da Fakten aussagekräftiger waren als Worte, zog sie Benjamin hinter sich her ins Bücherzimmer. Dort zeigte sie zuerst auf ihre Notizen.
   »Das habe ich geschrieben, bevor ich das Haus verlassen habe.« Dann wanderte ihr Finger auf den Kommentar daneben. »Und das stand dort, als ich zurückkam. Die Tür war abgeschlossen, die Fenster alle verriegelt. Alles sieht aus wie vorher, aber das ist doch nicht normal … Das ist …«
   Sie hielt inne, wusste nicht, was sie noch sagen sollte.
   »Bist du sicher, dass du alles geschlossen hattest?«, fragte er vorsichtig.
   Anna schaute ihn finster an. »Sieh nach! Seit ich zu Hause bin, habe ich die Einkäufe eingeräumt, das Bücherzimmer betreten, dich angerufen und anschließend im Flur auf dich gewartet. Außerdem sind wir hier in der zweiten Etage. Ich wüsste nicht, wie jemand hier hochkommen sollte. Fliegen vielleicht? Erscheint mir abwegig.«
   Benjamin kontrollierte trotzdem jedes Fenster, entdeckte aber ebenfalls nichts Verdächtiges. »Hat sich etwas in der Wohnung verändert? Fehlt irgendetwas? Steht etwas am falschen Platz?«
   Anna schüttelte den Kopf. Ihr war nichts dergleichen aufgefallen. Schon beim letzten Mal hatte sich nichts außer der Buchseiten verändert. Was war das für ein merkwürdiges Spiel, das hier jemand mit ihr trieb? Die Angst ließ sie erzittern.
   Tröstend strich Benjamin ihr über den Arm. »Das ist merkwürdig.« Er blickte sie entschuldigend an.
   »Was mache ich nun?«, fragte sie ihn verzweifelt, und Tränen standen wieder in ihren Augen. Jetzt zog Benjamin sie doch in seine Arme, und sie schmiegte sich Schutz suchend an ihn.
   »Ich würde dir auf jeden Fall raten, das Türschloss auszutauschen. Ich habe zwar keine Ahnung, wie jemand an deinen Schlüssel kommen sollte, aber das erscheint mir als die am wenigsten abwegige Möglichkeit, unbemerkt in deine Wohnung zu gelangen.«
   Anna nickte. Das würde sie morgen in Angriff nehmen.
   »Wenn du irgendetwas Außergewöhnliches bemerkst, ruf sofort die Polizei. Und wenn irgendetwas ist und du dich hier nicht mehr sicher fühlst, kannst du jederzeit zu mir kommen. Ich habe immer einen Schlafplatz für dich.«
   Das ließ sich Anna nicht zweimal sagen. Sofort machte sie sich auf und packte ein paar Habseligkeiten zusammen. »Dann komme ich direkt mit«, rief sie von oben aus dem Schlafzimmer zu ihm hinunter. »Hier bleibe ich keine Minute länger.« Sie würde in dieser Wohnung keine ruhige Nacht mehr verbringen, bis sie nicht zumindest das Schloss ausgetauscht hatte.

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