Auf tragische Weise findet Anne heraus, dass sie nicht die ist, die sie zu sein glaubt. Doch wer ist sie, und was ist ihre Aufgabe? Gemeinsam mit Lyca begibt sie sich auf die gefährliche Reise nach Antworten, aber kann sie einem Gesetzlosen wirklich trauen? Denn ehe sie sich versieht, wird sie zur Gejagten ... Lyca wird von seiner Vergangenheit eingeholt und hat eine schwierige Entscheidung zu treffen, die sein künftiges Leben bestimmen wird. Aber die erkämpfte Freiheit bringt mehr Opfer, als ihm lieb ist. Und was ist mit der verwirrenden Zuneigung, die er für Anne verspürt? Sie sind so verschieden ...

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ISBN: 978-9963-53-790-7

Seiten: 267

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Julia Lindenmair

Julia Lindenmair
Julia Lindenmair wurde 1990 in Gmunden (Oberösterreich) als gebürtige Waidhofer geboren und lebt heute auf einem Bauernhof in Vorchdorf. Das aufregende Landleben und die damit verbundene Natur sind wichtige Bausteine für ihre Einfälle. Sie arbeitet seit zehn Jahren als Bürokauffrau in der Finanzbuchhaltung und teilt mit ihrem Mann in der Freizeit die Liebe zum Sport. Die Autorin war schon immer von Fantasybüchern begeistert, und von der Leidenschaft des Schreibens wurde sie früh gepackt. Bereits als Kind hat sie sich in den Kopf gesetzt, eines Tages ihr eigenes Werk in den Händen zu halten. In der Karenz entdeckte sie ihre Hingebung zur Schriftstellerei wieder neu. Dazu hat sie ihr Mann motiviert, und ihre Tochter inspiriert. Der Fantasy-Roman „Sion – finde die Wahrheit“ ist ihr erstes Buch.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Anne

Bewegungslos liege ich auf einem weichen Kissen und starre auf eine hölzerne Decke. Sie ist dunkelblau und mit selbstgemalten Sternen verziert, die meine Kinderaugen zum Strahlen bringen.
   Ich drehe meinen Kopf langsam zur Seite. Auf meinem Bett sitzt eine dunkelhaarige Frau mit wunderschönen gelockten Haaren, die sie offen trägt und die sich über ihre Wangen bis hin zu ihren Schultern kräuseln. Sie ist mir fremd und vertraut zugleich. Meine Mutter.
   Leise und mit klarer Stimme singt sie ein mir bekanntes Lied vor sich hin. Ich sehe gebannt zu, wie sich ihre vollen Lippen auf und ab bewegen. Jeder Ton scheint meine Seele wie ein Sonnenstrahl zu erhellen.
   Der Gesang wird zu einem Summen, das immer leiser wird. Unerwartet verstummt sie und sieht mich mit ihren großen, mandelförmigen Augen erschrocken an.
   Sie will etwas sagen, nein, rufen. Aber ihre Stimme ist so undeutlich, und ihre Gestalt fängt an, sich immer mehr von mir zu entfernen, bis das Bild vor meinen Augen verschwimmt. Es scheint, als würden sich Wolken vor ihren Körper schieben, die die Sonne verdecken und nur noch Kälte und Dunkelheit übrig lassen.
   Es wird still. Ich zittere und habe Angst.
   Dann merke ich, dass es keine Wolken sind. Es ist Rauch!
   Dunkler Rauch, der in meine Nase eindringt und sich durch meine Atemwege bahnt, bis sich meine Kehle zuschnürt und ich vergebens nach Luft ringe. Ich habe das Gefühl zu ersticken. Alles fängt an, sich zu drehen. Es wird warm, dann heiß.
   Ich spüre die unerträgliche Hitze zuerst in meinem Gesicht, dann scheint mein ganzer Körper zu brennen.
   Ich kann nicht atmen. Kann nicht mehr denken. Nur zuckend daliegen, als hätte man mich an den Händen und Füßen gefesselt.
   Ascheteilchen wirbeln vor meinen Augen herum wie Schneeflocken, und der Raum nimmt eine rötliche Färbung an.
   Die ganze Umgebung scheint zu flimmern.
   Ich muss diese Qual über mich ergehen lassen, die schlimmer ist als jede Folter, und niemand kann mir helfen. Niemand hört meine lautlosen Schreie.
   Dann spüre ich etwas. Einen kalten Griff, der mein Handgelenk umklammert. Und dann ist es nur noch dunkel …

Mit voller Wucht fahre ich hoch und gebe einen gequälten Schrei von mir, der sogar Großmutter zusammenzucken lässt.
   Völlig perplex und verschwitzt sehe ich in ihre faltigen Augen. Ihr warmes Lächeln wiegt mich in Sicherheit und lässt mich zurück in mein nasses Kissen sinken.
   Ich ziehe die Knie hoch und presse mein Gesicht dagegen.
   »Albtraum?«, flüstert sie mir mit ruhiger Stimme zu.
   »Wie immer«, antworte ich knapp. »Es war grauenhaft.« Weiter will ich nicht erzählen. Sie kennt den Albtraum genauso gut wie ich.
   Wenn ich daran zurückdenke, wird mir schlecht, und ich bekomme Gänsehaut, denn obwohl er sich so oft wiederholt, lehrt mich dieser Traum immer wieder das Fürchten.
   Etwas Licht strömt in die kleine Kammer, und langsam kehre ich wieder in die Realität zurück. Ich ziehe die Decke beiseite, nähere mich dem Fenster und wische die von der Kälte beschlagene Scheibe frei. Es regnet. Regen macht mich immer trübsinniger, als ich es ohnehin schon bin.
   Ich sehe die Hügelketten auf allen Seiten des Tales und die dahinter aufragenden, heute vom nebelverhangenen Berge. Dann spähe ich in das bescheidene Dorf, das jahrelang mein Gefängnis gewesen ist und es wohl noch viele weitere Jahre sein wird. Dieser Gedanke ist jedoch belanglos für mich geworden. Ich habe mich bereits damit abgefunden, ein unbedeutendes Dasein zu führen. Mir bleibt auch nichts anderes übrig, als mich anzupassen und still und heimlich zuzusehen, wie über meine Lebensweise entschieden wird. Es ist aussichtslos, ich bin gefangen in meiner Geschichte. Die Tür ist zwar nicht verriegelt, aber ich kann trotzdem nicht ausbrechen, weil sie klemmt.
   Ich widme mich wieder Großmutter, die mich ohnehin die ganze Zeit von der Seite aus mustert. Ihr Gesicht ist vor Sorge verzerrt, aber das stört mich nicht, denn sie macht sich andauernd Gedanken um mich. Ihr weißes langes Haar hat sie auf eine Art zusammengedreht, die mich immer an ein Vogelnest erinnert. Ihre Haut ist fahl und runzlig und ihre grünlichen Augen sind tief liegend. Sie wirkt müde, aber ich finde, für ihr Alter ist sie dennoch sehr hübsch und anmutig. Geradezu attraktiv. Ich hoffe, ich habe ihre Gene und sehe als alte Frau auch so gut aus. Allerdings haben wir nicht viel gemeinsam. Meine Nase ist stumpf, ihre schmal und spitz. Auf meinem Kopf wuchert ein undurchdringlicher Wald aus pechschwarzen Locken, was ich von Großmutters nicht behaupten kann. Ihre Haare sind glatt wie Seide, und ich beneide sie darum. Alles würde ich dafür geben, solches Haar zu haben und nicht welches, das morgens nach dem Aufstehen genauso verfilzt ist wie abends, wenn ich zu Bett gehe. Total ärgerlich, diese Mähne. In unserem Dorf werde ich von allen bloß Lockenkopf genannt. Ich hasse es.
   Stinki, unser Hauskater, hat es sich auf Großmutters Schoß gemütlich gemacht. Er genießt seine täglichen Streicheleinheiten. Sein Schnurren übertönt fast den Regen, der lärmend auf das Fenster prasselt.
   Er ist uns einst zugelaufen und hat so nach Überresten und Katzenklo gestunken, dass mir nichts anderes übrig blieb, als ihn so zu taufen. Großmutter hasst diesen Namen, will es aber nicht zugeben.
   Ich merke jedoch andauernd, wie sie das Gesicht verzieht, wenn ich ihn so nenne. Und ich nenne ihn dann absichtlich so, um sie damit aufzuziehen.
   Anfangs wollte ich ihn fortjagen, doch Großmutter bestand darauf, ihn zu behalten. Sie päppelte ihn von einer mageren Gestalt wieder zu einer ansehnlichen Hauskatze auf. Seither sind die beiden unzertrennlich. Im Gegensatz zu ihr kann ich nicht viel mit ihm anfangen.
   »So schlimm wie heute war es schon lange nicht mehr.« Bedrückt starre ich aus dem Fenster.
   Sie grinst und zwinkert mir zu. »Was meinst du, Anne? Deinen Albtraum oder den Regen?«
   Sie plagt sich vom Bett hoch, doch als sie endlich steht, fängt sie zu taumeln an, als würde sie jeden Moment von einem Windhauch wieder umgeblasen werden. Sie schafft es nicht allein. Bedauerlicherweise ist sie in den letzten Wochen sehr schwach geworden.
   Ich eile zu ihr hin, greife ihr unter den Arm und stütze sie gekonnt auf meine Schulter.
   »Ich brauche keine Hilfe, schaff das schon!« Sie ist eine sture, alte Frau, jedoch mit einem Herz aus Gold.
   »Ich mache dir Tee, Großmutter. Setz dich! Und bleib diesmal sitzen, ja?«
   In der Küche riecht es köstlich gut, nach einer Mischung aus Gewürzen und Kümmel. Duftender Dampf steigt aus dem Ofen und lässt meinen Magen knurren. Mein Blick streift an Großmutters Schürze hinab, auf der noch Teigreste kleben, bis hin zum Backofen, und mir rinnt jetzt schon das Wasser im Munde zusammen. Frisches Brot kommt nicht alle Tage vor.
   »Großmutter, warum hast du denn nichts gesagt? Ich hätte dir nur zu gern beim Backen geholfen.« Vorwurfsvoll sehe ich sie an.
   »Ich war alles andere als leise. Dachte, du würdest bei diesem Krach gleich aus dem Bett hüpfen, aber ich habe vergessen, dass du schläfst wie ein Stein. Würde uns ein Grizzlybär attackieren, würdest du wohl erst in seinem Bauch wieder aufwachen.«
   »Und du würdest ihm wohl so lange ein schlechtes Gewissen einreden, bis er uns freiwillig wieder ausspuckt«, sage ich übermütig. »Ich kann’s jedenfalls kaum erwarten, wann ist das Brot fertig?«
   »Ein Weilchen wird es schon noch dauern. Aber ich kenne ja deine Geduld«, neckt sie mich.
   Unterdessen suche ich am Regalbrett nach getrockneten Pflanzenbüscheln und werde gleich fündig: Kamillenblätter.
   Während ich den Tee aufsetze und Großmutter summend neben mir im knarzenden Schaukelstuhl hin und her wippt, beobachte ich wie jeden Morgen die Vögel, die am Himmel ihre Kreise ziehen. Sie lassen sich einfach vom Wind tragen, sind frei.
   Obwohl es ein Tag wie jeder andere ist, ist für sie jeder Tag etwas Besonderes. Ein Abenteuer. Es fasziniert mich.
   Sie haben keine Bedenken und das Beste, sie brauchen sich vor niemandem zu ängstigen, denn sie sind die Könige der Lüfte. Und wenn doch, fliegen sie einfach davon. Dorthin, wo sie niemand kennt. Wo sie sich vor niemandem fürchten oder verstecken müssen.
   Ich wäre auch gern ein Vogel. Ein richtig schöner, bunter und vielleicht der einzige meiner Art. Dann wäre ich sowohl einmalig als auch etwas Besonderes. Und ich wäre frei. Was würde ich nur für die Freiheit geben.
   Mich überkommt ein Neidgefühl, und ich muss seufzen.

Im Dorf wirkt alles so friedlich, aber das ist es nicht. Im Gegenteil, es ist Krieg. Grausamkeit, Gewalt und Armut beherrschen Fließland nun schon seit über zehn Jahren. Dabei fing alles harmlos an. Eine Gruppe – sie nennen sich die Gesetzlosen – widersetzten sich dem König und ließen sich in den Wäldern nieder. Sie wollten den Gesetzen entfliehen. Frei leben und keine Steuern mehr zahlen. In den Wäldern waren sie geschützt. Sie bildeten Kolonien und töteten jeden ungebetenen Gast. Gesandte des Königs hatten keine Chance, sie wieder umzustimmen. Sie wurden immer wilder und impulsiver.
   Der König hingegen war ein gutmütiger Mann, der allseits um das Wohl seines Reiches bemüht war, und das Volk von Fließland liebte ihn abgöttisch. Niemand musste hungern, es gab keine Not, und es fehlte uns an nichts.
   Die Gesetzlosen strebten gierig nach dem Thron. Aufstände begannen und die Anziehung von Reichtum und Macht war so enorm, dass sich weder das Königshaus noch das Volk gegen sie stellen konnten. Und dann ging alles ziemlich schnell. Die Gesetzlosen vermehrten sich rasant, und eine schreckliche Herrschaft nahm seinen Anfang. Viele begannen, eine Chance auf ein reiches Leben im Wohlstand zu wittern, und dann passierte das Unfassbare. Die königliche Familie wurde ermordet. Danach spitzte sich die Situation ins Aussichtslose zu. Aus den Unruhen wurde Krieg, aus Krieg wurde Leid und aus Leid wurde Tod.
   Man war nirgends mehr sicher und man konnte niemandem mehr vertrauen. Das Volk fing an durchzudrehen.
   Das Königshaus war gestürzt worden, und es war kein Oberhaupt mehr da. Kein Reichsführer. Niemand, der das Ausmaß der Unruhen hätte verringern oder stoppen können. Im ganzen Land herrschten nun pures Chaos und Zerstörung, was der Anfang vom Ende war.
   Gruppen bildeten sich, und nun hieß es Dörfer gegen Dörfer, alle gegen jeden. Die Menschen sind alle gleich. Spricht man von Macht und Geld, macht niemand mehr vor etwas halt.
   Das Land, das Volk, hatte den Bogen überspannt. Es hatte Fließland in den Abgrund getrieben. Dörfer und Wälder wurden verbrannt, unschuldige Menschen erbarmungslos mit hineingezogen und für die Brutalität gab es keine Grenzen mehr. Alles wurde niedergemetzelt, und zum Schluss wusste niemand mehr so recht den Grund dieses unsinnigen Krieges, der von den Gesetzlosen angezettelt und vom Volk vollendet wurde. Meine Eltern und ich waren einfache Leute vom Land, die dem Krieg hilflos ausgeliefert waren. Leben oder sterben, wir mussten uns entscheiden. Daraufhin schlossen wir uns einer Gruppe an, die ins eisige Rotgebirge entfliehen wollte. Meine Eltern kamen bei der Flucht ums Leben. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, aber ich habe Sehnsucht nach ihnen und ein Teil von mir ist seither hohl, fast wie eine Lücke in meinem Herzen. Dennoch kann ich mir nur noch vage ihre Gesichter ins Gedächtnis rufen. Alles wirkt so verschwommen, wenn ich daran zurückdenke.
   Kein Wunder, das alles ist inzwischen zehn Jahre her. Ich kann es kaum fassen, wie schnell die Zeit vergangen ist. Damals war ich zehn. Ein Kind. Jetzt habe ich bald meinen einundzwanzigsten Geburtstag.
   So viele Jahre bin ich nun schon hier oben, in unserem kleinen Dorf mit nicht mal hundert Bewohnern, die alle dasselbe Schicksal teilen: eingesperrt in einem überdimensionalen Käfig bis ans Ende ihrer Tage. Denn wer weiß, wann dieser Krieg endlich ein Ende findet.
   Unser Zuhause liegt mitten in einem schmalen Tal, das von Norden nach Süden und von Osten nach Westen von schneebedeckten Bergketten, dem Rotgebirge, durchzogen wird. Es ist sozusagen eine Barriere für den Krieg, man fühlt sich hier sicher.
   Ich habe längst aufgehört, in ständiger Angst zu leben, dass etwas passieren könnte, was mir den Frieden wegnehmen könnte.
   Dennoch ist Freiheit etwas anderes. Ein Privileg, das ich wohl nie wieder zu Gesicht bekommen werde. Seit über zehn Jahren haben wir nichts mehr mitbekommen von der Außenwelt, sind verbarrikadiert. Inständig hoffe ich, eines Tages einen Weg aus diesem Gefängnis zu finden, aber an die Hoffnung kann sich heutzutage niemand mehr klammern. Und schon gar nicht an Hirngespinste, die nie wahr werden würden. Ich weiß zwar, ich sollte dankbar sein, dass ich überhaupt noch lebe, dennoch fehlt mir etwas. Ich fühle mich innerlich so leer. Als ob ich einen steilen Hang hinunterfalle. Immer tiefer und tiefer. Ins Nichts. In dieses große Nichts aus endloser Schwärze. Bis ich irgendwann aufschlage.
   »Du siehst so traurig aus.«
   Gedankenverloren zucke ich zusammen. Ich habe nicht bemerkt, dass Großmutter an meine Seite getreten ist. Sie streicht mir eine Haarsträhne weg, grinst mich liebevoll an, und zieht mich mit einem schwachen Lächeln tröstend in ihre Arme. »Hör auf, in der Vergangenheit zu schwelgen, mein liebes Kind«, sagt sie mit beruhigender Stimme, als könne sie meine Gedanken lesen.
   Das ist unheimlich.
   »Es geht uns hier doch so gut.« Sie klingt heiser, als hätte sie einen Frosch im Hals, aber ich muss ihr recht geben.
   Großmutter schätzt das ruhige und sichere Leben hier oben. Weit weg von den habgierigen Menschen da draußen. Sie schätzt es mehr als ich. Ich beiße mir auf die Lippen, verdränge ihr zuliebe meine Gedanken und die damit verbundenen Zweifel, atme tief ein, erwidere das Lächeln und ziehe mir die Kapuze über meinen Lockenkopf.
   Stinki wälzt sich auf dem Boden und streckt alle viere in die Luft. Danach rollt er sich zusammen, gibt ein lautes und zufriedenes »Miau« von sich und beginnt zu schnurren.
   »Der hat’s gut. Muss den ganzen Tag nichts anderes machen als essen und schlafen.«
   »Anne, du bist doch hoffentlich nicht auf einen Kater eifersüchtig, oder?« Großmutter lacht herzhaft auf.
   Stinki vergräbt seine Nase tief in sein filziges Fell.
   Ich schüttle den Kopf, ich bin bereits auf die Vögel und ihre Freiheit neidisch, da kann ich nicht auch noch Stinki sein bequemes Katzendasein verwehren. Ich steuere auf die Tür zu.
   »Hier geblieben, Fräulein.«
   Langsam drehe ich mich um. Ich kann es nicht ausstehen, wenn sie mich so nennt, und manchmal vergisst sie, dass ich kein Kind mehr bin.
   »Hast du nicht etwas vergessen?«
   Und ich dachte ernsthaft, ich würde heute davon verschont bleiben. Nur einmal, ist doch nicht zu viel verlangt? »Jaja, Großmutter. Die drei goldenen Regeln. Stell dir vor, ich hab sie über Nacht nicht vergessen!« Ich verdrehe die Augen, aber Großmutters herber Blick lässt mich zusammenzucken. Was die Regeln betrifft, versteht sie keinen Spaß.
   »Wann hört das endlich auf? Ich kenne die Regeln wirklich in- und auswendig. Hab sie so verinnerlicht, könnte sie fehlerfrei im Schlaf aufsagen!«
   »Ich weiß, aber einmal am Tag schadet nicht. Und führ mit mir keine Diskussion, Anne. Sag sie auf, dann kannst du gehen.« Ihre grünen Augen funkeln mich ungeduldig an.
   »Ist ja schon gut.« Ich stelle mich gerade hin und fange am Daumen mit dem Zählen an. »Die erste Regel ist, solltest du jemals ein wildes Tier oder einen fremden Menschen im Dorf sichten, schlage unverzüglich Alarm. Die zweite Regel ist, begegne deinen Mitmenschen immer mit Respekt und Ehre, und sei niemals schlauer als der älteste Fuchs im Bau. Und die letzte und oberste Regel ist, verlasse niemals das Dorf. So, kann ich jetzt endlich gehen? Die Viecher füttern sich schließlich nicht von allein.«
   »Du scheinst in einem Atemzug die zweite Regel schon wieder vergessen zu haben. Dein Mundwerk solltest du unter Kontrolle bringen, bis du wiederkommst. Aber ja, du kannst gehen.« Mit einem Wink scheucht sie mich davon, und ohne ein weiteres Wort bin ich auch schon aus der Hütte verschwunden.
   Es dauert nicht lange, bis ich von Kopf bis Fuß durchnässt bin. Ich hasse den Regen. Sogar noch mehr, als ich es hasse, jeden Tag immer wieder dasselbe zu machen. Total langweilig und eintönig. Nie passiert etwas Neues. Etwas Aufregendes.
   Ich marschiere den matschigen Weg zum Hühnerschuppen entlang und ziehe die Kapuze tiefer in mein Gesicht.
   Der Dorfälteste kommt mir dabei wie jeden Morgen entgegen. Er hält seinen täglichen Spaziergang für unumgänglich.
   »Guten Morgen, meine liebe Anne!«
   Puh, ist der gut drauf. Viel zu gut für meine heutige Trübsinnigkeit. »Guten Morgen!« Ich versuche, nett zu klingen.
   Die Regentropfen nisten sich in seine tiefen Falten ein, sowie sein Gehstock im Schlamm versinkt, dennoch scheint das seine gute Laune nicht zu bändigen. Woher hat er nur diesen Enthusiasmus. Er ist viel zu schwungvoll für sein Alter.
   »Was für ein wunderschöner Tag, nicht wahr?«
   Ich sehe hoch in den Himmel. Der Regen prasselt auf mein Gesicht, und ich muss die Augen zu Schlitzen verengen. Was soll bitte an diesem Tag schön sein? »Ähm. Es regnet«, sage ich etwas belustigt.
   Es scheint wohl sein Alter aus ihm zu sprechen. Er kommt mir fast so vor, als würde er in seiner eigenen Welt leben.
   »Aber es ist friedlich«, entgegnet er strahlend. »Und jeder friedliche Tag ist ein wunderschöner Tag.«
   Seine Worte geben mir kurz zu denken. Jeder friedliche Tag ist ein Tag wie jeder andere auch. Nichts Besonderes. Allerdings weiß ich, was er damit andeuten will. Er will mir sagen, ich solle die Ruhe und Friedlichkeit in unserem wohlbehüteten Zuhause genießen. Für den Rest meines Lebens. Was ich ja auch mache. Gezwungenermaßen.
   »Na dann. Haben Sie noch einen wunderschönen Tag«, schreie ich. Er hört zwar nicht schlecht, aber ich habe es mir angewöhnt, mit alten Leuten prinzipiell etwas lauter zu reden.
   Als ich weitergehe und aus der Ferne Frau Anderson vor dem Schuppen erspähe, bin ich kurz davor, wieder umzudrehen. Sie ist eine grimmige, alte Schachtel. Als wäre der Tag nicht schon schlimm genug, muss ich jetzt auch noch sie treffen.
   »Anne! Was ist das nur für ein Dreckshaufen?«
   Ich sehe an mir hinab. »Na ja, das ist nicht ganz zu umgehen bei diesem Wetter«, kontere ich frech und verdrehe die Augen, als sie kurz ihren Blick abwendet.
   »Ich meine doch nicht dich! Ich rede von dem Hühnerstall. Wann wurde der das letzte Mal gereinigt?«
   Ihre schrille Stimme ertrage ich noch weniger als ihre ständigen Vorwürfe und nicht auszuhaltenden Belehrungen, was wir jungen Mädchen im Dorf generell alles falsch machen. Weder können wir kochen noch weben. Sind andauernd viel zu laut oder zu unfreundlich. Man kann es ihr einfach nicht recht machen. Und uns kann man es nicht leicht machen.
   Ich seufze. »Ich werde den Stall sofort reinigen, Frau Anderson«, sage ich nur, um sie loszuwerden.
   Weder ich noch Großmutter mögen sie. Sie ist eine furchtbare Person, auf die ich gern verzichten könnte. Aber Großmutter tadelt mich immer, wenn ich das laut ausspreche. Meine ehrliche Meinung sei bestimmt für meine Gedanken und nicht für die Öffentlichkeit, schimpft sie dann immer.
   Darum versuche ich, Frau Anderson möglichst aus dem Weg zu gehen. Trotzdem scheine ich sie geradezu magisch anzuziehen. Immer wieder findet sie etwas an mir, worauf sie herumreiten kann.
   »Das will ich auch hoffen! Ansonsten legen die Hühner irgendwann keine Eier mehr, und dann kannst du selbst miterleben, was dein Chaos anrichtet. Dann werden wir verhungern! Willst du das etwa?«
   Als würden die Hühner irgendwann keine Eier mehr legen. So ein Schwachsinn. Aus Protest vielleicht, damit Frau Anderson sie in Ruhe lässt, doch bestimmt nicht meinetwegen. Der Regen, der unvermeidlich durch die Spalten des Holzschuppens eindringt, verursacht den schlammigen Boden im Schuppen, der wiederum den Dreck im Nest der Hühner bewirkt. Das sollte ihr mal jemand erklären. Aber ich würde die Letzte sein. Erklärungen sind bei dieser rechthaberischen Frau vergeudete Zeit. Erklärungen sind Widerworte. Das würde erneut in einer fatalen Diskussion enden, und sie hätte ohnehin das letzte Wort.
   Ich kenne die Leute in meinem Dorf. Fast besser als mich selbst.
   Ein Vogel, ein prächtiger Falke, lässt sich kreischend auf dem Dach des Schuppens nieder. Er hüpft elegant darauf herum und sieht mich an, als wolle er mir etwas mitteilen. Vielleicht einen guten Tag wünschen? Er streckt seine Flügel aus und plustert sich auf. Ein heulender Wind fährt durch meine Locken. Er ist so kalt, dass ich die Augen automatisch zukneife. Als ich sie wieder öffne, ist der Falke verschwunden. Schade. Zu gern wäre ich mit ihm weggeflogen.

Lyca

Kalter Regen klatscht mir ins Gesicht, prasselt wie ein Wasserfall auf mich herab, und ich fühle mich hundeelend. Als wäre ich in einen Haufen Kuhmist gefallen und die ganze Nacht darin liegen geblieben. Halb erfroren und zähneklappernd sitze ich regungslos da und starre auf meine Füße.
   »Was ist denn mit dir los?«, fragt Buh, während er sich den Schlaf aus den Augen reibt.
   Wie kann man nur bei diesem Mistwetter einnicken? Andererseits, Buh kann, ansonsten wäre es nicht Buh. Er fuchtelt mit seiner Axt vor meinem Gesicht herum. Ich werfe ihm einen finsteren Blick zu.
   Alle rüsten sich für die nächste Plünderung, nur ich bin total unmotiviert. Ich sitze lange da wie angewurzelt, die Füße zum Wärmen dicht an meinen Körper gezogen, die Hände um meine Knie geschlungen, und habe keine Absichten, mich auch nur einen Zentimeter von meinem Platz zu bewegen. Vereinzelte Schneeflocken haben sich unter den Regen gemischt.
   Ich reibe meine Hände aneinander, denn meine Finger sind so steif, als wären sie erfroren.
   Buh runzelt die Stirn. Als ich ihn keines weiteren Blickes mehr würdige, stupst er schließlich mit der Faust gegen meinen Schädel. Zuerst vorsichtig, als ich immer noch nicht reagiere, härter.
   Ich fahre hastig herum. »Sag mal, hast du sie noch alle?«, schnauze ich ihn an.
   »Sorry, Mann. Bist du im Gebet oder Mediation oder was?« Er lacht laut auf, und seine Zähne blitzen hinter seinen schmalen Lippen hervor. Sie sind gelb und schief. Außerdem ist er ein kleiner Fettwanst. Seine Augen sind tief in seine Fettpölsterchen gebettet, er ähnelt mehr einem hässlichen Troll als einem Menschen. Oder einem kleinen, fetten Wurm. Er ist dennoch mein bester Kumpel.
   »Lass mich in Ruhe.«
   Verdattert sieht er mich an. »Du bist heute ein richtiger Stinkstiefel!«
   »Ich zeig dir gleich, wie meine Stiefel stinken!« kontere ich kaltschnäuzig. Sein Magen fängt dabei lautstark zu knurren an und übertönt mein Raunzen. Als ob es eine ansteckende Krankheit wäre, beginnt auch mein Magen wie wild zu knurren.
   Buh lacht laut auf. »Mann, hab ich einen Hunger. In mir grummelt es so laut, als würde sich mein Magen selbst auffressen!« Seine fleischigen Hände streicheln über seine kugelrunde Wampe. »Ich kann’s kaum erwarten, endlich wieder was zwischen die Zähne zu bekommen, was nicht wie ein Grashalm aussieht …«
   »… oder nach verfaulten Innereien schmeckt«, unterbreche ich ihn und mime theatralische Würgegeräusche nach, während ich meine Kehle zusammendrücke und die Zunge dabei herausstrecke.
   »Mann, da hast du recht. Mir kommt fast alles wieder hoch, wenn ich an die schleimigen Schnecken von vorgestern denke! Schade, dass ich keiner von den magisch Befleckten bin, dann würde ich mir ein riesiges Festmahl herzaubern.«
   »Tja, Buh, wenn du einer von den magisch Befleckten wärst, wären wir wohl nicht in dieser verdammten Lage.«
   Schweigsam und zugleich unmotiviert erhebe ich mich nun doch. »Aber dann wärst du auch schon ausgestorben«, sage ich mit seufzendem Unterton und kehre ihm den Rücken zu.
   Ich verlasse unser Lager, schlendere dem Abgrund entgegen und lasse die anderen einfach zurück, während mich ihre Blicke wie Stiche ins Rückenmark durchlöchern.
   »Wo willst du denn hin?«, schreit Amuard, unser glatzköpfiger Riese, mir nach. Er ist unserem Anführer treu ergeben und weiß, dass Kuno es nicht gutheißen wird, wenn ich ohne die Bande vorausgehe.
   Ich sehe kurz zurück. Amuard ist jemand, den man fürchten muss, ein riesiger Mann, dem man nachts lieber nicht begegnen möchte. Sowohl seine Glatze als auch sein Gesicht sind von den zahllosen Kämpfen mit Schnittwunden und Kratzern übersät, seine Augen geschwollen und sein Blick einschüchternd kalt.
   Dennoch bin ich es leid, jedem eine Erklärung zu schulden, wenn ich nur mal kurz für mich allein sein will. Dreist gehe ich weiter und versuche so zu wirken, als hätte ich ihn nicht gehört.

Es ist noch früh und langsam kommt die Sonne hinter der schwarzen Wolkendecke hervor. Der Regen wird schwächer, bis nur noch vereinzelte Tropfen vom Himmel fallen.
   Die ersten Strahlen tauchen das unter den tauenden Schneemassen hervorstehende Gras in ein kaltes Licht, in dem die Regentropfen glitzern. Die Luft hier oben ist frisch und eisig, und auch am Fuße des Rotgebirges, dort, von wo wir kommen, neigt sich der Sommer bereits dem Ende zu.
   Mein Blick streift über die schneebedeckten Berge des Rotgebirges hinweg über den Himmel, der sich in einer Pfütze vor mir widerspiegelt. Ein atemberaubender Anblick, der mich richtig einfängt und nicht mehr loslassen will. Ich bin diese Pracht, diese Schönheit der Natur nicht gewohnt. Bis auf die Städte kenne ich nur staubiges Land oder bedauernswerte Einöde. Lange halte ich inne und nehme einen tiefen Atemzug. Die kalte Luft scheint dabei meine Nase zu betäuben. Lieber wäre es mir, sie würde meinen Kopf betäuben, damit ich mir nicht mehr Gedanken machen muss über Lappalien, die ich weder beeinflussen noch kontrollieren kann.
   Ein Falke zieht vor meinen Augen seine Runden. Hoch in der Luft kreischt er sich in kreisender Position die Seele aus dem Leib. Er ist frei. Es ist seine Heimat, sein Revier, und er ist kaum zu bändigen.
   Kurz muss ich überlegen, was meine Heimat ist. Schnell lasse ich das Grübeln wieder sein. Ich weiß bereits die Antwort. Ich habe keine. Was soll’s, ein Gesetzloser braucht keine Heimat. Ein Gesetzloser braucht nur etwas zum Überleben.
   Ich linse hinunter auf die hügelige Landschaft. Ich habe einen freien Blick auf das Tal. Inmitten ein unwissendes Dorf, viele unschuldige Menschen.
   Wenn ich mir vorstelle, was wir gleich mit diesen Menschen anstellen werden, wird mir schlecht. Ich fühle mich wie ein Taubstummer. Tue nur das, was von mir verlangt wird und handle dabei schwach. Bin innerlich leer. Bin blind. Als wäre ich nicht ich selbst. Nicht jetzt und nie gewesen. Ich versuche, es allen recht zu machen, aber ich weiß weder, wer ich bin, noch, was ich eigentlich will. Ich fühle mich, als würde ich mich ein Leben lang hinter einer Maske verstecken und darauf warten, dass sie mir jemand abnimmt. Allerdings geht jeder an mir vorbei, als wäre ich unsichtbar und die Maske bleibt, wo sie ist.
   »Schöne Aussicht. Ich hoffe nur, die Mädchen sind es diesmal wert.« Buh hat sich an meine Seite geschlichen, tritt nach vorn und nimmt mir die Sicht. Er leckt sich über die aufgesprungenen Lippen und fletscht die Zähne wie ein hungriger Wolf, der sich jeden Moment auf seine Beute stürzen wird.
   Er wippt von einem Bein aufs andere, ist nervös, kann es kaum noch erwarten. Ich suche den Himmel ab, doch der Falke ist verschwunden.
   »Wird schon was dabei sein«, antworte ich beiläufig, denn insgeheim hoffe ich, dass das nicht der Fall ist.
   »Du hast gut reden. Bei deinem unwiderstehlichen Charme springen die Mädchen freiwillig in den Käfig. Ich hingegen bekomm irgendwann ein Schädeltrauma, wenn ich noch einmal einen Ellbogen ins Gesicht krieg!«
   »Dann solltest du mal anfangen zu wachsen. Was können die dafür, dass du genauso breit wie hoch bist?«, scherze ich. Ich liebe es, ihn mit seiner Kleinwüchsigkeit aufzuziehen. »Außerdem ist das mit den Mädchen totaler Schwachsinn!«
   »Klar, und was war das bitte letzte Woche im Wirtshaus mit den Kellnerinnen? Die haben also nicht gesabbert, als du einer nach der anderen schöne Augen gemacht hast?« Er versucht provokant, mich nachzuahmen, und spart nicht mit ironischen Wimpernschlägen. »Oh, liebste Isabell, deine Haare sind so unglaublich weich. Oh, liebste Sue, wie abgöttisch schön du heute wieder aussiehst«, spottet er mit süßlich hoher Stimme, steckt sich den Zeigefinger in den Mund und ahmt übertriebene Würgegeräusche nach.
   »Hör auf, mich so blöd nachzumachen, sonst kannst du dir das nächste Mal deine Bierkrüge selbst zahlen. Ich will ja nichts von denen, aber falls du es noch nicht geschnallt haben solltest, diese Taktik spart uns einiges an Geld, du undankbarer Wicht.«
   Er zuckt beim letzten Wort zusammen. »Nenn mich nicht Wicht!«
   »Wäre dir Zwerg lieber? Gnom hätte ich auch noch im Angebot.«
   Seine Versuche, einen Schmollmund hinzubekommen, scheitern kläglich. Nach einer Weile weicht er wieder zurück und tritt mir heftig auf den Fuß.
   »Aua«, schreie ich auf. »Du Tollpatsch!« Grimmig verdrehe ich die Augen und nehme zugleich das Wiehern der Pferde wahr.
   Mittlerweile haben sich hinter uns die bewaffneten Männer versammelt, wetzen die Messer und wüstes Gelächter übertönt die Stille. Die Gesetzlosen bestehen aus einer wilden Mischung an kannibalischen Männern, die alle mager und erschöpft aussehen. Bei Schildin und Barath sehe ich deutlich die Wangenknochen hervorstehen, weil sie so ausgemergelt sind. Nur Buhs Körper scheint von unserer Hungersnot verschont geblieben zu sein.
   »Dieses Dorf werde ich bis zur letzten Ratte absuchen«, verspricht Amuard mit gierigen Augen, als auch er ins Tal hinunterblickt.
   Die Männer machen den Weg frei. Für Kuno, unseren Anführer. Schwarze Augen mit tiefen Rändern sehen mich eindringlich an. Sie verhören mich und mustern mich ebenso gründlich wie ich sie. Der Ausdruck seiner Augen spricht von Härte.
   »Konntest dich wohl mal wieder nicht gedulden, auf uns zu warten, was?« Amuard hat mich verraten, ich wusste es.
   Darauf habe ich ihm nichts zu sagen, schlucke fest und wende den Blick ab.
   Kuno ist umringt von zwanzig entschlossenen Gesetzlosen, die gebannt auf sein Zeichen warten, um daraufhin das Dorf niederzumetzeln. Plündern und töten bis zum Umfallen. Schlachten, um zu überleben. Das ist unser Leitsatz. Sein schwarz geflochtenes Haar hängt ihm seitlich als einzelner Zopf bis auf die breite Schulter hinab. Genauso lange wie sein Haar, ist auch sein bräunlich, dicht gewellter Bart, der wie Watte sein Kinn verdeckt. Die Narben in seinem Gesicht zeugen von den zahlreichen Plünderungen, in die er verwickelt war. Eine Hand hat er zu einer Faust geballt, die andere umgreift sein messerscharfes Schwert. Er trägt, wie jeder andere unserer Gruppe auch, über seiner einfachen Kleidung eine Rüstung aus dickem Leder, die bei jeder Bewegung am Körper reibt und knirschende Geräusche von sich gibt. Mit seinen ausgetretenen Lederstiefeln stampft er ein paar Schritte nach vorn, um sich einen besseren Überblick über das Tal zu verschaffen. Er lächelt mich an, das falsche Lächeln eines Gesetzlosen.
   Sein Gesichtsausdruck ist voller Vorfreude, und ich fühle, wie sich mein Magen heftig zusammenkrampft. Natürlich lasse ich mir nichts anmerken. Schüttle wie immer meine Bedenken aus meinem Kopf und bin bereit wie alle anderen auch.
   »Lange haben wir auf diesen Moment gewartet, doch unser Hunger soll nun endlich gestillt werden! Lasst nichts unberührt, Männer!« Kunos gebieterischer Ton lässt die Gesetzlosen sofort verstummen.
   Die Männer stehen mit gezückten Schwertern Seite an Seite am Fuße des Felsens und spähen über das Tal. Ich weiß nicht, ob es Schweißperlen oder Regentropfen sind, die ihnen übers Gesicht laufen. Das tut nichts zur Sache. Viel wesentlicher ist die Tatsache, was sie vorhaben. Was wir vorhaben.
   Ich muss schlucken.
   Dann aufs Neue. Frisch ans Werk. Neues Blutbad.
   Buh streckt mir die Axt entgegen, die noch Blutspritzer vom letzten Angriff aufweist. Die hätte er wenigstens wegwischen können.
   Ich reiche sie an Amuard weiter. »Brauch die nicht, hab mein Messer«, sage ich knapp. Ich kann es nicht leiden, mit einer Waffe herumzulaufen, die mich mehr beim Kampf behindert, als zu nützen.
   Kuno zieht die Mundwinkel nach oben und fordert uns mit einer Geste auf, ihm zu folgen.
   Aufgeregt hetzen die Männer die Felsen hinunter, ihre Füßen wirbeln Staub auf, und der Berg hallt ihr lautes Getrampel und herrisches Gebrüll wider.
   Getrieben wie Tiere auf der Jagd. Rücksichtslos, herzlos und kaltblütig erreichen sie das Dorf.
   Und ich mittendrin.

Anne

Als ich aus dem Hühnerstall trete, läutet die Alarmglocke. Zuerst vermute ich, dass es wieder ein wildes Tier sein muss, das sich in unser Dorf verirrt hat, aber diesmal bleibt es nicht bei einem einzelnen Glockenschlag, sondern zwei Doppelschläge folgen. Das nimmt mir den Atem, denn diese Glockenschläge bedeuten einen Angriff höchster Intensität. Als ich die Gefahr schließlich auf uns zulaufen sehe, bin ich wie gelähmt. Vor meinen Augen verschwimmt alles, meine Ohren rauschen. Daraufhin beginnt mein Herz, wild zu pochen. Ich vernehme Hektik und pures Chaos, überall. Es sind wilde Männer, die über uns herfallen wie ein hungriges Rudel Wölfe.
   Für einen Moment bin ich vor Schreck so erstarrt, dass ich absolut handlungsunfähig bin. Dann rütteln mich Schreie wach. Es dauert viel zu lange, bis ich mich gefangen habe und hysterisch registriere, dass ich fliehen muss!
   Ohne einen klaren Gedanken zu fassen, lasse ich die Eier fallen, die ich zuvor im Hühnerstall gesammelt habe, und renne aufgebracht den Hügel hinauf. Ich muss unbedingt zu Großmutter, wir müssen uns verstecken!
   Obwohl mich nur wenige Meter vom Stall und dem Hügel trennen, auf dem unsere Hütte steht, schaffe ich es nicht. Meine Lähmung ist zu groß, ich habe sie nicht unter Kontrolle, als wäre ich betäubt. Die schrillen Schreie der Dorfbewohner, als sie eintreffen, und die darauffolgende Panik würden sich wohl ewig in mein Gedächtnis einbrennen. Angst ist kein Ausdruck mehr.
   Alle laufen sie herum wie aufgescheuchte Schafe einer Herde. Kreuz und quer ohne Ziel.
   Ich muss einfach in Bewegung bleiben. Jetzt laufen, später denken, aber es geht nicht. Meine Füße scheinen jede Bewegung zu verweigern.
   Hysterisches kreischen, überall. Nie zuvor habe ich solche Unmenschlichkeit und Brutalität erlebt.
   Sind es Wilderer, Plünderer oder Gesetzlose? Ich weiß es nicht. Nur, dass es eine Horde gewaltsamer Männer ist, die erbarmungslos alles in Stücke schlagen und, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, jeden töten, gleich, ob er sich wehrt oder um Gnade fleht.
   Nur vereinzelte Frauen picken sie sich heraus wie die Hühner ihre Körner und verschleppen sie.
   Was mach ich nur? Weiterlaufen ist jedenfalls keine Option mehr, da sie mich bereits gesehen haben. Winselnd und total aus der Puste krieche ich unter eine Hecke. Dicht gefolgt von einem stämmigen Mann mit einem Glatzkopf, der mich sofort bei den Füßen packt und mit Gebrüll aus meinem Versteck zerren will.
   »Du entkommst mir nicht!«
   Mein Herz rast. Wild fuchtle ich herum. Er springt mir fast auf den Rücken, doch ich ramme ihm mit voller Wucht mein Knie in die Nieren. Den Moment, in dem er zusammenzuckt und ungewollt seinen festen Griff lockert, nutze ich und sprinte davon wie ein aufgescheuchtes Reh, das um sein Leben rennt.
   Ich weiß nicht, wohin ich laufe, sehe nur die zahlreichen Bekannten, denen das pure Entsetzen ins Gesicht geschrieben ist. Ich werde langsamer. Mein Blick schweift über die kaputten Blumentöpfe bis hin zu den zerschlagenen Fensterscheiben. Das Dorf gleicht einem einzigen Trümmerhaufen. Die fremden Männer scheinen im Blutrausch zu sein. Sie plündern schamlos alle Hütten und brennen sie daraufhin nieder.
   Nicht stehen bleiben, weiterlaufen! Die Verzweiflung nimmt mir den Atem.
   Und schließlich stolpere ich über etwas Hartes. Ein Stock. Ich falle mit dem Gesicht voran in den Schlamm. Als ich mich aufrappele, bin ich vor Schreck wie gelähmt. Vor mir liegt ein lebloser Körper.
   Voller Panik starre ich in die ausdrucksleeren Augen des Dorfältesten. Mein Blick verharrt viel zu lange auf seinem farblosen Gesicht.
   Etwas in mir schreit schallend auf. Ich muss zu Großmutter, unbedingt, ganz schnell.
   Die letzten Meter krieche ich im Schlamm auf allen vieren. Stelle mich tot, als zwei Männer mit jeweils einer Axt meinen Weg kreuzen, aber komme dennoch zu spät.
   »Großmutter«, kreische ich und lasse mich mit letzter Kraft neben sie fallen. Der Matsch quillt breiartig durch die Spalten zwischen meinen Fingern hervor. Roter Matsch.
   Sie liegt auf dem Rücken am Boden vor unserer Tür. Schlamm bedeckt ihren Körper, und Blut rinnt wie rote Tränen über ihre blassen Wangen. Ausdruckslos starrt sie in den Himmel, und ich befürchte das Schlimmste. Mir wird gleichzeitig heiß und kalt, und ich schlucke so hart, dass es in der Kehle schmerzt. Völlig außer mir lege ich prüfend ein Ohr an ihren Mund. Ein Hauch kommt mir entgegen.
   Als sie den Kopf zu mir dreht, atme ich auf. Gott sei Dank, sie lebt noch.
   »Großmutter, was soll ich tun?« Ich sehe sie erwartungsvoll an. Ihr Anblick frisst sich in mein Herz und lässt es bluten.
   Anstatt mir zu antworten, nimmt sie meine Hand, reißt den Mund weit auf und schnappt nach Luft. Ich bin mir anfangs nicht sicher, aber als sie sich krümmt, daraufhin laut losprustet und einen Hustenanfall bekommt, verstehe ich endlich.
   Ohne weiter zu zögern, drehe ich sie vom Rücken in die Seitenlage und meine Hoffnung, dass es nicht Blut, sondern Schlamm in ihren Atemwegen ist, zerbricht in tausend Stücke, als sie roten Speichel spuckt und ich das Messer erblicke, das ihr in die Brust gerammt worden ist. Mein Herz bleibt für einen Moment stehen.
   Großmutter hebt den Kopf. »Anne, hör mir zu«, stößt sie mit letzter Kraft hervor. »Du bist …«, sie hustet, »… die Letzte. Nur du kannst sie retten!«
   Diese Worte drängen sich in meinen Kopf und mein Verstand versucht verzweifelt, sie zu verarbeiten. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das richtig verstanden habe. »Was? Was willst du mir damit sagen, Großmutter? Ich verstehe nicht …«
   Sie packt mich am Handgelenk »Sion«, sagt sie.
   »Sion?«, wiederhole ich.
   Als ich sie jedoch fragend anblicke, wirkt ihre Miene anders als zuvor. Ihr Kopf wandert zurück in den Schlamm und ihre Augen haben die Wärme verloren. Sie stößt ein letztes Ächzen hervor, und dann verschwindet alles Leben aus ihrem Körper. Ich höre meinen erstickten Schrei wie ein ohrenbetäubendes Echo neben mir, als hätte ihn jemand anderes ausgestoßen. Ich kann es nicht glauben, packe sie bei den Schultern und fange an, sie hysterisch zu schütteln. Es darf einfach nicht wahr sein. Nicht sie!
   »Großmutter, Großmutter, bitte nicht …« Meine Stimme überschlägt sich fast und pure Verzweiflung spiegelt sich in meinen Worten wider. Der Frust nimmt mir den Atem. Mein Herz gefriert.

Es gibt alltägliche Augenblicke, da entscheidet ein Augenblick über dein restliches Leben. Diese Momente kommen und gehen ohne Vorahnung. Und jetzt bin ich ein Teil davon. Ich kann mich nicht dagegen wehren, kann nicht weglaufen. Ich kann nur dasitzen, regungslos und starr geradeaus schauen. Auf eine Person, die mir eben noch so nah war und jetzt daliegt, als wäre sie eine Fremde. Ich fühle mich verlassen, bitter enttäuscht, bin selbst nicht mehr lebendig. Ich kann nur warten, bis dieser quälende Augenblick vorbei ist, denn gerade befinde ich mich in den Klauen einer höheren Macht, die mich nicht mehr loslässt, sondern zu erdrücken droht. Ich habe längst aufgehört zu registrieren, was um mich herum passiert. Die Schreie, der Rauch, der mich plötzlich umgibt, und diese Plünderer. Einfach alles wird von Großmutters Anblick in den Hintergrund gedrängt. Ihr Verlust hinterlässt einen quälenden Schmerz in mir, und ich ertrage diese Verzweiflung kaum. Der Tod meiner Eltern war hart, aber ich scheine diesen Schmerz verdrängt zu haben. Und jetzt ist er wieder da und frisst mich von innen auf. Noch nie zuvor habe ich so empfunden. Noch nie zuvor habe ich so gelitten.
   Das Bedürfnis, schluchzend über den leblosen Körper vor meinen Füßen zusammenzubrechen, ist genauso groß wie die Wut, die tief in mir kocht. Ich kann es nicht verstehen. Fremde erscheinen aus dem Nichts und nehmen mir alles weg. Bis nichts mehr bleibt außer Trauer, Hass und der unerbittliche Drang nach Vergeltung. Wo bleibt hier der Sinn in all dieser Brutalität, in all dieser Qual? Wo bleibt die Gerechtigkeit? Der Frust klebt an mir, nimmt Besitz von mir und umhüllt mich wie eine zweite Haut.
   Gedankenverloren drehe ich mich um. Zeitgleich rennt mir zu meinem Entsetzen einer der bewaffneten Unbekannten entgegen, und ehe ich zur Seite springen kann, rammt er mich zu Boden.

Lyca

Ich ziehe mein Messer und halte es an die Kehle des Mädchens. Mein Blick wandert prüfend ihren Körper ab, um sicherzustellen, dass ich keine Schönheit vor mir habe, die als leichte Ware im Handel viel Geld bringen würde.
   Solche Vergehen verzeiht Kuno nur selten.
   Doch als ich meinen Kopf hebe und in die schönsten blauen Augen blicke, die ich jemals gesehen habe, vergesse ich alles andere. Ein Lockenkopf liegt unter mir, ein bildhübscher Lockenkopf. Trotz all dem Schlamm und Blut auf ihrem Gesicht strahlt sie eine Schönheit aus, die mit nichts auf der Welt zu vergleichen ist.
   Das Mädchen sieht mich erschrocken an, alle Muskeln an ihrem Körper sind angespannt. Ich fühle mich wie gelähmt, kann mich nicht mehr bewegen, kann nicht mehr atmen. Mein Gehirn hat abgeschaltet und mein Verstand lässt mich im Stich. Verdammt.
   Etwas glitzert in ihren Augen, aber es sind keine Tränen. Es ist etwas Glänzendes, etwas, was ich nicht definieren kann. Ein riesiges Durcheinander an Emotionen droht mir, mich von innen zu zerstören. Es kostet mich viel Mühe, nicht die Nerven zu verlieren. Wer zum Teufel ist dieses Mädchen, und was macht sie mit mir?
   »Auf was wartest du? Stich zu«, fordert sie.
   Zu meiner Verwunderung. Als wäre es ihr scheißegal, was ich in den nächsten Sekunden mit ihr anstelle. Ich starre auf ihre schön geschwungenen Lippen. Mein Blick bleibt auf ihnen haften wie Harz auf den Fingern.
   Sie sieht mich misstrauisch an, als wäre ich ein Wesen aus einer anderen Welt.
   Ich spüre ihren warmen Körper unter meinem, wie sich ihr Brustkorb vor Aufregung hebt und senkt, und langsam kehre ich in die Gegenwart zurück. Ich rapple mich, so schnell ich kann, hoch und packe sie unsanft beim Arm, ohne sie auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Damit sie mir nicht entwischen kann, umklammere ich fest ihr Handgelenk, denn ich muss sie mitnehmen. Würde ich sie laufen lassen, würde sie ein anderer von uns erwischen. Ich habe also keine andere Wahl.
   »Nein«, antworte ich kopfschüttelnd. »Ich werde dich nicht töten.« Überzeugt nehme ich sie mit.
   Auf einmal ertönt ein lautes Fauchen, und ich blicke auf meine Füße. Ein zottliges Fellknäuel versperrt mir den Weg. Mit einem groben Fußtritt schleudere ich das Vieh meterweit weg. Es macht einen Bauchfleck im Schlamm, stellt die Ohren zurück und versucht wacklig auf allen vieren zu entkommen. Ich will sein Leid beenden und zücke das Messer, doch das Mädchen schreit auf.
   »Nein, bitte nicht!« Sie will sich mir entreißen, daher umklammere ich sie fester. »Das ist mein Kater. Er ist das Einzige, was von meiner Familie noch übrig ist. Bitte lass wenigstens ihn am Leben.«
   Sie sieht mich eindringlich an. Die Art, wie sie mich nahezu hypnotisiert mit ihren verdammten Kulleraugen, gibt mir ein Gefühl der Schwäche. Sie erwartet Unmögliches von mir. Falls Kuno davon Wind bekommt, wird er mich verprügeln, allerdings ist ihr verzweifelter Blick schlimmer als jede Ohrfeige. Ich bin verwirrt darüber, wie wichtig mir ihre Zufriedenheit ist.
   Ich überlege kurz, gehe, ohne zu antworten, weiter und höre sie aufatmen. Aber sie scheint sich nicht im Geringsten darüber im Klaren zu sein, dass dieser Kater früher oder später als Mittagessen enden wird. Ich kenne viele in unserer Bande, die ihn ohne lange zu überlegen aufgespießt und in der Glut der Bruchstücke gegrillt hätten. Sie hat also großes Glück, dass ich sie gefangen genommen habe und nicht Amuard oder Kuno.
   Mir soll’s recht sein, ihren letzten Wunsch erfüllt zu haben. Bald wird sie eine Sklavin sein, und ihr Leben wird so schlimm verlaufen, dass sie daran zurückdenken und sich ersehnen wird, ihr letzter Wunsch wäre etwas anderes gewesen. Etwas Sinnvolles. Wer weiß, vielleicht hätte ich ihr diesen sogar erfüllt.
   Sie wehrt sich nicht, und ohne Widerworte oder weiterer Zwischenfälle durchqueren wir das in Trümmer liegende Dorf.

Als wir beim Sammelplatz ankommen, liegen ungefähr drei Dutzend blutüberströmte Männer – die sich entweder im Kampf um ihre Familien opferten, oder bei der Verteidigung ihres Hab und Gutes erfolglos waren – regungslos zu meinen Füßen.
   Die auserwählten Frauen kauern winselnd und flehend vor Kuno, doch der zeigt keine Gnade. Er packt sie, eine nach der anderen bei den Zöpfen oder den zerrissenen Kleidern, schleift sie trotz Widerstandes in den Käfig und lacht dabei höhnisch auf.
   »Tolle Jagd war das, guter Fang. Bin stolz auf euch, Männer!«
   Kunos Blick wandert auf eine Hütte neben mir. Unter der Holzveranda habe ich einen Schuh entdeckt, der auch Kuno nicht entgangen ist. Mit großen Schritten stampft er zu den Stufen hin und zerrt darunter ein kreischendes Mädchen hervor.
   »Rein mit ihr in den Käfig«, befiehlt er Buh, der gerade dabei ist, sich einen Apfel in den Mund zu stopfen.
   Verstecke sind zwecklos, wir machen das ja nicht zum ersten Mal. Wir sind Gesetzlose, die jeden Schlupfwinkel ausfindig machen. Jede noch so kleine Spalte in den Böden, die als Falltür für Verstecke dient, oder jeden noch so geheimen Hohlraum in den Wänden. Keine Zuflucht ist vor uns sicher.
   Spätestens, wenn man ihre Hütten anzündet, kommen die meisten zum Vorschein. Ein paar Vereinzelte, die sich dennoch sträuben, ihr Versteck zu verlassen, sterben einen entsetzlich qualvollen Tod in den Flammen. Wäre kein wünschenswerter Tod für mich. Bei mir müsste es schnell gehen. Lieber würde ich durch einen ruckartigen Messerstich ins Herz sterben, als in Flammen aufzugehen.
   Alle ausgesuchten Frauen, mit denen sich zumindest einige Geldstücke verdienen lassen, sitzen bereits zusammengekauert im Käfig hinter Gittern. In ihrem neuen Zuhause, zumindest für die nächsten paar Tage. Der Anblick so vieler Frauen in ihren zerschlissenen Nachthemden bringt Kuno unwillkürlich zum Grinsen. Der weite Weg hat sich bezahlt gemacht.
   Ich stoppe mit meinem bezaubernden Fang vor Kuno. Er betrachtet sie ausgiebig, nickt mir zufrieden zu, und lässt seine schmutzige Hand über ihr zartes Gesicht streifen. Sie starrt ihn mit kalter Wut an, und entzieht sich ihm, als wäre er purer Abschaum.
   »Sehr schön, bin stolz auf dich, mein Junge.« Das ist zwar der Satz, den ich unbedingt hören wollte, trotzdem erreicht er in mir nicht die Befriedigung, die ich mir vorgestellt habe.
   »Die wird viel Geld bringen.« Er grinst mit weit aufgerissenen, hervorstehenden Augen.
   Unwillkürlich umschlingt mein Griff ihr Handgelenk noch fester, als hätte sich mein inneres Ich selbstständig gemacht und verweigert meiner Hand, sie loszulassen.
    Kuno klopft mir auf die Schulter und zwinkert ihr dreist zu. »Ab mit ihr in den Wagen, sie ist die Letzte.«
   Schweigend befolge ich Kunos Befehl und plötzlich, nur ganz kurz, überkommt mich ein eigenartiges Gefühl. Ein Gefühl der Reue, ein Gefühl der Schuld. So habe ich vorher schon ab und zu empfunden, aber nicht in diesem Ausmaß. Ich verdränge es sofort wieder, solche Reize passen nicht in meine Welt, ich bin immerhin kein Schwächling.
   »Hört zu«, sagt Kuno an die Frauen im Käfig gerichtet. »Es wird weder gejammert noch geheult. Und falls sich wer nicht zusammenreißen kann, heult gefälligst leise, ihr trostlosen Missgeburten, sonst stopfe ich euch die Mäuler höchstpersönlich.«
   Ein paar der Männer lachen auf, andere jubeln im Siegeschor und wieder andere, so wie ich, ignorieren Kunos Worte und fangen an, die Pferde zu satteln oder die Waffen zu putzen. Danach stärke ich mich genüsslich bei einer Schweinskeule, während ich meine schlammverschmierten Stiefel im hohen, nassen Gras abstreife.
   »Hab echt lange nicht mehr so gut gegessen, die hatten hier oben echt das Paradies auf Erden«, sage ich an Buh gewendet.
   Er stopft sich all seine Beute in den Mund, als hätte er gerade herausgefunden, wie Essen funktioniert, sodass ich ihn sogar ermahnen muss, er solle sich während der Reise ja nicht bei mir beschweren, ihm sei schlecht.
   »Dann beschwer du dich ja nicht bei mir, dass du Hunger hast«, kontert er und spuckt dabei Krümel auf meine Stiefel. »Von meiner Beute kriegst du nämlich kein Stück ab.«
   »Ist mir schon klar, umsonst bist du nicht so fett geworden, du Gierschlauch.« Ich zeige auf seinen runden Bauch.
   »Alle in meiner Familie waren so veranlagt. Das ist Erbmasse! Außerdem bin ich lieber fett als hungrig. Und teilen wird sowieso überbewertet«, erwidert er mürrisch, und isst weiter, als gäbe es kein Morgen mehr.
   »Ich finde ja, ich bin ich nicht fett, meine Beine sind nur ein bisschen zu weit hinten angewachsen«, sagt er mit vollem Mund.
   Seine Ausreden bringen mich zum Lachen, und er lacht mit mir. Innerlich ist mir nicht zum Lachen zumute, eher zum Weinen. Ich fühle mich total abscheulich, wie nach jeder Plünderung. Nur diesmal ist es anders. Als würde diesmal mehr dahinterstecken.

Anne

Ungewollt habe ich mein altes Leben zurückgelassen.
   Ich weiß nicht mehr, wie lange es gedauert hat, bis ich in die Wirklichkeit zurückgekehrt bin. Es war, als wäre ich in eine Art Trancezustand gefallen und erst nach Stunden erwacht.
   Ich muss immer noch an Großmutter denken. Diese unerträgliche Sehnsucht nach ihrer Nähe liegt wie eine schwere Last auf meinem Herzen. Sie war so ein besonderer, gutmütiger Mensch, und ich hatte nicht mal die Zeit, mich von ihr zu verabschieden.
   Ich wende mich der Welt zu, die wir hinter uns lassen. Mein Blick schweift über die gewalttätigen Mörder, thronend auf ihren Pferden, hinweg über die schneebedeckte Landschaft, bis hin zu den eingesperrten Frauen. Einige von ihnen schluchzen, andere starren verstört ins Leere. Ich erkenne das Grauen und die Erschütterung über das Geschehene in ihren verweinten Gesichtern. Sie haben Panik und Angst. Genau wie ich. Im Vergleich zu ihnen versuche ich, mir allerdings meinen Schmerz nicht anmerken zu lassen. Auch ich habe große Angst, aber niemals werde ich diesen Männern die Befriedigung bereiten, sie ihnen zu zeigen.
   Wir Frauen kennen uns alle, den einen besser, den anderen nur über belanglose Gespräche wie »Hallo, wie geht es dir?« oder »Schönes Wetter heute«. In einem Dorf mit knapp hundert Einwohnern ist es kaum zu vermeiden, dass jeder jeden kennt, dennoch kommen sie mir alle so fremd vor. Sie halten Abstand, jede ist für sich, und jede trauert auf ihre eigene Weise.
   Ich registriere langsam, dass ich in einem Albtraum gefangen bin, von dem ich nie wieder erwachen werde, umgeben von Gitterstäben, hilflosen Frauen und Plünderern, die mein Leben in Stücke gerissen haben. Ich bin schwach und leer. Alles, was folgt, kann kaum schlimmer werden als das heutige Blutbad, das sich in meinen Schädel manifestiert hat.
   Der Wagen, in dem wir uns befinden, wird von einem monströsen Gaul gezogen. Trotz seiner Kraft muss es ihn viel Mühe gekostet haben, diesen Käfig bis zu uns ins Tal zu ziehen.
   Neben mir hat sich ein Mädchen zusammengekauert und immense Schluchzer erschüttern ihren zarten Körper. Bei genauerem Hinsehen merke ich, dass es die rothaarige Mara ist, mit mehr Sommersprossen im Gesicht, als ich nachts Sterne zählen kann. Ich kenne sie gut. Sie ist die Enkelin des Dorfältesten und zwei Jahre jünger als ich. Das weiß ich so genau, weil wir erst letzte Woche ihren achtzehnten Geburtstag gefeiert haben. Es war ein feuchtfröhliches Fest. Jeder hat getanzt und gelacht. Das ganze Dorf hat im Chor gesungen, dass Mara ein schönes und langes Leben ohne Sorgen habe möge. Was ja nicht gerade eingetroffen ist.
   »Anne, sind das Gesetzlose? Wohin bringen sie uns?«, fragt sie, als sie meinen Blick bemerkt.
   Vorsichtig lege ich eine Hand auf ihren Oberschenkel und mit der anderen streichle ich behutsam über ihr dünnes rotes Haar. »Ich weiß es nicht, aber es wird bestimmt alles gut«, lüge ich. Die Wahrheit, dass wir keine Chance haben, je wieder ein normales Leben zu führen, erspare ich ihr. Das will nicht einmal ich wahrhaben. Also schiebe ich die Panik beiseite. Versuche, so zu tun, als ob alles in Ordnung wäre. »Sei stark«, flüstere ich. »Zeig ihnen deine Furcht nicht.«
   Verweint legt sie den Kopf an meine Schulter. So verharren wir eine gefühlte Ewigkeit. Sie schluchzend, ich schweigend.
   Als wir am Fuße des Berges ankommen, habe ich kein Zeitgefühl mehr. Mir kommt es fast so vor, als würden wir durch einen Zugang in eine andere Welt wandern. Aus den schneebedeckten Hügeln werden saftige dunkelgrüne Wiesen. Danach folgt beklagenswerte und zum Teil sumpfige Einöde. Trostlos und grau.
   Irgendwann liegt ein fischiger Geruch in der Luft, durchzogen von einer süß riechenden Brise, wie faulendes Fleisch. Mir wird übel. Einige Meter neben uns nehme ich einen verwesten Kadaver wahr, der von Fliegen, Maden und anderem Ungeziefer überhäuft ist. Ich schlucke die aufsteigende Galle hinunter.
   Zehn lange Jahre habe ich abgeschottet von der Außenwelt meine halbe Kindheit verbracht, und ich muss zugeben, eine gewisse Neugier auf die fremde Welt da draußen, am Fuße des Rotgebirges, das so lange unsere schützende Mauer gewesen war, überkommt mich. Doch wenn dies der Anblick sein soll, der mich von ganz Fließland erwartet, und das gesamte Reich nur noch aus Schutt und Asche besteht, will ich lieber tot sein. Die Angst vor dem Ungewissen lässt mich erschaudern.
   Je weiter wir reisen, umso schlimmer wird das staubige Ödland. Ich kann noch so viele Vorstellungen von Fließland gehabt haben, dieser Anblick übertrifft die schlimmsten von ihnen. Die Berge entfernen sich immer mehr von uns. Ihre Umrisse sind nur noch unklar zu sehen, schwach, als würde sich ein seidiger Schleier über sie legen. Ich schaue lange zurück. Vielleicht sehe ich die Berge zum letzten Mal. In Zukunft würden sie nur noch in meiner Erinnerung existieren, und schon jetzt habe ich Sehnsucht nach meinem Zuhause. Sehnsucht nach dem kühlen Gras, das jeden Sommermorgen meine nackten Füße kitzelte, Sehnsucht nach der Aussicht auf das verschneite Gebirge im Winter, über dem die Vögel ihre Kreise zogen und zarte Fußspuren im Schnee hinterließen. Und vor allem habe ich Sehnsucht nach meinem behüteten Dorf, aus dem ich gedanklich jederzeit fliehen wollte. Dies bereue ich mittlerweile grenzenlos. Das Abschiednehmen schmerzt und brennt in meiner Kehle.
   Kurz darauf scheinen wir das Ödland verlassen zu haben, fahren über unebenen Ackerboden und werden zur Genugtuung der Männer im Wagen herumgeschleudert. Bald haben wir einen Feldweg erreicht, der das Schleuderprogramm beendet. Trotzdem spüre ich jeden Stein des holprigen Weges, obendrein verpassen mir die stählernen Gitterstäbe ständig eine Kopfnuss.
   Es folgen weitläufige Felder und daraufhin eine klare und kalte Nacht, in der wir großzügigerweise Decken bekommen, in die wir uns hineinkuscheln, um nicht zu erfrieren.
   Als nach einer belastenden und schlaflosen Nacht meinerseits endlich die Sonne aufgeht, lasse ich mir mein halb erfrorenes Gesicht und meinen unterkühlten Körper von den ersten Strahlen wärmen. Endlich wird es angenehmer. Nach einer Weile sind es gefühlte dreißig Grad und die Männer schwitzen unter ihren ledernen Rüstungen. Es dauert nicht lange, dann halten auch sie diese unerträgliche Hitze nicht mehr aus. Wir halten endlich an.
   »Pause, Männer!«, höre ich jemanden von vorn rufen.
   Zu unserer Verwunderung ordnet der Anführer der Bande – ich habe vorher in einer Unterhaltung mitbekommen, dass er Kuno genannt wird – an, uns zu essen und zu trinken zu geben. Ich mustere ihn genau. Er sieht ein bisschen so aus wie eine spitzbärtige Ratte. Von ihm geht eine fiese, unberechenbare Kälte aus. Er ist ein Werk der Boshaftigkeit und die Gemeinheit in Person. Ich verabscheue ihn.
   »In die Becher könnt ihr euer widerwärtiges Geschäft verrichten«, sagt einer der Männer, der die Vorräte an uns verteilt.
   Diese Erniedrigung ist zu viel für mich. »Lieber zerplatzt meine Blase, als dass ich vor diesen Schaulustigen in einen Becher pinkle«, flüstere ich Mara zu.
   »Könntest du mir mal kurz Deckung geben? Ich muss so dringend, halte es einfach nicht mehr aus«, jammert sie mit zittrigen Knien und zusammengequetschten Beinen.
   »Du willst ernsthaft vor den Augen von denen …?«
   »Was soll ich sonst deiner Meinung nach tun? Ich bin nicht so konsequent wie du!«
   »Ich verstehe. Natürlich helfe ich dir.« Wir steuern die linke Ecke an, da die meisten Männer an der rechten Seite stehen, und ich stelle mich mit dem Rücken zu ihr so breit es geht hin. Niemand von der Bande nimmt Notiz von uns, wir haben Glück.
   »Wenn du fertig bist, können wir dann die Plätze tauschen?« Ich drehe mich nicht um, aber spüre ihr Lächeln, als würde es der Wind in meine Richtung tragen.
   Kurz darauf starre ich auf das viel zu harte Brot in meiner aufgeschürften, verdreckten Hand. Es ist nicht viel, aber reicht aus, um nicht zu verhungern. Schließlich sollen wir noch Geld bringen, und wer zahlt schon für verkümmerte und abgemagerte Weibsbilder. Wohin sie uns bringen und wer für uns bezahlen soll, ist mir allerdings nicht klar. Es hat sich bestimmt viel verändert in den letzten Jahren. Der Krieg ist vorbei, oder auch nicht? Jedenfalls scheinen die Gesetzlosen die Herrschaft über das Reich übernommen zu haben.
   Als ich mir an den Brocken fast die Zähne ausbeiße und sie mit dem abscheulich schmeckenden Wasser aus dem See hinunterspüle, fühle ich mich beobachtet. Aus den Augenwinkeln erkenne ich meinen Fastmörder, der mich eindringlich anstarrt. So, als wolle er sich in meinen Kopf festsetzen, meine Gedanken lesen und mich daraufhin kaltblütig erstechen. Seine dunklen Rehaugen und die kurzen schwarzen Haare, die seine Stirn fast ganz verdecken, passen nicht zu seiner farblosen Haut. So wirkt er noch blasser, als er es ohnehin schon ist. Fast wie Porzellan, nur nicht so zerbrechlich. Eher wie ein Felsbrocken, von dem die Sonne reflektiert wird. Er ist bestimmt einen halben Kopf größer als ich, aber nicht viel älter. Auf jeden Fall ist er gut gebaut und muskulös, trotz allem bestimmt nicht mein Typ. Kann er nicht sein, er ist einer von den Bösen. Ein Killer. Trotzdem ist er anders als die anderen. Irgendwie strahlt er etwas Geheimnisvolles und zugleich Empfindsames aus. Eine wilde, aber auch sanfte Art. Dennoch steckt nichts Gutes in ihm. Ich hasse ihn. Ich hasse sie alle. Ich kann meine Gefühle gegen sie kaum im Zaum halten und merke, wie sich meine Hände zu Fäusten ballen. Ich bin so stinksauer, dass es schon fast wehtut.
   Sie haben sie umgebracht. Haben meine über alles geliebte Großmutter auf dem Gewissen. Haben mein Zuhause zerstört, getötet, gekidnappt und können immer noch lachen und weiterleben, als wäre nie etwas gewesen. Beim Anblick dieser dreckigen Meuchler dreht sich mir der Magen um, und ich schleudere meinem Fastmörder einen angewiderten Blick zu, der ihm einen Mordsschrecken einjagt, sodass er schnell verlegen wird, den Blick abwendet und das Weite sucht. Ich verachte ihn abgrundtief und verspüre den Drang, jedem einzelnen dieser Männer sein kaltblütiges Herz herauszureißen. Nur so würden sie verstehen, was sie mir angetan haben. Sie sind allesamt abgrundtief böse Menschen, die grundlos morden und es mir leicht machen, sie bis auf die Knochen zu hassen.
   Ein abgezwickter Halbwüchsiger der Bande, dessen dunkles Haar ihm zu Berge steht und der selbst so träge wirkt, als wäre er soeben erst aufgestanden, sammelt die Becher durch die Gitterstäbe hindurch ein. Er umrundet den Käfig im Schneckentempo. Als er bei mir ankommt, packe ich ihn am Ärmel seines viel zu großen Kittels und ziehe ihn rasch näher an mich ran.
   »Wohin bringt ihr uns?«, fauche ich ihn an.
   »Nach Elborgh, wo die Reichen beheimatet sind.«
   Ich ziehe fragend die Brauen nach oben.
   »Das ist eine Handelsstadt, falls du es nicht weißt, Dummerchen. Dort sollt ihr auf dem Markt verkauft werden und uns ein schönes Sümmchen einbringen«, sagt er so beiläufig, als würde er mir erzählen, wie das Wetter morgen wird.
   »Klappe, Buh!« Kuno späht hinter ihm hervor. »Willst du ihnen vielleicht auch noch beschreiben, was du gestern zum Frühstück gegessen hast, du Nichtsnutz! Merk dir ein für alle Mal, das ist nutzloses Pack! Abschaum, Dreck. Sollen froh sein, dass wir uns ihrer erbarmt haben!« Seine Worte erfüllen jeden einzelnen Winkel in meinem Körper mit Hass. Er spuckt in meine Richtung, und ich ziehe reflexartig die Knie an, sodass er mich um Haaresbreite verfehlt. Ein schwarzer Zahn blitzt aus seinem Gebiss hervor, als er mich anlächelt, zugleich die Augenbrauen auf und ab bewegt und sich daraufhin mit der Zunge über die Lippen leckt. Widerlich. Ein Kotzbrocken, wie er im Buche steht. Angewidert wende ich den Blick ab.
   Im selben Moment wird mir etwas schmerzhaft bewusst. Wir würden nie wieder wie Frauen, ja sogar nie wieder wie Menschen behandelt werden. Sondern wie Tiere. Oder sogar noch schlimmer. Abschaum, Dreck. So werden wir bezeichnet. Und ob wir es wollen oder nicht, wir können nichts dagegen unternehmen. Wir müssen uns ihnen fügen und können nur tatenlos dasitzen und uns mental auf eine ungewisse Zukunft vorbereiten. Sie haben mir bereits alles genommen und verlangen jetzt sogar noch mehr. Wut schäumt in mir auf und ist kurz davor, überzugehen.

Lyca

Endlich haben wir den riesigen Mischwald erreicht. Mit seiner spätsommerlichen Laubfärbung sieht er sogar noch prachtvoller aus, als er es ohnehin schon ist. Ich liebe den Wald.
   Und es ist auch nicht mehr weit bis nach Elborgh. Ich freue mich auf die Stadt. Die Straßen sind immer erfüllt vom puren Leben. Man hätte glauben können, die ganze Stadt sei betrunken von dem alltäglichem Gejubel und Gelächter in den überfüllten Gassen. Doch wenn ich an den Markt denke, wird mir ganz anders. Ich muss schlucken, und meine Hände fühlen sich taub an.
   Außerdem fühle ich mich schmuddlig und bin so verschwitzt, dass vereinzelte Haarsträhnen an meiner Stirn kleben bleiben. Meine Hände sind verkrustet von Schlamm, meine Fingernägel übersät mit Dreck. Auf meinem Arm entdecke ich erst jetzt Kratzer von der Plünderung und eingetrocknete Blutstropfen, die nicht von mir stammen.
   Wir haben alles mitgehen lassen, was wir irgendwie unterbringen konnten. Ein großer Erfolg, denn unsere Vorräte vom letzten Raub sind schon so gut wie aufgebraucht, und das Geld wird langsam knapp. Wie viel genau wir noch davon haben, weiß ich nicht. Kuno verwaltet zu meiner Unzufriedenheit das gesamte Einkommen.
   Dank eines Bettelsohnes, der uns bei der Plünderung südlich von Fließland anflehte, er würde uns den Weg in ein geheimes Dorf mitten im Rotgebirge verraten, wenn wir ihn am Leben ließen, hatten wir nun ausreichend Vorräte, um in den nächsten Monaten über die Runden zu kommen.
   Dörfer, in denen es so viel zu holen gibt, sind schon wahrlich eine Seltenheit im Reich geworden. Wir waren dankbar für diese Information. Dennoch wurde der Bettler, nachdem er uns den steilen Pfad offenbart hatte, erbarmungslos umgebracht. Kunos einzige Gnade ist und bleibt ein schneller Tod. Als Anführer der noch übrigen Gesetzlosen muss er das so handhaben, ansonsten würde sich das Gerede über seine Güte verbreiten wie ein Lauffeuer, und wer hätte dann noch Angst, wenn es mit sich so einfach verhandeln ließe?
   Ich habe die anderen zurückgelassen und bin in den See gesprungen. Er ist weit genug weg von Kuno und der Bande und wird zudem von Laubbäumen umringt. So einen See gibt es in Fließland kein zweites Mal. Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Verdammt noch mal! Meine Gedanken rasen unaufhörlich. Ich muss an den gestrigen Tag denken, und mich überkommt erneut ein Schuldgefühl, was ich sofort zu verdrängen versuche. Ein kaltes Bad ist genau das, was ich brauche, bevor sich dieses unerträgliche Hämmern in meinem Schädel zu Kopfschmerzen verwandelt. Endlich bin ich ungestört und allein, das sollte mir helfen. Die Ruhe ist wie ein Segen, denn meine geistige Verfassung ist genauso im Keller wie meine unkontrollierbaren Gefühle. Ich fühle mich schuldig, schäme mich, hadere mit mir selbst und rede mir jeden zweifelnden Moment aufs Neue ein, dass ich keine andere Wahl habe als zu tun, was man von mir verlangt.
   Meine Gedanken lassen mich nicht ruhen. Sie pochen unerträglich gegen meine Schläfen.
   Es wäre ja nicht das erste Mal, dass ich Frauen entführe. Wie sollten wir sonst überleben?
   Als die Gesetzlosen mich damals während des Krieges aufgenommen haben, war ich noch sehr jung. Ein naiver Waisenjunge, dem schlagartig alles beigebracht wurde, worauf es zum Überleben auf dieser gottverdammten Welt ankommt. Ohne sie wäre ich schon längst nicht mehr hier.
   Ich schwimme nun schon seit einer gefühlten Ewigkeit und bin so weit draußen, dass ich das Ufer nicht mehr sehe. Das Wasser ist so dermaßen kalt, dass ich Gänsehaut bekomme, und der See erscheint in seinem grusligen Schwarz. Allerdings denke ich nicht daran, umzudrehen. Ich schwimme so schnell und ohne Pause wie ein gekenterter Seeräuber auf der Flucht. Es ist still, angenehm still. Jetzt gibt es nur noch das Wasser unter und den Himmel über mir. Ich stoppe, lasse mich an der Oberfläche treiben und schließe für einen Moment die Augen. Eine warme Brise gleitet durch mein nasses Haar, und irgendwann – ich habe keine Ahnung, wie lange ich schon unterwegs bin – wird die Strömung weniger und der Landwind setzt ein.
   Ich brauche etwas Zeit für mich. Etwas Zeit zum Nachdenken, meine Gefühle mal wieder richtig ordnen. Habe ich überhaupt so etwas wie Gefühle? »Verdammt!«, schreie ich und platsche mit der Faust gegen die Wasseroberfläche. Mein Kopf wird ganz heiß vor Zorn, gleich würde ich in die Luft gehen und in tausend Zweifel an mir selbst zerplatzen.
   Auf wen bin ich überhaupt so wütend? Auf Kuno und den Rest der Gesetzlosen, die mich einst gerettet, aber gleichzeitig zerstört haben? Auf dieses Mädchen, das mir nicht mehr aus dem Kopf gehen will, mir abfällige Blicke zuwirft und dessen Schicksal ich mir nicht ausmalen möchte? Oder auf mich selbst, der sich wie eine Marionette kontrollieren lässt und hin- und hergerissen ist zwischen dem, was richtig oder falsch ist. Und was ist richtig? Langsam fange ich an durchzudrehen.
   Verärgert und geplagt von meinen Gedanken drehe ich um. Ich habe keine Lust mehr, mir immer wieder aufs Neue den Kopf zu zerbrechen. Wegen Dingen, die ich weder kontrollieren noch ändern kann. Es ist einfach so, wie es ist, und ich muss mich mehr oder weniger damit abfinden. Auch wenn es mir nicht gefällt.
   Manchmal kommt es mir so vor wie in einem Albtraum, in dem ich einen steilen Hang hinunterfalle und unten der Tod auf mich lauert. Er lockt mich mit aller Kraft und streckt gierig die Hände nach mir aus. Ich falle immer tiefer und tiefer, doch bevor ich unten aufschlage, bevor mich das Knochengerippe packen kann, wache ich auf. Und dann fühle ich mich mies, weil ich dem Tod durch die Lappen gehe. Und er holt sich dafür andere Opfer. Unschuldige Opfer, die auf grausame Art sterben. Menschliche Zielscheiben, mehr sind sie für uns nicht. Und ihr Tod erfüllt nur einen Zweck, dass wir, die Gesetzlosen, überleben. Ich bleibe aber als menschliches Wrack zurück, dem das Gewissen jeden Tag aufs Neue eine runterhaut. Das ist wohl das Mindeste für meine Taten. Dass ich damit leben muss.
   Erschöpft krieche ich auf allen vieren aus dem Wasser. Der Geruch nasser Erde erfüllt die Luft, und ich lande mit dem Gesicht voran im Laub. Es ist von der Sonne angenehm warm aufgeheizt und fühlt sich an wie ein Kissen, in dem ich am liebsten stundenlang liegen geblieben wäre. Doch jemand stört plötzlich meine wohltuende Einsamkeit.
   Buhs haarige Beine sind in meinem Augenwinkel aufgetaucht und er hält mir meine Kleidung hin. »Bist du von allen guten Geistern verlassen? Wir suchen dich schon überall! Kuno ist knapp vor dem Ausflippen. Wir müssen schon längst weiter!«
   »Hättet auch ohne mich losziehen können. Ich kenne den Weg, bin immerhin kein Baby mehr.«
   Er hat nicht mit dieser Antwort gerechnet und sieht mich misstrauisch an.
   Ich weiß, entweder alle oder keiner, das ist die Regel der Gesetzlosen. Aber ich fühle mich wie ein Gefangener. Habe keine Wünsche, keine eigenen Ziele. Ich lebe nicht für mich, sondern für die Gesetzlosen. Das frustriert mich, und der Frust scheint mich langsam innerlich aufzufressen.
   Ich seufze. »Los komm schon«, sage ich mit einem aufgesetzten Lächeln, das Buh heiter stimmt.
   Zusammen kehren wir zurück ins Lager. In mein Gefängnis.
   »Wir müssen uns unbedingt was einfallen lassen. Wenn Kuno erfährt, dass du ohne seine Zustimmung im See baden warst, prügelt er dich windelweich«, meint Buh mit besorgtem Gesichtsausdruck, und watschelt dabei wie eine Ente.
   »Soll er doch, ist mir so was von egal.«
   Er kratzt sich an der Stirn. »Aber mir nicht! Du kassierst andauernd Schläge von ihm und tust danach so, als wäre nichts gewesen. Weiß schon, du bist hart im Nehmen. Aber ich nicht! Hab dann immer diese furchtbaren Heulattacken. Du weißt ja, wie sensibel ich bin! Bin nicht wie du, steck das nicht einfach so weg.«
   Es klingt so rührend, was er sagt, dass ich meinen Arm über seine Schulter lege, um ihm damit meine Brüderlichkeit zu symbolisieren.
   »Außerdem reagiert auch mein Magen darauf, werd dann immer total hungrig! Kein Wunder, dass ich fett werde.«
   »Du wirst es nicht, du bist es schon«, spaße ich und hämmere ihn mit leichten Klapsen auf den Rücken.
   »Ja, aber das ist ein verflixter Teufelskreis …«
   »Buh, weißt du was …?« Ich ziehe ihn an mich. Mit seiner Zwergengröße reicht er mir gerade mal bis unter die Achseln. »Du bist echt der freundlichste Trottel auf Erden.«
   »Weißt du doch gar nicht. Oder warst du schon mal außerhalb von Fließland?«
   Ich führe die Hand an meine Stirn, als hätte ich blitzartig schlimme Kopfschmerzen. »Dann bist du eben der freundlichste Trottel, den ich kenne.«
   »Soll das ein Kompliment sein?«
   Ich grinse ihn an. »Absolut.«
   Kuno kommt uns mit purpurroter Visage entgegengelaufen. Er wirkt stinksauer. »Junge, was bildest du dir eigentlich ein, einfach so abzuhauen …«, tobt er und schlägt mir mit voller Wucht auf den Hinterkopf.
   Buh zuckt, ich beiße meine Zähne zusammen. Nicht vor Schmerz, sondern vor Demütigung.
   »Mach, dass du auf dein Pferd kommst, du Narr!«
   Indem ich mir auf die Zunge beiße, vermeide ich eine Auseinandersetzung. Ich werde mich weder entschuldigen noch rechtfertigen. Kunos Schultern spannen sich an, und er verzieht grimmig den Mund. Seine Blicke drohen, mich zu erdolchen. Ich weiß, er ist kurz davor, mir eine Tracht Prügel zu verabreichen, aber so weit lasse ich es nicht kommen. Ich wende mich mit steifen Schritten ab. Ohne ein Wort reibe ich mir den Hinterkopf, werfe Kuno einen verächtlichen Blick zu, und steige auf mein Pferd. Ich versuche alles, um nach außen hin ruhig und gelassen zu wirken, in mir brodelt es allerdings.
   Das unbehagliche Gefühl, das ich schon immer in Kunos Gegenwart verspürt habe, nimmt enorme Ausmaße an. Langsam reicht’s mir.

Anne

Es gibt mir einen Stich, als ich an Großmutter zurückdenke und mir ihre letzten Worte nicht mehr aus dem Kopf gehen wollen, als hätten sie sich in mein Gedächtnis gebrannt: Du bist die Letzte, nur du kannst sie retten. Je öfter ich das wiederhole, umso sinnloser erscheint es mir. Was meinte sie nur damit? Und dann auch noch dieses eine Wort, dessen Bedeutung ich nicht mal im Geringsten verstehe: Sion. Was ist das? Ein Dorf? Eine Stadt? Ich verspüre eine emotionale Leere in mir.
   Unsere Entführer sind alle in ein unsinniges Gespräch über die Aufteilung der gestohlenen Vorräte verwickelt. Unsinnig erscheint es mir in dem Sinne, weil Kuno sowieso das letzte Wort hat, soviel habe ich bereits vom Zusehen und Ausforschen der Bande gelernt. Niemand von ihnen wagt es, sich Kuno zu widersetzen. Es scheint so, als wäre dieser schrecklich korrupte Anführer, den ich abgrundtief und innig verachte, fast heilig und alle anderen der Bande nur Untergebene, die sowieso keine Meinung äußern, geschweige denn sich gegen ihn stellen dürfen. Mir soll’s recht sein. Ist nicht mein Problem.
   Ich habe ein viel schlimmeres. Wir haben die Reise bereits lange fortgesetzt, und ich habe kontinuierlich nur einen einzigen Gedanken.
   Ratlos blicke ich zu Mara, die immer noch verweint neben mir kauert und auf ihre Füße starrt. »Mara?«, flüstere ich mit rauer Stimme. »Weißt du, was Sion ist?«
   Ihre Augen weiten sich, und sie sieht mich so erschrocken an, als stünde eine furchtbare Kreatur vor ihr. Aber sie ist nicht die Einzige. Auch die Blicke der anderen Gefangenen bleiben schockiert an mir haften. Mara schluckt, doch bevor sie den Mund aufmachen kann, platzt es plötzlich aus allen Richtungen im Käfig hervor.
   »Wo hast du das gehört?«
   »Wer hat dir das gesagt?«
   »Vergiss das sofort wieder! Es ist nichts, hat keine Bedeutung.«
   Daraufhin sehen sie sich alle untereinander eindringlich an, und ich vernehme ein kurzes, schweigendes Nicken, ehe sie den Blick abwenden und verschämt die Köpfe senken. Jetzt ist alles aus. Das ist zu viel für mich. Ich verstehe nichts mehr. Verdattert sehe ich von einem Gesicht ins andere, aber keine schenkt mir auch nur noch einen einzigen Blick. Nicht mal mehr Mara.
   Sie wissen es. Alle. Ich komme mir vor wie eine Aussätzige. Von meiner eigenen Gemeinschaft – meinen sogenannten Freundinnen – verraten und im Stich gelassen.
   Ich schlage die Hände vors Gesicht und versuche, einen klaren Kopf zu bewahren. Am besten überhaupt nicht mehr zu denken. Vergebens.
   Warum reagieren sie alle so? Was wird mir verheimlicht? Die Fragen in meinem Kopf bauen sich auf wie ein aufbrausender Sturm, der alles in mir zu vernichten scheint. Als hätte ich ein verbotenes Wort gesagt, dessen Aussprache den Untergang der Welt bedeuten würde. Die Fragen in meinem Kopf stauen sich, sind mehr als jemals zuvor. Und es sind keine Antworten in Sicht.
   Bevor ich anfange durchzudrehen, beobachte ich die um uns gescharrten Männer auf ihren viel zu hohen Positionen auf den Rössern und bemerke, wie sich die Strapazen der Wanderung bereits in ihren Gesichtern widerspiegeln. Sie sind erschöpft, aber niemand scheint sich darüber beschweren zu wollen. Kuno gibt den Ton an.
   Wie lange unsere Reise noch andauert, wie viele lange Tage wir noch in diesem verfluchten Käfig, gepeinigt von Hunger und geplagt von Schmerz und Trauer, eingepfercht sind, ist mir nicht klar. Nur eines weiß ich genau, ich muss hier raus! Am besten sofort.
   Ich muss herausfinden, was es mit Sion auf sich hat. Großmutter hat nicht umsonst ihre letzte Kraft dafür aufgewandt, mir dieses eine Wort ins Gedächtnis zu prägen. Plötzlich überkommt mich ein Gedankenblitz. Die Männer! Zusammen in der Gruppe sind sie stark, doch wie sieht es bei jedem Einzelnen aus? Außer brutaler Schlachtpläne scheinen sie mir nicht viel im Hirn zu haben. Zumindest die wenigsten. Auch ihre Reaktionszeit lässt zu wünschen übrig, sie sind bereits genauso schwach und übermüdet wie wir.
   Mein Blick schweift im Käfig umher, über die zusammengewürfelten Ehefrauen und jungen Mädchen. Es sind ungefähr dreißig. Also sind wir in der Überzahl.
   »Wir können sie austricksen«, flüstere ich zu Mara gewandt.
   Sie dreht den Kopf zu mir.
   »Was?« Ihre Stimme klingt schwach, fast wie ein piepsendes Mäuschen.
   Ich wiederhole den Satz, diesmal überzeugter.
   Sie sieht mich ungläubig an. »Du hast einen Plan?«
   Ich bin mir sicher, sie werden uns nicht töten. Wir sind ihnen zu wertvoll. Voraussichtlich sichern wir ihnen nach unserem Verkauf das Überleben der nächsten Jahre. Doch wenn wir hier rauswollen, müssen wir alle an einem Strang ziehen.
   Ich vermute zwar, dass wir es nicht alle schaffen werden, aber ich erhoffe zumindest Freiheit für den Großteil. Und das ist immer noch besser, als an irgendeinen Halunken verkauft zu werden und für den Rest unseres Lebens eingesperrt, gedemütigt und geschändet zu werden. Und ich weiß auch, dass niemand der Bande mit einer Gegenwehr von eingeschüchterten und trauernden Frauen rechnen wird. Aber wir sind gewitzter, als sie denken. Und bestimmt geschickter als so mancher von ihnen, wenn sie uns nicht gerade unwissend überraschen. Doch mein Plan ist es, genau das mit ihnen zu machen.
   »O ja, den habe ich«, antworte ich auf Maras Frage und grinse in mich hinein. »Hast du Lust auf ein kleines Flüsterspiel?«
   Es wird Zeit, ihnen eine Lektion zu erteilen. In der Hoffnung, mit meiner Einschätzung über die Bande recht zu behalten, weihe ich die Frauen in mein Rettungskonzept ein.

Lyca

Ein lauter Schrei aus dem Käfig übertönt die Stille des Waldes.
   »Sie ist tot! Sie ist tot!« Alle Frauen sind um ein rothaariges Mädchen, das am Boden liegt und die Glieder weit von sich gestreckt hat, geschart und das Entsetzen steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Wir halten an und Kuno tritt seitlich an den Käfigrand, um sich der Situation zu vergewissern, dass das Mädchen nicht mehr lebt.
   Sein Blick verrät mir, dass es ihm ziemlich gleichgültig ist, ob wir eine mehr oder weniger mitzuschleppen haben. Der Verlust des Geldes wird ihm mehr zu schaffen machen als der Verlust eines ihm gleichgültigen Menschen. Das Einzige ist der Verwesungsgestank, der an noch weiteren heißen Tagen so unerträglich werden würde, dass sie nicht im Käfig bleiben kann.
   »Schmeißt sie raus und lasst sie liegen.« Seine Worte sind an Buh und Amuard gerichtet. »Und ihr haltet gefälligst die Klappe, sonst prügle ich euch windelweich!«
   Sein lautes Gebrüll lässt die jammernden Gefangenen sofort verstummen. Amuard stupst Buh an. Er braucht nicht mal was zu sagen, seine feurigen Blicke signalisieren Buh seine unausgesprochene Anspielung, er solle den Befehl ausführen. Amuard kommandiert gern herum, und man merkt ihm an, dass er keine Widerworte duldet.
   Zum ersten Mal, seitdem wir die Frauen in den Käfig gesperrt haben, wird die Tür geöffnet. Buh schlendert, träge, wie er ist, bis zur hinteren Ecke.
   »Weg da, macht Platz«. Er stößt eine, die fast dicker ist als er selbst, zur Seite und die Nächste hüpft mit einem Satz einen Meter weiter, um nicht zu fallen. Buh muss sich den Weg hindurch zu dem Mädchen erst bahnen. Smuir und Schildin, unsere eineiigen Zwillingsbrüder mit unverwechselbar grauen Spitzbärten, steigen vom Pferd, und ich beobachte aufgehalten, wie sie sich fast gleichzeitig jeweils aus ihren Bechern ein Schlückchen Wasser gönnen. Das Hellgrau ihrer Spitzbärte findet sich auch in ihren Haaren wieder. So wirken sie älter, als sie es in Wirklichkeit sind. Es gibt nur ein winziges Detail, was sie voneinander unterscheidet: Schildins Höcker auf seiner Nase, den er sich vor Jahren bei einer Plünderung zugezogen hat, als eine Köchin mit einer Bratpfanne auf ihn losgegangen ist und ihm damit die Nase gebrochen hat. Diese Schande, von einer Frau verdroschen zu werden, war ihm ewig ein Dorn im Auge. Ein Grund für uns, ihn immer wieder damit aufzuziehen. Seitdem wissen wir wenigstens, wer Schildin ist und wer Smuir.
   Auch Amuard gönnt sich eine Pause und gähnt vor sich hin. Ich steige vom Pferd, eine kurze Pause schadet uns allen nicht. Gelangweilt sehen wir das Szenario im Käfig mit an, bis Buh endlich sein Ziel erreicht.
   Ich zucke zusammen, als das Mädchen, das ich gefangen habe, blitzartig einen weißen langen Stofffetzen unter sich hervorzieht, ihn lang zieht und von hinten an Buhs Kehle drückt, dass er sogleich würgende Laute von sich gibt.
   Schnell luchst sie ihm sein Messer ab. Ich bin perplex und wie gelähmt. Aber nicht nur ich. Kuno reagiert zwar viel schneller als der Rest von uns, doch eine kräftige Frau knallt ihm mit voller Wucht die Tür ins Gesicht. So heftig, dass die Gitterstäbe wohl Abdrücke auf seiner Haut hinterlassen werden. Sie rennt, gleich gefolgt von all den anderen Gefangenen, um ihr Leben. Jede in eine andere Richtung. Ich schrecke hoch, bin allerdings völlig planlos. Sogar die Pferde drehen wiehernd durch, treten von einem Huf auf den anderen.
   »Alles klar bei dir, Buh?« Ich bin besorgt, doch der Angriff auf ihn ist glimpflich ausgegangen. Außer einem Hustenanfall ist ihm nichts geblieben.
   »Worauf wartet ihr? Fangt sie wieder ein, ihr Trottel«, schreit uns Kuno aufgebracht an.
   Wir haben nicht mit einem Ausbruch gerechnet, das ist uns noch nie passiert. Somit sind sie im Vorteil. So wie wir sie im Dorf überwältigt haben, haben sie uns überwältigt. Dennoch sind sie dumm. Sie wissen hoffentlich, dass sie gegen uns keine Chance haben? Amuard und Barath stürmen nach links, währen sich Schildin und Smuir die rechte Seite vornehmen. Ich renne geradeaus. Der Rest der Bande steht wie angewurzelt da.
   »Halt!«
   »Stopp!«
   Die Rufe einiger Gesetzlosen sind genauso abwegig, wie dieses unnötige Katz- und Mausspiel.
   Doch ein schlaksiges Mädchen ist zu meiner Verwunderung so flink und wendig, dass sie es schafft, Amuard gekonnt im Zickzack seine Axt zu klauen. Er will ihr sogleich hinterher, aber sie ist viel schneller und entschlüpft in ein Gebüsch.
   Langsam geht einigen der Männer die Puste aus, und sie springen auf ihre Pferde. Andere sind schon vorher losgeritten, wissen offensichtlich nicht, wem genau sie folgen sollen, und so passiert es, dass drei Reiter dem rothaarigen Mädchen folgen, das vor einer Sekunde noch tot geglaubt im Käfig gelegen ist, und mehrere Frauen keinen Verfolger haben und sogleich im Dickicht verschwinden.
   Der Rest läuft herum wie aufgescheuchte Hühner und wir wie zermarterte Füchse hinter ihnen her. Während unserer erfolglosen Jagd wird mir etwas bewusst. Sie sind nicht so dumm, wie wir dachten. Einige werden die Flucht schaffen, weil wir einfach kein brauchbares Verfolgungssystem aufweisen.
   Ich bin in diesem Moment der Einzige, der genau weiß, wem er folgen muss, doch sie ist schnell. Ich habe nicht mal mehr Zeit, mich auf mein Pferd zu hieven.

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