Die Schule ist zu Ende, für immer. Endlich Freiheit! Den ersten Tag in ihrem neuen Leben verbringt Mia lesend in der Hängematte. Genau so hatte sie sich das vorgestellt. Doch schneller, als sie denken kann, werden ihre Pläne über den Haufen geworfen. Ungewollt landet sie von einer Sekunde auf die andere in einer ihr unbekannten Welt. Alles ist neu und verwirrend, und nicht nur der gut aussehende Pat bringt sie völlig aus dem Konzept, sondern auch eine Vorsehung, die ihr eine wichtige Rolle in diesem magischen Land zuschreibt. Ob Mia will oder nicht, es ist der Beginn eines großen Abenteuers. Mia über ihr Abenteuer: »Wenn ich gewusst hätte, was mich diesen Sommer erwartet, hätte ich meine Hängematte im Garten überhaupt verlassen?« Mia lacht auf. »Es wäre mir sicher schwergefallen, es ist einfach der beste Platz überhaupt. Aber, o mein Gott, ich hätte Membra nie getroffen und wäre niemals in das Abenteuer in dieser abgedrehten Welt reingezogen worden. Das ist wohl kaum zu toppen, oder?« Mia blickt aus dem Fenster und lächelt. »Und ich hätte wohl niemals ihn kennengelernt.«

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ISBN: 978-9963-53-677-1

Seiten: 524

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Katie Duchesse

Katie Duchesse
Katie Duchesse findet seit sie Lesen kann, dass es nichts Schöneres gibt, als sich in Geschichten zu verlieren. Sie wurde 1976 geboren, hat einige Jahre ihrer Kindheit in England verbracht und lebt heute mit ihrer Familie in München. Eines begleitet sie schon ihr Leben lang: die Liebe zu Geschichten aller Art, zu Büchern und Filmen. Ihre Arbeit im Marketing eines Filmverleihs bringt es mit sich, dass sie sich tagtäglich mit neuen, außergewöhnlichen und fantastischen Geschichten beschäftigen darf. Lesen und Schreiben sind ihre größten Leidenschaften. Deshalb liegt ihr Schreiben so sehr am Herzen. Ihr Buch ist ihr Beitrag zu den Geschichten dieser Welt.

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Letzter Tag zu Hause

Im Garten war es ziemlich still. Nur die kleinen Vögel in den Zweigen der großen Eiche zwitscherten hin und wieder leise. Ich blieb einen Moment auf der Terrasse stehen und schloss die Augen, um den Geräuschen zu lauschen. Der Wind fuhr sanft rauschend durch die hochstehenden Gräser. Irgendwo unten am Teich war ein Frosch zu hören, und etwas raschelte unter dem Holz der Terrassendielen. Ich atmete tief ein. Es roch nach frisch gemähtem Gras und nach Sommer. Und obwohl die Sonne schon warm auf meiner Haut zu spüren war, bekam ich Gänsehaut. Spontan warf ich meine Arme in die Luft und stieß einen lauten Schrei der Freude aus. Die schönste Zeit meines Lebens begann genau jetzt. Da war ich mir sicher.
   Die Schule war zu Ende. Endlich. Kaum zu glauben, die Prüfungen waren vorüber, die Verleihung der Zeugnisse und die offizielle Entlassung aus der Schule auch. Für mich bedeutete das Freiheit. Endlich konnte ich tun und lassen, was ich wollte.
   Ich war allein. Meine Mutter war einkaufen oder in ihrem Restaurant und mein Vater bei einem wichtigen Kunden. Mein Bruder verbrachte seine Ferien in irgendeinem Camp für Supersportler und solche, die es werden wollten. Ich war gern allein zu Hause und genoss die Ruhe. Im Gegensatz zu mir hatten meine Eltern einen großen Freundeskreis und liebten es, abends zu grillen oder Freunde zu Kaffee und Kuchen, auf ein Glas Wein und zum Essen einzuladen.
   Seit ich denken konnte, war bei mir zu Hause immer Trubel gewesen. Manchmal mochte ich es sogar. Jetzt, in den Ferien, freute ich mich auf die Tage allein zu Hause. Am Nachmittag und Abend würden wieder Freunde meiner Eltern eintrudeln, sie schauten einfach vorbei oder wurden eingeladen. Wenn mir alles zu viel wurde, konnte ich zum Glück immer zu meiner Großmutter Ylka flüchten.
   Verträumt ließ ich den Blick über unseren Garten streifen. Er war groß und erstreckte sich hangabfallend hinunter bis zum Wald. Dort unter den ersten Bäumen, zwei alten Eichen, hing meine Hängematte aus weichem, aber festen Stoff, in der ich stundenlang liegen konnte, um zu lesen, zu dösen oder einfach nur in die Bäume und den Himmel zu schauen. An meinem Lieblingsort faulenzen, das war auch heute mein erstes Ziel. Mit einer Flasche Wasser und einem neuen Buch ging ich über den Rasen, den kleinen Weg am Bach entlang. Einige Sträucher säumten das Wasser. Ich legte mich in die Hängematte und ließ mich eine Weile hin und her schaukeln und meine Gedanken einfach treiben.
   »Mia!«
   Ich schreckte auf, versuchte mich hinzusetzen und wäre dabei beinahe aus der Hängematte gefallen. Ich musste eingeschlafen sein. Das Buch lag am Boden im Gras.
   »Mia! Wo bist du, komm hilf mir beim Essen machen.«
   Meine Mutter rief von der Terrasse aus nach mir. Ich konnte sehen, dass sie die Augen geschlossen hatte und das Gesicht in die Sonne hielt. Sie liebte die Sonne und betonte immer wieder, dass sie die Sonnenstrahlen auf ihrer Haut brauchte wie die Luft zum Atmen. Um Sonnenbrand brauchte sie sich keine Sorgen machen, denn ihre Haut hatte einen natürlich olivfarbenen Ton und war unempfindlich. Die schwarzen langen Haare fielen ihr glatt und weich bis weit über die Schultern. Mit ihrer schmalen, hochgewachsenen Figur, in dem kurzen Jeansrock und dem verwaschenen T-Shirt sah sie auf diese Entfernung viel jünger aus, als sie in Wirklichkeit war. Auch für ihre jugendliche Erscheinung machte meine Mutter die Sonne verantwortlich.
   »Mam, ich bin in der Hängematte, ich komme gleich«, rief ich noch ein bisschen benommen. Das Buch war gut, und ich wäre am liebsten noch ein bisschen liegen geblieben, um zu lesen. Aber mir blieb in den nächsten Wochen noch so viel Zeit.
   Also stand ich auf und streckte mich. Meine Glieder waren völlig steif. Die Sonne stand mittlerweile senkrecht am Himmel. Ich hatte lange geschlafen. Unweigerlich musste ich grinsen. Das Leben war schön, wenn man sich einfach treiben lassen konnte. Langsam ging ich den Weg hinauf zurück zum Haus. Ich blieb stehen und pflückte eine Ringelblume, meine Lieblingsblume, die ich mir ins lockige Haar steckte.
   Auf der Veranda angekommen, betrat ich durch die Terrassentür die Küche. Den Lieblingsort meiner Mutter. Unsere Designerküche war modern und stylisch und vor allem besser ausgestattet als jede andere Küche, die ich jemals gesehen hatte. Meine Mutter hatte sich bereits in ihre Kochschürze geworfen und schnippelte gerade Zwiebeln.
   »Hilfst du mir? Ich möchte Spaghetti mit dieser fantastischen neuen Soßenkreation machen.«
   Sie grinste mich an. Etwa jeden zweiten Tag probierte sie ein neues Rezept aus oder veränderte eines ihrer bestehenden Rezepte, sie liebte es, zu kochen. Auf der Anrichte stand eine große Schüssel mit passierten Tomaten. Es würde wohl Spaghetti mit einer speziellen Tomatensoße geben. Das passte mir gut, denn Nudeln waren eines von meinen Lieblingsgerichten. Meine Mutter fing nun an, Knoblauch zu schälen, weshalb ich angewidert das Gesicht verzog. Ich konnte mich mit diesem Geruch einfach nicht anfreunden, obwohl ich fand, dass Knoblauch gut schmeckte – im fertigen Essen.
   Im Flur neben der Küche klingelte das Telefon. Schnell kippte meine Mutter die Zwiebeln und den Knoblauch in eine heiße Pfanne mit Öl, wischte sich die Hände an der Schürze ab und machte mir ein Handzeichen, die Pfanne zu beaufsichtigen, damit nichts anbrannte. »Und diesmal aufpassen, mein Kleines, nicht wieder irgendwohin träumen und alles vergessen.« Sie gab mir einen Kuss auf den Kopf, was nicht schwer war, denn ich bin ein gutes Stück kleiner als sie, und schon verschwand sie zum Telefon.
   Es war selten, dass ich beim Kochen helfen sollte, denn als hauptberufliche Köchin im eigenen Restaurant und mit einer in dieser Richtung völlig unbegabten Tochter ließ meine Mutter zu Hause niemanden an ihren Herd. Sie hatte eine ganze Zeit lang versucht, mir das Kochen näherzubringen, aber es schien mir nicht im Blut zu liegen. Ich hatte kein Gefühl dafür, keine Vorstellung, was zusammenpasste, und es machte mir auch keinen Spaß, ganz im Gegensatz zum Essen an sich. Irgendwann hatte meine Mutter es aufgegeben, ein verborgenes Kochtalent in mir zu wecken zu wollen. Mein Bruder zeigte da zum Glück mehr Begabung. Ich wollte sie aber keinesfalls enttäuschen oder ihr Essen verderben, denn ich hatte große Achtung vor ihrem Können und ihrer Leidenschaft. Vor allem, da ich selbst kein besonderes Talent für irgendetwas hatte. Also rührte ich besonders gewissenhaft in der Pfanne und stellte das Gas schließlich etwas niedriger, der Knoblauch begann bräunlich zu werden. Meine Mutter kam mit hektischer Betriebsamkeit zurück in die Küche und hielt mir wortlos das Telefon hin.
   »Hallo, hier Mia, wer ist denn dran?« Schnell ging ich durch die Terrassentür nach draußen, denn jetzt war die beste Gelegenheit, aus der Küche zu verschwinden.
   »Hat sie dich wieder in der Küche eingespannt? Sie gibt wohl nie auf.«
   Es war Großmutter Ylka. Sie war mindestens sechs Monate im Jahr mit ihrer Freundin auf Reisen und endlich mal wieder zu Hause.
   »Kannst du den Tag morgen freihalten, Mia? Komm mich besuchen. Aber ohne Philly«, bat sie mich. »Du hast doch sowieso nichts vor.«
   Das bedeutete aber nicht, dass man mich verplanen durfte. Ich seufzte.
   »Ich habe eine wichtige Aufgabe für dich«, ließ sie nicht locker.
   »So wichtig, dass ich dir etwas von meiner neugewonnen, unverplanten Zeit opfern soll?«, erwiderte ich.
   »Du bist bereit, ein wenig Verantwortung zu übernehmen.«
   »Das klingt nach Arbeit.«
   Großmutter lachte, ihr Lachen war ansteckend. Immer. Sie gluckste wunderbar dabei. Natürlich sagte ich zu.
   »Kannst du mir einen Gefallen tun, Kleines? Ich habe dich schon um so viele verrückte Gefallen gebeten, und du hast mir bisher alle erfüllt.«
   »Klar, Oma, was willst du?«
   »Bitte nimm einen Zettel.«
   Ich ging durch die andere Terrassentür ins Wohnzimmer zum Sekretär meines Vaters, auf dem immer ein Notizblock lag. Auf die erste Seite des Notizblocks hatte mein Vater ein großes Herz gemalt und den Namen meiner Mutter hineingeschrieben. Typisch für ihn. Ich blätterte um und nahm den Zettel darunter.
   »Also, was soll ich mir aufschreiben?«
   »Schreib Folgendes: Es ist so weit. Erwartet mich, ich komme. Dann unterschreibe mit deinem Vor- und Nachnamen.«
   »Äh, Oma, ist das wieder für deine Theatergruppe? Schreibst du ein neues Stück?«
   Großmutter war kreativ und benutzte die seltsamsten Methoden, um neue Ideen zu entwickeln oder deren Wirkung auf andere zu testen.
   »Ja, so ähnlich. Es ist mehr eine Art Nachricht an eine andere Welt.« Sie räusperte sich. »Geh zu dem großen Findling am Ende eures Gartens. In der Höhle seitlich liegt eine Muschel, erinnerst du dich? Darunter deponierst du ihn. Aber erst gegen neun Uhr abends. Ich weiß, das klingt ziemlich absonderlich, aber sieh es einfach als einen meiner Postwege, um jemanden an etwas zu erinnern.«
   »Ein Brief ins Jenseits?« Ich versuchte, meine Stimme düster und mysteriös klingen zu lassen. »Ist das ein Thema deines neuen Stückes?« Ich musste grinsen. »Bin gespannt, ob du eine Antwort erhältst.«
   »Lach du nur, es gibt mehr da draußen, als du denkst. Aber das wirst du nie entdecken, wenn du deine Nase immer nur in Bücher steckst und nicht über den Tellerrand reckst.«
   Jetzt fing sie schon wieder damit an. »Eine Reise ins Jenseits habe ich so schnell noch nicht vor.« Einen leicht genervten Unterton konnte ich nicht unterdrücken.
   »Bald erfährst du mehr«, sagte sie versöhnlich, und ich freute mich darauf, sie zu sehen. »Heute ist hier bei mir ein bisschen viel los. Versprichst du mir, dass du den Zettel hinlegst? Und das bleibt unter uns, ja? Es reicht, wenn du mich für nicht ganz zurechnungsfähig hältst. Sonst stecken mich deine Eltern schnellstmöglich in die nächste Anstalt.« Sie lachte herzlich und gluckste wieder dabei.
   Im Hintergrund hörte ich jemanden in einer fremdartigen Sprache nach ihr rufen, es klang unfreundlich, aber fremde Sprachen waren manchmal schwer einzuschätzen.
   »Gut, Schätzchen, wir sehen uns bald. Sei mutig und ganz du selbst. Du schaffst das.« Schon hatte sie aufgelegt.
   Schön, dass sie so viel Vertrauen in mich hatte, dass ich den Zettel an den richtigen Ort legen würde. Ich schüttelte den Kopf. Halbherzig versicherte ich mich, dass meine Mutter mich nicht mehr in der Küche brauchte, steckte den Zettel in die Tasche meines Kleides und ging nach draußen in den Garten.
   Nach dem Mittagessen saß ich mit meinem Vater am großen Tisch auf unserer Terrasse. Er schob eine Tasse frisch gebrühten Espressos zu mir.
   »Lass mich wissen, was du denkst.«
   Ich teilte die dünne haselnussbraune Schicht mit dem kleinen Löffel. Als ich den Löffel aus der Tasse nahm, schnellte sie zurück.
   »Sehr schöne Crema«, sagte ich fachmännisch, ohne aufzublicken. Ich hob die Tasse an die Nase. »Leicht nussige Note … Ich rieche frisches Brot.« Dann nahm ich einen Schluck. »Leichter Säuregehalt, sehr ausgewogen. Ist das eine neue Sorte?«
   Mein Vater blickte mich stolz an. Er hatte mich mit seiner Leidenschaft für Kaffee schon früh angesteckt und brannte immer darauf, Neuentdeckungen mit mir zu teilen.
   »Das ist meine Mia!« Er lachte begeistert. »Ich habe eine regionale Rösterei entdeckt, die bereit ist, mit mir eine neue Röstung auf den Markt zu bringen. Meine Komposition ist so perfekt wie du, meine Kleine.«
   »Du kannst mich ja am Umsatz beteiligen«, gab ich frech zurück.
   »Kannst du jederzeit haben. Dann erwarte ich aber auch intensiven Einsatz. Willst du mich nicht doch diesen Sommer bei der Arbeit begleiten und einsteigen, wenn es dir gefällt?«
   Das war der Traum meines Vaters. Er hoffte, dass seine Kinder in sein Geschäft einstiegen und mit der gleichen Leidenschaft Kaffee und alles, was dazugehörte, verkauften. Seine Leidenschaft für Kaffee teilte ich schon, aber ich konnte mir leider nicht vorstellen, mein Leben damit zu verbringen, durch die Welt zu reisen und neue Kaffeesorten zu entdecken oder mit Röstereien Verträge zu schließen.
   »Ich habe dich lieb, Papa.« Ich drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. »Aber das überlasse ich lieber dir und meinem Bruder. Das macht mehr Sinn, wenn es um Geld geht.«
   »Du willst der Menschheit deine Verkaufskünste und den besten Kaffee vorenthalten?«, zog er mich auf.
   »Ich finde sicher eine bessere Möglichkeit, den Menschen irgendwas Gutes zu tun.«
   »Hast du dich endlich für diesen Kurs zur Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium angemeldet?«
   Genervt lehnte ich mich im Stuhl zurück. »Es sind noch acht Wochen Zeit für die Anmeldung. Lass mich doch mal kurz durchatmen.«
   Seit einer Ewigkeit lagen meine Eltern mir damit in den Ohren. Nicht zu wissen, wie es in meinem Leben weiterging, schien für sie unerträglich.
   »Du hast recht. Ich wusste auch nicht gleich, was ich will.«
   Fragend sah ich meinen Vater an.
   »Als ich so alt war wie du, lernte ich deine Mutter kennen. Sie brachte mein Leben ganz schön durcheinander, und ich musste mich erst mal auf etwas Anderes konzentrieren. Dabei habe ich herausgefunden, wo meine Gabe liegt.«
   Es war schwer vorstellbar, dass mein Vater einmal nicht gewusst hatte, was er will. »Und wie hast du sie entdeckt, deine Gabe?« Wer hatte schon eine Gabe!
   »Ich hatte Hilfe, und als sie sich eines Tages zeigte, wusste ich, dass sie mein Geschenk ist.«
   »Du hast deine große Nase als Geschenk angenommen?«
   Er lachte auf. »Hätte mir nur jemand als Teenager gesagt, dass ich mal Vorteile aus meinem riesigen Rüssel ziehen würde, wäre mir viel Selbstzweifel erspart geblieben.« Er sah mich liebevoll an. »Du wirst sie auch noch entdecken, deine Gabe.«
   »Sorry, das hier ist eine talentfreie Zone. Aber es ist schön, dass du trotzdem an mich glaubst.«
   Einen Moment sah es so aus, als wollte er mir widersprechen, besann sich jedoch anders. »Du machst alles richtig. Genieß den Sommer. Sei glücklich. Der Rest kommt von allein.«
   Den Nachmittag verbrachte ich wieder in der schattigen Hängematte, las und hing meinen Gedanken nach. Was würde die Zukunft wohl bringen? Die Ungewissheit erfüllte mich kurz mit Unbehagen, das Gefühl verschwand aber auch schnell wieder.
   Ich hatte ein Abitur mit einem mittelmäßigen Abschluss hingelegt. Mir fehle es an dem nötigen Ehrgeiz und einem entsprechenden Ziel vor Augen, waren die Worte meines Lehrers in der Schule gewesen. Vielleicht hatte er recht. Es gab etwas, das ich mir durchaus wünschte. Ich wollte gern Medizin studieren. Es schien mir aber unerreichbar bei den gegenwärtigen Zulassungsbestimmungen an den Unis. Da mein Abschluss bei Weitem nicht gut genug war, um direkt zum Studium zugelassen zu werden, würde ich um die Aufnahmeprüfung nicht herumkommen. Dafür gab es einen anspruchsvollen Vorbereitungskurs, der aber erst in einem halben Jahr starten würde. Mir standen einige Monate bevor, in denen ich einfach mal machen würde, was ich wollte. Und das war in erster Linie, nichts zu tun und vor allem so viel zu lesen, wie ich konnte.
   Meine Eltern hatten auf mich eingeredet, wenigstens ein Praktikum zu machen oder andere Vorbereitungskurse für die Uni zu belegen. Nachdem ich mich nicht hatte festnageln lassen wollen, setzten sie sich die Idee in den Kopf, dass ich eine Reise machen sollte. Ich könne ja nicht nur zu Hause herumsitzen! Ich solle die Zeit nutzen und die Welt entdecken. Um die finanzielle Seite müsse ich mir keine Sorgen machen. Schließlich würde ich auf solch einer Reise auch fürs Leben lernen. Sehr überzeugende Argumente, wie sie fanden, ganz im Gegensatz zu mir.
   Nach langen Diskussionen hatte ich, zu meiner Überraschung, am Ende doch meine Mutter auf meiner Seite. Zur großen Freiheit und dem Erwachsenwerden gehöre ja auch, selbst herauszufinden, was man wolle, stimmte sie mir zu. Vielleicht sei ich einfach nicht dazu gemacht, die Welt zu erobern, sondern meine Stärke läge darin, mir selbst genug zu sein. Trotzdem konnte sie es nicht lassen und fügte hinzu, sie wünsche sich, dass ich mal ausbrechen und die Zeit nutzen würde, um irgendetwas Verrücktes zu machen, etwas, das ich nie wieder vergessen würde. Typisch meine Mutter!
   Ich musste schmunzeln, als ich noch einmal über unser Gespräch nachdachte. Es war manchmal fast unglaublich, dass ich das Kind dieser Eltern war, so unterschiedlich waren unsere Charaktere. Nichts von ihrem leidenschaftlichen Temperament schien sich auf mich übertragen zu haben. Dennoch waren sie die besten Eltern, die man sich vorstellen konnte. Und schließlich ließen sie mir am Ende meinen Willen. Ich durfte in den nächsten Wochen einfach in den Tag hineinleben und herausfinden und selbst entscheiden, was ich mit meinem Leben anfangen wollte.
   Mein bester Freund Philly würde die nächsten Monate ebenfalls freihaben. Er hatte für den Herbst einen Studienplatz an einer tollen Universität bekommen, würde sich aber mit mir noch ein wenig die Zeit vertreiben. Philly war das genaue Gegenteil von mir. Er war gesellig, in der Schule beliebt, Kapitän der Fußballmannschaft und, nicht zu vergessen, gut aussehend. Was uns verband, war unsere gemeinsame Leidenschaft für Bücher. Er musste sich von seinen Fußballfreunden ständig gefallen lassen, dass sie ihn aufzogen, weil er selten kein Buch in der Hand hatte. Wir waren Büchernerds. Gab es so was wie eine Lesesucht?
   Philly war in den Augen meines Vaters schon erwachsen und vernünftig, in den Augen meiner Mutter cool und genau richtig, um auf ihre kleine Mia aufzupassen und sie aus ihrem Schneckenhaus zu locken.
   Meine beste Freundin Carolin war die nächsten sechs Wochen in Amerika, unterwegs mit ihren Kumpels. Und da Philly und ich noch keinen konkreten Plan für die nächsten Monate hatten, würden wir erst mal, wie im letzten Sommer auch, das Leben genießen, baden gehen, Ausflüge mit dem Fahrrad in die Umgebung machen, oft Großmutter besuchen und bei ihr übernachten, Eis essen und viel Lesen.
   Caro und Philly rissen mich mit ihrer lebhaften Art ab und an ins wirkliche Leben mit und zerrten mich zu Festen und Partys, was mir manchmal sogar auch Spaß machte. Vor Caros Abreise hatte sie versucht, mich zu überreden, mit ihr zu kommen, um New York, San Francisco und New Orleans zu erobern. Die Nächte durchzutanzen und unbekannte, vielleicht auch ein wenig gefährliche Ecken der Großstädte zu entdecken. Das klang überhaupt nicht verlockend für mich.
   »Komm, lass uns eine Weltreise machen. Wir trampen, jobben, um zu leben, und machen nur da Halt, wo es uns gefällt«, hatte auch Philly versucht, mich zu locken.
   Meine Freunde waren mein Anker in die Außenwelt, und sie garantierten, dass ich mich nicht vollständig verkriechen konnte, das wusste ich durchaus.
   »Vielleicht versuchen wir es eine Nummer kleiner und starten von hier in die nächste größere Stadt?«, lenkte ich vorsichtig ein und erntete ein Augenrollen von ihm.
   Philly las zwar genauso gern wie ich, allerdings hielt ihn das nicht davon ab, die Welt zu entdecken. Wir kannten uns schon, seit wir klein waren. Und da seine Eltern wenig Zeit für ihre Kinder hatten, war Philly sozusagen bei uns aufgewachsen. Er gehörte fest zu unserer Familie. Auch wenn wir uns unterschiedlich entwickelt hatten und uns nicht in den gleichen Kreisen bewegten, verband uns eine lange Freundschaft. Wir hatten schon so viel zusammen durchgemacht, Geheimnisse geteilt und gewahrt, das schweißte uns zusammen.
   Über mir zogen die Schäfchenwolken dahin, während ich in der Hängematte schaukelte. Es war ein heißer Tag, selbst im Schatten. Am diesigen Horizont konnte man die Berge erkennen. Ich schloss für einen Moment die Augen und atmete völlig zufrieden tief ein. Dies hier war mein persönliches Glück, mehr brauchte ich nicht im Leben. So war alles perfekt. Also schlug ich mein Buch auf, eine Geschichte, die in meiner spanischen Lieblingsstadt spielte, und obwohl ich es schon mehrmals gelesen hatte, war ich bereits nach Sekunden gefangen in der Welt der Buchstaben. Bis Philly kam.
   Ohne Eile schlenderte er mir über die Wiese entgegen und grinste mich an. Er trug ein Hawaiihemd zu Shorts mit Flipflops. Seine dunklen Haare waren zerzaust, als wäre er eben aus dem Bett gestiegen und dennoch perfekt gestylt. Ich winkte ihm aus meiner Hängematte zu und gab ein kurzes Dankesgebet ab, dass sich dieser Mensch nicht nach jahrelanger Freundschaft von mir abgewandt hatte, um nur noch mit den Cheerleadern und seinen Fußballkumpels abzuhängen.
   Philly war bei mir angekommen, und ich rutschte in meiner Hängematte umständlich ein Stück zur Seite, damit er sich neben mich legen konnte.
   Er war mindestens zwei Köpfe größer als ich, und im Gegensatz zu mir bestand er wahrscheinlich zu neunundneunzig Prozent aus Muskeln. Die Hängematte sackte ein ganzes Stück nach unten. Wir lagen eng nebeneinander und Philly gab ihr einen Schubs, sodass sie zu schaukeln begann. Eine Wolke seines Parfüms hüllte mich ein, nicht aufdringlich, sondern einladend. Vor einigen Jahren war ich ziemlich verliebt in ihn gewesen. Zum Glück hatte er nichts davon bemerkt, und ich es geschafft, mir diese Gefühle wieder auszureden. Oder zumindest weitestgehend zu unterdrücken.
   »Du riechst gut.« Ich drückte ihm einen Kuss auf die Wange und seufzte.
   »Ich habe heute trainiert, und danach war es angebracht, sich mal wieder zu waschen.« Er grinste mich an. »Was hast du gemacht?«
   »Nichts.« Versonnen sah ich ihn an.
   »Übertreib’s mal nicht. Du könntest mich morgen zum Training begleiten. Wir könnten deinen Po in Form bringen. Die Hängematte hat eine ziemliche Ausbuchtung nach unten, wenn du da drin liegst.«
   Ich schnaubte empört. Wenn ich eines hasste, dann Sport. Es gab noch ganz angenehme Möglichkeiten, sich sportlich und gemächlich zu bewegen, wie Radfahren, aber definitiv nicht im Fitnessstudio. Sport in Maßen war sicherlich gesund, aber ein paar Kurven konnten auch was Schönes sein. Ich hatte eine durchaus normale Beziehung zu meinem Körper und war zufrieden mit dem, was ich bekommen hatte. Beziehungsweise hatte ich einfach akzeptiert, dass ich durch und durch durchschnittlich aussah, was sich auch nicht durch ein bisschen Sport verändern würde. Ich fand mich völlig in Ordnung, wie ich war.
   »Vergiss es! Aber wir können morgen zusammen zum See fahren, wenn du Lust hast. Und danach zu meiner Großmutter. Sie wollte mir etwas Wichtiges sagen, ohne dich. Also musst du dabei sein! Während ich die Straße benutze, kannst du mit deinem Mountainbike die Hügel rechts und links davon in Angriff nehmen. So kommst du auch zu deinem Training.«
   Das letzte Mal, als wir zum See gefahren waren, hatte er, während ich in gemächlichem Tempo unterwegs war, die Strecke mehrfach durch Fahrten abseits des Weges zurückgelegt.
   »Das klingt hervorragend.« Seine braunen Augen mit den langen Wimpern strahlten.
   »Triffst du dich heute noch mit Jolie?«
   Eine meiner Locken hatte sich auf seine Brust verirrt. Er nahm sie zwischen die Finger und spielte damit.
   »Später, sie will zu einer dieser Vollmondpartys. Kommst du mit?«
   »Da würde sie sich sicher freuen.«
   Philly war seit ungefähr zwei Monaten mit Jolie zusammen, und sie tat sich etwas schwer mit mir. Das konnte ich ihr nicht verdenken. Philly hatte ihr klargemacht, dass er den Großteil dieses Sommers mit mir verbringen und nicht mit ihr in den Süden reisen würde. Natürlich lag das auch daran, dass er kein Geld hatte. Aber er hatte zudem keine große Lust, drei Wochen nur am Strand mit Shopping und Partys zu verbringen. Sightseeing und Buchstaben waren nicht so Jolies Ding. Manchmal fragte ich mich, was er an Jolie fand. Aber natürlich hatten sie auch viel gemeinsam. Jolie war wunderschön, hatte glänzendes, langes, blondes Haar. Sie war eines dieser Mädchen, die man unweigerlich ansehen musste, wenn sie den Raum betraten. Außerdem war sie sportlich, sie liebte Fitnesscenter. Gesellig, freundlich und anderen gegenüber aufgeschlossen war sie auch noch. Das machte sie wahnsinnig sympathisch.
   »Weiß sie, dass du hier bist?«
   »Klar, es gibt keinen Grund, das zu verschweigen. Und weißt du, was sie gesagt hat?«
   Fragend sah ich zu ihm herüber.
   »Sie und ich würden keine Beziehung führen, sondern mehr eine Affäre haben. Nachdem ich mit dir fast verheiratet wäre, hätte ich mich ja klar für eine Seite entschieden.«
   »Sie ist eifersüchtig auf mich? Armes Ding.« Das war mir ein wenig unangenehm. Und ob ich wollte oder nicht, freute es mich auch ein wenig. »Vielleicht sollte ich heute Abend doch mitkommen und du solltest mal demonstrieren, für wen dein Herz schlägt. Ich denke, es wird Zeit für einen Liebesbeweis!«
   Es war förmlich zu sehen, wie er sich innerlich wand. Typisch Philly! Ich versuchte, ihn mit meinem Ellenbogen in die Seite zu stoßen, was in der Hängematte aber recht schwierig war.
   Wir waren nicht zum ersten Mal an diesem Punkt. Philly hatte mehrfach Freundinnen gehabt in den letzten Jahren, fast alle hatten sich an mir gestört und ich rechnete stets damit, das Feld als beste Freundin räumen zu müssen, sobald Philly mir signalisierte, dass er die Richtige gefunden hatte.
   »Jolie will dir ein paar Freunde von sich vorstellen. Echt nette Kerle. Sie meinte, du bräuchtest auch mal einen Mann an deiner Seite. Und vielleicht hat sie nicht unrecht.«
   Genervt rollte ich mit den Augen. »Du weißt, dass ich nichts davon halte, mich mit einem ihrer Zac-Efron-look-a-likes verkuppeln zu lassen. Oder eines dieser peinlichen Dates durchzustehen, bei denen vorher klar ist, dass sie Jolie nur einen Gefallen tun. So funktioniert das nicht. Irgendwann läuft mir der Richtige schon über den Weg, und dann weiß ich, dass er es ist. Bis dahin bleibe ich entspannt.«
   Ich sah absichtlich nicht zu ihm hin. Nicht schon wieder! Alle paar Wochen kamen wir auf dieses Thema, und natürlich hatte er mich ein paar Mal überredet, mich mit einem seiner Kumpels zu treffen. Aber das war jedes Mal eine Katastrophe gewesen. Und natürlich war ich daran nicht unschuldig gewesen. Das war mir klar.
   »Außerdem habe ich ja einen Fast-Ehemann und brauche keine Affäre.«
   Seine Augen blitzten belustigt auf. »Gut, dass Jolie das nicht gehört hat.« Er kniff mich in die Nase. »Du hast noch mehr Sommersprossen bekommen. Dein Gesicht ist zerschossen von Sommersprossen.«
   »Wie sieht es aus, hast du dir schon etwas überlegt, wie du Jolie zeigen willst, dass sie die Dame deines Herzens ist?« Ich grinste ihn boshaft an.
   In diesem Moment rettete ihn meine Mutter. Sie rief uns, mit der Bitte, ihr zu helfen, den Tisch für den Abend zu decken. Sie erwartete einige Gäste und wollte ein Barbecue machen. Philly sprang so schnell aus der Hängematte, dass ich beinahe auf dem Boden gelandet wäre. Während ich umständlich herauskletterte, war er schon auf halbem Weg nach oben über den Rasen und drehte sich nur kurz noch mal um, damit ich sein schelmisches Grinsen sehen konnte. Ich konnte nicht anders und musste lachen, als ich hinter ihm herrannte.
   Philly fühlte sich bei uns wie zu Hause. Für meine Eltern war er über die Jahre zu einer Art zweitem Sohn geworden, und nachdem er so viel Zeit bei uns verbrachte, wurden ihm genau die gleichen Pflichten auferlegt wie den eigenen Kindern. Vor allem, da mein Bruder gerade nicht greifbar war. Philly störte sich nicht daran, sondern fand es selbstverständlich. Bei ihm zu Hause standen die Dinge anders, seine Eltern arbeiteten viel und hart, waren selten zu Hause und die Kinder mussten schon früh selbstständig werden. Ich kann mich nicht erinnern, dass er auch nur einmal von einem gemeinsamen Essen erzählt hatte.
   Meine Mutter ließ uns den großen Tisch decken, allerlei andere Dinge vorbereiten und Philly die Lampions im Garten aufhängen. Schon kurz darauf trudelten die Gäste ein, alles Freunde meiner Eltern. Kunden, Künstler und Nachbarn. Als es allmählich dunkel wurde, entzündete Philly die Lampions und die Grillen um uns herum in den Wiesen begannen zu zirpen. Die Stimmung war entspannt, und Philly und ich saßen auf unserem Lieblingsplatz auf der Hollywoodschaukel, die Bäuche vollgeschlagen mit leckerem Essen. Er hatte seinen Arm um meine Schultern gelegt, ich kuschelte mich an ihn und lauschte den Gesprächen. Genauso liebte ich das Leben.
   Philly gab mir einen Kuss auf meine Haare.
   »Kleines, wenn ich nicht noch größeren Ärger kriegen will, muss ich jetzt los.«
   Ich seufzte. Es war gerade so gemütlich und ich wollte nicht, dass er ging. Aber ich durfte seinem Glück nicht im Wege stehen.
   »Ich bringe dich raus«, sagte ich, während ich mich erhob. Ich fröstelte, denn es wurde langsam kalt.
   »Du kommst nicht mit zur Party?« Seine Stimme klang ein wenig enttäuscht.
   »Sei mir nicht böse, ich bin gerade herrlich müde, und mir ist nicht nach Partylärm.«
   Philly grüßte alle zum Abschied und meine Mutter erhob sich, drückte ihn und gab ihm einen Kuss. Ich konnte sehen, wie sehr er das genoss. Dafür liebte ich meine Mutter.
   Auf dem Weg durchs Haus zur Eingangstür schnappte ich mir meinen Kapuzenpulli und zog ihn über. Am Gartentor hatte er sein Fahrrad abgestellt, doch bevor er aufstieg, zeigte er nach oben. Mir entfuhr ein Laut der Begeisterung. Der Vollmond stand groß und gelb am Himmel, um ihn herum funkelten Tausende Sterne. Ich drückte Phillys Hand und lehnte mich einen Moment lang an seine Brust. Dann war der Moment vorbei, und er löste sich von mir.
   »Weißt du, Jolie hat dennoch nicht ganz unrecht«, sagte er und grinste schief, sodass seine perfekten Zähne zu sehen waren.
   »Womit denn?«
   Blitzschnell beugte er sich zur mir herunter und küsste mich auf den Mund. Seine Lippen waren warm und weich, und der Kuss war ganz sanft. Als er sich von mir löste, grinste er breit. »Fühlt sich gut an, oder? Deine Lippen sollten nicht ungeküsst bleiben.«
   Er hatte mich überrascht, aber jetzt wurde ich sauer. Was sollte das! »Philly!«, schimpfte ich entrüstet.
   Philly stieg auf sein Fahrrad und lachte laut und kehlig. Triumphierend sah er mich an. »Was ist? Mit seiner Fast-Ehefrau darf man so was machen. Bis morgen, Mia!«
   Schon war er auf seinem Fahrrad und fuhr davon. In der Dunkelheit war nur noch sein Licht zu sehen. Doch ich konnte sein Lachen noch hören.
   Gedankenverloren schloss ich das Tor und ging zum Haus zurück. Meine Hand fuhr an meine Lippen, und ich musste zugeben, dass sich der Kuss gut angefühlt hatte. Mein Bauch kribbelte immer noch. Sehr witzig, Philly! Er hatte seinen Spaß gehabt und brachte mich damit ganz durcheinander. Vielleicht sollte ich es morgen noch mal ansprechen?
   Mich fröstelte es wieder. Also schob ich erst mal alle Gedanken an ein derart unangenehmes Gespräch beiseite. Ich steckte meine Hände in die Taschen meines Kleides. Dort fühlte ich den Zettel, den ich für Großmutter geschrieben hatte. Den hatte ich vergessen!
   Im Haus zog ich mir einfach eine Jeans unter das Kleid, schlüpfte in meine Sneakers und machte mich unbemerkt von den Gästen auf den Weg zum Findling. Der Garten war hier unten dunkler und voller Geräusche, doch ich kannte jede Ecke und fürchtete mich nicht. Ganz hinten, schon beinahe am Zaun unseres Grundstückes, stand der Stein, groß und grau, als wäre er schon immer da gewesen. Seine Besonderheit war, dass er hinten eine Öffnung hatte. Quetschte man sich durch den Spalt hinein, fand man sich in einer kleinen Höhle wieder. Als Kind hatte meine Mutter panische Angst gehabt, ich würde dort unbeobachtet hineinschlüpfen und mir stets eingeschärft, mich vor dieser Höhle zu hüten, da es dort sehr dunkel sei und sie selbst zu groß, um mir zu folgen und wieder hinauszuhelfen. Großmutter dagegen war eine kleine, feingliedrige Person. Sie hatte mich früher oft mit in die Höhle genommen. Es war unser Geheimnis. Im Dunkeln hatten wir uns an dem Felsen entlanggetastet, und sie hatte mir alle Besonderheiten des Gesteins erklärt. Auch sie hatte mir eingeschärft, nie allein dort hineinzugehen, und ehrlich gesagt war ich seit Jahren nicht mehr dort gewesen.
   Auch ohne Vollmond hätte ich den Spalt im Gestein gefunden. Ich tastete mich voran nach innen, denn ich wusste, auf einem kleinen Vorsprung dort lag eine große Muschel.
   Ich fand sie sofort und hielt sie, wie früher, an mein Ohr, um das Rauschen des Meeres zu hören. Dann nahm ich den Zettel und schob ihn in die Öffnung der Muschel. Unglaublich, dass ich diesen Unsinn für Großmutter machte! Vorsichtig legte ich die Muschel zurück und tastete mich noch ein wenig an der Wand der Höhle entlang. Meine Finger erkannten die Oberfläche sofort wieder und ohne darüber nachzudenken, schloss ich die Augen und schob mich durch den engen Spalt weiter in die Höhle. Es war ein bisschen eng, ich stieß mir den Kopf und musste mich bücken, aber ich passte noch gut hindurch. Ich tastete mich an der Wand entlang bis zu einer besonderen Stelle. Ich fand sie nicht gleich, denn sie lag weiter unten, als ich sie in Erinnerung hatte. Im Gegensatz zum Rest des Felsens war sie völlig glatt, als wäre sie abgeschliffen worden. Vorsichtig strich ich darüber. Hinter mir raschelte etwas, und ich musste sofort an Schlangen denken. Eiskalt lief es mir den Rücken hinunter, und ich drehte mich wieder zum Ausgang. Nur keine Panik. Schlangen! Mein Herz klopfte bis zum Hals, als ich für einen Moment den Kontakt zur Wand verlor und fast über den unebenen Boden stolperte. Ich fing mich ab und atmete tief durch, um mich zu beruhigen. Entspann dich. Hier gibt es keine Schlangen, zumindest keine giftigen. Das half ein bisschen. Mein Herzschlag verlangsamte sich wieder.
   Gerade, als ich mich wieder in Richtung Ausgang in Bewegung setzte, zuckte ein Blitz auf. Für eine Sekunde war die Höhle taghell. Ich blinzelte verwirrt, als es wieder blitzte, diesmal mehrmals hintereinander. Was war das? Nie zuvor hatte ich die Höhle von innen im Licht gesehen. Jetzt konnte ich erkennen, dass die Höhlenwand an der gegenüberliegenden Seite bemalt war. Was darauf gezeichnet war, konnte ich noch nicht richtig erfassen, denn die Blitze blendeten mich. Anstatt schnell die Höhle zu verlassen, starrte ich wie gebannt auf die Höhlenwand und konnte mich nicht von dem Anblick lösen. Die Blitze nahmen zu und bildeten einem Lichtball in der Mitte der Höhle. Er breitete sich aus, bis er etwa einen Meter Durchmesser hatte. Das schwebende Objekt schimmerte bläulich wie Wasser und bewegte sich leicht hin und her, dabei erzeugte es einen singenden, hohen Ton.
   Ich sollte schnellstmöglich hier heraus. Wahrscheinlich war das irgendeine elektrische Entladung einer Leitung, die in der Nähe unseres Grundstücks verlief, und war lebensgefährlich. Und obwohl mein Gehirn alle Signale auf Weglaufen und in Sicherheit bringen stellte, rührte ich mich keinen Millimeter, sondern starrte weiter in das Licht. Es zog mich an wie ein Magnet. Ohne zu überlegen, streckte ich die Hand aus und berührte den Lichtball. In dem Moment, in dem meine Hand ihn erreichte, dehnte er sich wie bei einer lautlosen Explosion aus, und ich musste die Augen schließen. So schnell, wie es gekommen war, war es auch schon wieder verschwunden. Einfach weg.
   Ich atmete erleichtert aus. Ohne es zu merken, hatte ich die Luft angehalten. Mein Körper entspannte sich, dennoch wollte ich hier schnellstmöglich raus. Also bewegte ich mich durch die Dunkelheit in Richtung Ausgang. Meine Finger fuhren über die Wand, fanden aber keine bekannte Stelle wieder. Es war, als hätte ich alles vergessen. Ich konnte mich einfach nicht richtig konzentrieren an diesem unheimlichen Ort, den ich nur noch hinter mir lassen wollte. Was für eine Schnapsidee, in die Höhle zu kriechen!
   Ich fand den Ausgang nicht. Mein Herzschlag fing wieder an, sich zu beschleunigen. Ruhig atmen und langsam vorwärtsbewegen, sagte ich mir vor wie ein Mantra. An der Stelle, an der ich den Spalt erhofft hatte, war eine geschlossene Wand. In meiner Aufregung musste ich in die falsche Richtung gelaufen sein. Hastig tastete ich mich weiter an der Wand entlang. Die Höhle war nicht sehr groß, also musste ich irgendwann zum Ausgang gelangen. Warum hatte ich nicht auf meine Mutter gehört und war wie ein neugieriges kleines Kind trotz aller Warnungen in die Höhle gegangen? Ich war so unglaublich bescheuert.
   Nach einer Weile wurde die Wand der Höhle plötzlich feucht, als ich endlich einen Luftzug spürte und zu einer Öffnung gelangte. Der Felsspalt fühlte sich viel größer an, als ich es in Erinnerung hatte, und als ich den Kopf einzog, um mich nicht zu stoßen, ahnte ich, dass noch genug Platz über mir war, um aufrecht zu stehen. Endlich sah ich das Licht des Vollmonds. Noch ein Schritt, und ich war draußen. Mir war ganz schwindlig und schlecht vor lauter Aufregung, sodass ich erst mal in die Hocke ging und meinen Kopf zwischen die Knie nahm. Der Schwindel ließ nach und mein Herzschlag beruhigte sich etwas.
   Als ich mich aufrichtete, fiel mir auf, dass irgendetwas anders war als vorher. Die Geräuschkulisse hatte sich verändert. Keine Grille zirpte. War ein Gewitter im Anzug? Und es roch anders. Die Luft war erfüllt von intensivem Harzgeruch. Meine Augen hatten sich an die Umgebung noch nicht ganz gewöhnt. Da bemerkte ich, dass vor mir nicht die mondbeschienene Wiese unseres Gartens lag, sondern eine dunkle Wand aus Nadelbäumen. Ich stand auf einer kleinen Lichtung, die nur an wenigen Stellen von Mondlicht erreicht wurde. Langsam drehte ich mich um mich selbst und sah, dass sich die Bäume rings um mich an einen riesigen Felsen schmiegten, der weit hinaufzuragen schien. Eher ein richtiger Berg als ein Findling. Der Fels hatte eine richtige Öffnung, die so gar nicht nach dem Spalt im Findling aussah. Sie war viel breiter und höher.
   Ich stand mitten in einem Wald.
   Wo war ich bloß?
   Um mich herum im Wald knackten Äste, und ich zuckte zusammen. Mein erster Impuls war es, wegzurennen, doch ich schaffte es, mich noch einige Sekunden zusammenzureißen. Ich zwang mich, meinen Blick auf den Waldboden zu richten, um mich zu konzentrieren und zu überlegen, was ich tun sollte. Hilfe holen. Ein Telefon finden. Aus dem Wald raus. O mein Gott. Atmen, atmen, atmen.
   Oder das Naheliegendste: Noch mal in den Findling zurückkehren. Und wenn alles gut ging, würde ich aus diesem Albtraum gleich wieder aufwachen. Ich bewegte meine Hand an der Wand des Felsens entlang ins Innere. Der Stein war rau, dann jedoch wieder ganz glatt. Die Öffnung verengte sich schnell. Fassungslos stellte ich fest, dass sie gerade noch so groß war, dass mein Arm hindurchpasste. Ich war doch eben erst hier hindurch ins Freie getreten!
   Hatte sich die Öffnung verschlossen? Das musste ein ganz schlechter Traum sein. Unter Tränen tastete ich den Stein immer wieder ab. Schließlich musste ich mir eingestehen, dass ich nicht zurück in die Höhle konnte.
   Verzweifelt trat ich wieder auf die Lichtung. Ich musste mich beruhigen! Wo war ich hier gelandet?
   Jetzt half nur eines: Blick nach vorn, einen Fuß vor den anderen setzen, alles andere ausblenden.
   Mir war klar, dass ich mich bewegen und aus diesem Wald hinausmusste. Irgendwo musste er ja enden. Also wandte ich mich nach rechts und ging auf die Bäume zu. Als ich in den Mondschatten trat, brauchten meine Augen einen Moment, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Ich erkannte, dass die Bäume nicht so dicht standen, wie es zuerst ausgesehen hatte. Am liebsten wäre ich losgerannt, um diesen Wald so schnell wie möglich hinter mir zu lassen, aber überall lagen umgefallen Baumstämme am Boden. Ich musste ständig dornige Zweige auf die Seite schieben, sodass ich nur langsam vorwärtskam. Die Dunkelheit war erdrückend und natürlich schaffte ich es nicht, die Geräusche um mich herum vollständig zu ignorieren. Es knackte und schabte überall. Jeden Moment erwartete ich, von einem Wolf oder Bären angegriffen zu werden. Der Schweiß lief mir bereits nach wenigen Schritten in Strömen hinunter, und als eine Eule über mir ihren Ruf ausstieß, erschrak ich so sehr, dass ich selbst laut schrie und der Länge nach hinfiel. Ich spürte die Stiche der Tannennadeln in meinem Gesicht, und als ich mich aufrappelte, waren meine Hände voller Harz. Tränen liefen über meine Wangen, und ich schluchzte leise, während ich weiterstolperte.
   Nach einer halben Ewigkeit öffnete sich der Wald ein wenig, die Bäume wuchsen weniger dicht und der Mond drang durch die Zweige. Schließlich sah ich eine große Wiese vor mir. Erleichtert, die erdrückende Dunkelheit des Waldes hinter mir zu lassen, beschleunigte ich meine Schritte und rannte über das weite Feld. Ich wurde erst wieder langsamer, als der Boden unter mir plötzlich steil abfiel. Ich erkannte, dass ich mich auf einer Anhöhe befand. Unter mir breitete sich ein lang gestrecktes Tal aus, das auf der gegenüberliegenden Seite von hohen Bergen gesäumt war. Die Wiese fiel steil bergab und war immer wieder von großen alten Bäumen durchbrochen. Das Tal lag dunkel vor mir.
   Fast hätte ich laut aufgeschrien vor Freude, als ich etwas unterhalb von mir zwischen den Bäumen ein kleines flackerndes Licht entdeckte. So schnell ich konnte, rannte ich den Abhang hinunter. Immer wieder stolperte ich über Maulwurfshügel oder Wurzeln, die im Mondlicht kaum zu erkennen waren. Meine Lunge brannte. Ein paar Mal hätte ich beinahe den Halt verloren. Doch ich wollte weiter, musste so schnell wie möglich zum rettenden Licht. Die Hoffnung auf ein Telefon und darauf, schnell wieder nach Hause zu kommen, ließ mich weiterlaufen.
   Als ich näherkam, wurde das Licht klarer. Vor mir sah ich eine Art Vertiefung im Boden, in die ein rundes Haus gebaut war. Es sah beinahe wie ein Iglu aus Holz aus. Das Gras rundherum war mannshoch und umgab das Gebäude fast komplett. An einer Seite befand sich ein kleines, kreisrundes Fenster, in dem mehrere Kerzen flackerten. Zum Glück hatte sich jemand mitten in dieser Einöde einquartiert. Hoffentlich waren es keine Aussteiger, die ein Leben ohne Telefon und Internet fristeten. Aber selbst dann müssten sie mir wenigstens helfen können, die Zivilisation zu erreichen und nach Hause zu gelangen.
   Endlich fand ich die Stufen hinab zur Tür. Ohne lange zu überlegen, klopfte ich. Schnell wischte ich mir noch mit dem Ärmel über das Gesicht. Dabei rieselten einige Tannennadeln zu Boden.
   Bitte macht auf, bitte mach jemand auf, betete ich leise vor mich hin. Es passierte nichts. Viel zu lange nichts. Ungeduldig klopfte ich wieder.
   Dann hörte ich erleichtert, wie innen ein Riegel beiseitegeschoben wurde. Kleine Glöckchen klingelten, als die Tür geöffnet wurde. Eine Frau stand im Türrahmen und musterte mich von oben bis unten. Ihr Blick war missbilligend. Ich konnte mir auch vorstellen, warum. Mein Anblick war sicher bizarr. Überall klebten Harz und Tannennadeln an mir, und die eine oder andere Schramme hatte ich sicher auch.
   »Hallo, entschuldigen Sie bitte die Störung, ich, äh …, komme aus dem Wald und finde den Weg nach Hause nicht. Könnte ich vielleicht bei Ihnen mal telefonieren?«
   Die wahre Geschichte war zu verrückt, ich verstand ja selbst nicht, wie ich hierhergelangt war.
   Die Frau musterte mich weiter und machte keine Anstalten, etwas zu sagen. Sie war vielleicht Mitte vierzig, aber es war schwer zu schätzen, sie sah auf irgendeine Art fremdartig aus. Mir fiel auf, dass ihre Augen sehr dunkel waren. Man konnte die Iris nicht mehr erkennen. Ihr langes schwarzes Haar schimmerte fast bläulich im Mondlicht. Ihr Mund war groß und ihre vollen Lippen verzogen sich nun zu so etwas wie einem grimmigen Lächeln. Sie trug eine lange Tunika, die mit Stickereien verziert war. Jetzt fiel bei mir der Groschen. Vielleicht verstand sie meine Sprache nicht.
   »Können Sie mich verstehen?«
   Ich sprach sie in allen Sprachen an, die ich kannte, und machte mit der Hand ein Zeichen, dass ich telefonieren wollte, doch sie betrachtete mich nur weiter skeptisch.
   Ohne ein Wort an mich zu richten, drehte sie sich plötzlich um und ging wieder zurück ins Haus. Die Tür ließ sie offenstehen.
   »Francesco, wir haben Besuch. Sie ist da«, rief sie mit einer rauchigen, tiefen Stimme.
   Verwechselte sie mich mit irgendjemandem? Warum war sie so unfreundlich? Abwarten. Ich folgte ihr ins Innere des Gebäudes und betrat nach wenigen Schritten einen Raum, der viel größer und höher war, als ich es von außen vermutet hatte. Das Gebäude musste viel weiter in den Hang hineinreichen, als es den Anschein hatte. Der Raum war ringsum gesäumt von Regalen aus dunklem Holz, die bis unter die Decke reichten.
   An einer Stelle stand eine Leiter auf Rollen, die bis zur obersten Reihe der Regalbretter reichte. Die Bretter waren mit unzähligen silbernen Aufbewahrungsbehältern gefüllt. Jeder einzelne davon war mit einem in einer schnörkeligen, altmodischen Schrift beschriebenen Etikett versehen. In der Mitte des Raumes stand eine Theke mit einer großen italienischen Kaffeemaschine, die aussah wie aus dem letzten Jahrhundert. Mein Vater, der sich aus Passion und von Berufswegen nur mit Kaffee beschäftigte, hatte mich mal in ein Museum geschleppt, und ich erinnerte mich gut, dort ein ähnliches Exemplar gesehen zu haben.
   Auf der Theke stand außerdem eine kleine Etagere, ein mehrstöckiger Ständer, auf dem Törtchen angerichtet waren. Überall auf den Regalen und Tischen waren kleine Lämpchen, die in unterschiedlichen Farben leuchteten. Verwirrt und fasziniert sah ich mich um. Das Szenario passte nicht in die Berghütte, die ich hier vermutete hatte. Ich fühlte mich eher wie in einem Tim-Burton-Film oder wie bei Alice im Wunderland. Es roch ganz wunderbar, so gut, dass die Anspannung langsam aus meinem Körper wich und es mir ganz warm im Bauch wurde. Der Duft von Schokolade, Kuchen, Karamell und Geborgenheit hing in der Luft.
   Im Raum verteilt standen ein altes, zerschlissenes Sofa und drei große gemütliche Sessel mit kleinen Beistelltischen. An der Wand war ein mannshoher Kamin, in dem ein Feuer brannte. Die Frau war im hinteren Teil des Raumes in einer Tür verschwunden, und ich stand unentschlossen da. Sollte ich ihr folgen oder wollte sie, dass ich hier wartete? Einen Moment war es still im Raum. Eingehüllt von dem unglaublich leckeren Geruch und der Wärme des Feuers wurde ich ruhiger. Natürlich war mir bewusst, wie skurril das hier alles war. Wie unwirklich. Das Unbehagen kam zurück, und in meinem Kopf gingen kleine Warnlampen an.
   »Entschuldigung, könnte ich wohl Ihr Telefon benutzen?«, rief ich in die Richtung, in die die Frau verschwunden war. Meine Stimme zitterte ein wenig.
   »Ich komme gleich, muss nur den Kuchen aus dem Ofen nehmen«, rief eine männliche, warme Stimme.
   Der Sprachsingsang klang seltsam. Vielleicht ein französischer Akzent?
   Ich hörte Geräusche und Geklapper und versuchte, geduldig zu sein. In die Tür trat eine dunkle, große Gestalt mit einer weißen Schürze. Zuerst dachte ich, der Mann würde einen dicken Anzug tragen, als er aber näherkam, sah ich, dass es nicht Stoff, sondern Haare waren, die seinen Körper überzogen. Sie bedeckten sogar sein Gesicht fast vollständig. Es hatte auch etwas veränderte Proportionen, er sah irgendwie tierisch aus. Die altmodische Schürze, die er trug, sah völlig grotesk zu seiner wolfsähnlichen Gestalt aus. Ich dachte an einen Bericht über Wolfsmenschen, den ich kürzlich gesehen hatte. Durch einen Gendeffekt war ihr Körper wie bei Tieren mit Haaren bedeckt. Aber dieser Mann hier sah wirklich aus wie ein Wolf!
   Meine Nackenhaare stellten sich auf. Unbewusst machte ich einen Schritt nach hinten in Richtung Tür. Doch auch, wenn alles in mir zur Flucht aufrief, zwang ich meine Beine, stehen zu bleiben. Diese Leute waren meine einzige Chance, schnell nach Hause zu kommen. Der Mann blieb in einiger Entfernung stehen und verzog den Mund, was wohl ein freundliches Lächeln sein sollte, aber nur eine Reihe spitzer Zähne entblößte. Was war das nur für eine Gestalt? Ich musste hier weg! Irgendwo würde ich schon andere Anwohner treffen. So schnell ich konnte, drehte ich mich um und rannte zur Tür, als er mir hinterherrief.
   »Mia, hab keine Angst vor mir. Bleib hier, wir werden dir alles erklären. Gib uns eine Minute.«
   Woher zum Teufel kannte er meinen Namen? Das musste ein fieser Albtraum sein. Zeit, aufzuwachen! Ich blieb stehen und drehte mich langsam um. Der Mann hatte sich in einen der Sessel gesetzt, der bei seiner Statur geradezu winzig wirkte, und sah mich abwartend an.
   »Woher kennen Sie meinen Namen?«
   »Wir haben auf dich gewartet. Du hast angekündigt, du würdest kommen.«
   Verwirrt starrte ich ihn an. Das war eindeutig ein Traum. »Wie bitte? Was habe ich?«
   »Maschinka, komm her, ich mache ihr Angst«, rief er laut, und die Frau betrat wieder den Raum.
   Ihr Gesicht war nicht freundlicher als vorher, dennoch beruhigte mich ihre Anwesenheit tatsächlich irgendwie.
   »Das kann ich gut verstehen, so wie du heute wieder aussiehst«, sagte sie bissig zu ihm. Sie ging zum Sofa, setzte sich ihm gegenüber und klopfte auf die Sitzfläche neben sich. »Setz dich, Kind. Wir werden dir nichts tun. Wir werden dir helfen. Es gibt einiges zu erklären.«
   Einen Moment überlegte ich, ob es nicht doch besser wäre, die Flucht zu ergreifen. Dann erinnerte ich mich, dass ich im ganzen Tal kein Licht gesehen hatte. Dies war vielleicht meine einzige Chance, Hilfe zu bekommen. Und ich konnte immer noch hoffen, dass ich gleich aus diesem absurden Albtraum aufwachen würde. Also ging ich zum Sofa und setze mich so weit wie irgend möglich auf die vorderste Kante.
   Der Wolfsmensch machte eine ausladende Geste. »Willkommen in Hayland.«
   Die Frau hielt mir ein kleines Stück Papier hin.
   Ich erkannte den Zettel, den ich für Großmutter geschrieben hatte. Wie war er hierhergekommen? Hatte ich ihn wieder mitgenommen und verloren? Verwirrt sah ich beide an. »Hayland? Davon habe ich noch nie gehört. Wo liegt das?«
   »Das ist nicht so einfach zu beantworten. Aber erst mal bist du in Sicherheit«, sagte die Frau.
   Und auch, wenn der Rest ihres Gesichts mürrisch aussah, waren ihre Augen freundlicher. Oder vielleicht wollte ich das auch einfach nur glauben.
   »Du bist also Mia. Ich habe mir dich irgendwie anders vorgestellt«, fuhr sie fort. In ihrer Stimme war eindeutig Enttäuschung zu hören.
   Der Wolfsmensch zischte missbilligend durch die Zähne. »Ich bin Francesco, und das ist Maschinka. Lass dich nicht täuschen. Unter ihrer harten Schale steckt ein warmer, freundlicher Kern.« Er zwinkerte mir zu. Seine Stimme mit dem seltsamen Akzent passte nicht zu seiner Statur und seinem Aussehen. Dennoch wirkte er dadurch weniger Furcht einflößend. »Also. Du bist Mia.«
   Ich nickte benommen, und obwohl tausend Fragen durch meinen Kopf schwirrten, war ich zu durcheinander, um nur eine einzige zu äußern.
   Francesco wandte sich Maschinka zu und strahlte sie an. »Schau sie dir an, das ist sie. Oh, mon dieu, sie ist wirklich hübsch! Ylka hatte recht.«
   »Ihr kennt meine Großmutter?« Das war ein gutes Zeichen.
   »Sie ist eine gute Freundin von uns und hat uns viel von dir erzählt«, erwiderte Francesco, während er ein Bein über das andere schlug.
   Ich musste ihn immer wieder anstarren, er sah einfach bizarr aus.
   »War es schwierig, zu uns zu kommen? Hast du den Pfad im Wald gefunden? Wir waren uns nicht sicher, welches Tor dich nach Hayland bringen würde. Du scheinst mir etwas derangiert. Hast du dich verletzt auf deinem Weg hierher?«
   Er stand auf und wollte zu mir herüberkommen, doch ich zuckte unwillkürlich zurück. Er blieb stehen und sah Hilfe suchend Maschinka an. Die lachte schallend.
   »Derangiert ist gar kein Ausdruck, du siehst aus, als ob du mit einem Bären gekämpft hättest.« Ihr Lachen war rau und kehlig, und ohne es beabsichtigt zu haben, musste ich grinsen und fasste mir in die Haare. Ich versuchte, sie mit den Fingern zu kämmen, wobei Blätter und Tannennadeln auf den Boden segelten.
   »Entschuldigung.«
   Schuldbewusst sah ich auf den Dreck auf dem Boden und dann auf Maschinka, doch die schüttelte nur den Kopf und lachte weiter. Sie rückte ein Stück näher und half mir, das Gröbste aus meinen Haaren und meinem Gesicht zu entfernen.
   »Entspann dich, Mia, das ist kein Problem. Wir werden später wieder einen Menschen aus dir machen. Jetzt ist es erst mal Zeit für etwas Warmes. Das wird dich beruhigen und deine Sorgen vertreiben.« Francesco ging zu der Theke, die neben ihm richtig klein wirkte. Er begann, einen kleinen Topf zu füllen, und holte eine Dose hervor. »Was wollt ihr haben? Oh, ich weiß …« Er schaute mich durchdringend an. »Du bist etwas Dunkles, Süßes, Dickflüssiges. Ich kann es in deiner Seele sehen, du bist ein Genussmensch! Oh, die liebe ich am meisten! Du bist wie ich. Ich bringe dir eine heiße, dunkle Schokolade mit Chili und ein Stück Schokoladenkuchen nach meinem Geheimrezept. Das wird Mia einen warmen Bauch machen, nach all den neuen Eindrücken. Nicht wahr?«
   Während Francesco an der Theke werkelte, entspannte ich mich tatsächlich ein klein wenig. Ich musste an Philly denken und wie sehr er diesen verqueren Traum genossen hätte. Wenn ich ihm davon erzählte, würde er sich totlachen und mit mir schimpfen, dass ich die Szenerie nicht mehr genossen hatte. Wahrscheinlich hätte er sich bereits jedes Detail im Raum genau angeschaut und tausend Fragen gestellt, anstatt verängstigt auf dem Sofa zu sitzen. Er war eben ein Abenteurer, ganz im Gegensatz zu mir.
   Die Situation wirkte inzwischen weniger gefährlich auf mich. Und mir war klar, dass mir nichts anderes übrig blieb, als abzuwarten. Vorsichtig lehnte ich mich auf das Sofa zurück. Es war weich und gemütlich.
   »Kann ich bitte mal euer Telefon benutzen?«
   Francesco und Maschinka wechselten einen Blick. Beide sahen mich fragend an.
   »Was ist das?« Francesco sah mich fragend an.
   Das war nicht ihr Ernst, oder? Ein Scherz?
   »Du willst eine Nachricht an deine Eltern versenden, richtig? Das können wir später gern machen«, sagte Francesco freundlich.
   Also bestätigte sich mein Verdacht, dass sie hier als Einsiedler lebten. Das wunderte mich aber bei Francescos Aussehen ganz und gar nicht.
   Francesco rührte weiter in dem Topf. »Wie geht es dir? Das war alles ziemlich viel, und ich bin sicher, du hast eine Menge Fragen. Die werden wir dir auch beantworten. Vielleicht nicht alle sofort, aber bald. Versprochen. Doch zuerst müssen wir etwas trinken und essen. Außerdem warten wir noch auf Pat und Membra. Pat wusste, dass du heute kommst. Er will dabei sein.«
   »Wer ist Pat?«
   »Ein guter Freund. Auch von deiner Großmutter. Du wirst ihn mögen und seine Schwester Membra auch. Sie werden sicher gleich hier sein.«
   Hoffentlich waren Pat und Membra nicht auch so skurrile Gestalten. Die beiden hier reichten mir erst mal für heute.
   Francesco brachte mir und Maschinka je eine große Tasse, die wunderschön mit kleinen Symbolen handbemalt war. Die Tassen sahen winzig aus in seiner riesigen Hand. Sie waren gefüllt mit dickflüssiger Trinkschokolade. Einen Moment dachte ich darüber nach, ob ich gefahrlos davon trinken konnte. Schließlich kannte ich diese Menschen hier nicht. Es gab genug Horrorgeschichten, bei denen seltsame Einsiedler die Hauptrolle spielten. Andererseits wussten sie meinen Namen und schienen auch Großmutter zu kennen.
   Eigentlich machte ich mir nichts aus warmem Kakao, aber aus der Tasse roch es so verführerisch – ich konnte nicht widerstehen und probierte einen kleinen Schluck. Es schmeckte nach dunkler und vollmundiger Schokolade, fast erdig, und dann ein kleines bisschen scharf. Auf einem kleinen Tisch neben mir hatte Francesco ein Stück Kuchen abgestellt, doch ich war noch immer viel zu aufgewühlt, um es anzurühren.
   »Danke«, sagte ich leise in Richtung Francescos, der, ebenfalls mit einer Tasse in der Hand, wieder in seinem Sessel Platz genommen hatte. »Ich will euch nicht zur Last fallen und möglichst schnell wieder nach Hause.«
   »Das wird nicht so einfach möglich sein«, sagte Maschinka leise.
   Francesco sah sie tadelnd an.
   »Wie meinst du das? Gibt es im Tal kein Telefon oder wenigstens eine Busanbindung?«
   »Mach ihr keine Angst, Maschinka.« Er wandte sich an mich. »Heute wird das nicht mehr möglich sein, aber ich bin sicher, Pat und Membra wissen Rat.«
   Hoffentlich kamen die beiden bald. Meine Tasse war mittlerweile halb leer. Das warme Getränk tat gut.
   Ich zuckte zusammen, als die Glöckchen im Türrahmen leise klingelten und sich die Tür öffnete. Fast ließ ich meine Tasse fallen. Neugierig drehte ich mich um.
   Zwei Gestalten traten durch die Tür, die eine ziemlich groß und schlank, die andere etwas kleiner und zierlich. Beide trugen Mäntel mit Kapuzen, die sie sich über die Köpfe gezogen hatten. Sie schlossen die Tür, und Francesco eilte zu ihnen und begrüßte beide mit einer herzlichen Umarmung. Sie schienen keinerlei Berührungsängste mit dem Wolfsmenschen zu haben. Sie winkten auch Maschinka zu, die sich nicht erhob, aber zum ersten Mal seit meiner Ankunft warmherzig lächelte. Beim Näherkommen streiften sie ihre Kapuzen ab.
   Im Raum standen eine junge Frau, mehr noch ein Mädchen, und ein junger Mann. Als Erstes bemerkte ich seine großen blauen Augen, die mich prüfend ansahen. Es war, als würde er versuchen, in mich hineinzublicken, mich mit seinem Blick festhalten, so sehr fixierte er mich. Ich konnte mich kaum von seinen Augen lösen. Seine hellbraunen Haare hatten einen goldenen Glanz, sie waren gewellt, und er hatte sie scheinbar nachlässig hinter die Ohren geklemmt. Ich betrachtete ihn nun etwas genauer, schließlich musterte er mich auch mit unverhohlener Neugier von oben bis unten. Da fiel mir ein, dass ich nicht gerade präsentabel aussah, nach meinem Ausflug durch den Wald. Beim Gedanken, wie zerzaust und dreckig ich womöglich war, wurde ich unwillkürlich ein wenig rot. Liefen seine Ohren oben ein wenig spitz zu? Ungewöhnlich, aber irgendwie schön. Er war definitiv der schönste Mann, den ich je gesehen hatte.
   Er blieb unter der Tür stehen und starrte mich an, was ich langsam unhöflich fand. Und ich war mir nicht so sicher, ob diese Augen nur freundlich waren. Aber dann entdeckte ich das Lächeln, das seine Lippen umspielte. Er trat zwei Schritte auf mich zu und blieb vor mir stehen. Auf dem Sofa sitzend fühlte ich mich auf einmal sehr klein und irgendwie fehl am Platz. Deshalb erhob ich mich. Er kam noch einen halben Schritt näher, so, dass wir uns fast berührten. Da ich ihm gerade einmal zur Brust reichte, musste ich den Kopf anheben, um ihn ansehen zu können. Für meinen Geschmack rückte er mir ein bisschen zu sehr auf die Pelle. Aber hinter mir war das Sofa, sodass ich nicht ausweichen konnte. Langsam hob er seine Hand zu meinem Gesicht, und ich sah ihn verwirrt an. Dann berührte er sanft mein Ohrläppchen. Ein Kribbeln fuhr durch meinen Körper wie ein kleiner Stromschlag. Erschrocken trat ich einen Schritt zurück und plumpste dabei auf das Sofa. Ich hörte Maschinka neben mir leise lachen. Wie peinlich!
   Der junge Mann lachte auch, ein leises, raues Lachen, und grinste mich entschuldigend an.
   »Sei gegrüßt, ich bin Pat. Entschuldige, dass ich dich damit erschreckt habe. Wir, das heißt die Alven, begrüßen Freunde, indem wir sie am Ohrläppchen berühren. Ich hoffe, das war in Ordnung für dich.« Er grinste mich noch breiter an und schien sich auch ein wenig über mich zu amüsieren.
   Mein Mund war trocken, und alle Worte waren verschwunden. Eine solche Stimme hatte ich noch nie gehört. Sie war tiefer als erwartet und klar, melodisch und weich. Und es ärgerte mich maßlos, dass er sich über mich lustig zu machen schien.
   »Danke …, äh …, ich bin Mia. Schön, dich kennenzulernen«, stammelte ich und versuchte, vom Sofa aufzustehen und ihm gleichzeitig meine Hand hinzustrecken, was mir nicht gleich gelang. »So machen wir das unter Freunden. Wir Menschen.«
   Er schaute fragend meine Hand an.
   »Äh …, willst du mir die Hand geben oder soll ich das mit dem Ohrläppchen auch bei dir machen?«, fragte ich.
   Pat zögerte kurz und brach unerwartet in schallendes Gelächter aus. Er umfasste mit seiner warmen Hand die meine. Mir lief ein kleiner Schauder über den Rücken.
   Da meldete sich die Person hinter Pat.
   »Mach dir keine Gedanken, er wollte dich als Begrüßung in dieser neuen Welt mit einer unserer Sitten vertraut machen. Damit hättest du auch noch eine Sekunde warten können, Pat.«
   Neben Pat tauchte das Mädchen auf und schob ihn zu Seite. Ihre langen braunen Haare fielen seidig über ihre Schultern, bis fast auf die Hüften. Ihre Haut hatte einen leichten Bronzeton, und auch ihre Augen strahlten in einem wunderschönen, etwas helleren Blau. Das Gesicht wirkte durch und durch freundlich. Sie strahlte etwas Vertrautes aus und ich konnte spüren, dass ihre Freundlichkeit echt war.
   »Ich bin Membra und freue mich sehr, dich kennenzulernen. Pat spricht seit gestern von nichts anderem mehr.«
   Irritiert sah ich von Membra zu Pat.
   »Wie, du wusstest, dass ich komme? Ich weiß ja nicht mal selbst, wie ich hier gelandet bin, geschweige denn, wo ich bin. Das hatte ich nicht geplant.«
   »Willkommen in Hayland«, sagte Pat und erinnerte mich daran, dass Francesco vorhin etwas Ähnliches gesagt hatte. Seine Stimme hatte etwas Feierliches. Als wäre es eine große Sache und ein ganz besonderer Ort. Als ob bei diesem Namen in meinen Kopf etwas klingeln müsste. Doch da war nichts. Ich hatte noch nie etwas von Hayland gehört. Keine Erinnerung, die ich heraufbeschwören konnte, so sehr ich mir auch Mühe gab.
   Pat und Membra zogen ihre Mäntel aus und setzten sich auf den Sessel und das Sofa. Beide trugen sie, wie Maschinka, eine bestickte Tunika. Membra in blau, Pat in grün. Darunter eine eng anliegende Hose in der gleichen Farbe.
   »Eine kleine Einführung in Haylands Chroniken wäre wohl nicht zu viel verlangt. Offensichtlich hat sie keine Ahnung«, sagte Membra und schaute auffordernd zu Pat.
   Er sah mich wieder so prüfend an. »Mia, du hast noch niemals etwas von Hayland gehört, oder?«
   Ich schüttelte den Kopf und ging davon aus, dass Hayland der Name für diese Hippie-Siedlung war.
   »Vielen Dank, Ylka! Das hat sie also uns überlassen«, sagte er und verdrehte die Augen. Pats Augen schimmerten im Licht des Kaminfeuers, aber er sah mich nicht an, als er zu sprechen begann. »Das, was ich dir erzähle, wird für dich unglaublich klingen. Fremdartig und fabelhaft. Ich bin mir nicht ganz sicher, wo ich anfangen soll, denn ich hatte damit gerechnet, dass dich deine Großmutter auf diesen Tag vorbereiten würde. Aber ich bin mir sicher, dass sie gute Gründe hatte, es nicht zu tun.« Sein Blick lag jetzt fest auf mir.
   »Ich fühl mich sowieso wie in einem Traum. Gleich wird sich herausstellen, ob es ein Albtraum ist und ich schreiend aufwachen werde, oder ob ich mir wünsche, noch weiter zu träumen.«
   Membra kicherte neben mir, und Pat lächelte mich an, wurde aber direkt wieder ernst. Sein Blick war so intensiv, dass ich Schwierigkeiten hatte, mich darauf zu konzentrieren, was er sagte.
   »Als heute deine Nachricht kam, fiel mir ein Stein vom Herzen. Seit einiger Zeit träume ich von dir. Nach dem ersten Traum habe ich meinen Eltern und meiner Schwester von dir erzählt und alle schöpften Hoffnung. Doch nichts ist passiert, du bist nicht gekommen. Der Zeitpunkt deines Eintreffens blieb völlig im Dunkeln. Leider sind meine Träume oft ungenau und zeitlich nicht zu platzieren. Man kann sich nie sicher sein, ob Träume die Zukunft oder die Vergangenheit betreffen. Wir konnten also nur abwarten und unseren Freunden und Verbündeten von dir berichten, um sicherzugehen, dass du in die richtigen Hände fällst, solltest du hier eintreffen. Denn deine Ankunft wird nicht nur mit Wohlwollen erwartet.«
   »Meine Ankunft? Wo bin ich hier? Und warum ist meine Großmutter nicht auch hier? Sie hätte doch mit mir gemeinsam hierherkommen können.«
   »Ylka ist mit einer wichtigen Aufgabe betraut und unabkömmlich. Sie konnte dich nicht begleiten. Deshalb hat sie uns auch gebeten, dich zu empfangen.«
   Sprachen wir von derselben Frau? Rentnerin und Weltenbummlerin?
   »Du bist in Hayland«, sagte er wieder gewichtig.
   »Wie weit ist das von zu Hause entfernt, und wo genau liegt das?«
   Er seufzte und sah mich an, als wäre er nicht sicher, wie ich das Folgende aufnehmen würde. »Du befindest dich in einer Parallelwelt zu deiner eigenen, Mia. Es gibt nur wenige Wesen, die die Fähigkeit besitzen, aus deiner Welt nach Hayland zu kommen. Du bist eines von ihnen und kannst in beiden Welten leben. Das wissen wir jetzt.«
   Na super. »Du willst mich doch verarschen, oder?« Langsam wurde es mir zu bunt. Hatten die zu viele Drogen genommen? War das irgendein schlechter Scherz meiner Großmutter?
   Doch Pat ließ sich nicht von mir beirren. »Die beiden Welten, deine, wir nennen sie Guinland, und unsere, Hayland, bestehen schon seit Urzeiten nebeneinander. Man geht davon aus, dass sie sich gleichzeitig entwickelt haben. Es gibt wenige Tore, die sie miteinander verbinden, doch ist nur wenigen Wesen der Zutritt zu beiden Welten möglich. Die meisten können die Grenze nur mithilfe eines Weltenwandlers übertreten. Deine Großmutter ist eine solche Weltenwandlerin und außerdem eine sogenannte Torwächterin. Ihre Aufgabe ist es, die Tore der Welten zu bewachen und beide Seiten vor der jeweils anderen zu beschützen. Deine Großmutter ist in beiden Welten aufgewachsen. Hier in Hayland, ganz in der Nähe meiner Familie. Du gehörst zu einer alten Familie Haylands, der Familie Archiatros.«
   »Äh, ja, so heiße ich.« Ich hatte nicht mal annähernd verarbeitet, was er eben gesagt hatte. Meine Oma war eine Wächterin? Meine verwirrte, quirlige, vergessliche Oma? Das konnte ich mir nicht vorstellen. Zwei Welten? Das klang nach einem abgefahrenen Fantasyroman. Eine Geschichte wie die, die Großmutter mir als kleines Kind immer erzählt und die ich so sehr geliebt hatte. Oft hatte ich im Garten hinter dem großen Stein gespielt und mir vorgestellt, dass er das Tor in eine andere Welt wäre. Stundenlang hatte ich mir ausgemalt, wie es dort wohl sein würde. Hatte sie mich so auf all das hier vorbereiten wollen? »Ist das euer Ernst?« Ein kleiner Teil von mir hoffte immer noch, dass dies eine Art Rollenspiel war, das sie sich ausgedacht hatten.
   Pat nickte. »Ich weiß, es muss für dich wie ein Märchen klingen. Aber du kannst sicher sein, ich will dich nicht …, äh …, verarschen.«
   Er sagte das Wort, als hätte er es noch niemals vorher gehört. Ich musste unwillkürlich auflachen, was seine Augen aufblitzen ließ. Und all das schien sein voller Ernst zu sein. Ich schluckte. Und jetzt? Da ich nun schon einmal hier war, konnte ich mir auch anhören, was er zu sagen hatte.
   »Gegen eine gute Geschichte ist nichts einzuwenden, sagt mein Freund Philly immer, egal, ob sie wahr oder falsch ist«, sagte ich beiläufig, mehr zu mir selbst als zu den anderen. Ich nahm den Kuchen vom kleinen Schemel neben mir, denn ich konnte jetzt gut ein bisschen Zucker vertragen.
   Membra interpretierte das wohl als Zeichen dafür, dass ich mich ein wenig entspannte, und zog ihre Beine auf das Sofa hoch und machte es sich gemütlich.
   »Gut, erzähl mir mehr«, sagte ich zu Pat, während ich ein Stück Kuchen auf die Gabel aufspießte.
   Maschinka hatte sich auch wieder gesetzt, und Francesco machte sich an der Theke zu schaffen.
   »Du wusstest wirklich nichts von all dem?« Pat sah mich prüfend an. »Gut, dann werde ich die Zeit nutzen, um dich mit der Geschichte deiner Familie etwas vertrauter zu machen.«
   Ich musste mich zwingen, den Blick zu senken. Schließlich konnte ich ihn nicht die ganze Zeit wie eine Verrückte anstarren. Dieser Typ sah einfach zu gut aus!
   »Wo fange ich an? Die Archiatros sind eine sehr alte hayländische Familie. Ich weiß nicht genau, wie weit sie zurückreicht, aber sicher bis zu den ersten Siedlern. Sie waren stets geschickte Kaufleute und wohlhabend, aber gerecht und großzügig und deshalb von allen geachtet. Über die Jahrhunderte haben sie durch geschickten Handel mit Wehrwolle, Seide und ihrem großen Wissen über Kräuter und Medizin großen Reichtum angehäuft. Diesen haben sie vor allem in Ländereien und neue Güter investiert. Über viele Generationen haben sie ihr Wissen und ihre Werte weitergegeben und somit ihr Ansehen stets erhalten. Sie leben lieber zurückgezogen, außer um Geschäften oder, wie nicht wenige von ihnen, ihrer Aufgabe als Heiler nachzugehen. Ich habe einige von ihnen kennengelernt und bewundere sie für ihre starken Gaben.« Er hielt inne und schaute mir ernst in die Augen. »Um deine Familie ranken sich viele Legenden. Eine davon besagt, dass es in fast jeder Generation ein Wesen gibt, das das goldene Mal besitzt. Dieses Wesen hat ganz besondere Fähigkeiten. Seine Gabe ist stärker ausgeprägt als die aller anderen Familienmitglieder.«
   Sein Blick schien mich zu durchbohren. Als versuchte er zu sehen, ob ich ein solches Mal haben könnte. Sie sahen mich alle ziemlich durchdringend an. Sie hofften, ich wäre dieses eine Wesen!
   Ich stellte mir vor, wie ich aufsprang, meinen Pullover von mir riss und mein goldenes Mal entblößte. Ich konnte nicht anders, alle wirkten so ernst und schienen wirklich an diese alberne Geschichte zu glauben. Also platzte es einfach aus mir heraus.
   »Sorry, ich muss euch enttäuschen. Kein Mal auf meiner makellosen Haut. Und keine Gabe. Eher das Gegenteil. Absoluter Durchschnitt sitzt vor euch.« Ich versuchte ein Lachen zu unterdrücken, aber schließlich konnte ich mich nicht mehr halten. Ich prustete los. »Und du glaubst ernsthaft, dass ich zu dieser Familie gehöre?«
   Eine Sekunde lang meinte ich, Enttäuschung in Pats Blick zu sehen. Dann drehte er sich zum Feuer und starrte hinein. Hatten sie wirklich so darauf gehofft?
   »Hört zu, es tut mir leid, dass ich nicht diejenige bin, für die ihr mich haltet. Ich habe noch nie von diesem Land oder diesem Teil meiner Familie gehört. Und ich habe leider auch kein goldenes Mal. Es gibt zwar jede Menge Muttermale auf meinen Schultern und auf meinem Rücken, aber keines davon ist golden.«
   Pat stand vom Sofa auf und wandte sich mir wieder zu. Er hatte sich gefasst. »Du hast recht, es war überzogen von uns zu erwarten, du wärest dieses eine Wesen. Es muss für dich wirklich märchenhaft klingen, von Gaben und goldenen Malen zu hören. Doch du wirst merken, dass hier alles ein wenig anders ist. In Hayland haben sich andere Kräfte entwickelt als in deiner Welt. Hier ist es nicht unwahrscheinlich, dass jemand eine besondere, vielleicht auch übersinnliche Begabung besitzt. Ein goldenes Mal dagegen ist es schon.« Er lächelte mich an. »Und das Mal muss nicht wirklich golden sein. Meistens ist es unsichtbar und zeigt sich nur bei besonderem Einsatz der Gabe.« Er lief vor dem Sofa auf und ab. »Zugegebenermaßen wundert es mich sehr, dass Ylka oder deine Eltern dich nicht auf Hayland vorbereitet haben. Aber ich bin mir sicher, sie hatten einen guten Grund dafür. Jetzt kannst du aber alles erfahren. Wenn du das möchtest.« Er blieb vor mir stehen und sah mich abwartend an. »Dich erwartet hier eine große Aufgabe und enorme Verantwortung, solltest du bereit sein, dein Erbe anzutreten. Das ist natürlich deine Entscheidung.«
   Moment mal. Was war denn das? Eine große Aufgabe? Verantwortung? »Ein Erbe antreten? Jetzt mal langsam.« Ich schüttelte den Kopf. »Bist du sicher, dass ich diejenige bin? Klar heiße ich Archiatros. Meine Oma heißt Ylka, das ist richtig. Aber das könnte doch ein Zufall sein?« Meine Stimme klang nicht sehr hoffnungsvoll, wie ich selbst bemerkte. O mein Gott! War die Welt denn verrückt geworden? In meinem Kopf brummte es.
   Pat schüttelte den Kopf und eine Haarsträhne löste sich hinter seinem Ohr. »Ylka ist eine Wächterin, sie hat sich dazu entschlossen, den größten Teil ihrer Zeit in der Menschenwelt zu verbringen. Sie wacht über einige der acht Tore und hat eine tragende Rolle im Gleichgewicht unserer Welten. Sie ist ziemlich klein und hat weiß-blonde Korkenzieherlocken. Ihre Nase ist ein bisschen schief, weil sie sie sich in einem Kampf gebrochen hat. Wenn sie lächelt, sieht man, dass ihre Schneidezähne ein klein wenig auseinanderstehen. Du siehst ihr sehr ähnlich.«
   Die Beschreibung traf genau meine Oma. Genau das war sie. Das konnte doch nicht wahr sein! Sie hatte nie eine Andeutung gemacht. Führte meine Oma ein Doppelleben? Klar hatte sie mir viele fantastische Geschichten erzählt, aber konnte man all das hier wirklich geheim halten? Und meine Eltern wussten auch von alledem? Das konnte nicht stimmen.
   Ich hatte ein sehr enges Verhältnis zu meiner Großmutter. Sie reiste zwar häufig, doch wenn sie zu Hause war, nahm sie sich immer Zeit für mich. Wir hatten viel Spaß miteinander. Schon als kleines Mädchen hat sie mich wie eine Erwachsene behandelt und ernst genommen. Ich durfte vieles, was meinen Freunden nicht erlaubt war, ausprobieren. Natürlich unter ihrer Aufsicht. Sie hatte mir immer das Gefühl gegeben, dass wir zusammengehörten. Dass da ein Band zwischen uns war. Aber es konnte nichts Genetisches sein. Sie taten mir fast leid, obwohl ich Pat und die anderen eben erst kennengelernt hatte. Doch ich musste es ihnen sagen.
   »Pat, ich kann meiner Oma nicht ähnlich sehen. Ich bin auch keine echte Archiatros. Als ich nur wenige Tage alt war, haben mich meine Eltern adoptiert. Ich weiß nur wenig darüber. Meine Großmutter ist auf einer ihrer Reisen einer Frau begegnet, die in großer Not war. Sie lag im Sterben. Vielleicht war sie krank oder drogensüchtig oder so. Oder sie hatte keine eigene Familie, die mich hätte aufziehen können. Jedenfalls hat diese Frau Großmutter gebeten, mich mitzunehmen. Vielleicht in der Hoffnung, dass ich so eine bessere Zukunft haben würde.« Ich seufzte. »Ich will damit nur sagen, dass ich nicht von den Archiatros abstammen kann. Ich wurde adoptiert.«
   Völlig entgeistert starrte Pat mich an. »Das kann nicht sein«, murmelte er und setzte sich in seinen Sessel.
   Francesco ließ einen Topf fallen und machte sich hektisch daran, den Inhalt aufzuwischen.
   Membra sah mich mit ihren großen Augen durchdringend an. »Aber wie bist du dann durch das Tor hierher gelangt?«, fragte sie mich skeptisch.
   »Ich weiß nicht, welches Tor ihr meint. Ich war im Findling in unserem Garten. Plötzlich war da ein heller Lichtkegel. Ich habe ihn berührt, und dann war ich auf der Lichtung hier im Wald.«
   Pat hatte sich im Sessel nach vorn gebeugt und raufte sich die Haare. Warum brachte ihn das so sehr aus der Fassung? Wieder starrte er mich mit diesem intensiven Blick an.
   »Das kann nicht sein, Mia. Bist du sicher? Du bist Ylka wie aus dem Gesicht geschnitten! Und ich habe dich so oft in meinen Träumen gesehen. Ich wusste, du würdest kommen. Ylka hätte dich nicht geschickt, wenn du es nicht wärest. Du hättest beim Übertritt in unsere Welt sterben können. Das weiß sie.«
   Er hatte recht, Großmutter hätte mich niemals einer solchen Gefahr ausgesetzt. »Genau genommen hat sie mich ja nicht hierher geschickt. Sie bat mich nur, einen Zettel in eine Muschel zu legen. Auf die Idee, in die Höhle zu klettern, bin ich allein gekommen.«
   Hatte Großmutter auf meine Neugier spekuliert?
   »Sie wusste aber genau, wann sich das Tor öffnen würde«, sagte Pat, als hätte er meine Gedanken gelesen. »Wie auch immer. Wir müssen sie selbst dazu befragen. Und du hast recht, du kannst kein Mal tragen. Der Träger muss der Blutlinie der Familie entstammen.«
   Plötzlich fühlte ich mich wirklich erleichtert. »Bestimmt kann meine Großmutter das aufklären. Warum ist es denn so wichtig, dass dieser Mensch mit dem Mal hier auftaucht?«
   »Deine Großmutter werden wir wohl erst mal nicht erreichen können. Sie ist nach Elmer unterwegs, um einiges zu regeln. Vielleicht hast du recht, das Ganze war wohl ein Missverständnis.« Fast verärgert starrte er ins Feuer. »Aber ich bin mir sicher, dass sie einen Grund hatte, dich hierher zu schicken. Wir sollten herausfinden, warum du hier bist. Meinst du nicht?« Bei seinen letzten Worten hatte Pat schon wieder etwas versöhnlicher gewirkt.
   »Schade. Ich hätte es schön gefunden, wenn du diejenige gewesen wärest«, sagte Membra, während sie aufstand und leichtfüßig zur Theke ging.
   Ganz selbstverständlich öffnete sie eine Dose, um sich einen Keks daraus zu angeln. Dabei lächelte sie und wandte sich an Pat. »Bist du sicher, dass es ein Irrtum sein muss? Du irrst dich nie in deinen Träumen. Die Zeiten ändern sich. Und wir uns in ihnen.«
   Pat machte eine Geste, die klarmachte, dass er das Thema nicht weiter ausführen wollte. »Träume sind sehr subjektiv.«
   Er starrte weiter ins Feuer. Auf seiner Stirn hatte sich eine kleine, steile Falte gebildet. Sein Gesichtsausdruck zeigte deutlich, dass er irgendeinem Gedanken nachhing. »Vor langer Zeit hat Ylka einmal mit mir eine Diskussion geführt. Es ging darum, ob es sinnvoll ist, junge Wesen schon früh über ihre Herkunft aufzuklären, intensiv zu schulen und somit ihre eigenen Sensoren für potenzielle Gaben zu schärfen. Oder ob es besser wäre, sie frei und möglichst unbeschwert und unbelastet jeden Schritt ihrer Entwicklung im eigenen Tempo gehen zu lassen. Ohne Anleitung, spezielle Förderung oder Gabenforschung.« Er schüttelte den Kopf. »Wir waren sehr konträrer Ansicht. Sie meinte, es wäre am besten für jedes Wesen, sich in seinem Tempo zu entwickeln. Die Gabe würde sich zeigen, sobald das Wesen selbst dafür bereit sei. Alles andere würde die Entwicklung nur hemmen und womöglich unabsichtlich in die falsche Richtung lenken. Das widerspricht natürlich vollkommen dem, was wir hier in Hayland in Bildung und Erziehung unseres Nachwuchses umsetzen.« Er sah mich an. »Sie ist ihren Ansichten treu geblieben und hat dich deshalb von all dem hier ferngehalten.«
   Im Geiste dankte ich meiner Großmutter. Das alles hier klang wirklich zu seltsam.
   »Vielleicht hat Membra recht, und der Ablauf der Dinge ändert sich. Das zeigt unsere Geschichte. Wir werden sehen«, setzte Pat hinterher.
   O Mann, gab er die Hoffnung nie auf? »Eigentlich bin ich echt froh, dass ich es nicht bin«, versuchte ich, das Gespräch wieder in eine andere Richtung zu lenken. »Es scheinen ja große Hoffnungen auf dieser Person zu liegen.«
   Membra nickte. »Diese Archiatros soll an der Rettung Haylands teilhaben. Da hast du gerade noch mal Glück gehabt.« Sie lächelte mich frech an.
   »Warum muss Hayland gerettet werden?«, fragte ich.
   Alle Augen richteten sich auf Pat, als ob ich etwas Unangenehmes angesprochen hätte. Gelassen löste er seinen Blick von den Flammen und ging zum Tresen. Er nahm sich ein Küchlein, biss genüsslich hinein, kaute und schluckte. Ich hatte das Gefühl, er wollte Zeit gewinnen, um zu überlegen, was er mir sagen sollte.
   »Warum Hayland gerettet werden muss, ist eine lange Geschichte. Und da du nicht die Auserwählte bist, brauchst du dich nicht damit zu beschäftigen.«
   Was war denn das jetzt? Plötzlich schien das Thema für ihn abgehakt zu sein.
   »Mia, nur wenige Menschen aus deiner Welt finden den Weg zu uns. Dafür sorgen die Wächter. Lass uns herausfinden, warum du hier bist und dich schnellstmöglich wieder nach Hause schicken.«
   Er wollte mich also schnellstmöglich wieder loswerden. Das war mir nur recht. »Das klingt nach einem guten Plan«, bemerkte ich. Nach Hause, das klang gerade wirklich verlockend.
   Membra schlenderte mit einem weiteren Keks in der Hand auf mich zu und klimperte mit ihren großen blauen Augen.
   »Oder wir könnten dir ein wenig von unserer Welt zeigen, bevor du wieder heimgehst. Das Tor öffnet sich erst wieder in vierundzwanzig Stunden. Einen Tag lang können wir doch verantworten, dich hierzubehalten.« Sie grinste mich einladend an und legte ihre Hand ganz selbstverständlich auf meinen Arm. »Hast du Lust?«
   Pat räusperte sich und sah Membra unwillig an. Es war klar, ihm passte ihr Vorschlag nicht.
   Mein Gefühl zog mich nach Hause. Doch dann musste ich an Philly denken, der mich sicher drängen würde, einmal mutig zu sein und über meinen Schatten zu springen.
   Ich schaute von Membra zu Maschinka, die an einem Regal stand und vorgab, etwas zu suchen. Dann zu Francesco, bei dessen Anblick ich immer noch eine kleine Gänsehaut bekam. Und schließlich zu Pat, der noch immer am Tresen lehnte und mich eher feindselig anblickte.
   Ich nahm noch einen kleinen Schluck von meiner Trinkschokolade. Diese Welt war dermaßen verrückt, es gab sicher viel zu entdecken. Und ich würde wahrscheinlich nie wieder hierherkommen. Also war dies meine einzige Chance. Es fühlte sich nicht so an, als ob es gefährlich werden würde. Warum also nicht.
   »Ich komme mit. Nur mache ich mir Sorgen, was meine Eltern denken werden, wenn ich nicht da bin.«
   »Deine Großmutter hat bestimmt dafür gesorgt, dass sie Bescheid wissen. So wie sie auch dafür gesorgt hat, dass du hier in guten Händen landest, nämlich den unseren.« Membra schaute mich verschmitzt an.
   Meine Eltern würden wahrscheinlich sowieso nicht vor morgen früh bemerken, dass ich nicht in meinem Bett lag. Selbst dann würden sie vermuten, dass ich schon früh losgezogen wäre und sie nicht hatte wecken wollen.
   Membra stand vor mir und hielt mir ihre zierliche Hand hin. »Ich freue mich. Doch zuerst müssen wir uns wohl der Nacht ergeben und eine Weile schlafen. Morgen früh können wir aufbrechen.«
   Mit einer kraftvollen Bewegung, die ich ihr nicht zugetraut hätte, zog sie mich vom Sofa hoch und mit sich durch den Raum. Sie wechselte ein paar Worte mit Maschinka, die erklärte, wo wir schlafen sollten. Dann wünschte sie allen eine gute Nacht. Was ich auch tat. Schon waren wir durch die Tür in einen Gang verschwunden, von dem weitere Türen abzweigten.
   Hinter der dritten Tür auf der linken Seite fanden wir ein kleines Zimmer, auf dessen Boden Membra zwei dicke Matten und Decken ausbreitete.
   »Ich wünsche dir eine geruhsame Nacht«, sagte Membra und verließ den Raum.
   Ich hatte angenommen, sie hätte das zweite Bett für sich gemacht. Auf einer Kommode stand ein Krug mit Wasser mit einer Schüssel. Schnell entledigte ich mich meiner Schuhe sowie meines Pullovers und wusch mir so gut es ging das Harz aus dem Gesicht und von den Händen. Ich legte mich auf eine der Matten. In dem Moment, als mein Kopf das Kissen berührte, schlief ich ein. Ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass ich bei völlig fremden Leuten war. In einer Welt, die es ganz sicher nicht geben konnte.

Erster Tag in Hayland

Am nächsten Tag wachte ich völlig ausgeruht auf. Sofort wusste ich wieder, wo ich mich befand. Allerdings hatte ich kein Zeitgefühl und konnte nicht sagen, ob es noch früh am Morgen oder schon mitten am Tag war. Es gab kein Fenster im Zimmer. Eine kleine Lampe erhellte den Raum. Ich hatte sie gestern Abend gar nicht mehr bemerkt. Membra erwachte etwa zeitgleich und zwinkerte mir freundlich zu. Sie musste gestern Abend wohl doch zurück ins Zimmer gekommen sein, als ich schon tief geschlafen hatte.
   Sie half mir, den restlichen Dreck aus meinen Haaren zu kämmen. Mit dem Wasser aus dem Krug versuchte ich, mich einigermaßen sauber zu waschen. Das Wasser war anschließend so dreckig, dass es mir richtig peinlich war, den anderen gestern so gegenübergesessen zu haben.
   Als ich mit Membra den Wohnraum betrat, stand Francesco schon wieder am Tresen und rührte in einem kleinen Topf. Pat stand vor dem Feuer, Maschinka war nicht zu sehen. Francesco begrüßte mich überschwänglich und drückte mir eine Tasse heiße Schokolade in die Hand sowie ein Gebäckstück, das leicht und luftig war wie ein Croissant, aber mehr wie ein Brötchen aussah. Beides schmeckte köstlich.
   Pat schien uns nicht richtig zu bemerken. Erst, als Membra zu ihm ging und sich auf die Zehenspitzen stellte, um ihm einen Kuss auf die Wange zu geben und ihm mit ihrer ansteckenden Fröhlichkeit einen guten Morgen wünschte, drehte er sich um und nickte mir zu. Wenigstens so viel Anstand hatte er. Nachdem ich nicht die Eine mit dem goldenen Mal war, auf die er gewartet hatte, schien er völlig das Interesse an mir verloren zu haben.
   Als ich meine Schokolade getrunken und alles aufgegessen hatte, stand Membra schon unruhig neben meinem Sessel.
   »Mia, der Tag ist so kurz und es gibt so viel, was ich dir zeigen möchte. Wollen wir los?«
   Ich mochte ihre quirlige Art schon jetzt. Ich nickte und stand auf.
   Francesco kam vorsichtig zu mir. Er hatte wohl bemerkt, dass ich mich noch immer nicht an seinen Anblick gewöhnt hatte. »Wir wünschen dir eine schöne Zeit hier und eine gute Heimreise, es war wundervoll, dass du uns beehrt hast«, sagte er mit einer leichten Verbeugung.
   Ich musste lächeln, er war einfach so skurril. »Vielen Dank für eure Gastfreundschaft. Ich habt mich hier sehr nett aufgenommen, bitte sag auch Maschinka danke von mir.«
   Er grinste und zeigte dabei viele spitze Zähne, sodass ich mich zwingen musste, nicht wieder einen Schritt nach hinten zu machen.
   »Meine Frau musste heute Morgen leider schon früh aufbrechen. Ich werde es ihr aber gern ausrichten. Leb wohl, Mia!«
   Ich wandte mich zu Pat, um mich auch von ihm zu verabschieden. Ich hielt ihm meine Hand hin. »Auf Wiedersehen, Pat. Ich hoffe, du findest diejenige, die ihr sucht.«
   Er hob eine Augenbraue. »Ich soll euch nicht begleiten?«
   Auf der Stelle wurde ich knallrot. »Es wäre nett, wenn du uns begleitest, aber du wirktest so … beschäftigt«, stammelte ich und sah an ihm vorbei in eins der Regale, in der Hoffnung, die Röte in meinem Gesicht würde bald verfliegen.
   Pat schmunzelte. »Gleich bin ich wieder bei euch. Ich hole nur ein paar Utensilien. So können wir dich ja nirgendwohin mitnehmen.«
   Na, vielen Dank. Was sollte das denn bedeuten?
   »Francesco, so wie ich dich kenne, hast du doch sicher irgendwo hier hinten Merlagtalg. Kannst du mir etwas davon geben? Und hast du vielleicht etwas Kleidung von Maschinka? Du müsstest Mia etwas davon zur Verfügung stellen«, sagte Pat.
   Francesco verschwand mit ihm nach hinten in den Raum, in dem ich die Küche vermutete. Kurz darauf kam er mit einem kleinen Tiegel in der Hand zurück. Hinter ihm lief Francesco, in seinen Pranken eine lange gelbe Tunika sowie eine blaue Hose. Beides mit feinen grünen Stickereien am Saum.
   Ich wurde auf der vorderen Kante des Sofas platziert und Pat kniete sich direkt vor mich hin. Er roch unglaublich gut. Am liebsten hätte ich mich nach vorn gebeugt, um an seinem Hals zu schnuppern. Was war nur mit mir los? Ich zwang mich, meine Konzentration auf sein Gesicht zu richten. Das half aber auch nicht viel.
   »Mia, ich werde dich ein wenig verändern, damit du wie eine Alven aussiehst und wir uns gefahrlos mit dir durch Hayland bewegen können. Menschen sind hier nicht jedem willkommen, vor allem in diesen Zeiten. Dieser Merlagtalg riecht etwas unappetitlich. Sobald seine Wirkung einsetzt, verfliegt der Geruch. Und du wirst sehen, er bewirkt Wunder. Es wird keinen Schmerz verursachen. Du wirst nur ein Kribbeln auf der Haut spüren.«
   Er öffnete den Tiegel und ein ekelerregender Geruch schlug mir entgegen. Es roch nach Katzenklo und Misthaufen. Ich schluckte und öffnete den Mund, um nicht durch die Nase zu atmen.
   »O mein Gott! Was ist da drin? Bist du sicher, dass der Geruch wieder weggeht?«, stöhnte ich, und Pat grinste schadenfroh. Ich konnte nicht anders, ich streckte ihm die Zunge raus.
   »Merlagtalg wird aus Katzenkraut gewonnen und in Mistsud gekocht. Er eignet sich angeblich hervorragend, um Haare seidig und geschmeidig zu halten.« Pat kam nah mit dem Tiegel. »Am besten du hältst kurz die Luft an, während ich es auftrage. Ich beeile mich.«
   Auf diese Idee war ich auch schon gekommen, also nickte ich.
   Ganz sanft berührte er meine Ohren und zog sie nach oben in die Länge. Meine Haut kribbelte. Aber ich war mir nicht sicher, ob es von dem Talg kam. Seine Berührung elektrisierte mich. Vorsichtig berührte er auch meine Augenlider und rieb schließlich meine Hände mit dem Talg ein. Einen Moment blieb sein Blick an meinem hängen. Ich war ihm so nah, dass ich jede Schattierung Blau in seiner Iris erkennen konnte. Und obwohl ich fürchtete, wieder rot zu werden, genoss ich den Moment. Dann war es auch schon wieder vorbei. Ich atmete hörbar aus, als er fertig war.
   »Lange tauchen sollte für dich ja kein Problem sein«, witzelte er, als er sich wieder erhob. »Gleich wirkt es, dann kannst du dich umkleiden, die Sandalen kannst du anlassen.«
   Meinen Körper durchfuhr ein Kribbeln, vom Haaransatz zu den Zehen und wieder zurück, es war wie ein kleiner Schauder. Pat steckte die kleine Talgdose in seine Jackentasche.
   »Komm, ich helfe dir.« Membra zog mich nach hinten in den anderen Raum, der tatsächlich eine große Küche war, mit einem gemütlichen Tisch, vier Stühlen und einem großen Steinbackofen. Während ich mich umschaute und auch hier lauter kleine Gefäße auf den Regalen entdeckte, zog ich den Kapuzenpulli, das Kleid und die Jeans aus und legte alles über einen Stuhl. Neugierig griff Membra nach dem Kleid und fuhr fasziniert mit den Fingern über den leichten Stoff.
   »Wie mich das wohl kleiden würde?«, murmelte sie.
   »Das passt dir sicher, es ist nur ein bisschen kürzer bei dir. Und du bist viel schlanker als ich. Es wird dir vielleicht zu groß sein. Magst du es anprobieren?«
   Sie schüttelte zögernd den Kopf. »Später vielleicht. Ich packe alles in meinen Tragesack.« Ihr Rucksack sah aus wie ein stabiler Seesack mit Trägern. Sie stopfte alles hinein, und als sie meinen Blick bemerkte, lachte sie. »Ich habe immer so viel dabei. Da passt richtig viel rein, und so hat man die Hände frei.« Sie strahlte mich an, wobei ihr Blick an meinem Hals hängen blieb. »Was hast du denn da für ein Medaillon an? Das ist schön!«
   »Das ist von meiner Großmutter. Sie hat es mir schon als Baby geschenkt, und seitdem trage ich es. Wenn ich es nicht um den Hals hätte, würde mir etwas fehlen.«
   Membra nahm das Medaillon an der langen Kette vorsichtig in ihre Hände. Sie fuhr mit dem Finger über die gelbe Ringelblume. Meine Lieblingsblume. Ein Muster aus blauen Linien umrahmte die kleine Blume. Auf der Rückseite war ein verschlungenes Muster aus Rauten und Blättern abgebildet. Gedankenverloren blickte Membra auf das Medaillon.
   »Irgendwo habe ich solch ein Wappen schon einmal gesehen, ich weiß nur nicht, wo. Wir müssen Pat fragen.«
   »Meinst du wirklich, das ist ein Wappen? Ich bin ziemlich sicher, dass Großmutter es in einem Schmuckladen gekauft hat, es ist sicher nicht viel wert. Aber ich mag es sehr. Früher hat sie mir eingeredet, es würde mich beschützen. Ich mag den Gedanken immer noch.«
   »Das musst du dir nicht einreden, es gibt viele Amulette mit Schutzzauber. Ich trage das des Hinderbaumes.«
   »Kommt ihr endlich? Das dauert ja ewig«, rief Pat genervt aus dem Wohnraum.
   Membra verdrehte die Augen. Dann wandte sie sich mir mit einem Lächeln zu. »Du siehst täuschend echt aus. Wie eine Alven. Der kleine Rest deiner menschlichen Züge verschönert dich noch. Schau mal in den Spiegel hier.«
   Ich folgte ihrem Blick. Über dem Herd hing ein riesiger ovaler, in einen goldenen Rahmen eingefasster Spiegel. Ein fremdländisches Mädchen mit fast mandelförmigen dunklen Augen und hohen Wangenknochen blickte mir entgegen. Zwischen meinen schwarzen Locken, die über meine Schultern fielen, konnte man spitze Ohren hervorblitzen sehen. Die Augen und der Mund waren unverkennbar meine, dennoch hatte dieses seltsame Mittel bewirkt, dass ich völlig anders aussah. War das eine Art optische Täuschung? Wenn es nur nicht so entsetzlich riechen würde. Sonst könnte ich damit zu Hause sicher reich werden.
   Als ich den Wohnraum betrat, schenkte Francesco mir ein anerkennendes Nicken. Pat lehnte lässig ihm Türrahmen. Er zog eine Augenbraue hoch, als er mich sah.
   »Gut, du gleichst fast einer Alven. Aber besser, du sprichst so wenig wie möglich. Deine Wortwahl könnte am Ende deine Herkunft verraten.« Damit verschwand Pat durch die Tür und bedeutete uns, ihm zu folgen.
   »Wir sehen uns vielleicht noch, bevor du heute Abend durch das Tor zurückkehrst, Mia. Einen schönen Tag wünsche ich euch.«
   Ich winkte Francesco ein letztes Mal zu, dann wurde ich von Membra aus der Tür heraus in einen schummrigen Gang geschoben, der wie der Stollen eines Bergwerks aussah. Alle paar Meter war eine flackernde Beleuchtung an der Wand angebracht. Wir wandten uns nach links, wo der Gang endlos weiter geradeaus zu gehen schien. Führten sie mich tiefer in den Berg hinein?
   »Was wollt ihr mir zeigen?«
   »Wir haben nicht viel Zeit. Deshalb möchte ich dir meinen Lieblingsort hier in Hayland-Stadt zeigen. Lass dich überraschen. Ist das in Ordnung für dich?«
   Ich nickte. Wo war hier denn bitte eine Stadt? Von der Wiese vor dem Haus war weit und breit nichts von Zivilisation zu sehen gewesen.
   Ich beschleunigte meine Schritte und folgte ihnen voller Neugier, vorbei an mehreren kleinen Türen, wovon jede anders aussah. Manche waren riesig und füllten den Stollen bis zur Decke, andere gingen mir gerade bis zur Hüfte.
   »Wohin führen die Türen?«
   »Dies ist ein Wohnbezirk«, sagte Membra flüsternd und sah mich entschuldigend an. »Wir sprechen besser nicht, nur für den Fall, dass uns jemand hören könnte.«
   Waren Menschen hier derart unbeliebt? Oder lag es speziell an mir? Ich hätte ihnen zu gern noch ein paar Fragen gestellt, doch Membra nahm mich am Arm und zog mich weiter. Sie gingen schnell und schienen sich dabei nicht mal anzustrengen. Mir setzte das Tempo zu.
   »Können wir etwas langsamer gehen?«
   »Na, nicht in Höchstform?«, stichelte Pat.
   Na, vielen Dank.
   Membra grinste und verlangsamte ihre Schritte ein wenig. »Entschuldige, wir sind das so gewohnt.«
   Wir kamen an eine Kreuzung, wählten den Weg nach rechts und betraten einen dunkleren Tunnel. In der Ferne sah ich ein helles Licht leuchten. Der Gang wurde schmaler, und ich konnte erkennen, dass die Wand nicht mehr nur aus Lehm und Erde bestand, sondern mit großen Steinen bis unter die Decke gemauert war. Schließlich wurden die Steine größer und füllten auch die Decke aus. Der Gang war nun viel enger und niedriger als vorher. Während ich noch beschäftigt war, die riesigen Steine zu betrachten – da waren doch Zeichnungen eingeritzt –, blieb Membra neben mir stehen und hielt mich am Ärmel fest.
   »Wir sind da.«
   Ein großes schmiedeeisernes Tor versperrte uns den Weg. Hätte mich Membra nicht am Arm festgehalten, wäre ich vor lauter Nach-rechts-und-links-Schauen dagegengelaufen. Das Tor ragte einige Meter hoch und schien den gesamten Torbogen auszufüllen. Die Streben waren so nah aneinander geschmiedet, dass sie keinen Blick nach innen zuließen.
   Membra sah mich erwartungsvoll an. »Wir sind hier an meinem Lieblingsort. Das Kloster Eskat«, sagte sie bedeutungsvoll und griff nach einer Kette, die an der Seite des Tores befestigt war.
   Irgendwo fernab war ein melodisches Läuten wie von vielen kleinen Glocken zu hören. Schon nach wenigen Augenblicken öffnete sich ein Flügel des Tores. Es schien trotz seiner Größe und der Dicke, die ich jetzt erst erkennen konnte, leicht aufzugleiten. Im geöffneten Tor stand ein Wesen, das Pat und Membra ähnelte. Es war ein Mann mittleren Alters, so groß wie Pat. Durch eine kleine, runde Brille auf der Nase sahen uns braune Kugelaugen freundlich an. Er trug eine Kapuze über dem Kopf.
   »Sei gegrüßt, Membra. Du seist auch gegrüßt, Pat. Wie schön, dass ihr vorbeischaut.«
   Seine Stimme sprang durch die Oktaven herauf und herunter, sodass sie hoch und tief zugleich klang. Dazwischen brach sie immer wieder ab. Sein Blick fiel auf mich, und er betrachtete mich neugierig.
   »Ihr habt eine Freundin mitgebracht? Sei gegrüßt, Fremde. Ich bin Bruder Ignatis, Gärtner des Klosters Eskat.« Er wirkte freundlich.
   »Das ist Mia, sie ist eine Freundin von zu Hause. Dürfen wir in den Garten, Ignatis? Sie ist nur für kurze Zeit zu Besuch und hat noch nie Zeitblätter oder Seifenrosen gesehen.«
   Ignatis zögerte kurz und blickte Membra schuldbewusst an. »Du weißt, Membra, wir dürfen keine Fremden einlassen. Das wäre zu gefährlich, bei all den Schätzen, die wir hier hüten.«
   »Bitte, Ignatis, sie wird nichts mitnehmen oder zerstören. Ich verbürge mich dafür! Ich möchte ihr nur so gern meinen Lieblingsort zeigen. Ich habe so viel von dir gelernt und teile deine Begeisterung für Pflanzen. Lass sie mich weitergeben.«
   Unentschlossen blickte er mich an und dann wieder Membra. Man konnte sehen, wie er mit sich rang, weil er ihr nur schwer einen Wunsch abschlagen konnte. Er schien sie sehr gern zu haben. Ich wollte gerade etwas sagen, als ich Pats stechenden Blick bemerkte.
   Bruder Ignatis atmete tief durch und schloss seine Augen. Nach wenigen Sekunden öffnete er sie wieder.
   »Kommt rein, ihr drei. Wozu haben wir unseren Schatz, wenn die Nachwelt nicht davon erzählen kann.«
   Er öffnete das Tor, gerade so weit, dass wir eintreten konnten. Vor uns lag eine hohe Höhle. Sie war so bearbeitet worden, dass ein großzügiger Hof entstand. Am anderen Ende des Hofes war ein großes, mehrstöckiges Gebäude in den Stein eingefügt. An den Wänden waren Fackeln angebracht. Im Zentrum befand sich ein runder Brunnen, in dessen Mitte ein steinerner nackter Faun stand, aus dessen Mund eine kleine Fontäne Wasser spritzte. Der Faun sah sehr schön aus, er hielt eine Lilie in der rechten Hand, in der linken einen Eimer. Irgendwo hatte ich eine ähnliche Figur schon einmal gesehen. Aber es gab sicher Tausende Brunnen mit solchen Statuen. Als wir uns näherten, sah ich, dass das Wasser hellblau schimmerte. Bis auf das Plätschern des Wassers war es vollkommen still im Hof.
   »Bitte wascht euch die Hände.« Bruder Ignatis wandte sich mir zu. »Mia, das ist ein alter Brauch hier im Kloster. Jeder, der es betritt, reinigt sich von der Welt draußen und hat so die Möglichkeit, alles hinter sich zu lassen und hier unbeschwert zu finden, was auch immer er in seinem Leben sucht.«
   Da wusste ich wieder, wo ich den Faun schon einmal gesehen hatte. »Jetzt weiß ich es wieder. Meine Großmutter hat auch einen solchen Brunnen mit einem spritzenden Faun in ihrem Garten. Als Kind habe ich mir immer vorgestellt, wir wären Freunde«, platzte es aus mir heraus.
   Pat stöhnte hinter mir auf.
   Mist, was war nur mit mir los. Konnte ich nicht einfach meine Klappe halten?
   »Ein Faun? Was ist ein Faun?« Bruder Ignatis schien in keiner Weise irritiert durch meinen Ausbruch. Er sah mich neugierig an. »Meinst du den Jungen hier? Das ist eine uralte Darstellung eines Alvenjungen. Du bezeichnest ihn als Faun? Aus welchem Teil Haylands kommst du? Busthain?«
   »Ja, äh, bei uns werden sie so genannt, es gibt viele Brunnen und andere verspielte Objekte, die einen Faun zeigen … bei mir zu Hause«, gab ich ausweichend zur Antwort und vermied es, Pats Blick zu begegnen.
   »Die Bezeichnung Faun habe ich noch nicht gehört, aber man lernt ja nie aus.« Ignatis schmunzelte. »Allerdings kann deine Großmutter nicht den gleichen Brunnen zu Hause haben. Dieser hier ist ein Unikat. Geschaffen von Janull von Bergheim, einem begnadeten Künstler. Lange bevor dieses Kloster entstand, hat er hier diesen Brunnen gestaltet und gebaut. Leider ist nicht überliefert, was seine Intention war. Dem Brunnen werden allerhand magische Kräfte nachgesagt, aber für uns Brüder und alle Besucher ist er ein Ort der symbolischen Reinigung von Körper und Seele, bevor man das Kloster betritt. Dies ist übrigens das einzige Kloster Haylands, falls du es nicht wissen solltest«, sagte er mit Stolz in der Stimme und ließ seine Hände durch das Wasser gleiten.
   Wir standen direkt am Brunnen, und ich blickte über den Rand. Obwohl das Wasser hellblau leuchtete, schien der Brunnen unendlich tief zu sein. Erst tief unten wurde das Wasser dunkler.
   »Warum schimmert das Wasser so bläulich? Der Brunnen scheint so tief zu sein«, fragte ich und ignorierte Pat, der mich von hinten leicht anstupste.
   »Wir wissen nicht, was der Grund dafür ist. Viele Brüder haben es sich zur Lebensaufgabe gemacht, dieses Geheimnis zu lüften, doch es ist noch keinem gelungen. Sie haben das Wasser und die Erde darum untersucht, es bleibt ein Rätsel. Ein Wunder sozusagen.« Er lächelte. »Es erinnert uns auch jeden Tag daran, dass das Leben lebenswert ist, weil wir jeden Tag mit Wundern überschüttet werden. Wir sind hier besonders gesegnet. Das wirst du gleich von Membra zu sehen bekommen.« Er sah Membra stolz an und wandte sich dann wieder mir zu. »Noch eine Besonderheit, die es zu erwähnen gilt und die wir nie entschlüsseln konnten. Das Wasser schmeckt jeden Tag anders. Und es hilft bei Rheuma und Muskelschmerzen. Möchtest du es kosten? Und das Händewaschen nicht vergessen. Sonst geht es nicht weiter.«
   Fragend sah ich zu Membra. Ich hatte wirklich große Lust, das Wasser zu probieren. Aber man trank doch nicht einfach bläulich schimmerndes Wasser, an einem Ort, der vor seltsamen Wesen und Geschichten nur so wimmelte. Dingen, von denen ich noch nie gehört hatte und überhaupt … Ach, egal. Meine Oma sagte immer, dass man manchmal auch ein Risiko eingehen muss, um eine neue Stufe zu erklimmen.
   Membra nickte mir zu. Pat trat neben mich, rieb seine Hände im Wasser aneinander. Dann formte er mit den Händen eine Kuhle und hielt sie vorsichtig unter den Wasserstrahl des Fauns. Ich tat es ihm nach und ließ meine Hand ins Wasser gleiten. Ich war überrascht, denn es war lauwarm und nicht eiskalt, wie erwartet. Es fühlte sich weich an. Meine Hände aneinanderreibend verlor sich mein Blick in der Tiefe des Brunnens. Pat spritzte grinsend etwas Wasser zu Membra und mir herüber. Schnell wich ich aus.
   »Ruhe bitte, Pat, dies ist ein Ort der Besonnenheit.« Ignatis versuchte, ernst zu schauen, seine Lippen umspielte jedoch ein kleines Lächeln.
   Vorsichtig schöpfte ich ein wenig Wasser mit meiner Hand aus dem Brunnen und führte sie zu meinem Mund. Langsam nahm ich einen kleinen Schluck aus meiner Handfläche.
   »Und, was sagt dir deine Zunge?«
   »Rosmarin, Lavendel und … eine kleine Note Salbei?«
   Erstaunt und anerkennend sah mich Ignatis an. »Das schmeckst du alles? Du musst aber einen gut ausgeprägten Geschmackssinn haben. Normalerweise schmecken unsere Gäste höchstens eine Note. Mein Respekt, kleine Fremde.«
   »Meine Großmutter hat einen großen Kräutergarten. Ich bin mit Kräutern aufgewachsen.«
   Ignatis schmunzelte. »Dann werden wir uns bestens verstehen.«
   Membra stellte Ignatis ein paar Fragen zu seinem Garten, und sie entfernten sich ein paar Schritte vom Brunnen.
   Ich fuhr noch einmal in das Wasser des Brunnens. Auf einmal hatte ich großen Durst. Ich schöpfte es heraus und trank mehr davon. Es schmeckte so erfrischend. Doch plötzlich begann mein Kopf zu schwirren, die Steine am Rand des Brunnens begannen, vor meinen Augen zu tanzen und zu verschwimmen. Meine Arme fühlten sich schwer wie Blei an, und bevor ich mich hinsetzen konnte, gaben meine Beine nach. Mein Kopf sackte nach vorn und schlug hart auf den Brunnenrand auf. Ich spürte noch, wie ein heftiger Schmerz meinen Kopf wie ein Blitz durchfuhr, dann wurde alles schwarz. Mein Körper kippte nach vorn und fiel in das blaue Wasser. Wie ein Stein begann ich, sofort zu sinken. Ich versuchte zu schwimmen, konnte mich jedoch nicht bewegen, meine Arme und Beine gehorchten mir nicht. Das Wasser um mich herum wurde dunkler, ich sank immer tiefer.
   Ich öffnete den Mund, um zu schreien, mein Schrei wurde jedoch vom dunklen Wasser verschluckt. Panik machte sich in mir breit, ich war wie gelähmt und würde erbärmlich ertrinken. Würde mein Leben so enden? Die letzte Luft entwich meinen Lungen, und ich wartete darauf, dass mein Leben noch mal an mir vorbeiziehen würde, während ich mit dem Drang kämpfte, Luft zu holen. Dann konnte ich mich nicht mehr dagegen wehren. Das Wasser strömte in meine Lungen und ein Gefühl der Erleichterung machte sich in mir breit. War ich schon tot? Der Drang, zu atmen, war nicht mehr vorhanden, einfach verschwunden. Langsam beruhigte ich mich etwas und konnte zumindest meine Hände wieder bewegen. Fühlte sich so der Tod an?
    Im nächsten Moment kam ich auf dem Boden des Brunnens auf. Es war stockdunkel hier unten, aber es machte mir seltsamerweise keine Angst. Ich konnte das Wasser um mich herum spüren, es war immer noch angenehm warm. Meine Arme und Beine entspannten sich und ich konnte auch die Füße wieder bewegen. Aus Versehen berührte ich mit den Fingern den Boden unter mir und zog sofort meine Hand zurück. Der Boden sollte eigentlich veralgt und glitschig sein, wie alle Seen und Tümpel, die ich kannte. Ich hasste das Gefühl glitschiger Algen unter meinen Fußsohlen auf dem Weg in den Badesee. Aber zu meiner Verwunderung war der Boden aus glattem Stein. Bereit, mich vom Boden abzustoßen, um wieder nach oben zu schwimmen, versuchte ich, in die Hocke zu gehen.
   Da fühlte ich etwas näherkommen. Etwas Großes. Konnte es denn noch schlimmer kommen? Meine Glieder wurden wieder steif, und ich war wie an den Boden gefesselt. Vor mir begann das Wasser, in einiger Entfernung heller zu werden und schwach zu leuchten. Das Licht wurde stärker und schien näher zu kommen. Ich konnte eine Wolke aus lauter kleinen Luftblasen erkennen, die wie ein Schwarm kleiner Fische Formen bildete, die sich ständig veränderten. Als die Luftblasenwolke nur noch einen knappen Meter von mir entfernt war, meinte ich, die Form einer Meerjungfrau zu erkennen. Also war ich wirklich tot. Solche Dinge sah ein normaler Mensch nicht. Aber das war Hayland!
   »Sei nicht traurig, dein Leben ist noch nicht zu Ende. Und hab keine Angst, Mia. Wir kennen uns.«
   Es konnte sprechen! Oder zumindest hörte ich eine liebliche, melodiöse Stimme in meinem Kopf. Sie war beruhigend.
   »Du kannst nicht mit mir sprechen, Mia. Das musst du auch nicht. Ich habe eine Botschaft für dich. Etwas sehr Wichtiges, bitte höre gut zu.«
   Während das Wesen sprach, veränderte sich ständig die Formation der Luftblasen. Die Wolke schimmerte und pulsierte in unterschiedlichen Blautönen. Es war wunderschön.
   »Ich habe hier ein Geschenk für dich. Endlich kann ich es dir übergeben, denn ich hüte es schon dein ganzes Leben für dich. Du musst es immer mit deinem Herzen beschützen. Es ist wichtig, dass du es dazu nutzt, Gutes zu tun. Setze es wohlüberlegt ein. Nicht zu viel davon und nicht zu wenig. Sonst kann es tödlich sein. Dein Herz wird dich leiten.«
   Was war das denn für ein Geschenk, das andere tötete? Das klang nicht gerade vielversprechend, aber ich hatte weder die Möglichkeit zu antworten, noch Einspruch zu erheben.
   »Lass dich nicht irreführen von anderen. Du musst lernen, auf dich zu vertrauen. Das ist vielleicht eine der schwersten Aufgaben, die dir gestellt werden. Aber ich bin sicher, dass du sie bewältigen wirst, wenn du dich öffnest und es annimmst.«
   Das alles war mir ein Rätsel. Ein Traum, ich war wieder gefangen in einem Traum.
   Das Wesen schwamm näher heran, bis es nur noch einen halben Meter von mir entfernt war. Es nahm wieder die Form einer Meerjungfrau an, diesmal konnte ich sogar ein Gesicht, im Wasser wehende, lange Haare und eine mit Hautschuppen besetzte Schwanzflosse erkennen.
   »Ich übergebe dir dein Geschenk. Es ist eine ganz besondere Gabe, die schon lange in dir schlummert. Ich werde sie erwecken, damit sie sich entfalten kann. Hab keine Angst, vertraue mir.«
   Die Stimme hatte dieses Mal keine beruhigende Wirkung. Angst kroch in mir hoch. Das Wesen kam immer näher. Bis ich schließlich die kleinen Bläschen auf meiner Haut spürte, sie waren überall. Plötzlich fühlte ich, wie mein Gesicht von Händen umfasst und mein Kinn angehoben wurde. Weiche Lippen wurden zu einem Kuss auf meine Stirn gedrückt, genau zwischen meine Augenbrauen. Der Punkt, an dem die Lippen mich berührt hatten, wurde sofort heiß, und obwohl sich das Wesen sofort von mir löste, breitete sich die Hitze über mein Gesicht aus und wanderte über meinen Hals in Schultern, Brust und Arme, bis sie meinen gesamten Körper ausfüllte. Zuerst tat es nicht weh, doch dann wurde es so heiß, unerträglich heiß, dass es brannte. Vor Schmerz schrie ich, so laut ich konnte.
   An meinen Schultern spürte ich zwei große Hände, die mich kräftig schüttelten. »Mia, komm endlich wieder zu dir.«
   Ich musste mehrmals husten, spuckte aber kein Wasser.
   »Trink das bitte.«
   Erneut schüttelte mich ein Hustenkrampf. Meine Lungen mussten noch voller Wasser sein. Ich erkannte Pats Stimme und öffnete die Augen. Neben mir war die steinerne Mauer des Brunnens, ich lag auf dem Boden daneben. Pat kniete neben mir, hob meinen Kopf etwas an und hielt mir einen Becher an die Lippen. Sein Gesicht sah besorgt aus.
   In dem Becher war eine nach Erdbeeren riechende Flüssigkeit und ich trank bereitwillig große Schlucke davon. Meine Stirn brannte noch immer und ich fuhr mit der Hand über die empfindliche Stelle. Die Haut war kühl.
   »Da bist du ja wieder.« Pat schien ehrlich erleichtert. »Du hast mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt. Trink das bitte aus und bleib noch ein wenig liegen. Ruh dich einen Moment aus.«
   Ich versuchte, mich gegen seinen Rat aufzusetzen. Pat warf mir einen missbilligenden Blick zu.
   »Es geht schon«, krächzte ich.
   Pat saß neben mir auf dem Boden und hielt meinen Becher. Skeptisch sah er mich an.
   »Wie lange war ich ohnmächtig?«
   Meine Kleidung war trocken, meine Haare auch, ich musste eine ganze Weile hier gelegen haben.
   »Ein paar Minuten nur.«
   »Warum bin ich nicht nass? Wie lange war ich unter Wasser? Bist du mir hinterhergesprungen und hast mich rausgezogen?«
   »Mia, was redest du da? Du warst nicht unter Wasser. Du hast die Besinnung verloren und dir den Kopf an der Brunnenwand angeschlagen. Ignatis hat dir Erdbeerwasser geholt, um dich zu erfrischen und dir den Kopf zu kühlen. Du warst ganz heiß. Du scheinst ziemlich hart aufgeschlagen zu sein, das gibt sicher ein kleines Horn.« Wie bei einem Kind strich er sanft über meine Stirn.
   Ich fasste mir nochmals an den Kopf und befühlte die Stelle zwischen meinen Augen. Es war kein Blut oder Schorf zu spüren. Hatte ich alles nur geträumt? »Auf dem Brunnenrand bin ich aufgeschlagen?« Irritiert sah ich ihn an.
   »Was ist denn? Ist dir wieder schwindlig?«
   Er wollte mich wieder hinlegen, doch ich wehrte seine Hände vorsichtig ab.
   »Ich hatte einen ziemlich seltsamen Traum.« Hilflos sah ich Pat an. »Ich bin in den Brunnen gefallen, und nachdem ich schon ertrunken war, hat mich eine Art Meerjungfrau auf die Stirn geküsst.« In dem Moment, als ich es ausgesprochen hatte, wurde mir klar, wie verrückt das klang.
   Pat grinste mich breit an. »Du hast von einem Wasserwesen geträumt, das dich geküsst hat? Dann hat es sich ja gelohnt, am Brunnenrand aufzuschlagen.«
   Wie witzig. Hätte ich nur die Klappe gehalten. Aber dann wurde sein Gesicht wieder ernst und er strich mir mit der Hand liebevoll über die Wange. Meine Haut kribbelte unter seiner Berührung.
   »Sei froh, du hast dich nicht ernsthaft verletzt und bekommst höchstens einen kleinen blauen Fleck auf der Stirn. Deine Wangen bekommen auch schon wieder etwas Farbe.«
   In einiger Entfernung waren Schritte zu hören und schon war der Augenblick der Vertrautheit vorüber. Mein Herz zog sich kurz zusammen.
   »Kannst du schon aufstehen? Können wir zu Membra gehen? Sie ist im Garten und macht dir mit Ignatis eine frische Salbe für deine Stirn.«
   Ich ergriff die Hand, die er mir entgegenstreckte. Sie war warm und ein kleines bisschen rau. Ich hätte sie gern noch eine Weile gehalten, aber es war so schon schlimm genug, dass sich mein Herz wie ein verliebter Teenager aufführte.
   Er zog mich in den Stand, doch ich war noch etwas wacklig. Sofort war Pat an meiner Seite und stützte mich. Das alles war mir peinlich. Ich hätte ihm nicht von meinem Traum erzählen sollen. Er musste mich für eine komplette Idiotin halten. Doch es hatte sich so real angefühlt. Schnell wand ich mich aus seinem stützenden Arm und beugte mich noch einmal über den Brunnenrand. Ich ließ meine Hand ins Wasser gleiten. Diesmal war es sehr kühl.
   Pat hatte die Hand auf meine Schulter gelegt, wie um zu verhindern, dass ich noch einmal stürzte. Ich riss mich vom Anblick des blauen Wassers los und ging mit Pat über den Hof. Durch ein großes offen stehendes, mit weißen Rosenranken bewachsenes Tor aus dickem Eichenholz gelangten wir in einen weiteren Hof. Dieser war viel größer als der erste und links und rechts von mehrstöckigen Gebäuden gesäumt. Er war begrenzt durch Säulengänge. Es roch lecker nach frisch gebackenem Brot. Ich sog die Luft ein. Irgendwo hörte man leisen Gesang.
   »Hier liegen die Wirtschaftsgebäude des Klosters, die Bäckerei, die Wäscherei, die Weinkellerei und noch vieles mehr. Wir wollen dort durch die kleine Tür«, sagte Pat, während er mich weiterschob.
   Ganz hinten in einer Ecke erkannte ich eine kleine, dunkle, mit Schnitzereien reich verzierte Tür. Sie ließ sich leicht öffnen und führte in einen schwach beleuchteten Steingang. Nach wenigen Schritten stießen wir auf eine weitere Tür. Pat öffnete sie vorsichtig. Wir wurden von hellem Licht geblendet. Tageslicht.
   Erst nach mehrmaligem Blinzeln hatte ich mich daran gewöhnt und konnte die Augen wieder öffnen. Pat schob mich durch die Tür und wir standen in einem großen, von einer hohen Steinmauer eingesäumten Garten. Ein strahlend blauer Himmel überdachte das prächtige Grün.
   »Oh«, entfuhr es mir.
   »Wie du sicher schon bemerkt hast, ist Hayland-Stadt vorwiegend unterirdisch im Berg angelegt. Die Klosterbrüder besitzen einen der wenigen Dachgärten.«
   Membra winkte von der anderen Seite des Gartens. Ich konnte die Sorge um mich in ihrem Gesicht ablesen. Und gleichzeitig die Erleichterung, mich wieder auf den Beinen zu sehen. Ignatis und sie kamen sofort auf uns zugelaufen. Abseits der Wege, die durch den Garten führten, wuchs ein buntes Gewirr an Kräutern und Pflanzen scheinbar wild durcheinander, doch beim zweiten Blick sah ich, dass alles seine Ordnung hatte.
   Hier und da waren kleine, kunstvoll beschriftete Schildchen zwischen die Pflanzen gesteckt. Der Garten war gut gepflegt. Man konnte es sehen und riechen. Es duftete herrlich nach Kräutern. Direkt neben mir war ein üppiger Lavendelstrauch. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen und bückte mich, um die Pflanze zu berühren. In diesem Moment hatte Membra mich erreicht und umarmte mich stürmisch.
   »Geht es dir wieder gut? Du hast mich ganz schön erschreckt, einfach so umzukippen. Was ist denn passiert?«
   »Ich weiß es nicht genau, ich dachte, ich wäre ins Wasser gefallen und dann …«
   Pat schüttelte fast unmerklich den Kopf und machte mit der Hand ein Zeichen in Richtung Ignatis.
   »… und dann habe ich wohl geträumt. Wahrscheinlich ist das alles einfach ein bisschen viel für mich.«
   »Deine Stirn! Sieh nur, Ignatis, ihre Verletzung ist nicht zu sehen, wir brauchen keine Salbe mehr für sie.«
   Mit ihrem Finger fuhr sie erstaunt über die Stelle an meiner Stirn. Abrupt zog sie ihren Finger zurück und sah mir verwundert in die Augen. »Ich kann es spüren«, sagte sie ganz leise zu mir. Ihre Augen leuchteten. Sie drehte sich schnell weg. »Ignatis, darf ich Mia den Garten zeigen?«
   »Wie könnte ich das meinem besten Lehrling abschlagen. Nehmt euch Zeit. Und Mia, ich bin froh, dass es dir wieder gut geht. So wie du hat schon lange keiner mehr auf unser Wasser reagiert. Nur menschliche Wesen reagieren manchmal derart empfindlich. Aber es ist lange her, dass ein Mensch bei uns war …« Er sah mich nachdenklich, aber freundlich an. »Macht bitte das Tor zu, wenn ihr geht. Auf Wiedersehen, ihr drei. Gesegnet sei euer Leben.«
   Gemächlich ging er durch den Garten. Vor dem Tor drehte er sich noch einmal um und winkte uns zu. Wieder hatte ich das Gefühl, dass er mich nachdenklich ansah.
   »Ahnt er etwas?« Besorgt sah ich Pat und Membra an.
   »Ignatis ist schlau, und er weiß sicher viel mehr, als er uns zeigt. Aber er ist auf unserer Seite.«
   »Auf eurer Seite? Wer ist denn auf der anderen Seite?«
   Beide wechselten einen Blick und Pat kniff die Lippen zusammen.
   »Es gibt Dinge, die brauchst du nicht zu wissen. Bald kehrst Du nach Hause zurück und musst dich nicht damit belasten.« Membra nahm meine Hand und zog mich mit sich.
   »Neugierig bin ich aber trotzdem. Membra, ich hätte noch ein paar kleine Fragen an dich.«
   Pat sah Membra an und nickte. »Aber nur kleine Fragen.«
   »Also gut, gehen wir zu meiner Lieblingsbank«, gab Membra nach.
   Der Garten war durch eine hohe Mauer eingefasst, die aus alten, grob behauenen Steinen zusammengefügt worden war. Am hinteren Ende gab es eine kreisrunde Ausbuchtung, in der eine Bank stand.
   Auf einem kleinen Pfad durch den Garten hatten wir mit ein paar Schritten die Bank erreicht, ohne die zarten Gewächse zu beschädigen. Mir fiel auf, dass die Pflanzen mit einem ausgeklügelten Bewässerungssystem versorgt wurden. Es schien aus zusammengesteckten Strohhalmen zu bestehen, die mit Löchern versehen waren.
   Pat und Membra setzen sich links und rechts neben mich auf die Bank. Die Mauer war hier ein wenig ausgeschnitten, sodass eine Art Fenster entstand und einen atemberaubenden Ausblick bot. Vor uns breiteten sich sanfte, saftig grüne Hügel aus, auf denen verstreut uralte Bäume wuchsen. Unten im Tal konnte ich einen dunkelblau schimmernden See erkennen. In der Ferne stiegen die Hügel zu Bergen an. Auf den hohen Gipfeln konnte ich sogar Schnee erkennen. Die Sonne stand hoch am Himmel.
   »Es sieht aus wie im Bilderbuch.«
   Ich konnte mich gar nicht sattsehen. Membra nahm vorsichtig meine Hand und hielt sie fest. Obwohl wir uns kaum kannten, fühlte sich diese Geste vertraut an. Pat hatte den Arm über die Lehne gelegt, ich genoss es, dass er dabei meine Schultern berührte.
   »Alles ist hier anders und doch ganz ähnlich.« Ich überlegte, was ich zuerst fragen sollte.
   Pat sah mich kurz an und richtete seinen Blick dann wieder in die Ferne durch das Fenster des Gartens. »Es ist so schwer zu erklären, wie es zu verstehen ist. Unsere Welt ist zwar durch Tore verbunden. Wobei sich eines in eurem Garten befindet, aber das heißt nicht, dass sich unsere Welt auch nahtlos an eure anschließt. Also ich meine räumlich gesehen. Du musst es mehr als zwei völlig unabhängig voneinander, parallel existierende Welten sehen. Sie gleichen sich in ihrer materiellen Struktur, doch trotz ihrer Verbindung sind sie unterschiedlich in ihrer Entwicklung.«
   Ich nickte, obwohl ich mir nicht sicher war, ob ich es verstand.
   »Es war ein glücklicher Zufall, dass du durch ein Tor gekommen bist, dass nahe der Erdstadt Haylands mündet. Es hätte im schlimmsten Fall auch auf dem Gipfel des Katzenkopfes sein können. Es gibt einige Tore.«
   »Woher wisst ihr das alles? Wieso weiß ich nichts darüber? Weiß jeder in Hayland über meine Welt Bescheid?«
   »Membra und ich kennen die Geschichte deiner Welt ganz gut. Aber die meisten Bewohner Haylands haben keine Ahnung von einer Verbindung zu einer existierenden Parallelwelt. So verhält es sich wohl auch in deiner Welt. Membra und ich haben eine besondere Ausbildung erhalten. Wir gehören zu einer auserwählten Gruppe von Alven, die Hayland beschützen sollen. Deshalb sind wir entsprechend ausgebildet und auf unsere Aufgabe in der Zukunft vorbereitet worden. Die Wächter, die auf beiden Seiten gelebt haben, wurden uns als Lehrer zur Seite gestellt, damit wir von ihren Erfahrungen profitieren können. Aber du kannst dir vorstellen, dass die Theorie immer etwas anderes ist als das wirkliche Leben. Deine Großmutter hat uns viel beigebracht. Sie war uns immer eine großartige Lehrerin.«
   »Wieso weiß ich nichts von euch, ihr kennt aber meine Großmutter?«
   »Die Wächter wurden vor langer Zeit erwählt, um unsere Welten gegenseitig voreinander zu schützen. Sie sollen das Gleichgewicht erhalten. Also beide Welten schützen. Dazu gehört auch, dass die eine Welt weitestgehend nichts von der Existenz der anderen weiß.«
   »Ihr spaziert also nicht einfach so zu uns rüber? Und umgekehrt kommen wir nicht in Scharen zu euch?«
   »Nur die Wächter können passieren zwischen den Welten. Außer den Wächtern betrat seit Langem kein Mensch aus Guinland mehr unsere Welt. Du bist die Erste, deshalb war ich mir auch so sicher, dass du die Eine bist.«
   »Was hat es auf sich mit dieser Einen?«
   Das letzte Mal hatte er mir eindeutig zu verstehen gegeben, dass er nicht bereit war, dieses Thema zu vertiefen. Vielleicht jetzt?
   »Ich kann dir nur so viel sagen: Es gibt Anzeichen, dass das Gleichgewicht Haylands und auch das eurer Welt ins Schwanken geraten könnte. Wir wissen nicht genau, woran es liegt. Aber es ist eine unserer Aufgaben, das herauszufinden und Hayland zu schützen. Es würde uns aber helfen, wenn wir die Heilbringerin an unserer Seite hätten. Zumindest erhoffen wir uns von ihr einiges an Hilfe. Am Ende ist es aber natürlich nur eine Vorsehung.«
   »Das klingt wie im Märchen.«
   »Es ist aber keines. Für uns ist es real. Unser Leben.« Membra lächelte. »Und wir hoffen natürlich auf eine gute Zukunft. Vielleicht ist die Eine gar nicht so weit entfernt.«
   »Muss sie denn aus meiner Welt stammen? Kann sie nicht aus Hayland sein?«
   »Das ist ziemlich unklar. Die Legende lässt aber vermuten, dass sie aus deiner Welt stammt.«
   »Aber wie kann es sein, dass ich hier bin? Ist doch seltsam, so ein Irrtum. Vielleicht liegt es an meiner Großmutter. Wenn ich die zu fassen kriege …«
   »Vielleicht.« Pats Augen funkelten schelmisch. »Was hast du noch für Fragen?«
   »Du und Membra, ihr seid Geschwister? Werdet ihr auch als Wächter ausgebildet?«
   »Ja und nein.« Membra zwinkerte mir zu. »Wir sind Geschwister. In unserer Familie gab es vor vielen Jahren eine Tragödie und unsere Eltern wurden leider getötet. Ein junges Alven-Ehepaar hat uns bei sich aufgenommen und aufgezogen wie ihre eigenen Kinder. Dieses Paar gehört zur obersten Gesellschaft der Alven. Und wir wurden gleich nach unserer Geburt, wie alle Wesen in Hayland, einer Spektrums-Prüfung unterzogen. Wir stellten uns als geeignete Kandidaten für eine besondere Ausbildung heraus. Man hat außerdem früh besondere Gaben bei uns entdeckt. Das hat uns in den Kreis der Auserwählten zum Schutze Haylands gebracht. Für unsere Aufgabe sind das die besten Voraussetzungen. Unter Alven ist es üblich, Waisen bei sich aufzunehmen. Unsere Familien sind meist sehr kinderreich und das Leben kinderfreundlich gestaltet. Sollte eine Familie in Not sein oder sollten Kinder ihre Eltern verlieren, werden sie auf jeden Fall schnell ein liebevolles neues Zuhause bekommen und niemals merken, dass sie nicht mit Eltern und Geschwistern blutsverwandt sind.«
   Da hatten wir also etwas gemeinsam. Was Membra gesagt hatte, berührte mich sehr. Meine Eltern waren die besten, die ich mir wünschen konnte. Ich musste unwillkürlich lächeln, als ich an sie dachte. Doch etwas, das Membra gesagt hatte, drängte sich in meinen Gedanken nach vorn. »Was habt ihr denn für Gaben?«
   Beide sahen sich an und grinsten.
   »Könnt ihr irgendwelche coolen Zaubertricks? Jungfrauen zersägen?«, fragte ich.
   »Ich muss dich enttäuschen, wir können nicht zaubern.«
   »Aber du hast mich in eine Alven verwandelt. Das war doch schon mal nicht schlecht.«
   »Du musst dir das mehr als wie ein Zusammenwirken von Energie und Talg vorstellen. Ich habe einfach gelernt, die Wirkungsweise dieser Tinktur freizusetzen.«
   »Kann das jeder hier?«
   »Eigentlich können das nur Alven und sehr wenige Menschen. Es ist unwahrscheinlich, dass es dir gelingen würde. Außerdem steht ein langes Studium hinter solchem Können.«
   So ein Angeber.
   »Glaub mir, das ist wirklich ermüdend, wir haben jahrzehntelanges Lernen hinter uns. Kein Spaß.« Membra stöhnte und stand auf.
   »Wie alt seid ihr denn?«
   »Ich lebe seit 5 Jahrzehnten, Pat zählt 67 Lenze.«
   »66«, korrigierte er gelassen.
   Verblüfft sah ich Membra möglichst unauffällig von der Seite an. Es war nicht zu glauben, dass sie so viel älter als ich sein sollte. Sie wirkte so jugendlich.
   »Wir altern etwas langsamer als ihr«, sagte sie mit einem entschuldigenden Blick. »Jetzt reicht es aber erst mal mit deinen Fragen. Kommt mit, sonst ist es dunkel, bevor wir hier wegkommen und alle Blumenköpfe sind geschlossen.«
   Ich sah Pat flehend an, und er zuckte hilflos mit den Schultern. Die Fragestunde war wohl erst mal beendet. Dabei wollte ich noch so viel mehr wissen. Membra lief vor mir her durch den Garten. Zwischen hohen Stauden hindurch mit großen lilafarbenen Blüten, wie Kelche geformt. Schließlich blieb Membra vor einem Beet stehen, das von großen gelben Blumen gesäumt war.
   »Schau, das ist deine Blume.«
   Vor uns lag ein ganzes Beet von Ringelblumen. Sie waren viel größer, als ich sie jemals zuvor gesehen hatte, und strahlten in einem warmen Gelb. Ich ging in die Knie, um sie näher zu betrachten, und streckte die Hand aus, um vorsichtig an einer Blüte zu riechen.
   In dem Moment, als meine Hand die Blume berührte, durchfuhr ein elektrischer Schlag meinen Körper. Erschrocken zog ich meine Finger zurück, sodass ich aus der Hocke umkippte und auf dem Po landete. Bei der Berührung mit der Pflanze hatte ich unwillkürlich die Augen geschlossen und sah in diesem Moment eine Flut von Bildern an mir vorbeiziehen. Ich sah getrocknete, zerkleinerte Blütenkörbchen der Ringelblume und wusste sofort, dass sie entzündungshemmend wirken würden.
   Innerhalb einer Sekunde war ich von dieser Information überflutet worden. Und da war noch mehr gewesen. Ich wusste, dass man diese Pflanze bei Magen- und Darmgeschwüren verwenden konnte. Und dass sie eine große Hilfe bei Hautentzündungen und schlecht heilenden Wunden, Quetschungen, Furunkeln und Ausschlägen sein würde. Die Ringelblume konnte in Form von Teeaufgüssen, wässrigen Auszügen, Tinkturen, Extrakten und Salben verabreicht werden. Es fühlte sich so an, als ob die Pflanze mir diese vielen Bilder übermittelt hätte, um mich zu lehren.
   Ich öffnete die Augen und schloss sie gleich wieder. Mir war ein wenig schwindlig und ich blieb sitzen und neigte den Kopf zwischen die Knie. Nicht schon wieder. Fast wäre ich noch einmal umgekippt. Mitten in ein Beet wunderschöner Vergissmeinnicht. Membra kniete neben mir nieder.
   »Geht’s wieder? Was ist denn los? Du spürst bestimmt noch die Nachwehen deines Sturzes. Arme Mia.«
   Ich fühlte mich schon ein wenig besser. Vorsichtig erhob ich mich, nahm aber zur Sicherheit Membras Arm als Stütze. Zum Glück hatte sich Pat ans andere Ende des Gartens zurückgezogen und schien nicht zu bemerken, was hier vor sich ging. Ich spürte noch mal nach, was mich eben überkommen hatte. Es war ein schönes Gefühl gewesen. Als hätte ich etwas gefunden, nach dem ich schon lange gesucht hatte. Unwillkürlich griff ich mir an die Stirn. Die Stelle war ein wenig wärmer als die umgebene Haut. Ich musste lächeln.
   Membra stand neben mir und schaute mich neugierig an.
   »Was ist mit deiner Stirn? Pat, komm mal her, siehst du das? Es sieht aus, als würde es bläulich schimmern.« Sie klang aufgeregt. »Als ich dich vorhin berührt habe, durchlief es mich warm, und es war ein Gefühl von Energie und Kraft.«
   Pat kam zu uns, und die beiden schauten mich neugierig an. Aufgeregt erzählte ich, was in mir vorgegangen war, als ich eben die Ringelblume berührt hatte.
   »Was glaubt ihr, ist das?«, fragte ich unsicher.
   »Diese Frage kannst du dir wohl selbst beantworten. Du hast deine Gabe entdeckt. Du kannst mit Pflanzen kommunizieren oder sie können dir mitteilen, welche Wirkung sie haben.«
   »Ich bin nicht verrückt geworden?«
   »Unter keinen Umständen«, sagte Membra. Sie nahm meine Hand und drückte sie, sah aber Pat an, als sie sprach. »Es steckt mehr in dir, als du denkst.«
   Was meinte sie damit?
   Pat ignorierte Membras Bemerkung. »Ich denke, es gibt einen einfachen Weg, herauszufinden, ob du tatsächlich eine Gabe hast oder ob es Zufall oder Einbildung war. Berühre einfach eine weitere Pflanze«, sagte er und taxierte mich abwartend.
   Wir standen auf und ich bewegte mich langsam auf einen üppigen Fingerhut zu, dessen kelchartige lilafarbene Blüten im sachten Wind schaukelten. Bei der Berührung durchfuhr mich wieder ein Stoß, nur diesmal nicht so heftig wie zuvor. Ich wusste sofort, dass diese Pflanze in ihrer Verwendung vorsichtig zu dosieren war, sonst konnte sie tödlich sein. Sie war vor allem bei Herzproblemen einzusetzen.
   Meine Hand fuhr von einer Pflanze zur anderen, und ich vergaß alles um mich herum. Wie im Rausch streifte ich fasziniert kreuz und quer durch den Garten. Die Pflanzen schienen darauf zu brennen, mir ihr Wissen mitzuteilen und alle neuen Eindrücke ordneten sich in meinem Kopf wie zu einer Bibliothek. Es war ein richtiger Adrenalinkick. Es machte mich glücklich. Wieder hatte ich das Gefühl, dass dies alles ziemlich surreal war. Egal, es war viel zu schön, um damit aufzuhören.
   Völlig irritiert und fast verärgert sah ich Membra an, als sie mich sachte am Arm berührte.
   »Mia, ich denke, das reicht erst mal, du bist schon ganz blass. Gönn dir eine Pause.«
   Sie führte mich zu der Bank in der Mauernische. Aus ihrer Tasche zog sie einen kleinen Beutel, aus dem sie einen kleinen, flachen Fladen nahm.
   »Schau, iss ein Stück, das wird dir guttun.« Sie legte mir ein kleines Stück davon in die Hand, es sah farblos aus, wie alter Kaugummi. »Probier doch mal, es schmeckt nach Karamell. Du musst es auf der Zunge zergehen lassen.«
   Skeptisch schnupperte ich an dem unförmigen Stück. Es roch tatsächlich intensiv nach Zucker und Karamell. In meinem Mund breitete sich der Geschmack schnell aus. Unglaublich lecker.
   »Wisst ihr, die Pflanzen haben mir so viel gesagt. Es war unglaublich schön.«
   »Es ist sehr nützlich, wenn man weiß, welche Pflanze bei welchem Leiden hilft. Du solltest dein Wissen nutzen.«
   Ich sah mich selbst, wie ich mit Kopftuch und dicken Flickenröcken, wie ein Kräuterweiblein, Kräuter anpflanzte und in kleine Gläser abfüllte und zum Trocknen aufhängte. Also hatte ich die Frage, wohin es beruflich gehen sollte, endlich geklärt!
   »Bei uns nutzt fast niemand mehr Kräuter. Es ist doch viel einfacher, zum Arzt zu gehen und sich ein Medikament geben zu lassen.«
   Pat und Membra wechselten einen schnellen Blick.
   »Wir haben gelehrte Medizinmänner und Bader hier, beides Heiler. Aber ich glaube, in Hayland wenden wir andere Praktiken an als eure Mediziner. Bei uns wird zum Beispiel mit Strahlensteinen und Wärmemagneten gearbeitet. Damit kann man fast alles heilen. Bei uns ist die Kräuterheilkunde eine angesehene Profession, die tief in der Heilkunst verwurzelt ist. Die Zeiten ändern sich wieder, auch in deiner Welt. Warte etwas ab und hab Geduld – ich bin sicher, deine Gabe wird dir noch nützlich sein.«
   »Geduld gehört nicht gerade zu meinen Stärken«, bemerkte ich. Aber ich war schon ein bisschen stolz, jetzt eine Gabe zu haben. Nachdem ich leider kein Talent für Klavierspielen, Singen oder Ballett entwickelt hatte, war dies eine außergewöhnliche Neuigkeit für mich. Ich hatte auch endlich einmal etwas, das ich besonders gut konnte. Auch wenn man damit nicht so richtig angeben konnte.
   Eine würde sich auf jeden Fall riesig für mich freuen: Großmutter. Kräuterkunde war ihre Leidenschaft. Sie hatte unsere Kinderkrankheiten stets mit einem guten Kräutertee schnell geheilt.
   Einmal hatte ich mein Knie verletzt, sodass ich nicht mehr laufen konnte. Meine Mutter hatte schreckliche Angst, es wäre ein Knochen angebrochen. Ich habe die ganze Zeit über geweint, denn es tat fürchterlich weh.
   Großmutter brühte mir einen heißen Tee, der fast schwarz war und widerlich roch. Sie überredete mich, wenigstens zwei Schlucke davon zu nehmen. Der Tee schmeckte wirklich ekelerregend, aber nach zwei Schlucken ging es mir schon wieder besser. Der Schmerz in meinem Bein ließ nach, und ich wurde schläfrig.
   Plötzlich kam mir ein Gespräch in den Sinn, dass meine Mutter mit meiner Großmutter führte, während ich mich auf der Couch ausruhte. Meine Mutter hatte immer wieder betont, dass sie nicht mehr an die andere Welt erinnert werden wolle und damit abgeschlossen habe. Sie wollte einen Arzt rufen. Großmutter ignorierte sie und legte einen warmen kleinen Stein auf mein Knie und sprach ein paar Worte dazu. Mein Knie wurde warm und tat mir danach nicht mehr weh. Als ich meine Mutter später fragte, was das für ein Stein gewesen war, sagte sie, ich solle Großmutter fragen und nannte sie eine alte Hexe.
   Als ich meiner Großmutter erzählte, was meine Mutter über sie gesagt hatte, schmunzelte sie und erklärte mir, dass sie einen Wärmemagneten verwendet hätte. Die würde man schon seit Jahrhunderten verwenden, sie wären aber nicht sehr bekannt. Es stimmte also nicht, dass Hayland nie ein Thema bei uns zu Hause gewesen war.
   »Ich habe schon einmal einen Wärmemagneten gesehen«, sagte ich gedankenverloren, wie zu mir selbst.
   »Du musst dich täuschen. Es ist verboten, sie in die andere Welt zu bringen.« Pat machte ein entrüstetes Gesicht.
   Ich vermied es ihn anzusehen und musste ein bisschen grinsen. »Warum?«
   »Das ist eine lange Geschichte und würde eine Menge weiterer Fragen aufwerfen. Da wir aber nur diesen einen Tag haben, musst du es wohl einfach als gegeben akzeptieren.«
   Als ich ihn von der Seite ansah, blitzten seine blauen Augen. Sie waren einfach zu schön. Ich zwang mich, den Blick abzuwenden. Er hatte recht, aber es war nicht schön, so abgefertigt zu werden. Ich musste es wohl oder übel einfach akzeptieren.
   Pat sah mich etwas versöhnlicher an.
   »Jetzt würde ich dir gern noch meinen Lieblingsort zeigen.« Er stand auf und bedeutete uns, mitzukommen.
   Gedankenverloren biss ich noch ein Stück der eigenartigen Süßigkeit ab, die Membra mir gegeben hatte. In dieser Welt gab es so viel Aufregendes. Fast schade, dass ich nicht länger als einen Tag bleiben konnte.
   Die Sonne stand schon tief am Horizont, als wir den Garten verließen. Ein schöner Ort, mit all den duftenden Kräutern. Ich versuchte, mir den Anblick gut einzuprägen.
   Wir liefen zurück durch das Kloster bis zum großen Tor, ohne jemandem zu begegnen. Als wir den Tunnel dahinter betraten und uns erneut Dunkelheit umgab, musste ich mich erst wieder an die Vorstellung gewöhnen, dass wir tief unter der Erde waren. Ich fand das immer noch verwirrend. Pat und Membra liefen zügig voraus, sodass ich mich beeilen musste, hinterherzukommen. Wir näherten uns einem Gang, aus dem Stimmen und verschiedene Geräusche zu hören waren. Pat bedeutete mir, leise zu sein, nahm meine Hand und zog mich schnell an einem hölzernen Fuhrwerk vorbei, quer über einen Gang, zu einer anderen Abzweigung. Ich verrenkte mir den Hals, um zu sehen, was da vor sich ging, konnte aber im schummrigen Licht nichts ausmachen. Schon wurde ich weitergezogen und wir folgten erneut einem dunklen Gang. Offensichtlich versuchten Pat und Membra zu vermeiden, dass wir auf andere Wesen trafen.
   Ich war froh, dass ich nicht allein unterwegs war, denn für mich sah es hier überall gleich aus. Ich konnte nicht einmal eine Markierung oder Ähnliches an den vielen Toren und Türen erkennen. Wir bogen noch einmal rechts und einmal links ab. Schnell hatte ich die Orientierung völlig verloren und lief einfach hinter Pat her. Schließlich hielten wir vor einer kleinen runden Tür, die im Gegensatz zu den anderen, an denen wir vorbeigekommen waren, völlig schmucklos war. Auf einem sehr kleinen Schild stand C. Roca in einfachen, schmucklosen Buchstaben.
   Pat klopfte dreimal fest und schon nach wenigen Sekunden öffnete eine kleine Gestalt, die eine Schürze und ein Häubchen trug, die Tür. Sie reichte mir gerade bis zur Schulter und war weder alvisch noch menschlich. Ihr Körper war mit Haaren, oder besser gesagt einem grauen Fell, überzogen. Ihre Nase war spitzer und ihre Ohren viel größer als normal, sodass sie etwas Mausähnliches an sich hatte.
   Als sie Pat erkannte, war sie offensichtlich sehr erfreut. »Hallo Pat, komm rein. Und wen hast du da mitgebracht? Membra? Wie schön, dich zu sehen. Und hier ist ja noch jemand. Kommt rein.«
   Sie hatte eine freundliche, piepsige Stimme und jetzt sah ich, wie ihre runden, dunklen Augen strahlten. Ich versuchte, sie nicht zu sehr anzustarren. Sie bat uns in einen Flur, der komplett mit hellem Holz verkleidet war. In einer Ecke stand ein Schirmständer in der Form eines Frosches. Daneben eine Holzkommode, die mit Ornamenten bemalt war und sehr alt zu sein schien. Darüber hing ein in Gold gerahmter Spiegel. Alles war einfach gehalten, aber sehr heimelig. Die Eingangstür, die von außen dünn gewirkt hatte, war dick, und ich konnte fünf verschiedene Schlösser erkennen. Wozu brauchten sie so viele Schlösser an ihrer Tür?
   Fragend sah ich Pat an. Durfte ich etwas sagen, oder sollte ich besser schweigen? Er nickte mir zu. Ich hielt dem Wesen die Hand hin.
   »Hallo, ich bin Mia. Schön, Sie kennenzulernen, Frau Roca.«
   Die Maus sah fragend die ihr gereichte Hand an, warf ihren Kopf zurück und ein hohes perlendes Lachen kam aus ihrem Mund.
   »Herzlichen Willkommen, Mia.« Sie strahlte mich an. »Ich bin allerdings nicht Frau Roca, sondern Ella Maus. Ich arbeite für Professorin Roca.« Sie ignorierte meine ausgestreckte Hand, drehte sich um und ging schnell auf eine kleine Tür zu. »Kommt mit, ich bringe euch hinüber.«
   Ich spürte, wie meine Wangen heiß wurden. Aber dann standen wir schon in einem Treppenhaus, in dem sich Stufen nach oben wanden. Ich ging als Letzte hinter Pat. »Heißt sie wirklich Maus mit Nachnamen? Oder war das ein Scherz?«, flüsterte ich ihm zu.
   »Nein, Maus ist ein seltener Name und sogar von hohem Ansehen. Nur die bedeutendsten Familien tragen ihn.«
   »Aber warum arbeitet sie dann hier, wenn sie aus einer angesehenen Familie kommt?«, wisperte ich.
   »Die Familie ist angesehen, aber nicht sehr wohlhabend und außerdem ist sie eine sehr ungewöhnliche Maus. Sie arbeitet schon sehr, sehr lange hier und liebt ihre Arbeit.«
   Er blieb stehen, sah mich an und zögerte einen Moment. Da ich eine Stufe unter ihm stand, fühlte ich mich noch kleiner, als ich sowieso schon war. Seine Augen blitzen kurz auf.
   »Ella arbeitet nicht für die Professorin, sie sind eher Freunde und Partner. Lass dich überraschen von Frau Maus.«
   Endlich waren wir oben angekommen. Ich war schon ein bisschen aus der Puste. Den anderen dagegen schienen die vielen Stufen nichts ausgemacht zu haben. Ich musste dringend etwas für meine Fitness tun.
   Durch einen Rundbogen betraten wir einen großen, hohen Raum. Er war rundherum von Regalen gesäumt, die bis unter die Decke mit Büchern gefüllt waren. Mitten im Raum stand ein dunkler Tisch, dessen dicke Beine wie Löwentatzen geschnitzt waren. Davor standen zwei Sessel, die mit grünem Samt bezogen waren. Ein frei über dem Tisch schwebendes Licht beleuchtete sanft ein aufgeschlagenes Buch. Neben dem Buch stand eine Glasvase auf dem Tisch, mit wunderschönen rosafarbenen Rosen darin.
   An der Wand zu unserer Linken befand sich ein Kamin, er war fast so groß, dass ich aufrecht hätte hineingehen können. Auch er war verziert mit einem steinernen Löwenkopf, dessen aufgerissenes Maul zu brüllen schien, und Klauenfüßen. Ein Feuer brannte im Kamin und erhellte flackernd das Zimmer. Insgesamt war der Raum eher schwach beleuchtet und ein wenig düster, aber gemütlich. Vor dem Kamin stand ein roter Sessel mit einem gemütlichen Kissen und einer Wolldecke über der Armlehne. Ich hatte sofort Lust, die Regale zu erkunden.
   »Ist das dein Lieblingsort?«, fragte ich Pat.
   Er nickte, und ich wusste genau, warum. Dieser Typ machte es mir nicht leicht, ihn nicht zu mögen.
   »Consuela? Du hast Gäste. Wo bist du?«, piepste Frau Maus ziemlich laut. »Wollt Ihr einen Tee?«, fragte sie uns. »Consuela kommt gleich, und ich bin auch sofort wieder da.« Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte sie sich flink nach rechts und verschwand.
   Membra ging sofort zum Sessel vor dem Feuer, setzte sich hinein und hielt ihre Hände über die Glut. Sie sah entspannt aus. Pat ging zum Tisch, um sich das aufgeschlagene Buch anzuschauen. Unsicher, was ich tun sollte, folgte ich ihm.
   Über beide Seiten des Buches zogen sich Zeichnungen verschiedener Blumen. Ein paar davon hatte ich vorhin im Garten gesehen. Die Zeichnungen waren detailliert und wunderschön farbig ausgeführt und mit lateinischen Namen benannt.
   »Schau, hier eine Ringelblume und da ein Vergissmeinnicht. Springkraut, oh, wie schön gemalt dieses Leberblümchen ist«, sagte ich freudestrahlend, aber leise zu Pat und zeigte darauf.
   »Da kennt sich aber jemand sehr gut aus mit Blumen«, sagte eine leicht lispelnde, sanfte Frauenstimme hinter Pat.
   »Professorin Consuela«, rief Pat erfreut, während wir uns umdrehten.
   Erschrocken schnellte ich beim Anblick des Wesens zurück. Ich knallte mit dem Po gegen den Tisch, sodass er ein Stück nach hinten verschoben wurde und die Vase mit den Rosen bedenklich wackelte. Ich wollte wegrennen, aber ich war wie festgefroren und konnte mich nicht bewegen.
   Ich hatte erwartet, Professorin Consuela wäre auch ein mausähnliches Wesen oder vielleicht eine Alven. Doch jetzt kroch mir bei ihrem Anblick die Gänsehaut über den ganzen Körper. Ich spürte, wie sich mir die Haare im Nacken aufstellten. Wie konnten Membra und Pat mir das antun? Ich musste raus, weg von hier. Wo war die Tür? Meine Beine schienen wie festgefroren. Ich merkte, wie Angst und Panik in mir hochstiegen. Ohne, dass ich es wollte, schrie ich schrill und quietschend auf. Und ich konnte nicht damit aufhören. Ich stieß wieder gegen den Tisch und mit einem lauten Knall fiel die Vase um und Wasser, Scherben und Rosen verteilten sich über den Boden. In dem Moment, in dem die Vase zu Bruch ging, hörte ich auf zu schreien. Pat stand plötzlich vor mir und verstellte mir die Sicht. Ich zitterte unkontrolliert, und er sah mich etwas hilflos an. Dann nahm er mich in den Arm. So fest ich konnte, schlang ich meine Arme auch um ihn, und als ich seinen Herzschlag hörte, beruhigte ich mich und nahm wahr, wie er auf mich einredete.
   »Alles ist gut, Mia. Nichts wird dir passieren, das verspreche ich dir.« Er strich mir sanft über meinen Rücken.
   »Aber da ist eine Schlange«, flüsterte ich.
   »Kein Grund zur Sorge, wirklich. Dir kann nichts passieren.«
   Ohne mich von ihm zu lösen, hob ich den Kopf und linste unter seinem Arm hindurch. In einiger Entfernung sah ich die graue Schlange, die mit aufgerichtetem Kopf in unsere Richtung sah. Ihr Maul war leicht geöffnet, und ich konnte mehrere nach innen gebogene, spitze Zähne sehen.
   »Geht es wieder?«, fragte Pat ehrlich besorgt.
   Aber ich war noch nicht bereit, mich von ihm zu lösen. Ich hasste Schlangen, und zwar schon immer, ich glaube, es gab nichts, wovor ich mehr Angst hatte. Wahrscheinlich hat Großmutter mir diese Angst eingeimpft, denn sie wurde als junge Frau von einer Schlange gebissen und hat mir hundertmal von diesem Erlebnis erzählt. Und es dabei wahrscheinlich umfangreich ausgeschmückt. Schon als Kind habe ich ihre Narbe am linken Arm immer wieder berührt und sie gebeten, mir die Geschichte wieder und wieder zu erzählen.
   Sie sagte mir, dass Schlangen zu den schlauesten aller Wesen gehören. Aber leider auch zu den gefährlichsten. Ich solle auf keinen Fall glauben, dass sie nur angreifen würden, wenn sie sich bedroht fühlen. Sie sagte, sie seien berechnend und oft auch rücksichtslos. Sogar ihrer eigenen Spezies gegenüber. Seit meiner Kindheit bin ich jeder Schlange erfolgreich aus dem Weg gegangen. Und jetzt war ich mit einer im gleichen Raum, die mich auch noch überragte!
   Die Angst stieg wieder in mir hoch, und ich klammerte mich fester an Pat. Die Schlange war mindestens fünf Meter lang, aber nicht besonders dick. Ihre Schuppen waren dunkel und glänzten, als ob sie feucht wären. Sie hatte den größten Teil ihres Körpers eingerollt und den Kopf aufgerichtet, sodass sie etwa gleich groß war wie Pat. Auf ihrer Nase saß eine kleine Brille mit halbrunden Gläsern. Sie hatte hellblaue Augen mit elliptischen Pupillen. Schnell sah ich weg.
   »Mia. Beruhige dich«, sagte die Schlange leise zischelnd. »Ich verstehe. Du hast Angst vor Schlangen. Aber hier in diesem Raum droht dir keine Gefahr. Meine Wenigkeit gehört zur Gattung der Anguis fragilis, der Blindschleichen. Also werde ich dich weder mit meinen nicht vorhandenen Giftzähnen beißen, noch versuchen, dich mit meinem Körper zu erwürgen. Atme tief durch. Pat, vielleicht solltest du ihr ein wenig Platz zum Luftholen lassen.«
   Tatsächlich bemerkte ich auch, dass er seine Arme ziemlich fest um mich geschlungen hatte. Wenigstens war er ein Gentleman. Wieder fiel mir auf, wie gut er roch. Dieser Typ machte mich völlig verrückt.
   Vielleicht hatte er es bemerkt, denn er löste seinen Griff und schob mich ein bisschen von sich weg. Meine Güte, wie naiv war ich eigentlich? Pat war definitiv nicht an mir interessiert.
   Eigentlich hasste ich diese aufgekratzten, verliebten Mädchen mit ihrer rosaroten Brille auf der Nase, wie sie nur zu gern meinen besten Freund Philly umschwärmten. Und jetzt benahm ich mich nicht anders. Immerhin hatte Pat mich von meiner Angst abgelenkt, und ich fühlte mich ein wenig besser und ruhiger. Ich atmete tief ein und wieder aus. Eine Blindschleiche. Wenn auch eine Riesenblindschleiche. Dennoch – keine Gefahr.
   Membra war plötzlich an meiner Seite. »Alles ist gut, komm, setz dich einen Moment.«
   Sie führte mich mit großem Abstand zu Professorin Consuela zum Sessel am Feuer und drückte mich hinein.
   Ganz geheuer war mir die Situation immer noch nicht. Pat und Professorin Consuela sprachen leise miteinander. Ich konnte sie aber gerade so verstehen, wenn ich die Ohren spitzte.
   »Also eine Alven ist das ganz sicher nicht. Niemals. Deine Künste in Ehren, Pat. Aber auch wenn sie so aussieht wie ihr, sie ist keine von euch.«
   Pat seufzte leise. Es ärgerte mich fast ein wenig, dass er überhaupt keine Berührungsängste zu haben schien. Ich drehte den Kopf ein wenig und musterte beide von der Seite.
   »Und sie riecht anders …«, ihre kleine blaue Zunge kam zum Vorschein, »… nach Ringelblume. Sehr angenehm.« Sie lächelte mich freundlich an und mich überlief eine Gänsehaut. »Abgesehen davon bin ich mir sicher, dass sie ein Mensch ist.«
   »Wir waren gerade im Klostergarten. Vielleicht riecht sie deswegen nach Ringelblume«, warf Membra ein.
   Professorin Consuela blickte prüfend zu mir und ich schaffte es, ihrem Blick dieses Mal länger standzuhalten.
   Sie grinste breit. »Sie ist also ein Mensch. Ganz unglaublich.«
   Pat schien sich nicht daran zu stören, dass ich entlarvt worden war. Wir wechselten einen kurzen Blick.
   »Ich hätte wissen müssen, dass wir Sie nicht an der Nase herumführen können, Professorin«, sagte Pat und lachte herzlich.
   Er schien ihr zu trauen. Professorin Consuela begann ebenfalls, zu lachen. Es war ein hissendes, glucksendes Lachen. Es war beinahe ansteckend. Als sie sich beruhigt hatte, wischte sie sich mit dem Schwanzende eine Träne aus dem Augenwinkel und sah Pat triumphierend an.
   »Das war einfach. Jetzt hast du es preisgegeben. Pat, ich war mir nicht so sicher, ich habe es vielleicht geahnt und gespürt, aber du hast dich gerade selbst verraten. Daran müssen wir noch arbeiten. Du musst auch vor Wesen, die dir vertraut sind, Geheimnisse bewahren können.«
   Pat lächelte nur über den kleinen Tadel.
   Auf einmal war die Situation entspannter. Vielleicht begann auch ich, mich einfach nur ein wenig zu entspannen. Diese Welt war anders. Mir würde hier noch so einiges begegnen, dass ich völlig verrückt fand. Kurz musste ich an Philly denken, ich brannte darauf, ihm alles zu erzählen, was ich hier erlebte.
   »Professorin Consuela, ich möchte mich für mein schlechtes Benehmen entschuldigen. Mein Name ist Mia, und ich bin einen Tag zu Besuch hier in Hayland. Pat und Membra wollten mir gern ihre Lieblingsorte zeigen. So bin ich hier gelandet. Leider habe ich große Angst vor Schlangen und habe deshalb so reagiert. Es tut mir wirklich leid, auch um Ihre Vase. Wo finde ich etwas zum Aufwischen?«
   In diesem Moment kam die kleine Maus mit einem großen Tablett durch die kleine Tür in der Regalwand.
   »So ihr Lieben, jetzt gibt es erst mal Tee. Ich habe etwas klirren gehört. Ist alles in Ordnung bei euch?«
   In dem Augenblick, als Ella Maus das Tablett auf dem großen Tisch absetzte, bemerkte sie das Wasser und die Scherben auf dem Boden. Ihre Gesichtszüge veränderten sich. Wütend sah sie Professorin Consuela an.
   »Consuela! Was hast du wieder gemacht? Tausend Mal habe ich dir schon gesagt, du sollst mit deinem Schwanz aufpassen. Das ist die dritte Vase in diesen Monat, und du weißt, wie sehr ich dieses Stück geliebt habe.«
   Hatte ich mich getäuscht oder war Professorin Consuela kurz zusammengezuckt?
   »Entschuldige, Ella, ich wollte gerade ein Tuch holen, um alles aufzu…«, stammelte sie.
   »Das gibt es nicht, das gibt es nicht!« Theatralisch zog die kleine Maus ein großes Tuch aus ihrer Schürze und begann, die Scherben aufzusammeln. Sie schüttelte heftig den Kopf und murmelte vor sich hin. Ich ging hinüber, um ihr zu helfen, hielt aber noch Sicherheitsabstand zu Professorin Consuela.
   »Nein, nein, du bist hier Gast, du musst nicht helfen.« Sie lächelte mich an. »Aber sehr nett von dir.«
   Meine Wangen wurden heiß. »Ich habe die Vase runtergeworfen. Es tut mir sehr leid. Ihre Rosen sind wunderschön.«
   Ella Maus hielt inne und betrachtete mich einen Augenblick.
   Professorin Consuela grinste schelmisch. »Und ich wurde in aller Unschuld verdächtigt.«
   Ella warf einen tadelnden Blick in Richtung Professorin Consuela. »Du magst Blumen?«, fragte sie dann in meine Richtung.
   »Ich liebe alles, was gut riecht und das tun die meisten Pflanzen. Zumindest für meine Nase.«
   »Ach, wie schön, eine verwandte Seele. Mir geht es genauso.« Die Maus strahlte. Sie hob ihre Pfote und strich mir kurz über die Wange. Die Pfote war nicht kratzig, sondern sehr weich.
   Wir hoben die restlichen Scherben gemeinsam auf. Ella brachte sie schnell weg und setzte sich zu uns auf einen kleinen Schemel nahe beim Feuer. Professorin Consuela hatte sich am Boden eingerollt und schaute mich erwartungsvoll an. Ich konnte meine Angst nicht ganz ablegen und meine Hand zitterte ein wenig.
   »Liebe Mia, du bist also ein Mensch. Ich habe schon länger keinen fremden Menschen mehr hier in Hayland-Stadt gesehen. Sie meiden diesen Ort seit vielen Jahren. Wie spannend, einen so interessanten Gast in meinem Heim zu haben.«
   »Sie ist nicht aus Hayland«, sagte Pat leise.
   Die Augen der Schlange wurden schmal und sahen Pat ungläubig an.
   »Sie ist aus Guinland.« Pat nickte in meine Richtung.
   Aufgeregt sah die Schlange von mir zu Pat. »Wie …? Unmöglich! Ist sie …?«
   Pat schüttelt den Kopf. Also erzählte ich davon, wie ich bei Francesco gelandet war. Die Professorin und Ella Maus hörten mir gebannt zu.
   »Eine unglaubliche Geschichte. Sehr interessant.« Die Blindschleiche war offensichtlich begeistert. »Danke für deine Offenheit, Mia. Dann solltest du im Gegenzug auch etwas von mir erfahren. Ich bin Consuela Lina Esmeralda Roca. Mein Name ist sehr alt, genau, wie ich es bin. Wenn ich mich nicht verrechnet habe, sind es dieses Jahr 942 Jahre, oder Ella?«
   Ella nickte.
   »Mein ganzes Leben habe ich in Hayland verbracht. An den verschiedensten Orten. Am besten gefällt es mir am Kipschen Meer und natürlich hier in meiner Bibliothek. Ich habe vielen Königen und Königinnen und später angesehenen Familien gedient, für sie gekämpft und mein ganzes Leben gelehrt. Denn das ist meine Gabe. Das Lehren. Deshalb möchte ich so viel wie möglich an Wissen ansammeln und weitergeben.« Ihr Blick fiel auf Ella. »Ella ist meine Lebensgefährtin, die mich zu meinem Glück schon mein halbes Leben begleitet und die ich keinen Tag missen möchte.«
   Die kleine Maus wurde ein bisschen rot und schickte ein kleines Küsschen durch die Luft. Ich war gerührt und auch total verwundert. Eine Blindschleiche und eine Maus?
   »Es ist ein Geheimnis, dass Ella und ich nicht nur zusammenleben, sondern uns sehr, sehr mögen. Es gibt viele Leute, die dieses Wissen gegen mich verwenden würden. Ich erzähle dir das, damit du weißt, dass du mir vertrauen kannst. Dir gilt mein Vertrauen. Ich kann spüren, dass es noch mehr zu berichten gibt. Etwas Wichtiges blieb bislang unausgesprochen. Und aufgrund meiner Neugierde, aber auch meiner Pflicht, die ich diesem Land gegenüber habe, möchte ich gern mehr hören.«
   Ihre Worte hatten mich sprachlos gemacht. Ich war gerührt, dass sie mir gegenüber so offen war. Doch was meinte sie mit ihrer Pflicht gegenüber Hayland? Und was in meinem Bericht hatte ich vergessen, das so wichtig war? Mein Blick wanderte von Professorin Consuela zu Ella Maus und dann zu Pat und Membra. Alle schauten mich erwartungsvoll an.
    »Mia wird uns heute Abend wieder durch das Tor verlassen. Wir haben also nicht mehr viel Zeit. Sie soll möglichst bald unversehrt nach Hause gelangen. Im Kloster wäre sie beinahe in den Brunnen gefallen.«
   Ich machte eine Grimasse in Pats Richtung. Hätte er mir diese Peinlichkeit nicht ersparen können? Seine Augen blitzten belustigt auf.
   »Ich bin mit dem Kopf auf dem Brunnenrand aufgeschlagen.« Wieso sollte ich nicht zu Erheiterung aller beitragen. »Und als ich kurz bewusstlos war, habe ich geträumt, ich sei in den Brunnen gefallen.«
   Professorin Consuela wechselte einen vielsagenden Blick mit Ella. »Du bist also in den Brunnen gefallen im Kloster?«
   »Ich habe geträumt, dass ich in den Brunnen gefallen bin.«
   »Ella würdest du dir das bitte mal ansehen?«
   Die kleine Maus lächelte mich fürsorglich an. »Keine Angst, Mia, ich will nur mal kurz deine Stirn ansehen.«
   Sie kam ganz nah, und da ich saß, waren wir etwa gleich groß. Ich konnte sehen, wie sehr ihr Fell glänzte. Ganz schwach konnte ich den Duft von Rosen riechen. Sie hob ihre kleine Pfote und berührte vorsichtig meine Stirn. Meine Haut kribbelte ein wenig unter der Berührung.
   »Spürst du es auch, Ella? Ich konnte die Energie fühlen.« Membra war begeistert aufgesprungen und kam zu uns.
   »Ja, es ist sehr stark. Ein großes Geschenk.« Ella hatte ihre kleine Pfote weggenommen und strahlte mich an.
   Ich befühlte ebenfalls meine Stirn, bemerkte aber außer der Beule, die schon deutlich zurückgegangen war, nichts.
   Membra seufzte. »Ich würde sterben für so eine Gabe. Die Pflanzenwelt bietet noch so viele Geheimnisse. Du könntest sicher viele davon lüften und bisher unentdeckte Heilmittel finden. Oh, ich fände es so toll, so etwas zu haben.«
   Pat saß in Gedanken versunken auf seinem Sessel und starrte mich an, ohne mich wirklich zu sehen. Seine strahlend blauen Augen blickten einfach durch mich hindurch.
   Als sich Professorin Consuela ein wenig näher zu mir schlängelte, zuckte ich unwillkürlich zurück. Ich konnte einfach nicht aus meiner Haut.
   »Wie mit jeder Gabe erfordert es viel Übung und Ausdauer, um ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Ella sagt, deine Gabe wäre sehr stark. Deshalb bin ich mir sicher, dass sie noch über die Pflanzenkunde hinausgehen wird.«
   »Wird sich die Gabe denn auch bei mir zu Hause zeigen?«
   »Ich denke schon«, sagte Professorin Consuela nachdenklich. »Du hast ein ganz besonderes Geschenk erhalten. Wasserelben erwecken nur selten Gaben. Ich habe bisher nur ein einziges Mal davon gehört. Dir wurde nicht die Gabe an sich geschenkt. Sondern nur die Fähigkeit, sie zu nutzen. Deine Gabe schlummerte schon immer in dir. Vielleicht hättest du sie auch selbst freisetzen können. Oder sie hätte dein ganzes Leben in dir geschlummert, ohne dass du je etwas davon gemerkt hättest. Manchmal mischen sich die Meerelben in den Lauf der Geschichte ein. Aber nur dann, wenn sie es für dringend notwendig erachten. Sie haben dich ausgewählt, jetzt ist es an dir, etwas daraus zu machen – oder eben auch nicht.«
   Professorin Consuela schaute mir fest in die Augen, und ich hatte das Gefühl, ihr Blick sei hypnotisch. Ich wollte ihrem Blick ausweichen, konnte aber nicht. Ich war wie gebannt.
   Neben mir räusperte sich Ella mit einem piepsigen Laut und Professorin Consuela wandte sich ab.
   »Soweit ich dich verstanden habe, wirst du uns in wenigen Stunden verlassen. Das stimmt mich traurig. Zu gern hätte ich mich dir als Lehrerin angeboten. Deine Gabe ist vielversprechend. Und du bist es als Person sicher auch. Bist du sicher, dass du uns so schnell schon wieder verlassen musst?«
   »Danke für das Angebot. Ich finde es hier sehr aufregend. Hinter jeder Ecke kommt was Neues zum Vorschein. Und das mit der Gabe ist echt beeindruckend. Aber ich muss wieder nach Hause zurück.«
   »Es gibt keinen Grund für sie, hierzubleiben«, schaltete Pat sich ein. »Der Zeitpunkt und die Umstände, durch die sie hierher gelangt ist, sind denkbar ungünstig. Was auch immer sich Ylka dabei gedacht hat – Mia ist hier nicht sicher.«
   Professorin Consuela sah Pat fragend an. »Unterschätze Ylka nicht. Ich denke, dass sie nicht leichtfertig und unüberlegt gehandelt hat. Vielleicht ist dir ein Detail entgangen?« Sie wandte sich an mich. »So, ich habe leider noch ein paar dringende Dinge zu erledigen«, beendete die Professorin das Zusammentreffen abrupt. »Vielen Dank für diese nette Begegnung, liebe Mia. Wie heißt es so schön? Man sieht sich immer zweimal im Leben.« Sie wandte sich von mir ab. »Ich verabschiede mich, ihr könnt Mia aber gern noch meine Bibliothek zeigen. Membra, auf Wiedersehen, grüß mir deine Mutter. Pat, auf ein schnelles Wort?«
   Pat sprang von seinem Sessel auf und nickte. Ehe ich etwas sagen konnte, waren die beiden schon die Stufen hochgestiegen beziehungsweise gekrochen, und ich war mit Membra und Ella allein.
   »Tut mir leid, sie wollte nicht unhöflich sein, sie haben wohl nur noch etwas Wichtiges zu besprechen«, sagte Ella. »Membra wird dir alles zeigen, sie kennt sich hier aus, und dann geleite ich euch später hinaus. Bis gleich.« Sie begann, das gebrauchte Geschirr zusammenzusuchen und auf ein Tablett zu stellen.
   Membra nahm meine Hand und zog mich die paar Stufen hoch. Pat und Professorin Consuela waren nirgends mehr zu sehen. Ich hörte sie irgendwo in einiger Entfernung leise miteinander sprechen.
   »Komm, ich zeige dir, wo wir unterrichtet werden.«
   Wir gingen einen langen, schwach beleuchteten Gang entlang. Links und rechts kamen wir an Zimmern vorbei, die mit unzähligen Büchern bestückt waren. Jedes Zimmer sah etwas anders aus, als wäre jeder Raum einem bestimmten Thema zugeordnet. Allerdings konnte ich das im Vorbeigehen nicht genau erkennen. Nachdem wir sicherlich an mindestens zehn Zimmern vorbeigelaufen waren, schob mich Membra in einen großen, hellen Raum. Von der Decke hing ein Kristallleuchter, an dem keine Lämpchen angebracht waren, sondern runde Lichtbälle hingen, die wie Kerzen bläulich flackerten. Ich musste Membra unbedingt fragen, was das war. In der Mitte des Raumes stand ein massiver Tisch aus Holz und um ihn herum vier Stühle. An einer Wand war eine Schultafel angebracht, auf der eine lange mathematische Formel stand. Daneben stand in einer irgendwie altertümlich wirkenden Schrift: Exhal-Tinktur. An der Wand gegenüber hingen mehrere alte Bilder. Und zu meiner Überraschung kannte ich eines davon. Es waren die Sonnenblumen von van Gogh, die hier groß in der Mitte hingen. Die anderen drei Bilder zeigten ebenfalls Blumenmotive.
   »Das Bild in der Mitte kenne ich, das kommt aus meiner Welt. Das ist eines von van Gogh.«
   »Ja genau, er war viele Jahre Wächter, bis er sein Talent entdeckt hat. Er hat ziemlich lange allein in den Bergen gelebt, die du heute aus dem Klostergarten sehen konntest. Irgendwann hat er sich entschlossen, in deiner Welt zu leben und die Wächterzeit zu beenden. Bevor er ging, hat er noch dieses Bild gemalt und es Professorin Consuela geschenkt, sie waren enge Freunde. Die anderen drei sind von Ella, sie malt für ihr Leben gern. Schön nicht?«
   Ein Original von van Gogh hing hier? Diese Welt barg wirklich immer neue Überraschungen. »Ist das hier eine Schule?«
   Membra lächelte mich an. »Weißt du, die eigentliche Schule haben wir schon lange hinter uns. Wir arbeiten hier sozusagen an einem Spezialprojekt, und Professorin Consuela gibt uns ihren Erfahrungsschatz weiter, damit wir besser gewappnet sind.«
   »Wofür gewappnet?«
   Ich konnte Membra ansehen, dass sie schon zu viel gesagt hatte und ihr meine Frage unangenehm war. Natürlich konnte sie jemandem, der hier nur ein paar Stunden verbrachte und den sie eigentlich nicht kannte, nicht in die Geheimnisse eines Spezialprojektes einweihen. Also wechselte ich schnell das Thema.
   »Sag mal, Membra, wie funktioniert das mit eurem Licht?« Ich zeigte auf den Kronleuchter. »Wir haben zu Hause Elektrizität, aber das hier sieht so anders aus.«
   Offensichtlich erleichtert, über etwas anderes sprechen zu können, ging Membra zu einem kleinen Schrank.
   »Es ist ganz einfach, das sind Energiebällchen. Sie laden sich von selbst auf und lassen sich leicht und gefahrlos platzieren. Ich zeige es dir gern, es gibt hier irgendwo ein Modell.« Sie hatte den Schrank geöffnet und suchte darin, schien es aber nicht zu finden.
   »Ella weiß bestimmt, wo es ist. Ich gehe sie schnell fragen, ich bin gleich wieder da, schau dich ruhig weiter um. Aber verlauf dich nicht. Du wärest nicht die Erste.«
   Schnell flitzte sie los, ihre Tunika flatterte hinter ihr her. Ich ging aus dem Zimmer heraus, um zu sehen, was im Raum gegenüber war. Als ich ihn betrat, wurde der gläserne Kronleuchter an der Decke automatisch ein bisschen heller. Sehr praktisch – ich war wirklich gespannt, wie das funktionierte.
   Im ganzen Raum hingen Landkarten, die mit Zeichen bemalt waren, die mir fremd waren. Die Karten waren bunt und die eingezeichneten Meere und Flüsse schimmerten bläulich im Licht. Es sah alles detailliert aus, ich konnte jedoch nichts Bekanntes entdecken. Es waren also Karten dieser Welt – was auch sonst. Gespannt, was mich noch erwarten würde, ging ich weiter in das nächste Zimmer. Es war bis unter die Decke voll mit Büchern, deren Einbände alt aussahen. Auf einem Tisch in einer Ecke lag aufgeschlagen ein Buch. Darauf abgebildet waren verschiedene Kreise mit roten und grünen Einfassungen. Beim näheren Hinsehen konnte ich erkennen, dass es Ringe waren, Schmuckstücke mit vielen Edelsteinen. Jeder Ring hatte einen Namen und einen dazugehörigen Text. Leider war mir diese Schrift unbekannt.
   Im darauffolgenden Raum war es dunkel, und ich musste mich erst einmal orientieren. Rundum waren die Wände mit Regalen gesäumt, in denen sich kein einziges Buch befand, sondern unterschiedlich große, durchsichtige Glasquader. Sie schimmerten in unterschiedlichen Farben. Fasziniert ging ich näher an das erste Regal und beobachtete, wie der Quader langsam die Farbe im schwachen Licht wechselte. Es sah wunderschön aus. Vor dem Würfel stand ein kleines Schild mit der Aufschrift »Wetterwürfel«. Jeder einzelne Quader war mit einem Schild beschriftet. Dort konnte man Wurzelstein, Quellensuche, Goldwürfel und anderes lesen. Ich musste Membra unbedingt fragen, was es mit diesen Würfeln auf sich hatte.
   Langsam bewegte ich mich weiter an den Regalen entlang. Der Raum wurde nur von dem spärlichen Licht erhellt, das die Quader ausstrahlten. Ganz hinten in einer Ecke entdeckte ich unten im Regal eine kleine goldene Figur, die neben einem Quader saß. Auf dem Schild stand »Wunschquader«. Die Figur war eine kleine Meerjungfrau. Sie saß auf dem Regalrand und lächelte ihren Betrachter an, während sie mit ihren Haaren spielte. Sie hatte so lebendige Züge, dass ich sie berühren musste. Vorsichtig strich ich mit dem Finger über ihre Haare. Ich hatte kühles Metall erwartet, aber die Figur fühlte sich warm und irgendwie weich an. Erschrocken über die Lebendigkeit, die die kleine Meerjungfrau ausstrahlte, zog ich meine Hand zurück. Ungeschickt, wie ich war, kippte die Figur nach vorn und wäre beinahe vom Regal gefallen. In letzter Sekunde konnte ich sie auffangen und wieder auf den Regalrand platzieren.
   Hinter dem Regal machte es im gleichen Moment ein klickendes Geräusch und das Regal schwang noch vorn auf. Ich musste zur Seite springen, um nicht getroffen zu werden. Schnell trat ich noch einen Schritt zurück.
   Hatte ich einen verborgenen Mechanismus ausgelöst? Typisch für mich. Ich versuchte, das Regal wieder an die Wand zu drücken, aber es bewegte sich keinen Millimeter zurück, sondern schwang weiter auf, bis eine kleine Tür aus filigranem Holz in der Wand dahinter sichtbar wurde. Sie stand einen kleinen Spalt offen.
   Ich blickte mich unsicher um und überlegte kurz, ob ich Membra suchen gehen sollte. Wir mussten das schnellstens wieder in Ordnung bringen. Aber am Ende würde ich mich auf der Suche nach ihr tatsächlich noch verirren, besser, ich wartete hier auf sie.
   Außerdem war ich, zugegeben, unendlich neugierig. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen und öffnete die Tür hinter dem Regal noch ein wenig weiter, um wenigstens einen flüchtigen Blick darauf zu werfen, was sich dahinter verbarg. Ein kurzer Gang begann auf der anderen Seite. Das einfallende Licht reichte gerade noch aus, um zu erkennen, dass der Gang nach wenigen Metern an einer zweiten Tür endete. Sie stand ebenfalls einen Spalt offen, ich konnte Licht sehen.
   Meine Nackenhaare stellten sich auf. Auf keinen Fall sollte ich dort hineingehen, aber ich konnte nicht anders. Und ich wollte ja wirklich nur ganz kurz mal schauen.
   Im Gang war es dunkel, aber ich war nach wenigen Schritten am Ende. Vorsichtig öffnete ich die Tür ein wenig, um zu sehen, was sich dahinter verbarg, als ich leise Stimmen miteinander sprechen hörte. Lauschen ging gar nicht. Wirklich, ich wollte mich sofort umdrehen und zurückziehen. Es waren Pat und Professorin Consuela. Und ich konnte sie gut hören.
   »Ich war mir so sicher, dass sie es ist. Ylka hätte mir sonst keine Nachricht geschickt. Sie kann sich doch nicht einfach irren.«
   »Ich gebe dir recht, dass alles darauf hindeutet. Aber Pat, manchmal interpretieren wir Zeichen einfach zu subjektiv. Das ist keine valide Wissenschaft. Vielleicht betrifft es nicht Mia, sondern jemand anderen aus ihrer Familie. Deine Träume fallen natürlich schwer ins Gewicht. Bisher schienen sie mir recht zuverlässige Einblicke in die Zukunft zu geben. Ich bin selbst verwirrt. Und auch, was Ylka betrifft, bin ich leider genauso ratlos wie du. Aber wenn ich eines sicher weiß, dann, dass sie nicht ohne Grund so gehandelt hat. Mia ist nicht hier, um sich einen Tag in Hayland zu amüsieren. Ylka hat gewiss einen Plan, eine Aufgabe für sie vorgesehen. Wenn auch anscheinend nicht die ganz große Aufgabe. Ich fürchte allerdings, dass wir abwarten müssen, bis Ylka selbst eingreift oder sich Neues offenbart. Bis dahin können wir Mia nur unseren Schutz anbieten.«
   »Ylka muss gewusst haben, dass Mia gefahrlos das Tor passieren kann. Wer weiß, wessen Blut durch ihre Adern fließt. Und was Ylka angeht, gebe ich dir recht. Ylkas Beweggründe sind mir ein völliges Rätsel. Wir sind sicher nicht die Einzigen, die Mias Ankunft bemerkt haben. Wenn sie eins und eins addieren, werden sie durchaus in Betracht ziehen, dass Mia die Eine sein könnte. Nicht nur wir haben ihre Ankunft erwartet«, sagte Pat besorgt.
   »Damit hast du nicht unrecht. Aber wir werden das Rätsel nicht lösen. Halte die Augen offen. Das Schicksal wird dich leiten. Auch wenn Ylka sie anscheinend hier haben wollte, können wir unter diesen Umständen nicht für ihre Sicherheit garantieren. Wir müssen das Mädchen davor bewahren, in die falschen Hände zu fallen. Dafür müssen wir sie sicher nach Hause geleiten. Ich sehe keine andere Möglichkeit.« Die Professorin machte eine Pause, und ich wollte mich schon zurückziehen, als sie weitersprach.
   »Sie hat sicher eine ungewöhnliche Gabe. Aber du weißt auch selbst sehr gut, dass eine echte Archiatros immer gespürt hätte, dass da etwas in ihr schlummert. Im Moment der Offenbarung ihrer Gabe wüsste sie auch damit umzugehen. Sie wäre nicht verwirrt oder ablehnend, sondern bereit, herauszufinden, welchen Umfang ihre Begabung hat. Selbstbewusst würde sie anfangen, damit zu experimentieren. Das liegt dieser Familie zugrunde. Deshalb ist sie so mächtig!«
   Diese Worte gaben mir einen Stich ins Herz. Ich hatte mich immer meiner Familie zugehörig gefühlt und nie bewusst bemerkt, dass wir nicht blutsverwandt sind. Jetzt spürte ich doch ein klein wenig Enttäuschung darüber in mir, dass ich keine echte Archiatros war. Komisch. Ich schüttelte den Gedanken ab.
   »Vielleicht wiegt eine Blutsverwandtschaft doch weniger schwer als die Umgebung, in der jemand aufwächst. Die Zeiten ändern sich ständig, Professorin, und wir uns in ihnen. Können wir sicher sagen, dass eine Blutsverwandtschaft unbedingt notwendig ist, um die Gaben einer Familie an die nächste Generation zu übertragen? Es könnte durchaus möglich sein, dass Urvertrauen, Nähe und Zuwendung in großem Ausmaß ausreichend sind.«
   Professorin Consuela zischte abfällig. »Das ist eine verwegene Theorie.«
   »Mias Unsicherheit begründet sich darin, dass sie nicht hier aufgewachsen ist. All dies trifft sie völlig unvorbereitet. Ich bleibe dabei. Mia könnte die Eine sein.«
   Pat tat mir fast leid, wie sehr er sich an den Gedanken klammerte, ich könnte etwas mit dieser Vorsehung zu tun haben. Langsam wurde ich doch neugierig, worum es dabei ging.
   Im Raum nebenan wurde einen Moment geschwiegen und ich hielt die Luft an. Meine Sympathie für Pat wuchs. Es war schön, dass er mir das alles zutraute. Obwohl ich mir hier nicht zu viel einbilden sollte, dahinter steckte wohl eher der Wunsch, dass ich die Eine war, auf die sie warteten.
   Ich meinte zu hören, wie Professorin Consuela sich im Raum bewegte.
   »Ich kann durchaus verstehen, dass du in Mia etwas Besonderes siehst, das habe ich auch gespürt. Sie scheint klug zu sein, und allein die Tatsache, dass sie aus Guinland kommt, macht sie natürlich interessant. Aber du darfst nicht etwas in sie hineininterpretieren, was sie nicht ist. Es ist ein Wunder, dass ihr sie so unbemerkt durch Hayland-Stadt schleusen konntet. Die Menschen sind in unserer Geschichte oft unbegründet ins Kreuzfeuer geraten. Um nicht als Sündenbock herzuhalten, bleiben sie großen Städten fern und leben zurückgezogen. Du weißt, welche Unruhen derzeit herrschen, und was hätte passieren können, falls man einen Menschen aus Guinland hier entdeckt.«
   »Wir waren vorsichtig, sie war gut getarnt, niemand hat auch nur den kleinsten Verdacht geschöpft. Ich dachte, sie erinnert sich vielleicht an etwas aus diesem Land, Bilder, die seit Generationen in ihr stecken. Die Archiatros können doch Erinnerungen weitergeben. Und dann hat sie ein Mal erhalten. Könnte das nicht das goldene Mal sein?«
   Unwillkürlich fasste ich an meine Stirn und fuhr über die Stelle, die ein bisschen wärmer war, als die Haut drum herum.
   Professorin Consuela zischte kurz. »Das dachte ich zuerst auch. Aber sie hat nicht mal annähernd eine Idee, was sie mit ihrer Gabe anfangen könnte. Welche Kraft und Macht darin steckt. All diese Vorstellungen und Lebensvisionen werden üblicherweise mit der Erweckung einer Gabe entfacht. Der dringende Wunsch, mit Pflanzen zu heilen, zum Beispiel. Das spricht gegen alles, was ich in den Aufzeichnungen gelesen oder in meinen vielen Jahren der Lehre erlebt habe. Alle Archiatros mit einem Mal wurden bei der Erweckung ihrer Gabe durchströmt. So beschreiben es zumindest die meisten Quellen. Du weißt von der Schlacht von Drumberg, als Helinas Gabe durch einen Schwertschlag ausgelöst wurde. Sie wusste sofort, was sie tun musste, um ihre heilende Energie in die Verletzten zu lenken und sie mit den richtigen Kräutern zu stärken. Ohne sie hätten wir damals verloren. Sie musste nicht erst lernen, damit umzugehen. Und so sehen die meisten Berichte darüber aus. Deshalb ist es sehr, sehr unwahrscheinlich, dass sie es ist, Pat. Lass es ruhen.«
   Ihr Ton war bestimmt, und es war klar, dass das Gespräch beendet war. Pat wollte noch etwas antworten, doch Professorin Consuela unterbrach ihn.
   »Ich kenne Ylka sehr lange. Aber Mias wahre Herkunft hat sie auch vor mir geheim gehalten. Mias Mutter und ihr Mann wählten ein Leben weit weg von all dem hier. Sie leben völlig unberührt von unserer Welt. Ylka hatte Verständnis, auch wenn sie natürlich hier und da versucht hat, etwas hayländische Kultur und unser Wissen in Mias Erziehung einzustreuen. Aber nachdem ihre andere Tochter bei der großen Schlacht umgekommen ist, konnte sie verstehen, dass Mias Mutter mit Hayland brechen wollte. Sie hat schließlich hier ihre Schwester verloren.«
   Ich schnappte nach Luft. Meine Tante? Meine Mutter hatte eine Schwester gehabt?
   »Mia sollte vor Hayland geschützt werden. Natürlich hoffte Ylka, ihre Familie würde eines Tages zurückkehren. Alle Zeichen und Vorsehungen der letzten Jahre sprachen dafür, dass ein begabtes Wesen einer angesehenen Familie die Eine hervorbringen würde. Ein menschliches Wesen. Deshalb standen Mia und ihr Bruder durchaus auf meiner Liste. Die nebulösen Umstände, unter denen Mia zu den Archiatros gelangt ist, lassen allerdings keine weiteren Schlüsse zu. Ylka hatte sicher einen gewichtigen Grund, sie zu uns zu schicken. Allerdings wird ihr Plan nicht aufgehen, wenn sie uns nur Andeutungen zuschiebt, Mia zu erwarten und keine weitere Vorgehensweise vorschlägt. Wir bringen Mia zurück. Alles andere wäre Wahnsinn. Macht euch noch ein paar schöne Stunden mit ihr. Tauscht euch aus, von ihr könnt ihr viel über Guinland lernen. Ich würde sie gern selbst befragen, wenn ich nicht wegen einer wichtigen Angelegenheit fort müsste. Und dann geleitet sie zum Tor und nehmt Abschied. Für immer, Pat. Auch wenn es dir schwerfällt, wie ich sehen kann.«
   Beim letzten Satz schwang ein Lachen in Professor Consuelas Stimme mit. Pat murmelte etwas Unverständliches. Ich konnte Geräusche hören, die darauf hindeuteten, dass Pat aufgestanden war.
   Sofort bekam ich Panik, entdeckt zu werden, und mir fiel Membra ein, die vielleicht schon nach mir suchte. Ganz langsam und so leise wie möglich zog ich mich von der Tür zurück und ging wieder in das Zimmer mit den Leuchtquadern. Als ich durch die Tür trat, begann sich das Regal von allein zu schließen. Als es wieder an der Wand stand, konnte man nicht erahnen, dass sich dahinter ein Durchgang befand. Zu meiner Verwunderung war die Figur der kleinen Meerjungfrau weg. War sie heruntergefallen? Ich suchte den Boden ab. Die Figur war verschwunden.
   Langsam ging ich durch den Raum und suchte noch einmal die Regale mit den Augen ab. Neben dem Eingang entdeckte ich ganz oben auf dem obersten Regalbrett noch eine weitere goldene Figur. Sie schien mich anzulächeln. Es gab also mehrere davon. Vielleicht würde es nicht auffallen, wenn eine weg war, redete ich mir selbst ein. Natürlich war mir klar, dass jemand es bemerken würde, denn sie war offensichtlich der Mechanismus zum Öffnen der Geheimtür.
   Meine Gedanken kehrten zu dem belauschten Gespräch zurück. Es war ziemlich aufschlussreich gewesen. Und erschütternd. Meine Tante war in einer Schlacht umgekommen? Auch wenn ich nicht alles verstanden hatte, worüber die beiden gesprochen hatten, spürte ich, dass Professor Consuela recht haben musste. Ich konnte nicht die Eine sein. Gleichzeitig fühlte ich wieder einen kleinen Stich der Enttäuschung darüber, keine echte Archiatros zu sein. Dabei war ich doch eine Archiatros, zumindest meinem Gefühl nach, Blut hin oder her. War Pats seltsame Theorie am Ende doch nicht so abwegig?
   Ich konzentrierte mich einen Moment auf das, was sie hier die Gabe nannten und konnte es tatsächlich in mir spüren, irgendwo in der Nähe meines Herzens. Da war viel Wissen über die Kräuter aus dem Garten und kurz meinte ich, noch etwas anderes dort zu spüren. Als ob sich hinter meinem Nabel ein Wärmepunkt ausbreitete. Aber schon nach wenigen Sekunden war es wieder vorbei.
   Für mich war dies alles aufregend und etwas Besonderes, doch es war nicht das, was sie suchten. Außerdem war ich sicher keine große Abenteurerin. Bei Dunkelheit fürchtete ich mich sofort vor Monstern und Mördern, die sich in meiner Fantasie überall verstecken konnten. Ich war nicht besonders offen für Neues und Veränderungen. Niemals hätte ich mich heldenhaft vor kleinere Kinder gestellt, um sie auf dem Schulhof zu beschützen. Aber was das Wichtigste war, ich fand es völlig in Ordnung so. Ich wollte keine Heldin sein.
   Das Beste, was ich tun konnte, war, dieses fantastische Abenteuer und die Zeit mit Membra und Pat zu genießen und mir alles bis ins Detail zu merken, um es nachher Philly zu erzählen. Er würde begeistert sein und ein wenig neidisch. Und Membra würde ihm sicher gut gefallen. Ich musste grinsen. Meine Eltern würden sich allerdings einigen Fragen stellen müssen. Ich fühlte mich von ihnen belogen.
   Doch für den Moment musste ich all diese Gedanken zur Seite schieben. Zum Glück funktionieren meine Verdrängungsmechanismen hervorragend. Wo war bloß Membra?
   Der Weg zurück zum großen Wohnraum war leichter zu finden als gedacht und ich war schon wieder im großen Raum angelangt, als Membra fast mit mir zusammenstieß.
   »Da bist du ja! Entschuldige, dass ich dich so lange allein gelassen habe, aber ich musste Ella kurz helfen, eine neue Vase vom Regal zu heben. Dann habe ich ewig nach der Vespanflüssigkeit gesucht. Hier habe ich sie. Komm mit, wir gehen damit an den Tisch.« Sie stellte eine große Holzkiste auf den Tisch vor dem Kamin. Vorsichtig öffnete Membra den Deckel und holte eine Dose heraus.
   »Man kann es gut transportieren, doch wenn die Dose offen ist, muss man vorsichtig damit umgehen. Es ist explosiv im inaktiven Zustand.«
   Neben die Dose legte sie zwei Eisportionierer auf den Tisch. Außerdem nahm sie einen dicken Wollhandschuh heraus, den sie sich über die Hand streifte. Sie zeigte mir kurz die Löffel.
   »Siehst du, der eine ist innen mit Sand beschichtet. Der andere ist aus reinem Eisen.« Als sie die Dose öffnete, wurde eine geleeartige rosafarbene Flüssigkeit sichtbar. Es roch streng nach Nagellackentferner. »Man darf das Gelee keinesfalls mit Wasser in Kontakt bringen, es würde sofort explodieren. Das zeige ich dir später.«
   Sie grinste, während sie mit dem Eisenlöffel eine kleine Menge aus dem Gelee schöpfte und auf ihre behandschuhte Hand legte. Eine perfekte kleine Kugel lag auf dem Handschuh.
   »In diesem Zustand ist es explosiv und giftig, beziehungsweise ätzend. Man sollte also immer seine Hände schützen. So, und jetzt darfst du die Energie entfachen, dann ist es ganz ungefährlich.«
   Im Raum wurde es plötzlich etwas dunkler. Das Feuer im Kamin brannte niedriger und die kleinen Energiebällchen auf dem Kronleuchter wurden gedimmt.
   »Wie hast du das gemacht, Membra?«
   »Ich habe ihnen Energie entzogen. Das ist meine Gabe. Du fängst an. Blas mal leicht auf das Gelee in meiner Hand.«
   Sie hielt die Handfläche näher an mein Gesicht und der Geruch nach Nagellackentferner wurde intensiver. Ich pustete vorsichtig in ihre Handfläche. Die kleine Kugel begann nach wenigen Sekunden, schwach zu leuchten. Es war wie ein kleines Feuer, das leicht glomm.
   »Und jetzt blas ein wenig kräftiger.«
   Ich blies fester und die Kugel strahlte hell.
   »So, jetzt kann dir nichts mehr passieren, du kannst sie in die Hand nehmen.«
   Unsicher sah ich auf Membras Handfläche. Doch Membra drehte ihre Hand schnell und ließ die kleine leuchtende Kugel in meine fallen, sodass ich keine Chance hatte, sie zurückzuziehen. Die Kugel fühlte sich weder warm noch kalt an. Aber ich konnte die Energie spüren, es kribbelte auf der Haut.
   »Wenn du sie wieder vor dein Gesicht hältst und Luft ansaugst, wird das Licht wieder schwächer.«
   Ich probierte es aus und war begeistert.
   Membra zeigte mir, dass man die Kugel, wenn man sie kurz zusammendrückte, auch einfach in der Luft platzieren konnte, sie blieb, wo sie war. Man konnte sie auch in der Luft bewegen. Es war faszinierend. Voller Begeisterung stupste ich die Kugel an und sie flog durch die Luft auf Membra zu. Sie fing sie geschickt auf. Schnell lief sie um den Tisch herum und warf das Bällchen zurück und ließ es dabei einen Looping machen. Ich musste laut lachen.
   »Du arbeitest mit Tricks! Das will ich auch können.«
   »Tja, jeder muss klein anfangen.« Membra grinste und vollführte noch mehr Tricks.
   »Sind sie wirklich nicht mehr giftig?«, fragte ich.
   »Nein, die Energiebällchen sind harmlos. Ich beweise es dir.«
   Membra ließ es fast ganz dunkel werden. Sie steckte das Energiebällchen in den Mund. Membra fing an, von innen zu leuchten, und musste dabei laut lachen und konnte nicht mehr aufhören.
   »Dein ganzer Kopf leuchtet rot, Wahnsinn! Wie eine leuchtende Tomate.« Ich konnte kaum sprechen vor Lachen. »Pass auf, dass du es nicht verschluckst, sonst leuchtet es weiter, während es durch deinen Körper wandert.«
   Bei der Vorstellung musste ich umso mehr lachen.
   Membra spuckte die Leuchtkugel aus und sie flog durch die Luft. Wir wurden von einem richtigen Lachanfall geschüttelt, bis wir nebeneinander erschöpft auf den Boden sanken. Plötzlich gingen die Lichter wieder an.
   »Was ist denn hier los? Was gibt’s denn zu lachen?«
   Pat stand auf der obersten Stufe der kleinen Treppe und schaute neugierig auf uns herunter.
   Mir liefen Tränen die Wangen hinunter. Ich hatte schon ewig nicht mehr so gelacht und fühlte mich wie befreit. Befreit von alldem, was ich gehört hatte. »Membra hat mir nur gezeigt, wie die Energiebällchen funktionieren.« Die Worte kamen immer noch glucksend aus meinem Mund.
   Er zog fragend eine Augenbraue hoch.
   Membra war aufgestanden. Sie grinste breit. Dann fing sie geschickt das Leuchtbällchen ein und ging damit zum Tisch. »Schau, Mia, man kann die Energie nur mit Sand ganz entziehen.« Sie stülpte den beschichteten Löffel über das Energiebällchen und es erlosch. »Jetzt kann man es allerdings auch nicht mehr benutzen.«
   »Super, kann ich eine kleine Dose davon mit nach Hause nehmen?«
   Pat und Membra warfen sich einen schnellen Blick zu.
   »Äh, ich bin mir nicht sicher, ob das möglich ist«, antwortete Pat zögernd.
   »War nur ein Spaß.« Da fiel mir wieder etwas ein. »Pat, wolltest du mir eigentlich etwas Bestimmtes zeigen?«
   Pat bewegte sich in Richtung der Regalwand mit den Büchern.
   »Professorin Consuela besitzt die größte Büchersammlung Haylands. In diesen zwanzig Zimmern befindet sich nur ein kleiner Teil davon.«
   Ich ging zu ihm hinüber und betrachtete die vielen Buchrücken. Vorsichtig strich ich mit der Hand darüber. Sie waren alle in Leder gebunden und wirkten sehr alt. Die Autoren sagten mir nichts, genauso wenig wie die Titel. Manche Schriften konnte ich lesen, andere Sprachen waren mir fremd. Vorsichtig nahm ich eines der Bücher aus dem Regal, schlug es auf und berührte behutsam die alten Buchstaben und Zeichnungen.
   »Wie viel Zeit haben wir?«, fragte ich und erschrak, als ich mich umdrehen wollte.
   Pat stand plötzlich direkt hinter mir. Er streckte sich und zog aus dem Regal über mir ein dickes Buch. »Leider haben wir nicht mehr so viel Zeit.« Seine Stimme war leise. »Aber das hier solltest du sehen.«
   Er trat dicht neben mich, öffnete das Buch vorsichtig und zeigte mir Bilder und Texte, die offensichtlich unfassbar alt waren. Ich erkannte das Buch wieder. Es war die Bibel.
   »Eine der ersten Buchausgaben.«
   Er stand so nah, dass ich seine Körperwärme spüren konnte. »Gibt es noch mehr solche Schätze hier?« Ich stellte mein Buch zurück ins Regal, um die Bibel näher zu betrachten. Berühren wollte ich sie nicht, dafür war sie zu kostbar und ich zu ungeschickt.
   »Ja, von fast allen eurer sogenannten Religionen. Sieh hier, ein Koran. Es gab Zeiten, da konnte man Waren noch beliebig oft tauschen.«
   Ich strahlte Pat an. »Das hier wäre auch mein Lieblingsort.«
   »Ich weiß«, flüsterte er und seufzte.
   Dann trat er einen Schritt zur Seite, weg von mir, und stellte das Buch ins Regal zurück.
   »Pat?« Er machte ein ganz komisches Gesicht. War er genervt von mir? Hatte ich etwas falsch gemacht? »Auch, wenn wir uns wahrscheinlich nie wiedersehen werden, sind wir doch Freunde, oder?«
   Was war das denn für eine bescheuerte Frage? Ich wollte im Boden versinken, doch sein Blick wurde sofort freundlich und er lächelte mich an. Seine Augen blitzen.
   »Ohne Frage, Freunde fürs Leben.«
   Seine Worte und seine strahlenden blauen Augen brachten mich wieder vollends aus der Fassung, und ich war fast erleichtert, als er sich von mir abwandte.
   »Wir müssen los, wir haben nicht mehr viel Zeit«, sagte er kurz darauf. In diesem Moment erschien auch Ella aus der Küche, mit einer neuen Vase und einem Strauß Rosen.
   »Ich bringe euch noch zu Tür«, piepste sie und stellte die Vase ab.
   »Schöne Rosen, Ella, und nochmals Entschuldigung wegen der Vase. Bitte richte das auch Professorin Consuela aus.«
   Großmutter musste sich für mich revanchieren, dafür würde ich sorgen.
   »Das mache ich gern, sie lässt sich übrigens entschuldigen, sie musste noch zu einer Ratssitzung. Ich wünsche euch noch einen schönen Abend und dir eine gute Heimreise. Leb wohl, kleine Mia.«
   Bei den letzten Worten zwinkerte sie mit einem Auge. Dann öffnete sie die fünf Riegel der Tür und ließ uns hinaus in den schummrigen Gang. Ich konnte hören, wie sie die Riegel hinter uns wieder sorgfältig verschloss.
   Membra und Pat gingen gewohnt zügig voran, sodass ich fast rennen musste. Wir liefen kreuz und quer durch die Gänge, ohne jemandem zu begegnen.
   »Wie spät ist es? Ich verliere mein Zeitgefühl, wenn ich kein Tageslicht sehe.«
   »Das geht uns auch oft so, wenn wir nach einigen Wochen von unserem Landsitz in die Stadt zurückkehren. Man gewöhnt sich daran. Die Sonne ist schon vor einiger Zeit untergegangen.«
   »Bringt ihr mich zum Tor?«
   »Wir machen noch einen kleinen Halt hier, lass dich überraschen, Mia.« Membra grinste.

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