Dämonische Kräfte bedrohen das mittelalterliche Goryydon und zwingen auch Julianes Schwester Michaela in das Reich vorzudringen, aus dem Juliane verändert zu ihnen zurückkam. Während Juliane ihrem Seelengefährten Aran wiederbegegnet, überlebt Michaela nur mithilfe des Semchais Ku´guar, einem Werwesen, einen Überfall von Graugnomen und Trollen.
Die Ereignisse überschlagen sich, als sich herausstellt, dass Kalira unter einem schwarzmagischen Bann steht und Moira von Kloob vernichtet wurde. Mit einem Schlag haben Juliane, Michaela und Aran ihre wichtigste Verbündete verloren und dazu auch die Einzige, die einen Weg kennt, um Goryydon aus der Finsternis zu führen.
Ob sie Hilfe in den verbotenen Elfenwäldern finden werden?

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ISBN: 978-9963-52-072-5

Seiten: 294

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Lynn Carver

Lynn Carver
Lynn Carver hat unter dem Pseudonym ihre Fantasy-Romane bei bookshouse veröffentlicht. Sie ist auch bekannt unter dem Pseudonym Ivy Paul. Als Workaholic verschrien, kann sie aber auch faul wie eine Katze auf dem Sofa fläzen und fernsehen, bis die Augen brennen. Neben der Schreiberei begeistert sie sich für alles Schöne, seien es Bücher, Musik, Mode, Kosmetik, Seife sieden oder nachhaltiges Leben.

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Endlich!
Er hatte einen Weg gefunden.
Sie käme zu ihm. Bald. Sehr bald sogar!
Er lachte.


Prolog

Viele Jahre herrschte über Goryydon der ruchlose Schwarzmagier Kloob. Er vertrieb die Königsfamilie und belegte die gute Zauberin Moira mit einem Bann. Es schien niemanden zu geben, der ihm und seinen Todesreitern die Macht entreißen konnte. Bis auf das uralte Versprechen einer verstorbenen Königin und einer Prophezeiung.
   Als sich die Vorhersage erfüllte, tat Kloob einen Schwur: Er kehre zurück und räche sich an der Auserwählten und ihren Freunden.
   Bis zu diesem Zeitpunkt gab es kein Entkommen aus dem Totenreich.

Erhoffe nichts, erwarte alles!
Zadieyek, legendäre Amazonenkönigin


Kapitel 1
Sehnsucht

Heißes Wasser prasselte herab. Dampf stieg empor, kräuselnd, tänzelnd wie ein lebendiges Wesen bewegte er sich. Die Schwaden trübten die Sicht in der begehbaren Dusche. Sie legten sich auf Fliesen und Spiegel und schufen ein Klima ähnlich einer Dampfsauna. Juliane, auf deren Rücken der harte Strahl aus dem Duschkopf trommelte, beachtete die verschwenderische Vergeudung des kostbaren Nasses nicht weiter.
   Sie seufzte.
   Fünf Jahre war es her. Eintausendachthundert Tage voller Einsamkeit und Sehnsucht hatte sie hinter sich gebracht. Eintausendachthundert Nächte, angefüllt mit Tränen, Träumen und Trübsal.
   Sie vermochte nicht zu erklären, wie sie es geschafft hatte, diese Zeit zu überstehen. Juliane hatte funktioniert. Eintausendachthundert Tage lang war sie aufgestanden, hatte die Schule besucht und anschließend ein Studium begonnen. Am Leben teilgenommen und versucht, den tiefen Wunsch zu überwinden, der in ihr schwelte.
   Sie vermisste ihre Zeit in Goryydon. Sie spürte das Verlangen nach ihren Freunden Aran, Kalira, Ranon und Moira. Hätte sie damals gewusst, wie sehr sie sich nach dem mittelalterlichen Goryydon zurücksehnen würde, sie wäre vor Kummer vermutlich gestorben. Im Lauf der Jahre hatte sie die Hoffnung aufrechterhalten, eines Tages zurückkehren zu können. Sie hatte ihre Freunde verlassen mit dem Wissen, sie so vor Kloob zu schützen. Denn Juliane trug Magie in sich. Eine Magie, von der Kloob selbst aus dem Totenreich heraus zehren konnte und allen, die sie liebte, Schaden zufügen würde. Moira hatte Juliane versprochen, einen Weg zu finden, sie gefahrlos nach Goryydon heimkehren zu lassen. Bis zu diesem Tag war nichts Derartiges geschehen.
   Juliane seifte sich ein.
   Aran und sie hatte Besonderes verbunden. Bei ihm fühlte sie sich vollkommen. Als Seelengefährten teilten sie nicht nur ihre Emotionen. Geboren als eine Seele in zwei Körpern, konnten sie wahres Glück nur dann erleben, wenn sie zusammen waren. Getrennt durch zwei Welten, fühlten sie sich unvollkommen. Einsamkeit kroch aus ihrem Herzen und breitete sich in ihr aus. Ehe ihre Erinnerungen sie zu sehr deprimierten, drehte sie das kalte Wasser an. Sie quietschte und wagte sich mit geschlossenen Augen unter den Strahl. Stets begleitete ihre Gedanken an Goryydon das Empfinden nach Geborgenheit, dem absoluten Gefühl nach Heimat. Sie erinnerte sich an die gemeinsamen Abende in der Bibliothek. An den Duft der Bienenwachskerzen, der sich mit dem des Kaminfeuers und dem Ledergeruch der Büchereinbände mischte. Sie schluckte, als sich vor ihr inneres Auge die Gesichter ihrer Gefährten schieben wollten. Juliane schüttelte den Kopf, ließ den Wasserstrahl härter auf sich herabbrausen und stieg kurze Zeit später energisch aus der Dusche.
   Langsam wurde es Zeit, Aran und Goryydon zu vergessen. Vielleicht stellte dieser Verlust die Strafe für ihre Vergehen als Inkarnation der Amazonenkönigin Zadieyek dar. Sie durfte in Goryydon Wiedergutmachung leisten, um anschließend ihr Leben in der Verbannung zu verbringen. Weit fort von den Menschen und den Dingen, die sie liebte. Vielleicht hatten die Schicksalsmächte Goryydons sie deshalb mit dem Fluch, Kloobs Akku zu sein, belegt.
   Ein Klopfen an der Badezimmertür schreckte sie auf.
   »Juliane?«, drang die Stimme ihrer jüngeren Schwester durch die verschlossene Tür. »Bist du fertig? Chris und Yannick kommen in einer halben Stunde.«
   Sie stöhnte. Das Date mit Michaelas derzeitigem Freund und seinem Bruder hätte sie lieber abgesagt, aber versprochen war versprochen.

Michaela trat in einem Minikleid und passenden Overknees aus ihrem Zimmer. Ihre kurzen, schwarz gefärbten Haare waren sorgfältig frisiert.
   »So willst du gehen?« Sie musterte Julianes Outfit stirnrunzelnd. Juliane wusste, was Michaela dachte. Nach Meinung ihrer kleinen Schwester wirkte Juliane hausbacken und langweilig.
   Sie betrachtete sich kurz im Flurspiegel. Ihr Herz klopfte schneller, wie immer, seitdem sie die Bekanntschaft mit der Macht eines Zauberspiegels geschlossen hatte. Ihr Spiegelbild blieb auch dieses Mal das eindimensionale Abbild ihres Selbst. Eine junge Frau mit honigblonden Locken, die ohne besonderes Styling ihr schmales Gesicht umflossen. Sie verzichtete auf Make-up, weil sie sich nicht zukleistern wollte, und weil ihre zarte Haut leicht gebräunt anmutete. Sie trug hochgekrempelte Jeans und ein einfaches Top. Im Gegensatz zu Michaela bevorzugte sie schlichte Schnürstiefel mit Blockabsätzen. Juliane hielt sich für elegant genug, und die Kampfsportlerin in ihr befürwortete die praktische Kleidung.
   »Keine Sorge, ich werde meine Lederjacke überziehen«, entgegnete sie süffisant. »Du weißt schon, die Bikerjacke. Alle Welt trägt diese Saison solche Jacken.«
   »So kannst du mit deinen Sportfreunden losziehen, aber doch nicht in den angesagtesten Klub der Stadt!«
   »Ich wäre viel lieber mit ihnen unterwegs. Ich weiß nicht, wie du ich mich überreden konntest, mich mit diesem Typen zu treffen.«
   »Ach komm, Juliane, du warst seit Monaten nicht mehr mit einem Jungen aus. Abgesehen von den Gruppentreffen der Schwertkämpfer und den Leuten aus dem Dojo. Wie diese Kerle aussehen …« Michaela zog schaudernd die Schultern hoch. »Du wirst als vertrocknete Jungfer enden, Schwesterherz.«
   »Dir möchte ich es nicht nachmachen. Du kannst von Glück reden, dass man Pille und Kondome erfunden hat, sonst würdest du ständig schwanger sein oder dir irgendwas holen. Schon mal von Herpes, HIV und Tripper gehört?«
   Michaela grinste spöttisch. »Nein. Sind das Freunde von dir?«

Das Wummern der Bässe spürte Juliane in der Brust. Erleichtert nahm sie das Ende des Kraches zur Kenntnis.
   Sie, Michaela und die beiden Jungen hockten an einem Tisch abseits der Tanzfläche und Musikboxen. Die Nische ruhig zu bezeichnen, wäre übertrieben gewesen. Doch es war möglich, eine Unterhaltung zu führen, ohne sich die Stimmbänder wund zu brüllen. Lichtblitze zuckten durch den dunklen Saal.
   Über ihr Weinglas hinweg musterte Juliane das Blind Date. Chris besaß ein ovales, sympathisches Gesicht. Wenn er lächelte, bildeten sich runde Grübchen in den Wangen – und er lächelte oft. Aran hatte ebenfalls Grübchen besessen. Sie setzte seufzend das Glas ab. Der Wein schmeckte nicht annähernd wie der goryydonische Gewürzwein. Hier war nichts wie in Goryydon. Absolut nichts war vergleichbar damit.
   Traurigkeit befiel sie, um im nächsten Moment von Resignation abgelöst zu werden.
   Wieso vergaß sie ihre goryydonischen Freunde nicht endlich? Nie würde sie zurückkehren können. Wie oft hatte sie den Zauberspiegel zur Hand genommen und gehofft, er möge zu ihr sprechen. Dass Moira nach ihr rief. Sie wusste, dass nur der Spiegel, den sie von der goryydonischen Zauberin Moira erhalten hatte, sie zurückbringen konnte. Allein dieser Gedanke hielt sie davon ab, das sperrige Ding in ihrem Frust zu zertrümmern.
   Yannick hatte recht, diese Juliane ist sehr hübsch und nett. Und obendrein keine dieser aufgedonnerten Discomäuse, das gefällt mir.
   Juliane zuckte zusammen. Warum war sie heute nur so von der Rolle? Es passierte ihr selten, dass sie die Gedanken anderer unfreiwillig las.
   »Welche Hobbys hast du?«, fragte Chris.
   Sie wandte sich ihm zu. »Ach, dies und das, nichts Besonderes«, spielte sie ihre Freizeitvergnügungen herunter.
   »Schwätzerin«, mischte sich Michaela ein. »Sie ist in einem Verein, der Schwertfechten praktiziert, sie trainiert eine neumodische Kampfsportart und reitet wie der Teufel.«
   Chris sah sie fasziniert und verwundert an. Seine Hand lag um sein Bierglas und Juliane warf einen kurzen Blick auf den Edelstahlring an seinem Daumen.
   »Ehrlich?« Er musterte sie. »Du siehst gar nicht so aus.«
   »Ach nein?« Ihre Laune, die ohnehin weder begeistert noch ausgelassen gewesen war, sank auf Minusgrade. Ein dumpfer Schmerz breitete sich von ihrer Stirn über die Schläfen bis zum Hinterkopf aus. »Wie sieht denn eine junge Frau aus, die sich mit Kampfsport beschäftigt?«
   »Nimm’s mir nicht übel. Du wirkst beweglich und graziös. Ich dachte, du tanzt vielleicht.«
   Juliane rieb sich die Stirn. In ihren Ohren summte es. Chris klang ehrlich. Nicht wie einer dieser Süßholzraspler, die alles behaupteten, wenn es ihnen nur einen One-Night-Stand einbrachte.
   »Ich bin nicht sauer. Ich höre zu oft, wie seltsam meine Hobbys sind. Ich kann dieses Klischeedenken nicht leiden.« Sie erhob sich abrupt. »Ich bin gleich wieder da.«
   Schwindel überfiel sie. Sie hielt sich unauffällig an der Tischplatte fest. Der pochende Schmerz malträtierte ihr Hirn wie die Faustschläge zahlreicher Miniatur-Hooligans.
   Sie bemühte sich, würdevoll zur Damentoilette zu gelangen und war froh über das Gedränge in der Disco. Dieser Umstand verschleierte, dass sich ihr Gang unsicherer darstellte als gewöhnlich. Auf der Toilette befanden sich, abgesehen von ihr und der Toilettenfrau, nur drei junge Frauen, die schnatternd mit lang gestreckten Hälsen vor den Spiegeln standen. Juliane lächelte der Reinigungskraft zu und verschwand in einer der freien Kabinen. Eine Klospülung rauschte. Der Geruch nach Toilettenstein und Urin hing in der Luft.
   Eine telepathische Stimme raunte ihren Namen.
   Ein schmerzhaftes Ziehen erfasste sie. Jedes ihrer Härchen richtete sich wie elektrisiert auf. Kühle glitt über ihre Haut und sickerte in sie, durchtränkte sie, wie ein Waschlappen Wasser aufsog. Sie überkam das Gefühl, als würde ihr Innerstes nach außen gestülpt. Noch während sie die Klinke unter ihren Fingern spürte, verschwamm ihre Sicht. Für Momente glaubte sie, zwischen oben und unten, hell und dunkel, rückwärts und vorwärtszutreiben.

Juliane spürte festen Grund unter ihren Füßen. Ein sachter Luftzug wehte ihr ins Gesicht. Sie öffnete die Augen.
   Sie stand inmitten riesiger Bäume. Durch das Blätterdach malte die Sonne goldene Kringel auf den Boden. Die Luft roch frisch, wie sie es seit Ewigkeiten nicht mehr wahrgenommen hatte.
   Die Elfenwälder. Sie war wieder in Goryydon! Sie lachte freudig auf und streckte ihre Hände in die Luft, als könne sie so jedes kleinste Detail, jede Empfindung aufsaugen und konservieren.
   »Juliane.«
   Die Stimme war kaum mehr als ein Wispern und doch erkannte Juliane sie sofort. Sie drehte sich in Richtung der Stimme und erkannte den Sprecher augenblicklich. Sie sah sein Gesicht seit fünf Jahren tagtäglich in ihren Träumen und Wünschen. Sein geliebtes, so sehnsüchtig vermisstes Gesicht. »Aran!« Sie stürzte sich in seine Arme. »O Mann, ich hab mich unglaublich nach dir gesehnt.«
   Er hatte sich nicht verändert und schien keinen Tag gealtert. Sein schwarzes Haar fiel ihm über den Rücken, und für einen Moment war seine Miene stoisch. Dann ging eine Veränderung in ihm vor. Aran kniff seine Augen misstrauisch zusammen.
   Er legte ihr den Finger auf die Lippen, um ihren Redeschwall zu unterbrechen. So dicht vor ihr, verströmte er den Geruch nach Leder, Rauch und seinem Körper.
   Ihr Bauch kribbelte allein beim Erschnuppern seines persönlichen Duftes.
   »Pst, wie bist du hergekommen?«, fragte Aran. Seine dunkelbraunen Augen fixierten Juliane.
   »Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil ich es mir so sehr wünschte«, erwiderte sie verwirrt und musterte ihn sehnsüchtig. Sie hob ihre Hand und berührte seine Wange. Die Haut fühlte sich unter ihren Fingerspitzen weich und an den Stellen des Bartwuchses kratzig an.
   Aran schüttelte entschieden den Kopf. »Nein, ohne den Zauberspiegel klappt das nicht. Hat er dir geholfen?«
   »Nein.« Verwirrung ergriff Juliane. Warum freute sich Aran nicht? »Ist das nicht egal? Ich bin zurück. Bei dir.« Sie griff nach seinen Händen.
   »Ich träume nur. Ich bin nicht wirklich bei dir. Ich liege in meinem Bett. Du kannst nicht in Goryydon sein. Nicht ohne Spiegel.« Er blickte an sich herunter.
   Juliane folgte seinem Blick und bemerkte erst jetzt, dass er die schwarze Rüstung aus seiner Zeit als Todesreiter trug. Ein Muskel in seinem Gesicht zuckte, dann wandte er sich wieder zu ihr. Mit einer einzigen fließenden Bewegung packte er sie hart an den Oberarmen und schob sie von sich.
   Juliane stöhnte vor Schmerz und Überraschung.
   »Was soll das? Wer bist du?« Arans Stimme klang so kalt und abweisend wie seit Anfang ihres Kennenlernens nicht mehr. Es versetzte ihr einen Stich, dass ihr Seelengefährte so gefühlskalt reagierte. Erkannte er nicht, dass sie es war, dass es sie wahrhaftig hierher geführt hatte?
   Ein eisiger Wind strich durch das Unterholz und streifte ihren Nacken. Sie meinte mit Frösteln, höhnisches Gelächter zu vernehmen.
   »Nehmt euch in acht vor dem, der nicht mehr ist«, raunte eine Stimme.
   Ein weißer Blitz schoss durch Julianes Hirn. Sie fiel nach hinten, stieß gegen die Trennwand der WC-Kabine und schüttelte benommen den Kopf.
   Sie keuchte leise und verließ die Toilette. Am liebsten hätte sie geweint. Aran, sie hatte ihn getroffen und es fühlte sich fremd an. All die Jahre pflegte sie ihre Erinnerungen und fantasierte von einer mystischen Vertrautheit zu ihm. Doch ihr Erlebnis erwies sich als ernüchternd. Keine Magie, kein Seelen verschmelzender Blick. Kein Vibrieren und Summen der Silbernen Schnur … Juliane erstarrte. Das mysteriöse Band fehlte. Was war eben mit ihr vorgegangen? Eine Vision? Ein Tagtraum? Sie schleppte sich aus dem Toilettenabteil.
   Im Vorraum wusch sie sich die Hände und spritzte kaltes Wasser in ihr Gesicht.
   Die Benommenheit wich und die Kälte rötete ihre Haut. Nachdem sie eine Weile ihre Handgelenke unter den Strahl gehalten hatte, gewann sie ihre äußere Fassung zurück. Es musste eine Sinnestäuschung gewesen sein. Eine reale Begegnung mit Aran gab es nicht ohne die silberne Schnur. Die Seelenverbindung war niemals vollkommen ohne das Band.
   Wenn es nur eine Halluzination gewesen war, hieß das auch, Moira hatte noch keinen Weg gefunden, Juliane von der Magie zu lösen, die es Kloob ermöglichen konnte, Rache zu üben.

Chris begleitete Juliane zur Haustür. Er trat von einem Bein auf das andere.
   »Eigentlich sollten wir im Auto bleiben und die beiden draußen in der Kälte knutschen lassen.«
   Sie lächelte schief. »Bestimmt lassen sie uns nicht lange warten.«
   Chris rückte näher zu ihr. Am liebsten wäre sie zurückgewichen, aber sie wollte ihn nicht beleidigen. Verdammt, sie würde Aran nie wiedersehen, ihre Halluzination hatte ihr das deutlich klargemacht. Sie besaß ihre Träume, Erinnerungen, auf mehr durfte sie nicht hoffen. Juliane verspürte tiefste Verzweiflung und das drängende Bedürfnis nach menschlicher Nähe. Kälte kroch ihren Hinterkopf empor. Sie zwang sich, stillzuhalten. Ihr Herz pochte wild, ob vor Angst oder freudiger Erwartung, wusste sie nicht zu bestimmen. Sie schluckte.
   Chris’ Gesicht näherte sich. Sein Atem roch nach Pfefferminz. An Aran hatte sie nie künstliche Düfte wahrgenommen. Er schmeckte nach Sonne und Wald und manchmal, wenn Juliane ihm so nahegekommen war, wie jetzt Chris, bemerkte sie seinen persönlichen Duft. Aber nie, nie hatte sie seine Nähe so kalt gelassen wie die Chris’. Nicht einmal bei ihrer Halluzination in der Toilettenkabine.
   Er legte die Arme um sie und zog sie an sich. Obwohl schlank, war sein Körper weich und wies keine Ähnlichkeiten mit dem festen und muskulösen Körperbau Arans auf.
   Dann streiften seine Lippen die ihren. Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte Juliane ihn von sich gestoßen.
   Sie fühlte sich verwirrt, verloren und verzweifelt. Warum nicht einen Freund suchen? Jemanden, der Wärme und Zärtlichkeit in ihr Leben brachte? Der ihr die Einsamkeit nahm?
   Einen Augenblick lang ergab sie sich in den Kuss. Chris’ Lippen knabberten sacht an ihrer Unterlippe, ehe seine Zunge die ihre berührte. Es war angenehm. Sie versuchte den Kuss zu genießen, doch dann erkannte sie, dass es falsch war. Furchtbar falsch. Chris war nicht Aran. Sie durfte es nicht tun. Sie konnte keine Gefühle vortäuschen, und sie ahnte, dass sie nie Liebe für Chris empfinden würde. Nicht, solange sie auch nur hoffte, zu Aran zu gelangen. Diese Hoffnung verlosch erst mit ihrem letzten Atemzug. Das wusste sie in diesem Moment mit glasklarer Sicherheit.
   Juliane schob ihn von sich und löste die Umarmung. »Es tut mir leid.«
   Chris senkte seinen Kopf und starrte verlegen auf seine Schuhe. »Es gibt einen anderen, nicht wahr?«, wollte er wissen.
   Sie nickte.
   »Schon okay, ist nicht das erste Mal. Die netten Mädchen sind immer schon in festen Händen.« Seine Enttäuschung versetzte ihr einen Stich, doch sie konnte nichts daran ändern.

Juliane warf die Zimmertür zu. Kleine Schwestern konnten wirkliche Plagegeister sein. Vor allem wenn sie sich nervig gebärdeten wie Michaela.
   Wiederholt wollte sie Juliane zu einem Date überreden. Ihre Schwester schien zu glauben, dass sie dringend einen Freund benötigte.
   Michaela trieb es so weit, dass Juliane kurz davorstand, wahnsinnig zu werden.
   Sie wollte und brauchte keinen Freund. Sie genoss ihr Singledasein und sie würde sich nie, nie, nie mit weniger als Aran zufriedengeben. Der innere Aufruhr löste einen Druck in ihr aus, der sich mit Tränen die Bahn brach. Der Schmerz in ihrem Herz verschlug ihr den Atem. Sie sackte vor ihrem Bett auf die Knie und zog die Kiste darunter hervor. Behutsam öffnete sie den Deckel und wischte sich mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht. Sie schluckte und besah sich den Inhalt. Ihr Herzschlag revoltierte. Sie berührte das Hemd, die Hose. Die goryydonischen Kleider fühlten sich rau an, die Nähte verrieten die Handarbeit. Natürlich, Goryydon war eine mittelalterliche Welt, alles was sie zum Leben benötigten, fertigten die Bewohner in Handarbeit. Juliane schniefte.
   Sie holte den goryydonischen Handspiegel hervor, streichelte über das kühle Silber und hoffte wieder einmal vergeblich auf die lautlose Stimme.
   »Warum kann ich nicht zurück? Warum lässt du mich nicht zu ihnen zurückkehren?« Sie räusperte sich. Hatte das Erlebnis auf der Toilette keine besondere Bedeutung gehabt?
   Sie strich über die feinen Ziselierungen und den Diamanten am Griff. Sie schnitt ihrem Spiegelbild eine Grimasse und erhob sich. Juliane wandte sich seufzend ihrem Bücherregal zu und zog einen esoterischen Schmöker heraus. Ein Kribbeln stieg ihren Rücken empor, drang unter ihre Haut, verstärkte sich und wühlte in ihrem Innersten. Kalter Angstschweiß brach ihr aus, ohne dass sie wusste, weshalb.
   Es traf sie schmerzhaft und unerwartet wie ein Pistolenschuss aus dem Hinterhalt. Ein eisiger Blitz, der sich vom Rückgrat durch ihre Gedärme fraß und sie zu Boden warf. Die Welt um sie herum verging in einem grellen Licht. Sie stieß einen Schrei aus.

*

Michaela band ihre Schnürstiefeletten und schlüpfte in ihre Jacke, als sie Juliane gellend schreien hörte. Vor Schreck ließ sie ihre Schlüssel fallen.
   Sie stürzte über den Flur, stolperte über Julianes Sporttasche und prallte gegen deren Zimmertür, ohne den Schmerz wahrzunehmen. Michaela schlug die Tür auf.
   Juliane lag auf dem Boden, krümmte sich und gab Laute von sich, die Michaela eisige Schauder über den Rücken jagten.
   Ihre Schwester wand sich in Krämpfen. Ihre Augen rollten und sie stieß gurgelnde Geräusche aus. Furcht packte Michaela. Hatte Juliane einen Anfall? Eine Lebensmittelvergiftung? Sie legte ihre Hand auf Julianes Schulter.
   Ihre Schwester schien es nicht zu bemerken. Mit Fingern, die zu Klauen gekrümmt waren, tastete sie um sich, als hinge ihr Leben davon ab. Michaelas Panik verstärkte sich. Sie sah sich nach dem um, was Juliane wohl so verzweifelt zu erreichen versuchte.
   Sie entdeckte einen kunstvoll verzierten Handspiegel, den Juliane zu ergreifen versuchte.
   Mit Kennerblick bestimmte Michaela den Wert des Kleinods. Die Reflexionsfläche bestand nicht aus Glas, sondern aus poliertem Silber. Allein das verriet ihr, dass das Teil teuer sein musste. Dazu die raffinierten Ziselierungen und der Edelstein am Knauf. Woher auch immer der Handspiegel stammte, ihre Schwester hatte ihn nicht zu Unrecht verborgen gehalten. Dann streifte ihr Blick diese schmuddlige Holzkiste, die ihre Schwester wie ihren Augapfel hütete, und die niemand, der an seinem Leben hing, wagte, anzurühren. Der Deckel stand offen und fast enttäuscht erkannte Michaela schlammfarbene grobe Kleidungsstücke. Spätestens jetzt wusste sie, dass Juliane seltsam war. Andererseits war wohl der Spiegel darin verborgen gewesen. Sie schubste die Kiste achtlos mit einem Fußtritt unter das Bett und streckte ihre Hand nach Juliane aus.
   Diese robbte mühsam auf den Spiegel zu, offenbar ohne Michaela wahrzunehmen und sie beobachtete ratlos, wie Julianes Finger den Spiegel berührten. Im selben Moment bäumte sich ihr Körper auf. Ihre Augen verdrehten sich, dass Michaela nur noch das Weiße darin sah. Michaela würde den Krankenwagen rufen!
   Panisch packte sie ihre Schwester an der Schulter und fühlte die Tränen in ihre Augen schießen. Michaela versuchte, sich an Erste-Hilfe-Regeln zu erinnern, doch die Furcht hatte ihr Hirn leer gefegt.

*

Es war anders, unterschied sich komplett vom ersten Mal. Damals hatte sich alles warm und freundlich angefühlt. Ihre Wahl, durch den Spiegel zu gehen, war freiwillig erfolgt. Jetzt wurde sie gezogen, gezwungen von einer kalten, dominanten Macht. Ein Schrei dröhnte in ihrem Kopf. Ihre Welt verschwamm zu bunten Flecken und kreischenden Lauten. Juliane krümmte sich zusammen. Übelkeit stieg in ihr hoch.
   Der Spiegel fiel aus ihrer Hand und sie kroch langsam auf ihn zu. Die Zentimeter, die es zu überwinden galt, stellten sich anstrengend wie eine Marathonstrecke dar. Endlich berührten ihre Finger das Glas. Sie würgte, als sich ihr Magen abrupt verkrampfte.
   Ein Kreischen gellte in ihren Ohren. Sie glaubte sich eingesperrt mit unzähligen Menschen, deren Gedanken gleichzeitig auf sie eindrangen. Ihr Verstand schien zu zersplittern, und sie kicherte wie von Sinnen.
   Angestrengt zog sie den Spiegel zu sich heran und umklammerte seinen Griff.
   Eine feste Hand packte Juliane an der Schulter.
   Sie kämpfte sich frei, und im selben Moment explodierte ihre Umgebung in einem weißen Licht.
   Die Druckwelle schleuderte Juliane ins Licht, und nach einer Weile fiel die Anspannung von ihr ab. Die Helligkeit war angenehm und legte sich über sie wie eine weiche Decke. Der vergangene Schmerz erschien ihr nicht mehr real. Ihr Geist war wie befreit. Neben ihr schwebte Michaela. Im Gegensatz zu ihr wirkte sie verwirrt und entsetzt, während sie sich umblickte.
   Juliane wollte die Hand nach ihr ausstrecken und sie trösten, doch sie verlor ihr Bewusstsein, ehe sie auch einen Muskel bewegte.

Juliane stöhnte.
   Süßer Blumenduft und die unverwechselbar reine Luft Goryydons stiegen ihr in die Nase. Einen Moment lag sie wie erstarrt. War es real? Sie fühlte Gras unter sich und Sonne auf ihrem Gesicht. Die Halme raschelten. Ein Kloß saß in ihrem Magen und ihr Herz schlug hoffnungsvoll gegen ihre Rippen.
   Zögernd streckte sie sich und zuckte zusammen, als sie die schlimmsten Kopfschmerzen, die wohl ein Mensch haben konnte, erfassten. Der Versuch, die Lider zu öffnen, ließ sie stöhnen. Das Sonnenlicht folterte ihre Augen. Juliane rollte sich zusammen und blieb eine Weile liegen. Mit Nachlassen des Schmerzes wuchs in ihr das Gefühl des Verlustes. Sie drehte sich vorsichtig auf den Rücken, während sie wartete, ob sich das Unwohlsein verschlimmerte.
   Sonnenstrahlen kitzelten ihre Nasenspitze. Irgendwo zirpte eine Grille und Schafe blökten. Mit jedem Atemzug wichen Pein und Übelkeit.
   Etwas Weiches, Feuchtes strich über ihr Gesicht und heißer Atem hechelte über ihre Haut.
   Sie riss die Augen auf und starrte in das freundliche Gesicht eines Schäferhundes. Er japste und schleckte sie erneut ab. Juliane schob ihn lachend weg, ehe sie sich erhob. Sie klopfte die Grashalme von ihrer Hose.
   »Na, mein haariger Freund, wo versteckt sich dein Herrchen?«
   Der Hund bellte und wedelte mit dem Schwanz.
   Sie stand an einem Waldrand. Die Burg, die sich in der Ferne gen Horizont reckte, fesselte ihre Aufmerksamkeit weit mehr, als die grasende Schafherde vor ihr. Aus den Kaminen des Küchentrakts stiegen weiße Rauchfahnen in den Himmel. Auf den Zinnen sah sie helle Flecken, die auf und ab liefen. Auf der Spitze des höchsten Turmes wehte eine Fahne mit dem güldenen Sonnenemblem, dem Symbol der goryydonischen Königsfamilie.
   Die hoheitliche Festung! Erregung pulsierte durch ihren Körper. Sie musste so schnell wie möglich dorthin und herausfinden, warum sie brutal und unvermutet nach Goryydon gerufen worden war. Die Art wie ihr Übertritt vonstattengegangen war, ließ sie das Schlimmste fürchten. Andererseits hatte Moira ihr versprochen, sie nach Hause zu holen, wenn Julianes Anwesenheit niemanden mehr gefährdete. War der heftige Übergang nur die Folge eines von Moira gewirkten Zaubers?
   Sie kraulte den Schäferhund, während ihr Herz kleine Saltos schlug. Aran, sie begegnete Aran! Und diesmal nicht in einem Traum oder einer Vision. Schmetterlinge tanzten in ihrem Bauch. Wie würde es sein, ihn wiederzusehen? Als sie getrennt wurden, vollendete Juliane gerade ihr fünfzehntes Lebensjahr. Als Mädchen hatte sie Goryydon verlassen und kehrte als junge Frau wieder. Hatte sie sich verändert? War sie eine andere? Bestand zwischen ihnen noch diese besondere Bindung? Fragen, die ihr nur Aran beantworten konnte. Sie spürte, dass sie strahlte wie das sprichwörtliche Honigkuchenpferd, und zwang ihre Miene unter Kontrolle. Wie wohl Kalira, Ranon und Moira staunten, wenn sie einander gegenüberstanden? Die Vorfreude wollte schier in ihr überschäumen und sie nötigte sich, nicht loszurennen wie ein übermütiges Kind.
   Sie marschierte los, drehte sich aber um, als sie mitbekam, dass der Hund ihr folgte. »Zurück, du musst bei deinen Schafen bleiben.« Sie klatschte und der Hund machte folgsam kehrt.
   Während ihrer Wanderung wuchs das Gefühl, etwas Wichtiges vergessen zu haben. War da nicht jemand bei ihr im Licht gewesen?
   Juliane schüttelte den Kopf. Nein, unmöglich.

Sie wanderte bereits eine ganze Zeit der Burg entgegen, als sie einen Bauernhof entdeckte. Die schwarzen Dachschindeln bildeten einen Kontrast zum hellen Holz der Wände. Hinter den Scheiben der Fenster regte sich nichts. Ein Stall und eine Scheune schlossen an das Wohnhaus an. Der Geruch von Schweinemist wehte vom Stallgebäude herüber und Grunzen drang aus dem Gebäude. In einem Gatter tummelten sich schnatternde Gänse. Ein plötzlicher Windstoß ließ einen Fensterladen gegen die Holzwand knallen und lenkte ihren Blick dorthin. Ihr fiel der flatternde Stoff eines Bettlakens oder einer Tischdecke auf.
   Auf einer Wäscheleine hingen Frauenkleider, die Juliane an ihr Aussehen erinnerten. Sie starrte an sich hinunter. Ihr bauchfreies Top und die Jeans waren alles andere als unauffällig. Für goryydonische Verhältnisse wirkte ihr Oberteil geradezu schamlos.
   Sie kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe und wog ihre moralischen Bedenken gegen die Folgen ab, für eine Wanderhure oder eine Irrsinnige gehalten zu werden. Erneut sah sie auf das Anwesen. Die Bewohner des Hofes schienen nicht zu Hause zu sein. Juliane überwand ihre Gewissensbisse. Als sie die Kleider von der Leine stahl, veranstalteten die Gänse im Verschlag neben der Scheune einen Höllenlärm.
   Mit klopfendem Herzen klemmte sie sich die Sachen unter den Arm und rannte davon.
   Im Schutz einiger Büsche zog sie sich dann die Miederbluse und den Rock über. Sie krempelte ihre Hosenbeine hoch und versteckte ihre Socken unter den Sträuchern.
   Die Schuhe, die sie trug, ähnelten nicht einmal entfernt den hier üblichen. Doch Juliane glaubte nicht, dass sie jemand derart aufmerksam in Augenschein nahm, um daran Anstoß zu nehmen.
   Jetzt stellte sich die Frage, wie sie schnellstmöglich in die Burg und zu ihren Freunden gelangen konnte.

Sie war eine ganze Weile auf der Straße und begegnete noch immer keiner Menschenseele. Auf einer eingezäunten Weide standen mehrere fette Kühe. Bei genauerem Hinsehen bemerkte sie den Jungen, der auf die Kühe aufpasste. Er lag im Gras und döste.
   Sie wandte sich ab und pflückte eine Blume am Wegrand. Lächelnd strich sie über die zarte Blüte und roch daran. Endlich wieder daheim!
   Hinter ihr polterte ein Karren die Landstraße lang.
   »Wohin des Weges, junge Herrin?«, dröhnte die Stimme des Kutschers.
   Juliane drehte sich ihm zu und erblickte einen unglaublich dicken Mann. Hände und Zügel verweilten auf seinem Schoß. Ein breites Grinsen lag auf seinen feisten Zügen und die Sonne spiegelte sich auf seiner Halbglatze.
   »Ich bin auf dem Weg zur Burg.«
   Der Mann klopfte auf den Platz neben sich. »Spring rauf, Mädchen. Ich nehm’ dich mit.«
   Frohlockend kletterte Juliane auf den Kutschbock.
   »Auf, Hühnerbein!« Der Dicke knallte mit den Zügeln.
   »Hühnerbein?«, fragte sie verwirrt.
   Er lachte, dass man außer dem aufgerissenen Mund und den Ohren nichts anderes mehr sehen konnte. »Schau dir die Stelzen an, auf denen das Pferdchen läuft.«
   Sie reckte den Kopf und musste zugeben, dass er recht hatte. Die Fesseln des Tieres waren schlank und die Beine zwar sehnig, doch erstaunlich schmal. Es war erstaunlich, dass das Pferd Kraft genug besaß, die Last hinter sich zu bewältigen.
   »Ich bin Pekar, ich verkaufe in der Burg meine Waren.« Seine Wurstfinger deuteten nach hinten.
   »Mein Name ist Juliane.«
   »Was führt dich in die Burg?«, fragte Pekar und schielte neugierig zu ihr herüber.
   Der Karren schüttelte sie durch und ließ ihre Zähne aufeinanderschlagen. »Ich besuche Freunde.«
   Pekar zog ein Bündel unter dem Kutschbock hervor. Geschickt öffnete er den Knoten und holte Brot, Käse und Pökelfleisch heraus. »Hast du Hunger, Herrin Juliane?« Er bot ihr von seinem Proviant an.
   Dankend knabberte sie an einem Kanten Brot und einem Stück Käse. Sie beobachtete erstaunt die beachtlichen Mengen, die der Mann verdrückte, während sie in der gleichen Zeit ihren vergleichsweise winzigen Anteil aß.

Als die Burg in Reichweite kam, begann Julianes Magen erneut, vor Aufregung zu hüpfen. Die Festung lag wie ein ruhender Koloss in der Landschaft. Auf seinen Zinnen patrouillierten Soldaten in den braun-goldenen Uniformen der Königsgarde.
   Erleichtert betrachtete sie die Soldaten und hätte am liebsten über sich und ihre Befürchtungen gelacht. Es musste alles in Ordnung sein, es konnte gar nicht anders sein. Die Königsfamilie herrschte und alle lebten in Frieden. Sie merkte, dass sie ihre Fingernägel in ihre Handflächen bohrte, öffnete die Fäuste und lockerte ihre Finger unauffällig.
   An der Zugbrücke stoppten zwei grimmig aussehenden Wachen Pekar und Juliane. Der bärtige Wachposten blinzelte und nickte dem anderen zu. »Sei gegrüßt, Pekar. Wie laufen die Geschäfte?«
   Die Mundwinkel des Händlers wanderten bis zu seinen Ohren. »Ich grüße dich, alter Haudegen. Kann nicht klagen, beileibe nicht.«
   Der Bärtige taxierte Juliane. »Wer ist diese Frau?«
   Pekar sah sie an.
   Sie legte eine stumme Bitte in ihren Blick, hoffte, er möge sie verstehen und helfen, rasch in die Burg zu gelangen. Nichts wäre unangenehmer, als vor der Mauer abgewiesen zu werden, weil sie ein einfacher Wachmann für eine Betrügerin hielt.
   Pekar zwinkerte ihr zu, ehe er ihre Schulter tätschelte. »Das ist meine kleine Gehilfin. Dürfen wir hinein oder muss ich meine Waren hier auf der Brücke feilbieten?«
   Sie lächelte Pekar dankbar an.
   Der Soldat nickte und ließ den Karren passieren.
   Neugierig betrachtete Juliane den Innenhof. Es hatte sich nicht viel geändert. Auf dem Hof herrschte reges Treiben. Mägde und Knechte eilten umher. Die Hauptgebäude befanden sich gegenüber vom Tor. Eine Dienerin schäkerte vor dem Küchengebäude mit einem der Wachleute. Der Burghof und der Übungsplatz für die Soldaten grenzten die Erweiterung der Stallungen voneinander ab. Der Geruch nach Kohle und Feuer kitzelte Julianes Nase. Die Ursache lag in der Burgschmiede gleich neben dem Burgtor. Der Schmied sah kurz hoch, beachtete die Neuankömmlinge ansonsten nicht weiter.
   Einige Soldaten marschierten zielstrebig über den Platz. Vom Exerzierplatz drang Waffengerassel und eine herrische Stimme brüllte Befehle.
   »Pekar, ich danke dir für deine Hilfe.« Sie wandte sich zum Gehen.
   Der Händler hielt sie zurück. »Momentchen, wer sind denn deine Freunde?«
   Juliane zögerte einen Moment und hörte Schritte hinter sich. Ihr Magen zog sich zusammen. Sie fühlte die Anwesenheit der Soldaten, ehe sie diese sah.
   »Halt!« Eine feste Hand legte sich auf ihre Schulter.
   »Pekar, wer ist dieses Mädchen?« Sie drehte sich zu dem Redner um, einem Hünen mit Glatze und eisgrauem Bart. Eine rot gezackte Narbe zog sich quer über sein Gesicht.
   »Ich habe Bhrok erklärt, dass diese junge Dame meine Gehilfin ist.«
   Sie schüttelte den Kopf. »Du musst nicht für mich lügen, Pekar.«
   Das erste Mal seit ihrer kurzen Bekanntschaft wirkte der Händler ernst und auch ein wenig nervös. Dennoch begegnete er dem Blick des bärtigen Soldaten furchtlos. »Ich habe sie unterwegs aufgelesen«, gab Pekar zu.
   »Ich möchte Prinzessin Kalira und ihren Verbundenen sprechen«, bat Juliane.
   »Ach, und das konntest du am Tor nicht mitteilen? Stattdessen schleichst du dich hier ein. Weib, ich habe schon bessere Ausreden gehört.« Der Soldat umfasste ihre Oberarme.
   Sie versuchte, den Griff des Mannes abzuschütteln. »Lass mich los!« Sie unterdrückte den antrainierten Reflex, sich mit Kampfkunstkenntnissen zu befreien. Sie biss die Zähne aufeinander. Der Soldat packte sie fester.
   »Paor, tu ihr nicht weh. Sie hat nichts Böses im Sinn. Sie ist nur eine junge Frau«, bat Pekar.
   Der Soldat schnaubte und zerrte Juliane mit sich. Sie wand sich vergeblich. Es wäre ihr ein Leichtes gewesen sich mit einem gezielten Tritt und einem harten Schlag zu befreien, doch das wagte sie nicht. Sie kam nicht als Feind in die Burg.
   »Was geht da vor?«, rief eine laute Stimme.
   Sie erstarrte. Sie wandte ihren Kopf und blickte in violette Augen. Nie hätte sie erwartet, dieses hässliche Gesicht hier zu sehen. »Brack«, jubelte sie.
   Brack verscheuchte den Wächter mit einer auffordernden Geste. »Soldat, lass das Mädchen los!« Er stürmte mit wenigen Schritten auf sie zu und umarmte sie fest.
   Am Rande registrierte sie, wie Paor mit dem zweiten Soldaten auf seinen Posten verschwand.
   Sie sank in die Umarmung des stark ergrauten Bracks.
   »Juliane, bei den Göttern, wie kommst du hierher? Hatte nicht gedacht, dich wiederzusehen.«
   »Dasselbe könnte ich von dir behaupten, alter Mann«, erwiderte sie und lachte.
   Brack blinzelte erfreut. »Gut siehst du aus. Du bist gewachsen.«
   »Oder du geschrumpft.«
   Ihr ehemaliger Lehrmeister lachte und winkte einen Diener herbei. »Ich habe leider keine Zeit. Meine Wache beginnt gleich. Ich bin Hauptmann der Burgwache. Darf die Kerle nicht aus den Augen lassen. Die sind schlimmer als Kinder. Und du wirst dich an Arans Gesellschaft zweifellos mehr erfreuen als an meiner.« Brack zwinkerte wissend.
   Juliane gab sich Mühe, ihre überschwängliche Freude nicht zu zeigen. »Was ist mit Kalira, Ranon und Moira?«, lenkte sie das Thema von Aran ab.
   »Die drei sind unterwegs. Sie kehren in einigen Tagen zurück.« Brack grinste. »Was für eine Überraschung. Du in Goryydon. Kalira wird ein Fest ausrichten, wie es das Land noch nie gesehen hat, möchte ich wetten.« Er wandte sich an den Diener, der geduldig auf Anweisungen wartete. »Syrus, führe unseren Gast zum General.«
   »Ich hoffe, wir haben bald mehr Zeit, miteinander zu reden«, sagte Juliane, ehe sie sich dem Bediensteten zuwandte.
   Brack nickte. »Bestimmt, und jetzt geh. Ein alter Mann wie ich ist wahrlich kein Ersatz für Aran.«
   »Folge mir«, erklärte Syrus dienstbeflissen. »Ich kann dir nicht versprechen, dass er dich empfangen wird.« Er führte sie ins Hauptgebäude und einige Treppen hinauf. Die Steinwände schmückten kunstvoll bestickte Wandteppiche. Brennende Fackeln unterstützten das Licht aus den Fensterschlitzen. Die Luft roch nach Räucherwerk und Ruß.
   Juliane wischte sich die feuchten Hände an ihrem Leinenrock ab.
   »Aran empfängt mich. Wir kennen uns von früher.«
   Der Diener blickte sich um und musterte sie. »Du kommst mir bekannt vor. Sind wir uns schon einmal begegnet?«
   Sie schüttelte den Kopf. »Ich bin mir nicht sicher. Als ich das letzte Mal hier war, hielten sich viele Menschen in der Burg auf. Es herrschte heilloses Durcheinander.«
   »Ah, du warst bei der Befreiung der Festung dabei.« Syrus stoppte vor einer massiv wirkenden Eichentür. »So, wir sind da. Warte bitte.«

Jetzt seid ihr traurig.
Aber ich werde euch wiedersehen.
Dann wird euer Herz voll Freude sein
und diese Freude kann euch niemand nehmen.
Aus der Bibel


Kapitel 2
Freude und Schmerz

Die Vorahnungen überfluteten ihn beständig. Mit Kaliras, Ranons und Moiras Abreise aus der Königsburg waren die Visionen gekommen. Eiskalte Furcht hatte ihn in der ersten Nacht wachgehalten, ohne dass er beurteilen konnte, warum.
   Aran tigerte unruhig auf dem Balkon auf und ab.
   Ein paar Nächte später hatte er sich im Traum in den Elfenwäldern wiedergefunden, gekleidet in die Rüstung der verhassten Todesreiter. Juliane war ebenfalls erschienen. Zu jeder anderen Zeit hätte er sich nichts Schöneres vorstellen können. Doch während des Traums hatte die Angst wie ein Blutegel in seinem Nacken gesessen und sich nach dem Erwachen zu purem Entsetzen gesteigert, als er entdeckte, dass an seinen Füßen Erde und Blätter klebten. Das, obwohl er sich die ganze Nacht in seinem Zimmer aufgehalten hatte. Wenigstens glaubte er das. Er erinnerte sich nicht, sein Gemach verlassen zu haben.
   Er sollte Kalira, Ranon und Moira einen Boten hinterhersenden. Nein, besser er ritt selbst los. Die Dinge erledigten sich am besten, wenn er sich persönlich damit befasste.
   Es klopfte.
   Aran betrat sein Privatgemach und schloss die Balkonflügel, ehe er den Diener genervt hereinrief.
   »Ich habe keine Lust, mich ständig mit Leuten zu unterhalten, die behaupten, mich zu kennen. Schick sie weg! Ich verbiete dir, mich künftig mit derartigen Anliegen zu belästigen.« Aran wandte sich ab und starrte durchs Fenster ins Freie. Ein dunkles Gefühl breitete sich in seiner Seele aus. Die ersten Monate nach Julianes Heimkehr in ihre Welt hatte er jeden empfangen, der bat, zu ihm vorgelassen zu werden. Immer in der Hoffnung, dass sie zurückgekommen war. Wieder zu ihm fand. Er konnte und wollte sie nicht vergessen. Das Mädchen mit der goldenen Seele und den hellblauen Augen, die sich so tief in sein Herz bohrten. Ihm fiel das Atmen bei dem Gedanken schwer. Das Blut rauschte in seinen Ohren.
   Als er ihr vor sechs Sommern begegnet war, hatte nichts anderes seinen Geist beschäftigt, als die Todesreiter zu töten. Jeden Einzelnen dieser ruchlosen Schlächter. Sie hatte ihm bewiesen, wie sehr sein Hass ihn fehlgeleitet hatte. Durch sie hatte er wieder gelernt, den Menschen zu vertrauen. Ihre Liebe und ihr Verständnis hatten ihm die Kraft gegeben, den Teufelskreis zu durchbrechen. Juliane war nicht nur ein besonderes Mädchen, für ihn stellte sie einen Teil seiner selbst dar, die fehlende Hälfte seiner Seele.
   Immer noch fühlte er die mystische Verbindung, die sie beide verbunden hatte. Er schloss die Augen und sah die silberne Schnur vor sich, so deutlich wie an keinem anderen Tag der letzten fünf Sommer. Die Erinnerung schien das Band zu verstärken.
   Wann hörte es endlich auf? Seit Juliane ihm vom magischen Spiegel entrissen worden war, gab es keinen Tag, nicht einen Augenblick in seinem Leben, an dem er nicht an sie dachte. An dem er nicht hoffte, sie stünde plötzlich vor ihm. An dem er sich nicht fragte, was geschehen wäre, wenn er sie damals geküsst hätte. Ihre Seelen wären eins geworden und vielleicht wäre dies der richtige Weg gewesen, Juliane in Goryydon zu halten.
   Oft saß er in seiner Schreibstube und starrte ihr Gemälde an der Wand an, so intensiv bis ihre Umrisse verschwammen. Manchmal, in Stunden, in denen die Sehnsucht zu stark wurde, wünschte er, dem Wahnsinn verfallen zu können. Endlich den Verstand verlieren und nie wieder jenes Begehren spüren und jene Leere, die die Trennung von Juliane hervorrief. Jetzt glaubte er sogar, ihre Stimme zu hören.
   Er öffnete die Augen.
   Abermals klopfte es und in der geöffneten Tür fand ein Gerangel statt.
   »Du kannst nicht herein«, rief Syrus entrüstet.
   Ein Prickeln breitete sich hinter Arans Stirn aus und wanderte seinen Rücken entlang hinunter zu den Zehen. Licht, durchdringend wie pures Silber schien den Raum zu erfüllen.
   »Ich habe gesagt, du sollst das Mädchen fortschicken!« Seine Stimme klang in seinen Ohren fremd und rau. Das Kribbeln in seinem Körper verstärkte sich. Aran unterdrückte einen überraschten Laut, als das silbrige Licht zu einer Schnur transformierte und in seinen Körper glitt wie Samt. Wärme und Energie erfüllten ihn vom Scheitel bis zur Sohle. Eine Empfindung, so überraschend, dass es ihm einen Höllenschreck einjagte.
   »Verzeiht, Herr, sie hat mich überrumpelt.«
   »Geh, lass uns allein.« Er hatte Mühe den Befehl mit sicherer Stimme hervorzubringen.
   Der Diener zog sich zurück. Aran hörte, wie er den Raum verließ.
   Er starrte auf den Burghof hinaus und machte keine Anstalten, sich umzudrehen. Die Verblüffung verflüchtigte sich. Er stützte sich auf der Fensterbank ab, verlangte seinen Lungen tiefe, gleichmäßige Atemzüge ab, während sein Herz raste und stolperte, als hinge sein Leben davon ab. Er konnte, wollte nicht glauben, was ihm die Silberschnur längst verkündet hatte. Juliane! Kein Traum, keine Vision. Sie war zu ihm zurückgekommen.
   »Dieses …« Sie räusperte sich. »Dieses Mädchen wird nicht gehen.«
   »Juliane.« Ihm fiel es schwer, Fassung zu bewahren. Konnte es wahr sein? Schienen die Götter ihm endlich gewogen?
   Langsam wandte er sich ihr zu.
   Aran schluckte trocken. Sicher träumte er. Nach all den Sommern, das war unmöglich? Wenn sie nur Einbildung war, verschwand sie vielleicht, und so starrte er sie an, wie er ihr Gemälde angesehen hatte, wenn die Einsamkeit zu groß geworden war. Aus dem einstigen Mädchen hatten die Sommer der Trennung eine betörende Frau geformt. Ihr Haar besaß die Farbe dunklen Honigs, umrahmte das zart geschnittene Gesicht und streifte ihre Schultern. In den hellblauen Augen konnte Aran lesen wie andere eine Landkarte.
   Er fühlte ihre Unsicherheit, wusste, dass auch sie all die Jahre von diesem Augenblick geträumt hatte. »Juliane«, flüsterte Aran noch einmal und brach damit den Bann.
   Sie stolperte auf ihn zu.
   Er streckte die Hände nach ihr aus und zog sie an sich. Sie legte ihre Arme um seinen Hals und blickte ihn an, scheinbar zu ängstlich, sich zu rühren, als wäre Reglosigkeit das, was es wahr machte. Ihm erging es nicht anders.
   Juliane hob ihre Hand und strich über sein Gesicht. Die Berührung wirkte vertraut und gleichzeitig aufregend neu. Ein sehnsüchtiges Brennen erfüllte ihn. Sie reckte ihm ihr Gesicht im selben Moment entgegen, als er sich zu ihr beugte. Aran zitterte und fühlte sich wie ein unerfahrener Jüngling.
   Er streichelte ihren Mund mit seinen Lippen. Allein dieser sachte Kontakt entflammte seine Emotionen. Sie schmiegte sich enger an ihn und ihn überkam das Gefühl, innerlich zu verbrennen. Ein ganzer Hornissenschwarm jagte durch seinen Körper. Es war Juliane, die den Kuss mit sanftem Druck erzwang. Sie hielt sein Gesicht zwischen ihren Händen und berührte seine Lippen mit den ihren.
   Die Erfahrung dieses Kusses überwältigte sowohl Aran als auch sie. Er hatte das Gefühl, als vermischten sich die Grenzen zwischen ihm und ihr, als verschmölzen sie zu einer Person, als verwebe die mystische Schnur ihrer beiden Seelen unverrückbar miteinander. Das jubilierende Vibrieren des Bandes über die Verschmelzung ihrer Seelen durchströmte ihn. Besser als jemals zuvor konnte er ihre Empfindungen und Gedanken wahrnehmen. Aran beendete den Kuss nach einer schieren Ewigkeit. »Du bist tatsächlich echt«, krächzte er.
   Juliane fuhr ihm durch sein Haar und blickte ihn aus großen Augen an. Sein schwarzes Haar schimmerte wie Rabenschwingen, wenn er sich bewegte. Die Länge war auf Schulterlänge gestutzt, vor sechs Jahren war sein Haar um etliche Zentimeter länger gewesen. Seine hohen Wangenknochen und die zimtfarbene Haut ließen ihn wie einen exotischen Dschungelgott wirken.
   Ob das bei jedem Kuss so sein würde?
   Wir können es herausfinden, antwortete Aran in ihrem Geist. Ihre Verwunderung wanderte durch seine Gedanken. Bevor sie ihrer Überraschung Worte verleihen konnte, hob er sie hoch und küsste sie erneut. Sie schlang ihre Beine um seine Taille. Pures Feuer schoss durch ihre Adern und die Macht der Silberschnur ließ sie nicht nur die eigenen Empfindungen fühlen, sondern auch die ihres Seelenzwillings. Es erschütterte seine Grundfesten, sein Innerstes schien hell und freundlich und er wusste, dass er ihre Seele spürte. Hell und Dunkel, Gut und Böse, Freude und Trauer. Sie verschmolzen endlich unlösbar miteinander.
   Aran setzte sie auf das Tischchen, das an der Wand stand, ohne seinen Mund von ihrem zu lösen.
   Ihre Hände strichen über sein Gesicht, bewegten sich den Hals hinunter über seine Schultern zu seinen Armen und Händen. Ihre Berührungen glitten weiter zu seinen Hüften. Julianes Beine umschlangen seine Oberschenkel. Sie seufzte, als Aran ihren Hals mit Küssen bedeckte. Seine Finger schoben sich unter ihr Oberteil. Sie hatten so unendlich lange auf diesen Moment gewartet, wollten endlich ihre Körper verschmelzen lassen, in jenem uralten Rhythmus, der in ihrem Blut hallte.
   Ihre Hände wanderten unter sein Hemd.
   Ein energisches Klopfen an der Tür zerriss die Stille, die nur vom Rascheln des Stoffs und ihrem Atmen durchbrochen wurde.
   Aran fluchte und rückte von Juliane ab.

*

Ihr Atem ging stoßweise. Ihr war schwindlig und ihr Körper summte unter dem Echo der Liebkosungen. Sie konnte kaum glauben, wie natürlich sich alles anfühlte. Seine Seele vereinte sich mit ihrer und ergänzte sie. Sie sah sein Herz und fand all ihre Gefühle und Ahnungen bestätigt. Es war unglaublich.
   Sie waren mehr, soviel mehr als bloße Liebende.
   Ein neuerliches Klopfen weckte Juliane aus ihrer Verträumtheit.
   Aran und sie brachten ihre Kleider in vorzeigbaren Zustand. Seine Miene verwandelte sich in jene unerschütterlich stoische Maske, mit der sie ihn kennengelernt hatte. Doch darunter lag alles andere als Ruhe und Besonnenheit, als er ihr einen leidenschaftlichen Blick zuwarf.
   »Herein«, befahl er dem Unruhestifter barsch.
   Syrus, der Diener, trat ein.
   »Was gibt es?«
   Juliane wandte sich ab, damit der Kammerdiener ihr Gesicht nicht mustern konnte. Sie fürchtete, dass ihr jeder sofort ansah, was sie und Aran gerade geteilt hatten. Sie nahm sich die Muße und betrachtete die Einrichtung des Zimmers. Das dunkle Holz der Möbel bildete einen anheimelnden Kontrast zu den weißen Wänden. Sie trat einen Schritt zurück und stieß gegen das kleine Tischchen, auf dem sie gesessen hatte. Hitze stieg in ihre Wangen. Sie räusperte sich und setzte ihre Musterung fort. Ein Stuhl stand an der Wand. An der gegenüberliegenden Mauer befand sich ein breites Bett mit Baldachin aus bordeauxrotem Stoff. Das Kissen und die Bettdecke waren mit demselben Stoff bezogen. Neben der Tür gab es eine Kommode, mit einer Kanne und einer Waschschüssel darauf.
   »Herr, schnell, man braucht Euch im Burghof. Ein Bote mit wichtigen Nachrichten ist eingetroffen.«
   Juliane spürte Arans Unruhe, noch ehe er sich zu ihr drehte. »Es tut mir leid, ich …«
   »Ich komme mit«, fiel sie ihm ins Wort.
   Er nickte und ging voraus. Sie folgte ihm denselben Weg hinunter, den sie vor nicht allzu langer Zeit hinaufgestiegen war.
   Aran?
   Er blickte sie lächelnd an. Es liegt an unserem Kuss. Auf diese Weise haben sich unsere Seelen unwiderruflich miteinander verbunden. Seine Augen bestätigten seine telepathischen Worte.
   Deshalb können wir uns auf diese Art unterhalten? Julianes Verblüffung schien ihn zu belustigen.
   Aran bejahte, legte seinen Arm um ihre Schultern und schob sie durch die Tür hinaus auf den Burghof.
   Seine Berührung elektrisierte sie. Plötzlich im Freien brauchte sie einen Moment, ehe sich ihre Augen an das helle Licht gewöhnten.
   Aran hockte sich neben einem am Boden liegenden Soldaten.
   Paor hielt dem Mann eine Schöpfkelle an die Lippen, und dieser trank durstig.
   »Lykor, erzähle, was ist passiert?«, forderte Aran ihn ungeduldig auf.
   Die heisere Stimme des Liegenden war kaum verständlich. Juliane trat neugierig und besorgt näher und hörte nur noch den Rest.
   »… sie haben das halbe Dorf niedergemetzelt.« Lykor rang nach Luft. Schweiß lief in kleinen Rinnsalen sein Gesicht hinunter und tropfte in seinen wilden Haarschopf und auf sein Hemd.
   »Verschwindet, Männer, lasst mich durch!« Selina, die Burgheilerin, bahnte sich resolut ihren Weg durch die Schaulustigen, die sich inzwischen versammelt hatten.
   Sie besah sich Lykor kurz und nickte Paor und einem zweiten Soldaten zu.
   »Bringt ihn in sein Quartier. Er braucht nur Ruhe und ausreichend zu trinken, bis sich sein Sandfieber-Anfall gelegt hat.«
   Aran erhob sich. Er gab den Männern das Zeichen, sich wieder an ihre Arbeit zu begeben.
   »Was ist passiert?«, drängte Juliane.
   Arans Sorge verursachte eisiges Frösteln in ihr.
   Er legte ihr den Arm um die Taille und zog sie in eine ruhige Ecke des Burghofes. »Gibt es einen bestimmten Grund für deine Rückkehr?«
   Sie rieb über ihre Stirn. »Anscheinend nicht, um endlich wieder mit dir vereint zu sein.« Sie musterte ihn beunruhigt. Er schien besorgt, doch diesmal konnte Juliane seine Gedanken nicht lesen.
   Er verschränkte seine Arme. »Seit einigen Monden häufen sich Berichte von Überfällen. Vor ein paar Sonnenläufen wurde Kalira die Nachricht überbracht, man hätte deswegen eine wichtige Botschaft für sie. Sowohl der Bote als auch der Gewährsmann waren vertrauenswürdig. Kalira, Ranon und Moira sind zum Treffpunkt aufgebrochen.«
   Also war Moira nicht verantwortlich für ihre Ankunft in Goryydon? Sie würde die weise Zauberin selbst danach fragen müssen.
   Die innere Kälte brachte Julianes Zehen zum Kribbeln. »Ist ihnen etwas zugestoßen?«
   »Noch nicht.« Seine Augen verdunkelten sich vor Beunruhigung.
   »Hattest du eine Vision?«
   Träume.
   Diesmal hatten ihr seine Gedanken die Antwort verraten.
   Eine vollbusige Blondine kam über den Burghof auf Aran zugelaufen.
   »Aran!« Sie strahlte ihn an, ohne Juliane zu beachten. »Meine Zofe Anshie erzählte mir, dass Lykor von Trollen überfallen wurde.« Die Frau reichte Aran beide Hände. Ihre Miene drückte Sorge und Zuneigung aus.
   Juliane hasste sie vom ersten Blick an.
   »Ist er schwer verletzt?« Die Stimme der Blonden klang süß.
   Wie Sirup, der selbst im gesündesten Zahn Karies verursachte, befand Juliane gehässig.
   »Nein, nur erschöpft.« Aran ließ sie los und drehte sie zu Juliane. »Caryll, das ist Juliane. Juliane, darf ich dir Dame Caryll, Landadlige aus der Provinz Kashyyk vorstellen?«
   Caryll schenkte ihr ein gestelltes Lächeln, bis Arans Worte ihr Gehirn erreichten. Sie riss die Augen erschrocken auf, lächelte aber Momente später, als sei nichts geschehen. »Juliane? Die Juliane? Die Drachentochter?«
   »Genau die«, entgegnete sie trocken.
   Caryll verstellte sich gut, doch nicht gut genug, um ihre Gefühle vor ihr zu verbergen. Es gab kaum etwas, über das Carylls Freude geringer sein würde, als über Julianes Rückkehr.
   Dame Caryll wandte sich an Aran. »Es freut mich so für dich.« Sie nickte Juliane zu. »Ich muss wieder zurück.« Damit lief sie eilig davon, sodass es wie eine Flucht wirkte.
   Juliane beobachtete sie, bis sie im Hauptgebäude verschwand. Aran hegte Zuneigung für Caryll. Das hätte sie auch erkannt, wenn sie sich nur auf ihre Augen hätte verlassen können.
   »Wer ist sie?«
   Er schien verdutzt. »Caryll? Sie ist die Witwe einer meiner Soldaten.«
   »Und was bedeutet sie dir?« Sie unterdrückte ein frustriertes Schnauben. Ob Männer in der einen oder der anderen Welt, eine gewisse Begriffsstutzigkeit durfte offenbar in ihren Bauplänen nicht fehlen.
   »Sie ist eine Freundin. Nur eine gute Freundin«, erklärte er.
   Eine Spur zu unbekümmert, argwöhnte Juliane.
   »Du bist doch nicht etwa eifersüchtig?«
   »Ich doch nicht.« Das fehlte, kaum in Goryydon angekommen und mit Aran vereint, ein Eifersuchtsdrama anzuzetteln.
   Er legte seine Hände auf ihre Taille und zog sie an sich. »Dafür hast du keinen Grund.«
   In diesem Moment wollte sie ihm glauben, doch sie erinnerte sich an Carylls flirtendes Benehmen. Sie behielt die liebeshungrige Blondine besser im Auge.
   Juliane zog es vor, das Thema auf die Vorgänge in Goryydon zu lenken. »Du sagtest, Kalira, Ranon und Moira wäre noch nichts passiert. Wird ihnen etwas zustoßen?«
   »Ich weiß es nicht.« Er drückte sie so fest an sich, dass ihr fast die Luft wegblieb. Die Schwärze seiner Besorgnis hüllte sie ein. »Wir sollten einen Abstecher nach Mykele machen. Der Überfall fand letzte Nacht statt, vielleicht finden wir etwas.«
   Einen Moment lang genoss sie seine Nähe, spendete ihm auf dem nur ihnen zugänglichen Weg Trost und sog seine zärtliche Erwiderung auf. Erleichtert, dass sie es schaffte, zu ihm vorzudringen, schmiegte sie sich enger an ihn und bedauerte, sich wieder aus seiner Umarmung lösen zu müssen. »Dann los«, sagte sie und verfiel in düstere Stimmung. »Genau diesen Teil meines Aufenthalts in Goryydon habe ich vermisst.«
   »Du solltest dir andere Kleider anziehen«, schlug er vor. Seine Hand berührte sacht ihren Unterarm. »Diese Röcke taugen nicht zum Reiten und Kämpfen.«
   Schulterzuckend folgte sie. Arans Anwesenheit dämpfte ihr Unbehagen. Sie wollte sich nicht von Panik übermannen lassen. Überfälle gab es immer und überall. Kein Grund für sie, sofort das Schlimmste zu vermuten. Juliane fasste nach seiner Hand und sie kehrten Hand in Hand in Arans Gemach zurück. Sie schenkte ihm ein schwaches Lächeln, als er seinen Griff löste.
   »Ich war lange nicht mehr hier. Ist es üblich unter Liebenden, Händchen zu halten?«
   Seine braunen Augen leuchteten. »Nicht unter Adligen.« Sein Mundwinkel hob sich. Seine persönliche Art eines Lächelns. »Aber wie du dich vielleicht erinnerst, bin ich nur ein Bauernjunge.«
   »Du bist so viel mehr als nur ein Bauernjunge«, sagte Juliane.
   Feixend wandte er sich ab und zog aus einer Kommodenschublade eine Lederhose.
   »Hier, fang!«
   Sie war nicht schnell genug und die Hose traf sie im Gesicht.
   »Deine Reflexe haben gelitten.«
   »Ich wurde noch nie von einer Hose angefallen. Noch mal wird mir das nicht passieren. Wem gehört diese Hose? Du sammelst doch nicht etwa Frauenkleider?«
   »Ich habe sie für dich anfertigen lassen.« Er wirkte verlegen. »Damit du hier vernünftige Kleider hast.«
   Juliane erlaubte sich ein leichtes Lächeln. Er hatte all die Jahre die Hoffnung gehabt, dass sie zurückkehrte. Mehr noch, auch wenn er es nie zugeben würde: Er bewahrte den Glauben an ihre Rückkehr.
   Sie wandte sich der Schnürung ihres Rockes zu und Aran drehte sich taktvoll um. Ihre Jeans versteckte sie unter dem Rock, den sie auf die Kommode legte. Sie schob sich das Top, das sie unter dem Mieder trug, über die Hüften nach unten, stieg heraus und steckte es ebenfalls unter die Kleider, ehe sie in die Hose schlüpfte.
   »Fertig, jetzt noch eine Waffe und wir können los«, erklärte sie. »Hast du Schwert oder Dolch für mich? Zur Not komme ich auch mit dem Speer zurecht.«
   Aran zog eine Kiste unter dem Bett hervor.
   Sie ließ sich neben ihm auf dem Boden nieder und er öffnete daraufhin den Kasten.
   »Meine Güte«, hauchte sie und strich zärtlich über die Klinge des darin befindlichen Schwertes und den Brustharnisch. »Du hast Zadieyeks Rüstung und ihr Schwert aufbewahrt.«
   Sie holte den Gürtel mit der Schwertscheide heraus, band ihn sich um und ergriff das Schwert.
   »Kannst du noch damit umgehen?«
   Mit einem Grinsen ging Juliane in die Mitte des Raums und schwang das Schwert. Zischend zerteilte die Klinge die Luft, attackierte einen unsichtbaren Gegner. Sie wirbelte herum und hielt inne. »Und? Nimmst du mich mit?« Sie steckte die Waffe in das Futteral.
   Aran öffnete wortlos die Tür und ließ ihr galant den Vortritt.
   Der Stallbursche hatte zwei Pferde gesattelt, als sie die Ställe erreichten. Ein Rapphengst mit glänzendem Fell, der ungeduldig tänzelte und ein grau gesprenkelter Schimmel, der freudig wieherte, als er sie erkannte.
   »Das gibt’s nicht.« Juliane warf Aran einen überraschten Blick zu. »Staubwolke!«
   Sie stürzte zu dem Hengst und vergrub glücklich ihr Gesicht in seinen Hals. Ein Tag voller Überraschungen. Sie streichelte dem Pferd die Nüstern und kraulte sein Fell.
   Ein Bauernpaar hatte ihr Staubwolke geschenkt, als sie vor den Todesreitern in die Blauen Berge geflohen war. Das Pferd hatte sie treu begleitet, als sie mit Kalira und Ranon ins Morvannental geritten war, um die Zauberin Moira aus dem Bannfluch des bösen Magiers Kloob zu befreien. Auf Staubwolkes Rücken hatte sie die Königsburg erreicht, um dort an der Seite der wahren Herrscherfamilie und ihrer Verbündeten die Festung zurückzuerobern.

Die Pferde galoppierten über die Wiesen. Der Wind peitschte durch Julianes Haar. Lachend blickte sie zurück. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal so glücklich gewesen war. Endlich zurück in Goryydon und vereint mit Aran, ihrem Seelengefährten.
   Wie würden ihre Waffengefährten Kalira und Ranon staunen, wenn sie erkannten, dass sie zurückgekehrt war. Sie konnte es kaum erwarten, sie endlich zu treffen.
   Moira wusste bestimmt, dass sie da war. Die weise Zauberin überraschte nichts und niemand.
   Aran zügelten das Tempo.
   »Seit wann finden diese Überfälle schon statt?«, erkundigte sich Juliane, als Staubwolke neben seinem Rappen trabte.
   »Seit etwa zwei Monden.«
   »Acht Wochen also. Hütet euch vor dem, der nicht mehr ist.«
   Aran blickte sie erstaunt an. »Du warst da?«
   »Du meinst die … die Vision? Ja, ich war da.« Meine Güte, war das wirklich erst acht Tage her? »Könnte Kloob zurückgekehrt sein?« Der Klumpen in ihrer Kehle machte es ihr fast unmöglich zu sprechen.
   Er lenkte sein Pferd so nah wie möglich zu ihr und drückte ihre Hand.
   »Das glaube ich nicht. Niemand ist so dumm, ihn zu beschwören. Aus dem Totenreich gelingt ein derartiger Zauber nicht. Kloob bräuchte einen Verbündeten. Einen mächtigen Magier.«
   Die sorgenvollen Falten auf seiner Stirn erzählten von seinen Befürchtungen. Seine Mutter, die Angehörige des magisch begabten Volkes der Morvannen, hatte Aran vor ihrem grausamen Tod alles beigebracht. Obwohl er sich nie als Teil der morvannischen Gesellschaft gesehen hatte, brannte das Erbe seiner Mutter in seinen Adern.
   Aran wusste nicht alles. Er kannte die Magie der Weißen nicht. Vielleicht musste niemand Kloob heraufbeschwören. Kloob hatte im Sterben den Schwur getan, Juliane und ihre Freunde zu vernichten. Kloob war ein machtvoller Zauberer gewesen. Ein Schwur oder ein Zauberer. Ein magischer Gegenstand, mehr war oft nicht nötig, wie sie am eigenen Leib erfahren hatte. Nun war Juliane zurück und sie konnte nur hoffen, nicht als Turbo für Kloobs böse Magie zu dienen.
   Angst ergriff ihren Magen und rollte ihn langsam wie ein Wollknäuel auf. Sie schluckte krampfhaft. Hoffentlich waren Moira, Kalira und Ranon unverletzt, wenn sie aufeinandertrafen.
   »Erzähle mir von den Angriffen«, bat sie Aran und verdrängte ihre Furcht.
   Er warf ihr einen prüfenden Blick zu. »Der erste Überfall traf eine Gruppe Reisender. Sie und ihre Tiere wurden regelrecht in Stücke gerissen. Eine Weile herrschte Ruhe, dann griffen die Ungeheuer einen Einsiedlerhof an und in der darauf folgenden Nacht einige Gaukler. Ein kleines Mädchen hatte sich in den Bäumen versteckt. Ihrer Beschreibung nach waren die Angreifer Dämonenreiter, Graugnome und Trolle.«
   Juliane runzelte die Stirn. »Woher kamen sie? Diese Kreaturen sind mir völlig unbekannt.«
   »Trolle und Graugnome gibt es seit Menschengedenken. Die Trolle hausen tief unter der Erde. Sie verlassen ihre Heimstätte so gut wie nie. Mit Graugnomen verhält es sich ähnlich. Ihre Heimat ist das Gebirge von Tyramur, weit oben in den Gipfeln, auf die sich nie ein Mensch verirrt.«
   »Und die Dämonenreiter?«
   »Man hielt sie bisher für eine Legende. Es ist unmöglich herauszufinden, wann und wo die Höllenwesen zuschlagen werden, oder sie einzufangen. Haben sie ihren Angriff beendet, öffnet sich eine Erdspalte, in der sie verschwinden.«
   Juliane zog fröstelnd die Schultern hoch. Das letzte Mal hatten sie es nur mit gewöhnlichen Menschen zu tun gehabt. Soweit man Schwarzmagier, Zauberinnen und Feen normal nennen wollte.
   »Was können wir tun?« Sie schluckte mühsam.
   »Warten auf die Nachrichten, die Kalira erhält.«
   »Hast du nicht gesagt, dass du kein gutes Gefühl hast?« Juliane musterte ihn fragend.
   »Ja, aber mir ist der Treffpunkt unbekannt.« Er klang frustriert und auf seiner Stirn bildete sich eine steile Falte.
   »Du lässt nach«, spottete sie, ahnte jedoch, dass Aran beileibe nicht nachlässig gewesen war.
   Er warf ihr einen säuerlichen Blick zu. »Du kennst doch Kalira. Sie hat nicht zugelassen, dass ich sie begleite. Die Geheimnistuerei schien ihr ein höllisches Vergnügen bereitet zu haben«, beschwerte er sich.
   Sie lenkten ihre Pferde in ein Wäldchen, eine Abkürzung zum Dorf Mykele.
   Er gewährte ihr einen Blick in seine Erinnerung und sie grinste.
   »Du hast sie von deinen Spitzeln verfolgen lassen?« Sie lachte. »Und ich hab mich gewundert, dass du nach dieser Vision nicht längst ganz Goryydon nach ihnen durchsuchen lässt.«
   Ein leichtes Lächeln zuckte um Arans Mundwinkel. Auf einmal straffte er sich und deutete Juliane, still zu sein.
   Ihre Fingerspitzen juckten.
   Zwischen den Bäumen tauchte ein Mann auf. Seine Kleider sahen zerlumpt aus, sein Gesicht wirkte eingefallen und abwesend, als wäre er nicht ganz in dieser Welt. Er winkte ihnen zu.
   »Seid gegrüßt! Ich bin Morlick aus dem Dorf Mykele.«
   Sie nickten dem Bauern zu.
   »Ich bin Aran, General ihrer Königlichen Hoheiten und dies ist die Drachentochter Juliane.«
   Ein wütender Aufschrei erklang über ihnen und aus der Baumkrone stürzte etwas Schweres mit der Beweglichkeit eines Kartoffelsacks auf Juliane.
   Aran reagierte blitzschnell, drängte ihr Pferd ab und fing einen wild zappelnden, rothaarigen Jungen auf. Er drückte das Kind an sich, und obwohl er viel stärker war, kostete es ihn Mühe, den zornigen Jungen zu bändigen.
   »Mörderin! Deinetwegen ist meine Familie gestorben!« Die blauen Augen des Kindes funkelten sie hasserfüllt an.
   Schockiert warf sie Aran einen Blick zu.
   Lass mich das machen, ich weiß, was der Junge empfindet.
   Aran hielt ihn fest, doch es war eine beschützende, tröstende Geste, die in Juliane Wärme hervorrief.
   Als Aran zehn Sommer gezählt hatte, kaum älter als der Knabe in seinen Armen, metzelten Todesreiter seine Familie aus dem einzigen Grund nieder, weil sie eine gemischte Familie gewesen waren.
   Sie stieg aus dem Sattel und wandte sich an Morlick.
   »Bitte bring mich in euer Dorf.«
   Sie wartete, bis sie außer Hörweite waren. Die Schritte Morlicks schleppten sich langsam durch das Unterholz. Jede Bewegung kostete den Mann sichtlich Mühe.
   »Wie heißt der Junge?«, erkundigte sich Juliane mit der Hoffnung, Morlick ein wenig abzulenken. Seine offensichtliche Schwermut drückte ihn wie Blei nieder. Er verströmte dieses Gefühl so intensiv, dass es Juliane mit Melancholie erfüllte.
   »Reas«, murmelte der Bauer. »Seine Eltern und all seine Brüder sind tot.«
   Das Mitgefühl bohrte sich wie ein Messer in ihre Brust. »Sind Mitglieder deiner Familie bei dem Angriff zu Tode gekommen?« Die Frage benötigte keine Antwort. Morlick verbreitete jene Aura, die Menschen zu eigen war, die alles verloren hatten, was ihnen lieb und teuer gewesen war.
   »Ausgelöscht, alle ausgelöscht. Marah, mein Weib starb als Erstes, dann haben die Graugnome meinen Vater zerrissen.« Morlicks Stimme klang gebrochen.
   Das Stechen in Julianes Brust verstärkte sich.
   Von hinten erklang ein Schluchzen, das immer wieder stockte und in diesen Momenten vernahm sie Arans leise Stimme. Tränen der Anteilnahme versuchten sich Bahn zu brechen, doch sie drängte sie erfolgreich zurück. Die Zeit der Trauer kam später.
   Unter ihren Füßen knackte Reisig. Der Wald lichtete sich und gab den Blick auf ein verwüstetes Dorf frei.
   Auf dem Anger brannte ein Feuer. Ein rothaariger Hüne warf Möbeltrümmer hinein und trottete in eine der Hütten. Durch ein Fenster erkannte Juliane ein hageres Mütterchen, das den Boden fegte.
   »Sind Soldaten im Dorf?« Sie blickte sich forschend um.
   Morlick schreckte auf. »Soldaten?« Er sah zu allen Seiten. »O ja, tapfere Männer. Wenn sie früher gekommen wären, ja, dann …« Er seufzte und deutete mit der Hand die Richtung. »Da hinten.«
   Das Dorf wirkte friedlich. Es verbreitete einen völlig normalen Eindruck, wie viele andere Ortschaften auch, wären da nicht die frischen Erdhügel am Dorfrand gewesen. Julianes Zehen schienen eiskalt und kribbelten unangenehm, als sie den Dorfplatz überquerte.
   Die Soldaten lagerten neben einem Hühnergatter, dessen Bewohner, in eine Ecke des morastigen Geheges gedrängt, gackerten und ob der Eindringlinge empört durcheinanderflatterten. Auf dem Bretterzaun thronte über ihnen ein Hahn, dessen Kopf nervös hin und her ruckte. Die Männer hatten ihre Pferde im Schatten der ärmlichen Behausungen festgebunden. Einige Satteltaschen lagen herum. Zwei Soldaten streckten sich flach auf der Erde aus. Der eine beeinträchtigt durch eine Kopfverletzung, wie ein Kopfverband und der glasige Blick verrieten, der zweite Mann war mit demselben Schmuck um seine nackte Brust versehen. Getrocknete Blutrinnsale zierten seinen Bauch. Auch die anderen Soldaten hatten das Aufeinandertreffen mit den nächtlichen Angreifern nicht ohne Blessuren überstanden. Jeder der königlichen Streiter trug Verwundungen zur Schau. Blaue Flecken, Beulen, Platzwunden, Schnittverletzungen, doch glücklicherweise nichts Ernsteres.
   Nach und nach bemerkten die Soldaten Juliane und grüßten sie mit deutlichem Misstrauen.
   »Seid gegrüßt. Ich bin Juliane, vielleicht habt ihr von mir gehört. Man nennt mich die Drachentochter.«
   Der mit dem Kopfverband nickte. »Erkenne Euch wieder, Herrin Juliane. Habt tapfer gekämpft, wie man hört«, krächzte er.
   Sie griff nach einer der Feldflaschen und ließ sich neben ihm nieder.
   »Entspann dich.« Sie stützte ihn und gab ihm zu trinken. »Wie ist dein Name?«
   »Caimor, Herrin. Ihr werdet Euch nicht mehr an mich erinnern. Ich war einer der Bauern, die sich euch angeschlossen haben, als Ihr und die Königin gegen Kloob und die Burg gezogen seid.« Er ließ sich auf die Erde sinken. Sein Gesicht bekam eine gräuliche Färbung und Juliane berührte fürsorglich seine Schulter.
   »Ich erinnere mich tatsächlich nicht. Es kamen und gingen so viele Gesichter. Ich war jung und ängstlich«, gestand sie.
   Caimor lächelte. Der graue Bartschatten verriet, dass er altersmäßig ihr Vater sein könnte.
   »Ihr stelltet schon damals eine Lichtgestalt für uns alle dar. Und Euch jetzt wiederzusehen, als junge Frau, beweist, dass Ihr kein bisschen Eurer Ausstrahlung verloren habt.«
   »Ich danke dir, Caimor. Obwohl ich fürchte, dass deine Kopfverletzung ernster sein muss, als ich anfangs vermutete.« Sie lachte und überspielte damit ihre Verlegenheit. Sie war kein besonderer Mensch. Es gab keinen Grund, sie zur Lichtgestalt zu erheben. Sie versuchte nur, das Richtige zu tun und meist war das nicht genug. Sie verdiente die Verehrung durch diese Leute nicht. Juliane beendete das Gespräch, indem sie sich Caimors Nebenmann zuwandte.
   Sie setzte sich zu jedem der Verwundeten, plauderte kurz mit jedem und hockte sich als Letztes neben einen brummig aussehenden Soldaten, der sich mit einem Verband um seine Hand abmühte.
   »Wie ist dein Name?« Sie nahm ihm den Stoff ab und bandagierte seine Verwundung.
   »Qristin. Ich bin ihr Hauptmann.«
   »Ihr hattet viel Glück. Nach allem, was ich gehört habe, sind die wenigsten, die auf diese Wesen trafen, mit dem Leben davongekommen.«
   »Sie erschienen kurz vor Sonnenaufgang.«
   Juliane sah dem Mann fragend ins Gesicht.
   »Sie verschwinden spätestens mit der Morgendämmerung«, ertönte Arans Stimme hinter ihr.
   Qristin sprang auf und salutierte. »General.«
   Einige der Soldaten rappelten sich auf. Aran winkte ab.
   »Macht es euch bequem, Männer.« Er nickte Qristin zu. »Berichtet von dem Überfall.«
   Der Hauptmann setzte sich.
   Nach einem kurzen Rapport, bei dem sie nichts Neues erfuhren, ließen sich Juliane und Aran durch das Dorf führen. Die dortige Spurensuche förderte nichts weiter zutage, als ein Büschel drahtig aussehender Trollhaare und einem abgetrennten, grauhäutigen Gnomfinger, der einen unangenehmen Geruch verströmte.
   Aran gab beides ungerührt in einen Lederbeutel, den er an seinen Gürtel hängte.
   »Umwerfend«, murmelte Juliane. »Auf solche Mitbringsel sind Frauen ganz wild.«
   »Ich denke, wir können zur Burg zurückkehren«, sagte Aran und blickte Qristin fragend an. »Sind die Männer transportfähig, Hauptmann?«
   »Die meisten, ja.«
   »Gut, ich erwarte Euch und Eure Truppe morgen im Lauf des Tages in der Burg.«
   Ein Kribbeln wanderte Julianes Nacken empor, zentrierte sich als eisiges Prickeln in ihrem Hinterkopf und ließ sie erstarren. Jemand beobachtete sie. Sie drehte sich um und entdeckte Reas, den rothaarigen Jungen, der sie hasserfüllt musterte.
   »Aran, was hat dir der Junge erzählt? Warum hasst er mich?«, fragte sie, als Qristin zu den lagernden Soldaten zurückkehrte. Er trat näher, ob aus dem Bedürfnis nach Körperkontakt oder um nicht belauscht zu werden, wusste sie nicht. Er strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
   »Als sie seine Eltern getötet hatten, packte ihn einer der Dämonenreiter und erklärte ihm, es sei alles die Schuld der Drachentochter. Jeder Tote sei ihr Werk.«
   Ein Messerstich ins Herz hätte sie nicht schmerzhafter treffen können. Sie keuchte und fühlte heiße Tränen in ihren Augen. »Wieder bin ich es, die die Ursache für all das Leid ist«, stammelte sie.
   Aran umfasste sie. Seine Augen funkelten sie überzeugt an.
   »Nein! Glaube das nicht. Es ist einzig und allein das Werk dieser Höllenwesen.«
   Er zog sie fest an sich. Seine Wärme hüllte sie ein, wie ein schützender Mantel. Der Geruch von Leder, Pferd und Mann stieg Juliane in die Nase. Sie drängte sich an ihn, wünschte, wirklich und wahrhaftig mit ihm verschmelzen zu können, eins zu werden mit ihm.
   »Ohne dich bin ich verloren. Meine Seele wäre damals rettungslos dem Bösen verfallen«, flüsterte er in ihr Haar. »Du bist mein Licht.«
   »Ich liebe dich.« Sie presste ihr Gesicht in sein Hemd, atmete seinen Duft ein.
   Sie löste sich schließlich aus seiner Umarmung und ging auf den Jungen zu. Juliane blieb ein paar Schritte vor ihm stehen und reichte ihm die Hand. »Reas, ich werde den Tod deiner Familie und Freunde rächen.«
   Der Junge näherte sich Juliane, doch statt ihre Hand zu ergreifen, schlug er sie beiseite.
   »Wärst du nur geblieben, wo du warst, Drachentochter! Wir brauchen dich nicht, niemand braucht dich«, rief er und stürmte davon.
   Sie tat einen Satz hinter ihm her und spürte Widerstand an ihrer Hüfte.
   Aran hielt sie zurück. »Bleib, ich gehe zu ihm.«
   Bewegungslos beobachtete sie, wie er Reas folgte. Sie bemerkte, dass die anwesenden Leute sie musterten.
   Ihr Verstand sagte ihr, dass Aran recht hatte, trotzdem zerriss sie ihr Schuldgefühl. Wer konnte sie derart hassen, dass er deswegen unschuldige Menschen abschlachten ließ?
   Kloob! Er hatte geschworen, sie und ihre Freunde zu vernichten. Er war zu Lebzeiten ein gefährlicher Zauberer gewesen. Warum sollte es nicht möglich sein, dass er zurückgekehrt war? Selbst wenn Aran dies ausschloss.
   Wie in Trance schlenderte sie zu den friedlich grasenden Pferden. Sie tätschelte Staubwolke und schreckte erst auf, als sich Aran näherte. Sie fühlte seine Anwesenheit, ehe sie ihn hörte oder sah. Ihr Herz klopfte wild.
   Er kam mit den kontrollierten Bewegungen eines Schwertkämpfers auf sie zu und lächelte. Ein leichtes, kaum wahrnehmbares Lächeln, bei dem die Augen strahlten, sich die Mundwinkel aber nur leicht hoben.
   Ihr Herz wollte überschäumen vor Liebe.
   Aran berührte sie zärtlich am Unterarm. »Lass uns zur Burg zurückkehren. Hier gibt es nichts mehr zu tun für uns«, schlug er vor.
   Sie nickte und blickte noch einmal auf das Dorf Mykele. Graue Häuser, geduckt, ihre Bewohner ängstlich und gebrochen. Es erinnerte sie schmerzhaft an Goryydons Zeit unter Kloob. Sie war froh, das Dorf hinter sich lassen zu können.

In einem der zahlreichen Wäldchen, die sie passierten, wucherte dichtes Buschwerk links und rechts des Pfades. Ein streng-herber Geruch wehte ihr in die Nase. Sie atmete flach, als der Gestank regelrecht stechend wurde.
   Die Pferde wieherten aufgeregt. Juliane beruhigte ihren Hengst mit leiser Stimme.
   Aran zog an den Zügeln. »Hörst du das?«, flüsterte er.
   Sie schüttelte den Kopf. Es war still, totenstill. Sie blickte sich nervös um. Wenigstens Vögel sollten in diesem Wäldchen zu hören sein. Im Augenblick konnte sie nicht einmal den Wind in den Baumwipfeln vernehmen.
   Es raschelte im Dickicht.
   Am Rand registrierte sie, dass Aran die Zügel unter seine Knie klemmte, während sein Rappe die Ohren anlegte, schnaubte, aber ruhig hielt.
   Aran zog zwei Dolche und fixierte die Umgebung.
   Aus dem Unterholz drang ein Schnattern, das Juliane irrwitzigerweise an Delfine denken ließ. Die Äste und Blätter wackelten, dann brach ein riesiges, zottiges Wesen auf zwei Beinen aus den Büschen.
   Die Pferde bäumten sich auf und sie bemühte sich, Halt im Sattel zu finden. Sie sah zu Aran, doch er unternahm keine Anstalten, zu fliehen. Stattdessen schwang er grimmig die Messer.
   Das Geschöpf zog die Lefzen hoch und knurrte drohend. Es umklammerte mit einer seiner klauenbewehrten Hände den Arm. Das Fell erwies sich als blutverklebt und sie erkannte eine klaffende Wunde am Unterarm. Sie blickte dem Wesen in die Augen, Schmerz blitzte darin auf. Es torkelte. Die Pferde schnaubten entsetzt. Kurz entschlossen stieg sie ab und stellte sich zwischen Aran und die Kreatur.
   »Was hast du vor?«, stieß er zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.
   »Es benötigt Hilfe.« Der Schmerz des Geschöpfs zuckte durch ihren Kopf und sie spürte die Angst in ihm. Es fauchte. Sie nahm die Aufregung in Aran wahr, spürte, wie er sich straffte, um auf die verletzte Kreatur loszustürmen.
   Juliane entspannte sich, sandte ihm etwas von ihrer Gelassenheit und konzentrierte sich für einen Moment auf ihn.
   »Bitte halte dich zurück. Es braucht Hilfe, und ich kann sie ihm geben«, murmelte sie, ohne ihren Blick von dem Wesen abzulenken.
   Sie hob beruhigend ihre Hände.
   »Ganz ruhig, ich will dir helfen.« Sie näherte sich langsam der verletzten Kreatur.
   Hinter ihr sog Aran geräuschvoll die Luft ein.
   Sie schloss seine Anspannung aus ihrem Bewusstsein aus.
   »Nicht, das ist ein Troll«, warnte er sie.
   Juliane stockte einen Moment. Sie musterte die Kreatur. Er wirkte nicht bösartig und gemein. Eher verwirrt.
   Aran war hinter sie getreten.
   »Er ist verletzt und hat Angst«, erklärte sie.
   Die Gedanken und Gefühle des Trolls unterschieden sich extrem von allem, was sie kannte. Sie empfing Schwingungen von ihm, die sie zu deuten versuchte.
   Sie wusste, Trolle waren beeinflussbar, nicht sonderlich intelligent, aber bärenstark und misstrauisch. Die Wesen erwiesen sich als gefährlich, wenn man sie in die Enge trieb. Dieser hier kämpfte gegen Furcht und Pein und Wut. Juliane erahnte eine gewisse Neugier, doch sie wagte nicht, abzuschätzen, wie stark diese sein mochte.
   »Das Biest wird dich in Stücke reißen«, wollte Aran sie von ihrem Vorhaben abhalten.
   »Ich fühle seine Furcht und seinen Schmerz. Er will niemandem etwas tun«, behauptete sie, obwohl sie nur zu genau die Aggressivität des Trolls spürte. Ob dies dem Schmerz oder seinem Charakter geschuldet war, konnte sie nicht ermessen.
   »Die Toten und ihre Angehörigen würden anders darüber urteilen.«
   Der Troll fletschte die Zähne und fauchte Aran an. Er schien zu spüren, dass Aran ihm weder Sympathien und Mitgefühl entgegenbrachte.
   »Hast du Verbandsmaterial in deinen Satteltaschen?«, fragte Juliane ungerührt.
   Aran ging zum Pferd, ohne seinen Blick und seine Konzentration von dem Troll abzuwenden. Kurz darauf reichte er ihr mit langsamen Bewegungen das Linnen, um die Kreatur nicht zu provozieren.
   Sie hielt es dem Wesen hin. »Ich will dir nichts tun. Lass mich deine Wunde verbinden«, bat sie sanft.
   Der Troll legte seinen Kopf schief und stieß heisere Laute aus. Er verströmte einen erdigen Modergeruch, der ihr in die Nase stieg, als sie sich ihm näherte. Sie nahm den ausgestreckten Arm und untersuchte vorsichtig die Verletzung. Die Wunde hatte heftig geblutet und erwies sich somit als sauber. Verkrustete Blutklumpen verklebten das Fell rundherum. Gern hätte Juliane das beseitigt, doch sie bezweifelte, dass der Troll dafür Geduld und Zutrauen aufbringen würde. Sie verband den Arm zügig.
   »Fertig«, verkündete sie und blickte die Kreatur an.
   Der Troll fasste nach ihrer Hand.
   Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Aran einen Satz nach vorn machte.
   Der Troll fauchte ihn an.
   Bleib zurück, Aran! Er will mir nichts antun!
   Sie hoffte, seine Gedanken zu erreichen, denn sie wagte nicht, ihren Blick vom Troll abzuwenden, und sie wusste nicht, ob die telepathische Verbindung zwischen ihr und Aran von Augen- oder Körperkontakt abhängig war.
   Wie du willst! Er wirkte unwillig, wich aber einen Schritt zurück.
   Sie bezweifelte nicht, dass er dennoch in Sekundenschnelle zur Stelle wäre, um sie zu beschützen.
   Der Troll hob ihre Hand mit festem Griff an seine Schnauze. Vermutlich ließ das Wesen dabei so viel Sanftheit walten, wie ihm möglich war.
   Er schnüffelte an ihrer Hand wie ein Hund, dann schleckte er mit erstaunlich weicher Zunge über ihre Haut. Er ließ sie los und warf ihr einen starren Blick zu, ehe er im Gebüsch verschwand.
   Aran stürzte vor. Sie hielt ihn fest, damit er dem Troll nicht nachsetzte.
   »Immer noch dieselbe«, sagte er Augen rollend.
   »Immer noch derselbe«, erwiderte Juliane lächelnd.
   Er musterte sie mit blitzenden Augen. »Du bist unglaublich. Selbst die mutigsten Männer hätten Angst gehabt.«
   Sie schluckte. Ihre Körper berührten sich beinahe. Sie wollte nicht an Tod und Gefahr denken, nicht jetzt, wo er ihr so nah war. So warm, so lebendig. Sie seufzte und umarmte ihn.
   Kribbelnde Hitze breitete sich in ihrem Körper aus und wanderte in ihren Kopf. Ihre Glieder schienen sich in Gelee zu verwandeln. Sie sank gegen Arans muskulösen Körper. Eine Strähne seines Haars kitzelte ihre Wange. Seine Oberschenkel lehnten an ihren.
   »Ich weiß«, flüsterte er und senkte seine Lippen auf ihre. Sein Atem strich über ihr Kinn.
   Sie blinzelte erwartungsvoll.
   Arans Zunge teilte ihre Lippen. Seine Wärme kroch in sie und die Silberschnur summte in ihrem Blut, ließ sie seine Empfindungen fühlen, als wären es ihre eigenen. Hitze wallte durch seinen Körper und mischte sich mit dem aufgeregten Flattern in Julianes Magen. Begehren stieg in ihnen auf, tobte heiß und fordernd durch ihr Innerstes.
   Sie keuchte überwältigt und Aran löste sich rasch von ihr. »Nicht jetzt«, murmelte er. »Nicht hier.« Seine Lippen glitten zu ihrem Ohrläppchen und küssten die weiche Haut darunter ein letztes Mal, ehe sie zur Königsburg zurückkehrten.