Die Vorgeschichte: Der Halbmorvanne Aran war ein Junge, der nur Liebe und Vertrauen kannte, doch dann zerstören die Todesreiter seine idyllische Kindheit und rauben ihm alles: Zuhause, Familie und Hoffnung. Fortan kennt Aran nur noch ein Ziel: Blutige Rache an jenen, die sein Leben zerstörten … Nach ruhelosen Jahren des Herumziehens wagt er das Undenkbare und wird selbst zum Todesreiter, um seinen Wunsch nach Vergeltung erfüllen zu können. Als er enttarnt wird, flieht er ins Morvannental, aber selbst dort quält ihn seine schwarze Seele. Erlösung bietet einzig und allein seine Seelengefährtin. Doch gibt er ihr nach, wird er den Schwur, seine Familie zu rächen, niemals erfüllen können …

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ISBN: 978-9963-52-567-6

Seiten: 293

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Lynn Carver

Lynn Carver
Lynn Carver hat unter dem Pseudonym ihre Fantasy-Romane bei bookshouse veröffentlicht. Sie ist auch bekannt unter dem Pseudonym Ivy Paul. Als Workaholic verschrien, kann sie aber auch faul wie eine Katze auf dem Sofa fläzen und fernsehen, bis die Augen brennen. Neben der Schreiberei begeistert sie sich für alles Schöne, seien es Bücher, Musik, Mode, Kosmetik, Seife sieden oder nachhaltiges Leben.

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Liebe Leserin, lieber Leser,

der vorliegende Roman ist Teil der »Goryydon-Saga« um Juliane, Aran und ihre Abenteuer in der mittelalterlichen Welt Goryydon. Solltest Du diesen Roman lesen wollen, ohne die vorherigen Teile zu kennen, schlage ich Dir vor, mit dem ersten Kapitel zu beginnen und den Prolog erst zu lesen, wenn Du die anderen Teile gelesen hast, denn in diesem Prolog wird kräftig gespoilert! (Ebenso im Epilog.) Ich würde mich freuen, wenn der Roman um Aran Deinen Appetit auf die anderen Teile »Der Zauberspiegel« und »Die Zauberschatten« wecken würde.

Phantastische Grüße

Lynn Carver




Prolog
Wie es endet …

Im Jahre 47 der Regentschaft ihrer Majestät Kalira von Goryydon, Matrone des Amazonenthrons von Khkira


Der Spiegel hing in einer Nische des Kaminzimmers. Sein wuchtiger, verschnörkelter Rahmen schimmerte sanftgolden im Sonnenschein.
   Neben der Nische hing ein großes Gemälde an der Wand. Es stellte ein Mädchen in einem silbernen Brustharnisch dar, das vor dem Hintergrund der goryydonischen Königsfestung stand und versonnen in die Ferne blickte. Das lange, dunkelblonde Haar umrahmte ein schmales Gesicht und dieses wurde dominiert von seelenvollen, hellblauen Augen. Der Brustharnisch und das Schwert auf dem Bildnis waren das Erbe der legendären Amazonenkönigin Zadieyek und befanden sich mittlerweile im Besitz der Königin von Khkira, Julla, Kaliras ältester Tochter, die sie mit ihrem ersten, viel zu früh verstorbenen Verbundenen Ranon gezeugt hatte.
   Julla und ihr Verbundener Aron, Arans und Julianes Sohn, lebten in Khkira, nur wenige Tagesreisen entfernt vom Landsitz, auf dem sich Aran und Juliane zur Ruhe gesetzt hatten.
   Aran riss sich aus seinen Gedanken und schritt zum Lehnsessel, der am flackernden Kaminfeuer stand. Dort, auf dem zweiten Sessel saß Juliane und las in einem Buch. Die Jahre hatten ihr Haar heller werden lassen, silbrige Strähnen durchzogen es. Für ihn war sie immer noch die schönste Frau, die es gab. Sie war sein Herz, seine Gefährtin, der fehlende Teil seiner Seele.
   Die silberne Schnur schwebte für einen Augenblick über ihm. Dann verwandelte sie sich in Licht und Flimmern und Energie, erfüllte seinen Körper vom Scheitel bis zur Sohle. Er ließ sich auf seinen Platz fallen und musterte Juliane. Er fühlte ihre Belustigung.
   Ich bin alt und faltig geworden, hörte er ihre Gedanken.
   »Du bist noch genauso schön, wie am Tag unserer ersten Begegnung.«
   Sie lächelte. »Wir haben ein gutes Leben, nicht wahr?« Die Zärtlichkeit in ihrem Blick weckte in ihm dasselbe Gefühl wie damals, als er sie das erste Mal in diesem Leben gesehen hatte.
   »Wir sind zusammen. Es ist ein gutes Leben.«
   Sie ließ das Buch sinken. »Heute Morgen kam ein Bote.«
   Er nickte und hob fragend die Augenbraue.
   »Lleo stellt uns seine Verlobte vor.«
   Vom Hof drangen Hufgetrappel und Stimmen herein.
   »Klingt, als seien sie eben angekommen«, sagte Aran.
   Der telepathische Versuch, mit Aran zu kommunizieren kündigte ihm die Ankunft seiner Enkeltochter Eltrys an. Zu mehr als einem unbeholfenen Tasten, ähnlich einem Stottern war sie jedoch nicht in der Lage.
   »Eltrys und Acino sind ebenfalls dabei«, verkündete er.
   Juliane lächelte verschmitzt. »Ich weiß, unsere Enkeltochter und der stolze Schwiegervater Acino«, klärte sie ihn auf, als wüsste er es nicht.
   Sie stand auf und Aran tat es ihr nach. Ihr Blick fiel auf den Spiegel in der Nische und Aran fühlte ihre Beunruhigung.
   »Ich wünschte, du würdest den Spiegel auf den Dachboden verbannen«, sagte sie.
   Aran ergriff ihre Hand. Dieselbe Hand, die ihn so viele Male gerettet, an seiner Seite gekämpft und mit Liebkosungen ihre Liebe bestätigt hatte.
   Er betrachtete den Spiegel und empfand doch nicht dasselbe wie Juliane. Er ließ sie an seinen Gefühlen teilhaben und spürte, wie sie sich entspannte. »Für mich ist der Spiegel das Objekt, das dich zu mir führte. Ich blicke ihn an und danke den Schicksalsmächten, dass sie dich mir schenkten.«
   »Eitler, alter Mann«, spottete sie liebevoll. Ihr Bewusstsein tauchte in seine Seele ein, verschmolz mit ihm und sie schwelgten in purem Glücksgefühl. Sie war er und er war sie. Sie waren eins.
   »Großvater Aran! Großmutter Juliane!« Die Stimme Eltrys besaß einen tadelnden und zugleich belustigten Unterton.
   Juliane unterbrach den Seelenkontakt und wandte sich der hochgewachsenen Eltrys zu, die ihre Großmutter stürmisch umarmte.
   »Lange her, mein Liebes«, klagte Juliane und lächelte im selben Atemzug. »Lass dich ansehen!«
   Eltrys’ dunkelbraunes Haar war kurz geschnitten, wie das eines goryydonischen Mannes und ihre Augen ähnelten frappierend denen ihres Großvaters Ranon.
   Sie zupfte sich ihre Reitkleidung zurecht und zog ihre Handschuhe aus, die sie sich an den Gürtel steckte, ehe sie Aran begrüßte.
   »Großvater, geht es dir gut? Du siehst erschöpft aus.«
   Aran blickte sie an und wie so oft war ihm, als starre ihn Ranon aus ihren Augen an. Er fragte sich manchmal, ob Ranon in ihr wiedergeboren worden war. Andererseits stritten sie und Kalira wie verfeindete Amazonen miteinander.
   »Ich bin ein alter Mann, Eltrys. Was erwartest du?« Als er es ausgesprochen hatte, erkannte er, dass es die Wahrheit war. Er blickte auf ein Leben zurück, das andere nicht in tausend Jahren erlebten. Er hatte unglaubliches Leid und unvorstellbares Glück erfahren. Er wurde langsam müde. Und es war gut.
   Julianes Anwesenheit belebte ihn, die silberne Verbindung zwischen ihnen ließ sie die Gefühle und Gedanken des jeweils anderen erfahren.
   Die Tür flog auf. Acino, Lleos Vater und Lleo traten ein.
   Arans Gabe regte sich. Jemand war in der Nähe, der über ähnliche Fähigkeiten verfügte wie er. Er tastete nach der Präsenz, die aufgetaucht war und erkannte, dass sie an der Tür stand. Hinter Lleo. Lleos rotbrauner Haarschopf, der wild und ungebärdig wie die Mähne einer großen Raubkatze in alle Richtungen abstand, und seine breite Gestalt verbargen die Person, die hinter ihm in den Raum trat.
   Lleo grinste. Stolz und glücklich, genauso wie sich Aran gefühlt hatte, als er wusste, dass Juliane die Seine war und bei ihm bleiben würde.
   Arans Herz begann zu hämmern, ohne dass ihm klar war warum. Julianes Hand umklammerte seinen Oberarm und er wusste, dass es Julianes Emotionen waren.
   Lleo schob die junge Frau vor sich. »Großonkel, Großtante, darf ich euch Thalys vorstellen? Sie wird in Kürze meine Verbundene sein.«
   Aran ächzte überrascht. Sein Herz stolperte schmerzhaft in seiner Brust. »Taleen!«, brachte er hervor, wollte sich in ihre Richtung bewegen und stolperte nach hinten.
   Große, blaue Augen starrten ihn an. Die Züge fein geschnitten und exotisch, wie es nur die einer morvannischen Frau sein konnten, doch ihr Haar war goldblond.
   »Großvater! Aran«, riefen Eltrys und Juliane gleichzeitig. Die beiden Frauen führten ihn zum Sessel. Sofort war er umringt von Acino, dessen Sohn Lleo und von Eltrys und Juliane. Ihre Mienen spiegelten Besorgnis, doch Aran hatte nur Augen für die junge Frau, die erschrocken und beunruhigt an der Tür stehen blieb und auf die Szene starrte.
   »Komm her zu mir! Ich will dich aus der Nähe betrachten, Mädchen«, befahl Aran und versuchte, Würde und Stärke zurückzuerobern.
   Lleo nickte seiner Verlobten zu. Sie näherte sich zögernd.
   Die Augen, das Gesicht, die Haarfarbe, sie war das Ebenbild seiner jüngeren, verschollenen Schwester. »Taleen«, flüsterte Aran fassungslos.
   Lleo legte seine Hand auf Arans Schulter. »Großvater, das ist Thalys, meine zukünftige Verbundene.«
   Aran fixierte die junge Frau. So jung, so lebendig. In ihr schwelten Fähigkeiten, die dem Volk der Morvannen eigen waren, eine magische Begabung, die sie verriet.
   Auch sie schien die Gabe in ihm zu spüren. Sie wirkte überrascht und benommen zugleich.
   Aran? Juliane nahm telepathisch Kontakt zu ihm auf. Sie wusste um seine Verwirrung und auch sie fühlte, dass es mit Thalys etwas Besonderes auf sich hatte.
   Wir werden belauscht, informierte Aran seine Seelengefährtin. Dann fixierte er Thalys. Du kannst mich verstehen, nicht wahr?
   Thalys starrte ihn ausdrucklos an, dann nickte sie langsam.

Das höchste Glück des Lebens besteht in der
Überzeugung, geliebt zu werden.
Victor Hugo


Kapitel 1

Absolute Liebe erfüllte Aran. Vollständiges Glück durchtränkte jeden Winkel seiner Seele. Er schwelgte in der Vollkommenheit seiner Existenz. Er war ganz, schwebte wie getragen vom silbernen Klingen, das ihn umgab, das ihn einte mit ihr, die, welche Teil seines Selbst war. Die ihn ganz machte.
   Er öffnete die Augen. Er war nicht länger ein Kind, er war ein Mann und vor ihm stand die Frau, die er liebte. Die goldäugige Feenfrau, seine Geliebte, die Herz und Seele mit ihm teilte. Die Frau, die Teil seines Selbst war. Sie war in einen Harnisch aus hartem Leder gekleidet und ihr silberblondes Haar war zu unzähligen Zöpfen geflochten. Einzig die grüne Strähne über ihrer Schläfe wehte frei im Wind.
   »Denke an dein Versprechen, Liebster«, wisperte sie. Der Blick aus ihren goldfarbenen Augen schien bis auf den Grund seiner Seele zu dringen.
   Er würde auf sie warten. Am äußersten Rand der Zeit, bis zum Ende der Welt und darüber hinaus. Die Erinnerung und die Hoffnung an eine Wiedervereinigung hielten ihn fest. Der Wunsch, ein Zeichen zu finden, das ihn zu ihr führte. Wo war sie? Hier? In einer anderen Welt? Suchte sie ihn ebenfalls?
   Erinnerung und Hoffnung und Leid fesselten ihn. Er gäbe sein Leben, um noch einmal bei ihr zu sein. Nur für einen Tag, eine Stunde ihre Hand zu halten, in ihre Augen zu sehen und ihre Seele zu spüren …

*

Wärme umgab ihn. Durch die Lider nahm er wahr, dass Sonnenlicht auf sein Gesicht schien und seine Haut wärmte. Einen Moment blieb er reglos liegen. Er hörte das Klappern des Geschirrs von unten, die gleichmäßigen Atemzüge seiner Schwester und das Rascheln der Strohmatratze, als er sich bewegte. Seine Nase kitzelte, Aran musste niesen. Er rieb sich die Nase. Der Duft nach frisch gebackenem Brot zog herauf und das Wasser lief ihm im Mund zusammen. Er schlug die Lider auf und lag kurze Zeit blinzelnd da, bis er sich an die Helligkeit gewöhnt hatte. Gähnend richtete er sich auf.
   Seine Mutter hantierte geräuschvoll herum. »Aran?«, rief sie herauf.
   »Ich bin wach, Mutter!«
   »Weck Taleen!«
   Er hüpfte aus dem Bett und ging zum Strohlager seiner kleinen Schwester. Taleen lag friedlich schlafend auf der Seite, die blonden Haare auf dem dünnen Kissen ausgebreitet, den rechten Daumen im Mund.
   Er zog ihr die Decke weg und schüttelte sie. »Aufstehen, Taleen!«
   Sie zeterte und rollte sich ein wie ein Igel.
   »Los, steh auf!« Er zerrte sie von ihrer Matratze. Sie landete mit einem dumpfen Schlag auf dem Bretterboden. »Aran! Lass mich in Ruhe!« Sie rappelte sich auf und trat nach ihm.
   Er wich ihr lachend aus und sprang über die Strohmatratze.
   Unbeholfen lief sie ihm über die dicke Unterlage hinterher und platzierte ein paar Fausthiebe am Arm und in der Magengegend, als sie ihn erreichte. Er krümmte sich und jammerte, obwohl ihre Kraft nicht ausreichte, um ihm ernsthaft Schmerz zu verursachen.
   »Hört auf herumzualbern und kommt herunter«, rief die Mutter.
   Sie kletterten über die Leiter hinunter in den Wohnraum der Bauernhütte.
   Ihre Mutter Tala stand an der Kochstelle und rührte in einem Kessel. Ihr hüftlanges schwarzes Haar glänzte feucht im Tageslicht. Durch die offenstehende Tür drangen das Zwitschern von Vögeln und das fröhliche Bellen eines Hundes. Aran spitzte die Ohren. Wolf, sein bester Freund und treuer Begleiter war in der Nähe.
   Die Mutter bemerkte Arans Aufregung. »Aran, setz dich! Später ist immer noch Zeit, dass du mit Wolf durch die Gegend streunst«, befahl sie streng. Sie nahm von einem Regal vier Schüsseln und füllte sie mit Haferbrei.
   »Esst, so lang es warm ist.« Sie gab auf die Portionen einen Klecks Butter.
   Aran stürzte sich sofort darauf. Beim Kauen merkte er, wie hungrig er war, und verschlang den Brei mit großem Appetit.
   Talas Mundwinkel zuckten amüsiert. »Schling nicht so, Junge!«
   Er nickte, weil sein Mund voll war. Sobald der Teller leer war, wollte er hinaus zu Wolf und die Gegend mit ihm erkunden.
   Tala ging zur offenen Tür und hielt Ausschau. Da sie keine besonderen Sympathien für Wolf hegte, würde sie wohl nach dem Vater sehen, der sich um diese Tageszeit stets in unmittelbarer Nähe aufhielt, sich um Reparaturen kümmerte oder Holz hackte.
   Aran sprang auf. »Darf ich hinausgehen?«, fragte er auf morvannisch.
   Tala blickte ihn stirnrunzelnd an. »Aber nicht lang, wir sind spät dran, es ist Zeit für eure Übungen.«
   Er stürmte grimassenziehend hinaus. Ein riesiger grauer Wolfshund kam freundlich kläffend angerannt. Aran umarmte das Tier, kraulte es und zupfte aus einer der weißen Fellsträhnen ein paar Kletten. Er hob sein Gesicht in das Sonnenlicht und betrachtete eine Weile die Schönwetterwolken, die wie dicke Kleckse am azurblauen Himmel zu kleben schienen. Aus dem Verschlag neben dem Haus drang das Grunzen eines Schweins. Die Hühner, die über den Hof flanierten, gackerten empört, als Wolf sie jagte. Aran lachte und rief ihn zurück. Im nahe gelegenen Wäldchen zwitscherten Vögel.
   Dicht an dicht standen die Baumstämme, ihre grünen Kronen miteinander verflochten wie die Finger der Eltern, wenn sie abends beieinandersaßen und sich unbeobachtet wähnten. Am Fuß der Bäume wucherten Beerensträucher, in den Tiefen des Gehölzes ließen sich Pilze und essbare Wurzeln finden.
   Aran sah zu den Hügeln, die die ersten Ausläufer der Blauen Berge bildeten. Sanftgrünes Gras am Fuße der Erhebung, das mit zunehmender Höhe dunkler und härter wurde. Passendes Futter für die Schafe, die sie hielten. Er wusste dort um jede Kuhle und jeden Vorsprung. Er liebte die Höhe, kletterte mit Vorliebe auf Bäume und kannte keine Angst. Nur wenige Vollmonde, dann war endlich Sommer und dann hatte der Vater versprochen, zusammen mit ihm in die Hochebenen des Gebirges vorzudringen. Es gab dort seltene, wirksame Heilkräuter, die in den Städten gutes Geld einbrachten. Aran würde lernen, die Pflanzen aufzuspüren und zu ernten, ohne der Natur Schaden zuzufügen.
   »Wollen wir hoch auf den Berg oder lieber in den Wald, Wolf?« Wolf wedelte mit dem Schwanz und kläffte.
   »Also auf den Berg.« Dort gab es mehr Versteckmöglichkeiten. Es war schlimm genug, den Winter eingesperrt in der Hütte mit Lesen, Schreiben oder Rechnen verbringen zu müssen. Aber er hasste es, bei schönstem Wetter herumzuhocken und sich mit langweiligem Bücherwissen abzuquälen. Auf keinen Fall käme er vor dem Mittagessen nach Hause zurück.
   Er rannte den schmalen Trampelpfad hoch zu der Weidefläche der Schafe. Tief sog er die Luft ein. Es roch nach Gras, Wildkräutern, Schaf und Sonne. Er warf sich auf einen Felsvorsprung, von dem er, ohne gesehen zu werden, einen guten Überblick über den Hof seiner Eltern hatte. Nach der Mittagszeit musste er Arbeiten auf dem Anwesen erledigen, und so hätte er den Unterricht vermieden. Die Bestrafung, die sein Ungehorsam nach sich zog, würde er überleben.
   Er rollte sich auf den Bauch und beobachtete eine Grille. Sie zirpte. Aran riss einen Grashalm ab und stupste sie an. Das Insekt flog davon. Er steckte den Halm in den Mund und kaute darauf herum.
   Es war ungerecht, der Nachbarsjunge musste seine Zeit nicht mit solchem Unsinn wie Schreiben, Lesen und Rechnen vergeuden. Dabei war er ein Weißer und sprach nur Goryydonisch, während Aran Goryydonisch und Morvannisch akzentfrei beherrschte.
   Außerdem hatte er nicht vor, in Goryydon zu bleiben. Er wollte ins Morvannental und dort bei Mutters Volk leben, wenigstens eine Zeit lang. Sie erzählte ihm und Taleen oft von ihrer Kindheit. Seitdem sich die ersten Anzeichen für die Gaben der Morvannen in Aran regten, wollte er all die Dinge des Tales selbst sehen. Als Mischling mit morvannischer Magie würde ihm Asleena, die Morvannenkönigin, das Betreten des Tales erlauben.
   Er legte sich auf den Rücken, genoss die Wärme des Felsens und ließ sich die Sonne auf den Bauch scheinen. Er seufzte.
   Das Leben war herrlich!
   »Was tust du da?«
   Er schnaubte und schlug die Augen auf.
   Taleen stand vor ihm und starrte auf ihn herunter. Ihre blauen Augen musterten ihn neugierig und nachdenklich zugleich.
   Wolf stürmte schwanzwedelnd heran und leckte ihre Hände, ehe er mit feuchter Zunge über ihr Gesicht fuhr. Sie lachte und Wolf reagierte mit einem freundlichen Bellen.
   »Dummes Kind!«, schimpfte Aran. »Warum verfolgst du mich?«
   Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust. »Wieso nicht? Du stellst irgendwas Verbotenes an.«
   Er. »Tu ich nicht!«
   »Tust du wohl und wenn du mich nicht mitmachen lässt, verpetze ich dich!«
   »Ach ja? Und wie willst du das tun? Bis du in der Hütte bist, bin ich schon meilenweit weg.«
   »Ich schreie und halte dich fest, wenn du davonlaufen willst.« Taleen holte tief Luft.
   Aran ahnte, dass sie sich bereit machte, ihre Drohung in die Tat umzusetzen. »Hör auf, ich nehm dich mit zu Lonis.« Er hatte nicht vorgehabt, dorthin zu gehen, aber er wusste, dass Taleen den großmäuligen Burschen verehrte.
   Sie entspannte sich, musterte ihn doch misstrauisch. »Du lügst mich auch nicht an?«
   »Nein.« Er seufzte und klopfte auf seinen Schenkel, damit Wolf zu ihm kam. Welch Blamage, dass der Hund an Taleens Seite verharrte.
   Er stapfte wütend voraus, den Abhang hinunter und überquerte zwei weitere Hügel, ohne darauf zu achten, ob seine Schwester und Wolf hinterherkamen. Wolf kläffte immer wieder, Taleen lachte und redete.
   »Wir sind da.« Er hielt inne und überblickte die Gegend.
   Sattgrüne Wiesen und ein Acker, auf dem grüne Halme hervorspitzten, erstreckten sich vor seinen Augen. Hinter dem Feld stand das Haus von Lonis’ Eltern. Das Muhen einer Kuh drang herüber und ein Hahn krähte.
   Taleen stolperte neben Aran, sah sich suchend um und stieß in seine Seite. »Wo steckt Lonis?«
   Ein harter Schlag zwischen Arans Schulterblätter brachte ihn zum Stöhnen. Hinter seinem Rücken wurde Gelächter laut. Er fuhr herum und verpasste Lonis einen Stoß gegen die Brust. Der ältere Junge taumelte, fing sich und beugte sich vor, um seine Hände auf die Oberschenkel zu stützen. Rosa Kopfhaut schimmerte durch das braune Stoppelhaar.
   Taleen starrte ihn aus großen Augen an. »Was ist mit deinem Haar passiert?«
   Lonis grinste verlegen und fuhr sich über den Kopf. »Krabbelkäfer, Mutter hat mir den Kopf geschoren.« Er machte eine auffordernde Bewegung. »Kommt mit, ich will euch was zeigen.« Er lief los. Hinüber Richtung Bach, der sich in der Senke hinter dem höchsten Hügel entlangschlängelte. Lonis führte sie zur Hügelspitze und duckte sich hinter einem Busch.
   Aran und Taleen taten es ihm gleich.
   »Seht ihr? Dort bei den Pappeln?« Lonis’ Stimme klang ehrfürchtig. Er deutete mit dem Zeigefinger morvannentalwärts.
   »Was sind das für Reiter?«, fragte Aran.
   Eine Gruppe schwarz gekleideter Krieger rastete am Bachufer. Sie waren nah genug, dass er erkannte, dass es sich bei den Uniformen um Rüstungen handeln musste. Zwei Ritter standen am Rand des Lagers offensichtlich Wache. Über dem Feuer in der Mitte brieten Kaninchen oder Vögel am Spieß. Wenige Schritte entfernt ruhten die Pferde der Krieger.
   Aran hatte nie zuvor von schwarzen Reitern gehört.
   Taleen klammerte sich an seinen Arm. Er fühlte Triumph, dass er es war, bei dem sie Schutz suchte.
   »Wer sind diese Leute? Ich habe Angst, Aran!«
   Er tätschelte ihre Hand, so wie er es bei seinem Vater gesehen hatte, wenn er Mutter beruhigte.
   »Sie reiten seit ein paar Wochen hier lang. Vor einiger Zeit haben sie etwas auf einem Karren transportiert«, sagte Lonis fasziniert.
   »Wohin?«
   Lonis zuckte mit den Schultern, ohne seinen Blick abzuwenden. »Ins Morvannental.«
   »Zu den Morvannen? Aber kein Weißer darf dort hin.«
   Lonis musterte Aran genervt. »Was weiß ich? Sie sind auf jeden Fall dort über die Berge geritten. Genauso wie die anderen vor ihnen und die, die nach ihnen kommen werden.« Er blickte wieder zu den Lagernden. »Ich bin mir sicher, dass sie noch lang nicht beendet haben, was sie vorhaben.«
   Taleen zerrte an Arans Arm. »Lass uns gehen! Ich habe Angst.«
   Er entzog ihr seinen Arm. »Taleen, benimm dich nicht wie ein Wickelkind!« Ohne zu wissen, warum, fühlte er sich gereizt. Er beugte sich vor und fixierte die Krieger. Sein Verstand schien aus seinem Körper zu fallen, sein Bewusstsein sauste mitten unter die Lagernden, als stummer, unsichtbarer Beobachter.
   Alles war in graues Licht getaucht. Die Ritter waren seelisch tot. Da war keine Freude, kein Mitgefühl in ihnen. Kälte, eisige Kälte erfüllte Aran. Eine Stimme aus der Erinnerung eines der Soldaten drang in Arans Kopf.
   Ich bin der Hass, ich bin die Einsamkeit, ich bin der, dem du gehörst mit Körper und Seele. Schwöre den Eid!
   Eine fremde, grausame Macht riss an seiner Seele, Schwärze und Bösartigkeit erfassten ihn. Er fühlte den hin- und herwogenden Kampf zwischen der Finsternis und der Liebe. Spürte, wie ihn seine Empfindungen beherrschen und zerstören wollten.
   Wie aus weiter Ferne hörte er jemanden seinen Namen rufen und an seinem Arm zerren. Er erinnerte sich, hinter einem Busch zu hocken, zusammengekauert neben Taleen, Wolf und Lonis, den Begeisterung über die bedrohlichen Ritter erfüllt hatte.
   Taleen und Wolf waren der Anker, der ihn zurückzog, sodass er wenig später blinzelte und Taleens Gesicht so dicht an seinem sah, dass ihre Nasen sich fast berührten.
   »Können wir bitte gehen? Die Männer dort unten machen mir Angst!«, bat sie mit bleichem Gesicht.
   Er ergriff ihre Hand, und es war ihm gleichgültig, was Lonis davon hielt. »Ja, wir gehen. Du hast recht, diese Reiter sind Furcht einflößend.«
   »Das ist nicht euer Ernst?«, widersprach Lonis. »Ihr könnt doch nicht gehen!«
   »Doch. Diese Reiter gehen uns nichts an.« In dem Moment, als Aran die Worte aussprach, wusste er, dass er die erste, bewusste Lüge seines Lebens ausgesprochen hatte.

Ein Augenblick der Geduld kann vor großem
Unheil bewahren,
ein Augenblick der Ungeduld ein ganzes Leben zerstören.
Chinesische Weisheit


Kapitel 2

Mutter deutete mit der Hand in die Hütte. Taleen schlich wie ein geprügelter Hund hinein, und auch Aran wollte sich an ihr vorbeidrücken.
   Ihre weiche Hand legte sich auf seine Schulter und zwang ihn, stehen zu bleiben.
   Er sah nur zögernd in das dunkle, ernste Gesicht und die schwarzen Augen der Mutter. Aran schluckte und versuchte, sich seine Gefühle nicht anmerken zu lassen. Schuldgefühle und Furcht wegen der Reiter wechselten sich ab, und dass die Mutter keine Anstalten machte, ihn auszuschimpfen, wie er es für seine Flucht vor dem verhassten Unterricht verdient hätte, machte die Sache keinen Deut besser.
   »Wo wart ihr? Ihr kommt zu spät.«
   Er zuckte mit den Schultern und räusperte sich. »Bei Lonis.«
   »Ihr seid so weit gelaufen?«
   »Taleen wollte zu Lonis.« Das Gefühl der Schuld verstärkte sich, ohne, dass er so recht wusste, weshalb.
   »Du verschweigst mir etwas.«
   Er schüttelte den Kopf, um gleich darauf zu nicken. Im Haus rumpelte es, anscheinend hatte Taleen etwas umgeworfen.
   Die Mutter achtete nicht darauf, beugte sich stattdessen über Aran. »Erzähl es mir.« Sie musterte ihn gütig.
   Aran fasste sich ein Herz. »Da waren Männer. Böse Männer. Lonis hat sie uns gezeigt.«
   Die Mutter drückte ihn an sich und er versenkte sein Gesicht an ihrer Brust. Sie roch nach Holzfeuer und Bergwiesenblumen. Einen Moment lang hatte er das Bedürfnis, diesen Duft einzusaugen und in seiner Erinnerung zu konservieren.
   »Und sie haben dir so große Angst eingejagt?«, fragte sie mitfühlend, und Aran nickte nur, weil er Angst hatte, doch noch zu weinen.
   Dieses Gefühl, das diese Krieger in ihm ausgelöst hatten, wollte er niemals wieder spüren.
   Die Mutter umarmte ihn fest, zog ihn enger an sich und vergrub ihr Gesicht in seinem Haarschopf. »Sie können dir nichts mehr tun. Ich bin da und werde dich immer beschützen, solange du lebst!«
   Magie schwang in ihren Worten. Ein Zauber älter als die Welt, mächtiger als jeder Bann, jeder Fluch und doch war es nichts, was Zauberkräfte verlangte.
   Er verstand nicht, was seine Mutter da tat, doch er ahnte, dass sie etwas beschwor, das er nicht erfassen konnte.
   Sie hielt ihn eine Weile fest. Als sie zu spüren schien, dass er sich wieder beruhigt hatte, schob sie ihn langsam von sich. Sie betrachtete ihn eine Weile aufmerksam. »Geht es dir besser?«
   Aran nickte, getröstet von ihrem Verständnis und ihrer Wärme. Sie lächelte ihn an, Grübchen erschienen auf ihren Wangen. »Dann gibt es keine Ausrede mehr, nicht zu lernen.«
   Aran seufzte und folgte ihr in die Hütte, wo Taleen am Tisch saß und sich auf eine Rechenaufgabe konzentrierte. Ihre Beine baumelten in der Luft, weil sie nicht bis auf den Boden reichten. Einer ihrer Zöpfe hatte sich gelöst und ihre Zungenspitze lugte aus dem Mundwinkel hervor.
   Die Flammen des Herdfeuers tanzten lodernd und verströmten Hitze, die durch das offene Fenster und die Tür nur unzureichend entwich.
   »Packt eure Sachen! Wir setzen uns auf die Wiese. Sonne und frische Luft machen das Lernen bestimmt erträglicher«, entschied die Mutter spontan und schob die Ärmel ihres Kleides hoch.
   Aran und Taleen jubelten, während sie Buch und Papier nach draußen trugen.
   Hinter dem Haus lag eine Wiese mit weißen und gelben Blumen. Der süße Duft von Heu hing in der Luft und mischte sich mit dem intensiven Aroma der sonnengelben Blume, deren Blütenblätter Taleen zerrieb, um dann auf ihren Hals zu streichen, damit ihre Haut den Geruch annahm.
   Wolf kam kläffend angerannt. Ehe er sich niederließ, umrundete er ihn, seine Schwester und seine Mutter, als wären sie eine Herde, die es zusammenzuhalten und zu beschützen galt.
   Seine Mutter warf dem riesigen Hund einen finsteren Blick zu. »Wenn der Hund euch stört, muss er gehen. Aran, schlag das Buch auf und lies vor.«

»Ihr habt gut gearbeitet«, lobte die Mutter sie später.
   »Erzähl uns eine Geschichte«, verlangte Taleen.
   Die Mutter sah zu Aran, und als er nickte, gab sie nach. Lächelnd setzte sie sich zu ihnen auf den Boden.
   »Eine Geschichte?« Sie überlegte eine Weile. »Lang vor der Zeit unserer Altvorderen sahen die Menschen anders aus. Es gab keine Frauen und keine Männer, und alle hatten vier Arme und vier Beine. Sie lebten glücklich und zufrieden und fühlten sich eins miteinander. Doch im Lauf der Sommer schlich sich Missmut bei ihnen ein. Sie begannen, sich den Schicksalsmächten, ihren Göttern ebenbürtig zu fühlen. Einige von ihnen begehrten sogar gegen die Schicksalsmächte auf. Diese Wesen waren gierig und undankbar. Sie versagten den Mächten die ihnen gebührende Ehrerbietung.
   Die Schicksalsmächte waren geduldig, doch eines Tages beschlossen sie, die Menschen zu strafen und schickten Blitz und Donner. Nie zuvor hatte ein solches Unwetter über der Welt getobt. Der Donner dröhnte unheilvoll am Himmel und Blitze schlugen auf die Erde nieder. Jeder einzelne Blitz traf eines der Wesen und teilte es in der Mitte.
   Die gespaltenen Kreaturen rannten entsetzt durcheinander. Viele liefen davon und versteckten sich, erfüllt von Schmerz und Scham.
   Als sich ihre Aufregung legte, mussten sie feststellen, dass die Schicksalsmächte viel grausamer gewesen waren, als es anfangs erschienen war. Mit ihren Körpern hatten die Götter auch die Seelen in zwei Hälften geteilt. Seitdem beherrscht die Menschen die Sehnsucht nach dem Paradies, das sie einst kannten. Viele von ihnen verbringen ihr Leben mit der Suche nach ihrem Seelengefährten. Nur manchmal passiert es, dass zwei Personen in einem anderen die fehlende Hälfte ihres Selbst finden. Doch die Morvannen behaupten, dies sei noch nie geschehen.«
   Während der Erzählung hatte sich Arans Aufregung zunehmend gesteigert. Ihm schien, als hörte er nicht nur eine Geschichte, sondern den Bericht einer wahren Begebenheit. Sein Körper kribbelte vor Nervosität und seine Zunge ließ sich kaum bezähmen, die Worte zu formen, die aus ihm heraussprudeln wollten. Wie ein Gewicht lag die Anspannung auf seiner Brust und erschwerte ihm das Atmen. Durch seine Gedanken, eine Erinnerung, die er nicht haben konnte, schwebte die schlanke Gestalt einer silberblonden Schönheit, die sich in seinen Arm schmiegte. In den Arm eines erwachsenen Mannes. Aber er erlebte doch gerade erst seinen zehnten Sommer. Überdeutlich fühlte er die Bartstoppeln auf seiner Haut, die Muskeln, die sich unter seiner Haut wölbten. Die Verwirrung pulsierte in seinem Geist. Er schluckte schwer. Einen Moment lang erdrückte ihn das Gefühl, im falschen Körper zu stecken.
   »Mutter?«, flüsterte er.
   Tala musterte Taleen und wandte sich nun ihm zu. »Was ist los?«
   Er brachte die Frage kaum vernünftig über die Lippen. »Woran erkennt man, dass man seiner Seelengefährtin begegnet ist?« Das Herz schlug ihm bis zum Halse. Die Empfindung, im Körper eines erwachsenen Mannes zu stecken schwand langsam.
   Taleen interessierte die Geschichte nicht weiter. Sie warf einen Stock, den Wolf schwanzwedelnd zurückbrachte. Die beiden flitzten über die Wiese. Taleen lachte, und Wolf bellte.
   Die Mutter hatte die beiden kurz beobachtet und wandte sich wieder Arans Frage zu. »Man weiß es einfach.«
   Arans Enttäuschung ließ die Anspannung verpuffen. Er stieß Luft aus. Die Mutter strich ihm sanft über den Kopf.
   »Die Morvannen sagen, Seelengefährten erkennen sich am silbernen Band, das unsichtbar für alle anderen, ihre Seelen miteinander verbindet.«
   Er kannte dieses Band aus seinen Träumen. Die Frau und ihn hatte es verbunden. Dann war sie also seine Seelenpartnerin? Die für ihn bestimmte Gefährtin? Er konnte es kaum erwarten, sie kennenzulernen.

Die Sonne stand hoch am Himmel und wurde von den schneebedeckten Gipfeln der Blauen Berge reflektiert. In der Ferne flogen Raben Richtung Elfenwälder. Ein Kuckuck schrie. Die Luft roch nach Gras und Blumen.
   Die Mutter schleppte Weidenruten vor das Haus, Taleen trug ihr Flechtfäden hinterher. Sie setzten sich in die untergehende Sonne und seine Mutter legte sechs Ruten im rechten Winkel ineinandergreifend zu einem Netz. Taleen reichte ihr einen Flechtfaden. Die Mutter verwob die Ruten, bis sie schließlich einen Rand flechten konnte.
   Vater kam aus der kleinen Scheune, in der Hand hielt er ein Schnitzmesser.
   Aran nahm einen Stecken und warf ihn davon, Wolf hetzte in langen Sätzen hinterher.
   »He ho«, rief eine heisere Stimme. Dann folgten einige unflätige Ausdrücke, als der Karren den darauf sitzenden Mann durchschüttelte.
   »Scoros!« Taleen kreischte begeistert und rannte los.
   Aran war schneller. Er hüpfte auf den Kutschbock und fiel dem fahrenden Händler um den Hals. »Du bist wieder da«, rief er glücklich.
   Scoros lachte und hielt den Karren an.
   Taleen kletterte herauf und umarmte Scoros ebenfalls stürmisch.
   »Kinder, lasst den armen Scoros doch in Ruhe!« Der Vater pflückte sie nacheinander vom Freund und stellte sie auf den Boden.
   Scoros sprang vom Kutschbock und begrüßte den Vater mit einer kurzen, herzlichen Umarmung.
   »Tala.« Scoros schenkte der näherkommenden Mutter seine Aufmerksamkeit. Er zog sie an sich. »Meine Güte, Tala, du wirst von Mal zu Mal schöner. Das Leben an der Seite dieses Brummbären scheint dir zu bekommen.«
   »Wie schön, dass du wieder da bist. Du bist diesmal früher hier als sonst.«
   »Ich hatte Sehnsucht nach meiner Ersatzfamilie.«
   Der Vater klopfte ihm auf die Schulter. »Wenn du nicht bald meine Frau loslässt, werde ich eifersüchtig.«
   Sie lösten sich voneinander und lachten. Seine Mutter schmiegte sich an den Vater.
   Taleen zupfte an Scoros’ Ärmel. »Wir haben Küken und Lämmer, willst du mal gucken?« Ihre dunkelblauen Augen glänzten erwartungsvoll.
   »Er ist erst angekommen, lasst ihn ein bisschen verschnaufen!«, sagte die Mutter.
   Aran wandte sich Scoros’ Pferdekarren zu und stieg auf die Ladefläche, um die Waren zu beäugen. Sein Blick verschwamm. Er sah sich auf der Schafweide stehen. Das Gras roch würzig und die Halme kitzelten an seinen nackten Füßen. Die Sonne blendete ihn, dennoch erkannte er deutlich, wie sich der Schafbock mit dem schwarzen Gesicht, das hinterhältige Biest, durch ein Loch im Zaun zwängte. Er blökte und lief den Berg hinauf, weitere Schafe folgten ihm. Die Vision brach ab.
   Aran fühlte sich atemlos, als wäre er den Berg hinauf und wieder hinunter gerannt.
   Er richtete sich auf. »Vater, die Schafe laufen davon.«
   Sein Vater stutzte, musterte die Mutter, und als sie nickte, lief er zur Weide.
   Scoros blickte ihm fragend hinterher. »Ist der Zaun kaputt?«
   Aran hüpfte auf den Boden und gesellte sich zu seiner Mutter, Taleen und Scoros. »Nur ein kleines Loch«, erklärte er altklug. Ihm wurde unter dem stolzen Blick seiner Mutter ganz warm.
   Scoros zwinkerte ihm zu. »Die morvannische Gabe?«
   »Ja, es scheint so.« Mutters Stimme bewies, wie glücklich es sie machte, dass Arans morvannisches Blut so stark in ihm brannte.

*

Die Familie und Scoros saßen beim Abendessen. Tala hatte für alle Kräutersuppe gekocht, frisches Brot und Butter auf den Tisch gestellt und einen Krug ihres selbst gekelterten Weines geöffnet.
   Scoros’ Blick glitt über die Familie. Taleen wirkte wie das Abbild ihres Vaters. Blond und stämmig, ein kindlicher Sonnenschein. In Anbetracht der Ereignisse, die sich im restlichen Königreich abzeichneten, erwies sich ihre hellhäutige, blauäugige Erscheinung als Glücksfall. Aran dagegen war das genaue Gegenteil von ihr. Nicht nur die morvannische Gabe zeichnete ihn, auch sein Aussehen verriet den Morvannen. Seine Haut war heller als die Talas, aber deutlich zu dunkel für einen Goryydoner, seine Augen waren dunkelbraun und seine Haare schwarz wie die Schwingen eines Kolkraben. Er hatte seinen Babyspeck noch nicht ganz verloren, doch er war den Winter über gewachsen. Der Junge blickte auf und seine dunklen Augen blitzten fröhlich. Er war so jung und ahnungslos. Scoros’ Herz zog sich zusammen. Sie alle waren ahnungslos. Er hoffte, er konnte sie überreden, ins Morvannental zu ziehen.
   Aran hatte die Stirn gerunzelt und Scoros riss sich zusammen. Es fehlte noch, dass er dem Jungen Angst einjagte. Er hoffte, Aran beherrschte nicht das Gedankenlesen. Er lächelte ihm zu und wandte sich Nadroj und Tala zu.
   »Hattet ihr in jüngster Zeit Besuch von außerhalb?«, erkundigte er sich wie beiläufig und spielte mit dem Brotmesser, als gäbe es nichts Interessanteres.
   Nadroj sah kurz von seinem Teller auf. »Nein, seit vergangenem Herbst nicht mehr.«
   »Lonis war ein paar Mal da«, korrigierte Aran seinen Vater.
   »Stimmt. Lonis Eltern hatten auch keinen Kontakt zu anderen Menschen.«
   »Lonis beobachtet seit einer Weile schwarz gekleidete Krieger, die am Rand der Hügel in das Morvannental vordringen«, warf Aran ein.
   Scoros konnte nicht verhindern, dass er erschrocken zusammenzuckte. »Schwarze Krieger, auf dem Weg ins Morvannental? Seit wann genau?«, erkundigte er sich alarmiert.
   Aran musterte ihn mit weit aufgerissenen Augen.
   Der Junge hatte Angst. Er war eindeutig zu reif für sein Alter. Aber es half nichts, er musste wegen der Todesreiter nachfragen. Es gab Leute, die davon wissen sollten.
   »Ein paar Wochen, sagt Lonis. Diese Männer sind gefährlich, oder?«, fragte Aran.
   Scoros konnte ein besorgtes Seufzen nicht unterdrücken. Tala starrte ihn beunruhigt an. Sie griff über den Tisch nach seiner Hand. »Ist alles in Ordnung?«
   »Ja, ja«, versicherte er schnell, ahnend, dass weder Tala noch Nadroj sich in die Irre führen ließen. Er machte eine verstohlene Geste zu den Kindern, stopfte sich einen Bissen Brot in den Mund und zwinkerte Aran zu, der ihn forschend betrachtete. »Geht den Soldaten aus dem Weg, das genügt schon«, behauptete er munter.
   Tala sammelte mit einem unruhigen Blick das Geschirr ein und ging hinaus an den Brunnen.
   Er löste den Beutel von seinem Gürtel und reichte ihn Taleen. Zeit, die Kinder mit seinen Mitbringseln zu beruhigen und abzulenken. »Hier, Zuckerwerk, habe ich dir aus Yranocir mitgebracht.«
   »Yranocir? Was hat dich in die Stadt so weit im Norden verschlagen?«, wollte Nadroj wissen.
   Er riss sich von Taleen los, die sich begeistert Naschwerk in den Mund schob, ehe sie Aran davon anbot.
   »Ein lohnender Auftrag«, er zwinkerte Aran zu, »und ein weiteres Geschenk!« Er reichte Aran einen Kurzdolch mit schwarzem Griff.
   »Danke!« Enthusiastisch nahm der Junge die Waffe an sich und begutachtete sie ehrfürchtig von allen Seiten.
   »Goryydonischer Feuerstahl? Von wem hast du den ergaunert, alter Freund?«, staunte Nadroj.
   Scoros lehnte sich schmunzelnd zurück. »Ein kleiner Obolus für eine erwiesene Gefälligkeit«, erklärte er. Seine morvannischen Freunde waren großzügig und diesmal hatte er ihnen aus einer bedrohlichen Zwangslage geholfen.
   »Was ist goryydonischer Feuerstahl?«, fragte Aran.
   »Ein ungewöhnlich harter Stahl, sehr selten. Gib gut darauf acht!«
   »Steck ihn weg, bevor deine Mutter ihn sieht!«, riet Nadroj.
   Aran ließ den Dolch in seinem Hosenbund verschwinden und zog das Hemd darüber. Gerade im richtigen Moment, denn Tala kehrte zurück. Sie stellte das Geschirr in das Regal und wandte sich an die Kinder.
   »Für euch beide ist es Zeit, ins Bett zu gehen.«
   Sie protestierten, doch schließlich trotteten sie hinauf in die Dachkammer.
   Tala folgte ihnen. Bald erklang ihre sanfte Stimme. Sie erzählte den Kindern etwas.
   Am liebsten hätte Scoros sich zurückgelehnt und ihrer Geschichte gelauscht.
   Nadroj stopfte seine Pfeife. »Erzähle, was ist draußen in Goryydon los?« Er entzündete das Pfeifenkraut. »Ich habe dich beobachtet. Etwas beunruhigt dich gewaltig.«
   »Es braut sich etwas zusammen und garantiert nichts Gutes!« Eigentlich waren die unheilvollen Vorgänge bereits in vollem Gange. Warum beschönigte er es? Wem wollte er etwas vormachen?
   Sein Freund stieß Rauch aus. »Spann mich nicht auf die Folter. Was ist passiert?« Seine Miene verriet Anspannung.
   »Wir warten auf Tala, es betrifft euch beide.« Er musterte seinen Freund nachdenklich. Vom kühnen Jüngling war nichts mehr übrig. Nadroj war sesshaft geworden. Bauer, Vater und Gemahl. Kaum vorstellbar, dass er und Scoros einst Goryydon auf der Suche nach Gefahr und Abenteuer bereisten. Wie hätten sie ahnen können, dass ihr Hunger auf Gefahr und Abenteuer erst sehr viel später Erfüllung finden würde? Der Freund sog an der Pfeife, doch es war ihm anzusehen, dass er nicht den rechten Geschmack daran fand.
   Sie schwiegen, bis Tala herunterkam.
   »Schlafen Aran und Taleen?«, erkundigte sich Scoros. Er wollte nicht, dass die beiden etwas von den Neuigkeiten mitbekamen.
   Tala setzte sich an den Tisch. »Ja, sie waren müde. Es war ein langer Tag für die beiden.« Tala schmunzelte, doch die Geste konnte nicht über ihre offensichtliche Unruhe hinwegtäuschen.
   Furcht lag über der Hütte wie eine düstere Wolke. Scoros’ Herz tat weh.
   »Setz dich, ich muss euch beiden etwas Wichtiges mitteilen.«
   Sie ließ sich auf den Stuhl neben Nadroj sinken und warf ihm einen kurzen Blick zu. »Was ist los?«
   Scoros griff nach seinem Krug und nahm einen kräftigen Schluck. Es gefiel ihm nicht, dass er vermutlich nicht die richtigen Worte finden würde, um seine Freunde von der Gefahr zu überzeugen, in der sie sich befanden.
   Er senkte den Krug und drehte ihn hin und her.
   »Ihr seid in Gefahr«, sagte er unverblümt, »im vergangenen Herbst überfiel eine feindliche Armee Goryydon. Ihrem Anführer Kloob eilte der Ruf großer Grausamkeit voraus. Im Winter kam es dann zu einer Schlacht mit seinen Leuten und dem Heer des Königs«, er trank erneut, »sie schlugen die königlichen Streitkräfte. Unser König wurde getötet.«
   Nadroj nahm seine Pfeife aus dem Mund. »Also haben wir einen neuen Herrscher?«
   Scoros schluckte. »Er heißt Kloob, ein Schwarzmagier von den Morgon-Inseln, wie man sich erzählt.«
   »Was wurde aus der Familie des Königs?«, wollte Tala wissen.
   »Sie sind verschwunden«, er raufte sich das Haar, »man erzählt sich, die Königin und ihre Tochter konnten zusammen mit einigen ihrer engsten Vertrauten mithilfe der morvannischen Dienerschaft fliehen. Kloob soll außer sich vor Wut gewesen sein. Er hat alle Morvannen und ihre Kinder, derer er habhaft werden konnte, auf das Grausamste hinrichten lassen.«
   Nadroj war blass geworden. »Eine der aufgebauschten Geschichten, die schnell die Runde machen«, wiegelte er ab.
   Scoros schüttelte den Kopf. »Nein, ich bin an ihren verstümmelten Leichen vorbeigekommen.« Er gab ein würgendes Geräusch von sich, als die Erinnerung seinen Mageninhalt zum Brodeln brachte. Man hatte die Köpfe, und sofern noch Leiber daran hingen, auf Pfähle gespießt und den Weg zwischen der Burg und Jorum damit gesäumt. Der Gestank war unbeschreiblich und die Todesreiter zwangen Reisende nach Jorum, dort vorbeizuziehen. »In meinem Leben werde ich diesen Anblick und den pestartigen Geruch nicht mehr vergessen.«
   »Du erzählst uns das doch aus einem bestimmten Grund?« Tala wirkte äußerlich ruhig, doch in ihrem Blick flackerte die Angst.
   »Ihr seid in Gefahr. Es heißt, Kloob habe den Tod aller Morvannen und ihrer Abkömmlinge angeordnet. Er sendet unzählige seiner Krieger, die Todesreiter aus, um aller Morvannen des Reiches habhaft zu werden und sie hinzurichten.« Scoros schaute Nadroj und Tala ernst an. Er wollte, sie hätten gesehen, was er gesehen hatte. Dass sie verstanden, dass er nicht übertrieb und sie alle in Lebensgefahr waren. Die Todesreiter kannten keine Gnade, kein Mitleid. Kloob, ihr Meister, war der schlimmste von allen.
   Tala hatte Nadrojs Arm umklammert. Sie war blass. Sogar den Lippen fehlte die natürliche Farbe.
   »Packt eure Sachen und flieht ins Morvannental! Dort seid ihr in Sicherheit«, bat Scoros. Er trug Kenntnis von der Morvannenkönigin und ihrer Regel, keine Ausgestoßenen oder Weißen im Tal zu dulden. Doch in Anbetracht der Umstände bewies sie sicher ein Herz, und wenn nicht sie, dann andere Königreiche.
   Das Paar sah sich an. Scoros spürte, wie sie über seine Worte nachdachten.
   »Wir wohnen sehr weit draußen«, sagte Nadroj bedächtig.
   Tala nickte. »Sie kommen nicht hierher.«
   Scoros runzelte die Stirn. »Du besitzt keine Magie. Woher willst du das wissen?«
   »Wir haben hier so schöne Zeiten verbracht.« Tala schloss einen Moment die Augen. Als sie die Lider aufschlug, sah er die ungeweinten Tränen. »Wir können nicht weg. Dieses Land hier ist unser Zuhause.«
   Scoros stürzte den Inhalt seines Krugs hinunter. »Ich habe befürchtet, dass ihr das sagt.« Er schwieg einen Moment, fühlte, wie Zorn und Unverständnis in ihm aufflammten. Wie die Wut ihm in den Schädel stieg und ihn aufblähen wollte, gäbe er ihr keine Gelegenheit, hervorzubrechen. Er schlug den Humpen auf die Tischplatte, so hart, dass das Gefäß sprang. Er beachtete es nicht. »Seid ihr des Wahnsinns!«
   Tala hob die Hand. »Nicht, die Kinder!«
   Er senkte seine Stimme. »Ihr könnt das nicht ernst meinen! Ihr müsst gehen! Hört ihr? Sie hassen euch! Sie hassen alle, die nicht so sind wie sie, aber niemand verachten sie mehr, als Morvannen und ihre Abkömmlinge.«
   »Scoros«, Talas Stimme flehte ihn an, ihre Augen blinzelten die Tränen fort. Sie hatte Angst und sie schien nicht sicher, was zu tun war.
   »Tala, sie haben in Jorum eine Morvannin aufgeschlitzt. Sie stand kurz vor der Niederkunft. Sie haben ihr den Säugling entrissen und wie einer jungen Katze das Genick gebrochen. Und dann standen sie da und lachten.«
   Tala verbarg ihr Gesicht in den Händen. Es schmerzte ihn, sie so zu ängstigen, aber er wusste sich nicht anders zu helfen. Er musste sie dazu bringen, Goryydon zu verlassen.
   Sie waren doch alles, was er hatte. Die einzige Familie, die ihm noch geblieben war. »Eure Kinder sind für Kloob und die Seinen nichts weiter als räudige Straßenköter«, wandte er sich an Nadroj, »Abschaum, der vernichtet wird. Nadroj, sie werden euch töten. Euch alle.«
   Der Freund wandte seinen Blick ab. »Wir können doch nicht einfach gehen? Alles zurücklassen? Unser ganzes Leben …«
   Scoros hämmerte mit der Faust auf den Tisch.
   Tala zuckte zusammen.
   »Ihr werdet kein Leben mehr haben, wenn sie herkommen! Und glaubt mir, sie werden kommen. Sie finden euch. Kloob ist ein mächtiger Zauberer.«

*

Aran schreckte hoch, als die Erwachsenen im Wohnraum laut wurden und er sie belauschen konnte.
   Irgendwann sprang einer der Männer auf, Aran vermutete, dass es Scoros war, und verließ das Haus. Mutter blieb leise schluchzend zurück.
   Er lag erstarrt im Bett. Nicht einmal wenn Lebensgefahr gedroht hätte, wäre er fähig gewesen, sich zu regen. Er hatte unrecht gehabt. Es war kein Segen, in zwei Welten zu gehören. Die Wahrheit war, dass er in keine der beiden gehörte. Er war nichts. Für die Morvannen war er keiner von ihnen, für die Weißen war er nichts weiter als ein Morvanne. Er verkniff sich die Tränen, die in ihm aufsteigen wollten. Wenn ihn die Weißen töten würden, erginge es ihm bei den Morvannen sicher ebenso.
   Mit geballten Fäusten lag er im Bett. Seine Eltern machten es sich leicht. Sein Vater war weiß und seine Mutter trotz allem eine Morvannin. Sie wussten, wohin sie gehörten und falls sie sich unsicher gewesen waren, hatten sie den leichtesten Weg gewählt und sich ein Leben außerhalb der menschlichen Gemeinschaft ausgesucht. Tief in seinem Herzen wusste er, dass sie alle in Gefahr schwebten.
   Er hatte Angst. Sie ergriff ihn, hüllte ihn ein, wie ein Mantel aus Eis. Zum ersten Mal in seinem jungen, bisher so behüteten Leben erfuhr er, was es hieß, Todesangst zu haben.

Alles geben die Götter, die unendlichen
ihren Lieblingen ganz
alle Freuden, die unendlichen
alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.
Johann Wolfgang von Goethe


Kapitel 3

Scoros lud den letzten Sack auf die Ladefläche.
   Aran stand daneben und sah zu. Er hätte Scoros gern anvertraut, dass er das Gespräch zwischen ihm und den Eltern belauscht hatte.
   »Guck nicht so traurig, ich komme im Sommer wieder.« Er zwinkerte ihm aufmunternd zu.
   Aran trat von einem Bein auf das andere, dann wurde ihm klar, was Scoros eben gesagt hatte. »Im Sommer? Du kommst nie vor der Erntezeit!«
   Scoros wuschelte ihm durch das Haar und lachte, doch es klang falsch. »Diesmal schon. Ich helfe euch bei der Ernte und dann erwartet dich Großartiges! Du wirst sehen. Diesen Herbst erlebst du das Abenteuer deines Lebens.«
   Er umarmte den Mann. »Ich hoffe, du hast recht.«
   Scoros beugte sich hinunter und fixierte Aran. »Was ist los?«
   Aran bemühte sich um eine gelassene Miene. »Nichts, wirklich!«
   Der Mann musterte ihn noch eine Weile aufmerksam, dann erhob er sich seufzend. »Ich komme so schnell wie möglich zu euch zurück!«
   Arans Gedanken schweiften ab, während sich seine Familie von Scoros verabschiedete. Eine Kälte breitete sich von seinem Bauch über jeden Zoll seines Körpers aus. Er hatte Angst vor den Dingen, die die Zukunft bereithielt. Auch ohne eine magische Begabung wusste er, dass sich die Zeiten ändern würden.

*

Scoros fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, seine Freunde auf dieser Seite der Berge zurückzulassen. Gerade Nadrojs Sorglosigkeit frustrierte ihn. Es war ja nicht so, dass Nadroj sein bisheriges Leben nur als Bauer verbracht hatte. Früher hatte er Gefahren erkannt, noch ehe Scoros überhaupt an so etwas dachte.
   Er erinnerte sich wehmütig an die Abenteuer, die sie gemeinsam in ihrer Jugendzeit erlebt hatten.
   Ein letztes Mal winkte er der Familie zu. Als er sich abwandte und auf den Weg vor sich sah, hatte er das Gefühl, ihnen tatsächlich für immer Lebewohl gesagt zu haben.

*

Aran molk mechanisch das Schaf und gab der Mutter den Eimer. Er sah ihren auffordernden Blick, der aber nicht ihm galt. Der Vater legte die Hand auf seine Schulter. »Komm mit, mein Junge!« Er hatte die Mistgabel weggelegt und schob ihn hinaus auf den Hof. Aran überlegte rasch, was er angestellt haben mochte, dass der Vater ihn beiseite nahm. Doch so angestrengt er auch nachdachte, ihm fiel kein Vergehen ein, für das eine Bestrafung nötig gewesen wäre. Sein Instinkt verriet ihm, dass der Vater nicht nur seine Hilfe wegen der aufgestellten Fallen im Wald benötigte.
   Schweigend liefen sie zu dem Waldstück. Sein Hals schnürte sich zu und sein Herz pochte ängstlich, während sie in das Unterholz vordrangen. Im Schatten der Bäume war es kühl. Das Blätterdach war dicht und ließ nur vereinzelt Sonnenstrahlen durch das Grün eindringen. Ein schwarzes Eichhörnchen mit einer weißen Schwanzspitze rannte einen Baumstamm hinauf und verschwand in der raschelnden Wipfelkrone.
   Er ging in die Hocke, zog die Schuhe aus, band sie an den Schnürsenkeln aneinander und hängte sie sich um die Schultern. Der Waldboden federte unter seinen Füßen. Er genoss das Gefühl des weichen Mooses, das Kratzen des Reisigs und das Kitzeln des Farns. Er wackelte mit den Zehen.
   »Aran, was ist mit dir los?«, fragte der Vater besorgt.
   Aran starrte seinen Vater verwirrt an.
   »Dir bereitet irgendetwas Kummer. Deiner Mutter … uns fällt so etwas auf«, verbesserte er sich rasch.
   Aran sah auf seine Füße. Am großen Zeh klebte ein Erdklumpen. Einen Schritt vor ihm lag ein Tannenzapfen, den er gern fortgekickt hätte. »Es ist alles in Ordnung, Vater.« Ob Mutter wirklich bemerkt hatte, dass er Angst hatte und gleichzeitig wütend war?
   Der Vater legte einen Arm um ihn. »Was macht dir denn zu schaffen? Willst du dich mir nicht anvertrauen?«
   Er zögerte und kaute auf der Unterlippe herum.
   Sein Vater wartete geduldig. Er schien ehrlich interessiert, wollte sich aber offensichtlich nicht aufdrängen. Er bückte sich nach einem ausgelegten Tellereisen, hob das Gestrüpp und sah Aran an, ehe sie zur nächsten Falle weitergingen.
   »Ich habe euer Gespräch mit Scoros belauscht.«
   »Bei den Mächten.« Sein Vater stöhnte, sah ihn bedauernd an und kratzte sich den Kopf. »Du hast alles gehört?«
   »Ja. Diese Soldaten töten uns.« Der Knoten in seinem Magen verhärtete sich. »Ist es wahr? Werden sie uns umbringen?«
   Sein Vater beugte sich mit betroffener Miene zu ihm herunter, drückte ihn an sich und sah ihm fest in die Augen. »Das wird nicht geschehen. Glaubst du, ich würde zulassen, dass euch etwas geschieht? Wir wohnen so weit abseits, dass die Soldaten niemals zu uns kommen werden und … Mach dir keine Sorgen, Aran, Scoros und ich haben Pläne geschmiedet. Alles wird gut.«
   Aran sah auf den Boden. »Was ist mit Taleen und mir? Wo können wir hingehen? Wir sind keine Weißen und wir sind auch keine Morvannen.«
   »Ihr könnt hin, wohin immer ihr wollt. Keiner hat das Recht, euch zu sagen, wo ihr leben dürft.« Der Vater klopfte ihm auf die Schultern. Er spürte dessen Zweifel und Unsicherheit und nickte. Einzig aus dem Grund, ihn zu beruhigen. »Gehen wir wieder nach Hause?«
   »Ja, nachdem wir die beiden anderen Fallen überprüft haben.«

Vater grub zufrieden den Strauch ein. Er stand auf, wischte sich über die Stirn und griff den Krug, den ihm Aran reichte. »Haben wir das nicht gut gemacht? Unser Haus ist kaum auszumachen«, sagte er und leerte den Krug in einem Zug.
   Sie hatten die vergangenen Abende damit verbracht, die Vorderseite des Hauses mit Sträuchern zu umgeben. Der Vater behauptete, so sähen die Todesreiter nicht sofort, dass dort ein Haus stand, und zögen vorbei, falls es sie in diese Gegend verschlug.
   »Darf ich jetzt im Wald spielen?«
   Der Vater klopfte ihm auf die Schulter. »Nur zu, geh! Du warst heute wirklich fleißig.«
   Aran rannte geradewegs in den Wald, ohne sich die Zeit zu nehmen, seine Schuhe auszuziehen, etwas, das er sonst immer tat.
   Er hielt an der tiefsten Stelle an, wo er unter einem Strauch begonnen hatte, ein Loch zu graben, das groß genug war, um sich mit Taleen darin zu verstecken. Es war unglaublich anstrengend gewesen, die Wände abzustützen, aber er hatte es allein geschafft und war stolz darauf. Er hatte sogar einen Deckel aus Ästen und einer Decke gebastelt.
   »Hier werden wir im Ernstfall sicher sein«, murmelte er.
   Eigentlich glaubte er nicht daran, nichts und niemand würde sie vor den Todesreitern schützen. Früher oder später würden sie seine Familie und ihn erwischen.

Aran kam aus dem Stall, rieb sich über das Gesicht, brachte den vollen Milcheimer zur Mutter ins Haus und Essensreste zum Verschlag, um das Schwein zu füttern.
   »Aran?«, Taleen hüpfte zu ihm, schlenkerte mit einem Weidenkörbchen und strahlte ihn an. Ihr kleines Gesicht leuchtete, als hätte sie die Sonne eingefangen. Einen Moment war er neidisch auf seine kleine Schwester. Sie wusste weder von der Gefahr noch gab es für sie diese Bedrohung. Blond und blauäugig, wie eine Goryydonerin. Das Leben war nicht fair.
   Er schüttelte das Gefühl ab. Er liebte Taleen. Sie war auf ihre Art seine beste Freundin. »Was willst du denn?« Er gab sich mürrisch.
   »Ich soll Beeren pflücken gehen. Kommst du mit?« Sie sah ihn vertrauensvoll an.
   »Ich könnte für Vater die Fallen überprüfen.« Und er könnte bei seiner Erdhöhle nach dem Rechten sehen.
   Sie gingen zum Vater, der Holz hackte.
   »Wenn du mich hier nicht brauchst, begleite ich Taleen in den Wald und sehe in den Tierfallen nach dem Rechten?«
   »Geht nur. Komm aber bald zurück, Aran. Du musst mit mir zu den Schafen hinaufgehen. Ich habe heute Morgen gesehen, dass der Schafbock wieder ausbrechen wollte. Das Vieh landet demnächst im Kochtopf!«, schimpfte der Vater, blinzelte ihnen aber vergnügt zu.

Im Wald war es dunstig und kühl. In den Wipfeln schrie ein Eichelhäher. Taleen hüpfte voraus, pflückte Beeren von den Sträuchern, an denen sie vorüberkamen, und aß reichlich davon, bis Hände und Mund rot vom Saft waren. »Wollen wir spielen, Aran?«
   »Du sollst Beeren pflücken!« Ihm gefiel die Rolle des großen Bruders, der ihr befehlen durfte.
   Sie murrte und wandte sich einem Strauch zu. Ein Hund kläffte. »Wolf!«, jubelte sie, stellte den Korb schwungvoll ab und breitete die Arme aus. Der Riesenhund sprang sie an, beide purzelten zu Boden und Wolf leckte ihr schwanzwedelnd über das Gesicht.
   »Taleen, kümmere dich um die Beeren. Ich sehe nach den Fangeisen und kehre zum Hof zurück. Vater wartet auf mich. Du kommst nach, wenn du fertig bist.«
   Aran lief die Standorte der Jagdfallen ab und suchte sein Waldversteck auf. Der Platz war, wie er ihn zurückgelassen hatte. Zufrieden rückte er einige Zweige zurecht, ehe er kehrtmachte.

Der Vater hatte Werkzeug hergerichtet und nickte ihm auffordernd zu. »Wo bleibst du denn?«
   Sie stiegen den Hügel hinauf.
   Oben blickte der Vater in die Ferne.
   Aran folgte seinem Blick und erkannte drei dunkle Punkte, die sich Richtung Berge bewegten.
   Der Vater verharrte eine Weile, beobachtete und schien nachzudenken. Dann gab er sich einen Ruck und lächelte Aran an. »Die gehen uns nichts an. Wir haben zu arbeiten.«
   Das Gatter hing schief in der Verankerung. Er verstand den Ärger des Vaters. Noch nie hatte ein Schaf so hartnäckig zu fliehen versucht wie dieses.
   Der Vater breitete das Arbeitsgerät aus, während Aran ihm zur Hand ging. Ab und zu hielt der Vater inne und zeigte ihm, wie man das Werkzeug benutzte und das Material bearbeitete. Sein Vater kümmerte sich nicht um die Reiter in der Ferne.
   Er hingegen starrte immer wieder hinüber. Irgendwann beschrieben die Punkte einen Bogen und die Ausläufer des Waldes verdeckten die Sicht.
   Der Vater versetzte ihm einen Klaps auf die Schulter. »Hör auf, so ängstlich dreinzublicken. Hast du gesehen? Sie reiten in die andere Richtung.«
   Also hatte er doch ein Auge auf die Unbekannten gehabt. Und er hielt sie für harmlos. Aran packte erleichtert die Arbeitsutensilien zusammen und folgte seinem Vater, der gut gelaunt sang, zum Hof hinunter.
   Als sie den Wohnraum betraten, sah die Mutter hoch. Sorge legte sich über ihre Züge. »Ist Taleen nicht bei euch?«
   Der Vater ließ sich auf den rohgezimmerten Stuhl plumpsen. »Nein, weshalb?« Er griff nach einem dampfenden Brötchen und die Mutter schlug ihm mit dem Holzlöffel auf den Handrücken. »Sie ist noch nicht zu Hause.«
   »Ich geh sie suchen«, sagte Aran.
   »Bitte komm nicht ohne sie zurück!«, bat die Mutter. Ihr Blick wirkte beunruhigt.

Aran durchstreifte das Dickicht, lief zu den Beerensträuchern, die Taleen kannte, ließ diese hinter sich und drang tiefer in den Wald ein, immer die Bitte der Mutter im Ohr, seine Schwester heimzubringen.
   Ein Pferd wieherte, Tritte von schweren Füßen wurden hörbar.
   Arans Puls jagte. Er sah sich um und bemerkte ein Blitzen, das sich in seine Richtung bewegte.
   Rasch sah er sich um und fand dann eine Ulme, deren Äste tief genug hingen, um leicht daran hochzuklettern. Hastig stieg er auf die unteren Zweige und hangelte sich höher, bis er mehrere Meter über dem Erdboden an den Stamm gelehnt wartete.
   Drei Reiter kamen aus dem Gebüsch, komplett in schwarzes Leder gekleidet, mit Stacheln an Handschuhrücken und Schultern. Die Visiere der schlichten Helme waren geschlossen. Die gesichtslosen Gestalten wirkten bedrohlich wie aus einem Albtraum.
   Er schluckte und wagte kaum zu atmen. Sie verstrahlten Bösartigkeit. Dolche und Armbrüste hingen am Sattel. Ihre Hände ruhten auf ihren Schenkeln, in Griffnähe der Schwertknäufe und Aran fühlte die Gnadenlosigkeit in ihren Seelen.
   Er biss sich auf die Lippen und fühlte seinen Herzschlag bis in die Stirn rebellieren.
   Bei dem Gedanken, sie könnten Taleen entdeckt haben, stiegen Übelkeit und Angst in ihm hoch.
   Doch dafür gab es keine Hinweise. Sie hatten seine Schwester nicht bei sich und ihre Waffen waren nicht blutig. Die Klingen boten sich sauber glänzend seinen Blicken dar, das beruhigte ihn.
   Er musste Taleen finden und die Eltern vor den Todesreitern warnen, die Richtung Hof zogen.
   Die Krieger ritten viel zu langsam. Seine Anspannung wuchs und wuchs. Ein Teil von ihm wünschte, ihre Pferde würden endlich außer Sichtweite traben, der andere Teil von ihm wollte, dass sie unter dem Baum lagerten. So hätte er die Gewissheit, dass sich seine Familie in Sicherheit befand.
   Endlich waren die Todesreiter außer Sicht- und Hörweite. Aran wartete noch eine Weile, dann kletterte und rutschte er vom Baum. Er ignorierte den brennenden Schmerz, als die Rinde seine Unterschenkel zerkratzte, und zögerte kurz, ehe er in die Richtung rannte, aus der die Soldaten gekommen waren. Ein unbestimmtes Gefühl zwang ihn vorwärts. Dürre Äste knackten unter seinen Sohlen.
   Er sprang über eine Wurzel, blieb stehen und musste sich nach links wenden. Weiter, als Taleen je gewesen war. Fast schon auf der gegenüberliegenden Seite des Waldes. Selbst er war noch nie bis dort vorgedrungen. Er stolperte, wie von einer fremden Macht gezogen auf einige Büsche zu, etwas Geflochtenes war darunter. Sein Herz raste, atemlos ging er darauf zu, ließ sich auf die Knie sinken und erkannte Taleens Weidenkörbchen. Die Beeren lagen auf der Erde verstreut. Rote und violette Kleckse auf dem Boden zwischen Moos und dunkler, streng riechender Erde.
   Panik breitete sich in ihm aus, wie er es noch nie erfahren hatte. Wo war Taleen? Er wagte nicht, nach ihr zu rufen. Zu groß war seine berechtigte Furcht, die Soldaten könnten auf ihn aufmerksam werden. Am liebsten hätte er sich hingesetzt und geweint.
   Stattdessen rappelte er sich auf und durchsuchte die Umgebung. Etwas entfernt entdeckte er einen einsam daliegenden Schuh. Er stürzte darauf zu, taumelte, fing sich, um über eine Wurzel zu stolpern und hart auf die Knie zu fallen. Er stöhnte vor Schmerz und stieß ein schluchzendes Keuchen aus, ehe er nach dem Schuh griff. Er starrte ihn an, das Gehirn wie leer gefegt. Das Innere der Fußbekleidung war blutgetränkt. Taleen musste verletzt sein. Hatte ihr jemand eine Wunde zugefügt? Wie erstarrt hielt er den Mokassin in der Hand. Die Düfte des Waldes, Bäume, Erde und Wildtierdung, gemischt mit dem metallischen Geruch von Blut wehte ihm in die Nase. Tränen schossen ihm in die Augen. Er konnte nicht mehr heim. Er hatte doch versprochen, Taleen zurückzubringen!
   Er warf den Schuh ins Gebüsch, zog die Beine an, schloss die Augen und legte seine Stirn auf die Knie. Aran atmete ein und aus. Seine Glieder zitterten. Er versuchte fieberhaft, sie unter Kontrolle zu bringen.
   Taleen war verschollen, lediglich ihr blutiger Schuh lag im Unterholz und ließ ihn das Schlimmste fürchten. Todesreiter lenkten obendrein ihre Pferde zum elterlichen Hof. Er sprang auf und ballte die Hände zu Fäusten. Sein Blick irrte umher. Was sollte er nur tun? Taleen suchen, wie er es versichert hatte? Zurück nach Hause? Die Gedanken rasten durch sein Hirn. Er hätte gern einen Erwachsenen bei sich gehabt, der ihm Anweisungen erteilte. Nach Hause! Er musste zurück. Vater würde wissen, was zu tun war.
   Aran rannte los. Er schwitzte, die Beine schmerzten, die Lunge brannte, sein Blick war verschwommen vor ungeweinten Tränen. Er hielt kurz inne, als seine Seite stach, biss die Zähne zusammen und lief weiter.
   Der Wald hatte sein freundliches Gesicht verloren, das goldene Leuchten der Sonnenstrahlen verwandelte sich in bedrohlich wirkende Lichtkegel, die es zu meiden galt. Die knorrigen Äste der Büsche und Bäume wirkten wie die Tentakel kinderfressender Monster. Die Schreie der Raben, die in Goryydon so zahlreich zu finden waren, klangen wie verräterische Zurufe für die Todesreiter.
   Er musste einen Moment anhalten. Außer Atem, schwitzend, mit panisch klopfendem Herzen lehnte er sich an einen Baum. Seine Unterschenkel brannten und die Muskeln zitterten vor Überanstrengung. Doch er wagte nicht, sich hinzusetzen, er ahnte, dass er sich nicht mehr aufrappeln konnte, wenn er seiner Schwäche nachgab.
   Sein Blick verschwamm. Er blinzelte, rieb sich die Augen im vergeblichen Versuch, seine Sicht zu klären. Er schloss die Lider und sofort hatte er das Gefühl, seine Seele purzelte aus seinem Körper.
   Unter seinen Fußsohlen war der Waldboden, doch er fühlte nichts. Weder Erschöpfung noch die Hitze der Anstrengung und den davon verursachten Schmerz. Aran hob staunend die Hände und betrachtete sie. Im Gegensatz zu vorher waren sie frei von Saftflecken, die schwarzen Ränder unter den Nägeln verschwunden. Er fühlte sich leicht und schwebend. Abrupt drehte er sich um und sah mit Schrecken den schwarzhaarigen Jungen, der am Stamm Halt suchte, vornübergebeugt, einzelne Strähnen hingen in sein dunkles Gesicht. Vorsichtig trat Aran näher. Die Brust des Jungen hob und senkte sich, als schliefe er tief und fest.
   Einen Augenblick lang verspürte er Panik. Wie konnte er hier stehen und seinen Körper, seinen schlafenden Körper betrachten?
   Seelenflug, flüsterte sein Verstand. Seine Mutter hatte davon erzählt. In besonderen Situationen waren manche Morvannen dazu fähig.
   Er atmete tief und ein und aus, ein wenig erschrocken und zugleich stolz darauf, zum Seelenflug fähig zu sein. Ein letztes Mal sah er auf seinen ruhenden Körper, streckte seine Hand aus und erkannte überrascht, dass er ihn berühren konnte. Er machte einen Satz nach hinten, dann schob er seine Verwirrung beiseite. Seine Eltern, er musste sie warnen und ihnen von Taleens Verschwinden berichten.
   Taleen, ob er sie mit seiner neuen Gabe finden konnte? Er konzentrierte sich auf seine Schwester. Den Geruch, den sie verströmte, wenn sie sich an ihn kuschelte, auf ihr blondes Haar und die blauen Augen.
   »Taleen, Taleen, wo bist du?«, murmelte er. Einen Moment schien es ihm, als wollte ihn etwas vorantreiben. Es war wie ein flüchtiges Aufflackern in seinem Geist. Eine telepathische Erwiderung seiner Frage. Dann erstarb das Prickeln.
   Frustriert sackte er zusammen, dann dachte er an seine Eltern. Sie würden ihm helfen.
   Er stellte sich das Bauernhaus vor. Die Front mit den Fenstern, der Tür und dem Grünzeug, das er und sein Vater gepflanzt hatten. Das Gatter für das Schwein, den Verschlag für die Kuh und das andere Viehzeug. Der Duft nach Tier und Heu. Er stellte sich vor, wie er durch die Haustür ins Innere eintrat, und erinnerte sich an das Erste, das er wahrnehmen würde, den Geruch von frisch gebackenem Brot.
   Er fühlte ein Ziehen, Schwindel befiel ihn. Als sich seine Sicht klärte, stand er am Waldrand und blickte auf das Haus. Verwirrt fragte er sich, ob er sich das nicht nur einbildete.
   Die drei Pferde der Todesreiter standen am Wassertrog. Eins hatte seinen Kopf gesenkt und soff, während die anderen beiden ruhig verharrten bis auf ein gelegentliches Schnauben und Stampfen.
   Er war nah genug, um es zu hören und weigerte sich, in Deckung zu gehen. Sein Blick schweifte umher. Wo waren seine Eltern?
   Sein Herz klopfte so laut, dass er nicht glaubte, etwas anderes hören oder fühlen zu können.
   Die Tür des Hauses wurde aufgeschlagen und einer der Todesreiter kam heraus. Er malte etwas auf die Tür und wandte sich dann ab. Aran erkannte eine durchgestrichene Sonne. Die Zunge lag wie ein aufgequollener Riesenpilz in seinem Mund. Er hörte ein Krachen und Klirren aus dem Haus, als hätte jemand den gesamten Inhalt von Mutters Geschirrtruhe durch den Wohnraum geworfen. Ein zweiter Soldat kam heraus. Er schob den ersten Krieger beiseite und schloss die Tür.
   Hinter dem Gebäude kam ein einarmiger Todesreiter hervor. Er zerrte etwas hinter sich her.
   Als Aran erkannte, was der Scherge des Schwarzmagiers Kloob bei sich hatte, verhinderte nur der Schock, dass er zu schreien begann.
   »Dreckspack«, fluchte der Einarmige. »Helft mir, das Weib liegt noch hinten.«
   Einer der beiden anderen zog sich den Helm vom Kopf.
   Aran starrte ihn an. Prägte sich das Gesicht ein, den Schwung der Wangenknochen, die Linien seines Kieferknochens. Er würde sein Antlitz nicht vergessen. Nie! Ein Gefühl breitete sich in seinem Innerem aus, kalt und zugleich brennend.
   »Lasst die Morvannenschlampe liegen«, befahl der Mann scharf.
   Der Einarmige ließ den Knöchel los und das Bein von Vater plumpste auf die Erde wie ein Stück lebloses Holz.
   »Corvus! Wir sollen die Köpfe auf Spieße stecken!«, protestierte er.
   Der Corvus genannte trat zu den Pferden und ergriff die Zügel eines Tieres. »Untersteh dich! Hinterher sind die Klingen wieder stumpf. Hier draußen sieht das doch kein Mensch. Unsinn, sich die Waffen deshalb zu ruinieren. Sollen die wilden Tiere die Leichen fressen. Die Familie ist tot, das genügt.«
   Arans Seele wollte schreien, stattdessen presste er seine Fäuste an die Lippen. Die Familie hat er gesagt. Taleen. Bei den Schicksalsmächten! Hatten sie Taleen auch erwischt? Seine Beine trugen ihn nicht länger. Er brach zusammen, fühlte aber keinen Schmerz, erinnerte sich dunkel, dass er auf Seelenflug war und dadurch kein körperliches Unbehagen spürte. Er wimmerte, wollte nicht begreifen, was sich da abspielte.
   Das Wohnhaus rauchte, aus einem der Fenster schlugen Flammen.
   Der Einarmige murrte, als er zu seinem Reittier ging.
   »Auf das Pferd, wir sind hier fertig«, raunzte ihn Corvus, der der Anführer sein musste, an.
   Die Todesreiter schwangen sich auf ihre Pferde und schienen ihr Werk zu begutachten.
   Aran glaubte, Taleens Schreie im Innern des Hauses zu hören. Die Flammen schlugen hoch, krochen über die äußere Holzwand, fraßen und zerrten von innen heraus an den Mauern und am Dach.
   Sein Herz zerbrach, der Klang glich dem Knacken und Brechen, das vom verbrennenden Zuhause herkam. Der Schmerz, der durch sein Innerstes schnitt, war unerträglich. Die Todesreiter hatten seine Familie ermordet!
   Die Schergen lenkten ihre Pferde in die entgegengesetzte Richtung. Lange, nachdem die Soldaten vom Hof geritten waren, kniete Aran im Schatten der Bäume und weinte leise vor sich hin.
   Irgendwann schaffte er es, sich auf den Hof zu schleppen. Er sah nach dem Vater. Die Schädelseite, die sich Arans Blick darbot, war zertrümmert. Eine unidentifizierbare Maske aus Blut und Fleisch. Das Blut war über den Hals gelaufen und ein Schwall hatte sich über das helle Wollhemd ergossen. Aran würgte. Er musste den Vater nicht berühren, um zu wissen, dass er tot war. Das Ding vor ihm war nicht mehr als eine Hülle. Etwas Menschenähnliches. Kalt, leer und verwaist.
   Er dachte an seine Mutter, zögerte, hoffte, dass sich die Todesreiter getäuscht hatten, dass sie noch lebte, dass sie so schlau gewesen war, sich tot zu stellen wie das Opossum, das er vergangenen Sommer auf dem Feld gesehen hatte.
   Er lief hinter das Haus, dorthin, wo sie dem Soldaten zufolge liegen musste.
   Ein Stöhnen ließ Hoffnung und Dankbarkeit in ihm aufflammen. Sie lag gekrümmt da, auf die Seite gedreht.
   »Mutter«, rief Aran und rannte zu ihr, ließ sich neben sie fallen und drehte sie auf den Rücken. Jegliche Zuversicht schwand augenblicklich.
   Ihr Bauch und ihr Rock waren blutgetränkt. Auf ihrer Stirn hatte eine Platzwunde eine blutige Zeichnung über die zarte Haut hinab in das Haar hinterlassen. Das Blut verklebte Strähnen ihres Haares und am Ansatz bildeten sich kleine rostfarbene Klümpchen.
   Übelkeit stieg in ihm hoch. Seine Mutter war für ihn immer die schönste Frau Goryydons gewesen. Doch jetzt war sie nicht mehr schön. Aran wollte seinen Mund verziehen, die Lippen zitterten.
   »Aran«, flüsterte die Mutter.
   Er hob sacht ihren Kopf und legte ihn auf seinen Schoß.
   »Mutter, was soll ich nur tun?« Seine Augen brannten, aber er wollte nicht weinen. »Soll ich Hilfe holen?«
   Sie hob zweimal an, ehe sie sprechen konnte. »Zu spät, mein Sohn. Ist Taleen bei dir?«
   »Ja, sie ist dort hinten im Wald«, log er und deutete hinter sich.
   »Gut.« Sie griff nach seiner Hand. Ihr Griff war kaum stärker als der Flügelschlag eines Schmetterlings. Ihre Lider flatterten, während sie ihn sichtlich angestrengt fixierte. »Du bist auf Seelenflug. Ich bin stolz auf dich!«
   Nun stiegen die mühsam zurückgehaltenen Tränen in seine Augen. Sein Blick verschwamm und er fühlte die Hand der Mutter über seine Handfläche gleiten, ihre letzte Liebkosung für ihn.
   »Aran, versprich mir etwas«, sagte sie kaum hörbar.
   »Alles.«
   »Lebe«, dann rutschte ihre Hand zu Boden.
   Er schüttelte sie leicht. »Mutter?« Sie rührte sich nicht mehr. Wie der Vater, eine Hülle, die entfernt Ähnlichkeit mit der Mutter besaß, aber mehr auch nicht.
   Er zitterte, wollte fort, weit fort von diesem Ort. Der Hof war für ihn ein Sinnbild für Tod und Vernichtung geworden. Er spürte ein Ziehen, einen Zwang, sich fortzubewegen. Ihm wurde schwindlig, seine Sicht verschwamm. Als er wieder klar sehen konnte, erkannte er, dass er ausgestreckt auf dem Waldboden lag. Er setzte sich auf. Diese einfache Bewegung bereitete ihm unsagbare Mühe. In seinem Innern breitete sich Eiseskälte aus. Er war wie erstarrt im Schmerz und in der Verzweiflung und begann zu schluchzen.
   So saß er, bis es dunkel wurde und auch als die Nacht hereingebrochen war, bewegte er sich nicht von der Stelle. Er spürte kaum, wie die Kälte durch seine Kleider drang, die Feuchtigkeit aus Wiesen und Wäldern emporstieg und sich wie ein Schleier über seine Haut legte. Als er es wahrnahm, war es ihm gleichgültig. In dieser Nacht hatte die Finsternis ihren Schrecken verloren und war zu einer Verbündeten geworden. Sie drang in ihn ein, tränkte seine Seele und legte sich um sein Herz.
   Als endlich die Sonne aufging, hatte er sich verändert. Er war mit einem Schlag erwachsen geworden. Nichts an ihm war mehr der Aran, der er am vorhergegangenen Morgen gewesen war. Die Trauer war im Verlauf der vergangenen Stunden von ihm abgefallen und hatte rasendem Zorn Platz gemacht, der seinen Körper erfüllte und wärmte. Kraft durchströmte ihn. Er sprang auf und rannte nach Hause zurück. Plötzlich schien es ihm mühelos, dorthin zurückzukehren.
   Nur noch einige verkohlte Balken des Hauses schwelten im morgendlichen Nebel.
   Die Eltern lagen noch an derselben Stelle, an der er sie zurückgelassen hatte.
   Vorsichtig, beinahe zärtlich hob Aran die Hände seines Vaters, faltete sie auf der Brust und tat dasselbe bei der Mutter, dann richtete er sich auf und wandte seinen Blick in die Richtung, in der die Todesreiter verschwunden waren.
   »Ich werde euch finden!«, schwor er voller Hass, »ich werde euch jagen und nicht eher ruhen, bis ich euch gefunden und getötet habe. So wahr ich Aran heiße. Ich werde euch bis zu meinem letzten Atemzug hassen und mit letzter Kraft verfolgen, wenn es nötig sein sollte.«
   Er drehte sich um und sah in der Asche des Hauses etwas blitzen. Er bückte sich danach, wischte die warme Asche beiseite und erkannte den Dolch aus goryydonischem Feuerstahl. Er säuberte die Klinge. Der Griff war etwas verkratzt und stumpf geworden, doch die Schneide war scharf wie eh und je. Aran hob die Waffe ins Sonnenlicht, bewunderte das Funkeln des Metalls und betrachtete die Unversehrtheit des Dolches als Zeichen, dass er sein Ziel erreichen würde. Egal, wie lang es auch dauern würde.

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