Naturkatastrophen und Atomkriege haben die Welt beinahe zerstört. Während sich die Natur regeneriert und die Spuren der Verwüstung allmählich überwuchert, entwickelt sich aus der Kluft zwischen Arm und Reich ein unüberwindbarer Graben. Die Bevölkerung ist gespalten: Die Reichen und die Regierung leben in gesicherten Hot Blood-Bezirken, die armen Parias hausen in den Ruinen außerhalb. Zu spät erkennt Jai, dass Vella im Südbezirk in Lebensgefahr schwebt. Als er dort eintrifft, ist nichts mehr so, wie es war. Die Katastrophe hat alles auseinandergerissen. Vella ist verschwunden, und nicht nur Igor folgt ihrer Spur. Wird es Jai gelingen, sie zu finden, bevor sich Igor rächen kann? Gibt es überhaupt Hoffnung für Narrando und ist eine Zukunft außerhalb der Kuppel noch möglich? Ein Kampf um Leben und Tod beginnt, der viele Opfer fordert, denn wie alles hat auch Freiheit einen sehr hohen Preis ...

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ISBN: 978-9963-52-966-7

Seiten: 378

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Kyra Dittmann

Kyra Dittmann
Kyra Dittmann wurde 1972 in Bonn geboren. Nach einer Schreinerlehre hat sie langjährige Berufserfahrung in Handwerk und Beratung gesammelt. Fesselnde Abenteuergeschichten haben seit jeher ihr Leben bereichert - sowohl die gelesenen, geträumten und gelebten. 2010 hat sie als freiberufliche Autorin ihre Weichen neu gestellt und den Sprung ins kalte Wasser gewagt. Sie absolvierte diverse Schreib- und Drehbuchseminare, unter anderem am Filmhaus Köln. Nebenbei arbeitet sie als Reitlehrerin und Eventmanagerin für Kinder. Sie lebt mit ihrem Mann, den fünfzehnjährigen Zwillingstöchtern und jeder Menge Romanfiguren in Bonn.

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Leseprobe

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Prolog

Sie umschloss das Medaillon mit festem Griff. Siebzehn Jahre und fünf Monde lag es zurück, dass sie das Kind zum Palast getragen hatte. Die Sterne hatten ihr den Weg gewiesen, dem sie folgen musste, um den Pakt der Paria zu vollenden. Wie einst der Wolf, der als erstes Tier nach der Havokade ein gesundes Junges gebar und das Vertrauen in eine bevorstehende Veränderung aufleben ließ, hegte auch sie die Hoffnung, dem Mädchen möge eine Kraft innewohnen, die die Menschen wachrütteln konnte.
   Von dieser Energie nährte sich die Liebe, speiste das Elixier des Lebens und überwand Gräben, um Völker zu vereinen und Feinde zu versöhnen. Aber war sie stark genug, um Narrando aus den Trümmern zu erheben?
   Sie blickte hinunter in den Canyon. Ihre Hand, die den Stock umklammert hielt, begann zu zittern und senkte sich hinab. So viele Tage hatte sie gehofft, aber dennoch gewusst, dass ihr Mädchen diesen Weg allein bezwingen musste. Sie hatte sie begleitet, aber nie geführt. Vielleicht war es an der Zeit, dem Schicksal etwas nachzuhelfen und sie ein Stück des Weges zu leiten. Ihr einsames Herz tat sich schwer, die richtige Entscheidung zu treffen und doch musste sie genau diese Hürde bezwingen.
   Sie wandte sich ab von dem Bild, das ihr Herz anrührte, und schleppte sich den steinigen Weg entlang. Der Himmel schien ihre Gedanken zu teilen und füllte sich mit grauen Wolken. Der Regen fiel erst langsam tröpfelnd, dann fließend, bis es aus dem Firmament herausbrach und sich endlose Wassermassen auf die Erde ergossen. Kleine Rinnsale vermischten sich mit Staub zu Schlamm, der ihr den Weg erschwerte. Behutsam setzte sie den Stock auf, suchte Halt auf dem glitschigen Untergrund. Ein Stein ragte aus dem Morast empor wie ein Lichtblick in düsterem Grau. Mit einem hoffnungsvollen Schwung setzte sie den Stock auf, doch er rutschte ab. Sie verlor den Halt. Mit voller Wucht schlug sie auf der Erde auf. Ihr Kopf verfehlte den Stein nur um Haaresbreite. Ihr Gesicht versank im Morast. Sie tastete vergebens nach dem Stock, der ihr im Fall entglitten war, und krallte die Finger in den matschigen Boden. Ihre Hoffnung schien hinwegzutreiben mit den Wassermassen des Himmels, von dem sie eben noch geglaubt hatte, er würde ihre Gedanken teilen. Vielleicht war es die Rache des Schicksals, das sie hatte bezwingen wollen, weil die Bestimmung ihren eigenen Weg verfolgte. Nun war das Mädchen wieder auf sich allein gestellt und sie betete, dass es ihr gelingen würde, den Spuren des Wolfes auch in der Dunkelheit zu folgen.

Kapitel 1
Bittersüße Erinnerung

Vella kniff die Augen zusammen. Vielleicht täuschte sie sich? Mit einer Hand schirmte sie den Sandstaub ab, den der Wind in ihr Gesicht blies. Leider verbesserte das keinesfalls ihre Sicht und änderte auch nichts an dem, was sie sah. Zwischen den immer stärker werdenden Böen erkannte sie nichts als trockenen Boden, vereinzelte Sträucher und skurrile Wrackteile, die in merkwürdigen Positionen aus der Erde ragten. Der Anblick des verlassenen Canyons trieb ihr die Tränen in die Augen. Einerseits so vertraut wie in ihrer Erinnerung, hatten sich doch entscheidende Details geändert. Alle Zelte waren abgeschlagen, jegliche Spuren des Rebellenlagers verwischt. Es sah aus, als ob nie zuvor jemand hier gelebt hätte. Die Erkenntnis traf sie wie ein Faustschlag: Sie kam zu spät.
   Es fühlte sich an, als würde ihr der Boden unter den Füßen weggezogen. Sie fiel und fiel, hinab in ein Vakuum aus Einsamkeit, das sie aufzusaugen drohte. Die Leere schien ihren Körper zu füllen, zog jede Hoffnung mit sich hinab und ließ nichts als Schmerz zurück. Vella sank auf die Knie und brach auf dem kargen Boden zusammen. Warum hatte sie geglaubt, dass es ihr gelingen würde, den einzig glücklichen Moment in ihrem Leben zurückzuholen, nachdem sie es nicht fertiggebracht hatte, ihn festzuhalten?
   Jai war fort. Sie kam zu spät.
   Die Frage, was ihn dazu bewogen haben mochte, diesen wunderbaren Ort zu verlassen, bohrte sich wie ein Pfeil in ihr Herz. War er freiwillig gegangen? Oder hatte ihn jemand gezwungen, seine Zelte im Outlaw-Lager abzubrechen?
   Weshalb war sie nicht früher geflohen? Und warum zum Teufel hatte sie sich überhaupt erst auf die Reise in den Süd-Bezirk eingelassen? Anstatt auf ihr Herz zu hören und sich mit jeder Faser ihres Körpers gegen die arrangierte Hochzeit zu wehren, war sie dem Irrglauben erlegen, dass es möglich war, jemanden zu heiraten, den sie weder liebte noch kannte.
   Doch diese Erkenntnis nützte wenig, weil es noch idiotischer schien, sich solche Fragen zu stellen. Sie wusste nur zu gut, warum sie sich auf diese Sache eingelassen hatte. Es lag in ihrer Hand, Narrandos Bevölkerung vor dem Untergang zu bewahren. Diese Aufgabe hätte sie erfüllen müssen. Aber sie hatte es nicht getan.
   Die Hochzeit mit dem Sohn des Süd-Präsidenten hätte den Nachschub der Gasreserven sichern sollen. Nicht nur den Bewohnern des Nord-Palastes sollte ein geschütztes Leben unter der Kuppel erhalten bleiben, auch den Parias hätte sich erstmals diese Möglichkeit geboten.
   Diese Option bestand nicht mehr. Mit ihrer Flucht aus dem Süd-Bezirk hatte sie die Menschen um eine Chance gebracht, die weitreichender war als die Liebe.
   Eine sichere Zukunft für alle Menschen in Narrando – ganz egal, welchen gesellschaftlichen Standes. Ein ganzes Volk gegen ein Liebespaar. Die Entscheidung hätte ihr leicht fallen sollen.
   Doch noch nie im Leben war ihr ein Entschluss schwerergefallen, als Jai zu verlassen.
   Wie egoistisch. Und dumm. Sie hätte sie von Anfang an ehrlicher zu sich selbst sein müssen. Vom ersten Augenblick an hatte sie sich ungeeignet gefühlt, die Welt zu retten. Sie verfügte über keinerlei besondere Fähigkeiten. Nicht einmal über einen Funken Lebenserfahrung. Noch vor wenigen Wochen hatte sie nichts über die Welt außerhalb der Schutzkuppel gewusst. Sie hatte hinter den Mauern des Palastes wie in einem goldenen Käfig gelebt und viel zu spät erkannt, dass sie ihr Leben lang dummen Vorurteilen erlegen war. Nichts von dem, was sie geglaubt hatte, entsprach der Wirklichkeit.
   Sie ließ den Blick über den verlassenen Canyon schweifen. Die Zeit im Outlaw-Lager erschien ihr wie ein weit entfernter Traum, in den man nach dem Aufwachen nicht mehr zurückkehren kann. Als wäre sie vor Wochen durch ein unsichtbares Portal getreten, das sich trotz aller Bemühungen nicht mehr öffnen wollte. Jeder Versuch blieb zwecklos. Es gab niemanden, den sie um Hilfe bitten konnte.
   Dad hatte ihr nicht geglaubt. Oder er hatte es schlichtweg nicht hören wollen, als sie ihm von ihren Entdeckungen im Süd-Bezirk erzählen wollte. Etwas dort ging nicht mit rechten Dingen zu. Dad dachte höchstwahrscheinlich, sie würde lediglich einen Vorwand suchen, um die Hochzeit platzen zu lassen.
   Vielleicht hätte Marta ihr geglaubt? Doch wie hätte sie eine Gelegenheit finden können, mit ihr zu sprechen? Und selbst wenn es ihr gelungen wäre, von den Verletzungen der Arbeiter im Süd-Bezirk zu berichten – was hätte ausgerechnet Marta dagegen unternehmen können? Die Antwort klang einfach. Nichts. Selbst die Tatsache, dass Marta in Wahrheit keine Companía, sondern ihre Cousine war, half reichlich wenig. Wenn Roover etwas nicht hören wollte, wehrte er jede Unterhaltung ab. Diese Strategie hatte sie lange genug beobachtet.
   Sie musste der Bedeutung ihrer Entdeckungen in der Frackinganlage allein auf die Spur kommen und herausfinden, wo der Zusammenhang mit den Vorfällen im Arbeitslager der Prohibida lag. Was genau hatten die beinahe identischen Verätzungen und aufgequollenen roten Blasen an den Händen der Arbeiter miteinander zu tun? Das Arbeitslager im Nord-Bezirk, aus dem sie die Parias befreit hatten und die Frackinganlage im Süd-Bezirk lagen viel zu weit voneinander entfernt, um irgendeine Gemeinsamkeit aufweisen zu können. Was hatten die mysteriösen Erdbeben zu bedeuten, die sie bei den Plantagen im Süd-Bezirk beobachtet hatte? Die Erinnerung an die schreiende Frau, die auf ihre verletzten Hände starrte, wollte nicht verblassen. Vigo hatte keinerlei Mitleid mit ihr gezeigt. Ein Zeichen dafür, dass dieser Vorfall nicht der Einzige war und Vigo nicht der richtige Mann für sie. Aber das hatte sie auch schon vorher gewusst. Schmerz breitete sich in ihrem Brustkorb aus und schraubte eine unsichtbare Zwinge um ihr Herz. Es war zu spät für diese Einsicht. Viel zu spät.
   Die Frage, wer einen Grund gehabt haben konnte, ein Mikrofon in ihrem Zimmer im Süd-Bezirk zu verstecken, um sie zu belauschen, wirkte angesichts dieser Erkenntnis zu unwichtig, um sie weiter zu verfolgen.
   Sie ließ den Kopf auf den Boden sinken. Der feine Staub zog ihr beim Einatmen in die Nase, doch sie spürte es kaum. Alles, was zählte, hatte sie verloren.
   Ein Regentropfen traf ihren Nacken und lief seitlich am Hals hinunter. Es dauerte nicht lange, bis sich der Regen zu einem heftigen Wolkenbruch steigerte und die Kleidung an ihrem Körper klebte. Sie hielt die Arme schützend über den Kopf, konnte sich aber nicht dazu aufraffen, aufzustehen. Wie benommen kauerte sie am Boden. Es war ohnehin alles zu spät.
   Ein klatschendes Geräusch durchdrang das stetige Rauschen des Regens und ließ sie aufhorchen. Sie hob den Kopf. Der Canyon stand kurz davor, sich in einen See zu verwandeln. Der harte Boden saugte das Wasser nicht schnell genug auf, sodass sich überall riesige Pfützen bildeten. In wasserfallartigen Strömen schoss der Regen von den Felswänden herab und zog Steine und Schlamm mit sich. Sie hatte noch nie zuvor ein vergleichbares Unwetter erlebt. Es würde nicht lange dauern, bis alles unter Wasser stand.
   Vella wandte sich um und hielt nach dem Pferd Ausschau. Obwohl die schmale Felsspalte den einzigen Ausgang aus dem Canyon darstellte, durfte sie nicht riskieren, dass sich das Tier erschreckte und davonlief. Ohne Pferd würde sie Stunden benötigen, um im Wald vorwärtszukommen. Sie rannte ein Stück zurück und blieb keuchend stehen. Für einen Moment stützte sie die zitternden Hände auf ihre Knie. Das Pferd drückte sich eng an die hintere Stallwand, um unter dem überstehenden Dach Schutz zu suchen.
   Der Stall lag auf einer kleinen Anhöhe und würde mit etwas Glück von den ansteigenden Wassermassen verschont bleiben. Vella lief hinüber und ergriff die Zügel. »Keine Angst, hier sind wir sicher. Wir werden uns unterstellen, bis sich das Unwetter verzogen hat.« Nur widerwillig ließ sich das Pferd durch eine tiefe Pfütze führen. Vermutlich glaubte es ihren Worten ebenso wenig wie sie.
   Als sie die Stalltür erreichten, brach der erste Blitz über sie herein. Es krachte, als würde der Himmel eine übergroße Faust auf die Tischkante schlagen. Das Echo hallte zwischen den Felsen wider und vermischte sich mit dem tosenden Geräusch der Wassermassen.
   Es barg etwas Unheimliches, allein in einer abgelegenen Hütte einem Unwetter zu trotzen. Allein mit einem Pferd. Vella warf ihm einen entschuldigenden Blick zu. Der arme Kerl konnte nichts dafür, dass sie ihn in diese missliche Lage gebracht hatte. Zumindest befand sich der Stall weit genug vom Felsrand entfernt, sodass sie nicht befürchten musste, von entwurzelten Bäumen oder Ähnlichem erschlagen zu werden. Trotz des mulmigen Gefühls, das sich einfach nicht abschütteln ließ, zog sie ihre durchnässte Kleidung aus und hängte die Sachen über die Boxenwand. »Guck nicht so«, sagte sie in gespielt vorwurfsvollem Ton zu dem Pferd. »Bei dem Wetter kommt garantiert niemand hierher.« Wie traurig und tröstlich zugleich, sich mit einem Pferd zu unterhalten.
   Sie ignorierte die unangenehmen Stiche der Halme und warf sich nackt ins Stroh. Erfrieren würde sie nicht und vielleicht brachte der morgige Tag eine bahnbrechende Idee, was sie als Nächstes tun konnte. Sie schloss die Augen und versuchte, das Grauen der vergangenen Tage wenigstens für die nächsten Stunden auszublenden.

Vella starrte in die Nacht hinaus. Es donnerte, Blitze zuckten über den Himmel. Vor ihr lag ein steiler Abgrund, der sich nur einen Schritt weiter in schwindelerregende Tiefe stürzte. Ein Fehltritt bedeutete den sicheren Tod.
   Sie fröstelte. Die Umrisse einer Gestalt zeichneten sich auf den gegenüberliegenden Felsen ab. Eine Täuschung? Wer außer ihr wagte sich so nah an die Schlucht?
   Ein ohrenbetäubendes Krachen durchbrach das Gewitter, ein greller Blitz erhellte für den Bruchteil einer Sekunde das Gesicht ihres Gegenübers. Vella erstarrte. »Mom?«
   Die Hoffnung erstickte. Finsternis umhüllte die Gestalt. Das war nicht möglich. Sie musste sich geirrt haben. Mom war tot.
   Ein greller Lichtblitz zuckte auf. Ein Lächeln erstrahlte auf dem Gesicht der Frau. Oder verzerrten sich ihre Züge zu einem angstvollen Schrei? Die andere Seite des Abgrunds lag zu weit entfernt, als dass sich Vella sicher sein konnte, was genau sie sah. Eine Halluzination?
   Donner grollte über sie hinweg. Der Boden erzitterte wie bei einem Erdbeben. Die Frau streckte die Arme flehend nach ihr aus. Es konnte unmöglich ihre Mutter sein. Sie lebte nicht mehr. Oder doch?
   Schlagartig entluden die Wolken ihre Wassermassen. Sintflutartiger Regen versenkte das Land und umspülte Vellas Füße. Der Abgrund rutschte näher. Strauchelnd stolperte sie einen Schritt rückwärts, stürzte und sah im Fall gerade noch, wie die Umrisse der Gestalt im Abgrund verschwanden. »Mom!« Der Schrei blieb ihr im Hals stecken. Sie schlug mit dem Hinterkopf auf den Felsen auf.
   Schwärze.

Vella schrak mit verkrampften Fäusten aus dem Traum hoch. Schweißgebadet und trotzdem völlig durchgefroren. Mit zitternden Fingern versuchte sie, sich von den am Körper klebenden Strohhalmen zu befreien. Ein Albtraum. Nichts als ein Albtraum. Und doch fühlte es sich an, als schmerzte ihr Schädel von dem unsanften Stoß auf den Boden.
   Es musste immer noch Nacht sein, weder Sonnenlicht noch Vogelgezwitscher drangen durch die Ritzen der Scheune herein. Es herrschte Totenstille.
   Das Pferd lag neben ihr im Stroh und schien zu dösen. Sie horchte. Hatte Jai nicht immer behauptet, ein ruhiger Wald bedeutete Gefahr?
   Ihre Zähne klapperten, Nässe kroch ihre Knochen empor. Vella tastete nach ihrer Kleidung. Klamm und feucht, aber nicht mehr klitschnass. Sie überwand ihre Abneigung, sich in die kalte Hose zu zwängen, zog sich das T-Shirt über und zupfte den am Körper klebenden Stoff zurecht. Vorsichtig rutschte sie näher an das Pferd.
   Der mächtige Körper dampfte beinahe und verströmte eine wohlige Eigenwärme. Sie strich dem Tier über die Nüstern und kuschelte sich an den ruhig atmenden Leib. Nur noch ein bisschen schlafen. Vielleicht sah die Welt bei Tageslicht nicht mehr so beängstigend aus.


   Der Morgen hatte leider nichts Beruhigendes an sich. Vella betrachtete mit Entsetzen die Zerstörung, die die Regenfälle zurückgelassen hatten. Wäre sie heute hier eingetroffen, hätte sie das ehemalige Outlaw-Lager nicht wiedererkannt. Vermutlich hätte sie bezweifelt, den richtigen Ort gefunden zu haben. Nichts erinnerte an den wunderbaren Fleck Erde, der ein Zuhause für sie geworden war. Stattdessen sah sie die erschütternden Reste der Verwüstung vor sich.
   Ein übergroßer See hatte sich am Fuße der vor ihr liegenden Felswand gebildet, dessen Ausläufer sich wie ein engmaschiges Netz durch den gesamten Canyon zogen. Es war kaum möglich, zum Ausgang zu gelangen, ohne durch das Wasser zu waten. Sie schätzte die Pfützen an einigen Stellen knöcheltief ein, wenn sie sich die etlichen Unebenheiten im Boden in Erinnerung rief, über die sie oft genug gestolpert war. Widerstrebend bahnte sie sich einen Weg hindurch. Der Sturm hatte sich verzogen. Nicht mal ein sanfter Windhauch bewegte die Wasseroberfläche. Vella verspürte keine Lust, mit den Schuhen in den Pfützen zu versinken, aber sie hatte ebenfalls nicht vor, diesen Ort zu verlassen, ohne ihn einer genauen Inspektion unterzogen zu haben. Hier lag ihr einziger Anhaltspunkt. Irgendeinen Hinweis oder eine Spur zu Jais Verbleib musste sie finden.
   Der Gedanke, auf was sie unter der Wasseroberfläche treten könnte, ließ kalte Schauder über ihren Rücken laufen. Sie zögerte.
   Der erste Schritt spülte ihr das Wasser um die Sohlen. Beim zweiten versank sie bis zum Knöchel. In einigen Metern Entfernung schwamm ein merkwürdig geformter Stock auf dem Wasser. Sie tastete sich vorwärts. Vielleicht konnte sie den Ast zur Abwehr eventueller Feinde nutzen? Sie watete näher, bemüht, nicht auszurutschen oder zu stolpern. Der Albtraum der vergangenen Nacht rief sich in ihr Gedächtnis. Es hatte sich alles so real angefühlt, das Unwetter, ihre Angst, der Sturz. Es schien mehr ein Hilferuf als ein Traum gewesen zu sein. Als wollte ihr jemand etwas mitteilen.
   Sie bückte sich und angelte den Ast heraus. Beim näheren Betrachten sah es aus, als hätte ihn jemand bearbeitet. Wahrscheinlich nichts als ein blöder Zufall, doch dieser Stock war keineswegs ein einfacher Ast. Der feine Schliff erinnerte an den Stiel eines Besens. Die Biegung an einem der Enden ließ ihn wie einen Gehstock aussehen. Sie fuhr mit den Fingern über die raue Holzoberfläche, die vom Wasser aufgequollen war. Wie kam dieser Gegenstand hierher? Sie hob den Kopf und suchte die Ränder des Canyons ab, die sich zu unübersichtlichen Felsklüften verschachtelten. Jai hatte ihr einmal erzählt, der Canyon besäße neben dem Eingang, der durch die schmale Felsspalte führte, noch einen zweiten Ausgang. Einen anderen Weg, der weiter oben durch die Felsen verlief und über einem Wasserfall endete. Er eignete sich nur als Ausgang, als Fluchtweg, nicht aber, um in den Canyon hineinzugelangen. Dort oben konnte sich also unmöglich jemand aufgehalten haben, der seinen Stock verloren hatte. Folglich musste er vorher schon hier gelegen haben. Sie ging im Kopf verschiedene Möglichkeiten durch, fand aber keine Begründung für diesen seltsamen Fund.
   Vorsichtig stocherte sie mit dem Stock im Wasser herum und arbeitete sich Schritt für Schritt vorwärts. Vorbei an den Mahnmalen der Havokade, verrosteten Wrackteilen von Autos und Schiffen, die größtenteils mit Pflanzen überwuchert waren. Hinüber zu den Überbleibseln der zerstörten Scheune. Ein Baum hatte das ohnehin baufällige Gebäude getroffen, das Dach eingedrückt und die Bretter der Wände zerbrochen, als wären es Streichhölzer.
   Vella watete näher und versuchte, die Tür zu öffnen. Vielleicht fand sie dort nützliche Gegenstände aus dem Krankenlager. Sie zog und rüttelte, aber die Tür klemmte. Sie trat dagegen, doch nichts rührte sich. Energisch stapfte sie weiter, bis sie ein kleines Fenster erreichte. Vella stieß die Reste der zersplitterten Scheibe beiseite und zog sich ins Innere. Mehrere Heuballen lagen kreuz und quer verteilt, sodass sie sich auf der anderen Seite hinuntergleiten lassen konnte. Die Zuversicht auf eine weiche Landung zerriss jedoch an einer Glasscherbe, die durch den Stoff ihrer Hose bis tief in ihr Fleisch schnitt. Unsanft landete sie auf einem der Strohballen. Verdammt! Offensichtlich hatte sie einen Glassplitter übersehen.
   Der scharfe Schmerz in ihrer Wade ließ sie bei vorsichtigem Betasten zusammenzucken. Sie schob das durchnässte Hosenbein hoch und betrachtete die Wunde. Blut lief in einem stetigen Rinnsal ihr Bein hinab. Sie tupfte mit dem Ärmel am Wundrand entlang und sah sich um. Hoffentlich fand sie einen Hinweis, der sie zu Jai führen würde oder zumindest etwas, womit sie die Wunde verbinden und einer Infektion vorbeugen konnte.
   Der vordere Teil der Scheune war halbwegs gut erhalten. Vermutlich handelte es sich um den Bereich, in dem sie einige Male mit Marta übernachtet hatte, zumindest deuteten die vielen Strohballen darauf hin. An der Stelle, wo einst der Durchgang in den hinteren Teil gelegen hatte, drückte jetzt der Baum die Decke ein. Darunter konnte sie allenfalls hindurchkriechen. Vella schätzte die verbliebene Höhe auf maximal einen Meter. Sollte sie sich mit ihrer Verletzung hier durchzwängen? Wahrscheinlich würde sie auf der anderen Seite feststellen, dass der Aufwand sich nicht gelohnt hatte.
   Doch die Neugier siegte. Sie schob ein paar lose Holzteile beiseite, um den Durchgang zu vergrößern und ließ sich mit zusammengebissenen Zähnen auf alle viere hinunter. Gebannt spähte sie in den düsteren Raum. Der hintere Scheunenteil hatte nie ein Fenster besessen, die Belüftung erfolgte durch eine Luke im Dachboden, die nun sicherlich nicht mehr zugänglich war. Ein Riss in der Seitenwand ließ jedoch Licht herein, sodass sie sich nicht völlig durchs Dunkle tasten musste.
   Vorsichtig kroch sie in den Raum, ihr verletztes Bein zog sie wie einen Fremdkörper hinter sich her. Der Geruch von faulem Fleisch lag in der Luft und ließ sie würgen, je weiter sie vordrang. Sie zog sich den Kragen ihres T-Shirts über die Nase. Sollte sie umdrehen? Vielleicht wollte sie gar nicht wissen, was sich dort verbarg?
   Was, wenn …? Nein, darüber durfte sie nicht nachdenken. Vella tastete sich zwischen den letzten herunterhängenden Brettern hindurch, ignorierte die Schmerzen und richtete sich auf. Innerlich war sie auf das Schlimmste gefasst.
   Enttäuschung machte sich breit, als sie sah, dass – wie vermutet – auch hier nichts auf die frühere Anwesenheit der Outlaws hindeutete. Lediglich die zerstörten Wände der Scheune, einige Strohballen und jede Menge Laub, mehr gab es hier nicht. Bis auf – ihr Blick fiel auf die gegenüberliegende Ecke … Vella schluckte. Bis auf einen toten Hasen, der wie eine Jagdtrophäe an den Ohren aufgespießt an der Wand hing. Sie kämpfte gegen die aufsteigende Übelkeit an.
   Die Pfeilspitze steckte fast vollständig im Holz. Der Pfeil musste aus einiger Entfernung abgeschossen worden sein, mit Sicherheit nicht erst nach dem Zusammenbruch des Gebäudes. Von der Einstichstelle in den Ohren verlief eine dünne, bereits getrocknete Blutspur bis zum Bauch des Hasen, in dem ein großes Loch klaffte. Vella krallte die Finger in den Kragen ihres T-Shirt-Stoffs. Freigelegte Gedärme und Innereien, die wie rausgerissen hinunterhingen. Als sie einen Schritt näher trat, fiel ihr auf, dass sich der Darm bewegte.
   Nein, er bewegte sich nicht, er bestand aus etlichen kleinen Maden, die sich gierig durch das tote Fleisch fraßen. Was ihr aber erst recht das Blut in den Adern gefrieren ließ, war das Lederband, das über dem Pfeil hing. An dessen Ende baumelte das Amulett des Paria-Paktes.

Kapitel 2
Vernebelte Träume

Jai stützte sich auf dem Hals des Hengstes ab. Er ritt seit Stunden ohne Pause und hatte in der Nacht zuvor extrem schlecht geschlafen. Auch Sham brauchte eine Pause, doch so weit das Auge reichte, erstreckte sich der dichte Wald. Es war kein Ende in Sicht. Obwohl der kürzeste Weg in den Süden durch die Dörrwüste führte, hatte er einen Umweg in Kauf genommen. Der Ritt durch den Wald kostete ihn zwei Tage Zeit. Es erschien ihm jedoch vorrangig wichtig, den Süd-Bezirk ausgeruht zu erreichen, denn er hatte keine Ahnung, wie er die Wachen am Tor dazu bringen sollte, ihn einzulassen. Weder Vikars noch Vigo würde es gefallen, ihn in Vellas Nähe zu sehen. Ebenso wie es ihm missfiel, jemand anders an Vellas Seite zu wissen. Vielleicht hätte er sein Vorhaben besser planen sollen. Oder mit jemandem absprechen. Aber wer hätte ihn bei diesem irrsinnigen Unterfangen unterstützt? Roover wohl kaum. Dad erst recht nicht. Von Grim oder Riva ganz zu schweigen. Er hatte es sich mit seinem sturen Verhalten bei so ziemlich allen verspielt. Trotzdem glaubte er fest daran, das Richtige zu tun. Die Begegnung mit dem Wolf hatte ihm aus einem unerklärlichen Grund die Augen geöffnet. Vielleicht lag es an dem Mut des Tieres, der ihm imponiert hatte. Die Furchtlosigkeit, mit der es seinem tödlichen Pfeil ins Auge geblickt hatte, ohne sich beirren zu lassen. Wann war ihm dieser Mut abhandengekommen?
   Mit dem Entschluss, die Outlaws ins Leben zu rufen, hatte er einen Weg eingeschlagen, der ein hohes Maß an Courage erfordert hatte, dem er nur leider nach den neuesten Erkenntnissen nicht mehr folgen konnte. Seine Vorurteile den Hot Bloods gegenüber hatten sich als haltlos erwiesen. Seine Überzeugung, dass sich Menschen in Gruppen aufteilen ließen, ohne sie näher zu kennen, hatte Vella auf ganzer Linie widerlegt. Lange Zeit dämpfte dieses Bewusstsein sein Handeln. Er fühlte sich hin- und hergerissen. Roovers Plan, mit Vellas Hochzeit die Gasreserven zu sichern, schien tatsächlich dem Allgemeinwohl zu dienen, war gut durchdacht und doch so grausam, dass er keine Worte dafür fand. Wahrscheinlich steuerte er auf direktem Weg auf einen großen Fehler zu. Aber zumindest sein Herz fühlte sich im Einklang mit seinem Handeln, seit er den Entschluss gefasst hatte, in den Süd-Bezirk zu reiten, um Vella zu sehen. Was genau er außerdem dort wollte, wusste er selbst nicht. Es würde sich noch zeigen. Nur über eine Tatsache war er sich im Klaren: Er wollte Vella nicht verlieren. Es war ein Fehler gewesen, sie allein zu lassen. Eine Schuld, die er wieder bereinigen musste.
   Er schnalzte mit der Zunge und lenkte Sham zu einem kleinen Rinnsal, das vermutlich ein Ausläufer des Flusses im Norden war. Sie hatten sich beide eine Pause verdient. Er stieg ab und strich dem Hengst liebevoll über die Nüstern. Je schwieriger sich das Leben darstellte, desto weniger Freunde blieben übrig. Eine harte, aber lehrreiche Erkenntnis, die das Gefühl, Vella im Stich gelassen zu haben, übermächtig auf seine Schultern drücken ließ.
   Er hob den Sattel vom Rücken des Pferdes, streifte die Trense ab und klopfte Sham aufmunternd auf die Kruppe. »Ruh dich ein bisschen aus, wir haben noch einen anstrengenden Weg vor uns.« Jai ließ sich auf den Boden nieder, schob den Sattel hinter seinem Rücken zurecht und lehnte sich zurück. Er schloss die Augen und versuchte, die Anspannung zu verdrängen. Er musste dringend ein paar Stunden schlafen. Der Hengst fraß das Laub der Bäume und das sanfte Geräusch, das sein mahlender Kiefer erzeugte, beruhigte Jai. Er driftete in einen tiefen, aber nicht traumlosen Schlaf.

Er hing gefesselt an einem Baum. Straffe Seile schnürten seine Handgelenke und Knöchel zusammen, er spürte bereits, wie sie die Haut einschnitten. Immer wieder versuchte er, die Hände hinter dem Rücken aus den Stricken zu befreien, doch er schürfte sich lediglich die Haut auf. Schweiß lief seine Schläfen hinab, und die Kleidung klebte ihm am Leib. Er drehte den Kopf, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen, doch es gelang ihm nicht, die Umgebung hinter sich zu erfassen. Zischende und knackende Geräusche fraßen sich näher. Die Hitze musste von einem Feuer herrühren, das in unmittelbarer Nähe loderte. Er roch den Qualm von verkohltem Holz, Blättern und … verbranntem Fleisch.
   Panik schnürte ihm die Kehle zu. Ein Waldbrand konnte sich in Sekundenschnelle ausbreiten. Woher der Geruch von verbranntem Fleisch kam, wollte er erst gar nicht wissen.
   Er zerrte an den Fesseln. Nichts. Die drückende Hitze benebelte seine Sinne. Er fühlte seine Kräfte weichen. Beißender Qualm in seinen Lungen erschwerte die Atmung. Wie eine Nebelschwade zog Schwärze vom Boden empor und schien ihn verschlucken zu wollen. Lange würde er sich nicht mehr bei Bewusstsein halten können. Unter Husten und Würgen drehte er sich und versuchte, der Hitze auszuweichen.
   Aus den Schatten des Nebels tauchten Wölfe empor. Ein ganzes Rudel. Sie näherten sich, die Köpfe gesenkt, den Blick wachsam geradeaus gerichtet. Ein Kribbeln, wie das Sticheln feiner Nadeln, lief über seine Haut. Er witterte die Gefahr, sein Innerstes zog sich zusammen. Er wollte die Flucht ergreifen, doch die Fesseln hielten ihn unnachgiebig zurück und erstickten jeden Versuch im Keim.
   Kurz bevor die Schwärze über ihn einbrach, schlug er die Augen auf. Er schnappte nach Luft. Mit einem tiefen Atemzug sog er Frischluft in seine Lungen. Der Sauerstoff klärte seine Gedanken und vertrieb den Qualm. Es war nur ein Traum gewesen. Ein Albtraum, mehr nicht. Obwohl er immer noch schwach den Geruch von Feuer wahrnahm, wusste er mit Sicherheit, dass er nur geträumt hatte.
   Sham stand wenige Meter entfernt und blickte ihn aus seinen treuen Augen aufmerksam an. Jai erhob sich mit steifen Gelenken, als hätte er tatsächlich in Fesseln gehangen. Die Sonne hatte ihren höchsten Punkt bereits überschritten, aber bis zur Dämmerung blieben ihm noch mehrere Stunden. Selbst wenn er den Süd-Bezirk heute nicht mehr erreichte, beabsichtigte er, noch ein Stück des Weges zurücklegen. Er musste auf andere Gedanken kommen. Im Schlaf fand er anscheinend keine Erholung. Er schüttelte die wirren Erinnerungen an den Traum ab und sattelte Sham, der immer wieder die Nüstern in den Wind hob, als würde er eine Witterung aufnehmen. Womöglich steckte er das Pferd mit seiner Unruhe an. Er tätschelte Shams Hals, der Hengst zuckte nervös mit den Ohren. »Schon gut, mein Freund. Es ist alles in Ordnung.« Er saß auf. Immer noch kribbelte Rauch in seiner Nase. Was für eine Verwirrung der Sinne solch ein Albtraum hervorrufen konnte. Er trieb den Hengst an, bis sich die verhaltenen Tritte des Pferdes verflüchtigten und es in gewohntem Tempo vorwärtsschritt.
   Dieses Waldstück gehörte normalerweise nicht zu seinem Jagdgebiet. Dichte Wälder, die eine Zumutung für Reiter und Pferd darstellten, flankierten die Dörrwüste über mehrere Hundert Quadratmeilen hinweg. Es existierten nur wenige Trampelpfade, die eine ausreichende Höhe aufwiesen, um sie zu Pferd nutzen zu können. Der Wald ging in östlicher Richtung nahtlos in steiles Felsgebirge über, dahinter lag das Meer. Auf der Westseite der Wüste verwandelte sich der Wald auf der Hälfte der Strecke in einen dichten Dschungel, der vermutlich nur mit einer Machete zu bezwingen war. Bislang hatte er jeden Versuch, hindurchzugelangen abgebrochen. Die Vegetation reichte von fleischigen Kakteen bis hin zu undurchdringlichen Schlingpflanzen und wehrte jede Art von Eindringling gekonnt ab. Bis auf schrilles Vogelgekreische hatte er dort nicht einmal Spuren von Tieren entdeckt.
   Er beugte sich tief über den Hals des Pferdes, um den herabhängenden Zweigen auszuweichen. Die Bäume verdichteten sich, und üppiger Efeu rankte um die Stämme. Er hatte das Gefühl, auch seine Atemwege würden sich verengen. Wahrscheinlich litt er immer noch unter den Nachwehen des Albtraums. Er folgte dem Trampelpfad in gemäßigtem Tempo, bis der Weg ein Weiterreiten nicht mehr zuließ. Ärgerlich über die Verzögerung, stieg er ab und führte Sham durch das Unterholz. Ein paar Mal verfingen sich die Zügel in den Zweigen der Büsche, sodass er sie regelrecht entwirren musste. Er fluchte und trat sich den Weg frei. Kurz zog er in Erwägung, umzukehren und eine andere Route zu wählen, als er den sandigen Boden der Wüste durch die Zweige schimmern sah. Das Ende der quälenden Reise vor Augen, kämpfte er sich durch die störrischen Äste und tauchte voller Erleichterung wenige Minuten später aus dem Wald hervor. Endlich. Zumindest einen Teil der Strecke hatte er geschafft. Nicht den schwersten, aber den zeitaufwendigsten Abschnitt hatte er bewältigt. Die größte Hürde stellte der Süd-Bezirk selbst dar. Voller Tatendrang saß er auf und richtete den Blick in Richtung Horizont. Im selben Augenblick erstarrte er. Die Erinnerung des Brandgeruchs aus seinem Traum paarte sich mit dem unverkennbaren Bild, das sich ihm bot, zu ernüchternder Gewissheit. Weder die Rauchwolke noch die züngelnden Flammen ließen einen Zweifel zu: Der Süd-Bezirk brannte lichterloh.

*

Igor erwachte schlagartig. Im selben Moment wusste er, dass etwas nicht stimmte. Normalerweise verfügte er über einen gesegneten Schlaf, den selbst die Aufregung der vergangenen Tage nicht hatte stören können. Was also hatte ihn geweckt?
   Er schob die Decke zur Seite und stand auf. Ein plötzliches Krachen und Bersten ließ ihn zusammenzucken. Kurz darauf folgte ein heftiger Knall. Der Boden unter seinen Füßen erzitterte unter einer Mischung aus Erbeben und Explosion. Unmöglich. Also doch der Trug eines Traums?
   Er trat ans Fenster, um sich zu überzeugen, dass er sich täuschte, doch was er sah, sprach eine deutliche Sprache. Wüste Zerstörung, so weit das Auge reichte. Unten im Hof lagen Mauersteine wie wild verstreute Bauspielklötze, Fässer rollten umher. Es wimmelte von schreienden Menschen. Ein dumpfes Grollen dröhnte durch das Haus. Ohne Zweifel hatte ein Erdbeben den Süd-Bezirk erschüttert.
   Er stieg in seine Hose, streifte sich ein Shirt über und griff nach seiner Jacke. Er musste den Palast so schnell wie möglich verlassen. Die meisten Gebäude boten keinerlei Sicherheit bei einem Erdbeben.
   Mit wenigen Sätzen sprang er die Treppe hinunter. Aus den Augenwinkeln sah er Valborga, die mit hoch erhobenen Armen schreiend aus ihrem Zimmer stürmte. Riesige Lockenwickler thronten auf ihrem Kopf, lösten sich vereinzelt und baumelten an Strähnen herab oder fielen zu Boden. »Vik! Was zum Teufel ist hier los?« Ihre Stimme untermalte das Donnergrollen mit verblüffender Ähnlichkeit.
   Der Marmorboden im Foyer schien zu atmen. Er hob und senkte sich wie die Brust eines Riesen. Ein unschöner Riss zog sich durch die Steine und breitete sich fächerartig aus.
   »Vik!«, kreischte Valborga, doch von Vikars war weit und breit nichts zu sehen.
   Igor ignorierte ihre Hilferufe und riss die Haustür auf. Beißender Qualm schlug ihm entgegen. Das wilde Durcheinander, das er noch vor wenigen Sekunden von seinem Zimmerfenster aus beobachtet hatte, wandelte sich vor seinen Augen in ein Inferno des Grauens. Flammen brachen aus der Erde hervor, tiefe Furchen teilten den Asphalt, und überall quoll Rauch heraus, der sich am Himmel zu einer riesigen Wolke sammelte. Was zum Teufel passierte hier?
   »Los, beeilt euch!«, rief einer der Companíos dem Rest der aufgescheuchten Dienerschaft zu. »Wir müssen den Bezirk verlassen. An der Frackinganlage hat es eine Explosion gegeben, überall tritt Gas aus. Die Detonation hat den kompletten Bau einstürzen lassen.«
   Die Frackinganlage. Igor schwante nichts Gutes. Er zögerte, obwohl es außer Frage stand, dass er sich an diesem Ort nicht länger als nötig aufhalten würde. Allerdings, er grinste diabolisch, sollte er die ungeahnten Möglichkeiten, die diese Katastrophe offenbarte, keinesfalls verstreichen lassen.
   Wo mochte Vella sein? Ihr Verschwinden vorgestern hatte die gesamte Dienerschaft des Palastes in Aufruhr versetzt. Vikars hatte angeordnet, Roover gegenüber zu schweigen und in Ruhe nach Vella zu suchen, was ihm durchaus gelegen kam. Roovers Anwesenheit würde lediglich das Gelingen seiner Pläne bedrohen. Er bedauerte Vellas Verschwinden aufrichtig, ließ aber den wahren Grund seiner Befürchtungen nicht durchblicken. Sie war eine wichtige Zeugin, die er keinesfalls aus den Augen verlieren durfte.
   Das augenblickliche Chaos eröffnete ihm aber neue Wege. Er musste sie nur finden, bevor es jemand anders tat. Eine Explosion dieses Ausmaßes hatte viele Veluste zur Folge. Was ein Jammer. Kaum auszudenken, wenn auch Vella dieser Verwüstung zum Opfer fallen würde. Was für ein Schicksalsschlag für Roover. Was für ein Glück für ihn. Genau jetzt bot sich die einmalige Gelegenheit, sie zu beseitigen, ohne sich jemals dafür rechtfertigen zu müssen. In diesem Durcheinander würde niemals jemand Nachforschungen über die Todesursache der gefundenen Leichen anstellen. Er musste nur ein wenig nachhelfen und wäre seine Augenzeugin auf äußerst galante Weise los. Von den Vorfällen im Arbeitslager würde nie jemand etwas erfahren.
   Er blickte sich um und verwarf sein Vorhaben, in den Palast zurückzukehren. Es erschien ihm mehr als unwahrscheinlich, dass sich Vella während der Explosion noch dort aufgehalten hatte. Abgesehen davon versperrten mittlerweile herabfallende Mauerelemente der oberen Etagen die Eingangstür. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der riesige Kubus einstürzen würde. Wo sollte er suchen? Die vage Vermutung, dass Vella bei dem Erdbeben ums Leben gekommen war, reichte leider nicht, um sicherzugehen. Er musste Gewissheit haben. Er wollte ihre Leiche sehen, bevor er sich aus dem Staub machte.
   Valborga kletterte umständlich über die Brocken der Außenmauer, die den Ausgang versperrten, und schrie wie am Spieß. Er verspürte den unwiderstehlichen Drang, ihr ein für alle Mal das laute Mundwerk zu stopfen.
   »Igor! Wie gut, dass du da bist! Vik und Vigo sind nirgendwo zu finden.«
   Er zwang sich zu einem höflichen Lächeln. »Sie werden sicher wieder auftauchen.«
   »Hoffentlich ist ihnen nichts passiert!« Sie raufte sich die Lockenwickler und lief rot an, als ihr offensichtlich bewusst wurde, dass sie mit aufgedrehten Haaren und im Nachtgewand in der Öffentlichkeit herumlief.
   Er verkniff sich ein Grinsen. Als ob jemand, der Valborga im Nachthemd begegnete, zweimal hinsehen würde. Vikars hatte einen unfassbar schlechten Geschmack. Er wollte nicht weiter darüber nachdenken, wie sich das Liebesleben des Süd-Präsidenten mit dieser Frau gestaltete. Dafür war jetzt wirklich nicht der richtige Moment. »Ich sehe im Stall nach«, rief er über die Schulter zurück und spurtete los.
   Womöglich befanden sich Vikars und Vigo schon auf dem Weg hinaus. Er musste unbedingt verhindern, dass Valborga ihm auf den Fersen blieb. Diese lautstarke Matrone war das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte. Valborgas Rufe gingen in dem ohrenbetäubenden Lärm einer weiteren Explosion unter. Sollte sie sehen, wie sie hier rauskam.
   Er erreichte die Stalltür, bevor ein Schwall herabfallender Mauersteine ihn treffen konnte, hatte aber nicht die Pferde bedacht, die in panischer Angst zum Ausgang drängten. Im letzten Moment gelang es ihm, sich seitlich hinter der Tür an die Wand zu drücken. Hufe donnerten wie Kanonenschläge an ihm vorbei. Die Eisen erzeugten Funken auf dem Asphalt, die in alle Richtungen stoben. Der Hof war erfüllt von dem Lärm schreiender Menschen, von denen es nicht alle rechtzeitig schafften, sich in Sicherheit zu bringen.
   Es dauerte einen Moment, bis sich der aufgewirbelte Staub legte. Vor ihm erstreckten sich leere Boxen. Weder Vikars noch Vigo – und leider auch kein einziges Pferd – befanden sich mehr im Stall. Dieser Tatbestand erschwerte sein weiteres Vorgehen. Er musste jedoch nicht lange überlegen und sprintete zur Ostseite des Palastes. Seine letzte verbliebene Fluchtmöglichkeit stellten die mit Erdgas betriebenen Fahrzeuge dar. Er hatte keine Ahnung, ob diese Autos die Geschwindigkeit eines Pferdes erlangten, aber ihm war alles lieber, als zu Fuß zu gehen.
   Als er die Garage erreichte, musste er feststellen, dass er nicht der Einzige mit dieser grandiosen Idee gewesen war. Der Großteil der Fahrzeuge fehlte. Lediglich zwei der eierförmigen Kapseln hingen noch an den Schläuchen der Versorgungsanlage, die allem Anschein nach von Explosionen und Erdbeben verschont geblieben war.
   Er stürzte sich auf das nächstbeste Fahrzeug und riss die Tür auf. In der Hektik hatte er nicht bemerkt, dass hinter der geöffneten Glashaube jemand stand.
   Vigo starrte ihn mit angriffslustigem Blick an. »Vergiss es, Igor.«
   Er hob überrascht die Augenbrauen. »Ach, sieh mal einer an. Anstatt bei seiner Mutter zu bleiben, macht sich der wohlerzogene Junge aus dem Staub.«
   »Spar dir deinen Sarkasmus und geh mir aus dem Weg, das ist mein Wagen.«
   »Das können wir gern ausdiskutieren«, antwortete er lächelnd, krempelte die Ärmel hoch und ließ seine Fingergelenke knacken. »Ich schlage der Einfachheit halber vor, dass du den anderen Wagen nimmst.«
   »Abgelehnt. Der ist nicht aufgeladen. Such dir dein eigenes Fortbewegungsmittel. Dieses Auto gehört mir.«
   Aus den Augenwinkeln bemerkte er eine plötzliche Bewegung. Mit wildem Gebrüll stürzte ein Mann aus dem Hinterhalt auf ihn zu. Mit einem kräftigen Stoß hieb Igor seinen Ellbogen nach hinten. Ein erstickter Laut bestätigte, wie wirkungsvoll diese Abwehr war. Der Angreifer fiel taumelnd zu Boden. Igor warf ihm einen abfälligen Blick zu, begutachtete mit Zufriedenheit das vor Atemnot verzerrte Gesicht und lächelte Vigo diplomatisch an. »Ich denke, das sollte fürs Erste reichen, um dich zu überzeugen. Wir teilen brüderlich. Ich fahre.«
   Vigo trat mit erhobenem Kinn vor. »Nein, wenn ich dich mitnehme, fahre ich. Wir werden unter Garantie keine Zeit mit ausschweifenden Erklärungen verschwenden. Ich kenne mich mit diesen Fahrzeugen besser aus.«
   Ein schlagendes Argument, ob es ihm passte oder nicht. Widerwillig brummend stieg er auf der Beifahrerseite ein, ohne Vigo aus den Augen zu lassen. Igor konnte den Jungen eigentlich nicht gebrauchen, solange er das Problem Vella noch nicht aus dem Weg geschafft hatte. Aber es war klüger, auf eine bessere Gelegenheit zu warten, um sich seiner Anwesenheit zu entledigen. Vorrangig musste er die flüchtige Prinzessin finden.
   Vigo schaltete die Ladestation ab, zog den Gasschlauch aus dem Einfüllstutzen und stieg ein. Er startete den Motor. »Selbst bei maximaler Aufladung ist die Reichweite dieser Autos jämmerlich. Sie eignen sich aufgrund ihrer geringen Größe nicht für weite Strecken. Wir sollten uns darüber einig sein, wohin wir fahren. Jeder unnötige Umweg verschwendet Energie und Zeit. Auf dem Gelände der Frackinganlage steht ein Hybridprototyp eines Gasfahrzeugs, der über eine deutlich höhere Reichweite verfügt. Ich schlage vor, dass wir zuerst einen Abstecher dorthin machen.«
   »Was stehst du dann noch hier rum?«
   Vigo verzog genervt das Gesicht. Er steuerte den Wagen aus der Garage, geradewegs auf Valborga zu. »Ach du Scheiße!« Er duckte sich fluchtartig.
   Unter schallendem Gelächter griff Igor ins Lenkrad und grinste der keifenden Valborga im Vorbeifahren zu. Zumindest wehrte die Glaskuppel des Fahrzeugs sowohl den Rauch als auch die zahlreichen Neider ab, die sich an ihre Fersen hefteten. Jeder wollte eines der letzten Fahrzeuge ergattern. Die Angreifer versuchten, den Wagen zu fassen zu kriegen, doch die aalglatte Oberfläche verhinderte, dass sie sich festhalten konnten. Er atmete auf, als sie den langen Zufahrtsweg zum Palast hinter sich ließen und auf der abschüssigen Straße an Geschwindigkeit zulegten.
   Vigo hatte das Steuer wieder übernommen und blickte angespannt geradeaus. »Ich frage mich die ganze Zeit, wo Vella ist.«
   Igor warf ihm einen misstrauischen Seitenblick zu. »Und? Hast du eine Vermutung?« Vielleicht war es doch nicht so dumm, den Jungen mitzunehmen? Womöglich verfügte er über Informationen, die ihm bei der Suche nach Vella behilflich sein konnten.
   Vigo zögerte mit seiner Antwort. »Einerseits denke ich nicht, dass sie den Bezirk verlassen hat. Im Umkreis von mehreren Meilen findet man nichts als Wüste, kein Ort für ein Mädchen. Sie würde nicht lange durchhalten.« Ein verächtliches Lächeln umspielte seine Lippen. »Andererseits frage ich mich, was sie dazu bewegen könnte, hierzubleiben?«
   Igor nickte. Das fragte er sich auch. Es fiel ihm ebenfalls schwer, sich die verwöhnte Vella in der Dörrwüste vorzustellen. Allerdings hatte sie in den vergangenen Wochen wiederholt das bisherige Bild, das er sich von ihr zurechtgelegt hatte, infrage gestellt. Es war ihm immer noch nicht ganz klar, was sie in der Zeit bei den Outlaws wirklich erlebt hatte. Auf keinen Fall durfte er den Fehler begehen, Vella zu unterschätzen. Sie wusste zu viel. Zu viel, was ihn Kopf und Kragen kosten konnte und seine Karriere im Rat der Neun nur allzu schnell beenden würde, wenn Roover davon erfuhr.
   »Wo also könnte sich Vella im Süd-Bezirk versteckt halten?«, fragte er. »Vermutlich wählt sie einen Ort, den sie schon kennt.«
   »Sie wollte bei der Besichtigung des Bezirks unbedingt die Erdgasanlage sehen.« Vigo warf ihm einen vielsagenden Blick zu. »Sie meinte, sie interessiere sich für Autos.«
   Igor stieß einen verächtlichen Laut aus. »Das kann ich mir kaum vorstellen, aber diesen Anhaltspunkt sollten wir verfolgen. Sehen wir uns zuerst die Erdgasanlage an. Immerhin gibt es dafür jetzt zwei gute Gründe.« Er warf Vigo einen Seitenblick zu. »Warum bist du eigentlich so heiß darauf, Vella zu finden?«
   Vigo antwortete nicht.
   »Ich hatte nicht das Gefühl, dass ihr euch besonders gut versteht«, hakte Igor nach.
   »Ich hatte nicht das Gefühl, dass sie freiwillig in diese Hochzeit eingewilligt hat. Immerhin hat sie einen Freund«, konterte Vigo.
   Igor pfiff durch die Zähne. Vielleicht hatte er Vella bislang doch unterschätzt? Vielleicht aber unterschätzte Vella auch ihn? Das würde sich noch herausstellen.
Kapitel 3
Gefährliche Spur

Die immer höher aufsteigenden Flammen verwandelten die Rauchwolke in ein düsteres Firmament, das sich von Minute zu Minute weiter ausbreitete. Je mehr sich Jai dem Süd-Bezirk näherte, desto bedrohlicher wirkte der Himmel. Mit jedem zögernden Schritt des Pferdes fühlte er sich weniger bereit, zu sehen, was dort passiert war. In verhaltenem Tempo trieb er Sham vorwärts. Angst schnürte ihm die Kehle zu und griff mit ihren eisigen Fingern nach seinem Herzen. Würde er Vella dort finden? Gab es Überlebende? Was hatte dieses Feuer ausgelöst?
   Obwohl er mit dem Schlimmsten rechnete, offenbarte sich ihm das Ausmaß der Katastrophe erst, als er das Portal erreichte. Verkohlte Holzreste ließen bestenfalls erahnen, dass hier einst ein massives Tor gestanden haben musste. Die Eisenscharniere hingen von der Hitze verbogen herunter wie aufgeweichtes Gummi. Ein Blick hinter die Mauern des Palastes bestätigte seine schlimmsten Vermutungen.
   Verwüstung. Zerstörung. Von Menschen war weit und breit nichts zu sehen. Er kam zu spät. Das Feuer musste bereits vor mehreren Stunden, wenn nicht gar Tagen, ausgebrochen sein. Die Bewohner des Palastes hatten sich vermutlich längst in Sicherheit gebracht oder waren in den Flammen ums Leben gekommen. Er schluckte. Wo war Vella? In den Trümmern des Palastes? Sein Magen zog sich zusammen. Im Umkreis des Süd-Bezirks gab es nichts als Wüste. Mehrere Quadratkilometer zog sich das öde Land, bis es am Rande des Horizonts abrupt im dichten Dschungel stecken blieb. Eine Möglichkeit des Unterschlupfs bot sich dort nur, wenn man die Größe eines Kaninchens hatte. Gab es einen weiteren Ausgang? Vielleicht auf der Westseite? Oder existierte auch in diesem Bezirk ein Geheimgang, der an einer weiter entfernten Stelle zurück an die Oberfläche führte?
   Er trieb Sham mit sanftem Druck vorwärts. Der beißende Geruch von Rauch erfüllte die Luft, die bei jedem Atemzug in der Lunge stach. Er zog sein T-Shirt über Mund und Nase und sah sich nach einer Möglichkeit um, auch Sham die Nüstern abzudecken.
   Die erste Leiche hing wenige Meter weiter kopfüber in einem Wassertrog. Mehrere spartanisch aussehende Häuser, vermutlich die Unterkünfte der Companíos, säumten die Zufahrt zum Palastgebäude.
   Der füllige Körper der toten Frau wirkte aufgequollen. Die Kleidung hatte sich bereits bis über die Hüften mit Wasser vollgesogen.
   Er stieg ab, trat zögerlich näher und besah sich die zahlreichen Brandwunden an den Armen und Händen der Leiche. Die Haut war schwarz verfärbt, es roch nach verbranntem Fleisch. Er wagte nicht, den Kopf der Companía aus dem Wasser zu ziehen. Den Anblick ihres Gesichts wollte er nicht auch noch in seinem Gedächtnis speichern müssen, die Bilder um ihn herum waren grausam genug. Hier kam jede Hilfe zu spät. Unter größter Überwindung riss er ein Stück Stoff von ihrem Rock ab und band es Sham um die Nüstern.
   Abgesehen vom leisen Knistern des verendenden Feuers vernahm er keinerlei Geräusche, die auf Überlebende im näheren Umkreis hingedeutet hätten. Dennoch betrat er mit angehaltenem Atem das Haus. Der Deckenbalken war eingestürzt und hatte den Esstisch in der Mitte gespalten. Die beiden Kinder, die sich dort gegenübergesessen hatten, klemmten mit aufgeplatzten Schädeln darunter. Jai kämpfte gegen den aufsteigenden Druck in seiner Kehle an. Sein Magen rebellierte. Er wandte sich ab, stürzte aus dem Haus und erbrach sich.
   Ohne sich noch einmal umzusehen, stieg er wieder auf sein Pferd und richtete den Blick nach vorn. Er würde erst wieder absteigen, wenn er den Palast erreicht hatte. Er musste seine Kräfte aufbewahren, für den Fall, dass … Falls er Vella …
   Er verdrängte den Gedanken, vergrub seine Hände in Shams Mähne und trieb ihn vorwärts, ohne die Leichen am Wegesrand näher zu betrachten. Vellas langes goldblondes Haar würde er nicht übersehen.

Die Überreste des Süd-Palastes ließen darauf schließen, dass es ein modernes Gebäude in kantiger Form gewesen war. Groß und kalt. Kein Ort, an dem Vella sich wohlgefühlt hätte. Das genaue Gegenteil des Nord-Palastes, der den Charme eines alten Bauwerks versprühte. Ein Relikt einer Epoche, aus der sonst nur Ruinen und Mauerreste existierten.
   Wann mochte dieses Haus entstanden sein? Wo hatte Vikars die Baumaterialien aufgetrieben? Er musste Unmengen an Beton, Glas und Stahl benötigt haben. Ein ähnliches Bauwerk hatte Jai nie zuvor gesehen.
   Er stieg aus dem Sattel und trat mit einem beklemmenden Gefühl im Bauch auf das Gebäude zu. Der Kern des Hauses stand noch. Beschädigt wirkte auf den ersten Blick vornehmlich die obere Etage, deren Außenwände herabgestürzt und zerbröckelt am Boden lagen. Das verbliebene Gebilde sah aus wie ein Puppenhaus, bei dem die Innenräume freilagen.
   Er kletterte über Schuttberge, die den Eingang blockierten. Die Bodenplatten im Entree wiesen tiefe Furchen auf. Unschöne Risse zogen sich über die Treppe bis hinauf in das Obergeschoss. Die Decke hing in Fetzen herab, und Putz bröckelte von den Wänden. Bilder, Vasen und andere Gegenstände lagen wild verstreut.
   Vorsichtig betrat er die Treppe. Die Stufen hoben sich seitlich neben dem Riss und brachen nach außen hin ab, als ob etwas von unten nach oben gedrückt hätte. Er stieg am Rand des Geländers in die obere Etage und besah sich den langen Flur. Unzählige Türen, die vermutlich in etliche Schlafgemächer führten, reihten sich aneinander. Es würde viel Zeit erfordern jedes Zimmer zu durchsuchen, aber er konnte nicht gehen, ohne sich vergewissert zu haben, dass Vella nicht hier war.
   Mit klammen Fingern öffnete er die nächstbeste Tür zu seiner Rechten. Die Decke hing herab, sodass er durch das Dach sehen konnte. Was für ein skurriler Anblick. Ein großes Bett aus dunklem Holz, über dem sich die rauchgeschwängerte Luft des abklingenden Feuers sammelte. Vermutlich eines der vielen Gästezimmer des Hauses. Nichts deutete auf Vella hin.
   Er wandte sich dem nächsten Raum zu. Eingestürzte Wände. Leere. Keine Menschenseele. Zumindest war ihm schnell klar, dass es keineswegs lange dauerte, zu überprüfen, ob sich noch jemand in der Ruine aufhielt.
   In einem besonders großen Raum am Ende des Ganges fand er das, wovor er sich gefürchtet hatte: Eine Frau lag mit dem Gesicht nach unten auf einem riesigen weißen Bett. Er stieg über die Scherben einer Blumenvase. Blüten und Stängel verteilten sich auf dem Boden. Ein Mädchenzimmer. Alles in Weiß. Die Farbe schrie geradezu nach Hochzeit. Das klassische Weiß verkörperte eine alte Tradition aus der Zeit vor der Havokade.
   Jeder Schritt verengte seinen Brustkorb. Als er vor dem Bett stand und mit zitternden Fingern den Kopf der jungen Frau anhob, um die goldblonden Haare aus ihrem Gesicht zu streichen, hatte er das Gefühl, nicht mehr atmen zu können.
   Die Erkenntnis, dass es nicht Vella war, löste eine tonnenschwere Last von seinem Brustkorb. Er unterdrückte ein Stöhnen und ließ den leblosen Kopf des fremden Mädchens behutsam zurück auf die Bettdecke sinken. Sie war in Vellas Alter, vielleicht eine Companía. Ihre Statur glich Vellas schlankem Körper, und der starre Blick ihrer blauen Augen ließ ihn nicht mehr los. Aber es war nicht Vella. Nicht Vella.
   Er stürmte aus dem Zimmer und riss eine Tür nach der anderen auf. Immer schneller arbeitete er sich bis zur letzten Tür vor, holte tief Luft und öffnete sie mit einem hastigen Ruck.
   Das Zimmer wirkte anders als alle vorherigen. Die Wände waren in düsterem Grün gehalten. Schwere Stiefel deuteten darauf hin, dass der Bewohner ein Mann vom Militär gewesen war. Der Schreibtisch, übersät mit Papieren, zog unweigerlich seine Aufmerksamkeit an. Er trat wie hypnotisiert näher und entdeckte unzählige Bilder … von Vella. Fotos wie aus Großvaters Zeiten, seltene Exemplare eines Technikzeitalters, das lange zurücklag. Wie war es möglich, heutzutage noch Fotos herzustellen?
   Er nahm einzelne Bilder hoch und schob ganze Stapel beiseite. Beinahe auf jedem Bild erkannte er Vella. Der wechselnde Hintergrund zeigte vermutlich die Zimmer des Palastes. Auf einem einzigen Foto sah man Vella im Wald, in inniger Umarmung mit … ihm. Er erstarrte. Der einzige Augenblick, in dem er Vella so nah gekommen war, ihr intimster Moment, von dem er geglaubt hatte, dass er nur ihnen gehörte. Das einzige Mal, als er sich ganz in seinen Gefühlen verloren, jedes Geräusch um sich herum ausgeblendet, und nur Vella gespürt hatte. Er stieß einen wütenden Laut aus und krampfte seine Finger um das Foto. Er hatte geglaubt, mit Vella allein zu sein. Wer zur Hölle hatte sie dabei beobachtet, wie sie sich liebten?
   Eilig steckte er das Bild ein und suchte noch zwei weitere heraus, die Vella in Nahaufnahme zeigten. Obwohl er das Funkeln in ihren Augen vermisste und ein trauriger Zug um ihren Mund lag, sah sie wunderschön aus. Glücklich war sie zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht gewesen. Es schmerzte, daran zu denken, wie sie sich gefühlt haben musste, in diesem Haus gefangen zu sein. Dennoch vermochte er nicht zu sagen, ob es ihn noch mehr verletzt hätte, wenn er diese Trauer nicht in ihrem Blick gesehen hätte.
   Bei dem Gedanken fühlte er sich noch schlechter als zuvor. Nur ein Egoist würde so empfinden. Hätte er nicht alles dafür geben müssen, Vella glücklich zu sehen? Aber glücklich war sie nicht gewesen. Ganz sicher nicht.
   Ärgerlich stieß er den Stuhl von sich weg, der neben ihm stand. Das hier musste Vigos Zimmer sein. Der Sohn des Süd-Präsidenten ging zur Militärschule. Jai ließ seinen Blick durch den Raum gleiten. Es war nicht nötig, alle Sachen zu durchsuchen. Er hatte genug gesehen. Er musste Vella finden, anstatt seine Zeit zu vergeuden. Er verließ den Raum und warf mit einem wütenden Schwung die Tür hinter sich zu, sodass die geschwächten Wände erzitterten.
   Als Nächstes durchsuchte er das Erdgeschoss. In der Küche lagen Töpfe und Pfannen verstreut, die Tür des Backofens stand offen, davor die Leiche einer Companía. Zwei weitere Dienerinnen lagen mit verdrehten Beinen vor der Tür zur Speisekammer. Ein Küchenschrank hatte sie erschlagen. Er warf einen kurzen Blick auf die Lebensmittel und schnappte sich einen Laib Brot.
   Es folgten Verhandlungszimmer, Salons, Wohnzimmer, Kaminzimmer. Leere, uninteressante Räume. Für das Arbeitszimmer nahm er sich mehr Zeit, vielleicht entdeckte er geheime Dokumente?
   Jai hielt inne und brach die Durchsuchung ab, als er sich eingestehen musste, dass die Zeit, in der er sich für politische Akten interessiert hatte, längst der Vergangenheit angehörte.
   Den Durchgang zu einem langen Flur in den hinteren Gebäudekomplex versperrten eingestürzte Wände. Er kehrte um, stieß mit dem Ellbogen eine Fensterscheibe ein und kletterte zurück ins Freie. Der Hof sah noch schlimmer aus als das Innere des Hauses. Vermutlich waren die Menschen, vom Erdbeben und Feuer überrascht, aus dem Gebäude geflüchtet und planlos draußen umhergeirrt, bis sie den Bezirk entweder verlassen hatten oder noch vorher verbrannten, erschlagen wurden oder an einer Rauchvergiftung starben. Er hatte keine Ahnung, welche Todesursache dafür verantwortlich war, dass sich Leiche an Leiche reihte, aber unverkennbar hatten sich diese Menschen durch die letzten Minuten ihres Lebens gequält. Verzerrte Gesichter, blutüberströmte Körper, verbrannte Haut. Er wandte sich ab. Vella war nicht hier. Immer wieder hielt er sich diese Erkenntnis vor Augen.
   Einerseits erfüllte es ihn mit Erleichterung, andererseits hatte er keinen blassen Schimmer, wo er nach ihr suchen sollte. Anscheinend hatte jeder, der noch laufen oder kriechen konnte, den Bezirk verlassen und er konnte nur hoffen, dass auch Vella die rettende Flucht gelungen war.
   Sham tänzelte unruhig von einem Bein auf das andere. Der verkohlte Geruch, den die heruntergebrannten Häuser und vor allem der Gestank nach verkohltem Fleisch hinterließen, reizte die Atemwege. Trotz des Stoffs, den er Sham um die Nüstern gewickelt hatte, musste es das Pferd enorme Überwindung kosten, nicht ebenfalls zu flüchten.
   »Schon gut, mein Alter.« Er strich ihm über das schweißnasse Fell. Die Angst saß auch ihm im Nacken. Er fühlte die aufgerichteten Härchen auf seinem Rücken wie die Tasthaare eines Raubtiers. Der Tod war hier so allgegenwärtig, dass er selbst jemanden wie ihn das Fürchten lehrte, obwohl er schon viele Leichen gesehen hatte.
   Jai stieg auf und trabte die Einfahrt hinunter. Der südliche Hot Blood-Bezirk zog sich viel weiter als Roovers Reich im Norden. Jai blickte zum Himmel, während er überlegte, wie es Vikars gelungen sein mochte, die Kuppel über diese weitreichende Fläche zu spannen. Zwischen den dichten Rauchwolken entdeckte er eine winzige blaue Stelle. Er erstarrte. Der Schutzschild fehlte. Es war ihm zuvor nicht aufgefallen, und der Qualm hatte es vermutlich verdeckt, doch die winzigen Lichtblicke zwischen den Wolken ließen keinen Zweifel zu. Die Kuppel existierte nicht mehr. Wenn sich der Rauch verzog, würde man direkt in den Himmel sehen.
   Die Neugier trieb ihn unter eine größere blaue Stelle am Himmel. Am Ende der Zufahrt bog er nach links ab und folgte der einzigen Straße, die entlang der Mauer durch den Bezirk führte. Er musste herausfinden, ob es Gegenden gab, die weniger zerstört waren, bevor er Vella außerhalb des Süd-Bezirks suchte. Möglicherweise hielten sich dort noch Überlebende auf?
   Je mehr sich die Straße vom Palast entfernte und in sanften Biegungen über fruchtbare Landschaft zog, desto ruhiger ging Shams Atmung. Die Katastrophe war hier kaum noch spürbar. Hin und wieder trat ein Hügel unnatürlich aus dem Boden hervor, aber nur bei genauerem Hinsehen erkannte er, dass es sich um frisch herausgebrochene Erdstücke handelte. Kein Mensch und kein Tier begegnete ihm.
   Erst nach geraumer Zeit erkannte er in der Ferne ein kleines Haus. Was mochte der Grund dafür sein, dass diese unbebauten Wiesenflächen unter der Kuppel lagen? Ungenutztes Land unter der Schutzkuppel zu verbergen machte keinen Sinn, dafür waren die Gasreserven zu knapp und die Fläche zu kostbar.
   Als er näher kam, entpuppte sich das Gebäude als Wachhäuschen. Der eigentliche Bau befand sich weiter hinten. Ein hochgezogener Maschendrahtzaun begrenzte das Gebiet, so weit das Auge reichte. Das Merkwürdigste aber war, dass es von Weitem aussah, als wäre ein Loch im Boden entstanden und die Erde nach innen eingebrochen.
   Er brachte das Pferd zum Stehen. Der Zaun war an einigen Stellen einfach umgekippt. Das Tor vor ihm stand offen. Es hielt sich niemand mehr in dem Wachhäuschen auf. Er ritt durch das Tor und fokussierte seinen Blick auf die seltsame Innenwölbung im Boden. Daneben stand ein niedriges Gebäude, das stark gelitten hatte, jedoch nicht zerstört war.
   Ein eigentümliches Quietschen drang aus dem Loch in der Erde. Vielleicht lag hier der Standort einer ehemaligen Fabrik? Er stieg ab und überließ Sham sich selbst. Er hatte keine Ahnung, inwieweit der Boden an einigen Stellen immer noch unsicher war. Sorgsam testete er, wie nah er sich an die Einsturzstelle heranwagen konnte. Schritt für Schritt. Offensichtlich musste sich schon vor der Katastrophe ein Hohlraum unter der Erde befunden haben – oder ein unterirdisches Gebäude? Ähnlich wie in der Prohibida?
   Das letzte Stück bis zum Rand kroch er auf allen vieren. Linker Hand reichte das Loch so tief, dass er am Ende nichts als schwarze Dunkelheit erkennen konnte. Er erhob sich und schlich um den Bau herum. Der Eingang wirkte unversehrt. Die Tür stand leicht offen, als ob vor Kurzem jemand hindurchgegangen wäre. Konnte es sein, dass sich dort noch Menschen aufhielten?
   Er schüttelte kurz den Kopf, als könnte das seine wirren Gedanken vertreiben. Sicher nur unnötige Panikmache. Wenn er bisher niemanden lebend im Süd-Bezirk angetroffen hatte, warum sollte er ausgerechnet hier jemanden finden? Die Wahrscheinlichkeit, Vella zwischen den Trümmern zu entdecken, schwand, je mehr er darüber nachdachte. Vermutlich war es sinnlos weiter nach ihr zu suchen. Er würde weder sie noch sonst jemanden hier vorfinden, weil alle Überlebenden längst geflüchtet waren. Es widerstrebte ihm, über das Auffinden weiterer Leichen nachzudenken. Dennoch öffnete er entschlossen die Tür. Er konnte nur herausfinden, ob sich seine Suche gelohnt hatte, wenn er sie auch zu Ende führte.
   Der kleine Vorraum wies etliche Risse und brüchige Stellen auf, der Boden machte jedoch einen tragfähigen Eindruck. Ein Gang verlief weiter in das Gebäude hinein. Mehrere Türen zweigten seitlich ab, die alle die Aufschrift »Eintritt verboten« trugen. Er versuchte, die erste Tür zu öffnen, musste aber feststellen, dass abgeschlossen war. Daraufhin folgte er dem leicht abschüssigen Flur bis an eine baufällige Treppe, die weiter nach unten führte. Vorsichtig stieg er hinab, jederzeit darauf vorbereitet, dass Teile der Stufen unter ihm einstürzen oder wegbrechen könnten. Er erreichte jedoch ohne Zwischenfälle die untere Etage. Eine riesige Halle, in der unzählige Apparate standen. Er hatte keinerlei Schimmer, worum es sich dabei handelte. Der vordere Bereich wirkte unversehrt, ab der Mitte jedoch fiel der Boden schlagartig ins Nichts ab. Das musste das große Loch sein, das er von oben gesehen hatte. Die Reste einer Wendeltreppe ragten am Rande des Abgrunds hervor, als wäre sie wahllos abgerissen worden. Das Eisengeländer hing verdreht in der Luft, und eine einsame Stufe führte hinab in die Tiefe. Ein Schauder lief seinen Rücken hinab. Er warf einen Blick nach unten, doch auch von hier konnte er nichts als unendliche Schwärze erkennen. Etwas Riesiges musste an dieser Stelle abgestürzt sein. Ein Teil der Fabrik? Eine Maschine? Was auch immer es gewesen war, er würde dieses Rätsel nicht lösen. Nachdenklich schritt er an den Gerätschaften vorbei, ohne dem Rand des Loches nahezukommen. Computer, Schaltpulte und Ähnliches.
   Er stieg wieder in die obere Etage hinauf, lief den Gang zurück und hielt abrupt, als er bemerkte, dass eine der Türen nur angelehnt war.

*

Igor folgte Vigo schweigend durch den langen Gang, bis er an einer der vielen Türen anhielt und einen Schlüssel aus der Tasche zog. Ein Klacken bestätigte das Entriegeln des Schlosses, und Vigo trat ein. Mit einer gewissen Überheblichkeit im Blick hielt er ihm die Tür auf. »Es ist eigentlich ein Militärgeheimnis, aber ich denke, dieser Punkt sollte im Augenblick unerheblich sein.«
   Vor ihnen stand ein riesiges Gebilde, das von einem weißen Tuch verhüllt wurde. Vigo zog es mit einem Schwung beiseite. »Der Prototyp dieses Raupenfahrzeugs ist darauf ausgerichtet, Aufklärungsfahrten in bislang unerforschten Gebieten auszuführen. Er wird mit Gas betrieben und die Kettenlaufwerke sind kräftig genug, um Schutt und Geröll zu zermalmen oder zu überwinden. Der Korpus hält Feuer, Regen, Kälte und Strahlung ab. Außerdem befindet sich ein Navigationsgerät an Bord, das sich auch bei Dunkelheit zielgerichtet steuern lässt.«
   »Das ist ein Panzer«, unterbrach er Vigo trocken. »Ein Kriegsfahrzeug aus der Zeit vor der Havokade.«
   »Es war einmal ein Panzer. Lediglich das Äußere erinnert noch daran, innen ist er komplett überholt.«
   Igor blickte Vigo mit offener Skepsis an. »Wahrscheinlich fällt es auch unter Militärgeheimnisse, woher ihr diese Materialien habt und von was für unentdeckten Gebieten du sprichst?«
   »Ich denke, dass ihr im Norden ebenfalls Entwicklungen verheimlicht, weshalb also die Überraschung?« Vigo hatte die Frage geschickt in eine Gegenfrage umgewandelt und sah ihn herausfordernd an. Vielleicht hatte er bislang nicht nur Vella, sondern auch den Sohn des Süd-Präsidenten unterschätzt. »Was meinst du damit?«
   Vigo lächelte. »Ich habe meine Späher im Wald rund um den Nord-Bezirk positioniert. Ich sehe eine Menge mehr, als du vielleicht denkst. Es existieren sogar Aufzeichnungen von geheimen Aktivitäten in der Nähe des alten Atomkraftwerks. Irgendetwas wird dort abgebaut und ich habe die Vermutung, dass nicht einmal der Präsident davon weiß.«
   Igor brachte all seine Konzentration auf, um Vigo nicht mit offenem Mund anzustarren.
   »Eigentlich war es Vella, die ich beschatten lassen habe. Ich wollte wissen, wie sie so ist. Die Entdeckung, dass sie eine Affäre mit einem Outlaw hat, war nicht gerade das, was ich herausfinden wollte.« Vigo starrte zu Boden und stieß mit der Stiefelkappe gegen den Türrahmen. »Sie treibt sich mit einem verdammten Paria herum, während sie sich angeblich auf die Hochzeit vorbereitet«, stieß er wütend hervor. »Genaugenommen ist er der Anführer der Outlaws, die eure Karawanen überfallen. Ich wette, das hast du auch nicht gewusst.«
   Igor zögerte. Es missfiel ihm, sich als Dummkopf zu outen. Vigos Andeutung über die Prohibida zeigte deutlich, dass er gezielte Informationen besaß und Igor wollte zu gern herausfinden, woher Vigo diese Kenntnis nahm. Insbesondere die Tatsache, dass er zu wissen schien, wer der Outlaw-Führer war, reizte ihn, die Zusammenarbeit mit Vigo fortzuführen. Im Grunde konnte es ihm egal sein, mit wem sich Vella rumtrieb, aber es drängte ihn schon lange danach, den Verdacht bestätigt zu sehen, dass es sich bei dem jungen Rebellen um Rahuls Sohn handelte. Oberste Priorität aber blieb seine Suche nach Vella. Er musste sie so schnell wie möglich ausschalten. Umso besser, wenn sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen ließen und er Vella und den Outlaw gemeinsam erwischte. »Ich sehe, du hast allen Grund, dich zu freuen, dass du sie los bist. Warum also bist du auf der Suche nach ihr?«
   Vigos Augen verengten sich zu Schlitzen. »Ich will den Typen fertigmachen, der meinem Stolz geschadet hat und ich brauche Vella, um herauszufinden, wo er sich aufhält.«
   Igor nickte zufrieden. »Rache ist besser als Sex. Sie befriedigt nachhaltiger.« Er grinste. »Also schaffen wir den Panzer hier raus und brechen auf.«
   Vigo zögerte. »Moment, nicht so eilig. Worin liegt dein Interesse, sie zu finden? Ich kaufe dir die Rolle des sorgenden Onkels einfach nicht ab. Hat es etwas mit den Vorfällen in der Prohibida zu tun?«
   »Was genau meinst du?« Igor versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihn Vigos Frage beunruhigte.
   »Ach, komm schon, Igor. Ich weiß ohnehin, dass da etwas läuft. Du kennst mein Geheimnis. Es ist an der Zeit mir deins zu verraten. Wir befinden uns in einer klassischen Pattsituation.«
   »Sagen wir mal so«, Igor zögerte, »Vella und ich haben ebenfalls ein kleines Geheimnis. Ich möchte nur sicherstellen, dass sie sich an unsere Vereinbarung hält und nichts ausplaudert. Wirklich sicherstellen. Der Umstand, dass sie so plötzlich aus dem Süd-Bezirk geflohen ist, hat meine Pläne in dieser Hinsicht etwas durcheinandergebracht. Mir fehlte die Gelegenheit, noch einmal mit ihr darüber zu sprechen, wenn du verstehst, was ich meine.«
   Vigo bleckte die Zähne und zeigte ein dreckiges Grinsen. »Mir fehlte ebenfalls bei einigen Dingen die Gelegenheit. Wenn du mir also vorher ein paar Minuten mit Vella lässt, wüsste ich nicht, was uns aufhalten sollte?« Vigo öffnete schwungvoll die Tür und wandte sich zum Ausgang.
   Im gleichen Moment sah Igor den jungen Mann. Vigo hingegen rauschte frontal in die erhobene Faust, die der andere in einer flinken Handbewegung nach vorn stieß, um ihm einen Kinnhaken zu verpassen.
   Er zog seine Heater aus dem Halfter, während Vigo zurücktaumelte. Der Angreifer packte Vigo am Kragen, drückte ihn gegen die Wand und entriss ihm geschickt die Waffe, die er längst hätte einsetzen müssen. In dieses Handgemenge konnte er unmöglich eingreifen. Was war Vikars’ Sohn für ein Idiot, dass er sich derart schnell überrumpeln ließ? Igor hätte sich am liebsten vor die Stirn geschlagen. Obwohl der Junge auf die Militärschule ging und zugegeben nicht so dumm war, wie er anfangs dachte – vielleicht sogar durchaus Potenzial besaß –, hatte er gegen den Paria keine Chance. Er sah auf den ersten Blick, dass der Fremde aus einem der umliegenden Dörfer stammen musste und kein Hot Blood war. Als der Angreifer aufsah und die Waffe auf ihn richtete, trafen sich ihre Blicke und Igor erstarrte. Dieses Gesicht kam ihm dunkel bekannt vor. Die gebräunte Hautfarbe, entschlossene dunkle Augen in einem ebenmäßigen Gesicht. An wen erinnerte ihn das?
   Der Unbekannte entfernte sich Schritt für Schritt rückwärts, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Sie hielten beide die Waffen aufeinander gerichtet, aber keiner drückte ab. Es war eine Fifty-fifty-Chance, die er nicht austesten wollte. Der fremde Junge schien ein geübter Kämpfer zu sein und …
   Plötzlich wusste er, wer ihm gegenüberstand. Der Einbrecher, den er auf dem Überwachungsmonitor im Arbeitslager gesehen hatte. Ein Paria, der vermutlich zu den Outlaws gehörte. Er hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit Rahul, obwohl das unmöglich war.
   Oder … konnte es sein, dass …? Die Erinnerung an Vigos Worte formte das Puzzle in seinem Kopf zu einem Ganzen. Der Outlaw nutzte sein Zögern und schlug ihm die Tür vor der Nase zu. Igor reagierte sofort, stürzte hinterher, hörte aber nur noch das Schlagen der Eingangstür. Er warf einen kurzen Blick auf Vigo und traf eine schnelle Entscheidung. Er brauchte sowohl Vigo als auch das Fahrzeug, um von hier wegzukommen. Im Moment allerdings erwies sich der Präsidentensohn als nutzlos.
   Er rannte den Gang entlang ins Freie hinaus und sah gerade noch, wie der junge Outlaw auf ein Pferd sprang.
   Igor zielte mit der Heater und zögerte.
   Vielleicht führte ihn der Junge zu Vella, wenn er ihn laufen ließ? Falls Vigo die Wahrheit sagte und Vella tatsächlich eine Liebesbeziehung mit dem Outlaw-Führer hatte, bot sich ihm womöglich genau in diesem Moment die einmalige Gelegenheit, ihrer Spur zu folgen. Er lächelte. Glückliche Fügungen sollte man rechtzeitig ergreifen.

Kapitel 4
Unerwartetes Auftauchen

Marta drehte den kurzen Bleistift zwischen ihren Fingern hin und her. Vor lauter Langeweile hatte sie ihn bereits mehrmals angespitzt, sodass kaum noch etwas davon übrig blieb. Es gelang ihr heute einfach nicht, sich auf die Schularbeit zu konzentrieren, die vor ihr lag. Genaugenommen quälte sie dieses Problem nicht erst seit heute, sondern seit dem Tag, an dem Vella den Bezirk verlassen hatte. Es fiel ihr zunehmend schwerer, sich auf die Fächer ihres Studiums zu konzentrieren. Vella hatte es ermöglicht, dass Roover ihr eine Ausbildung in Computertechnik zugesagt hatte. Sie stand so kurz davor, sich ihren Traum zu verwirklichen. Und fühlte sich zugleich so elend wie selten zuvor.
   Seit Vella fort war, sah sie alles mit anderen Augen. Wie oft hatte sie sich früher gewünscht, der Boden würde sich auftun und Vella für immer verschlingen. Einfach so, als hätte es sie nie gegeben. Seltsamerweise fühlte es sich jetzt an, als wäre genau das geschehen. Als wären die vergangenen Wochen nur die Erinnerung an einen weit zurückliegenden Traum. An manchen Tagen glaubte sie selbst nicht, dass sie jemals einen Fuß hinter die milchige Hülle der Schutzkuppel gesetzt hatte. Auf mysteriöse Art und Weise fühlte sie das, was Vella empfunden haben musste, wenn sie früher gedankenverloren aus ihrem Fenster sah. Sie sah Vella genau vor sich, den Blick in die Ferne gerichtet, der von der Kuppel begrenzt wurde. Sie hatte sich oft gefragt, was wohl im Kopf der verwöhnten Prinzessin vor sich ging.
   Seit sie die Welt außerhalb dieser engen Grenzen mit eigenen Augen gesehen hatte, spürte sie die gleiche Sehnsucht, die ihre Gedanken ruhelos umherstreifen ließ. Unfähig, sich auf den Alltag in der Schule zu konzentrieren, malte sie sich aus, wie es wäre, die Zeit zurückzudrehen und noch einmal an Vellas Seite aus dem Palast zu fliehen.
   Sie hätte mit ihr gehen sollen. Jeden Tag warf sie sich ihren Egoismus vor, der sie dazu getrieben hatte, sich über Vellas Angebot zu freuen. Nein, es war viel mehr als das gewesen. Vella hatte sie unnachgiebig gedrängt, weiter zur Schule zu gehen und jeden Einwand, sie in den Süd-Bezirk zu begleiten, zerschlagen. Zuletzt hatte Marta selbst geglaubt, dass es besser wäre, Vella gehen zu lassen. Sie hatte Vellas Bedürfnis gespürt, einmal im Leben eine eigene Entscheidung zu treffen. Einen Weg einzuschlagen, der selbstlos und mutig verlief. Oder dumm. Sie bezweifelte, dass es die richtige Entscheidung gewesen war. Für keine von ihnen.
   Marta blätterte gedankenverloren ein paar Seiten weiter. Die heuchlerischen Bilder, die Glorifizierung des Hot-Blood-Bezirks, all das vermochte sie nicht mehr zu blenden. Es war, als könnte sie durch die bunten Bilder der Seiten hindurchsehen bis auf den wahren Grund der Tatsachen. Armut und Krankheit erstreckten sich über dem Land. Computer und Technik mochten für die Zukunft bedeutungsvoll sein, aber im Hier und Jetzt gab es wichtigere Dinge. Bevor Narrando das technische Wissen aus der Zeit vor der Havokade benötigte, mussten die Gräben aus Hass und Neid geschlossen werden, und neue Brücken gebaut, die die Menschen vereinten. Nur gemeinsam würden sie es schaffen, einen Weg zu finden, um Parias und Hot Bloods zusammenzuführen, Ungerechtigkeiten aus dem Weg zu räumen und den ersten Stein zu legen für eine neue Welt. Viele Chancen würden sich nicht bieten. Aus einem unerfindlichen Grund spürte sie das.
   Die Zeichnung auf Seite fünfundvierzig zeigte ein Feld mit reicher Ernte, Jagdwild im Hintergrund, lichtem Himmel und grünen Wiesen. Wer hatte sich diesen Unsinn ausgedacht? Die Realität sah beschämend anders aus. Die Menschen, die die Ernte einholten, gaben ihre Angehörigen auf, um für die Hot Bloods zu arbeiten. Wenn Eltern mit ihren Kindern in den Dienst als Companíos zogen, blieben alle Familienmitglieder zurück, die nicht arbeiten konnten oder den strengen hygienischen Vorschriften der Hot Bloods nicht entsprachen. Besonders alte und schwache Menschen zeigten sich anfälliger für Krankheiten und wurden deshalb hinter den Mauern des Bezirks nicht gern gesehen.
   Wie immer drängte sich ihr an dieser Stelle die Frage auf, was wirklich mit Dad geschehen war? Vielleicht stimmte die Geschichte von seinem Tod ebenso wenig wie die Lüge, die Mom ihr jahrelang aufgetischt hatte? Seit Marta wusste, dass sie Vellas Cousine war, stellte sie auch alle anderen Erzählungen, die sie seit ihrer Kindheit zu hören bekam, infrage. Hatte Mom aus anderen Gründen zugelassen, dass sie ohne Dad in den Dienst des Präsidenten zogen?
   Sie musste Elika erneut zur Rede stellen. Ungeachtet ihrer ausweichenden Antworten musste Marta die eine Erklärung fordern, die vielleicht den Schlüssel zu allen anderen Fragen darstellte.

*

Roover schritt unruhig vor dem Fenster auf und ab. Das Wissen, eine unabänderliche Entscheidung getroffen zu haben, ließ ein Gefühl der Gefangenschaft in ihm aufkeimen. War er noch Herr seines Handelns? Oder erlag er längst einem fremden Willen? Wann verfehlte der Sinn, die eigenen Wünsche einem höheren Ziel unterzuordnen, den erwarteten Nutzen? Hatte er nicht genau das sowohl Vella als auch Rahuls Sohn Jai vorgehalten? Waren es nicht seine Worte gewesen, dass es persönliche Entscheidungen im Leben gab, die einem höheren Zweck unterlagen? Besonders die Liebe hatte er angeprangert, als unstete Konstante nicht wert genug zu sein, dafür zu kämpfen. Und warum geisterte ständig der Gedanke an die Liebe in seinem Kopf herum, wenn ihn dieses seltsame Gefühl befiel, das ihn seit Tagen nicht zur Ruhe kommen ließ?
   Er starrte mit zusammengebissenen Zähnen auf das Medaillon, das vor ihm auf dem Tisch lag. Diese verfluchte Liebe verfolgte ihn seit siebzehn Jahren. Seit dem Tag, als er von Ambikas Tod erfahren hatte und das winzige Baby bei sich aufnahm, ließ ihn der Fluch nicht mehr los. Ambikas Geist stellte ihm bis in seine Tagträume nach, ihr Gesicht schob sich vor das Bildnis realer Personen, und ihre Stimme klang Tag und Nacht in seinen Ohren. Wie eine einschlägige Melodie, der man sich nicht willentlich entledigen konnte, summte sie in seinem Kopf herum und störte jeden klaren Gedanken. Je mehr er sich in den vergangenen Jahren gegen die Liebe gewehrt hatte, desto unnachgiebiger jagte sie ihm hinterher.
   Erst, als er Vella fortgeschickt hatte, sickerte die Erkenntnis in sein Bewusstsein, was er verloren hatte. Seine wahrscheinlich letzte Chance, sich mit der Liebe zu versöhnen.
   »Roover, du grübelst schon wieder zu viel.« Elika betrat ohne anzuklopfen den Raum.
   Er brummte unwillig. »Red keinen Unsinn! Du hast keine Ahnung, was in meinem Kopf vorgeht.«
   Elika lächelte mitleidig. »Ich sehe es dir auf zehn Meter an, also leugne es nicht.«
   Wütend starrte er sie an. Wann war ihm die Kontrolle über Elika aus den Händen geglitten? Sie wäre seine Schwägerin geworden, na und? Sie hatte zugestimmt, die Companía zu spielen. Sie hatte kein Recht, ihm Vorschriften zu machen.
   Elika setzte sich ihm gegenüber an den Schreibtisch. Ihr Blick war nachsichtig. »Ach, Roover. Wann wirst du endlich lernen, dieses Gefühl zuzulassen? Vor Kurzem dachte ich noch, es würde besser werden, aber seit Vellas Anruf mache ich mir wirklich Sorgen um dich.«
   Er schnaubte. Ja, Sorgen, die machte er sich auch. Allerdings aus anderen Gründen. Das Gespräch mit Vella vor einigen Tagen hatte den letzten Halt seiner mühsam aufgebauten Überzeugung ins Wanken gebracht. Es fiel ihm unfassbar schwer, zu glauben, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Vella war aufgebracht gewesen. Sie hatte anders als sonst geklungen. Weder launisch noch widerspenstig oder stur und gerade das hatte ihn im Nachhinein stutzig gemacht. Was war im Süd-Bezirk vorgefallen, was sie derart durcheinanderbrachte? Warum hatte er nicht richtig zugehört? Warum hatte er ihre Bitte ausgeschlagen, zu ihr zu kommen? Warum hatte er nicht die Chance ergriffen, sich selbst davon zu überzeugen, dass bei Vikars alles mit rechten Dingen zuging?
   Weil sein Stolz ihm im Weg gestanden hatte. Der Wunsch, über die Liebe zu siegen und diesem hilflosen Gefühl erhaben zu sein, hatte ihn davon abgehalten.
   »Warum fährst du nicht einfach hin und überzeugst dich selbst davon, wie es ihr geht?«
   Er sah verwundert auf. »Wie kommst du darauf, dass ich glaube, es ginge ihr nicht gut?«
   »Soll ich dir das wirklich beantworten, Roover?«
   »Nein, lieber nicht.« Er erhob sich mit einem Seufzen. »Igor ist vor Ort. Er könnte …« Er brach ab. Sein Vertrauen in Igor hatte nicht nur gelitten, es war geradezu aufgebraucht. Seinen Militärobersten zu Vikars zu schicken, war der letzte Versuch gewesen, Igors Loyalität zu testen. Jetzt konnte er ihn schlecht anrufen und darum bitten, nach Vella zu sehen. Er blieb vor dem Fenster stehen und sah hinaus. Verzweifelt rieb er sich mit den Händen über die Stirn. »Ich weiß nicht mehr weiter, Elika. Irgendwas ist faul da unten. Ich habe ein verdammt ungutes Gefühl, aber keine Beweise.« Er wandte sich zu ihr um und suchte eine Antwort in ihrem Gesicht. »Was soll ich tun?«
   »Das fragst du deine Companía?« Sie hob, offensichtlich belustigt, die Augenbrauen.
   »Das frage ich dich, weil du der einzige Mensch im Palast bist, dem ich noch vertrauen kann.«
   Ein warmherziges Lächeln erreichte Elikas Augen und er kam sich vor wie der letzte Idiot. »Was hat Vella gesagt, das dich so durcheinanderbringt?«
   Er hob unschlüssig die Arme. »Ich habe nicht richtig zugehört, weil ich dachte, ihre Gefühle für den Outlaw würden sie dazu treiben, eine Dummheit zu begehen. Diese Hochzeit sichert unsere Zukunft. Das Überleben von Narrando hängt davon ab. Ich verfüge weder über die richtigen Waffen noch über das Know-how, Vikars Macht etwas entgegenzusetzen, falls er es sich anders überlegen sollte. Glaub mir, ich habe diese Entscheidung nicht leichtfertig getroffen.«
   »Nein, das hast du nicht. Das weiß ich. Ich bin mir sogar sicher, dass du es dir reiflich überlegt hast. Aber ich denke, du hast einen entscheidenden Punkt außer Acht gelassen.«
   Er hob fragend die Augenbrauen.
   »Selten gelingt es, eine Entscheidung rein aus dem Verstand heraus zu fällen. Es ist meistens die Liebe, die unser Handeln bestimmt – ob man es wahrhaben will oder nicht. Vielleicht ist der Tag gekommen, an dem dir bewusst wird, was man verliert, wenn man sein Leben gegen diese Liebe richtet, die in der Natur des Menschen liegt.«
   Er wandte sich abrupt um. »Der Wunsch nach Macht liegt in der Natur des Menschen. Hass und Neid treiben ihn an. Die Liebe ist ein unsinniges Verwirrspiel, genauso wie der Glaube der Menschen an Gott oder anderen übersinnlichen Schwachsinn. Gewonnen hat nur der, der sich dieser Verwirrungen entledigen kann, Elika. Glaub mir.«
   »Dann bedauere ich zutiefst, dass du verloren hast.«

*

Vella taumelte rückwärts. Die Beine drohten, unter ihrem Körper nachzugeben. Sie hielt sich die Hand vor den Mund, ihre Finger krampften sich fester um den Stock, und sie stolperte zum Ausgang. Ihr Bein schmerzte fürchterlich. Sie biss die Zähne zusammen und stützte sich an der Wand ab, atmete tief ein und aus und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Was bedeutete diese Warnung? War es überhaupt eine Botschaft oder spann sich ihr Gehirn nur wirres Zeug zusammen?
   Sie griff sich an den Hals und umklammerte ihr Amulett. Angst und Einsamkeit ergaben keine guten Berater. Sie zwang sich zur Ruhe. Sie musste logisch vorgehen. Wie viele Paktmitglieder gab es, die ein Medaillon besaßen? Waren es fünf oder sechs gewesen? Die Angst blockierte ihre Erinnerung. Ihr Herz schlug wie verrückt gegen die Innenwände ihres Brustkorbs, Panik machte sich breit. Sie zählte langsam bis zehn und begann von Neuem. Wer hatte das Bündnis des Paria-Paktes unterschrieben? Dad, Mom und Elika. Igor und Rahul. Wer noch? Es waren zwei Unterschriften dabei gewesen, die sie nicht hatte lesen können. Also gab es sieben Mitglieder, die den Bund mit dem Wolfsamulett besiegelt hatten. Das Medaillon an ihrem Hals hatte Mom gehört. Bei Dad hatte sie nie eines gesehen. Jai trug Rahuls Amulett. Blieben noch Igor und die anderen zwei. Vier Wolfskopfanhänger, von denen sie nicht sagen konnte, wo sie sich im Moment befanden. Oder war es möglich, dass Jai sein Amulett abgelegt hatte? Unfreiwillig vielleicht? So kam sie nicht weiter. Hatte sie jemals überprüft, ob es eventuell winzige Unterschiede an den Anhängern gab, die sie den einzelnen Besitzern zuordneten?
   Sie nahm die Kette ab. Es war zu dunkel in der Scheune, um solche Feinheiten erkennen zu können. Sie wollte sich gerade bücken, um sich in den Durchgang zu zwängen, da hielt sie inne. Sie musste das andere Medaillon ebenfalls mitnehmen, um sicherzustellen, dass es nicht durch weitere Hände lief und der ehemalige Besitzer es unter Umständen zurückerhielt, bevor sie ihn ausfindig gemacht hatte.
   Zögernd humpelte sie auf die aufgespießte Jagdtrophäe zu. Bemüht, ihren Ekel zu unterdrücken, griff sie vorsichtig nach der Kette, ohne den toten Hasen zu berühren. Mit einem schnellen Handgriff schnappte sie sich das Amulett und kroch zurück nach draußen, so schnell es ihr zwischen den zersplitterten Holzresten der herabhängenden Decke möglich war.
   Draußen atmete sie auf und drehte aufmerksam den Anhänger in ihrer Hand. Sie hatte die Kette mit Absicht nicht umgehängt, um die beiden Exemplare nicht zu verwechseln. Sie nahm das andere Medaillon von ihrem Hals und verglich die Schmuckstücke. Sie sahen sich zum Verwechseln ähnlich, obwohl sie sicher war, dass es sich um handgefertigte Einzelstücke handelte. Jedes Medaillon musste ein Unikat sein. Es erschien ihr unmöglich, dass sie maschinell hergestellt worden waren.
   Bei genauerem Hinsehen entdeckte sie an der Nase des einen Wolfes einen kleinen Bogen, der bei dem anderen Anhänger nicht vorkam. Dennoch fand sie keine Gravur oder etwas Ähnliches, das auf eine individuelle Kennzeichnung hingedeutet hätte.
   Sie hängte sich beide Amulette um. Zumindest wusste sie, dass das Modell mit dem kleinen Fehler jemand anderem gehört hatte. Sie würde herausfinden, welches der Paktmitglieder keine Kette mehr besaß. Und die Einzige, die ihr darauf Antwort geben konnte, war Jais Mutter. Nur Lia vertraute sie so weit, dass sie ihr von den Vorfällen im Süd-Bezirk berichten konnte. Vermutlich war sie die Einzige, die nicht entsetzt reagieren würde, wenn sie erfuhr, dass die Hochzeit geplatzt war. Oder täuschte sie sich da?
   Wie auch immer, sie hatte ohnehin keine andere Wahl. Nach Hause konnte sie definitiv nicht gehen. Dad würde kein Verständnis für ihre Flucht aufbringen, das wusste sie. Der traurigen Gewissheit, dass er sich nicht für sie interessierte, hatte sie oft genug ins Auge geblickt. Und wie sollte sie zu Marta oder Elika gelangen, wenn sie ihrem Vater nicht gegenübertreten wollte? Allein würde es ihr nicht einmal gelingen, den Geheimgang zu öffnen.
   Sie entfernte die kleine Glasscherbe, an der sie sich das Bein aufgeschlitzt hatte, und stemmte die Hände auf dem Fenstersims ab, um sich durch die Öffnung hinaus ins Freie zu ziehen. Behutsam landete sie auf der anderen Seite, zuckte aber zusammen, als sie auftraf. Der Schnitt schmerzte unangenehm.
   Vella humpelte durch die Pfützen, indem sie den Stock zu Hilfe nahm, der sich wirklich als nützlich erwies. Seltsamerweise hatte er genau die richtige Form, um sich als Gehhilfe zu eignen.
   Das Pferd blickte ihr neugierig entgegen, als sie den Stall betrat. Sie hob den Sattel auf seinen Rücken, zog den Gurt fest und hielt nach einer Aufstiegsmöglichkeit Ausschau, um ihr Bein zu entlasten. Ein verbeulter Futtereimer war das Einzige, was sich anbot. Nicht ideal, aber besser als nichts. Sie band den Stock mit einem Strick hinter dem Sattel fest und hievte sich nach oben. Immerhin befand sich der Schnitt an der Außenseite ihrer Wade, sodass sie ihn beim Reiten nicht berührte. Sie beugte sich über den Pferdehals, um unter dem Stalltor hindurchzupassen, und trieb das Tier hinaus.
   Ein letztes Mal sah sie sich um, bevor sie das Pferd durch die schmale Felsspalte drängte und den Canyon hinter sich ließ. Ohne Jai hatte das ehemalige Lager der Outlaws seinen Charme verloren, das Unwetter hatte den Canyon in einen Ort der Zerstörung verwandelt. Das vertraute, beinahe heimische Gefühl, das sie hier früher empfunden hatte, lag irgendwo unter Gebäuderesten und Schlamm begraben.
   Sie musste sich ganz und gar auf ihr Ziel konzentrieren. Nur Jais Mutter konnte ihr helfen, Licht ins Dunkel zu bringen. Vella ritt nach Norden und versuchte, einem ihr bekannten Weg zu folgen, um das Dorf von Jais Eltern zu erreichen. War sie mit Jai über einen der befestigten Wege dorthin geritten? Überhaupt lag ihr einziger Besuch bei seiner Mutter gefühlte Jahrhunderte zurück. Wie eine Erinnerung aus einer längst vergangenen Zeit, die sich immer mehr in Nebel hüllte, bis sie ganz verblasste. Sie versuchte, zurückzudenken. Es war der Morgen nach ihrem schrecklichen Erlebnis im Dorf am Fuße des Black Giant gewesen, an dem Jai entschieden hatte, dass sie einen Abstecher zu Lia machen würden. Sie hatte nicht erwartet, dass sie so herzlich empfangen würde und nicht im Entferntesten geahnt, welches Geheimnis sich im Keller unter der Hütte befand. Nein, diesen Augenblick, in dem sie das Holzkästchen mit dem Wolfsamulett gesehen hatte, würde sie niemals vergessen. Entschlossen trieb sie das Pferd vorwärts. Sie musste den Weg finden, der ins Dorf führte. Sie würde jedem Pfad in der Umgebung so lange folgen, bis sie fand, wonach sie suchte. Sie hatte die weite Strecke nicht zurückgelegt, um kurz vor dem Ziel aufzugeben.

*

Roover stand energisch auf. Der Schwung ließ den Stuhl nach hinten kippen und krachend zu Boden fallen.
   Elika hob sichtlich erstaunt die Augenbrauen.
   »Ich werde mir selbst ein Bild von der aktuellen Lage im Süd-Bezirk machen. Bereite alles für die Abreise vor. Ich breche in drei Tagen auf.« Er ignorierte Elikas verwunderten Blick und schritt hocherhobenen Hauptes aus dem Arbeitszimmer. Als Erstes würde er Vikars über sein Vorhaben informieren und sehen, wie der alte Bastard auf diese Neuigkeit reagierte.
   Er schaltete das Holophon ein und wartete auf die Verbindung. Es rauschte, das durchsichtige Bild flimmerte vor ihm auf, verschwand aber wieder. Er runzelte die Stirn und versuchte es erneut. Das gleiche Prozedere und dann: Nichts. Er hob das Gerät an und überprüfte die Verkabelung. Es war alles so, wie es sein sollte. Noch mal wählte er Vikars Leitung an und wartete mit wachsender Ungeduld. Selbst, wenn der alte Fuchs Wichtigeres zu tun hatte, ging immer jemand an den Apparat. Es war noch nie vorgekommen, dass er im Süd-Bezirk niemanden erreicht hatte. Das flimmernde Holobild löste sich zum wiederholten Mal in Luft auf, die Verbindung brach erneut ab, bevor sie überhaupt zustande gekommen war. Nervös lief er im Zimmer auf und ab. Sicher handelte es sich lediglich um ein technisches Problem. Was sonst? Er würde warten müssen und es später noch einmal versuchen.
   Elika erschien im Türrahmen. »Mein Gott, Roover! Ich werde dir etwas zu essen machen, vielleicht wirst du dann ruhiger. Wenn du die nächsten drei Tage derart fahrig verbringen willst, halte ich das nicht aus und nehme Urlaub.«
   Er hielt inne und musste unwillkürlich schmunzeln. »Wer hat gesagt, dass dir Urlaub zusteht?«
   Sie zuckte mit den Schultern. »Früher gab es so etwas. Du kannst dir eine neue Companía suchen, wenn es dir nicht passt.«
   »Elika, bitte, ich habe andere Probleme. Wie schnell kannst du etwas Proviant einpacken?«
   »Wir haben eine Vorratskammer, mein lieber Roover. In den vielen Jahren, in denen du hier wohnst, müsste dir das aufgefallen sein.«
   »Schön, dann beeil dich. Ich habe es mir nämlich anders überlegt und werde heute noch abreisen.«

*

Der Weg schlängelte sich in sanften Biegungen zwischen den Bäumen hindurch. Er unterschied sich kaum oder gar nicht von den vorherigen Trampelpfaden, über die sie ihr Pferd getrieben hatte. Staubiger Boden mit vereinzelten Schlaglöchern, viel Laub, dichtes Unterholz, das sich bis zum Wegesrand zog und die Sicht zur Seite hin versperrte. War sie hier nicht bereits vor einer Stunde entlanggeritten? Vella hatte sich große Mühe gegeben, Orientierungspunkte zu finden, aber immer, wenn sie glaubte, sich einen besonderen Baum gemerkt zu haben, der sie daran erinnern würde, dort schon einmal gewesen zu sein, folgte eine Kurve, ein Stein oder ein Ast, den sie noch nie zuvor gesehen hatte. Es war zum Verzweifeln. Sie beugte sich über den Hals des Pferdes und schloss die Augen. So ein verdammter Mist!
   Es dämmerte bereits, und sie wusste nur zu gut, dass es bei Dunkelheit noch schwieriger werden würde, das Dorf zu finden. Sie hatte keine andere Wahl, als die befestigte Straße zu nehmen, die sie eigentlich hatte meiden wollen. Andernfalls jedoch würde sie wohl noch um Mitternacht durch den Wald irren.
   Nur noch wenige Meter trennten sie von der asphaltierten Kreuzung, als Hufgetrappel zu ihr herüberdrang. Ihre Muskeln spannten sich an. Sie wollte niemandem begegnen. Oder würde ihr womöglich jemand helfen können, zu Lia zu finden? Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Wer konnte das sein? Wachtrupps? Dorfbewohner? Sie sah sich nervös um. War das Blattwerk an dieser Stelle dicht genug, um sie zu verdecken? Sie hielt die Zügel straff gespannt, um zu verhindern, dass das Pferd aus dem Unterholz heraustrat. Sie durfte kein Risiko eingehen. Das dumpfe Poltern sich nähernder Hufe klang immer lauter. Wie viele Reiter mochten das sein? Das Pferd verlagerte sein Gewicht und begann, an den Blättern zu knabbern. Zweige knackten unter seinen Hufen, Blätter raschelten zwischen seinen Zähnen. Sie starrte angestrengt auf den Weg. Hoffentlich war das Pferd nicht mehr zu sehen und verhielt sich ruhig, wenn die Reiter näher kamen. Sie verharrte unbeweglich und starrte zwischen den Büschen hindurch auf den dahinter liegenden Weg. Die Reiter mussten sich jetzt auf gleicher Höhe befinden. Plötzlich verlangsamten sich die Tritte der Pferde.
   Vella hielt die Luft an.
   »Was ist? Warum bleibst du stehen?« Die Stimme kam ihr bekannt vor.
   »Warte kurz. Ich habe meine Tasche verloren.«
   Ein Kind. Sie horchte auf. Jemand sprang vom Pferd.
   »Du musst sie besser festbinden.«
   Sie unterdrückte ein Keuchen. Riva! Das mussten Riva und ihr kleiner Bruder sein.
   »Es geht nicht, das Seil ist gerissen.«
   Riva seufzte. »Ist nicht schlimm, Kimi. Wir sind gleich da, bis dahin kann ich die Tasche nehmen. Komm, steig wieder auf.«
   »Hast du es eilig, oder warum müssen wir so schnell reiten?«, fragte der Kleine quengelig.
   »Ich habe eine Verabredung und möchte nicht zu spät kommen.«
   »Ich könnte doch mitkommen.« Es klang hoffnungsvoll.
   »Nein, Kimi. Du gehst zu Lia. Da bist du besser aufgehoben.«
   Sie wagte kaum, weiterzuatmen. Hoffentlich gab das Pferd keine verdächtigen Geräusche von sich. Von allen möglichen Personen durfte Riva sie am allerwenigsten hier entdecken.
   »Los, Kimi. Vorwärts.«
   »Ja, ja, ich beeile mich ja schon«, murrte er.
   Sie lauschte den Schritten der Pferde, die sich langsam entfernten und wenig später wieder in einen schnellen Trab verfielen.
   Erleichtert ließ sie die Luft aus ihren Lungen weichen, schnalzte mit der Zunge und trieb das Pferd auf den Weg. Das war ihre Chance, den beiden zu folgen. Sie würden sie zu Lia führen.

Von Weitem sah sie tanzende Lichter zwischen den Bäumen. Das musste das Dorf von Jais Eltern sein. Seit etwa einer halben Stunde folgte sie Riva und ihrem kleinen Bruder in sicherem Abstand. An jeder Wegzweigung wartete sie, bis die beiden um die nächste Ecke bogen, und holte erst dann wieder auf.
   Als Riva und der Junge in einem der Häuser verschwunden waren, näherte sie sich dem Dorfplatz, bis sie die züngelnden Flammen der Fackeln erkennen konnte. Leise ließ sie sich aus dem Sattel gleiten und führte das Pferd in den Wald. Riva hatte etwas von einer Verabredung gesagt. Vermutlich würde sie ihren Bruder allein bei Lia zurücklassen und wieder fortreiten. Sie durfte sie unter keinen Umständen entdecken.
   Die Zeit zog sich quälend in die Länge. Immer wieder musste sie ihre unbequeme Position hinter den Büschen hockend verändern, um keinen Krampf in den Waden zu bekommen. Die reinste Folter für ihre Schnittwunde.
   Der Mond war bereits ein gutes Stück am Himmel entlanggewandert, als Riva durch die Tür auf den Dorfplatz trat. Hinter ihr erschien Lia im Türrahmen, sie hatte den Arm um den Kleinen gelegt und hob zum Abschied die Hand.
   Eifersucht regte sich tief in ihr. Lia und Riva wirkten vertraut miteinander. Plötzlich fürchtete sie, was Jais Mutter sagen würde, wenn sie ihr gegenübertrat. Wie viel wusste sie über die geplante Hochzeit? Was hatte Jai über ihre Beziehung zueinander erzählt? Hatte Lia eine Ahnung davon, wer sie wirklich war? Ihr Herz zog sich zusammen, aus Angst, abgewiesen zu werden. Wieder rief sie sich in Erinnerung, dass sie den weiten Weg nicht zurückgelegt hatte, um an dieser Stelle aufzugeben. Sie konnte immer noch gehen, wenn Lia ihr nicht helfen wollte. Um das herauszufinden, musste sie es aber zumindest versuchen. Dennoch konnte sie schlecht einfach an die Tür klopfen. Lia war nicht allein, und Vella wusste nicht, wer sich außer dem kleinen Jungen noch bei ihr in der Hütte aufhielt.
   Unentschlossen kroch sie ein Stück näher zum Waldrand vor. Niemand hielt sich um diese Zeit auf dem Dorfplatz auf, nur die Fackeln knisterten vor sich hin, während die ölgetränkten Stöcke niederbrannten.
   Ein lang gezogenes Heulen ließ sie zusammenfahren, beinahe wäre sie umgekippt. In diesem Moment öffnete sich die Tür der Hütte wieder, und Lia trat heraus. Allein. Sie griff die Fackel, die in einer Halterung im Boden steckte, steuerte über den Platz auf ein großes Zelt zu und verschwand darin. Kurz entschlossen trat Vella aus dem Gebüsch hervor und schlich hinter ihr her.
   Vor dem Eingang zögerte sie, hob dann aber den Vorhang und spähte hinein. Ähnlich dem Krankenlager der Outlaws, fanden sich hier etwa zwanzig Betten mit Patienten. Sie erkannte auf den ersten Blick Verletzungen, die denen von Grim und den Arbeitern aus dem Süd-Bezirk ähnelten. Ein feines Kribbeln breitete sich über ihren Rücken aus. Sie zog unwillkürlich die Schulterblätter zusammen und unterdrückte ein Zittern. Vermutlich wurden hier die Männer aus dem Arbeitslager, die Jai befreit hatte, gesund gepflegt. Wie hypnotisiert starrte sie auf den schlafenden Mann vor sich. Seine Brust hob und senkte sich in regelmäßigen Abständen. Er lebte, aber er sah nicht so aus. Das aschfahle Gesicht wirkte eingefallen und angespannt. Selbst im Schlaf schienen ihn seine Albträume zu verfolgen. Sie hatte nicht gesehen, wo und was die Männer für Arbeiten verrichtet hatten, aber sie konnte sich vorstellen, wie schlimm die Zustände in der unterirdischen Höhle gewesen sein mussten. Igors brutales Gemetzel im Dorf am Fuße des Black Giant rief sich ihr ins Gedächtnis. Sie fühlte erst, wie sich ihre Fingernägel in die Handflächen gruben, als jemand sie ansprach. Vella zuckte zusammen.
   »Vella!« Auch Lia wirkte überrascht, aber nicht unfreundlich. »Wie kommst du denn hierher?«
   »Ich …« Sie brach ab, weil sie nicht wusste, wie sie Jais Mutter die Situation erklären sollte.
   Lia lächelte, ihre sanften braunen Augen schienen bis auf den Grund ihrer Seele zu blicken. Hatte sie dieses Gefühl nicht schon beim letzten Mal beschlichen, als sie ihr begegnet war?
   »Ist schon in Ordnung, du musst dich nicht erklären. Komm erst mal mit ins Haus und iss etwas, du siehst …«
   »Nein!«, protestierte sie etwas zu schnell.
   Lia sah sie verwundert an.
   »Danke, aber … ich möchte nicht, dass mich jemand sieht.« Wieder zögerte sie. Was sollte sie Lia sagen? Welche Erklärung verdeutlichte, in was für einer dummen Situation sie sich befand? Konnte sie sicher sein, dass Jais Mutter sie nicht verraten würde?
   Aus Lias Augen leuchtete Neugier, doch sie fragte nicht nach dem Grund für Vellas Schweigen. Was wusste Jais Mutter über die Fusion der Hot Blood-Bezirke? Oder wie stark war sie in die Hintergründe der Hochzeit involviert? Vella fehlte der Mut, sie geradeheraus zu fragen. »Ich weiß nicht, was Jai dir erzählt hat …«, tastete sie sich vor.
   »Was Jai mir erzählt und welche Informationen mich erreichen, sind zwei sehr unterschiedliche Dinge«, sagte Lia mit einem Lächeln.
   Ihre Zurückhaltung und die Ruhe, die sie ausstrahlte, ließen Vella zuversichtlicher werden. Sie musste ihre Fragen anbringen. Vielleicht ergab sich so eine Gelegenheit nicht noch mal. »Weißt du, wo sich Jai aufhält?«, fragte sie vorsichtig. »Im Outlaw-Lager sind alle Zelte abgebrochen. Der einzige Hinweis, auf den ich gestoßen bin, war ein aufgespießter Hase, an dem ein Amulett des Paria-Paktes hing. Und …« Sie zögerte. »Ich frage mich die ganze Zeit, wessen Medaillon es gewesen sein könnte. Vielleicht gibt es ein Erkennungsmerkmal, das die einzelnen Medaillons ihren Besitzern zuordnet?« Sie sah Lia fragend an, doch bevor diese etwas erwidern konnte, sprach Vella schnell weiter. »Ich bin heimlich aus dem Süd-Bezirk geflohen. Ich brauche deine Hilfe, Lia. Bitte.«
   Falls eine dieser Informationen Lia schockierte, unterdrückte sie es gekonnt. Ihre Mimik verriet nichts. Sie ließ sich Zeit, bevor sie antwortete.
   Vellas Anspannung wuchs. Hätte sie besser nicht gefragt?
   »Es ehrt mich, dass du zu mir gekommen bist. Leider kann ich dir mit dem Medaillon nicht helfen. Darüber weiß ich zu wenig. Was Jai angeht …« Ein wissendes Lächeln huschte über ihr Gesicht und sie bedachte Vella mit einem eindringlichen Blick. »Er hat mir nicht gesagt, dass er fortgeht, aber wenn man nicht blind ist, erklären sich viele Dinge von selbst. Deshalb wusste ich, was ihn bedrückt. Ich habe gedacht, er wäre auf dem Weg zu dir.«
   Leichter Schwindel erfasste Vella. Ihre Knie fühlten sich plötzlich an wie aus Gummi, während Lia wie selbstverständlich mit der Versorgung der Kranken fortfuhr. Offensichtlich hielt sie es nicht für notwendig, Vellas Flucht aus dem Süd-Bezirk zu verurteilen.
   »Gibst du mir bitte die Karaffe, die neben dir steht?«
   Vella reichte Lia das Gefäß. Sie goss etwas Wasser in den Tonbecher, der neben dem Bett des Patienten stand. Der Mann griff mit zitternden Händen danach, hob das Getränk an seine Lippen und schluckte hörbar. Er wirkte matt und ausgetrocknet, obwohl es Tage zurücklag, dass sie die Arbeiter aus der unterirdischen Mine befreit hatten. Lia erneuerte die Verbände des Mannes. Ohne aufzusehen, desinfizierte sie die Wunden, wischte behutsam über die roten Bläschen, die seine Hände übersäten und sich bis zu den Ellbogen hochzogen.
   Vella schluckte. »Ich habe dort Arbeiter in der Frackinganlage und den Plantagen gesehen, die die gleichen Verletzungen hatten wie dieser Mann«, stieß sie hervor.
   Lia sah auf.
   »Ich habe versucht mit Dad zu reden, bevor ich den Süd-Bezirk verlassen habe. Es gab so viele Ungereimtheiten dort, aber er wollte meine Meinung nicht hören. Erdbeben scheinen im Süden so alltäglich zu sein, dass sich niemand daran stört. Jemand hat versucht, mich abzuhören. Ich habe Mikrofone in meinem Zimmer gefunden. Irgendetwas stimmt dort nicht!«
   »Das sind keine unerheblichen Entdeckungen. Ich denke, es ist wichtig, dass dein Vater davon erfährt.«
   Vella seufzte. »Ich weiß.«
   »Ich bringe dir etwas zu essen.« Lia lächelte ihr aufmunternd zu. »Mit leerem Magen trifft man keine guten Entscheidungen. Du kannst im Krankenlager übernachten und dich ausschlafen, bevor du dir den nächsten Schritt überlegst. Um diese Zeit kommt außer mir niemand hierher.«
   Lia strich ihr aufmunternd über die Schultern, schob sie um die Ecke in den hinteren Winkel des Raumes und drückte sie sanft auf einen Stuhl. »Setz dich erst mal und warte hier, bis ich wiederkomme.«
   Vella nickte erleichtert. Ein leises »Danke« kam ihr erst über die Lippen, als Jais Mutter bereits nach draußen geeilt war.
   Sie betrachtete die notdürftigen Krankenlager. Genau wie im Outlaw-Lager, hatte man Betten aus Stroh errichtet und aus alten Kleidungsresten Decken zusammengenäht. Auf einem Regal rechts von ihr standen etliche kleine Behältnisse mit seltsamen Flüssigkeiten, deren schlammige Farbe Ekel in ihr aufkommen ließ. Wer konnte so etwas runterkriegen? Gleichzeitig schämte sie sich für diesen Gedanken, der sie daran erinnerte, dass sie bislang immer auf die Medikamente der Hot Bloods hatte zurückgreifen können. Wirkliche Schmerzen kannte sie nicht. Sie lehnte sich mit der Schulter gegen das Regal und schloss für einen Moment die Augen. Sie wollte einfach nur schlafen und all die Sorgen vergessen, die sie seit ihrer Abreise aus dem Nord-Palast quälten.
   Plötzlich schreckte sie hoch. Neben ihr stand ein Teller mit Brot. Lia musste also noch einmal hier gewesen sein. Offensichtlich hatte sie länger geschlafen. Sie lauschte und hörte Stimmen vor dem Zelt, die eindeutig nicht zu Lia gehörten. Entsetzt starrte sie auf die Plane am Eingang, die sich langsam anhob. Hier gab es so gut wie kein Versteck. Sobald jemand das Zelt betrat, würde er sie unweigerlich entdecken.

Kapitel 5
Gekreuzte Wege

Jai beugte sich tief über den Hals des Pferdes, das in gestrecktem Galopp auf das Tor zu jagte. Er hoffte, dass die Kugel der Heater, die ihm vermutlich gerade hinterherzischte, weder ihn noch Sham traf. Der Schmerz seiner letzten Schussverletzung lag ihm noch zu gut in Erinnerung. Mit dem Unterschied, dass er diesmal allein war und Vella sich nicht in der Nähe befand. Die Chancen, dass ihm jemand eine Kugel entfernen konnte, lagen also denkbar schlecht.
   Aber es fiel kein Schuss.
   Dennoch verlangsamte er das Tempo nicht. Die Hufe donnerten über den Asphalt, und Shams Fell glänzte bereits vom Schweiß der Anstrengung. Am Haupttor bog er ab und verließ den Süd-Bezirk. Ohne Vella. Ohne den Hauch einer Spur.
   Vigos Bemerkung, dass Vella schon länger verschwunden war, ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Wie lange war sie schon fort? Wie war es ihr gelungen, aus dem Süd-Bezirk zu fliehen? Was konnte sie verdammt noch mal dazu veranlasst haben, so etwas zu tun? Immerhin stand hinter ihrer Entscheidung, der Hochzeit zuzustimmen, ein triftiger Grund. Zumindest hatte er das bislang geglaubt. Was also war vorgefallen, dass Vella es sich anders überlegt hatte?
   Die Aussage, dass sie aus dem Süd-Bezirk geflohen war, erwies sich zwar als äußerst interessant, erklärte aber nicht das Geringste. Sie warf nur weitere Fragen auf.
   Sham verfiel in einen schnellen Trab, schnaubte erleichtert und senkte den Kopf, um seine Sehnen zu strecken. Jai klopfte dem Pferd beruhigend auf den Hals. Obwohl er nicht glaubte, dass ihm in dem Tempo jemand gefolgt sein konnte, wollte er keine Sekunde verschwenden und so schnell wie möglich den schützenden Waldrand erreichen. Selbst, wenn es ihm nicht gelang, zwischen den Bäumen in Deckung zu gehen, würde er aus der Ferne zumindest eine schlechtere Zielscheibe abgeben. Ein Reiter vor dunklem Hintergrund war nur schwer auszumachen, mitten in der Wüste hingegen hätte er sich auch gleich eine rote Fahne auf den Kopf stecken können. Jeder Idiot würde ihn aus großer Entfernung entdecken und zweifelsfrei auch treffen. Sogar so ein Trottel wie der Kerl, dem er die Pistole abgenommen hatte. Das kühle Metall der Heater ließ ihn schaudern, nur langsam erwärmte sich die Waffe, die in seinem Hosenbund steckte. Sie klebte unangenehm an der Haut. Nicht nur das Pferd war nass geschwitzt.
   Er hatte diesen Vigo noch nie zuvor gesehen. Aber wie hätte er den Namen von Vellas Bräutigam vergessen können? Der verhasste Sohn des Süd-Präsidenten, allein der Gedanke daran, wie nah er Vella womöglich gekommen war, löste unbändige Wut in ihm aus. Ein guter Grund mehr, ihm einen weiteren Faustschlag zu verpassen. Was ein Glück für Vigo, dass es ihm im Moment wichtiger war, Vella zu finden, als einen Kampf auszutragen.
   Er erreichte den Waldrand und suchte eine Möglichkeit, sich zwischen den alles überwuchernden Schlingpflanzen hindurchzuzwängen. Nichts. Fehlanzeige. Mindestens eine Meile folgte er der dichten Bepflanzung, die die Wüste säumte, ohne auch nur eine einzige Lücke vorzufinden. Verdammt! Womöglich hatten Igor und der junge Hot Blood ein Fahrzeug, mit dem sie ihm folgen würden. Er sah sich nervös um, konnte jedoch nichts entdecken.
   Das Gespräch, das er zwischen Igor und diesem dummen Blondschopf belauscht hatte, klang ihm immer noch in den Ohren. Was hatten die beiden in dieser Fabrik gemacht? Offensichtlich befanden sie sich ebenfalls auf der Suche nach Vella. Demzufolge wussten sie nicht, wo sie sich aufhielt. Seit wann wurde Vella vermisst? Hatte Vikars ihr Verschwinden bei Roover gemeldet? Hoffentlich hatte sie sich zum Zeitpunkt der Katastrophe schon nicht mehr im Süd-Bezirk aufgehalten. Hatte überhaupt jemand außer Igor und Vigo das Unglück überlebt? Lebte Vella noch? Tausend Fragen bohrten sich wie Messer in seine Eingeweide.
   Er hatte vermutlich seine Zeit verschwendet, jeden Winkel des Bezirks nach ihr abzusuchen. Nicht einmal Igor und Vigo wussten, wo sie war. Erneut kam ihm ein möglicher Geheimgang in den Sinn. Existierte in jedem Hot-Blood-Bezirk ein geheimer Ausgang? Und wenn ja, wohin führte er?
   Es blieben verdammt viele Fragen offen, die er nicht beantworten konnte. Wo sollte er nach Vella suchen? Wo würde sie hingehen, wenn sie sich nicht mehr im Süd-Bezirk aufhielt?
   Ein schmerzhaftes Ziehen in seinem Brustkorb ließ diese Frage zwar offen, gab aber immerhin die Antwort, wo er hingehen würde. Vielleicht war Vella längst ins Outlaw-Lager zurückgekehrt?
   Er drehte sich um, in der Hoffnung, seinen Verfolgern entwischt zu sein. In dem Augenblick sah er ein kastenförmiges Fahrzeug, das sich vom Süd-Bezirk aus in seine Richtung bewegte. Jetzt war wohl der Moment, in dem er sich entscheiden musste, ob er sich verstecken oder die Verfolgung von Igor und Vigo aufnehmen sollte. In letzterem Fall würde er die Suche nach Vella hintenanstellen müssen und das gefiel ihm nicht. Er durfte ihnen keinen Vorsprung gewähren.
   Mit einem Blick schätzte er die Strecke ab, die er zurücklegen musste, bis sich die Dichte der Bepflanzung auflockerte. Ohne sich noch einmal umzusehen, trieb er Sham vorwärts und galoppierte so nah wie möglich am Waldrand entlang. Bäume und Schlingpflanzen zogen an seinem Blickfeld vorbei, er suchte nach einer Möglichkeit, in den Wald abzubiegen. Eine emporragende Wand aus herausgerissenen Wurzeln ließ Sham plötzlich scheuen, der Rappe brach aus und Jai sah nur vage aus den Augenwinkeln eine Schneise, die durch die Erdverschiebung entstanden sein musste. Ein Ausweg? Oder eine Sackgasse? In jedem Fall die falsche Richtung, um so schnell wie möglich in den Norden zu gelangen. Er trieb Sham weiter und galoppierte, bis die ersten Tannen am Wüstenrand den abrupten Wechsel von Dschungel zu Mischwald ankündigten. Der Baumbestand lockerte sich auf, er drosselte das Tempo und bog nach links. Ein letzter Blick zurück bestätigte seine Vermutung, dass das seltsame Fahrzeug an Geschwindigkeit aufgeholt hatte, jedoch nicht nah genug war, um seiner direkten Spur zu folgen.
   Er spekulierte auf ein Paria-Dorf, das etwa einen halben Tagesritt vom Nord-Palast entfernt lag, wo er mit Sicherheit für eine Nacht Unterschlupf finden konnte. Das Pferd brauchte Futter und eine Pause. Ebenso wie er.

Jai erreichte das Dorf erst nach Einbruch der Dämmerung. Der Weg durch den Wald war beschwerlich gewesen. Er hatte die offensichtlichen Trampelpfade gemieden und sich quer durchs Gebüsch geschlagen. Zwar hatte er Igor und Vigo nicht mehr zu Gesicht bekommen, aber er befürchtete, dass sie ihm dicht auf den Fersen waren.
   Fackeln umrundeten den weitläufigen Dorfplatz, in der Mitte brannte ein großes Lagerfeuer, an dem mehrere Männer und Frauen saßen. Er hob die Hände zum Gruß und näherte sich einem der Männer, der sich bei seinem Anblick erhoben hatte und auf ihn zutrat. »Was führt dich hierher?«
   Er zögerte. »Ich komme aus dem Dorf von Rahul im Norden.«
   Der Mann betrachtete ihn argwöhnisch. »Meiner Ansicht nach nennt man diese Himmelsrichtung Süden.« Er deutete mit dem Finger in die Richtung, aus der Jai gekommen war.
   Er nickte und lächelte entschuldigend. »Das stimmt. Ich habe mich schlecht ausgedrückt. Ich stamme aus Rahuls Dorf im Norden, mein Weg hat mich aber über den Süd-Bezirk hierher zu euch geführt.«
   »Über den Süd-Bezirk?«
   Jai wägte ab, wie die Wahrheit auf den Paria wirken würde. In diesem Fall erschien ihm Ehrlichkeit weniger angebracht. »Das ist eine sehr lange Geschichte. Ich wäre dir dankbar, wenn ich für eine Nacht in eurem Stall schlafen könnte.«
   Der Mann schritt misstrauisch um ihn herum. Sein Blick blieb auffällig lange an den Waffen hängen, die Jai gut sichtbar auf dem Rücken trug. Automatisch griff er mit der rechten Hand hinter sich und nahm seinen Chalaa ab. »Ich gebe meinen Bogen solange ab, wenn du möchtest?«
   Der Mann verzog keine Miene und ließ ihn nicht aus den Augen. »Nein, ich schätze Rahul und heiße seine Leute immer willkommen. Du kannst bleiben. Ich heiße Everest.«
   Jai stieg vom Pferd und streckte dem Mann die Hand entgegen. »Jai. Danke, das ist mir eine große Hilfe.«
   Everest deutete auf einen baufälligen Schuppen, der nicht einmal die Hälfte des Stalls im Outlaw-Lager maß. Aber heute Nacht reichte es vollends, sich in Sicherheit zu wissen, weil Igor ihn bestimmt nicht in einem Paria-Dorf suchen würde.
   Er führte Sham in den Stall, hob den Sattel vom Rücken des Pferdes und rieb ihm das schweißnasse Fell mit Stroh trocken. Nach Hafer brauchte er nicht zu fragen. Im Outlaw-Lager hatten sie ihr Pferdefutter ausschließlich aus den Überfällen auf die Karawanen bezogen. Nur die Hot Bloods besaßen Getreide in so großen Mengen, dass sie es sogar den Pferden füttern konnten. Er ging hinaus auf den Dorfplatz, um einen Eimer mit Wasser aufzufüllen, als er einen Reiter bemerkte, der gerade von seinem Pferd stieg. Jai wandte sich zur Seite, um sein Gesicht zu verbergen und beeilte sich, in den Stall zurückzukehren. Nachdem er Sham mit Wasser versorgt hatte, nahm er eine dünne Decke aus der Satteltasche und legte sich in Shams Box hinter ein paar Ballen Stroh zum Schlafen hin. An dem Pferd kam niemand vorbei, ohne dass er es bemerkte.
   Das Schnauben des Rappen weckte ihn. Hatte er lange geschlafen oder waren nur wenige Minuten vergangen, seitdem er eingenickt war? Er horchte auf Geräusche oder Stimmen von draußen, vernahm aber nichts Ungewöhnliches.
   Als er eben wieder wegdämmerte, öffnete sich die Stalltür. Jemand führte ein Pferd herein. »Du kannst dir im Krankenlager eine Salbe holen, um dein Pferd zu versorgen«, sagte Everest.
   »Danke, das ist sehr freundlich von Ihnen.«
   Grim! Jai sprang mit einem Satz auf die Füße. Die Stalltür fiel zu und übertönte das Rascheln des Strohs unter ihm.
   Jai schlug seinem Freund kräftig von hinten auf die Schulter. Grim fuhr sofort mit geballter Faust herum. Sein Gesichtsausdruck wechselte schlagartig. Der erste Schreck wich einem freudigen Lächeln, das im Bruchteil der Sekunde kippte und in Abwehr umschlug. Jai wollte ihn umarmen, doch Grim wich einen Schritt zurück. »Jai!«, stieß er erschrocken hervor.
   »Mann, Grim. Das ist ein Zufall, ich …« Er zögerte. »Was ist los?«
   Grim starrte ihn an, als wüsste er nicht, was er sagen sollte.
   »Was ist mit dir?«, wiederholte Jai seine Frage eindringlicher.
   Grim gab einen verächtlichen Laut von sich. »Das fragst du mich?«
   Jai runzelte die Stirn. »Wie meinst du das? Ich verstehe nicht, warum du mich so ansiehst. Warum begrüßt du mich nicht?« Er hob die Hand zum High Five, doch Grim ließ ihn stehen und wandte sich ab. Was zum Teufel war hier los?
   »Und ich verstehe nicht, dass du dich traust, so zu tun, als wäre nichts geschehen. Du kannst froh sein, dass ich es bin, dem du hier begegnest. Die anderen würden dir den Kopf abreißen, wenn sie dich sehen. Allen voran Riva.« Grim sah ihn an. Seine Augenbrauen zogen sich misstrauisch zusammen und bildeten eine tiefe Furche auf seiner Stirn. »Wir wissen Bescheid.«
   Er verstand gar nichts mehr. »Bescheid? Worüber?« Doch plötzlich begriff er. »Du weißt von dem Brand?«
   Nun war es Grim, der ein verständnisloses Gesicht zeigte. »Wenn du den Überfall als Brand bezeichnest, dann lautet die Antwort ja. Obwohl das wirklich eine unpassende Ausdrucksweise ist.«
   »Ich verstehe immer noch nicht ganz, was du mir sagen willst. Was weißt du über die Katastrophe im Süd-Bezirk?«
   Wut mischte sich in Grims verständnislosen Blick. »Ich habe keine Ahnung, was im Süd-Bezirk vorgefallen ist, aber ich interessiere mich auch nicht für die Belange der Hot Bloods – im Gegensatz zu dir.« Es klang verächtlich. »Ich rede von dem Überfall auf unser Lager. Du mieser Verräter! Ich hatte wirklich geglaubt, dass Riva nur eifersüchtig war, und habe immer versucht, deine Entscheidung für dieses Hot-Blood-Mädchen zu verstehen. Aber das geht zu weit!« Er betrachtete ihn mit einem mitleidigen Blick. »Was ist nur aus dir geworden?«
   Jai unterdrückte ein entsetztes Keuchen. »Wovon zum Teufel sprichst du? Was für ein Überfall auf unser Lager? Im Canyon?«
   Grim richtete sich kerzengerade auf. »Du bist ein guter Schauspieler, Jai. Aber wie du willst, tun wir so, als wüsstest du von nichts. Als hättest du keinen Schimmer, dass die Hot Bloods das Outlaw-Lager überfallen haben. Du weißt nicht, dass alles zerstört ist, und hast natürlich absolut keine Ahnung von der Warnung, die sie uns hinterlassen haben. Ich dachte, es wäre dein Medaillon, das an dem Hasen aufgespießt hängt. Es hat mich wirklich verletzt, dass ich dir trotz deines merkwürdigen Verhaltens immer noch vertraut habe und dann erkennen muss, dass du uns alle hintergangen hast.« Er trat einen Schritt vor. »Trotzdem kann ich dich nicht ausliefern. Du bist immer wie ein Bruder für mich gewesen. Ich werde niemandem sagen, dass ich dich gesehen habe, aber tritt mir nie wieder unter die Augen. Hörst du? Nie wieder!« Er wandte sich abrupt um.
   Jai setzte ihm nach. Er packte ihn an der Schulter. »Warte!«
   Grim wirbelte herum und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht. Mit einem bitteren Lächeln wischte er sich die blutige Hand an der Hose ab. »Tut mir leid, aber das hast du verdient.«
   Ungläubig starrte er seinen ehemals besten Freund an. »Was für einen Schwachsinn redest du da? Ich weiß nicht, wer dir diesen Mist über mich erzählt hat. Ich kann dir nur eins sagen: Es ist nicht wahr. Was genau wirfst du mir überhaupt vor? Ich weiß nicht mal, worum es geht.«
   Unschlüssigkeit spiegelte sich in Grims Blick wider. Er wirkte hin- und hergerissen zwischen seinen widersprüchlichen Gefühlen. »Ich werde mir jetzt eine Salbe für Zar holen, er hat eine Verletzung am Bein. Vielleicht habe ich mich dann zumindest wieder so abgeregt, dass sich mein Wunsch gelegt hat, dich noch weiter zu verprügeln. Lieber wäre es mir, wenn du einfach verschwindest und nicht mehr hier bist, wenn ich zurückkomme.«
   »Vergiss es«, stieß Jai hervor. »Beruhig dich erst mal, dann kannst du mir erklären, was vorgefallen ist.«
   Grim warf ihm einen zornigen Blick zu, bevor er den Stall verließ, und schlug energisch die Tür hinter sich zu.
   Er war wieder allein. Allein mit einem Haufen Fragen, die nur eine Erklärung zuließen. Jemand musste ihm eine ganz üble Tat in die Schuhe geschoben haben. Und wer dieser jemand war, konnte er sich leider nur allzu gut vorstellen.

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