Naturkatastrophen und Atomkriege haben die Welt beinahe zerstört. Während sich die Natur regeneriert und die Spuren der Verwüstung allmählich überwuchert, entwickelt sich aus der Kluft zwischen Arm und Reich ein unüberwindbarer Graben. Die Bevölkerung ist gespalten: Die Reichen und die Regierung leben in gesicherten Hot Blood-Bezirken und die armen Parias hausen in den Ruinen außerhalb. Nagende Zweifel treiben Jai zu einer folgenschweren Entscheidung. Vella muss sich ihrem Schicksal stellen und einsehen, dass es persönliche Entscheidungen im Leben gibt, die einem größeren Zweck unterliegen. Liebe ist eine davon. Und wer richtet über den Wert der Liebe, wenn das Überleben der Menschheit davon abhängt?

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ISBN: 978-9963-52-331-3

Seiten: 332

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Kyra Dittmann

Kyra Dittmann
Kyra Dittmann wurde 1972 in Bonn geboren. Nach einer Schreinerlehre hat sie langjährige Berufserfahrung in Handwerk und Beratung gesammelt. Fesselnde Abenteuergeschichten haben seit jeher ihr Leben bereichert - sowohl die gelesenen, geträumten und gelebten. 2010 hat sie als freiberufliche Autorin ihre Weichen neu gestellt und den Sprung ins kalte Wasser gewagt. Sie absolvierte diverse Schreib- und Drehbuchseminare, unter anderem am Filmhaus Köln. Nebenbei arbeitet sie als Reitlehrerin und Eventmanagerin für Kinder. Sie lebt mit ihrem Mann, den fünfzehnjährigen Zwillingstöchtern und jeder Menge Romanfiguren in Bonn.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Schattenhafte graue Wolkenbilder schoben sich über dem schwarzen Firmament zu einer undurchdringbaren Masse zusammen. Der eben noch klare Sternenhimmel verdüsterte sich zunehmend. Sie hatte befürchtet, dass sich die alte Weisheit ihrer Ahnen bewahrheiten würde. »Traue nie der Ruhe vor dem Sturm«.
   Die Erfahrung hatte sie gelehrt, dass auch die kleinsten Anzeichen eine ernst zu nehmende Gefahr bedeuten konnten. In Sekundenschnelle braute sich ein Unwetter von der Stärke eines Orkans zusammen, das unangenehme Erinnerungen an lang vergangene Zeiten weckte.
   Sie spürte das Zittern der Erde, das wie ein Windhauch durch ihren Körper fuhr. Leise und zart schlich es näher, bahnte sich an, bis es hinterhältig und heimtückisch ihre schlimmsten Ängste entfesselte. Sie ahnte instinktiv, dass etwas nicht stimmte. Aus dem Zittern schwoll ein Beben, dem ein Grollen entstieg, dass man glauben konnte, der Teufel erwachte. Bäume und Sträucher rissen aus ihren Verankerungen, der Boden brach auf und hinterließ tiefe Gräben, auf deren Grund Lava brodelte. Hatten sich wirklich Zugänge zur Hölle geöffnet? Oder lag es an dem Grauen, das diese Katastrophe hinterließ und ihre Erinnerung verzerrte?
   Ob es einem Wunder glich oder vielmehr einem Fluch, dass die Erde trotz tagelangem Beben nicht auseinanderbrach, vermochte sie nicht zu sagen. Mit Sicherheit aber bedeutete es die letzte Warnung. Die ultimative Mahnung vor dem Untergang. Die Menschen mussten sich dieser Drohung wohl oder übel beugen, das Erdbeben raffte den Großteil des Lebens dahin. Mensch und Tier.
   Seit diesem Tag lauerten ihre Sinne geschärft unter der Oberfläche. Immer auf der Hut, wie ein Raubtier, das sich an seine Beute anpirscht. Sie hatte dieses Gewitter kommen sehen, das Unheil in der Luft geschmeckt und das Zittern der Erde gespürt, lange bevor es sie erreichte. Mit erschreckender Gewissheit wusste sie, dass der Himmel nur die Geschehnisse der Erde widerspiegelte. Der Sturm würde sich ihrem Schützling in den Weg stellen, der Donner würde seinen Zorn verbreiten und das Gelingen ihres Plans gefährden.
   Der Wind blies ihr eisig ins Gesicht. Sie zog die Kapuze tiefer in die Stirn. Vielen Gefahren hatte sie getrotzt, sie würde auch diese überstehen. Sie hatte sich geschworen, nicht eher zu gehen, bis das Gleichgewicht wieder hergestellt war.
   Müde kehrte sie dem Nord-Palast den Rücken und begann den Abstieg. Das Gewicht ihres Körpers lastete schwer auf ihren Knochen. Sie glaubte beinahe, ein leises Ächzen in ihnen zu hören, bei jedem Schritt, den sie sich vorwärts schob. Ihre alten Knochen eigneten sich nicht mehr für solche Anstrengungen, doch sie beschwerte sich nicht. Sie allein hatte diese Unruhe ausgelöst und mit dem Kind einen Pfad geebnet, der nicht nur den Weg für das Gute öffnete, sondern auch das Böse heraufbeschwor. Der erste Schritt war der schwerste gewesen, alle weiteren würden nicht viel leichter werden. Sie hatte es gewusst, aber ihre Entscheidung nie bereut.
   Ihre knochigen Finger krampften sich um den Stock, der unter der Last zu brechen drohte. Schritt für Schritt stieg sie hinab, während sich das Gewitter über ihr zusammenzog. Mit letzter Kraft erreichte sie die Höhle, die verborgen am Fuße des Berges lag. Noch einmal ließ sie den Blick über den Horizont schweifen. Die Wolken bildeten bizarre Formen, das Mondlicht warf diffuse Schatten über die Ebene und oben auf dem Berg erkannte sie die Silhouette eines Wolfes. Die Ohren wachsam aufgestellt, den Kopf stolz erhoben, symbolisierte er das Sinnbild der Rebellion.

Kapitel 1
Massiver Verdacht

Die aufsteigende Übelkeit verkrampfte seinen Magen. Jai kämpfte gegen das übermächtige Gefühl, das ihn belegte wie ein böser Fluch. Das Mädchen auf dem Foto war niemand anderes als Vella! Daran bestand kein Zweifel. Trotzdem weigerte er sich, zu begreifen, was er deutlich vor sich sah. »Das glaube ich nicht!«
   Riva lächelte mitleidig. »Du wirst es glauben müssen, Jai. Das Foto stand im Palast, mitten im Esszimmer. Niemand stellt sich ein Bild seiner Dienerin auf. Sie ist die Tochter des Präsidenten.«
   Er schüttelte den Kopf und fuhr sich über die Stirn, bemüht, seinen Schmerz vor Riva zu verbergen. Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen wechselte ihr Blick zwischen dem kleinen Silberrahmen und ihm hin und her. Ihre schwarzen Augen fixierten ihn erwartungsvoll. Er fühlte sich machtlos. Aufgespießt. Ausgeliefert. Betrogen. Riva hatte ihn da, wo sie ihn haben wollte. Genau das war ihr Plan. Er durfte sich nicht beeinflussen lassen. Ausgerechnet er sollte gelernt haben, dass ein vager Vorwurf nicht ausreichte, um jemanden zu verurteilen. Er musste es besser wissen. Riva würde nichts lieber sehen, als dass er Vella misstraute. Um die Freundschaft zwischen ihm und Vella zu zerstören und sich in ein besseres Licht zu rücken, schien ihr jedes Mittel recht. Die Eifersucht trieb sie an wie ein Gift, das sich langsam durch die Blutbahn fraß. Er durfte sich davon nicht anstecken lassen.
   Bemüht, eine nicht vorhandene Selbstsicherheit in seine Stimme zu legen, blickte er ihr in die Augen. »Gib mir das Bild. Nimm es mir nicht übel, Riva. Ich schätze deine Freundschaft, aber ich werde selbst überprüfen, was es damit auf sich hat.«
   Sie reichte ihm das Foto, ohne zu zögern. »Kein Problem, Jai. Ich kann warten.«
   Ihr Triumph stach wie ein Messer in seine Eingeweide und verdeutlichte, wie sicher sie sich fühlte. Riva lächelte überlegen, wandte sich um und ließ ihn stehen.
   Sein mühsam errichteter Schutzschild drohte aufzubrechen und die äußerlich ruhige Schale zu zerstören. Der Sturm, der in ihm tobte, raste im Wettlauf mit seinem Puls. Sein Herz hämmerte unter lautem Protest gegen die Rippen. Während er das Foto aus dem Rahmen löste, festigte sich die Frage, was er tun sollte, wenn sie recht behielt? Was, wenn es nichts als eine Lüge war?
   Warum sollte Riva auch die Wahrheit sagen? Sie hatte Vella von der ersten Sekunde an gehasst. Durfte er sich sein Vertrauen in Vella einfach so zerstören lassen – ohne diesen Vorwurf einer Prüfung zu unterziehen? Er hatte so viel mit ihr durchgestanden, dass er seine Gefühle nicht mehr leugnen konnte. Gleichzeitig drohte seine Überzeugung einzustürzen, als zöge ihm jemand den Boden unter den Füßen weg. Alles, woran er in den vergangenen Tagen geglaubt hatte, geriet ins Wanken.
   Immer wieder schob sich die eine Frage in den Vordergrund: was, wenn Riva die Wahrheit sagte, wenn Vella die Tochter des Präsidenten war? Wenn sie ihn die ganze Zeit belogen hatte?
   In jedem Fall stellte Riva keine geeignete Gesprächspartnerin zur Lösung dieser Frage dar. Er musste mit je-mandem reden, dem er vollkommen vertrauen konnte.
   Er steuerte auf die Scheune zu, obwohl der Wind ihm eiskalt ins Gesicht fegte, als wollte er ihn daran hindern, Grim aufzusuchen und den Widerstand mit Absicht erhöhen. Blätter und Staub fegten ihm ins Gesicht, ein Sturm kündigte sich an. Nicht nur das Wetter verschlechterte sich zunehmend, auch seine Gefühle hatten einen Tiefpunkt erreicht. Er wusste nicht mehr weiter.
   Vielleicht würde es guttun, nach so langer Zeit ein Gespräch unter alten Freunden zu führen. Die Ausritte mit seinem besten Freund fehlten ihm – obwohl er die Zeit mit Vella nicht missen wollte. Er umschloss das Bild in seiner Tasche fester und trat durch den Vorhang in den Krankenteil ein. Grim saß auf der Bettkante seines Strohlagers und sah erfreut auf, als er auf ihn zukam. »Hey, wie geht’s dir?«
   Grim rollte mit den Augen. »Ich habe es satt, hier nichtsnutzig rumzuliegen. Deshalb habe ich beschlossen, mich aus diesem elenden Lazarett zu entlassen.« Grim erhob sich und begann seine Sachen, die neben dem Bett lagen, zusammenzuräumen.
   Jai betrachtete ihn mit gemischten Gefühlen. Keine Frage, dass er sich freute, wenn es ihm wieder besser ging – aber war das auch so? Oder täuschte Grim sein Wohlbefinden lediglich vor? »Hast du keine Schmerzen mehr?«
   Grim hielt inne. »Willst du eine ehrliche Antwort oder eine schöne?«
   Jai verzog das Gesicht. »Bin ich dein Freund oder nicht?«
   »Die Schmerzen stehen in keinem Vergleich mehr zu vorher, aber ich glaube, dass sie nie restlos verschwinden werden. Sieh dir meine Hand doch an! An diesen Fingern existieren keine Nervenenden mehr. Alles verätzt.« Grim hielt ihm demonstrativ die Handfläche entgegen.
   Jai spürte abermals Übelkeit in sich aufsteigen. Allein der Anblick schmerzte. Schwulstige hellrote Narben überzogen sowohl die Handinnen- als auch die Außenfläche. Grims ehemals schöne, schlanke Hand sah erschreckend verunstaltet aus. Jai fühlte sich schuldig. Er hatte sich in den vergangenen Tagen nicht einmal die Zeit genommen, die Wunden seines Freundes näher zu betrachten. Was für ein miserabler Freund war er? »Es … tut mir leid …« Was zum Teufel sollte er sagen, um Grim sein Mitgefühl zu zeigen, ohne ihn zu bemitleiden?
   Grim lächelte tapfer. »Weißt du, ich habe mich damit abgefunden. Immerhin lebe ich noch. Ich kann die Schmerzen zumindest aushalten. Außerdem habe ich nicht vor, meine Lebenszeit mit Jammern oder Untätigkeit zu vergeuden. Wir haben doch etwas vor heute Nacht, oder habe ich das falsch verstanden?« Seine Augen leuchteten erwartungsvoll.
   Jai nickte langsam. »Ich würde es dir nicht übel nehmen, wenn du mich nicht begleiten kannst.«
   »Vergiss es.«
   »Ich meine …«
   »Vergiss es, Jai!«
   Er zögerte. »Okay«, sagte er gedehnt.
   »Was ist los mit dir?« Grim wirkte empört. »Du hast doch vorhin bei der Versammlung gemerkt, dass alle hinter dir stehen. Auf Riva und mich kannst du dich immer verlassen. Wir sind Freunde, Jai.«
   Freunde. Das Wort schmerzte. Seine Finger krampften sich um das Bild in seiner Hosentasche. Es lag ihm auf der Zunge, mit Grim über Rivas angebliche Entdeckung im Palast zu sprechen. Er sollte sich die Meinung seines Freundes anhören. Andererseits – wem würde Grim glauben? Er kannte Vella nicht, denn er war weder dabei gewesen, als sie sich ins Arbeitslager geschlichen hatten, noch hatte er Igors Überfall auf das Dorf miterlebt. Er hatte kein einziges der Erlebnisse der vergangenen Tage mit ihm geteilt. Jai konnte sich ausmalen, wie Grims Ratschlag lauten würde. Immerhin hatte er selbst noch vor wenigen Tagen behauptet, er brauche kein Mädchen, er habe ein anderes Ziel vor Augen.
   Er seufzte und zog die Hand aus der Tasche. Ohne das Foto. Die Fragen, die ihn quälten, würde er sich allein beantworten müssen. Er musste herausfinden, ob er Vella kannte oder womöglich ein Funken Wahrheit aus Rivas Anschuldigung hervorleuchtete?
   Grim stieß ihn freundschaftlich an. »Komm schon Jai, spuck’s aus! Ich sehe auf zehn Meter, dass dich etwas bedrückt.«
   Jai stieß mit der Fußspitze gegen einen kleinen Stein, der im schrägen Winkel zur Seite rollte. Er presste die Lippen aufeinander. Grim hatte genug Probleme – Jai vermied es, erneut auf die vernarbte Hand zu starren –, dagegen wirkten seine Sorgen geradezu lächerlich. Jetzt war definitiv nicht der richtige Moment, um ihn mit seinen Liebesangelegenheiten zu belasten. Er wollte Grim nicht anlügen, er musste nur einen kleinen Teil der Wahrheit verschweigen, auch wenn es sich um den Teil handelte, der ihm keine Ruhe mehr ließ.
   »Ist alles in Ordnung?«
   Jai sah Grim fest an. »Ja, es ist alles okay.« Er wandte sich ab. Jedenfalls weiß ich, was ich zu tun habe.

*

Roover legte das Holzkästchen zurück in den Safe und schloss die Tür. Während er die Vase an ihren ursprünglichen Platz schob, vergewisserte er sich zum hundertsten Mal, dass sich die Öffnung des Tresors akkurat im Muster der Tapete verbarg. Ein Fremder würde sie unmöglich entdecken können. Ausgenommen er wusste, wo er suchen musste.
   Er ging zu seinem Schreibtisch hinüber und ließ sich in den Sessel sinken. Nicht nur die Reise hatte ihn angestrengt, die Geschehnisse der vergangenen Wochen zerrten unangenehm an seinen Nerven. Trotzdem zwang er sich, seine Aufmerksamkeit auf die entscheidenden Fragen zu konzentrieren. Wer konnte den Safe geöffnet haben? Wer wusste, wo sich der Tresor befand?
   Zumindest die letzte Frage ließ sich beinahe zu schnell beantworten: nur Igor und Elika, die zwei Menschen, denen er am meisten vertraute. Keinem von beiden würde er unterstellen, ihn zu hintergehen. Außerdem – was sollten sie mit seinem Medaillon anfangen? Jeder von ihnen besaß ein eigenes. Igor und Elika schieden als mögliche Diebe aus. Dennoch ließ ihm die Frage, wer den Safe geöffnet und die Kette mitsamt dem Foto entwendet haben könnte, keine Ruhe. Konnte er sich vielleicht nicht mehr daran erinnern, noch jemandem verraten zu haben, wo sich der Tresor befand? Vielleicht Rahul, damals in der Zeit ihrer Freundschaft?
   Wie nahezu alle Erinnerungen, die er mit Ambika verband, hatte er auch diesen Lebensabschnitt kategorisch aus seinem Gedächtnis vertrieben. Seit Jahren setzte er alles daran, jeden einzelnen Tag davon zu vergessen. Was für eine Ironie des Schicksals, dass sich momentan sein gesamtes Leben genau darum drehte. Es war Zeit, dem ein Ende zu bereiten. Er lehnte den Kopf nach hinten, schloss für einen Moment die Augen und sammelte seine Gedanken. Vorerst würde er niemandem davon erzählen, dass die Kette verschwunden war. Es erschien ihm sinnvoller, die Ungereimtheiten der vergangenen Tage in Ruhe zu überprüfen.
   Roover erhob sich aus seinem Sessel. Es drängte ihn danach, Rahul zu sprechen. Obschon er sich nicht vorstellen konnte, dass der Paria als Dieb der Kette infrage kam, wollte er sehen, wie dieser Feigling auf seine Vorwürfe reagierte, Mitschuld am Verschwinden seiner Tochter zu tragen. Wahrscheinlich hatte er seinen Sohn angestiftet. Der Dummkopf ahnte ja nicht, was er damit angerichtet hatte. Rahul wusste wahrscheinlich ebenso wenig von der geplanten Hochzeit, wie er das geheime Versteck des Tresors kannte. Woher auch?
   Roover stieg die breite Treppe in die Eingangshalle hinab und durchquerte mit eiligen Schritten den Raum. Er öffnete die schmale Holztür, die hinunter in den Gewölbekeller führte, und folgte dem niedrigen Gang, der sich um mehrere Ecken unter dem gesamten Gebäudekomplex hindurchwand. Wer sich hier nicht auskannte, konnte sich elend verirren. Vermutlich war dieser kleine Trick des Architekten schon manchem flüchtigen Häftling zum Verhängnis geworden. Der Kerker, der sich im Keller des Palastes verbarg, existierte bereits lange vor der Havokade. Stabile Eisenbeschläge hielten jeden Häftling sicher in Schach. Das Gefängnis büßte auch nach Jahrhunderten nichts an seiner Funktionalität ein.
   Das massive Gemäuer des Palastes war als eines der wenigen alten Gebäude weitgehend von all den Erdbeben, Überschwemmungen und anderen Naturkatastrophen verschont geblieben. Es hatte als unverrückbarer Fels jeden Ansturm überlebt und jedem Eindringling getrotzt. In den Nord-Palast gelangte niemand ungehindert hinein oder hinaus, zumindest hatte er das bisher angenommen. Nach wie vor ungeklärt blieb, wie es jemandem gelungen war, Vella mitsamt der Companía aus einem Gebäude zu entführen, das er bis dahin für unbezwingbar gehalten hatte. Ob es sich bei dem Täter um Rahuls Sohn handelte, würde er vielleicht sehr bald erfahren.
   Jeder Schritt, den er sich dem Gefangenen näherte, verstärkte seine Aggression. Der Zorn gärte in ihm, wie eine überreife Frucht. Er verspürte genau das richtige Maß an Wut, um Rahul gebührend gegenüberzutreten. Von der einstigen Freundschaft war nichts zurückgeblieben.
   Modrige, feuchte Luft schlug ihm entgegen und steigerte seine Abneigung gegenüber dem Gefangenen. Wie hatte er diesem dreckigen Paria jemals vertrauen können?
   Geschickt wich er einer der wenigen Glühbirnen aus, die an blanken Kabeln von der Decke baumelten, und folgte dem Weg um mehrere Ecken. Er sah bereits die Tür am Ende des Ganges, als die einzige Lampe weit und breit nicht gerade vertrauenerweckend aufflackerte. Roover machte sich darauf gefasst, gleich im Dunkeln zu stehen, und tatsächlich bestätigte ein leises Summen kurz darauf seine Vermutung. Das Licht in diesem Teil des Flurs erlosch. Er tastete über die grobe Steinwand, um nach dem Schalter zu suchen, der die Beleuchtung im Innern der Zelle steuerte.
   Er zuckte zurück, als etwas über seine Hand huschte, und schimpfte sich gleichzeitig einen Idioten. Seit wann fürchtete er sich vor Ungeziefer? Leise fluchend fand er den Schalter und endlich erlöste ihn der Lichtschein hinter der kleinen Fensterscheibe der Kerkertür von der Dunkelheit. Er registrierte soeben noch die große schwarze Spinne, die in einer Mauerritze neben der Tür verschwand, und bemühte sich, seinen Ekel zu unterdrücken.
   Ein Blick in die Zelle zeigte einen entspannten Rahul, der mit dem Rücken an die Wand gelehnt dasaß und zu schlafen schien. Er überlegte, mit was für Worten er ihm gegenübertreten sollte, als Rahul die Augen öffnete und ihn mit einem amüsierten Lächeln betrachtete. Wenn er es wagte, ihn zu verspotten, würde er ihm den Hals umdrehen. Als er die Tür öffnete und auf ihn zu ging, erhob sich Rahul würdevoll. Roover blieb knapp vor ihm stehen. »Wir haben uns lange nicht gesehen.«
   »Du hättest mich jederzeit besuchen können.« Rahuls Lächeln vertiefte sich.
   Roover ballte die Hände zu Fäusten, verbot sich aber, ihm an den Kragen zu gehen. »Ich habe dich keineswegs vermisst.«
   »Das entspricht nicht gerade der Gastfreundschaft, die ich von einem alten Freund erwartet hätte.« Rahul streckte ihm die Hand entgegen.
   »Dein Verrat hat unsere Freundschaft beendet, Rahul.«
   »Du irrst dich. Ich habe nichts mit Ambikas Tod zu tun, Roover.«
   »Genau das Gleiche werde ich auch behaupten, wenn ich deinen Jungen erledige. Du weißt nicht, was du damit angerichtet hast, ihm aufzutragen, meine Tochter zu entführen.«
   Rahuls freundlicher Gesichtsausdruck schlug in Verwunderung um. »Ich habe was? Deine Tochter entführen lassen? Wer behauptet das?«
   »Glaub mir, ich habe meine Quellen.«
   »Dieselben Quellen, die dir meinen Verrat einreden?«
   »Spar dir deine erbärmlichen Versuche, Rahul. Unsere Freundschaft liegt lange zurück. Wahrscheinlich habe ich ohnehin fälschlicherweise geglaubt, wir wären einmal Freunde gewesen, aber selbst diese Zeit ist lange vorbei. Jetzt weiß ich, was ich zu tun habe. Ich werde dich und deine Familie vernichten, also sieh dich vor!«
   »Ich denke, du solltest dir meine Seite erst anhören, bevor du vorschnell urteilst, mein Freund.«
   Roover hatte große Lust, ihm mit der Faust ins Gesicht zu schlagen, aber die Drecksarbeit sollte Igor erledigen. Er würde sich an diesem Hund nicht die Finger schmutzig machen. »Es gibt nichts, was wir noch zu besprechen hätten.«
   Rahul wirkte beinahe enttäuscht. Roover drehte sich um und ging mit festen Schritten hinaus, ohne einen weiteren Blick an ihn zu verschwenden. Wie sehr er diesen Verräter verabscheute. Die Kerkertür schlug mit einem lauten, endgültigen Knall hinter ihm zu.

Kapitel 2
Quälende Zweifel

Igor wich lautlos einen Schritt zurück und drückte sich dicht gegen die Wand, obwohl der schmale Seitengang im Dunkeln lag. Nachdem die letzte Glühbirne ihren Dienst versagt hatte, sollte er von Roovers Blickwinkel aus nicht mehr zu sehen sein.
   Der Präsident schoss aufgebracht an ihm vorbei, ohne die Abzweige des Hauptgangs eines Blickes zu würdigen.
   Er lächelte. Genau das hatte er erwartet. Kurz zog er in Erwägung, Rahul ebenfalls einen Besuch abzustatten, entschied sich jedoch dagegen. Manchmal tat man gut daran, die Dinge für sich selbst arbeiten zu lassen. Besser er brachte in Erfahrung, was die Verhandlungen im Süd-Bezirk ergeben hatten. Er vertraute niemandem, wenn es darum ging, geheime Bündnisse zu schließen. Im Ernstfall dachte jeder nur an seine eigenen Interessen. Er würde den Werdegang der Nord-Süd-Beziehung aufmerksam im Auge behalten.
   Igor war schon fast an der Tür zur Eingangshalle angelangt, als ihm einfiel, dass er etwas vergessen hatte. Nachlässigkeit durfte er nicht zulassen. Leichten Schrittes kehrte er um und drehte die Fassung der Glühbirne wieder fest ins Gewinde. Die plötzliche Helligkeit blendete ihn, doch Rahuls Gesicht hinter der Scheibe entging ihm nicht. Er ignorierte den bittenden Blick und kehrte unbeirrt zum Ausgang zurück. Der Paria konnte ihm nicht mehr gefährlich werden, es verlief alles nach Plan.
   Er öffnete die Tür einen Spaltbreit und spähte hinaus, denn er musste unbedingt vermeiden, dass Roover ihn hier entdeckte. Doch niemand befand sich draußen, die Eingangshalle lag ruhig und leer vor ihm, sodass er schnell hinaustrat und mit vorgetäuschter Gelassenheit über den Flur schlenderte. Hinüber zu Roovers Arbeitszimmer.
   Auf sein Klopfen hin erhielt er keine Antwort, also horchte er und richtete sein Augenmerk stattdessen auf den Speisesaal. Wahrscheinlich hatte sich der Präsident dorthin zurückgezogen. Wieder klopfte er. Diesmal ertönte die brummige Aufforderung, einzutreten. Igor setzte sein breitestes Lächeln auf. »Wie schön dich zu sehen, mein Freund.«
   Roover starrte ihm grimmig entgegen. »Ich wünschte, ich könnte deine Freude teilen, aber ehrlich gesagt könnte ich mir schönere Gelegenheiten vorstellen, als nach anstrengenden Verhandlungstagen – in Anwesenheit von diesem vorlauten, pubertierenden Sohn von Vikars – zu Hause auf eine unveränderte Lage zu treffen. Von Vella gibt es immer noch keine brauchbare Spur. Entschuldige bitte, worüber soll ich mich da freuen?«
   Igor trat neben seinen Freund und klopfte ihm auf die Schulter. »Warte nur ab. Sicher hat Elika dir erzählt, dass Rahul unten im Keller hinter verschlossenen Türen sitzt. Der Paria wird irgendwann auspacken, glaube mir. Ich habe noch ein paar Asse im Ärmel.«
   »Das bezweifle ich. Als ich ihn vorhin besucht habe, wirkte er alles andere als gesprächig. Ich glaube vielmehr, dass es ein aussichtsloses Unterfangen ist, Rahul zum Reden zu bewegen. Er wird nichts sagen.«
   Igor gab sich überrascht. »Ach, komm schon, Roover! Du wirst dich doch von einem dummen Paria nicht aus der Ruhe bringen lassen?«
   Roover brummte abfällig.
   »Lass mich nur machen und kümmere du dich um wichtigere Dinge.« Es erschien ihm klüger, wenn der Präsident so wenig Zeit wie möglich mit dem Gefangenen verbrachte. Er musste sich etwas überlegen, um ihn auf andere Gedanken zu bringen. Immerhin konnte er weiteren Zusammentreffen von Roover und Rahul lässig entgegensehen. Rahul hatte nichts erwähnt, was Roover nicht wissen durfte. Weder wo er in den vergangenen Tagen gefangen gehalten wurde noch was er über das Arbeitslager wusste. Auf Rahuls Ehrgefühl konnte man sich immer verlassen. Der Paria war kein Typ, der etwas ausplauderte, um sich in ein besseres Licht zu rücken. Eher würde er elend zugrunde gehen, bevor er jemand anderen beschuldigte. Eine Dummheit, die ihm sicher noch zum Verhängnis werden würde. Er ließ sich neben Roover auf einen Stuhl sinken. »Wir werden schon herausfinden, wo dieser Outlaw deine Tochter festhält.«
   Roover wirkte wenig überzeugt. »Wie lange sitzt er schon da unten?«
   »Noch nicht lange genug, um uns brauchbare Informationen zu liefern. Wie du schon sagst, er schweigt wie ein Toter.« Er legte eine Pause ein. »Noch«, fügte er nach einigen Sekunden mit einem Lächeln hinzu. Wie konnte er verhindern, dass Roover Rahul ohne sein Wissen weitere Besuche im Kerker abstattete? Vielleicht sollte er ihm vorschlagen, eine Wache vor der Tür zu positionieren. So würde er verfolgen können, wie oft der Präsident den Gefangenen besuchte. Andererseits würde auch er dadurch überwachbar werden, was keine gute Idee war. »Was haben die letzten Verhandlungstage ergeben? Irgendetwas Neues von unserem Freund Vikars?« Er betonte das Wort ‚Freund‘ besonders, weil er wusste, dass Roover den Süd-Präsidenten im Grunde nicht leiden konnte. Bei der Fusion der Hot Blood-Bezirke ging es lediglich um ein Vorantreiben der geschäftlichen Beziehungen. Roover und ihn verband hingegen wirklich ein freundschaftliches Band, das er sich zu geeigneter Zeit zunutze machen und garantiert nicht zerstören lassen würde. Rahul hatte lange genug zwischen ihnen gestanden.
   Sichtlich in Gedanken versunken starrte Roover auf den Tisch. Es gefiel Igor nicht, dass das kleine Intermezzo mit dem Paria ihn derart aufwühlte. Am Ende trauerte Roover einer längst vergessenen Freundschaft hinterher, die viel Kraft und Aufbietung einfallsreicher Ideen bedurft hatte, um sie endlich zu vernichten. Er durfte nichts riskieren. Roover und Rahul sollten nie wieder Bande einer Freundschaft knüpfen, deren gefährliches Potenzial seine Pläne schneller als gedacht vernichten konnte. Er musste einen Weg finden, um das ein für alle Mal zu verhindern, ebenso wie eine Möglichkeit Roovers Vertrauen in ihn zu festigen. Leider hatte er im Moment keinen blassen Schimmer, was für ein glücklicher Zufall ihm in dieser Sache weiterhelfen könnte.

*

Jai ging mit gesenktem Kopf hinüber zu seinem Zelt. Der Wind trieb ihm trockenes Laub ins Gesicht und machte einen Aufenthalt im Freien denkbar ungemütlich. Dennoch ließ er sich Zeit und lief kleine Umwege, um den Moment noch ein wenig hinauszuzögern, in dem er Vella gegenübertrat. Er umrundete ein Autowrack, dessen verrosteter Kotflügel wie eine angefressene Kieferhöhle aus dem Boden ragte und ihn mahnend angähnte. Nachlässig kickte er einen dünnen Ast über den Boden und überlegte, was er noch erledigen konnte, bevor er zu Vella ins Zelt zurückkehrte. Im Grunde wusste er, dass jeder Aufschub sinnlos war, ganz abgesehen von der Tatsache, dass es ihn unwiderstehlich zu ihr hinzog. Früher oder später würde er sie auf Rivas Verdacht ansprechen müssen.
   Nur heute nicht.
   Er hob die schweren Tierhäute an, die im Eingang überlappten und Wind und Wetter aus seiner winzigen Behausung fernhielten.
   Am Anfang, kurz, nachdem er die Outlaws gegründet hatte, wohnten sie in alten, verfallenen Ruinen. Doch die maroden Häuser boten keinen geeigneten Unterschlupf. Jede bauliche Veränderung wäre unweigerlich aufgefallen und ohne weitere Einrichtung blieben es bloß zugige, dreckige Betonklötze.
   Erst nachdem er mit Grim den Canyon entdeckt hatte, waren sie dazu übergegangen, eine spezielle Art von Indianerzelten nachzubauen, die sowohl Privatsphäre als auch Wärme und Behaglichkeit boten. Häute fielen immer ab, wenn sie Wild jagten. Auch wenn es lange gedauert hatte, bis sie die nötige Menge zusammentragen konnten, besaß mittlerweile jeder Outlaw ein eigenes Zelt.
   Vella saß mit angezogenen Knien auf seiner Pritsche, die Arme um die Knie geschlungen, das Kinn darauf abgestützt. Sie sah ihn aufmerksam an, als er das Zelt betrat.
   »Hey.« Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
   Er erwiderte es unweigerlich. »Hey. Alles klar?«
   Sie nickte. »Du musstest dich doch der bissigen Riva stellen, nicht ich.« Nachdenklich zupfte sie an ihrem Ärmel. »Sie kann mich nicht leiden.«
   Er schluckte nervös. »Ach, vergiss sie. Riva ist eifersüchtig.«
   Sichtlich amüsiert hob Vella den Kopf. »Und ich dachte schon, das wäre dir nicht aufgefallen.«
   Jai ließ sich neben sie auf die hart gefederte Matratze fallen. »Mir fällt das schon seit Längerem auf. Wir haben eine … nennen wir es mal Vorgeschichte.«
   »Das habe ich mir gedacht.«
   Er legte den Arm um Vellas Schulter und zog sie sanft näher. »Vielleicht denkst du zu viel?«
   Ihre langen, dichten Wimpern senkten sich, es wirkte beinahe, als hätte sie die Augen geschlossen. Er verspürte den Wunsch, sie an sich zu ziehen, festzuhalten und zu küssen.
   Und zu fragen, ob sie die Tochter des Präsidenten war.
   Unaufhörlich pochte diese Frage in seinem Hinterkopf und ließ ihn ebenso wenig los, wie das Gefühl, das ihn gefangen hielt, seit er Vella vom Pferd gerissen hatte. Diese Mischung aus Vertrautheit und Spannung, die einer elektrischen Ladung glich. Jede Sekunde, die sie miteinander verbrachten, ließ ihn ein bisschen weiter hinter ihre eiserne Fassade blicken und er kam ihr ein Stückchen näher. Hinter der arroganten Hot Blood-Zicke versteckte sich ein Mädchen mit Herz und Mut. Eine Paria eben.
   Oder nicht?
   Sie beobachtete ihn. »Was hast du?«
   »Nichts …«
   »Vielleicht denkst du zu viel?« Aus ihrem vorsichtigen Lächeln entstand ein kesses Grinsen.
   Er vergaß für einen Moment die quälende Frage, wer sie war, und küsste sie. Wie immer zog es ihm den Boden unter den Füßen weg. Sie stieß ihn sanft nach hinten. Er ließ sich fallen, ihre Lippen verloren für einen Moment den Kontakt. Mit einem sanften Lächeln hielt sie inne, bevor sie sich wieder über ihn beugte. Ihre Haare bedeckten sein Gesicht, seine Hände strichen über ihren Rücken. Er fühlte heiße Wogen durch seinen Körper rauschen. Es war so anders als mit Riva. Vella toste wie ein Orkan durch sein Inneres und traf ihn mitten ins Herz. Was zum Teufel sollte er tun, wenn sich herausstellte, dass Riva recht hatte?
   Ihr Kuss fühlte sich warm und weich an. Echt und kein bisschen gespielt. Warum bezweifelte er das? Jai spürte, wie sich seine Gedanken verloren, er schob die Hände unter ihr T-Shirt.
   Mit einem Ruck setzte sich Vella auf.
   Er schloss kurz die Augen. Verdammt!
   Sie strich sich verlegen die Haare aus dem Gesicht. »Bestimmt musst du noch eine Menge vorbereiten für heute Abend.«
   »Mmh. Das hat Zeit.«
   »Ich möchte nicht schuld sein, wenn etwas schiefgeht.« Sie betrachtete ihn mit schräg gelegtem Kopf. »Was hast du denn geplant?«
   Er horchte auf. »Wie meinst du das?«
   »Ich meine, was du vorhast, wie du in das Arbeitslager hineinkommen und die Männer befreien willst – ohne, dass dich jemand erwischt?«
   Ein dicker Kloß bildete sich in seinem Magen. Kalt und befremdlich. Was sollte diese Frage? »Wir haben es immerhin schon einmal geschafft«, antwortete er ausweichend.
   »Ja, hinein. Und mit Mühe und Not gerade noch wieder hinaus. Aber zu zweit! Diesmal willst du mehrere Gefangene befreien und sicherlich nicht nur mit zwei Mann dort auflaufen.« Ihr Blick zeigte Skepsis.
   »Du hast recht. Ich muss mir etwas überlegen, was mir einen Vorteil gegenüber dem letzten Mal verschafft.« Er schob sie nach hinten und setzte sich auf. »Ich sollte darüber nachdenken.«
   »Ich könnte dir helfen.«
   Bemüht, ein Lachen zu unterdrücken, sah er sie an. »Du willst mir bei der Planung eines Einbruchs helfen?«
   »Du unterschätzt mich schon wieder.«
   In Erinnerung an das in Tränen aufgelöste Mädchen, das es nicht fertigbrachte, einen Pfeil aus dem Körper eines toten Vogels zu ziehen, musste er nun doch grinsen. »Wann habe ich dich jemals unterschätzt?«
   »Oh, gleich zu Anfang.« Sie wirkte beleidigt. »Ich hatte dir gesagt, dass du abwarten solltest, was ich dir vorschlage, bevor du mich auslachst. Ich habe Wort gehalten und dir den Geheimgang gezeigt. Vielleicht erinnerst du dich, dass wir gestern durch genau diesen Gang in den Hot Blood-Bezirk eingebrochen sind. Wie du es wolltest. Mit meiner Hilfe. Also lach nicht über mich, wenn du nicht weißt, was ich vorschlage.«
   Vellas Augen hatten sich zu schmalen Schlitzen zusammengezogen. Ihre Stimme klang kühl und berechnend. Da war es wieder, das zickige Hot Blood-Mädchen. Manchmal passte sie verdammt gut in dieses Klischee.
   Aber eben nur manchmal.
   »Ich könnte als Köder dienen«, fügte sie zögerlich hinzu.
   Er runzelte die Stirn. »Wie meinst du das?«
   »Wenn wir ungesehen hineinkommen, locke ich die Wachen in die Richtung, wo dich beim letzten Mal die Kameras aufgespürt haben. Ich mache richtig Lärm und behaupte, dass ich den Rebellen entwischt bin, sie mich aber bis vor den Höhleneingang verfolgt haben. Der Präsident, oder wer auch immer diesen Bau bewacht, wird mich sehen und die Wachen draußen zusammentrommeln. Währenddessen hast du Zeit, um die Gefangenen zu befreien.«
   Sein Herz klopfte eine Spur zu schnell, wie immer, wenn er eine Idee hatte, um einen Überfall perfekt zu machen. »Und wie kommst du wieder raus?«
   Sie zögerte auffällig lange mit der Antwort. »Wenn ihr die Gefangenen befreit habt, versuche ich zu verschwinden. Falls mich jemand daran hindern will, könntest du immer noch eingreifen und drohen, die Präsidententochter zu töten, wenn sie mich nicht gehen lassen. Man wird darauf aus sein, Marta zu schützen. Glaub mir, die Hot Bloods interessieren sich nicht für eine Companía.«
   Jai wusste im ersten Moment nicht, was er sagen sollte. Dieser Plan war viel zu unsicher. Verrückt und doch genial. Zu gefährlich und gleichzeitig die Lösung seines Problems. Die Wachen wären perfekt abgelenkt und Vella würde niemand etwas antun. Oder?
   Kannte jeder Wachmann im Bezirk die Dienerin der Präsidententochter? Leichte Zweifel schlichen sich ein. Oder würde man ohne Vorwarnung auf sie schießen und erst zu spät feststellen, dass durch eine Companía keine Gefahr drohte? Leider wusste er tatsächlich nicht, wer das Arbeitslager beaufsichtigte. Sicher hatte der Präsident seine Leute dafür und saß währenddessen im Palast. Jai konnte sich nur schwer vorstellen, dass sich Roover in dieser unterirdischen Höhle die Finger schmutzig machte.
   Mit dieser waghalsigen Aktion würde er Vella einer direkten Gefahr aussetzen. Das konnte er nicht zulassen. Andererseits kam der Vorschlag von ihr. Sie musste wissen, was sie tat. Er würde ein für alle Mal Rivas Vorwürfe widerlegen können. Wenn Vella nämlich die Präsidententochter war, würde jeder der Wachmänner sie sofort erkennen und sicher nicht wieder gehen lassen. Warum sollte Vella ihm so ein verrücktes Angebot machen, wenn es von vornherein aussichtslos war?
   Sein Puls beschleunigte sich. Die Möglichkeit, die Wahrheit herauszufinden, wirkte verlockend. Gleichzeitig schämte er sich für diese Kaltschnäuzigkeit. Er liebte Vella, wie konnte er sie wissentlich einer Gefahr aussetzen? Kalter Schweiß trat ihm auf die Haut.
   »Es ist eine sichere Sache«, untermauerte sie ihre Theorie. »Was spricht dagegen?«
   Jai stieg die Hitze ins Gesicht. Natürlich konnte er ihr darauf keine Antwort geben.
   Sie lächelte. »Du solltest lernen, mir zu vertrauen.«
   Dieser Schlag saß. Der harte Klumpen in seinem Magen schien zu gefrieren, aber er brachte es dennoch nicht über sich, ihrem perfekten Plan etwas entgegenzusetzen. Er war wirklich in jeder Hinsicht ein miserabler Freund.

*

Sie war eine elende Lügnerin. Vella verabscheute ihre Worte. Sie verrannte sich immer mehr in dieser einen Unwahrheit, die zu einem riesigen Netz aus Fallstricken herangewachsen war. Früher oder später würde eine dieser Schlingen sich um ihren Hals legen – und zusammenziehen.
   Der Vorschlag, die Wachen abzulenken, stellte einen kläglichen Versuch dar, ihren Verrat wieder gutzumachen. Sie schämte sich für den Vertrauensbruch und hasste jede neue Lüge, die sich nicht vermeiden ließ. Aber was hätte sie tun sollen? Ihre einzige Chance, Jai bei der Befreiung seines Vaters zu helfen, bestand darin, sich auszuliefern. Zumindest fühlte sie sich nach ihrem Vorschlag etwas besser und die leise Hoffnung, dass es vielleicht nicht zu der Enthüllung ihres wahren Ichs kommen würde, starb zuletzt.

Den ganzen Tag über wich sie nicht von Jais Seite. Das Gefühl, ihn verlieren zu können, lastete auf ihr wie die Enge der Schutzkuppel, von deren Druck sie sich im Hot Blood-Bezirk nie hatte befreien können. Gleichzeitig war es, als würde irgendetwas zwischen ihnen stehen. Sie konnte es nicht benennen, aber sie spürte es beinahe körperlich. Etwas war anders als gestern.
   Obwohl sie immer wieder die Gelegenheit fanden, allein zu sein und Zärtlichkeiten austauschten, schien eine unsichtbare Wand zwischen ihnen zu stehen, die verhinderte, dass sie sich wirklich nahekamen.
   Es lag an dieser verdammten Lüge.
   Irgendwie fühlte sie sich geradezu erleichtert, dass es bald vorbei sein könnte. Wenngleich sie absolut nicht wusste, was wirklich passieren würde, wenn sie vor die Wachen des Arbeitslagers trat. Würden sie in ihr die Präsidententochter erkennen? Saß Vater vielleicht sogar höchstpersönlich in einem Sessel und beobachtete ihr unerlaubtes Eindringen auf dem Bildschirm?
   Es nützte nichts, sich mit diesen Fragen den gemeinsamen Tag mit Jai zu zerstören. Vielleicht war es der letzte, der ihr blieb.

Die Vorbereitungen für den Einbruch näherten sich dem Ende. Während Jai den Gurt an seinem Sattel festzog, um noch einmal gewissenhaft den Sitz der Satteltaschen zu prüfen, fühlte sie sich hin- und hergerissen zwischen der ungewissen Angst, wie der Tag ausgehen würde, und der erlösenden Freude, dass er irgendwann enden musste.
   Nadim stieß sanft gegen ihren Arm, als könnte er ihre Gefühle verstehen. Sie lächelte wehmütig. Aus dem ehemals Furcht einflößenden Pferd war tatsächlich so etwas wie ihr Freund geworden. Er schnaubte leise und sie strich ihm liebevoll über die Nüstern. Genau diese tiefe Verbundenheit hatte ihr zu Jai heute gefehlt und daran trug nur sie allein die Schuld. Sie seufzte leise und wandte sich ab.
   Der Stall verbreitete eine behagliche Wärme, aufgeheizt von den Körpern der Pferde, die mit gleichbleibender Ruhe die frischen Heurationen zermalmten. An den herben Geruch der Tiere hatte sie sich mittlerweile gewöhnt, er verströmte etwas Angenehmes, Vertrautes.
   Sie beobachtete, wie sich Jai zu Grim hinüberbeugte, anscheinend besprachen sie etwas Persönliches. Auch Riva hielt in ihrer Bewegung inne und sah interessiert zu den beiden hinüber. Für einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke. Riva fixierte sie mit einer Mischung aus Verachtung und Siegesgewissheit. Eine merkwürdige Kombination in Anbetracht der Tatsache, dass nicht Vella den Kampf um Jai verloren hatte. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus. Auch wenn es keinerlei konkrete Anzeichen für eine derartige Vermutung gab, hatte es beinahe den Anschein, dass Riva etwas wusste, das ihr gefährlich werden konnte.
   Sie schob ihre mit einem Mal eiskalten Finger unter Nadims Satteldecke und versuchte, ihre Gedanken in eine andere Richtung zu lenken, doch Rivas hämisches Lächeln schien ihr Misstrauen nur zu bestätigen.
   »Okay, seid ihr fertig?«
   Jais Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Unter einstimmigem Gemurmel der anderen ergriff sie Nadims Zügel und führte ihn hinaus ins Freie. Hoffentlich machte wenigstens das Pferd seinem Namen alle Ehre und ließ sie nicht im Stich.
   Unter Rivas kritischem Blick bemühte sie sich, halbwegs elegant aufzusteigen. Obwohl sich ihre Reitkenntnisse deutlich gebessert hatten, fiel es ihr immer noch schwer, sich auf den Pferderücken zu ziehen, ohne total ungeschickt zu wirken.
   Jai hingegen saß wie immer mit einem geübten Schwung auf und wendete Sham in einer fließenden Bewegung in ihre Richtung. Wieder einmal bewunderte sie die Harmonie zwischen Pferd und Reiter.
   »Hey, alles klar?«, fragte er.
   Sein warmes Lächeln entschädigte sie für all ihre trüben Gedanken. Er war der einzige Mensch, der sie mit so viel Liebe im Blick ansah. »Klar«, erwiderte sie locker und versuchte, ihre Sorgen zu überspielen. »Von mir aus können wir los.«
   Er nickte und hob die Hand zum Signal des Aufbruchs.

Jai hielt sich dicht neben ihr und verhinderte gekonnt, dass sich jemand dazwischendrängte. Trotz der einbrechenden Dunkelheit verströmte der Wald eine warme Vertrautheit. Die Wildnis außerhalb des Hot Blood-Bezirks hatte – bis auf einen winzigen Rest – ihren Schrecken verloren. Immer wieder fielen ihr kleine Merkmale am Wegesrand auf, die verrieten, wo sie sich befanden. Hin und wieder erklangen entfernte Tiergeräusche, doch sogar die konnten sie in Jais Gegenwart nicht mehr ängstigen.
   Als sie den Zaun zur Prohibida erreichten, hatte sich bereits tiefe Dunkelheit über den Wald gelegt, sodass sie nur noch schemenhafte Umrisse der anderen Reiter erkennen konnte. Jai gab Anweisung, die Pferde anzubinden und flüsterte Sham etwas zu. Vella schlang Nadims Zügel um einen der Äste. Wie Jai es wohl fertigbrachte, seinem Pferd mit leisen Worten etwas zu befehlen, wofür es im Normalfall eines Stricks bedurfte? Das Geheimnis ihrer Beziehung hatte sie noch nicht entlarvt. Ohne Zweifel besaß Jai eine unwiderstehliche Anziehungskraft.
   Die Erinnerung an ihren letzten Ausflug in die Prohibida holte sie ein. Besonders der Moment im unterirdischen Schiff, als Jai sie zum ersten Mal geküsste hatte, breitete sich vor ihrem inneren Auge aus und sie musste unwillkürlich lächeln.
   Als ob er ihre Gefühle spüren würde, trat er näher an sie heran und griff nach ihrer Hand. Er zog sie an sich und umfasste ihre Hüfte. »Es geht los. Und soll ich dir etwas verraten? Ich habe das Gefühl, dass ich diese Nacht so schnell nicht vergessen werde.«
   Eine beklemmende Vorahnung stieg in ihr auf und der Gedanke ließ sie nicht los, dass er mit seiner Bemerkung, ohne es zu wissen, den Nagel auf den Kopf getroffen hatte.

Kapitel 3
Berechnender Aufbruch

Jai stieg als Erster durch das Loch im Zaun. Die Outlaws folgten ihm, einer nach dem anderen. Alle trugen schwarze Smoothies, hautenge Latexanzüge der Hot Bloods, die sie bei ihren zahlreichen Überfällen auf die Lebensmittelkarawanen des Präsidenten gestohlen hatten. Trotz der Strahlenschutzwirkung und der besonderen Oberflächenbeschaffenheit der Anzüge zogen sie diese nur zu ausgewählten Gelegenheiten oder vor allem im Winter an. Die Smoothies galten als Luxusgut, was man nicht leichtfertig im Alltag verschwenden durfte. Heute Nacht sollte die tiefschwarze Farbe nicht nur verhindern, dass die Hot Bloods sie zwischen den Büschen und Blättern erkennen konnten, sondern vor allem würden sie später im Arbeitslager kaum von den Wachmännern zu unterscheiden sein. Einige von ihnen hielten Umhänge unter ihrem Anzug versteckt, die sie vor dem Eingang der Höhle umlegen würden.
   Jai setzte sich mit Vella an die Spitze der Gruppe und folgte dem Weg parallel zur Straße in Richtung Arbeitslager. Der Wind nahm stetig zu und fegte ihm tief hängende Äste ins Gesicht. Er bemühte sich, Vella vor den peitschenden Zweigen abzuschirmen, ohne seine Schritte zu verlangsamen. Das Ziel trieb ihn unaufhaltsam vorwärts und blendete für kurze Zeit alle anderen Sorgen aus. Es drängte die Frage um Vellas Identität in den Hintergrund, ließ Rivas Intrigen nichtig erscheinen und fokussierte seinen Blick auf den Plan, die Parias und seinen Vater aus dem Arbeitslager zu befreien.
   Genau wie bei der Jagd bestand der Erfolg darin, sich auf die Beute zu konzentrieren, alles dafür Notwendige wahrzunehmen, aber den unwichtigen Rest auszublenden.
   Vellas Hand hielt er fest umschlossen. Er zog sie mit sich, während sich die restliche Gruppe seinem Tempo anpasste. Je näher sie dem versteckten Eingang kamen, desto mehr beschleunigte sich sein Herzschlag, die Aufregung steuerte seinen Puls und er spürte das Adrenalin in heftigen Wallungen strömen. Es wirkte wie ein Dopamin, beflügelte ihn und schaltete die Angst aus.
   Bald mussten sie den Eingang erreichen. Er erkannte die Felswand wieder, die ihnen den Weg versperrte. Diese Stelle hatte ihn bei seinem ersten Ausflug in die Prohibida dazu genötigt, mit Vella das restliche Stück bis zur Höhle ungesichert auf der Straße zu laufen. Ein Risiko, aber eine Chance. Hier begannen bereits die Ausläufer des Berges, unter dem sich die Höhle verbarg.
   Heute jedoch war die Gruppe zu groß. Für den Fall, dass sich ein Wagen oder ein Reittrupp näherte, würden sie den Weg nicht schnell genug verlassen können, ohne gesehen zu werden. Sie würden sich aufteilen und nacheinander in der Nähe des Eingangs im Gebüsch verteilen müssen.
   Er gab Tarik und Naik leise Anweisungen. Sie sollten zuerst gehen. Die zwei sprinteten über den sandigen Pfad und tauchten gegenüber ins Gestrüpp. Er hörte sie leise fluchen, was vermutlich darauf zurückzuführen war, dass vereinzelte Dornenbüsche das Vorwärtskommen im Unterholz behinderten. »Passt auf, dass ihr euch nicht verletzt«, wandte er sich an Kay und Seth, die als Nächstes loslaufen sollten. Er hatte die beiden jungen Outlaws erst vor wenigen Monaten bei einem Ausritt in die Berge aufgelesen. Abgemagert und halb verhungert nahm er sie mit ins Outlaw-Lager und verabreichte ihnen eine warme Mahlzeit. Er hatte sie sofort ins Herz geschlossen und hegte tiefes Vertrauen in ihre Loyalität.
   Ihre Eltern waren, wie viele andere Familienangehörige, der neuen Pest zum Opfer gefallen. Diese tückische Krankheit suchte die Dörfer in regelmäßigen Abständen heim und ließ sich nur durch extreme Sauberkeit und strenge Vorsichtsmaßnahmen fernhalten. Befallene Personen mussten unverzüglich unter Quarantäne gesetzt werden, was in den meisten Dörfern kaum umsetzbar war. Seine Mutter hatte als eine der wenigen Heilerinnen ein wirksames Mittel gegen die neue Pest entwickelt. Allerdings wirkte es nur in einem frühen Stadium der Krankheit, weshalb es immer noch viele Menschen gab, die eine Infektion nicht überlebten. Lia nahm oft Heilerinnen aus anderen Dörfern auf, denen sie beibrachte, die Anzeichen einer Erkrankung rechtzeitig zu deuten.
   Jai zögerte, als Grim und Riva hervortraten. Er fasste Grim am Arm und flüsterte ihm zu, dass er seine Hand schützen solle.
   Grim verzog mitleidig das Gesicht. »Im Gegenteil. Mit dieser Hand werde ich mir die Dornen vom Leib halten, ohne das Geringste zu spüren. Spar dir deine Fürsorge, diese Finger kann nichts mehr verunstalten.« Es klang bitter und verdeutlichte die Unwiderruflichkeit dieser Verletzung.
   Er nickte und klopfte Grim aufmunternd auf die Schulter. »Okay, du machst das schon.«
   Nachdem auch Knox die Straße hinter sich gelassen hatte und zwischen dichten Ästen im Gestrüpp verschwunden war, blieben er und Vella übrig. »Halte dir einen Arm vors Gesicht, um die Augen zu schützen.«
   »Da ich das schon einmal geschafft habe und die anderen anscheinend noch leben, wird es auch diesmal gehen«, erwiderte sie leicht gekränkt.
   Er musste unwillkürlich lächeln. Sie bewies immer wieder, dass sie den Kampfgeist einer Paria besaß.
   Jai drückte ihre Hand und sie rannten los. Für einen Augenblick dachte er an die verräterischen Fußabdrücke, die nun auf der Fahrbahn verliefen und bei Anbruch der Morgendämmerung kaum zu übersehen sein würden. Im nächsten Moment schlugen ihm jedoch spitze Dornen gegen die vorgehaltene Hand und schnitten sich in sein Fleisch. Vellas Finger krampften sich um seine Hand. Verbissen trat er Zweige und Ranken beiseite, die sich ihm in den Weg stellten. Er hatte sich eine denkbar schlechte Position zum Beobachten des Eingangs ausgesucht. Erst nach mehreren Metern dichten Gestrüpps, tauchten sie aus den wirren Dornen hervor, klopften sich die hängen gebliebenen Stacheln vom Körper und streiften die blutigen Finger an der Kleidung ab.
   »Hast du dich verletzt?«, fragte er.
   »Nein. Ich stehe total auf selbstzerstörerische Waldläufe.«
   Er verkniff sich ein Grinsen. »Dann passen wir ja richtig gut zusammen.« Sein Blick schweifte über die nähere Umgebung. »Wir müssen uns weiter in Richtung Eingang vorarbeiten. Von hier aus haben wir keinen Überblick.«
   Sie nickte. »Ich schaffe das schon.«
   »Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als vom Dornengestrüpp aus das Tor zu beobachten. Wir müssen abwarten, ob es sich öffnet. Beim letzten Mal hatten wir verdammt großes Glück, dass wir ohne Weiteres hineinlaufen konnten.«
   Genau hier lag der Haken in seiner Planung. Keiner von ihnen wusste, ob um diese Zeit Reiter oder Fahrzeuge vorbeikamen. Nutzten die Hot Bloods den Schutz der Dunkelheit, um ungesehen in die Prohibida zu gelangen? Führte diese Straße überhaupt aus der verbotenen Zone heraus? Weder Autos noch Reiter konnten durch das Loch im Zaun hineingelangen. An welcher Stelle kamen sie in die Prohibida?
   In einer denkbar unbequemen Position hockten sie im Gebüsch am Straßenrand, eingeklemmt zwischen Dornen und dichten Zweigen, und warteten, dass das Rolltor sich öffnete. In der Dunkelheit wirkte es wie ein riesiges Maul, das darauf lauerte, sie zu verschlucken. Was für eine Ironie, dass er genau darauf spekulierte, im Schlund des Monsters zu versinken.

*

Igor verabschiedete sich von Roover. »Schlaf gut, mein Freund. Man sollte immer darauf vertrauen, dass der kommende Tag etwas Besseres hervorbringt als der vergangene.«
   Roover nickte zustimmend, obwohl ihm die Zweifel deutlich ins Gesicht geschrieben standen. »Bis Morgen, Igor.« Mit diesen knappen Worten wandte er sich ab und verschwand in seinem Schlafzimmer.
   Igor hielt inne, seine Hand schwebte über der Türklinke, senkte sich aber nicht hinab, um sie zu öffnen. Das hatte er nämlich keineswegs vor. Er lauschte auf Geräusche aus Roovers Zimmer und erst, als er leises Wasserplätschern hörte, löste er sich aus seiner Starre, machte auf dem Absatz kehrt und schlich die Treppe ins Foyer hinunter.
   Seine Pläne für heute Nacht hatten nicht viel mit Roovers gemeinsam. Er gedachte weder, sich unter der Bettdecke zu verkriechen, noch in süßen Träumen zu schwelgen. Es gab genug wichtige Dinge zu erledigen, für dessen Durchführung er die Sicherheit der Nacht benötigte.
   Leise und äußerst wachsam setzte er seinen Weg fort. Er sattelte sein Pferd, führte es in den hinteren Teil des Stalles und betätigte den Hebel, der den Geheimgang öffnete. Die Tür schwang zurück und offenbarte gespenstische Dunkelheit. Der abschüssige Tunnel, der vor ihm lag, bot die einzigartige Chance, den Nord-Palast unbemerkt zu verlassen.
   Glücklicherweise benutzte außer ihm niemand diesen Weg, der ihm regelmäßig zu heimlichen Abgängen verhalf. Roover verfügte über einen tiefen Schlaf und hatte nicht die Angewohnheit, nachts aufzustehen. In dieser Zeit standen ihm also alle Türen offen.
   Er zog sich in den Sattel und trieb das Pferd den Gang hinunter. Die Tür rastete unter lautem Knarren hinter ihm ein. Dunkelheit umhüllte ihn, doch wenige Minuten später erblickte er bereits ein Licht am Ende des Ganges. Das tiefe Lachen der Wachmänner blieb allerdings aus. Vielleicht waren sie über ihren schnapsgetränkten Spielkarten eingeschlafen? Er hatte die beiden Idioten eigenhändig ausgewählt, die er im Wechsel mit zwei anderen Wachmännern einsetzte. Es war nicht notwendig, den Geheimgang vor Eindringlingen zu bewachen, aber umso wichtiger, dass niemand seine heimlichen Ausflüge verriet. Aus diesem einfachen Grund hatte er die dümmsten Wachleute eingesetzt, die der Palast zu bieten hatte. Je näher er allerdings dem Lichtschein kam, desto mehr wunderte er sich über die Stille, die einen trügerischen Beigeschmack mit sich brachte.
   Die leichte Vorahnung entwickelte sich zu einer handfesten Gewissheit, als er sah, dass die Spielkarten einsam und verlassen auf dem Tisch lagen. Die Stühle standen unordentlich daneben, als ob soeben jemand aufgestanden wäre. Igor sah sich um. Da der Geheimgang nur zwei mögliche Ausgänge besaß, und er durch den einen gerade erst geritten war, blieb nur die logische Konsequenz, dass sich die Männer entweder draußen vor der Mauer befanden oder schon vor geraumer Zeit ihren Platz verlassen hatten.
   Er stieg ab und betrachtete die Einzelheiten genauer. Beide Kartenblätter lagen verkehrt herum auf dem Tisch. Er drehte die Spielkarten um: Full House und ein bunt gemischtes Blatt mit Pik Ass. Vielleicht hatten die Männer Streit? Der Aschenbecher quoll über. Er hielt sich die Zigarettenreste unter die Nase und roch kalte Asche. Nachdenklich ließ er den Blick über den Boden schweifen, ob sich noch weitere Anhaltspunkte fanden. Er zögerte, den Türöffner zu betätigen. Was oder wer würde ihn draußen erwarten? Der Nachteil an diesem Ausgang schlug sich eindeutig in der fehlenden Kamera nieder.
   Der gesamte Palast konnte sowieso in der technischen Ausstattung nicht mit seiner unterirdischen Festung in der Prohibida mithalten. Umso weniger verstand er, wie es neulich diesem Jungen gelungen war, in die Rohstoffmine einzudringen. Die Tatsache, dass jemand die Pforten seines geheimen Unterschlupfs durchbrochen hatte, machte ihm schwer zu schaffen. Die vage Vermutung, dass es sich bei dem Einbrecher um Rahuls Sohn handeln könnte, half ihm in keiner Weise den Verbrecher zu schnappen, denn außer der unpräzisen Annahme, dass eben dieser junge Rebell Roovers Tochter entführt hatte, verfügte er über keinerlei Beweise. Ebenso fehlten ihm Hinweise zum Aufenthaltsort der Outlaws. Er konnte noch nicht einmal Roover von seiner Vermutung berichten, denn die Rohstoffmine mitten in der Prohibida war sein persönliches Geheimnis.
   Verärgert über die erzwungene Lethargie, in der er sich befand, betätigte er den Türöffner. Es war an der Zeit etwas zu unternehmen. Was das sein konnte, wusste er zwar nicht, aber er hatte nicht vor, sich von seinen Ängsten beeinflussen zu lassen. Wer auch immer dort draußen vor der Tür stand, sollte sich auf einen kämpferischen Gegner gefasst machen.
   Die Mauer schob sich zur Seite und offenbarte nichts als dunkle Nacht. Beunruhigender als die Dunkelheit empfand er jedoch die Stille, denn weder eine der Wachen noch sonst jemand wartete auf der anderen Seite der Geheimtür. Wenn die Wachmänner allerdings nicht dort draußen standen – und das verursachte ihm erst recht Unbehagen – wo zum Teufel hielten sie sich kurz vor Mitternacht auf?
*

Vella kauerte neben Jai im Gebüsch und verfluchte ihre unbequeme Sitzposition ebenso wie die stachligen Äste, die ihr bei jeder noch so vorsichtigen Bewegung durch die Kleidung in die Haut stachen. Viel länger würde sie nicht in dieser qualvollen Stellung verharren können, ohne einen Krampf zu bekommen oder mit einem lauten Schrei aufzuspringen.
   Jai veränderte seine Haltung. Er hob leicht den Kopf und sein Körper versteifte sich. Erst, als sie seinem angespannten Blick folgte, hörte sie dumpfe Hufschläge herannahen. Sie hielt den Atem an. Jemand näherte sich dem Tor. Ein Reiter, der in zügigem Trab den Weg heraufkam. Die dunkle Gestalt trug einen Umhang über dem Smoothie. Alles deutete auf einen Wachmann hin, doch Vella wusste, dass die Wachen nicht allein ausreiten durften. Eine der obersten Regeln lautete, nur in Zweierpatrouillen den Bezirk zu verlassen. Wer also mochte sich unter dieser Kapuze verbergen, die genau wie bei ihr, am Tag ihrer Flucht, tief ins Gesicht gezogen, die Identität des Reiters verdeckte? Sie fröstelte.
   Kurz vor dem Eingang verlangsamte das Pferd das Tempo. Das Tor rollte langsam nach oben, ohne, dass man sah, wodurch der Mechanismus ausgelöst wurde. Unmittelbar, nachdem er den Eingang passiert hatte, spornte der Reiter sein Pferd an und galoppierte den Gang hinunter. Das gab ihnen mehr Zeit, bis das Tor wieder vollständig heruntergefahren war.
   Jai sprang auf. »Los!« Er zog sie mit sich und winkte den anderen.
   Ein schmerzliches Déjà-vu lief vor ihrem inneren Auge ab. Es lag nicht lange zurück, als sie ebenso unauffällig durch den Eingang huschten, um das Arbeitslager zum ersten Mal zu betreten. Wenige Stunden später hatte Jai sie zum ersten Mal geküsst.
   »Komm schon, Vella! Beeil dich! Das Tor geht gleich zu.«
   Ein heißer Schreck fuhr ihr in die Knochen. Zum Träumen blieb wirklich keine Zeit. Sie spurtete hinter den anderen her und gemeinsam schafften sie es gerade noch unter dem Rolltor durchzurennen, bevor es mit einem lauten Ruck einrastete.
   Die anderen hatten sich bereits hinter den Kisten versteckt, die rechts und links den Gang entlang verteilt standen. Jai drückte sie in den engen Spalt zwischen Wand und Kistenstapel. Was wohl in diesen Holzbehältern versteckt lag? Sie lehnte sich mit dem Kopf gegen die Steinwand, die im Gegensatz zum letzten Mal eine angenehme Kühle verströmte, und schloss für einen Moment die Augen. Was hätte sie darum gegeben, diesen Augenblick festhalten zu können.
   Jai atmete hörbar neben ihr. Sie fühlte das Blut durch seine Hand pulsieren und spürte die Hitze, die von seinem Körper ausging. Sie hätte ewig so stehen bleiben können, doch er drückte behutsam ihre Hand.
   »Vella, sieh mich an. Wir dürfen keine Zeit verlieren.«
   Sie öffnete die Augen. Sein Gesicht war so nah, dass sie den erdigen Geruch seiner Haut wahrnahm. »Ja, ich weiß. Ich bin soweit.« Der leise Hoffnungsschimmer, dass er sie hatte küssen wollen, verpuffte in der stickigen Luft und sie wappnete sich innerlich gegen den Abschied. Sie wusste, dass es mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit das letzte Mal sein würde, dass sie ihm so nah war. Wenn sich ihre Wege in den Gängen trennten, würde er seinen Vater befreien und sie in ihren goldenen Käfig zurückkehren. Oder bestand eine Chance, dass Jai sie wieder mit hinausnahm? Falls sie überhaupt wieder zusammentrafen …
   Sein Blick blieb unergründlich. »Wir sehen uns später.«
   Sie schluckte und folgte seiner stummen Aufforderung. Unter Rivas misstrauischem Blick schlich sie an den anderen vorbei und näherte sich langsam dem großen Foyer, in dem sie die ersten Wachen vermutete.
   Zwei Männer standen an der Empfangstheke und unterhielten sich. Sie duckte sich hinter eine der Kisten und spähte vorsichtig um die Ecke, um einen geeigneten Moment abzupassen. Doch die Wachposten machten keine Anstalten, sich umzudrehen.
   Wertvolle Minuten verstrichen, ihre Nervosität wuchs. Sie wusste, dass höchste Eile geboten war. Jede Stunde länger konnte für die Gefangenen tödlich enden, den Outlaws blieb nicht viel Zeit. Keiner von ihnen kannte den Zeitplan der Wachen, der geholfen hätte, einen Einbruch besser zu planen.
   Ein Fahrzeug fuhr aus dem rechten Gang und hielt vor dem Tresen. Mit einem lauten Stottern erstarb der Motor und zwei Männer stiegen aus. Ihr Herz klopfte schneller. Das konnte nur eins bedeuten: Schichtwechsel.
   Die Wachen begrüßten sich mit lockeren Sprüchen und klopften sich kameradschaftlich auf die Schulter.
   Sie wartete.
   Irgendwann musste doch … In dem Moment drehten sich alle vier Wachleute um. Vella überlegte nicht lange, sie rannte los. Das Geräusch der Gummisohlen hallte zwischen den Steinwänden hin und her, lauter als erwartet. Doch sie hatte nicht vor, ihr Tempo zu drosseln. Jais einzige Chance bestand darin, dass sie sich weit genug vom Foyer entfernt hatte, bevor sie erwischt wurde. Sie musste die Aufmerksamkeit der Wachen auf sich ziehen und erreichen, dass die gesamte Security hinter ihr herlief.
   Vielleicht hätte sie bis zum Ende des Schichtwechsels warten sollen? Möglicherweise hätte das ihre Chance erhöht, trotz einer Ablenkung der Wachen unerkannt zu bleiben.
   Ach was. Sie wischte den Gedanken beiseite wie eine lästige Fliege. Die Frage, was wichtiger war, ihre Freiheit oder das Leben vieler unschuldiger Parias, unter denen sich auch Jais Vater befand, stellte sie sich nicht. Sie kannte die Antwort.
   Das Brummen eines nahenden Motors ließ ihr dennoch den Schreck in die Knochen fahren. Ihre Beine fühlten sich weich und nachgiebig an, sie fürchtete, umzuknicken und zu stürzen. Angst schnürte ihr die Kehle zu, das trockene Gefühl in ihrem Mund schien ein notwendiges Luftholen unmöglich zu machen. Sie fühlte, wie ihr Tempo nachließ, und kämpfte verbissen dagegen an, noch langsamer zu werden. Unter lautem Rufen sprangen die Männer hinter ihr aus dem Auto. Die harten Sohlen ihrer Stiefel hallten durch den endlosen Gang. Jeden Moment rechnete sie damit, von hinten ergriffen zu werden. Sie erkannte zu spät, dass sich links vor ihr eine Tür öffnete und jemand heraustrat. Mit voller Wucht stieß sie gegen einen schwarz gekleideten Mann. Große Hände packten sie energisch an den Schultern und hielten sie unnachgiebig fest. Zitternd vor Angst hob sie den Kopf und blickte in ein nur allzu bekanntes Gesicht.

Kapitel 4
Perfide Berechnung

Jai hielt die Luft an. Von seinem Posten aus konnte er beobachten, wie die Wachen, alarmiert durch Vellas Schritte, in den Wagen sprangen und die Verfolgung aufnahmen. Keiner von ihnen blieb an der Empfangstheke zurück. Diese Hot Bloods bewiesen immer wieder, dass sie nicht nachdachten, bevor sie handelten. Vellas Plan ging hingegen auf. Die Erkenntnis, dass sie den entscheidenden Anstoß zum Gelingen des Coups gegeben hatte, hinterließ ein schmerzhaftes Brennen in seiner Brust. Er war zu feige gewesen, sie darauf anzusprechen, ob Rivas Vorwurf der Wahrheit entsprach und schäbig genug, um sie ans Messer zu liefern.
   »Jai! Worauf wartest du?« Grim rüttelte ihn.
   Er erwachte aus seiner Starre und nickte. »Ja, schon gut. Also los!« Er schlich auf den Tresen zu. Ein kurzer Blick nach rechts, den Gang hinab. Nichts. Er hörte entfernte Stimmen, die sich aber nicht näherten. Sicher hatte Vella es geschafft, die Wachen zu sich zu locken. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als inständig zu hoffen, dass sie dabei nicht in Bedrängnis kam. Doch er hatte keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Sie mussten den Vorsprung nutzen, den Vella ihnen verschafft hatte. Er bog nach links in den steil abfallenden Tunnel, durch den bei seinem letzten Besuch das Fahrzeug mit den Gefangenen verschwunden war. Er hatte keine Ahnung, was ihn dort unten erwartete, aber die Richtung stimmte immerhin. Unabhängig aller anderen Probleme rief er sich ins Gedächtnis, dass er sich auf dem Weg befand, Vater zu befreien. Ebenso wie eine Reihe anderer Parias, die sicher genauso schmerzlich von ihren Verwandten vermisst wurden, wie er … nein, wie Mutter Vater vermisste.
   Der Gang verzweigte sich hinter der nächsten Ecke in drei Richtungen. Er hätte am liebsten laut geflucht. »Okay, wir verteilen uns. Aber Vorsicht: Wer die gefangenen Parias findet, unternimmt nichts im Alleingang, sondern kehrt um und holt die anderen. Ohne Verstärkung versucht keiner von uns, die Männer zu befreien. Verstanden?« Er ließ den Blick über die Gesichter seiner Kameraden gleiten und wartete auf Zustimmung.
   Natürlich war niemand erpicht darauf, von den Hot Bloods geschnappt zu werden. Alle pflichteten ihm bei. Fast alle. Rivas Blick blieb skeptisch. Er wusste, dass sie nur zu gern mit glanzvollen Taten aus der Menge hervorstach. In diesem Fall schien das allerdings nicht angebracht. »Riva, Grim, ihr kommt mit Knox und mir. Kay, Seth, Tarik und Naik, ihr nehmt euch den mittleren Gang vor. Wir treffen uns hier an der Abzweigung wieder. Viel Glück.« Er hielt sich nicht lange damit auf, den anderen hinterherzusehen, sondern machte sich unverzüglich auf, dem Weg, der noch tiefer in den Berg hinabführte, zu folgen. Die Hitze wurde mit jedem Schritt unerträglicher. Schon letztes Mal war die Luft in der Höhle stickig und heiß gewesen. Sogar kurz hinter dem Eingang drückte sie erschwerend auf die Atmung. Hier unten aber schien die abgestandene Luft nicht nur die Lunge zu lähmen, sondern auch seine Gedanken. Der Schweiß lief ihm an den Schläfen und der Stirn herunter und ein Tropfen blieb in seinen Wimpern hängen. Er wischte sich über die Augen. Man hielt es beim Laufen kaum aus, wie sollten die Gefangenen bei diesen Temperaturen arbeiten? Was für eine Art Arbeit mochten die Männer in diesem unterirdischen Treibhaus verrichten? Er hatte keinen blassen Schimmer, was hier unten ablief. Allerdings hegte er den schlimmen Verdacht, dass es etwas war, das er besser nicht wissen sollte.
   Der Gang endete nach etwa zweihundert Metern vor einer Tür. Er gab den anderen ein Zeichen, sich auf einen möglichen Kampf vorzubereiten und drückte die Klinke hinunter.
   Der Raum war spärlich beleuchtet, seine Augen benötigten einen Moment, um sich an die veränderten Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Was er erkennen konnte, ließ erahnen, was die Gefangenen durchmachen mussten. Vor ihm befand sich ein trostloses Kellerloch. Eine Unterkunft, wenn man es so nennen konnte. Faule Matratzen lagen auf blankem Steinboden. Vereinzelt standen alte Pritschen dazwischen, die noch nicht einmal eine Auflage besaßen. Ohne Kissen und Decken, die man zugegeben auch nicht benötigte, weil die Luft in dem zwar großen, aber fensterlosen Raum kaum auszuhalten war.
   Fast hätte er den Mann übersehen, der an der Wand zusammengekauert dalag und sich nicht bewegte. Jai machte sich auf das Schlimmste gefasst und trat näher. Er bückte sich, berührte den Mann an der Schulter und sprach ihn leise an.
   Ein Stöhnen drang aus dem ausgemergelten Körper, doch der Mann drehte sich nicht zu ihm um.
   Jai winkte Riva zu sich. »Wir ändern unseren Plan. Du kümmerst dich um ihn. Vielleicht kann er laufen, wenn Knox ihn stützt. Wir sollten so schnell wie möglich wieder zurück, denn wenn sich hier der Schlafraum befindet, bin ich sicher, dass die anderen auf bewachte Arbeiter stoßen.«
   Riva legte dem Mann die Hand auf die Stirn, fühlte seinen Puls und sprach beruhigend auf ihn ein. Wie immer wunderte er sich, dass die angriffslustige Riva bei der Versorgung kranker Menschen eine seltsame Verwandlung durchzog. Von einer Sekunde auf die andere war sie sanft und liebenswert, sicher und bedacht in ihrem Handeln und zeigte enormes Wissen und Verständnis. Sie hatte viel von seiner Mutter gelernt. Er zollte ihr ehrliche Hochachtung.
   Jai wandte sich zurück zur Tür. »Grim, du passt auf, dass niemand kommt. Wenn uns jemand überrascht, sitzen wir echt in der Falle in dieser Sackgasse.« Er blickte zweifelnd zu Knox. »Zur Not müssen wir den Mann tragen. Er kann sich ja kaum bewegen.«
   Knox nickte und ging hinüber zu Riva. Grim starrte sichtlich angespannt den Gang hinunter und hielt den Chalaa schussbereit. Jai war nicht sicher, ob Grim mit der verletzten Hand noch genauso gut schießen konnte wie früher, doch trotz seiner Bedenken sagte er nichts. Er würde dafür sorgen, dass derjenige, der die Verschmutzung des Wassers und somit auch Grims Verwundung zu verantworten hatte, seine gerechte Strafe erhielt. Wobei das Wort Gerechtigkeit in diesem Zusammenhang eine andere Bedeutung bekam. Die Gefangenen zu befreien, stellte nur einen kleinen Teil seines Plans dar. Er würde den Präsidenten fertigmachen, bis zu seinem letzten Atemzug.
   Knox hob den ausgemergelten Mann behutsam hoch und griff ihm unter die Arme. Wahrscheinlich hatte er große Schmerzen und war eigentlich transportunfähig, aber darauf konnten sie keine Rücksicht nehmen. Sie wussten nicht einmal, was ihm fehlte.
   »Hier gibt es nichts mehr, was wir mitnehmen könnten. Keinerlei persönliche Dinge. Rein gar nichts. Lasst uns zurückgehen.«
   Sie schlichen in höchster Alarmbereitschaft zurück zur Abzweigung. Immer wieder stöhnte der Mann, doch im Augenblick konnten sie nichts weiter für ihn tun.
   Wie viel Zeit war vergangen, seitdem sie sich an der Abzweigung getrennt hatten?
   Wie lange war Vella fort? Ohne den freien Himmel über sich ließ sich die Zeit kaum ermessen. Er fühlte sich hilflos. Was für eine blöde Idee, sich zu trennen. Andererseits mussten sie sich aufteilen, um Zeit zu sparen. Die Sache mit Vella blockierte seine Gedanken. Es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren.
   »Knox, such dir ein Versteck hinter den Kisten und warte dort. Der kranke Mann wird nicht lange durchhalten. Einer von uns sollte bei dir bleiben, falls ihr euch verteidigen müsst.« Er blickte zwischen Riva und Grim hin und her und wägte seine Entscheidung ab. »Riva, du bleibst hier. Halte den Chalaa immer schussbereit. Grim, du kommst mit mir. Wir nehmen uns den linken Gang vor.«
   Riva sah ihn argwöhnisch an. »Aber du hast gesagt …«
   »Ich habe meine Meinung geändert.« Er hatte nicht vor, sich den letzten Rest seiner Strategie von Riva anzweifeln zu lassen. »Los!«, wandte er sich wieder an Grim. »Wir gehen!«
   Sie folgten dem Weg, der nicht so steil abfiel wie der vorherige. Allem Anschein nach verteilten sich die Räume der unterirdischen Höhle auf verschiedene Ebenen, die allerdings nicht in geordneten Etagen übereinanderlagen. Er schloss daraus, dass der Bau an vereinzelten Stellen problematisch gewesen sein musste. Vielleicht bot der Fels zum Teil so viel Widerstand, dass er mit den vorhandenen Werkzeugen nicht bearbeitet werden konnte? Überhaupt stellte sich die Frage, ob der Präsident diese Höhle neu erschaffen hatte oder sie aus der Zeit vor der Havokade stammte?
   Die Parias wussten viel über die Vorzüge, die den Hot Bloods zufielen, es existierten alte Überlieferungen, die den Unterschied zwischen Arm und Reich zur Genüge verdeutlichten. Was den Stand der modernen Technik anging, tappten sie jedoch im Dunkeln. Die Reichen hatten sich alle Fabriken und technischen Geräte unter den Nagel gerissen und ließen keine Informationen nach außen dringen. Solange er sich erinnern konnte, gab es keinen Strom außerhalb der Bezirke. Der Präsident hielt den Entwicklungsstand der Technik sorgfältig unter Verschluss. Niemand ahnte, wie weit sie den damaligen Stand wieder aufgeholt hatten oder ob sie immer noch Lichtjahre entfernt davon lagen, die Gebiete jemals wieder so zu vernetzen, wie vor der Havokade. Draußen im Wald bekam man von all dem sowieso nichts mit. Es war ein strategisch schlauer Zug des Präsidenten, das Volk dumm zu halten. Bei einem Aufstand gegen die Regierung würde somit gleichzeitig der Fortschritt vernichtet, weil kein Paria wusste, wie man einen Computer bediente.
   Vielleicht lag der Auslöser der Havokade aber auch gerade in eben dieser Technik, die so immens die Welt beherrscht hatte, dass sich die Menschen nicht mehr auf das Wesentliche besannen. Er hatte kein gutes Gefühl dabei. Sein Plan zielte lediglich auf eine gerechte Verteilung der Ressourcen, auf eine hoch technisierte Welt hingegen konnte er getrost verzichten.
   Er erblickte eine Tür am Ende des Ganges. Ein helles Licht schien unter dem Türspalt hindurch und er glaubte, zu spüren, dass die Hitze noch stärker anstieg, falls das bei den ohnehin schon unerträglichen Temperaturen überhaupt möglich war.
   Grim schob sich mit erhobenem Chalaa seitlich an der Wand entlang, während er zur Tür schlich, in der sich auf der linken Seite anstelle einer Klinke eine kunststoffisolierte Vertiefung befand. Leise Geräusche drangen durch die schwere Metalltür, von der zusätzliche Hitze ausströmte. Er drückte vorsichtig dagegen und schob die Tür zur Seite. Vor ihm lag ein großer Raum, in dem die Luft flimmerte wie bei einem Feuer. Der Schweiß rann ihm in einem stetigen Rinnsal die Schläfen hinunter und er musste sich regelrecht vorwärts zwingen. Er ahnte sofort, wo sie sich befanden. Das musste die Arbeitshalle sein, in der der Präsident heimlich etwas abbauen, bearbeiten oder herstellen ließ. Was auch immer.
   Hier würde er die Arbeiter finden, falls überhaupt jemand unter diesen Umständen überlebt hatte. Er konnte sich nicht vorstellen, es bei der Hitze lange auszuhalten und hoffte inständig, dass der Mann im Schlafsaal trotz der unmenschlichen Zustände nicht der einzige Überle-bende war.
   Er winkte Grim, näherzukommen, und sie schlichen gemeinsam weiter in den Raum hinein. Die Hitze umfing sie wie ein Kokon, der den Sauerstoff abzuhalten schien und die Atmung lahmlegte. Rechts führte ein kleinerer Raum ab, der von einer regelrechten Dunstwolke verdeckt wurde. Aus einem Loch in der Wand strömte unablässig dichter geruchloser Qualm. Was mochte das sein?
   Er hörte Schritte aus dem hinteren Teil der Halle herannahen und sah Grim unentschlossen an. »Steck den Chalaa weg. Schnell! Falls uns jemand sieht, fallen wir sofort auf.« Er deutete kurz entschlossen auf den kleinen Raum neben ihnen. »Los! Da rein. Wir verstecken uns.« Er schob sich an der Wand entlang tiefer in die Dunstwolke hinein, tastete sich blind durch den Nebel vorwärts, bis der Dunst sich lichtete und er ohne Vorwarnung in den Lauf einer Heater blickte.

*

Vella schnappte erschrocken nach Luft.
   Igor!
   Beinahe wäre ihr vor Schreck ein lauter Aufschrei entwichen. Noch vor wenigen Wochen hätte sie sich erlöst in seine Arme sinken lassen, die schmerzlichen Erfahrungen der vergangenen Tage hatten ihr jedoch in vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet. Bemüht, ihre steife Körperhaltung vor ihm zu verbergen, stieß sie einen hoffentlich erleichtert klingenden Seufzer aus. »Igor! Ich hatte solche Angst vor den Rebellen!«
   Seine Mimik schwankte für den Bruchteil einer Sekunde, in der sie glaubte, er hätte den Bluff durchschaut, dann nahm er sie väterlich in die Arme. »Alles ist gut, Vella. Du bist in Sicherheit. Was ist passiert?«
   »Du musst mir helfen.« Die Panik in ihrer Stimme war echt.
   Er tätschelte ihr beruhigend den Rücken. »Es ist alles gut. Dein Vater wird unglaublich froh sein, dich wiederzusehen.«
   Was für infame Lügen! Sie kämpfte gegen den Schmerz, dass alle, denen sie bisher blind vertraut hatte, sie in Wahrheit belogen. Ihr ursprüngliches Feindbild hingegen wandelte sich von Tag zu Tag und wich einem anerzogenen Vorurteil, dessen Irrglaube sie nicht länger erlag.
   »Was ist passiert? Wie kommst du hierher?« Ein scharfer Unterton schwang in seiner Frage mit, den sie früher nicht herausgehört hätte. Natürlich musste er sich fragen, wie sie es geschafft hatte, diese Höhle zu finden und hineinzugelangen. Noch mehr aber würde ihn interessieren, wo sie sich in den vergangenen Tagen aufgehalten hatte, und wie sie aus dem Palast verschwunden war. Doch wenn sie eines jemals gut hatte verbergen können, waren das ihre Gefühle. »Ich bin vor den Rebellen geflohen. Sie haben mich draußen im Wald verfolgt, als ich plötzlich den Eingang entdeckt habe und mich hinter das Tor retten konnte. Du musst sie finden, bitte.« Sie knickte leicht mit den Knien ein und ließ sich von Igor auffangen.
   »Hat jemand gesehen, wohin du geflüchtet bist?«
   »Ich glaube nicht. Ich habe sie vor der Höhle abgehängt. Sie sind draußen im Wald.«
   Igor zog ein kleines Gerät aus der Tasche und drückte eine der Tasten. »Alle verfügbaren Männer zum Ausgang. Es besteht Anlass zu der Befürchtung, dass die Rebellen sich draußen rumtreiben.« Seine laute und deutliche Anweisung klang wie Musik in ihren Ohren. Diese Reaktion hatte sie sich erhofft.
   »Du musst dich ausruhen, Vella. Ich bringe dich in Sicherheit, bis du dich beruhigt hast.«
   Was meinte er damit? Warum wurde sie das Gefühl nicht los, das mehr als vorgetäuschte Sorge dahintersteckte?
   Ohne ein Wort der Erwiderung ließ sie sich wegführen. Weiter den Gang hinunter. Tiefer hinein in die Höhle, die irgendein Geheimnis verbarg. Nach einer weiteren Abzweigung blieb Igor vor einer Tür stehen, zog einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete. Mit sanftem Nachdruck schob er sie hinein. Das Licht ging an und sie sah sich um.
   Ein Bett stand in der hintersten Ecke des kleinen Zimmers. Die glatt gestrichene Wolldecke ließ darauf schließen, dass es länger nicht benutzt worden war. Zumindest wirkte es nicht wie ein Bett, in dem jede Nacht jemand schlief. Das Sofa auf der gegenüberliegenden Seite erinnerte mit seinen schwulstigen Armlehnen an die luxuriöse Einrichtung im Palast. Ein runder Tisch und eine Kommode vervollständigten die aufgesetzte Behaglichkeit dieses Zimmers, bei dem sie dennoch das Gefühl nicht loswurde, dass die Unterkunft mehr einer Gefängniszelle glich.
   »Ruh dich aus Vella, ich bringe dich so schnell wie möglich zurück nach Hause. Zuerst aber kümmere ich mich um die Rebellen.« Mit diesen Worten wandte sich Igor ab und verließ das Zimmer.
   Ein leises Klacken ließ sie den Atem anhalten. Ohne jeden Zweifel hatte er die Tür hinter sich abgeschlossen.

*

Jai starrte wie benommen auf die Waffe. Er hätte sich ohrfeigen können, so unvorsichtig zu sein. Nur ein Dummkopf trat durch dichten Nebel in die Höhle des Löwen ein. Oder jemand der in Gedanken nicht bei der Sache war, sondern zu einem Mädchen abschweifte, an das er im Moment nicht denken durfte. Er wägte seine Fluchtchancen ab und überlegte, womit er den Mann ablenken könnte. Warum nur hatte er Grim aufgetragen, den Chalaa wegzustecken?
   »Was drückt ihr euch hier rum? Der Chef hat Anweisung gegeben, sich im Foyer zu versammeln.«
   Jai sah Grim erleichtert an. Vella hatte es geschafft. »Draußen treiben sich Rebellen herum. Es wird jeder Mann gebraucht«, ereiferte sich der Wachmann und fuchtelte mit der Heater vor seiner Nase herum. Er deutet mit dem Lauf der Waffe in die Richtung, aus der sie gekommen waren. »Los! Trödelt nicht so, sonst bin ich als Schichtleiter verpflichtet, euch zu melden.«
   »Äh … nein! Das ist nicht nötig, wir sind schon unterwegs.« Jai zerrte Grim zurück zur Tür. Sie mussten so schnell wie möglich hier verschwinden. Allem Anschein nach hatten ihnen die Smoothies im wahrsten Sinne des Wortes ihre Haut gerettet. Der Typ hatte sie für Wachen gehalten. »Geh weiter. Dreh dich bloß nicht um«, flüsterte er, während sie auf die Tür zusteuerten. »Wir mischen uns unter die Männer und tun so, als ob wir dazugehören würden. Lass dir nichts anmerken.«
   Grim folgte seiner Aufforderung kommentarlos. Es war auch ihm sehr wohl bewusst, dass sie nur um Haaresbreite dem Tod entkommen waren.
   Sie begaben sich ebenso wie die anderen Wachleute in Richtung Ausgang. Wahrscheinlich versammelte sich in diesem Moment die gesamte Besatzung der Höhle am Eingang. Das hatte er bei seiner Planung nicht bedacht. Wie sollten sie sich ungesehen absetzen? Sie mussten unbedingt zurück, um die andern zu warnen. Hoffentlich waren Kay, Seth, Naik und Tarik nicht längst erwischt worden. Im Moment konnte er keinen von ihnen entdecken. Vor allem aber mussten sie durchziehen, weswegen sie hergekommen waren: die Gefangenen befreien.
   Jai senkte den Kopf, als ihnen ein Hot Blood entgegenkam. Es schien zwar mehr als unwahrscheinlich, dass ihn jemand erkannte, aber er wollte nichts riskieren.
   Die Männer wurden in kleine Gruppen dirigiert und zum Ausgang geschleust. Sie folgten dem Pulk und verhielten sich so unauffällig wie möglich. Innerlich raste sein Puls und das Herz schlug im Stakkato gegen seinen Brustkorb. Die drückende Hitze stand im krassen Gegensatz zu seinen eiskalten Fingern. Die Angst ließ ein taubes Gefühl unter der Haut entstehen. Es blieben nur noch wenige Meter bis zum Ausgang. Jemand rempelte ihn von hinten an. Er wollte reflexartig herumfahren, doch Grim fasste ihn im gleichen Moment am Arm und zog ihn mit sich.
   »Geh weiter.«
   Er sah das Rolltor am Ende des Ganges und sehnte sich danach ins Freie zu treten. Draußen würde sich die stickige Luft mit einem Schlag auflösen. Der Nachtwind wehte als Vorgeschmack eine kühle Brise herüber und er konnte es kaum erwarten, wieder frei atmen zu können. Beinahe kam Erleichterung in ihm auf, als er Igor sah, der die Wachmänner in verschiedene Richtungen einteilte. Der Pulk drängte unaufhaltsam vorwärts. Es standen allenfalls noch zehn Männer vor ihnen. Bis sie Igor erreichen würden. Neun. Acht.
   »Jai!«

*

Vella lief unruhig im Zimmer auf und ab. Von wegen ausruhen! Am liebsten wäre sie Igor hinterhergelaufen. Warum hatte er sie eingesperrt? Warum hatte sie nicht sofort lautstark protestiert? Unendlich viele Fragen schwirrten ihr durch den Kopf, von denen ihr nur eine wirklich relevant erschien: Warum hatte sie Jai damals bloß belogen?
   Was nutzte es, sich ständig dieselben Fragen zu stellen? Es war ihre einzige Chance gewesen. Ebenso wie es nur eine Möglichkeit gab, um sich zu versichern, dass ihr Plan aufging: Sie musste hier raus! Und zwar schnell.
   Abermals ließ Vella den Blick durch den kargen Raum schweifen, der mit ziemlicher Sicherheit nichts enthielt, was ihr helfen würde hier rauszukommen. Zumal sie nicht einmal wusste, wonach sie suchen sollte. Geschweige denn, dass ihr eine Möglichkeit einfiel, wie sie die Tür öffnen könnte. Sie besaß kein Talent, sich aus heiklen Situationen zu befreien. Im Gegenteil. Einen Versuch wollte sie dennoch wagen. Sie hob die Matratze an, suchte unter dem Bett und in den Sofaritzen.
   Nur wonach?
   Vielleicht lag irgendwo ein Messer versteckt? Eine Waffe? Sie hatte keine Ahnung, was sie zu finden hoffte, aber sie konnte nicht tatenlos herumsitzen und darauf warten, dass Igor zurückkehrte. Irgendetwas musste sie tun. Sie durchwühlte restlos alles, um es anschließend wieder zu ordnen und möglichst wenig Spuren zu hinterlassen. Zuletzt wandte sie sich dem Schrank zu. Wahrscheinlich enthielt er nichts weiter als Wechselkleidung. Dieses Zimmer erfüllte eindeutig den Zweck einer vorübergehenden Übernachtungsstätte. Sicherlich erforderte die Aufsicht der entführten Arbeiter ununterbrochene Anwesenheit.
   War das der Grund, weshalb Dad oft tagelang fortblieb? Weil er in dieser unterirdischen Höhle Parias quälte? Sie schüttelte sich vor Abscheu. Wie konnte er nur so widerlich sein?
   Mit einem Ruck riss sie die Schranktüren auf und wurde von dem Schwung beinahe nach hinten geworfen. Sie konnte sich gerade noch halten, um nicht umzufallen. Der Inhalt entpuppte sich noch dürftiger als gedacht. Weder etwas, das als geeignete Verkleidung hätte dienen können, noch sonst ein nützlicher Gegenstand befand sich dort. Allerdings hätte ihr eine Verkleidung ohnehin nichts genutzt, wenn ihr die Flucht nicht gelang. Ärgerlich trat sie gegen den Schuhkarton, der einsam unten auf dem Boden stand. Übergroße Männerschuhe waren wirklich das Letzte, was sie gebrauchen konnte. Das klappernde Geräusch ließ sie jedoch aufhorchen. Eilig bückte sie sich und hob den Deckel an. Geschirr. So ein Mist!
   Wut stieg in ihr auf. Marta hätte es geschafft, sich aus dieser ausweglosen Situation zu befreien! Sie würde nichts weiter benötigen als einen Schraubenzieher. Natürlich lag der nicht in dem Karton. Sie zog die kleine Kiste zu sich heran.
   Vor ihr lag genau das, was sie nicht benötigte. Ein Teller, eine Tasse, Messer und Gabel, ein Löffel …
   Mit einem Schraubenzieher hätte sie vielleicht die Tür öffnen können. Die stumpfe Messerklinge taugte noch nicht einmal dazu, sich zu verteidigen. Obwohl … Sie sah zur Tür. Vielleicht konnte sie damit die Befestigung abschrauben?
   Vella sprang auf und stürzte zur Tür. Nervös fingerte sie mit dem Messer am Türschild herum. Ein paar Mal fiel es ihr aus der Hand, bis sie sich zur Ruhe zwang, in die Hocke ging und die Befestigung näher betrachtete. Nacheinander entfernte sie die vier kleinen Schraubenköpfe, die nicht allzu fest saßen. Die Schneide des Messers passte perfekt in die Schlitze der Schraubenköpfe. Sie entfernte die Platte, legte sie ungeduldig beiseite und löste eine weitere Schraube unter dem Griff, der sich augenblicklich lockerte, zog fester und hielt die Klinke in der Hand. Na, toll. Und jetzt?
   Vorsichtig lauschte sie, ob jemand draußen vor der Tür stand, konnte aber nichts Verdächtiges hören. Sie drückte gegen den Metallstift der anderen Hälfte des Griffes, der unter lautem Gepolter auf der anderen Seite zu Boden fiel. Angespannt starrte Vella durch das winzige Loch. Sie hatte gar nichts erreicht. Die Tür blieb verschlossen, daran änderte auch der fehlende Griff nichts. Entmutigt sank sie rücklings auf den Boden.
   Der schräge Lichteinfall ließ zwei kleine Vertiefungen in der Türzarge erkennen, etwa so groß wie Schraubenköpfe. Sie rappelte sich auf und kratzte mit der runden Messerspitze über den Lack, der an einigen Stellen abblätterte. Ein Metallblech kam zum Vorschein und – tatsächlich – zwei weitere Schraubenköpfe. Sie drehte auch diese Befestigungsstifte heraus und hebelte seitlich unter das Blech. Auf den Türrahmen nahm sie keinerlei Rücksicht. Mittlerweile war es ihr egal, ob sie Spuren hinterließ. Falls ihr die Flucht gelang, würde ihr Befreiungsversuch sowieso nicht unbemerkt bleiben. Das Schlossblech lockerte sich nach und nach, bis es sich löste und ihr die Tür entgegenschwang. Ein riesiges Loch klaffte unter dem losen Metallwinkel. Ziemlich unsaubere Arbeit, aber ein echter Glücksfall für sie. Derjenige, der die Tür eingebaut hatte, musste in Eile gewesen sein, jedenfalls entsprach das sicher nicht einer hochwertigen Handwerksleistung. Aber wen interessierte das?
   Vella schob das Messer in ihren Ärmel und rannte los. Immer den Gang hinunter, in Richtung Ausgang. Vor dem Empfangstresen standen mehrere Wachen versammelt. Der Tunnel zum Ausgang wirkte regelrecht überfüllt mit schwarz gekleideten Männern.
   Sie verlangsamte ihre Schritte und bremste ab. Würden die Wachen sie wieder einfangen und zurück zu Igor bringen? Wie sollte sie Jai in diesem Getümmel finden? Schließlich konnte sie nicht einfach laut rufen, oder doch?

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