In der Welt Feylon herrscht noch immer das, was bei uns als das „viktorianische Zeitalter“ bekannt geworden ist. Viele Länder sind bisher unentdeckt und Mitglieder von Expeditionen kehren mit unglaublichen Geschichten in ihre Heimat zurück. Doch auch für durchschnittliche Reisende macht die abenteuerliche Technik der Epoche jede Fahrt zu einem aufregenden Erlebnis. In dieser Umgebung weckt ein geheimnisvoller Hilferuf die Neugier eines elitären Clubs angesehener Persönlichkeiten. Mit Tee und Plätzchen im Gepäck startet die illustre Gesellschaft eine Rettungsmission, die weit dramatischer verläuft als erwartet. Die Reise wird in mehrfacher Hinsicht zum Beginn einer Odyssee jenseits der Grenzen der bekannten Welt.

E-Book: 3,99 €

ePub: 978-9963-52-503-4
Kindle: 978-9963-52-505-8
pdf: 978-9963-52-502-7

Zeichen: 663.699

Printausgabe: 14,99 €

ISBN: 978-9963-52-501-0

Seiten: 391

Kaufen bei:  Amazon Beam iTunes Thalia Weltbild

Guido Krain

Guido Krain
Guido Krain hat die erste Mondlandung um ein knappes Jahr verpasst, weil er bis zum Juni 1970 zu beschäftigt war, um den Mutterleib zu verlassen. Dieses Trauma versucht er seitdem mit einer Fixierung auf die phantastische Literatur zu bewältigen. Nach dem Abitur hatte er die fantasievolle Vorstellung, mit einem Studium der Biologie, Japanologie und Medienkultur in Hamburg und Bochum einen anspruchsvollen Beruf ergattern zu können. Doch erst nach einer journalistischen Ausbildung gelang es ihm, seine ersten größeren Brötchen zu verdienen. Er veröffentlichte Sachbücher, arbeitete mehrere Jahre in Online- und Printredaktionen, wurde aber nie von seiner Besessenheit geheilt. So ergab er sich schließlich seinem Schicksal und begann, seine Fantasien zu Papier zu bringen. Und da Papier geduldig ist, hat er mittlerweile einige Romane und eine ganze Flut von Kurzgeschichten veröffentlicht. Heute lebt Guido Krain als freier Autor und Journalist in Lübeck.

Autorenseite

Leseprobe

Laden Sie sich gern unsere XXL-Leseprobe im gewünschten Format (pdf, ePub oder Kindle (mobi)) herunter.

pdf-Datei mobi-Datei ePub-Datei

... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel I

Der frühe Abend tauchte den Salon in märchenhafte Gold- und Rottöne. Durch die offene Terrassentür wehte ein lauer Abendwind und trug den Duft abkühlender Erde herein. Den meisten der sechs Anwesenden war das Privileg, einen so schönen Abend erleben zu dürfen, wohl nicht bewusst. Dabei hatten sie sich zu einem Klub, der Society of Childlike Curiosity – kurz SCC – zusammengefunden, um außergewöhnliche Erlebnisse zu teilen. Vielleicht war die Ignoranz für die Schönheiten des Augenblicks einer überbordenden Neugier und Vorfreude geschuldet.
   Wie es den Traditionen der SCC entsprach, hatten sie vorzüglich und ausdauernd bei anregender Konversation getafelt. Jetzt rückte der Höhepunkt des Abends näher. Sir Arthur Colvane hatte seinen Besuchern ein neues Abenteuer vorzuschlagen.
   Io trug das Fumarium hinein. Die kostbare Apparatur glich einer auf dem Kopf stehenden Birne aus poliertem Silber. Der bauchige Teil wurde von einem fein ziselierten Ring aus rotem Kupfer gefasst, der sich auf vier Säulen aus demselben Material stützte. Auf dem Scheitel thronte ein aufsteigender Hengst mit wehender Mähne. Die dramatische Pose war in poliertem Silber festgehalten worden. Die Augen bestanden aus blauen Saphiren. Wie fast alles in Sir Arthur Colvanes Haushalt war dieser kostspielige Schmuck nicht der Prunksucht seines Eigentümers zuzu-schreiben, sondern atmete Geschichte. Sir Arthurs Großvater hatte das Kleinod zu Ehren eines getreuen Schlachtrosses anfertigen lassen, das ihm während des Dritten Asgorianischen Krieges das Leben gerettet hatte.
   Außer Io, die das kleine Kunstwerk auf dem hierfür vorgesehenen Tischchen abstellte, war die Bedeutung des Pferdes wohl nur dem Hausherrn bekannt. Wie üblich schenkten zumindest die männlichen Gäste dem Äußeren des Fumariums weit weniger Beachtung als ihr. Trotz der strengen Kleiderordnung, der sie sich als Butlerin der feinen kionischen Gesellschaft zu unterwerfen hatte, schienen die Gäste von ihrem Aussehen fasziniert. Io war sich bewusst, dass ein weiblicher Butler immer Aufsehen erregte. Eine Butlerin mit langen, blonden Haaren, grazilem Körperbau und den Komplimenten mancher Herren zufolge auch eleganten Bewegungen war jedoch ein Skandal.
   Io scherte sich nicht um das Gerede, sondern betrachtete sich als Schmuck ihres Herrn. Sie wusste, dass er trotz der bigotten Empörung, die ihm ihretwegen besonders aus adeligen Kreisen entgegenschlug, von vielen Herrschaften um sie beneidet wurde. Was sie tatsächlich mit ihm verband, ging weit über die zu erwartende Treue eines Butlers hinaus. Sie war seine Vertraute und er ihr einziger echter Freund. Sie würde sich für ihn in Stücke schneiden lassen. Ihr Verhältnis war jedoch weit von den schmutzigen Fantasien entfernt, die die Außenwelt über sie verbreitete. Eine Liebesbeziehung scheiterte schon daran, dass sich Io nicht für Männer erwärmen konnte. Da diese Neigung aber niemanden etwas anging und zudem mit Kerkerhaft bedroht war, konnte sie nicht zu ihrer Entlastung beitragen.
   Als Io das Fumarium auf traditionelle Weise mit Tabak und Kräutern bestückte, breitete sich eine feierliche Stimmung aus. Sechs Augenpaare verfolgten jede ihrer Bewegungen. Es bedurfte einer nicht unbedeutenden Ausbildung, ein Fumarium dergestalt vorzubereiten, dass das feine Rauchwerk den maximalen Genuss schenken konnte. Nicht allein die Verteilung des Rauchwerks erforderte akribische Aufmerksamkeit, auch das Füllen der Brennkammer mit Zedernholz und Minzöl bedurfte größter Sorgfalt.
   Wie immer errichtete sie aus dem edlen Brennmaterial ein fein geschichtetes Karree. Gleich darauf übergab sie das kleine Kunstwerk den Flammen. Augenblicklich füllte sich der Salon mit würzigem Duft. Das Feuer knisterte und fauchte, als wollten die brennenden Späne mit letzter Kraft nach der Urheberin ihres Untergangs greifen. Io bugsierte das miniaturisierte Inferno in die dafür vorgesehene Öffnung des Fumariums. Mit hörbarem Klicken rastete die Brennkammer ein.
   Wie es sich gehörte, dankte Sir Arthur ihr mit einem freundlichen Nicken. Io zog sich nach einer angemessenen Verbeugung in den hinteren Bereich des Salons zurück. Der Raum versank minutenlang in Stille und Besinnlichkeit.
   »Sehr schön«, brach William Belford das andächtige Schweigen. »Aber gab es nicht einen bestimmten Grund, warum du uns kommen ließest?« Belford wirkte mit seinem braun gebrannten Gesicht, dem blonden Lockenkopf und seinen nur rudimentär vorhandenen Manieren wie ein kleiner Junge. Wie ein schlecht erzogener kleiner Junge. Er war unfähig, längere Zeit zu schweigen oder Dinge auf sich wirken zu lassen. Es war Io völlig schleierhaft, wie sich Belford als Führer bei Großwildjagden einen Namen hatte machen können.
   Lady Catherine von Ashburys erhobene Augenbrauen ließen keinen Zweifel darüber aufkommen, dass sie Ios Abneigung gegen Belford teilte. Mit ihrem blassen Teint, den hohen Wangenknochen und ihrem filigranen Körperbau war sie optisch der Inbegriff des kionischen Adels. Allerdings war sie in der höheren Gesellschaft ob ihrer scharfen Zunge eher gefürchtet als geschätzt. Mit Ausnahme von Sir Arthur war Lady Catherine jedem, den Io kannte, in Bezug auf Bildung, Intelligenz und Witz überlegen. Da die Adelige keine Gnade im Umgang mit geistig Unterlegenen kannte, hatten diese Eigenschaften sie zu einer alten Jungfer gemacht. Sie war bereits siebenundzwanzig und noch immer unverheiratet, was in Adelskreisen einen echten Skandal bedeutete.
   »Junger Mann«, nahm Calder Quinn dem Hausherrn die Antwort ab. »Das Fumarium wurde bereits angesetzt.« Quinn war bis zu seiner Pensionierung Lehrer für Geschichte, alte Sprachen und Etikette in Lexford gewesen, dem renommiertesten Internat Kions. Angriffe auf die guten Sitten fasste er grundsätzlich als persönlichen Affront auf. Tatsächlich war die Zeit, in der der Rauch im Fumarium reifte, traditionell eine Zeit des stillen Beisammenseins. Man genoss die Gegenwart von Freunden, ohne das Bedürfnis nach oberflächlichen Gesprächen zu haben. Die Ruhe des Fumariums zu brechen war dem Gastgeber gegenüber unhöflich und eine Respektlosigkeit gegenüber demjenigen, der den Rauch angesetzt hatte.
   Belford ließ geräuschvoll die Arme auf die Sessellehnen fallen und seufzte. »Angesichts unserer Satzung wäre zu erwarten, dass wir uns nicht zu Sklaven der Etikette machen. Es ist gesund, ab und zu etwas Neues zu probieren.«
   »Um sich derartig kreativen Neuerungen zu öffnen, fehlt den meisten von uns ein Mangel an guter Erziehung.« Lady Catherines leise Stimme war nie zu überhören. »Mister William Belford«, fügte sie mit spöttischem Unterton hinzu. Belford war nach seinem Vater und Großvater bereits der dritte »William Belford« in seiner Ahnenreihe, was Lady Catherine immer wieder zu spitzen Bemerkungen über das kreative Potenzial seiner Familie reizte.
   Wie immer reagierte Belford nicht auf den wiederholten Hieb in die gleiche Kerbe. Io fragte sich schon lange nicht mehr, ob Belford die Beleidigungen überhörte oder nicht begriff. Er zuckte mit den Schultern und tröstete sich mit ein paar Pistazien über die Zurechtweisung hinweg. So hätte die unerfreuliche Unterbrechung ihr Ende finden können.
   »Vielleicht benötigt man keine Manieren im Busch, aber wir befinden uns in der Zivilisation und sollten uns zivilisiert benehmen«, keilte Doktor Walther Hadley noch einmal nach. Obwohl er mit seinen vierunddreißig Jahren nur wenig älter als Belford war, wirkte er mit seinem dünnen blonden Haar und der gebeugten Haltung, als gehöre er zu einer anderen Generation. Leider verpasste Doktor Hadley meistens den richtigen Moment und vor allem den angemessenen Ton für seine Äußerungen. Zudem orientierte sich seine Meinung für Ios Dafürhalten auffällig an der von Lady Catherine. Im Gegensatz zu allen anderen Mitgliedern des Klubs, die schon vor dem Beitritt auf die eine oder andere Weise freundschaftlich miteinander verbunden gewesen waren, war Doktor Hadley ein Außenseiter. Io war sicher, dass er nur deshalb anwesend war, weil die Gruppe bei ihren teilweise gefährlichen Ausflügen einen Arzt dabeihaben wollte.
   »Gut«, erwiderte Belford gereizt. »Dann hoffe ich, dass wir uns einmal im Busch begegnen, und ich Ihnen zeigen kann, wie lebhaft dort ein solches Gespräch fortgesetzt werden könnte.«
   »William, ich muss doch sehr bitten!« Sir Arthur war der Einzige, der William Belford mit dem Vornamen anredete. Auch wenn Io Belford für einen vergleichsweise einfältigen Raufbold hielt, waren die beiden Männer seit vielen Jahren gute Freunde. Wo Sir Arthur ein begnadeter Autodidakt und Ingenieur war, der sich trotz seiner gerade dreißig Lenze im Krieg ausgezeichnet und den Rang eines Captains erreicht hatte, war Belford ein Streuner. Als Sohn steinreicher Großgrundbesitzer hatte er immer tun und lassen können, was ihm gerade gefiel. Entsprechend benahm er sich. Nur vor Ios Herrn schien er einen enormen Respekt zu haben. Die beiden Männer verband eine seltsame Form von Freundschaft und Rivalität.
   »Ja, ich weiß.« Belford hob abwehrend die Hände. »Das war unpassend. Ich bitte vielmals um Nachsicht. Wie den Anwesenden bekannt ist, verdanke ich mein ungezügeltes Temperament einem alten Familienfluch.«
   Sir Arthur nahm diese Entschuldigung mit einem schmunzelnden Nicken zur Kenntnis, während Doktor Hadley triumphierend lächelte. Regelrecht erleichtert schien das einzige Mitglied der SCC, das sich bis jetzt noch nicht eingemischt hatte. George Thornwright war pensionierter Polizeioffizier und außerordentlich harmoniesüchtig. Der hünenhafte Mann mit den buschigen Augenbrauen saß wie ein freundlicher Grizzly in seinem etwas zu kleinen Sessel. Er hielt sich zumeist scheu im Hintergrund, was wohl seiner im Verhältnis zu den anderen Mitgliedern der SCC geringen Bildung geschuldet war. Er betrachtete es als unerhörte Auszeichnung, Mitglied in einem Klub so hochstehender Persönlichkeiten zu sein. Da er ein sehr enger Freund von Sir Arthur war, hielt Io ihn jedoch keineswegs für einen Außenseiter.
   Leider war mit dem Ende der Diskussion auch das der Ruhe des Fumariums gekommen. Wie es Tradition war, signalisierte Io diese Tatsache mit einem dezenten Schlag auf einen kleinen silbernen Gong.
   Der kristallklare Ton ließ Sir Arthurs Augen voller Vorfreude aufleuchten. »Ich darf die Herrschaften dann bitten, mit mir das Fumarium zu ernten«, sagte er feierlich. Entgegen der Tradition war er der Erste, der an das bauchige Gerät herantrat. Geschickt schraubte er das Pferd ab und drückte beinah gleichzeitig den ungewöhnlich zierlichen Kopf einer langstieligen Pfeife auf das Ventil. Mit geübtem Griff prüfte er immer wieder Druck und Füllstand des Rauchutensils. Als beides Idealwerte erreicht hatte, zog er die Pfeife ab, verschloss sie und gab das Fumarium frei.
   Er trat zu Lady Catherine und reichte ihr das äußerst feminin wirkende Rauchwerkzeug. Selbstverständlich lehnte sie ab, denn für eine Frau war das Rauchen äußerst unschicklich. Entgegen seiner sonstigen Art bestand der Hausherr jedoch vehement darauf, dass sein Gast die Pfeife entgegennahm. So hatte Lady Catherine nur die Wahl, Sir Arthur vor den Kopf zu stoßen oder sich dem unschicklichen Genuss hinzugeben. »Schweren Herzens« und mit einem dankbaren Schmunzeln entschied sie sich für Letzteres. Da die beiden dieses Spiel beinah so lange pflegten, wie sie sich kannten, wunderte sich niemand mehr darüber. Immerhin hatte Sir Arthur Lady Catherine bereits eine passende Pfeife anfertigen lassen.
   Gut zwanzig Minuten später waren bis auf Io alle Anwesenden mit einer gut gefüllten Pfeife ausgestattet und pafften vor sich hin. Sie kümmerte sich lautlos darum, die Teeflöten der Gäste gefüllt und temperiert zu halten.
   »Nun hast du es lange genug spannend gemacht, Arthur.« Belford sprach als Erster.
   Der Angesprochene nickte amüsiert. Io wusste, dass ihr Herr ihn beobachtet und nur darauf gewartet hatte, dass dem Freund die Geduld ausging. Er hatte nicht lange warten müssen. Sir Arthur wurde ernst. »Vielleicht habe ich mich einer Täuschung schuldig gemacht, als ich den Klub einberief, um einen neuen Gegenstand zum Ausleben unserer Neugier vorzuschlagen. Es ist weit mehr als das. Ich bitte Euch um Hilfe.«

*

»Hilfe! Hilfe! Bitte. Hi…!« Arthurs Schreie wurden von seinem Schluchzen erstickt. Unkontrolliert wimmernd sackte sein Kinn auf die Brust. Seit einer Ewigkeit brüllte er, so laut er konnte, doch die einzige Antwort war das Echo seiner immer rauer und verzweifelter klingenden Stimme.
   Nein, es war mehr als nur ein Echo. Der tiefe Schacht verzerrte seine Rufe und warf etwas anderes zu ihm zurück. Ein unheilvolles Lachen schien in jedem Laut nachzuschwingen. Als wäre der Brunnen ein Schlund, der ihn verschluckt hatte und sich jetzt darüber amüsierte. Arthur hatte erbärmliche Angst, doch er riss sich tapfer zusammen. Er musste nur weiter rufen. Irgendwann würde man ihn finden.
   Leider glaubte er sich kein Wort. Irgendwie musste er hinausklettern. Er hatte es bereits versucht, aber er konnte kaum aufstehen. Sein rechtes Bein trug ihn nicht mehr.
   Mittlerweile färbte sich der Himmel über dem Brunnen in den Farben des Sonnenuntergangs. Bald würde es stockdunkel sein. Arthur versuchte sich einzureden, dass das keinen Unterschied machen würde. Schließlich lag der Grund des Brunnenschachtes auch bei helllichtem Tag in brütender Dunkelheit.
   Wie ein Grab.
   Der Gedanke legte sich wie eine eisige Klammer um seine Brust. Er würde hier unten sterben. Warum konnte er nicht ein einziges Mal tun, was man ihm sagte? Überall hätte er spielen dürfen, nur das Betreten des kleinen Privatwaldes hatte Tante Linda ihm verboten. Er hatte es ihr in die Hand versprochen! Also würde man hier zuallerletzt nach ihm suchen.
   Es geschah ihm recht. Er hatte sein Versprechen gebrochen und musste jetzt die Konsequenzen akzeptieren. Dabei war er so stolz gewesen. Obwohl er gerade erst neun Jahre alt geworden war, hatte Tante Linda ihn bedeutungsvoll um sein Wort gebeten. Wie einen Erwachsenen. Einen Ehrenmann. Auf sein Wort hin hatte man ihm erlaubt, ohne jede Aufsicht durch die weiten Ländereien seiner Tante zu streifen.
   »Das Wort eines Ehrenmannes ist wie Stahl. Es ist stärker als jede Kette und schärfer als das schärfste Schwert. Das Wort eines gewöhnlichen Mannes ist wie Fett. Es dient dazu, ihn wie eine Schnecke reibungslos durchs Leben zu bringen.«
   Zum ersten Mal ergaben die ewigen Vorträge seines Vaters wirklich einen Sinn. Es war viel zu leicht, sein Wort zu geben und es einfach nicht zu halten. Außerdem war es niederträchtig und respektlos Tante Linda gegenüber. Er wollte keine Schnecke sein.
   Sein Ekel vor sich selbst drängte für mehrere Herzschläge sogar die Furcht in den Hintergrund. Sein Körper nutzte die Gelegenheit, ihn mit der Meldung diverser Blessuren zu überfallen. Bei seinem Sturz war er mehrfach gegen die Wände des Schachtes geschlagen und hatte sich die Kleidung zerfetzt. Außer ein paar Schürfwunden und einem dumpfen Schmerz im rechten Bein schien er sich aber keine ernste Verletzung zugezogen zu haben.
   Also konnte der Schacht nicht so tief sein, wie es zunächst wirkte. Vielleicht war es möglich, wieder hinauszuklettern? Er musste es wenigstens versuchen, statt wie ein Jammerlappen aufzugeben und am Grund dieses Schachtes zu verhungern. Und er musste es tun, bevor sich die letzten Strahlen der Sonne auch aus dem oberen Teil des Brunnens zurückgezogen hatten.
   Umständlich zog er sich an der Wand hoch. Noch immer wollte ihn sein schmerzendes Bein nicht tragen. Ängstlich betastete er seinen Knöchel. Er konnte den Fuß bewegen. Das war sicher ein gutes Zeichen. Seine Finger berührten etwas Merkwürdiges, das neben seinem Fuß lag. Es war glatt und rund. Fühlte sich fast wie Holz an. Ganz ähnlich wie die Schwimmsperren, die er aus dem Kurbad kannte. Als er das Objekt aufnahm, wurde ihm sein Irrtum augenblicklich bewusst. Das war kein Holz. Holzkugeln hatten vielleicht Vertiefungen, die man mit Augenhöhlen verwechseln konnte, aber sicher keine Zähne! Er hielt einen menschlichen Schädel in den Händen.
   Mit einem Aufschrei ließ er den Kopf fallen und fuhr zurück. Blind stolperte er über eine Art Balken und krachte mit der Schulter voran gegen etwas Weiches, Knirschendes. Wieder wollte er sich entsetzt zurückwerfen, doch als er sich von dem weichen Etwas abstoßen wollte, drangen seine Hände in eine schmierige Masse. Die Panik machte jeden klaren Gedanken zunichte. Er schlug wild um sich und verlor den Halt. Ohne jede Orientierung durchschlug er morsches, stinkendes Holz, stolperte mehrere Stufen hinunter und fiel flach aufs Gesicht. Benommen blieb er liegen.
   Brunnen hatten keine Treppenhäuser, stellte der Teil von ihm fest, der nicht mit abklingender Panik oder Schmerzen beschäftigt war. Ihm fiel eine Geschichte ein, die seine Mutter ihm einmal vorgelesen hatte. Sie hatte von einem kleinen Jungen gehandelt, der trotz der Ermahnungen seiner Eltern in eine Pfütze gesprungen war und sich plötzlich in einer Märchenwelt wiedergefunden hatte. War das hier etwas Ähnliches? So ein Quatsch. Er war neun, nicht vier. Aber wie kam eine Tür an den Grund eines Brunnenschachts? Noch dazu mit nach unten führenden Treppen? Verwirrt rappelte er sich auf und wischte sich das Blut aus dem Gesicht.

*

Die Stimmung kippte. Die vertraute Atmosphäre aus mehr oder weniger gutmütiger Kabbelei und Gemütlichkeit wandelte sich zu angespannter Aufmerksamkeit. Selbst Lady Catherines spöttisches Lächeln wich einem Ausdruck echter Besorgnis. Sir Arthur Colvane war niemand, der leichtfertig um Hilfe bitten würde.
   »Alles, Sir Arthur«, brachte es der sonst so zurückhaltende George Thornwright auf den Punkt.
   Die anderen nickten.
   »Ich danke Euch, meine Freunde.« Er überspielte seine Rührung so gut, dass wohl nur Io sie bemerkte, und holte den mysteriösen Brief heraus, der seine Gedanken in den vergangenen Tagen beherrscht hatte. Der Hausherr war ihn so häufig durchgegangen, dass das Schriftstück um Jahrzehnte gealtert schien. Zum vielleicht hundertsten Mal faltete er ihn auseinander. »Vor knapp zwei Tagen erreichte mich dieser Brief. Absender ist mein Großonkel Jonathan, mit dem ich seit Jahrzehnten keinen Kontakt mehr habe. Als ich ihn das letzte Mal sah, musste ich mich noch nicht einmal rasieren.«
   »Ja und? Was steht drin?« Belford trommelte unruhig auf der Tischplatte. Ausnahmsweise teilte der Rest der SCC seine Ungeduld. Der Gastgeber sparte sich jede weitere Vorrede und begann zu lesen.

»Lieber Arthur,

wenn Du diese Zeilen liest, hat mein Bote seine Aufgabe erfüllen können und es besteht noch Hoffnung. Ich klammere mich mit aller Kraft an den Gedanken, dass genau das eintreten wird, denn Du und Deine Schwarze Victoria seid meine letzte Hoffnung …«

»Du und deine Schwarze Victoria?«, unterbrach Belford. »Woher kennt dein Onkel dein Luftschiff, wenn ihr keinen Kontakt habt?«
   Lady Catherine war ob der Unterbrechung sichtlich ungehalten. Sie schenkte dem Klubfreund einen Blick, der einen sensibleren Mann veranlasst hätte, sich augenblicklich in sein Schwert zu stürzen. »Es gibt Menschen, die eine Kunst namens Lesen beherrschen«, erklärte sie mit ätzender Freundlichkeit. »Und andere Menschen bedrucken Papier mit Texten, in denen sie die wichtigsten Neuigkeiten zusammenfassen. Man nennt so etwas Zeitung.«
   »Natürlich war Archie ein paar Mal in der Zeitung, aber …«
   »Sie erweisen Sir Colvane sicher keinen Dienst mit dieser Abschweifung«, schnitt Calder Quinn Belford kühl das Wort ab. Es klang, als würde er einen seiner Pennäler aus Lexford maßregeln.
   Thornwright verfolgte die Zankerei mit finsterem Blick. Offenbar siegte sein Beschützerinstinkt über seine Ehrfurcht. Io fand, dass er in diesen Momenten eine ganz besondere Würde entwickelte. »Bitte lesen Sie weiter, Sir Arthur.« Sein tiefer Bass kam einer Entgegnung Belfords zuvor.
   Der Hausherr nickte dankbar.

»Wie Du vielleicht der Presse entnommen hast, befinde ich mich auf einer Expedition in die unerforschten Regionen Pantiguas. Was für ein unglaublicher Kontinent! Ich habe Wunder gesehen, die alles auf den Kopf stellen, was wir zu wissen glaubten.
   Diesen Brief schreibe ich in einem Grabmal, das fast vollständig aus Nyrium errichtet wurde. Nyrium in einer Menge, dass man damit die Zitadelle von Tarshun sechs Mal errichten könnte! Dieser Fund wird Geschichte schreiben. Zumindest, wenn Dich dieser Brief erreicht und Du mir zur Hilfe eilst.
   Denn leider ist dieser Kontinent nicht unbewohnt. Meine Expedition wurde von gefährlichen Eingeborenen angegriffen, die viele meiner Leute massakriert haben. Wir konnten uns in diesem Grab verbarrikadieren, aber jetzt sitzen wir fest. Die Wilden haben uns jede Fluchtmöglichkeit abgeschnitten. Leider können wir nicht einmal das Grab näher erforschen. Ich gehe davon aus, dass wir bereits die Grabkammer gefunden haben, aber die Tür ist auf völlig unbekannte Weise versiegelt. Vermutlich sitze ich nur ein paar Meter neben dem gewaltigsten Schatz, den die Menschheit je gesehen hat, und kann nicht zu ihm. Ich kann Dir nicht sagen, wie schwer so etwas für einen Forscher ist.
   Also, mein lieber Junge. Ich flehe Dich an! Besteige so schnell wie möglich Dein Luftschiff und hilf mir! Auf der beiliegenden Karte habe ich unsere Position vermerkt. Bitte bringe auf jeden Fall meinen Freund und Kollegen Torung va Alkin mit. Er ist der Einzige, der wissen könnte, wie man diese Grabkammer öffnen kann. Ich verlasse mich auf Dich, mein Junge.

Jonathan W. Mofting am 38. Kontor 2/459«

Die Stille stand so präsent im Raum, dass man sie beinah sehen konnte.
   »Das ist unglaublich«, platzte es aus Belford heraus. »Wir sind reich. Stinkreich!«
   Sir Arthur runzelte die Stirn. Selbst Io fiel es schwer, ihren neutralen Gesichtsausdruck beizubehalten.
   »Unglaublich ist das richtige Wort«, sagte Calder Quinn. »Hier geht es um die Rettung von Menschenleben und eine archäologische Sensation. Nicht um Geld.« Er schüttelte den Kopf. »Als wären Sie nicht schon reich genug.«
   »Jetzt tun Sie nicht so, als hätten Sie keine Lust auf eine Schatzsuche.« Belford schien wild entschlossen, sich seine Hochstimmung nicht nehmen zu lassen. »Ich brauche eine Stunde zum Packen, dann können wir los.«
   »Wäre es nicht hilfreich, zuvor unseren Verstand einzuschalten?«, fragte Lady Catherine. »Zumindest diejenigen unter uns, die über so etwas verfügen.« Ihre schlanken Finger fuhren beiläufig den filigranen Stiel ihrer Pfeife entlang. Io fand die elegante Bewegung außerordentlich ablenkend. Die anwesenden Männer schienen weniger sensibel zu sein.
   »Wieso? Was gibt es da zu überlegen?«, fragte Belford. »Sie haben doch gehört. Es sind Menschenleben in Gefahr.«
   Die Adelige deutete ein mitleidiges Kopfschütteln an. »Es ist mir schleierhaft, warum Sie sich von meinem Einwurf angesprochen fühlen, Mister Belford.«
   »Ich würde ebenfalls gern wissen, was für Sie noch unklar ist, Lady Catherine.« Doktor Walther Hadleys Stimme klang auffallend vorsichtig. Der Arzt schien beinah ängstlich darum bemüht, nicht ebenfalls zur Zielscheibe zu werden.
   In der Tat sah ihn Lady Catherine erst überrascht und dann mit jener mitleidigen Freundlichkeit an, für die sie nicht nur im SCC gefürchtet war. »Die Frage ist eher, was an diesem Brief keine Fragen aufwirft.« Sie schüttelte amüsiert den Kopf, als hätte jemand eine Groteske zum Besten gegeben. »Da gibt es eine seit Wochen von Wilden eingeschlossene Expedition, die so schnell wie möglich Hilfe braucht. Die Lage ist so schlimm, dass man in einem Grabmal eingeschlossen ist und schon viele Teilnehmer massakriert wurden. Statt aber das Kionische Expeditionskorps, eine Söldnergilde oder sonst wen zur Hilfe zu rufen, der binnen Stunden unterwegs wäre und mit den Wilden aufräumen könnte, wendet man sich an Sir Arthur.« Sie lachte. »Dabei weiß man nicht einmal, ob er überhaupt im Land ist. Bekannt ist nur, dass es sich bei der Schwarzen Victoria um ein ziviles und damit wahrscheinlich unbewaffnetes Schiff handelt.«
   »Nicht nur das.« Calder Quinn nickte. »Die Eingeschlossenen bitten nicht darum, dass man Vorräte, Waffen oder einen Arzt mitbringt. Stattdessen fragen sie nach einem Archäologen, der die Schatzkammer öffnen kann.«
   »Aber das passt doch recht gut zusammen«, gab Doktor Hadley zaghaft zu bedenken. »Es geht darum, den Gewinn der Expedition nicht zu gefährden. Das Expeditionskorps hätte einen Teil des Schatzes konfisziert und eine Söldnergilde muss man bezahlen. Und der Archäologe wird gebraucht, um überhaupt an den Schatz heranzukommen.« Er zuckte mit den Schultern. »Vielleicht ist die Lage nicht ganz so ernst, wie der Brief suggeriert?«
   Für Lady Catherine war diese Erklärung sichtlich so absurd, dass sie sich nicht zu einer Antwort herabließ. Beiläufig ließ sie sich von Io noch etwas Tee nachschenken und wechselte einen jener Blicke mit dem Hausherrn, die nur die beiden verstanden. Quinn runzelte unwillig die Stirn.
   »Ich finde, das klingt plausibel«, sagte Belford. »Wir können hier viel hin und her überlegen. Genaueres wissen wir erst, wenn wir da sind.«
   »… und es eventuell zu spät ist«, meldete sich endlich Sir Arthur zu Wort.
   »Zu spät? Wofür? Dafür, noch jemanden zu retten?« Belford wurde ärgerlich.
   »Dafür, einer eventuellen Falle zu entgehen.«
   »Falle? Was denn für eine Falle?«
   »William, denk nach. Dieser Brief ist absurd. Er versucht, mich dazu zu bringen, mich an einen bestimmten Ort zu begeben. Wie der Köder einer Falle.«
   »In der Tat«, stimmte Calder Quinn zu. »Es kann eigentlich nur eine Falle sein. Um sicherzugehen, könnte man den Hilferuf an das Kionische Expeditionskorps weiterleiten.«
   »Aber wer bei den zehntausend Schlünden des Askalos sollte dir eine Falle stellen wollen? Und warum so aufwendig?« Belford lachte. »Entschuldige Archie, aber das ist genauso absurd.«
   »Vielleicht geht es nicht um mich, sondern um die Schwarze Vicky?«
   »Ach, Archie. Sie ist ein schönes Schiff, aber um ein Luftschiff nach Pantigua zu locken und zu übernehmen, braucht man eine kleine Armada eigener Luftschiffe.«
   »Wer weiß. Das ist eine Frage der Strategie.«
   »Ich muss Mister Belford beipflichten«, warf Quinn nachdenklich ein. »Um für einen solchen Plan genug Interesse an Ihrem Luftschiff zu entwickeln, müssten einige der Maschinen an Bord der Schwarzen Victoria bekannt sein. Da derartige Details nur der SCC und ihren Angestellten bekannt sind, dürfte das auszuschließen sein.«
   »Ich würde diesen Brief eher als einen Beweis für das Gegenteil betrachten, Mister Quinn«, erklärte Lady Catherine freundlich. Im Gespräch mit Io hatte ihr Herr ähnliche Gedanken geäußert. »Aber ich bin sicher, dass Sir Arthur einen guten Grund hat, noch immer über die Mission nachzudenken.« Wieder wechselten die beiden einen jener seltsamen Blicke.
   Der Hausherr schmunzelte. »Allerdings. Zum einen handelt es sich tatsächlich um die Handschrift meines Onkels, das habe ich überprüfen lassen. Zum anderen befindet sich mein Onkel derzeit wirklich auf einer Expedition in Pantigua. Er war an der Küste eines Binnenmeeres mit einem Nachschubfrachter verabredet. Dort ist er nie aufgetaucht und gilt deshalb seit sechs Monaten als verschollen.« Er nahm einen tiefen, nachdenklichen Zug aus seiner Pfeife. »Außerdem, und das gibt mir am meisten zu denken, hat er im asgorianischen Krieg eine Aufklärungseinheit hinter den feindlichen Linien befehligt. Er war dafür bekannt, seine Berichte als wirre Briefe zu verfassen, die der Feind für codiert halten musste. Leider war es mir nicht möglich, einen solchen Brief zum Vergleich zu bekommen.«
   »Heißt das, es gibt keinen Schatz?«, fragte Belford enttäuscht.
   »Das ist eine Frage der Definition, William«, antwortete Sir Arthur nachdenklich. »Ios Vater stand eine ganze Weile in den Diensten von Professor Torung va Alkin, dem angeblichen Freund und Kollegen meines Onkels, den wir mitbringen sollen.« Er nickte zu ihr herüber.
   »Ja, und?« Belford wirkte ungeduldig.
   »Professor va Alkin ist sicher kein Kollege meines Onkels, sondern ein asgorianischer Wissenschaftler, der sich mit der Nutzbarmachung von Ta beschäftigt. Seine Forschungen haben Durchbrüche in mehreren Bereichen der Ingenieurswissenschaften gebracht und er wird in einschlägigen Kreisen als Jahrhundertgenie bezeichnet. Dass er nicht berühmt ist, liegt daran, dass er seine Forschungen stets anonym in mehreren Ländern publiziert hat, weil er glaubt, dass wissenschaftliche Erkenntnisse allen Menschen ohne Landesgrenzen zur Verfügung stehen sollten.«
   »Das wird ja immer komplizierter.« Belford verzog das Gesicht, als würde er von all dem Kopfschmerzen bekommen.
   »Und was sagt dieser weise Mann zu dem Brief?«, fragte Quinn.
   »Ich hatte bisher keine Gelegenheit, mit ihm zu sprechen. Er ist eines Tages aus seinem Anwesen in Toven verschwunden, wo er mit anderen kionischen Forschern einen regen Austausch unterhielt, und ist ein paar Wochen später im Asgorianischen Reich wieder aufgetaucht.« Sir Arthur zuckte mit den Schultern. »Offiziell heißt es, er habe sich dafür entschieden, wieder in seinem Heimatland zu arbeiten. Ios Vater ist sich vollkommen sicher, dass er vom asgorianischen Geheimdienst verschleppt wurde. Er soll die kionische Lebensart sehr genossen und hier viele Freunde gehabt haben.«
   »… darunter Ihren Onkel Jonathan«, vervollständigte Quinn den Satz.
   Sir Arthur schüttelte den Kopf. »Nein. Laut Ios Vater war mein Onkel sicher kein Freund von Professor va Alkin.« Auffordernd nickt er Io zu.
   Sie war überrascht, versuchte aber, sich ihre Verunsicherung nicht anmerken zu lassen. Io sprach so gut wie nie, wenn sie nicht mit ihrem Herrn allein war. Aber da sie das besagte Gespräch mit ihrem Vater geführt hatte, war es natürlich sinnvoll, es auch von ihr schildern zu lassen. »Professor Torung va Alkin hat eine wissenschaftliche Arbeit von Sir Arthurs Onkel ad absurdum geführt. Er konnte zeigen, dass die von Mister Mofting gefundenen Stücke niemals dem Zweck gedient haben konnten, die er ihnen zugesprochen hat. Mister Mofting verlor daraufhin die finanzielle Unterstützung seiner Majestät und seinen Lehrstuhl.«
   »Deshalb können sie trotzdem Freunde gewesen sein«, sagte Belford ungeduldig. »Das sind alles nur Vermutungen. Wir werden erst …«
   »William«, unterbrach Sir Arthur streng.
   »Was?«
   Der Hausherr schüttelte den Kopf. »Bitte fahre fort, Io.«
   Sie neigte den Kopf. »Während des Krieges hat Mister Mofting Professor va Alkin mehrfach beschuldigt, mit dem Feind im Bunde zu sein. Mein Vater hielt das für eine sehr billige Retourkutsche, die seinen Herrn sehr getroffen hat. Professor va Alkin ist seiner Aussage nach ein kompromissloser Pazifist, der seiner Heimat wegen des autoritären Herrschaftssystems den Rücken gekehrt hat.«
   Die Verwirrung stand der versammelten Gesellschaft ins Gesicht geschrieben. Nur Lady Catherine schmunzelte. »Wenn ich Ihre schöne Butlerin richtig verstanden habe, bedeutet das wohl, dass wir es mit einem sehr unwahrscheinlichen Zufall zu tun haben.«
   Schöne Butlerin? Hatte sie richtig gehört?
   Auch wenn der Rest der Anwesenden sichtlich zu abgelenkt war, um es zu bemerken, war dieser Halbsatz ungeheuerlich. Der Blick der eleganten Adeligen dauerte eine Spur zu lange und war einen Hauch zu anzüglich, als dass Io ihn sich eingebildet haben konnte. Schon häufiger hatte sie sich gefragt, ob Lady Catherine mit ihr flirtete, doch immer wieder hatte sie diese Idee ins Reich des Absurden gedrängt. Zu offensichtlich war der Standesunterschied und die Beziehung, die Lady Catherine mit Sir Arthur verband.
   Mit einem feinen Schmunzeln wandte sich die Adelige dem Rest der SCC zu. Io blieb innerlich verwirrt und äußerlich unbewegt zurück. Für Lady Catherine schien alles ein großer Spaß zu sein.
   »Der angebliche Freund, den Sie mitbringen sollen, beschäftigte also rein zufällig den Vater einer Ihrer Bediensteten, Sir Arthur.«
   »Das ist mir zu kompliziert«, beklagte sich Belford. Niemand reagierte.
   »Eigentlich ist es ganz einfach«, sagte Calder Quinn. »Egal, ob der Brief eine Falle, ein Streich, verschlüsselt oder authentisch ist, wir haben zwei wesentliche Informationen. Einen Ort in Pantigua und einen Hinweis auf einen asgorianischen Wissenschaftler.«
   »Nur, dass der Wissenschaftler auch für etwas anderes stehen könnte«, gab Sir Arthur zu bedenken. »Er könnte ebenso gut ein Hinweis auf eine seiner Erfindungen sein.«
   »Oder auf Io«, sagte Lady Catherine mit einem Lächeln. »Immerhin war er mit ihrer Familie verbunden.«
   »Das ist doch kompletter Unfug.« Belford ließ die Arme missmutig auf die Sessellehnen fallen. »Wer auch immer den Brief geschickt hat, will, dass wir etwas Bestimmtes tun, oder nicht?«
   Doktor Hadley nickte eifrig. »Das stimmt. Wenn der Absender ein bestimmtes Gerät benötigen sollte, wäre es absurd, das Risiko einzugehen, dass wir stattdessen einen alten Wissenschaftler mitbringen.« Niemand machte sich die Mühe, etwas dazu zu sagen.
   »Entschuldigen Sie die vielleicht unbedarfte Frage, aber wie ist dieser Brief überhaupt in Ihren Besitz gelangt?«, fragte Thornwright.
   Sir Arthur lächelte. »Das ist sicher keine unbedarfte Frage, George.« Er trat noch einmal zum Fumarium, um die Pfeifen von Lady Catherine und sich nachzufüllen. »Im Gegenteil. Wie hätte mein Onkel in dieser Lage einen Brief verschicken sollen?«
   Thornwright nickte erleichtert.
   »Das Schreiben wurde mir von einem jungen Mann überbracht. Er sagte mir, er sei auf einem Strand in der Nähe von Wellington aufgewacht und könne sich an absolut nichts erinnern. Da auf dem Umschlag meine Adresse stand, sei er direkt zu mir gekommen.«
   »War der Umschlag versiegelt?«, wollte Belford wissen.
   Der Hausherr nickte.
   Lady Catherine rollte mit den Augen. »Mich würde eher interessieren, wer dieser Mann war und wo er sich jetzt aufhält. Vielleicht erinnert er sich mittlerweile ja wieder an etwas.«
   Sir Arthur nickte. »Er wäre sicher die wichtigste Spur in diesem Fall. Ich habe ihn zu Doktor Fuller, meinem Hausarzt, in Behandlung gegeben. Leider verschwand der junge Mann kurz darauf aus der Obhut des Doktors. Er ist einfach aus dem Fenster seines Zimmers geklettert.«
   »Dubios. Äußerst dubios.« Thornwright zwirbelte nachdenklich seinen Bart.
   »Tja, dann ist wohl klar, dass das Ganze eine Falle oder ein Scherz ist. Es gibt keinen Schatz.« Belford war die Enttäuschung überdeutlich anzusehen.
   »Finden Sie das Ganze für einen Scherz oder eine Falle nicht etwas zu aufwendig und offensichtlich?« Alle Augen richteten sich auf Doktor Hadley. Der Mediziner schrumpfte unter der Aufmerksamkeit zusammen. »Ich … Ich meine ja nur. Wäre es nicht zum Beispiel einfacher gewesen, den Brief an eine tote Brieftaube zu hängen, wenn man unauffällig handeln will?«
   Sir Arthur hatte auch diesen Punkt lange und ausführlich mit Io beraten. Sie waren zu dem Schluss gekommen, dass eine tote Brieftaube oder ein toter Seemann das Schreiben nicht so zuverlässig zugestellt hätten. Ein namenloser Mann ohne Gedächtnis war vermutlich die glaubwürdigste Erklärung, wie der Brief transportiert worden war. Ihr Herr ging darauf nicht näher ein und zuckte mit den Schultern. »Doktor Fuller erklärte die Flucht mit Desorientiertheit, die nach langem Flüssigkeitsmangel oder zu starker Sonneneinstrahlung vorkommen kann. Vielleicht hat sein Gedächtnisverlust auch etwas mit einem Hirnschaden zu tun. Wer kann das sagen?«
   »Ist der Brief jetzt echt oder nicht? Also deiner Meinung nach«, fragte Belford ungeduldig.
   »Ich weiß es nicht, William.«
   »Aber Sie sind natürlich entschlossen, das Risiko einzugehen. Sie werden aufbrechen.« Lady Catherine lächelte spöttisch. Hinter der kühlen Fassade glaubte Io wieder einmal, einen Funken Bewunderung zu sehen.
   »Wie immer haben Sie recht, Lady Catherine.« Sir Arthur neigte schmunzelnd den Kopf. »Ich könnte mir für eine solche Expedition keine angenehmere Gesellschaft als die Anwesenden vorstellen.« Die gesamte Gesellschaft lehnte sich geschmeichelt zurück. Erneut senkte Sir Arthur den Kopf. »Für eine Dame dürfte diese Reise jedoch …«
   »Ich bin ganz sicher, dass Sie diesen Satz nicht beenden möchten, Sir Arthur Colvane.« Lady Catherine lächelte, doch in ihren Augen brannte ein Feuer, das rein gar nichts mit Humor zu tun hatte. Sie meinte ihre Worte bitterernst, auch wenn dies außer Sir Arthur niemand zu bemerken schien. Auch als der Rest der SCC überschwänglich seine Teilnahme an der Expedition erklärte, blieb der Blickkontakt der beiden bestehen.

*

Es war so dunkel, dass er nicht einmal sicher war, ob er die Augen offen oder geschlossen hatte. Die morsche Tür konnte nur ein paar Meter über ihm sein, doch auch von ihr war nicht der kleinste Lichtschimmer zu entdecken. Fast war Arthur dankbar, auf die harten Kanten einer Treppe gefallen zu sein. Vielleicht hatte er sich eine Rippe angebrochen, aber so hatte diese Welt absoluter Schwärze wenigstens eine Wegmarke. Etwas, an dem er sich orientieren konnte.
   »Hallo?« Seine Stimme klang so ängstlich, dass Arthur sich beinah schämte. Es war dumm, auf eine Antwort zu horchen. Nein, es war sogar dumm, auf eine Antwort zu hoffen. Wer sollte ihm hier antworten? Sicher kein Mensch.
   »Hör auf damit«, fuhr er sich an. Seine Situation war schlimm genug, er musste sie nicht noch schlimmer machen. Worauf wartete er überhaupt? Es gab keinen Weg zurück, aber diese Treppen mussten irgendwohin führen. Da dies bestimmt kein Haupteingang war, musste dieses Irgendwohin einen zweiten Ausgang haben.
   Er nahm all seinen Mut zusammen und straffte sich. Vorsichtig machte er den ersten Schritt. Erst, als er schon dachte, ins Leere zu treten, fand sein Fuß Halt. War das ein Absatz gewesen? Nein, es schien Teil der Natur dieser seltsamen Treppe zu sein. Je weiter er hinab stieg, desto unregelmäßiger wurden die Abstände zwischen den Stufen. Auch die Stufen veränderten sich. Sie wurden bucklig, rund und schief, doch ein Geländer hatten ihre Erbauer offenbar nicht für nötig befunden. Sie schien in immer schwindelerregendere Tiefen hinabzuführen. Wo war er hier nur hineingeraten?
   Aus vollem Lauf knallte er gegen eine Wand und legte sich der Länge nach auf die Treppe. Das Hindernis holte ihn so plötzlich von den Beinen, dass er sich sekundenlang nicht sicher war, ob er sich wehgetan hatte. Seine Nase kannte derartige Zweifel nicht. Ein breiter Blutstrom lief ihm über das Kinn.
   Eine Wand? Wie konnte eine Treppe vor einer Wand enden? Mühsam zwang er sich, die aufsteigende Panik in den Hintergrund zu schieben. Das musste einfach eine Tür sein! Eine Wand würde mitten auf einer Treppe überhaupt keinen Sinn ergeben. Zitternd vor Verzweiflung kam er hoch und tastete das Hindernis ab.
   Es fühlte sich an wie Metall. Er ertastete nicht den kleinsten Anflug von Rost oder sonstigen Ablagerungen. Kalt, makellos und unverrückbar wie ein nagelneues Linienschiff ihrer Majestät versperrte es den Weg. Auch eine Klinke konnte Arthur nicht entdecken. Irgendein Verrückter schien die Treppe tatsächlich mit einer Stahlplatte versiegelt zu haben.
   Arthur klopfte zaghaft, doch es klang nicht einmal hohl. Wie dick musste eine Stahlplatte sein, damit …
   Seine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als ihm der Arm beinah aus dem Schultergelenk gerissen wurde. Eine unwiderstehliche Kraft zog seine Hand in die Mitte der Platte und hielt sie mit der Zärtlichkeit eines Schraubstocks fest. Arthurs Knochen knackten. Jeden Augenblick würde die unheimliche Kraft ihm die Hand zermalmen. Hilflos zappelnd schrie er, als würden ihm die Knochen einzeln herausgerissen.
   Plötzlich war es vorbei. Druck und Schmerz verschwanden, aber die Platte war noch nicht fertig mit ihm. Noch immer klebte seine Hand wie festgewachsen an Ort und Stelle. Arthur schluchzte haltlos. Er konnte nicht mehr. Er wollte zu seiner Mutter und nie wieder von ihrem Schoß herunterkommen.
   Er hatte kaum genug Zeit, um einigermaßen zu Atem zu kommen, bevor erst seine Finger und dann die ganze Hand in blauem Licht zu glühen begannen. Es war bestimmt nicht sehr hell, stach aber in seinen an die Finsternis gewöhnten Augen wie Phosphorfackeln. Geblendet wandte er sich ab.
   Seine Hand konnte dem Phänomen aber nicht so leicht entgehen. Schon im nächsten Augenblick spürte er, wie ihm eine heiße Nadel in die Handfläche gestoßen wurde. Die Überraschung ließ Arthur aufschreien. Was passierte hier nur?
   Urplötzlich kam er frei. Das blaue Licht verlöschte und Arthurs Welt versank erneut in absoluter Schwärze. Bevor er sich darüber klar werden konnte, ob er sich darüber freuen sollte, verschwand der Boden unter seinen Füßen. Irgendwo in seinem von Panik überschwemmten Geist fragte er sich, ob die Treppe eine Falltür gewesen war. Der Rest seines Verstandes war vollauf damit beschäftigt, sich die Seele aus dem Hals zu schreien, während er in unergründliche Tiefen stürzte.
   Wahrscheinlich waren es nur Sekunden, aber Arthur glaubte, minutenlang mit immer größerer Geschwindigkeit in den Abgrund zu stürzen. Alle drei Annahmen erwiesen sich jedoch als falsch. Er fiel weder in einen Abgrund noch minutenlang oder besonders schnell. Im Gegenteil. Er landete sanft wie eine Valtine auf ihrem nächtlichen Flug auf glattem, kaltem Stein. Einen Herzschlag später schien sich die Welt zu drehen und der Boden wurde zu einer Wand, an der er langsam hinunterrutschte.
   Arthurs erster klarer Gedanke war, dass er ganz offensichtlich den Verstand verloren hatte.

Kapitel II

»William!« Io kannte diesen entrüsteten Tonfall ihres Herrn sehr gut. Er kam zum Einsatz, wenn sein ungezogener Freund einer Dame in hypno-
   tischer Verzückung auf das Hinterteil blickte. Da Io gerade leicht vorgebeugt, auf Zehenspitzen stehend, die schweren Vorhänge des Speisesaals beiseitefaltete, konnte sie sich genau vorstellen, wessen Hinterteil gerade Belfords unerwünschte Aufmerksamkeit gefunden hatte. Als gute Butlerin ließ sie sich natürlich nichts anmerken.
   »Was denn?«, fragte William Belford wie ein kleiner Junge, der mit der Hand in der Keksdose erwischt worden war.
   Sir Arthur ignorierte ihn.
   Der wunderschöne Morgen, der hinter den Vorhängen wartete, ließ Io den Flegel schnell vergessen. Der Speisesaal lag an der Unterseite der Schwarzen Victoria und bot mit seinen hohen Fenstern einen wahrlich malerischen Ausblick. Der Sonnenaufgang ließ den Himmel in Blau, Rot und Violett erglühen, während das Meer darunter wie ein gewaltiger blauer Diamant vor sich hinfunkelte. Eine Handvoll schneeweißer Schäfchenwolken trieb träge unter dem Schiff vorbei. Der Ausblick war surreal. Ein Maler hätte nicht dicker auftragen können. Vielleicht hätte der Maler aber lieber auf einer der Wolken gesessen, um die Schwarze Victoria in dieses Bild einpassen zu können. Ihre lang gezogene Gashülle mit der metallisch schwarzen Außenhaut musste bei diesem Licht wie ein geschliffener Obsidian in der Sonne funkeln. Ein kostbarer Edelstein, der meisterhaft gefasst worden war. Oben lag das elegante Privatdeck, das neben einer atemberaubenden Aussichtsplattform auch die Privaträume von Sir Arthur und ihr enthielt. Unter diesem Edelstein hingen die beiden Hauptdecks.
   Wie es sich für eine standesgemäße Fassung gehörte, waren die Aufbauten außerordentlich aufwendig gearbeitet worden. Wie natürliche Wesen schienen sie aus der Gashülle herauszuwachsen. Ihre Schleiflackoberfläche wurde von riesigen, organisch geschwungenen Fenstern durchbrochen, die von außen undurchsichtig waren. Der Blick hinein schien von einem bläulich schimmernden Dunst verhindert zu werden. Noch spektakulärer empfand Io den Blick von innen. Die Ränder der Scheiben waren mit Ornamenten graviert, die bläulich zu glühen begannen, sobald es draußen dunkel wurde. Dies war nicht nur außerordentlich dekorativ, sondern diente auch als eine Art Notbeleuchtung. Sie waren nur eines der vielen Wunder der Schwarzen Victoria, deren Herkunft Sir Arthur jedoch streng geheim hielt. Nur Io hatte er sich anvertraut und es gab wohl keine Auszeichnung, die sie als größere Ehre betrachtet hätte. Sie hatte geholfen, die beeindruckendsten Schmuckstücke des Schiffes zu montieren: die Triebwerke. Wie zwei Tropfen aus schwarzem Stahl und leuchtend blauem Nyrium ragten sie kurz oberhalb der Hauptgondel aus den Gaszellen. Ihre Rotoren waren die Stimme der Schwarzen Victoria. Sie klangen wie der Gesang einer dunklen, aber vollkommen reinen Frauenstimme. Io liebte dieses Geräusch. Lächelnd faltete sie den letzten Vorhang beiseite. Während sie den schweren Stoff befestigte, verlor sie sich beinah in dem überwältigenden Ausblick, an den sie sich wohl nie gewöhnen würde.
   Am Horizont kamen die berühmten Tanzenden Riesen in Sicht. Seit Menschengedenken umkreisten sich die einsam aus dem Meer ragenden Kreidefelsen und warfen einander geheimnisvolle Schatten auf die Flanken. Nach dem Dogma des Asgorianischen Reiches war es Thear, der asgorianische Gott der Zeit höchstpersönlich, der die gewaltigen Felsmassen in Bewegung hielt. Bis vor wenigen Hundert Jahren waren die Bewegungen der Steine deshalb sogar für die Bestimmung von Jahreszyklen herangezogen worden. Asgorianische Jahre dauerten zu dieser Zeit von ein paar Wochen bis zu kionischen Jahrzehnten. Die Gelehrten hatten deshalb große Mühe, die Geschichte Asgors und Kions wenigstens grob miteinander in zeitlichen Zusammenhang zu bringen.
   Heute war von der einstigen Bedeutung der Felsen nur noch das Dogma und ein berühmtes Kloster auf dem Plateau des Kleinen Riesen übrig. Außerdem markierten die beeindruckenden Felsen die Grenze des Hoheitsgebiets des Asgorianischen Reiches.
   Sie plapperte, ermahnte sie sich. Als Butlerin konnte sie sich derartige Disziplinlosigkeiten nicht erlauben. Schon gar nicht auf einer Reise wie dieser. Als sie ihre Aufmerksamkeit wieder der Gesellschaft zuwandte, schien es, als wäre ihre Verfehlung nicht aufgefallen.
   Soeben eröffnete der Hausherr das Frühstück, indem er die Milchpastete anschnitt. Feinsäuberlich löste er ein saftiges Endstück heraus, besprengte es mit Stachelbeermarmelade und kredenzte es – wenig überraschend – Lady Catherine. Dennoch war die Geste so herzlich, dass sie der Adeligen das erste Lächeln des Tages abnötigte. Noch beim Fünfuhrtee war Lady Catherine für viele Menschen mit Vorsicht zu genießen. Vor dem Frühstück war selbst Io auf der Hut.
   Mit dem ersten Lächeln Lady Catherines lockerte sich die Stimmung der anderen Gäste.
   »Wann werden wir denn in Asgor ankommen?« William Belford entgleiste wieder einmal. Statt wie ein Gentleman darauf zu warten, dass Io jedem Gast ein Stück Pastete servierte, eröffnete er das Gespräch.
   In Erwartung einer giftigen Antwort warfen Thornwright und Doktor Hadley einen Blick zu Lady Catherine hinüber, doch sie schloss indigniert die Augen. Es schien ihr zu früh für spitze Bemerkungen zu sein. Auch Calder Quinn begnügte sich mit einem missbilligenden Kopfschütteln und Sir Arthur schmunzelte nur. So war es an Io, im Namen ihres Herrn eine Antwort zu geben.
   »Wir befinden uns bereits in Asgor«, erklärte sie wahrheitsgemäß, ohne ihre Tätigkeit zu unterbrechen.
   Belford blickte irritiert zu ihr auf.
   »Anon, die Hauptstadt des Asgorianischen Reiches, wer-den wir am frühen Nachmittag erreichen«, fügte sie mit gerade so langer Verzögerung hinzu, dass ihre Antwort nicht als Affront gewertet werden konnte. Lady Catherine lächelte heute zum zweiten Mal. Hatte sie ihr gerade zugezwinkert?
   Belford nickte dankend. »Wo wohnt dieser Tordung? Ist das weit vom Lufthafen entfernt?«
   »Professor Torung va Alkin wohnt natürlich in Velkur, dem Gelehrtenviertel«, ergriff Calder Quinn das Wort. »Und genau das macht mir Sorgen.«
   »Die haben ein Viertel für Gelehrte?«, unterbrach ihn Belford.
   »Selbstverständlich«, sagte Quinn ungehalten. »Die Stände wohnen strikt getrennt und alle Hauptstände haben ein eigenes Viertel.« Belfords mangelnde Bildung schien ihn zu empören.
   »Das klingt verdammt unpraktisch.« Belford klang ungerührt und lachte. »Bei so vielen Ständen wird das vermutlich kein Viertel, sondern ein Achtel, Sechzehntel oder Hundertstel sein.«
   Während Doktor Hadley den Scherz mit unwillkürlichem Kichern aufnahm, bekam Quinn einen harten Zug um den Mund.
   »Warum macht Ihnen das Sorgen?«, lenkte Sir Arthur das Gespräch in produktivere Bahnen.
   Sofort war Quinn wieder bei der Sache. »Aus mehreren Gründen. Das Gelehrtenviertel liegt auf der anderen Seite der Stadt – das ist sehr weit, weil nicht alle von uns mit der Droschke fahren dürfen. Außerdem …«
   »Moment. Was war das gerade?«, unterbrach Belford erneut.
   »Sagen Sie, haben Sie sich überhaupt mit der asgorianischen Kultur befasst?« Quinn drohte, sich in Rage zu reden.
   Sir Arthur warf ihm einen beschwichtigenden Blick zu und wandte sich an Belford. »In Asgor dürfen nur Adelige, Krieger, Ärzte, Händler, Fischer und Sklaven Fahrzeuge besteigen.«
   Belford zuckte mit den Schultern. »Dann bleibt Quinn eben hier.«
   »Großartige Idee«, fand Lady Catherine. »Lassen wir doch den Einzigen, der die Kultur des Landes wirklich kennt, hier zurück.«
   »Ich hatte noch nie Probleme, mich fremden Kulturen anzupassen.« Wieder zuckte Belford mit den Schultern.
   »Das liegt vermutlich daran, dass Sie das Problem erst als solches wahrnehmen, wenn man Ihnen den Kragen umdreht«, vermutete Lady Catherine und lächelte zuckersüß.
   Sir Arthur wurde ungeduldig. »William, nach asgorianischen Gesichtspunkten könnten allenfalls Lady Catherine, Mister Thornwright, Doktor Hadley und ich mit der Droschke fahren.«
   »Warum das? Ich bin auch ein Krieger«, sagte Belford mit beleidigtem Unterton.
   Lady Catherine kicherte derartig, dass sie ihre gerade angehobene Teeflöte wieder abstellen musste. Für einen Augenblick wirkte sie sehr jung. Ihr leises Glucksen war so ansteckend, dass selbst Io und Sir Arthur mit ihren Mundwinkeln zu kämpfen hatten. Trotzdem nahmen die anderen sie kaum wahr.
   Calder Quinn wurde sogar ärgerlich. »Nach asgorianischem Recht steht ein Krieger in den Diensten des Staates oder eines Adeligen und folgt einem Kodex. Das kann man von Ihnen kaum behaupten.«
   »Kann man wohl! Die können das nicht nachprüfen.«
   »Die Ordnungskräfte haben einen Blick dafür. Wir würden angehalten werden und Schwierigkeiten bekommen. So kurz nach dem Krieg werden wir als Ausländer ohnehin nicht sehr willkommen sein.« Quinn schüttelte den Kopf. »Wir sollten jedes Aufheben vermeiden, glauben Sie mir. Ich habe acht Jahre in Asgor gelebt. Wir wollen keine Scherereien mit den Behörden.«
   Belford lag sichtlich eine Entgegnung auf der Zunge, doch er schluckte sie wider Erwarten hinunter. »Na schön, dann gehen wir zu Fuß.«
   Sir Arthur schüttelte den Kopf. »Professor va Alkin ist fast neunzig, William.« Als der Angesprochene sich seufzend zurücklehnte, fuhr Sir Arthur fort. »Ein paar von uns werden ohnehin beim Schiff bleiben müssen. Ich würde mich sehr viel sicherer fühlen, wenn du auf die Schwarze Vicky achtgeben würdest.«
   »Ja, ja – die Bauchpinselmasche.« Belford grinste. »Na gut, ich passe auf dein Mädchen auf, Archie.«
   »Ich denke, dass auch die Damen hierbleiben sollten«, erklärte Quinn. Sein vorsichtiger Blick in Lady Catherines Richtung entging Io nicht. »Zu Frauen hat die asgorianische Gesellschaft eine sehr – sagen wir – eigenartige Einstellung …«
   Bevor er weiterreden konnte, winkte Lady Catherine ab. Sie war eine äußerst gebildete Frau. Natürlich wusste sie, dass die Rechte von Frauen in Asgor praktisch nicht vorhanden waren.
   »Ich lege keinen Wert auf nähere Bekanntschaft mit diesem primitiven Volk«, erklärte sie.
   »Ich werde auch hier bleiben«, erklärte Doktor Hadley hektisch. Io war nicht überrascht. Zum wiederholten Mal fragte sie sich, ob Lady Catherine die plumpe Anhänglichkeit des Arztes nicht bemerkte oder nicht bemerken wollte.
   »Drei Männer sollten mehr als ausreichend sein, um den Professor zu besuchen«, sagte Sir Arthur und lachte. »Wir planen ja keine Invasion.«

*

Eine Tür! Ganz deutlich spürte Arthur die Maserung von uraltem Holz unter seinen Fingern. Dann ertastete er Metall. Ein Beschlag? Plötzlich hatte er eine Klinke in der Hand. Mit der Kraft der Verzweiflung drückte er sie hinunter, doch der uralte Mechanismus leistete keinen Widerstand. Lautlos, als wäre sie gerade erst geölt worden, schwang das schwere Türblatt beiseite.
   Obwohl auch hinter der Tür nur unüberwindliche Finsternis wartete, schluchzte Arthur vor Erleichterung. Wenigstens saß er nicht in dieser unheimlichen Dunkelheit unter der Erde fest. Es gab eine Richtung, in die er gehen konnte. Ängstlich tastete er sich vorwärts.
   Die eben noch so nahen Wände wichen zurück. Hieß das, dass er in einem Raum war? Eine Sackgasse? Ehe die Verzweiflung ihn vollends lähmen konnte, wurde sie von aufkeimender Panik ausradiert. Irgendjemand oder irgendetwas schien über ein Blatt Papier zu hauchen.
   Ehe er kopflos schreiend davonlaufen konnte, zündete ein Licht in der Dunkelheit. Zuerst war es nur ein schwaches rötliches Glühen, das aber gerade so schnell heller wurde, dass es nicht in den Augen schmerzte. Schließlich erreichte es die Helligkeit mehrerer Öllaternen. Was es der Dunkelheit entriss, ließ Arthur den Unterkiefer hinunterklappen.
   Nein, er befand sich in keinem Raum. Es war ein gewaltiger Saal, den er nicht einmal annähernd überblicken konnte. Die mindestens sechs Meter hohe Decke wurde von kunstvoll verzierten Säulen getragen, wie man sie allenfalls in Palästen erwarten würde. Die gesamte Halle war mit Objekten unterschiedlichster Größe vollgestellt, die allesamt unter Planen verborgen waren. Die wundersame Umgebung verblasste jedoch vor dem Ursprung des Lichts zur Bedeutungslosigkeit. Keine zehn Schritte von ihm entfernt stand eine Göttin. Arthur konnte sie nur fassungslos anstarren. Er brauchte fast eine Minute, bis sein Verstand wieder einsetzte.
   Nein, korrigierte er sich. Es war nur die Statue einer Göttin. Sie war so schön, dass er glaubte, sein Herz sei stehen geblieben. Vollkommen nackt stand sie da und lächelte ihn an, als würde sie sich über seine Reaktion amüsieren. Noch nie hatte er eine nackte Frau gesehen. Seine Erziehung ließ es ihn kaum wagen, richtig hinzuschauen. Konnten Frauen wirklich alle so aussehen? Sie war so feingliedrig. So perfekt. Einen Fuß hatte sie elegant vor den anderen gestellt, sodass ihre Blöße von vorn nicht in voller Pracht zu sehen war. Sie bestand aus einem samtig weißen Stein, dessen Oberfläche Arthur allenfalls mit Haut vergleichen konnte.
   Das Beeindruckendste war ihr Gesicht. Arthur hätte nicht zu sagen vermocht, ob sie fünf oder fünfundzwanzig Jahre älter war als er. Ihre Züge waren exotisch, mit hohen Wangenknochen und großen, merkwürdig länglichen Augen. Die Augäpfel waren schwarz, doch die Iriden bestanden aus kreischend grünen Edelsteinen und schienen ein ganzes Stück zu groß für die Augen zu sein. Sie verliehen ihrem Blick die Nuance von etwas Raubtierhaftem, doch im Augenblick schienen sie Arthur nur sanft und liebevoll anzusehen.
   Entgegen seiner ersten Annahme waren nicht die Augen die Quelle des erlösenden Lichts. Hoch über ihren Kopf hielt sie eine stählerne Fackel, deren zu Glas erstarrte Flamme auf rätselhafte Weise den Raum erleuchtete. Sie war kleiner, als er zunächst geglaubt hatte, und stand auf einem reich verzierten Podest. In Stein gemeißelt stand dort zu lesen:

Se vincere optima omnium victoria est.

Est? Hieß das nicht so viel wie »sein«? Victoria sein? War das ihr Name?
   »Victoria?« Als hätte das Aussprechen ihres Namens sie zum Leben erweckt, schien sie ihm mit einem Mal unglaublich echt. War ihr Lächeln nicht eine Spur weicher geworden? Spielte das überhaupt eine Rolle? Sie war hier und würde ihn nicht alleinlassen.
   Allein.
   Schluchzend humpelte er durch den Saal und fiel ihr um den Hals. Es war unglaublich tröstlich. Seine Sinne versicherten ihm, dass er Haut unter seinen Händen spürte. Ihr Duft war weiblich und aufregend. Ihm schwanden fast die Sinne. Ein schlanker Arm schien sich um ihn zu legen und das erste Mal ahnte er, wie es sein würde, eine Frau in den Armen zu halten. Seltsame Lichter tanzten vor seinen Augen und dann …

… wachte er auf.
   Desorientiert blinzelnd versuchte er, die vom Schlaf verklebten Augen klar zu bekommen. Was war passiert? Sein Bein pochte schmerzhaft und er lag auf etwas Hartem. Als sich sein Blick endlich klärte, schwand die Hoffnung, aus einem schrecklichen Albtraum zu erwachen. Er hatte auf einem wunderschönen steinernen Fuß geschlafen. Als er aufblickte, stand sie über ihm. Eine ewig wachende Göttin. So schön, dass sie eigentlich nur aus einem Traum stammen konnte. Plötzlich war er sich nicht mehr sicher, ob es nicht ein ebenso großer Albtraum gewesen wäre, wenn sie nur eine Vision aus einem Fiebertraum gewesen wäre.
   »Du hast seltsame Gedanken«, sagte er laut, um sich zurück in die Realität zu holen. Tatsächlich klappte das beinah zu gut. Seine Stimme brach sich in den Weiten des Saales und brachte den Eindruck unendlicher Einsamkeit zurück. Seit Jahrhunderten mochte niemand mehr hier gewesen sein. Selbst Victoria schien von einem Herzschlag auf den anderen wieder zu einer gewöhnlichen Statue zu werden. Aber – hatte sie ihn nicht umarmt? Als könnte er ihre Lebendigkeit zurückholen, schlang er seine Arme um ihr Bein. »Jetzt fang nicht wieder an, zu flennen«, wies er sich mit schwankender Stimme zurecht.
   Aber er hatte allen Grund zu weinen. Sie konnte nicht nur eine Statue sein! Sie hatte ihn umarmt.
   »Du hast Fieber«, sagte er sich. Tatsächlich fühlte er sich schwach. Aus seinem Medizinunterricht wusste er, dass man von Fieber Halluzinationen bekommen konnte. Außerdem trocknete Fieber den Körper aus und Wassermangel konnte zu Sinnestäuschungen führen. Tatsächlich war sein Durst so gewaltig, dass er ihn schon wie einen Schmerz fühlte.
   »Und das Licht?«, fragte er sich. »Das kann keine Einbildung sein.« Als müsste er sich vergewissern, blickte er noch einmal zu ihr auf. Züchtig bemüht, ihre Scham, den flachen Bauch und den atemberaubenden Busen nicht zu genau zu betrachten, schob er es erst auf seine eingeschränkte Perspektive, dass die Fackel ihre Position geändert hatte. Erst, als er richtig hinsah, traf ihn die Erkenntnis wie ein Schlag. Sie hielt die Fackel jetzt in der anderen Hand und blickte zu ihm herab. Nicht nur das. Sie hatte den Oberkörper gedreht und wies mit der freien Hand in eine nicht einsehbare Ecke des Saals.
   Arthur verlor die Kontrolle über sich und fiel rückwärts vom Podest.

Kapitel III

»Wer hätte gedacht, dass wir einmal in so netter Runde beisammensitzen würden?« William Belford grinste Lady Catherine ungeniert an. Zum
   ersten Mal waren seine Gedanken in ähnlichen Bahnen verlaufen wie Ios. Nie im Leben hätte sie diese Konstellation für möglich gehalten. Die Adelige saß zur Teestunde allein mit dem ungehobelten Kerl und dem anhänglichen Doktor Hadley im Salon. Io konnte sich das nur mit Neugier erklären. Wahrscheinlich befürchtete sie, in ihrer Kabine die Rückkehr der restlichen SCC zu verpassen. Neugier war vielleicht Lady Catherines größte Schwäche. Irgendwie fand Io das liebenswert an einer so resoluten Frau wie ihr.
   »Aber Mister William Belford«, antwortete Lady Catherine, während Io ihre Teeflöte nachfüllte. »Auch wenn Sie selbst selten große Einfälle haben, sind Sie doch immer für eine Überraschung gut gewesen.« Belford neigte lächelnd den Kopf, als hätte er ein Kompliment bekommen.
   Im Gegensatz zu den beiden wurde Doktor Hadley mit jeder Minute nervöser. »Vielleicht sollten wir nicht hier sitzen bleiben. Womöglich stehen die anderen schon vor der geschlossenen Gangway und können nicht herein?«, gab er zu bedenken.
   »Was ist los mit dir, Walther?«, fragte Belford. »Du weißt doch, dass eine Klingel installiert ist.«
   Doktor Hadley reagierte ausnahmsweise nicht auf die unpassend vertrauliche Anrede. »Die könnte ausgefallen sein. Die anderen sind schon beinah drei Stunden weg.«
   »Hey, Walther – wir sind in Anon. Hast Du eine Vorstellung, wie riesig diese Stadt ist?« Belford schüttelte grinsend den Kopf. »Vor Einbruch der Dunkelheit sind Archie und die anderen sicher nicht zurück.«
   »Gibt es einen besonderen Grund für Ihre Nervosität, Doktor Hadley?«, erkundigte sich Lady Catherine freundlich. Wie immer, wenn er direkt von ihr angesprochen wurde, schoss ihm das Blut in den Kopf. Wie bei einem Schuljungen.
   »Ich … Nein. Ich fühle mich einfach unwohl in diesem Land.« Unruhig tupfte er sich den Schweiß von der Stirn. »Man scheint nur von Feinden umgeben zu sein. Und nach dem, was Mister Quinn erzählt hat …«
   Belford lachte. »Mach dir keine Sorgen, mein Bester. Solange wir die Vicky nicht verlassen, kann nicht mal ich mit den Behörden in Konflikt geraten.« Bevor Lady Catherine eine spitze Bemerkung machen konnte, nickte er ihr schmunzelnd zu. »Dafür fehlt meiner Familie die kreative Ader.«
   Die Adelige hob amüsiert die Augenbrauen und neigte zustimmend den Kopf.
   Doktor Hadley schien die Einigkeit der beiden zu irritieren. »Es ist ein unangenehmes Gefühl. Vor fünf Jahren befanden wir uns noch im Krieg mit diesem Land.«
   »Das ist richtig«, sagte Lady Catherine ungewohnt ernst. »Aber jetzt haben wir Frieden. Nicht einmal der Asgorianische Kaiser würde es wagen, uns ohne jeden Grund etwas anzutun. Dies würde gegen das Gastrecht und seine eigenen Gesetze verstoßen. Beides ist in diesem Land heilig.«
   »Na, jetzt übertreiben Sie, Mylady«, sagte Belford. »Die Kaiser dieses verdammten Hinterwäldlerlandes sind bekannt dafür, sich zu nehmen, was sie wollen.« Er wandte sich zu Doktor Hadley. »Der Kaiser hat sicher keinen Grund, uns nicht leiden zu können. Er kennt uns nicht einmal«, erklärte er beruhigend. Selbstzufrieden griff er nach einem Plätzchen.
   »Ihr Gesprächsbeitrag war wieder bemerkenswert unqualifiziert, Mister William Belford.« Lady Catherines Lächeln ließ vermuten, dass sie ihm ein Kompliment gemacht hatte. »Kaiser Thura fu Kaltan wurde im Jahr des violetten Feuers gesteinigt, weil er die Tochter eines Gastes beim Baden beobachtet hatte.«
   »Was?«, rief Belford unbeherrscht. »Ich dachte, der Kaiser ist der allmächtige Herrscher über Leben und Tod in diesem Land. Wegen so einer Kleinigkeit …«
   Die Adelige zeigte ein feines Lächeln. »Diese Kleinigkeit ist ein Bruch des Gastrechts.«
   »Ja und? Der Typ war ein Kaiser, verdammt!« Belford schien beinah empört.
   »Das Gastrecht ist in einem von fünf Gesetzestexten festgehalten, die man in Asgor für heilig hält.« Schmunzelnd nippte sie an ihrer Teeflöte. »Dieses primitive Volk glaubt allen Ernstes, dass ihr Hauptgott eines Tages aus einem Vulkan gestiegen ist und dem ersten Kaiser diese Texte in die Hand gedrückt hat.« Sie schien die Vorstellung belustigend zu finden.
   Belford zuckte mit den Schultern. »Na, wenigstens sind die Asgorianer konsequent, auch wenn sie spinnen.«
   »Sie kennen sich mit der asgorianischen Kultur aus?«, fragte Doktor Hadley beeindruckt. Adelige Frauen waren in Kion in erster Linie für ihre musische Bildung bekannt. Io wusste, dass Lady Catherine sechs Sprachen sprach, darunter auch Asgorianisch. Außerdem war sie naturwissenschaftlich gebildet. Sie hatte unter Pseudonym sogar einen Fachartikel über mathematische Probleme veröffentlicht und verfügte über großes geschichtliches Wissen. Vermutlich konnte sie selbst Calder Quinn in einigen Bereichen das Wasser reichen. Aber die Adelige hatte nie viel Aufhebens darum gemacht. Auch jetzt schmunzelte sie nur. »Ich habe das eine oder andere gelesen.« Doktor Hadley schien von der Antwort eher verängstigt als beeindruckt zu sein. Sein Gesichtsausdruck amüsierte die Adelige offenbar. »Habe ich bis jetzt so ungebildet auf Sie gewirkt?«
   »Jetzt solltest du aufpassen, was du sagst, Walther.« Belford lachte und schlug dem schmächtigen Mann kumpelhaft auf die Schulter. Ehe der Arzt antworten konnte, wurde er von einem sonoren Gongschlag gerettet. Jemand stand vor der hochgezogenen Gangway.
   »Nanu? Jetzt schon?«, fragte Belford überrascht.
   »Vielleicht haben unsere Mitreisenden auch ohne Ihre Hilfe geschafft, aus dem Land geworfen zu werden?«, vermutete Lady Catherine.
   Io verließ den Salon. Auf dem Weg zum Heck des Schiffes bemerkte sie, dass sowohl William Belford als auch Doktor Hadley ihr folgten. Als sie fragend die Augenbrauen hob, grinste Belford. Der Mann war auf eine sehr aufdringliche Weise neugierig. Immerhin ließ er sie als Erste durch die Sichtluke nach unten sehen.
   Was sie sah, war mehr als beunruhigend. Fünf glatzköpfige Männer in der schwarzen Tracht der Krieger standen unter der Gangway. Die Uniform ließ die rechte Seite des Oberkörpers unbedeckt, sodass der Waffenarm nicht eingeschränkt wurde. Zugleich stellte die Kleidung den muskulösen Körper zur Schau, für den asgorianische Krieger wegen eines speziellen Trainings- und Ernährungsprogramms berühmt waren. Einige von ihnen trugen Tätowierungen, die an große Schlachten und mächtige Feinde erinnerten. Ihre rötliche Haut und die exotischen Gesichtszüge der Männer taten ein Übriges, um auch eine disziplinierte kionische Butlerin einzuschüchtern.
   Vier von ihnen trugen klobige Gewehre in der Hand und martialische Macheten auf dem Rücken. Der Fünfte schien der Anführer zu sein. Er trug einen etwas eleganteren Säbel und eine der klobigen, doppelläufigen Pistolen bei sich, die in Asgor üblich waren.
   »Soldaten«, gab Io beunruhigt bekannt. Sie konnte gerade noch mit einem schnellen Schritt beiseitetreten, bevor Belford sie beim Herantreten an die Sichtluke beiseitegeschoben hätte. In diesem Augenblick zogen die Besucher noch einmal am Klingelseil und der Gong dröhnte erneut durchs Schiff.
   »Ich mache das«, erklärte Belford gefasst.
   »Sir, es ist meine Aufgabe …«, wollte Io klarstellen, doch der grobe Klotz ließ sie nicht einmal ausreden.
   Er packte sie unsanft am Oberarm. »Ich sagte: Ich mache das.« Es war, als wäre damit jede denkbare Diskussion entschieden. Von einem Moment auf den anderen war er vom verwöhnten reichen Bengel ohne Verstand zu einem Anführer geworden. Zum ersten Mal bekam Io eine Ahnung davon, was ihr Herr an diesem Mann schätzen mochte. »Ich habe Arthur mein Wort gegeben, auf seine drei Mädels achtzugeben und das werde ich jetzt tun.« Er drehte sie in Richtung des Salons. »Du wartest mit der Katze im Salon, Süße. Walther und ich werden die Jungs schon abwimmeln.«
   Sie hatte schon den ersten Schritt gemacht, als der Klaps auf ihrer Kehrseite landete. Wie versteinert blieb sie stehen. Ihr Sinn für Realität und ihr Hinterteil konnten sich nicht einigen, ob das gerade wirklich passiert war.
   »Nun geh schon«, drängte Belford. Erst, als sie sich zu ihm umdrehte, schien er gewahr zu werden, was er getan hatte. »Das waren nur die Nerven«, sagte er. »Wenn wir fertig sind, werde ich mich in aller Form entschuldigen. Okay?«
   Io war viel zu schockiert, um darauf zu antworten. Wortlos drehte sie sich um und ging zu Lady Catherine in den Salon zurück.
   Mit versteinertem Gesicht schloss sie die Tür hinter sich. Die Situation war viel zu gefährlich, um sich Gedanken über den primitiven Übergriff zu machen, doch Io spürte, dass der unverschämte Klaps sie weit tiefer als eine Beleidigung getroffen hatte. Er verunsicherte sie. Nein, das traf es nicht. Er machte ihr Angst. Jemand hatte ihr Recht am eigenen Körper ignoriert. Jemand, der von ihrem Herrn als Freund bezeichnet wurde.
   »Wer hat Ihnen etwas getan, Io?« Lady Catherines Stimme erklang direkt neben ihr. Eine fast gewichtslose Hand legte sich auf ihre Schulter. Die Adelige berührte für gewöhnlich niemanden. Sir Arthur bildete die einzige Ausnahme. Schon häufiger hatte sie die Etikette gebrochen, weil sie keinen Wert auf Handküsse von gewissen Gentlemen legte. Als Io überrascht den Kopf hob, erwartete sie nicht das gewohnte spöttische Lächeln, sondern ehrliche Sorge. Lady Catherine mochte sie, stellte Io erstaunt fest. Ganz persönlich sie. Die Erkenntnis war ähnlich erstaunlich, als hätte sie herausgefunden, dass Sir Arthur ihr Bruder war.
   Die Versuchung war groß, sich der schönen Adeligen anzuvertrauen. Wahrscheinlich wäre es sogar einfacher gewesen, als mit Sir Arthur darüber zu sprechen. Aber Io war eine Butlerin in den Diensten eines großen Mannes. Eine Butlerin behelligte niemals die Freunde ihres Herrn mit persönlichen Wehwehchen.
   »Niemand. Nur eine kleine Unpässlichkeit. Ich danke für Ihre Sorge, Lady Catherine.« Selbst in ihren Ohren klang ihre Stimme unsicher und wenig überzeugend.
   Die Adelige schenkte ihr ein warmes Lächeln. Io war sicher, dass sie ganz genau verstand. »Die Niemands dieser Welt sind häufig das Problem. Falls Sie einmal einen Jemand suchen sollten, der …«
   Ein Rumpeln und ärgerliches Geschrei unterbrachen das Gespräch. Deutlich war Belfords wütender Bariton herauszuhören. Kurz steigerte sich der Lärm noch, dann herrschte beunruhigende Stille.
   »Vielleicht setzen wir noch einen Tee auf«, schlug Lady Catherine ungerührt vor.
   »Sehr wohl, Mylady.« Während Io sich verbeugte und den Teedestillator entlüftete, ging die Adelige mit langen, eleganten Schritten zu ihrem Sessel zurück. Bevor sie dort anlangte, wurde die Tür aufgerissen. Das Türblatt flog mit derartiger Gewalt an die Wand, dass das Geschirr in den Schränken klapperte.
   Drei massige Gestalten betraten den Salon. Io erkannte den Anführer der Truppe und zwei seiner Krieger. Auf gleicher Höhe betrachtet wirkten die muskulösen Männer noch einschüchternder als von oben. Während die beiden einfachen Soldaten aufmerksam jede Nische im Auge behielten, blickte sich der Anführer mit dem Stolz des Besitzers um. Zu Ios Beunruhigung schloss dieser unangenehme Blick auch sie und Lady Catherine ein.
   »Was hat das zu bedeuten?«, erkundigte sich die Adelige empört. Sie schien nicht im Mindesten bereit, sich von dem Auftritt der Männer einschüchtern zu lassen. Der Anführer der drei lachte nur. »Du bestimmt Lady Catherine Ashbury«, vermutete er.
   »Und Sie sind sicher kein asgorianischer Offizier, sondern ein Bandit, dass Sie es wagen, mir in dieser Form unter die Augen zu treten!«
   Der Mann starrte sie verdutzt an. Sein Gesicht verzog sich zu einer Maske des Zorns. Einen Herzschlag später wurde Lady Catherines Gesicht von einer Ohrfeige herumgerissen. Der Schlag war so hart, dass die zierliche Adelige über den Tisch gefegt wurde und benommen liegen blieb. Ios Magen zog sich schmerzhaft zusammen, als hätte er den Schlag abbekommen. »Ich Soffren Gur, Ältester von Otin und Sohn von Gul. Du dein neues Platz schnell lernen«, erklärte er mit drohend erhobenem Finger. »Du Glück, dass nur sie«, er wies auf Io, »mein Beute.«
   Beute? Das Entsetzen ließ ihren Magen scheinbar negative Ausmaße annehmen.
   Lady Catherine war nicht leicht aus der Fassung zu bringen. Sie atmete durch und erhob sich würdevoll lächelnd. Nur in ihren Augen war deutlich zu lesen, dass der Mann für sie unter der Entwicklungsstufe eines Schleimpilzes stehen geblieben war.
   »Dann sollte ich mich wohl entschuldigen«, sagte sie gefährlich freundlich. »Immerhin sind Sie ein wichtiger Mann, nicht wahr?« Den primitiven Offizier brachte sie damit sichtlich aus dem Konzept. »Als Ältester von Otin sind Sie sicher in der Lage, etwas für mich zu tun.«
   Der Mann grinste selbstherrlich. »Vielleicht. Vielleicht besser Mann gehören?«
   »Ihnen zum Beispiel?« Ihr Lächeln hatte was Katzenhaftes.
   Soffren Gurs Grinsen wurde immer breiter. Während er sich an seiner unvermuteten Wirkung auf Frauen berauschte, konnte Io nur staunen. Hätte die Adelige sie so angesehen, wäre ihr das Herz vor Angst in die Hose gerutscht. »Wenn überzeugend …?« Sein Grinsen bekam etwas Lüsternes.
   »Io? Seien Sie doch so freundlich, mir das Geschenk zu bringen, dass ich Sir Arthur zu seinem vergangenen Geburtstag überreicht habe.«
   Io fühlte, wie ihr die Farbe aus dem Gesicht wich. »Mylady? Denken Sie …«
   »Ich denke, dass dieses Geschenk viel besser für diese Gelegenheit als für einen Geburtstag geeignet ist.«
   Soffren Gur schien die Idee, das für einen anderen Mann gedachte Geschenk zu erhalten, außerordentlich zu gefallen. Als Io immer noch zögerte, drehte Lady Catherine den Kopf und sah sie fragend an. Sie strahlte Ruhe und Kraft aus. Vertraust du mir?, fragte ihr Blick. Io stellte erstaunt fest, dass sie dies in einem unerwarteten Maße tat.
   Also trat sie an eine der Vitrinen heran und nahm das Ebenholzkistchen heraus. Die fein gearbeiteten Intarsien und die eleganten Beschläge ließen erahnen, dass sich etwas ungeheuer Kostbares darin verbarg. Die Augen des brutalen Offiziers leuchteten voller Vorfreude.
   »Ich habe sie eigenhändig gepflegt«, erklärte Io vorsichtig.
   »Oh? Dann kann ich mein Geschenk einfach so überreichen?«, fragte Lady Catherine mit ihrer melodiösen Stimme. Io glaubte, nackten Stahl darin nachklingen zu hören. Sie nickte. Ehrerbietig überreichte sie das Kistchen und trat mit gemischten Gefühlen zurück. Die Adelige schenkte ihr ein warmes Lächeln, das einem Abschied beunruhigend nahekam. Einer der an der Tür zurück gebliebenen Krieger schien Ios Beunruhigung zu teilen. Er warf seinem Partner einen kurzen Blick zu, doch der war ebenso entspannt wie der Anführer der beiden.
   »Dies sind zwei Kunstwerke, wie sie nur einem wahren Mann gehören sollten«, erklärte Lady Catherine feierlich. »Deshalb bin ich eigentlich nicht die richtige Person, dieses Geschenk zu überreichen.« Soffren Gur zog verwirrt die Augenbrauen zusammen. »Aber ich werde mich bemühen, diesen Meisterwerken gerecht zu werden.«
   Dann passierten viel zu viele Dinge gleichzeitig. Lady Catherine öffnete den Deckel des Kästchens und legte damit die beiden schweren Kriegspistolen frei. Feine Ziselierungen entlang der Läufe und ein unverkennbarer Verschluss kennzeichneten sie als Meisterwerke aus dem Hause Steelwinter, der edelsten Waffenschmiede Kions. Noch während die Augen des Offiziers aus seinem Kopf zu fallen drohten, riss Lady Catherine die Präzisionswaffen aus ihren Seidenbetten. Mit der Geschwindigkeit einer Klapperschlange fuhr sie zu den beiden an der Tür wartenden Kriegern herum und drückte ab. Das ohrenbetäubende Donnern der Waffen schien sich zu einem einzigen wütenden Kriegsschrei zu vereinigen, konnte das ekelhafte Geräusch von in Fleisch einschlagenden Kugeln aber nicht übertönen. Die beiden Hünen stürzten rücklings zu Boden.
   Auch die Angreiferin trug Blessuren davon. Die schweren Waffen waren für den festen Griff von Sir Arthur gefertigt worden. Der gewaltige Rückstoß prellte wenigstens eine der Pistolen aus Lady Catherines filigranen Händen. Genaueres konnte Io nicht erkennen, weil ihr eine gewaltige Lohe schwarzgrauen Pulverdampfs die Sicht nahm. Als hätte es seinen Einsatz verpasst, schlug das Ebenholzkistchen erst jetzt auf dem Boden auf. Mit silbrigem Klingeln verteilten sich Dutzende Patronen im Raum.
   Der unbeherrschte Wutschrei Soffren Guls markierte den Punkt, an dem die Zeit wieder zu ihrem gewohnten Ablauf zurückfand. Undeutlich konnte Io den Offizier nach Lady Catherine greifen sehen, doch der Schatten der Adeligen duckte sich geschmeidig unter der plumpen Attacke hinweg und hechtete über den Esstisch. Ehe Io einen klaren Gedanken fassen konnte, reagierten ihre Instinkte. So schnell sie konnte, rannte sie zur Tür und warf sich auf das Gewehr eines gefallenen Gegners.
   Als sie mit der Waffe herumwirbelte, konnte sie Lady Catherine gerade unter dem Tisch hindurchtauchen sehen. Undeutlich erkannte Io, dass sie noch eine Pistole in der Hand hielt und den Lauf bereits gekippt hatte. In der Bewegung schnappte sie sich eine Patrone, um nachzuladen. Der asgorianische Rüpel war ihr dicht auf den Fersen.
   Io befand sich in einem Dilemma. Die Waffe in ihrer Hand war schwer und plump. Sir Arthur hatte ihr das Schießen beigebracht, nur leider waren die asgorianischen Gewehre primitive Vorderlader und wurden zuweilen mit Schrot gefüllt. Selbst, wenn sie Soffren Gul im Pulverdampf sicher identifizieren könnte, wäre ein Schuss aus diesem Winkel für Lady Catherine viel zu gefährlich gewesen.
   Das Problem erledigte sich, als ein weiterer asgorianischer Krieger in der Tür erschien. Io kniete direkt neben ihm und konnte ihn aus dieser Entfernung nicht verfehlen. Die Waffe herumzureißen und abzudrücken war eine einzige Bewegung. Der Gewehrkolben schlug wie ein Schmiedehammer auf ihre Schulter und spie dem Asgorianer eine Wolke aus graubraunem Dampf entgegen. Das Donnern des Schusses schien ihr die Trommelfelle aus dem Kopf sprengen zu wollen. Irgendwo zwischen den Schwaden stürzte ein schwerer Körper in eine Vitrine. Der Vorgang war so desorientierend, dass sie erst jetzt merkte, dass sie auf dem Rücken lag.
   Aus Richtung des Esstischs erklang ein weiterer Schuss. Sogleich stieß eine Männerstimme schrille Schmerzensschreie aus.
   »Io? Geht es Ihnen gut?« Lady Catherine schien kaum außer Atem gekommen zu sein. Nicht einmal den erstickenden Pulverdampf konnte man ihrer Stimme anmerken. Ihre unerschütterliche Gelassenheit hatte im Angesicht der schrecklichen Schreie etwas Beunruhigendes an sich.
   »Ich bin unverletzt, Mylady, danke.« Sie war nicht sicher, ob ihr der harte Rückstoß das Schlüsselbein gebrochen hatte. Der Pulverdampf brannte ihr in Augen und Nase, dass sie kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. Die Adelige unter diesen Umständen mit derartigen Banalitäten zu belästigen, wäre aber undenkbar gewesen. Entschlossen griff Io nach dem Gewehr des zweiten Wächters. »Mindestens ein weiterer Krieger muss noch an Bord sein.«
   »Das haben wir gleich«, sagte Lady Catherines Stimme unerwartet nah. Das Gejammer des Anführers musste ihre leichten Schritte übertönt haben. Erst, als sie auf den Korridor hinaustrat, konnte Io ihre Konturen im Nebel ausmachen.
   »Contrel…« Das Donnern von Sir Arthurs Pistole schnitt den überraschten Ruf aus dem hinteren Bereich des Schiffes ab. Undeutlich konnte Io ein Rumpeln vernehmen, dann gab Doktor Hadley einen spitzen Schrei von sich.
   Als Io mit dem klobigen Gewehr in der Hand den Korridor betrat, lag dieser bereits im nebligen Dunst des Pulverdampfes. Dennoch konnte sie die Szene einigermaßen klar erkennen. Belford lag reglos auf dem Rücken und Doktor Hadley war wohl damit beschäftigt gewesen, ihm den Kopf zu bandagieren. Der Arzt stand so nah an der Wand, als würde er versuchen, sich in eine Tapete zu verwandeln. Vom Leichnam des letzten verbliebenen Kriegers waren nur die Beine zu sehen. Er musste rücklings auf die ausgeklappte Gangway gestürzt sein.
   Die Situation hatte etwas Surreales an sich, doch Lady Catherine schien nichts aus der Ruhe bringen zu können. Ganz selbstverständlich übernahm sie das Kommando. »Doktor Hadley, bitte schließen Sie die Gangway.« Sie kippte den Lauf der Pistole und schob eine neue Patrone hinein. »Io, sind Sie in der Lage, dieses Schiff zu fliegen?«
   »Fliegen? Aber … die anderen …?«, stammelte Doktor Hadley, bevor Io antworten konnte.
   Lady Catherine sah irritiert von ihrer Beschäftigung auf. Das metallische Einrasten des Laufs ließ den Arzt verstummen. »Die Gangway, Doktor Hadley. Sofort.« Lady Catherines Stimme klang freundlich und melodiös wie immer. Dennoch schwang ein seltsamer Unterton in ihr mit, der den Arzt augenblicklich zum Einlenken brachte. Hastig begann er, mit aller Kraft an der Kurbel für die Gangway zu drehen.
   »Sir Arthur hat mir eine Einführung in die Benutzung aller Geräte an Bord gegeben. Notfalls sollte ich das Schiff steuern können. Mit den Fähigkeiten des Hausherrn kann ich aber nicht dienen, Mylady.«
   Die Adelige nickte. »Ich habe vollstes Vertrauen zu Ihnen, Io.« Wieder lag eine unerwartete Herzlichkeit in ihrem Lächeln. »Bitte bereiten Sie alles für den Start vor. Doktor Hadley wird gleich über die Wartungsluke hinausklettern und die Leinen losbinden.«
   »Was?«, fragte er eingeschüchtert.
   »Das wird nicht nötig sein, Mylady«, erklärte Io. »Wir haben für Notfälle ein Gerät zum Kappen der Leinen an Bord.«
   »Großartig«, sagte die Adelige. »Setzen Sie bitte einen Kurs nach Kion und fahren Sie so schnell und tief wie möglich los.«
   Io verneigte sich und wandte sich zum Gehen. Natürlich würde sie ihren Herrn niemals im Stich lassen – aber das würde auch Lady Catherine unter keinen Umständen tun.
   Als sie den Brückensalon betrat, musste Io trotz der furchtbaren Situation lächeln. Ein merkwürdiges Band war heute zwischen Lady Catherine und ihr geknüpft worden.

*

Er blinzelte. Victoria stand reglos, wie man es von einer Statue erwarten durfte, auf ihrem Sockel. Selbstverständlich hatte sie ihre Pose nicht verändert. Statuen taten so etwas nicht. Sie waren nichts als totes Material, dass das Aussehen von etwas Lebendigem haben konnte. Sie war nur ein Ding. Ein geschickt geformter Steinbrocken.
   Ein Steinbrocken, der mehr Seele als alles hatte, was er je gesehen hatte. Sie war so schön, dass man an ihrem Anblick beinah verzweifeln konnte.
   Natürlich war sie nicht echt. Sein Verstand wusste sehr genau, was mit ihm los war. Er war schwerer verletzt, als es sich anfühlte, und er fantasierte. Er musste Hilfe finden, das war alles, was im Augenblick zählte. Er rappelte sich auf und wollte sich daran machen, den riesigen Saal systematisch nach einem Ausgang abzusuchen. Aber dann errang die kindliche Irrationalität die Oberhand. Entschlossen humpelte er in die Ecke hinüber, auf die Victoria gezeigt hatte.
   Schon von Weitem war zu erkennen, dass er dort weder eine Tür noch eine Treppe finden würde. Als hätte ihm jemand diese Tatsache schon von Weitem klarmachen wollen, standen die diversen Objekte hier nicht so nah an der Wand wie im restlichen Saal. Trotzdem humpelte Arthur weiter auf die Ecke zu. Er wollte, dass genau dort die Rettung wartete.
   »Voreilige Schlüsse sind falsche Schlüsse, selbst wenn sie zu richtigen Ergebnissen führen«, flüsterte er. Es war eines der drei Dogmen, die ihm sein Physiklehrer wieder und wieder eingehämmert hatte. Wer hätte gedacht, dass ihn dies einmal dazu bringen würde, seine letzten Kräfte in ein Hirngespinst zu investieren?
   Im Näherkommen erkannte er, dass er tatsächlich nicht auf einen beliebigen Wandabschnitt zuging. Ein blauer Edelstein, so groß wie seine Faust, war in das Mauerwerk eingelassen. Edelstein? Nein, dafür war das Stück zu groß. War das Glas? Ehrfürchtig blieb er davor stehen. Nein, das war kein Glas. Nyrium, stellte er verblüfft fest. Ein Kristall dieser Größe musste ein Vermögen wert sein.
   Als er zaghaft seine Hand ausstreckte, schien ein Funken im Stein zu erwachen. Wieder eine Sinnestäuschung? Arthur schluchzte. Er verlor den Verstand. Doch dann berührten seine Finger die polierte Oberfläche und seine gesamte Hand erstrahlte in blauem Licht. Tief unter ihm schien eine Maschine stampfend zum Leben zu erwachen. Es vibrierte beängstigend unter seinen Füßen. Ein Knirschen lief durch den Saal.
   Ebenso schnell, wie es begonnen hatte, war es vorbei. Das Glühen seiner Hand erlosch und der Stein schien leblos wie zuvor. Arthur wusste nicht, ob er enttäuscht oder erleichtert sein sollte. Er fühlte sich unsagbar schwach. Lange würde er sich nicht mehr auf den Beinen halten können. Die Verzweiflung ließ ihn erneut aufschluchzen und die Hände vor das Gesicht schlagen. Zumindest hatte er die Absicht, dies zu tun.
   Als seine Finger jedoch den Kontakt mit dem Nyrium verloren, schossen mehrere Dutzend Steinplatten aus der Wand. Es klang, als würden mehrere Dutzend Riesen ebenso viele riesige Springmesser aufschnappen lassen. Irgendwo über ihm verschoben sich stampfend und knirschend schwere steinerne Objekte. Waren das Wände? Gerade noch konnte er sehen, wie ein Teil der Decke zurückwich. Sein Kopf war so langsam, dass er erst mit großer Verzögerung begriff, was er sah. Die Steinplatten bildeten eine Treppe!
   Das konnte nicht sein. Er fantasierte wieder. Aber als er zaghaft seinen Fuß auf die erste Stufe setzte, hielt die Fantasie stand. Es war unvorstellbar anstrengend, aber mit jedem Schritt wurde er sicherer. Nach drei Stufen wurde das Licht langsam schwächer. Victorias Fackel dimmte ihr Licht. Kurz bevor Arthur in der Decke verschwand, war sie nur noch eine anmutige Silhouette im Nichts.
   »Ich werde dich holen kommen«, versprach er. »Ich gebe dir mein Wort.« Mit Tränen in den Augen sah er zu der einsamen Gestalt hinunter. Eine zerbrechliche Göttin, die nun wieder allein in der Finsternis warten würde.
   Auf ihn.

*

Der Droschkenfahrer warf sich ängstlich in den Staub. Arthur hielt seine geöffnete Börse in der Hand und sah verblüfft zu ihm hinunter. Fragend blickte er zu Calder Quinn hinüber, der gerade aus dem Gefährt stieg.
   »Sehen Sie die Tätowierung an seinem Hals?«, fragte der.
   »Ja …?« Für Arthur war die halbrunde Tätowierung keine erschöpfende Erklärung für das Benehmen des Asgorianers. Er hatte nur gefragt, wie viel er dem dürren Mann schuldig war. Nicht im Entferntesten konnte er sich auf diese Reaktion einen Reim machen.
   »Er gehört nicht zum Stand der Dienenden, wie die meisten Droschkenfahrer. Er ist ein Tagelöhner, dem ein Dienender den Wagen vermutlich geliehen hat, weil er ihn gerade nicht fahren kann.«
   Arthur fühlte, wie seine Augenbrauen in die Höhe wanderten. »Ja. Und?«
   »Wer zum Stand der Tagelöhner gehört, wird mit dem Tod bestraft, wenn er das Wort an einen Adeligen richtet oder ihn berührt.« Es war offensichtlich, dass Quinn diese Regel für ebenso absurd wie Arthur hielt.
   »Mit Ihnen hat er doch gesprochen, als Sie ihm unser Ziel genannt haben«, sagte George Thornwright verwirrt.
   »Ich bin auch kein Adeliger.«
   »Aber das weiß er doch nicht. Oder doch?« Der Hüne sah noch verwirrter aus, als Arthur sich fühlte.
   »Glauben Sie mir. Wenn Ihr Leben davon abhängen würde, würden auch Sie einen Blick dafür entwickeln, Mister Thornwright.« Quinn lächelte nachsichtig.
   »Dann weiß er auch, dass Sie nicht mit der Droschke fahren dürften?«
   »Ich nehme an, er hält mich für einen Arzt, Händler oder Sklaven. Das ist bei Ausländern für die Einheimischen nur schwer zu unterscheiden.«
   »Einen Sklaven?«, platzte es ungläubig aus Thornwright heraus.
   »O ja«, erwiderte Quinn freundlich. Wieder einmal zeigte sich, wie sehr er es liebte, zu dozieren. »Viele asgorianische Adelige halten sich hochgebildete Sklaven als Berater, Verwalter oder Privatlehrer. Die halb nackten Mädchen, die Sie bei dem Stichwort Sklaven in Asgor vor Augen haben, machen nur einen Teil der Wirklichkeit aus.«
   Während Thornwright rot anlief, räusperte sich Arthur. »Fragen Sie ihn bitte, wie viel wir für die Fahrt schuldig sind.«
   »Er ist ein Tagelöhner, Sir Colvane. Für ihn gelten die Rechte des Standes der Dienenden nicht.«
   »Ja, aber er wird doch nicht umsonst arbeiten?«
   »Selbstverständlich nicht. Aber wer einen Auftrag an einen Tagelöhner in Asgor vergibt, bestimmt den Preis. Sie geben so viel, wie Ihnen die Leistung wert war.«
   »Das ist ungerecht«, fand Thornwright.
   Quinn nickte. »Zweifellos.«
   »Das ist ein seltsames Land«, sagte Arthur und legte einen üppigen Betrag auf den Kutschbock.
   »Als Tagelöhner darf er doch nicht mit der Droschke fahren«, sagte Thornwright nachdenklich. Der bärenartig gebaute Mann schien immer alles bis zur letzten Konsequenz zu durchdenken, was nicht nur für einen Polizisten ein angenehmer Charakterzug war. Im Augenblick schien es Arthur aber nicht sinnvoll, sich mitten auf der Straße über Derartiges auszutauschen. Die Stadt hatte etwas Bedrohliches an sich. Sein Instinkt sagte ihm, dass es gefährlich war, auf offener Straße stehen zu bleiben und Zeit zu verschwenden.
   »Ach, Mister Thornwright«, sagte Quinn lächelnd. »Wenn die asgorianische Seele so einfach wäre, hätten wir uns diesen Krieg vielleicht ersparen können. Der Stand der Dienenden darf unter bestimmten Bedingungen einen Teil seiner Privilegien für kurze Zeit delegieren. Das hängt jedoch mit der Anzahl der Kinder, der Menge von …«
   »Entschuldigung«, unterbrach Arthur den Vortrag. »Ich habe kein gutes Gefühl dabei, hier draußen zu lange herumzustehen.«
   Die anderen nickten schuldbewusst. Quinn bat den Droschkenfahrer, auf sie zu warten, und sah sich aufmerksam um. Arthur wusste, dass die Häuser in den bedeutenden Vierteln nicht nur nach Straßen und Nummern, sondern auch nach dem Rang ihrer Bewohner geordnet waren. So war man auf das Lesen komplizierter Symbole auf Straßenschildern und Häusern angewiesen, um sich zurechtzufinden. Ohne Quinn wären sie an dieser Aufgabe gescheitert, doch selbst für den Gelehrten war es sichtlich nicht einfach, sich zu orientieren.
   Auf dem Weg hierher hatte Arthur den Eindruck gewonnen, dass Asgor kein anderes Land war, sondern eine andere Welt. Allein der Lufthafen mit seinen prunkvollen Jachten und riesigen Kriegsschiffen war seltsam gewesen. Kionische Luftschiffe waren in der Regel für Fracht oder als Reisevehikel für eine größere Gesellschaft ausgelegt. Auch die Kriegsschiffe waren selten groß und belasteten sich nicht mit unnötigem Tand. Quinn hatte ihm das Flaggschiff irgendeines Generals gezeigt; der Mann hatte die Luftkammern entlang der gesamten Oberseite mit Goldfolie verzieren lassen. Besser konnte man ein Ziel nicht markieren …
   Auch während der Fahrt durch die Straßen war die Kriegerkaste sehr präsent gewesen. Die Männer in der schwarzen Tracht hatten durch die Bank einen Körperbau, der dem männlichen Ideal so nahe kam, dass es an ein Zerrbild grenzte. Selbst die älteren Krieger schienen vor Kraft kaum laufen zu können. Arthur hatte keine Adeligen zu Gesicht bekommen, aber alle anderen Stände waren trotz ihrer helleren Kleidung leicht zu übersehen gewesen.
   Am fremdartigsten waren die Häuser. Nie zuvor hatte Arthur Ställe gesehen, die auf Dächern betrieben wurden und untereinander über dünne Brücken verbunden waren. Im Viertel der Bäcker und Brater balancierten Hühner, Schweine und rote Zwergziegen hoch über der Straße. Sie waren an einem Tempel vorbeigefahren, der vollständig aus menschlichen Schädeln errichtet war, und hatten eine prachtvolle Residenz passiert, deren Schmuck den typisch asgorianischen Pomp in den Schatten stellte. Die Wände waren mit rotem Leder bezogen und die Fenster mit Pelz geschmückt gewesen. Quinn hatte ihm erklärt, dass derartige Bauten von reichen Händlern errichtet wurden, die nach asgorianischem Recht weder Kunst noch Marmor oder Edelsteine zum Schmücken ihrer Häuser verwenden durften. Um ihren Reichtum zu beweisen, ließen sie ihre Häuser jede Woche neu mit den edelsten Ledersorten einkleiden. Die Krone des Hauses hatte ein umlaufender Balkon im dritten Stock gebildet, auf dem drei riesenhafte Pferde posierten. Die edlen Tiere waren nicht nur perfekt abgerichtet gewesen, sondern attestierten dem Bauwerk auch eine beachtliche Standfestigkeit.
   Im Gelehrtenviertel war es still wie auf einem Friedhof. Bis auf eine blau gekleidete Frau, die sogleich in einem Hauseingang verschwunden war, hatte Arthur noch niemanden gesehen. Asgorianer schienen keine Grauzonen zu kennen. Krieger waren augenscheinlich nichts anderes als Kämpfer, Tagelöhner nichts anderes als unterwürfig und Händler kannten keine Grenzen, wenn es darum ging, Aufmerksamkeit zu erringen. Asgorianische Gelehrte schienen so vergeistigt zu sein, dass ihr Viertel tot wie ein Friedhof war.
   Arthur konnte sich nicht entscheiden, ob Asgor ein Land des Schreckens oder nur schrecklich fremd war.
   »Ich denke, das dort drüben müsste es sein.« Quinns nüchterne Stimme vertrieb Arthurs grüblerische Gedanken.
   Sie schritten auf ein zweistöckiges Gebäude zu, das gepflegt, aber nicht besonders pompös wirkte. Das Auffälligste war die leicht überdimensionierte Haustür aus Ebenholz. Schwere gusseiserne Beschläge verliehen dem Eingang etwas Martialisches. In der Mitte der Tür prangte das Symbol von Garnaton, dem asgorianischen Schutzpatron der Schreiber und Gelehrten. Neben der Tür war eine Art Futteral angebracht, in dem ein bronzener Kegel steckte. Auf der Fahrt hierher hatte Arthur ähnliche Objekte an den Türen von mehreren der beeindruckenderen Bauwerke gesehen.
   Wie selbstverständlich nahm Quinn den Kegel heraus und schlug damit auf eine vermutlich für eben diesen Zweck in die Tür eingelassene Metallscheibe. Es klang beinah wie der Eingangsgong der Schwarzen Victoria. In der Totenstille des Viertels klang es, als würden sie versuchen, das Haus abzureißen.
   Erfreulicherweise mussten die Männer nicht lange warten. Wenige Augenblicke später öffnete sich die Tür. Vor ihnen stand ein schmächtiger junger Mann in der weißen Robe der Dienerschaft. Er brauchte nur einen Herzschlag, um die wohl unerwarteten Besucher einzuordnen.
   »Mögen die Schöpfer ihre Hände über Euch halten und Eure Wege erleuchten«, sagte er in akzentfreiem Kionisch und verneigte sich, bis seine Nase beinah die Knie berührte.
   »Erfüllung für deinen Herrn und dein Haus«, erwiderte Quinn förmlich. »Wir müssen dringend mit Professor Torung va Alkin sprechen. Leider ist er mit keinem von uns bekannt.« Arthur wunderte sich, dass Quinn sie nicht dennoch vorstellte. Der Miene des Dieners nach zu urteilen, war dies in Asgor jedoch normal.
   »Dann gewährt dem Haus bitte die Ehre, einzutreten«, bat der Mann und trat einen Schritt beiseite. Er führte sie durch eine spartanische Diele in einen Salon, der eher in einen kionischen Haushalt gepasst hätte. Offenbar hatte sich der Professor nicht vollständig von der kionischen Kultur lösen wollen. »Darf ich den Herren einen Drink aus ihrer Heimat anbieten?«, fragte der Diener mit einer einladenden Geste in Richtung der gut bestückten Bar. Statt eine Antwort abzuwarten, verschwand er hinter einer Tür auf der anderen Seite des Raums.
   »Haben wir etwas falsch gemacht?«, fragte Thornwright, der gerade dazu angesetzt hatte, einen Getränkewunsch zu äußern.
   Quinn schüttelte nachsichtig lächelnd den Kopf. »Nein, ganz im Gegenteil. Besucher nach der Begrüßung allein zu lassen, damit diese sich ohne Aufsicht an Süßigkeiten oder Getränken bedienen, ist eine Ehrung.«
   Thornwright war sichtlich unklar, ob diese Erklärung sarkastisch gemeint war.
   »Wirklich, Mister Thornwright«, erklärte der Lehrer lächelnd. »Sie dürfen nicht vergessen, dass Besucher in diesen Kreisen gewöhnlich Dienstboten oder Sklaven dabei haben, die sie bedienen können.«
   »Verstehe«, sagte der Hüne mit gerunzelter Stirn. Wie ein tapsiger Bär ging er auf die Bar zu. »Möchten Sie vielleicht auch etwas?« Während Quinn sich für einen Whisky entschied, bestellte Arthur das Gleiche, was Thornwright nahm. Der Freund war nicht nur ein begnadeter Koch, sondern verfügte über einen exquisiten Gaumen, wenn es um Spirituosen ging. Tatsächlich enttäuschte Thornwright ihn auch dieses Mal nicht. Er reichte ihm ein zwei Finger hoch gefülltes Glas mit einer leicht violett schimmernden Flüssigkeit. Das faszinierend exotische Aroma nahm Arthur ein wenig von seiner inneren Unruhe.
   »Ich hoffe, der Professor sieht unseren Besuch nicht als Überfall an«, sagte Thornwright, als sich die Wartezeit immer mehr in die Länge zog. Auch Arthur machte sich Gedanken, ob der Mann vielleicht bereits zu Bett gegangen war. Andererseits war die Sonne gerade erst im Begriff, unterzugehen.
   »Ich denke, wir haben einen ausreichend dringlichen Grund für unser Hiersein.« Quinn hatte sicher recht. Der Professor würde es verstehen … Sein Blick fiel auf Thornwright. Der Hüne hatte die Stirn unwillig in Falten gelegt und schien ins Leere zu starren. Sein Gesicht gewann damit eine erstaunliche Ähnlichkeit mit einem schlecht gelaunten Boxer, wie Arthurs Großtante sie züchtete.
   »Ist alles in Ordnung, George?«, fragte Arthur.
   Thornwright schüttelte den Kopf. »Nein. Es hat nicht Klick gemacht.« Arthur und Quinn wechselten einen Blick.
   »Klick?«
   »Ja, als wir hereinkamen. Die Tür hat eine Klinke und einen Riegel. Als Mister Quinn dagegen schlug, hat sie noch nicht einmal gezittert. Es muss also etwas eingerastet sein.« Thornwright blickte auf.
   Arthur verstand zunächst nicht, was er sagen wollte. »Sapperlot! Der Diener. Er hat hinter uns die Tür geschlossen.« Plötzlich war er sehr aufgeregt. »Aber er hat die Tür nicht richtig geschlossen.«
   »Aber …« Arthur wollte zu bedenken geben, dass hiesige Türen vielleicht gedämpft waren, oder einfach anders klangen. Er kam nicht zu Wort.
   »Das macht man nur, wenn man will, dass jemand unbemerkt hinein- oder hinausgehen kann.« Er straffte sich. »Hier stimmt etwas nicht.« Ohne die Reaktion der anderen abzuwarten, ging er zu der Tür, hinter der der Diener verschwunden war.
   »Mister Thornwright! Sie verletzen das Gastrecht!« Quinn bekam hektische Flecken im Gesicht. »Das Gastrecht ist heilig in diesem Land.«
   »Nein, hier stimmt etwas ganz und gar nicht«, sagte Thornwright, als hätte er den Einwand nicht wahrgenommen. Unbeirrt riss er die Tür auf. Arthur erkannte einen Korridor mit kionischen Landschaftsbildern an den Wänden. »Hallo?«, rief der Hüne. Nach einem Rundblick wandte er sich nach rechts und verschwand aus der Sicht seiner Begleiter.
   »Mister Thornwright! Mister Thornwright! Das können Sie nicht tun«, rief Quinn. Seine Stimme schien eine Oktave höher geworden zu sein.
   Arthur ließ sich von Thornwrights Unruhe anstecken und folgte ihm. Schon einmal hatten ihm die Eingebungen des ehemaligen Polizisten das Leben gerettet. Er betrat einen kleinen Korridor, an dessen Ende eine Treppe in den ersten Stock führte.
   »Hallo?«, rief Thornwright immer wieder, während er jede Tür auf seinem Weg öffnete und einen kurzen Blick hineinwarf. Bei der letzten Tür blieb er stehen. »O … du … heiliger …«, stammelte er. Als Arthur Sekunden später neben ihm stand, konnte er ihn verstehen. Es war ein im kionischen Stil eingerichtetes Arbeitszimmer. Sein Eigentümer schien uralt zu sein und saß in einem geschmackvollen Sessel an seinem Schreibtisch. Er schien konzentriert vornüber gebeugt an mehreren kostbaren Büchern gearbeitet zu haben – bis ihm jemand ein Beil in den Kopf geschlagen hatte. Das Blut war bis an die Decke gespritzt und tropfte von den Wänden.
   »Das ist keine fünf Minuten her«, erklärte Thornwright nüchtern. Es war beeindruckend, wie schnell er sich gefangen hatte. »Wir waren nebenan, als der Mann ermordet wurde.«
   Ehe Arthur antworten konnte, wurde es an der Vorderseite des Hauses laut. Männer, die irgendetwas Formelles riefen, schienen hereinzustürmen.
   »Die Miliz! Es ist eine Falle«, rief Quinn, den Arthur das erste Mal rennen sah.

*

»Verdammte Räuberbande«, polterte Belford. Der Schlag mit dem Gewehrkolben mochte ihm die Nase gebrochen und furchtbare Kopfschmerzen beschert haben, aber den Kampfeswillen hatte er ihm nicht genommen. Im Gegenteil. Er wirkte, als suchte er dringend jemanden, an dem er seine Wut abreagieren konnte. Mit blutunterlaufenen Augen starrte er in seinen Whisky.
   »Ihr Lamentieren ist nicht hilfreich«, sagte Lady Catherine nüchtern. Im Gegensatz zu ihrem sonstigen Naturell zeigte sie nicht einmal einen Anflug von Spott. Sie wirkte ärgerlich und ungeduldig. Ihr Gesicht war von dem barbarischen Schlag des asgorianischen Offiziers angeschwollen. Io war aufgefallen, dass die Adelige ihre Hände nur sehr wenig bewegte. Der brachiale Rückschlag von Sir Arthurs Pistolen hatte vermutlich ihre Handgelenke gestaucht. Ihre Kleidung und Hände waren von schwarzgrauen Pulverrückständen verfärbt. Im gesamten Schiff war das Pulver noch zu riechen.
   »Sind Sie sicher, dass es hier sicher ist?«, erkundigte sich Doktor Hadley, der verschüchtert in seinem Sessel saß. Io fand die Frage merkwürdig. Solange sie sich an Bord der Schwarzen Victoria befanden, waren sie auf jeden Fall wesentlich sicherer als Sir Arthur und die anderen Mitglieder der SCC. Darüber hinaus hatte Lady Catherine eine wirklich außergewöhnlich gute Stelle ausgewählt. Das Schiff trieb in geringer Höhe über den schwarzen Aschefeldern von Syn, einem heiligen Vulkan Asgors. Selbst, wenn ein Luftschiff genau über sie hinweg fliegen sollte, wäre die Vicky nur schwer zu entdecken. Jetzt, nach Einbruch der Dunkelheit, war eine Entdeckung nahezu ausgeschlossen. Lady Catherines geografische Kenntnisse waren beeindruckend.
   »Sicher? Dieses Pack sollte eher hoffen, vor uns sicher zu sein.« Belford nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas.
   »Sie sollten nicht so viel trinken«, sagte Lady Catherine unwirsch. »Sie werden Ihr bisschen Verstand heute Nacht noch brauchen.«
   »Ach ja? Wofür denn?«
   »Irgendjemand wird nach Anon gehen und unsere Begleiter suchen müssen.«
   »Was?«, entfuhr es Doktor Hadley.
   Belford runzelte die Stirn. »Wieso? Was soll das bringen?«
   Lady Catherine sah ihn ausdruckslos an. »Von allein werden unsere Freunde nicht daraufkommen, wo wir sie aufnehmen können, nicht wahr?«
   »Na klar«, rief Belford. »Sie haben recht, da hätte ich draufkommen müssen. Archie und Friends haben ja keinen Schimmer, was los ist und wo wir uns treffen können. Worauf warten wir dann noch?«
   Lady Catherine seufzte. »Offensichtlich benötigen wir einen geeigneten Treffpunkt. Außerdem könnte es sinnvoll sein, zuvor unseren Gefangenen zu verhören.«
   »Wir haben einen Gefangenen?«, fragte Doktor Hadley schrill.
   »O Walther, reiß dich zusammen«, verlangte Belford. »Der kann dir nichts mehr tun.«
   »Es wundert mich, dass Sie sein Gejammer überhört haben, Doktor Hadley«, sagte Lady Catherine. »Er bedeutet keine Gefahr. Während Sie sich um Mister Belford gekümmert haben, zwang ich ihn, eine Dosis Apolarin einzunehmen.«
   »Apolarin? Woher …«
   »Doktor Hadley, wollen Sie sich in dieser Situation ernsthaft darüber beschweren, dass ich mich an Ihrer Arzttasche bedient habe?« Die Adelige wirkte sehr ungnädig. Io glaubte zu erkennen, dass sie mindestens solche Kopfschmerzen wie Belford hatte. Kein Wunder. Ihre zerbrechliche Anatomie war nicht dafür gemacht, harte Schläge einzustecken.
   »Nein, natürlich nicht«, antwortete der Arzt. »Aber bei Apolarin … Da wird er die ganze Nacht schlafen.«
   »Unsinn«, schlug Belford dazwischen. »Eine Ladung Zimt und Zitrone in die Nase hebt die Wirkung auf.«
   »Ich hätte fünfzig Milliliter Volagin empfohlen«, sagte Lady Catherine stirnrunzelnd. »Aber Mister Belfords Hausrezept klingt weitaus unerfreulicher für den Mann. Probieren wir es aus.«
   Doktor Hadley nahm den Wissensstand seiner Mitreisenden mit großen Augen zur Kenntnis. Scheinbar fiel ihm keine passende Entgegnung ein.
   Während Belford in die Küche ging, um die Nasenspülung der unerfreulichen Art vorzubereiten, wandte sich Lady Catherine an Io. »Wären Sie wohl so freundlich, mir etwas aus meiner Kabine zu holen und in den Speisesaal zu bringen?«
   »Selbstverständlich gern, Mylady.«
   Die Adelige beschrieb ihr ein elegantes schwarzes Kästchen, das Io ohne Probleme fand. Als sie mit dem Gewünschten den Speisesaal betrat, warteten die Anderen bereits. Belford kniete, um den unerfreulichen Cocktail in Soffren Gurs Nase zu applizieren.
   Der Speisesaal sah nicht nur furchtbar aus, er roch auch so. Der Boden schwamm in halb getrocknetem Blut. Der Kopf des Mannes, den Io getötet hatte, war weiträumig über die Steuerbordseite verteilt. Decke, Wände, Vorhänge, Fenster und Einrichtung waren mit undefinierbarem Matsch bespritzt. Die kopflose Leiche war in eine Geschirrvitrine gestürzt und hatte den größten Teil des Inhalts zertrümmert. Manchmal hatte Pulverdampf auch Vorteile.
   Die Männer an der Tür waren weniger schrecklich zugerichtet. Bis auf jeweils ein großes Loch im Hals waren die Leichen unversehrt. Mit bemerkenswerter Präzision hatten beide Kugeln die Kehlköpfe zertrümmert. So erklärte sich, warum die beiden lautlos zu Boden gegangen waren. Wenn das nicht ein unglaublicher Zufall war, musste Lady Catherine eine Ausnahmeschützin sein. Dafür sprach auch, wie exakt ihre Kugel das Knie ihres Gefangenen zertrümmert hatte. Offenbar hatte es kaum geblutet.
   Hustend und schnaubend kam Soffren Gur zu Bewusstsein. Er hätte wohl um sich geschlagen, wenn man ihn nicht so rigid zusammengeschnürt hätte.
   »Guten Morgen, du Großmaul.« Belford klopfte ihm unsanft auf die Schulter.
   »Ihr alle seid tot«, presste der Offizier zwischen Husten und Röcheln hervor. Es war kaum zu übersehen, dass er große Schmerzen hatte. »Ihr nicht entkommt Asgor. Niemand entkommt Asgor. Ihr zurückgebracht und dann …«
   »Schnauze!« Belfords Schlag warf den Offizier zu Boden.
   »Aber Mister Belford, das ist doch ein großartiges Thema«, sagte Lady Catherine. Sie lächelte Io an, als sie ihr das Kästchen hinhielt. Statt es entgegenzunehmen, öffnete sie den Deckel. Zum Erstaunen Ios kam ein weiteres Meisterwerk aus dem Hause Steelwinter zum Vorschein, nur war diese Waffe zierlich und elegant. Für die Hände einer Frau gemacht. Das Metall war heller und die Ornamentik weit verspielter als die Gegenstücke, die sie Sir Arthur geschenkt hatte. Als Korn diente ein winziges aufsteigendes Einhorn, während die Kimme eine skandalös detailliert gearbeitete nackte Frau war. Im Gegensatz zu den Pistolen von Ios Herrn lag diese Waffe nicht in einem Seidenbett, sondern auf leicht abgewetztem schwarzem Leder. War das eine Art Waffengurt?
   »Reden wir über unsere Rückkehr in die barbarische Heimat unseres Gastes«, schlug Lady Catherine vor. In al-ler Ruhe nahm sie das Kunstwerk aus dem Kästchen.
   »Ha! Du glauben, Frau schüchtert mich ein mit Drohung, zu erschießen? Ha!«
   Die Adelige lächelte nachsichtig. »O nein, Mister Gur. Erschießen werde ich Sie auf jeden Fall. Sie haben mich beleidigt.« Seelenruhig kippte sie den Lauf der Waffe.
   Belford schien ihre Worte für einen großartigen Einschüchterungsversuch zu halten und grinste breit.
   »Hörst du? Vielleicht solltest du mich davon überzeugen, dass du eigentlich ein netter Kerl bist. Dann überzeuge ich die Dame vielleicht davon, dass du es nicht so gemeint hast.« Lady Catherine hob unmerklich die Augenbrauen und schob eine Patrone in den Lauf. Sie strahlte eine kalte Art von Ruhe aus, die Io den Atem stocken ließ. Wie konnten die anderen das nicht wahrnehmen? »Was gibt Ihnen das Recht, uns zu überfallen?« Der Lauf rastete ein.
   »Na, nicht Geheimnis. Schiff ist von asgorianische Krone beschlagnahmt. Nicht Überfall.«
   Die Adelige wandte sich ihm zu. »Mit welchem Recht?«
   »Besitzer wichtigen Wissenschaftler Torung va Alkin ermordet.« Io blieb fast das Herz stehen. »Sein Besitz fällt an Krone, Krone gibt Beute an mich für Verdienste.«
   »Das ist die dümmste Lüge, die ich jemals gehört habe. Archie würde niemals jemanden ermorden«, pöbelte Belford dazwischen. »Und was mögen das für Verdienste sein, die du für Asgor erworben hast? Vielleicht …«
   »Halten Sie den Mund, Mister Belford.« Lady Catherines Stimme war ruhig und melodiös wie immer. Ein schwer definierbarer Unterton ließ Arthurs manierenlosen Freund jedoch unwillkürlich den Kopf einziehen.
   Überrascht blickte er zu der Adeligen auf. »Wo befindet sich Sir Arthur jetzt?«
   »Verbrecher in Falkenturm bis zur Verhandlung und Hinrichtung.« Trotz seiner Schmerzen gelang es dem Offizier, selbstgefällig zu grinsen. »Vielleicht gutes Wort, wenn bringen mich zurück? Verhandeln vielleicht?«
   »Das ist vielleicht eine gute Idee«, fand Belford. »Vielleicht tauschen sie Archie und die anderen gegen ihn aus.«
   Lady Catherine schüttelte kühl den Kopf.
   »Wohl kaum. Er hat nicht nur sein Schiff verloren, sondern wurde von einer Frau besiegt«, erklärte sie. Gur zuckte zusammen, als hätte sie ihm gegen das verletzte Knie getreten, und senkte den Kopf. »Wenn er lebendig nach Hause zurückkehrt, ist er ein Namenloser. Seine gesamte Familie könnte den Kriegerstatus verlieren.« Sie schüttelte angewidert den Kopf. »Er ist nur ein kleines Häufchen Unrat, das kaum eine Kugel wert ist.«
   Belford runzelte verwirrt die Stirn. »Warum sollte er uns dann zu so einem Austausch überreden wollen?«
   »Er will uns überlisten. Wenn er die Schwarze Victoria zurückbringt und Io und mich als Sklavinnen vor den Gildenmeister schleift, kann seine Ehre wiederhergestellt werden.«
   »Aber wenn wir das wissen, könnten wir darauf eingestellt …«
   »Mister Belford«, sagte Lady Catherine mit eisigem Ton. »Diese Person hat versucht, sexuelle Gewalt gegen mich und Io auszuüben. In seiner Fantasie hat er das bereits getan.«
   Ihr sonst so unsensibles Gegenüber sah endlich das eisige Feuer in ihren Augen. Sein Gesicht verlor sichtlich an Farbe. »Aber … Wir können ihn nicht wirklich einfach …«
   Das Donnern des Schusses ließ das Geschirr in den verbliebenen Vitrinen erzittern und Doktor Hadley aufschreien. Soffren Gur sackte lautlos mit einem Loch in der Kehle in sich zusammen. Seine ungläubig aufgerissenen Augen würden Io noch in viele Albträume begleiten. Ein gnädiger grauer Nebelschleier verbarg jedes weitere Detail.
   Lady Catherine hatte nicht einmal den Blickkontakt mit Belford unterbrochen.

*

Es war wie in einem jener Albträume, in denen Treppen niemals endeten. Es fühlte sich an, als wäre er schon weit über die Wolkendecke gestiegen, doch noch immer ertastete er weitere Stufen in der Dunkelheit. Es gab einfach kein Ende. War er vielleicht schon tot und das hier die Unterwelt?
   In einer Aufwallung von Panik rief er nach seiner Mutter, doch dann biss er sich auf die Lippe. Sie war nicht hier. Dafür war das hier nicht die Unterwelt. Es war nur eine Treppe im Dunkeln. Und er war schwach. Möglicherweise zu schwach um das Ende der Treppe zu erreichen. Vielleicht würde das hier sein Grab werden.
   Nein! Hier wollte er nicht vermodern. Nicht hier, lebendig begraben unter der Erde. Das Grauen ließ ihn ein wenig schneller taumeln. Vielleicht sollte er zurückgehen? Zu Victoria? Zu ihren Füßen die Ewigkeit zu verbringen war …
   Sein Gedankenstrom wurde jäh unterbrochen, als die Treppe an einem Absatz endete. Unbeholfen stolperte er zwei Schritte vorwärts, strauchelte und stieß mit der Schulter hart gegen massiven Stein. Seine Knochen knackten hörbar, aber Arthur nahm den Schmerz kaum wahr. Ein Absatz! War das das Ende der Treppe? Er wagte kaum, zu hoffen.
   Seine zittrigen Hände ertasteten altes Holz in der Dunkelheit. Eine Tür! Arthur betete zu allen Göttern, die er kannte, dass sie unverschlossen war. Als er die Klinke endlich fand, schüttelte er den Kopf. Nein, er brauchte keine Götter. Victoria hatte ihm den Weg gewiesen. Natürlich würde die Tür unverschlossen sein. Entschlossen drückte er die Klinke herunter – und stieß auf keinen Widerstand. Die massive Tür schwang schwerelos wie ein Tanzschritt Victorias beiseite.
   Auch dahinter wartete undurchdringliche Dunkelheit. Trotzdem hätte er vor Erleichterung beinah laut gelacht. Unter seinen Füßen knarzte Parkett und er roch, dass er nicht mehr unter der Erde war. Da war ein Hauch von Gras und Bäumen in der Luft. Er machte einen weiteren Schritt vorwärts und tastete in die Dunkelheit. Regale. Links und rechts von ihm. Seine Finger glitten über staubige Schachteln, Seide, Metall …
   Klick.
   Das Geräusch war nicht laut, aber Arthur fuhr herum, als hätte er das Bellen eines Schildsalamanders gehört. War die Tür hinter ihm zugefallen? Ein Drache schien irgendwo unter seinen Füßen zu grollen. Es war das gleiche Geräusch, das entstanden war, als die Decke von Victorias Saal beiseite geglitten war. Hektisch tastete er hinter sich nach der Klinke, doch auch hier stieß er nur auf mit merkwürdigen Dingen gefüllte Regale. Eine Geheimtür? Ihm fiel keine andere Erklärung ein. Konnte eine Tür, die auf der einen Seite ein ganzes Regal trug, wirklich so schwerelos aufschwingen? Das war kaum zu glauben.
   Dafür war keine Zeit. Nur, weil er die Oberfläche erreicht hatte, war er noch lange nicht in Sicherheit. Es war ein Wunder, dass er überhaupt noch auf den Beinen stand. Entschlossen humpelte er in Gegenrichtung der Tür durch die Dunkelheit und ertastete nach wenigen Schritten eine weitere Klinke. Als er sie hinabdrückte, schwang sie jedoch nicht beiseite.
   Es gab ein hässliches Knacken in der Wand, dann schlug die Unterkante des Türblattes auf den Boden. Einen Herzschlag lang schien sie aufrecht zu balancieren, bevor sie unaufhaltsam in den Raum hineinkippte. Der Aufschlag war ohrenbetäubend und wirbelte Staub auf, den nur ganze Jahrhunderte hinterlassen haben konnten. Dies schien ein unglaublich einsamer Ort zu sein. Man würde ihn hier nie finden.
   Nur mit Verzögerung wurde Arthur bewusst, warum ihm das Herz trotzdem nicht sank. Der Anblick des im Staub liegenden Türblatts war großartig – denn es gab ihn. Er hatte Licht! Eine gewaltige Anspannung fiel wie ein Gebirge von ihm ab. Sie ließ eine bleierne Schwere zurück, die ihn wie ein weiches Kissen umgab. Alles war gut.
   Die Fenster waren ungewöhnlich groß. Sie reichten aus der Höhe seiner Knie fast bis an die Decke. Auch wenn sie beinah blind waren, konnte Arthur draußen den funkelnden Nachthimmel sehen. Das Licht des Vollmonds war für seine an die Dunkelheit gewöhnten Augen völlig ausreichend, um sich zu orientieren.
   Er befand sich in einer Art Atelier. Zwei abgedeckte Sessel waren die einzige verbliebene Einrichtung. Sogar die Vorhänge waren entweder zerfallen oder fortgeschafft worden. Der Ausblick war jedoch grandios. Arthur erkannte einen zugewachsenen Garten mit alten Obstbäumen und dahinter einen Wald. Die Szene war traumhaft schön. Warum wohnte hier niemand?
   Er würde morgen darüber nachdenken, wenn er sich ausgeschlafen hatte. Arthur war so müde, dass er im Stehen einschlafen könnte. Er humpelte bereits auf die verlockend bequem aussehenden Sessel zu, als ihn erneut seine innere Stimme zur Ordnung rief. Er durfte nicht schlafen. Solange er wach war, war er nicht tot. Er musste weiter!
   Aber wer redete vom Sterben? Er war nur müde. Ein paar Minuten den Kopf ablegen. Er war so wacklig auf den Beinen, dass es nicht schaden konnte. Außerdem war er nicht mehr sicher, was am Totsein furchtbar wäre. Diese Sessel sahen derartig bequem aus …
   Plötzlich hatte er sie vor Augen. Victorias Gesicht war ausdruckslos, doch in ihrem Blick lag eine Trauer, die Arthur nicht ertragen konnte. Sie trauerte um ihn. Um seine Ehre. Er hatte ihr sein Wort gegeben.
   Sein Wort.
   Sie war eine Statue. Das hatte sie nicht daran hindern können, ihm den rettenden Ausgang zu zeigen. Für ihn hatte sie ihre Natur überwunden.
   Er war ein Mensch. Es lag in der Natur des Menschen, ums Überleben zu kämpfen. Im Gegensatz zu ihr musste Arthur nur tun, was in seiner Natur lag, um sein Wort zu halten. Wenn er es brach, weil er müde wurde, war er ein Schwächling. Er wäre ein dummer, kleiner Junge, der nie ein wirklicher Mann werden würde. Er wäre es nicht wert, ihr Licht gesehen zu haben.
   »Niemals«, flüsterte er.
   Mit zusammengebissenen Zähnen stapfte er an den Möbeln vorbei und machte sich auf die Suche nach einem Ausgang oder einer Treppe. Irgendwo vor ihm schien es eine Terrassentür zu geben, aber er fiel kraftlos gegen die Wand. Bunte Punkte tanzten vor seinen Augen und seine Beine ordneten sich nur noch eingeschränkt seinem Willen unter. Jemand schien seine Knie mit riesigen Kugellagern vertauscht zu haben. Er war wohl schwerer verletzt, als er gedacht hatte.
   Was war das? Rief da jemand seinen Namen?
   Das war Unsinn, sagte der Teil von ihm, der noch einigermaßen klar denken konnte. Niemand suchte hier nach ihm. Er wusste nicht einmal selbst, wo er war. Er fantasierte. Doch dann erklang die Stimme erneut. Ein tiefer Bass, wie von einem Bären.
   Merkwürdig. Warum bildete er sich nicht ein, Victorias Stimme zu hören? Oder Mamas? Er mochte Bären nicht besonders.
   Mühsam stieß er sich an der Wand ab und torkelte auf die Terrasse zu. Erneut erklangen die Rufe. Diesmal war Arthur sicher. Dort rief jemand nach ihm. Er wollte antworten, doch die Terrassentür rückte urplötzlich zwei Schritte an ihn heran. Ungebremst durchschlug sein Kopf das Glas und verwandelte seine Antwort in einen unartikulierten Schmerzlaut. Etwas Warmes lief ihm über das Gesicht. Blind stolperte er ins Freie und stieß gegen ein gusseisernes Geländer.
   »Sapperlot«, erklang der dunkle Bass von unten. Gleich darauf strich ein blendend heller Finger aus Licht über Arthurs Augen. »Bleiben Sie ganz ruhig stehen, junger Herr. Ich bin sofort bei Ihnen!«
   Als müssten sich seine Gedanken durch Schlamm arbeiten, begriff Arthur seinen Irrtum. Er stand nicht auf einer Terrasse, sondern auf einem Balkon. Der Eigentümer der Stimme musste sich mindestens drei Meter unter ihm befinden.
   Er wollte etwas antworten, das gehörte sich schließlich so, aber irgendwie war er vollauf damit beschäftigt, sich am Geländer festzuhalten. Ehe ihm eine passende Antwort einfiel, wurde es hell um ihn.
   War das der Tod? Nein, nur eine Laterne. Zwei riesige Hände legten sich sanft auf seine Schultern.
   »Ich bin hier, junger Herr«, sagte sein Retter. Als wäre er gewichtslos, fühlte Arthur sich hochgehoben und auf die Arme genommen. Sein letzter klarer Gedanke galt dem blank polierten Namensschild auf der breiten Brust seines Retters: 2nd Officer George Thornwright.

*

»Haben sie Pferde?«, fragte Arthur geistesgegenwärtig. Nicht einmal er würde den durchtrainierten asgorianischen Kriegern davonlaufen können. Und Quinn würde nicht einmal einen Hundertmeterlauf überstehen.
   »Pferde sind … in diesem … Land …« Schon bei seiner Antwort schnaufte Quinn wie ein altersschwacher Fischdampfer.
   »… selten«, vollendete Arthur den Satz. Natürlich. Reiten galt als unmännlich und war Frauen verboten. Vor dem Fenster konnte Arthur eine Bewegung ausmachen. Sie waren bereits umstellt.
   »Sicher haben sie eine Kutsche für den Abtransport«, sagte Thornwright. Er hatte recht. Wenn Arthur den Stadtplan richtig im Kopf hatte, lag der Falkenturm auf der anderen Seite der Stadt. Seit dem Krieg machte es sich nicht mehr gut, kionische Bürger wie Trophäen durch die Stadt zu treiben. Besonders, wenn sie bei der Verhaftung verletzt worden waren. »Nach oben«, rief er und stürmte an Quinn vorbei.
   »Aber … dort … Falle?«, keuchte der Gelehrte. Trotzdem machte er auf dem Absatz kehrt.
   »Nein, das ist gut. Polizisten hassen es, wenn Kriminelle unerwartete Dinge tun.« Thornwright grinste in seinen Bart. Trotz seiner Masse entwickelte er eine beeindruckende Geschwindigkeit.
   Oben erwartete sie ein eng mit Bücheregalen zugestellter Korridor. Aus Arthurs Position waren die abgehenden Türen nur als Lücken in den Regalreihen erkennbar. Eine kleine Ta-Funzel spendete genug Licht, dass man sich leidlich orientieren konnte. Leider blieb dafür wenig Zeit.
   Als Arthur die erste Etage erreichte, splitterte unten Holz. Offenbar war Quinn trotz der Aufregung so bedacht gewesen, die Tür zum Korridor zu verriegeln. Trotzdem war es fraglich, ob der Vorsprung reichen würde. Die ersten Asgorianer kamen bereits in Sicht und der Gelehrte hatte erst die Hälfte der Treppe bewältigt.
   Thornwright demonstrierte seine erstaunlichen Kräfte, als er eines der voll bestückten Regale von der Wand zog und an Quinn vorbei die Treppe hinunterstieß. Zwei asgorianische Krieger wurden wie Kegel von dem unerwarteten Geschoss von den Beinen geholt. Schon griff Thornwright nach dem nächsten Regal. Quinn wirkte entsetzter als seine niedergestreckten Verfolger. Bücher waren ihm heilig. Obwohl er kaum atmen konnte, wollte er seinem Retter in den Arm fallen.
   Arthur hatte keine Zeit für Diskussionen. Er packte den Gelehrten grob am Kragen und zerrte ihn hinter sich her. Sie mussten so schnell wie möglich zur Vorderseite des Hauses.
   Hinter ihm wurde der Lärm eines weiteren die Treppe hinunterdonnernden Regals von den Schreien der Asgorianer und dem sonoren Gelächter Thornwrights übertönt. Der Hüne schien Spaß am Asgorianischen Kegeln zu haben. Quinn starrte entsetzt zurück, während er den Flur entlang gezerrt wurde.
   Das dritte Regal folgte seinen Geschwistern, als Arthur auf der anderen Seite des Korridors anlangte. Er riss die Tür auf und stand in einem bescheiden eingerichteten Schlafzimmer. Auch hier waren Bücher der einzige Schmuck. Viel interessanter war das Fenster. Zwar waren die Vorhänge geschlossen, doch von hier aus musste man direkt auf die Hauptstraße sehen können.
   Arthur ließ den nach Luft ringenden Quinn los, um vorsichtig durch den Vorhang zu spähen. Tatsächlich war ein Zweispänner mit vergitterter Kabine vorgefahren. Neben dem leicht bewaffneten Kutscher warteten ein Offizier und ein einfacher Krieger mit einer Laterne in der Hand. Ihre Verhaftung war vermutlich sehr prestigeträchtig. Von der Mietdroschke fehlte leider jede Spur. Angesichts des Milizaufgebots konnte er dem rechtlosen Tagelöhner keinen Vorwurf machen.
   Hinter ihm donnerte das vierte Regal die Treppe hinunter. Spätestens damit dürfte der Weg zum ersten Stock unpassierbar geworden sein. Die Zeit würden sie …
   Das Krachen eines Schusses ließ seine Gedanken stocken. »George!« Arthur hatte nicht bemerkt, dass er gebrüllt hatte.
   Der Freund kam lachend den Korridor entlanggelaufen. Hinter ihm lag das Haus in einer Wolke undurchdringlichen graubraunen Dampfes. »Diese Stümper! Da kann ich ja mit Regalen besser zielen.«
   Arthur konnte sich eines Grinsens nicht erwehren. Der hünenhafte Pensionär wirkte wie ein frecher Bengel, dem ein großartiger Streich gelungen war. Erleichtert warf er erneut einen Blick aus dem Fenster.
   Der Kutscher stand noch immer an Ort und Stelle. Der Offizier und der Krieger waren durch den Schuss näher ans Haus gelockt worden. Während der Offizier vorsichtig durch ein Fenster im Erdgeschoss spähte, stand der Krieger einen halben Schritt hinter ihm.
   Das konnte ihre Chance sein. Vorsichtig öffnete Arthur das Fenster. Unter normalen Umständen hätte der Kutscher die Bewegung sicher wahrgenommen, aber das Licht der Laterne machte ihn praktisch blind für Bewegungen in der Nacht. Trotzdem wollte Arthur den Asgorianern keine Gelegenheit geben, seinen Vorteil zunichtezumachen. Ohne zu lange nachzudenken, sprang er den Krieger an.
   Der Aufschlag war unerwartet hart. Statt mit den Füßen auf den Schultern oder der Brust seines Opfers zu landen, traf er es mit dem Knie am Kopf. Es klang wie eine Bocciakugel, die von Thornwright gegen eine Steinmauer geworfen wurde. Das Geräusch war unangenehmer als der glühende Schmerz, der Arthur durch das Bein schoss. Gemeinsam mit dem leblosen Krieger stürzte er zu Boden.
   Der Offizier wirbelte herum und stieß einen überraschten Ruf aus. Leider war er nicht überrascht genug; kaltblütig wie eine Maschine riss er die Pistole aus dem Halfter. Ehe er anlegen konnte, wurde er von Quinn zu Boden gerissen. Offenbar hatte es der sonst eher zögerliche Gelehrte Arthur nachgemacht und sich aus dem Fenster gestürzt. Wie ein Kartoffelsack traf er den Offizier im Nacken und kugelte ungelenk über ihn hinweg.
   Der Kutscher zog eine Pistole.
   »Granate«, rief Thornwright von oben. Keinen Herzschlag später flog ein Buch in Richtung des Asgorianers. Zu Arthurs Erstaunen klappte die Finte. Statt abzudrücken, warf sich der Kutscher zu Boden und schlug die Arme über den Kopf. Ob »Granate« ein auch in Asgor gebräuchliches Wort war? Arthur würde einen passenderen Zeitpunkt finden müssen, darüber nachzudenken.
   Den Protest seines Beines ignorierend sprang er auf, um sich auf den Mann zu stürzen. Leider war der Kutscher mit dem übermenschlichen Körperbau der asgorianischen Kriegerkaste gesegnet. Arthurs einzige Chance war das Überraschungsmoment. Er hätte schnell wie ein Blitz sein müssen, um den lebenslang trainierten Gegner wirklich überraschen zu können. Doch Arthur war nur ein Mensch.
   Als er bei dem Kutscher eintraf, war dieser bereits auf den Knien und griff nach einem langen Messer. Arthur blieb nichts anderes übrig, als ihn über den Haufen zu rennen, aber sein Gegner sah die Absicht voraus. Statt die Bewegung in Richtung des Messers zu beenden, riss er den Ellenbogen hoch. Arthur wurde in die linke Seite getroffen und hörte seine Rippen knacken. Dennoch reichte die schiere Wucht des Ansturms aus, um den Kutscher von den Beinen zu holen. Beide Männer gingen zu Boden.
   Wieder war es der Asgorianer, der sich einen winzigen Moment schneller vom Boden hochrappelte. Als Arthur aufblicke, sah er ihn mit einem gemein gebogenen Messer auf sich zukommen. Aus den exotischen Zügen des Kriegers sprach die reine Mordlust.
   Die Schrotkugeln schienen lautlos aus dem Nichts heranzurauschen. Es war, als hätte jemand eine Handvoll bösartiger Erbsen auf sie geworfen. Sie zerfetzten den Oberkörper des Kutschers und zogen blutige Striemen über Arthurs linke Wange, Schulter und Oberarm. Eine dichte Wand aus braunschwarzem Pulverdampf rauschte heran. Ehe sie ihn erreichte, war der ohrenbetäubende Schuss zu hören. Arthurs Gegner konnte die Augen aufreißen, war jedoch tot, bevor er auf dem Boden aufschlug. Zum ersten Mal war Arthur sicher, dass in solchen Augenblicken die Zeit tatsächlich langsamer ablief.
   »Oh, bei der großen Majestät! Sie bluten«, rief Calder Quinn entsetzt. »Ich habe Sie angeschossen!« Als wäre es eine giftige Schlange, warf er das Gewehr des asgorianischen Kriegers von sich. »O nein! O nein!«
   »Fassen Sie sich, Mister Quinn«, sagte Thornwright ungewohnt unfreundlich. Ohne eine Antwort abzuwarten, packte er den schmächtigen Mann am Unterarm und lief im Laufschritt auf die Kutsche zu.
   Erst jetzt kehrte Arthurs gewohntes Gefühl für Zeit zurück. Thornwright hatte recht. Sie hatten keine Zeit für Gefühlsduselei. Bis eben war es nur eine Falle gewesen, die ihnen irgendjemand gestellt hatte. Da das Opfer ein Wissenschaftler war, hätte man sie eingesperrt und nach ein paar Jahren eventuell für ein großzügiges Lösegeld ziehen lassen. Jetzt hatten sie einen asgorianischen Krieger getötet. Sollte man ihrer habhaft werden, stand ihnen allen ein scheußliches Ende bevor.
   Arthur sprang auf die Füße und langte gemeinsam mit seinen Begleitern an der Kutsche an. Gemeinsam mit Thornwright warf er Quinn beinah auf den Kutschbock und hievte sich aufs Dach. Hier wartete bereits Die Geschichte des Tavhankitals aus biletischer Sicht, Thornwrights sogenannte Granate. Arthur schmunzelte, auch wenn kein Grund bestand. Der Schuss war sicher nicht ungehört verhallt. Sie waren noch lange nicht entkommen. Dass sie überhaupt eine Chance hatten, war den disziplinierten Militärpferden zu verdanken, die nicht beim ersten Knall kopflos davongelaufen waren.
   Als der Hüne sich neben Quinn auf den Bock fallen ließ, flog die Haustür auf. Die Krieger stürmten wie eine Sturzflut aus dem Haus und begaben sich in Schussposition, ohne die nachfolgenden Männer zu behindern. Arthur war nicht überrascht. Im Krieg war diese Armee ein schrecklicher Gegner gewesen. Nur mit viel Einfallsreichtum hatte man das Imperium an den Rand der Niederlage bringen können.
   »Granate«, rief er, so laut er konnte, und kopierte Thornwrights Finte. Das bedauernswerte Buch landete inmitten der Asgorianer und entfaltete eine erstaunliche Wirkung. Die gedrillten Männer lagen augenblicklich mit den Gesichtern im Dreck. Thornwright schüttete sich aus vor Lachen. Zugleich trieb er die Pferde zu Höchstleistungen an. Fast übergangslos wechselten sie vom Stehen in den Galopp.
   Mehrere Kugeln pfiffen über sie hinweg oder schlugen in die Kutsche ein. Nach wenigen Schüssen verschwanden die Krieger hinter einer undurchdringlichen Wand aus erstickendem Dampf. Es folgten ein paar ungezielte Kugeln. Die Kutsche entschwand in den Schutz der Nacht. Das sonore Gelächter Thornwrights würde den Asgorianern noch lange in den Ohren klingen.

Die Leseprobe hat dir gefallen?
Hol dir das E-Book in einem der
zahlreichen, bekannten Onlineshops.

Viel Spaß beim Weiterlesen.