„Du bist die Auserwählte. Wir brauchen dich! Mehr als du dir vorstellen kannst.“ Ein Zauberspiegel führt die aufmüpfige Juliane nach Goryydon, eine mittelalterliche Welt, die mit weiten Wiesen, Wäldern und Tälern friedlich erscheint. Doch Goryydon liegt in den gierigen Händen des Schwarzmagiers Kloob, der seine Gegenspielerin Moira san Sar mit einem Zauberbann gefangen hält. Kaum realisiert Juliane, was geschehen ist, muss sie vor den Todesreitern des Magiers fliehen. Freunde der Rebellen kommen ihr gerade noch rechtzeitig zu Hilfe. Mit ihren neuen Freunden versucht sie, Moira san Sar zu befreien, um wieder Gerechtigkeit im Land herrschen zu lassen. Doch ein von Hass getriebener Halbmorvanne spürt sie auf. Aran ist ein abtrünniger Todesreiter, der nur eins will: Blutige Rache an den Mördern seiner Familie! Julianes Empfindungen für Aran gehen tiefer als gut für sie ist, denn er ist ihr Seelengefährte. Doch Aran will davon nichts wissen ...

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ISBN: 978-9963-722-83-9

Seiten: 352

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Lynn Carver

Lynn Carver
Lynn Carver hat unter dem Pseudonym ihre Fantasy-Romane bei bookshouse veröffentlicht. Sie ist auch bekannt unter dem Pseudonym Ivy Paul. Als Workaholic verschrien, kann sie aber auch faul wie eine Katze auf dem Sofa fläzen und fernsehen, bis die Augen brennen. Neben der Schreiberei begeistert sie sich für alles Schöne, seien es Bücher, Musik, Mode, Kosmetik, Seife sieden oder nachhaltiges Leben.

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1. Kapitel – Der Spiegel


Das Brummen des Sportmotors lullte Juliane in schläfrige Reglosigkeit, bis die Stimme ihrer Mutter sie aus ihren Träumereien riss.
   »Musst du unbedingt solche Fetzen tragen?«
   Juliane besah sich das Guccikostüm ihrer Mutter. »Kosten den Bruchteil deiner Lumpen.«
   »Sogar deine kleine Schwester beweist mehr Geschmack als du mit deinen fünfzehn Jahren.«
   Juliane versteifte sich. Immer hielt sie ihr die Schwestern als Paradebeispiel vor. Das letzte Mal war es eine verpatzte Mathearbeit, die ihr den Kommentar über den Fleiß der ältesten Schwester Constanze entlockte. Sie fand stets Gründe, an ihr herumzunörgeln.
   »Michaela weiß noch nicht, dass sie dein Klon werden soll.« Demonstrativ zog Juliane einen schwarzen Lippenstift heraus und malte ihre Lippen nach. Sie hatte Mühe, die Kontur zu ziehen und biss sich auf die Innenseite ihrer Wange.
   Ich wollte nie Kinder haben. Vor allem Juliane ist eine Enttäuschung.
   Juliane zuckte zusammen, es traf sie jedes Mal wie ein Fausthieb, wenn fremde Gedanken in ihren Kopf eindrangen.
   Wie meine Mutter, sie ist wie meine gottverdammte Mutter!
   Juliane fühlte sich wie Müll. Nutzlos und abgeschrieben. Ihre Unterlippe zitterte und fast wäre sie in Tränen ausgebrochen. Sie kämpfte mit ihren Gefühlen und rang gegen die ihrer Mutter. Warum konnte diese Frau, die sich ihre Mutter nannte, ihre Emotionen nicht unter Kontrolle halten? Warum empfing Juliane zu den unterschiedlichsten Zeiten die Gedanken anderer Leute? Und selten gute Gedanken. Ihr schien, als suhlte sich die Menschheit in depressiven Stimmungen.
   Mutter parkte den Sportwagen hinter einem Reisebus.
   Juliane warf ihr Haar zurück und rang ihr aufgelodertes Temperament nieder. »Holst du mich wieder ab?«
   Mutter blickte auf ihre Uhr. Nicht einmal den Motor hatte sie abgestellt. »Du kommst Freitagabend zurück?«
   »Mittags.«
   Sie griff nach der Geldbörse im Handschuhfach und zog ein paar Scheine heraus. »Hier, ruf dir ein Taxi. Ich habe am Freitag eine wichtige Besprechung.«
   Juliane zerknüllte die Geldscheine und stopfte sie samt Lippenstift in die Hosentasche ihrer abgetragenen Jeans. »Danke, damit kann ich die ganze Klasse mit Joints versorgen.«
   Juliane griff nach ihrem Rucksack, stieg aus dem Wagen und warf die Tür schwungvoll zu. Sie glaubte nicht, dass Mutter ihre Ansage mitbekommen hatte. Bestimmt war sie viel zu sehr damit beschäftigt, sich mit ihrem neusten Projekt oder irgendeinem interessanten Konzept auseinanderzusetzen. Ein strahlender Stern am Marketinghimmel zu sein, verlangte vollen Einsatz, die beste Ellenbogentechnik und komplettes Desinteresse an den Töchtern.
   Ohne zu winken, fuhr Mutter davon. Juliane wandte sich ab und überblickte die wartenden Mädchen. Die grellen Farben der Bekleidungen stachen in ihren Augen.
   Sie verzichtete darauf, die gestylten Visagen und toupierten, geglätteten Mähnen der Zicken-Girlies näher zu betrachten und suchte in der Menge nach Chantal.
   Sie entdeckte ihre Freundin in der Gruppe und gesellte sich zu ihr. Eigentlich war ihr Name Chantal-Estelle, doch seit sie einem der Zicken-Girlies eine Ohrfeige verpasst hatte, als diese sie hämisch bei ihrem vollen Namen rief, wagte niemand mehr, sie so zu nennen.
   »Super Klamotten«, bemerkte Chantal anerkennend, während sie sich gegen den Kotflügel des Busses sinken ließ. »Die Jacke ist echt cool.«
   Juliane sah kurz an sich hinunter. Ihre Mutter hasste schwarz, also hatte sie an diesem Morgen ihre Bikerlederjacke angezogen und hochgekrempelte Jeans zu Stiefeletten. Ihr gefiel die Vorstellung, wie ein Gothic auszusehen. Ihr abweisendes Verhalten tat ein Übriges, um von ihren Klassenkameradinnen gemieden zu werden. Das ersparte ihr, sich deren Gegacker anhören zu müssen. Ihre einzige Freundin war Chantal, die die neunte Klasse wiederholen musste. Sie mochten beide eine bestimmte Gothicband und schwarze Kleidung. Zwei Außenseiterinnen, die für sich blieben.
   »War das deine Mutter?«
   Juliane nickte. Sie hatten sich noch nie gegenseitig besucht. Welche Gründe Chantal hatte, wusste Juliane nicht. Sie selbst wollte nicht, dass Chantal sich von ihrem reichen Elternhaus beeindrucken ließ.
   »Deine Mutter fährt aber einen coolen Schlitten. Muss teuer gewesen sein«, ließ Chantal prompt verlauten.
   »Ist nicht wichtig.«
   Chantal schnaubte verächtlich. »Das sagst du nur, weil du Geld hast. Komm mich mal besuchen, dann siehst du, wie ich hausen muss.«
   Sie stieß sich vom Bus ab und zog Juliane mit in das Innere des Fahrzeugs. Juliane lümmelte sich in einen der Sitze und zog ihren MP3-Player heraus.
   »He, schau mal, bevor du wieder blind und taub für deine Umgebung bist.« Chantal holte einen unförmigen Joint aus ihrer Jackentasche und hielt ihn Juliane hin.
   »Spinnst du? Tu den weg!«
   »Was meinst du, wie lustig das wird? Wir warten, bis der olle Niemeyer seine Runde gedreht hat und dann machen wir uns einen schönen Abend.« Sie warf ihr einen herausfordernden Blick zu. »Oder willst du mich verpfeifen?«
   Juliane schüttelte den Kopf. »Weißt du, dass sie uns von der Schule werfen, wenn sie uns mit dem Ding erwischen?«
   Plötzlich starrte ein pickliges Gesicht auf Juliane und Chantal herab. »Was habt ihr da?«, fragte Andrea mit schriller Stimme. »Einen Joint?«
   Chantal wedelte mit der rechten Faust, während sie das Dope mit der linken in ihrer abgewetzten Jacke verschwinden ließ. »Verzieh dich! Ist nicht Zeit für dein jährliches Bad?«
   Beleidigt setzte sich Andrea wieder.
   Juliane stieß Chantal an. »Wenn sie uns verpetzt, sind wir geliefert.«
   »Blödsinn und selbst wenn, meinst du, der Niemeyer durchsucht mich?« Chantal grinste. Sie machte eine Kopfbewegung zum vorderen Sitz. »Kein Aas kümmert sich um das Gerede von der da!«
   Juliane schnaubte und wandte sich der Musik zu.

Die Schulklasse wartete vor der Jugendherberge. Juliane lehnte gelangweilt an der Hauswand. Chantal stand neben ihr und suchte fahrig ihre Taschen ab.
   »Sag mal, hast du Läuse, oder was?«, fragte Juliane.
   »Ich find Du-weißt-schon-Was nicht mehr.«
   »Alle mal herhören«, rief der Klassenlehrer Niemeyer energisch.
   Es dauerte ein Weilchen, ehe das Hagelgewitter aufgeregter Mädchenstimmen verstummte. Der Lehrer, seine Begleiter, der Busfahrer und eine Lehrerin blickten ungewöhnlich ernst. Juliane überkam eine böse Vorahnung. Chantal hielt inne und erstarrte, als sie die unordentlich gedrehte Fluppe in Niemeyers Händen erkannte.
   »Wem gehört dieser Joint?«
   Andrea drehte sich um und warf Juliane und Chantal ein fieses Grinsen zu, bevor sie sagte: »Ich weiß …«
   Sie schlagen mich tot, wenn ich von der Schule fliege!
   Sie starrte Chantal an. Noch nie hatte sie Chantals Gedanken empfangen. Sie sah so bleich aus, dass im Vergleich dazu ein Vampir aussehen musste, als käme er direkt von der Sonnenbank.
   Plötzlich fügten sich kleine Details zu einem Bild zusammen. Die blauen Flecken auf Chantals Rücken, die kreisrunden Narben auf ihren Armen.
   Julianes Magen zog sich zusammen und sie ballte die Fäuste. Sie konnte Gewalttätigkeiten nicht ausstehen, und der Gedanke, dass Chantal zu Hause misshandelt wurde, verursachte ihr Zahnschmerzen. Andrea würde sie verpetzen, doch Juliane wollte verhindern, dass sie beide bestraft wurden.
   Sie trat vor. »Das ist meiner, Herr Niemeyer.«
   Der Lehrer musterte Juliane streng. Obwohl sich in ihrem Magen ein watteweiches Gefühl breitmachte, erwiderte sie den Blick fest.
   »Komm mit!«
   Als er Juliane an den anderen vorbeiführte, fühlte sie die Blicke ihrer Mitschülerinnen auf sich ruhen. Ihr war so elend vor Angst, dass in ihrem Kopf Sendepause herrschte.
   Herr Niemeyer brachte sie in einen Aufenthaltsraum und deutete ihr an, sich an einen der Tische zu setzen.
   »Das hätte ich nie von dir erwartet, Juliane!« Er ließ sich kopfschüttelnd auf einem Stuhl nieder. »Setz dich endlich.«
   Sie beschloss, so wenig wie möglich zu sagen. Je weniger sie erzählte, umso geringer die Gefahr, sich zu verplappern oder in Widersprüche zu verstricken. Nur dann würde Niemeyer ihre Lüge schlucken. An der Wand hing eine Uhr. Juliane beobachtete, wie der Zeiger das Zifferblatt entlangschlich. Sie wandte sich dem Lehrer zu, als dieser sich vernehmlich räusperte.
   »Du weißt, dass ich deine Eltern informieren muss?«
   »Mein Vater ist die nächsten Monate in Saudi-Arabien«, murmelte Juliane, um Zeit zu gewinnen, und starrte wieder auf die Uhr. Ihre ältere Schwester Constanze lebte noch zu Hause. Wenn sie sich nicht allzu blöd anstellte, konnte sie vorgeben, ihre Mutter zu sein. Das würde ihr wenigstens einen kleinen Aufschub gewähren, ehe ihre Eltern von der Sache erfuhren.
   Herr Niemeyer erklärte ihr, was nun geschehen würde, doch Juliane hörte nicht länger zu. Erst, als er sein Handy herauszog und sich die Telefonnummer ihrer Eltern geben ließ, konzentrierte sie sich wieder auf ihn. Angespannt lauschte sie dem Telefongespräch. Schließlich reichte ihr Niemeyer das Handy.
   »Deine Mutter möchte dich sprechen.«
   Juliane spürte einen Kloß in ihrem Magen, als sie den Hörer an ihr Ohr drückte. »Ja?«
   »Bist du total abgedreht?«, brüllte Constanze, sodass ihr die Ohren summten. »Wie kommst du zu einem Joint?«
   Juliane fühlte grenzenlose Erleichterung, der Druck in ihrem Magen ließ nach und sie schluckte. »Mutti?«
   »Ich werde mit ihr reden. Mach dich auf ein Donnerwetter gefasst. Du weißt, wie sie ist.«

»Die Fahrkarten, bitte!« Der Schaffner zwinkerte Juliane aufmunternd zu. Sie zwang sich zu einem Lächeln, obwohl ihr absolut nicht danach zumute war.
   Natürlich hatte sie nicht allein zurückfahren dürfen. Herr Niemeyer begleitete sie. Sie saßen sich seit der Abfahrt wortlos gegenüber. In dem Abteil befand sich sonst niemand und so waren die einzigen Geräusche das Rattern und Quietschen des Zuges – und Niemeyers sprunghafte Gedanken.
   Ich werde einen Bericht schreiben müssen … Anja und Christine werden Augen machen. Vielleicht komme ich noch früh genug, um mit meinen zwei Süßen auf den Spielplatz zu gehen.
   Juliane schaltete den MP3-Player aus. Solange sie Niemeyers Gedanken hören musste, störte sie die Musik. Sie wünschte sich aus tiefster Seele, sie könnte diese Fähigkeit wenigstens steuern oder ein Muster darin erkennen. Manchmal blieben die Stimmen in ihrem Kopf aus, obwohl sie an den Gesichtern nur zu deutlich sehen konnte, wie aufgewühlt die Leute waren.
   Der Schaffner ging weiter und Juliane erhob sich.
   »Wohin willst du?«
   Juliane blickte auf Niemeyer hinunter und bemerkte auf seinem Oberkopf eine schüttere Stelle und Schuppen. »In den Speisewagen. Cola holen.«
   Ein Nicken. »In Ordnung.«
   Juliane zögerte. »Kann ich Ihnen etwas mitbringen?«
   Zum ersten Mal an diesem Tag lächelte er. »Nein, danke.«

Im Speisewagen befand sich niemand außer dem Kellner.
   »Eine Cola.« Juliane zog ihren Geldbeutel aus dem Rucksack. »Bitte!«
   Der Mann zog behäbig den Kühlschrank auf, beugte sich vor und hielt eine Weile inne. »Wie wär’s mit einer Limo?«
   »Wenn Sie keine Cola mehr haben, lieber nichts, danke.« Juliane wandte sich ab.
   »Nein, warte.« Er kratzte seinen rübenförmigen Schädel. »Ich muss nur eine aus dem Lager holen.« Er verschwand durch eine schmale Tür.
   Juliane spürte einen sachten Windzug hinter sich.
   »Hallo!«
   Sie zuckte zusammen und drehte sich um.
   Weiß!
   Strahlendes Weiß flutete ihre Sehnerven. Ihr Herz klopfte aufgeregt. Sie blinzelte gegen das Licht an und starrte auf eine Frau. Die Unbekannte besaß platinblondes, langes Haar und trug ein weißes, fließendes Gewand. Juliane hatte noch nie jemanden gesehen, der annähernd ähnlich gekleidet war.
   »Ich habe dich erschreckt, das tut mir leid«, meinte die Frau. Sie hob ihren Arm und drückte einen protzigen Handspiegel an ihre Brust.
   Juliane schüttelte mechanisch den Kopf. »Ich … ich habe Sie nicht gesehen.«
   »Man achtet selten auf mich.« Ein Muskel in ihrem sonst ruhigen Gesicht zuckte.
   Juliane blickte nervös über die Schulter. Wo blieb der Kellner?
   »Es war sehr nobel von dir, deine Freundin zu beschützen.«
   Julianes Herz pochte schneller. Woher wusste die Unbekannte davon?
   »Also, min Deern, hier ist deine Cola«, rief der Kellner aus dem Lager.
   Juliane wandte sich der Lagertür zu und fühlte hinter sich erneut einen Luftzug. Der Mann tauchte auf und hielt die Dose vor sich, als wäre sie der Oscar für hartnäckige Suche.
   Juliane drehte sich um, doch die seltsame Frau war verschwunden. Auf dem Tisch, neben dem die Fremde gestanden hatte, lag der wertvoll aussehende Handspiegel. Das Accessoire glänzte goldfarben und war mit wundervollen, feinen Ornamenten und einem taubeneigroßen Glasstein am Griff verziert.
   »Wo ist die Frau hin, die gerade noch dort stand?«
   Der Kellner starrte sie zweifelnd an. »Welche Frau?«
   »Weißes Haar und weißes Kleid oder Mantel«, erwiderte Juliane.
   »Hab niemanden gesehen.«
   Juliane runzelte die Stirn. Wieso hatte er die Frau nicht bemerkt? Sie konnte unmöglich so schnell aus dem Abteil gelaufen sein.
   »Aber …« Sie verstummte. Sie wollte keine Diskussion anfangen, am Ende hielt er sie noch für verrückt.
   »Alles in Ordnung mit dir? Es war niemand da. Hätte ich doch sehen müssen.«
   Juliane nickte. Sie reichte dem Kellner das Geld und nahm den Handspiegel an sich. Das Kleinod wog mehr als gedacht, nun war Juliane sicher, dass es sich um Gold handelte. Nur echtes Gold besaß ein derartiges Gewicht. Vermutlich war der Klunker am Griff dann ebenfalls wertvoll. Sie musste das Teil loswerden, immerhin gehörte es jemandem.
   Ja, ja!, triumphierte eine telepathische Stimme.
   Juliane stutzte und wischte sich die feuchte Hand am Shirt ab. Wer war das? Der Ober zwinkerte ihr zu, als sie mit der Dose winkte und den Speisewagen verließ. Die Frau musste sich in diese Richtung entfernt haben. Wenn sie sich beeilte, konnte sie der Fremden ihr Eigentum zurückgeben.

Eine halbe Stunde später hatte sie die Abteile das zweite Mal erfolglos durchsucht. Juliane stopfte den Spiegel in ihren Rucksack. Ihre Hilfsbereitschaft erschöpfte sich. Sie konnte unmöglich weiter im Zug herummarschieren. Niemeyer flippte garantiert aus, wenn sie noch eine Minute länger verschwunden blieb.
   Vor sich hin grummelnd setzte sie sich auf ihren Platz und trank die Cola aus. Was sollte sie mit dem Spiegel anfangen?
   Er gehört dir.
   Juliane zuckte zusammen. Sie blickte sich um, doch bis auf Niemeyer und sie war das Abteil leer. Dennoch empfing sie die Gedanken eines anderen. Wurde ihre Fähigkeit stärker?
   Juliane, Juliane!
   Sie runzelte die Stirn. Woher kam diese Stimme? Wer rief sie auf diese Weise? Niemand wusste von ihrer Begabung. Nicht einmal ihre Schwestern.
   Du weißt, wer ich bin.
   »Nein, weiß ich nicht«, flüsterte Juliane.
   Plötzlich fühlte sie sich, als würde sie aus sich hinaustreten und alles wie eine unbeteiligte Zuschauerin betrachten. Ihr Körper bewegte sich zielstrebig auf ihren Rucksack zu.
   Mit einem Mal wusste Juliane, was sie da rief: der Spiegel. Das kleine, protzige Accessoire war nicht das, was es zu sein schien. Eine geheimnisvolle Macht zwang sie, ihren Rucksack zu nehmen und das Abteil zu verlassen. Sie hatte keine Kontrolle über ihren Körper. Niemeyer rief ihr etwas hinterher, doch sie verstand ihn nicht.
   Bitte, nicht! Gib mich frei!, bat Juliane stumm, während sie die Tür der Zugtoilette hinter sich schloss und den Spiegel hervorholte.
   Es geschieht, was geschehen muss, sang die Stimme und vereinigte sich mit unzähligen anderen. Seit langer Zeit ist es beschlossen, Juliane! »Lass mich in Ruhe! Was willst du von mir?«, flüsterte Juliane mit einem Kloß in der Kehle. Ihre Nerven vibrierten und sie zitterte. Trotzdem tat sie unter dem Einfluss des Spiegels, was ihr am meisten widerstrebte: Sie streckte die Hand aus, berührte erst mit den Fingerkuppen und schließlich mit der ganzen Handfläche den Spiegel.
   Erst jetzt fiel die Anspannung von ihr ab und sie fühlte die Tränen auf ihren Wangen. »Was willst du?«
   »Deine Bestimmung erwartet dich, Juliane!« Diesmal sprach die Stimme des Spiegels zu ihr. Juliane drängte sich bei dem Klang der Vergleich mit einer silbernen Glocke auf.
   »Habe keine Angst, dir wird nichts geschehen.« Mit diesen Worten umhüllte sie ein gleißendes Licht und sie schloss die Augen.

Juliane öffnete die Lider und fand sich an einem seltsamen Ort wieder. Um sie herum war alles weiß. Nicht das sterile Weiß eines Operationssaals, sondern samtig wie Orchideenblüten.
   »Wo bin ich?«
   »Für dich ist es der Ort der Entscheidung«, sagte die glockenhelle Stimme.
   Juliane runzelte die Stirn.
   »Du musst wählen.« Das Weiß zerfaserte und gewährte einen Blick in Julianes Zimmer. Das typische Reich eines Teenagers, der Schreibtisch überladen mit Heften und Schulbüchern, mittendrin Taschenrechner und Zirkel. Ihre Lippenstifte lagen verstreut auf der Kommode, weil sie sich zuerst für keinen hatte entscheiden können und dann keine Lust hatte aufzuräumen.
   Die hellen Möbel, die teure Stereoanlage, das übervolle Bücherregal. Das Notebook und das Glätteisen, das sie sich ungefragt von ihrer Schwester geliehen hatte, lagen auf dem Bett. Juliane betrachtete alles, als wäre es ihr fremd.
   »Das Bekannte«, sagte die Stimme.
   Juliane wandte ihre Aufmerksamkeit auf eine andere Stelle, an der das Weiß aufriss, und für den Bruchteil eines Augenblicks eine sonnenüberflutete Waldlichtung zeigte. Sechs Reiter saßen auf prachtvollen Pferden. Die fünf Männer trugen schwarze Rüstungen, einfache Helme mit Visieren verdeckten die Gesichter. Den letzten Reiter kleidete zwar keine Rüstung, doch die Kapuze seines altertümlichen Umhangs hing ihm tief ins Gesicht. Ihnen allen haftete die Aura tödlicher Gefahr und schierer Erbarmungslosigkeit an.
   Das Bild verschwamm und Juliane war sich nicht sicher, ob sie tatsächlich etwas gesehen oder sich die Szene nur eingebildet hatte.
   »Oder das Unbekannte. Entscheide dich.«
   »Warum soll ich mich entscheiden?«, fragte Juliane. »Was erwartet mich dort?« Sie deutete auf das Dunkel.
   »Wir bedürfen deiner. Mehr, als du dir vorstellen kannst.«
   Juliane erstarrte. Hinter ihrer Stirn arbeitete es. Sie wurde gebraucht. Nichts anderes hatte sie sich je gewünscht. Sie wollte niemand sein, der gleichgültig durch die Welt lief und genauso von ihr behandelt wurde. Erfüllte sich ihr größter Wunsch?
   »Wer braucht mich?«
   »Deine Wahl muss aus freiem Willen geschehen, ich darf dir nicht mehr sagen«, erklärte die helle Stimme. »Willst du es wagen?«
   Sie näherte sich dem Unbekannten, hielt aber noch einmal inne. »Wer bist du?«
   »Ich kann vieles sein. Ein Spiegel, ein Tor, eine Chance, die Erfüllung deines Schicksals.«
   Juliane ahnte, dass sie nicht mehr erfahren würde, und betrat die Finsternis.
   Die Schwärze wirkte anders als alles, was Juliane jemals vorher gesehen hatte. Es fühlte sich an, als hätte die Dunkelheit die Macht, jede Erinnerung an Formen und Farben auszulöschen und durch die Gleichförmigkeit der Nacht zu ersetzen.
   Aber nicht nur Farben, auch die Erinnerungen an Gerüche und Geräusche wurden vollkommen bedeutungslos für sie. Eine Schwere bemächtigte sich ihrer Glieder, ähnlich dem Gefühl, im Halbschlaf gefangen zu sein und nicht fähig, die letzten Fetzen Schläfrigkeit abzustreifen.
   Juliane fühlte einen leichten Sog, der sich langsam verstärkte. Sie wich einige Schritte zurück, doch es war zu spät, der Wirbel erfasste sie und riss sie in die Dunkelheit. Der Strudel warf sie herum wie eine leblose Strohpuppe. Juliane versuchte, dagegen anzukämpfen, doch es war zwecklos. Sie wollte schreien, doch ihrer Kehle entwich nur ein leises Stöhnen. Immer schneller und schneller zog es sie in die Tiefe und schließlich verlor sie das Bewusstsein.

2. Kapitel - Das Zeichen der Sonne

Langsam lichtete sich der Nebel um Juliane. Harzgeruch kitzelte ihre Nase und jeder Knochen in ihrem Körper schmerzte. Sie stöhnte und stand auf. Einen Moment zweifelte sie an ihrem Verstand, dann fiel ihr alles wieder ein. Der Zauberspiegel hatte sie hergebracht.
   »Wohin denn zum Kuckuck?«, fragte sie laut.
   Sie befand sich in einem Wald. Um sie herum standen riesige Laubbäume, die einen bunten Wechsel mit Nadelbäumen, Büschen und Farnen bildeten. Im Schatten gediehen einzelne Pilze und die Luft duftete nach Moos und Holz und schien so sauber, dass Juliane am liebsten nichts anderes getan hätte, als sie einzusaugen.
   »Hallo! Ist hier jemand?« Sie zuckte erschrocken zusammen, als es im Gebüsch raschelte. Ein Kaninchen huschte verschreckt davon und sie atmete erleichtert aus. Noch war sie sich nicht sicher, ob sie anderen Menschen begegnen wollte. Sie zog es vor, erst die Lage zu sondieren, erst einmal herauszufinden, ob sie nicht doch träumte.
   Eigentlich liebte sie Waldausflüge – solange sie auf einem Pferderücken saß und es gekennzeichnete Wanderwege gab. Doch hier stand sie mitten in der Wildnis und war völlig ahnungslos, was sie tun sollte.
   »Spiegel? Hörst du mich? Was soll ich tun?«
   Julianes Rufe verhallten, niemand antwortete ihr und sie verstummte.
   »Vielleicht hätte ich eine Gebrauchsanweisung verlangen sollen«, überlegte sie und sah sich weiter um.
   Nachdem sie eine Weile tatenlos herumgestanden hatte, entschied sie, loszulaufen. Sie stapfte durch den Wald und begann, die Wanderung schon nach kurzer Zeit zu hassen. Ständig blieb sie mit der Jacke an Zweigen hängen und zerkratzte sich das Leder. Ihre Wildlederstiefel erwiesen sich als völlige Pleite.
   Nicht nur, dass sie ein paar Mal im Matschboden versank oder über Wurzeln und Reisig stolperte, für ihre Füße waren die Schuhe die reinste Tortur. Dazu kamen Durst und Hunger, die sie bald quälten.
   Sie dachte mit Wehmut an die Schokoriegel, die sie in ihrem Rucksack aufbewahrte. Wie lang überlebte ein Mensch ohne Nahrung? Zwei Tage? Eine Woche? Juliane wurde übel bei dem Gedanken, elendig in dieser Wildnis zu verhungern und zu verdursten. Weder in den Filmen noch in den Büchern, die sie kannte, hatten die Helden mit derartigen Problemen zu kämpfen. Ihnen lief garantiert ein saftiges Stück Wild über den Weg und natürlich hatten sie stets eine Waffe bei sich.
   Juliane stutzte. Gab es hier Raubtiere? Ihre Zehen kribbelten. Sie konnte nicht einmal eine Blindschleiche von einer Kreuzotter unterscheiden.
   Mit etwas Mühe brach sie einen langen Ast ab, den sie als Wanderstock und als Waffe benutzen konnte.
   Das Aufblitzen der Sonnenstrahlen zwischen den Blättern erregte ihre Aufmerksamkeit, und weil diese Richtung genauso gut schien wie jede andere, folgte sie dem Licht. Doch als wenig später die Sonne unterging, verdüsterte sich das Dickicht und der Wald erwachte zum Leben. Überall raschelte und knackte es. Tierschreie durchbrachen die Stille. Bei jedem neuen Geräusch kroch Juliane ein Schauder über den Rücken. Sie packte den Ast fester.
   Plötzlich sah sie ein glühendes Augenpaar, das sie aus dem Unterholz zu beobachten schien.
   »Weg, weg«, schrie sie.
   Ihre Stimme verscheuchte das Tier, doch sie fühlte sich keineswegs besser. Ihre Furcht erinnerte sie an eine Nacht vor vielen Jahren. Genauso einsam hatte sie sich damals gefühlt.
   Durch den halb offenen Rollladen ihres Kinderzimmers hatten die Scheinwerfer vorbeifahrender Autos unheimliche Schatten geworfen. Die Dunkelheit schien das mechanische Brummen zu dämpfen und Juliane war überzeugt, das, was sie da hörte, wäre ein Monster, das sich im Zimmer versteckte. Sie weinte und rief nach ihrer Mutter, doch diese reagierte nicht. Juliane wusste, dass sie im Wohnzimmer saß, also schluchzte sie lauter, aber ihre Mutter kam nicht. Nur die Lautstärke des Fernsehers wurde hochgedreht.
   Damals hatte Juliane das erste Mal einen Kloß in ihrem Inneren bemerkt. Ein Gefühl der Verlassenheit, das ihr Innerstes zum Zittern brachte.
   Die Erinnerung ließ sie schluchzen. Einsam, sie fühlte sich so einsam! Gab es denn niemanden, der sie brauchte? Jemanden, der sich für sie – und zwar nur für sie – interessierte? Nicht für ihr Aussehen oder ihre Herkunft.
   Taumelnd bahnte sich Juliane einen Weg durch das Gehölz, bis sie auf eine Lichtung stolperte. Sie hockte sich auf den Boden. Sie gähnte, doch gleichzeitig wagte sie kaum, eine bequeme Stellung zu suchen, und sang leise alle Lieder, die sie kannte, um wach zu bleiben und die Tiere fernzuhalten.
   Eine Weile gelang es ihr, dann nickte sie ein.

»Endlich«, sagte eine kehlige Frauenstimme.
   Juliane blickte auf und sah sich einer jungen Frau gegenüber. Eine grüne Strähne ringelte sich an der Schläfe entlang durch ihr schneeweißes Haar. Ihre Kleidung sah fremdartig aus, eine Mischung aus antiker Gladiatorin und Lillifee. Die Unbekannte lächelte und trat näher.
   »Geh zum Waldrand, dort liegt Goryydon.«
   Sie wirkte vertraut, obwohl Juliane sicher war, sie noch nie zuvor gesehen zu haben. Die Frau griff nach Julianes rechter Hand. Als sie sich berührten, begann Julianes Handteller zu brennen. Sie starrte die Frau wie hypnotisiert an.
   »Jetzt werden die Goryydoner wissen, dass mein Versprechen eingelöst wurde.«

Die Sonne stand hoch am Himmel, als Juliane erwachte.
   Sie sprang auf und fluchte ungehemmt, als sie einen Schmerz auf ihrer Handfläche wahrnahm. Dort entdeckte sie ein dunkelrotes Muttermal in Form einer Sonne.
   Wo kam das plötzlich her?
   Und was hatte dieser Traum zu bedeuten? Von welchem Schwur war die Rede gewesen? Juliane betrachtete erneut das Muttermal. Sie konnte ihre Überraschung nicht in Worte fassen.
   Dann wühlte sich der Hunger wie ein wütender Drache durch ihre Eingeweide und sie schob ihre Gedanken über den Traum und seine Folgen beiseite.
   »Eigentlich ist mir das im Moment scheißegal. Ich habe Hunger«, murmelte Juliane.
   Sie durchsuchte ihre Taschen, doch das Einzige, was sie zutage förderte, waren eine Büroklammer und ein Streifen Kaugummi.
   Juliane steckte den Kaugummi in den Mund. Im Tageslicht wirkte alles verändert, doch sie glaubte sich daran zu erinnern, an der großen Fichte vorbeigekommen zu sein. Also lief sie in die andere Richtung. Mittlerweile plagte sie nicht nur Hunger, sondern auch Durst. Obwohl es zwischen den Bäumen kühl war, hatte sie einen staubtrockenen Mund.
   Ein Plätschern riss Juliane aus ihren Gedanken und sie folgte dem Geräusch. Inmitten dichter Farnbüschel sprudelte eine Quelle. Sie beugte sich vor und schnupperte.
   Am liebsten hätte sie den Kopf hineingesteckt, um gierig davon zu kosten. Mit beiden Händen schöpfte sie das kühle Wasser und trank, bis ihr Bauch schmerzte und gluckerte. Dann lehnte sie sich an einen Baum und atmete tief durch.
   Bei Tageslicht wirkte der Wald bei Weitem nicht so Angst einflößend wie in der Dunkelheit. Kein Rauschen, Ächzen, Kreischen und Knacken. Keine kleinen Trippelschritte im Unterholz, kein Hecheln und Grunzen, das klang, als stürzten sich jeden Moment sämtliche Bewohner des Waldes auf sie.
   Juliane entspannte sich. Im Grunde gefiel es ihr hier sehr gut. Alles wirkte friedlich, goldene Sonnenkringel tanzten auf dem Waldboden, Wassertropfen glitzerten auf den Farnen und der Geruch nach Harz und etwas Süß-Herbem stieg ihr in die Nase. Dann waren da noch diese Stimmen im Hintergrund, die sangen …
   Juliane riss die Augen auf. Stimmen? Menschen! Hatte sie den Waldrand erreicht? Neugierig geworden sprang sie auf und folgte dem Gesang. Mit jedem Schritt erhöhte sich die Aufregung. In ihrem Übereifer stolperte sie über eine Wurzel, ein weiteres Mal überschätzte sie ihre Geschwindigkeit. Sie konnte dem Baum nicht rechtzeitig ausweichen und prallte mit der Schulter gegen den Stamm. Schmerzerfüllt stöhnte sie auf, dennoch rannte sie weiter, so schnell sie konnte.
   Vor ihr lichtete sich der Wald und Juliane ließ die Bäume hinter sich. Der Gesang, der ihr den Weg aus dem Wald gewiesen hatte, stammte von einem Mann und zwei Frauen, die auf einem altertümlichen Ochsenkarren saßen.
   Juliane überlegte, ob sie die drei auf sich aufmerksam machen sollte, entschied sich aber dagegen. Sie wusste noch nicht, wo sie war und wie sie auf die Leute wirken würde. Besser, sie erkundete erst das unbekannte Terrain.
   Vor ihr erstreckte sich eine blühende Landschaft. Sattgrüne Wiesen wechselten sich mit goldgelben Getreidefeldern ab. Sie konnte kleine Wälder erkennen, die winzige Dörfer umschlossen. Nirgendwo gab es Anzeichen für asphaltierte Straßen, Strommasten oder Autos. Nichts, das auf Zivilisation hindeutete, zumindest keine, die ihr vertraut war.
   In einer Richtung entdeckte sie eine gewaltige Burg, die wie ein grauer Fels in den Himmel ragte. Sie musterte die Türme, die Wehrmauer und kniff die Augen zusammen, um besser zu erkennen, was dort vor sich ging. Schwarze Punkte wanderten auf der Burgwehr hin und her. Ritter? Irgendetwas am Anblick der Festung jagte ihr Angst ein. Sie fröstelte. Kälte kroch durch ihren Körper, dehnte sich aus bis in ihre Zehenspitzen.
   Wie versteinert harrte sie aus. Ihr Herz verkrampfte, Trauer drohte sie zu überwältigen. Nur mühsam riss sie sich von der Burg los, und augenblicklich wichen Kälte und Trauer. Überrascht und gleichermaßen erschrocken keuchte sie auf.
   »Was ist los mit mir?« Sie schüttelte den Kopf. Ihre telepathischen Fähigkeiten schienen stärker zu werden. Niemals zuvor hatte sie Gefühle aus so großer Entfernung wahrnehmen können. Sie schien in einer Welt gelandet, mittelalterlich und magisch, ein Ort, wie ihn Juliane nur aus Fantasygeschichten kannte.
   Langsam ergriff sie Panik. Natürlich, sie hatte sich auf dieses Abenteuer eingelassen, um zu helfen. Aber wo zur Hölle war sie gelandet? Burgen? Ritter? Hatte sie einen Zeitsprung gemacht?
   Sie neigte den Kopf und erst jetzt bemerkte sie das Gebirge zu ihrer Rechten. Zerklüftete Felsen schimmerten in sanftem Blau, wie sie es noch nie zuvor gesehen hatte. Die schneebedeckten Gipfel glitzerten in der Vormittagssonne und auf den Hängen leuchteten grüne Bäume wie Hoffnungstupfer. Unwillkürlich glitt ein Lächeln über ihr Gesicht. Der Hunger war vergessen. Die vielen Farben wirkten tröstlich und sie entschied, sich in diese Richtung zu wenden. Vielleicht … Nein, verbesserte sie sich. Nicht vielleicht. Dort gab es jemanden, der auf sie wartete …

Juliane wanderte querfeldein. Die Vorstellung, den Trampelpfad zu benutzen, gefiel ihr nicht. Dort konnte sie anderen Menschen begegnen und vielleicht erwiesen sich diese als feindselig. Besser, sie fand erst heraus, ob die Einwohner dieser Gegend freundlich waren und wo sie überhaupt gelandet war.
   Gegen Mittag erreichte sie einen Bauernhof. Das Wohnhaus mutete winzig an, doch es schien aus gutem, solidem Holz errichtet. Auch die Scheune und der Stall schienen mit Sorgfalt und Präzision erbaut. In einem Gatter tummelten sich etliche Gänse und Hühner und aus dem Stall drang das Grunzen einiger Schweine. Hinter dem Haus entdeckte sie einen Brunnen, daneben einen Hackstock mit einer hineingerammten Axt. Blut und Federn klebten an dem Metall und eine dunkle Pfütze hatte sich auf der Oberseite des Klotzes gebildet. Sie schluckte einen Anflug von Übelkeit hinunter. Sie hatte kein Problem damit, Fleisch zu essen. Doch vor Augen geführt zu bekommen, woher das Brathähnchen auf ihrem Teller stammte, verursachte ihr paradoxerweise Unwohlsein und Gewissensbisse.
   Aus dem Schornstein des Hauses stiegen Rauchschwaden auf. Jemand war zu Hause. Mit weichen Knien und einer guten Portion Vorsicht im Gepäck näherte sie sich dem Wohnhaus, als sie aus dem Inneren das Kläffen und Knurren zweier Hunde wahrnahm. Unbeirrt klopfte sie an die Tür. Schlurfende Schritte näherten sich.
   »Ruhe, ihr verdammten Köter«, rief eine raue Stimme. Zwei dumpfe Schläge ließen Juliane zusammenzucken. Die Tiere jaulten auf. Lebhaft schossen ihr Bilder durch den Kopf, wie die beiden Kläffer ihren Schwanz einzogen und sich in eine Ecke des Hauses verkrochen.
   Rasch überlegte sie es sich anders. Wollte davonrennen, doch kräftige Finger um ihren Oberarm hielten sie zurück. Automatisch schrie sie auf.
   »Wer bist du?« Die Frau, groß und korpulent, rümpfte ihre dicke Knollennase und starrte mit verächtlichem Ausdruck auf sie herab. »Nun rede schon, Mädchen!«
   Juliane konnte nicht. Sie war wie erstarrt. Verflucht, wo war sie nur hingeraten? Bei dem Versuch, sich aus dem Griff der Fremden zu befreien, kassierte sie eine harte Ohrfeige, die ihr Tränen in die Augen trieb. Sich vor einer weiteren Backpfeife schützend, hob sie den rechten Arm vor das Gesicht. So schnell, dass sie nicht mal zwinkern konnte, packte die Bäuerin Julianes Handgelenk und gaffte auf das Mal in ihrer Handfläche, als hätte sie ebendies dort erwartet.
   »Beim Namenlosen«, keuchte sie. »Korr, Korr, schnell, hol dein Schwert, die Auserwählte steht hier! Korr!«
   Panik durchfuhr Juliane, verlieh ihr Bärenkräfte. Sie nutzte das Überraschungsmoment, stieß die Frau von sich und rannte los. Nichts wie weg! Am Hühnergatter stolperte sie, fing sich jedoch rechtzeitig, um nach dem Türchen zu fassen, das sie unabsichtlich aus der provisorischen Verankerung riss. Die verschreckten Hühner stoben durcheinander und hinaus auf den Hof. Juliane blickte nicht zurück. Das Zetern und die Rufe der Dicken nach Korr verfolgten sie.
   Vielleicht existierte der Mann gar nicht oder er war es bereits gewohnt, dass sich seine Frau hin und wieder wie eine Verrückte benahm, weshalb er nicht reagierte.
   Gut so. Ein Verfolger war besser als zwei. Kurz warf sie einen Blick zurück und sah, wie die Frau langsamer wurde, ihr Gesicht so rot wie eine Mohnblüte. Juliane hetzte dennoch weiter. Eine schiere Ewigkeit lief sie querfeldein, lief, bis ihre Waden schmerzten. Erst dann drosselte sie das Tempo und schöpfte gierig Atem, die Stiche in ihrem Zwerchfell nicht weiter beachtend. Sie beugte sich vor, ihre Hände auf die Knie gestützt. Für wen hatte die Frau sie gehalten? Die Auserwählte, meldete sich ein Stimmchen in ihrem Kopf. Juliane starrte auf das rote Mal auf ihrer Handinnenfläche. Das war des Rätsels Lösung. Doch wie sollte sie die Antwort finden, wenn sie die Frage nicht kannte?

Juliane erwachte stöhnend. Ihr Rücken quälte sie und sie musste sich vorsichtig strecken. Sie hatte nicht gut geschlafen, nachdem sich der Boden als steinhart erwies. Ein paar Mal war sie aufgeschreckt, weil sie sich einbildete, wilde Tiere schnüffelten und schnupperten an ihr herum.
   Nach der Flucht von dem Bauernhof am gestrigen Tag war sie keinem Menschen mehr nahegekommen. Am Vorabend hatte sie ein kleines Waldstück erreicht und eine Lichtung entdeckt, wo sie sich zu Boden sinken ließ, um auf der Stelle einzuschlafen.
   Ein Geräusch ließ sie aufspringen. Hatte sie nicht eben ein Pferdewiehern gehört? Unsicher blickte sie sich um und versteckte sich hinter einer dichten Hecke. Gerade noch rechtzeitig, bevor ein Reiter auf der Lichtung erschien.
   Sein oder ihr Gesicht war unter der Kapuze des braunen Umhangs verborgen.
   Juliane wagte kaum, zu atmen. Sollte sie sich der Person zu erkennen geben? Noch ehe sie einen Entschluss fasste, kamen fünf weitere Reiter aus der entgegengesetzten Richtung. Juliane durchfuhr es eiskalt. Dieselben Ritter hatte sie im Spiegel gesehen. Auch in der Realität verströmten sie Grausamkeit und Schrecken. Sie bezweifelte nicht, dass diese Soldaten so schwer bewaffnet waren wie mittelalterliche Rambos.
   »Seid gegrüßt, Hauptmann Skale«, ließ sich der Reiter im Umhang vernehmen.
   »Habt Ihr Nachrichten für uns?« Der Hauptmann gab sich barsch. Er musterte den anderen mit unverhohlener Verachtung, aber auch eine gewisse Angst lag in seinem Blick. Es war offensichtlich, dass Skale den Mann mit der Kapuze nicht leiden konnte.
   »Die Rebellen werden zunehmend von Ungeduld erfasst. Lange lassen sie sich nicht mehr durch die Prophezeiung hinhalten.«
   »Umso besser, wir werden sie zermalmen wie Ameisen, sollten sie es wagen …«
   »Genug, Hauptmann! Ich bin nicht hier, um Eure Vorstellungen einer Offensive gegen die Rebellen zu diskutieren.« Die Stimme des anderen Mannes klang eisig. »Hier in der Nähe gibt es einen Bauernhof, dessen Bewohner sich mit den Rebellen zusammentun.«
   Zusammengekauert hockte Juliane in ihrem Versteck, bis eine Gedankenwelle sie überrollte, so stark, so gewaltig, dass sie wie von einem Fausthieb getroffen umstürzte. Äste knackten, als sie zu Boden ging.
   Nie zuvor hatte sie etwas Vergleichbares gespürt. Es waren die Gefühle eines Wesens, dessen Geist erfüllt war von bedingungslosem Gehorsam für seinen Meister. Sie krümmte sich unter der fremdartigen Macht, die in ihren Kopf eindrang, darin wühlte und tobte wie ein reißender Sturm. Als sich ihre Sicht wieder klärte, entdeckte sie zwei Krieger, die sich mit gezogenen Schwertern ihrem Unterschlupf näherten. Die Visiere der Krieger waren offen und Juliane sah ihnen in die Augen. Ihr Blick tauchte in Schwärze, da war nichts, kein Mitleid, kein Zweifel, keine Überraschung. Sie schienen ihr wie Tötungsmaschinen. Todesangst erfüllte sie und jede Faser schrie ihr zu, zu fliehen. Juliane warf sich herum und kroch von Panik getrieben durch die Hecke. Hinter sich hörte sie das Brechen und Knacken der Zweige, während die Soldaten mit ihren Waffen im Gebüsch herumstocherten.
   Juliane durchquerte das Strauchwerk, dann rannte sie blindlings in den Wald.
   »Ihr Dummköpfe, da läuft ein Mädchen! Holt sie zurück«, brüllte der Maskierte.
   »Auf die Pferde! Wir fangen sie am Waldrand ab«, befahl der Hauptmann.

Juliane keuchte. Sie war in der Leichtathletikabteilung des Sportvereins, doch sie hatte nie gedacht, dass ihr dieses Hobby eines Tages nützlich sein könnte. Bald würde sie den Waldrand erreichen. Wenn sie Pech hatte, warteten dort die schwarzen Ritter auf sie. Die Soldaten verfolgten sie nicht, da dichte Hecken und Büsche ihnen den Weg versperrten, doch sie war nicht so dumm zu glauben, ungeschoren davonzukommen.
   Kurz hielt sie inne und blickte sich um. Da entdeckte sie den Waldrand und sammelte noch einmal ihre Kräfte, ehe sie lossprintete. Sie sah niemanden und wähnte sich bereits in Sicherheit, als sie die harsche Stimme eines Verfolgers vernahm. Ihr Herz raste, kalter Schweiß brach aus, während sie sich nach einem geeigneten Versteck umsah. Instinktiv entschied sie, wieder im Wald zu verschwinden und lief los, als sie plötzlich ins Leere trat.
   Juliane stürzte über eine Böschung und landete der Länge nach in einem Schlammloch. Benebelt vom Schmerz des Aufpralls und dem widerlichen Gestank in der Grube, stöhnte sie innerlich auf, und erstarrte, als sie über sich abermals Stimmen hörte.
   »Sie ist verschwunden.«
   »Unmöglich, das ist nur ein Mädchen!«
   Juliane blinzelte, als sie unvermittelt in zwei winzige Äuglein über einem feuchten, rosa Rüssel blickte. Das Schwein schien sich kein bisschen an ihr zu stören, denn es glitt neben ihr in den Schlamm und wälzte sich genüsslich. Weitere Borstentiere tauchten auf, und mit ihnen ein menschliches Beinpaar oberhalb des Schlammlochs. Er sah sie und wandte sich rasch ab. Sie verhielt sich mucksmäuschenstill.
   »Wer bist du?«, fragte der Mann, der vom Hauptmann Skale genannt worden war.
   »Ranon, der Schweinehirt, edle Herren.« Der Unbekannte besaß eine angenehme Stimme. Vertrauenerweckend und jung.
   »Hast du jemanden aus dem Wald laufen sehen?« Der Anführer der schwarzen Reiter wirkte gereizt. Juliane hielt den Atem an. Würde dieser Ranon sie verraten? Oder für sie lügen?
   »Nein, Herr«, antwortete der Schweinehirt.
   »Sie ist bestimmt auf die andere Seite des Waldes geflüchtet, Hauptmann«, warf einer der Soldaten ein.
   Skale beachtete ihn nicht. Seine nächsten Worte galten Ranon. »Du belügst uns doch nicht, Schweinehirt?«
   »Ganz bestimmt nicht, Herr«, sagte der Schweinehirt und es schwang Furcht in seiner Stimme mit.
   Ein dumpfer Schlag, auf den ein Stöhnen folgte, veranlassten Juliane, sich tiefer in den Matsch zu drücken.
   »Ich habe niemanden gesehen«, wiederholte Ranon gepresst.
   Ein Schwert wurde aus seiner Scheide gezogen. Das metallische Scharren fuhr Juliane durch und durch. Sie straffte sich in dem Wissen, es nicht verantworten zu können, wenn wegen ihr ein Unschuldiger getötet wurde.
   »Lasst das, Skale! Ihn zu töten, hilft uns nicht. Vertut nicht Eure wertvolle Zeit«, forderte der Mann mit der Kapuze. »Sucht auf der anderen Waldseite nach der Flüchtenden. Sie entwischt uns noch durch Euer Geplänkel.«
   Skale schnaubte. »Wir finden das Mädchen. Und wenn du uns belogen hast, Schweinehirte, kommen wir zurück und …«
   Einer der Männer schnalzte, dann entfernten sich die Ritter.
   Lange Zeit blieb Juliane liegen, lauschte dem Grunzen der Schweine, die sich völlig unbeeindruckt im Schlamm suhlten. Als sie es endlich wagte, den Kopf zu heben, erhaschte sie einen Blick auf einen jungen Mann mit hängenden Schultern. Ranon.
   »Du kannst herauskommen, sie sind weg.«
   Juliane wagte noch immer kaum, zu atmen. Sie verharrte, bis ein Schatten über ihr auftauchte.
   »Na, komm schon. Ich tu dir nichts zuleide.«
   Sie blickte in das Gesicht eines jungen Mannes mit strahlend blauen Augen, die sie interessiert musterten. Ranons Haar war kurz und blond, und es schien ihn nicht zu kümmern, dass es in alle Richtungen von seinem Kopf abstand. Sie kannte Jungs, die verbrachten Stunden vor dem Spiegel, um diesen Chaos-Look hinzubekommen. Ranon schien sich nicht mal bewusst, dass er in dieser Hinsicht ziemlich up to date war. Er lächelte sie freundlich an.
   »Hab keine Angst, ich werde dir helfen.«
   Juliane fasste nach seiner Hand, die er ihr anbot, und ließ sich aufhelfen. Ihre Kleider waren durchweicht und sie stank entsetzlich. Ranon rümpfte die Nase und rückte etwas von ihr ab.
   Von den Soldaten war nichts zu sehen und so wandte sie sich dem Schweinehirten zu. Nicht schlecht, entschied Juliane nach einer weiteren Musterung. Ranon schien einige Jahre älter als sie zu sein, obwohl er abgeklärter wirkte. Vielleicht war er zwanzig? Er war einen Kopf größer, sein Körper war schlank und unter dem grauen Hemd konnte sie die Andeutung von Muskeln erahnen, die von schwerer Arbeit zeugten. In Anbetracht der Zeit, in der er zu leben schien, konnte er sich seine Figur wohl kaum im Fitnessstudio zugelegt haben.
   »Was wollten die Soldaten von dir?«
   Juliane zuckte mit den Schultern. Das Letzte, was sie wollte, war, einem Fremden von dem Zauberspiegel zu erzählen. Auch wenn dieser ihr gerade das Leben gerettet hatte und obendrein unverschämt gut aussah. »Vielen Dank für deine Hilfe. Besser, ich verschwinde sofort wieder, bevor du wegen mir noch mal Ärger bekommst.«
   »Wohin willst du?«, fragte Ranon. Er rieb sich selbstvergessen über den Nacken. Beim Anblick seiner rot geschwollenen Wange bekam sie ein schlechtes Gewissen. Das hatte sie nicht gewollt.
   »Weiß nicht«, erwiderte sie.
   Falls sich Ranon über sie wunderte, ließ er sich zumindest nichts anmerken. Was sollte sie hier nur? Der Spiegel hatte gesagt, sie würde gebraucht werden. Doch im Moment war eher sie es, die Hilfe brauchte. Nicht nur, dass ein Fremder für sie lügen musste, um sie vor wild gewordenen Soldaten zu retten, benötigte sie nun auch noch frische Kleider und etwas zu essen, wollte sie nicht einen grausamen Hungertod sterben. Anweisungen vom Spiegel wären auch nicht schlecht.
   »Komm mit mir«, bot Ranon an, als hätte er ihren Gedanken gelauscht. »Ich bin Knecht auf einem Bauernhof nicht weit von hier. Dort kannst du eine Weile bleiben, wenn du willst.«
   Die Vorstellung, eine Nacht in einem Bett zu verbringen, war überaus reizvoll. »Und die Soldaten?«, erkundigte sie sich misstrauisch.
   »Dort werden sie ganz sicher nicht nach dir suchen. Du hast mein Wort.« Ranons Sprache wirkte altertümlich. Erst jetzt fiel ihr auf, dass alle, die sie bisher reden gehört hatte, einen seltsamen Akzent besaßen. Bedeutete das nun, dass der Spiegel sie in eine andere Zeit oder gar in eine unbekannte Welt versetzt hatte? In Anbetracht ihrer Anreise erschien ihr beides möglich.
   »Na dann. Okay«, meinte Juliane und fühlte Erleichterung, nicht mehr in den Wald zurückkehren zu müssen. Als Ranon die Stirn runzelte, fügte sie hinzu: »Ich komme mit.«
   Er lächelte und pfiff nach den Schweinen, die folgsam hinter ihm hertrotteten.
   Die Sonne brannte vom Himmel. Der langsam trocknende Dreck begann auf ihrer Haut zu jucken und die Kleider versteiften sich.
   Juliane zog heimlich Grimassen, damit der trockene Schlamm von ihrem Gesicht abbröckelte. Als sie zu Ranon blickte, merkte sie, dass er sich ein Grinsen verbiss. Doch da er nichts sagte, beschloss sie, ebenfalls den Mund zu halten. Nach einer Weile fühlte es sich seltsam an, schweigend nebeneinander herzulaufen. Aber sie hatte keine Ahnung, was sie mit ihm hätte reden können. Er nahm ihr die Entscheidung ab.
   »Warum jagten Soldaten hinter dir her?«
   »Ich weiß nicht.« Juliane dachte einen Moment nach. Im Zweifelsfall lügen, entschied sie. Nach dem Erlebnis mit den Rittern wollte sie gut überlegen, wem sie hier Vertrauen schenkte. »Ich hockte hinter einem Busch, als sie plötzlich aufgetaucht sind. Sie haben mich entdeckt und ich bin davongelaufen.«
   »Woher kommst du? Bist du nicht zu jung, um allein durch die Gegend zu streunen?«
   »Offensichtlich nicht«, entgegnete Juliane ein wenig eingeschnappt und konterte: »Bist du nicht zu jung, um dich mit Soldaten anzulegen?« Mist. Jetzt beleidigte sie ihren Retter auch noch. Toll gemacht. Ranon schwieg, bis er wenig später auf ein weitläufiges Anwesen deutete.
   »Wir sind fast da.«
   Die Gebäude waren u-förmig angelegt. In der Mitte des Hofes gab es einen Brunnen, aus dem ein Mädchen einen Eimer hievte. Aus dem Stall drang das Muhen von Kühen. Der Anblick wirkte wie eine mittelalterliche Szene aus einem Film. Das Mädchen am Brunnen blickte hoch und verschwand eilig im Wohnhaus.
   Juliane und Ranon betraten den Hof, als ihnen ein älterer Mann mit stark ergrautem Haar aus dem Haus entgegenkam.
   »Ranon, wer ist das?« Er zeigte seinen Unwillen über Julianes Anwesenheit ganz offen und dennoch verspürte sie den dringenden Wunsch, er möge Ranons Einladung zustimmen. Sehnsüchtig spähte sie zum Wohnhaus und glaubte, Essensgerüche wahrzunehmen. Ihr Magen knurrte vernehmlich und sie presste ihre Hand auf ihren Bauch. Gott, sie würde ein ganzes Wildschwein verputzen können.
   Ranon nahm den Mann beiseite und redete leise auf ihn ein. Mehrmals starrte der Bauer in Julianes Richtung, Misstrauen in seinem Blick. Schließlich kam er zu ihr.
   »Ich bin Yorim, der Herr dieses Anwesens. Du kannst hierbleiben, aber du wirst arbeiten müssen wie wir alle.«
   Juliane nickte. Ihr Magen zog sich vor Hunger fest zusammen. Im Moment würde sie so ziemlich alles in Kauf nehmen, nur für eine Scheibe Brot.
   »Komm mit, wir sorgen dafür, dass du dich sauber machen kannst.« Er musterte sie immer wieder von der Seite, während er sie auf das Haus zuführte. Der Flur erwies sich als breit und düster. Hier fehlte es an Lichtquellen. Eine grob behauene Holztreppe führte in das obere Stockwerk.
   »Alys, komm her«, brüllte ihr Gastgeber.
   Das Mädchen vom Brunnen flitzte aus einem Raum, in dem mehrere Leute miteinander redeten. Essensgerüche stiegen Juliane in die Nase und erneut knurrte ihr Magen.
   »Sorg dafür, dass sich dieser Schmutzfink wäscht und gib ihr frische Kleider.«
   Das Mädchen nickte und bedeutete Juliane, ihr zu folgen. Alys brachte sie in die Küche. Ein Kessel stand auf dem Herdfeuer, darin köchelte Wasser dampfend vor sich hin. »Bin gleich wieder da.« Alys verschwand und kam mit einem großen Bottich zurück. Sie ließ ihn auf die Holzdielen knallen und goss Wasser aus dem Kessel hinein. Als Juliane ihr dabei helfen wollte, warf ihr Alys einen bösen Blick zu. »Finger weg! Das ist meine Arbeit!«
   Juliane musterte das Mädchen. Alys trug ihr Haar zu einem festen Zopf geflochten. Obwohl schmächtig gebaut und in Kleider gehüllt, die farblos und nichtssagend wirkten, vermittelte sie durch ihr Auftreten Energie und Selbstbewusstsein. Im Moment wirkte Alys allerdings bloß genervt. Ich habe noch so viel zu tun und muss ausgerechnet jetzt Dienstmädchen spielen.
   Toll. Wirklich toll. Kaum angekommen, wurde ihr klargemacht, dass sie lästig war. Alys verschwand erneut und kehrte mit zwei vollen Eimern zurück. Als auch dieses Wasser im Bottich war, wandte sich Alys an Juliane. »Du kannst jetzt rein.« Sie zog unter ihrer Schürze ein Seifenstück hervor. Ihr Blick glitt spöttisch über Julianes Gestalt. »Damit geht der Dreck ab.«
   Alys verließ den Raum und Juliane schlüpfte so schnell wie möglich aus ihren Kleidern.
   Das Wasser erwies sich als lauwarm und die Größe des Bottichs erlaubte nicht, dass sie ihre Beine ausstreckte. Dennoch war es ein fantastisches Gefühl, endlich ein Bad nehmen zu können. Sie schrubbte sich, bis ihre Haut sich rötete. Das Wasser hatte sich inzwischen braun verfärbt und kühlte langsam ab, doch sie blieb in der Wanne hocken. Badetuch? Fehlanzeige. Na klasse. Und jetzt? Von draußen drangen Stimmen zu ihr, und sie spitzte die Ohren, als sie ihren Namen hörte.
   »… Soldaten verfolgt.« Das war Ranon.
   »Könnte sie eine Spionin sein, Ranon?«, fragte Yorim. Sie verstand seine Zweifel, denn sie war eine Fremde für ihn. Doch eine Spionin? Sie? Das war doch lächerlich.
   »Ich denke nicht.«
   Yorim schnaubte. »Ich hoffe, du hast recht.« Die Männer entfernten sich.
   Kurz darauf betrat Alys die Küche. Juliane verbarg ihre Blöße, so gut es ging, doch um Alys’ Lippen zuckte es. Mit spöttischer Miene reichte sie Juliane ein Tuch zum Abtrocknen und legte ein Kleiderbündel auf den Tisch. »Neue Sachen.«
   »Danke.« Juliane wickelte sich das Tuch um den Körper und stieg aus dem Bottich. Das erste Kleidungsstück ähnelte Alys’ Kleid. Daneben lagen noch ein Paar Schuhe, die wie Mokassins aussahen und eine Schürze. Juliane nahm das Kleid und drehte das hässliche Stück Stoff unschlüssig hin und her.
   »Ist damit irgendetwas nicht in Ordnung?«, fragte Alys und klang verärgert.
   Alles, lag Juliane auf der Zunge, doch sie verkniff es sich. Bestimmt wäre Alys dann beleidigt. Schließlich schien es ihrem Geschmack zu entsprechen.
   »Doch schon, ich bin nur keine Kleider gewohnt. Eher Hosen. Du könntest nicht zufällig …« Juliane ließ den Satz so stehen und hoffte auf Verständnis. Von Frau zu Frau versteht sich.
   »Damit du herumläufst wie eine Amazone?« Alys klang entsetzt.
   Juliane seufzte. »Klingt, als hättest du was gegen Amazonen.« Alys schien recht tough. Sie vertrug es, wenn Juliane sich nicht zurückhielt.
   »Nein.« Alys rümpfte die Nase, während sie Juliane vom Scheitel bis zur Sohle musterte. »Nur bist du keine.«
   »Ach ja?« Nun wurde sie doch sauer.
   »Nein«, Alys grinste süffisant. »Amazonen sind zwei Meter groß, spucken Feuer und haben Schuppen.«
   Da Juliane nicht sicher war, ob das der Wahrheit entsprach oder Alys sie nur aufziehen wollte, musste sie klein beigeben. Dann eben Kleider statt Hosen. Ein Grummeln hinunterschluckend, zog sie sich das Kleid über. »Ich glaube nicht, dass du jemals eine Amazone gesehen hast«, erklärte Juliane, während sie das Gewand zurechtzupfte. Der Stoff fühlte sich genauso rau und unangenehm an, wie er aussah, aber gleichzeitig wirkte seine Berührung auf ihrer Haut vertraut, als hätte sie schon viele Male derartige Kleidung getragen. Juliane schlüpfte in die Schuhe, richtete sich auf und verschränkte die Finger, bis die Knöchel vernehmlich knackten. Alys gab einen seltsamen Laut von sich.
   »Alles in Ordnung?«, erkundigte sich Juliane.
   Alys nickte mit weit aufgerissenen Augen. Sie zog einen Kamm aus ihrer Schürze und näherte sich Juliane. »Ich flechte dir die Haare.«
   Schweigend ließ sie die Prozedur über sich ergehen. Es war lange her, dass jemand sie frisiert hatte. Es war seltsam, behandelt zu werden wie ein Kind. Leider stellte sich Alys ziemlich ungeschickt an. »Bist du Yorims Tochter?«, fragte sie, um sich von dem schrecklichen Ziepen abzulenken.
   Alys kicherte. »Nein, ich bin hier die Magd.«
   Wie bitte? Alys konnte kaum älter sein als sie. »Bist du nicht zu jung, um schon zu arbeiten?«
   Alys lachte schallend. »Wo kommst du denn her? Ich arbeite seit meinem zwölften Sommer für Yorim.«
   Juliane gefiel nicht, dass Alys über sie lachte, doch sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Sie kam sich dumm vor. Sie wusste nichts über diese Welt und ihre Menschen. Hier sollte sie gebraucht werden? Wobei denn?
   »Ist Yorim ein guter Mann?«
   »Er schlägt mich nicht und zu essen kriege ich auch reichlich. Ich glaube nicht, dass ich mich beklagen kann.« Alys klopfte Juliane auf die Schulter. »Fertig, komm mit in die Stube. Wir haben dir Essen aufgehoben.«
   Die Stube war ähnlich karg möbliert wie die Küche. An der hinteren Wand stand ein großer Schrank. Gegenüber befanden sich eine Bank und Stühle vor einem ausladenden Tisch.
   Juliane setzte sich auf die Bank und bekam eine Schale mit dampfender Suppe, in der Gemüsebrocken schwammen und eine dicke, gebutterte Scheibe Brot zugeschoben. »Wo ist Ranon?«
   »Er hat mit den anderen gegessen«, erklärte Alys. Sie kehrte ihr den Rücken zu. »Ich muss an meine Arbeit.« Sie nahm das schwere Tablett mit dem benutzten Geschirr vom Tisch und ließ Juliane allein.
   Ihr Magen knurrte laut. Herzhaft biss sie in das Brot. Noch ehe sie geschluckt hatte, hob sie die Schale an ihre Lippen, ohne sich mit dem klobigen Löffel aufzuhalten. Um sich mit Nebensächlichkeiten wie Tischmanieren abzugeben, brannte der Hunger viel zu stark in ihren Eingeweiden. Es erleichterte sie, die Suppe unbeobachtet in sich hineinschlingen zu können. Mit dem letzten Brocken Brot wischte sie die Tropfen aus der Schale. Zufrieden seufzend ließ sie sich zurücksinken.
   »Sei gegrüßt«, ließ sich plötzlich eine sanfte Frauenstimme vernehmen.
   Juliane sprang auf und erblickte eine ältere Frau. »Hallo.« Als sie die seltsame Miene der Fremden bemerkte, korrigierte sie sich. »Ich meine, sei gegrüßt.«
   »Du musst von weither kommen. Alys sagte mir, du sitzt hier ganz allein beim Essen.« Sie lächelte. »Ich bin Yorims Verbundene, Pathi.«
   Pathi wirkte so freundlich und offen, dass Juliane sie auf Anhieb mochte. »Ich heiße Juliane.«
   »Einen fremdartigen Namen trägst du, er gefällt mir. Hat es dir geschmeckt?«
   »Ja, vielen Dank.«
   »Ranon erzählte, dass du allein durch Goryydon ziehst. Wenn du des Herumreisens müde bist und bereit, auf dem Hof mit anzupacken, kannst du hierbleiben. Zusätzliche Helfer sind uns jederzeit willkommen.«
   »Ich werde es mir überlegen, danke.« Juliane strich sich die Schürze glatt. »Wo kann ich Yorim finden?«

Yorim mistete den Stall aus, als Juliane das Nebengebäude betrat.
   »Da bist du ja.« Der Bauer warf ihr einen kurzen, argwöhnischen Blick zu. Klar, er hielt sie ja für eine Spionin, die Mata Hari dieses Zeitalters oder dieser Welt. Juliane verkniff sich eine dieser zotigen Bemerkungen, die ihr so gern über die Lippen purzelten.
   Im Stall war es dämmrig. Im vorderen Teil, den Yorim gerade sauber machte, standen drei Kühe.
   »Hast du schon mal eine Kuh gemolken?« Yorim wischte sich die Hände an seiner schmutzigen Hose ab.
   Juliane verneinte, worauf Yorim schnaubte. »Dann wirst du es lernen. Ranon zeigt es dir.«
   Erst jetzt bemerkte sie Ranon, der im hinteren Teil die Schweinekoben ausmistete.
   »Ranon.« Yorim warf Juliane einen Seitenblick zu, bevor er verschwand.
   »Du hast das noch nie gemacht?« Ranon deutete auf die Kühe.
   Juliane schüttelte den Kopf. Er holte einen Holzeimer und einen Schemel von draußen.
   »Es ist ganz einfach«, erklärte er, während er sich auf dem Schemel niederließ. »Du greifst die beiden vorderen Zitzen und drückst sie zum Melken oben mit Daumen und Zeigefinger zu. Siehst du?«
   Juliane starrte auf seine Hände. Seine Finger legten sich nacheinander um die Zitzen und es spritzte Milch hinaus.
   »Jetzt du.«
   Sie setzte sich auf den Schemel und griff nach den Zitzen. Schweigend korrigierte er von hinten ihren Griff.
   Wer bist du wirklich? Warum ziehst du allein umher?
   »Das habe ich dir doch alles schon erzählt«, sagte Juliane geistesabwesend, weil sie sich ganz darauf konzentrierte, dem Euter den ersten Milchstrahl zu entlocken.
   »Was?« Ranon klang so verdutzt, dass sie aufblickte.
   »Du wolltest doch wissen, wer ich bin.« Ihr ging auf, dass er die Worte nicht ausgesprochen hatte, und sie hätte sich ohrfeigen können. Wie konnte sie so dumm sein? Was, wenn man sie hier der Hexerei anklagte, weil sie Gedanken lesen konnte?
   Ranon strich sich über den Nacken. Er wirkte irritiert. »Ich dachte, ich hätte nicht laut gesprochen.«
   Puh. Noch mal gut gegangen. »Wie hätte ich sonst antworten können?« Juliane beugte sich nach vorn, biss sich auf die Lippen und fingerte am Euter herum. Sie schaffte es, Milch aus der Zitze zu bekommen. »Ich kann es«, rief sie begeistert.
   »Siehst du? Ich sagte doch, es ist nicht schwer.«

»Ich werde morgen früh verschwinden«, sagte Juliane, während sie mit Ranon die vollen Milcheimer in die Küche trug.
   »Weshalb?«
   »Yorim ist es nicht recht, dass ich hier bin.«
   »Unsinn, er behandelt alle so. Er ist ein alter Griesgram.«
   »Ich könnte euch alle in Gefahr bringen«, warf Juliane ein. »Du hast mir geholfen. Wenn die Soldaten hinter mir her sind, werden sie zuerst hier nach mir suchen.«
   »Du brauchst unsere Hilfe, es wäre unmenschlich, dich fortzujagen. Wir werden dich verstecken.«
   Juliane schwieg eine Weile. »Was, denkst du, geschieht, wenn sie mich erwischen?« Ein Druck hinter ihrer Stirn bewies ihr, dass sie längst nicht so abgebrüht war, wie sie sich Ranon gegenüber geben wollte.
   Ranon musterte sie nachdenklich. »Weshalb sollten sie dich suchen?«
   Ja, warum? Sicher, sie hatte die Soldaten belauscht, Grund genug für diese, sauer auf sie zu sein. Weshalb also hatte sie Angst, die Ritter könnten sie weiterhin jagen? Sie zuckte mit den Schultern. »Vielleicht habe ich etwas Aufregendes belauscht?«
   Ranon hob die Augenbraue. »Der, den sie Skale nannten, wird in diesem Fall nicht aufgeben. Nicht so schnell zumindest. Und wenn sie dich kriegen …«, Ranon zögerte, »werden sie dich töten, wenn du Glück hast. Wenn nicht, wirst du unter den Soldaten herumgereicht oder gefoltert, ehe sie dich in den Kerker werfen.«
   Juliane lief es eiskalt den Rücken hinunter, ihre Hände begannen zu zittern, sodass sie beinahe die Milch verschüttete. Sie überspielte ihre Furcht, als sie Ranons besorgten Blick bemerkte, und riss sich schnell zusammen. Auf keinen Fall wollte sie ihm leidtun.
   »Hast du denn etwas belauscht?«, erkundigte er sich.
   Panik überrollte sie. Sie konnte nichts sagen. Kein Vertrauen fassen, solange sie nur den Hauch eines Zweifels in sich trug und die Erinnerung an die grausamen Soldaten so intensiv war.
   Sie zuckte die Schultern und schwieg.
   Ranon drängte sie nicht, obwohl sie seiner Miene ansah, dass er einen Verdacht hegte. Doch er führte sie nur ins Wohnhaus zurück.
   Sie trugen die Eimer in die Küche, wo Alys und Pathi mit dem Putzen von Gemüse beschäftigt waren und stellten die Milchkübel schwungvoll ab.
   »Seid ihr fertig?«, fragte Pathi.
   Ranon nickte. »Ich lasse Juliane bei euch, bestimmt habt ihr Frauen eine Menge Gesprächsstoff.« Ranon zwinkerte Juliane zu, dann war er auch schon verschwunden.
   »Komm, setz dich.« Pathi reichte Juliane ihr Messer. »Du kannst mit Alys das Gemüse vorbereiten.«
   Die Bäuerin ging an eine riesige Truhe und holte einige Gerätschaften heraus, ehe sie die Milch in die verschiedenen Behältnisse goss.
   Juliane ahmte Alys nach, die mit dem Messer über die Karotten fuhr und die äußerste Schicht grob abrieb, bevor sie die Wurzeln über einem Kessel in Scheiben schnitt.
   »Wo kommst du her, Juliane?«, fragte Alys misstrauisch. »Ich habe deine Kleider gewaschen, ähnliche sah ich noch nie zuvor.«
   Julianes Herz klopfte einen Takt schneller.
   »Ach die Sachen«, meinte sie mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Die habe ich geschenkt bekommen.« Natürlich, die Jacke, die Hose, für hiesige Verhältnisse mussten die Sachen wertvoll und hochwertig wirken. Keine Kleidung, die eine Streunerin tragen würde. Verdammt.
   »So?« Alys hob eine Augenbraue. »Und woher kommst du?«
   »Von da und dort. Ich bin überall Zuhause, wo es mir gefällt.«
   »Sei doch nicht so neugierig, Alys«, meinte Pathi, während sie die Milch rührte.

Wenig später gab es Abendessen. Voller Vorfreude ließ sich Juliane auf einen der Stühle nieder, die um den Tisch standen. Zum zweiten Mal an diesem Tag erhielt sie eine Mahlzeit. In einem entlegenen Winkel ihres Hirns dachte sie, wie schnell man sich über Selbstverständlichkeiten freuen konnte, wenn man sie eine Weile verloren hatte. Sie saß zwischen Alys und Ranon. Ihnen gegenüber saßen die Knechte Waq und Mour. Am langen Ende des Tisches hatten Yorim und seine Frau Platz genommen.
   »Reichst du mir ein Stück Brot, Juliane?«, bat Ranon.
   Gedankenverloren hielt sie ihm eine Scheibe hin.
   Sie blickte auf, als Ranon nicht nach dem Brot griff. Er fixierte die Handfläche, in der das Sonnenzeichen eingebrannt war. Erschrocken nahm sie die Brotscheibe in die andere Hand und ballte die mit dem Zeichen zur Faust. Zu spät, Ranon hatte das Mal bereits bemerkt. Seinem Blick nach zu urteilen, kannte er die Bedeutung des Symbols. »Ranon?«
   Ranon erwachte aus seiner Erstarrung und nahm das Brot. Er beugte sich über sein Essen, ohne noch einmal aufzublicken. Sein Verhalten irritierte sie. Was bedeutete es dieses Mal? Diese Bäuerin und nun auch Ranon hatten seltsam reagiert, als sie es sahen. Juliane würde dafür sorgen, dass niemand mehr das Symbol sah. Es wurde ihr zusehends unheimlich. Sie sollte herausfinden, was es zu bedeuten hatte, und wer die Frau in ihrer Vision gewesen war. Sie hatte das unbestimmte Gefühl, dass beides sehr wichtig war.
   Nach der Mahlzeit räumten Alys und sie das Geschirr auf, während die Männer es sich in der Stube um den Kamin bequem machten. Alys erledigte den Abwasch zügig und half Juliane anschließend beim Abtrocknen, ehe sie das Geschirr verstaute. Sie war über die Eile erstaunt, zog es aber vor, nicht nachzufragen. Stattdessen kehrte sie mit Alys zurück in die Stube und hockte sich neben sie auf den Boden. Pathi hatte es sich neben Yorim auf einem Lehnstuhl bequem gemacht und strickte.
   »So, wir sind vollzählig. Wer ist heute dran?«, fragte der Bauer.
   »Ich«, erklärte Waq. Er kratzte sich und wechselte die Stellung. Es folgte eine spannende Erzählung über Werwesen und einen namenlosen Dämon. Die anderen hingen an Waqs Lippen und auch Juliane hörte aufmerksam zu. Hin und wieder löste sie ihren Blick von Waq und sah in die Runde. Ein paar Mal begegnete sie Ranons im Feuerschein funkelnden Augen. Sie konnte seine Aufregung spüren, ohne zu verstehen, was ihn so aufwühlte, bis Waq seine Geschichte beendete und Ranon sich räusperte.
   »Ich erzähle euch von der alten Prophezeiung. Die Geschichte von Goryydons letztem Tag in Freiheit.
   Seit Tagen tobte die Schlacht. Wir kämpften verbissen. Doch die Todesreiter waren in der Überzahl und ihr Anführer Kloob hatte alle Macht der Finsternis auf seiner Seite. Es sah nicht gut aus, doch Moira, die Zauberin, gab sich zuversichtlich. Dann zogen Wolken auf. Es waren keine gewöhnlichen Wolken, sondern die Vorboten des Unheils.
   Der König sammelte ein letztes Mal seine Krieger um sich, damit Moira zu ihnen sprechen konnte.
   »Hört«, rief sie. »Hört mich an, ihr Männer Goryydons! Geht hinaus und erzählt allen von dieser Schlacht! Berichtet, was mir die Geister offenbarten: Einst schwor die große Zadieyek, Goryydon in Zeiten tiefster Dunkelheit beizustehen. Es wird ein Mädchen kommen mit Zadieyeks Geist, dazu bestimmt, ihr Versprechen einzulösen. Sie kann euch erretten und ihr werdet sie am Zeichen der Sonne erkennen.«Fröstelnd setzte Juliane sich auf ihre Hände. Auf einmal wünschte sie sich nichts sehnlicher, als zu Hause zu sein. Wenn das Zeichen der Sonne dasselbe Mal war, das ihre Handfläche verunstaltete, war sie dann auserwählt, Zadieyeks Schwur einzulösen? Sie bemerkte, dass Ranon sie anstarrte. Unbeteiligt guckte sie zurück.
   Yorim klatschte in die Hände und rieb sie aneinander. »Es war ein langer Tag. Lasst uns schlafen. Juliane, du kannst auf dem Heuboden dein Nachtlager beziehen.«
   Unvermittelt stand Ranon auf. »Ich bringe dich hin.«
   Sie nickte, weil sie nicht wusste, wie sie ihm aus dem Weg gehen konnte, ohne Argwohn zu erwecken.
   Er schwieg nur solange, bis sie über den Hof liefen.
   »Ich habe das Mal gesehen.«
   »Wovon redest du?« Ihre Fußsohlen kribbelten und sie spürte plötzlich den Drang, zu fliehen.
   »Das Zeichen der Sonne«, gab Ranon zur Antwort. Er warf ihr einen kurzen Seitenblick zu. Das Weiß seiner Augen leuchtete im Dunkeln. Irgendwo schrie ein Käuzchen. Sie empfand es wie den Ruf drohenden Unheils.
   »Unmöglich.« Um Ranons eindringlichem Blick zu entkommen, starrte sie auf die Scheune vor ihnen und legte die Hände locker auf ihre Hüften.
   Ranon packte ihre rechte Hand und fuhr die Sonne mit seiner Zeigefingerspitze nach. Seine warme Haut rieb rau über das Mal. Seine Berührung, obwohl fest, war nicht unangenehm. »Da ist es. Oder willst du behaupten, es wäre nicht das, was es ist?« Ranon klang aufgewühlt.
   Juliane entriss ihm ihre Hand und verbarg sie unter der Schürze. »Ranon, es ist nichts.« Sie zitterte vor Angst. Auserwählt sollte sie sein? Die Soldaten hatten sie doch schon auf dem Radar. Und nun auch noch auserwählt durch dieses Symbol auf ihrer Haut? Was täten sie ihr wohl an, bekämen sie sie in die Finger? »Bitte, du hast nichts gesehen.«
   Ranons Gesichtszüge entspannten sich. »Ich habe es aber gesehen, Juliane. Das Zeichen wird nicht verschwinden, nur weil du es nicht wahrhaben willst. Was hast du vor?«
   »Ich weiß es nicht«, wisperte sie.
   Sie kamen an der Scheune an und Ranon begleitete sie bis zur Leiter, die auf den Heuboden führte.
   »Versprich mir, dass du noch eine Weile hierbleibst, Juliane.«
   »Was erwartest du von mir? Diese Geschichte, du hältst sie doch nicht für die Wahrheit?« Ihr Magen verkrampfte sich bei der Vorstellung, sie könnte tatsächlich eine Auserwählte sein. Sie? Ein fünfzehnjähriges Mädchen? Das war doch … absurd. Völlig absurd. Sie war keine Kämpferin. Keine Kriegerin. Warum sollte sie eine Auserwählte sein? Und was bedeutete das?
   Ranon legte seine Hände auf ihre Schultern. »Du bist die Auserwählte. Wir brauchen dich! Mehr als du dir vorstellen kannst.«
   Übelkeit stieg in ihr auf. Genau dasselbe hatte der Zauberspiegel gesagt! Sie stöhnte. Hätte sie sich doch nie darauf eingelassen. Ganz am Anfang hätte sie genug Verstand besitzen sollen, abzulehnen. Sie hätte den Zauberspiegel aus dem Zug werfen sollen und die Sache vergessen. Sie wollte nicht, dass Ranon oder irgendjemand sonst seine Hoffnungen in sie setzte. Sie würde diese Menschen bitter enttäuschen.
   »Was heißt das, auserwählt? Was erwartet ihr von dieser Person?«
   »Du bist es, die Kloobs Macht brechen kann. Du bringst uns die Freiheit zurück«, erklärte Ranon pathetisch.
   Nein! Es wurde tatsächlich eine Kriegerin gesucht. Juliane ballte die Hände zu Fäusten. Das war wohl ein Witz. Sie konnte also nicht gemeint sein. Dennoch fühlte sie sich hundeelend vor Angst. Sie unterdrückte ein Schluchzen.
   »Ist alles in Ordnung?«
   Sie wandte sich wieder Ranon zu. »Ja, ich habe … egal.«
   »Schwör mir, dass du morgen früh noch hier sein wirst.«
   Wohin hätte sie auch gehen können? »Ich verspreche es.«
   Ranon lächelte. »Schöne Träume, Juliane.«
   »Dir auch.« Sie kletterte die Holzleiter hinauf. Tränen verschleierten ihren Blick, die sie ärgerlich fortblinzelte, während sie ins Heu kroch.
   Das Trockengras duftete verlockend und sie empfand unsagbare Müdigkeit. Doch kaum hatte sie sich hingelegt, wusste sie, dass ihre rastlosen Gedanken ihr keine Ruhe bescheren würden. Das also sollte sie sein? Eine Auserwählte? Die Retterin dieses Volkes? Verdammt, wie sollte sie das denn anstellen? Sie war nichts und niemand. Wer würde ihr die Heldinnenrolle abnehmen? Was erwartete Ranon von ihr? Sie lachte freudlos. Sie musste wirklich den Verstand verloren haben.

»K´el, k´tel, amorrk, Moira!” Das Gesicht des schwarzgekleideten Mannes lag im Schatten, seine Augen glühten. Juliane lief ein eisiger Schauder über den Rücken. Seine Arme vollführten seltsame Gesten gegen jemanden, der sich rechts von ihr befand. Sie wandte sich der Person zu. Eine ganz in Weiß gekleidete Frau. Es war die Unbekannte aus dem Zug. Ihr Blick heftete sich auf Juliane. »Hilf mir, bitte hilf mir, Juliane«, flüsterte sie.
   Ein Knirschen und Stöhnen wanderte von den Füßen der Frau nach oben und eine gewaltige, kristalline Substanz umschloss sie.
   Juliane keuchte entsetzt und schlug die Hand vor den Mund. Doch noch immer schien der dunkle Mann sie nicht zu bemerken. Er winkte einen Todesreiter zu sich. Die kleine, bullige Gestalt wirkte grotesk in der Rüstung. Sie musterte sein Gesicht. Er war böse, das spürte sie sofort. Seine Gedanken erwiesen sich als so grausam und mitleidslos, dass er ihr mehr Angst einjagte als irgendein Mensch zuvor. Juliane schien für die Männer unsichtbar. Warum? Träumte sie? Hatte sie eine Vision?
   »Iorgen, sorgt dafür, dass die Hexe ins Morvannental gebracht wird.«
   »Ja, Herr!« Iorgen zögerte. »Die Königin und ihre Tochter sind verschwunden. Die … die morvannische Dienerschaft hat ihnen bei der Flucht geholfen.«
   Der Schwarzgekleidete gab ein Zischen von sich. »Tötet sie, tötet jeden Morvannen, den ihr in Goryydon findet. Spürt jeden einzelnen auf! Keiner darf überleben!«

»Aufstehen! Es gibt viel zu tun!«, durchbrach Alys’ Stimme Julianes Traum. Ein Ruck ging durch ihren Körper. Was für ein Traum! Nein, es war mehr als das gewesen.
   Juliane kannte den Unterschied. Sie sinnierte über die Informationen, die sie erhalten hatte. Was hatte die Frau aus dem Zug mit alldem hier zu tun? Wann hatte dieses Ereignis stattgefunden? Nach ihrem Auftauchen in Goryydon? Oder bereits vorher? Wie hatte die weiße Frau dann zu ihr gelangen können? Verschlafen richtete sie sich auf und fuhr sich durch das Haar. Einzelne Halme fielen hinaus.
   »Shit, wird man hier jeden Morgen so unsanft aus dem Schlaf gerissen?«, motzte sie, um ihre Angst zu übertünchen. Sie folgte Alys hinaus, die eilig auf das Haupthaus zustrebte. »Alys, renn mir nicht davon.«
   Alys drehte sich um. »Was willst du denn?«
   »Ich habe was aufgeschnappt, das ich nicht kenne«, log Juliane flink. »Was sind Morvannen?«
   Augenrollend stemmte sie die Hände in die Hüften. »Irgendwelche Wilden, keine Ahnung. Habe noch nie einen gesehen«, sagte sie und Juliane beschloss, es vorerst auf sich beruhen zu lassen.
   Noch bevor Juliane am Frühstückstisch saß, hatte sie Kühe gemolken, Eier aus dem Hühnerstall geholt und die Schweine gefüttert. Überrascht stellte sie fest, dass ihr die ungewohnten Arbeiten Spaß bereiteten. Vielleicht würde sie tatsächlich eine Weile hierbleiben.

Ranon klemmte sich ein Strohbüschel zwischen die Knie und schlang einige Strohhalme darum. Deren Enden zwirbelte er fest zusammen, ehe er diese unter den Strang schob. »Das ist alles. Dann werden die Garben zu Hocken zusammengestellt«, erklärte er ihr.
   Yorim stapfte auf sie zu. Seine schlechte Laune stand ihm ins Gesicht geschrieben. Verdammte Soldatenbrut, am liebsten würde ich ihnen meine Ernte in den Rachen stopfen, bis sie allesamt dran ersticken! »Beeilt euch, die Todesreiter holten bei Vendell und Kuri die Ernte ab«, knurrte Yorim.
   »Wann?«, fragte Ranon.
   »Gestern«, sagte Yorim und wandte sich ab.
   Juliane wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Wovon hat Yorim geredet?«
   »Das siehst du noch«, erklärte Alys, die gerade mit dem Wassereimer auf das Feld kam. Sie reichte ihr die gefüllte Kelle. Gierig leerte sie den Schöpfer und fuhr sich mit dem Handrücken über die Lippen.
   »Die Todesreiter kommen regelmäßig und holen einen Teil der Ernte als Steuern ab«, klärte Ranon sie auf.
   Alys schnaubte. »Einen Teil? Diese Banditen lassen uns kaum genug zum Überleben!«
   Ranon blickte von seinem Strohbüschel auf. »Alys, dein loses Mundwerk wird dich eines Tages in Schwierigkeiten bringen. Halt dich zurück, wenn sie dieses Mal kommen.«
   Alys zwinkerte Juliane zu. »Vielleicht brauchen die Schwarzen offenen Widerstand. Man kann doch nicht immer klein beigeben. Sind wir verängstigte Mäuse oder Menschen?«
   Sie starrte Alys an. »Hast du keine Angst vor ihnen?«
   Alys’ Miene verfinsterte sich. »Das Einzige, wovor ich mich fürchte, ist die Angst.« Damit stolzierte die Magd davon. Wow! Das war mal eine Ansage! Ob Alys wirklich so mutig war? Eine Scheibe von ihrem Mut würde sie sich wirklich gern abschneiden.
   Michaela, ihre kleine Schwester, war ähnlich waghalsig. Der Gedanke ließ sie zusammenzucken. Was würde ihre Familie denken, wenn sie plötzlich verschwunden war? Glaubte sie, Juliane wäre davongelaufen? Sie lenkte ihre Aufmerksamkeit auf Ranon.
   Dieser blickte Alys kurz nach, bevor er sich wieder den Garben zuwandte.
   »Ranon?«
   »Hm?« Er band ein weiteres Getreidebündel zusammen, ohne aufzusehen.
   »Sind die Todesreiter so grausam und gefährlich?«
   Ranon hielt einen Moment inne. »Sie ziehen eine Spur des Schreckens und des Todes hinter sich her. Manchmal gehen sie in Dörfer und metzeln ihre Bewohner nieder – aus Langeweile. Wenn der kleinste Verdacht entsteht, man rebelliert gegen sie, landet man schneller im nächsten Verlies, als man davonlaufen kann. Sie töten aus Spaß und schikanieren die Menschen zum Zeitvertreib. Man sagt, Kloob habe sie mit Magie gefügig gemacht. Es gibt keine Barmherzigkeit in den Seelen der Soldaten.« Erst jetzt blickte er sie an. »Alles, was sie tun, erledigen sie im Auftrag Kloobs. Es heißt, er zahle denen, die sich als besonders grausam erweisen, eine Sonderprämie. Denjenigen unter ihnen, die einen Zauberer oder eine Heilerin dingfest machen, winkt eine Beförderung.«
   Juliane schluckte. »Und Kloob?«
   Ranon reichte ihr einen Armvoll Getreidegarben. »Er ist der Schlimmste. Schon lange bevor er nach Goryydon kam, war er berüchtigt für seine Grausamkeiten. Ich war ungefähr zwölf Sommer alt, als Kloob die Macht übernahm.«
   »Aber warum wehren sich die Menschen nicht? Warum tun sie sich nicht zusammen und greifen Kloob und seine Armee an?«
   Ranon schloss einen Moment die Augen. »Sie sind Bauern, Handwerker oder Kaufleute. Was wissen sie vom Kampf? Zu viele erinnern sich noch an die vernichtende Niederlage der königlichen Armee und an Moiras Verschwinden. Sie haben keinen Mut mehr und nur die Auserwählte könnte ihnen diesen zurückgeben.«
   Juliane räusperte sich. »Aber es gibt Goryydoner, die das nicht abhält, zu rebellieren«, warf sie ein.
   Ranon erstarrte. »Das stimmt, einige von uns gehören dem Widerstand an«, gestand er.
   »Als mich die Soldaten verfolgten, hatte ich belauscht, dass sie über Bauern redeten, die Rebellen unterstützen«, vertraute sie Ranon an.
   »He, ihr zwei! Turtelt nach der Arbeit herum. Wir können uns eure Faulenzerei nicht leisten«, brüllte Yorim von der anderen Seite des Feldes herüber.
   Juliane zuckte zusammen und wandte sich den Garben zu. So schlimm stand es also um Goryydon. Aber wie sollte sie helfen? Was konnte sie schon gegen eine Armee ausrichten? Sie stockte, als sie ihre Gedankengänge begriff. Glaubte sie ernsthaft an Dinge wie Prophezeiungen, Auserwählte und Schicksal?
   Sie hatte früher auch nie an sprechende Spiegel und fremde Welten geglaubt und doch war sie in genau einer solchen gelandet. Warum also sollte sie nicht tatsächlich eine Auserwählte sein? Zitternd stieß sie Luft aus. Was für ein Quatsch. Eine Auserwählte, die ein ganzes Volk retten sollte? Ganz offensichtlich hatte die Sonne ihr Gehirn geröstet.
   Beim Abendessen spürte sie zum ersten Mal, dass die anderen etwas vor ihr verbargen. Mour und Alys redeten leise miteinander, verstummten aber, als Juliane sich näherte. Die Übrigen warfen sich verstohlene Blicke zu, was ihr Gefühl verstärkte, ausgeschlossen zu werden. Sie bemerkte die Erleichterung aller, als sie erklärte, sofort nach dem Essen schlafen zu gehen. Es versetzte ihr einen Stich, dass man ihr nicht traute.
   Wenig später lag sie auf dem Heuboden und starrte die dicken Holzbalken über ihr an. Wenn man sie nicht einweihte, würde sie eben auf eigene Faust herausfinden, was man ihr verheimlichte. Was sie auch vorhatten, es geschah diese Nacht. Daran zweifelte sie nicht. Ihr Instinkt und ein paar Gedanken, die sie aufgefangen hatte, verrieten es ihr.
   Es dauerte nicht lange und sie bemerkte, dass Alys in die Scheune schlich und überprüfte, ob sie tief und fest schlief. Juliane stellte sich schlafend.
   »Ich weiß, dass du wach bist.«
   Juliane seufzte und setzte sich auf. »Was habt ihr vor?« Sie hoffte, Alys würde ihr genauer verraten, was die anderen vorhatten.
   Alys drehte sich um. Im Dunkeln erkannte sie nicht mehr als die Umrisse des jungen Mädchens. »Wir verstecken einen Großteil der Ernte in einem geheimen Keller und geben etwas davon den Rebellen weiter.«
   »Ich möchte euch helfen«, entschied Juliane spontan und stieg die Leiter hinunter.
   »Besser nicht. Yorim vertraut niemandem, nicht einmal der Auserwählten. Es war für Ranon schwierig genug, ihn zu überreden, dich hier unterkommen zu lassen.«
   »Aber warum hört er auf Ranon?« Obwohl Ranon so jung war, schien Yorim viel Wert auf die Meinung des jungen Mannes zu legen.
   »Du weißt es wirklich nicht, oder?« Alys schüttelte den Kopf. »Die Götter müssen betrunken gewesen sein, als sie dich herführten.« Damit wandte sich Alys ab und ging.
   Juliane wartete, bis Alys die Scheune verlassen hatte und sicher nicht zurückkehrte. Sie stahl sich hinaus in die Nacht, um sich hinter dem Hühnerhaus zu verstecken.
   Grillen zirpten im Gras und untermalten das leise Gegacker eines Huhnes. Der Mond erhellte den sternengesprenkelten Nachthimmel.
   Sie erkannte Yorim, Pathi und Waq, die Garben auf einem Handkarren stapelten, während Ranon die Stalltür öffnete.
   Ranon gesellte sich zu den dreien und half ihnen, den Handwagen in den Stall zu schieben.
   Wenige Augenblicke später kehrten sie mit dem leeren Wagen zurück und beluden ihn erneut. Dabei sah Juliane das erste Mal den Knecht Mour wieder. Er musste sich die ganze Zeit im Stall aufgehalten haben.
   Yorim misstraute ihr, weil er fürchtete, sie könnte ihn und sein Tun an die Soldaten verraten, wenn sie einmarschierten und ihr drohten. Er konnte nicht ahnen, dass die Soldaten wohl viel interessierter an ihr wären, bekämen sie das Symbol zu Gesicht. Das vermutete sie wenigstens. Bestimmt kannten alle in Goryydon die Sache mit der Auserwählten und dem Sonnensymbol.
   Erst als sie im Haus verschwunden waren, wagte sie sich aus ihrem Versteck und kletterte auf den Heuboden zurück.

Am nächsten Morgen war Juliane gerade dabei, die Schweine zu füttern, als Ranon auftauchte.
   »Ich muss für ein paar Tage weg«, sagte er.
   »Warum?« Ihr Puls raste, einerseits aus Angst, allein zurückgelassen zu werden, andererseits, weil sie den Wunsch verspürte, ihn zu begleiten.
   »Ich muss mit ein paar Leuten reden.«
   »Du kommst nicht wieder, oder?«, fragte sie. Ihr Herz verkrampfte sich.
   »Ich kehre zurück«, versprach Ranon. Wie könnte ich die Auserwählte im Stich lassen?
   Traurig und wütend vernahm sie seinen stummen Kommentar. Er kümmerte sich nur um sie, weil sie die Prophezeiung erfüllen konnte. Wie sehr sie es hasste, Gedanken empfangen zu können!
   Sie trat aus dem Schweinekoben und schloss das Gatter hinter sich. In der linken Hand hielt sie den vollen Schweinekübel mit Essensresten. Ranon wirkte besorgt, doch als Juliane grinste, lächelte er zurück. Schwungvoll hob sie den Eimer und schüttete ihn über Ranon aus. Dann stapfte sie aus dem Stall.
   »Warum hast du das gemacht?«, rief ihr Ranon hinterher.
   Juliane fuhr herum und hob ihre rechte Hand, damit er das Mal sehen konnte.
   »Deswegen!«

3. Kapitel – Die Flucht

Vor zwei Tagen hatte Ranon Yorims Hof verlassen. Bis auf Juliane wussten vermutlich alle, was er vorhatte. Sie ärgerte sich immer noch über ihn, obwohl sich in ihre Gedanken auch Belustigung schlich. Die Kartoffelschalen in seinem hellen Haar hatten sehr dekorativ gewirkt. Ob Ranon den Geruch aus Haar und Kleidern herausbekommen hatte?
   »Wenn du noch länger so griesgrämig schaust, wird die Milch sauer«, spöttelte Alys.
   Juliane warf ihr einen bösen Blick zu. »Lass mich in Ruhe!«
   »Hast du Liebeskummer?«, erkundigte sich Alys in süßem Tonfall.
   Juliane schnaubte. »Liebeskummer? Wegen wem?«
   »Ranon, Ranon«, sang Alys, tanzte übermütig um sie herum und wich ihren halbherzigen Versuchen, sie zu schlagen, aus.
   Mit hochrotem Gesicht stürmte Pathi in die Küche. »Soldaten!« Sie zerrte an der schweren Truhe. »Helft mir, den Geheimgang zu öffnen!«
   Alys war sofort an Pathis Seite. Juliane blieb wie angewurzelt stehen. Sie hatte nie gewusst, was es bedeutete, Todesangst zu haben, doch was sie jetzt fühlte, konnte nichts anderes sein. Sie war wie gelähmt. Gleichzeitig kribbelte es in ihren Gliedern, sie spürte das Verlangen, zur Tür hinauszurennen, zu fliehen, so weit ihre Füße sie trugen. Und doch verharrte sie reglos.
   Erst als Alys sie an der Hand packte und hinter sich herzog, erwachte sie aus ihrer Erstarrung. Alys trug eine brennende Fackel. Sie folgte ihr stolpernd den Geheimgang entlang. Hinter ihnen verschloss Pathi den Eingang.
   Alys führte sie in einen großen, unterirdischen Lagerraum. Dort hielten die Hofbewohner die Garben versteckt, außerdem lagen ein Stapel Decken und Tontöpfe mit Eingemachtem auf einem Regal. Eine Leiter führte nach oben zu einer Luke, durch die man in die Scheune gelangte.
   »Hier bist du sicher«, erklärte Alys. »Falls du später nicht mehr über die Küche hinauskannst, klettere über diese Leiter nach oben.«
   Juliane nickte und stutzte, als Alys an ihr vorbei zurück in den Gang laufen wollte. Aus einem Impuls heraus hielt sie Alys zurück, indem sie ihren Arm wie eine Schranke vor ihr ausstreckte. Durch den Stoff konnte sie Alys’ spitzen Hüftknochen spüren. »Was hast du vor?«
   »Ich muss zurück.«
   »Die Soldaten werden dich töten«, erwiderte Juliane. Angst und Fassungslosigkeit kämpften in ihr um die Vorherrschaft.
   Alys’ Blick verdüsterte sich. »Vielleicht, vielleicht auch nicht.« Sie wandte sich ab, hielt jedoch noch einmal inne, ohne sie anzusehen. »Es wird alles gut werden, Juliane. Mach dir keine Sorgen.« Alys ging. Als das Klicken der sich schließenden Deckenluke verklungen war, herrschte Grabesstille in dem Versteck.
   Sie zitterte leicht, war viel zu verstört, um in irgendeiner Weise zu reagieren und saß eine Ewigkeit im flackernden Licht der Fackel und grübelte. Die Soldaten mussten herausgefunden haben, dass Yorim einen Teil des Korns für die Rebellen versteckte oder sie hatten erfahren, dass sie hier war. Vielleicht kamen sie, um die Steuerabgaben zu holen. Ihre Gedanken fuhren Karussell.
   Bis die Stimmen zu ihr kamen.
   Eine dunkle Flut aus Verzweiflung, Schmerz und Wut.
   Verdammtes Pack, redet! Redet endlich!
   Lasst mich in Ruhe, hört auf, hört auf …
   Tötet mich, tötet mich doch endlich …
   Wo ist sie denn? Eure Auserwählte, warum rettet sie euch nicht?
   Ich ertrage es nicht!
   Für Juliane, die Auserwählte! Für die Freiheit …
   Juliane keuchte und hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten. Sie wollte all das nicht wissen! In ihrem Kopf hallten die Stimmen wie ein Unwetter. Sie schluchzte so sehr, dass sie kaum noch Luft bekam.
   Irgendwann bemerkte sie, dass alles verstummt war. Die Gedanken, die Gefühle, alles schien ausgelöscht. Tot.
   Sie wusste nicht, ob es draußen sicher war, doch es hielt sie nicht eine Sekunde länger in dieser Gruft. Sie musste nach oben und herausfinden, was geschehen war.
   Blind tastete sie sich den Geheimgang entlang, kletterte die Stufen zum Ausgang und drückte die Klappe mit weniger Mühe auf als befürchtet. Durch das Küchenfenster fiel trübes Tageslicht. Sie musste Stunden im Lagerkeller verbracht haben.
   Gespenstische Ruhe lag über dem gesamten Haus, was eine unwirkliche Atmosphäre schuf. Sie schluckte mehrmals krampfhaft und schüttelte das Bedürfnis ab, wieder hinunter in den Keller zu klettern, um sich dort zu verbarrikadieren. Die Tür zur Speisekammer stand offen. Jemand hatte das Regal mit Eingemachtem umgeworfen. Die Flüssigkeiten verbanden sich zu einem klebrigen Brei, der sich über den Fußboden ausgebreitet hatte. Die Truhe mit den Kochgeräten war leergeräumt. Die Gerätschaften achtlos zu Boden gefegt.
   Vorsichtig verließ sie den Raum und sah in die Stube. Auch dort hatten die Soldaten wie die Vandalen gewütet. Stühle waren zerbrochen, Schranktüren ausgerissen. O Gott, hoffentlich lebt noch jemand.
   Ängstlich stieg sie die Stufen hinauf zu den Schlafräumen. Dort herrschte dasselbe Chaos wie in den Wohnräumen. Truhen standen offen, Kleider lagen auf den Böden, Kissen und Matratzen waren aufgeschlitzt. Sie stolperte über eine Hose und hob sie auf, nur um sie in einem Anfall von Wut in eine Raumecke zu werfen. Niemand war mehr hier. Sie waren alle geflohen, hatten sie allein gelassen. Am besten verschwand sie auch von hier. Irgendwohin, wo sie in Sicherheit war. Sie wollte nicht daran denken, dass die Soldaten die anderen weggebracht hatten. Nein, sie hatten das Hasenpanier ergriffen und Juliane vergessen. Im Haus gab es schließlich keine Spuren von den anderen und sie wollte nicht glauben, dass ihnen etwas zugestoßen war!
   Offenbar hatten die Soldaten hier etwas gesucht. Vielleicht sie? Sie schluckte. Panik wollte in ihr hochsteigen und entlud sich in Tränen, die ihr heiß über die Wangen kullerten. Sie war allein. Wieder einmal. Sie sollte versuchen, nach Hause zu kommen.
   Wo zur Hölle steckten nur die anderen?
   Juliane zögerte. Sie musste nach draußen, um herauszufinden, ob es sicher war. Sie kontrollierte mit einem kurzen Rundgang durch das Haus, ob sich auch gewiss kein Freund oder Feind mehr im Inneren befand, bevor sie langsam auf die Haustür zuging. Ihr Pulsschlag pochte bis in ihre Schläfen, als sie die Eingangstür vorsichtig öffnete. Sie entdeckte niemanden und lief auf den Hof. Abrupt stoppte sie im nächsten Moment.
   Überall lagen Leichen. In der Luft hing der metallische Geruch von Blut und menschlichen Ausscheidungen. Juliane schlug die Hand vor den Mund. Grausen erfüllte sie und sie stieß einen schluchzenden Aufschrei aus, während ihr Blick ungläubig über die Leichen wanderte. Die Toten lagen da wie achtlos weggeworfener Müll.
   Eine Perversion des Lebens. Sie zählte mehr Menschen, als auf dem Hof gelebt hatten. Die Soldaten mussten Gefangene hergebracht haben. Doch warum? Befand sich Ranon unter ihnen? Und Alys? Yorim? Hatten sie ihn und die anderen unter Folter gezwungen, ihren Aufenthaltsort preiszugeben? Sie wollte den Gedanken nicht zu Ende denken.
   Sie würgte trocken. Ihre Hand zitterte, als sie sich über die erste Leiche beugte. Vorsichtig drehte sie den Körper um – ein Fremder.
   Sie zwang sich, einen nach dem anderen anzusehen.
   Sie fand Pathi, mit dem Gesicht voran im Matsch. Sie hob Pathis dreck- und blutverschmierten Kopf und wimmerte.
   Sie waren alle tot! Mausetot. Juliane fror, doch es war nicht die Kälte, die sie zittern ließ. Nicht weit von Pathi entdeckte sie Yorim. Er lag auf dem Rücken. Sein Hemd war zerschnitten und die Haut über seinem Bauch klaffte auseinander. Sie konnte die blutigen Eingeweide sehen. Der Gestank, der ihr in die Nase stieg, war unbeschreiblich.
   Die Todesreiter trugen ihren Namen zurecht. Sie brachten den Tod. Angst und Verzweiflung.
   Die letzte Leiche entdeckte Juliane vor dem Brunnen. Sie war ganz schwarz gekleidet. Schwarze Jeans, schwarzes Shirt, schwarze Lederjacke. Nur ihre Füße ragten nackt unter dem Hosensaum hervor. Die Zehen starrten vor Dreck. Juliane schluckte und fixierte den Körper. Ihre Kleider! Wer trug ihre Kleider? Die Haare verdeckten das Gesicht der Toten. Juliane strich sie zurück. Alys starrte sie aus toten Augen an. Juliane schluchzte auf, setzte sich auf den Boden und begann zu weinen.

Nach einer Weile schlurfte sie zurück ins Haus. Im Flur verließen sie ihre Kräfte und sie brach zusammen. Sie verbarg ihr Gesicht hinter den Händen und versuchte, zwischen Weinkrämpfen nachzudenken. Sie musste fort von hier. Der Bauernhof war zu einem Massengrab geworden. Bei dem Gedanken an die einfachen, aber mutigen Menschen musste sie weinen. Ihr Tod war ihre Schuld, sie und Alys, Pathi und Yorim starben, um sie zu beschützen. Eine Schuld, die sie nie und nimmer zurückzahlen konnte.
   Irgendwann versiegten ihre Tränen und ihre Erstarrung löste sich. Entschlossen begab sie sich in ein Schlafzimmer, riss sich das Kleid über den Kopf und schlüpfte in ein viel zu weites Hemd und Hosen. Sie zog ein weiches Lederwams über und entdeckte noch ein paar bequeme Stiefel, die sie gegen die Mokassins tauschte, als sie draußen ein Pferd hörte.
   Ranon! Es musste Ranon sein, wer sonst hätte einen Grund, hierherzukommen?
   Aufgebracht stürzte sie die Treppe hinunter.
   Hier sind alle tot, der Hauptmann hat mich völlig umsonst hierher geschickt.
   Juliane erstarrte, nur um gleich darauf in hektische Bewegung zu verfallen. Sie sprang zurück, als sie sich einem Todesreiter gegenübersah. Er blinzelte und hielt einen Moment inne.
   »Ich bin eine Nachbarin. Ich bin hier vorbeigekommen und wollte nach dem Rechten sehen.« Ob er ihr die Lüge abkaufte? Juliane schluckte.
   Die Hand des Soldaten legte sich um seinen Schwertgriff. Panik ergriff sie, dennoch reagierte sie sofort. Sie warf die Tür hinter sich zu und sprintete los. Ein Versteck. Sie musste sich im Haus verstecken. Doch der Krieger war schnell. Viel zu schnell. Sie hörte, wie die Tür gegen die Holzvertäfelung krachte, da hatte er sie auch schon am Kragen gepackt und sie gegen die Wand geschubst. Zischend entwich die Luft ihren Lungen.
   »Wer bist du? Was machst du hier?«, knurrte der Soldat.
   In ihrer Verzweiflung trat sie dem Mann gegen das Schienbein. Die Ohrfeige, die sie für ihren kühnen Versuch erntete, hallte als schmerzhaftes Echo durch ihren Kopf. Sie stöhnte und Tränen brannten in ihren Augen.
   »Was hast du hier verloren?«, wiederholte der Todesreiter, seine Stimme eine einzige Warnung, die sie ignorierte. Alles, woran sie denken konnte, war Flucht. Weg von diesem Mann, bevor sie endete wie all die anderen. Sie versuchte, an dem Kerl vorbeizuschlüpfen, doch er hielt sie unbeirrt fest und drückte sie gegen die Mauer. Nun fasste er nach ihrem Hals. Hilflos wie ein kleines Kind rang sie nach Luft.
   »Rede!« Er ballte die freie Hand zur Faust. In seinen Augen herrschte Leere. Juliane entdeckte kein Mitgefühl, keine Freude, nur Schwärze.
   Sie fühlte ihr Herz hämmern, in ihren Ohren rauschte es, und doch blieb ihr Kopf völlig klar. Leise wimmernd unternahm sie Anstrengungen, sich aus dem Klammergriff zu befreien. Doch die Situation schien ausweglos. Würde sie sterben wie Alys, Pathi und die anderen? O Gott!
   Ein leises Sirren. Sie nahm das Geräusch nur deshalb wahr, weil es so fremd klang.
   Plötzlich schrie der Todesreiter auf, ließ von Juliane ab, die ungläubig den kleinen Armbrustbolzen anstarrte, der die Handfläche des Mannes durchbohrt hatte. Blut tropfte auf den Boden. Juliane riss sich los und eilte zu ihrem Retter.
   Ranon stand breitbeinig da. Sein blonder Haarschopf stand in alle Richtungen ab und seine Augen glitzerten angriffslustig.
   Viel zu schnell erholte sich der Todesreiter, stürmte auf Ranon zu und holte zu einem Fausthieb aus. Geschickt wich Ranon dem Mann aus und zog ein Messer. Der Scherge fasste seinen Dolch und stach zu. Ranon machte einen Satz nach hinten. Der Todesreiter keuchte.
   Juliane sprang kreischend beiseite. Ranon und der Soldat umkreisten einander wie Raubtiere, der Todesreiter drängte Ranon in die Wohnstube. Der Scherge stöhnte, als Ranon mit dem Messer in den Spalt der Rüstung zwischen Armschiene und Brustharnisch eindrang und ihm eine Wunde zufügte.
   Der Todesreiter stieß mit seiner Klinge ins Leere. Juliane schrie entsetzt auf, als Ranon über einen zerbrochenen Stuhl stolperte und hart auf die Dielen krachte.
   Der Soldat verzog seinen Mund zu einem hässlichen Grinsen und steckte seinen Dolch fort. Stattdessen nahm er sein Schwert. Ranon lag benommen am Boden und stöhnte.
   Nein! Sie sprang den Todesreiter voller Wut an, ehe er seine Waffe ganz aus dem Futteral gezogen hatte. Die Wucht des Aufpralls raubte ihr den Atem und ein eisiger Schmerz durchzuckte sie, als ihr Kopf gegen seinen metallenen Brustschutz prallte. In ihren Ohren summte es, Schwindel überrollte sie. Sie keuchte vor Qual auf, als der Todesreiter sie grob an ihrer Schulter packte.
   In Panik riss sie sich los. Der Soldat strauchelte, als sich seine Füße in Pathis zerfetzter Tischdecke verfingen. Ohne darüber nachzudenken, hob sie den Dolch auf. Instinktiv schien sie zu wissen, was sie zu tun hatte. Eine traumwandlerische Ruhe ergriff sie. Mit einer gezielten Bewegung stach sie mit dem Dolch zwischen Harnisch und Helm in die Kehle des Mannes. Blut spritzte aus der Wunde. Der Todesreiter stieß einen gurgelnden Laut aus, griff an seinen Hals, ruderte Hilfe suchend mit den Armen und packte Juliane an ihrem Hemdkragen, ehe seine Kräfte endgültig erlahmten. Sie versetzte ihm einen Stoß vor die Brust und der Kerl brach zusammen. Unter ihm bildete sich eine rasch größer werdende rubinrote Pfütze.
   Juliane würgte und taumelte zurück. Sie hatte jemanden umgebracht.
   Ranon rappelte sich auf und nahm sie tröstend in seine Arme. Sie bebte heftig, fühlte aber dennoch, wie sein Herz wild gegen seinen Brustkorb hämmerte. Sein Atem ging stoßweise wie ihrer.
   »Bist du in Ordnung?« Ranon zitterte, doch von seinem Gesicht war keine Gefühlsregung abzulesen.
   »In Ordnung?« Juliane keuchte. »Hast du die ganzen Toten im Hof gesehen? Wie soll da jemals wieder etwas in Ordnung kommen?«
   »Ich kenne … ich kannte die Leute. Es waren Freunde«, erwiderte er dumpf und fügte hinzu: »Gute Freunde.«
   »O Gott.« Es war ein Albtraum. Ein unglaublich schrecklicher Albtraum. Sie wollte das Gesicht in den Händen vergraben. Heulen wie ein Kind, um all die wirren Eindrücke und Gefühle loszuwerden, doch Ranon ließ nicht zu, dass sie in Selbstmitleid versank.
   »Ich habe einen Soldaten gefesselt. Wir müssen hier weg. Garantiert waren die beiden nur die Vorhut.« Behutsam schob er sie nach draußen.
   Dunkelheit war über das Land hereingebrochen. Noch nie hatte sie die Ankunft der Nacht mit solcher Erleichterung erfüllt wie in diesem Moment. Finsternis bedeckte die Umgebung, sodass nur noch Formen, aber keine Farben mehr zu erkennen waren. Juliane konnte das Scharren von Hufen und das Schnauben von Pferden hören. Ein weiteres Geräusch erregte ihre Aufmerksamkeit und sie entdeckte einen geknebelten Todesreiter auf dem Boden. Ein Stoffstreifen war um seine Augen gebunden, und der Soldat zappelte. Ranon ging zu ihm und überprüfte die Fesseln.
   »Deine Armbrust hat einen Linksdrall. Dein Freund schien nicht glücklich darüber«, sagte Ranon, bevor er sich an Juliane wandte. »Kannst du reiten?«
   Wie betäubt nickte sie, da reichte ihr Ranon bereits die Zügel eines stämmigen Pferdes. Mit undeutbarer Miene schwang er sich auf seinen Wallach und schlug dem Tier die Fersen in die Flanken.
   Juliane warf einen letzten Blick auf den Bauernhof. Ihre Augen brannten vor Wut, Entsetzen und Unglauben, doch sie hatte keine Tränen mehr.

Niemand begegnete ihnen auf ihrem Ritt. Sie kamen an Feldern und Wiesen vorbei, um menschliche Behausungen führte Ranon sie mit reichlich Abstand herum. Schließlich hielt er das Pferd an und sie stiegen ab. Im Rücken befand sich ein Eichenwäldchen, durch das sie geritten waren, und nun lagen Felder vor ihnen mit kurzen, goldenen Stoppeln, die aus dem Boden ragten.
   »Wir müssen uns trennen.«
   »Du lässt mich allein?« Wäre Juliane nicht so betäubt von den Erlebnissen der vergangenen Stunden gewesen, sie wäre vermutlich ausgerastet. Stattdessen lauschte sie seinen Ausführungen mit stoischer Gelassenheit.
   »Es muss sein.« Ranon griff nach ihrer Hand. »Sie suchen nach zwei Personen. Der gefesselte Todesreiter weiß, dass jemand beim Bauernhaus war. Der andere Soldat ist tot. Angriff auf die Armee Kloobs, das kommt Hochverrat gleich. Wir teilen uns auf und vergrößern unsere Chancen, die Blauen Berge zu erreichen.«
   Juliane unterdrückte ein Zittern, sie wusste, was er verschwieg. Die Soldaten suchten nur eine Person. Getrennt käme immerhin einer von ihnen davon, sollte der andere erwischt werden.
   »Und was soll ich in diesen Bergen?« Sie lenkte ihren Blick kurz zu dem in der Dunkelheit schemenhaften Massiv. Auch wenn ein seltsames, unerklärliches Gefühl sie dorthin zog, warum sollten sie ausgerechnet dort eine Zuflucht finden?
   Ranon erklärte ihr seinen Plan. Er wollte mit den Pferden zur Stadt Jorum reiten, die Tiere verkaufen und Juliane folgen, sobald es ging. Juliane sollte zu dem Bauernpaar Kuri und Vendell gehen. Die beiden unterstützten die Rebellen und würden sie mit Proviant ausstatten. Anschließend sollte sie so rasch wie möglich in die Berge weiterziehen. Dort würden die Rebellen der rechtmäßigen Königin von Goryydon sie aufnehmen.
   »Was ist, wenn die Soldaten einen von uns erwischen?«
   Ranon wandte sich ab, sodass sie sein Gesicht nicht sehen konnte.
   »Sie werden uns nicht schnappen. Vielleicht vergessen sie uns. Für sie ist die Auserwählte tot. Wir sind nicht mehr als irgendwelche Rebellen, die es zu beseitigen gilt.«
   Juliane glaubte Ranon nicht. Ein Todesreiter war getötet worden und ein zweiter wusste von ihr und Ranon. Dies galt als Hochverrat, hatte er eben noch gesagt. Natürlich jagten die Soldaten hinter ihnen her. Kackmist, was meinte er damit, sie sei tot?
   »Alys hat sich für mich geopfert!« Ihr kam Galle hoch. Sie hatte geglaubt, Alys hätte ihre Kleidung vielleicht stehlen wollen. Aber sie hatte sie angezogen, um die Soldaten in die Irre zu führen. Deshalb war sie getötet worden. Ihretwegen. Die Erkenntnis war wie ein brutaler Schlag in den Magen.
   Ranon sah sie an. »Sie war die Erste, die das Zeichen gesehen hat. Alys hat an dich geglaubt.« Er streckte seine Hände nach ihr aus.
   »Sie hat an ein Märchen geglaubt«, fauchte sie und schlug Ranons Hände beiseite.
   »Juliane«, bat er mit schmerzerfülltem Blick. Zum ersten Mal konnte sie hinter seine Fassade sehen. Er mochte ein Kämpfer sein, doch er besaß ebenso wie sie Gefühle. Gefühle, die sich durch seine Seele fraßen und nur durch die Hoffnung, durch den Glauben an eine bessere Zukunft erträglich waren. Es gelang ihm, sie kurz an sich zu ziehen. Sie kämpfte gegen seine Umarmung an. Es war zu viel. Viel zu viel, sie ertrug in diesem Moment alles, nur keine körperliche Nähe. Sie machte sich frei.
   »Hör auf! Ich glaube nicht an mich. Ich glaube auch nicht an eure Prophezeiung. Verstehst du?«
   »Das musst du nicht. Wir glauben für dich«, entgegnete er. Sein Pferd tänzelte unruhig und er tätschelte den Hals des Tieres. »Du ahnst nicht, wie sehr wir dich brauchen. Jahrelang hatten wir nichts außer der Hoffnung auf dein Erscheinen, die uns Mut gab.«
   »Und jetzt bin ich da, ein mageres, hilfloses Ding, das sich die Seele aus dem Leib kotzt vor Angst. Echt krass.«
   »Mach dich nicht kleiner als du bist. Die Götter muten dir nicht mehr zu, als du zu ertragen vermagst«, versicherte er. »Das Symbol kennzeichnet dich und jeder, der es sieht, weiß wer und was du bist.«
   »Eure Götter können mich mal«, schrie Juliane und wischte zornig eine eigenwillige Träne aus ihrem Gesicht. Diese Götter hatten sie markiert wie ein Scheißköter seinen Lieblingsbaum.
   Am liebsten hätte sie ihr Pferd herumgerissen und wäre in die nördlich gelegenen Elfenwälder zurückgaloppiert, dorthin, wo sie in dieser Welt erwacht war. In der Dunkelheit fände sie jedoch nicht dorthin. Also reichte sie Ranon die Zügel. »Wie finde ich Kuri und Vendell?«
   Juliane prägte sich Ranons Wegbeschreibung ein.
   »Wirst du dorthin finden?«, fragte er.
   Sie nickte. »Viel Glück, Ranon«, wünschte sie. Sie wollte noch so viel mehr sagen, doch ihr saß ein dicker Kloß im Hals. Er hatte so viel mehr verdient, doch das Chaos in ihr war zu groß, um ihre Furcht zu offenbaren.
   »Dir auch, wir treffen uns im Lager der Rebellen.«
   Sie schaffte es, ihm ein zittriges Lächeln zu schenken.
   Ranon schwang sich elegant aufs Pferd und preschte davon. Sie sah ihm nach, bis die Dunkelheit ihn vollends verschluckt hatte.

Juliane glaubte, eine Ewigkeit gewandert zu sein, als sie endlich den Bauernhof von Kuri und Vendell hinter den Hügeln auftauchen sah. Sie war erschöpft, doch die Bilder der vergangenen Tage hatten sich in ihr Gedächtnis eingebrannt und ließen sie nicht zur Ruhe kommen. Der süßliche, ekelhafte Geruch von Blut und Tod schien sich in ihre Kleider und in ihr Herz gefressen zu haben. Sie rieb über die Blutflecken. Übelkeit stieg in ihr auf. Sie würgte und sank auf die Knie. Ihre Augen brannten, als sie sich keuchend übergab. Nicht zum ersten Mal.
   Zitternd hockte sie auf der Erde. Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und wartete, bis sich ihr rebellierender Körper beruhigte. Erst dann erhob sie sich und setzte ihren Weg fort.
   Das Anwesen kauerte wie eine fette Katze in der Landschaft. Die Fenster der Häuser waren dunkel. Die Bewohner schienen tief und fest zu schlafen und auch Juliane sehnte sich nach ein paar Stunden Ruhe. Sie vernahm leises Grunzen und ein großes Tier regte sich im Dunkeln. Vereinzelt gackerten Hühner.
   Automatisch lief sie auf die Scheune zu. Das Tor schwang sofort auf, nachdem sie es angestupst hatte.
   Im Inneren des Schobers herrschte angenehme Wärme. Im Licht des Vollmondes erkannte sie einen Karren, dessen Vorderrad zerbrochen war. Einige Werkzeuge befanden sich in einer anderen Ecke. Sie kletterte die Leiter hinauf zum Heuboden.
   Im Schutz des Heus rollte sie sich zusammen und schlief sofort ein.

Die Heere standen sich gegenüber.
   Weibliche Krieger gegen männliche. Eine fast unheimliche Stille lag über dem Tal.
   Mittendrin stand Juliane.
   Sie sah sich einem Mann gegenüber, der sie zärtlich umarmte. Obwohl er ihr so nah war, konnte sie nur seine Augen erkennen.
   »Das ist dann ein Abschied für immer«, flüsterte er.
   Seine Stimme wirkte wie Honig, war süß und stärkend, und Juliane rieselten wohlige Schauder über den Rücken. Sie kannte diese Stimme, sie hatte sie schon unzählige Male gehört. Er war ihr Herz. Ihre Sehnsucht.
   »Nein, der Tod wird die wahre Liebe nicht beenden«, hörte Juliane sich sagen, doch es war eine fremde Stimme, rau und kehlig. »Denke an dein Versprechen, Liebster.«
   »Nichts ist vergessen, Zadieyek«, entgegnete der junge Mann.
   Heiße Liebe erfüllte sie. Die brennende Sehnsucht, eins zu sein mit ihm, verbunden bis in alle Ewigkeit und über Raum und Zeit hinaus, machten sie schier schwindlig. Das Verlangen nach einem glücklichen Leben mit ihm wurde übermächtig und gleichzeitig drückte sie das Wissen nieder, dass genau das nie eintreffen würde …

Juliane erwachte mit tränenfeuchten Wangen.
   Warum träumte sie von Zadieyek? Und weshalb war sie sicher, dass die Träume Zadieyeks Erinnerungen widerspiegelten? Noch immer brannten die Gefühle Zadieyeks in ihrer Seele. Diese unendlich große Leidenschaft, die diese Frau ausgemacht hatte. Wehmütig schüttelte sie den Kopf, verbannte die Amazonenkönigin aus ihrem Gedächtnis und richtete sich auf. Froh, wieder ganz sie selbst zu sein, rieb sie sich den Schlaf aus den Augen.
   Sonnenschein sickerte durch die Ritzen der Bretter an den Scheunenwänden. In den goldenen Streifen aus Sommerlicht tanzten Staubfunken. Von draußen mischte sich das Muhen von Kühen mit dem Gackern von Hühnern und dem Grunzen von Schweinen.
   Sie kletterte vom Heuboden und linste durch ein Astloch in der Bretterwand zur Hofseite. Erschrocken zuckte sie zurück, als sie einen Todesreiter erkannte, der mit einer drallen Blondine redete. Sie konnte kein Wort verstehen, doch der Gesichtsausdruck der Frau verhieß nichts Gutes. Der Todesreiter schüttelte drohend die Faust und die Bäuerin nickte eingeschüchtert.
   Juliane wandte sich ab und blickte sich nach einer Waffe um. Eine Mistgabel. Sie griff danach.
   Das Scheunentor öffnete sich ein Stück weit und die Bäuerin schob sich herein. Ihr Blick fiel sofort auf Juliane. Sie hob die Mistgabel. »Keinen Laut!«
   »Leg das weg. Ich bin Kuri.« Wie jung sie ist. Und so schmächtig. Ist sie diejenige, die die Todesreiter suchen?
   Juliane zögerte einen Augenblick. Die Frau wirkte vertrauenerweckend und im Gegensatz zu vorhin kein bisschen verängstigt.
   »Ist der Soldat weg?«, erkundigte sich Juliane.
   »Ja.«
   Sie senkte die Mistgabel und erinnerte sich, dass Ranon ihr die Namen Kuri und Vendell genannt hatte.
   »Ich bin Juliane«, sagte sie. »Ranon schickt mich.«
   »Er lebt?«
   Juliane nickte.
   »Den Göttern sei Dank! Als der Todesreiter sagte, alle auf Yorims Hof seien tot …« Kuri seufzte und warf ihr einen forschenden Blick zu. »Du bist das Mädchen, das sie suchen. Ranon war bei dir?«
   »Ja. Woher weißt du von mir?«
   Sie lachte hart auf. »Das krächzen die Raben von den Tannenspitzen, Mädchen.« Ihre Mimik veränderte sich. »Die Schwarzen behaupten, ihr beide hättet die Bewohner des Bauernhofes ermordet.«
   Juliane keuchte entsetzt.
   »Keine Sorge, ich glaube den Halunken kein Wort. Es ist nicht das erste Mal, dass sie ihre Schandtaten jemand anderem zuschreiben.« Kuris Stimme klang verbittert. Sie strich sich die Haare zurück. »Versteck dich. Ich komme zurück und bringe dir zu essen.« Kuri ging zu dem großen Fass neben dem Scheunentor und schaufelte ein paar Handvoll Korn in ihre Schürze, ehe sie den Schober verließ.
   Juliane verzog sich auf den Heuboden. Wie mochte es Ranon ergangen sein? Hatten ihn die Todesreiter geschnappt? Zwei Mal hatte er ihr das Leben gerettet und sie wusste nicht einmal, wer er wirklich war. Bestimmt kein gewöhnlicher Knecht, er hatte die Armbrust bedient wie ein Soldat und das Schwert geschwungen wie Aragorn. Das lernte man nicht zwischen Kuhstall und Getreidefeldern.

Als das Scheunentor geöffnet und wieder geschlossen wurde, verhielt sie sich still.
   »Juliane?«, hörte sie Kuris Stimme.
   Erleichtert beugte sie sich vor und erkannte Kuri, die mit einem Weidenkorb unter dem Arm dastand. Sie schwang sich auf die Leiter und kletterte hinunter. Die letzten Sprossen sprang sie.
   Mit einem Lächeln schlug Kuri das Tuch zurück, das über den Korb ausgebreitet war. Ein Stück Brot und etwas gebratenes Fleisch, ein Wasserschlauch und ein Proviantbeutel lagen darin.
   Juliane und Kuri setzten sich hinter den Karren. Juliane verspeiste mit Heißhunger Brot und Fleisch, ohne ein Wort zu verlieren.
   Seufzend wischte sie sich die Hände an der Hose ab, nachdem sie den letzten Bissen hinuntergeschluckt hatte. »Vielen Dank, das war nötig.« Sie wischte die Krümel von ihren Händen und dem Hemd.
   »Und jetzt erzähle, was ist passiert?«, bat Kuri.
   Juliane zögerte. Wenn sie erzählte, dass sie sich versteckt gehalten hatte, würde Kuri sie für einen Feigling halten. »Da gibt es nicht viel zu erzählen. Außer Ranon und mir sind alle tot. Zwei Soldaten kehrten zurück und einen der beiden musste … musste ich in Notwehr töten.« Das Scheunentor öffnete sich und sie zuckte zusammen.
   Kuri legte beschwichtigend die Hand auf ihren Unterarm. »Keine Angst, das ist mein Mann. Vertrau ihm.«
   Vendell. Der Bauer besaß ein freundliches, wettergegerbtes Gesicht und große, schwielige Hände. Er ließ sich nieder und musterte Juliane mit Erstaunen.
   »Ich dachte, du wärst älter«, erklärte er. »Nach den Geschichten, die die Schwarzen verbreiten, erwartete ich eine gefährliche Amazone.«
   »Mir scheint, die Wahrheit und die Todesreiter sind nicht gerade die besten Freunde«, bemerkte Juliane trocken.
   Der Mann lachte und das Lachen kam tief aus seinem Bauch. »Da könntest du recht haben.«
   Die Bedeutung von Vendells Worten wurde ihr bewusst. Ihre Kehle fühlte sich mit einem Mal staubtrocken an und ihr wurde schwindlig. »Was meinst du damit, sie halten mich für eine Amazone?«
   Vendell hob entschuldigend die Hände. »Sie suchen nach einer gefährlichen Vagabundin, die Yorim und seine Familie im Schlaf ermordete. Die Schwarzen behaupten, diese junge Frau gäbe sich als Auserwählte aus.«
   Juliane räusperte sich erfolglos und spürte die Panik durch ihren Körper toben. Also wussten die Todesreiter von ihr und der Rolle, die ihr Alys und Ranon zugedachten.
   Kuri schien ihr Unbehagen zu spüren und berührte sie mitfühlend am Oberarm. »Wir haben das Symbol auf deiner Hand gesehen. Vendell und ich beschützen dich mit unserem Leben, wenn es sein muss«, versprach sie.
   Wieder waren Menschen bereit, für sie zu sterben. Warum nur? Was erwartete man von ihr? Was zur Hölle stellte sie dar, dass alle so wild darauf waren, sie zu beschützen? Die Angst wollte sie erneut überwältigen. Sie hatte langsam das Gefühl, nur noch Angst, Entsetzen und Misstrauen empfinden zu können. Sie zwang ihre Emotionen nieder und wechselte das Thema. »Weshalb nennt ihr die Todesreiter Schwarze?«
   Kuri verzog das Gesicht und Vendell räusperte sich. »Manche haben Angst, ihren Namen auszusprechen. Das abergläubische Volk fürchtet, es würde sie herbeirufen. Also begann man, sie nach der Farbe ihrer Rüstung zu nennen. Die Schwarzen.« Er schluckte und musterte einen Moment seine Fingernägel. »Versteh mich bitte nicht falsch. Wir hassen die Todesreiter, aber wir müssen dich bitten, den Hof noch heute Nacht zu verlassen«, sagte Vendell und er klang bedrückt. »Sie haben gedroht, jedes Gehöft in dieser Gegend nach dir zu durchsuchen. Und jeder, der dir Unterschlupf gewährt, wird mit seinem Leben bezahlen.«
   Juliane fröstelte und hätte am liebsten laut geschrien und um sich geschlagen. Niemand sollte sterben. Wirklich niemand! »Keine Sorge, ich hatte ohnehin vor, so schnell wie möglich aufzubrechen.«

»Hier, dein Proviant und ein Wasserschlauch.« Kuri reichte ihr beides. Unter ihrer Schürze zog sie ein Messer mit einer langen Klinge hervor. »Das Messer wirst du brauchen können.«
   »Danke«, murmelte Juliane. Sie drehte das Messer hin und her, ehe sie es in ihren Gürtel steckte.
   »Komm mit, Vendell hat ein Pferd für dich.«
   Juliane starrte Kuri an. »Ein Pferd?«
   Kuri lächelte. »Du musst schnell in die Berge gelangen. Die Herbststürme können gefährlich sein und kalt. In den Satteltaschen wirst du einen Umhang finden.«
   Kuri schob Juliane ins Freie. Draußen war es dunkel. Der Mond spendete nicht sehr viel Licht. Ein leises Wiehern war zu hören. Vendell kam um die Scheune herum. Er führte ein grau-weißes Pferd mit schlanken Fesseln hinter sich her. Vendell drückte Juliane die Zügel des Schimmels in die Hand.
   »Vendell, das kann ich nicht annehmen.«
   »Doch, selbstverständlich kannst du das«, erwiderte der Bauer mit fester Stimme, was deutlich machte, dass er keinen Widerspruch dulden würde. Sie nickte. Dankbarkeit erfüllte sie wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Die beiden ihr Unbekannten hatten kaum etwas und gaben ihr so viel. »Ich stehe in eurer Schuld. Lebt wohl.«
   Sie steckte die Wasserflasche und den Proviantbeutel in die Satteltaschen des Pferdes und schwang sich in den Sattel.

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