Trauer, Mut und Liebe sind die Elemente der Panteja. Nur wenn sie vereint sind, strahlt über Viandia das Licht. Doch jemand hat die Einheit auseinandergerissen und das Element der Trauer gestohlen. Die mystische Insel im Atlantik scheint dem Untergang geweiht zu sein. Etti weint um ihren geliebten Großvater. Um dem grausamen Waisenhaus zu entkommen, folgt sie der Legende der achten Isla Canaria und begibt sich auf die Suche nach dem Eiland. Kurz darauf überlebt sie wie durch ein Wunder als Einzige die Havarie eines Schoners und findet sich auf der legendären Insel wieder. Sie allein trägt noch Trauer in ihrem Herzen, und bedrohliche Mächte machen deshalb Jagd auf sie. Kann ein kleines Mädchen das achte Eiland wirklich vor dem Untergang bewahren? Oder ist sie die Nächste, die ihren Großvater für immer vergisst?

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ISBN: 978-9963-53-014-4

Seiten: 336

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Gabriele Breuer

Gabriele Breuer
Geboren am 25.04.1970 in Hürth-Hermühlheim, lebt Gabriele Breuer mit ihrem Mann und Sohn in Köln. Sie arbeitet als Verwaltungsangestellte in einem Seniorenzentrum. Seit ihr Sohn den Kinderschuhen entwachsen ist, widmet sie sich in ihrer Freizeit ausgiebig der Schriftstellerei. Dabei ist sie neben Historischen Romanen auch in anderen Genres unterwegs.

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Leseprobe

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Prolog

Die Mauern bebten, als brodelte ein Vulkan unter ihnen. Das Kind fest an sich gedrückt, kauerte die junge Frau in einer dunklen Ecke des Ganges. Schwarzgekleidete Männer in Kettenhemden donnerten durch den Palast. Schwerter surrten. Kurz darauf erstarben die Schreie der Wachen in einem Röcheln. Zitternd am ganzen Leib verbarg die Frau das Gesicht in dem spärlichen Haar des Säuglings. Die Klinge blitzte im Schein der Fackeln auf und das Schwert wirbelte durch die Luft, um ihr die Kehle zu durchtrennen. Die Frau schrie auf. Bald darauf pulsierte das Blut aus ihrem Hals. Über der jungen Mutter schwebte das schwarze Tuch der Finsternis und brachte ihr den Tod. Das Kind in ihrem Arm wimmerte. Es würde an der Brust der Mutter verhungern.
   Mit einem siegessicheren Lächeln auf den Lippen steckte sie das Schwert zurück in die Scheide und schritt den Flur entlang. Vorbei an zwei Männern, die den Leib des Königs in einem Sack davontrugen. Taronu, der neue Herrscher des hellen Landes, hatte sich auf dem Thron niedergelassen und bleckte die Zähne. Ehrfürchtig fiel sie vor ihm auf die Knie und senkte das Haupt.
   »Erhebe dich«, sagte Taronu mit siegessicherer Stimme.
   Sie konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, das jäh erstarb, als sie in das Gesicht ihres Geliebten sah.
   Kalt wie ein Fels blickte Taronu sie an. »Verschwinde aus meinem Palast. Ich will dich nie wieder in Viandia sehen.«
   In ihrer Brust bebte ein Sturm. »Aber …«
   Taronu sprang von dem Thron und richtete das Schwert auf ihre Stirn. »Verschwinde! Oder ich töte dich«, schrie er.
   Vor ihren Augen tanzten schwarze Sterne. Der Wind, der sie mit einem Mal umgab, rieb sich wie Eiskristalle an ihrer Haut.

Kapitel 1

Großvaters Worte schwirrten wie verirrte Pfeilspitzen in der Luft – jederzeit bereit, Etti die Wahrheit ins Herz zu stoßen. Eine Wahrheit, die niemals sein durfte.
   »Nie wieder?« Etti kämpfte mit den Tränen.
   »Nie wieder«, hauchte der alte Mann kraftlos.
   In seiner Stimme fehlte das vertraute Brummen, das Etti jedes Mal mit Wärme umgab, wenn er mit ihr sprach. Und das erschreckte sie noch mehr als seine Worte. Ihr Blick fiel auf seine Lippen zwischen dem grauen Gestrüpp in dem Gesicht. Sie waren so rissig, als hätte er tagelang das salzige Wasser des Meeres getrunken. »Aber du wirst doch wieder gesund, das hast du mir versprochen, Abuelo.« Sie kniete sich vor das Bett und strich mit den Fingerspitzen über seinen Bart, wie sie es immer tat, wenn sie Großvater umstimmen wollte.
   »Gesund vielleicht, aber nicht jünger.« Er hielt den Blick weiterhin über sich gerichtet. So, als wollte er durch das marode Dach der Hütte in den Sternenhimmel sehen.
   »Aber wir können trotzdem zur See fahren. Die Meere sind doch deine Heimat.« Etti musste mit allen Mitteln gegen seine Worte kämpfen. Sie erhob die Stimme. »Und auch meine.«
   Endlich senkte Großvater den Blick und sah sie an. Seine dunklen Augen, in denen so oft ein Feuer gelodert hatte, wirkten, als hätte jemand die Glut mit platten Sohlen ausgetreten. »Du musst zur Schule, Kind.«
   Etti verzog das Gesicht. »Hat das nicht noch Zeit? Bisher hast du mich doch auch gelehrt. Warum sollte ich nun dorthin gehen?«, maulte sie.
   »Weil es dort noch viel mehr zu lernen gibt, als ich dir je beibringen kann.« Abuelo hob den Blick wieder gegen die Deckenbalken und schluckte mit verzerrtem Gesicht.
   Etti spürte im Herzen, welche Schmerzen er durchlitt. Sie konnte ihn auf keinen Fall allein lassen. Er brauchte sie doch! Und außerdem, was sollte das alles nun? Sie wollte keine Schule besuchen. Wozu auch? Lesen, schreiben und rechnen konnte sie bereits besser als die meisten Seeleute. Nach einer Ausrede suchend blickte sie sich in der Hütte um, die aus nur einem Raum bestand. In der Mitte des Verschlags befand sich die Feuerstelle, über der ein dreibeiniger Kessel stand, daneben ein Tisch mit zwei Stühlen und gegenüber zwei große Kisten. In den beiden Truhen verwahrten sie ihre einzige Habe, die Großvater und sie vom Schiff mitgebracht hatten. Noch nicht einmal eine Woche bewohnten sie die Insel, auf der sich Etti nicht zu Hause fühlen konnte. Bis heute hatte sie immer noch gehofft, sie würden bald wieder auf den Meeren segeln. Doch Abuelos Worte waren scharf wie eine Messerklinge gewesen und hatten ihre Ängste bestätigt.
   »Nun geh, und zieh dir dein Kleid an.« Großvater tätschelte Ettis Hand und riss sie aus den Gedanken. »In dem Bündel auf dem Tisch sind einige Münzen, die du bitte der Frau Lehrerin gibst.«
   »Aber ich muss mich um dich kümmern«, wandte Etti erneut ein.
   »Nun streng mich nicht weiter an, Kind. Du siehst doch, dass mir die Kraft fehlt, um gegen deinen sturen Kopf zu kämpfen. Zieh dich bitte an.«
   Sofort überfiel Etti das schlechte Gewissen. Sie wollte nicht schuld sein, wenn es Großvater noch schlechter ging. »Muss ich wirklich ein Kleid anziehen?«, fragte sie kleinlaut.
   Abuelo gab als Antwort nur ein missgestimmtes Brummen von sich.
   Seufzend erhob sich Etti und trottete zu ihrer Truhe, um darin nach ihrem einzigen Kleid zu suchen, das sie das letzte Mal vor drei Jahren bei der Beerdigung ihrer Eltern getragen hatte. Der dunkelblaue Samt fühlte sich wie das Fell eines jungen Kätzchens an. Etti zwängte sich in das Kleid und musste feststellen, dass es nicht mehr ihre Knie bedeckte, sondern eine Handbreit darüber endete. Auch die Ärmel waren viel zu kurz. So konnte sie sich doch nicht vor den anderen Kindern zeigen! Verzweifelt blickte sie zu Abuelo, der jedoch die Augen geschlossen hielt. Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn, und sein Atem ging schwer. Etti entschloss sich, ihn nicht damit zu behelligen und zog sich einfach ihre Hose unter dem Kleid an. Wen kümmerte es schon, ob sie beides trug? Dann nahm sie das Bündel mit den Münzen, huschte zu Großvater und drückte ihm zum Abschied einen Kuss auf die Stirn.

Der Weg zu dem Dorf, in dem das Schulhaus lag, zog sich durch eine Hügellandschaft, die hin und wieder von trockenen Grasbüscheln unterbrochen wurde. Etti atmete den Duft der Zedern ein und lauschte den Gesängen der Zikaden in den Büschen. Doch dies war nicht zu vergleichen mit dem Geruch des Meeres, mit dem Klatschen der Wellen, wenn sie gegen den Schiffsbug stießen. Dort auf der See, wo sie wirklich zu Hause war.
   Nach einer Weile sah sie das Schulhaus inmitten des Dorfes, das aus mehreren Steinhütten und einer kleinen Kirche bestand. Glockengeläut hallte durch die Gassen und eine Schar Kinder, gefolgt von einem bellenden Hund, lief auf das weiß getünchte Gebäude zu. Etti blieb stehen und beobachtete die Meute aus sicherer Entfernung. Hauptsächlich Jungs besuchten die Schule. Die Mädchen konnte man an einer Hand abzählen. Das sollte ihr recht sein, denn auf den Meeren war sie auch nur von Kerlen umgeben gewesen.
   Weibliche Zimperlichkeit konnte Etti noch nie ausstehen.
   Mittlerweile war die Horde in dem Schulhaus verschwunden, und Etti trat näher. Eine Hand legte sich auf ihre Schulter, und sie fuhr erschrocken herum.
   »Na, wen haben wir denn da? Ein neues Gesicht?«
   Die Frau hinter ihr lächelte sie mit warmen Augen an. Das Haar hatte sie zu einem strengen Knoten gebunden. Gewiss war sie die Frau Lehrerin.
   »Hier!« Etti reichte ihr den Beutel mit den Münzen. »Das ist mein Schulgeld. Großvater schickt mich.«
   »Hast du auch einen Namen?« Die Frau lächelte immer noch.
   »Ja, Coletta. Aber alle rufen mich Etti.«
   »Na, dann komm, Etti.« Die Frau wollte sie an die Hand nehmen, doch Etti entzog sie ihr und versteckte sie auf dem Rücken.
   »Ich schaff das allein«, erwiderte sie und lief vor der Frau in das Schulgebäude.
   Die Kinder rannten um die Bänke und bewarfen sich laut kreischend mit Papierkugeln. Als Etti in das Klassenzimmer trat, weckte sie als Erstes die Aufmerksamkeit eines pummligen Jungen.
   Sofort hielt er in seinem Spiel inne und musterte sie neugierig. Seine wulstigen Lippen verzogen sich zu einem schiefen Grinsen. »Schaut euch die an«, kreischte er und zeigte mit dem Finger auf Etti.
   Augenblicklich herrschte Stille in dem Klassenzimmer. Die anderen Kinder glotzten Etti an, als wäre sie eines der Weltwunder.
   »Trägt Hosen zu einem Kleid. Unten Junge, oben Mädchen«, prustete der Dicke, wobei sein Bauch vor Lachen wackelte.
   Nun fielen auch die anderen Kinder ein und brüllten, als wäre gerade ein tollpatschiger Jahrmarktsnarr vor ihnen auf die Nase gefallen.
   Etti wartete geduldig, bis sie sich wieder beruhigt hatten. Dann stemmte sie die Hände in die Hüften und grinste. »Stimmt nicht, oben Junge und unten Mädchen.«
   Der Dicke runzelte die Stirn.
   »Das glaube ich, dass du das nicht verstehst. Pass auf.« Etti tippte sich mit dem Finger an die Stirn. »Hier Junge und hier …« Sie senkte die Hand in Richtung Bauchnabel. »Hier M…« Ehe sie den Satz aussprechen konnte, schnappte die Hand der Frau Lehrerin nach ihrer.
   »Etti, das wollen wir nicht wissen«, ermahnte die Lehrerin sie mit scharfer Stimme. »Setzt euch, Kinder. Und du auch, Mädchen.« Sie schob Etti zu einer Bank am Fenster.
   Alles, was die Frau Lehrerin in den nächsten beiden Stunden den Kindern beibringen wollte, wusste Etti bereits. Daher beschloss sie, sich zur Pause auf den Heimweg zu begeben. Ihr Abuelo war wichtiger, als hier unnötig herumzusitzen.

Kurz, nachdem Etti die Hütte betreten hatte, erwachte Großvater. Rasch zog sie sich das Kleid aus, schlüpfte in ihr Hemd und eilte an sein Bett. Als Abuelo die Lippen öffnete, um sie zu begrüßen, zogen sich zähe Speichelfäden dazwischen.
   »Du musst etwas trinken!« Etti begab sich zu dem Kessel und schöpfte abgekochtes Wasser in einen irdenen Becher. Dann kehrte sie zurück an Großvaters Krankenlager und hielt ihm das Gefäß an die Lippen. Ein wenig schluckte er, doch das meiste des Wassers rann ihm über den Bart und bildete eine Pfütze in der Kuhle unter dem Kehlkopf.
   Etti stellte den Becher neben ihre Füße und griff nach seiner Hand.
   »Du bist früh, Mädchen. Die Schule ist doch nie und nimmer aus«, krächzte er.
   »Das macht nichts. Was man dort lernt, weiß ich schon.«
   »Du wirst noch mehr lernen müssen. Und das wirst du mit der Zeit dort. Nun reg mich bitte nicht auf und gehe fortan fleißig dorthin. Du weißt doch …«
   »Abuelo, was ist mit unserer Graciosa?« Etti sprach endlich aus, was sich ihr Herz schon die ganze Zeit bangend fragte.
   »Das Schiff ist verkauft.« Röchelnder Atem drang aus Abuelos Brust. »Das Geld ist in der Schatulle auf dem Regal über meiner Truhe.« Er blinzelte in die Richtung seines Schatzes. »Damit dürftest du versorgt sein, wenn ich nicht mehr bin.«
   Seine Worte hallten in Ettis Ohren. Was sagte Abuelo da? Das durfte er nicht! Er durfte sie nicht allein lassen. Er hatte doch versprochen, immer für sie da zu sein.
   Zitternd vor Angst sank Etti in die Knie und schlang die Arme um ihre Schultern. Wenn er nun genauso in den Himmel fuhr, wie ihre Eltern damals, dann hatte sie niemanden mehr auf dieser Welt. Dann nutzte ihr auch das Geld aus dem Verkauf der Graciosa nichts. Ungefragt stießen ihr die Gedanken an den Tod der Eltern in den Kopf. Wie sie damals nicht mehr von der Insel zurückgekehrt waren, wo sie ihre Forschungsarbeiten fortführen wollten. Die Graciosa hatte in der Bucht vor der ostafrikanischen Küste gelegen. Großvater hatte auf Etti aufgepasst, während sie selbst zum Zeitvertreib allerhand Unrat, wie abgenagte Knochen oder leere Flaschen in die Wellen geschmissen hatte. Irgendwann kam die Nachricht, dass die Eltern angegriffen worden waren. Ob von wilden Tieren oder Kannibalen, wusste man nicht. Jedenfalls hatte man nur noch ihre entstellten Leiber gefunden. Bei der Erinnerung rieselten Eiskristalle über Ettis Rücken, wie es sie nur auf der nördlichen Erdkugel gab. Schnell wandte sie ihre Gedanken wieder Großvater zu. Sie musste sich unbedingt etwas von seiner Wärme holen. Rasch kroch sie zu Abuelo unter die Decke, zog die grob gewebte Schafswolle über ihre Schultern und legte die Hand auf die Brust des schlafenden Mannes. Ihren Leib an ihn kuschelnd und dem röchelnden Atem lauschend steigerte sich die Unruhe in ihrem Herzen. Er durfte nicht sterben! Wenn sie Gott nur fest darum bat, würde Abuelo gewiss weiterleben. Und sie würde ab morgen immer in die Schule gehen, damit er sich nicht aufregte.
   Vor der Hütte schlugen die Wellen gegen die Felsen. Etti atmete den salzigen Duft der rauschenden Brandung und schloss die Augen. Irgendwann trugen sie die Träume auf schaukelnden Wellen davon.

Noch bevor Etti die Augen öffnete, erkannte sie an der Luft, die sie atmete, wie heiß der Tag werden würde. Hier, an der spanischen Küste fehlte die Brise, wie sie die Graciosa auf den Meeren stets begleitet hatte. Augenblicklich schossen Ettis Gedanken zu Abuelo und sie tastete nach seiner Brust. Großvaters Atem ging rascher als sonst. Etti rüttelte an seiner Schulter, woraufhin der alte Mann mit den Lidern flackerte. Er lebte! Bestimmt hatte sie sich umsonst gesorgt. Bald schon würde er wieder ganz der Alte sein und mit aller Kraft über die Weltmeere schiffen. Mit ihr an seiner Seite an dem Steuerrad, das den Stürmen und Wellen trotzte.
   Tränen in ihren Augenwinkeln verrieten Etti, dass sie träumte. Wenn er sagte, er würde nie wieder zur See fahren, dann war das so. Abuelo sprach nie leere Worte. Außerdem hatte er die Graciosa schon verkauft. Dass er dies jemals tun würde, hätte sie nie gedacht. Ettis Herz wurde schwerer und schwerer. Ein Leben in dieser Hütte ohne Seegang unter den Füßen und ohne die Weite der Meere, konnte sie sich nur schwer vorstellen. Eigentlich überhaupt nicht. Es würde ihr ergehen wie einem eingesperrten Vogel, der nie wieder zu unbekannten Orten fliegen durfte.
   Etti wischte sich über die Augen und kletterte aus dem Bett. Abuelo musste unbedingt etwas essen, wenn er wach wurde. Sie schürte das Feuer unter dem Kessel und rührte einen Haferbrei an. Großvater gab ein Stöhnen von sich, und Etti war mit einem Satz bei ihm.
   Sanft strich sie dem schlafenden Mann über die eingefallenen Wangen und wischte ihm mit dem Zipfel des Lakens die Schweißperlen von der Stirn. »Abuelo, willst du nicht wach werden? Das Essen ist fertig.« Behutsam rüttelte sie an seiner Schulter. »Und wenn du gegessen hast, dann gehe ich auch zur Schule.«
   Großvater rührte sich nicht. Etti griff nach seiner Hand, die sich eiskalt anfühlte, und versuchte, seinem Atem zu lauschen. Als sie keinen Lebenshauch hörte, kroch ihr die Angst ins Herz und wütete dort wie eine Steinaxt. Sie rüttelte fester an seiner Schulter, doch Abuelo regte sich immer noch nicht. Schlaff fiel sein Kopf zur Seite, und da wusste sie, er war nicht mehr bei ihr. Er durfte sie doch nicht verlassen! Sie hob die Stimme. »Bitte werde wieder wach! Ich mache dir auch nie wieder Sorgen.« Ettis Tränen tropften auf Abuelos Hemd. Wäre sie bloß dem Unterricht nicht ferngeblieben. Unzählige Male wiederholte sie diesen Satz, doch Abuelo öffnete die Augen nicht mehr. Etti legte das Gesicht auf seine Brust und schrie ihren Schmerz hinaus.
   Aus dem Kessel über der Herdstelle stieg schwarzer Rauch. Es stank bestialisch in der Hütte. Ein Hustenanfall überfiel Etti. Sie erhob sich und stolperte hinaus. Das Sonnenlicht stach wie Hohn in ihre Augen. Dann kam ihr auch schon die Frau des Fischers entgegengelaufen, der seine Hütte neben ihrer hatte.
   »Kind, was ist geschehen?« Der Blick der fülligen Frau schweifte zur Hütte. »Es brennt«, schrie sie aufgeregt und rannte zu dem Holzverschlag.
   »Abuelo, er ist …«, Etti weinte, doch die Frau schien sie nicht mehr zu hören.
   Kurz darauf flog der angebrannte Kessel aus der Tür. Dann folgte ein Wehklagen. »Das arme Mädchen!« Die Frau kam aus der Hütte gelaufen und schlang die Arme um Etti. »Ich gehe und hole die Totengräber.«
   »Er ist Seemann! Das Meer soll sein Grab sein.« Wie konnte die Frau nur daran denken, Abuelos Leib der kalten Erde zu geben?
   Die Frau strich Etti das dunkle Haar aus der Stirn. »Ja, sicher, Mädchen. Geh und verabschiede dich von ihm. In der Zwischenzeit laufe ich zum Hafen, um einen Kapitän zu suchen, der seinen Leichnam dem Meer übergibt.«

Alles um sie herum war nicht mehr wichtig. Regungslos lag Etti neben Abuelo und weinte aus leeren Augen. Warum nur hatte sie die Hütte verflucht? Es war egal, wo sie gelebt hätte, ob sie die Schule hätte besuchen müssen. Wenn nur Großvater noch bei ihr gewesen wäre. Nun würde er allein zur See fahren. Ohne Wiederkehr. Und sie war schuld, weil sie ihn aufgeregt hatte. Ettis Leib bebte unter den Schluchzern. Eine eiserne Faust drückte ihr Herz zusammen.
   Mit einem Mal stand ein hochgewachsener Mann in der Hütte und riss sich die Mütze vom Kopf. Hinter ihm traten noch andere Männer herein. Unter ihnen ein Priester, der für Abuelos Seele ein Gebet sprach. Dann hoben zwei Seeleute den Leichnam aus dem Bett und trugen ihn hinaus. Etti erwachte aus ihrer Starre. Sie sprang aus dem Bett und rannte ihnen hinterher. Vor der Hütte klammerte sie sich schluchzend an Großvaters kalten Leib. Sie durfte ihn nicht gehen lassen. Er musste doch bei ihr bleiben!
   Die Männer blickten Etti hilflos an, bis die Frau des Fischers sie sanft am Arm fortzog. »Komm, Mädchen. Du musst nun stark sein.«
   Etti wehrte sich gegen ihren Griff. »Nein, nein! Ich will nicht stark sein. Ich will mit ihm zur See!« Plötzlich verließ sie die Kraft, und sie sank in die Knie.

Kapitel 2

Wolkenschleier waberten wie dünne Tücher um die Palasttürme, die sich hoch oben auf dem Berg in den Himmel streckten. An den Hängen drängten sich vereinzelte Kiefern, deren Duft von den Windböen davongetragen wurde. Immer noch schmerzte Lydara die Helligkeit in den Augen. Nach all den Jahren in der Finsternis von Skoro hatte sie vergessen, wie strahlend das Sonnenlicht sein konnte, wie warm es sich auf der Haut anfühlte. Lydara holte tief Luft, fasste all ihren Mut zusammen und lenkte ihren Rappen den Pfad hinauf. Mit zitternden Fingern umklammerte sie die Zügel. Taronu musste ihr endlich die Wahrheit sagen. All die Jahre hatte sie Tag für Tag auf eine Antwort gewartet, doch ihre Briefe waren unbeantwortet geblieben.
   Felsgeröll türmte sich vor ihr auf dem Weg. Lydara sprang aus dem Sattel, entledigte sich ihres Umhangs und warf ihn über den Rücken des Pferdes. Dann führte sie den Rappen an dem Geröll vorbei. Immer auf der Hut, keinen falschen Fuß zu setzen. Zu ihrer Linken fielen steile Wände in die Tiefe. Nur mühsam fand ihr Pferd Halt. In Lydaras Magen befand sich ein Wollknäuel, das sich immer mehr verknotete. Der Rappe blähte die Nüstern und gab ein leises Schnauben von sich. Über ihr lichtete sich der Wolkenschleier und die Sonne warf ihre verstaubten Bahnen auf die Mauern des Palastes. Lydara band ihren Rappen an den Ast einer Kiefer und schritt zu dem Tor, das von einer Wache mit goldenem Helm und ebensolcher Lanze bewacht wurde. Als sie Lydara sah, kniff sie die Augen zusammen.
   »König Taronu erwartet mich«, stieß sie mit fester Stimme aus.
   Der Wachmann schob sich den Helm aus der Stirn und starrte sie an.
   »Ja, du siehst richtig, Koro. Ich bin es. Lydara. Und nun mach den Mund wieder zu.« Sie trat einen Schritt vor und tippte dem Mann mit dem Finger auf die Brust. »Es wundert mich, dass Taronu dich zu seinem Wachmann ernannt hat. Du warst doch immer der Erste, der nach Sonnenuntergang im Schlaf lag.«
   Koro fand seine Stimme wieder. »Aber … der König hat dich doch davongejagt. Ich kann dich nicht einlassen.«
   »Die Zeit ist lange vorbei. Taronu hat nach mir verlangt.« Lydara holte ein Schreiben aus ihrem Stiefel hervor und hielt es Koro unter die Nase.
   Dieser warf einen kurzen Blick darauf und nickte, als verstünde er. Lydara schenkte ihm ein falsches Lächeln. Der dumme Kerl konnte immer noch kein Wort lesen. Sie steckte das Schreiben zurück in den Lederstiefel und zog sich den Hosenbund hoch.
   Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, öffnete Koro das Tor. Lydara hob das Haupt, strich ihren schwarzen Zopf auf den Rücken und schritt in den Palast. Vergoldete Brunnen, in denen Edelsteine wie Feuer loderten, säumten den Hof. Inmitten der Torbogen, die zu den Räumlichkeiten führten, stieg ein steinernes Pferd auf. Smaragde funkelten aus den Augenhöhlen des Tieres.
   Auch nach fast zwanzig Jahren wusste Lydara genau, wo sich des Königs Gemach befand. Sie ging durch den mittleren Torbogen zu ihrer Linken und ließ den Flur hinter sich, an dessen Ende sie eine Wendeltreppe in das Reich des Herrschers führte. Auf den Stufen vernahm Lydara bereits das Kichern junger Frauen, das an den Mauern widerhallte. Ihr Herzschlag trommelte in ihren Ohren. Sie wusste, Taronu hatte sich nach ihrer Verdammnis verheiratet und nannte nun eine Tochter im Alter von siebzehn Jahren sein Eigen. Wie sie erfahren hatte, sollte das junge Mädchen im Tempel der Hohepriesterin ausgebildet werden.
   Lydara schritt weiter die Stiegen hinauf. Die zweiflüglige Tür zum Schlafgemach stand offen. Gekleidet in ein goldenes Gewand lag der König auf seinem Himmelbett. Um ihn herum saßen drei blutjunge Schönheiten und fütterten ihn abwechselnd mit Datteln und Pfirsichschnitzen. Das Haar floss ihnen wie helle Seide über den Rücken.
   Sie stellte sich in die Tür und stemmte die Hände in die Hüften. Ihren Blick ließ sie abfällig über die Nymphen wandern.
   Taronu hob den Kopf und verzog spöttisch den Blick. »Was führt dich denn zu mir?«
   »Eine Antwort, die du mir noch schuldig bist.«
   Eine der Nymphen wollte Taronu eine Dattel zwischen die Lippen schieben. Doch der König schob ihre Hand fort und richtete sich auf. Mit hochgezogenen Augenbrauen sah er Lydara an. »Eine Antwort? Dir?« Ein dumpfes Lachen verließ seine Kehle. »Hast du nicht genug bekommen? Dir gehört das dunkle Land. Das ist mehr, als du dir je erträumt hättest.«
   »Ein Leben in Finsternis! Das soll ich mir erträumt haben?« Lydara reckte das Kinn vor. »An deiner Seite habe ich um die Krone von Viandia gekämpft. Um hier mit dir zu leben!« Ihre Knie zitterten vor Wut.
   Amüsiert rieb sich Taronu mit der Hand über den strohblonden Bart. »Hattest du wirklich damals geglaubt, du würdest meine Königin? Sieh dich an. Haar, so schwarz wie das Gefieder eines Raben. Augen, dunkler als das tiefste Grab. Eine Frau, wie du es bist, gehört nicht an die Seite des Mannes, der über das helle Land herrscht. Du gehörst in die Finsternis.« Der König legte den Kopf wieder zurück auf seine Kissen, schloss genüsslich die Augen und ließ sich von den Nymphen weiter beköstigen.
   »Was bist du nur für ein Scheusal? Ich habe dich in Skoro aufgenommen, als du damals verstoßen wurdest. Hast du das vergessen?«
   Taronu fuchtelte mit der Hand, als wollte er eine Fliege vertreiben. »Verschwinde von hier. Für immer«, murrte er mit vollem Mund.
   In Lydaras Augen brannten Tränen des Zorns. Sie griff nach dem Heft des Schwertes an ihrem Gürtel.
   Mit einem Satz war Taronu aus dem Bett. Seine Hand umklammerte schmerzhaft Lydaras Arm. »Wag es nicht, das Schwert gegen mich zu richten. Dein Kopf wird schneller den Abhang hinabrollen, als du die Augen schließen kannst.« Er versetzte Lydara einen Stoß, der sie zu Boden stürzen ließ.
   »Ich werde mir deine Liebe zurückholen. Bald schon wirst du mir zu Füßen liegen«, fauchte sie und zog sich an der Säule neben ihr hoch. Zitternd vor Zorn warf sie Taronu einen letzten Blick zu.

*

Die Stimme, die Etti vor der Hütte hörte, war ihr vollkommen fremd. Sie lugte aus dem Fenster. Eine Dame mit einem vornehmen Hut auf dem Kopf, der fast so groß wie ein Wagenrad war, sprach mit der Frau des Fischers. Plötzlich vernahm Etti das Wort Waisenhaus. Sie schauderte. Gewiss würde die Frau sie fortbringen, an den Ort, an dem die Kinder verwahrt wurden, die keine Eltern mehr hatten. Doch lieber wollte Etti tot sein, als dort zu leben.
   Rasch kletterte sie in Großvaters Truhe und versteckte sich unter den Seekarten. Über die Holzdielen der Hütte klapperten die Absätze der Dame. »Coletta? Wo bist du, Mädchen?«, rief die Frau mit näselnder Stimme.
   »Aber sie muss hier sein«, sagte die Fischerfrau. »Bestimmt hat sich das arme Ding versteckt.«
   »Viele Orte zum Verstecken gibt es hier ja nicht.« Die Absätze näherten sich der Truhe.
   Etti hielt den Atem an. Ihr Herz klopfte so heftig, als wollte es ihr jeden Augenblick aus dem Mund hüpfen. Quietschend öffnete sich die Truhe.
   »Nur Karten.« Die Dame seufzte und ließ den Deckel fallen.
   Ein Rumms fuhr durch Ettis Leib, und sie zuckte zusammen.
   Die Absätze entfernten sich wieder. »Na, ich werde wohl ein anderes Mal wiederkommen müssen.« Die Tür fiel in den Riegel.
   Erleichtert stieß Etti den Atem aus, schob den Deckel der Truhe ein Stück auf und spähte durch den Spalt. Die Luft war rein! Rasch kam sie auf die Beine. Dabei fiel ihr Blick auf die eingerollten Seekarten, die ihre Knie umgaben. Der Stachel der Trauer bohrte sich tiefer in ihr Herz. Als sie den Duft des Meeres atmete, den das Papier verströmte, glaubte Etti, den Schmerz nicht mehr aushalten zu können. Schluchzend kletterte sie aus der Truhe und setzte sich davor. Die Arme um ihre Beine geschlungen, weinte sie, bis der Tag von der Nacht übermannt wurde. Erst, als vollkommene Finsternis sie die Hand vor den Augen nicht mehr erkennen ließ, erhob sie sich, tastete auf dem Tisch nach den Schwefelhölzern und entzündete die Talgkerzen. Das Flackern der Flamme warf gespenstige Schatten an die Holzplanken. Vor Geistern hatte sich Etti noch nie gefürchtet. Das war nur Seemannsgarn.
   Ihr Blick fiel wieder auf die Truhe. Sie holte eine der Karten heraus, setzte sich an den Tisch und entrollte sie. Im Schein der Kerzen betrachtete Etti die Islas Canarias, die darauf eingezeichnet waren. Um eine von ihnen hatte jemand einen Kreis mit roter Tinte gemalt. Ob es Abuelo gewesen war? Weshalb hatte er wohl die Insel gekennzeichnet? Etti betrachtete das Eiland näher. Es lag etwa dreißig Meilen südwestlich von El Hierro und hieß San Borondón. Nachdenklich rieb sie sich über die Nase. Großvater und sie hatten unzählige Male die Islas Canarias umsegelt, doch diese Insel hatte Etti noch nie gesehen. »Ach, Abuelo«, sagte sie und seufzte, »warum hast du mir nie von San Borondón erzählt? Und was hat es mit der Insel auf sich?«, fragte Etti in die Dunkelheit.
   Die Antwort blieb aus. Schmerzlich vermisste sie Abuelos tiefes Brummen, wenn sie ihn, wie so oft damals, mit ihren Fragen gelöchert hatte. Etti starrte in die Flamme der Kerze. Die Dame von heute würde gewiss wiederkommen. Und dann müsste sie ins Waisenhaus. Bei dem Gedanken daran begann Etti, am ganzen Leib zu schlottern. Niemals ging sie in das Haus der elternlosen Kinder. Entschlossen rollte sie die Seekarte zusammen, blies die Kerze aus und legte sich ins Bett. In den Laken haftete noch Abuelos Duft. Tief sog Etti ihn ein und schloss ihn in ihr Herz. Abuelo würde immer bei ihr sein.
   Als sich das silbrige Licht des Tages durch das Fenster stahl, lag Etti immer noch wach und grübelte über San Borondón nach. Mit einem Mal sprang sie aus dem Bett. Sie musste unbedingt wissen, was es mit der Insel auf sich hatte – und sie musste fort. Eilig breitete Etti ein Tuch aus und wickelte ihre wenigen Habseligkeiten darin ein. Dann band sie sich ihr schwarzes Haar an den Schläfen zu zwei Zöpfen, wie sie die Piraten oft trugen. Nachdem sie sich im Spiegel betrachtet hatte, zog Etti Großvaters blau-weiß gestreiftes Hemd über, das ihr bis zu den Waden reichte. Sie rollte die viel zu langen Ärmel auf, setzte sich Abuelos taubenblaue Schirmmütze auf und schnappte sich ihr Bündel. Plötzlich hielt sie inne. Ihr Blick wanderte zu dem Kästchen, in dem Abuelo das Geld aus dem Verkauf der Graciosa aufbewahrte. Der Gedanke, das Geld zu nehmen, trieb ihr erneut die Tränen in die Augen. Doch es half nichts, ohne das Geld kam sie nicht weit. Also verstaute Etti es in ihrem Bündel. Nun ließen sich die Tränen nicht mehr aufhalten. In einem Rinnsal flossen sie über ihre Wangen und tropften auf Abuelos Hemd. Schluchzer bebten in ihrer Brust, als Etti im frühen Grau des Morgens das Fischerdorf verließ und zum Hafen eilte. Auf den Lippen schmeckte sie das Salz des Atlantiks und die Sehnsucht nach der Ferne überfiel sie.
   Eine Schar Möwen kreiste über der Brandung. Ab und an stürzte sich eine von ihnen in die Wellen und erhob sich wieder mit einem Fisch im Schnabel. Etti blieb stehen, schirmte ihre Augen mit der Hand ab und blickte auf das Meer, wo sich die Wogen in weißen Schaumkronen brachen. Am Horizont blähten sich die Segel eines Viermasters. Das Gefühl grenzenloser Freiheit überfiel Etti. »Nimm mich mit«, wisperte sie sehnsüchtig. Sie umklammerte ihr Bündel und lief weiter die Küste entlang, bis sie am Mittag endlich den Hafen von Huelva erreichte.
   Handelssegler und Schaluppen, dazwischen mehrere Fischerboote, schaukelten auf den Wogen vor dem Kai. Über eine Holzplanke luden die Werftarbeiter die Waren ab. Ihre Rufe vermischten sich mit dem Brausen der Gischt, die gegen die Kaimauer schlug. Etti atmete den vertrauten Duft von Seetang und Moder und hielt Ausschau nach der Graciosa, doch von Großvaters Segler fehlte jede Spur. Bestimmt war der neue Besitzer schon mit ihm ausgefahren. Etti hätte erneut laut aufheulen können.
   »He, Kleine«, brummte plötzlich hinter ihr eine Stimme.
   Sie drehte sich herum und blickte in das Gesicht eines Seemannes. Er hockte auf einer kleinen Mauer und flickte ein Fischernetz. Wind und Wetter hatten sein Gesicht gegerbt und unzählige Falten umkränzten die schwarzen Augen. Unmittelbar musste Etti an Großvater denken.
   »Was bist du? Ein Piratengör?«
   Etti schüttelte den Kopf. »Nenn mich, wie du willst, Seebär. Nur vergiss nicht, ich bin die Enkelin des bedeutenden Capitán Tormenta.«
   »Der Name sagt mir nichts. Warum treibst du dich hier am Hafen herum?« Der Seemann griff nach der Pfeife neben sich, steckte sie sich zwischen die Lippen und entzündete ein Schwefelholz. Kurz darauf zogen graublaue Wölkchen über seinen Kopf hinweg. »Zehn, höchstens elf Jahre. Älter bist du doch nicht, Mädchen. Dein Abuelo sollte dich nicht allein im Hafen herumlaufen lassen.« Sein amüsierter Blick glitt über das viel zu große Hemd, das sie mit einem Gürtel in der Taille zugeschnürt hatte.
   Etti schluckte gegen den Kloß in ihrem Hals und schob sich die Schirmmütze aus der Stirn. »Capitán Tormenta ist tot«, sagte sie mit tränenerstickter Stimme. Da war sie wieder, die Steinaxt, die durch ihr Herz wütete.
   »Das tut mir leid.« Der Seemann nahm die Flickarbeit wieder auf. »Und nun? Hast du jemanden, der sich um dich kümmert?«
   Etti nickte rasch. »Ja, natürlich. Meine Eltern kümmern sich um mich.« Die Streitaxt schlug fester zu und Etti kämpfte mit den Tränen. Dann erinnerte sie sich, weshalb sie überhaupt hier war. Sie holte die Karte hervor, die sie sich in den Gürtel gesteckt hatte, und hielt sie dem Seebären hin. »Hier, sieh dir das an.«
   Der Mann legte das Netz zur Seite und nahm einen tiefen Zug aus der Pfeife. Etti atmete die Vanille, die dem Tabak beigemischt war. Eine angenehme Wärme legte sich auf ihr Herz.
   Der Seebär entrollte die Karte und betrachtete sie eingehend. »San Borondón«, brummte er und ließ den Blick sehnsüchtig über den Atlantik gleiten. »Die achte der Islas Canarias.«
   »Großvater hat oft die Inseln umsegelt, doch dieses Eiland habe ich noch nie gesehen.« Etti blickte auf die Karte.
   Der Seebär paffte noch einmal an seiner Pfeife. »Du musst wissen, nicht jeder kann die Insel sehen.«
   »Du denn etwa?«
   »Ja, ich habe sie gesehen. Es war am Abend vor der Noche de San Juan, als wir vor El Hierro ankerten. Wie von Geisterhand gezeichnet, ragten zerklüftete Felsen aus Nebelschwaden. Ein merkwürdiges Licht, fast bläulich, umspielte die Konturen.«
   Ettis Blick klebte an seinen Lippen. »Warum hast du nicht versucht, sie anzusteuern?«
   »Wer sagt, dass ich es nicht versucht habe?« Der Seemann lachte spöttisch. »Es war einfach nur gespenstig, sag ich dir, denn außer mir konnte niemand meiner Leute San Borondón sehen.« Er zog wieder an seiner Pfeife und schaute den Rauchwölkchen hinterher. »Dennoch habe ich sie am nächsten Tag angesteuert. Ich war so nah dran. Wir fuhren durch Riffs, über denen Nebelschwaden waberten. Die feuchte Luft roch nach Schwefel. Hier und da hallte das Krächzen eines Vogels an den Felswänden wider. Immer noch konnte niemand außer mir die Insel sehen. Meine Leute starrten nur in den Nebel.«
   »Ja, und dann?« Etti platzte fast vor Neugierde.
   »Ja, dann …« Der Mann hob die Schultern und ließ sie kurz darauf wieder hängen. »Dann war die Insel fort, wie von Geisterhand weggewischt. Die Felsen verblassten vor meinen Augen, bis nur noch gelbe Nebelschwaden zu sehen waren. Ich hatte mich zum Gespött meiner Mannschaft gemacht.«
   Etti blickte ihn enttäuscht an. Sie hatte mehr erwartet: Monster, einäugige Riesen oder wenigstens Menschenfresser. »Seemannsgarn!«
   Der Blick des Seebären verfinsterte sich. »Wenn du mir nicht glaubst, dann überleg mal, vom wem diese Karte stammt.« Er tippte mit dem Zeigefinger auf das feste Papier. »Von niemand anderem, als dem guten Cristóbal Colón.«
   »Wirklich?« Etti entriss ihm die Karte und drehte und wendete sie in ihren Händen.
   »Ach, übrigens …« Der Seebär lächelte und nickte zu dem Kai. »Siehst du den Schoner dort drüben?«
   Etti folgte seinem Blick. »Was ist damit?«
   »Der Forscher und Gelehrte John Smith hat hier im Hafen angelegt. Er befindet sich auf einer Expedition und steuert morgen die Islas Canarias an. Ich könnte wetten, er will die Geisterinsel erforschen.«
   Durch Ettis Kopf schossen die Gedanken wie Pfeile. Sie reckte den Hals, um einen Blick auf den schlanken Segler zu werfen, dessen rah getakelte Masten in den Himmel ragten. Der Schoner wirkte verlassen. Wenn sie sich beeilte, könnte sie sich unter Deck verstecken, bevor die Mannschaft wieder zurück war.
   »Du hast Flausen im Kopf, Mädchen. Unnötiger Ballast wird nicht selten über Bord geschmissen, wenn man ihn entdeckt.«
   »Glaubst du etwa, du könntest Gedanken lesen?« Etti funkelte den Mann an, um ihre Verlegenheit zu überspielen.
   »Ja, wenn sie in den Augen geschrieben stehen, schon.« Der Seebär lachte.
   Ungeachtet seiner Worte erhob sich Etti von der Mauer. Eine unsichtbare Hand fasste nach ihrer und zog sie zu dem Schoner.
   »Pass auf dich auf, kleines, tapferes Mädchen«, hörte sie den Seebären rufen, bevor sie über die Planke schritt, die sie auf das Deck der Cathy führte.
   Rasch versteckte sich Etti zwischen den Fässern im Frachtraum, der im Schiffsbauch lag. Die Dunkelheit konnte ihr nichts anhaben, die hatte sie noch nie gefürchtet. Ihre Gedanken kehrten zurück zu Abuelo. Ob sie seinen Leib schon dem Meer übergeben hatten? Dann war sie ihm nun ganz nahe.
   Etti träumte sich in seine Arme und ließ sich von dem Schaukeln des Schiffsrumpfes beruhigen. Sie dachte wieder an San Borondón. Welches Abenteuer würde sie wohl erwarten? Wenn der Schoner bald lossegelte, würden sie die Islas Canarias noch rechtzeitig zur Noche de San Juan erreichen. Was bestimmt auch im Interesse des Forschers lag.

Kapitel 3

Ein Pfau schlug sein glänzendes Gefieder zu einem Rad und stolzierte über die Blumenwiese, die an den See der Erkenntnis grenzte. Jameena blickte zu den schwarzen Bergen am anderen Ufer. Hier endete das helle Land Viandia, in dem ihr Vater als König herrschte. Was dahinter lag, kannte sie bisher nur aus Erzählungen.
   Bald würde sie in die Berge müssen, um die Prüfungen zu bestehen, aber davor fürchtete sie sich nicht. Das hatten andere junge Mädchen bisher auch geschafft. Warum sollte ausgerechnet sie daran scheitern? Jameena pflückte eine der kleinen gelben Blumen, drehte sie zwischen ihren Fingern und schaute zu den Wolkenfetzen, welche die Gipfel der Geisterberge umarmten. Heute war ihr siebzehnter Geburtstag. Nicht mehr lange, dann würde sie eine Priesterin sein und am Tag der Sommersonnenwende mit dem Gott Than vermählt werden. In ihrem Leib kribbelte die Vorfreude. Welch ein Ansehen hätte sie dann im Tempel! Endlich wäre die Zeit des Studierens vorbei. Den lieben langen Tag konnte sie es sich dann gut gehen lassen.
   »Bist du so weit, Mädchen?«
   Jameena spürte die Hand des Weisen, die über ihr lichtblondes Haar strich. Sie erhob sich, glättete mit der Hand ihr helles Gewand und nickte. »Aber sicher doch, Goro.«
   Der weißbärtige Mann lächelte ihr aufmunternd zu. »Dann komm, die Hohepriesterin wartet schon.«

Jameena schritt neben dem Weisen zu dem Tempel, dessen weiße Säulen einen Palmengarten umsäumten. Zwischen den Stämmen krächzten Papageien in goldenen Käfigen. Unter ihren Füßen spürte sie die saftigen Grashalme, die die Sonne gewärmt hatte.
   Die Hohepriesterin saß auf ihrem steinernen Sessel und streichelte ein junges Kätzchen, das in ihrem Schoß lag. Wie weiße Wolken fiel ihr das Haar über die Schultern. Als sie Jameena erblickte, zauberte sich ein Lächeln auf ihre Lippen. »Da bist du ja, mein Kind.« Die Hohepriesterin setzte das Kätzchen auf den Boden und erhob sich von ihrem Sessel. »Bist du bereit für die erste Prüfung?«
   »Ja, Hohepriesterin, das bin ich.« Jameenas Herz wurde von einer Ruhe umgeben, die sie nur hier in diesem Garten empfand.
   »Dann komm.« Die Hohepriesterin schritt zu der kleinen Säule, auf der eine Schale aus weißem Stein stand. »Deine erste Aufgabe besteht darin, ein blaues Feuer zu entfachen.«
   Die Ruhe, die Jameena eben noch eingehüllt hatte, schwand wie Eis in der Sonne. Sie nagte auf ihrer Unterlippe und dachte angestrengt nach. Ein blaues Feuer? Hatte sie jemals gelernt, wie man ein solches entfachte? Sie konnte sich beim besten Willen nicht erinnern. In ihrem Nacken brach der Schweiß aus. Sie nahm die Schwefelhölzer in die Hand und versuchte das Zittern ihrer Finger zu unterdrücken. Ihr Blick irrte zu den Tiegeln, die mit verschiedenfarbigen Pulvern gefüllt waren. Sie griff nach einem und schüttete den rosafarbenen Inhalt in die Schale. Dann nahm sie einen zweiten Tiegel und gab ein wenig grünes Pulver hinzu. Unsicher schaute sie zu Esra. Die Hohepriesterin runzelte die Stirn. Jameena zündete ein Hölzchen an und warf es in das Pulver. Eine rote Stichflamme schoss hinauf. Erschrocken wich sie zurück.
   Ungläubig schüttelte Esra den Kopf. »Was machst du da, Mädchen?«
   »Entschuldigt, Hohepriesterin. Ich habe mich wohl geirrt.«
   »Allerdings«, brummte Goro.
   Der verärgerte Blick des Weisen durchbohrte Jameena wie ein Giftpfeil. Sie sah auf seine Hände, mit denen er sich einen Zopf in den Bart flocht, und dachte nach, doch so sehr sie auch überlegte, kam ihr nicht in den Sinn, welches Pulver sie in die Schale geben musste.
   Die Hohepriesterin griff nach Jameenas Arm. »Du weißt es nicht. Hab ich recht?«
   »Kind, wie oft habe ich dich ermahnt, nicht immerfort zu träumen, wenn ich dir die Lehre des Feuers erklärte?«, schalt Goro.
   »Nun gut, dann wollen wir zur nächsten Prüfung übergehen.« Esra ließ sich seufzend in ihrem steinernen Sessel nieder und zupfte einen Faden aus ihrem goldenen Gewand.
   »Duuummkopf … Duuummkopf!«, kreischte ein Papagei in einem der Käfige hinter ihr.
   Jameenas Ohren glühten vor Scham. Nach den Prüfungen würde sie diesem verdammten Vieh die Federn ausrupfen. Verzweifelt blickte sie der Hohepriesterin in die grünen Augen.
   »Die nächste Prüfung wird nicht im Tempel stattfinden.« Esra sog tief den Atem ein und zeigte mit dem Finger auf die schwarzen Berge, die sich im See spiegelten. »Es gibt dort eine Höhle, in der die Geister der Finsternis hausen. Du wirst eine Nacht dort verbringen. Dabei wird dich ein Amulett vor den Kreaturen schützen. Du wirst selbst wissen, welches, wenn du Goros Lehren aufmerksam gefolgt bist.« Die Hohepriesterin schritt zu einer Truhe, holte eine lederne Hülle hervor und entrollte sie.
   In Jameenas Brust raste der Herzschlag. Sie blickte auf die Amulette. Silbern, bronzefarben und golden. Dreiecke, Kreise, Federn, irgendwelche Zeichen. In Jameenas Kopf verschmolzen sie alle zu einem einzigen großen Amulett. Konnte sie nicht alle nehmen? Dann wäre sie in jedem Fall gewappnet.
   »Nun greif schon zu«, sagte Esra.
   Da Jameena ihre Unwissenheit nicht zur Blöße stellen wollte, glitt sie langsam mit den Fingern über die Metalle. Doch so sehr sie auch auf eine innere Eingebung wartete, die Erkenntnis wollte sich einfach nicht einstellen. So langsam begann es, in ihrem Nacken zu kribbeln. Sie wusste, jede Verzögerung würde der Hohepriesterin verraten, dass sie keine Ahnung hatte, welches der Amulette sie vor den Geistern der Finsternis schützen würde. Aus den Augenwinkeln blickte sie zu Goro und bemerkte, wie der Bart des Weisen zitterte. Ein Zeichen, das sie beunruhigte, wenn nicht sogar fast die Fassung verlieren ließ. Doch bevor dies geschehen konnte, griff Jameena zu und schloss ihre Finger um ein beliebiges Amulett.
   »Du bist dir sicher in deiner Wahl?« Esra neigte den Kopf ein wenig zur Seite und hob die Augenbrauen.
   Sie hatte sich vergriffen. Genau das wollte die Hohepriesterin mit ihrem Blick sagen. Doch Jameenas Stolz verbot ihr, dies zuzugeben. Lieber kämpfte sie gegen die Geister der Finsternis.
   Goro blies die Wangen auf.
   »Duuumkopf!«, krächzte das Federvieh wieder.
   Erhobenen Hauptes blickte Jameena der Hohepriesterin in die Augen. »Ich bin bereit.« Das Amulett hielt sie so fest, dass ihr die Ränder in die Handfläche schnitten.

Lautlos trieb das Boot über den See. Weder Goro noch Jameena sprachen ein Wort. Auf der Wasseroberfläche spiegelte sich die untergehende Sonne und färbte die seichten Wogen purpurfarben. Das sichere Ufer entfernte sich immer mehr, und die schwarzen Berge mit ihren Klüften erhoben sich vor ihnen. Eine eiskalte Faust umklammerte Jameenas Herz. Bald darauf erreichten sie den Felsen, an dem sie das Boot verlassen musste. Sie legte sich das Amulett um den Hals und sog tief den Atem ein. Zwischen Goros weißen Augenbrauen hatte sich eine steile Falte gebildet. Jameena gefror das Blut in den Adern.
   »Ich warte hier auf dich, bis die Sonne morgen früh den Tag erhellt.« Mehr sagte der Weise nicht.
   Jameena hätte gern ein aufmunterndes Wort von ihm gehört, doch das blieb aus. Was hatte sie auch anderes erwartet? Mit dem falschen Amulett würden sie gewiss die Geister holen. Noch einmal blickte Jameena zum Abschied über den See, dessen Spiegel nun nachtschwarz war. Dann nahm sie Fackel und Zündhölzer und stieg aus dem Boot.
   Der Felsen war glitschig, und Jameena musste achtgeben, nicht darauf auszurutschen. Wohl das kleinere Übel, wenn sie daran dachte, was noch alles auf sie zukommen würde. Kurz hinter dem Felsen erstreckte sich eine Schlucht zwischen zwei himmelragenden Bergen. An ihrem Ende befand sich der Eingang zur Geisterhöhle. Es schien, als würde hier nie die Sonne scheinen. Über Jameenas Kopf kreisten drei Raben. Ihr Kreischen hallte an den Felswänden wider. Eine schwarze Feder glitt zu Boden und legte sich vor Jameenas Füße. Ihre Unruhe stieg zur Angst an. Mit zittrigen Händen entfachte sie das Feuer der Fackel. Vor ihr lag nun der Eingang zur Geisterhöhle. Noch hätte sie umkehren können, doch ihr Stolz verbot es ihr. Zögerlich setzte sie einen Fuß vor den anderen. Ihre Knie waren so weich, dass Jameena fürchtete, ihre Beine könnten sie nicht tragen. Aber vielleicht wäre das auch gut so, dann könnte sie hier vor der Höhle warten, bis der neue Tag begann. Nein, das war nicht gut so. Sie musste den Rubin aus der Höhle holen, und dazu musste sie eine Nacht bei den Geistern verbringen.
   Jameena fasste all ihren Mut zusammen und schritt durch den hohen Spalt in den Berg. Die Flamme tauchte die Höhle in ein orangefarbenes Licht. Ihr Schatten tanzte an der Wand, und von der Decke ergossen sich Tropfsteine, jederzeit bereit, herabzufallen und sich in ihren Kopf zu bohren.
   Eine Haarsträhne zitterte vor Jameenas Augen. Fahrig strich sie die Strähne aus der Stirn. Plötzlich durchdrang ein Schrei die Stille. Vor Schreck fiel Jameena die Fackel aus der Hand. Als wäre sie selbst schon versteinert, starrte sie in das dämmrige Licht. Eine Fledermaus flatterte über ihren Kopf hinweg und der Wind ihrer Flügelschläge streifte Jameenas Wangen. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie weinte. Nie in ihrem Leben hatte sie sich so verlassen gefühlt. Wenn doch wenigstens Goro bei ihr wäre. Er wusste genau, wie sie sich bei der Wahl des Amulettes geirrt hatte. Obwohl sie nachdachte, konnte sie sich immer noch nicht entsinnen, wann er ihr die Lehre des Feuers und der Amulette beigebracht haben sollte. Doch das nutzte ihr auch nichts. Rasch wischte sich Jameena die Tränen von den Wangen. Sie musste stark bleiben. Gewiss gab es keine Geister in der Höhle, oder wenn doch, könnten sie auch freundlicher Gesinnung sein. Was auch immer für Geister hier hausen sollten, sie würde es bald erfahren.
   Sie hob die Fackel auf und schritt mit klopfendem Herzen weiter in den Berg hinein. Sie vernahm ein leises Heulen, als würde der Wind durch die Berge pfeifen. Doch hier in der Höhle gab es keine Winde! In ihrem Kopf hämmerte der Herzschlag, und mit ihren schweißnassen Händen klammerte sie sich an die Fackel. Das mussten die Geister sein, die hier hausten! Kettengerassel hallte durch die Höhle, und das Heulen wurde lauter. Jameena schloss für einen Augenblick die Lider und sog tief den Atem ein, um ihren Herzschlag zu besänftigen. Das Heulen und das Gerassel verstummten, stattdessen hörte sie den monotonen Gesang eines Chores. Die Stimmen beruhigten Jameena ein wenig, denn sie klangen wohlgesonnen. Langsam setzte sie einen Fuß vor den anderen. Je weiter sie voranschritt, desto mehr mischte sich dem Gesang ein Rauschen bei – wie das eines Wasserfalls. Ein Licht erhellte die Höhle und sie sah, wie sich ein Vorhang aus Edelsteinen in einen kleinen See ergoss. Schillernd wie das Gefieder eines Paradiesvogels glitzerten die Steine, bevor sie in dem Wasser versanken. Ergriffen von der Schönheit, vergaß Jameena ihre Angst und setzte sich an das Ufer des Sees, um die rieselnden Steine zu betrachten.
   Mit einem Mal hörte sie wieder den Gesang in ihrem Rücken und fühlte sich von einer wohligen Wärme eingehüllt. Die Höhle war nicht so schrecklich, wie sich erzählt wurde. Sie umfasste das Amulett auf ihrer Brust. Vielleicht hatte sie doch nach dem Richtigen gegriffen? Ja, so musste es sein.
   Schritte von vielen Füßen näherten sich, und der Gesang in Jameenas Rücken wurde lauter. Sie wagte einen Blick über ihre Schulter.
   Die Kapuzen der braunen Kutten waren so tief über die Köpfe gezogen, dass die Gesichter der Männer nur schwarze Höhlen waren. Ihre Leiber schienen wie gefärbtes Glas, durch das die Felswände hinter ihnen zu sehen waren. Der monotone Gesang verstummte.
   Jameena erhob sich und trat den Männern entgegen. »Wer seid ihr?«, fragte sie und wunderte sich über die Ruhe, die sie umgab.
   Einer der Männer begab sich an die Spitze des Zuges. »Mein Name ist Brendan. Wir sind Mönche. Ursprünglich kommen wir aus Irland.« Seine Stimme klang, als würde er in einen Blecheimer sprechen. »Seit fast tausenddreihundert Jahren ist die Insel in unserem Besitz.«
   »In eurem Besitz?« Jameena sah ihn ungläubig an.
   »Wir haben sie vor Hunderten von Jahren entdeckt und sind nach unserem Tode wieder hierher zurückgekehrt.«
   Was redete der Mann da? Jameena versuchte, sein Gesicht unter der Kapuze zu sehen. Doch sie blickte in tiefe Schwärze.
   »Wir mögen euch nicht mehr auf der Insel haben.« Der Mann senkte den Kopf. »Ihr stiftet viel zu viel Unfrieden. Betet eure Götter an, statt dem einen großen Herrn zu dienen. Doch ich und meine Brüder sind in dieser Höhle gefangen, können euch nicht belehren. Wir müssen zusehen, wie ihr einem falschen König den Thron gewährt.« Die Stimme des Mönches zischte durch die Höhle.
   Jameena erschrak. Ihr Vater war kein falscher König! Ihm gebührte der Thron. Wie konnte der Geist so etwas behaupten?
   Der Mönch schob sich die Kapuze zurück und hob ruckartig den Kopf.
   Jameena riss die Augen auf. Vor ihr stand ein Ungeheuer. Und nicht nur eins. Auch die anderen Mönche hatten ihre Häupter entblößt. Ungeheuer mit roten Augen, spitzen Nasen und Feuer speienden Mäulern blickten ihr entgegen. Sie wich einen Schritt zurück, griff nach dem Amulett und hielt es ihnen entgegen.
   Ein schallendes Gelächter drang aus den Kehlen der Ungeheuer. »Das ist nicht das Kreuz Christi«, fauchte Brendan und griff an seine Kette. »Hier, sieh!«
   In Jameenas Kopf schwirrte es. Das Amulett, das wie ein Kreuz ausgesehen hatte … dies wäre das richtige gewesen! Sie umfasste fest die Fackel, überlegte nicht lange und rannte an den Männern vorbei. Von wilder Angst gepeitscht stürmte sie aus der Höhle.
   Draußen herrschte tiefe Nacht. Sie sank in Goros Arme.
   »Du hast die Prüfung nicht bestanden, Mädchen. Eine zweite Möglichkeit wird es nicht geben. Du wirst den Tempel verlassen müssen.« Der kalte Blick des Weisen strich über ihren Kopf hinweg.
   »Ich weiß. Das ist mir egal.« Jameena wunderte sich über ihre Gleichgültigkeit. Sie hätte weinen sollen. Warum bloß war sie nicht traurig? Etwas fehlte in ihrem Herzen. Ob es in der Höhle geblieben war?
Kapitel 4

Getrappel, hektische Stimmen und der Anker, der dumpf an die Schiffswand der Cathy schlug, verrieten Etti, dass der Schoner endlich in See stach. In Gedanken sah sie, wie der Hafen von Huelva immer kleiner wurde, bis die Küste schließlich in den Wellen versank. Die Segel blähten sich, um Kurs auf die Islas Canarias zu nehmen. Etti sog tief den Atem ein. Wie aufgeregt war sie jedes Mal gewesen, wenn die Graciosa aus dem Hafen gelaufen war. Nun blieb dieses vertraute Gefühl aus. Stattdessen vermisste sie Abuelo mehr als je zuvor. In wiederholter Leier redete sich Etti ein, dass er ihr nah war. Warum spürte sie ihn nicht? Sie schloss die Augen und ließ sich von dem Schaukeln des Schiffsrumpfes einfangen.
   Plötzlich spürte sie ein warmes Kribbeln in ihrem Nacken, wie Fingerspitzen, die über ihre Haut strichen. Ein wohliges Schaudern erfasste Etti. Dann wehte ein leiser Hauch durch ihr Haar, als würde ihr jemand eine Strähne aus der Stirn pusten. Erschrocken riss sie die Augen auf und fasste sich an den Kopf. Das musste Abuelo gewesen sein! Er wollte ihr zeigen, dass er bei ihr war. Und dass ihre Entscheidung, die achte Insel zu suchen, richtig war. Noch nie in ihrem Leben war Etti so von Stolz erfüllt gewesen. Zufrieden lehnte sie sich gegen eines der Fässer und schloss die Augen. Sie sah sich wieder mit Abuelo an dem Steuerrad stehen. Der Wind peitschte durch ihr Haar, und sie atmete die salzige Luft ein. Erneut spürte sie die tiefe Traurigkeit in ihrem Herzen. Nie wieder würde sie neben ihm auf dem Bug stehen und die gleiche Brise wie er einatmen. Sie brauchte nicht nur seinen Geist, der sie umgab, sondern auch sein Lachen aus tiefster Kehle, seine Geschichten, seine Wärme und … Sie brauchte ihn ganz. Mit Leib und Seele. Etti rollte sich wie eine Katze zusammen und weinte in ihren Hemdärmel.
   Die Luke öffnete sich und Etti schrak hoch. Das einfallende Licht der Sonne blendete sie. Rasch kroch sie hinter eines der Fässer.
   »Komm raus! Ich habe dich gesehen«, rief eine Männerstimme. Schritte näherten sich.
   Etti machte sich noch kleiner. Ihr Herz zitterte.
   Eine Gestalt bückte sich zu ihr herab und zerrte sie aus ihrem Versteck. »Wen haben wir denn da?«
   Etti sammelte all ihren Mut, stand auf und zog die Nase hoch. »Ich bin Coletta Carlos Tormenta!«
   »Du bist wer?« Der hagere Mann mit dem roten Haar und einer riesigen Brille auf der Nase sah sie verblüfft durch die daumendicken Gläser an.
   Etti versuchte, sich nichts von ihrer Angst anmerken zu lassen und stemmte die Hände in die Hüften. »Hast schon richtig gehört. Ich bin die Nachfahrin von Capitán Carlos Tormenta und habe sein Erbe angetreten. Und du, wer bist du? Etwa Señor … äh … ich meine Mister Smith? Der Forscher?«
   Der Mann mahlte mit den Zähnen. Durch die Brillengläser wirkten seine grünen Augen wie die eines Glotzfisches. »Für einen blinden Passagier hast du ein ziemlich freches Mundwerk. Ich sollte dich den Fischen zum Fraß vorwerfen. Komm mit!« Mister Riesenauge zog Etti hinter sich her und stieß sie die Leiter hinauf.
   Oben an Deck stach das Sonnenlicht in Ettis Augen. Mittlerweile befanden sie sich auf hoher See und die Wellen schlugen gegen den Bug des Schoners. Der Forscher rieb sich mit dem Finger über die Nase und musterte Etti. Sie ließ sich nicht davon beirren. Er würde sie bestimmt nicht über Bord werfen. Solch eine Grausamkeit traute sie ihm nicht zu. Etti betrachtete die grauen Segel, die sich über ihr blähten und ihr Herz beruhigte sich ein wenig. Sie war wieder daheim.
   Das behagliche Gefühl hielt nicht lange an. Im Nu hatten sich einige Seeleute um Etti versammelt und zupften an Abuelos Hemd, das sie trug.
   Einer der Männer schlug ihr die Kappe vom Kopf und lachte laut auf. »Sieh an, Kapitän Zwerg ist auch an Bord.«
   Etti bückte sich nach der Kappe und setzte sie rasch wieder auf ihr Haar. Dabei kämpfte sie mit den Tränen und biss sich auf die Lippen. Der Kerl hatte Abuelos Mütze beschmutzt, aber sie durfte vor diesen Männern nicht weinen. Etti schloss die Augen, zählte bis fünf und versuchte, ruhig zu atmen. Dann hob sie wieder die Lider und kniff sie zusammen. »Wag es nicht noch einmal, dich an Abuelos Kappe zu vergreifen, du stinkender Fisch«, zischte sie und sah dem Seemann tief in die Augen.
   Dieser hob die Hände und zappelte damit über seinem Kopf. »Hilfe, ich habe Angst! Angst vor diesem Furcht einflößenden Kapitän Zwerg. Bitte, tu mir nichts!«
   Etti schüttelte den Kopf. »Weißt du, mein Großvater hat einige Männer auf unseren Reisen angeheuert, doch so ein Dummkopf, wie du es bist, war nie darunter.«
   »Wie nennst du mich?«
   Der Mann war mit einem Satz bei ihr. Er packte sie am Hemdkragen, hob sie vor seine Nase und stieß ihr schnaubend seinen faulen Atem entgegen. Etti sah sich schon als Fischfutter im Meer schwimmen. Vielleicht hatte sie den Mund doch etwas zu weit aufgerissen.
   »Lass das Mädchen los!« Eine hochgewachsene Frau eilte auf sie zu und befreite Etti aus dem Griff des Mannes. »Mein Gott, Peter. Sie ist noch ein Kind.«
   Etti strich sich den Hemdkragen glatt und reckte das Kinn vor. »Bist du Misses Smith?«
   Die Frau schenkte Etti ein Lächeln. »Ja, das bin ich. Und wer bist du?«
   Etti betrachtete die Frau näher. Ihre blonden Locken waren im Nacken locker zusammengebunden und die blauen Augen strahlten wie Kristalle in der Sonne. Zu eng anliegenden Männerhosen trug sie derbe Stiefel und ein mausgraues Hemd. Ziemlich ungewöhnlich für eine erwachsene Frau, dachte Etti. Aber war sie nicht auch immer schon anders gewesen? Diese Frau musste sie einfach nur mögen.
   Misses Smith hob die Augenbrauen. »Willst du mir nicht deinen Namen verraten?«
   »Doch, natürlich. Nenn mich Etti, das ist einfacher.«
   »Einfacher als was?«
   »Als Coletta Carlos Tormenta.«
   Die Frau kniete sich vor sie und fasste nach Ettis Händen. »Carlos ist ein Männername.«
   »Na, und? Du trägst auch Männerkleider. Der Name ist ein Erbe, genau wie dieses Hemd und diese Kappe.« Etti tippte sich mit dem Finger an ihre Kopfbedeckung. »Die gehörte meinem Großvater. Und wehe …« Sie schaute zu Peter und legte eine finstere Miene auf.
   »Dein Großvater muss ein bedeutender Mann gewesen sein.« Misses Smith griff nach ihren Händen.
   »Ja«, erwiderte Etti mit tränenerstickter Stimme.
   »Du gefällst mir, Mädchen. Sag, hast du keinen Hunger?«
   Etti schloss die Augen und sog tief Luft ein. Bei dem Gedanken an etwas Essbares schmerzte mit einem Mal ihr Bauch. »Ja, schon.« Sie nickte und warf einen Blick über ihre Schulter.
   Die Matrosen drehten sich ab. Wie es schien, hatten sie das Interesse an ihr verloren.
   Nur Mister Smith stand immer noch da und hatte die Hände in die Hüften gestemmt. »Sie wird, so schnell es geht, wieder von Bord gehen. Hast du mich verstanden, Olivia?«
   »Hab ich. Ich bin ja nicht taub.« Misses Smith erhob sich von den Knien und zwinkerte Etti zu. Ihrem Mann warf sie einen bösen Blick zu. »Sie hat Hunger. Etwas zu essen werde ich ihr wohl noch geben dürfen.«
   Seufzend wandte sich Mister Smith ab und stellte sich neben den Kapitän an das Steuerrad. Dort holte er ein Fernrohr hervor und blickte auf das Meer.
   »Warum ist er so griesgrämig?«, fragte Etti und rieb sich nachdenklich über die Nase.
   »Ach, Mädchen. Gib nichts darum.« Misses Smith winkte ab. »Er ist in Sorge, das ist alles. Glaube mir, er kann auch nett sein.« Sie griff nach Ettis Hand und führte sie in die Kombüse.
   Etti setzte sich an den Holztisch und beobachtete, wie die Frau etwas Suppe aus einem verbeulten Kessel abschöpfte.
   »Hier, Mädchen. Iss etwas von der Fischsuppe. Sie schmeckt vorzüglich, wenn ich meinem Mann glauben darf.« Misses Smith stellte Etti die Schale vor die Nase.
   »Ihr seid auf dem Weg zur achten Insel, wie ich erfahren habe.« Etti ließ den Löffel unbeachtet, den die Forscherfrau ihr reichte.
   »Ja, das sind wir. Doch wenn ich ehrlich bin, glaube ich nicht, dass es sie gibt. Anders mein Mann, er ist besessen davon, diese Insel zu erforschen.« Seufzend legte Misses Smith den Löffel auf den Tisch und setzte sich zu Etti. »Magst du mir etwas von dir erzählen?«
   Auch wenn sich Etti lieber mit der Frau über die Insel unterhalten hätte, erzählte sie von ihren Eltern und natürlich von Großvater. Als sie Abuelos schrecklichen Tod in Worte fasste, liefen ihr die Tränen in einem Sturzbach über die Wangen. »Ich bin schuld an seinem Tod, weißt du. Er hat sich aufgeregt, weil ich nicht folgen wollte.« Ein tiefer Schmerz fraß sich durch ihr Herz.
   Misses Smith rückte mit ihrem Stuhl näher, nahm Etti in den Arm und wiegte sie an ihrer Brust. »Nein, Mädchen, denk so etwas nie. Dein Abuelo war ein kranker Mann. Mit Nichts hättest du seinen Tod aufhalten können.«
   Etti atmete Misses Smith’ Duft ein, der sie an die Gewürze des Orients erinnerte, und weinte, bis ihr die Augen schmerzten. Nach einer Weile verließ ein letzter schwerer Seufzer Ettis Lippen. Dann kehrten ihre Gedanken wieder zurück zu der achten Insel. Sie löste sich aus der Umarmung und richtete sich auf. Rasch griff sie nach dem Löffel und tauchte ihn in die Schale. »Sag, Misses Smith, warum glaubst du nicht an die achte Insel?«
   »Nenn mich ruhig Olivia.« Die Frau tätschelte Ettis Hand.
   »Du bist wirklich nett, muss ich sagen.«
   »Ich gebe mir Mühe.« Olivia lächelte, wobei sich ihre Wangen ein wenig röteten. »Die Geisterinsel ist eine Legende, deshalb glaube ich nicht an sie.«
   »Mister Smith glaubt aber an San Borondón. Sonst würde er sie nicht suchen. Außerdem hat Christóbal Colón sie in seiner Karte verzeichnet. Ich denke nicht, dass er einfach eine Legende eingezeichnet hat.« Etti sah Olivia herausfordernd an und schob sich den Löffel in den Mund. Die Suppe schmeckte besser als alles, was sie bisher gegessen hatte. Schnell schob sie einen weiteren Löffel hinterher.
   »Du bist ein kluges Mädchen. Woher kennst du die Karte des Christopher Columbus?«
   Etti berichtete ihr, wie sie diese in der Truhe ihres Großvaters gefunden hatte und was der Seemann ihr am Hafen erzählt hatte.
   »So kenne ich die Geschichte auch. Die Insel, die im Nebel verschwindet, sobald man sich ihr nähert. Vorausgesetzt, man sieht sie überhaupt. Der irische Mönch Brendan soll dort fünfhundert Jahre nach Christi Geburt die Messe gelesen haben, und dann soll die Insel mit ihm und den anderen Mönchen wie ein Seeungeheuer fortgesegelt sein. Daher auch ihr Name Sankt Brendan, oder wie die Canarios sagen: San Borondón. Aber wer kann schon wirklich glauben, was in tausenddreihundert Jahren von Mund zu Mund übertragen worden ist.«
   Etti zuckte mit den Schultern. »Geschichten verändern sich mit der Zeit. Das weiß ich. Gibt es vielleicht nicht noch andere Menschen, die auf der Insel gewesen sind?« So recht wollte sie nicht wahrhaben, dass alles nur eine Legende sein sollte. Viel zu tief wirkte der Zauber auf sie.
   »Mit dem Mund und ihrer Fantasie waren einige Seeleute dort. Besonders, wenn sie zu tief in die Rumflasche geschaut haben.« Olivia lachte.
   »Warst du noch nie dort? Ich meine, auf irgendeiner Isla Canaria?«
   »Nein, war ich nicht.« Olivia erhob sich, griff nach Ettis geleerter Schüssel und schöpfte etwas Suppe nach. Ihr Gesichtsausdruck hatte sich verändert, so, als hätte sie Bauchdrücken.
   »Warum glaubt Mister Smith an die Insel?«, fragte Etti. »Es muss doch etwas Wahres an San Borondón sein, wenn sich die Legende über so viele Jahrhunderte hält.«
   Olivia setzte sich wieder zu ihr. Sie presste die Lippen aufeinander und neigte den Kopf zur Seite. »Es war dieser merkwürdige Kapitän, der ihm diese Flausen in den Kopf gesetzt hat.«
   »Was für ein Kapitän?« Ettis Neugierde wuchs von Sekunde zu Sekunde.
   »Wir trafen ihn im Hafen von Palermo. Er war ein hochgewachsener Mann mit Haar, das ihm so hell wie Flachs über den Rücken fiel. Er behauptete tatsächlich …« Olivia verzog das Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen und winkte ab. »Ach was, Hirngespinste waren es, und sonst nichts.«
   »Erzähl mir davon … bitte, Olivia.« Ettis Blick klebte an den Lippen der Forschersfrau.
   »Na gut. Aber ich bin immer noch der Meinung, dass der Kapitän uns ein Märchen aufgetischt hat.« Olivia schenkte sich etwas Portwein ein, nahm einen Schluck und lehnte sich zurück. »Der Kapitän nannte sich Lubro und behauptete felsenfest, von der achten Insel zu stammen. Nur nannte er sie nicht Borondón, sondern Ogonis. Und … nun halt dich fest … er soll sogar der König dieser Insel gewesen sein.« Olivia schüttelte den Kopf und tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. »Solch einen Unsinn habe ich noch nie gehört. Glaubst du das etwa?« Eindringlich sah sie Etti in die Augen.
   Das Mädchen hob die Schultern und schob die Unterlippe vor. »Warum nicht?«
   »Bei dir kann ich das verstehen, du bist noch ein Kind. Da glaubt man einiges.«
   Etti zog eine Schnute und kniff die Augenbrauen zusammen. Sie war kein Kind mehr! Na, vielleicht ein wenig noch, aber längst kein kleines mehr. Außerdem musste Mister Riesenauge doch Beweise für diese Insel haben, sonst hätte er nicht diese Reise angetreten. »Was erzählte Lubro noch?«, hakte sie nach, ohne Rücksicht zu nehmen, ob die Forscherfrau daran glaubte oder nicht.
   Olivia drückte ihren Finger in das Wachs, das an der Kerze hinabgelaufen war und sich nun auf dem Tisch ausbreitete. »Er erzählte, dass die Männer seines Bruders eines Tages den Palast überfallen hätten. Dabei hätten sie alles zerstört – sogar Frau und Sohn getötet. Lubro selbst hätten sie mitgenommen, ihm Steine an die Füße gebunden und ihn ins offene Meer geworfen. Seitdem würde ein falscher König das helle Land auf Ogonis regieren, das sich Viandia nennt. Der neue König hätte sich den Thron mit Gewalt geholt.«
   Durch Ettis Kopf stoben die Gedanken wie ein Sandsturm. »Wie hatte er sich retten können? Und warum ist er nicht auf die Insel zurückgekehrt? Er hätte sich an dem falschen König rächen sollen. Warum hat er das nicht?«
   Olivia stieß schwer den Atem aus. »Angeblich hat er sich eines Tages an einem Strand der Großen Canaria wiedergefunden. Wie er dort hingekommen war, wusste er nicht. Nur nach dem Tod seiner Frau und seines Sohnes mochte er nicht mehr nach Ogonis zurückkehren. Das Leben hatte dort keinen Sinn mehr für ihn, wie er behauptete.« Sie kniff die Augen zusammen und winkte ab. »Der war nicht ganz bei Trost, glaube mir. Aber das Schlimme ist, mein John vermutet etwas Wahres an der Geschichte. Von daher sind wir zu dieser Reise aufgebrochen.«
   Etti blieb die Spucke weg. Jetzt musste sie erst recht diese Insel finden.

Kapitel 5

Lydara sah ihrem Sohn fest in die Augen, die ein Spiegel ihrer selbst waren. »Was geht es dich an, wo ich war? Aber wenn du es genau wissen willst, ich war bei deinem Vater.« Sie schmiss den Umhang auf das Bett in ihrem Gemach. Mehr als je zuvor glaubte sie, in der Finsternis ihres Palastes zu ersticken. Klebriger Staub legte sich auf ihre Lungen und raubte ihr die Luft zum Atmen.
   »Hast du ihm endlich gesagt, dass er einen Sohn hat?« Forin nahm den Umhang auf, faltete ihn zusammen und verstaute ihn in einer der Truhen.
   Lydara stieß ein verächtliches Lachen aus und warf ein Holzscheit in den Kamin. »Sieh dich an. Glaubst du ernsthaft, er würde dich als seinen Sohn annehmen?«
   Forin zuckte mit den schmächtigen Schultern. »Warum sollte er nicht? Soweit ich weiß, hat er nur eine Tochter.«
   »Dein Vater ist ein starker Krieger. Und was bist du? Nicht mehr als ein dürrer Ast. Der leiseste Windhauch bläst dich um.« Lydara rieb sich mit den Fingern die Schläfen. »Schenk mir etwas Wein ein, ich bin durstig von der Reise.«
   In Forins Augen schimmerten Tränen. Seine Finger zitterten so sehr, dass er den Wein verschüttete, als er Lydara den Kelch reichte.
   »Ich weiß nicht, warum ich solch einen Schwächling geboren habe«, fauchte sie und blickte zu ihren Stiefeln, an denen rote Rinnsale von Wein hinabliefen. »Geh mir aus den Augen, du Nichtsnutz!«
   Wortlos verließ Forin das Gemach. Es gab Tage, da konnte Lydara ihn nicht vor Augen sehen. Und auch heute wünschte sie, ihr Sohn wäre nie geboren worden. Sie setzte sich auf das Bett und streifte die Stiefel von ihren Beinen. Forin war ein Träumer, der den Tag damit verbrachte, unnötige Geschichten aufs Papier zu kritzeln.
   Lydara ließ sich rücklings auf das Bett fallen und starrte gegen die Deckenbalken. Die Reise hatte sie mehr angestrengt, als sie sich eingestehen wollte. Gerade, als ihr die Lider schwer wurden, klopfte es an der Tür. Zähneknirschend richtete sich Lydara wieder auf.
   Rosnis trat ein und verbeugte sich vor ihr.
   »Was willst du?«, keifte Lydara.
   Der Zauberer hob den Blick aus den grauen Augen und wischte sich einen Tropfen von der Knollennase. »Mich nach Eurem Befinden erkundigen. Wie hat Euch Taronu empfangen?«
   Ob die weiße Strähne immer schon sein schwarzes wallendes Haar durchzogen hatte? Lydara konnte sich nicht erinnern. »Taronu ist der größte Dreckskerl, den es auf Ogonis gibt. Aber ich weiß schon, wie ich ihn gefügig machen werde.« Sie betrachtete ihre Fingernägel. Warum bloß war ihr dieser Einfall noch nicht eher gekommen? »Du wirst mir dabei zu Diensten stehen, Rosnis.«
   »Ich ahne Schreckliches.« Die Lippen des Zauberers wurden schmal.
   »Du willst mir widersprechen?«
   »Nein, nein, Herrin.« Der Zauberer schüttelte so heftig den Kopf, dass sein Haar wild umherflog.
   »Pass auf, es geht um die Panteja. Du wirst …« Plötzlich sah Lydara ihren Sohn durch die Tür schreiten.
   »Was hast du mit der Panteja vor, Mutter?« Forins Blick verdunkelte sich.
   »Das geht dich nichts an. Verschwinde!« Lydara sprang aus dem Bett und griff nach den Schultern ihres Sohnes.
   »Und ob es mich etwas angeht. Es geht hier um unser aller Leben, vergiss das nicht.«
   Lydara holte aus und verpasste Forin eine schallende Ohrfeige. Ihr Sohn rieb sich die Wange und sah sie mit verschleierten Augen an. Dann wandte er sich ab und verließ erneut das Gemach.
   Sie blickte zu Rosnis. »Du wirst ihn aus dem Weg schaffen. Verstehst du mich?«
   Das Gesicht des Zauberers erstarrte, als wäre es aus Stein geschlagen. »Aus dem Weg schaffen? Was meint Ihr damit, Herrin?«
   »Er ist gegen mich. Dreh ihm den Hals um«, zischte Lydara.

*

Rosnis hatte sich in seine Kammer im Kellerverlies zurückgezogen, um sich auf die Reise zur Panteja vorzubereiten. Die Planungen waren nun abgeschlossen und morgen sollte er aufbrechen. Lydara drängte ihn, dabei hätte er gern genauer den Weg studiert.
   Lange Zeit hatte er das Schloss nicht mehr verlassen und fürchtete sich ein wenig davor. Noch während er in seine Gedanken versunken war, öffnete sich die schwere Holztür einen Spalt und Forins rabenschwarzer Schopf lugte hervor.
   »Darf ich eintreten?«
   Rosnis nickte zur Antwort. In seinem Hals steckte ein Kloß, der ihm die Stimme raubte. Heute Vormittag hatte Lydara ihm erneut befohlen, Forin aus dem Weg zu schaffen. Ihre Worte nach dem Besuch bei Taronu waren also ernst gemeint gewesen. Rosnis hatte erst gehofft, sie wären ihrem Zorn entsprungen. Das Herz wurde ihm schwer. Noch vor seiner Reise sollte er den Jungen in ein Insekt verwandeln. Dabei stand Forin mit seinen achtzehn Lenzen noch das ganze Leben bevor. Zum König taugte er nicht, dazu war er zu zartbesaitet. Aber was hieß das schon? Auch ohne König zu sein, konnte er ein zufriedenes Leben führen.
   In seinem Herzen tosten schwarze Wolken. Lydara würde ihn aus dem Schloss verbannen, wenn er ihrem Befehl nicht folgte.
   »Sieh, Rosnis. Ich habe ein neues Gedicht geschrieben. Willst du es hören?« Forin hielt ihm ein vergilbtes Papier hin, auf dem er in fein geschwungenen Buchstaben seine Worte festgehalten hatte.
   »Ja, Junge. Setz dich und trag es mir vor.« In Rosnis’ Nase brannte der Rotz. Dieses Gedicht würde die letzte Erinnerung an den Jungen sein, die ihm blieb. Sein Blick fiel auf das Zauberbuch.
   Forin ließ sich in dem Ohrensessel nieder. »Der Wind weht die Worte zu dem verwunschenen Orte. Doch wen sollen sie erreichen, wenn alle Götter weichen …«
   Ein Seufzer verließ Rosnis’ Kehle. Der Junge war wirklich nicht der größte Dichter. Die Gedanken des Zauberers schweiften ab. Lydara würde außer sich vor Zorn sein, wenn er den Jungen nicht verschwinden ließ. Und jedes Mal, wenn sie ihn anraunte, schlug ihr Unmut eine tiefe Kerbe in sein Herz. Er blätterte in dem Zauberbuch. Wie sehr sehnte er sich nach einem warmen Wort der Herrscherin.
   »Der König liebte seinen Sohn. Und das ganz ohne Hohn …«
   Das Gedicht war grausig. Rosnis fuhr mit dem Finger über den Zauberspruch, mit dem er Forin in ein Insekt verwandeln konnte. Mirabara, Kirafingen, fliege davon mit seidenen Schwingen. Der Verfasser konnte genau so schlecht dichten wie Forin. Musste er den Jungen wirklich verzaubern? Was verlangte Lydara von ihm? Rosnis presste die Lippen aufeinander und ließ die Schultern hängen.
   »Wie gefällt es dir?« Forin rollte das Papier zusammen und verstaute es in dem Gürtel seines Gewands.
   »Wunderbar, Junge. Wirklich wunderbar«, murmelte Rosnis. Er durfte nicht mehr länger warten. Jede Sekunde, die verstrich, würde ihn mehr und mehr zögern lassen. Mit einem Ruck hob er die Arme. »Mirabara, Kirafingen, fliege davon mit leichten Schwingen!«
   Vor seinen Augen verpuffte Forin zu einer Rauchwolke. Der Gestank von Schwefel zog durch das Kellerverlies. Als sich der Rauch verzog, fiel die Papierrolle wie von Geisterhand zu Boden. Rosnis schaute sich unsicher um. Es kam nicht oft vor, dass sein Zauber auf Anhieb wirkte. Musste es denn ausgerechnet diesmal so sein? »Leb wohl, Forin«, krächzte er und glaubte, an den Worten zu ersticken. Er brauchte dringend frische Luft! Rosnis griff nach seinem Umhang, verließ die Kammer und stieg die enge Treppe hinauf. Auf dem Schlosshof atmete er die klare Nachtluft, die seine brennende Lunge kühlte. Um eine Fackel an der Mauer schwirrte eine Motte. Neben ihr lauerte ein fast durchsichtiger Gecko im Schutz des Schattens. Mit ausgeweiteten Flügeln heftete sich die Motte an das Gestein, um dort zu verharren. Der Gecko schnellte hervor. Seine Zunge hatte die Motte schneller gefasst, als Rosnis’ Blick folgen konnte. »Was habe ich getan? Was habe ich getan?«, schluchzte er in die Nacht.

*

Emeric hob das Langschwert vom Boden auf, durchschnitt mit einem Hieb die Luft und stach es in den Baumstumpf zu seinen Füßen. Vor seinem inneren Auge sah er seinen Feind auf dem Boden liegen – die Klinge in seiner Brust. Bald würde sich Emeric holen, was ihm gebührte …
   Das Klirren von Metall auf Metall in seinem Rücken riss Emeric aus dem Tagtraum. Mit einer schnellen Handbewegung riss er das Schwert aus dem Baumstumpf und fuhr herum. Atemlos blickte er in das bärtige Gesicht des Schmieds. Seine Muskeln lockerten sich wieder, und er ließ das Schwert in seiner Hand sinken. »Musst du mich so erschrecken, Rabin?«
   Der Schmied hatte einen Stapel Schutzschilde ins Gras fallen lassen und rieb sich über die kräftigen Oberarme. »Hier sind sie! Genau, wie du sie haben wolltest.«
   Emeric schritt auf Rabin zu und griff nach einem der Schilde. Das Sonnenlicht brach sich in dem Stahl und blendete ihn. Er drehte es ein wenig, damit er das Wappen genauer betrachten konnte und strich über den Falken, der mit ausgestreckten Schwingen über zerrissene Felsen glitt. »Gute Arbeit, Rabin.« Emeric hob das Schwert und richtete es auf den Schmied. »Lust auf einen Kampf?«
   »Ne, bestimmt nicht.« Rabin winkte ab. »Hab die letzte Zeit viel Arbeit mit deinem Rüstzeug gehabt, Junge. Gönn mir altem Mann mal eine Pause und übe mit deinesgleichen.« Der Schmied strich sich über den Bauch, der sich unter seinem grauen Kittel wölbte.
   Emeric steckte das Schwert zurück in die Scheide und trug es in den Holzverschlag, der mittlerweile als Waffenkammer diente.
   Die kleine Hütte befand sich in einem Lorbeerwald, inmitten eines Barrancos. Zu beiden Seiten zogen sich steile Felswände hoch, als hätte jemand mit einer Axt die Berge geteilt.
   Der Schmied hob die Schilde auf und folgte Emeric. »Wie laufen die Vorbereitungen?«, fragte er, während er sie in dem Verschlag neben den anderen Waffen ablegte.
   »Bestens«, stieß Emeric aus. Sein Blick wanderte über das Rüstzeug. Schwerter, Dolche, Morgensterne, Pfeile neben ihren Bögen und sogar eine Kanone konnte er sein Eigen nennen. Dazu gab es keinen Mann im Dorf, der nicht bereit war, mit ihm zu kämpfen. In Emerics Herz loderte die Sehnsucht nach Genugtuung.
   »Weißt du schon, wann?«, fragte der Schmied.
   Nachdenklich blickte Emeric zu der Tür des Holzverschlages. »Bald schon.«
   »Was heißt das?«
   Emeric hasste es, wenn er sich festlegen musste. Die Götter der Zeit würden es ihm flüstern, wenn es so weit war. »Unsere Männer müssen gut vorbereitet sein. Ich will nicht, dass nur einer von ihnen sein Leben lässt.«
   »Das wirst du nicht vermeiden können, Junge.« Der Schmied zuckte mit den Schultern. »Verluste gibt es immer.«
   Emerics Leib krampfte sich zusammen. Da war sie wieder – die Angst, die ihn die ganze Zeit davon abhielt, um sein Erbe zu kämpfen. Rabin sprach von Verlusten, er selbst nannte es Menschenleben. Die Männer im Dorf waren nicht kampferprobt. Nicht in einer richtigen Schlacht. Und er war kein Heerführer. So etwas gab es in Viandia nicht. Dazu hatte sich Emeric den Schwertkampf selbst beigebracht. Wie sollte er wissen, was seine Fähigkeiten taugten, wenn er sich noch nie ernsthaft hatte verteidigen müssen?
   Noch während er in seinen Gedanken versunken war, vernahm Emeric ein dünnes Stimmchen, das irgendwo weinte. Eilenden Schrittes trat er aus dem Verschlag und ließ den Blick durch die Stämme der Lorbeerbäume schweifen. Er erblickte einen Jungen zwischen dem Tüpfelfarn. Emeric trat näher und hob die Hände, um dem Knaben zu zeigen, dass er ihm nichts Böses wollte. Der Kleine sah ihn mit großen Augen an. An seinem Leib trug er nur einen Sack, in den Löcher für Arme und Kopf gerissen waren. Sein Haar loderte wie Flammen von seinem Kopf und auf seiner Schulter saß eine männerhandgroße Echse, deren Schwanz in dem gleichen Blau schimmerte wie die Augen des Knaben.
   Emeric stutzte. Diesen Jungen mit dem feuerroten Haar hatte er im Dorf noch nie gesehen. »Wer bist du, und wo kommst du her?«, fragte er und kniete sich vor ihn.
   Der Knabe zog die Nase hoch und wischte sich mit dem Ärmel über die nassen Wangen. »Ich weiß nicht …«
   »Wie, du weißt es nicht? Was soll das denn bedeuten?«
   Der Junge begann wieder zu weinen.
   »Merkwürdiges Kerlchen.« Der Schmied kratzte seinen Bauch. »Vielleicht ist er auf den Schädel gefallen.« Rabin beugte sich über den Knaben und durchwühlte seine Zotteln.
   Ein Bibbern fuhr durch den Leib des Jungens, das von Schluchzern begleitet wurde. Die Echse auf seinen Schultern fauchte in Rabins Richtung. Eine gelbe Pfütze bildete sich zu den Füßen des Knaben.
   »Lass ihn.« Emeric stieß Rabins Hand fort. »Wie es aussieht, ist er unverletzt.«
   »Solch ein Haar habe ich hier in Viandia noch nie gesehen.« Nachdenklich neigte der Schmied den Kopf und zog die Stirn in Falten.
   »Ich dachte bisher auch, hier gäbe es nur Blond- und Grauschöpfe.« Emeric fuhr sich durch sein Haar. »Komm, ich bring dich erst einmal in unser Dorf.« Er fasste den Jungen an die Hand und führte ihn an dem Verschlag vorbei.
   Der Knabe schniefte, folgte aber brav. Ohne zu zögern, stapfte der Schmied hinter ihnen her und verließ ebenfalls den Barranco.
   Am Fuße des Roque Cayanto erreichten sie das Höhlendorf Mirama. Irgendwann vor langer Zeit hatten die Ureinwohner von Ogonis das Lavagestein ausgehöhlt, um sich darin niederzulassen. Bis heute lebten ihre Nachfahren in den Felsen. Eine alte Frau quälte sich die Gesteinsbrocken hoch, die fast wie Stufen angeordnet waren, und verschwand in einem der Eingänge, vor dem sich ein gelbrot gestreifter Stoff spannte. Neben den anderen Löchern wucherten Drillingsblumen in einem satten Orange und überzogen den Felsen. Eine rundliche Frau trat auf die Plattform ihrer Höhle und zupfte hier und da ein paar verwelkte Blättchen ab. Ziegen meckerten, die von einem hochgewachsenen Mann den Pfad hinaufgetrieben wurden. Er trug die einfache Kleidung der Männer im Dorf wie auch Emeric selbst. Weit geschnittene Hemden, die in der Taille mit einem ledernen Gürtel zusammengebunden wurden. Darunter eng anliegende Hosen und geschnürte Stiefel aus Ziegenleder. Laut lachend liefen einige Kinder einem Hund hinterher. An seinen Schwanz hatten sie einen Zinnbecher gebunden, der nun über die Felsen schepperte. Doch als sie den neuen Jungen mit der Echse auf der Schulter sahen, hielten sie in ihrem Lauf inne und betrachteten ihn aus sicherer Entfernung.
   Emeric ließ die Hand des Jungen los und beugte sich ein wenig vor, um ihm in die Augen zu blicken. »Ist dir nun eingefallen, wie du heißt?«
   Der Knabe presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf. Eine Träne löste sich aus seinen Wimpern. Wie eine Perle rollte sie über die geröteten Wangen.
   »Weißt du wenigstens, wie das Getier da auf deiner Schulter heißt?«
   Die Echse reckte den Kopf vor, als wüsste sie, dass über sie gesprochen wurde.
   »Nein.«
   Emeric erhob sich wieder. »Komm erst einmal mit in meine Höhle. Aber wisch dir vorher die Tränen ab. Madra Calissa kann es nicht ausstehen, wenn Männer heulen.«
   Rabin klopfte Emeric auf die Schulter. »Ich ziehe mich zurück in meine Schmiede. Ich denke, du wirst den Jungen schon zum Reden bringen.«
   Der Eingang zu Emerics Höhle befand sich am Fuße des Berges unterhalb der Götterhöhle. Sie brauchten nur einen kleinen Felsen zu erklimmen, um auf die Plattform zu gelangen, die zu dem Eingang führte. Hier blühten in irdenen Gefäßen übergroße Blumen in bunten Farben.
   Emeric schob das Fell zur Seite und zog den Jungen hinter sich her in das Innere. Seine Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, wie immer, wenn er in die kühle Höhle trat.
   Madra saß auf einem Flickenteppich und kämmte ihr weißes Haar, das ihr bis zu den Hüften reichte. Dabei summte sie eine fröhliche Melodie. Unzählige Falten umkränzten ihre Augen, die wie Kugeln aus Milch in den tiefen Höhlen lagen. Die Älteste des Dorfes lebte in einer Dunkelheit, in der sie mehr sah, als jemand mit Augenlicht hätte erblicken können. Sie war eine wahre Sehende. Die Fackeln an den Wänden tauchten die Höhle in ein dämmriges Licht. Und über allem waberte der Duft von gebratenem Hammelfleisch. An den Hauptraum, in dem sich auch die Kochstelle befand, grenzten zwei weitere Räume. In einem schlief Emeric, in dem anderen Madra. Trotz ihres hohen Alters waren Madras Hüften schlank. Als sie Emerics Eintreten bemerkte, legte sie den Kamm zur Seite und erhob sich. »Wen hast du da mitgebracht?« Ihr sonst so freundliches Gesicht verdunkelte sich.
   »Der Knabe stand auf einmal vor mir, als wäre er vom Himmel gefallen. Er weiß weder, woher er kommt noch wie er heißt.« Emeric schob den Jungen an den Schultern zu Madra.
   Die alte Frau strich über das Gesicht des Jungen. Plötzlich zog sie die Hand fort, als hätte sie in glühende Kohlen gefasst. »Schaff ihn fort, ich will ihn nicht in unserem Dorf haben.«
   In den Augen des Jungens schimmerten erneut Tränen. Er biss sich auf die Unterlippe und rannte aus der Höhle.
   Emeric sah Madra verständnislos an. »Was ist bloß in dich gefahren?«
   »Etwas Dunkles umgibt den Jungen. Er trägt das Unheil in sich. Schaff ihn fort, sagte ich!« Madra Calissa taumelte zu einem Stuhl und ließ sich schwer atmend auf der Sitzfläche nieder.
   Ohne sie weiter zu beachten, verließ Emeric die Höhle. Der Junge saß auf einem Felsen und strich über den schillernd-blauen Schwanz der Echse. Seine geröteten Wangen waren nass von Tränen.
   »Komm mit mir«, forderte Emeric ihn auf.
   Der Junge schaute zu ihm auf und nickte stumm. Auf seinen kurzen Beinen trippelte er hinter Emeric aus dem Dorf. Der Weg führte zurück in den Barranco, wo sich das Waffenlager befand. Die Tür des Schuppens knarzte, als würden die rostigen Scharniere ein Stöhnen von sich geben. Emeric holte einen Holzbecher aus dem Verschlag, band den Lederschlauch von seinem Gürtel und goss dem Jungen etwas Wasser ein.
   Schnell wischte sich der Kleine die Tränen von den Wangen und nahm den Becher entgegen. Doch bevor er ihn an die Lippen setzen konnte, war die Echse mit einem Satz auf dem Rand und tauchte den Kopf in den Becher. Ein Lächeln umspielte die Lippen des Jungens. »Gierhals«, stieß er aus.
   »Das ist der richtige Name für das Getier.« Emeric kniete sich neben ihn. »Nennen wir es doch so. Oder?«
   Der Kleine nickte, dann entzog er der Echse den Becher und leerte ihn rasch.
   Emeric strich ihm über das feuerrote Haar. »Nun brauchen wir nur noch einen Namen für dich, Junge. Was hältst du von Mino?«
   »Gefällt mir. Aber du sollst mich doch fortbringen, hat Madra gesagt.«
   »Das habe ich doch. Du bleibst erst einmal hier in meinem Schuppen. Später bringe ich dir dann noch etwas zu essen.« Emeric sog tief den Atem ein. Er verstand nicht, warum Madra Calissa so feindselig gegenüber dem Jungen war. War er nicht genauso ein Findelkind, wie er es damals gewesen war?

Kapitel 6

Etti legte die Arme auf die Reling, ließ den Blick über den Atlantik schweifen und dachte an die Islas Canarias. Da sah sie auch schon die Spitze des Teide, den heiligen Berg der Guanchen. Seine schneeweiße Spitze stach in den strahlenden Himmel. Hoffentlich legte Mister Smith nicht dort an, um sie von Bord zu schicken.
   Olivia war hinter sie getreten, und strich über Ettis Rücken. »Hast du gesehen? Wir sind vor Tenerife.«
   »Ja«, entgegnete Etti und konnte sich den Seufzer nicht verkneifen, der ihrer Brust entwich. »Muss ich dort von Bord gehen?«
   »Ich fürchte, ja.« Olivia legte ebenfalls die Arme auf die Reling und blickte zu Tenerife.
   »Warum kann ich nicht bleiben? Ich kann doch an Bord mit anfassen. Glaub mir, ich weiß, wie man Segel hisst, und auch wieder einholt.«
   Olivia lächelte. »Das glaube ich dir. Aber du musst in die Schule. Wenn du groß bist, kannst du immer noch zur See fahren.«
   »Ich muss nicht in die Schule, das hat Zeit. Im Augenblick muss ich nur wissen, was es mit der achten Insel auf sich hat.« Etti schmollte. Olivia war wohl doch nicht auf ihrer Seite, wie sie zuvor gedacht hatte. Enttäuscht wandte sie sich von der Forschersfrau ab und rannte zu der Kajüte. In der Koje, die sie mit den anderen Seeleuten teilte, legte sie sich auf ihre Pritsche und starrte gegen die Holzbalken über ihr. Wenn sie wirklich von Bord gehen müsste, dann würde sie sich auf ein anderes Schiff schleichen. Nichts und niemand konnte sie von ihrem Vorhaben abhalten. Etti war sich sicher, sie würde die achte Insel sehen können – und vielleicht auch betreten. In Gedanken malte sie sich aus, wie sie gegen Feuer speiende Drachen kämpfte, zwischen den Beinen von Riesen lief und auf den Schwingen eines Adlers über die Berge flog. Bald schon fiel sie in den Schlaf und ließ die Bilder in ihren Träumen wahr werden.
   Irgendwann vertrieb ein Poltern sie aus dieser Welt. Etti hörte ein Rülpsen und kurz darauf furzte jemand, als bliese er in eine Tuba. Sie schlug die Augen auf und sah Peter mit einer Funzel durch die Koje stolpern. Der Seemann stank, als hätte er in einem Fass Rum gebadet.
   »Sieh an«, lallte er, »unser Kapitän Zwerg ist noch wach.«
   »Halt’s Maul, Peter«, brummte Mick von einer anderen Pritsche.
   »Genau«, raunte Etti. Mit Mick an ihrer Seite brauchte sie sich vor Peter nicht zu fürchten.
   Peters Lachen schallte durch die Koje. »Dein Maul ist größer als du selbst, Kapitän Zwerg.«
   »Ruhe, verdammt noch mal«, brüllte nun Mick.
   »Ja, Ruhe. Verdammt«, plapperte Etti ihm nach.
   »Das gilt auch für dich, Gör«, sagte Mick und fiel ihr damit in den Rücken.
   Etti kuschte. Mit den anderen Seeleuten wollte sie es sich bestimmt nicht verscherzen. Es reichte, wenn Peter sie dauernd hänselte.
   Kurze Zeit später schnarchte Peter, als wollte er einen ganzen Wald absägen. Etti hörte, wie Mick seufzte und sich die Decke über die Ohren zog. Dann fiel ihr ein, dass sie bestimmt Tenerife hinter sich gelassen haben mussten. Wenn sie nur wüsste, wie lange sie geschlafen hatte. Aufzustehen, und an Deck zu gehen, traute sie sich aber nicht. Stattdessen hoffte sie, Olivia hätte ein gutes Wort für sie bei Mister Smith eingelegt.

Etti blinzelte in das Licht und sah, wie sich Mick bereits das Hemd überzog. Hatte sie wirklich noch schlafen können? Rasch sprang sie von ihrer Pritsche, glättete mit der Hand ihr Haar und setzte sich Abuelos Mütze auf.
   Auf dem Deck blickte Etti erst einmal auf den Atlantik und stellte freudig fest, dass sie bereits an El Hierro vorbeisegelten. Dann sah sie Olivia neben Mister Smith an dem Steuerrad stehen.
   Der Forscher blickte durch ein Fernrohr und schüttelte sichtlich fassungslos den Kopf. »Oh, mein Gott. Da ist sie. Großartig!«
   Etti stockte der Atem. Bestimmt hatte er San Borondón erblickt. Sie lief zu dem Forscherehepaar, schirmte sich mit der Hand die Augen ab und blickte zum Horizont. Da! Nun sah sie auch die Berge, die sich aus Nebelschwaden emporhoben.
   Olivia zupfte an Mister Smith’ Ärmel. »Lass mich auch mal schauen, John.«
   »Dazu brauchst du kein Fernrohr.« Etti streckte den Arm aus und zeigte auf die Insel. »Sie ist deutlich zu erkennen. Siehst du nicht?«
   »Da ist nur ein Haufen Wolken, aber keine Insel.« Olivia presste die Lippen aufeinander und blickte angestrengt über den Atlantik.
   »Hier, sieh!« Mister Smith reichte ihr das Fernrohr.
   Rasch nahm Olivia es ihm aus der Hand und hielt es sich vor das Auge. »Ich sehe nur Wolken.«
   Aufgeregt trippelte Etti neben ihr her. »Und aus ihnen ragen schwarze Gipfel. Schau genau hin, Olivia.« Was hätte sie dafür gegeben, ein Blick durch das Rohr werfen zu können.
   Der Kapitän des Schoners trat zu ihnen. »Habt ihr die Insel entdeckt?«
   »Ja, dort.« Etti zeigte wieder mit dem Finger auf die schwarzen Berge.
   »Da ist nur ein Haufen Wolken. Sonst nichts.« Der Kapitän kniff die Augen zusammen. Dann riss er Olivia das Fernrohr aus der Hand und blickte hindurch.
   Gebannt starrte Etti ihn an.
   »Da ist wirklich nichts. Ich glaube, deine Fantasie geht mit dir durch, Mädchen.« Der Kapitän ließ das Fernrohr sinken und sah Etti mit hochgezogenen Augenbrauen an.
   »Das Mädchen fantasiert nicht. Ich sehe sie auch. Ganz deutlich! Nimm Kurs auf, Kapitän Blue Eye«, stieß Mister Smith atemlos aus.
   »Kurs auf einen Haufen Wolken, die über dem Atlantik wabern?« Blue Eye tippte sich mit dem Finger an die Stirn.
   »Wer die Musik bezahlt, bestimmt, was gespielt wird. Also steuer diese Insel an.« Mister Smith’ Gesicht rötete sich. »Wenn du und Olivia sie nicht sehen könnt, heißt das nicht, dass es sie nicht gibt. Verstanden?«
   Der Kapitän trottete zu seinem Steuerrad und riss es herum. »Wie Ihr wollt.«
   »Nein, John«, schrie Olivia. »Es ist unverantwortlich, in diese Wolken zu segeln.« Mit einem flehenden Blick in den Augen griff sie nach dem Arm ihres Mannes.
   »Ich bin so kurz davor.« Mister Smith hielt Zeigefinger und Daumen vor Olivias Nase, um ihr zu zeigen, wie knapp der Abstand war. »Glaubst du, ich kehre einfach wieder um? Nein, Frau, bestimmt nicht.«
   Die schwarzen Berge vor Ettis Augen wurden größer und größer. Dann umgab sie Nebel und mit einem Mal frischte der Wind auf. Eine Böe erfasste den Schoner. Etti klammerte sich an die Reling, um nicht den Halt zu verlieren. Bald darauf wiegelte die See auf, als würde sich jeden Augenblick ein Ungeheuer daraus emporheben. Eine riesige Welle klatschte über die Reling und riss Olivia zu Boden. Mister Smith half ihr auf die Beine. Wasser peitschte Etti ins Gesicht und mit einem Mal triefte sie, als wäre sie ins Meer gefallen. Um sich vor dem Sturm und der Gischt zu schützen, rutschte Etti zu Boden und drückte sich neben Olivia und Mister Smith mit dem Rücken gegen die Schiffswand.
   Die Seeleute rannten über das Deck, versuchten die Segel einzuholen. Peter fiel über Bord. Die Schreie der Männer fegten mit dem Sturm davon. Noch nie in ihrem Leben hatte Etti solch ein Unwetter erlebt. Sie kniff die Augen zusammen und hielt sich die Ohren zu. Bestimmt würde bald alles vorbei sein. Eine Welle hob das Schiff an, sodass es fast senkrecht in der Luft stand. Etti und die Smiths rutschten über das Deck, bis sie an Backbord von der Schiffswand gebremst wurden. Bald darauf senkte der Schoner sich wieder. Hart schlug er auf einen Felsen.
   »Wir sinken«, schrie eine Stimme.
   Das Deck lief voll Wasser. Etti starrte auf die See und riss die Augen auf. Eine riesige Welle rollte auf den Schoner zu. Wie eine eiskalte Hand umklammerte die Todesangst ihren Hals. Etti wurde fortgerissen. Um sie herum sprudelte die Gischt. Finsternis hüllte sie ein.

*

Jameena klappte den Deckel der Truhe auf und starrte auf ihre Gewänder, die sorgfältig gefaltet darin lagen. Auch die Hohepriesterin hatte es bestätigt: Sie musste zurück in den Palast ihres Vaters. Morgen schon! Dorthin, wo sie eine Fremde war. Dabei lebte sie hier im Tempel, seit sie von der Brust ihrer Mutter entwöhnt worden war. Nie hatte sie sich gewünscht, im Palast zu leben. Dazu kannte sie ihren Vater nicht einmal. Doch es war ihr egal. Tränen konnte sie darüber schon gar nicht vergießen.
   Sie schmiss ihre Kämme auf die Gewänder und ließ den Deckel zufallen. Dann schritt sie zum Fenster und blickte auf den Garten, den die Abendsonne vergoldete. Vier junge Nymphen saßen im Gras, plapperten und kicherten. Ihr lichtblondes Haar fiel ihnen seidig über den Rücken. Alle Schülerinnen waren hochgewachsene Mädchen, die sich kaum voneinander unterschieden. Bis auf die Gesichtszüge sahen sie alle gleich aus. Wenn Jameena im Palast ihres Vaters war, würde sie sich als Erstes das lange Haar abschneiden. Sie mochte keine Nymphe mehr sein. Alles, was sie so geliebt hatte, war unwichtig geworden. Und daran war nur diese verdammte Höhle schuld. Seit sie wieder zurück war, fühlte sie sich, als würde kaltes Blut durch ihre Adern fließen.
   Die Tür öffnete sich und die Hohepriesterin trat ein. Ihr Gesicht wirkte, als wäre es in Stein geschlagen. »Hast du gepackt, um morgen deine Reise antreten zu können?« Wie ein eisiger Wind strich ihre Stimme durch den Raum.
   Jameena verstand das nicht. All die Jahre hatte sie geglaubt, Esra würde sie lieben wie eine Mutter ihre Tochter. Nun schien alles anders zu sein.
   Die Hohepriesterin setzte sich auf einen Stuhl. »Du bist selbst schuld. Erwarte kein Mitleid von mir.«
   »Das tue ich nicht. Darf ich Euch noch etwas fragen?«
   Esra hob die Schultern und verzog die Lippen. »Wenn es sein muss.«
   »Ich hatte gedacht, es würde mich traurig stimmen, wenn ich von hier gehen müsste. Dem ist nicht so. Es ist mir egal. Und ich habe das Gefühl, Euch geht es ebenso. Werdet Ihr mich nicht vermissen?«
   »Doch, das werde ich. Aber es ist von den Göttern bestimmt, dass du gehen musst, wenn du die Prüfungen nicht bestehst.«
   »Dabei habe ich so gern hier gelebt.« Durch das Fenster drang ein Musikspiel von Flöten zu Jameena. Es war das Lied, das sie hier im Tempel als Erstes von Esra gelernt hatte. Jameena horchte in ihr Herz. Warum fühlte sie bei dieser Melodie nichts? Warum musste sie nicht weinen, obwohl der Abschied nahte? Sie blickte wieder zu Esra.
   Die Hohepriesterin starrte mit regungsloser Miene auf die Truhe. »Deine Zeit im Tempel ist vorbei. Deinen Platz bekommt eine andere Nymphe. Ich hoffe nur, Than wird mit ihr als Gemahlin zufrieden sein. Wir werden viele Opfer bringen müssen, da sie nicht von königlichem Blut sein wird.«
   Jameena fasste es nicht. Esra sprach, als wäre sie bereits nicht mehr da. Sollte ihre Zeit, die sie hier verbracht hatte, wirklich so enden? Das grenzte an Unverschämtheit.
   Die Hohepriesterin erhob sich. »Lass uns einen letzten Spaziergang durch den Garten machen.«
   Sie hätte sich am liebsten geweigert, besann sich aber eines Besseren. Vielleicht könnte sie doch noch herausfinden, was mit ihrem Herzen geschehen war.
   Gemeinsam schritten Jameena und Esra durch den Garten des Tempels. Das rote Licht der untergehenden Sonne überzog die Kronen der Drachenbäume. In den Käfigen krächzten die Papageien. Esra trat auf einen von ihnen zu, öffnete die Tür und fütterte den bunten Vogel mit getrockneten Datteln. Der Papagei wippte freudig mit dem Kopf. Sie dachte daran, dass sie noch vor nicht allzu langer Zeit geschworen hatte, ihm die Federn auszurupfen. Aber wozu? Was konnte der arme Vogel für ihre Unwissenheit?
   Esra verschloss wieder den Käfig und sah Jameena nachdenklich an. »Du hast recht. Etwas stimmt nicht mit unseren Herzen. Wenn ich nur wüsste, was.«
   »Esra, ich möchte so nicht gehen müssen. Ich möchte das scharfe Schwert des Abschieds spüren können. Sonst war doch alles sinnlos hier, und das soll es nicht sein. Auch wenn es schmerzen wird, aber das ist besser, als nur Gleichgültigkeit zu spüren.« Jameena sah zu der Hecke, in der sich zwischen den roten Hibiskusblüten die Spatzen zankten. »Was ist los mit mir?«
   Esra hob die Hände und blickte verzweifelt in den Himmel, an dem sich purpurfarbene Wolken zerrissen. »Ich weiß es nicht.«
   Eine Hand legte sich auf Jameenas Schulter, und sie zuckte zusammen. »In Viandia geht etwas nicht mit rechten Dingen zu.«
   Gedankenverloren, wie sie war, hatte Jameena nicht bemerkt, dass Goro mittlerweile zu ihnen getreten war. Sie wandte sich zu ihm um. »Sagt, Goro, geht es Euch ebenso wie uns? Ich meine, diese Gleichgültigkeit im Herzen, die ich spüre. Ich müsste doch traurig sein. Aber so ist es nicht.« Jameena sog tief den Atem ein.
   »Ja, es geht mir genauso. Ich spüre auch keine Trauer. Obwohl ich mich immer vor diesem Augenblick des möglichen Abschieds gefürchtet habe. Schließlich war es in all den Jahren nicht schwer gewesen, dich ins Herz zu schließen, Mädchen.« Der Weise senkte den Blick und grub seine bloßen Zehen ins Gras.
   Esras Blick schweifte zu den schwarzen Bergen, die lange Schatten auf das Tal warfen. »Es hilft alles nichts. Wir müssen den See der Erkenntnis fragen.«
   Goro stieß schwer den Atem aus. »Du weißt, dass dies nur einmal in hundert Jahren geschehen darf.«
   »Natürlich weiß ich das. Aber etwas stimmt nicht mit der Panteja. Das spüre ich. Und du weißt, was das bedeutet!« Esra hob mahnend den Zeigefinger ihrer bleichen Hand.
   »Der Verfall von Viandia«, krächzte Goro heiser. Aus seinem Gesicht war jegliche Farbe gewichen.
   Unter Jameenas Füßen schwankte der Boden. Wie ein reißender Strom rauschte das Blut durch ihre Adern. Ohne die Kraft der Panteja würden sie bald alle sterben – ob im Tempel oder im Palast ihres Vaters.
   »Kommt, lasst uns keine Zeit verlieren. Wenn sich die Finsternis über den See gelegt hat, ist es zu spät, um in den Spiegel zu schauen.«

Sie erreichten den See im Zwielicht, das mit langen Klauen nach der Nacht fasste. Rasch griff Esra in ihr Bündel, nahm etwas von dem blauen Pulver heraus und warf es in die Luft. Als es niederging und den See berührte, sprühten schillernde Funken und stoben in den Himmel. Dann glättete sich die Wasseroberfläche, als wäre der See zu Eis gefroren. Gebannt starrte Jameena in seinen Spiegel. Ein Bildnis formte sich. Der Kreis der Panteja war zu sehen. Inmitten des Felsen von Grenzland. Noch war die Scheibe unversehrt. Die drei Elemente, die sie zusammenhielten, leuchteten in ihren Farben. Rot die Liebe, gelb der Mut und blau die Trauer. Alles schien, wie es sein sollte. Eine Hand schob sich in den Spiegel, griff nach dem Element der Trauer und riss es aus dem Kreis der Panteja. Gespenstige Stille umgab den See. Jameena wagte nicht, zu atmen.
   »Nein, nicht«, schrie Esra.
   »Bleib ruhig.« Goro legte die Hand auf den Arm der Hohepriesterin. »Wir müssen sehen, was weiter geschieht.«
   Wieder starrten sie in den Spiegel. Die verbliebenen Elemente der Panteja verloren an Leuchtkraft, als hätte sich eine Staubschicht auf sie gelegt. Ein fremdes Lachen hallte über den See, und das Bild der Panteja verblasste. Eine Frau erschien in dem Spiegel. Schwarzes Haar wie das Gefieder eines Raben umrahmte ihr Gesicht.
   »Die Herrscherin von Skoro«, raunte der Weise.
   Esra ballte die Fäuste. »Lydara! Wer sollte sonst dahinter stecken.«
   »Ihr meint, die Königin des dunklen Landes von Ogonis hat das Element der Trauer gestohlen?« Jameena starrte auf das Bildnis.
   »Genau. Aber was will sie damit?« Goro nahm seinen geflochtenen Bart in die Hand und zwirbelte die Spitze.
   Esras Lippen wurden schmal. »Wer weiß das schon? Wichtig ist, dass wir es zurückholen müssen. Und zwar, bevor die Panteja verfällt. Und das wird sie bald.«
   Über Jameenas Rücken strichen Eisfinger. »Wer sollte das schaffen? Jeder hier in Viandia weiß, welche Gefahren im dunklen Land lauern.«
   »Mutige Männer gibt es in jedem Dorf«, grummelte Goro. »Doch das bringt nichts. Die Lehre der Götter sagt, dass ein verlorenes Element noch schneller als die Panteja selbst verfällt. Es verliert nach und nach die Kraft. Nur jemand, der Trauer in sich trägt, kann diese an das Element weitergeben und ihm somit die Kraft erhalten, die es braucht, bis es wieder ein Teil der Panteja ist.«
   Esra stieß ein verzweifeltes Lachen aus. »Hier in Viandia gibt es niemanden mehr, der Trauer verspürt.«
   Goros Blick richtete sich in den Himmel, an dem der erste Stern im Osten funkelte. »Schnell, schmeiß noch etwas von deinem Pulver in den See«, zischte er.
   »Das geht nur einmal in hundert …«
   »Nun mach schon!«, unterbrach Goro die Hohepriesterin und fuchtelte ungeduldig mit den Händen.
   Esra zögerte nicht. Wieder stoben leuchtende Funken auf, als das Pulver auf den See fiel. Ein neues Bild formte sich im Spiegel. Es zeigte einen Schoner, der von den Wellen über die See geworfen wurde. Ein Riff schlitzte den Bug auf. Dann zeigte sich eine schäumende Gischt, die ein Mädchen mit sich riss. Die Mütze auf seinem Kopf verlor sich in der Tiefe des Meeres. Das Kind weitete die schwarzen Augen, dann verblasste das Bild wieder.
   Goro, Esra und Jameena sahen einander ratlos an.
   Die Hohepriesterin kniff nachdenklich die Augen zusammen und blickte zu Jameena. »Das ist deine Gelegenheit, mein Kind. Diese Prüfung wird die schwierigste sein, die eine Priesterin jemals zu bewältigen hatte. Wenn du sie schaffst, wird unser Gott Than über alles andere hinwegsehen.«
   Um Jameenas Magen spannte sich ein Band.

*

Schwarze Nebelschwaden umarmten die Türme des Palastes. Außer sich vor Zorn hob Lydara die Hände und ballte die Fäuste gen Himmel. »Du elender Nichtsnutz!« Die Herrscherin von Skoro schnappte geräuschvoll nach Luft, riss dem Zauberer das Element der Panteja aus der Hand und hielt es an eine der ewigen Flammen. »Ist das rot? Sag mir, ist das rot?« Ihre Augen waren so finster wie der Nebel über dem dunklen Land von Ogonis. Tief hängende Wolken, die Tag für Tag dem Land das Licht nahmen.
   Rosnis wischte sich mit dem Ärmel einen Tropfen von der knolligen Nase. In einem Land, in dem es kein Licht gab, gab es auch keine Farben. Woher sollte er wissen, wie die Farbe Rot leuchtete? Er sah nur ein dunkles Grau, wenn er das Element betrachtete. Angestrengt kniff er die Augen zusammen.
   »Du Trottel, hast das falsche Element mitgenommen«, spie Lydara ihm ins Gesicht. Ihre eng stehenden Augen sprühten Funken. »Das hier ist höchstens von blauer Farbe. Was will ich mit der Trauer? Ich wollte Taronu die Liebe zu Füßen legen.« Die Herrscherin griff nach der Fackel und eilte über den Palasthof.
   Das Geschrei von Raben hallte durch die Nebelschwaden. Aus den umliegenden Wäldern krächzte ein einzelnes Käuzchen. Die Finsternis ließ nur die Umrisse der Palastmauern erahnen, die hoch in die Wolken ragten – hier auf dem höchsten Berg des dunklen Landes, das nur die Feuerstellen erhellen konnten.
   Rosnis folgte der Herrscherin und klomm hinter ihr die unzähligen Stiegen hinab in das Verlies des Palastes. Spinnweben hingen von den Decken und verfingen sich in seinem schwarzen Haar. Es roch nach Moder und Staub von Hunderten Jahren. Lydara rauschte in ihrem schwarzen Umhang wie ein Geist durch das Verlies. Hier unten hielt die Herrscherin ihren größten Schatz versteckt – das Abbild der Panteja. Nur, dass es nicht funktionierte, genau wie Lydara es gewollt hatte. Denn sie verzehrte sich nur nach dem Element der Liebe. Trauer und Mut begehrte sie nicht.
   Er ließ die Schultern hängen und betrachtete Lydara, wie sie das echte Element in den Stein einfügte. Doch nichts geschah. Kein Leuchten erhellte das finstere Loch unter dem Palast.
   Verdrießlich trat die Herrscherin mit dem Fuß gegen die Elemente, die daraufhin klirrend über den Lehmboden rollten. »Was gebe ich mir die Mühe, es ist ja doch nicht das Richtige.«
   Rosnis zuckte zusammen. Wie viele Stunden hatte er versucht, dem grauen Stein die Liebe einzuhauchen. Aber was grämte er sich? Es war ihm nicht gelungen. Der Stein war so kalt, wie es ein Stein nur sein konnte.
   »Du bleibst so lange hier unten, bis du die Panteja zum Leuchten gebracht hast«, raunzte Lydara. »Und denke daran: Sie soll nur in der Farbe der Liebe leuchten. Rot!«
   Er seufzte. Das Verlies würde wohl zu seinem Grab werden.

Kapitel 7

Langsam brach das Licht in Ettis Bewusstsein. Wo war sie? Was war geschehen? Sie schaukelte, als würde sie jemand auf einer Hängematte durch das Wasser ziehen. Über ihr strahlte ein blauer Himmel und das Sonnenlicht stach in ihre Augen. Etti schmeckte das Salz auf ihren ausgedörrten Lippen. In ihrem Kopf rüttelten die Gedanken wie Würfel in einem Becher. Verzerrt sah sie Olivia und Mister Smith, wie sie in den Fluten mit dem Tod rangen.
   Etti kniff die Augen zusammen und öffnete sie rasch wieder. Befand sie sich noch auf dem Schoner? Langsam drehte sie den Kopf zur Seite. Neben ihr erstreckte sich das weite Meer. Nein, sie war nicht mehr auf dem Schoner. Vielleicht auf einem Floß? Sie richtete sich auf die Ellenbogen und sah sich um. Zu ihren Füßen erblickte sie eine Flosse, gleich der eines Delfins – nur viel größer. Hastig drehte sie sich auf den Bauch. Es war wirklich ein Delfin, der sie auf seinem Rücken trug! Nur war das Tier dreimal so groß wie seine Artgenossen. Und es war auch nicht grau, sondern glich dem Farbenspiel des Himmels bei Sonnenuntergang. Etti schaute nach vorn. Vor ihr erhoben sich schwarze Berge, vor die sich eine kleine Bucht mit rotem Sand in die Felsen gedrängt hatte. Wo war sie bloß? Und was war mit Olivia und Mister Smith geschehen? Waren sie wirklich mit der Cathy gesunken? Ein Kloß bildete sich in Ettis Kehle. Hoffentlich hatte sich das Forscherehepaar retten können, und wartete nun am Strand der Insel auf sie.
   Der seltsame Delfin schwamm in die Bucht. Am Strand konnte Etti vier Frauen in weißen Gewändern erkennen, die auf die See blickten. Von Olivia und Mister Smith fehlte jedoch jede Spur. Etwas Seltsames geschah hier. Erst der ungewöhnliche Delfin, der sie vor dem Ertrinken gerettet hatte, und nun die engelsgleichen Geschöpfe, die am Strand auf sie warteten. Sollte sie etwa kurz vor der achten Isla Canaria sein? Ihr Herz raste.
   Kurz vor dem Strand verlangsamte der Delfin seine Geschwindigkeit, bis er nur noch an der Wasseroberfläche trieb – und gab einen hellen Laut von sich. Wohl, um Etti mitzuteilen, dass sie am Ende der Reise angekommen waren. Sie rutschte von seinem Rücken und landete sicher in den Wogen, die ihr bis zur Brust schlugen. Zum Dank strich Etti über die Flosse des Delfins. Daraufhin gab dieser ein kurzes Schnattern von sich und schwamm wieder auf das Meer hinaus.
   Etti blickte zu den jungen Frauen, die in dem roten Sand standen. Gemeinsam hielten sie den Blick fest auf die See gerichtet. Etti atmete noch einmal tief durch und watete durch die Wellen zum Strand. In ihrem Kopf spürte sie ihren Herzschlag pulsieren.
   Auf die Lippen der Frauen zauberte sich ein Lächeln, als Etti aus den schäumenden Wellen stieg. Unter ihren bloßen Füßen spürte Etti den Sand, den die Sonne erwärmt hatte. Der Wind frischte auf und blies ihr durch das nasse Haar. Erschrocken griff sich Etti an den Kopf. Abuelos Mütze … sie hatte sie verloren! Tränen stiegen in ihre Augen. Ungeachtet der engelsgleichen Frauen ließ sich Etti mit den Knien in den Sand fallen und weinte in ihre Handflächen.
   Sofort waren die vier jungen Frauen bei ihr, streichelten ihr über das Haar und sangen ein tröstendes Lied. Wenigstens war sie nicht allein. Zaghaft hob Etti den Blick und sah die Frauen schniefend an. »Wer seid ihr? Und wo bin ich?«
   Eine der jungen Frauen lächelte und strich Etti die Tränen von den Wangen. »Ich bin Jameena, und das hier sind meine Begleiterinnen. Wir leben im Tempel der Hohepriesterin, wo wir ausgebildet werden. Es ist meine Aufgabe, dich hier zu empfangen.«
   »Bin ich auf San Borondón?« Etti sah sich um. Die schwarzen Berge ragten vor ihr in den Himmel. Zwischen dem kargen Gestein stachen hochgewachsene Palmen heraus. Büsche mit violetten Blüten wucherten in den Felsen, als wäre Gott die Farbe von dem Pinsel getropft.
   »Ihr weltlichen Menschen nennt unsere Insel manchmal San Borondón. Aber das ist nicht richtig. Sie heißt Ogonis.« Jameena strich sich den hellen Zopf auf den Rücken.
   Etti stippte den Mund auf. »Die achte Isla? Ich bin wirklich hier?«
   »Ja, das bist du, Etti«, sagte Jameena. Die anderen jungen Frauen nickten.
   »Bei Zeus, das darf nicht wahr sein. Habe ich es doch gewusst, dass es die Insel gibt.« Etti blickte sich noch einmal um. Doch sie sah nichts, was auf menschliches Leben hindeutete. Keine Dörfer und auch keinen Tempel. Dann dachte sie an Olivia und Mister Smith. »Sag, Jameena. Was ist mit der Besatzung des Schoners geschehen? Konnte sich das Forscherpaar retten?«
   Jameena schaute zu Boden. »Nein, niemand der anderen konnte sich retten. Nur du hast überlebt.«
   In Ettis Augen brannten Tränen. »Aber warum ich? Warum nicht die anderen?«
   »Es war ihnen nicht gestattet, Ogonis anzusteuern. So, wie es nie einem weltlichen Menschen erlaubt sein wird. Entweder sie sterben, oder verirren sich im Nebel.«
   »Warum ist es mir gestattet, die Isla zu betreten? Und woher kennst du meinen Namen?« Nun verstand Etti überhaupt nichts mehr.
   Doch anstatt ihr darauf eine Antwort zu geben, wich Jameena ihrem Blick aus. »Wir haben noch ein gutes Stück Weg vor uns. Hier, nimm dieses Gewand und ziehe es dir über, damit du nicht in den nassen Sachen laufen musst.« Sie reichte Etti ein hellblaues Kleid.
   »Nein, das will ich nicht.« Etti schüttelte den Kopf und strich über die nassen Ärmel. Abuelos Hemd war das Letzte, was sie noch von ihm besaß. Niemals würde sie es hergeben. Eher würde sie zurück in die Fluten gehen.
   »Na gut, du musst ja nicht, wenn du nicht willst.« Jameena rollte das Gewand zusammen und klemmte es sich unter den Arm.
   Während sie die schroffen Felsen erklommen, wirbelten weiterhin tausend Fragen durch ihren Kopf. Warum wurde sie gerettet? Was hatten die Priesterinnen mit ihr vor?
   Zwischen den Felsen huschten kleine Echsen in schillernden Farben und versteckten sich in den Spalten, wenn ihnen die Füße der Gruppe zu nahe kamen. Jameena und die anderen jungen Frauen hatten bisher kein Wort mehr verloren.
   Doch Etti platzte schier vor Neugierde. »Woher wusstet ihr von dem Schiffsunglück und warum habt ihr mich empfangen?«, brach es aus ihr heraus.
   »Warte noch eine Weile, dann wirst du es von der Hohepriesterin erfahren.« Leichtfüßig kletterte Jameena über die Felsen hinweg.
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