Bei einer Epidemie sind zahllose Menschen einem mutierten Hepatitis-Virus zum Opfer gefallen. Einige tragen dieses Virus noch in sich, ohne eine Infektionsgefahr darzustellen, und haben dank des H4-Virus unterschiedliche Gaben. Die Kopfgeldjägerin Daryan Anderson ist eine von ihnen. Sie jagt Gesetzlose für die Hard Steel Union, eine Organisation, die nach der Säuberung die Befehlsgewalt an sich gerissen hat. Eines Tages bekommt sie den Auftrag, den Gesetzlosen Marc aufzuspüren. Zwölf Millionen Steels Kopfgeld ist der Mann wert und niemand weiß, warum. Daryan ahnt nicht, dass er von ihrer Art ist. Obwohl sie es nicht will, fühlt sie eine starke Anziehungskraft. Als Marc sie über die HSU aufklärt und ihr zeigt, wozu die Gesetzlosen wirklich bestimmt sind, gerät sie in höchste Gefahr. Wer gegen die HSU kämpft, stellt sich gegen Mächte, die er nicht versteht …

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ISBN: 978-9963-53-144-8

Seiten: 323

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Lina Jacobs

Lina Jacobs
Schon in der Schule hat Lina das Schreiben fasziniert. Am Anfang war es ein Hobby, mittlerweile eine tief verbundene Leidenschaft. Obwohl sie nicht viel dazu beitragen kann, möchte sie trotzdem die Welt ein wenig schöner machen. Mit ihrem Debütroman „Geflüsterte Lügen“, der im Februar 2015 im bookshouse-Verlag erschien, ging ein lang ersehnter Traum in Erfüllung. Heute lebt sie mit Mann, Tochter und einem Schäferhund/Husky-Mischling in der Nähe der schönen Hellwegstadt Soest.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
2105 – Südeuropa

Die Luft war erfüllt von zischenden Lauten, die sie noch nie zuvor gehört hatte. Daryan umklammerte den Zipfel ihrer Bettdecke fester. Hoffte, dadurch die Angst zu unterdrücken. Die Natur war ihr vertraut, aber diese Geräusche machte kein Tier. Das war etwas anderes, es war unheimlich.
   Ein Rauschen schoss über das Haus hinweg, gefolgt von einem Knall. Ihr Bett erzitterte, das Holzhaus bebte und ächzte, als ob es ein lebendiges Wesen wäre.
   Jemand griff nach ihrer Hand.
   »Komm schnell, Daryan.« Es war Mamas drängende Stimme.
   Sie blinzelte und setzte sich auf. Mamas Gesicht war voller Sorge. »Was ist? Warum ist es so laut?«
   »Sie haben uns entdeckt.«
   »Wer?«, fragte sie, obwohl sie ahnte, wen Mama meinte.
   »Die, von denen wir dachten, sie würden uns niemals finden.«
   Der Schock nahm ihr den Atem: Sie waren also gekommen – wie der Älteste gesagt hatte. Niemand wollte ihm glauben. Die Leute, vor denen sie sich jahrelang versteckten. Die normalen … die anderen …
   Barfuß tappte Daryan in die warme Nacht hinaus. Der dunkle Himmel war hell erleuchtet. Fasziniert legte sie den Kopf in den Nacken. Was war das? Verblüfft klappte ihr Mund auf. Die Lichter sahen aus wie Sterne, die helle Streifen hinterließen – fast wie Sternschnuppen. »Da sind ganz viele Lichter am Himmel.«
   »Ich weiß, mein Schatz.«
   »Sie sehen aus wie Sternschnuppen.«
   »Es sind Leuchtraketen, damit sie uns finden.« Mama zerrte sie weiter.
   Raketen, die leuchteten? Was war das? Sie verstand nicht. Daryan sah zurück. Die Lichter der Hütten wurden zunehmend kleiner. Sie wollte nicht weg. Das Dorf war ihr Zuhause. Immer weiter entfernten sie sich, bis sie auf einer kleinen Lichtung haltmachten, wo Shi auf sie wartete. Sie ahnte, was nun kam. Er brachte sie weg, wie sie und Mama damals besprochen hatten, sollten sie jemals gefunden werden.
   Mama umfasste ihr Gesicht und strich das Haar aus ihrer Stirn. »Du musst ein großes, starkes Mädchen sein, versprichst du das?«
   »Ich verspreche es«, flüsterte sie ernst. Sie war alt genug, um zu wissen, dass die Lage mehr als ernst war. »Bitte weine nicht, Mama. Wir sehen uns wieder.«
   Fahrig fuhr sich Mama über die Wangen. »Es ist zu gefährlich hier. Du weißt, was der Älteste gesagt hat.«
   Sie hatte es nicht vergessen: Die Kinder zu schützen, war das höchste Gebot. Daryan versuchte, die Angst zu unterdrücken. Sie war ein großes, starkes Mädchen, und das bewies sie jetzt.
   »Ihr Kinder werdet in Sicherheit sein.«
   »Und ihr?«, fragte sie ängstlich.
   »Wir werden kämpfen.«
   Ein naher Knall ließ Daryan zusammenzucken. Sie wollte sich an die vertrauten Arme klammern, die ihr immer Schutz und Trost gespendet hatten. Aber sie musste stark sein, sie hatte es versprochen.
   Panische Schreie erfüllten plötzlich die Nacht.
   »Du musst gehen.«
   Ja, das musste sie. Mit zittrigen Beinen kletterte sie auf Shis gepanzerten Rücken. Die leuchtenden Augen der Chimäre sahen sie einen Moment an. Sah sie Trauer in den Augen ihres Freundes?
   »Pass gut auf mein Mädchen auf, Shi«, hörte sie Mutter flüstern. »Hast du verstanden?«
   Ein weiterer Knall ließ die Erde regelrecht erzittern.
   Mama drückte ihr einen schnellen Kuss auf die Stirn. »Ich liebe dich, mein Mädchen – vergiss das niemals. Nun renn, Shi! Bring sie in Sicherheit! Schnell!«
   Shi machte einen Sprung nach vorn. Sie vermochte gerade noch die Arme um den Hals der Chimäre zu legen, um nicht hinunterzufallen. Ihr treuer Freund war das einzig Tröstliche. Der Freund, den Mama ihr geschenkt hatte und von dem sie nicht mal wusste, woher er wirklich kam. Tränen liefen über ihr Gesicht. Sie wollte lieber bei ihren Eltern und ihren Geschwistern bleiben. Wenn es sein musste, kämpfte sie ebenfalls, mit dem Messer konnte sie gut umgehen.
   »Halt an, Shi«, rief sie. »Bring mich zurück!«
   Er rannte jedoch schneller. Äste peitschten in ihr Gesicht. Er würde nicht anhalten. Mama hatte es ihm gesagt.
   Sie legte sich flacher auf den gepanzerten Rücken, fühlte die Muskeln, die sie immer weitertrugen.
   Etwas rauschte dröhnend über ihren Kopf hinweg. Für ein paar Sekunden schien selbst die Natur den Atem anzuhalten. Sämtliche Härchen stellten sich auf ihrem Körper auf. Der dumpfe Knall, der die Nacht zerriss, war so völlig anders als die davor. Shi machte einen Satz zur Seite, drohte zu straucheln. Sie wagte einen Blick zurück. Ein riesiger Feuerball, einem Pilz gleich, wölbte sich zum dunklen Himmel empor und machte die Nacht taghell – genau über dem Dorf.
   Der Anblick versetzte ihr einen Schock, ein Schrei steckte in ihrer Kehle. Schnell drehte sie den Kopf nach vorn.
   Das grelle Licht tat in den Augen weh. Ein Rauschen wie ein entfernter Orkan wurde stetig lauter. Shi legte an Tempo zu. Offenbar ahnte er, was von hinten auf sie zukam. Er schien sich tiefer zu ducken, um noch mehr an Geschwindigkeit zuzulegen.
   Fest kniff sie die Augen zu, presste sich dichter an seinen Körper. Tränen liefen an ihrem Gesicht hinunter. Sie schluchzte, in ihrer Brust tobte ein entsetzlicher Schmerz. Etwas Böses war in der Nacht gekommen, es gab kein Zurück.
   Irgendwas fehlte, sie fühlte es. Eine Einsamkeit herrschte in ihr, die sie noch nie zuvor gespürt hatte, als ob sie allein auf der Welt wäre. Jemand hatte den Tod über ihr Volk gebracht – endgültig.

Abrupt verlangsamte Shi das Tempo. Wie lange sie schon unterwegs waren, wusste sie nicht. Müde hob sie den Kopf, sie konnte sich kaum noch auf seinem Rücken halten. Ihre Arme schmerzten, weil sie krampfhaft versucht hatte, bei dem Tempo nicht hinunterzufallen.
   Verwundert riss sie die Augen auf. »Eine Mauer«, wisperte sie. »Wo kommt die her?« Noch nie hatte sie so hohe Mauern gesehen. Die grauen Außenwände waren hell erleuchtet. Häuser standen mittendrin, sie ragten zum Himmel hoch. Ein großes, eisernes Tor schloss die Außenwelt aus. So etwas Gewaltiges hatte sie noch nie gesehen. Sie wischte sich über das Gesicht, vergaß für einen Moment die Einsamkeit und den Verlust.
   »Sind wir hier bei den Normalen?« Nein, alles war ruhig. Das hier musste ein Zufluchtsort sein. Shi brachte sie niemals in Gefahr.
   Er tappte langsam weiter. Heiseres Röcheln war aus seinem Maul zu hören. Erschöpft brach er vor dem Tor zusammen, am Ende seiner Kräfte. Sie rollte von seinem Rücken und blieb ruhig liegen. Auch sie war erschöpft.
   Seine Gestalt flimmerte, und beim nächsten Wimpernschlag lag ein dunkelgraues kleines Fellknäuel vor ihr. Der teddybärähnliche Kopf mit den leuchtenden Augen wandte sich ihr zu. Er war völlig außer Atem. Seine Zunge hing seitlich aus dem Maul.
   Sie streckte die Hand aus und strich über sein dichtes Fell. »Shi, mein Freund«, flüsterte sie. »Wohin hast du mich gebracht? Wo sind die anderen?«
   Schritte näherten sich.
   Shi kroch an ihre Seite und knurrte leise. Beruhigend strich sie über seinen Rücken. »Ruhig, mein Freund.«
   »Wen haben wir denn da?«, fragte eine Stimme überrascht. »Ein Mädchen und einen kleinen Hund?«
   Ein Mann in schwarzer Uniform kam auf sie zu. Über seine Schulter hing ein Gewehr. Verwirrt starrte sie ihn an. Hier lebten tatsächlich Menschen? Shi fletschte die Zähne, sodass der Mann einige Schritte zurückwich.
   »Wo kommst du her, Mädchen?«
   »Wo bin ich?«, fragte sie leise.
   Der Mann sah sie ernst an. »Du bist in der Zone.«
   Zone? Von einer Zone hatte sie nie etwas gehört. Nicht mal der Älteste hatte ihnen davon erzählt.
   »Wie heißt du? Und wie alt bist du?«
   »Daryan … Anderson. Ich bin zehn.« Sie blickte sich um. »Wo sind die anderen?«
   »Welche anderen?«
   »Kinder.«
   »Hier sind keine anderen Kinder. Woher kommst …?«
   »Bringt die beiden sofort herein«, befahl eine weibliche Stimme. »Wir haben damit gerechnet. Sie muss dringend gesäubert werden.«
   Daryan verstand nichts mehr. Damit gerechnet? Was hieß das? Außerdem – sie war sauber.
   Die Chimäre schnappte nach der näherkommenden Hand. Erneut wich der Mann zurück.
   »Halte deinen Hund zurück. Ich möchte nur helfen.«
   Schützend legte sie den Arm um Shi und drückte ihn fest an ihren Oberkörper. »Ist schon gut. Die Menschen können helfen. Die anderen werden sicher bald kommen.«
   Starke Arme halfen ihr hoch. Sie war unendlich erschöpft.
   Jemand legte eine Decke um ihre Schultern, während sie auf das halb geöffnete Tor zugingen.
   »Willkommen bei der HSU«, las sie leise von einem großen Schild ab. HSU? Was war eine HSU?

Kapitel 1
Vierzehn Jahre später

Drei Regeln, die er sich aufsagte. Wie ein Mantra, um nicht völlig die Kontrolle zu verlieren.
   Regel Nummer eins: Niemals zurücksehen.
   Regel Nummer zwei: Keine Überlebenden.
   Regel Nummer drei: Sich nicht erwischen lassen.
   Die letzte Regel war in dem Moment für die Tonne, als sich die Tür hinter ihm verriegelte. Scharf sog Marc die Luft ein. Die Enge der weißen Kammer war wie eine Ernüchterung für sein erhitztes Gemüt. Ruhig atmete er ein paar Mal durch, um den Virus in den Hintergrund zu drängen. Mit einem intelligenten Hepatitis Bazillus infiziert zu sein, machte sein Leben manchmal nicht leicht. Marcs Dasein war ein täglicher Kampf, nicht die Kontrolle zu verlieren und zu einem wilden Tier zu werden.
   Er benötigte unbedingt einen klaren Kopf. Sein Herzschlag normalisierte sich. Durch seine Venen floss nicht länger heiße Lava.
   Zum Teufel, er steckte im größten Schlamassel. Dabei war er so sicher gewesen, hinter dieser Tür die Bosse zu finden. Einmal nicht aufgepasst hockte er nun in dieser gottverdammten Kammer fest.
   Das Blut der HSU-Leibwächter tropfte von seinen Händen und sammelte sich auf den weißen Fliesen. Auf dem Weg nach oben hatte er alles niedergemetzelt, was sich ihm in den Weg gestellt hatte. Nicht einer von den Bastarden tat ihm leid – sie hatten es alle verdient.
   Bis hierher war sein Plan aufgegangen, aber nun war er gründlich am Arsch. Beschissener konnte die Mission nicht enden. Einfach hinein und wieder hinaus, so hatte er sich das gedacht. Aber Theorie und Praxis waren zwei Paar Schuhe.
   Ein leises Zischen erfüllte die fensterlose Kammer.
   Sein Blick fuhr zu den Düsen, die oberhalb in der Wand eingelassen waren. Bei dem Geräusch schwante ihm nichts Gutes. Obwohl für normale Menschen geruchlos, vermochte sein ausgeprägter Geruchssinn das Gas zu riechen und zu identifizieren.
   VX.
   Tödlich.
   Innerhalb von Sekunden.
   Ein Gas mit der höchsten Toxizität und größten Persistenz. Darauf war er vorbereitet. Er sorgte immer vor, bei der HSU musste man auf alles gefasst sein. Trotzdem durfte er sich nicht nur auf den Virus verlassen. Den Tod verhinderte dieser nicht.
   Marc hielt den Atem an, kramte aus dem Stiefelschaft die Atropinspritze heraus. Seine Finger waren glitschig, und er brauchte etwas, bis er sie zu packen bekam.
   Mit den Zähnen riss er die Kappe ab, rammte die lange Nadel in seine Brust und drückte den Kolben herunter.
   Bei allen Dämonen der Hölle!
   Der Schmerz raubte ihm fast den Verstand. Er knallte mit dem Rücken gegen die Wand und hoffte, dass die Nadel in der Eile die richtige Stelle getroffen hatte. Sein Herzschlag geriet ins Stolpern, wurde Sekunden später zu einem wilden Trommelschlag. Er biss die Zähne zusammen, um nicht laut zu schreien, zog die Nadel hinaus und ließ die leere Spritze achtlos fallen.
   Mit dem restlichen Gift wurde der Virus fertig.
   Noch traute er sich nicht, nach Luft zu schnappen, obwohl seine Lungen danach schrien. Vor seinen Augen kreisten bereits schwarze Punkte. Nicht mehr lange und er brach ohnmächtig zusammen, und sie bauchten ihn nur einzusammeln. Er sollte endlich die Beine in die Hand nehmen und abhauen.
   Verdammt noch mal, atme, du hast nichts mehr zu befürchten …
   Gleich dekontaminieren die Kerle den Raum, denn sie hielten ihn mit Sicherheit für mausetot. Er war so kurz vor dem Ziel gewesen …, ganz oben …, um die Bastarde endlich abzuschlachten. Sein Blick fixierte das obere Gitter an der Decke. Der Absaugtunnel. An der rechten Wand war ein weiteres. Das obere Gebläse erklang und saugte das Gas aus dem Raum.
   Gut.
   Ein zweites, weitaus lauteres Saugen. In seinen Ohren entstand ein heftiger Unterdruck. Sie entzogen dem Raum den Sauerstoff, um sämtliche Gase zu vernichten.
   Weniger gut!
   Hastig sog er die Luft in die Lungen, bevor nichts mehr davon übrig blieb. Es wurde höchste Zeit, zu verschwinden. Er sprang hoch, riss das Gitter aus der Decke und hievte sich in den Tunnel.
   Auch wenn der Virus aus seinem Leben einen Höllentrip machte, verlieh er ihm Schnelligkeit und Stärke. Der Erreger ließ nicht zu, dass er hier und jetzt den Löffel abgab. In dieser Situation erwies sich der Bazillus als vorteilhaft. Zu irgendwas musste er schließlich nütze sein.
   Über seine Lippen huschte ein spöttisches Lächeln. Die HSU stand mächtig unter Druck, wenn sie ihn schon mit Nervengas attackierten. Aber er würde wiederkommen, er benötigte nur einen anderen Plan. Eines Tages lüftete er die ganzen Geheimnisse der Union. Sie waren schon viel zu lange an der Macht.
   An einer Biegung hielt er inne. Der Schacht war um einiges höher. Wahrscheinlich war er im Lüftungssystem des Gebäudes gelandet. Ratlos hockte er sich hin.
   »Denk nach, Marc«, murmelte er. »Wohin jetzt?«
   Ihm blieben die Optionen, entweder nach rechts oder links zu flüchten. Dringend sollte er die kontaminierte Kleidung loswerden und sich waschen. Auf dem Dach hatte er seinen Rucksack deponiert, und dort musste er hin. Er zückte sein Jagdmesser und hastete geduckt nach rechts weiter.
   Der Schacht machte unerwartet einen scharfen Knick nach unten. Ungebremst rutschte er die glatte Oberfläche hinunter. Der Versuch, mit den Stiefeln an den Wänden abzubremsen, brachte ihm rein gar nichts.
   »Verdammt …!« Hoffentlich donnerte er nicht in ein Rudel Leibwächter, die mit gezückten Sturmgewehren bereits unten auf ihn warteten.
   Er durchstieß ein Gitter. Ächzend rollte er am Boden ab und kam sogleich auf die Füße. Bereit, alles und jeden zu töten. Der beißende Geruch von Formaldehyd schlug ihm entgegen. Angewidert atmete er durch den Mund weiter, aber auch so spürte er die Reizungen auf Augen, Mund und Nase.
   Ein Summen wie in einem Bienenstock drang an seine Ohren. Das Messer drohte, aus seiner Hand zu rutschen. Taumelnd wich er einen Schritt zurück. Viel hatte er gesehen, aber der Anblick übertraf alles.
   Hunderte von gläsernen, aufrecht stehenden Röhren … Menschen … Männer wie Frauen, die in einer durchsichtigen Flüssigkeit schwebten. Die Köpfe waren von eigenartigen Helmen umschlossen, in denen dunkle Schläuche verschwanden. In den nackten Körpern steckten unzählige Kabel und weitere Schläuche. Das gedimmte Licht ließ alles noch grusliger erscheinen.
   »Wo bin ich hier gelandet?« Vorsichtig trat er an eine Röhre. Der Formaldehyd war in den Tanks und machte die Körper haltbarer. Für welchen Zweck, war ihm schleierhaft.
   Auf einem kleinen Bildschirm erschien in regelmäßigen Abständen eine Sinuskurve. Entsetzt trat er zurück. »Scheiße, die leben ja noch!«
   Akribisch standen die Röhren in Reih und Glied. Er warf einen Blick den Gang hinunter. Das Ende war nicht auszumachen. In der riesigen Halle standen bestimmt Tausende von den Dingern.
   Was machte die HSU mit den Menschen? Reichte es nicht, dass sie damals die Befehlskette an sich gerissen hatten, um nach der H4-Epidemie eine allumfassende Macht zu werden? Noch heute stellte er sich die Frage, woher diese reiche Investorengruppe gekommen war. Wie aus dem Nichts war sie aufgetaucht, weil keine der noch verbliebenen Regierungen es geschafft hatte, eine neue Ordnung zu erstellen.
   Schwindel erfasste ihn. Die Dämpfe wirkten sich langsam, aber sicher unangenehm auf seine Atemwege aus. Er hustete.
   Er würde wiederkommen, wenn er herausgefunden hatte, was es mit den Menschen in dieser Halle auf sich hatte. Der grausame Anblick bestärkte ihn in dem Entschluss, der HSU endlich das Handwerk zu legen. Nicht umsonst hatte sie sein Volk auf dem Gewissen.

Kapitel 2

Daryan fuhr mit der Stiefelspitze über den Asphalt. Die neuen Stiefel drückten. Die Schnallen lagen viel zu eng um die Waden. Nur mit halbem Ohr hörte sie den Anweisungen zu. Der Oberbefehlshaber der Kopfgeldjägergarde gab das übliche Blabla von sich. Den Namen des Gesetzlosen und seinen vermutlichen Aufenthaltsort. Die Dinge brauchte sie sich nicht zu merken. Es reichte, wenn sich Philip die Details ins Gedächtnis brannte. Immerhin war er der Truppenführer, es war sein Job.
   Sie schnaubte. Weshalb zur Hölle riskierte der Obere nicht selbst seinen Hintern, um die Gesetzlosen hinter Schloss und Riegel zu bringen? Ein paar blaue Flecken, blutige Blessuren und gebrochene Knochen standen ihm sicher auch gut.
   Doch er war ein typischer Vertreter der HSU. Die Hard Steel Union machte sich die Hände niemals schmutzig. Sie waren aalglatt und über alles erhaben. Wenn sie nicht wüsste, dass die Folgen seit Jahrzehnten überwunden waren, könnte sie schwören, dem Oberen hätte der Virus das Gehirn mutiert.
   Wie lange war es nun her? Beinah einhundert Jahre?
   Alles begann mit einem Virus, einem mutierten Hepatitis C-Virus. Die Virulenz war verheerend, und nur mit Waffengewalt war die Epidemie aufzuhalten gewesen. Die Säuberungsaktion hatte Milliarden von Menschen das Leben gekostet. Daryan war froh, dass dieses Unglück vor ihrer Geburt gewesen war.
   Die Bilder im Stadtarchiv bescherten ihr noch heute eine Gänsehaut, nachdem die infizierten Menschen massenweise verbrannt wurden. Keine Gedenktafeln, keine Erinnerung an die Gefallenen, nichts deutete darauf hin, wer für die H4-Epidemie verantwortlich gewesen war. Die Tatsache grenzte schon fast an Ironie, dass sie den nicht mehr infektiösen Virus in sich trug. Weshalb sie noch lebte und andere Infizierte nicht, blieb ihr ein Rätsel. Die Erinnerung, wie sie in die Zone gekommen war, lauerte nur noch als dunkler Fleck irgendwo in ihrem Kopf.
   »Langweile ich dich?« Die Stimme des Oberen durchdrang ihre Gedanken.
   Ihr Blick richtete sich auf den großen, glatzköpfigen Mann in dunkler Uniform. Gern hätte sie ihm gesagt, wie sehr er sie langweilte. Dass sie nicht aufgepasst hatte, war ihm offenbar nicht entgangen. Lässig schob sie die langen, dunklen Haare hinters Ohr.
   Langsam kam er auf sie zu. »Ist dir langweilig, Anderson?«
   Ja, verdammt, ihr war langweilig! Sie fühlte sich ruhelos und wollte endlich aufbrechen.
   »Du unheimlicher Freak gehörst unter die Erde«, zischte er abfällig.
   Den Impuls, ihm eine zu scheuern, unterdrückte sie - das gäbe nur Stress. Der Obere saß am längeren Hebel und konnte ihr das Leben durchaus zur Hölle machen. Natürlich war sie mit ihren Fähigkeiten unheimlich. Schon immer war sie aufgefallen, wenn auch nicht immer angenehm. Aber das spielte keine Rolle, sie konnte nichts dafür, dass sie so war, wie sie war. Der Virus war nun mal ein Teil von ihr und sie lebte damit.
   Hoffentlich lag genug Drohung in ihren Augen, während sie ihn musterte. O ja, sie hasste ihn, und das sollte er gefälligst zur Kenntnis nehmen.
   In einem Punkt gab Daryan ihm jedoch recht: Sie war ein Freak unter den Normalen, aber die perfekte, schnelle Tötungsmaschine für die HSU.
   »Der unheimliche Freak kann vieles, was ihr Luschen nicht könnt«, erklärte sie leise. »Zum Beispiel schnell rennen und in der Dunkelheit sehen.«
   Ein überheblicher Mensch war sie nicht, aber den Satz musste sie ihm einfach zum Nachdenken hinterlassen.
   »Wie hast du eigentlich überlebt?«, fragte er boshaft.
   Das durfte nicht wahr sein. Jetzt fuhr er diese Schiene, um ihr einen verbalen Hieb zu versetzen. Seine Anfeindungen gingen immer unter die Gürtellinie. Deckel auf, Saringas rein, Deckel zu … solch einen Spruch ließ er gern mal ab.
   Mit Vergnügen würde sie dem Oberen eine blutige Nase oder ein blaues Auge hauen, aber es zog harte Konsequenzen nach sich, wenn sie zuschlug. Mittlerweile hatte sie es so satt, ständig die nervenden Sprüche zu ertragen.
   Die Bewegung in der Innentasche ihres Ledermantels stimmte ihr Gemüt milde. Vielleicht sollte sie ihren kleinen Freund dazu anstiften, dem Oberen den Kopf abzubeißen? Eine durchaus schöne Vorstellung. Ein teddybärähnlicher Kopf kam zum Vorschein. Leuchtende Augen starrten den Oberen an, und er fuhr überrascht zurück.
   »Wer hat dir erlaubt, das Vieh mitzunehmen?«, fragte er grantig.
   »Ich mir selbst.«
   »Dieses Monster ist eine Bedrohung. Wie oft muss man dir das noch sagen?«
   Aus der Innentasche drang ein leises, bedrohliches Knurren.
   Der Obere wich einen weiteren Schritt zurück. »Es gehört eliminiert.«
   Sie verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. »Ohne ihn gehe ich nirgendwo hin«, sagte sie mit entschlossener, scharfer Stimme.
   Der Obere fluchte leise und drehte sich zu Philip um. »Sorg dafür, dass sie nicht aus der Rolle fällt.« Er fuchtelte fahrig in ihre Richtung. »Wir können uns diesmal keinen Misserfolg leisten.«
   Abfällig schnaubte sie. Was hieß denn wir? Er riskierte seinen Hintern doch nicht.
   Philip sah sie warnend an.
   Schon kapiert. Im Jeep würde er ihr wieder mal eine Standpauke halten. Es war egal. Nur über ihre Leiche ließ sie ihren besten Freund hier.
   »Auf den Gesetzlosen ist ein hohes Kopfgeld ausgesetzt«, redete der Obere auf Philip ein. »Er steht schon lange auf der schwarzen Liste, und endlich haben wir eine heiße Spur.« Er sah in die Runde. »Es soll also euer Schaden nicht sein.«
   »Wie hoch ist das Kopfgeld?«, fragte Philip, während er den Oberen interessiert musterte.
   O ja, da lohnte sich das genaue Zuhören. Alle schienen die Ohren zu spitzen.
   »Zwölf Millionen Steels.«
   Daryan schluckte das Erstaunen hinunter. Hatte er soeben zwölf Millionen gesagt? Nein, sie hatte sich nicht verhört. Weshalb gab die HSU so viel Kopfgeld für einen Gesetzlosen aus? Normalerweise belief sich das Kopfgeld auf einige hunderttausend Steels. Was war so besonders an dem Kerl? War er etwa krimineller als die anderen? Es war ihr egal.
   Bullseye, ein großer Kerl mit muskelbepackten Armen, aber wenig Hirn, stieß einen Pfiff aus. »Wie viel steht jedem von uns zu?«
   »Hast du Watte im Hirn?«, rief Lissa verächtlich. »Zwei Millionen.«
   Daryan schmunzelte. Für ihre große Klappe hatte Lissa einen Orden verdient.
   »Wie geil ist das denn?«, rief Hero erfreut. Er fixierte Lissa mit einem lüsternen Blick. »Für solch eine Summe nehme ich dich am Steuer zwischen meine Beine, süße Lissa. Dann kannst du ihn schön tief in den Mund nehmen. Was hältst du davon?«
   Lissas blaue Augen funkelten wütend, während sie ihm den Mittelfinger zeigte.
   »Oder dich, Dar.« Er grinste Daryan an.
   »Willst du, dass ich in Zukunft deine Eier als Halskette trage?«
   Er winkte ab. »O Mann, ihr seid vielleicht prüde Schnallen.«
   Prüde war Daryan nicht. Eine heiße Nummer verachtete sie keineswegs, aber nicht mit einem unterbelichteten Vollpfosten wie Hero.
   »Seid ihr fertig mit euren unsinnigen Vorträgen?« Die Gesichtsfarbe des Oberen war um ein paar Nuancen dunkler geworden. So langsam wirkte er ziemlich sauer. »Der Auftrag ist wichtig. Vermasselt das einer von euch, knüpfe ich ihn am höchsten Turm des HSU-Gebäudes auf. Verstanden?«
   »Bla bla bla«, murmelte Lissa vor sich hin.
   Aus Daryans Innentasche kam der pelzige Kopf erneut zum Vorschein. Die leuchtenden Augen richteten sich auf sie. Sie lächelte und strich ihm über den Kopf.
   »Sei nicht so ungeduldig, Shi«, wisperte sie. »Es geht bald los. Dann darfst du wieder einen Bösewicht jagen.«
   Der Obere drückte dem Truppenführer eine Chipkarte in die Hand, die die Daten des Gesetzlosen beinhaltete, und ging.
   »Hero, hol schon mal den Jeep«, gab Philip die Order. »Don und Bullseye, ihr bestückt die Granatwerfer. Und spielt mit den Hülsen nicht wieder Fußball, alles klar?«
   Der Truppenführer beäugte vor allem Don, der in solchen Sachen vollkommen schmerzfrei war. Er steckte sich sogar eine scharfe Granate in die Hose, nur um zu sehen, ob er sie in zehn Sekunden auch wieder herausholen konnte, um sie zu entschärfen. Manchmal glaubte Daryan, dass die Männer einen irreparablen Hirnschaden haben mussten. Wahrscheinlich hatten sie ein paar Schläge zu viel abbekommen.
   »Ihr Mädels schmiert schon mal Brote.« Philip lächelte.
   »Die kannste dir von deiner Mama schmieren lassen«, entgegnete Lissa und grinste frech. »Ich hole mir meine Knarren.«
   Lissa verschwand, ihr kurzes lilafarbenes Haar wippte auf und ab. Philip musterte den Teddybärenkopf, der immer noch aus der Innentasche schaute. »Ich denke nicht, Dar, dass ich dich dazu überreden kann, ihn diesmal hierzulassen?«
   »Nein.«
   Er fuhr sich mit ratloser Miene durch das dunkle Haar. »Du weißt, was letztes Mal geschehen ist. Er hat den Flüchtigen in tausend Stücke gerissen.«
   Sie schwieg. Natürlich erinnerte sie sich daran. Shi war außer Kontrolle geraten, in einen regelrechten Blutrausch verfallen. Er hatte sich nicht an ihre Anweisungen gehalten. Natürlich hatte es kein Geld für die gesamte Truppe gegeben, weil der Gesetzlose in kleine Einzelteile zerlegt war, anstatt im Zwangslager zu schuften. Die Kameraden waren stinksauer auf sie gewesen.
   »Halte ihn an der kurzen Leine, Dar, sonst kommen wir in Teufels Küche.«
   »Schon klar.« Wieso ließ er sie nicht einfach in Ruhe damit? Sie wusste, dass mit Shi nicht gut Kirschen essen war, wenn es um die Gesetzlosen ging.
   »Ich meine das ernst. Wir dürfen uns bei dem Auftrag keine Patzer leisten. Missachtet Shi erneut deine Befehle, musst du ihn töten.«
   »Ich hab verstanden. Er wird gehorchen.«
   Philip schüttelte den Kopf. »Wie kann man nur so lebensmüde sein und mit einer Chimäre herumziehen.«
   »Er gehört nun mal zu mir.«
   Natürlich war es mehr als ungewöhnlich, dass sie ein Wesen besaß, das eigentlich nur ein Mythos sein konnte. Nur sie wusste, was er war: ein mutierter Wolf – ein Produkt des H4. Für die Recherche hatte sie fast zwei Jahre benötigt. Stunden, in denen sie im Stadtarchiv nach Antworten gesucht hatte. Seine Vorfahren waren über die infizierten Leichen hergefallen.
   »Das weiß ich. Er ist zu gefährlich und unberechenbar. Überleg in Zukunft, ob er woanders nicht besser aufgehoben wäre, wenn wir auf der Jagd sind.«
   Störrisch stemmte sie die Hände in die Hüften. Eine noch blödere Idee hatte er nicht auf Lager?
   »Wo soll ich ihn denn hingeben? Etwa auf die Schreibtische unserer Bosse setzen?«
   Philip sah sie einen Augenblick nachdenklich an. »Das nicht. Ich denke aber auch an unser Wohlergehen. Ich verspüre keine Lust, zu Hackfleisch verarbeitet zu werden.«
   »Shi würde euch niemals etwas tun.«
   Er schwieg einen Moment. »Ich hoffe, du hast ihn wirklich im Griff.«
   »Habe ich.«
   »Na dann.« Der Truppenführer wandte sich ab und ging.
   Sie warf einen Blick in die Innentasche, wo nur die leuchtenden Augen zu sehen waren. »Ich hoffe, du hast nicht vergessen, was dir blüht, wenn du wieder den Reißwolf spielst. Du bringst mich dadurch in arge Schwierigkeiten.«
   Es fühlte sich an, als ob der kleine Pelzkopf nickte. Shi verstand sie sehr wohl. Er brauchte manchmal gar nicht so zu tun, als ob er nichts checkte. Noch heute verstand sie nicht, was in ihn gefahren war, als er über den Gesetzlosen herfiel, anstatt ihn nur zu stellen.
   Sie griff nach hinten, zog die Schusswaffe aus dem Rückenholster und kontrollierte das Magazin. In den Manteltaschen hatte sie noch genug Munition. Was für ein Gesetzloser es auch diesmal war, er würde nicht länger seine Freiheit genießen.

Der große Jeep machte einen Satz nach oben, als das Gefährt durch ein tiefes Schlagloch bretterte. Daryan knallte mit dem Kopf gegen den Seitenholm.
   »Mist.« Sie rieb sich die schmerzende Stelle. Garantiert nahm Hero mit Absicht jedes Loch mit.
   Die Straßen waren miserabel. In den Straßenbau floss wenig Geld. Die Union verprasste es lieber für Forschung und weiterentwickelte Technologien, da blieb nichts übrig für komfortable Straßen. Was aber auch kein Wunder war, die hohen Herren befuhren die Straßen auch nicht, sondern hockten in ihren Büros und gaben Befehle.
   Sie sah aus dem Seitenfenster. »Herrje, in der Gegend will man auch nicht tot überm Gartenzaun hängen«, murmelte sie.
   »Wem sagst du das«, stimmte Lissa zu.
   Die Gegend wurde immer unwirtlicher. Zerklüftete Felsen und Sand waren alles, was die Umgebung zu bieten hatte. Unvorstellbar, dass hier jemand überleben konnte. Es gab einfach nichts.
   »Verdammt«, fluchte Don. »Noch so ein Loch und ich frittiere dein Hirn mit dem Elektroschocker.«
   Hero streckte den Mittelfinger aus. »Wenn du es besser kannst, fahr die alte Mühle doch selbst.«
   »Funkstille«, zischte Philip vom Beifahrersitz. »Alle beide. Wir sind gleich da, dann sehen wir uns die genauen Daten an.« Er tippte auf dem tragbaren Terminal herum, um die Details abzurufen, und wies mit der Hand nach vorn. »In circa fünfzig Metern biegst du in die Schlucht ein.«
   »Okay, großer Boss«, spottete Hero und folgte der verwitterten Straße.
   Es ging bergab. Nackte braune Felsen ragten rechts und links auf. Hero gab richtig Gas, dann bremste er abrupt. »Ist es so recht?«, fragte er zuckersüß.
   Philip sah ihn durchdringend an. »Das nächste Mal klemme ich dir die Eier ab, wenn du wie die Sau fährst.«
   Hero grinste. »Warum zur Hölle will alle Welt meine Eier?«
   Daryan verkniff sich jeden Kommentar. Der Typ war einfach nur ätzend. Wahrscheinlich litt er schon länger unter einem Lagerkoller.
   »Marc P. McBride«, las Philip von dem Bildschirm ab. »Flüchtig seit … Was? Wie lange? Sieben Jahre?« Der Truppenführer sah erstaunt in die Runde. »Lange Zeit für die HSU unauffindbar.«
   »Woher haben die den Tipp?«, fragte Daryan.
   Philip zuckte die Achseln. »Keine Ahnung, steht da nicht.«
   Lissa rückte nach vorn, um einen Blick auf den Bildschirm zu werfen. »Entweder ist der Typ verdammt gut oder die bisherigen Jäger waren Nieten.«
   Nieten gab es genug unter ihren Kameraden. Da brauchte Daryan nur an die andere Kopfgeldjägertruppe zu denken: Sascha und seine Schergen, die alles andere als menschlich mit den Gesetzlosen umgingen. Gerade Sascha, der Truppenführer, besaß eine grausame Ader.
   »Hat schon zweimal versucht, ins Hard Steel Gebäude zu gelangen«, las Philip weiter. »Er wollte in die oberen Etagen, unsere Bosse killen. Letztendlich wurde er gestoppt, als man einen Raum mit VX füllte. Er ist aber trotzdem entkommen.«
   »Du meinst doch nicht VX-Gas?«, fragte Bullseye.
   Lissa sah ihn geringschätzig an. »Was denn sonst, du Armleuchter?«
   »Wie kann man das überleben?«, wollte Daryan wissen. »Es lähmt innerhalb von Sekunden sämtliche Muskeln. Ein äußerst schmerzvoller Tod folgt.«
   Philip sah sie an. »Womöglich Atropin. Man hat eine gebrauchte Spritze gefunden.«
   »Woher, zum Teufel, soll ein Gesetzloser Atropin haben?«
   Philip grinste. »Keine Ahnung. Wenn du ihn triffst, kannst du ihn fragen, Dar.«
   Darauf konnte er Gift nehmen, sie würde ihn fragen.
   »Ich glaube, der mag unsere Bosse nicht«, bemerkte Hero lakonisch.
   Der Truppenführer schnaubte abfällig. »Er mag anscheinend die ganze beschissene Welt nicht. Er hat sogar einige HSU-Labore in die Luft gesprengt, wodurch Menschen starben.«
   »Ein sympathisches Kerlchen«, knurrte Don, wobei er zärtlich über seine Waffe strich.
   »Du bist ein Arsch«, meldete sich Lissa verärgert.
   »Hey, kann ich was dafür, wenn er mir sympathisch ist? Ich mag die meisten Menschen auch nicht und würde sie am liebsten in die Luft sprengen.«
   »Halt einfach dein Maul«, rief nun auch Daryan. Wer sich eine scharfe Granate in die Hose steckte, hatte nicht alle beisammen.
   »Gibts auch ein Foto von dem Herzchen?«, fragte Lissa.
   »Nein.«
   »Keine Videobilder? Gar nichts?«
   »Nein.« Philip grinste. »Allzu viele Menschen werden hier wohl nicht herumstreunen.« Er sah in die Runde. »Wenn der Kerl wirklich so gefährlich ist, wie im Protokoll erwähnt, nicht zimperlich mit ihm sein.«
   »Gern«, erklärte Don und grinste.
   »Ich meine das ernst. Der Bastard hat schon einige Menschen auf dem Gewissen. Höchste Sicherheit.« Philips Blick blieb ein wenig länger bei Daryan hängen.
   Ihr war klar, was er wieder mal erwähnen wollte: Sie sollte Shi im Auge behalten.
   »Ich möchte, dass du Shi dieses Mal nicht losschickst.«
   Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie vermied es, überrascht nach Luft zu schnappen. »Weshalb? Er hätte den Knaben im Nullkommanichts aufgespürt.«
   Er verdrehte die Augen. »Müssen wir das noch diskutieren, Dar? Er bleibt drin, und das ist mein letztes Wort.«
   »Aber …«
   »Das ist ein Befehl!«
   Den Teufel tat sie. Shi unterstützte sie garantiert. Ihre Kameraden würden sich wundern, wie schnell sie den Gesetzlosen am Wickel hatte.
   Nach dem blutigen Ausrutscher hatte sie Shi ordentlich die Leviten gelesen und eine Strafe zukommen lassen. Ihm hatte es gar nicht gefallen, eine Woche lang gebratenes Fleisch zu bekommen, anstatt rohes. Nach der Schmalkost war er geläutert. Für Shi stand Fressen an oberster Stelle.
   Sie sah in die Innentasche. Philip hatte jedoch recht, wenn sich Shi noch ein Mal so eine Aktion leistete, musste sie ihn töten. Das würde ihr das Herz brechen.
   Ihr bester Freund war ungeduldig. In der Innentasche herrschte helle Aufregung. Shi zappelte herum, sodass sie gelegentlich seine kleinen, scharfen Krallen zu spüren bekam.
   »Wir gehen in Zweiergruppen. Dar und Lissa gehen zusammen. Hero und Bullseye, Don kommt mit mir.« Philip sah sich zum Stand der Sonne um. »Gegen Mittag treffen wir uns am Jeep, wenn wir ihn bis dahin nicht aufgespürt haben. Dann gibt es eine Lagebesprechung.«
   Lissa lud die Waffe durch. »Ziehen wir dem Typen die Hammelbeine lang.«
   Daryan grinste. »Mir ist eher nach einer deftigen Keilerei.«

Kapitel 3

Lautlos zog sich Marc im Schatten der Felsen zurück.
   Schon von Weitem hatte er den Jeep gehört. Die wollten ihn tatsächlich verhaften. Ernsthaft? Darüber konnte er nur schmunzeln. Eines Besseren belehrte er sie. Die Hetzjagd durchs Höhlensystem fiel sowieso zu seinen Gunsten aus. Nicht umsonst hatte er schon so lange in der Einöde überlebt. Er freute sich sogar auf den Kampf.
   Auf jede Eventualität war er vorbereitet, auch auf die sechs Witzfiguren, die sich nun in drei Gruppen aufteilten. Sollten sie nur kommen. Zu verlieren hatte er nichts mehr. Immerhin waren die Kopfgeldjäger nicht die ersten HSU-Lakaien, die er um die Ecke bringen würde. Sie waren wie lästige Scheißhausfliegen, die man platt treten musste. Die Wichte hatten keine Ahnung, für wen sie wirklich arbeiteten. Wenn doch, hatten sie den Tod erst recht verdient.
   Er grinste hämisch und strich sich lässig über den Kopf, den er aus hygienischen Gründen kahl geschoren hatte. Auf Bewohner in seinem Haar hatte er irgendwann die Lust verloren.
   Halt!
   Etwas war dieses Mal völlig anders, aber dennoch vertraut. Er hob die Nase. Wie ein Wolf, der eine Fährte aufnahm, sog er die Luft ein. Sein Blick fixierte die beiden Frauen, die entschlossen den unteren Pfad entlanggingen. Er schloss die Augen und atmete erneut tief ein. Gewiss, eine von ihnen war anders.
   Zur Hölle!
   Er riss die Augen auf. Eine Ewigkeit war es her, dass er den berauschenden Duft in sich aufgenommen hatte. Pheromone, die ihm bestens bekannt waren. Eine H4-Trägerin, die für die HSU arbeitete? Wie war das möglich?
   Für einen Moment vergaß er, dass ihm Gefahr drohte. Er wollte sich nur dem Rausch hingeben. Der Duft benebelte seine Sinne auf prickelnde Weise. Die Erektion war fast schmerzhaft und erinnerte ihn daran, wie lange er schon keinen Sex mehr gehabt hatte. Vor allem mit einer Frau, die diesen Duft verströmte. Die Empfindung war wie ein tief verwurzeltes Verlangen, das all seine Instinkte ansprach.
   Die herannahenden Stimmen der Frauen rissen ihn aus dem Rausch. Er fuhr sich über seinen Schritt, glaubte durch diese Maßnahme die Beule in der Hose auf ein Minimum reduzieren zu können. Hervorragend! Die Weiber stellten ihn, und er hatte den Ständer des Jahrhunderts. Ging es nicht noch primitiver?
   Sein Blick folgte den beiden. Lächelnd wurde ihm klar, wer von ihnen so betörend roch.
   Die Frauen blieben stehen. Die Dunkelhaarige zog etwas aus der Innentasche ihres Ledermantels. Eine heftige Diskussion entbrannte zwischen den beiden. Ein kleines, pelziges Etwas entschlüpfte ihrer Hand und landete auf allen vieren. Die Luft flimmerte um das kleine Ding, es veränderte in Sekundenschnelle seine Gestalt.
   Verdammter Mist!
   Ihm stockte der Atem. Mit einer Chimäre im Nacken packte er sofort ein. Er musste sich einen Plan ausdenken und das schnell. Auf diese Eventualität war er nicht vorbereitet. Panik drohte, ihn zu erfassen, als er erkannte, welche Chimäre sich seinen Augen bot. Ein wolfsähnliches Wesen, mit gerader, spitzer Schnauze und rasiermesserscharfen Zähnen. Kurze, dunkle Stacheln, von denen er wusste, dass sie äußerst schmerzhafte Verletzungen zufügten, stellten sich um den Hals in die Höhe. Die schwarzen kleinen Körperplatten machten das Wesen gegen Angriffe nahezu unverwundbar.
   Wie lange war es her, dass ihm eine Chimäre begegnet war? Jahre? Zwei Jahrzehnte?
   Die Hypothese, dass die mutierten H4-Wölfe nicht mehr existieren, revidierte er sofort. Der lebende Beweis hockte zwischen den Frauen. Es war schon mehr als ungewöhnlich, dass eine H4-Trägerin für die HSU arbeitete. Dass die Frau auch noch eine Chimäre an ihrer Seite besaß, noch ungewöhnlicher. Wusste sie nicht, was die HSU getan hatte? Dass sie eigentlich ihre Feinde waren?
   Er vernahm noch das laute Kratzen auf Stein, bevor er ins Höhlensystem flüchtete, das seit Jahren sein Zuhause war. Sogar die enge Hose war vergessen. Nun hieß es schnell improvisieren, sonst tranchierte ihn das Vieh bei lebendigem Leib.

*

»Du widersetzt dich Philips Befehl«, fauchte Lissa, während sie auf Shi zeigte.
   Daryan grinste. »Weshalb sollen wir den Typen suchen? Shi stellt ihn, und wir vermöbeln den Penner nach Strich und Faden.«
   Lissa schien weniger nach Scherzen zumute. »Wenn wir wegen dir wieder kein Geld sehen, reiße ich dir den Arsch auf«, knurrte sie.
   »Beruhig dich. Shi wird ihn nur stellen.« Daryan sah ihn unmissverständlich an. »Hast du verstanden? Nur stellen – den Rest machen wir.«
   Shi stieß spielerisch gegen ihre Hand, verlangte nach Aufmerksamkeit.
   Leicht gab sie ihm einen Klaps gegen die Schnauze. »Jetzt wird nicht gespielt«, zischte sie. »Lauf, und such ihn.«
   Mit einem Satz war Shi auf dem ersten Felsvorsprung, um im nächsten Moment den nächsten zu erklimmen. Seine Krallen gruben sich in den harten Stein, während er sich den steilen Hang hinaufbewegte. Kleine Kiesel und Staub rieselten auf Daryan herunter. Obwohl Shi zuweilen recht launisch und unberechenbar war, verspürte sie doch Stolz auf ihren treuen Freund. Dieses Mal baute er keinen Mist, da war sie sich vollkommen sicher. Er wusste, was auf dem Spiel stand, wenn er noch einmal einen Gesetzlosen zerlegte, es wäre sein Ende.
   Oben blieb er stehen. Schnüffelnd hob er die Nase – er hatte etwas gewittert. Umgehend schwenkte er in eine Felsnische und verschwand.
   »Auf zur Jagd.« Daryan erklomm den ersten, niedrigen Felsvorsprung.
   Nun konnten sie sich für den Aufstieg Zeit lassen. Shi hetzte den Gesetzlosen richtig müde. Nachher brauchten sie ihn nur noch völlig erschöpft einsammeln oder ihm eine Abreibung verpassen – je nachdem. Philip würde garantiert dankbar sein, wenn sie innerhalb der nächsten halben Stunde den Typen gefasst hatten – dann waren sie eher zu Hause und konnten ein Bier trinken gehen.
   Lissa schnaubte unmutig. Klar, dass sie sauer war. Für ihre Kameradin zählte womöglich nur der Gedanke, dass sie wieder mal kein Geld sah.
   Mit Händen und Füßen suchte sie Halt auf dem steinigen Untergrund. Der Aufstieg erwies sich für ihre Kameradin als äußerst schwierig und anstrengend, sie schnaufte nach wenigen Metern.
   »Bist du sicher, dass der Typ da oben ist?«, keuchte Lissa.
   »Shi hat Witterung aufgenommen, also muss dort etwas sein«, sagte sie über die Schulter hinweg.
   Ein weiterer Felsvorsprung kam in Reichweite. Sie zog sich hoch und half auch ihrer Kameradin herauf. »Mich wundert nur, dass er noch nicht angeschlagen hat.«
   Lissa knurrte. »Wahrscheinlich hat er den Gesetzlosen wieder mal zerlegt und schlägt sich nun den Bauch voll. Ich schwöre dir …«
   Zwei Schüsse erklangen aus dem Höhleneingang rechts von ihnen.
   »Das kommt von da vorn.« Lissa drehte sich bereits um. »Scheiße Dar – wir sind hier falsch.«
   »Warte.«
   »Du kannst mich mal, der Kampf findet dort drüben statt.« Lissa kletterte nach unten, ihr Gesicht vor Wut verzogen.
   Unschlüssig sah Daryan zum schmalen Eingang hinauf. Shi hatte eindeutig etwas gewittert. Der Gesetzlose musste irgendwo dort oben sein.
   »Geh du zu den anderen. Ich klettere hinauf. Ich stoße später zu euch.«
   Lissa sah nach oben. »Bist du sicher?«
   »Ja. Geh nur. Ich werde Shi suchen.«

*

Das lange Messer glitt in den Hals des zappelnden Mannes wie in weiche Butter. Nicht ein Laut war der sterbenden Kehle entwichen. Wie effektiv und vor allem lautlos er töten konnte, wusste er. Die Gruppe hatte keine Chance. Warmes Blut floss über seine Hände. Nicht mal seine Waffen hatten den Stümper gerettet. Er war erst gar nicht dazu gekommen, sie abzufeuern. Aber ein prima Jagdmesser trug er bei sich. Die Nachtsichtbrille könnte er als Tarnung nutzen, um die H4-Frau hinters Licht zu führen. Was würde sie für Augen machen, wenn er sich als H4 Träger outete. Den Spaß wollte er sich gönnen.
   »Hero! Wo bist du?«
   Tja, Hero hatte bereits das Zeitliche gesegnet. Achtlos ließ Marc die Leiche in der Dunkelheit fallen und schnitt den Waffengurt durch. Die Waffen waren nun seine.
   Der Strahl einer Taschenlampe kam den Gang entlang. Seine Lippen verzogen sich zu einem wölfischen Grinsen, als er sich um die nächste dunkle Ecke schob. Stümper Nummer zwei war im Anmarsch.
   »Verdammter Mist!«, hörte er den Großen fluchen.
   Marc vernahm das Schrappen von Metall auf Stein. Die Witzfigur hatte also seinen mehr als toten Kameraden gefunden. Aber der große Kampfhammer, den er am Gürtel des Großen gesehen hatte, interessierte ihn schon sehr.
   »Wo du auch bist, du stinkender Bastard, ich mache dich kalt«, hörte er ihn murmeln.
   Eine hervorragende Kampfansage. Fast hätte er laut gelacht. Der Große wanderte vorbei. Die Dunkelheit hüllte Marc ein, als der Schein der Taschenlampe weiterzog. Er gönnte der Ratte noch zehn Schritte …
   Für einen Sekundenbruchteil schloss er die Augen, zählte von zehn hinunter und schlich wie ein Raubtier an den Mann heran. Die Klinge fegte über die Kehle des Mannes hinweg. Der Widerstand, als er den Kehlkopf samt Luftröhre traf, war kurz. Der Mann fasste sich ungläubig an den Hals und drehte sich tatsächlich noch zu ihm um. Zwischen den Fingern floss das Blut hervor, zwei Schüsse lösten sich aus der Waffe.
   »Das wird euch nichts nützen«, flüsterte Marc aus der Dunkelheit. »Ihr werdet alle sterben.«
   Der Hüne fiel wie ein gefällter Baum zu Boden. Die Taschenlampe verlor sich irgendwo im Gang.
   Noch blieben vier Jäger übrig. Ihm machte die Chimäre Sorgen. Das Wesen brauchte nur seiner Spur zu folgen. In höchster Eile hatte er sich einige stinkende Kräuter auf die Haut geschmiert, um seinen Geruch zu übertünchen. Wahrscheinlich war die Chimäre der einzig ernst zu nehmende Gegner. Nein, Korrektur, da war noch die H4-Frau. Er durfte sie nicht unterschätzen.
   Wie ein Schatten verschmolz er mit der Dunkelheit, als er herannahende Schritte vernahm. Mehrere Schüsse erklangen. Die Kugeln schlugen unmittelbar hinter ihm ein.
   »Anfänger«, nuschelte er und flitzte durch die engen, dunklen Passagen.
   In dem Gewirr fanden sie ihn sowieso nicht.
   Als Nächstes wollte er sich den Frauen widmen. Und die, die so herrlich duftete … Die H4-Frau war wie ein Magnet.
   Verflucht! Er sollte sich nicht gehen lassen.
   Die Chimäre tauchte so unverhofft auf, dass er rutschend zum Stehen kam. Die leuchtenden Augen betrachteten ihn lauernd – sie sahen ihn in der Dunkelheit. Für eine Flucht war es eindeutig zu spät.
   Keine ruckartigen Bewegungen machen. Die aufgestellten Stacheln bebten leicht, als ein tiefes Grollen aus dem Maul drang. Die harten Platten schabten leise aneinander, als die Chimäre lauernd näherkam.
   »Shi!«, hörte er die Frau zischen. »Wo bist du?«
   Aha, sie suchte nach ihrem Schoßhündchen.
   Die Chimäre reagierte nicht, sondern sah ihm in die Augen. Die pelzige Nase flatterte leicht. Offenbar nahm sie seinen Geruch auf.
   Die Kräuter hätte er sich auch um den Hals hängen können, einer Chimäre machte man nichts vor. Sie war einfach zu clever. Sein Täuschungsversuch war gründlich in die Hose gegangen. Blieb nur zu hoffen, dass sie sich an den alten Kodex hielt, dass ihr Volk zusammenhielt und jeder für jeden einstand. Die Chimären waren ein fester Bestandteil in seinem Volk gewesen. Womöglich lag es daran, weil sie ebenso eine schräge Laune der Natur waren, ein H4-Erzeugnis.
   »Du bist also Shi«, flüsterte er. »Ich bin Marc.«
   Wenn er mit dem Kodex richtig lag, erkannte die Chimäre ihn an, ansonsten wäre er das nächste Mittagessen. Vorsichtig streckte er die Hand aus. Sie stieß ein leises Knurren aus. Die Lefzen zogen sich drohend nach oben. Er wollte wirklich nicht von diesen Zähnen zerrissen werden. Trotzdem hielt er die Hand hin. Die Schnauze näherte sich seinen Fingerspitzen. Er ging ein hohes Risiko ein, plötzlich ohne Arm dazustehen. Um zu überleben, ging er den gefährlichen Schritt.
   »Ich bin nicht der Feind«, flüsterte er. »Erinnere dich an den alten Kodex.«
   Plötzlich sprang sie vor. Er wich gerade noch den schnappenden Zähnen aus, die an ihm vorbeifuhren. Er strauchelte, und dann war sie auch schon über ihm. Er vernahm den heißen Atem an seinem Ohr, als die Chimäre seinen Geruch tiefer einsog.
   Ganz klar, das war sein Ende. Sie biss ihm mit ziemlicher Sicherheit den Kopf ab. Sie knurrte leise in sein Ohr. Er wagte kaum, zu atmen.
   Sekunden der Ungewissheit verstrichen, bis eine raue Zunge über seine Wange strich. Es war ekelerregend, dennoch hielt er still. Hatte die Chimäre ihn etwa anerkannt?
   Sie flitzte davon. Erleichtert setzte er sich auf und stieß leise den Atem aus. Dem Tod war er offensichtlich von der Schippe gesprungen.

*

»Verdammt noch mal, Shi«, murmelte Daryan, während sie durch die engen Passagen schlich.
   Wie überlebte man in so einem unwirtlichen Loch? Es war feucht, kalt und es gab keine Nahrung. Lutschte oder aß der Gesetzlose Steine? Hier gab es nichts Nahrhaftes.
   Die Waffe lag schussbereit in ihrer Hand. Ihre Sinne waren in höchster Alarmbereitschaft. Sie mochte das Adrenalin, das sich kribbelnd durch den Körper zog.
   Dass aber Shi noch keinen Laut von sich gegeben hatte, wunderte sie immer mehr. Wo blieb sein markerschütterndes Jaulen?
   »Ich schwöre dir, wenn du den Gesetzlosen zerlegt hast, trete ich dir in den Arsch und ersaufe dich im nächstbesten Fluss«, zischte sie.
   Vorsichtig trat sie um die nächste Ecke und ließ den Blick durch die Dunkelheit wandern.
   »Shi«, zischte sie lauter. »Komm her – sonst werde ich stinksauer.«
   Verflucht! Sie machte viel zu viel Lärm. Der Gesetzlose war garantiert genau im Bilde und längst geflüchtet. Es machte sie wütend, dass Shi es nicht für nötig hielt, sich an die Anweisungen zu halten.
   Zweifel kamen hoch. Eine blöde Idee, ihn freizulassen. Sie wandte sich nach rechts und lauschte. Nicht mal das Geräusch von Krallen auf Stein war zu hören.
   Argwöhnisch näherte sie sich einer kleineren Höhle. Zu allen Seiten gingen weitere Gänge ab. Wenn das so weiterging, verlief sie sich in dem Höhlensystem. Umso wichtiger, Shi zu finden, der konnte sie zurückführen.
   Unschlüssig blieb sie stehen und wandte sich nach links. Da kam er angetrottet. Die Augen leuchteten wie Saphire. In der Dunkelheit wirkte seine helle Silhouette wie von einem Infrarotbild. Fast reuevoll blickte er sie an.
   »Was hast du angestellt?«, fragte sie leise.
   Sogleich trat sie auf ihn zu, um sein Maul auf Blutspuren zu untersuchen. Die Waffe schob sie ins Holster zurück. »Hast du ihn gefressen?« Zur Kontrolle schob sie die Hände zwischen seine Kiefer und schob sie auseinander. Keine Fleischreste oder Blutspuren. Also lebte der Gesetzlose noch. »Wo ist er? Hast du ihn nicht gefunden?«
   Fast sah es aus, als ob Shi den Kopf schüttelte. Daryan beschlich ein eigenartiges Gefühl. Irgendwas war oberfaul. Scharf musterte sie ihn. »Wenn du ihn nicht gefressen hast, wo ist er abgeblieben?« Sie wurde sauer. »Verarsch mich nicht.«
   Shi senkte den Kopf. Offenbar wollte er ihr nicht länger in die Augen sehen. Hatte er etwa ein schlechtes Gewissen? War das möglich?
   Entschlossen packte sie seine spitzen Ohren, die einzigen Stellen, die in seiner wahren Gestalt empfindlich waren. Nun sah er sie an, weil sie den Druck erhöhte. Obwohl es ihr leidtat, ihm wehzutun, musste diese Maßnahme sein. Nur wenige Zentimeter trennten ihr Gesicht von der Schnauze. Er sollte merken, dass sie sich nicht für dumm verkaufen ließ.
   »Du zeigst mir jetzt, wo er steckt, sonst …«
   Da! Die leuchtenden Augen fixierten für eine Sekunde einen Punkt hinter ihr. Ein Luftzug erfasste ihre Haare, und sie fuhr herum. Eine Faust streifte ihre Schulter. Shi flitzte davon. Warum, war ihr unbegreiflich. Was zum Teufel ging hier vor?
   »Mensch, Süße, der Hieb hätte fast gepasst«, hörte sie eine tiefe, angenehme Stimme aus dem rechten Gang.
   »Dann versteck dich nicht wie ein elender Schlappschwanz«, knurrte sie.
   »Glaub mir, mein Schwanz ist garantiert nicht schlapp«, kam es nun aus dem Gang hinter ihr.
   »Komm heraus, und ich verpasse dir eine Abreibung.« Während sie sich herumdrehte, griff sie zum Holster … und fand es leer vor. »Verdammt!«
   »Vermisst du deine Waffe?« Der Kolben bohrte sich schmerzhaft in ihren Rücken.
   Der Bastard hatte ihre Waffe geklaut. Das war ihr noch nie passiert.
   Er sog geräuschvoll die Luft ein und gab einen wohligen Laut von sich. »Weißt du eigentlich, wie gut du riechst?«
   Was interessierte sie das? Ihretwegen konnte sie auch nach Chimärendung stinken. Aber … wieso sah er sie überhaupt in der Dunkelheit? All die Fragen verlangten später nach einer Antwort. Sie musste ihn erst mal verhaften. Mit ihrer guten Laune war es schon längst vorbei.
   »Im Namen der HSU nehme ich dich fest. Du wirst noch heute ins Zwangslager deportiert. Den Prozess führt das Gremium der HSU«, leierte sie den Text hinunter. »Meine Kameraden sind auf den Weg hierher«, fügte sie eigenmächtig hinzu.
   Ein leises, kehliges Lachen war die Antwort, das ihr eine ungewollte, wohlige Gänsehaut bescherte. »Welche Kameraden meinst du? Etwa die toten Ratten?«
   Sie versuchte, nicht hörbar nach Luft zu schnappen. Er bluffte – ihre Kameraden konnten nicht tot sein. Der Kerl verdiente eindeutig eine Abreibung. Scheiß auf die Wichtigkeit des Auftrags und auf die Millionen, wenn sie ihm versehentlich das Genick brach. Was sollte der Geiz, sie hätte sich nur verteidigt. Die Grütze würde sie aus seinem Hirn prügeln.
   Ihr Kopf schoss blitzschnell nach hinten und traf etwas Hartes. Er fluchte leise, und sie ignorierte den kurzen Schmerz an ihrem Hinterkopf. Mit aller Kraft donnerte sie den Unterarm auf seine Waffenhand. Ein Klappern verriet, dass er die Schusswaffe fallen ließ.
   Sie drehte sich um. Er trug eine Nachtsichtbrille, sie stammte aus der Grundausrüstung der Jäger. Woher hatte er die? Ihre Faust traf zielsicher den Unterkiefer dieses Bastards. Es war wie eine Genugtuung, ihm endlich die Fresse zu polieren.
   Geduckt taumelte er zurück. Im ersten Moment sah es so aus, als ob er zusammenklappte und sie ihm endlich die Zipperhandschellen anlegen konnte. Mit Absicht würde sie die Verschlüsse engerziehen, damit er checkte, dass man ihr nicht so einfach die Waffe klaute.
   Im nächsten Augenblick ging ihr auf, dass er sich leise lachend den Bauch hielt – er lachte sie tatsächlich aus!
   Er stellte sich zur vollen Größe auf, und was sie erblickte, war – ihr fehlten die passenden Worte, um es zu beschreiben – Furcht einflößend? Finster? Bedrohlich? Einschüchternd?
   Alle Bezeichnungen passten zu dem glatzköpfigen Mann. Ein durchtrainierter, wohlgenährter Körper, an dem kein Gramm Fett zu erkennen war. An Hunger und Durst litt der garantiert nicht. Wo fand man in der trockenen Einöde Nahrung und Wasser? Das passte nicht.
   Er überragte sie um eine halbe Kopflänge. Mit einer Größe von einsachtzig zählte sie eher zu den großen Frauen.
   »Du willst doch nicht ernsthaft gegen mich kämpfen, meine Schöne?«, gluckste er vergnügt.
   »Halt dein Maul.« Dass er sie verspottete, machte sie rasend vor Wut.
   Der Stoßtritt sollte ihn unerwartet treffen. Ihr Stiefel traf auf seine Brust. Anstatt wie ein gefällter Baum umzukippen, packte er ihr rechtes Bein und verdrehte es. Unsanft landete sie rücklings auf dem Boden. Aus ihren Lungen entwich geräuschvoll die Luft. Sie unterdrückte den Schmerzenslaut, dafür blieb keine Zeit. Dennoch entwich ihr ein Schnaufen, sie hatte sich den Handballen aufgerissen. Sie trug den verdammten Ledermantel nicht, weil es cool aussah, sondern damit er das verhinderte. Genau für solche Momente, wo sie sich wie ein Kesselflicker im Dreck herumprügeln musste, weil irgendein Gesetzloser Zicken machte.
   Plötzlich hockte er auf ihr. Sie sah sein schmutziges Grinsen. »Wir zwei könnten was ganz anderes tun.«
   »Du bist verhaftet.« Sie stieß den Handballen nach oben. Statt erneut seinen Kiefer zu treffen, ging der Schlag ins Leere. Er war schon aufgesprungen. Verdammt noch mal, er war sogar noch schneller als sie!
   Wie war das möglich? Sie kam sich wie eine lahme Schnecke vor. Das viele Training und ihre Gaben schienen umsonst. Sie drückte sich vom Boden ab und kam geschwind auf die Beine.
   Ihr Stiefel schnellte vor und verfehlte seine Kniescheibe um Zentimeter. Wütend ließ sie den Atem mit einem Zischen entweichen. Alles verlief nicht so, wie erwartet. Kurzen Prozess, Zipper anlegen und abführen war wohl hier nicht der Fall. Der Gesetzlose erwies sich als steinharte Nuss, und das ärgerte sie.
   »Du meinst es wirklich ernst«, neckte er.
   Erneut trat sie zu, und diesmal landete sie einen Treffer in seinen Magen. Er ging keuchend in die Knie. Mit Befriedigung rammte sie ihm die Faust in den Nacken. Das hatte bis jetzt jeden lahmgelegt. Sendepause. Nun war Schluss mit lustig. Regungslos blieb er liegen. Sie zog die Zipper aus der Manteltasche, um seine Hände auf dem Rücken zu fesseln.
   »Niemand drückt sich vor meiner Verhaftung.«
   Das Knie bohrte sie in seine Wirbelsäule, während sie die breiten Schlaufen um seine Handgelenke legte und den Verschluss mit Absicht fester zuzog. Der Bastard ging nirgendwo mehr hin. Der hörte erst mal die süßen Klänge der Ohnmacht.
   Zufrieden erhob sie sich, suchte den Boden nach der Waffe ab und schob sie ins Holster zurück. Sie warf einen flüchtigen Blick auf ihre Hand, die kleine Schramme würde sie überleben.
   Und wo zum Henker steckte Shi? Er hatte sich einfach aus dem Staub gemacht. Der sollte gefälligst herkommen, sie musste schließlich den Gesetzlosen durch die Gänge schleifen. Da wäre es mehr als angebracht, wenn er ihr den Weg nach draußen zeigte.
   »Shi«, rief sie. »Komm endlich her! Ich will …«
   Ein Schlag beförderte sie hart gegen die Wand, ihr Kopf schrammte gegen Stein. Nur mit Mühe blieb sie bei Bewusstsein. Staub rieselte herab, der ihr für eine Sekunde die Sicht raubte.
   »Jetzt spielen wir nach meinen Regeln.«
   Sein boshafter Ton ging ihr durch und durch. Etwas lief völlig verkehrt. Sie blinzelte. Hatte sie etwas übersehen? Sie hatte ihn doch korrekt gefesselt. Niemand vermochte, sich aus den Zipperhandschellen zu befreien. Sie waren so konzipiert, dass sich kein Gesetzloser befreite.
   Benommen sah sie hoch. Wie ein Rachedämon kam er auf sie zu. Im Gehen riss er die Brille ab und warf sie beiseite. An seinem linken Handgelenk baumelte der zerrissene Zipper. Sie kauerte auf dem Boden und verstand die Welt nicht mehr. Wie war das möglich, dass er sie ohne Brille sah? Man vermochte auch die Zipper nicht zu zerreißen, sogar sie schaffte das nicht – trotz ihrer außergewöhnlichen Kraft.
   Das geschah alles nicht wirklich. Völlig sicher, dass sie ihn ohnmächtig geschlagen hatte, sah sie trotzdem in ein überaus waches Gesicht. Wer war der Typ?
   In der nächsten Sekunde dämmerte es ihr: Er war von ihrer Art. Ein H4-Träger!
   Da stimmte etwas nicht. Ihr wurde gesagt, dass es niemanden mehr von ihrem Volk gab. »Wie hast du über…?«, setzte sie noch verwirrt an – dann übermannte sie die Dunkelheit.

Kapitel 4

Eine Walze musste über ihren Kopf gefahren sein. Ihr Körper ruhte auf einem weichen Lager. Hinter den Lidern schimmerte Helligkeit, gelegentlich vernahm sie ein leises Knacken wie von einem Kaminfeuer.
   Was zur Hölle war passiert? Für einen Moment versuchte eine Erinnerung, nach ihr zu greifen. Sie blinzelte, die Helligkeit tat in den Augen weh. Stöhnend wollte sie sich an die Stirn fassen und fand die Handgelenke gefesselt vor.
   Nun war sie hellwach. Sie starrte an eine graue hohe Höhlendecke. Füße, Beine, Bauch, sogar um ihre Schultern lagen breite, dicke Gurte. Ihre Handflächen ertasteten weiche Felle. Nicht einen Zentimeter konnte sie sich bewegen.
   »Zur Sicherheit«, sagte eine Stimme.
   Mit ihr kam auch die Erinnerung. Der Gesetzlose hatte sie überwältigt, die Handschellen zerrissen, sie gegen die Wand geschmettert, obwohl er eigentlich bewusstlos hätte sein müssen und er … er … er war von ihrem Volk. Wieso war ihr das nicht sofort aufgefallen? Jahrelang wurde sie in dem Glauben gelassen, die Einzige zu sein. Es war das erste Mal, dass sie einem anderen H4-Träger begegnete. Eigentlich sollte sie von Freude erfüllt sein, aber das war nicht der Fall. Er war ein Gesetzloser. Die HSU wartete bereits auf ihn.
   Sie erkannte einen Schatten, der vom Lichtschein an die gegenüberliegende Wand geworfen wurde. Fieberhaft versuchte sie, einen klaren Gedanken zu fassen … einen Plan … irgendwas. Etwas, woran sie sich klammern konnte. Die Tatsache, dass er zu ihr gehörte, wollte ihr einen gehörigen Schock versetzen. Wie sollte sie sich verhalten? Was war nun richtig?
   »Wie heißt du?«
   Seine Stimme klang anders, als sie sie in Erinnerung hatte. Es lag viel Wärme darin.
   Pah! Sie würde den Teufel tun und ihm antworten.
   Sie versuchte, den Kopf zu drehen. Ein kleines Pelzknäuel sprang auf ihren Bauch. Die raue Zunge leckte über ihren Handrücken. Fast schuldbewusst sah Shi sie an, während er näher kroch. Gewiss, nun war klar, warum er den Gesetzlosen nicht gestellt hatte und abgehauen war. Jeder stand für jeden ein. Sie hielten zusammen – bis in den Tod. Der uralte Kodex, der ihr schon als Kleinkind beigebracht wurde.
   Das Schlimme daran, sie konnte Shi deswegen nicht mal bestrafen. Wahrscheinlich schützte er jeden H4-Träger. Er kroch bis zu ihrem Hals herauf und legte sich an ihre Wange. Ein leises Schnurren drang aus seiner Kehle, während er sich an sie kuschelte. Sie war ihm nicht böse.
   »Wenn ich dich von den Gurten befreie, wirst du friedlich sein? Du wirst sicher die eine oder andere Frage haben.«
   Die hatte sie durchaus. Momentan war ihr aber nicht klar, wo sie anfangen und aufhören sollte. Dass er ein H4-Träger war, hatte sie gerade erst verdaut. Niemand hatte ihr gesagt, dass sie einen ihrer Art jagten. Hatte es Philip gewusst? Der Obere? Die HSU?
   Sie vernahm das Klappern von Besteck. »Ich habe noch etwas Fleisch und Kartoffeln, wenn du möchtest.«
   Woher hatte er Fleisch und Kartoffeln? Wo gab es fruchtbaren Boden, um so etwas anzupflanzen und zu ernten? Zudem gab es Tiere. Wie sonst kam er an Fleisch? Wie auf Kommando fing ihr Magen an zu knurren. Essen hörte sich gut an und auch Wasser. Ihre Kehle fühlte sich ausgedörrt an. Sie schluckte. »Ja«, sagte sie nur.
   »Ja, was?«
   »Ich habe Fragen. Und ich habe Hunger und Durst.«
   Schritte näherten sich. Noch war er nicht zu sehen. »Wenn ich die Gurte löse, gehst du mir nicht an die Gurgel?«
   Darauf wusste sie keine Antwort. Ihre Psyche schien gespalten: Ihr Eid als Kopfgeldjägerin schrie danach, ihn, wenn es sein musste, zu töten. Etwas anderes, wahrscheinlich der Virus, stimmte sie milde. Die Friedfertigkeit wurde fast zum Sehnen, endlich jemanden gefunden zu haben, der genauso war wie sie.
   Shi hob den Kopf und blickte sie an. Daryan blinzelte. Hatte er zustimmend genickt?
   »Ich bin friedlich, wenn du es auch bist«, murmelte sie.
   Shi tappte über ihren Bauch und legte sich ans Fußende.
   Nun trat er vor, und sie erblickte ihn endlich in Farbe. Warme braune Augen sahen sie freundlich an. Sie widerstand dem Drang, die Freundlichkeit zu erwidern. Immerhin war er ein Mörder, ein Gesetzloser, der … aber er gehörte ihrem Volk an!
   Er schmunzelte, als er den ersten Gurt löste. Sie starrte ihn an, zu mehr war sie nicht fähig – fühlte sich gefangen von seinem Anblick. War er Wirklichkeit? Am liebsten hätte sie die Hand ausgestreckt, um zu testen, ob er ein Hirngespinst war. Sie traute ihren Sinnen nicht.
   Sein Alter war schwer auszumachen, möglicherweise Anfang bis Mitte dreißig. Übermäßig attraktiv fand sie ihn nicht. Sie hatte weitaus schönere Männer gesehen, aber sein Gesicht hatte etwas Spezielles, was sie nicht zu beschreiben vermochte. Sein Profil wurde vom warmen Feuerschein erhellt. Es verlieh ihm ein ästhetisches Aussehen, was sie äußerst ansprechend fand. Für einen Mann hatte er weiche Gesichtszüge. Sie betrachtete seine Hände, die die Gurte an den Füßen lösten. Da seine Haut von der Sonne gebräunt war, verbrachte er bestimmt viel Zeit außerhalb der Höhlen. Ihr Blick richtete sich erneut auf sein Gesicht. Sein Mund und seine Nase waren für ihren Geschmack zu groß. Er sah nicht wie ein kaltblütiger Mörder aus.
   Gerade die unschuldig Aussehenden sind die Schlimmsten.
   »Du warst nicht ohnmächtig, stimmts?«, fragte sie leise.
   Er sah sie an, während er den Schultergurt löste. »Nein, war ich nicht. Jeden anderen hättest du außer Gefecht gesetzt.«
   »Ja, hätte ich.«
   »Wie ist dein Name?« Er löste die letzten Gurte und sah sie erwartungsvoll an.
   »Daryan, aber alle nennen mich Dar.«
   »Marc.«
   Langsam setzte sie sich auf. »Ich weiß«, murmelte sie, wobei sie sich die Handgelenke rieb.
   »Stimmt.« Er setzte sich ans Feuer und schob über den niedrigen Tisch einen Teller und einen Becher in ihre Richtung.
   Shi hatte alle viere von sich gestreckt und schlief. Er erweckte den Eindruck, sich pudelwohl zu fühlen. Sie entspannte sich lieber nicht. Die Wachsamkeit saß ihr im Nacken. Sie tastete die Manteltaschen ab.
   »Du wirst sicher verstehen, dass ich deine Waffe und Magazine konfisziert habe.«
   Flüchtig sah sie ihn an. »War mir klar.«
   Marc beobachtete sie, in seinem Blick lag etwas Lauerndes, und das bescherte ihr unverhofftes Herzklopfen. Um ihre Nervosität zu kaschieren, blickte sie sich in der Höhle um. Sie war nicht sehr groß, vielleicht fünf mal fünf Meter. Für ihre Verhältnisse recht klein. Ihre Wohnung im HSU-Wohntrakt maß bestimmt das Vierfache. Sie brauchte nichts zu missen, besaß warmes, fließendes Wasser, Strom und Telekommunikation. Wenn sie sich die karge Einrichtung so ansah, lebte sie im Luxus. Kochutensilien standen rechts an einer Wand. Einige Kleidungsstücke und Decken hingen an einer Leine. Ein niedriger Holztisch stand vor der Pritsche. Die Pritsche war wahrscheinlich sein Bett. Ein Schacht war in die Wand gehauen worden, in dem ein Feuer brannte. Es gab nichts Interessantes zu entdecken.
   Nichts, was für die HSU von Wichtigkeit wäre.
   Auf den ersten Blick schien er alles zu haben, was man zum Leben benötigte. Was jedoch ihre Neugier weckte, war die Steinwand gegenüber – sie war mit bunten Zeichnungen übersät. Die Bilder rüttelten Erinnerungen wach. Ihr klappte verblüfft der Mund auf. Wie konnte sie die Details jemals vergessen? Der Brunnen … Bäume mit roten saftigen Früchten … die Süße vermochte sie beinah zu schmecken … Holzhütten …
   Sie vermied es, hörbar nach Luft zu schnappen – ihre Heimat, ihr Dorf! So viele Jahre war die Erinnerung wie weggewischt, und nun wurde sie zu etwas Greifbarem in Form von gemalten Bildern. Über ihre Haut zog ein sanftes Kribbeln, als wenn Millionen Ameisen einen Weg darüber fanden.
   Marc beobachtete sie interessiert, sie sah es aus den Augenwinkeln. Sie durfte keine Schwäche zeigen, garantiert nutzte er das aus. Entschlossen riss sie sich von den Zeichnungen los.
   »Du hast meine Kameraden umgebracht.«
   »Zwei von ihnen.« Noch immer fixierte er sie neugierig. Was er auch in ihrem Gesicht zu lesen glaubte, es schien ihn wahrlich zu fesseln.
   Die Waffen, die hinter ihm an der Wand lehnten, gaben Auskunft: langes Jagdmesser und Kampfhammer. Auch jetzt verspürte sie keinen Zorn. Hero war sowieso ein Arsch gewesen und Bullseye so blöde wie ein Holzbrett.
   »Bullseye und Hero«, sagte sie. »Was ist mit den anderen?«
   »Die Frau und die beiden Männer sind unverrichteter Dinge gefahren.«
   Was? Den Schock ließ sie sich nicht anmerken. Sie waren einfach gefahren? Hatte Philip sie nicht gesucht? Dachten sie, sie wäre tot?
   Die Unsicherheit überspielte sie, indem sie ihn böse anfunkelte. »Unverrichteter Dinge? Wir lassen nie etwas unverrichtet. Sie werden zurückkommen.«
   Würden sie das wirklich? Daryan war sich nicht sicher.
   Marc lächelte boshaft. »Ich bin bereit, wenn sie eine zweite Runde wollen.«
   Darauf wettete sie. Er erwartete doch nicht, dass sie sich gegen ihre Kameraden stellte? Das sollte er schnell aus seinem Kopf streichen.
   »Erzähl mal, wie überlebt man eine VX-Attacke?« Wenn sie schon hier saß, konnte er gefälligst einige Antworten liefern. Die Informationen waren sicher Gold wert für den Prozess.
   »Was meinst du denn, wie ich überlebt habe?«
   »Du kannst nur Atropin gehabt haben. Woher hattest du es?«
   Er grinste. »Berufsgeheimnis.«
   »Du bist also nicht so freundlich und verrätst es mir?«
   »Ich sehe keinen Grund dazu.«
   Sie schmunzelte. »Ich bin eine Gesetzeshüterin der HSU und kann dich jederzeit verhaften.«
   Seine Augenbrauen schossen fragend in die Höhe. »Mit was denn? Die Zipper habe ich zerrissen. Deine Waffe habe ich auch. Und seien wir mal ehrlich, im Nahkampf bin ich dir eindeutig überlegen.«
   Überlegen? Dass er sich da mal nicht irrte. Sie hatte in ihrem Leben schon genug Männer vermöbelt und besiegt. Heute hatte sie nur einen schlechten Tag erwischt.
   Der Impuls, ihn eines Besseren zu belehren, nahm für einen Moment überhand. Daryan war danach, ihm sofort die Fresse zu polieren, irgendetwas hielt sie jedoch zurück. War es womöglich die Tatsache, dass er recht hatte? Er war der erste H4-Träger, gegen den sie gekämpft hatte. Offensichtlich reichte ihr kämpferisches Geschick dafür nicht aus.
   »Ich hatte keine Ahnung, wen wir jagen.« Die Worte klangen nach einer Entschuldigung.
   Zur Hölle, für was entschuldigte sie sich? Sie führte nur Befehle aus. Die HSU gab die Order an die Garde weiter, und niemand stellte die Befehle infrage. Den Jägern kam es gar nicht in den Sinn, irgendetwas zu bemängeln, was die HSU für richtig hielt. Weshalb war das so? Ging es nur um die gute Bezahlung oder gab es noch andere Motive, die sie sich niemals vor Augen gehalten hatte?
   »Das habe ich mir gedacht. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich zuerst etwas anderes mit dir vor.«
   »Was?«
   Marc schüttelte schmunzelnd den Kopf. »Ist nicht mehr wichtig. Aber ich wusste recht schnell, wer du bist.«
   »So?« Sie nahm den Holzteller, aß jedoch nicht.
   Er tippte auf seine Nase, und sie verstand: Der Virus hatte ihm die Gabe des ausgeprägten Geruchssinns gegeben.
   Sie starrte ihn erneut an. War er wirklich von ihrem Volk? Irgendwie glaubte sie es noch nicht.
   »Du bist der erste H4-Träger, den ich getroffen habe«, flüsterte sie. »Ich habe immer gedacht, ich wäre allein auf der Welt.«
   »Du bist auch seit Jahren die Erste, und ich bin viel herumgekommen.«
   »Du hast andere getroffen?« Fast wäre ihr der Teller aus der Hand gerutscht. »Wo?«
   Er winkte ab. »Im Norden, ist viele Jahre her.«
   »Wieso bist du nicht bei ihnen geblieben?«
   »Ich war schon immer ein Einzelgänger«, sagte er mit ernster Stimme. »Allein komme ich besser zurecht.«
   Die HSU interessierte sich sicherlich dafür, warum er so lange überleben konnte. Bestimmt quetschte sie die eine oder andere Antwort aus ihm heraus, man sollte nur hartnäckig sein.
   »Wie konntest du so lange überleben?« Sie machte eine ausschweifende Handbewegung. »Ich meine, hier gibt es nichts.«
   »Bist du dir sicher?«
   »Zumindest wüsste ich nicht, wo ich suchen sollte.«
   »Du lebst eben schon zu lange in der gehobenen HSU-Gesellschaft.« Seine Stimme klang verächtlich.
   Seine Verachtung verstand sie nicht. Sie verspürte auch keine überfreundliche Sympathie für die Union, es war aber überlebenswichtig, so manch bittere Pille zu schlucken. Immerhin hatte sie ein Zuhause.
   »Morgen zeige ich dir, wo das Essen herkommt.«
   Sie aß eine Kartoffel. Ihre Geschmacksnerven schienen zu explodieren, auch wenn das Essen mittlerweile kalt war. Die Kartoffeln waren tatsächlich echt, keine aus dem Genlabor. Am liebsten hätte sie einen wohligen Laut von sich gegeben. Sie meinte, die Erde herauszuschmecken. Sie fühlte sich an zu Hause erinnert, wo jedes Gemüse aus dem Boden gekommen war und jede Frucht einen Baum hatte. »Du baust es selbst an?«
   Marcs Lächeln war voller Wärme. Ein feines Kribbeln zog durch ihren Körper. Nie zuvor hatte sie zugelassen, dass ein Mann ihr physisch und psychisch wirklich nähergekommen war. Woran das lag, wusste sie nicht. Aber dieser Mann schaffte es durchaus, dass ihre Gefühle ins Wanken gerieten. Er war doch nur ein Mann wie jeder andere …
   Trotzdem … er ist der lebende Beweis, dass ich nicht allein bin.
   In seinen Augen erblickte sie plötzlich Verlangen. Schnell sah sie auf den Teller. Nur weil er der erste H4-Träger war, mussten sie nicht übereinander herfallen. So nötig hatte sie es nicht. Fahrig wies sie auf die Wandmalereien. »Hast du die gemalt?«
   »Ja.« In seinem Gesicht stand nun ein lauernder Ausdruck, und darüber war sie erleichtert.
   Sie wollte wirklich nicht herausfinden, wo es endete, wenn sie sich mit ihm einließ. Sex zwischen einem Gesetzlosen und einer Kopfgeldjägerin? Das wäre nicht richtig – so etwas gab es einfach nicht.
   Sie stellte schnell den Teller beiseite, erhob sich und ging auf die Wand zu. Vorsichtig fuhr sie über die trockene Farbe. Die Liebe zum Detail, die Marc in die Zeichnungen hatte fließen lassen, war förmlich zu spüren.
   »Als Kind habe ich immer am Brunnen gespielt«, flüsterte sie. »Wir haben uns mit Wasser bespritzt.« Bei der Erinnerung lächelte sie.
   »Ich auch. Wir haben so manches Mal den halben Dorfplatz unter Wasser gesetzt«, erklärte er leise.
   »Deine Familie kenne ich aber nicht.«
   »Ich deine auch nicht.«Schweigend wandte er den Blick ab. Das Thema schien ihm unpassend.
   »Die sind wirklich sehr schön.« Das meinte sie ernst. Die Zeichnungen wirkten schon fast lebendig. Noch nie hatte sie etwas Schöneres gesehen.
   »Damit ich immer eine Erinnerung an meine Heimat habe. Oft meine ich, die grünen Wiesen und wilden Blumen zu riechen. Ein Paradies, weder Beton noch Asphalt hat es gegeben. Wir haben im Einklang mit der Natur gelebt.«
   Die Sehnsucht in seiner Stimme traf sie unvorbereitet. Die wenigen Dinge, an die sie sich erinnerte, waren noch zu distanziert, um sehnsüchtige Gefühle auszulösen.
   Abrupt drehte sie sich um.
   Für Sentimentalität hatte sie sowieso keine Zeit, es gab wichtigere Dinge, über die sie nachdenken musste. Sie setzte sich auf die Pritsche zurück und nahm den Teller. Es gab viel nachzudenken. Über die nächsten Schritte.
   Ihr Innerstes schien auf eigenartige Weise gespalten. Was war nun der richtige Weg? Ihn der HSU übergeben oder laufen lassen? Die Erfahrung hatte gezeigt, dass sie ihn allein niemals überwältigte. Er brachte eher sie um die Ecke als andersherum. Um eine passende Option auszuloten, benötigte sie Zeit.
   Tatsache war, dass er sie bis jetzt nicht bedroht hatte, er war sogar freundlich. Dies konnte jedoch auch eine Falle sein.
   Und wieso war Philip einfach gefahren? Daryan schluckte. Hatte sie ernsthaft geglaubt, dass es in irgendeiner Form ein Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen ihren Kameraden gab? Schon immer war sie die Außenseiterin gewesen. Was wunderte sie sich, dass sie zurückgelassen wurde? Wenn sie zurückkehrten, würde sie ihrem Truppenführer gehörig die Meinung geigen. Offenbar hatten sie Daryan nicht mal gesucht. Die Realität hinterließ ein seltsames Gefühl – es kam einem Verrat gleich.

*

Daryan hatte ihn angesehen, als ob er ein Geist wäre. Völlig ahnungslos, und das hatte ihn für einen Moment amüsiert. Zugegeben, ihr Auftauchen hatte ihn auch mächtig in Erstaunen versetzt, aber er war Realist genug, um zu wissen, dass ihr Gehabe durchaus geplant sein könnte. Ihm leuchtete ein, dass sie Informationen über ihn sammelte – sie fragte zu viel. Er traute der HSU alles zu. Warum obendrein nicht auch eine Viper in sein Nest schmuggeln?
   Leise setzte er sich ans Feuer zurück.
   Noch war er unsicher, was Daryan betraf. Einerseits wollte er darauf vertrauen, dass sie den Kodex einhielt, anderseits war er nicht erpicht darauf, unverhofft ein Messer zwischen den Rippen stecken zu haben. Er musste sie auf seine Seite ziehen. Sie kam ihm schon fast wie ein Geschenk vor, gemeinsam konnten sie gegen die HSU vorgehen.
   Den Kopf hielt sie gesenkt, während sie schweigsam aß. Die dunklen, langen Haare verdeckten ihr Gesicht. Wie alt sie wohl war?
   Das Alter war bei den H4-Trägern immer schwer festzustellen. Daryan hatte sich an den Brunnen erinnert und dass sie dort immer gespielt hatte. Ihm war leider nie ein dunkelhaariges Mädchen aufgefallen, das sich vergnügt mit Wasser bespritzte. Und er erinnerte sich an jedes Gesicht – ergo musste sie jünger sein.
   Eigentlich war sein Glück kaum zu fassen, endlich hatte er jemanden von seinem Volk gefunden. Nach so langer Zeit. Aber dass sie ausgerechnet für die HSU arbeitete, dem größten Feind, passte nicht zusammen. Auch wenn sie glaubte, dass sie durch den Beitritt in die Garde frei war, so lag sie vollkommen falsch. Niemand, der in die Fänge der HSU geriet, war wirklich frei.
   Sie dachte nach, er ahnte es. Womöglich lotete sie gerade aus, was sie nun mit ihm machen sollte. Für ihn war die Situation auch nicht leicht. Wenn er die derzeitige Lage genau betrachtete, war sie sogar sein Feind. Aber was wusste sie wirklich über die HSU und den Virus? Marc musste ihr auf den Zahn fühlen. Seine Neugier war einfach zu groß.
   »Wie alt bist du?«
   Daryan sah auf. »Wen interessiert das?«
   O ja, sie spielte die »Ich habe die Lage voll im Griff«-Taktik. Einen Dreck hatte sie. In ihren Augen sah er die Unsicherheit und die Zweifel.
   »Mich.«
   Sie sah erneut auf. »Vierundzwanzig. Wieso?«
   »Neugier.«
   »Und wie alt bist du?« Ihre dunklen Augen funkelten wachsam.
   »Dreiunddreißig.«
   Ja – sie wirkte sehr anziehend auf ihn. Wenn er es zuließ, spielten seine Hormone vollkommen verrückt. Aber es wäre nur der verdammte Virus, der sich sein Fortbestehen sichern wollte, und nicht sein Wille.
   Nicht genug, dass er dem Träger eine bärenstarke Gesundheit und ein langes Leben bescherte, er schaffte es sogar, sich anziehend für andere H4-Träger zu machen. Die Frau, die so einen verlockenden Duft verströmte, könnte noch so hässlich werden, für ihn wäre sie immer wunderschön. Alles Kalkül von einem intelligenten Bazillus.
   »Was weißt du über den H4?«
   Überrascht blickte sie ihn an und stellte den Teller weg. »Nur das, was meine Mutter erzählt hat. Ein mutierter Hepatitis-C-Virus, der zu einer Epidemie wurde. Die Symptome waren unterschiedlich, aber die meisten Menschen starben letztlich an inneren Verletzungen. Weshalb fragst du?«
   »Ich studiere den Virus nun schon sehr lange. Mir ist aufgefallen, dass er von Generation zu Generation stärker wird. Der H4 hat sich bereits an unsere DNA gedockt, wusstest du das?«
   Sie schüttelte langsam den Kopf. An ihrem Gesicht las er ab, dass sie nicht wusste, wovon er sprach.
   »Er steuert nicht nur unseren Stoffwechsel, Hormone, Gehirn, Muskeln … mittlerweile sogar unser Denken. Er kann uns zu einer willenlosen Puppe machen. Macht er dir das Leben nicht schwer?«
   Mal sehen, wie sie darauf reagierte. Sie blickte ihn verwirrt an. Nein, sie hatte absolut keine Ahnung. Wie war es möglich, dass sie nicht unter der Launenhaftigkeit des Virus litt? Der Bazillus musste sie ebenso zu einer Bedrohung, zu einem wilden Tier machen – wie ihn.
   »Mich nicht. Ich habe mich im Griff.« Ihre Stimme hatte einen selbstgefälligen Klang.
   Die Selbstgefälligkeit nahm er ihr keineswegs ab. Irgendwas bewerkstelligte der H4 bei ihr, und wenn es nur ein unangenehmes Zwicken in ihren Pobacken war.
   Er grinste. »So, meinst du? Konntest du jemals einen Vergleich zu anderen H4-Trägern ziehen? Was macht dich so sicher, dass dich nicht der H4 lenkt? Es …«
   »Du suchst nach Antworten?«, fuhr sie ihm ins Wort. »Sitze ich deswegen hier, damit ich deine Wissbegierde stille?«
   »Nein, deswegen nicht. Und ja, ich suche auch nach Antworten. Willst du nicht wissen, wieso du so bist, wie du bist?«
   »Will ich nicht«, sagte sie mürrisch. »Damit du es weißt, ich werde deine Neugier nicht befriedigen. Ich habe keine Ahnung von den Dingen.«
   »Hast du dich niemals gefragt, warum unsere Vorfahren überlebten?«
   Daryan zuckte die Achseln. »Womöglich besaßen sie eine gewisse Immunität.«
   Er lachte leise. »Klar, Immunität. Eher ein Serum oder etwas anderes.«
   Ihr Blick durchbohrte ihn förmlich. »Warum erzählst du mir das alles? Es interessiert mich nicht.«
   Sie wurde ungeduldig, er vernahm es aus ihrer Stimme. Der Zeitpunkt war eindeutig zu früh, sie hörte weder zu noch glaubte sie ihm. Daryan hing zu sehr an der Brust der HSU. Da brauchte es viel Überzeugungsarbeit von seiner Seite. Okay, andere Richtung. Vielleicht plauderte sie darüber, was sie über die Union wusste. Den Spieß einfach mal umdrehen.
   »Was weißt du über die HSU?«
   Genervt verdrehte sie die Augen. »Mensch, soll das hier ein Wer-weiß-was-Spiel werden? Sie sind meine Arbeitgeber. Diejenigen, die es mir ermöglichen, zu essen, zu trinken und ein Dach über den Kopf zu haben.«
   »Hast du niemals an ihrer Autorität gezweifelt?« Eine gute Frage, die sie ihm, wenn er ihr verschlossenes Gesicht betrachtete, nicht beantwortete. Sie war wirklich noch nicht so weit.
   Unwirsch winkte sie ab. »Weißt du was? Ich bin müde, und mir brummt der Schädel. Wenn du keine weiteren Fragen hast, lege ich mich schlafen. Morgen früh bin ich weg und komme mit Verstärkung zurück.«
   Er schüttelte den Kopf. »Ich kann dich nicht gehen lassen.«
   »Bin ich deine Gefangene? Willst du Lösegeld von der HSU erpressen? Oder eine Begnadigung erzwingen? Da muss ich dich enttäuschen, sie akzeptieren solche Forderungen nicht. Es warten schon andere Jäger, die meinen Platz einnehmen, sollte ich das Zeitliche segnen.«
   »Nein, du bist keine Gefangene, aber du stirbst dort draußen – ohne Wasser und Nahrung. Wie dir sicher aufgefallen ist, liegt die Zivilisation mindestens siebzig Kilometer entfernt. Dazwischen ist nichts. Zudem wirst du ohne meine Hilfe nicht aus dem Höhlensystem hinausfinden, und du hast eine böse Beule an der Stirn.«
   Daryans Hand fuhr kurz nach oben. »Na und? Ich habe schon schlimmere Verletzungen davongetragen. Shi wird mich hinausführen.«
   »Wird er nicht, und das weißt du.«
   Ob es wirklich so war, wusste er nicht, aber Shi erweckte den Eindruck, nirgendwo mehr hinzugehen. Außerdem wollte er nicht, dass sie ging. Warum, war ihm schleierhaft.
   »Du kannst gehen, aber erwarte keine Hilfe von mir.« Er wies auf die vier dunklen Gänge hinter sich. »Such dir einen Gang aus und komm mit Verstärkung zurück.«
   Ihr Blick schweifte zu den Gängen, verweilte für einige Sekunden, bis sie resigniert seufzte. »Okay, ich lege mich schlafen. Du hast für heute gewonnen.«
   Marc lächelte. »Ich wusste gar nicht, dass wir einen Kampf ausgefochten haben.«
   Die braunen Augen musterten ihn fast bedauernd. »Nein, aber ich sage dir gleich, vertraue mir nicht zu sehr. Ich halte mich nicht an den Kodex unseres Volkes.«
   Ihr Geständnis überraschte ihn nicht – er hatte sogar damit gerechnet. Die Euter der HSU hatten sie zu satt und träge gemacht.
   »Das ist schade, Daryan. Er hat uns als die Außenseiter stark gemacht.« Er stand auf und reichte ihr eine Decke. »Die Nächte sind kühl. Du kannst die Liege nehmen. Ich lege mich ans Feuer.«
   »Danke.«

Kapitel 5

Das entfernte Zwitschern eines Vogels weckte sie am anderen Morgen. Wie lange war es her, dass sie einen Vogel gehört hatte? Aber die bedeutendste Frage war: Woher kam der Vogel?
   Sie schloss die Augen. Der liebliche Ton fing sie ein. Die gelben Getreidefelder, die ihr Vater immer bestellt hatte, den Duft, als er es erntete. Vögel hatten gezwitschert, Schmetterlinge ihr Gesicht liebkost.
   Die Bilder waren so greifbar, dass sich unverhofft Tränen in ihren Augen sammelten. Seit sie Marc begegnet war, rückte die Vergangenheit immer mehr in den Vordergrund. Warum war das so?
   So lange waren die schönen Erlebnisse vergraben – ihre Wurzeln, ihr Volk. Die schöne Zeit kam jedoch nicht zurück, die Realität sah anders aus. Es gab kein Paradies mehr, in dem sie unbeschwert lebte. Es gab niemanden mehr, der ihr etwas bedeutete – außer Shi.
   »Gut geschlafen?«
   Fahrig wischte sie über ihre Wangen. Niemand durfte die Schwäche sehen. Gefühle konnte sie sich nicht leisten, die machten sie nur schwach und verwundbar für die raue, grausame Welt.
   Seltsamerweise hatte sie sehr gut geschlafen – wie schon lange nicht mehr. Sogar dem Kopf ging es viel besser. »Ja.«
   »Frühstück?«
   Langsam schob sie die Beine unter der Decke hervor. An den Füßen fehlten die Stiefel. Marc hatte sie ihr ausgezogen. Verdammt, nun war auch das Messer im Stiefelschaft weg. Als sie ihn ansah, hatte sie sich gefühlsmäßig voll im Griff.
   Auf einem Teller lagen Brot, Rührei und kleine Fleischwürfel. »Das alles erntest du hier?«
   Sein Lächeln versetzte ihr unverhofftes Herzklopfen. Ärgerlich schob sie die körperliche Reaktion beiseite. Es gab keinen Anlass, Herzklopfen zu bekommen. Das war geradezu lächerlich.
   »Lass dich überraschen. Nach dem Essen zeige ich es dir, Daryan.«
   Mittlerweile wurde sie wirklich neugierig. Wie er ihren Namen aussprach – beinah liebevoll. Was bezweckte er damit? Es weckte ein unerwartetes Gefühl in ihr, die Empfindung war vollkommen unangebracht. Er kratzte viel zu energisch an ihrem imaginären Schutzwall, körperlich wie seelisch. Schon gestern Abend hatte er das versucht. Aber sie blieb hart, wie sie es jahrelang schon handhabte. Kein Mann brachte ihre Gefühlswelt durcheinander – H4 hin oder her.
   Den Sinn seiner Fragen hatte sie sowieso nicht verstanden. Einerlei, was er vom Virus und der HSU zu erzählen hatte. Er war und blieb ein Gesetzloser, der spätestens heute Abend im Zwangslager schmorte, dafür sorgte sie.
   Willst du das wirklich?
   Noch hatte sie sich nicht ernsthaft Gedanken darüber gemacht, welche Option die richtige war.
   »Niemand nennt mich Daryan.« Ihre Stimme klang sogar in ihren Ohren grantig, aber die Tonlage steckte hoffentlich die Grenzen klar ab: dass sie kein Interesse an ihm hegte. Sie gehörten zwar einem Volk an – was sagte das schon aus? Für sie überhaupt nichts.
   »Ich nenne dich so.« Wieder diese Wärme in der Stimme. Er sollte das lieber lassen. Es änderte nichts.
   Sie nahm den Teller zur Hand, wobei sie zitterte. »Mach, was du für richtig hältst. Aber ich will wenigstens mein Messer wiederhaben, wenn du dir schon die Waffen meiner Kameraden und meine Schusswaffe unter den Nagel gerissen hast.«
   Lächelnd zog Marc das Messer aus dem Stiefelschaft und betrachtete die Klinge. »Schade, es fing an, mir zu gefallen.« Er schob es über den niedrigen Tisch.
   Marc verwirrte sie, und das gefiel ihr überhaupt nicht. Die Kontrolle zu verlieren, war so ziemlich das Letzte, was sie erleben wollte.
   Auch wenn Marc der Meinung war, der Virus übernähme sogar das Denken, ließ sie sich trotzdem nicht von ihm um den kleinen Finger wickeln. Kopf- und gefühlsmäßig war sie schon immer ihr eigener Herr gewesen und nicht der Bazillus in ihrem Körper.

Der Gang wurde zunehmend enger, während sie ihm langsam folgte. Shi hockte auf ihrer Schulter und beäugte neugierig die Umgebung. Nach wie vor erweckte er den Eindruck, sich hier pudelwohl zu fühlen. An die Umgebung brauchte er sich nicht zu sehr gewöhnen, bald war Schluss damit.
   Ein warmer Lufthauch streifte ihre Wangen. Das Ziel war nicht mehr weit. Marc hatte recht, sie würde niemals hinausfinden. Dummerweise war sie tatsächlich auf seine Hilfe angewiesen.
   Der Weg machte einen scharfen Knick nach rechts. Sie vernahm das Rauschen von Wasser. Als Marc einige grüne Ranken beiseiteschob und sie hindurchtrat, glaubte sie sich in einem wirklichen Paradies. Einem vergessenen Paradies. Einer anderen Welt, die sich, geschützt von den rauen Felsen, jahrhundertelang entwickeln konnte. Niemals hatte sie damit gerechnet.
   Blauer Himmel, Sonnenschein, eine warme Brise auf ihrem Gesicht. Ein reichhaltiger Garten, mit Bäumen, Blumen, Gras und Beeten. Sie war umhüllt von Vogelzwitschern und tausend Düften. Das Wasserrauschen erwies sich als ein kleiner Bachlauf, der einem Felsen entsprang.
   Obwohl sie es nicht wollte, war sie überwältigt. Dass die HSU diesen Ort noch nie entdeckt hatte, war nicht verwunderlich. Mit was sollte er auch entdeckt werden? Es gab keine Flugzeuge oder Satelliten, wie es sie vor der Epidemie gab. Zumindest wurde den Jägern das so berichtet. »Unmöglich«, flüsterte sie. »Wie geht das?«
   Am liebsten hätte sie die Augen geschlossen, um die Eindrücke mit allen Sinnen in sich aufzunehmen. Die Vergangenheit übermannte sie unverhofft: Sie fühlte sich zu Hause, und das berührte sie zutiefst. Ein schmerzhaftes Drücken legte sich auf ihre Brust.
   »Das ist wunderbar, nicht?«, raunte er an ihrem linken Ohr.
   »Ja«, hauchte sie.
   »Komm, ich zeige dir alles.« Er hielt ihr lächelnd eine Hand entgegen.
   Daryan war so fasziniert von der Umgebung, dass sie nicht darüber nachdachte, was die Berührung auslösen könnte. Wie von selbst verschlangen sich ihre Finger miteinander.
   Der Kontakt hinterließ ein Gefühl der Richtigkeit – sie gehörte zu ihm. Schicksalhaft. Vorherbestimmt. Einfach unabdingbar.
   Rasch schüttelte sie die Empfindungen ab und zog die Hand zurück. Trotz allem war er ein gesuchter Verbrecher.
   Über sein Gesicht huschte ein beinah gekränkter Ausdruck. Glaubte er ernsthaft, sie wäre naiv und so leicht zu bestechen? Er wandte sich ab und ging voraus.
   Ihr Blick registrierte die Beete, die reichhaltiges Gemüse enthielten. Tomaten, Gurken, Kartoffeln und Möhren. Außerdem Erdbeeren. Einige Kräuter standen zwischendrin.
   »Woher hast du die ganzen Samen? Ich meine, du musst doch …«
   Marc grinste. »Habe sie gefunden.«
   »Aha, gefunden. Du meinst geklaut.«
   »Benutz doch nicht so ein hartes Wort. Vieles war schon hier. Ich war selbst überrascht, als die ersten Triebe aus der Erde ragten. Mit solch einem Erfolg habe ich niemals gerechnet. Es gibt sogar Hühner, die Eier legen. Ich muss sie regelmäßig jagen, weil sie sich rasend schnell vermehren.«
   Sie kamen an einem steinigen Becken vorbei.
   »Wenn du baden möchtest … Es ist eine warme Quelle. Sie steigt von unten herauf und mischt sich mit dem kalten Wasserlauf. Hat immer eine angenehme Temperatur.«
   Verwundert kniete sie nieder und ließ die Hand durchs blubbernde Wasser gleiten. Es war tatsächlich warm. Ein wohliger Laut wollte ihrer Kehle entschlüpfen …
   Nein!
   Der eisige Verstand des Kopfgeldjägers schob sich in den Vordergrund. Was bezweckte Marc mit all dem? Sie war nicht bestechlich. Und sie blieb auch garantiert nicht bei ihm, wenn ihm der Gedanke vorschwebte.
   »Warum zeigst du mir das alles? Ich habe dir gestern schon gesagt, dass du mir besser nicht traust. Du bist zwar von meinem Volk, aber trotzdem ein Gesetzloser. Was bringt dich dazu?«
   Seine Augen waren wie dunkler Bernstein. Erneut fuhr ein unverhofftes Kribbeln durch ihren Körper, aber sie würde den Teufel tun und ihren Gefühlen freien Lauf lassen.
   »Ich möchte deine Vergangenheit wachrütteln«, sagte er leise.
   Sie schüttelte den Kopf. »Das kannst du den Vögeln erzählen, aber nicht mir.«
   Ertappt sah er zu Boden. Als er aufblickte, stand in seiner Mimik Entschlossenheit. »Okay, du hast recht. Ich möchte dich für meine … unsere Sache gewinnen.«
   »Unsere Sache? Die wäre?« Abwartend verschränkte sie die Arme vor der Brust.
   »Ich will die HSU zu Fall bringen.«
   Sie lachte. Es ging nicht anders. Das hörte sich zu lächerlich an. »Du willst die Union zu Fall bringen? Na dann, viel Vergnügen und vor allem viel Glück. Das wirst du nämlich brauchen, wenn du im Zwangslager schmorst. Nur zur Info: Von dort ist noch niemand getürmt.«
   Marc sah sie ernst an. »Ich wünsche mir, dass du mich dabei unterstützt.«
   »Tja, Wünsche erfüllen sich nicht immer.«
   In seiner Stimme schwang Ärger mit. »Wir sind ein Volk, Daryan, und sollten zusammenhalten.«
   Da sprach er einen entscheidenden Punkt an. Sicher, er hatte vollkommen recht. Aber das traf nicht auf sie zu. Seit Jahren war sie auf sich allein gestellt, niemand hatte zu ihr gestanden. Schon als Kind hatte das Leben ihr gezeigt, dass man sich nur auf sich selbst verließ. Nichts hatte Bestand. Die Garde gab ihr Halt. Es spielte keine Rolle, dass es nur Wasser anstatt Blut war, was sie miteinander verband. Wichtiger war, dass sie zu jemandem gehörte.
   »Da bist du an der falschen Adresse«, entgegnete sie bestimmt und wandte sich zum Gehen um.
   »Eins interessiert mich: Wie kamst du dazu, eine Kopfgeldjägerin der HSU zu werden?«
   Sie blieb stehen, drehte sich um und musterte ihn ungeduldig. »Ich bin in der Zone aufgewachsen und sehe meine Ausbildung als große Ehre.«
   Er lachte boshaft. »Große Ehre.«
   Seine blöden Kommentare waren ihr total egal. Sollte er denken, was er wollte.
   »Wie bist du dorthin gekommen?«
   Eine Mauer, die plötzlich auftauchte … Ein Mann in Uniform, der sich niederkniete … Woher kamen die Gedanken? Unsicherheit erfasste sie. »Ich weiß nicht genau. Sie haben mich aufgenommen.«
   Marc sah sie stirnrunzelnd an. »Bevor oder nachdem unser Dorf zerstört wurde?«
   Sie schüttelte den Kopf. »Von welcher Zerstörung redest du?«
   Für ein paar Sekunden starrte er sie schweigend an. »Du hast keine Ahnung?«, fragte er überrascht.
   »Von was?«
   »Was mit unserer Heimat passiert ist.«
   »Nein.« Sie hatte keinen Schimmer, von was er sprach. »Ich war womöglich noch zu klein, um mich daran zu erinnern. Mir wurde erzählt, dass sie mich vor dem Tor gefunden haben.«
   »Ich nehme an, das hat die HSU erzählt?«, fragte er im abfälligen Ton.
   »Ja.«
   »Und du hast denen geglaubt?«
   Die Unsicherheit wuchs zu einer echten Zwangslage heran. Er sprach über Dinge, von denen sie nicht mal ansatzweise etwas wusste. Doch sie war Profi genug, um die wahren Gefühle zu verbergen. »Natürlich«, sagte sie fast schnippisch. »Warum sollten sie lügen? Sie waren immer gut zu mir.«
   »Glaubst du?«
   »Ja.«
   Er sah wütend aus. »Es ist vierzehn Jahre her, und nach meiner Rechnung warst du zehn. Erzähl mir also nicht, du wüsstest nicht, was mit unserem Dorf passiert ist. Tu nicht so ahnungslos, um mich in die Irre zu führen.«
   In die Irre führen? Sie hatte doch keine Ahnung! »Ich weiß es wirklich nicht.«
   »Dann weißt du auch sicherlich nicht, wer damals die Bombe auf uns fallen ließ?«
   Ein riesiger, heller Pilz … er machte die Nacht taghell. Mit Mühe unterdrückte sie das Bild, das sich an die Oberfläche wälzte. Sie wollte die Vergangenheit nicht sehen. Energisch schlug sie die Tür zu.
   »Die HSU«, sagte er.
   Aha, daher lief der Hase – Lügenmärchen. Er versuchte mit allen Mitteln, ihre Gesinnung ins Wanken zu bringen. Nicht sie wollte ihn in die Irre führen, sondern andersherum. Schlauer Schachzug von ihm. Ihr Mund verzog sich zu einem ironischen, schiefen Lächeln. »Die HSU.«
   »Du glaubst mir nicht?«
   »Nicht die Bohne.«
   »Solltest du aber. Von uns H4-Trägern ging schon bald keine Infektionsgefahr mehr aus. Garantiert war es die Andersartigkeit, die deinen Bossen Angst machte. Oder meinst du, sie haben dich nur aus Nächstenliebe in die Garde aufgenommen? Es gab einen Grund. Die Union macht alles aus Berechnung.«
   Daryan schwieg. Nein – Marc war ein Lügner, der sich ihre Loyalität mit allen Mitteln erkaufen wollte. »So einen Mist höre ich mir nicht mehr an«, knurrte sie.
   »Auf die Nicht-Involvierten, so welche wie mich, wird ein Kopfgeld ausgesetzt. Hast du das gewusst? Wir werden gejagt, weil wir ihnen ein Dorn im Auge sind und nicht nach ihrer Pfeife tanzen.«
   »Falsch! Ihr werdet gejagt, weil ihr Gesetzlose seid. Du willst mich für deine Sache gewinnen? Vergiss es!«
   In seine Augen trat ein gefährliches Glitzern. Es verlieh ihm das Aussehen einer Raubkatze, was sie verdammt noch mal erregend fand. »Du kannst mir wirklich glauben.«
   Ärgerlich schüttelte sie das reizvolle Gefühl ab. »Ich sehe keinen Grund dazu.«
   »Hast du schon mal einen Blick ins Zwangslager geworfen?«
   »Nein. Interessiert mich auch nicht. Ich sorge nur dafür, dass die Verbrecher ihre gerechte Strafe bekommen.«
   »Das sollte dich aber interessieren, denn es ist nicht das, was es scheint.«
   »Ach ja?« Diese Unterhaltung wurde immer absurder. Die Lust, ihm noch weiter zuzuhören, war ihr gründlich vergangen. Er konnte erzählen, was er wollte, sie half ihm nicht.
   »Hast du dich nie gefragt, welche Indizien die Union sammelt, um aus einem freien Menschen einen Gesetzlosen zu machen?«
   Die Frage stellte sich für sie nicht. Warum auch? Sie machte nur ihre Arbeit, und die wurde auch noch gut bezahlt. »Er lässt zum Beispiel ein Labor hochgehen, wobei Menschen sterben. So etwas nennt man in Fachkreisen mehrfachen Mord. Was für Indizien brauchst du noch?«
   »Du bist ein stures Luder, weißt du das? Du hast nichts verstanden. Warum weigerst du dich, über den Tellerrand zu sehen?«
   »Weil es da nichts zu sehen gibt. Und nun lass mich mit dem Mist in Ruhe. Du kannst mich nicht für deine Sache gewinnen. Kodex hin oder her – du bist ein Mörder.«
   Mit Absicht sprach sie die letzten Worte verächtlich aus, sie hinterließen allerdings einen bitteren Nachgeschmack.
   Marc war bei den Worten leicht zusammengezuckt, als ob sie ihn geschlagen hätte. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, als er sich umdrehte und davonging. Ein schmerzhaftes Ziehen zuckte durch ihre Brust.
   Die Schwäche machte sie ärgerlich. Sie schüttelte den Kopf. Für sie war das Thema erledigt. Solange sie bezahlt wurde, war alles andere uninteressant. Was gingen sie die Verbrecher im Zwangslager an? Sie waren selbst schuld, dass sie dort hockten. Es wurde höchste Zeit, von hier zu verschwinden, um mit ihren Kameraden wiederzukommen.
   Die dich allein gelassen haben … Warum wohl?
   Ja, warum? Sie mussten einen triftigen Grund gehabt haben, sonst wäre Philip niemals gefahren. Sie ließen nie jemanden zurück, auch wenn er verletzt oder gar tot war. Der Vertrauensbruch fühlte sich schäbig an, und sie hatte Mühe, die negativen Gedanken zu unterdrücken.
   Marc gehörte hinter Schloss und Riegel, da gab es nichts dran zu rütteln. Die Unterhaltung hatte gezeigt, dass er es nicht anders verdiente. Die HSU stürzen. Sein Vorhaben war geradezu lächerlich.
   Ihr Blick heftete sich auf das blubbernde Becken, danach auf ihre schmutzigen Oberarme, und wenn sie ehrlich war, roch sie nicht gerade nach Rosen. Es war riskant, was ihr auf einmal vorschwebte – geradezu leichtsinnig, überhaupt mit dem Gedanken zu spielen.
   Sie sah sich im Garten um. Marc war nicht zu sehen, wahrscheinlich dachte er über ein paar passende Argumente nach, mit denen er sie zu überzeugen glaubte.
   Seltsamerweise fürchtete sie sich nicht vor ihm, egal, wie viele Menschen er getötet hatte. Wenn er sie tot sehen wollte, hätte er sie im Schlaf ermorden können.
   Da sie noch unter den Lebenden weilte, blieb nur der Schluss, dass Marc sie für seinen unsinnigen Plan unbedingt brauchte.
   Soviel war gewiss: Er würde ihr nichts tun, aber dass sie ihn dabei unterstützte, die Hand zu beißen, die sie fütterte? Das konnte er ganz schnell abhaken.
   Aus ihrem Mund drang ein wohliger Laut, als sie ins warme, schäumende Wasser glitt. Wenn es etwas gab, was sie liebte, war es ein entspannendes Bad. Viel zu selten suchte sie das öffentliche Bad oder die Sauna auf, um sich anschließend von der Masseurin verwöhnen zu lassen.
   Die Kleidung hatte sie achtlos vor dem Becken verstreut. Ihr Messer steckte zwischen den Steinen, um auf alles vorbereitet zu sein.
   Shi saß am Beckenrand und sah sich lieber das Wasser aus der Ferne an. Lachend spritzte Daryan ihn nass. Er fletschte die kleinen Zähne.
   »Du bist ein wasserscheuer Zwerg. Komm herein. Ich halte dich«, lockte sie.
   Er schüttelte sich das Wasser aus dem dichten Fell und setzte sich in sicherer Entfernung auf den Hintern.
   »Dann nicht. Du weißt nicht, was du verpasst.« Sie ließ sich in der Wärme treiben und schloss die Augen. So gefiel ihr das. Die Muskeln entspannten sich, sie hatte nicht geahnt, wie schwer und müde sie waren. Es gluckerte zwischen ihren Brüsten, als sie tiefer sank. Das warme Wasser liebkoste ihre Haut wie das Streicheln von Fingerspitzen, die sanft über ihren Oberschenkel wanderten.
   »Wir sollten uns vertragen, findest du nicht?«, raunte plötzlich eine Stimme an ihrem Ohr.
   Vor Schreck schluckte sie einen Schwall Wasser. Verdammt noch mal, hatte er sie etwa begrapscht?
   Sie hustete, wich an den Beckenrand zurück und funkelte ihn an. »Was soll das?«
   »Man merkt, dass du schon zu lange in der Wohlstandsgesellschaft lebst.« Marc grinste wie ein kleiner Junge. »Du hast mich nicht mal bemerkt.«
   »Habe ich sehr wohl.« Na und? Dann war es eben gelogen.
   »Aber natürlich.« Er kam näher. Unter Wasser griff sie zum Messer. Es wäre besser, wenn er ihr von der Pelle bliebe.
   »Eine Woche in der Natur hier, Daryan, und deine Sinne sind schärfer als je zuvor.«
   In einem Punkt stimmte sie ihm zu. Er hatte sie überwältigt, war ihr um einiges überlegen. Mochte sein, dass es am üppigen Leben lag, trotzdem war sie immer noch schneller als die normalen Menschen, und nur darauf kam es an.
   »Es tut mir leid«, sagte er reuevoll. »Ich wollte dich nicht zu irgendetwas überreden.«
   Ach ja? Wollte er nicht? Ihr Eindruck war ein anderer. Fest umklammerte sie den Messergriff.
   Er schloss die Augen und sog geräuschvoll den Atem ein. »Weißt du eigentlich, wie gut du riechst?«
   »Den blöden Spruch hast du schon mal vom Stapel gelassen.« Ihr war nicht nach Freundlichkeit oder gar Flirten zumute. Womöglich versuchte er, die liebenswerte Schiene zu fahren, um sie umzustimmen.
   »Es ist Tatsache und kein Spruch, meine Schöne. Das macht mich richtig an.« Marc war noch näher gerückt. Seine Hand wanderte zärtlich an ihrem Oberschenkel entlang.
   »Du bist so unglaublich weich«, raunte er.
   Den wohligen Schauder versuchte sie, zu unterdrücken, doch ihr Körper war da anderer Meinung. Ihre Brustwarzen hoben sich erregt. Die Art, wie er sie berührte, verursachte ein ekstatisches Kribbeln zwischen ihren Schenkeln. Wenn sie ihm nicht sofort Einhalt gebot, artete das hier höllisch aus.
   Die Messerspitze setzte sie unter seiner untersten, linken Rippe an. Sofort hielt er inne.
   »Ich brauche das Messer nur nach oben zu stoßen, um mit ziemlicher Sicherheit dein Herz zu treffen«, sagte sie mit leiser Stimme.
   »Nicht doch.«
   Seine Stimme schnurrte wie die eines Katers, während er ihrem Gesicht näherkam. Seine Lippen streiften ihre Wange. Ein leichtes Zittern fuhr durch ihren Körper, und es ärgerte sie, dass sie offenbar auf ihn abfuhr.
   »Du willst mich doch nicht töten, nur weil ich dich begehre? Wir sind allein, beide nackt, das warme Wasser. Fällt dir da nichts ein? Mir schon.«
   Sie schubste die äußerst erregende Vorstellung beiseite, was man zu zweit alles im warmen Wasser anstellen konnte. »Glaub mir, Männer sind bei mir schon für weitaus weniger gestorben. Ich kann dir auch die Eier abschneiden, wenn dir das lieber ist.«
   Er wich zurück. »Da bin ich nett zu dir, und du trachtest mir nach dem Leben. Weshalb gönnst du dir nicht ein wenig Spaß?«
   »Ganz einfach, weil ich eine Gesetzeshüterin bin und du ein Gesetzloser.«
   »Durch und durch Kopfgeldjägerin«, bemerkte er lapidar. »Eine Frau, die vergessen hat, was es heißt, zu leben.«
   »Du weißt nichts über mich.«
   Er kam zurück, sein Gesicht verschlossen und ernst. »Ich habe eine Menge über dich herausgefunden. Der Eid und deine wahre Herkunft kämpfen miteinander. Dich überwältigen Erinnerungen, die du mit aller Macht verdrängt hast. Die Gründe dafür sind mir schleierhaft. Obwohl du nicht für meine … unsere Sache kämpfen willst, scheine ich an deiner Überzeugung zu kratzen. Du kannst dein wahres Naturell nicht ignorieren.«
   Nein! Hör auf!
   Die Worte klangen wie ein Schrei in ihrem Innersten. Eine dunkelhaarige Frau, die ihr einen Kuss auf die Stirn gab … Leicht schüttelte sie den Kopf, um das Bild zu vertreiben. Marc versuchte, etwas freizulegen, was tief in ihr begraben schien, und dass er das durchaus schaffte, ließ sie verwirrt zurück. Seine Hartnäckigkeit weckte obendrein viele Fragen in ihr. »Was wäre das wahre Naturell?«
   »In Freiheit zu leben.«
   »Ich lebe in Freiheit.« Verdammt, sogar ihre Stimme klang verunsichert. Klarer Fall, er hörte es garantiert und zählte eins und eins zusammen.
   »Bist du sicher?« In seiner Stimme lagen so viel Verständnis und Wärme.
   Verflucht! Das machte die Sache noch schlimmer. Sie schluckte den dicken Kloß im Hals hinunter, bevor er ihr vollends die Kehle zuschnürte.
   »Sie sind gut zu mir.« Daryan fühlte sich den Tränen nah.
   Marc lächelte sanft. »Solange du nach ihren Regeln agierst. Du lebst in einer Gemeinschaft, die es geschafft hat, die Welt ein wenig bewohnbarer zu machen. Sie geben euch Nahrung, Unterkunft und Arbeit … Aber lebst du wirklich in Freiheit?«
   Wie gebannt verfolgte sie jedes einzelne Wort. In ihrem Kopf herrschte eine plötzliche Leere.
   Er streckte eine Hand aus, um über ihre Wange zu streichen. »Sie haben unser Volk getötet. Mit einem Schlag ausgelöscht, ohne mit der Wimper zu zucken«, flüsterte er.
   »Nicht.« Sie wich zurück. »Lass das. Du bist ein Lügner.«
   »Ich lüge nicht, und das weißt du.«
   Der dumpfe Knall … der helle Pilz …
   Nein! Die HSU hat das nicht getan.
   Die Aktion ergab keinen Sinn. Weshalb hätten sie das tun sollen? Sie waren immer gut zu ihr gewesen. Hatten sie aufgenommen, sie alles gelehrt … Der Verbrecher dachte nur daran, seinen Arsch zu retten – mehr nicht.
   »Lass mich damit in Ruhe«, begehrte sie auf. »Ich will davon nichts mehr hören.«
   »Wie du möchtest.« Seine Stimme schnurrte. »Dann lass uns wenigstens ein wenig Spaß haben.«
   Ihre Standhaftigkeit drohte, den Bach hinunterzugehen. Sämtliche Härchen stellten sich auf ihrem Körper auf. Etwas wollte gewaltsam an die Oberfläche. Es zerrte an ihr wie ein tollwütiger Hund. Der Erreger hatte nur eins im Sinn – seine Erbfaktoren sichern, aber Spaß hatte sie schon lange nicht mehr gehabt.
   Ihr Körper verlangte danach, aber nicht ihr Herz. Sie wusste sehr wohl: Der Virus sorgte dafür, dass sie ihn gerade unanständig anziehend fand. Na? Wer war der eigentliche Sklave? Marc, der sich offensichtlich vom H4 lenken ließ oder Daryan, die diese Wurzeln hinter sich ließ, um einer stärkeren Macht zu dienen? Gewiss, sie waren eine Spezies, dennoch so verschieden. Sie sah keinen Grund, warum sie sich mit ihm sexuell einlassen sollte.
   »Auch in der Richtung wird nichts laufen.« Ihre Stimme besaß zum Glück einen festen Klang. »Rück mir nicht zu nah auf die Pelle, sonst kastriere ich dich wirklich.«
   »Du bist ein Teufel«, raunte er, wandte sich ab und stieg aus dem Wasser.
   Verdammt, was sie erblickte, war schon fast beängstigend. Marc war so bestückt, dass sie nicht anders konnte, als ihm auf die Erektion zu starren. Ihr Mund klappte auf.
   »Das könnte alles dir gehören«, bemerkte er und grinste.
   Schnell klappte sie den Mund zu und sah woanders hin. Verklemmt war sie nicht, aber der Anblick verschlug ihr glatt die Sprache.
   »Soll ich wieder hineinkommen?«, fragte er leise.
   »Vergiss es.« Sie tauchte schnell unter Wasser. Als sie auftauchte, war er zum Glück verschwunden.

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