Deutschland 1947: Anna Peters nennt den winzigen Lagerraum hinter dem familieneigenen Spielzeugladen ihr Zuhause, seit sie vor vier Jahren ihr Heim und ihre Eltern bei einem Bombenangriff verlor. Die Entbehrungen der Nachkriegszeit und das Pflichtgefühl, den Familienbetrieb weiterführen zu müssen, machen ihr zu schaffen. Zu allem Überfluss wird sie Nacht für Nacht von Albträumen geplagt: Ein Phönix kreist über den Ruinen der Stadt und ruft beunruhigende Erinnerungen hervor. Durch einen unglücklichen Zufall gerät sie mit dem attraktiven, aber undurchschaubaren Alexander Bach in eine nebelverschleierte Passage und erwacht völlig geschwächt in „Silvanubis“. Magier und mystische Kreaturen zeigen Anna das vielfältige Leben dieser Parallelwelt, doch eine unheilvolle Gefahr bedroht den Frieden. Die junge, ehrgeizige Magierin Kyra will die Magie Silvanubis’ an sich reißen und geht für ihr Ziel über Leichen. Plötzlich sind Alexanders und Annas Schicksale unwiderruflich miteinander verknüpft, nicht nur in Silvanubis …

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ISBN: 978-9963-722-73-0

Seiten: 308

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Kirsten Greco

Kirsten Greco
Kirsten Greco wurde 1965 in Iserlohn geboren und ist in Hagen aufgewachsen. Nach dem Abitur studierte sie Germanistik und Sportwissenschaft in Bonn, schloss dann noch eine Ausbildung als Bankkauffrau und Fremdsprachenkorrespondentin an. Fremde Länder und Kulturen haben sie schon immer fasziniert und so hat sie zunächst  in Brügge, Belgien gearbeitet und dann Australien mit dem Rucksack bereist. 1999 ist sie gemeinsam mit ihrem Mann nach Michigan in die USA gezogen, wo sie bis heute mit ihrer Familie und zwei Hunden lebt.

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Kapitel 1
Trümmer

Der gewaltige, scharlachrote Vogel zog unablässig seine Runden, nur das regelmäßige Rauschen der Flügel war zu hören. Die Stadt schlief, schweigsam und friedvoll. Mit kräftigen Schlägen seiner riesigen Schwingen glitt er unermüdlich durch die Dunkelheit. An den Federspitzen zuckten kleine, blaugelbe Flammen, die die Häuser in ein gespenstisches Licht tauchten. Allmählich wanderten die blitzenden Funken von den Flügeln über den massiven Körper und den langen Hals bis zum Kopf. Als die Glut die orangefarbenen Augen erreichte, stieß der Vogel einen heulenden Schrei aus. Metallisch, blechern.
   In gleichmäßigen Wellen breitete sich das Echo in die Tiefe der Nacht aus, bis es verstummte und der Phönix zu Asche zerfiel. Der Wind trug sanft graue Flocken davon und als sich die ersten sacht auf die Giebel legten, fielen die Häuser mit einem ohrenbetäubenden Donner in sich zusammen. Behutsam legte die schwarze Nacht ihre tröstende Decke über die Zerstörung. Sterne standen am Himmel, erst eine Handvoll, dann Hunderte, Tausende und am Horizont erglühte ein rotgelber Schimmer.

Anna saß senkrecht im Bett. Auf ihrer Stirn hatte sich ein dünner Schweißfilm gebildet. Mit eiskalten Händen fuhr sie sich über das Gesicht, schwang die Beine über die Kante und rieb sich die Arme. Das milchige Licht des Mondes schimmerte durch die mit Eiskristallen beschlagene Scheibe. Anna riss das Fenster auf. Frostige Luft strömte ins Zimmer. Gierig sog sie die kalte Nachtluft ein und sprang mit einem Satz zurück ins Bett. Unter dem dünnen Kissen tastete sie nach dem zerkratzten silbernen Benzinfeuerzeug. Ihr Vater hatte es ihr an dem Abend mitgegeben, als die Bomben fielen. Einen Moment ließ sie es in der Hand ruhen, dann zündete sie die dicke, braune Kerze auf dem altersschwachen Holztisch hinter ihrem Bett an. Das warme Licht erfüllte wie üblich seinen Zweck. Langsam beruhigte sie sich.
   Jede Nacht kehrte der Traum zurück. Die Sirenen, die die Bomberverbände angekündigt hatten, waren vor fast zwei Jahren endlich verstummt. Nun ersetzte das bedrohliche an- und abschwellende Heulen des Phönixes Nacht für Nacht das unheimliche Dröhnen.
   Immer wieder sah sie den gewaltigen, brennenden Vogel, die Asche und die zerstörten Häuser. Der blecherne Klang hallte immer noch in ihren Ohren.

Ihr Vater hatte sie abends noch einmal zum Laden geschickt.
   »Sei so gut, Anna, hol mir eins der kleinen Holzautos. Ich denke, wir haben noch einige im Regal stehen. Moritz hat morgen Geburtstag, er soll wenigstens ein Geschenk bekommen.«
   Er drückte ihr das zerkratzte Feuerzeug in die Hand. »Mach dir dort eine Kerze an, es ist schon fast dunkel. Falls es Stromsperre gibt.«
   Anna verdrehte die Augen. »Papa, du kannst doch nicht alles verschenken.«
   Mit einem Kuss auf die Stirn und einer flüchtigen Umarmung schob er sie energisch zur Tür hinaus. »Doch, mein Kind, das kann ich. Uns geht es doch gut. Beeil dich.«
   Sie zuckte mit den Schultern und zog widerstrebend los.
   Kaum hatte sie das kleine Spielzeuggeschäft erreicht, begann das Heulen der Sirenen. Es jagte ihr jedes Mal eine Gänsehaut über den Rücken. Nie würde sie es rechtzeitig nach Hause schaffen. Atemlos hetzte Anna in den behelfsmäßig hergerichteten Luftschutzraum im Keller des Ladens. Sie hockte sich unter die Werkbank ihres Vaters, presste die Handflächen auf die Ohren und hoffte, dass es dieses Mal nicht so lange dauern würde. Gerade einmal zehn Minuten fielen die Bomben. Das Donnern und Tosen verstummte. Stille legte sich wie ein Leichentuch über die kleine Stadt am Rande des Ruhrgebiets. Wer genug Zeit hatte, in die Sicherheit von Kellern oder Bunkern zu flüchten, konnte sich glücklich schätzen. Annas Eltern hatten kein Glück gehabt. Freunde bargen sie aus den Trümmern, brachten sie auf Handkarren zum Friedhof und beerdigten sie. Sie besorgten Anna ein Bett, einen Tisch, einen weiß emaillierten Kohleofen und zwei alte Stühle und bauten die Möbel neben den Regalen des Lagerraums auf. Seither wohnte sie in dem engen Raum des Spielwarengeschäftes, das wie durch ein Wunder unversehrt geblieben war. Die Freunde ihrer Eltern kümmerten sich rührend um sie. Allein war sie nicht, sie war einsam.

Anna strich sich eine widerspenstige Locke hinter das Ohr. Das musste aufhören. Sie war es leid, Nacht für Nacht mit klopfendem Herzen von einem Traum hochzuschrecken, der ihr wie ein lästiger Gast hartnäckig ungebetene Besuche abstattete. Sie wusste nicht, wie lange es her war, dass sie eine Nacht ruhig und traumlos geschlafen hatte. Es dauerte immer endlos, bis sie wieder einschlafen konnte und sie wachte jedes Mal mit der Gewissheit auf, dass der Traum sein Ende noch nicht gefunden hatte.
   Anna schlug die Decke zurück, stand auf und griff nach ihren Socken, die im flackernden Kerzenlicht auf dem alten Stuhl lagen. Hastig streifte sie die dunkelgrauen Strümpfe über ihre eiskalten Füße. Der rechte Zeh lugte vorwitzig aus einem riesigen Loch, und sie zupfte so lange an der rauen Wolle, bis die aufgerissene Stelle schließlich unter dem Fuß verschwand. Sie musste es stopfen, unbedingt. Ihre klammen Finger glitten über den wuchtigen Küchenherd. Eine kratzige Wolldecke eng um die Schultern geschlungen, ließ sie sich auf einen der Stühle sinken. Sollte sie einige Stücke Holz opfern und in den Herd schieben? Sie verwarf den Gedanken rasch. Es war April, und obwohl die Nächte immer noch kalt waren, wurde es tagsüber inzwischen einigermaßen warm. Der eisige Winter hatte viele Opfer gefordert, doch gestern hatte sie die ersten Schneeglöckchen entdeckt. Wie sehr sehnte sie den Frühling herbei. Wenn sich die winzigen, weißen Kelche an die Oberfläche wagten, dauerte es nicht mehr lang.
   Vorsichtig rutschte sie auf dem Stuhl hin und her und bewegte ihre steifen Glieder. Das Holz knarrte tadelnd und die Rückenlehne wackelte bedenklich, als sie zurücksank. Sie setzte das halb volle Glas Wasser an ihre Lippen und ließ das kalte Nass ihre Kehle hinunterrinnen. Es war Glück im Unglück, dass die Wasserleitung unversehrt geblieben war. Sie musste nicht, wie so viele andere, das Wasser vom Hydranten nach Hause schleppen. Aber der Hunger quälte sie beharrlich und zudem rund um die Uhr. Eigentlich musste es doch langsam bergauf gehen.
   Anna sah sich um, doch außer einigen Kartoffeln, zwei Äpfeln, einer Scheibe Brot und ein bisschen Butter war nichts da. Hamstern, ihr blieb nichts anderes übrig. Heute würde der Laden geschlossen bleiben. Es kam ja doch keiner, um Spielzeug zu kaufen. Wer überhaupt ein wenig Geld übrig hatte, versuchte etwas Essbares zu besorgen. Wenn es denn etwas gab … Wie oft war sie mit ihrer Lebensmittelkarte losgezogen, stand stundenlang beim Bäcker an, um enttäuscht ohne eine Scheibe Brot wieder nach Hause zu gehen.
   An Schlaf war nicht mehr zu denken. Sie beschloss, auf Peter zu warten, und wenn er nicht bald kam, würde sie ihren Rucksack schultern und sich auf den Weg machen.
   Anna lächelte vor sich hin, während sie das dünne, abgetragene Nachthemd abstreifte, in ihre hellblaue Jeans und einen dunkelblauen Wollpullover schlüpfte. Sie liebte die verschlissene Hose. Wahrscheinlich hatte sie zuvor einem amerikanischen Soldaten gehört, doch sie passte ausgezeichnet und musste weder gekürzt noch umgenäht werden. Im Halbdunkel räumte sie ein wenig auf. Peter Schubert war Vaters bester Freund gewesen. Natürlich würde er wie immer pünktlich erscheinen. Seit dem Tod ihrer Eltern gab es nicht einen Tag, an dem er nicht vorbeischaute. Die erste Zeit war Peter nicht von ihrer Seite gewichen, nicht eine Minute ließ er sie allein. Er hatte eine Decke auf dem Boden neben ihrem Bett ausgebreitet und dort geschlafen. Dann hatten sie zusammen geschwiegen, zwei Tage lang, schließlich gemeinsam geweint und nach einem Monat hatten sie das erste Mal gelacht! Dankbarkeit überflutete sie und sie musste blinzeln. Meistens überraschte er sie mit kleinen Mitbringseln. Mal mit Kaffeepulver, mal mit etwas Wolle, und wenn sie ganz viel Glück hatte, mit ein wenig Schokolade. Auch Kohle hatte er immer wieder besorgt. Sie wollte lieber nicht wissen, wie er all die Kostbarkeiten organisierte.
   Wenn es nur nicht so kalt wäre. Die Decke war nicht nur kratzig, sie war auch viel zu dünn. Unruhig lief sie im Zimmer auf und ab. Sie wusste nicht, wie sie diesen brutalen Winter ohne Peter überhaupt überstanden hätte. Anna seufzte. Sie nahm die flackernde Kerze, zog eine flache Holzkiste aus dem Regal und öffnete behutsam den Deckel. Bislang hatte sie sich gescheut, das Besteck einzutauschen. Mit zitternden Fingern nahm sie einen Löffel und betrachtete ihn im Kerzenschein. Wer ihn wohl zuletzt in der Hand gehalten hatte? Ihr Vater, ihre Mutter oder vielleicht sie? Ihre Augen brannten. Egal. In ein paar Stunden würde sie losziehen und versuchen, etwas Essbares für das Silber zu bekommen. Es fiel ihr unendlich schwer, sich von Erinnerungsstücken zu trennen, aber bisher war der Hunger immer stärker gewesen.
   Anna trat ans Fenster und lehnte sich weit hinaus. Bald würde es hell werden. Die frische Luft tat ihr gut. Sie wollte nachdenken und das konnte sie nicht in der vertrauten Umgebung des Sonnenecks. Liebevoll hatten Mutter und Vater den Namen für das kleine Spielzeuggeschäft ausgesucht. Sie liebten Kinder, planten eine große Familie, die ihnen leider nicht vergönnt gewesen war. So wurde das Sonneneck für sie zur Ersatzfamilie. Seit 1925 gab es den Laden, er hatte gute Zeiten erlebt und schlechte. Dies waren eindeutig schlechte.
   Sie schloss das Fenster und kratzte die Eisblumen von der Scheibe. Der Horizont leuchtete purpurfarben. Zum Teufel mit der Genügsamkeit! Sie griff nach einem Stück Holz und warf es in den Ofen. Die Klappe ließ sie offen und erfreute sich bald am leisen Knistern des Feuers. Sie setzte Wasser in einem alten Stahlhelm auf, der als Kochtopf diente. Heute würde sie sich eine Kanne starken Kaffee gönnen. Entschieden kippte sie den Rest des Pulvers in den Filter, damit Peter auch noch eine Tasse mit ihr trinken konnte.
   Anna rückte den Stuhl näher an den Ofen, der langsam ein wenig Wärme ausstrahlte. Mit dem dampfenden Becher in den Händen geriet sie wieder ins Grübeln. Sie mochte den kleinen Laden, in dem sie groß geworden war. Damals war das Sonneneck ihr Spielzimmer, heute mit zweiundzwanzig Jahren ihr Zuhause. Dennoch hatte sie das Gefühl, vor einem Scherbenhaufen zu stehen. Seit vier Jahren führte sie das Sonneneck allein. Davon leben konnte sie nicht. Die Ersparnisse ihrer Eltern waren aufgebraucht und das wenige, das sie aus den Trümmern bergen konnte, hatte sie bereits zu Geld oder Essen gemacht. Das silberne Besteck gehörte zu den letzten Schätzen, die ihr noch geblieben waren. Sie leerte die Tasse und stellte sie auf den Tisch. So sehr sie auch an dem alten Spielzeugladen hing, war es doch eben diese vertraute Umgebung, die sie neuerdings zu erdrücken schien. Es fiel ihr zunehmend schwerer, morgens überhaupt die Ladentür aufzuschließen. Sie musste unbedingt mit Peter darüber sprechen. Onkel Schubert, wie sie ihn neckend nannte, wusste immer Rat. Er war genau zehn Jahre älter als ihr Vater. Vor drei Jahren hatten sie gemeinsam seinen sechzigsten Geburtstag gefeiert. Schon lange vor dem Krieg hatte er seine Frau verloren und war mit der Zeit Teil ihrer Familie geworden. Während des Krieges hatte er manch eine Mahlzeit mit ihnen geteilt, nächtelang mit ihrem Vater diskutiert und Schach gespielt.
   Sie griff nach einer Bürste und band sich die Haare zu einem kurzen Pferdeschwanz zusammen. Mit der dicken Kerze in der Hand ging sie zum Badezimmer. Nicht zum ersten Mal dankte sie ihrem Vater dafür, dass er diesen winzigen Raum mit eingeplant hatte, als das Sonneneck entstand. Vergeblich versuchte sie, das Flurlicht anzuknipsen. Immer noch kein Strom. Wahrscheinlich würde die Stromsperre erst nach Sonnenaufgang aufgehoben werden. Den Kerzenschein mochte sie ohnehin lieber. Sie stellte das flackernde Licht auf das weiße Waschbecken und spritzte sich Wasser ins Gesicht. Den Blick in den angelaufenen Spiegel mied sie. Sie wusste, wie sie aussah. Mager und blass, mit dunklen Augenringen, die mit jeder Nacht zunahmen. Sie streckte dem Spiegelbild die Zunge raus und lief zurück zu dem Fensterplatz am Herd. Das Holz war verbrannt, doch der Ofen strahlte noch genug Wärme aus. Endlich schickte auch die Sonne ihre ersten zarten Strahlen ins Zimmer. Anna ließ den Blick über die Regale schweifen. Holzautos, Puppen und eine Unmenge von Bauklötzen. Beinahe alles stammte aus der geschickten Hand ihres Vaters. Stunde um Stunde hatte er an der kleinen Werkbank im Keller gesessen und ein Kleinod nach dem anderen geschaffen. Sie lehnte sich zurück und legte die Füße auf die Fensterbank. Mama hätte sie dafür zurechtgewiesen. Wie gern würde sie sich heute von ihr beschimpfen lassen. Sie schielte zur Tür. Bald musste sie den Laden aufschließen. Ob Papa sehr enttäuscht wäre, wenn sie die Tür nie mehr aufmachen würde? Das elende Pflichtbewusstsein lag wie eine zentnerschwere Last auf ihren Schultern. Anna fühlte sich gebunden, verpflichtet, das Erbe ihrer Eltern fortzuführen, doch mit dem Herzen war sie nicht dabei. Sie raufte sich die Haare und einige Strähnen lösten sich aus ihrem Zopf.
   Ein lautes Poltern riss sie aus ihren Gedanken. Jemand hämmerte mit Kraft gegen die Ladentür. Sie sprang auf und lachte, während sie eine schmale, drahtige Figur hereinließ. Die blondgrauen Haare standen in alle Richtungen, der grüne Wollpullover wirkte zu groß und bildete einen scharfen Kontrast zu seiner abgetragenen Hose. Peter scherte sich genauso wenig um korrektes Auftreten, Mode oder Aussehen wie sie.
   »Guten Morgen, Anna. So früh schon so munter?«
   »Konnte nicht mehr schlafen, Onkel Schubert.« Annas Mundwinkel zuckten. Sie hakte sich bei ihm ein und schob ihn mit sanfter Gewalt in ihr kleines Reich.
   »Ich hab Kaffee gekocht. Und das letzte Brot können wir uns teilen. Heute Nachmittag trenne ich mich von unserem Besteck.«
   »Lass dich bloß nicht erwischen. Offiziell sind Hamstern und Kohleklau nämlich immer noch verboten.«
   Anna lachte und warf Peter einen schelmischen Blick zu. »Keine Sorge, ich hamstere nicht zum ersten Mal.«
   Peter legte feierlich eine braune Tüte auf den Tisch. Anna griff hinein und beförderte zwei Scheiben frisches Brot sowie ein Glas Marmelade hervor. Ungestüm schlang sie die Arme um die schmale Gestalt.
   »Mensch Peter, wo hast du das schon wieder her? Eines Tages kommst du noch in Teufels Küche.«
   Er schmunzelte. »Da war ich schon.« Für einen Moment verschwand das Lächeln. »Und, wo ist der Kaffee?«
   Sie aßen und tranken schweigend, während Peter sie kritisch musterte. »Na, Kleines, was ist los?«
   Sie warf ihm einen erstaunten Blick zu. Anna war sicher, mit nichts verraten zu haben, dass sie ein wenig durcheinander war. Ein wenig war die Untertreibung des Tages.
   »Anna, mir kannst du nichts vormachen. Der Schuh drückt schon eine ganze Weile, nicht wahr?«
   Sie ließ den letzten Krümel Brot im Mund verschwinden und schloss kurz die Augen. Peter nahm ihre Hand und lächelte ihr aufmunternd zu. »Es ist der Laden, nicht wahr?«
   Überrascht entzog sie sich seinem Griff. »Du bist niemandem verpflichtet, Anna, niemandem außer dir, auch nicht deinem Vater oder deiner Mutter.«
   Anna schluckte und würgte den Kloß hinunter, der sich plötzlich in ihrem Hals breitmachte.
   »Und, Kleines«, Peter ergriff erneut ihre Hand, »es ist außerdem nicht verboten, zu weinen. Du musst nicht immer und jedem beweisen, wie stark du bist.«
   Nun hatte er es geschafft. Eine vorwitzige Träne rollte über ihre Wange. Rasch wischte sie sich mit dem Handrücken durch das Gesicht. Nein, weinen war nicht verboten, doch wenn sie einmal begann, würde es eine Weile dauern, bis sie wieder aufhören konnte. Sie schniefte kurz, setzte sich aufrecht hin und erzählte.

Peter kramte aus seiner Hosentasche ein riesiges, graues Taschentuch hervor. »Dein Vater war der Letzte, der wollte, dass seine Tochter unglücklich ist. Das Sonneneck war sein Leben, es muss nicht deins sein.«
   Anna nickte und schnäuzte sich geräuschvoll. Vor ihrem Fenster erwachte die Stadt. Kinder hüpften auf der anderen Straßenseite vorbei, bewaffnet mit Henkelmann und Papptornister. Dürr sahen sie aus. Wie lange würde es noch dauern, bis Hunger und Kälte nicht mehr den Alltag diktierten, bis die Ruinen verschwanden, bis man aufhörte, zurückzublicken und begann, nach vorn zu sehen?
   Sie hatte die Hände zu Fäusten geballt. So konnte es nicht weitergehen. Ein kleiner Rotschopf grinste sie durchs Fenster frech an, streckte ihr die Zunge raus und flitzte davon.
   Recht hast du, Bange machen gilt nicht! Entschlossen drehte sie sich zu Peter um, der sie schmunzelnd beobachtete.
   »Ein Königreich für deine Gedanken, Kleines.«
   »Heute wird ein guter Tag, Onkel Schubert.«
   Er nahm sie in den Arm und drückte sie kurz. »So ist’s richtig, Mädel, mit Optimismus nach vorn sehen, das war schon immer deine Stärke. Und nun erzähl, du möchtest also nicht hinter der Ladentheke stehen. Was für Ideen spuken denn stattdessen in deinem schlauen Kopf herum?«
   »Ich möchte Blumen und Kräuter pflanzen. Ein Gewächshaus oder eine Gärtnerei vielleicht.« Triumphierend verschränkte sie die Arme vor der Brust. Na bitte, sie wusste also doch, woran ihr Herz hing.
   »Und, was spricht dagegen?«
   »Puh. Du bist gut, Peter, tausend Dinge sprechen dagegen, vom Sonneneck ganz zu schweigen. Ich hab nicht genug zu essen, keine ordentliche Kleidung, kein Werkzeug und keine Ausbildung. Nichts.«
   »Ist das alles?«
   »Wie bitte?« Ihr war wirklich nicht zum Scherzen zumute.
   »Das, mein Kind, sind Kleinigkeiten. Wenn es das ist, was du wirklich willst, dann wirst du es auch erreichen. Nicht heute und voraussichtlich auch nicht morgen, ein wenig Geduld wirst du wohl haben müssen.« Er sah sie von der Seite an. »Das war’s immer noch nicht, stimmt’s?«
   Sie wich seinem Blick aus und setzte sich auf ihre Hände. So konnte sie sie wärmen und gleichzeitig ihre Nervosität verbergen. »Ich schlafe schlecht«, sagte sie leise.
   Sein Grinsen verschwand und er rückte seinen Stuhl nahe an sie heran. »Das wundert mich nicht. Wer schläft schon gut in diesen Zeiten?«
   »Das ist es nicht, Peter. Ein Traum … Ich träume jede Nacht dasselbe. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass der Traum erstens wichtig ist, und ich zweitens immer zu früh aufwache. Irgendetwas verpasse ich, wenn ich nur wüsste, was.« Unsicher sah sie in Peters dunkelbraune Augen. Er hörte ihr aufmerksam zu, nahm sie ernst. Gott sei Dank!
   »Magst du mir erzählen, wovon du träumst?«
   Sie nickte langsam. »Da ist dieser riesige Vogel. Er brennt und kreist über der Stadt. Jede Nacht.« Ihr Hals schmerzte, so sehr bemühte sie sich, den verdammten Kloß hinunterzuwürgen. Sie sah auf. Jetzt würde er gleich grinsen. Keiner konnte das verstehen, doch Peter überraschte sie erneut. Nachdenklich blickte er sie an.
   »Geh hamstern, mein Kind, lass dir den Wind um die Nase wehen. Ich schau später noch mal nach dir.« Er stand auf und ging, ohne viele Worte. Leise fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.
   Mehr hatte er nicht dazu zu sagen? Geh hamstern … Verwirrt starrte sie auf die geschlossene Tür und fuhr zusammen, als es plötzlich unter ihrem Fenster klopfte.
   Peters wirres Haar tauchte vor ihr auf. »Sei vorsichtig, Anna.«
   Sie verdrehte die Augen. »Keine Sorge. Ich gehe schon nicht verloren.«
   Peter bedachte sie mit einem Kopfschütteln, hob beide Hände zu einer beschwichtigenden Geste und wandte sich um. Doch plötzlich sah er noch mal zurück. »Wie Phönix aus der Asche, Anna!«

Kapitel 2
Intermezzo

Goldgelbe Sonnenstrahlen funkelten durch das Fenster und blendeten sie. Anna packte rasch vier silberne Löffel, Messer und Gabeln in den verschlissenen Stoffrucksack, tauschte den Wollpullover gegen ein ausgeblichenes, rotes Leinenhemd und krempelte die Ärmel hoch. Fluchtartig verließ sie den Spielzeugladen und lief mit ausladenden Schritten die Straße entlang. An die Ruinen hatte sie sich längst gewöhnt, die Schuttberge verschwanden nach und nach und hier und da baute man zerstörte Häuser wieder auf. Trotzdem hatte sie es immer eilig, die Trümmerwüste hinter sich zu lassen. Außerhalb ihres heimeligen Refugiums empfand sie seit Jahren alles traurig und ungemütlich. Grau. Nach diesem frostklirrenden Winter fehlten ihr grüne Wiesen und bunte Blumen. Sogar der Himmel hatte sich monatelang mit der bedrückenden, tristen Farblosigkeit verbündet. Umso mehr freute sie sich heute über sein sattes Blau. Endlich, keine einzige Wolke trübte das perfekte Zusammenspiel von tiefblauer Unendlichkeit und strahlendem Sonnenschein.
   Wie Phönix aus der Asche. Peters Worte ließen sie nicht los. Deutlich sah sie den gewaltigen, rot glühenden Vogel vor sich. Kraftvoll und wunderschön, aber offensichtlich auch zerstörerisch und Unheil bringend. Sie würde Peter heute Abend fragen, was genau er damit gemeint hatte.
   Nach einer halben Stunde erreichte sie das kleine Wäldchen. Anna atmete tief den Duft der Bäume und der Erde ein. Gott sei Dank, die Stadt lag hinter ihr. Sie schloss die Augen, spürte die Sonne auf ihrer Haut und lächelte. Winzige braungrüne Knospen zierten die Spitzen der dürren Äste. Frühling. Endlich. Annas hätte vor Freude hüpfen können, als sie den schmalen, belaubten Pfad betrat, der mitten durch den Wald führte und die Stadt mit der Landstraße verband. Gestern hatte es geregnet, doch jetzt schob die Sonne ihre Strahlen mühelos zwischen den Ästen hindurch und spielte mit einem faszinierenden Muster aus Licht und Schatten. Anna sog gierig den herb-würzigen Dampf des feuchten Humusbodens ein. Der Tag schien das Versprechen zu halten, das die Morgendämmerung hatte erahnen lassen und Anna genoss es, sich von Sonnenstrahlen und warmem Wind liebkosen zu lassen. Am liebsten wäre sie hiergeblieben, hätte aufs Hamstern verzichtet und sich ganz der sinnlichen Ruhe der Natur hingegeben. Aber ihr Magen war eindeutig anderer Meinung und knurrte vorwurfsvoll.
   Hatte sie die alte Landstraße erst einmal erreicht, war es aus mit dem Frieden. Sie war zwar früh losgezogen, aber sicher nicht die Einzige, die heute auf Hamstertour ging.
   Behutsam setzte sie einen Fuß vor den anderen und spürte das sanfte Federn des Waldbodens. Bei jedem Schritt schmatzten die Blätter unter ihren Schuhen. Hin und wieder blieb sie stehen und lauschte, nahm die Geräusche des Waldes in sich auf, das leise Knacken der nackten Äste, das Schimpfen der Vögel, ein kaum hörbares Rascheln im Laub. Alles, was in der Welt in den vergangenen Jahren aus den Fugen geraten war, befand sich hier noch im perfekten Einklang. Frieden.
   Eine riesige schwarze Wolke riss sie jäh aus ihren Tagträumen und zog ihr die Füße unter dem Körper weg. Mit einem lauten Aufschrei landete sie auf dem Hintern. Ihr Puls jagte. Anna stützte sich auf dem feuchten Boden ab, rückte den Rucksack zurecht und kämpfte sich mühsam hoch. Während sie sich die nassen Blätter vom Rücken klopfte, suchten ihre Augen das Unterholz ab. Aus der Ferne hörte sie eine kräftige, tiefe Stimme.
   »Oskar, bei Fuß!« Die Stimme näherte sich, wurde zunehmend lauter und ärgerlicher. »Oskar, verdammt noch mal! Hierher!«
   Ein dumpfes Grollen erklang und die schwarze Wolke fegte erneut an ihr vorbei. Im letzten Moment sprang sie zur Seite, knickte auf dem unebenen Boden um und landete ein zweites Mal im Laub. Der Rucksack rutschte hinunter und das silberne Besteck fiel klirrend heraus. »Verflucht!«
   Der schwarze Riese machte kehrt, war auf einmal über ihr und leckte ihr über das Gesicht. Mit einem Satz kam sie auf die Beine und schob das Ungetüm zur Seite. »Verschwinde! Pfui!«
   Anna wischte sich mit dem Handrücken über die Wange. Noch nie in ihrem Leben hatte sie einen derart großen Hund gesehen. Schwarz, riesig und zottlig. Sie trat einen Schritt zurück, aber das massige Tier hatte offensichtlich beschlossen, sie in seinen Freundeskreis aufzunehmen. Der Hund wedelte begeistert mit dem Schwanz, schnüffelte an ihren Beinen und ließ seine Zunge über ihre Hände gleiten. Jetzt reichte es. Wo zum Teufel blieb sein Herrchen? Ihre Hose war nass, das Besteck auf dem Boden verteilt und wer weiß, wie sie aussah. Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht und versuchte vergeblich, sich an dem Ungetüm vorbeizuschieben. Ihr Blick wanderte suchend über den Waldboden. Ein Glück. Alle Messer, Löffel und Gabeln lagen in greifbarer Nähe. Doch sie hatte gewiss nicht vor, zwischen den riesigen Pfoten ihres strubbligen Freundes auf dem Boden herumzurutschen und das Besteck aufzusammeln.
   »Oskar, bei Fuß!«
   Die Stimme ließ keinen Zweifel mehr, wer hier das Sagen hatte und auch Oskar schien das erkannt zu haben. Er klemmte den Schwanz ein und schlich langsam an ihr vorbei.
   »Sitz! Lässt du wohl die hübsche Dame in Ruhe!«
   Anna fuhr herum und blickte in leuchtend grüne Augen, die sie wohlwollend betrachteten. Die Mundwinkel zuckten. Lachte er sie aus?
   »Entschuldigen Sie bitte, es tut mir furchtbar leid.«
   Keine Frage, er verkniff sich mit Mühe ein Lachen. Sie trat einen Schritt zurück. »Ja, das will ich doch hoffen! Gehört das Monster Ihnen?«
   Sie fegte sich durchs Gesicht und zupfte einige Blätter aus den Haaren. Der Hundebesitzer lächelte zerknirscht und kraulte dem schwarzen Riesen liebevoll das Ohr.
   »Ja, dieses Ungetüm gehört zu mir.« Oskars Herrchen nahm das Zottelmonster an die Leine. Das wurde auch Zeit! »Er liebt den Wald«, fuhr er fort und wies auf seinen vierbeinigen Freund, der inzwischen lammfromm neben ihm saß, »da vergisst er schon mal sein gutes Benehmen. Es ist aber auch ein wunderschöner Tag heute, nicht wahr? Kein Wunder, dass Oskar ein wenig über die Stränge schlägt.«
   »Ein wunderschöner Tag … bis mich Ihr Hund über den Haufen gerannt hat.« Sie klopfte demonstrativ ihren nassen, dreckigen Hintern sauber.
   Oskars Herrchen schien den Vorwurf überhört zu haben, denn als Antwort reichte er ihr seine Hand. »Alexander Bach, und mit wem habe ich das Vergnügen?«
   O nein, bitte, sie wollte keine Unterhaltung führen oder Freundlichkeiten austauschen. Anna nahm den Rucksack vom Boden und sammelte wortlos das verstreute Besteck auf. Alexander ging ebenfalls in die Hocke und hatte bereits zwei Löffel und zwei Gabeln in der Hand.
   »Hey!«
   Er zog überrascht eine Augenbraue hoch und sah sie amüsiert an. »Schon gut, ich weiß.« Schmunzelnd drückte er ihr das Besteck in die Hand. »Bitte schön. Hamstern?«
   Du meine Güte, warum ließ er sie nicht einfach in Ruhe? Sie nickte kurz, bereute die knappe, freundliche Geste aber sofort, als ihr erneut das Funkeln seiner grünen Augen auffiel. Sie musterte ihn flüchtig. Er war nicht viel älter als sie. Schlank, vielleicht zu schlank, wie jeder derzeit, aber dennoch kräftig. Sein Haar passte zu Oskars, schwarz und zottlig umrahmte es sein derbes Gesicht. Eine Gitarre hing auf seinem Rücken. Plötzlich bemerkte sie ein Grübchen auf seiner linken Wange. Jetzt reichte es wirklich, er gab sich noch nicht einmal Mühe, sich das Grinsen zu verkneifen.
   »Ja, und ich möchte jetzt gern weitergehen.« Sie warf einen kurzen Blick auf Oskar, der nach wie vor artig neben seinem Herrchen saß. »Wenn möglich allein«, fügte sie ein wenig zu scharf hinzu. Alexander und Oskar hoben gleichzeitig die schwarzen Augenbrauen.
   »Sie wissen schon, dass dies der einzige Weg durch den Wald ist? Aber bitte, wenn Sie unsere Gesellschaft nicht mögen, bleiben Oskar und ich eine Weile hier sitzen.« Er deutete auf den Waldboden, auf dem er sich zum Beweis neben seinem Hund niederließ. Seine sehnigen Finger glitten sanft über die Saiten der Gitarre. »Gehen Sie ruhig. Ich verspreche Ihnen, wir werden Sie weder stören noch einholen.«
   Er klopfte Oskar freundschaftlich auf den Rücken. Einen Moment zu lang verweilte ihr Blick auf seinen kräftigen Händen, und als sie sich dabei ertappte, drehte sie sich entschieden um. Die beiden brachten sie durcheinander, und heute brauchte sie einen klaren Kopf.
   »Danke schön, ich weiß das zu schätzen.« Sie räusperte sich. Du meine Güte, was war nur los mit ihr? Sie benahm sich doch sonst nicht so. Anna schwang den Rucksack auf den Rücken, legte Oskar zum Abschied die Hand auf den gigantischen Kopf und setzte sich in Bewegung. Nach einigen Schritten blieb sie stehen, drehte sich um und sah dem schwarzhaarigen Fremden kurz in die Augen. »Anna Peters. Machs gut, Oskar.«
   Alexanders grüne Augen weiteten sich überrascht. Dieses Mal lachte er sie nicht aus. Er nahm Oskars Pfote und winkte zum Abschied.

Kapitel 3
Aufbrechen

Bauer Carlsons Hof lag etwa drei Kilometer in westlicher Richtung. In einer knappen Stunde sollte sie ihn erreicht haben. Anna atmete tief durch, ein flotter Marsch war jetzt genau richtig. Die Sonne hatte inzwischen an Kraft gewonnen. Sie genoss die angenehme Wärme und war froh, den Pullover gegen das leichte Leinenhemd getauscht zu haben. Links und rechts der Landstraße erstreckten sich Wiesen und Felder beinahe endlos, verschmolzen am Horizont mit dem satten Blau des Morgenhimmels. Wenn sie genau hinsah, konnte sie das zarte Grün der ersten Feldfrüchte erkennen. Ach, war das schön. Sie hatte es doch gewusst, der Ausflug tat ihr gut. Mit den ersten Vorboten des Frühlings schien auch ein Funken Hoffnung zurückgekehrt zu sein.
   Von Weitem erkannte sie die braunroten Dachziegel und die weiß getünchten Mauern. Wie viele andere Bauern hatte auch der alte Carlson den Krieg mehr oder weniger heil überstanden und es ging ihm besser als der Stadtbevölkerung. Anna atmete schwer, als sie vor der massiven Holztür stand. Sie hatte sich getäuscht. Nicht einer Menschenseele war sie unterwegs begegnet.
   Bauer Carlson erschien ihr immer wie eine bissige Bulldogge. Ein wenig untersetzt, jederzeit zum Angriff bereit. In der Schule hatten wilde Gerüchte die Runde gemacht: Bauer Carlson hat Thomas am Ohr gezogen, hat Lotte ein Haar ausgerissen, hat vier Drittklässler im Stall eingesperrt. Anna hatte ihre Angst mit vielen Freunden geteilt.
   Vor dem Krieg führten die Sonntagsspaziergänge mit ihren Eltern regelmäßig in das Wäldchen und dann ein Stück die Landstraße hinunter. Kurz vor Carlsons Hof kehrten sie meist um und Anna war jedes Mal froh, nicht an der feindseligen Bulldogge vorbeigehen zu müssen. Sie hatte ihre Hand unauffällig in die ihrer Mutter geschoben, erleichtert den sanften Druck der Finger verspürt und sie erst losgelassen, wenn sie sich in sicherer Entfernung wusste. Anna hatte so lange Angst vor ihm gehabt, bis ihre Mutter sie zur Seite genommen und gefragt hatte, ob sie das Sprichwort, Hunde die bellen, beißen nicht, kannte. Anna hatte zögernd genickt. Ihre schlaue Mama erklärte ihr, dass Bauer Carlson besonders gern und laut bellte, und ließ mit einem Kuss auf die Wange ihre Hand los. Danach hatte sie die Hand nicht mehr gebraucht.
   Anna straffte den Rücken. Jetzt würde sie klopfen. Sie ließ die Faust auf das hellbraune Holz niederfahren und wartete. Beim Hamstern kam sie sich jedes Mal wie ein Bettler vor. Anna lauschte. Nichts. Sie klopfte erneut, diesmal lauter. Irgendjemand war zu Hause!
   Annas Faust donnerte ein drittes Mal gegen die Tür. Sie verübelte es dem Bauern eigentlich nicht, sie zu ignorieren. Hier wurde sicher von früh bis spät an die Tür geklopft. Immer häufiger machten gehässige Reden wie die vom »Perserteppich im Kuhstall« die Runde. Wahrscheinlich hatte Bauer Carlson bereits einen kleinen Berg Silberbesteck angesammelt.
   »Kann ich Ihnen helfen?«
   Anna fuhr herum und stand dem alten Bauern Auge in Auge gegenüber. Es fiel nicht schwer, eine gewisse Gereiztheit aus der Frage herauszuhören. Hunde, die bellen, beißen nicht. Sie atmete tief durch und nahm den Rucksack von den Schultern. »Das hoffe ich doch.«
   Die Miene der Bulldogge verfinsterte sich. Anna zog das Besteck heraus und reichte ihm einen Löffel. »Kann ich irgendetwas dafür bekommen?«
   »Noch mehr Besteck. Ich glaube nicht, Fräuleinchen.«
   Anna riss ihm den Löffel aus der Hand und drehte sich um. Sie würde nicht betteln und er würde die Enttäuschung in ihren Augen nicht sehen. Den Rucksack geschultert schlug sie den Weg zurück zur Straße ein.
   »Nun warten Sie doch. Dafür«, die Dogge legte eine kunstvolle Pause ein, »können Sie nichts bekommen. Ich weiß wirklich nicht mehr wohin mit all dem Krimskrams.«
   Anna lief es eiskalt den Rücken hinunter. Die Betonung auf dem Wort dafür ließ ihr die Haare zu Berge stehen. Sie sah sich hastig um, weit und breit war niemand zu sehen. Was zum Teufel dachte er wohl, hätte sie noch zu bieten? Mit schnellen Schritten setzte sie ihren Weg fort. Von wegen Hunde, die bellen … Sie wollte hier weg.
   »Sie gehören zum Sonneneck, nicht wahr?«
   Anna blieb ruckartig stehen. Er wusste, wo sie wohnte. Sie fröstelte. Jetzt nur keine Angst zeigen. Langsam drehte sie sich zu ihm um. »Ja, und?«
   »Haben Sie noch eine kleine Puppe im Laden?«
   »Und wenn es so wäre?« Sie sah ihm ins Gesicht und bemerkte in den Augen des alten Bauern ein verräterisches Schimmern.
   »Wären ein Stück Rindfleisch, einige Kartoffeln und Salat annehmbar?«
   Scherzte er? Natürlich war das annehmbar. Es war schon verdammt lange her, dass sie ein Stück Fleisch gegessen hatte.
   »Ja, hm, für eine Puppe? Mein Vater …« Anna schluckte, es dauerte eine Weile, bis sie sich wieder gefangen hatte. »Mein Vater hat sie angefertigt, aber sie sind ziemlich schlicht und unscheinbar und außerdem habe ich sie nicht bei mir.« Und sie sind sicherlich keinen Sack Kartoffeln wert.
   »Das macht nichts, warten Sie mal.« Er verschwand im Haus. Anna hörte durch das offene Fenster ein Rascheln und Klappern und schließlich öffnete sich die Tür mit Schwung. Bauer Carlson hielt einen kleinen Sack Kartoffeln in der einen Hand und ein mächtiges Paket sowie einen Kopf Salat in der anderen. Er blickte sie an und in seinen Augen schillerten glitzernde Seen.
   Warum war er ihr jemals unheimlich vorgekommen?
   Von wegen Bulldogge.
   Anna musterte den alten Mann. Der Bart war gepflegt und inzwischen schneeweiß. Tausende Falten zierten sein Gesicht, Spuren vieler Jahre Arbeit, Sorge und Freude. Er sah nicht massiv, eher zerbrechlich aus, seine schmale Figur versank in dem viel zu großen, hellblauen Overall. Hatte sie ihm all die Jahre Unrecht getan, sich niemals die Mühe gegeben, ihn richtig anzusehen?
   Plötzlich hörte sie Stimmen in der riesigen Scheune hinter dem Wohnhaus.
   Auch Bauer Carlson lauschte dem Wortwechsel und lächelte. »Das sind meine Frau und meine Enkelkinder. Die Puppe ist für Louise. Sie vermisst ihre Eltern am meisten und in einem Monat ist ihr Geburtstag. Sie würde sich so freuen.«
   Warum erzählte er ihr das? »Sie kümmern sich um ihre Enkelkinder?«
   Er nickte traurig. »Ihr Vater, mein Schwiegersohn, ist gleich zu Kriegsbeginn gefallen und meine Tochter ist im Winter schrecklich krank geworden. Sie hat sich nie wieder richtig erholt.« Er brach ab und wischte sich rasch durch das wettergegerbte Gesicht.
   Einem Impuls folgend ergriff Anna die knorrige Hand und drückte sie kurz. Sie räusperte sich und ließ die Hand wieder los. »Ich gebe Ihnen gern eine Puppe. Wie viele Enkel haben Sie denn?«
   Stolz blitzte in den alten Augen. »Louise hat noch einen Bruder. Max ist schon fast zehn.«
   »Na, dann bringe ich ihm ein kleines Auto mit. Wenn ich jetzt schnell zurücklaufe, kann ich es bis heute Nachmittag schaffen.«
   Seine blassgrauen Augen glänzten gütig. »Morgen reicht auch noch, mein Kind.« Er hielt ihr den gewaltigen Braten, den Kartoffelsack und den Salatkopf entgegen. »Ich hoffe, es passt alles in den Rucksack.«
   Anna öffnete die schmale, grüne Tasche. Sie nahm das Besteck heraus und legte es neben Bauer Carlson auf den Treppenabsatz. »Als Pfand, bis ich morgen die Puppe und das Auto vorbeibringe.«
   Der alte Mann schüttelte abwehrend den Kopf und versuchte vergebens, Anna zu überreden, die silbernen Löffel und Gabeln zurückzunehmen. Entschieden ließ sie das Fleisch in der Tasche verschwinden und legte den Salat vorsichtig oben drauf. Den Sack Kartoffeln würde sie so tragen. »Danke. Vielen Dank. Hoffentlich ist diese Zeit bald vorüber. Ich würde auch lieber etwas zu essen kaufen als zu betteln.« Sie spürte die Tränen in ihre Augen steigen. Nun suchte die alte Hand die junge.
   »Du hast nicht gebettelt, mein Kind. Wir haben getauscht und ich glaube, ich bin nicht schlecht dabei weggekommen.« Er zwinkerte ihr zu. »Und wenn du mir die Puppe bringst, bestehe ich darauf, dass du dein Besteck wieder mit nach Hause nimmst, verstanden? Muss nicht heute sein. Du hast noch einen weiten Weg vor dir. Hast du gehört, mein Kind?«
   Anna nickte. »Morgen, spätestens!«
   »Es hat keine Eile, ich habe ja ein Pfand«, fügte er schelmisch hinzu und wickelte das Besteck vorsichtig in ein Wolltuch ein. Anna griff nach den Kartoffeln und schulterte den Rucksack. Er war eindeutig schwerer als zuvor. Fieberhaft durchforstete sie ihren Kopf nach Worten, öffnete den Mund und klappte ihn zu. Sie sah in die gutmütigen Augen. Er verstand sie auch so.
   »Danke.«
   Bauer Carlson hob die Hand und verschwand lächelnd in der Scheune.
   Der mattgrüne Vorhang des Waldes schloss sich hinter ihr, als Anna den Pfad betrat. Bis eben war sie stramm marschiert. Das dichte Geäst dämpfte jeden Laut, der nicht hierher gehörte. Anna versuchte, sich so lautlos wie möglich durch den schweigsamen Wald zu bewegen. Es kam ihr unrecht vor, den Frieden zu stören. Ab und an hörte sie die Vögel zwitschern und hin und wieder knackte es leise im Unterholz. Sie sog die glasklare, würzige Luft ein. Einen Moment nur. Nur eine kurze Pause. Die wertvolle Last drückte auf Dauer höllisch schwer auf ihre Schultern. Außerdem knurrte ihr Magen. Sie freute sich auf gebratenes Fleisch und Peters Gesellschaft heute Abend.
   Sie sah sich um, und ihr Blick fiel auf einen riesigen, bemoosten Findling auf der Wiese einer sonnendurchfluteten Lichtung. Der perfekte Platz für eine kurze Rast. Anna setzte sich auf den überraschend warmen Stein und zog eine Feldflasche aus matt glänzendem Aluminium aus dem Rucksack.
   Gierig trank sie das lauwarme Wasser.
   Ihr Blick wanderte in das dichte Unterholz am Rande der Lichtung. Gewaltige Tannen standen zwischen Buchen und Eichen, die zartgrünen Knospen würden bald zu großen Blättern wachsen und die Bäume ihren Baldachin schützend über dem Wald aufspannen. Anna seufzte, sie hatte zwar den Rucksack mit kostbaren Lebensmitteln gefüllt, doch was ihr persönliches Dilemma betraf, war sie von einer Entscheidung noch genauso weit entfernt wie heute Morgen oder die Tage zuvor.
   Für einen Moment glaubte sie, in weiter Entfernung eine Stimme zu hören. Sie lauschte. Nein, sie musste sich getäuscht haben, da war nichts. Sie schloss die Augen und ließ ihre Gedanken schweifen. Es gelang ihr nicht oft, aber für einen Augenblick schaffte sie es, sie fortziehen zu lassen, verbannte alle Sorgen und Probleme aus ihrem Kopf. Nur der Frieden des Waldes berührte sie.
   Die Luft hatte sich verändert. Anna öffnete die Augen und erschauderte. Sie spürte kleine, nasse Perlen auf ihrer Haut und rieb sich die Arme. War es kälter geworden? Wo in aller Welt kam der Nebel her? Vor einigen Minuten war die Luft noch glasklar gewesen. Sie hatte sicher kaum länger als fünf Minuten gedöst.
   Der Nebel verdichtete sich und kroch unheimlich an den Bäumen empor. Den Pfad erahnte sie nur noch. Anna griff hastig nach Rucksack und Kartoffeln und lief auf den Weg zu. Wieder hörte sie irgendwo eine Stimme, diesmal näher. Hatte sie sich doch nicht geirrt? Die Härchen auf ihren Unterarmen stellten sich auf. Beklemmung legte sich wie eine eiskalte Hand zwischen ihre Schulterblätter. Die Stimme kam näher, ganz eindeutig. Warum nur konnte sie die Worte nicht ausmachen? Der Nebel schien jede klare Artikulation zu verschlucken. Anna heftete den Blick auf den Waldboden. Nur so war es ihr möglich, dem Pfad zu folgen. Egal, Hauptsache sie kam voran. Angst schnürte ihr den Hals zu. Diese verfluchte weiße Suppe! Wie weit noch, bis sie aus dem verhexten Wald heraus war? Konzentriert setzte sie einen Fuß vor den anderen. Sie konnte den Boden inzwischen nicht mehr sehen, eine dichte, weiße Wolke hatte ihn verschluckt. Anna hatte einen metallischen Geschmack im Mund. Reiß dich zusammen, verdammt noch mal! Kurz blieb sie stehen, richtete sich auf und zwang sich, langsam ein- und auszuatmen. Nichts! Da war nichts, außer weißer Unendlichkeit. Sollte sie weitergehen mit dem Risiko, sich hoffnungslos zu verirren, oder einfach stehen bleiben und warten, bis sich der verflixte Nebel lichtete? Nein, stehen bleiben gefiel ihr nicht. Sie setzte sich wieder in Bewegung. Erneut vernahm sie die unheimliche Stimme. Sollte sie antworten? Aber auch die Idee schien ihr wenig verlockend. Vorsichtig lief sie weiter. Wenigstens der Boden unter ihren Füßen war noch da. Weich federnde Äste und Blätter erinnerten sie daran, dass sie nicht auf Wolken lief, sondern festen Grund unter sich hatte. Ihr Hemd klebte feucht auf der Haut und sie spürte kalte Tropfen aus ihrem Haar auf den Nacken fallen und den Rücken hinunterrinnen. Da war die Stimme wieder. Wer auch immer rief, musste ganz nahe sein. Warum nur konnte sie die Worte nicht verstehen? Sie beschleunigte das Tempo. Anna war es inzwischen egal, ob sie sich noch auf dem Weg befand oder ob sie tiefer in den Wald hineinging. Die Nebelschwaden wurden tatsächlich noch dichter. Etwas raubte ihr den Atem. Sie rang nach Luft, zwang sich erneut zur Ruhe. Keuchend setzte sie einen Fuß vor den anderen. Bald holte sie nur noch pfeifend Luft, gleißende Blitze zuckten vor ihren Augen und in ihren Ohren tobte ein Orkan. Die Stimme … ganz nah. Irgendjemand musste vor ihr stehen.
   Ihre Beine gaben nach. Sie fiel. Doch bevor sie auf dem Boden aufschlug, griff eine warme Hand nach ihr und zog sie hoch. Starke Arme drückten sie an einen Körper. Anna rang nach Luft. Vergeblich. Die Blitze verblassten, das Toben in den Ohren verstummte. Der Nebel verschwand. An seine Stelle trat eiskalte Dunkelheit.

Kapitel 4
Ankommen

Eine riesige Feuerkugel kreiste am Himmel und brannte ein rot glühendes Licht in die Finsternis. Langsam veränderte die Kugel ihre Form. Ein kräftiger Rücken schloss sich nahtlos an einen schlanken Nacken, aus dem fließend der vorstehende Kopf entstand. Die Flügel liefen hinten spitz zu und der lange Schwanz vervollständigte den Körper. Majestätisch und anmutig schwebte der Vogel über ihr und an den Enden der Schwingen überlappten die Feuerfedern wie perfekt aneinandergereihte Dachziegel. Glut tropfte von dem fächerförmigen Schwanz und verlosch wie eine Sternschnuppe am Horizont. Der Vogel stieß einen Schrei aus, und allmählich verhallte das an- und abschwellende Heulen in der Unendlichkeit der Nacht.

Der Nebel war verschwunden. Es fiel Anna schwer, auch nur ein Augenlid zu heben. Auch der gewaltige Phönix war davongeflogen. Natürlich, der Traum. Im Wald dämmerte es, Umrisse und Konturen lösten sich auf. Ein bohrender Schmerz machte sich hinter der Stirn bemerkbar. Sie stöhnte auf und schloss die Augen rasch wieder. Ein Traum, es war nur ein Traum, morgen früh lachte sie darüber. Je schneller sie wieder einschlief, desto besser. Sie ließ sich zurück in die Dunkelheit fallen, als etwas ihre Wange berührte. Anna zuckte zusammen, zwang sich erneut, die Augen zu öffnen und nun tauchte ein Kopf über ihr auf. Sie blinzelte, doch die Silhouette war unscharf, es wollte ihr einfach nicht gelingen, sich zu konzentrieren. Die Gedanken bewegten sich nur zähflüssig und auch ihr Körper gehorchte ihr nicht. Nicht einen Finger konnte sie rühren. Kein Grund zur Aufregung, es ist nur ein Traum. Abermals schloss sie die Augen und wieder berührte jemand ihre Wange. Lass mich schlafen, verdammt noch mal!
   Das verschwommene Gesicht war immer noch da. Der dazugehörende Mund bewegte sich und eine tiefe Stimme redete unverständlich auf sie ein. So musste sich ein Vollrausch anfühlen. Sie verstand kein Wort! Anna kicherte hilflos. Kein Zweifel, sie musste betrunken sein. Nun drehte sich das Gesicht über ihr. Vielleicht gelang ihr das Denken, wenn sie sich schüttelte oder hinsetzte. Zwecklos, nun schmerzte ihr Hinterkopf ebenfalls. Erschöpft ließ sie die Augen zufallen.
   »Anna! Anna Peters!«
   Das war nun aber wirklich zu lästig. Warum in aller Welt ließ man sie nicht schlafen?
   »Hallo? Hallo!«
   Nun klopfte schon wieder jemand in ihrem Gesicht herum. Mit ihrer rechten Hand schlug sie heftig nach dem Störenfried. Na also, zumindest ein Arm gehorchte ihr wieder. Konnte sie es wagen, ihre Augen zu öffnen? Ein Auge vielleicht … Anna versuchte, ihren Gehirnzellen auf die Sprünge zu helfen, und wenn auch etwas schleppend, begannen sie zu arbeiten.
   »Gott sei Dank! Fräulein Peters, erkennen Sie mich?«
   Woher nur kannte sie diese funkelgrünen Augen? Sie presste die kalten Hände an ihre pochenden Schläfen. Das Nachdenken bekam ihr nicht, ihr war schwindlig. Natürlich, Oskars aufdringliches Herrchen. Vorsichtig richtete sie sich auf, zu schnell … Sie fühlte sich seltsam leicht und der Orkan tobte wieder in ihren Ohren. Kräftige Hände packten sie unter den Schultern und lehnten sie sanft an einen Baumstamm.
   »Hoppla, nicht ganz so schnell. Geht es wieder?«
   Oskars Herrchen sah sie argwöhnisch an. Anna räusperte sich. Ihr Mund war furchtbar trocken. »Ich denke schon.«
   Sie krächzte wie ein heiserer Rabe.
   »Durst?« Der besorgte Hundebesitzer hielt ihr eine zerkratzte, silberne Flasche unter die Nase. Anna verzichtete auf eine Antwort und nahm wortlos die Feldflasche entgegen. Ihre Feldflasche! Was war das? Kalt und erfrischend, doch nicht ganz so geschmacksneutral wie Wasser. Es schmeckte anders, ein wenig süßer, fruchtiger. Kritisch ließ sie den Blick über ihr Gegenüber gleiten. Er sah erschöpft aus, seine schwarzen schulterlangen Haare lagen nass auf dem blassblauen Hemdkragen. Wie hieß er noch? Verflucht, ihr wurde erneut schwindlig und sie musste sich im feuchten Laub abstützen. Gut, sie befand sich auf festem, harten Boden. War sie gestürzt und hatte sich den Kopf angeschlagen? Anna fuhr mit der anderen Hand durch ihre Haare. Sie waren nass. Ebenso wie … Alexanders, richtig, Alexander Bach, so war sein Name.
   »Der Nebel …?«, krächzte sie.
   »Wollen Sie sich vielleicht lieber wieder hinlegen? Himmel, Anna, Sie sind weiß wie Papier. Anna …?«
   Sie schüttelte langsam den Kopf, bloß nicht so schnell, inzwischen war ihr zu allem Überfluss auch noch speiübel. Sie zwang sich, tief und gleichmäßig durchzuatmen und langsam ebbten die Wellen der Übelkeit ab. »Es geht schon.« Sie hörte, wie wenig überzeugend sie klang. »Haben Sie den Nebel auch gesehen?«
   Alexander nickte gequält. »Das kann man wohl sagen. Warum zum Teufel haben Sie denn nicht geantwortet? Ich konnte Sie zwar nicht sehen, aber hören. Pausenlos habe ich nach Ihnen gerufen.«
   Er war das also gewesen. »Ich … ich konnte Sie nicht verstehen.«
   Nun stand Argwohn statt Sorge in seinem Blick. Kritisch betrachtete er sie. Anna drehte niedergeschlagen den Kopf zur Seite. Er glaubte ihr nicht. »Natürlich habe ich Ihre Stimme gehört, aber ich konnte Sie nicht verstehen. Es war wie … Klangbrei.«
   Inzwischen hatten sich ihre Hände zu Fäusten geballt. Alexander ließ seinen Blick skeptisch auf ihr ruhen. Sie zog die Knie an und stemmte sich unbeholfen an dem rauen Baumstamm hoch. Unwirsch schob sie Alexanders helfende Hand zur Seite. Doch kaum stand sie aufrecht, verließen sie die Kräfte wieder. Tränen des Zorns schossen ihr in die Augen, niemals würde sie es allein aus dem Wald heraus, geschweige denn nach Hause schaffen. Die Übelkeit kehrte zurück, ebenso wie das Tosen in den Ohren und dieses Mal ließ sie sich helfen. Auf Alexander gestützt glitt Anna zurück auf den Boden. Was war nur los mit ihr?
   »Ich glaube Ihnen«, murmelte er leise. »Ich glaube, dass Sie mich nicht verstehen konnten. Wenn ich nur wüsste, wie ich Ihnen helfen kann.« Er deutete auf das Blätterdach. »Irgendetwas stimmt hier nicht.«
   »Ach was«, sagte sie spitz.
   Er ignorierte ihre ruppige Antwort und nahm den Faden wieder auf. »Ich war mit Oskar auf dem Heimweg, als der Nebel einsetzte. Wie ein weißer Tunnel … irgendwann habe ich die Orientierung verloren.« Er hielt kurz inne und schüttelte den Kopf. »Oskar wusste genau, wo er hinwollte, und so habe ich ihn führen lassen. An der Leine übrigens.« Für einen Moment blitzten seine Augen herausfordernd. Geistesabwesend ließ er sich neben ihr auf den Boden gleiten. »Oskar hat Ihre Spur aufgenommen, doch bald konnte auch ich Ihre Schritte und Ihren Atem hören.«
   Er blickte sie prüfend an. Anna fühlte sich immer noch schwach und spürte kleine Schweißperlen auf der Stirn.
   »Ihr Schnaufen war unüberhörbar. Mir ist das Atmen auch schwergefallen, doch Sie haben gekeucht wie eine altersschwache Dampflok.«
   Anna zuckte zusammen. Da war er wieder, der spöttelnde Unterton. Sie rückte ein wenig zur Seite und straffte den Rücken.
   »Als Sie mir dann nicht geantwortet haben, war mir klar, dass Sie sich in Schwierigkeiten befanden. Sie sind vor meiner Nase umgekippt und ich habe Sie aufgefangen. Das ist alles.«
   Sie konnte den Himmel durch das dichte Geäst nur noch schwach erkennen. Die Sonne war verschwunden und in ein, zwei Stunden würde es dunkel sein. Und was hatte er in der Zeit gemacht, neben ihr gesessen und Däumchen gedreht?
   »In der Zwischenzeit habe ich natürlich nicht tatenlos herumgesessen.«
   Himmel! Konnte eigentlich jeder in ihr lesen wie in einem offenen Buch?
   »Nachdem ich mich davon überzeugt habe, dass Sie noch unter den Lebenden weilen, bin ich losgezogen, um Hilfe zu holen.«
   Anna atmete tief durch, hoffentlich kam er bald zur Sache. Seine Schläfen pochten und die Halsmuskeln waren angespannt. Sie war nicht die Einzige, die sich unwohl fühlte.
   »Ich bin in Richtung Landstraße losgezogen, dem kleinen Pfad folgend.« Er legte eine weitere Pause ein.
   »Und?« Anna schnaubte ungeduldig. Wenn er in diesem Tempo weitererzählte, dann würde er vor Einbruch der Dunkelheit nicht fertig werden. Alexander erhob sich langsam und blickte suchend in den Wald, der stetig dunkler wurde.
   »Die Straße ist weg!«
   »Weg?« Anna schnappte nach Luft. »Sie haben sich verlaufen, das ist alles. Die Straße ist da, glauben Sie mir. Da komme ich nämlich her!« Jetzt reichte es aber, und sie dachte, sie wäre durcheinander. Sie war es wirklich leid, hier herumzusitzen. Auffordernd hielt sie ihm ihre Hand entgegen. »Vielleicht suchen wir gemeinsam. Ich finde die Straße schon.« Sie wartete vergebens auf seine helfende Hand, und so stemmte sie sich ein zweites Mal mühsam hoch. Schwer atmend lehnte sie sich an den kalten Stamm, doch wenigstens war ihr nicht mehr so schwindlig wie zuvor. Sie holte noch einmal tief Luft und nickte ihm ungeduldig zu. »Können wir?«
   Doch Alexander hatte offensichtlich weder vor, ihr zu helfen noch sich in Bewegung zu setzen. »Die Straße ist verschwunden, glauben Sie mir. Ich finde mich normalerweise überall gut zurecht, und diesen Wald hier kenne ich wie meine Westentasche. Aber die Straße ist genauso verschwunden wie Oskar.«
   »Oskar ist weg?«
   Nun trat er einen Schritt zur Seite und wischte sich durchs Gesicht. »Ja, verdammt, Anna. Ich habe Ihnen vorhin Glauben geschenkt, und jetzt müssen Sie mir vertrauen. Etwas stimmt hier nicht, stimmt ganz und gar nicht. Sehen Sie sich doch mal um. Der Wald …«
   Der arme Kerl war wirklich furchtbar durcheinander. Sie spähte neugierig in das satte Grün. Im gleichen Moment nistete sich in ihrem Magen ein Eisklumpen ein. Die winzigen blassgrünen Knospen, die sie heute Morgen noch bewundert hatte, waren zu tiefgrünen, großen Blättern gewachsen. Dunkelgrün und dicht, die fein gerippten Buchenblätter waren unübersehbar. Alexander hatte recht, der Wald hatte sich verändert. Es war dunkler geworden, und nicht nur weil es langsam Abend wurde. Hier wollte sie nicht bleiben. Nicht allein, nicht in Alexanders Begleitung und vor allem nicht nachts. Zitternd lehnte sie sich an den rauen Stamm. Sie musste sich beruhigen, und zwar augenblicklich. Weit würde sie nicht laufen können, aber es gab doch sicher einen geeigneteren Ort, um die Nacht zu verbringen. Eine Lichtung vielleicht, sie mussten eben ein wenig suchen. Hänsel und Gretel verirrten sich im Wald … Ein hysterisches Kichern kroch langsam in ihr hoch. Der erste Gluckser war schon hinaus. Anna hustete verlegen und erntete Alexanders vorwurfsvollen Blick. Mein Gott, Anna, reiß dich zusammen. Wenn es nun auch noch anfangen würde, zu regnen? Mit einem Mal spürte sie die Kälte deutlich durch ihr dünnes Hemd. Sie versuchte, einen Schritt nach vorn zu machen. »Dann, Alexander Bach, sollten wir uns wenigstens eine etwas geeignetere Unterkunft suchen. Nicht mehr lange, und es ist stockdunkel.«
   Der Rucksack. Wo war der Rucksack mit Bauer Carlsons Kostbarkeiten? Sie entdeckte ihn hinter dem Baum, an dem sie eben noch gelehnt hatte. Anna atmete erleichtert auf und griff mit zittrigen Händen danach, doch ihr unausstehlicher Begleiter kam ihr zuvor, schulterte den schweren Sack mit Leichtigkeit und griff sich außerdem noch die Kartoffeln. Offenbar ärgerte ihn ihr missbilligender Blick, denn er runzelte die Stirn.
   »Darf ich, oder wollen Sie?« Er hielt ihr den Sack unter die Nase. Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn und schluckte die Übelkeit hinunter.
   »Nein, vielen Dank, das ist schon in Ordnung.«
   Alexander zuckte mit den Schultern und setzte sich in Bewegung. »Also gut, bitte folgen Sie mir.«
   »Vielleicht sollte ich vorangehen?«, räumte Anna ein. Er blieb so abrupt stehen, dass sie gegen ihn prallte und beinahe das Gleichgewicht verlor.
   »So, Fräulein Peters, Anna, damit wir uns hier richtig verstehen.« Nun hatte sie ihn richtig verärgert, zornig schob er sie zur Seite. Anna trat erschrocken einen Schritt zurück. »Ich bin sicher, dass der Wald erst mal nicht aufhört, dass er nicht mehr derselbe ist, den wir heute Morgen betreten haben, dass die Straße nicht mehr da ist und dass Oskar ebenfalls verschwunden ist. Und während Sie hier bewusstlos herumgelegen haben, bin ich sicher nicht untätig gewesen, wie Sie vermutlich annehmen, sondern habe uns eine Unterkunft gesucht und alles für eine höchstwahrscheinlich unbequeme und kalte Nacht in diesem gottverdammten Wald vorbereitet. Sie können mir jetzt folgen oder den Weg allein fortsetzen, das liegt ganz bei Ihnen.« Alexander warf sich den Kartoffelsack über die Schulter und stiefelte los, ohne sich auch nur einmal umzudrehen.
   Anna blickte ihm finster hinterher. Also gut, dann würde sie ihm eben folgen, diesem ungenießbaren Besserwisser. Sie hoffte nur, dass es bis zu der Unterkunft nicht weit war. Den Blick auf den breiten Rücken ihres Begleiters geheftet, setzte sie konzentriert einen Fuß vor den anderen. Sie verstand einfach nicht, warum sie sich so schwach fühlte und es ärgerte sie ungemein, sich hinter ihm herzuschleppen. Ihre Verfassung hatte garantiert etwas mit diesem merkwürdigen Nebel zu tun, aber warum setzte er nur ihr zu? Alexander sah zwar ebenfalls ein wenig mitgenommen aus, doch er war eindeutig nicht so kraftlos wie sie. Zügig schritt er voran, ohne sich davon zu überzeugen, ob sie ihm folgte. Wahrscheinlich würde er nicht einmal merken, wenn sie eine andere Richtung einschlug oder vor Erschöpfung einfach umfiel. Anna fluchte leise vor sich hin, außerdem hatte er den Rucksack und die Kartoffeln, ihren Rucksack! Gleich würde ihr Herz zerspringen. Sie blieb stehen und lehnte sich schwer atmend an eine dicke Eiche. Mit dem Handrücken wischte sie sich zornig durch ihr schweißtriefendes Gesicht. Ihr verfluchter Weggenosse marschierte weiter und der Abstand vergrößerte sich zunehmend. Schließlich gab sich Anna einen Ruck und stolperte hinter ihm her. Alexanders Umrisse verschwammen vor ihren Augen. Undeutlich sah sie, wie er ihren Rucksack vorsichtig auf den Boden legte und sich an den Zweigen irgendeines Baumes zu schaffen machte. Einen Fuß vor den anderen, Anna, noch einen und noch einen. Sie hatte Alexander fast erreicht, als sich die Bäume um sie herum zu drehen begannen. Mit einem leisen Fluch ließ Alexander einen Armvoll dürrer Zweige achtlos auf den Boden fallen und lief auf sie zu.
   »Verdammt noch mal, Anna!« Ohne ein weiteres Wort hob er sie hoch, trug sie zu der Baumgruppe, wo er haltgemacht hatte und legte sie behutsam auf den Boden.
   »Wie wär’s mit Rufen gewesen! Warum haben Sie mir nicht gesagt, dass Sie nicht mehr weiterkönnen?«
   Vor sich hin brummelnd sammelte er die Stöcke wieder ein.
   »Vielleicht weil Sie viel zu sehr damit beschäftigt waren, voranzugehen.« Sie schloss die Augen. »Ich hoffe nur, dass es nicht mehr allzu weit ist, bis zu Ihrer Unterkunft. Ich fürchte, den Rest des Weges müssen Sie mich tragen. Es sei denn, Sie setzen Ihren Ausflug lieber ohne mich fort.«
   »Wir sind da«, antwortete er knapp und suchte erneut einige Äste zusammen.
   Sie stemmte sich auf ihre Ellbogen und versuchte, aufzustehen. »Warten Sie, ich helfe Ihnen.«
   Alexander verdrehte die Augen. »Tun Sie sich und mir den Gefallen und ruhen Sie sich einfach einen Moment aus.«
   Anna rutschte ein wenig zurück und lehnte sich erschöpft gegen einen etwa hüfthohen runden Stein. »Von mir aus. Und hier wollen wir übernachten?«

Gar nicht schlecht, eine kleine Lichtung. Anna schöpfte erleichtert Atem, hier war ihr eindeutig weniger unheimlich, als inmitten des dichten Unterholzes, aus dem sie eben getreten waren. Alexander hatte anscheinend nicht vor, die Unterhaltung mit ihr fortzusetzen und schichtete kleine, dünne Zweige und trockenes Laub auf. Schließlich kniete er sich vor den kleinen Haufen, griff seufzend nach einem Stein und schlug mit dem Rücken eines kleinen Messers dagegen. Feuer wollte er also machen, Anna zuckte mit den Schultern und grinste. Eine Weile sollte er sich ruhig abplagen. Er kniff seine Augen konzentriert zusammen und sein schwarzes lockiges Haar fiel ihm ins Gesicht. Die Ärmel waren bis zum Ellbogen hochgekrempelt und die grauen Hosenbeine mehrmals umgeschlagen. Anna betrachtete ihn verstohlen. Kräftige Arme, muskulöse Unterschenkel. Kraftvoll und entschlossen schlug er an der Seite des Steins entlang. Ab und zu sprang tatsächlich ein winziger Funke, doch bis jetzt war es ihm nicht gelungen, auch nur einen davon auf die angehäuften Äste und Blätter fallen zu lassen. Aufgeben schien für ihn nicht infrage zu kommen, das musste man ihm lassen. Anna ließ die Hand in die Hosentasche gleiten. Dort lag es, warm und vertraut, und sie lächelte. Ihre Finger ertasteten die Kratzer des silbernen Feuerzeugs und schließlich zog sie es aus der Tasche. Für einen Moment erhellte ein winziger Funke die zunehmende Dunkelheit. Es funktionierte noch. Alexander sah sie entgeistert an, als Anna ihm den winzigen Schatz zuwarf.
   »Hier, damit geht es besser.«
   Ohne ein Wort fing er es auf und es dauerte nicht lange, bis das Feuer munter neben ihr knisterte. Anna atmete auf. Die Kälte der einbrechenden Nacht kroch an ihr empor wie zuvor der kalte Nebel. Sie zog ihre Knie an und schlang ihre Arme um die Beine.
   »Rutschen Sie doch ein wenig näher ans Feuer. Ich bin gleich wieder da.«
   Anna nickte und war dankbar, dass er in Sichtweite blieb. Es war zwar überaus lästig, mit ihm hier die Nacht verbringen zu müssen, doch seine Gegenwart war immer noch besser, als jetzt allein zu sein. In Windeseile suchte Alexander einen beachtlichen Haufen Holz zusammen, brach die Äste in kleine Stücke und stapelte sie säuberlich neben der Feuerstelle. Das Feuer strahlte inzwischen eine angenehme Wärme aus und Anna streckte dankbar ihre kalten Hände danach aus. Außerdem verdrängte es zumindest in seiner unmittelbaren Umgebung die Dunkelheit und spendete ein lustig flackerndes Licht. Alexander deutete auf eine mit Blättern gefüllte Mulde auf der gegenüberliegenden Seite des Feuers.
   »Und das, Anna, ist die Unterkunft, die ich Ihnen versprochen habe.«
   Anna runzelte die Stirn. Was denn, ein Blätterhaufen? Doch dann erkannte sie, dass der Laubhügel eher einem Biberbau ähnelte. Über einem Gerüst aus kräftigen Ästen waren Blätter, Gras, kleine Zweige und sogar Erde angehäuft. Nicht übel. Anna spähte in die Öffnung. Dort konnten bequem zwei Personen übernachten und hier würden ihnen weder Wind noch Regen etwas anhaben können. Das war eine Menge Arbeit gewesen, sie hatte ihm unrecht getan.
   »Das, ähm, das sieht fast gemütlich aus. Danke …«
   Er grinste und sah sie aufmerksam an. »Meinen Sie, ich kann Sie hier für einige Minuten allein lassen? Ich möchte die Feldflasche auffüllen.« Er deutete in die Dunkelheit. »Nicht weit von hier ist ein kleiner Bach.«
   Wenn es sein musste. Anna nickte zögernd. Er griff nach einem armdicken toten Ast, an dem einige trockene Blätter hingen, und hielt ihn ins Feuer. Die Blätter sprühten Funken und die Spitze glühte bald hellrot.
   »Damit müsste ich eigentlich hin- und zurückkommen. Bin gleich wieder da.«
   Die rote Flamme seiner provisorischen Fackel schrumpfte zu einem Punkt und bald tanzte sie wie ein Glühwürmchen zwischen den Bäumen, um schließlich ganz zu verschwinden. Nun war sie allein und trotz der Wärme des Feuers fror sie. Die Vögel sangen nicht mehr, im Unterholz hörte sie jedoch hin und wieder ein leises Knacken. Das Feuer, das eben noch munter gefunkelt hatte, warf nun geisterhafte Schatten. Sie sollte bei seiner Rückkehr freundlicher zu ihrem Reisegefährten sein. Angestrengt lauschte Anna in die Dunkelheit. Zu den tanzenden Geisterschatten der Flammen und dem Knistern der Glut gesellte sich eine Fülle unheimlicher Geräusche. Das flüsternde Rauschen der Bäume, ein Rascheln im Laub, ein Knacken hinter ihr. Anna fuhr zusammen, als ihr Magen sich lautstark bemerkbar machte und sich geräuschvoll beschwerte. Sie tastete nach dem Kartoffelsack. Mit den Ereignissen des Tages hatte sie ihren Hunger vergessen, doch mit der Furcht war auch ihr Appetit zurückgekommen. Kein Wunder, es musste etwa zwölf Stunden her sein, dass sie überhaupt etwas gegessen hatte. Vier Kartoffeln, das sollte reichen. Sie stöhnte, teilen musste sie wohl. Es knackte wieder im Unterholz, dieses Mal lauter als zuvor. Anna glitt die Kartoffel aus der Hand. Das Glühwürmchen konnte es nicht sein, es war noch nicht wieder sichtbar. Ihr Mund war mit einem Mal staubtrocken. Wo zum Teufel blieb ihr ritterlicher Beschützer, wenn sie ihn brauchte? Anna umklammerte einen besonders dicken Ast des Feuerholzstapels. Sie tauchte ihn in die rote Glut und wartete. Irgendetwas näherte sich im Unterholz. Mühsam stand sie auf. Die Erschöpfung nagte an ihren Knochen. Wenn sie sich jetzt verteidigen musste, hatte jeder Angreifer leichtes Spiel. Etwas rauschte an ihr vorbei, sie stolperte und warf sich zur Seite, um nicht im Feuer zu landen. Funken sprühten, als ihr der dicke Ast entglitt und zischend in die Flammen fiel.
   Sie spürte etwas Warmes, Feuchtes in ihrem Nacken. Panisch drehte sie sich um. »Du meine Güte. Oskar, du Monster.«
   Schwanzwedelnd stand er über ihr. Unglaublich, dass sie sich jemals über die Anwesenheit dieses schwarzen Ungetüms freuen würde. Der riesige Hund setzte sich neben sie und legte den Kopf schief.
   »Wo kommst du denn her, du Zotteltier? Junge, hast du mir einen Schrecken eingejagt.« Sie kraulte ihn hinter dem Ohr, während er sich ergeben zu ihren Füßen auf den Rücken warf und auf die Fortsetzung der Streicheleinheiten wartete. Anna grinste schwach. »Bekommst du eigentlich immer, was du willst?« Sie kratzte das weiche Fell des massigen Brustkorbs und Oskar schloss zufrieden die Augen.
   Anna griff erneut nach den Kartoffeln und warf sie entschieden ins Feuer. Allmählich atmete sie ruhiger und ließ schließlich ihre Hand auf Oskars zottligem Pelz ruhen. Anna spähte ins Unterholz, und tatsächlich, in der Ferne tauchte ein Licht auf, tanzte auf und ab und plötzlich spitzte Oskar die Ohren. Mit einem Satz war er auf den Beinen und gab Töne, ähnlich einem mächtigen Donnergrollen, von sich. Anna schmunzelte. Das musste Alexander sein. Er würde sich wundern. Noch stand Oskar neben ihr, doch Anna spürte, dass er ungeduldig auf einen Befehl wartete. Auch er schien sein Herrchen erkannt zu haben, denn sein buschiger Schwanz wedelte kräftig in ihrem Gesicht herum. Hin- und hergerissen zwischen dem Pflichtgefühl, seine wiedergefundene Freundin zu beschützen und dem Drang, sein verlorenes Herrchen zu begrüßen, zuckten die Muskeln des kräftigen Tieres. Anna kämpfte sich hoch und klapste ihm ermunternd auf den Hintern.
   »Nun lauf schon. Lass ihn nicht länger warten.«
   Und schon war das schwarze Ungetüm auf und davon. Alexanders Fackel, zur Hälfte heruntergebrannt, flog flackernd ins Gebüsch und Hund samt Herrchen gingen zu Boden. Schließlich tauchte Alexanders Kopf in dem dichten Geäst auf, während ihm der Hund das Gesicht unaufhörlich mit der langen Zunge ableckte. Sie schüttelte sich und schmunzelte. Oskar wich nicht von Alexanders Seite, doch kurz bevor sie Anna erreichten, wischte sich Alexander hastig über die Augen und für einen Moment sah er furchtbar jung und verletzlich aus. Sie tat ihm den Gefallen, den flüchtigen Einblick in sein unverschlossenes Innenleben zu übersehen und winkte den beiden zu.
   »Oskar ist wieder da!« Freudestrahlend reichte er ihr die volle Feldflasche. Jetzt erst spürte sie den Durst in ihrer Kehle. Dankbar nahm sie das Gefäß entgegen und setzte es vorsichtig an ihre trockenen Lippen. Was zum Kuckuck war das? Sie wünschte, es wäre nicht so dunkel und sie könnte den Inhalt der Flasche genauer betrachten. Für einfaches Wasser war es einfach zu köstlich. Schlürfend ließ sie die Flüssigkeit über ihre Zunge gleiten und schluckte langsam.
   »Ach was. Dein Hund hat mich fast zu Tode erschreckt. Du hast doch gesagt, du holst Wasser aus einem Bach, oder? Das schmeckt aber nicht wie normales Wasser.« Sie roch neugierig an der Feldflasche, hielt plötzlich inne und hustete verlegen. Hatte sie ihn gerade geduzt?
   »Ähm, ich meine, Sie … Sie wollten doch zum Bach.« Mist, wenn er es nicht bereits zuvor bemerkt hatte, dann spätestens jetzt.
   »Du ist völlig in Ordnung, Anna.« Er reichte ihr die Hand. »Alexander, für Freunde auch schon mal Alex.«
   Na prima. Sie hatte sich zwar vorgenommen, freundlicher zu sein, aber für Vertraulichkeiten war noch lange nicht der richtige Zeitpunkt. Anna seufzte und grinste zerknirscht.
   »Also gut, Alexander. Was habe ich denn nun gerade getrunken? Wasser?« Sie blickte skeptisch in die Flasche.
   »Schmeckt gut, nicht wahr?«
   Nun lächelte er. Anna reichte ihm die Flasche, doch er winkte ab. »Danke, aber ich habe schon an Ort und Stelle meinen Durst gestillt. Du hast recht, es schmeckt anders, und doch stammt es aus einem ganz normalen Bach. Ich habe ihn entdeckt, noch bevor es dunkel geworden ist. Klares Wasser.«
   Nachdenklich blickte er sie an. »Hast du Hunger? Du siehst immer noch fürchterlich aus.«
   Das konnte sie sich gut vorstellen, sie fühlte sich fürchterlich! »Danke für das Kompliment, ja ich habe Hunger.« Sie wies auf das Feuer. »Ich habe ein paar Kartoffeln hineingeworfen. In meinem Rucksack ist außerdem ein ansehnliches Stück Fleisch. Meinst du, wir können das hier braten?«
   Alexander öffnete den Rucksack, zog das riesige Paket hervor und pfiff durch die Zähne. »Das, Anna, ist wirklich ein ordentliches Stück.«
   »Als ob du nicht längst wüsstest, was sich in meinem Rucksack befindet. Zeit genug zum Nachsehen hattest du schließlich.«
   »Nein, das wusste ich nicht«, antwortete er leise. Alexander zog das kleine Messer aus seiner Hosentasche und teilte den Braten in zwei Teile. »Es ist schließlich nicht meine Tasche und ich durchsuche nicht die Sachen fremder Leute.«
   Etwas in seiner Stimme erschreckte sie. »Tut mir leid, das hab ich nicht so gemeint.«
   »Ich denke, wir sollten alles braten.« Alexander hielt die zwei Stücke in den Feuerschein und betrachtete sie zufrieden. »Es wäre doch schade drum.«
   Anna nickte zögernd. »Ich hatte eigentlich vor, es heute Abend einzukochen, aber da wird ja wohl nichts draus.« Und nun konnte sie noch nicht einmal Peter etwas davon abgeben. Peter, er war inzwischen bestimmt außer sich vor Sorge. Bei dem Gedanken an ihren treuen Freund war ihr Hunger augenblicklich verschwunden und sie schloss für einen Moment die Augen.
   »Alles in Ordnung?«
   »Da ist jemand, der langsam anfängt, sich Sorgen zu machen. Wahrscheinlich sucht er bereits nach mir und ich fürchte, er wird mich nicht finden, nicht hier …«
   Alexander schwieg und für einen Moment entglitten seine Gesichtszüge, Zorn glomm in seinen Augen auf und verschwand dann wieder. »Ehemann oder Freund?«
   »Ein Freund«, erwiderte sie. Was ging ihn das überhaupt an? »Ein guter Freund, der beste, den man sich wünschen kann, wenn du es genau wissen willst. Bist du dir sicher, dass die Straße verschwunden ist?«
   Die Antwort kam ein wenig zu schnell und zu scharf. »Ja, Anna, ich bin mir sicher!«
   Anna blickte bekümmert ins Feuer. Schweigend spießte Alexander beide Stücke auf lange Äste und reichte Anna einen der zwei Stöcke. Ohne ein weiteres Wort ließen sie das Fleisch über dem Feuer brutzeln und bald kehrte Annas Hunger zurück. Der würzige Geruch stieg ihr in die Nase und wieder hörte sie ihren Magen vorwurfsvoll knurren.
   Nach einer Weile drückte Alexander ihr seinen Spieß in die Hand. »Hier, halt mal.« Er verschwand hinter einer dicken Tanne. Kurz darauf kehrte er mit zwei flachen Steinen zurück und legte sie neben Anna auf den Boden.
   »Mit Besteck kann ich leider nicht dienen, ich denke, wir müssen uns mein Messer teilen.«
   Er nahm ihr die Spieße aus der Hand und schob die Fleischstücke auf die Steine. Dann holte er mit einem Stock die Kartoffeln aus dem Feuer, griff nach einem Blatt, wickelte die dunkelbraunen Knollen darin ein und legte sie neben den Braten.
   »Autsch, heiß! Guten Appetit, Anna Peters. Lass es dir schmecken.«
   Gemeinsam ließen sie sich vor dem Feuer nieder und lange war außer gelegentlichen Kaugeräuschen und leisem Schmatzen nichts zu hören. Alexander teilte seine Mahlzeit mit Oskar und auch Anna warf dem riesigen Hund, der sich zwischen sie gedrängt hatte, ab und zu ein Stückchen Fleisch hin. Schließlich lehnte sich Anna zurück und atmete tief durch.
   »Uff, ich glaube, gleich platze ich. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so viel auf einmal gegessen habe. Totale Völlerei.«
   Alexander wickelte den Rest des Bratens grinsend in das Stück Papier, schob es zurück in den Rucksack und erhob sich. »Da muss ich mich wohl bei dir bedanken. Auch ich habe mich lange nicht mehr so satt gefühlt.« Er legte ein Stück Holz nach, kroch dann in den kleinen Blätterhaufen und hielt kurz darauf seine Gitarre in der Hand.
   »Die hast du nicht verloren?«
   Er schüttelte den Kopf, legte den rechten Zeigefinger auf seine Lippen und zupfte an den Saiten.
   »Das verscheucht die wilden Tiere«, sagte er lächelnd.
   Anna kannte die Melodie nicht, die er dem Instrument entlockte, doch es war egal. Die sanften Töne beruhigten ihre zugegebenermaßen stark strapazierten Nerven. Nur zu gern ließ sie sich ein wenig forttragen. Irgendwann legte er die Gitarre zur Seite und das Lächeln war aus seinem Gesicht verschwunden.
   »Und jetzt, Anna Peters, sollten wir uns ein wenig unterhalten.«

Kapitel 5
Nachtlager

»Du hast es gewusst? Du hast es tatsächlich gewusst.« Erst Frage, dann ernüchternde Erkenntnis, kaum mehr als ein Flüstern, und
   doch bebte ihre Stimme vor Zorn. Anna war kreidebleich, doch nicht einmal kräftiges Ein- und Ausatmen schien zu helfen.
   »Anna, du musst dich beruhigen, bitte.« Er griff nach ihrer Hand, doch sie fuhr bei seiner flüchtigen Berührung zusammen, als hätte sie auf eine heiße Herdplatte gefasst.
   »Rühr mich nicht an, Alexander, rühr mich nicht an!«
   Die Drohung in ihrer leisen Stimme war nicht zu überhören. Schicksalsergeben erhob sich Alexander und lief rastlos vor dem prasselnden Feuer auf und ab. Gelegentlich warf er einen Blick auf Anna, die ihm zitternd den Rücken zugedreht hatte. Sie tat ihm leid, doch es war nicht seine Absicht gewesen, sie mitzunehmen, sie war ihm doch geradezu in die Arme gefallen. Fröstelnd hielt er seine Hände in die Nähe des Feuers. Es war kalt geworden, doch die Wärme der Flammen tröstete und beruhigte ihn ein wenig.
   »Anna, bitte, sieh mich an.«
   Keine Reaktion, hatte sie ihn überhaupt gehört? Alexander sah ihr stärker werdendes Zittern und musste an sich halten, nicht tröstend den Arm um sie zu legen. Höchstwahrscheinlich würde sie nach ihm schlagen, wenn er sich nur auf Armlänge näherte. Er verstand ihre Reaktion. Er hatte wenigstens ein wenig Zeit gehabt, sich auf das hier vorzubereiten, obwohl auch er nicht genau wusste, wo er sich befand oder was ihn erwartete.
   Es hatte um die Weihnachtszeit angefangen. Alexander sah Dinge, die ihn furchtbar erschreckten und verunsicherten, im Endeffekt jedoch neugierig machten. Zunächst waren es nur Träume, einige Zeit später verfolgten ihn die Bilder wie blasse Schatten, auch wenn er nicht schlief. Und jedes Mal traf es ihn unvorbereitet. Er hatte versucht, Anna zu erklären, was eigentlich nicht zu erklären war. Er sah undeutliche Bilder, Farben, Umrisse. Doch mit jedem Traum nahmen sie an Klarheit zu, wurden fühlbarer, schärfer. Er fand sich in Landschaften wieder, die so atemberaubend schön waren, dass sein Herz schmerzte, wenn er aufwachte. Er spazierte durch duftende Wälder, groß und unberührt, nur sattes, tiefes Grün. Majestätische Berge mit schneebedeckten Gipfeln erhoben sich vor ihm und er entdeckte wunderschöne Seen mit kristallklarem Wasser inmitten bunter Blumenwiesen. Kurze Zeit später tauchten Tiere in den Wäldern auf, Rehe, Hasen und Vögel, und es fiel ihm immer schwerer, sich von seinen Träumen zu trennen. Die echten und lebendigen Bilder faszinierten ihn. Er war mehr als nur Beobachter, er befand sich mittendrin und konnte das Singen der Vögel, das Rauschen der Wälder und das Tosen der Ozeane nicht nur hören, sondern auch riechen, fühlen und schmecken. Dann jedoch erblickte er Kreaturen und Fabelwesen, die sich fern von jeglicher ihm vertrauten Realität befanden, und nun war er froh, geradezu erleichtert, wenn er aufwachte. Es waren keine undeutlichen Schatten mehr. Was er vor sich hatte, war echt und nah, und als er das erste Mal meinte, neben einem gewaltigen Drachen zu stehen, wünschte er sich, ein Buch in der Hand zu halten und es kurzerhand zuklappen zu können. Doch der Traum tat ihm diesen Gefallen nicht, er entließ ihn erst dann zurück in die Wirklichkeit, nachdem er Alexander hinlänglich mit bunten Details versorgt hatte. Er spürte den heißen Atem der riesigen Kreatur in seinem Gesicht, berührte unfreiwillig sein braungrünes Schuppenkleid und blickte angstvoll in die funkelnden, smaragdgrünen Augen. Alexander wollte davonlaufen, und als ihn der Traum endlich ziehen ließ, fand er sich keuchend auf dem kalten Fußboden neben seinem Bett wieder. Danach besuchten ihn noch andere Kreaturen in seinen Träumen, Einhörner, Greife und Tiere, denen er beim besten Willen keinen Namen zuordnen konnte und als die Angst schließlich der Neugier gewichen war, konnte er diese Wesen auch beobachten, wenn er wach war. Nicht so nahe und deutlich wie in seinen Träumen, doch besonders in dem kleinen Wald, in dem sie sich jetzt befanden, meinte er immer wieder Umrisse der fabelhaften Geschöpfe ausmachen zu können.
   Irgendwann hatte er beschlossen, sich mit der Existenz der Träume und den seltsamen Eindrücken und Wahrnehmungen abzufinden, nichts infrage zu stellen und sich vor allem nicht selbst für verrückt zu erklären. Alexander begann zu akzeptieren, dass es noch andere Realitäten außer den bisher vertrauten oder angenehmen geben könnte. Vielleicht waren sie ja genauso Normalität wie die Ruinen, die zurückkehrenden Kriegsgefangenen, der allgegenwärtige Hunger oder der eisige Winter. Und seit etwa einer Woche zog es ihn magisch in das kleine Wäldchen, mit einer Macht, die er nicht verstand. Ruhelos streifte er täglich durch das Gehölz, sehr zu Oskars Vergnügen, und als heute das zarte Grün im Nebel versank, hatte ihn das eigentlich nicht einmal überrascht. Es musste etwas mit seinen Träumen zu tun haben. Kurz vorher hatte er Anna getroffen, mit ihr gestritten, ihr hinterhergesehen, als sie im Dunkel des Waldes verschwand und Stunden später war sie in seinen Armen gelandet.
   Nichts hatte er ausgelassen in seinem Bericht. Erst hatte sie sich über ihn lustig gemacht, ihn verspottet. Dann war sie still geworden und plötzlich war sie explodiert wie ein Vulkan. Sie tat ihm leid, mitfühlend sah er zu ihr hinüber und es zerriss ihm das Herz, wie sie ihre Knie umklammerte und ausdruckslos in das Feuer starrte. Mittlerweile zitterte Anna so heftig, dass ihr ganzer Körper geschüttelt wurde. Nun reichte es. Zum Teufel mit der Rücksichtnahme. Mit einem Satz war er bei ihr, ging vor ihr in die Knie, packte sie kräftig an den Schultern und riss sie zu sich herum. Wie erwartet schlug sie nach ihm und traf ihn mit der flachen Hand mitten ins Gesicht.
   »Du hättest mich wenigstens warnen müssen, verdammt!« Tränen des Zorns liefen über ihr Gesicht.
   Alexander trat einen Schritt zurück und rieb sich die brennende Wange. »Ach ja, Anna, wann denn? Als du nicht schnell genug von uns fortkommen konntest oder vielleicht, als du mir in die Arme gefallen bist?« Jetzt reichte es aber, er hätte sie gewarnt, hätte er Zeit dafür gehabt.
   »Du hättest mich warnen können«, wiederholte sie, dieses Mal ein wenig leiser. »Ich … ich möchte nach Hause.«
   Er versuchte es noch einmal und nun erlaubte sie seine Berührung. Ruhig lag seine Hand auf ihrer Schulter.
   »Ich weiß, Anna, und ich verspreche dir, ich bringe dich heim, sobald ich verstehe, was hier vor sich geht. Aber ich fürchte, das muss mindestens bis morgen früh warten.« Er musterte sie besorgt. Das flackernde Licht des Feuers verlieh ihrem ohnehin farblosen Gesicht eine fast durchscheinende Blässe, die durch ihre wilden hellbraunen Locken noch verstärkt wurde und ihre honigbraunen Augen wie Bernsteine funkeln ließ.
   »Fühlst du dich ein wenig besser?«
   Anna zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht. Allein der Gedanke, noch mal aufzustehen …« Sie fuhr sich über ihr Gesicht.
   »Ist noch etwas Wasser da?«
   Alexander griff nach der kleinen Flasche und schüttelte sie sacht.
   »Nicht viel. Hier, trink.«
   Sie hob abwehrend die Hand. »Nein, wir teilen.«
   Alexander drückte ihr die Flasche entschieden entgegen. »Kommt nicht infrage, Anna. Bitte, trink.«
   Sie ließ sich den Rest des erfrischenden Getränks langsam durch die Kehle rinnen und schraubte nachdenklich den Deckel zu. »Meinst du, wir finden morgen hier raus?«
   Alexander starrte in die bunten Flammen und nickte dann langsam. »Ich denke schon. Ob wir allerdings den Weg nach Hause finden … Wer weiß.« Im Grunde war er sicher, dass sie nicht einfach nach Hause gehen konnten und dass die Straße auch morgen noch verschwunden war. Doch aus dem Wald hinauszufinden, hielt er für durchaus möglich. Vorausgesetzt, Anna war morgen wieder einigermaßen bei Kräften. Auch er fühlte sich ein wenig geschwächt, doch verglichen mit ihr ging es ihm blendend. Warum nur war sie dermaßen erschöpft und entkräftet?
   »Alexander, ich muss nach Hause, und eigentlich nicht erst morgen. Es ist ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt für irgendwelche drastischen, ungeplanten Wendungen in meinem Leben. Das gilt insbesondere für Veränderungen, auf die ich keinen Einfluss habe. Ich bin heute Morgen mit der Absicht losgezogen, mir darüber klar zu werden, wie meine Zukunft aussehen soll. Verdammt, Alexander, du hättest …« Sie hielt inne und atmete tief durch. Ihr standen Tränen in den Augen und plötzlich wich auch der Rest Farbe aus ihrem Gesicht. Gerade rechtzeitig gelang es ihr, aufzuspringen und sich keuchend im Unterholz zu übergeben. Mit unsicheren Schritten wankte sie zurück zum Feuer.
   Alexander griff ihr unter die Arme, drückte sie sanft auf ihren Platz vor dem Feuer zurück, und als er sah, dass sie erneut heftig zu zittern begann, pfiff er Oskar zu sich. Der riesige schwarze Hund drückte sich ohne zu zögern dicht an sie und langsam, ganz langsam ließ das Beben nach.
   »Anna, du musst dich beruhigen, bitte. Was ist denn nur los mit dir?«
   »Ich habe Angst, Alexander. Es ist, als ob mir das Steuer aus den Händen gleiten würde. Nicht zum ersten Mal …« Sie hielt inne, schüttelte den Kopf und schien einen Gedanken beiseitezuschieben. Schließlich wischte sie sich mit dem Ärmel über den Mund und sah erschöpft auf die leere Feldflasche.
   Alexander war ihrem Blick gefolgt und hob die Flasche auf. »Ich hole frisches Wasser, Anna. Bin sofort wieder da.« Schon hatte er nach einem Ast gegriffen und ihn ins Feuer gehalten. Es war inzwischen stockdunkel und ohne Fackel würde er unmöglich den Weg durch das finstere Unterholz finden.
   »Nein, bitte geh nicht.«
   Überrascht drehte er sich um.
   Anna senkte verlegen ihren Blick. »Ich glaube, ich habe lieber ein bisschen Durst, als noch mal«, sie hustete betreten, »als noch mal allein hier in der Dunkelheit zu warten.«
   Alexander nickte wortlos und legte die Flasche vorsichtig in ihrer Nähe auf den Boden. Er setzte sich neben Oskar und blickte stumm ins prasselnde Feuer. Als die Stille zu laut wurde, räusperte er sich und warf noch einige Stücke Holz nach. »Es ist nicht nur die Dunkelheit, nicht wahr?« Alexander kraulte Oskars Fell, der Wohlfühlgeräusche von sich gab. »Wenn du möchtest, ich bin ein guter Zuhörer. Oskar auch. Und wir sind verschwiegen, beide.«
   Zweimal hatte sie den Mund geöffnet und wieder geschlossen, bevor sie schwach lächelte und den Rücken straffte. »Vielleicht ein andermal.«
   Lange saßen sie schweigend am Feuer, und als Annas Kopf zum zweiten Mal vor Müdigkeit nach vorn kippte, hob Alexander sie entschlossen hoch, trug sie zu ihrem behelfsmäßigen Unterschlupf und legte sie vorsichtig hinein. Unwillkürlich musste er schmunzeln. Anna schlief tief und fest. Sie war weder aufgewacht, als er sie hochgehoben, noch als er sie auf das raschelnde Blätterbett gelegt hatte. Sie sah unschuldig und zufrieden aus, so wie alle Schlafenden. Er schnalzte mit der Zunge. Doch Oskar war ihnen bereits gefolgt, und ehe Alexander ihm den Befehl geben konnte, sich neben Anna zu legen, hatte sich der gewaltige Hundekörper bereits an sie geschmiegt.
   »Gut so, Kumpel. Halt sie warm.«
   
   Gedankenverloren kehrte Alexander zum Feuer zurück. Auch er war todmüde, doch irgendetwas verbot ihm, sich ebenfalls schlafen zu legen. Lustlos stocherte er mit einem Stock in der dunkelroten Glut herum. Tausende sternförmige Funken sprühten zischend nach oben und verschwanden über dem dunklen Blätterdach. Er zog sein kleines Taschenmesser aus der Hosentasche, klappte es auf und grinste. Ebenso gut hätte er mit einem Zahnstocher bewaffnet sein können. Mit diesem winzigen Messerchen würde er hier nicht viel ausrichten. Wenn er mit seiner Vermutung richtig lag, war es nur eine Frage der Zeit, bis ihm der ein oder andere Bekannte aus seinen Träumen über den Weg lief, hoffentlich eher später als früher. Er warf noch einige Äste ins Feuer. Es verbrannte viel schneller, als er angenommen hatte. Wenn es heruntergebrannt war, würde er noch einmal Holz nachlegen und sich dann zu Anna in seinen provisorischen Unterschlupf zurückziehen und Oskar davor positionieren. Sein treuer Gefährte warnte ihn rechtzeitig vor jeder Gefahr. Alexander atmete tief durch. Jetzt hatte er zumindest einen Plan für die nächste Stunde. Bislang überschlugen sich die Ereignisse minütlich und beanspruchten ihn derart, dass er erst jetzt spürte, wie erschöpft er selbst war. Auch seine Reserven gingen langsam zu Ende. Ja, er hatte einen anstrengenden Tag hinter sich, aber es hatte schon beschwerlichere Momente in seinem Leben gegeben, und nie war er so ausgepumpt gewesen wie jetzt. War es möglich, jeden Knochen und jede Faser des Körpers zu spüren? Unruhig schritt er den Wald am Rande des Feuerscheins ab und spähte schließlich in die Finsternis. Das unangenehme Gefühl wollte einfach nicht verschwinden. Nichts war zu sehen oder zu hören. Er äugte in den Unterschlupf, wo Anna und Oskar gemeinsam regelmäßig ein- und ausatmeten. Es war alles in Ordnung. Wenn von irgendwoher Gefahr drohte, hätte sich Oskar schon gemeldet. Prüfend schielte er durch das dichte Blätterdach. Noch war es finster über dem Baldachin, doch bald würde die Morgendämmerung die Nacht vertreiben.
   Plötzlich fuhr er zusammen. Was war das? Täuschte er sich oder hatte er in der Schwärze der Nacht für einen winzigen Augenblick einen bunten Schimmer gesehen? Die Härchen auf seinen Armen richteten sich auf. Alexander griff nach seinem Taschenmesser. Lächerlich. Warum hatte er nicht wenigstens das große Küchenmesser eingesteckt, bevor er heute Morgen losgezogen war? Nicht, dass er damit bedeutend mehr hätte ausrichten können, aber er würde sich wenigstens nicht ganz so albern vorkommen. Da, tatsächlich, da leuchtete es wieder. Was zum Teufel war das nur? Nicht besonders hell, aber bunt, sehr bunt. Es erinnerte ihn an die virtuose Farbmischung eines Regenbogens, und irgendwo hatte er so etwas schon einmal gesehen. Vorhin im Nebel? War ihm das bunte Schimmern inmitten des dichten Nebelschleiers aufgefallen? Und plötzlich stand Oskar neben ihm, die Ohren gespitzt, und knurrte leise vor sich hin. Auf Oskars Instinkt war immer Verlass, dort war etwas. Oder jemand, der nicht dort hingehörte. Das bunte Flimmern verlosch.
   »Psst.« Alexander strich dem Hund kurz über den Kopf und das Knurren hörte auf. Nun hörte er ein Rascheln im Unterholz, Schritte auf welken Blättern. Langsam bewegte sich Alexander auf das Feuer zu. Er griff nach einem Ast, der zur Hälfte verbrannt war, und zog ihn vorsichtig aus den Flammen. Das winzige Taschenmesser und eine provisorische Fackel, imposantere Waffen konnte er im Augenblick nicht aufbieten. Da, dort war das Licht wieder. Alexander verharrte, blieb stehen, ohne sich zu bewegen. Wer immer sich dort befand, musste ihn ebenfalls sehen, das Lagerfeuer war ein leuchtender Fleck in der Schwärze der Nacht. Das Geräusch kam näher und Oskar knurrte erneut leise. Es konnte nicht mehr lange dauern, dann würde der Besucher in den flackernden Schein der Flammen treten. Noch einen Moment … Alexander legte seine Hand sacht auf den breiten Rücken seines Hundes und dann verpasste er ihm einen leichten Klaps aufs Hinterteil.
   »Jetzt, Oskar!«
   Wie ein Blitz schnellte der nach vorn. Alexander hörte einen überraschten Aufschrei und dann war es still. Das bunte Licht war verschwunden und Oskar knurrte nicht mehr, sondern bellte aufgeregt.

Kapitel 6
Wunden

Fieberhaft durchstreifte Alexander das dichte Geäst, den brennenden Stock in Augenhöhe. Oskars Bellen wurde zunehmend ungeduldiger, doch der dichte Baumwuchs ließ das Licht der provisorischen Fackel nicht tief genug in die Dunkelheit dringen. Sie erhellte lediglich den Radius von der Länge des glimmenden Stocks, sodass Alexander nur Oskars gereiztes Kläffen als Orientierungshilfe zur Verfügung stand. Oskars Geduld schien inzwischen erschöpft zu sein, denn das aufgeregte Bellen ging nun in ein ärgerliches Winseln über.
   »Ich höre dich ja, Oskar. Es ist gut.«
   Obwohl der Wald Alexanders Stimme dämpfte, empfand er sie als unangenehm laut. Oskar war verstummt und für einen Moment blieb Alexander stehen und lauschte. Er spürte seinen Herzschlag bis in die Fingerspitzen. Der eisige Wind trug ihm ein leises Stöhnen entgegen und allmählich wurden die Umrisse seines Hundes sichtbar, der schwanzwedelnd auf ihn zulief, sich umdrehte und erneut mit dem Schwarzgrün des Waldes verschmolz.
   »Hey, nicht ganz so schnell, mein Freund.«
   Alexander stolperte hinterher und hatte Mühe, ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Eine Taschenlampe wäre jetzt nicht schlecht.
   Beinahe wäre er über sie gefallen. Oskar saß mit gespitzten Ohren zu ihren Füßen und blickte ihn stolz an.
   »Ja, ja … gut gemacht, Kumpel.«
   Alexander steckte die Fackel in den weichen Boden, doch das kleine Messer hielt er fest umschlossen. Nicht dass die schmächtige Gestalt einen gefährlichen Eindruck machte, doch besonders hier und gerade heute wollte er sich lieber nicht darauf verlassen. Er kniete sich neben Oskar und beugte sich über die Ruhestörerin. Alexander raufte sich die Haare. Sie atmete, wenn auch ein wenig rasselnd. Er ergriff ihre Hand und fühlte erleichtert einen Puls, schwach aber regelmäßig. Sie musste etwa in seinem Alter sein, Mitte zwanzig vielleicht. Ihre flachsblonden Haare hatte sie zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammengebunden, aus dem sich einige Strähnen gelöst hatten und nun verschwitzt an ihrer Stirn klebten. Was zum Teufel fehlte ihr nur? Für heute hatte er genug von bewusstlosen Frauen. Er musterte sie kritisch, sie trug eine hellbraune wildlederne Hose und ein sandfarbenes baumwollenes Oberteil. Anna fiel ja schon mit ihrer abgetragenen Jeans auf, aber diese Kleidung passte nun wirklich nicht dorthin, wo er heute Morgen aufgebrochen war. Ob sie hierher gehörte? Alexander griff nach seiner Fackel und hielt sie prüfend über die junge Frau. Als das Licht über ihre geschlossenen Augen wanderte, bewegte sie sich. Schwerfällig drehte sie sich auf die Seite und wimmerte.
   »Hallo?« Außer einem erneuten Stöhnen bekam Alexander keine Antwort. »Hallo, können Sie mich hören?«
   Ihre Muskeln erschlafften. Alexander steckte die Fackel erneut in den Boden, griff vorsichtig nach ihrer Schulter und drehte sie behutsam wieder auf den Rücken. Das ungute Gefühl in der Bauchgegend kehrte zurück, als er etwas Feuchtes an seinen Fingern spürte. Warm und klebrig. Blut. Erneut ließ er das flackernde Licht über die leblose Gestalt vor ihm gleiten. Unterhalb ihrer linken Schulter zeichnete sich ein handflächengroßer runder Fleck ab, braunrot und matt glänzend. Alexander kniete sich auf den Boden, legte das Messer zur Seite und strich der Verletzten sacht über das verschwitzte Gesicht. Nichts. Also gut, bei Anna hatte es ja vorhin auch geholfen. Vorsichtig schlug er ihr auf die Wange. Sie murmelte etwas Unverständliches, stöhnte, doch ihre Augen öffnete sie nicht. Alexander seufzte. Dann eben ein wenig fester. Er versuchte es noch mal und ebenso wie Anna missfiel das der jungen Frau. Doch bei dem Versuch ihren Arm zu heben, zog sie scharf Luft ein und ließ ihn erschöpft wieder sinken. Sie blinzelte, die blauen Augen glänzten fiebrig.
   »Können Sie mich verstehen?«
   Sie nickte leicht.
   »Sind Sie allein?« Sicherheitshalber griff er erneut zu seinem Messer. Er blickte sich um und lauschte, doch außer dem sanften Rauschen der Blätter war es still. Oskar hatte sich entspannt zu seinen Füßen niedergelassen, die junge Frau nickte und so versuchte er es mit einem kurzen Lächeln.
   »Ich bin Alexander.«
   Irgendwann musste sie doch mal sprechen.
   »Naomi«, flüsterte sie.
   Na also, es ging doch.
   »Gut, Naomi, ich würde mir gern einmal Ihre Verletzung ansehen.«
   Ihr flüchtiges Blinzeln nahm er als Zustimmung und betrachtete nachdenklich ihr baumwollenes Oberteil. Es hatte keine Knöpfe.
   »Wenn ich das Hemd am Ausschnitt ein wenig einschneide, dann können Sie es wenigstens anbehalten. Oder haben Sie noch etwas anderes zum Anziehen dabei?«
   Was für eine blöde Frage, sie würde wohl kaum mit Koffer und Handgepäck hier mitten in der Nacht umherirren. Er redete immer ein bisschen zu viel, wenn er unsicher war oder ihn etwas aus dem Gleichgewicht brachte. Und im Moment fühlte er sich restlos überfordert. Er hatte absolut keine Ahnung, wie er ihr helfen, geschweige denn die Wunde versorgen sollte. Schließlich war er Schreiner und kein Arzt. Egal, dann musste er sich eben auf seine spärlichen Erste-Hilfe-Kenntnisse und sein Gefühl verlassen. Vorsichtig schnitt er das Hemd am Halsausschnitt ein, schob es über die verletzte Schulter und atmete tief durch. Seine Hände bebten. Eine solche Verletzung hatte er schon einmal gesehen. Er erinnerte sich nur zu gut an den jungen Wehrmachtssoldaten, der sich verletzt in seine Straße und schließlich in sein Haus verirrt hatte. Sie hatten ihn gut zwei Wochen versorgt und versteckt. Seine Mutter hatte ihn gesund gepflegt. Alexander schüttelte sich, nein, bloß nicht daran denken. Das hier war keine Schussverletzung. Etwas Spitzes musste sich in ihre Schulter gebohrt, sie aber nicht vollständig durchdrungen haben. Alexander sah genauer hin, auch ein Fremdkörper war nicht zu erkennen. Die Wunde blutete nicht mehr stark und war auch nicht besonders groß, ein Zentimeter Durchmesser vielleicht. Er drehte Naomi, die mit teilnahmslosen, glasigen Augen durch ihn hindurchsah, behutsam auf die Seite und untersuchte vorsichtshalber ihren Rücken. Er hatte richtig vermutet. Was auch immer geschehen war, das hier war nur eine zugegebenermaßen ziemlich tiefe Schnittwunde. Ein Messer vielleicht? Kritisch ließ er seinen Blick nochmals über die junge Frau gleiten. Er konnte sie unmöglich hier zurücklassen, aber langsam machte er sich Sorgen um Anna. Er wollte sie nicht länger als nötig allein lassen. So hatte er sich sein kleines Abenteuer eigentlich nicht vorgestellt. Er wollte allein eine Welt erforschen, von der er nur annahm, dass sie existierte und nun war ihm die Verantwortung für gleich zwei Frauen auferlegt worden, die eine total entkräftet und erschöpft, die andere verletzt.
   »Naomi, meinen Sie«, zum Henker mit den Förmlichkeiten, »meinst du, du kannst aufstehen?«
   Er wusste die Antwort, noch bevor sie den Kopf schüttelte. Es war nicht weit bis zu dem kleinen Lagerplatz, das Flackern des Feuers war von hier aus deutlich zu erkennen. Bis dorthin konnte er sie problemlos tragen. Sie war ein wenig kleiner und auch zierlicher als Anna. Alexander seufzte, er schaffte es, aber für die junge Frau würde es ein schmerzhaftes Unterfangen werden. Entschlossen richtete er sich auf und holte tief Luft. Er drückte die Fackel im Waldboden aus, schob vorsichtig eine Hand unter ihre Arme und die andere unter die Beine. Als er sich langsam erhob, gab sie einen schmerzhaften Laut von sich, und dann erschlaffte ihr Körper erneut.
   »Gut so, Naomi, so ist es für uns beide leichter.«
   Oskar schnüffelte kurz an ihren leblosen Armen und lief dann voraus der schwachen Lichtquelle entgegen.
   Schnell hatten sie das Lager erreicht. Alexander legte die junge Frau sacht auf den Boden. Das Holz war beinahe heruntergebrannt. Hastig sammelte er einige Äste, warf sie in die glimmende Glut und schon bald prasselte das Feuer wieder munter vor sich hin. Er war furchtbar müde, aber hier gab es leider niemanden, der ihm die Arbeit abnahm. Naomi lag leblos neben der wärmenden Lichtquelle. Wasser, sie braucht Wasser. Wenn er nur ein größeres Gefäß als Annas kleine Feldflasche hätte. Erneut verfluchte er sich für seine Nachlässigkeit. Warum nur war er nicht besser vorbereitet gewesen, als er heute Vormittag aufgebrochen war? Eigentlich war er sicher gewesen, dass er finden würde, was ihm in seinen Träumen begegnet war. Hatte er tatsächlich nur das lächerliche Messer und seine Gitarre mitgenommen? Seine Gitarre, wirklich? Entnervt griff er nach einem weiteren dicken Stock, der aus dem Feuer herausragte, und setzte sich in Bewegung. Er schielte flüchtig in den kleinen Unterschlupf. Anna schlief nach wie vor tief und fest. Sie hatte sich zu einer Kugel zusammengerollt und lächelte im Schlaf. Gott sei Dank, hoffentlich ging es ihr in ein paar Stunden besser. Vielleicht hatte sie eine Idee, wie sie der verletzten Frau helfen konnten. Und so trat er noch einmal in die rabenschwarze Finsternis des Waldes. Prüfend blickte er durch das dichte Blätterdach, es dauerte nicht mehr lange bis zum Morgengrauen. Vermutlich würde er heute Nacht überhaupt keinen Schlaf mehr bekommen. Er hatte sich noch nicht weit von ihrem Lager entfernt, als er Oskars kalte Nase an seiner Handfläche spürte. Alexander ignorierte die vorwurfsvolle Stimme, die ihm riet, ihn zurück zu den beiden Frauen zu schicken. Ehrlich gesagt war er froh, den vierbeinigen Freund an seiner Seite zu wissen.
   »Na gut, Kumpel, dann komm halt mit. Die beiden Damen werden auch ohne deine Anwesenheit noch da sein, wenn wir zurückkommen. Komm, da vorn gibt es was zu trinken.«
   Oskar drückte sich hocherfreut an Alexanders Seite und so stolperten sie gemeinsam durch die Dunkelheit.
   Sie fanden den Bach ohne Schwierigkeiten und nun hielt es Oskar nicht mehr in der Nähe seines Herrchens. Mit einem gewaltigen Satz und einem lauten Platsch landete er mitten im kalten Nass. Alexander schüttelte sich, das Wasser musste eisig sein. Doch Oskar schien das nicht zu stören. Der Bach war nicht tief, er umspülte gerade den Bauch des Hundes, der sich schlabbernd über die dunkel schimmernde Oberfläche beugte. Alexander steckte die Fackel in den sandigen Boden, kniete sich ans Ufer, schöpfte das in der Tat eiskalte Wasser mit beiden Händen und trank gierig. Köstlich! Er musste auf jeden Fall morgen früh hierher zurückkehren und sich den Bach genauer ansehen. Aber jetzt war es einfach zu dunkel, um irgendetwas erkennen zu können. Das Wasser schmeckte eindeutig anders. Er griff nach der kleinen Flasche, tauchte sie ein und ließ sie gurgelnd volllaufen. Alexander trank noch einen Schluck und erhob sich dann mühsam, um sich auf den Rückweg zu machen.
   »Auf geht’s Kumpel.«
   Amüsiert beobachtete er Oskar, der wie ein liebestoller Ziegenbock durchs Wasser hüpfte, als sein Blick auf einen Baum an der anderen Uferseite fiel. Alexander nahm die Fackel und leuchtete in dessen Richtung. Der Bach war nicht breit, vielleicht drei Meter, keine Hindernisse blockierten den warm leuchtenden Feuerschein und so erreichte das Licht den kleinen Baum problemlos. Solche Blätter hatte er noch nie gesehen. Er hatte eine Idee. Allerdings musste er dafür durch das eisige Wasser waten. Er zog Schuhe und Socken aus, krempelte seine Hose hoch und durchquerte den eiskalten Bach in einigen Sätzen. Oskar, der freudig feststellte, dass sein Bad doch noch kein Ende genommen hatte, kläffte fröhlich in die nächtliche Stille. »Psst … leise, Oskar.« Alexander stand fasziniert vor dem kleinen Baum. Er war nicht viel höher als er selbst, kugelrund und an den Ästen hingen lange, große Blätter. Vorsichtig pflückte er ein solches und begutachtete es. Hm, das müsste eigentlich funktionieren. Das Blatt war wie ein Beutel geformt, wie eine große Aubergine mit einer kreisrunden Öffnung. Unglaublich. Behutsam tauchte er es unter, füllte es und staunte. Das Blatt hielt das Wasser problemlos. Wie viele von diesen Blättern konnte er wohl tragen, ohne das kostbare Nass zu verschütten? In jeder Hand zwei, die Flasche konnte er sich um den Hals hängen. Vorsichtig füllte er vier Kelche, balancierte durch den Bach zum anderen Ufer und pfiff Oskar zu sich. Gehorsam folgte der Hund und sammelte die Socken seines Herrchens mit seiner feuchten Schnauze ein. Alexander schlüpfte barfuß in seine ausgetretenen Schuhe und ließ den leise gurgelnden Bach hinter sich. Der Rückweg zum Lager dauerte doppelt so lange, doch dort angekommen blickte er stolz in seine vier Blätterkelche. Er hatte fast nichts von der kostbaren Flüssigkeit verschüttet! Kaum hatte er das Feuer erreicht, erlosch die kurzfristige Euphorie. Ja, er hatte Wasser, aber schließlich konnte er nicht stundenlang herumstehen und die Blätter festhalten. Und nun? Grübelnd betrachtete er die vier Beutel.
   »Man kann … sie aufhängen. Ollaris-Blätter, nicht schlecht.«
   Nun hätte er seinen kostbaren Schatz beinahe fallen gelassen. Naomi brachte, auf beide Ellbogen gestützt, ein schwaches Lächeln zustande. Alexander atmete auf, es schien ihr ein wenig besser zu gehen.
   »Oben an der Öffnung, dort wo du sie gepflückt hast.«
   Ihre Stimme war leise und ihre Augen hatten immer noch den fiebrigen Glanz, doch sie war bei Bewusstsein. Kritisch drehte Alexander das randvolle Blatt, betrachtete den hakenförmigen Stiel und hängte es vorsichtig an den Ast einer kleinen Birke. Der Beutel neigte sich ein wenig zur Seite, einige Tropfen Wasser fielen auf den Boden, doch der Stiel hatte sich fest um den dünnen Ast des Baumes gewickelt. Erleichtert befestigte er auch die anderen drei Blätter und reichte Naomi schließlich die kleine Feldflasche.
   »Durst?«
   Sie nickte.
   »Ich auch.«
   Überrascht drehte sich Alexander um. Anna stand hinter ihm, ein wenig verschlafen, aber neugierig. Naomi hielt ihr die Flasche hin und Anna ergriff sie mit einem leichten Stirnrunzeln.
   »Geht es dir besser, Anna? Warum schläfst du nicht noch ein wenig?« Alexander massierte sich die pochenden Schläfen.
   »Ich fühle mich besser, danke der Nachfrage.«
   Er spürte ihren besorgten Blick.
   »Du schläfst ja auch nicht. Mensch, siehst du fertig aus. Du solltest dich wirklich ein wenig ausruhen.« Anna setzte sich neben die blonde Frau auf den Boden und betrachtete sie kritisch. »Außerdem verpasse ich hier ja sonst alles.« Sie hielt der Fremden freundschaftlich ihre Hand entgegen. »Ich bin Anna.«
   Naomi nickte ihr zu, verlagerte ihr Gewicht auf die rechte Seite und streckte ihr den linken Arm entgegen, zog ihn aber mit schmerzverzerrtem Gesicht rasch wieder zurück. »Naomi«, murmelte sie mit zusammengebissenen Zähnen.
   »Ach du lieber Himmel.« Jetzt erst entdeckte Anna den dunklen Fleck auf dem Hemd. »Du bist ja verletzt.«
   Die junge Frau versuchte es mit einem Lächeln, das ihr zu einer gequälten Grimasse entglitt. Langsam ließ sie sich zurück auf den Boden sinken. Anna blickte unsicher zu Alexander.
   »Was ist denn passiert? Und was machen wir jetzt? Du bist nicht zufällig Arzt?«
   Alexander schüttelte den Kopf. »Tut mir leid. Ich bin leider nur Schreiner. Meine Erste-Hilfe-Kenntnisse sind mehr als dürftig. Ich hatte gehofft, du wüsstest vielleicht, wie wir Naomi helfen können.«
   Anna runzelte die Stirn. »Meine Eltern … Ich habe nur einen kleinen Spielzeugladen.«
   Naomi blickte verwirrt von einem zum anderen, zog ihre Augenbrauen hoch und versuchte erneut, sich aufzusetzen. Zeitgleich waren Anna und Alexander bei ihr, stützten sie vorsichtig und lehnten sie behutsam an einen Baumstamm. »Ich denke, die Wunde sollte gesäubert und dann verbunden werden.« Naomi räusperte sich. »Leider sind alle meine Sachen gemeinsam mit meinem Pferd verschwunden, als ich … verletzt worden bin.« Sie blickte die beiden argwöhnisch an. »Ihr seid gerade erst angekommen, nicht wahr?« Als sie die verwirrten Gesichter sah, seufzte sie. »Zufällig oder absichtlich?«
   »Zufällig!« Annas Antwort fiel recht heftig aus und sie wies auf Alexander. »Er hingegen ist hier wohl mehr oder weniger absichtlich gelandet. Was immer auch hier bedeutet.«
   Naomi runzelte die Stirn und warf einen kurzen Blick in Alexanders Richtung. »Ihr seid in Silvanubis. Du weißt davon, Alexander?«
   Er blickte lange ins Feuer und antwortete dann zögernd. »Ich habe eine gewisse Vorstellung, wie es hier aussehen könnte, doch wissen, nein …« Alexander strich Oskar, der sich neben ihm ausgestreckt hatte, sanft über den Rücken, was ein tiefes, zufriedenes Grollen zur Folge hatte.
   »Also gut«, fuhr Naomi leise fort. »Soviel ich weiß, ist es schon eine Weile her, dass es jemandem gelungen ist, hinüberzukommen. Aber ich erinnere mich noch genau. Mein Vater hat ihn gefunden, völlig erschöpft, fast verdurstet. Nun ja, Wasser habt ihr ja schon gefunden.« Ihr Blick streifte Anna. »Du siehst allerdings ein wenig mitgenommen aus.«
   Anna stieg die Zornesröte ins Gesicht. »Mir geht es eindeutig besser als vor einigen Stunden und ich wüsste wirklich gern, warum ich überhaupt so erledigt bin.« Sie senkte den Blick. »Es reicht schon, wenn Alexander mich ständig besorgt von der Seite ansieht«, fügte sie etwas leiser hinzu.
   »Es ist ganz normal, dass du geschwächt bist«, beeilte sich Naomi zu sagen. »Das Hinübergelangen ist nicht ganz ungefährlich. Nicht jeder überlebt das. Ihr habt Glück gehabt.« Naomi musste innehalten, holte pfeifend Luft und schloss für einen Moment die Augen. Das viele Reden schwächte sie. Sie hustete und drückte reflexartig ihre Hand auf die Wunde.
   Alexander sah alarmiert auf. »Ich denke, Naomi, du kannst uns das alles auch später noch erklären.« Er warf einen warnenden Blick in Annas Richtung. Sie hatte bereits ihren Mund geöffnet und schluckte offenbar mit Mühe ihre nächste Frage hinunter, bevor sie die Lippen zusammenpresste.
   »Wir haben leider absolut nichts bei uns, außer ein wenig Proviant und mein kleines Messer. Und Annas Feuerzeug«, fügte Alexander rasch hinzu.
   Naomi atmete tief durch. »Das ist leider wirklich nicht allzu viel. Ich befürchte, uns bleibt nichts anderes übrig, als später zu versuchen, uns auf den Weg nach Hause zu machen. Und darauf zu hoffen, unterwegs auf Hilfe zu treffen.« Ihre Augenlider flatterten. »Ich bin müde. In einer Stunde wird es dämmern.« Sie stützte sich mit der rechten Hand ab, um sich hinzulegen, als Anna zu ihr trat.
   »Einen Moment noch, Naomi. Bitte lass mich die Wunde wenigstens auswaschen. Und irgendetwas muss doch vorhanden sein, um sie zumindest provisorisch zu verbinden.« Anna raufte sich ihre dunkelbraunen Locken. Plötzlich blieb sie stehen und lachte triumphierend. »Alexander, trägst du ein Unterhemd?«
   Er sah sie verblüfft an, begriff aber sofort. Rasch zog er sein dünnes Hemd aus, streifte sich auch das weiße Unterhemd vom Leib und reichte es ihr. Was starrte sie ihn denn so an?
   »Jetzt darfst du dich umdrehen, Alexander.« Nur zu gern kam er ihrer Aufforderung nach. Wahrscheinlich entkleidete sie sich gerade ebenfalls.
   »Fertig«, rief sie etwas lauter als nötig und Alexander drehte sich langsam um, sein Gesicht eine Spur blasser als zuvor. Nur zu deutlich sah er, dass sie unter dem ausgewaschenen Leinenhemd fror. Er zwang sich, seinen Blick nicht ein weiteres Mal unter ihr spitzes Kinn rutschen zu lassen und heftete ihn stattdessen auf ihre bernsteinfarbenen Augen. Himmel! Diese Frau brachte ihn noch um den Verstand.
   Anna riss die beiden Hemden in kleine Streifen und knotete sie gewissenhaft aneinander. Einen kleinen Fetzen ließ sie übrig, ergriff eines der kelchförmigen Blätter und tauchte das Tuch hinein. »Ich mache das schon«, teilte sie ihm knapp mit. »Und jetzt kannst du dich noch mal umdrehen.«
   Alexander blickte betreten zu Boden. »Wenn ihr hier allein zurechtkommt, dann lege ich mich eine Weile aufs Ohr.«
   Anna entließ ihn mit einer nickenden Kopfbewegung und Alexander verschwand in dem Blätterhaufen, »Ollaris-Blätter« und »Silvanubis« vor sich hinmurmelnd.

Mit einiger Mühe gelang es Anna, den Blick von seinem Körper zu lösen. Er war stärker und muskulöser als sie angenommen hatte. Als sie Naomis amüsierten Blick auffing, drehte sie sich rasch um, und rief in ihre Richtung. »So, Naomi, dann wollen wir mal.«
   Anna zog ihr vorsichtig das Hemd über den Kopf und betrachtete die kreisrunde Wunde. Nicht groß, doch recht tief. Der Rand war gerötet und fühlte sich ein wenig zu warm an. Naomi wimmerte leise, als Anna ihre Haut abtastete. Sie ließ noch etwas Wasser auf das Tuch tropfen und tupfte die Wunde vorsichtig ab. Doch obwohl sie nur sacht wischte, hielt die junge Frau bei jeder Berührung den Atem an. Sie hatte die Augen fest zusammengepresst und ihre Kiefermuskeln bewegten sich, wenn sie ihre Zähne knirschend aufeinanderbiss. So ging das nicht, kurzerhand nahm Anna einen Blätterkelch in die Hand und ließ das Wasser direkt über die Wunde laufen.
   »Ist das besser?«
   Naomi nickte, doch sie öffnete ihre Augen nicht mehr. Schließlich legte ihr Anna behutsam einen Verband an, nicht gerade perfekt, doch allemal besser als vorher. Naomi zitterte leicht und sie beeilte sich, ihr das beige Hemd wieder überzuziehen. Noch bevor sie ihr helfen konnte, sich hinzulegen, war Naomi eingeschlafen.
   Sie brauchten dringend Unterstützung, je eher desto besser. Nicht nur ihre Patientin musste versorgt werden, auch sie selbst wollte schnellstens zurück nach Hause. Sie wollte hier weg, nach Hause, zurück in ihr kleines Schlupfloch, von ihr aus auch zurück in die Farblosigkeit der zerbombten Stadt, nur weg von hier. Wo auch immer sie sich gerade befand. Sie hasste es, die Kontrolle zu verlieren. Das letzte Mal, als sie das Gefühl gehabt hatte, dass ihr das Steuer aus den Händen glitt, war die Nacht, in der sie allein in dem kleinen Keller unter dem Spielzeugladen gesessen hatte. Wieder hörte sie das Donnern der einschlagenden Bomben, das Heulen der Sirenen. Zusammengekauert saß sie in dem Keller, ganz allein. Sie hatte den Augenblick gespürt, als ihr Elternhaus in Flammen aufgegangen war, ihr Magen hatte sich ruckartig gehoben. Sie hatte gewusst, dass sie nicht mehr helfen konnte und die Einsamkeit war wie Gift in ihr Herz gekrochen. Nie zuvor hatte sie sich so hilflos und allein gefühlt. Niemals wollte sie sich wieder so machtlos fühlen. Und das hier, das kam dem Gefühl gefährlich nah. Die Erinnerungen an diese Nacht trieben ihr augenblicklich Tränen in die Augen.
   Peter sorgte sich bestimmt sehr und der alte Bauer Carlson würde auch morgen vergeblich auf die Puppe für seine Enkelin warten. Der Gedanke an den Bauern gab Annas arg strapazierten Nerven den Rest. Während sie erschöpft gegen einen Baumstamm gelehnt einschlief, liefen stumme Tränen über ihre Wangen.