Rain ist sechzehn, als zum ersten Mal ihr Herz gebrochen wird. Auf der Suche nach dem Warum streift sie ziellos durch die Straßen New Yorks, bis sie beinahe über ein Bild aus Kreide stolpert, das jemand auf den Asphalt gemalt hat – schöner als alles, was sie jemals gesehen hat. Als plötzlich eine Stimme neben ihr sagt, sie würde die Einhörner aus dem Central Park sehen und Rain in die eisblauen Augen eines Jungen blickt, weiß sie, dass der Schmerz vergehen wird. Sie ahnt nicht, dass Christian der Sohn von Väterchen Frost und der Schneekönigin ist oder dass ein Fluch auf ihm liegt, der sie in allergrößte Gefahr bringen kann. Für sie zählt nur, ihn wiederzusehen, und so gerät sie in ein New York, in dem alte Märchen lebendig sind, Strawberry Fields ein Sommerzirkus ist und Engelkrähen über geheime Friedhöfe wachen, die man nur über Straßen aus Kreidestaub erreicht. Und dann ist da noch Danny, der Sohn des Sommers …

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ISBN: 978-9963-52-811-0

Seiten: 349

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Fabienne Siegmund

Fabienne Siegmund
Fabienne Siegmund, geboren 1980, lebt  in der Nähe von Köln. Ihre Leidenschaft für Geschichten entdeckte sie schon als Kind, und irgendwann begann sie, selbst zur Architektin von Luftschlössern, Traumgebilden und anderen zumeist fantastischen Stoffen aus Buchstaben zu werden. Den Mut, ihre Schubladen zu verlassen, fanden ihre Geschichten aber erst sehr viel später, und so erschien 2009 ihre erste Kurzgeschichtensammlung „Der Nebel Notre Dames und andere Geschichten“ im Ulrich Burger Verlag,  Inzwischen sind diesem mittlerweile nicht mehr erhältlichen Titel zahlreiche weitere Veröffentlichungen gefolgt, zuletzt „Das Herz der Nacht“ (Acabus/Ullstein Forever) oder „Die Herbstlande“ (Verlag Torsten Low, gemeinsam mit Stephanie Kempin, Vanessa Kaiser und Thomas Lohwasser. Ihre Novelle „Der Karussellkönig“ wurde 2016 mit dem goldenen Stephan ausgezeichnet. Ihre Freizeit verbringt Fabienne Siegmund zum größten Teil in Geschichten (egal, ob lesend oder schreibend), besucht aber auch sehr gern das ein oder andere Konzert, Eishockeyspiel oder Theaterstück, bastelt mit allen möglichen Dingen und reist durch die Welt, wo sie stets auf der Suche nach Märchenbüchern der Gegend ist und gern die ein oder andere Idee für eine neue Geschichte mitbringt.

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Kapitel 1

Manche Träume warfen lange Schatten und nicht immer reichte Glück, um ins Sonnenlicht zu gelangen. Rain wusste das, weil sie wusste, dass das Glück blind war und einen oft verließ, wenn man es am dringendsten brauchte.
   Als ihre Mutter im Sterben lag, war das Glück gegangen.
   Ihr Vater hatte gesagt, es hätte an der Krankheit gelegen, die stärker geworden war. Natürlich hatte er recht, aber das Glück trug ebenfalls Schuld.
   Es hatte ihre Mutter verlassen wie ihr Lächeln, das in ihren letzten Tagen immer seltener geworden war.
   Rain hatte das Glück durch das Fenster huschen sehen, ein kleines Kerlchen, fortgetragen vom Wind, hin zu einem neuen Ziel, von dem es nicht wusste, wie lange es dort verweilen würde. Sie hatte die Augen gesehen, die vor Blindheit schwarz waren, und das Lächeln, das auf den Lippen gelegen hatte, weil es das Glück war und das Glück von Ort zu Ort sprang.
   Rain wusste, dass es so sein musste. Ihre Mutter hatte es ihr erklärt. Damals, im Central Park, unter dem großen Baum, unter dem ihre Mutter stets gesessen hatte.
   Es war der Tag gewesen, an dem Rain zum ersten Mal bewusst traurig gewesen war, jener Tag, an dem ihr kindliches Gemüt gelernt hatte, dass es nicht nur Lachen, sondern ebenso bittere Tränen gab.
   Romy war mit ihr in den Park gegangen, zu ihrem Baum am See. Sie hatte Rain in den Arm genommen und gehalten, bis die Tränen versiegt waren.
   Rain wusste nicht mehr, weswegen sie geweint hatte, aber sie konnte sich noch genau daran erinnern, dass ihre Mutter traurig ausgesehen hatte.
   »Das Glück ist blind«, hatte sie gesagt. »Es bleibt nicht immer bei denen, die es verdient hätten. Das ist auf der einen Seite gut so, denn so hat jeder mal Glück. Auf der anderen Seite ist es sehr schmerzhaft, denn Glück ist teuer. Oft verlangt es einen hohen Preis. Man sagt, dass man ihm für ein Lächeln tausend Tränen reicht.«
   Das Letzte hatte Rain an diesem Tag nicht genau verstanden. Als ihre Mutter dies bemerkte, war das Lächeln, das Rain so geliebt hatte, in ihr Gesicht zurückgekehrt. »Du wirst bald wieder lachen können, meine kleine Rain. So ist das immer. Mal ist man traurig, mal fröhlich. Es ist wie mit Sonnenschein und Regen. Das eine kann es ohne das andere nicht geben.«
   Daraufhin hatte sie genickt, weil sie verstanden hatte. »Ich kann das Glück sehen.«
   Das Lächeln ihrer Mutter war noch breiter geworden. »Ich auch«, hatte sie geflüstert. »Aber das bleibt unser Geheimnis. Damit niemand versucht, das Glück zu fangen.«
   Rain hatte das Geheimnis für sich behalten und schon bald wieder gelächelt, denn natürlich hatte Romy recht. Sie war eine Mutter, und in solchen Dingen behielten Mütter stets recht.
   Genauso war der Tag gekommen, an dem Rain verstanden hatte, was mit den tausend Tränen gemeint war. Die glücklichen Tage schienen stets viel kürzer als die traurigen, genau, wie der Sommer kürzer zu währen schien als der Winter.
   Rain warf einen kleinen Stein in den Belvedere Lake. Sie ging nicht oft in den Central Park seit Romy gestorben war. Der Central Park war ihr Ort gewesen. Dort hatte sie Antworten gefunden auf Fragen, von denen sie weder Rain noch ihrem Vater je erzählt hatte.
   »Eine Frau braucht ihre Geheimnisse.« Das waren Romys Worte gewesen.
   Jetzt, da Rain beinahe kein Kind mehr war, wusste sie, dass dies die Wahrheit war. Sie hatte ein Geheimnis.
   Kein schlimmes. Nein.
   Jedoch keines, über das sie mit ihrem Dad reden konnte.
   Sie war hierhergekommen, um eine Antwort zu finden. Auf die Frage, wie es weitergehen sollte.
   Aber das Einzige, was sie gefunden hatte, war die Gewissheit, dass dieser Ort schweigen würde, weil er nicht der ihre war.
   Rain musste sich einen anderen Ort suchen. Einen eigenen. Sie wusste auch schon, wo das sein würde.
   Der Friedhof, auf dem sie Romys Asche verstreut hatten, weil sie nie eine Beerdigung gewollt hatte. Frei wie der Wind hatte ihre Mutter sein wollen. Frei wie der Wind, die Sonne und der Regen. Sie hatte beides geliebt. Die Sonne. Aber vor allem den Regen. Deshalb hieß sie Rain.
   Auf dem Friedhof würde sie finden, was sie suchte.
   Eine Antwort. Trost.
   Rain hatte das Glück abermals fliehen sehen, als sie einem Jungen ihr Herz geschenkt hatte und er es mit einem Nein zerbrach.
   Einfach so, weil das Leben manchmal so war.
   Das war ihr Geheimnis. Sie war zum ersten Mal verliebt.
   Sweet Sixteen.
   Der Junge war jedoch nicht in sie verliebt. Er mochte sie lediglich. Anders eben.
   Es tat weh, schrecklich weh. Ein Teil von ihr wusste, dass es albern war, dass es vorbei gehen würde, dass ein anderer Junge kommen würde – für den Moment änderte es nichts.
   The first cut is the deepest, das war eines der Lieder, die sie liebte und die wie ihre Mutter die Wahrheit sprachen, wie Lieder es immer taten, für irgendwen.
   Allerdings machte das Lied es auch nicht besser.
   Er liebte sie nicht.
   Abby hatte sie getröstet, wie beste Freundinnen es zu tun pflegten, aber manchmal reichte eine beste Freundin nicht aus. Nicht, wenn man glaubte, die kleine eigene Welt würde zerbrechen. Denn so fühlte sich Rain, obwohl dieses Nein bereits Tage her war. Es tat immer noch weh.
   Ihr Vater machte sich Sorgen um sie, wie er es ständig tat, seit sie allein waren. Sie hatte ihm trotzdem nichts erzählt, weil dies etwas war, das sie ihm nicht sagen wollte.
   Jede Frau hatte ihre Geheimnisse und ihre Fragen, für die manche Orte Antworten hatten.
   Sie lief durch die Straßen von New York zum Friedhof, versank in den Gassen Manhattans, deren Schluchten ihr tiefer vorkamen als sonst.
   Doch als sie um eine Ecke bog, waren die Fragen und der Friedhof mit einem Mal vergessen, denn Rain sah ein Bild vor sich auf dem Bürgersteig, das lebendig schien. Es war mit Kreide auf den grauen Asphalt gemalt und zeigte Einhörner, die in einem Wald vor einem See standen. Rain erkannte erst auf den zweiten Blick, dass es der Central Park war, der hinter ihr lag, denn über den gemalten Bäumen auf dem Asphalt glänzten die Wolkenkratzer der Stadt wie in einem Spiegel. Das Bild wirkte, als wäre es in Bewegung. Das Wasser des Sees schien sich zu kräuseln. Die Mähnen der vier Einhörner wirkten, als würden sie sich wie die Blätter der Kreidebäume in einem unsichtbaren Wind bewegen.
   Vor allem hatte Rain das Gefühl, die Einhörner würden in sie hineinsehen. Sie schrumpfte unter diesen Blicken innerlich zusammen.
   Drei der Tiere, große, wild aussehende Einhörner mit mächtigen, in sich gedrehten und nach oben spitz zulaufenden Hörnern, die wie Schwerter in den Himmel ragten, sahen sie – sie hatte kein anderes Wort dafür – böse an, als hätte sie allein das Elend der Welt zu verantworten, als wäre der Schmerz in ihrem Herz mehr als verdient.
   Lediglich das vierte Einhorn, kleiner und zierlicher als seine drei Gefährten, schenkte ihr einen freundlichen, fast tröstenden Blick, der einem Lächeln glich.
   »Das sind die Einhörner vom Turtle Pond.«
   Rain sah erschrocken auf. Versunken in das Bild, hatte sie nicht bemerkt, wie sich jemand neben sie gestellt hatte. Sie sah in Augen, deren Iriden von einem so hellen Blau waren, dass der Sommerhimmel verblasste. Der Junge war anscheinend in ihrem Alter. Er trug Jeans, Sneakers und ein Sweatshirt, das viel zu warm für den Sommer schien. Sein hellblondes, fast schneefarbenes Haar fiel vorn schräg ins Gesicht, während es hinten kurz geschnitten war. Er lächelte leicht.
   Rain vergaß in diesem kurzen Augenblick, dass ihr Herz eben noch gebrochen gewesen war. »Einhörner vom Turtle Pond?« Noch vor Kurzem hatte sie einen Stein in den See im Central Park geworfen.
   Der Junge nickte. »Dort leben sie.«
   »Einhörner?« Rain hatte viele sonderliche Menschen in New York getroffen, aber ein Junge, der behauptete, dass Einhörner im Central Park lebten, war bisher nicht dabei gewesen. Irgendwie mochte sie das. Es erinnerte sie an ihre Mutter. Romy hatte ebenfalls an jene Dinge geglaubt, die andere für Märchen hielten. Märchen seien auf ihre Weise wahr, hatte sie stets gesagt, wenn Rain gemeint hatte, es gebe keine Elfen. Romy hatte dann gefragt: »Warum nicht?« Rain hatte versucht, es zu begründen, am Ende jedoch war ihre Mutter als Siegerin aus der Situation hervorgegangen. Nur, weil man etwas nicht sehen könne, waren ihre Worte gewesen, heiße das nicht, es sei nicht da. Und auch Märchen seien wahr.
   Und es stimmte – immerhin konnte Rain das Glück sehen. Warum sollte es dann nicht Einhörner im Central Park geben? »Sie sind wunderschön.«
   Der Junge nickte. »In Wahrheit sind sie noch schöner.«
   Rain wollte antworten, dass sie diese Wahrheit sehr gern sehen würde, als ein Mädchen auftauchte.
   »Sie glaubt dir nicht, Christian.« Es war gut zwei Köpfe kleiner als er, dünn und zierlich. Das Mädchen schien jünger zu sein, obwohl in den Augen ein Alter lag, das nicht zu dem Körper passen wollte. Die Kleidung verriet, dass es eines der Straßenkinder sein musste, die überall und nirgends zugleich in der Stadt lebten. Kinnlanges, lockiges braunes Haar umrahmte ein schmales Gesicht, braune Augen musterten Rain. Die Kleine trug Sachen, die niemals für sie bestimmt gewesen waren. Die Jeans waren abgenutzt, die Lederjacke rissig und das T-Shirt viel zu weit. Herausfordernd sah sie Rain an.
   »Doch, ich denke schon, dass ich ihm glaube.« Rain sah dem fremden Jungen in die Augen und konnte sich kaum von dem Anblick losreißen.
   »Natürlich. Ein Blick in deine Augen und dir glaubt jede, Christian«, sagte das Mädchen mit spöttischer Stimme, obwohl es Rain zuvor unterstellt hatte, dass sie dem Jungen nicht glauben würde.
   Hitze stieg in Rains Wangen. Wahrscheinlich brachte der Kerl diesen Spruch bei jedem Mädchen, das er aufreißen wollte. Beinahe wäre sie darauf reingefallen. Idiot. Nicht sicher, ob sie sich oder den Jungen neben sich meinte, der offensichtlich Christian hieß, wollte sie weitergehen.
   »Du weißt, dass das nicht stimmt, Stina. Niemand glaubt mir. Du hättest bei diesen Worten bleiben sollen.«
   Rain hatte erneut das Bild angesehen, um ihre Verlegenheit zu verbergen. In den Worten des Jungen lag eine Traurigkeit, die sie frösteln ließ. Als sie aufsah, blickte sie in das Gesicht des Straßenmädchens. Keine Frechheit lag mehr in dem Blicken. Traurig sah es aus. Hilflos.
   »Christian, ich … es …«
   »Schon gut, Stina.«
   Als Rain ihn ansah, erkannte sie, dass nichts gut war. Er lächelte ihr kurz zu, ehe er sich abwandte und ging, ohne sich nochmals umzudrehen.
   Das Straßenmädchen starrte ihm düster hinterher.
   Rain stand neben dem Mädchen, nicht wissend, was sie tun sollte. Irgendwie kam sie sich schuldig an der Situation vor, obwohl sie nichts getan hatte. Die drei Einhörner sahen aus, als wollten sie triumphierend sagen: »Siehst du!« Das kleinste von ihnen wirkte so traurig, dass Rain einen Stich verspürte. Sie wollte sich entschuldigen, biss sich jedoch auf die Lippen, weil sie nichts getan hatte.
   Schließlich war es das Mädchen, das den Blick senkte, um das Bild zu betrachten, eine Mischung aus Wut und Enttäuschung im Gesicht.
   »Es ist wirklich wunderschön«, sagte Rain leise, sodass man es im Lärmen der vorbeifahrenden Autos kaum hören konnte. Ihr fiel der bunte Kreidestaub überall an dem Mädchen auf. »Hast du es gemalt?«
   Das Mädchen nickte, ohne sie anzusehen. Im nächsten Moment zog es die Schultern hoch, drehte sich um und ging weg, wie Christian, nur in eine andere Richtung. Rain sah der kleinen Gestalt eine Weile nach, bevor sie abermals das Bild betrachtete. Die drei großen Einhörner hielten den Kopf gesenkt. War das die ganze Zeit über so gewesen? Weil die Tiere sie immer noch vorwurfsvoll ansahen, kam sie zu dem Schluss, dass sie anscheinend nicht so genau darauf geachtet hatte. Den hellen Glanz an der Hornspitze des kleinsten Einhorns hatte sie ebenfalls nicht bemerkt. Er strahlte über dem Asphalthimmel wie ein einsamer Stern in dunkler Nacht.
   Ein Windstoß kam auf, verwirbelte das Bild zu einem Strudel aus buntem Farbstaub, der in den Himmel stieg und die Dämmerung vor ihren Augen mit einem Regenbogen übermalte.
   Rain verfolgte den Staub, bis alle Farben verweht waren und das Bild nicht mehr als ein blasser Schatten war. Sie sah sich nach allen Seiten um. Um sie herum tobte die Stadt, wie sie es stets tat. New York kannte keine Pause. Passanten strömten genauso an ihr vorbei wie Autos und gelbe Taxen. Niemand außer ihr war an dem Kreidebild stehen geblieben, niemand hatte es beachtet, trotzdem hatte es keiner überrannt. Erst jetzt, da die Farben verblasst waren und tot wirkten, liefen die Menschen darüber, rempelten Rain an, wenn sie ihrer Hast im Weg war. Sie wischten mit ihren Schritten die Reste des Bildes fort wie trappelnde Regentropfen.
   Rain sah auf die Uhr. Sollte sie noch zum Friedhof gehen? Die Fragen waren zwar nicht vergessen, aber nicht mehr drängend. Nein, sie würde nach Hause gehen.
   Wenn sie Glück hatte, wäre ihr Vater noch nicht da und sie könnte sich in das Schlafzimmer ihrer Eltern schleichen, zu Mutters Schatzkiste, die nichts anderes war als ihre alte Nachttischschublade.
   Glück.
   Fast hätte sie über den Gedanken gelacht. Hatte das Glück sie nicht gerade verlassen? Mit diesem Gedanken kam die Erinnerung zurück und brachte den Schmerz mit, den sie weit fort geglaubt hatte.
   Ihr Herz war noch zerbrochen, verdammt, und kein Junge mit Schneehaar und Himmelsaugen, kein lebendiges Bild mit Einhörnern, konnte daran etwas ändern. Tränen stiegen ihr in die Augen. Die Traurigkeit bildete einen Kloß im Hals, als sie ihnen den Fall in die Tiefe verwehrte.
   Trotz der Fragen ging Rain nach Hause. Sie kannte die Antwort auf die dringlichste bereits.
   Es ging weiter.
   Der Friedhof würde ihr nichts anderes sagen.
   Sie würde die Zeit nutzen, um in den Erinnerungen zu kramen, die Romy in ihrem Nachtschränkchen aufbewahrt hatte, um nicht einen schönen Moment zu vergessen. Da gab es Fotos, Eintrittskarten, kleine Fundstücke, bedeutsame Geschenke und andere Dinge, die im Leben ihrer Mom eine Rolle gespielt hatten. Robert rührte diese Dinge nie an, weil er Angst vor der Erinnerung hatte. Er war bei fast all diesen Erlebnissen dabei gewesen, weshalb mit den Erinnerungen lediglich der Schmerz wiederkommen würde. Rain fürchtete die Dinge im Nachtschrank nicht. Sie halfen, ihre Mutter nicht zu vergessen. Allerdings brachte sie weder die Dinge durcheinander, noch nahm sie etwas heraus. Ihr Dad wusste nicht mal, dass sie die kleinen Schubladen bisweilen öffnete. Sie schloss die Jacke und rannte zur nächsten U-Bahn-Station, fort von dem Kreideschatten, dem Farbwirbel und der Erinnerung an ein Straßenmädchen und einen Jungen mit Himmelsaugen, der so traurig gewesen war und von Einhörnern gesprochen hatte, als wären sie Wirklichkeit.

Als Rain die Wohnungstür hinter sich ins Schloss fallen ließ, klingelte das Telefon.
   »Wo warst du?«, fragte Abby mit schriller, fast hysterischer Stimme.
   »Spazieren«, antwortete Rain. »Was ist denn passiert?«
   »Was passiert ist? Was passiert ist?« Die Stimme ihrer besten Freundin überschlug sich fast am anderen Ende der Leitung. »Ich habe den ganzen Nachmittag versucht, dich zu erreichen. Ich dachte, nach allem, was war, würdest du dir sonst was antun. Ich habe mir Sorgen gemacht, wollte schon deinen Vater anrufen, die Polizei verständigen.«
   »Ich war bloß spazieren«, murmelte Rain schuldbewusst. »Tut mir leid.«
   »Und dein Handy war wo?«
   Rain hatte die Tasche im letzten Moment in der Wohnung gelassen, ehe sie gegangen war. »Ich wollte allein sein«, sagte sie wahrheitsgemäß. Sie log Abby nicht an.
   »Das ist kein Grund, das Telefon nicht mitzunehmen.« Abby klang besänftigter. »Also, wo warst du?«
   Rain erzählte es ihr. Abby hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Nicht mal, als Rain ihr das Einhornbild in seiner unwirklichen Lebendigkeit beschrieb, machte sie ein verwundertes Geräusch, das die Wahrheit dieser Aussage anzweifelte. »Der Junge hat gesagt, die Einhörner würden am Turtle Pond leben?«
   »Er sagte: ‚Das sind die Einhörner vom Turtle Pond‘.«
   »Dann musst du wohl dorthin gehen, wenn du ihn wiedersehen willst.«
   Rain zögerte. Sie hatte bisher nicht über die Möglichkeit nachgedacht, ihn wiedertreffen zu können. Geschweige denn darüber, ob sie wollte. »Ich weiß es nicht.«
   »Was ist mit …?« Abby sprach den Namen nicht aus, ohne dass Rain sie darum hätte bitten müssen. Es war einfach so, dass man denjenigen, der der besten Freundin das Herz gebrochen hatte, nicht mehr erwähnte.
   »Keine Ahnung«, sagte Rain, weil es die Wahrheit war.
   Abby erwiderte daraufhin nichts. Mit ihr konnte man gut schweigen, selbst am Telefon.
   »Was machst du jetzt?«, fragte Abby nach einem Moment der Stille.
   Rain gab das Vorhaben, in den Erinnerungen ihrer Mutter Trost zu suchen, auf. Es war zu viel Zeit verstrichen und ihr Vater würde bald nach Hause kommen. »Schlafen. Träumen.« Abby wusste sicherlich, dass es auch »Wach liegen. Weinen.« hätte heißen können.
   »Schlaf gut.«.
   »Du auch.« Rain legte erst auf, als das Klicken in der Leitung längst in ein monotones Tuten übergegangen war. Sie ging in ihr Zimmer, zog sich um und legte sich hin.
   Fast augenblicklich schlief sie ein, träumte von Einhörnern und Farbwirbeln und immer wieder von Schneeflocken, die über einen Sommerhimmel tanzten, ohne zu schmelzen.

Ihr Vater weckte sie am nächsten Morgen, wie er es immer tat, wenn er zur Arbeit ging, egal, ob Rain Schule hatte oder ausschlafen konnte. Er strich ihr dann über die Wange oder die langen dunklen Haare. Sie gab ihm daraufhin einen Kuss auf die Wange, die mal kratzig und stopplig und mal glatt rasiert war. Musste sie aufstehen, folgte sie ihm in die Küche, an freien Tagen drehte sie sich nochmals um, um weiterzuschlafen.
   Selbst an Wochenenden machten sie es so. Rains Vater schlief nie lange. Er sagte stets, der Schlaf würde ihm zu viel vom Leben stehlen, und Rain machte es nichts aus, den Schlaf kurz zu unterbrechen.
   Für die Tage, an denen sie bei Abby schlief, hatten sie einen Ersatz gefunden. Abby hatte zu Beginn gemurrt oder sie aufgezogen, wenn sie frühmorgens von einer Kurznachricht geweckt wurde und rasch eine kurze Antwort schrieb. Inzwischen sagte sie nichts mehr dazu, weil sie Rain und ihren Dad kannte. Niemand konnte ihm verübeln, dass er jeden Morgen wissen wollte, ob seine Tochter die Augen aufgeschlagen hatte. Seine Frau war gestorben, als er geschlafen hatte. Nur ein kurzes Dösen war es gewesen, ein paar Sekunden vielleicht. Dem Tod hatte es jedoch gereicht. Robert verzieh es sich nie, ihm nicht wenigstens einen Augenblick Paroli geboten zu haben, auch wenn sich Rains Eltern längst voneinander verabschiedet hatten.
   Deshalb begrüßten sich Rain und er an jedem neuen Tag.
   Als Robert Rain an diesem Tag weckte, lächelte sie ihn nicht wie sonst schlaftrunken an, sondern fiel ihm weinend um den Hals. Mit dem Erwachen war die Erinnerung gekommen an das Nein und den Schmerz, an das Einhornbild und den Jungen, der den Schmerz hatte vergessen lassen.
   Rain hatte keine Ahnung, warum sie weinte. Die Tränen waren mit einem Mal da gewesen in all dem Chaos, das in ihr tobte.
   Ihr Dad hielt sie fest und tätschelte ihr hilflos den Rücken. Sofort bereute sie den Ausbruch, wusste allerdings, dass sie ihn nicht hätte verhindern können.
   Zerbrochene Herzen reagierten so. Vereinzelt wurde man vom Glanz der Scherben geblendet, dachte, alles wäre gut. Dann aber stachen und schnitten die scharfen Kanten der glänzenden Splitter, sodass es schrecklich wehtat, so wie jetzt, als sie aufgewacht war, die Traumbilder Christians neben Einhörnern im Kopf sowie das Nein des anderen Jungen im Herzen.
   Rain war ihrem Vater dankbar, dass er nichts sagte und fragte. Sie hätte nicht gewusst, was sie ihm sagen sollte, hätte ihm nichts sagen wollen. Ihre Tränen versiegten, obwohl noch viele in ihr waren. Sie würden später fallen. Rain löste sich aus der Umarmung und bemühte sich, ein Lächeln zustande zu bringen. Als Robert sie fragend und besorgt musterte, schüttelte Rain den Kopf und zuckte entschuldigend mit den Schultern.
   Nach einer Weile küsste er sie auf die Stirn, murmelte etwas davon, ihr eine Entschuldigung für die Schule zu schreiben, stand auf und ging. An der Tür drehte er sich nochmals um. »Alles wird gut, meine kleine Rain. Alles wird gut«, flüsterte er und schloss die Tür hinter sich.
   Rain sank weinend in das Kissen zurück. Diese Worte waren lediglich ein leerer Trost. Niemand wusste, wie etwas weiterging oder endete. Sie wünschte sich so sehr, daran zu glauben, wusste jedoch nicht wie. Ihr Herz war zerbrochen worden, zum allerersten Mal.
   The first cut is the deepest …
   Da waren allerdings noch Christian und das Bild von den Einhörnern. Sie hatten Rain den Schmerz vergessen lassen. Mit Himmelsaugen und Kreidestaub, gemalt von einem Mädchen, das irgendwo für irgendwen verloren gegangen war.
   Gegen Mittag stand sie auf und machte sich auf den Weg in den Central Park. Der nächste Eingang lag nicht weit vom Appartement, in dem sie mit ihrem Vater lebte, entfernt. Trotzdem nahm sie nicht den direkten Weg, weil sie Angst hatte, dass das Gefühl des Trostes oder das der Ablenkung verblasst sein würde, wenn sie Christian wiederfand. Falls sie ihn überhaupt wiederfand.
   Der Central Park war so groß wie ein Land und New York war eine ganze Welt.
   Sie spazierte bis zum Dakota Building, lief weiter und betrat den Park dort, wo die Welt John Lennon ein Denkmal gesetzt hatte. Strawberry Fields. An seinem Todestag versammelten sich hier alljährlich Fans, um dem Musiker zu huldigen, doch heute war es ruhig. Sonnenstrahlen ließen das Mosaik auf dem Boden, das an eine Sonne in Schwarz-Weiß erinnerte, in der Imagine stand, glitzern. Rain glaubte, bunten Staub auf den Steinen zu sehen, als hätte der Wind den Kreidestaub des Einhornbildes in der Nacht hergetragen. Sie blieb stehen und betrachtete versonnen den tanzenden Staub im Sonnenlicht. Ein wenig war es, als könnte man in den bunten Schlieren die Einhörner sehen.
   Die Einhörner. Das Bild führte Rain ihr eigentliches Vorhaben vor Augen. Der Turtle Pond. Christian.
   Langsam ging sie weiter. Je näher sie dem Belvedere Lake kam, desto aufgeregter schlug das Herz. Mal fühlte es sich an, als würde ein Scherbenhaufen durch ihre Brust hüpfen und alles mit seinen spitzen Ecken und Kanten aufreißen. Mal wie ein weicher Ball, der dem engen Gefängnis in ihr entkommen wollte wie ein Vogel dem Käfig. Das war so nicht richtig, aber sie wusste nicht, wie sie es ändern sollte.
   Sie wusste lediglich, dass sie zum Turtle Pond musste, wo die Einhörner leben sollten.
   Als sie den See erreichte, war weder ein Einhorn noch der Junge mit den hellen Haaren zu sehen. Obwohl Rain nichts anderes erwartet hatte, zog sich ihr Herz zu einem Knoten der Enttäuschung zusammen. Sie wollte sich umdrehen und gehen, als sie hinter einem Grasbüschel ein vertrautes, blindes Gesicht sah.
   Das Glück.
   Wenn das Glück hier war, wie sollte sie dann gehen können? Sie sah sich um. Niemand beobachtete sie, wie sie ein Grasbüschel anstarrte. Rain war sich im Klaren darüber, wie verrückt sie auf andere wirken musste. Meistens störte es sie nicht, aber ab und zu eben doch. Es gab Tage, an denen sich die Unsicherheit in einem ausbreitete wie die Dunkelheit in der Nacht. Natürlich merkte man ihr nicht an, dass sie das Glück sehen konnte und an Einhörner oder andere Märchenwesen glaubte. Aber es gab ebenfalls Tage, an denen sie glaubte, man könnte es ihr ansehen. Der fremde Junge hatte es gesehen. Oder?
   Zumindest schien es so – warum sonst hätte er ihr das mit den Einhörnern erzählen sollen? Oder war das bloß eine Vermutung, ein zufälliger Treffer ins Schwarze gewesen? Oder am Ende wirklich nicht mehr als eine billige Anmache?
   Rain betrachtete den See. Manchmal streckte eine der Schildkröten den Hals aus dem Wasser, die dem Belvedere Lake seinen Spitznamen gegeben hatten. Sonst war nichts zu sehen.
   Das Glück hockte weiterhin im Gras. Rain machte sich nichts vor. Wahrscheinlich würde es gleich verschwinden. Sie setzte sich unter einen schmalen, verschlungen gewachsenen Baum, der trotz des Sommers wenige Blätter trug. Zu seinen Wurzeln lagen einige verwelkte weiße Blüten. Rain betrachtete den Baum, sah jedoch nicht eine Blüte an ihm.
   Ein Windhauch ließ Äste sanft von einer Seite zur anderen schaukeln. Einige Passanten liefen vorbei, die einen langsam, weil sie die Zeit hatten, das schöne Wetter und die Ruhe zu genießen, die anderen schnell, Augen und Gedanken starr auf das Ziel fixiert, das sie zu erreichen suchten. Rain beobachtete, wie sich das Glück leise davonstahl, als hätte es nur sichergehen wollen, dass sie blieb.
   Ein Kaninchen hoppelte vor ihr über die Wiese, das Fell hellbeige. Es knabberte hier und da Gras, stellte sich zwischendurch auf die Hinterläufe, um sich wachsam mit auf und ab wippender Nase nach allen Seiten umzusehen. Einmal wirkte es, als würde es Rain mustern, aber sie tat diesen Eindruck schnell als Unsinn ab, denn in der nächsten Sekunde mümmelte das Kaninchen genüsslich an einem Kleeblatt. Rain lächelte, als das Tier kurz mit den Hinterpfoten auf die Erde schlug, ehe es weiterhoppelte. Sie schloss die Augen und genoss die Sonnenstrahlen auf der Haut. Ihr fiel ein, dass sie das Mobiltelefon erneut in der Wohnung gelassen hatte. Sollte sie besser nach Hause gehen? Abby hatte sie in der Schule sicherlich vermisst und würde versuchen, bei ihr anzurufen. Rain entschied sich dagegen. Sie wollte nicht nach Hause. Nicht jetzt.
   Als sich das Licht, das auf ihr Gesicht fiel, verdunkelte, öffnete sie die Augen und erschrak. Was sie für eine Wolke gehalten hatte, war eine Frau, ungefähr im Alter ihres Vaters, mit langen schwarzen Haaren, einem ebenso schwarzen Rock und einem türkisfarbenen T-Shirt, die vor ihr hockte.
   Sie musterte Rain aus graugrünen Augen freundlich. »Du wartest nicht auf mich.«
   Ehe Rain ein Wort erwidern konnte, stand die Fremde auf, strich dem Baum leise flüsternd über die Äste und ging ihres Weges, ohne sich umzudrehen. Rain starrte ihr verwirrt nach. Als die Frau die gegenüberliegende Seite des Sees fast erreicht hatte, lief sie jemandem entgegen, den Rain sofort erkannte.
   Ihr Herz schlug einige Takte schneller. Rain stand auf und sah der Gestalt entgegen. Schneeblonde Haare, eine viel zu dicke Jacke für das schöne Wetter. Christian.
   Die Frau drehte sich um und lächelte Rain zu, als wüsste sie, dass er es gewesen war, auf den sie gewartet hatte. Rain runzelte die Stirn. Erneut sah sie ihr nach, bis sie hinter einer Wegbiegung verschwand. Selbst dann konnte sie die Blicke nicht von der Stelle lösen. Sie bemerkte erst, dass Christian neben ihr stand, als er sich leise räusperte. Sie fuhr herum und blickte in himmelblaue Augen, die den ihren von der Farbe her so ähnlich waren, dass sie glaubte, in einen Spiegel zu sehen. Vergessen war die seltsame Frau. Vergessen war der Junge, der ihr das Herz gebrochen hatte.
   Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Sollte sie überhaupt etwas sagen? Manchmal waren Worte Pfeile, die alles vernichten konnten. »Ich habe nach den Einhörnern gesucht«, sagte sie verlegen, als ihr Gegenüber ebenfalls schwieg.
   Das Sonnenlicht, das sich in Christians Augen gebrochen hatte, verschwand mit einem Wimpernschlag. »Es ist nicht gut, nach Einhörnern zu suchen«, sagte er leise. In seiner Stimme klang dieselbe Traurigkeit, die Rain am Tag zuvor gehört hatte. »Einhörner laufen vor Suchenden davon. Sie sind es, die finden.«
   Rain nickte langsam, sah auf den See, der vor ihnen lag, und in den Park, der sie umgab. »Wie können sie hier leben?«
   »Wo sollten sie sonst leben? Dies ist der Central Park in New York. Alles kommt irgendwann nach New York, jede Geschichte, jede Legende.« Er hielt inne, musterte sie verstohlen von der Seite. »Du bezweifelst gar nicht, dass sie leben.«
   Rain lächelte schulterzuckend. »Ich kann das Glück sehen.« Sie gab es unumwunden zu, weil sie das Gefühl hatte, dass Christian sie nicht auslachen würde. Sie behielt recht.
   »Das Glück ist blind.«
   Rain sah ihn überrascht an.
   Christian schien ihren Blick nicht zu bemerken. »Und meistens sieht man es fliehen.«
   Sie nickte. »Ich bin Rain.«
   »Christian.«
   »Woher kommst du?« Die Frage sprudelte aus Rain hervor, ehe ihre Lippen sie aufhalten konnten.
   »New York ist groß«, antwortete Christian ausweichend. »Rain ist ein ungewöhnlicher Name.«
   »Meine Mutter liebte den Regen.«
   Christians blaue Augen sahen sie aufmerksam an. »Liebte? Mag sie den Regen jetzt nicht mehr?«
   Rains Schultern verkrampften sich. »Sie ist tot.«
   Daraufhin schwieg Christian. Rain war ihm dafür dankbar, denn sie wollte nichts hören, das nur so dahingesagt war.
   »Wollen wir uns setzen?« Er deutete auf den Baumstamm hinter ihnen. »Wir können auf die Einhörner warten.«
   Rain nickte. Sie setzten sich nebeneinander, die Rücken an den Baumstamm gelehnt. Stumm beobachteten sie das Treiben im Central Park. Das Schweigen war schön. Nie hätte sie gedacht, mit jemand anderem außer Abby so schweigen zu können. Gelegentlich kommentierten sie jemanden, der vorbeiging, versuchten, sein Ziel zu erraten oder legten ihm Gedanken in den Kopf, die sie lachen ließen.
   Die Einhörner kamen nicht, doch das machte nichts. Rain fühlte sich gut, als hätte Christian ihr Herz genommen und es wie ein Puzzle zusammengesetzt. Sicher, die Risse waren noch da. Was waren jedoch Risse, wenn es zuvor Scherben gewesen waren?
   Sie hätte nicht sagen können, wie viel Zeit verging. Ihr kam es wie wenige Minuten vor. Als die Dunkelheit der Nacht unvermittelt nach dem Himmel griff und die Sterne ihr stummes Glitzerkonzert begannen, erschrak sie. Ihr Dad würde sich Sorgen machen. Von Abby mal ganz abgesehen.
   Aber einfach gehen konnte sie nicht. Sie sah zu Christian, der neben ihr saß.
   Er blickte nach oben, den Kopf an den Stamm gelehnt. »Das Eisbäumchen wird bald blühen«, flüsterte er, als würden laute Worte etwas zerstören, das sie bisher nicht bemerkt hatte.
   Rain folgte seinem Blick. »Was ist ein Eisbäumchen?«
   Christian ließ den Kopf sinken. Sie tat es ihm gleich, bis sich ihre Blicke trafen.
   Er legte seine linke Hand auf eine Baumwurzel neben sich. »Das ist das Eisbäumchen«, wisperte er, seine Stimme wie Wind in einer lauen Sommernacht. »Es gibt nur ein einziges auf der Welt. Es heißt, dass seine Blüten in jeder Nacht wie Tränen aus Eis und Schnee zur Erde fallen. In Vollmondnächten soll es die Augen öffnen.« Er lächelte Rain an. »Soll ich dir die Geschichte erzählen?«
   Rains aufgeregtes Nicken ließ sein Lächeln noch breiter werden. Sie meinte, dass ihr das Glück gar nicht näher sein könnte, obwohl sie es nirgendwo entdecken konnte.
   Christian lehnte den Kopf erneut an den Baumstamm und schloss einen Moment die Augen. Als er sie öffnete, war das Lächeln weggewischt. »Es ist eine traurige Geschichte.«
   Rain sah ihn lediglich herausfordernd an.
   »Es war einmal, zu einer Zeit, in der die Welt sich gerade neu entdeckt hatte, ein Mädchen, das mit seinen Eltern über das große Meer nach New York gekommen war. Sie hofften, wie so viele vor, mit und nach ihnen, dass diese Stadt das Tor zur Erfüllung ihrer Träume sein würde. Niemand weiß mehr, ob diese Träume zerbrachen oder zum Leben erwachten. Man weiß nur, dass sie in New York blieben und das Mädchen zu einer wunderschönen jungen Frau heranwuchs. Es heißt, dass sie stets ein Lächeln auf den Lippen trug und Traurigkeit nur von Worten kannte. Dann aber kam der Tag, da lernte sie einen Jungen kennen, der in ihrem Alter war. Wie, wo und wann ist nicht überliefert, aber man sagt, dass die beiden sich schnell anfreundeten und bald unzertrennlich waren. Nun schlagen Menschenherzen nicht immer den gleichen Rhythmus und die Zeit bringt manchmal neue Melodien mit sich. Das Mädchen verliebte sich in den Jungen, der ihr bester Freund und engster Vertrauter war. So fest hatten sich seine Spuren in ihre Seele eingebrannt, dass sie meinte, nie wieder ohne ihn sein zu können. So traute sie sich eines Tages, ihm ihr Herz als Geschenk zu machen. Ganz leise sagte sie die Worte, die sie nie zuvor ausgesprochen hatte, und ebenso leise erzählte er ihr von einem anderen Mädchen, dem sein Herz gehörte. Die junge Frau war starr vor Schreck. Zuerst fühlte sie gar nichts, es war, als hätte jemand ihre innere Zeit angehalten, während die Welt um sie herum sich weiterdrehte.«
   Rain wusste, wie sich das Mädchen gefühlt haben musste.
   »Doch erst, als der junge Mann ihr zum Abschied einen Kuss auf die Stirn gab – ihren allerersten Kuss – brach ihr Herz. Als er ging, drehte sich die Welt so schnell wie bei einem Karussell, an dem jemand den Hebel in die falsche Richtung gelegt hat. Nichts war mehr so, wie es zuvor gewesen war, kein Stein lag mehr auf dem anderen. Die junge Frau hatte all ihre Freude verloren. Manchmal liebt man zu sehr und die Spuren, die diese Liebe im Herzen hinterlässt, kann auch die Zeit nicht heilen. Ihr Herz blieb zerbrochen, egal wie viele andere Herzen sich darum bemühten. Die junge Frau konnte den Jungen nicht vergessen, auch wenn sie so tat, als hätte sie es getan – es war nicht so. Bisweilen ist eine Liebe zu tief, um sie je vergessen zu können. Es gibt Liebe, die man noch spürt, wenn man alt und grau ist.« Christian machte eine Pause. Erneut sah er nach oben, wo sich über ihnen die Äste des Baumes in den Himmel reckten.
   Rain folgte seinem Blick. Die wenigen Blätter glänzten im Mondlicht. Sie glaubte, ein Glitzern auf dem Holz zu sehen, das zuvor nicht da gewesen war. »Was geschah dann?«, fragte sie leise.
   Christian blickte noch eine Weile stumm in die Baumkrone. »Das, was immer geschieht, wenn man zu sehr liebt. Sie starb. Jeden Tag ein wenig mehr. Ihr Herz gefror genauso wie das Lächeln, das sie wie eine Maske auf den Lippen trug, um die Welt und sich zu täuschen.« Er seufzte. »Eines Nachts ging sie zu den Ufern des Hudson, um heimlich die Tränen zu weinen, die ihr so schwer in der Brust lagen, dass sie drohten, sie zu ersticken, aber wie viel sie auch weinte, das Herz wurde nicht leichter. Als sie dasaß, kam der Winter leibhaftig, denn mit den Menschen waren auch ihre Mythen und Götter in die neue Welt gekommen. Väterchen Frost, der selbst gerade verloren hatte, was er einst liebte, hatte Mitleid mit der jungen Frau, deren erfrorenes Herz dem seinen so ähnlich war, wie es ein Herz nur sein konnte. Von allem Leid wollte er sie befreien, deshalb sprach er einen Zauber. Die junge Frau dankte ihm sehr, denn zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich leicht und frei, als hätte nie ein Unheil sie berührt. Das Eis, das der jungen Frau all die Zeit um ihr Herz gelegen hatte, wog allerdings schwerer, als Väterchen Frost es hätte spüren können. So blieb das Glück, das um das Mädchen herum tanzte und sprang, nicht lange. Wie Väterchen Frost begleitete es die junge Frau bis zu jenem Ort, an dem die Einhörner ein neues Zuhause gefunden hatten und an dem man kurze Zeit später den Central Park errichten würde. Die junge Frau lachte mit den Sternen der Nacht um die Wette, aber ihre Bewegungen wurden immer schwerfälliger. Als sie diesen Ort hier erreichten, erkannten die beiden, was geschah: Die Haut der jungen Frau – ihr ganzer Körper – war mit feiner, noch brüchiger Rinde bedeckt. Sie wurde zu einem Baum, aus dem Eis um ihr Herz war kaltes Holz geworden. Schon bald gruben sich die Füße, die zu Wurzeln wurden, in die Erde, um dort Halt zu finden. Ihr Haar wurde zu Ästen, es wuchsen jedoch keine Blätter, zu lange hatte ihr Herz Träume aus Eis geträumt.
   Väterchen Frost versuchte, es zu verhindern, doch welchen Zauber er auch sprach, nichts änderte sich, denn ein Winterzauber lässt sich nicht einfach so zurücknehmen. Er rief die Einhörner um Hilfe, und diese Wesen so stolz und hell wie das Licht von Sonne und Mond, folgten seinem Ruf. Vier von ihnen verließen ihr Versteck, um Väterchen Frost zu Hilfe zu eilen, denn ewige Wesen helfen einander. Doch sie konnten ebenfalls nichts für die junge Frau tun. Eis, das selbst der Winter nicht schmelzen kann, kann auch nichts anderes erweichen. Sie weinten um die junge Frau, und in der Macht der Tränen lag der einzige Trost, den sie der verzauberten Gestalt schenken konnten: Sie sollte weinen können, Nacht für Nacht, Tränen aus Eis und Schnee und Schönheit, bis ihr Herz befreit und der Schmerz vergessen sein würde. So sprachen drei der vier Einhörner. Das vierte aber senkte ein weiteres Mal sein Horn. Damit berührte es das Gesicht der jungen Frau, das fast schon ein Teil des Stamms gewesen war. Dann sprach es, und man sagt, seine Stimme wäre hell wie eine Glocke aus Kristall gewesen. ‚In jeder Vollmondnacht sollst du erwachen und findest du etwas, das dein Herz erwärmt, so sollst du frei sein.‘ Die Einhörner gingen. Und auch Väterchen Frost verließ das Bäumchen mit dem Herz aus Eis, auf dessen Äste kleine silberne Tränentropfen glitzerten, die zu weißen Blüten wurden und anschließend wie Sommerschnee zu Boden fielen. Nacht für Nacht weint das Eisbäumchen seither weiße Blütentränen. Einem Baum bedeutet die Zeit nichts als Ringe, und in einem Herz aus Eis reicht der Schmerz bis in die Ewigkeit.« Christian sah Rain an. Er lächelte, als er der Träne gewahr wurde, die in ihren Augen glitzerte.
   Schnell blinzelte sie sie fort. Christian achtete jedoch nicht mehr auf sie, sondern sah nach oben. Im nächsten Moment berührte er sanft ihren Unterarm. Seine Finger waren kalt, obwohl die Nacht warm war.
   »Es geht los«, flüsterte er.
   Rain sah nach oben und ihr stockte der Atem. Die Äste des Baums, eben beinahe noch kahl, waren über und über mit silberglänzenden weißen Blüten bedeckt. Als hätte ein Wind, den es nicht gab, sie berührt, fielen sie zu Boden, tanzten in der Luft wie Schmetterlinge aus frisch fallendem Schnee und erfüllten die Luft mit Schönheit und Traurigkeit.
   Die meisten Blüten verschwanden in dem Moment, in dem sie den Boden berührten, lösten sich auf, schmolzen wie Schneeflocken, die man mit der bloßen Hand fing. Einige wenige blieben auf dem Gras liegen.
   Rain nahm eine von ihnen in die Hand. Sie roch daran. Der Duft eines kalten Wintertages schlug ihr entgegen und vermischte sich mit dem der lauen Sommernacht. Sie musterte den Baum. Sah nicht eine Stelle im Stamm fast so aus wie ein Gesicht mit geschlossenen Augen? Oder spielte ihr die Nacht mit all den tanzenden Schatten einen Streich? Rain wusste es nicht. Als sie Christian ansah, bemerkte sie, dass er sie musterte. »Was?«
   »Warum glaubst du mir?«
   »Weil es passiert ist.« Sie hielt ihm die Blüte entgegen.
   Christian nickte nachdenklich mit zusammengepressten Lippen. »Würdest du mir alles glauben, was ich dir erzähle?«
   Rain runzelte die Stirn. »Nein.«
   »Warum nicht?«
   »Man sollte niemals jemandem alles einfach so glauben.«
   »Aber du glaubst mir, wenn ich dir von Einhörnern und Eisbäumchen erzähle.«
   »Ja. Ich habe bereits vorher an Dinge wie diese geglaubt. Meine Mutter hat mir beigebracht, dass nichts ist, wie es manchmal scheint und Märchen wahr sein können. Bis eben hatte dieser Baum noch nicht mal fünf Blätter, jetzt aber regnet es Schneeblüten. Wie sollte ich dir da nicht glauben?«
   Christian starrte sie an. Er wirkte, als wäre es ihm lieber, sie würde ihm nicht glauben. »Würdest du mir glauben, wenn ich dir sagen würde – aus meiner innersten, festen Überzeugung – dass die Welt eine Scheibe ist?«
   »Nein, weil sie keine ist.«
   Er nickte. Eine Weile schwieg er nachdenklich. »Würdest du mir glauben, dass ich gefährlich für dich bin?«
   »Nein. Nicht gefährlicher als jeder andere.«
   Christian sah sie mit unergründlichem Blick an. »Die Einhörner sind nicht gekommen.«
   Rain verstand den plötzlichen Themenwechsel nicht und hätte ihn gern gefragt, weshalb er glaubte, gefährlich für sie zu sein, aber sie ließ es. »Du sagtest ja, dass Einhörner sich nicht finden lassen, sondern selbst finden.«
   Christian nickte langsam und stand auf. »Vielleicht siehst du sie mal«, sagte er leichthin, ehe er fortging, ohne ein weiteres Wort zu sagen oder sich umzudrehen.
   Rain stand ebenfalls auf und starrte ihm hinterher. Ihr Herz, das gerade geflickt worden war, riss mit jedem Schritt, den er sich von ihr entfernte, neu auf. Es tat mehr weh als zuvor. Viel mehr.
   Christian war längst ihren Blicken entschwunden, als sie sich umdrehte. Ein Teil von ihr hatte ihm nachlaufen wollen. Zum Glück hatte der Teil in ihr gewonnen, der wusste, wie kindisch und sinnlos dies gewesen wäre.
   Sie stand allein im Central Park. Über ihr verblassten die Sommerschneeblüten des Eisbäumchens, während die Schatten der Nacht um sie herum länger wurden.
   Hatte es nicht in einem Lied geheißen, man solle nie bei Nacht im Central Park sein? Sie schüttelte den Gedanken ab und rief sich stattdessen Christian vor Augen. Sein Gesicht ließ ihr Herz zugleich wild tanzen und wehtun.
   Wie hatte sie jemals denken können, den Jungen, der ihr Herz gebrochen hatte, geliebt zu haben? Sie konnte sich kaum noch an ihn erinnern, wusste jedoch genau, dass sie sich bei ihm nie so gefühlt hatte wie jetzt. Schmetterlinge tanzten im Bauch, aber gleichzeitig stachen sie Dornen.
   Christian. Sie wusste nicht mehr von ihm als seinen Namen.
   Er dagegen wusste viel mehr von ihr. Ihren Namen. Dass ihre Mutter tot war und sie an Märchen glaubte.
   Eine Windböe erfasste ihr Haar und ließ es wild durch die Nacht tanzen. Ein Schauder lief den Rücken hinab, als sie sah, wie sich das Schwarz der Haare mit dem der Nacht vermischte. Wie spät mochte es sein? Sie musste sofort nach Hause, konnte sich jedoch nicht rühren. Der Weg kam ihr mit einem Mal schrecklich lang vor, und obwohl es die gleiche laue Sommernacht war, fror sie inzwischen.
   Sie sah die Blüte an, die sie in der Hand hielt, und wünschte sich, dass sie nicht geblieben wäre, um die Geschichte zu hören. Blödsinn. Um nichts in der Welt wäre sie gegangen. Allerdings musste sie es jetzt tun, auch wenn sie den Weg fürchtete.
   Wege verwandelten sich in der Dunkelheit.

Kapitel 2

New York schlief nie.
   Die Ruhe im Central Park war ebenso trügerisch. Man sollte nicht bei Nacht dort sein. Rain konnte sich nicht daran erinnern, aus welchem Lied diese Warnung stammte. Egal. Auf Lieder sollte man hören. Auf Lieder und auf Märchen.
   Sie rannte los. Dieses Mal nahm sie den kürzesten Weg. Sie hatte Angst. Ihr Herz schlug wie die Flügel eines Vogels, hinter dem ein Kater her war. Hinter Rain war kein Kater her. Nichts war hinter ihr her, wenn sie sich prüfend umsah, nicht mal ein Schatten, obwohl es ihr vorkam, als versuchte die Nacht, nach ihr zu greifen.
   Als sie den Ausgang vor sich sah, atmete sie auf. Wenn er nur nicht verschlossen war. Wurde der Central Park in der Nacht geschlossen? Sie wusste es nicht mehr. Erneut sah sie sich um. Nichts. Niemand war hinter ihr.
   Sie beschleunigte die Schritte ein weiteres Mal, brachte die letzten Meter hinter sich und stellte erleichtert fest, dass der Ausgang unverschlossenen war, als Hände nach ihr griffen.
   Rain hatte ihn nicht gesehen. Er war ein Teil der Schatten gewesen.
   Blitzschnell stand er hinter ihr und hielt ihre Handgelenke mit einer Hand hinter ihrem Rücken fest, während er mit der anderen vor ihrem Gesicht eine silberne Messerklinge tanzen ließ. »Ein Täubchen wie du sollte nicht allein in der Nacht durch den Park flattern.«
   Die Stimme trug den Geruch von Alkohol, Fäulnis und Schweiß in Rains Nase. Sie würgte den aufsteigenden Ekel hinunter und öffnete den Mund, um zu schreien. Ehe eine Silbe die Lippen verlassen konnte, schmiegte sich das Messer an ihren Hals.
   »Wenn du still bist, wird dir nichts geschehen.« Der Mann stand dicht hinter ihr. Er ließ ihre Hände los, aber bevor sie die Chance ergreifen konnte, nach ihm zu schlagen, hatte er sie abermals umfasst und hielt sie in einer brutalen Umarmung fest. »So ein hübsches Täubchen«, murmelte er. Sein Atem war schneller geworden.
   Rains Augen füllten sich mit Tränen, als sie begriff, was mit ihr geschehen würde. Der Kater hatte das Vögelchen nicht verfolgt. Er hatte ihm aufgelauert und nun würde er es verspeisen. »Bitte nicht«, wimmerte sie, doch die Hand des Mannes wanderte unter ihr T-Shirt.
   »Lass sie los!« Worte, die wie Schüsse durch die Nacht knallten.
   Rain konnte nicht sehen, wer gekommen war.
   Die Bewegungen des Mannes hielten inne. Er machte allerdings keine Anstalten, sie loszulassen. »Sie gehört mir. Ich habe das Täubchen gefangen.«
   »Lass sie los!« Die Stimme klang ruhig, aber in dieser Ruhe lag eine lauernde Gefahr.
   Rain wünschte sich fort. Nach Hause, woanders hin, egal. Der Mann hinter ihr presste sich fester an sie. Sie spürte sein Vorhaben wie ein zweites Messer im Rücken.
   »Lass sie los!« Diesmal klang es drohend.
   Das Messer drückte sich fester an ihre Kehle. »Komm, hol dir das Täubchen, wenn du dich traust.«
   Der Fremde musste rechts von ihnen stehen. Rain konnte ihn nicht sehen. In der nächsten Sekunde keuchte der Mann in ihrem Rücken erschrocken auf, der Griff lockerte sich. Sie wurde zur Seite geschleudert und landete unsanft im Gras. Geräusche von Tritten und Schlägen vermischten sich mit Keuchen und Stöhnen, ehe sich eilige Schritte entfernten.
   Eine Hand legte sich auf ihre Schulter und eine angenehme Wärme vertrieb die Kälte für einen Wimpernschlag, ehe sie wiederkam und sie zittern ließ. »Alles in Ordnung bei dir?«
   Die Stimme des Fremden. Ihres Retters.
   Rain richtete sich vorsichtig auf. »Ich denke schon.« Ihre Stimme zitterte. Sie sah den Fremden an, der ihr wie ein Held zu Hilfe geeilt war.
   Ein Junge in ihrem Alter lächelte sie freundlich an. In Augen, so hellbraun, dass sie beinahe golden waren, lag Besorgnis. Rotes Haar umrahmte den Kopf wie Feuerschein. Seine Haut wirkte dunkler als ihre, was nicht schwer war, denn Rain war immer blass, blass wie der Himmel an einem Nebeltag.
   Rain ergriff die Hand, die er ihr anbot. Vorsichtig stand sie auf. Die Knie fühlten sich wacklig an und sie war froh, dass der Junge sie stützte.
   Seine Kleidung war hell und bunt und leuchtete in der Dunkelheit wie Kerzenlicht. Rain griff sich an den Hals. Sie konnte das Messer noch spüren.
   »Ich bin Danny.«
   »Rain«, murmelte sie. Die Eisbäumchenblüte presste sie an sich wie einen Schatz.
   »Ich bringe dich nach Hause.«
   Rain nickte. Geistesabwesend nannte sie ihm die Adresse.
   Danny legte fürsorglich einen Arm um ihre Schulter und führte sie aus dem Park hinaus auf die belebten Straßen der Stadt. Gelbe Taxen fuhren mit leuchtenden Scheinwerferaugen vorbei. Der Strom der Nachtschwärmer nahm sie auf, ohne sie zu bemerken.
   Keiner von ihnen sagte etwas. Rain saß der Schreck noch in den Gliedern. Danny schwieg vielleicht, weil er wusste, dass nichts auf der Welt diesen Schrecken vertreiben konnte.
   Dann waren sie da, standen vor der Haustür, hinter der ein Fahrstuhl sie zu ihrem Vater nach Hause tragen würde.
   Sie sah Danny an. »Danke«, sagte sie nur, obwohl das zu wenig war.
   »Gern.« Er musterte sie neugierig aus seinen goldenen Augen. »Was hast du da?« Er deutete auf ihre Hand.
   Rain öffnete sie. »Eine Blüte.«
   Danny griff nach ihrer Hand und zog sie ein wenig zu sich. »Niemand sollte etwas aus Eis und Schmerz bei sich tragen. Das bringt Unglück.« Er pustete und die weiß zerdrückte Blüte verwandelte sich in einen Schmetterling, der in den neonbunten Nachthimmel New Yorks aufstieg.
   Obwohl Rain Grund genug hatte, dem Jungen bis in alle Ewigkeit dankbar zu sein, hasste sie ihn in diesem Moment. Er hatte ihr das Andenken an das einzig Schöne des Abends genommen. »Ich muss jetzt gehen«, sagte sie kühl. Ohne ihn noch eines weiteren Blickes zu würdigen, ging sie ins Haus. Im Aufzug kam die Verwunderung. Danny hatte aus einer Blüte einen Schmetterling gemacht.
   Daran, dass sie den ganzen Tag und die halbe Nacht fortgeblieben war, dachte sie erst, als der Aufzug losgefahren war. Das schlechte Gewissen verscheuchte alles, was sonst geschehen war.
   Christian.
   Das Eisbäumchen.
   Den Fremden, der sie fast …
   Danny.
   Ihr Dad musste krank vor Sorge sein. Scheiße. Sie hätte ihr Mobiltelefon mitnehmen sollen, nach Hause gehen müssen, als es an der Zeit gewesen war.
   Sie hatte beides nicht getan. Verdammt. Jetzt war es allerdings nicht mehr zu ändern.
   Die Fahrstuhltür öffnete sich. Während Rain zur Wohnung ging, stellte sie sich auf ein Donnerwetter ein, wie sie es bisher nie in ihrem Leben erlebt hatte. Ihr Vater hatte sie nie angeschrien. Es würde das erste Mal sein, denn was sollte er sonst tun?
   Als die Wohnungstür hinter ihr ins Schloss fiel und sie in die besorgten Augen ihres Vaters sah, lernte sie, dass es weitaus Schlimmeres gab als eine Gardinenpredigt. Schweigen konnte bedeutend mehr wehtun als ein böses Wort.
   Robert sagte nichts. Er sah Rain lediglich an. Sie öffnete den Mund, um zu erklären, aber er schnitt ihr mit einer knappen Geste das Wort ab. »Hausarrest.« Seine Stimme klang tonlos und kalt wie nie zuvor. Der Arm deutete auf ihr Zimmer.
   »Dad, ich …«
   Robert wies nochmals zu ihrer Zimmertür – mit geschlossenen Augen, als könnte er es nicht ertragen, sie anzusehen.
   Rain ging mit hängendem Kopf in das Zimmer, schloss die Tür hinter sich und lehnte sich von innen dagegen. Sie konnte keinen weiteren Schritt tun.
   Erneut schlug ihr Herz, als wollte es ausbrechen. Sie hätte nicht mal sagen können, ob es zerbrochen war oder nicht. Sie wusste nur, dass jeder Herzschlag Tränen mitbrachte. Und dass all diese Tränen ihrem Vater und dem galten, was möglicherweise zwischen ihnen zerbrochen war.
   Nur dem, nichts anderem.
   Ihr Vater sprach mit jemandem, wahrscheinlich telefonierte er. »Ja, sie ist wieder da.«
   Eine Pause.
   »Nein, ich weiß nicht, wo sie war.«
   Wieder Schweigen. Länger.
   »Nein, du kannst nicht mit ihr sprechen, Abby. Sie hat Hausarrest. Auch das Telefon ist bis auf Weiteres gestrichen.«
   Rain schloss die Augen, als ihr Vater auflegte. Eine Weile lang hörte sie nichts. Vermutlich stand er ruhig vor der kleinen Kommode, auf der das Telefon stets lag.
   Sie rührte sich ebenfalls nicht. Ein dummer Gedanke ließ sie annehmen, dass sie, würde sie das Gleiche tun wie er, nicht so unendlich weit von ihm fort wäre.
   Denn der Flur war plötzlich Lichtjahre entfernt. Womöglich sogar noch weiter. Sie hörte, wie sich eine Tür mit dem vertrauten Klicken schloss, das entstand, wenn man sich nicht die Mühe machte, die Klinke hinunterzudrücken.
   Robert war in sein Schlafzimmer gegangen. Nun war er zu weit entfernt, um seinem Tun lauschen zu können.
   Rain öffnete die Augen. Vor dem Fenster dämmerte der Morgen. Was wohl für ein Tag war? Sie sah auf den Kalender neben dem Bett.
   Die verstrichenen Tage hatte sie mit einem Kreuz durchgestrichen, weil man die Vergangenheit nicht zurückholen konnte. Sie war vorbei.
   Der letzte Tag mit einem schwarzen Kreuz war ein Donnerstag.
   Der Tag, an dem sie Einhörner aus Kreidestaub gefunden hatte.
   Den Freitag zierten keine schwarzen Striche, obwohl es ein Tag war, den man komplett aus dem Kalender streichen sollte.
   Sie ging zum Bett, nahm den dicken Permanentmarker, der auf dem Nachttisch lag, und strich den Tag durch.
   Nicht, dass dies irgendwas besser machte. Es änderte nicht mal was. Trotzdem machte sie das jeden Tag, seit sie sich dem Verstreichen der Tage bewusst geworden war.
   Und es beantwortete ihre Frage. Samstag war der Tag, der gerade anbrach und die Nacht verscheuchte, die so viel Kummer gebracht hatte. Das Zerwürfnis mit ihrem Vater, das sie in dem Schweigen gespürt hatte. Den Verlust der Eisbäumchenblüte, die der einzige Beweis gewesen war, dass alles tatsächlich passiert war. Den Mann mit dem Messer.
   Dumm nur, dass der neue Tag all diesen Kummer nicht mit sich nahm. Das taten Tage nie, sie nahmen lediglich die Dunkelheit, aber sie ließen die Schatten, machten sie sogar mitunter länger.
   Rain ließ sich auf das Bett fallen.
   Wenigstens war keine Schule. Abby würde sie erst am Montag mit Fragen löchern, mit Fragen und Vorwürfen. Vor allem mit Vorwürfen.

Rain schlief nicht, auch wenn sie sich irgendwann umzog und unter die Bettdecke legte, weil ihr trotz der sommerlichen Temperaturen kalt war.
   Sommernächte konnten bisweilen viel kälter sein als Wintertage.

Als es richtig hell war, setzte sich Rain auf und wartete.
   Ihr Vater kam nicht. Zum ersten Mal, seit sie sich erinnern konnte. Anfangs wusste sie nicht, was sie tun sollte. Im Zimmer sitzen bleiben, von ihrem Vater getrennt durch ein paar Wände, Räume und Türen? Oder sollte sie diese leeren Räume durchqueren?
   Sie entschied sich für Letzteres, verließ das Zimmer und lief durch den Flur, der ihr schrecklich lang vorkam, obwohl er wie immer nur sechs Schritte maß. Leise klopfte sie an die Schlafzimmertür ihres Vaters.
   Nichts.
   Vorsichtig drückte sie die Klinke hinunter und öffnete die Tür einen Spalt. Ihr Dad saß auf dem Bett. Er war angezogen, aber es konnte sein, dass er noch die Sachen des Vortages trug.
   Als er die Bewegung an der Tür bemerkte, sah er Rain kurz an. Seine Augen lagen in tiefen Höhlen und Rain sah die Enttäuschung in ihnen. »Ich bin wach, Rain. Geh in dein Zimmer. Du hast Hausarrest. Ich bringe dir dein Frühstück. Wenn du ins Bad musst, kannst du natürlich gehen.«
   »Papa … ich …«
   Er winkte ab. »Ich weiß, dass es dir leidtut. Du wärst nicht meine Tochter, wenn dem nicht so wäre. Aber das ändert nichts.«
   Rain hielt inne. »Ich war …«
   Robert schüttelte den Kopf. »Ich will es nicht hören, Rain. Nichts, was du sagen könntest, würde es entschuldigen.«
   Das anschließende Schweigen war wie ein Windstoß, der den Türspalt zuschlug.

It can’t rain all the time, the sky won’t fall forever, and though the night seems long, your tears won’t fall, your tears won’t fall forever.
   Rain wusste, dass dieses Lied von Jane Siberry ebenfalls die Wahrheit sprach. Doch während sie auf der Fensterbank in ihrem Zimmer saß, nach draußen starrte und sich Tränen mit dem Regen vor dem Fenster vermischten, kam es ihr nicht so vor.
   Es war Sonntag. Das sonnige Sommerwetter war im Grau der Regenwolken ertrunken.
   Robert brachte ihr dreimal am Tag etwas Essen, redete allerdings nur das Nötigste mit ihr. Selbst ihren Blicken wich er aus.
   Rain wünschte, dass er sie anschreien würde. Das wäre einfacher zu ertragen.
   Diese Stille konnte nicht mal Musik auffüllen. Sie hatte es versucht, aber die kleine Stereoanlage wieder ausgestellt. Es gab keinen Rat und keine Wahrheit in den Liedern, die ihr jetzt weiterhelfen konnten.
   Jane Siberrys Lied jedoch echote unaufhörlich durch ihren Kopf, denn die Wahrheit ließ sich nie vertreiben, so unterschiedlich sie auch von Angesicht zu Angesicht sein mochte.
   Es würde nicht immer regnen. Sie würde nicht ewig weinen. Natürlich nicht. Das hatte Mom ihr doch schon gesagt. Und Mütter hatten immer recht. Mütter, Märchen und Lieder.

Erst am Sonntagabend sprach Robert wieder mit ihr.
   Rain hatte nichts anderes getan, als in der Stille ihres Zimmers zu sitzen und dem Trommeln des Sommerregens zu lauschen. Auch er hatte ihren Kummer nicht fortgespült, aber in gewisser Weise hatte er ihre Tränen unsichtbar gemacht.
   You can’t see tears in the rain.
   Zumindest für die Welt vor dem Fenster.
   Sie hatte dieses Lied still vor sich hingesummt, als die Tür aufgegangen und ihr Vater hereingekommen war.
   Rain hatte nicht aufgesehen, denn sie hatte erwartet, dass er nur wieder einen Teller auf den Schreibtisch stellen würde und einen anderen mitnahm.
   Er war jedoch stehen geblieben und hatte so lange gewartet, bis sie ihn ansah.
   Ihr Vater sah noch trauriger aus als der Sommerregenhimmel. Zuerst sagte er nichts. Daran, dass er die Hände in die Hosentasche steckte, erkannte Rain, wie nervös er war. Dad war nicht gut im Streiten, war er nie gewesen. Ebenso wenig wie im Schweigen. Nie hatten sie einander so lange angeschwiegen und möglicherweise, so dachte Rain, mussten sie das Sprechen erst wieder lernen.
   »Rain.«
   Allein dafür, dass er ihren Namen sagte, hätte sie ihm um den Hals fallen können. Sie tat es allerdings nicht, sondern blieb auf der Fensterbank sitzen. Sie wusste, dass es noch nicht vorbei war.
   »Ich möchte nicht, dass du jemals wieder so etwas machst. Ich weiß, du bist sechzehn und denkst, dass die Welt dir keine Gefahren entgegenbringen könnte. Bestimmt hattest du deine Gründe, aber die Welt, Rain, kann ein Schlund sein, der Menschen verschlingt, und in New York sind die Straßen allzeit hungrig.«
   Rain schluckte, als sie an den Mann mit dem Messer dachte und an die Art, wie er »Mein Täubchen« gesagt hatte.
   »Es tut mir leid«, flüsterte sie.
   Ihr Dad nickte und nahm die Hände aus den Hosentaschen.
   Sollte sie ihm alles erzählen? Eigentlich konnte sie mit ihm über alles reden. Sie sagte jedoch nichts, auch wenn es eventuell unfair war. Er schien es ihr nicht übel zu nehmen. Rain war ihm dankbar. »Wie lange habe ich Hausarrest?«
   Erneut sah er sie unglücklich an, als ob er sie nicht bestrafen wollte, aber den Eindruck hatte, es als guter Vater tun zu müssen. »Zwei Wochen. Natürlich gehst du in die Schule, anschließend kommst du sofort hierher.«
   Rain nickte. »Was ist mit dem Telefon?«
   Er dachte einen Moment nach. Rain rechnete schon damit, dass auch das Telefon für zwei Wochen tabu sein würde, aber sie irrte sich.
   »Du kannst Abby anrufen. Dann geht sie mir nicht ständig auf die Nerven.« Er grinste schief. »Du hättest ihr wenigstens eine Mail schreiben können.« Sein Kinn deutete auf den Computer. »Sie hat dir wahrscheinlich an die hundert geschickt.«
   Rain starrte den Computer an. Daran hatte sie gar nicht gedacht. »Kann ich sie gleich anrufen?«
   Als ihr Vater nickte, sprang Rain von der Fensterbank. Ehe sie in den Flur lief, um das Telefon zu holen, umarmte sie ihn, so fest sie konnte. Zu ihrer Freude erwiderte er die Umarmung.

»Und dann?« Abbys Stimme klang atemlos.
   Als sich Rain gemeldet hatte, war Abby zuerst vor Freude aus dem Häuschen gewesen, weil Robert das Telefonverbot so schnell aufgehoben hatte. Dann hatte sie sich besonnen, warum dieses Verbot da gewesen war. Sie hatte Rain angeschrien, ihr Fragen und Vorwürfe gleichermaßen an den Kopf geschmissen. »Wo warst du? Weißt du, was wir uns für Sorgen gemacht haben? Was ist passiert? Wie konntest du?«
   Daraufhin hatte ihr Rain von Christian und dem Eisbäumchen erzählt. Abby hatte still zugehört. Bei der Stelle angekommen, an der der Fremde ihr das Messer an den Hals gehalten hatte, hatte sie die entsetzte Frage nicht zurückhalten können. Rain erzählte ihr auch von Danny und der verschwundenen Blüte vor der Haustür.
   »Sehr merkwürdig. Du sagst, er hat auf die verwelkte Blüte gepustet, woraufhin sie als Schmetterling davongeflogen ist?«
   »Ja.«
   »Merkwürdig.«
   »Das findest du merkwürdig? Aber dass ein Bäumchen einst ein Mädchen war, das Nacht für Nacht Tränen aus Sommerschnee weint, nicht?« Rain konnte quasi hören, wie Abby eine Schnute zog.
   »Wir wissen doch, dass in allen Geschichten etwas Wahres stecken kann. Auch ich habe deine Mutter gekannt, Rain.« Sie klang ein wenig traurig. Rain wusste, dass sie es auch war. Abby hatte ihre Mom sehr gemocht.
   »Ich weiß noch, wie sie uns sagte, dass wir nicht auf einen Ritter in güldener Rüstung hoffen sollten und dass man böse Drachen, die einem im Leben begegnen würden, immer besiegen kann.«
   Rain lächelte und wartete auf das Aber, das sicherlich in der nächsten Sekunde kommen würde.
   »Aber dass jemand mit einem Atemhauch eine zerquetschte weiße Blüte in einen bunt flatternden Schmetterling verwandelt – das finde ich merkwürdig.«
   »Ich auch. Darüber hinaus bin ich vor allem wütend.«
   »Weil sie von diesem Christian war.«
   »Sie war nicht von Christian. Sie ist vom Eisbäumchen gefallen.«
   »Für dich war sie von Christian.«
   Rain war klar, dass Abby wusste, dass sie recht hatte. »Ja«, sagte sie deshalb lediglich. Die Blüte war fort und die Erinnerung, so lebendig und deutlich sie noch war, verblasste bereits ein wenig.
   »Was jetzt?«
   Eine einfache Frage, auf die es keine Antwort gab. Rain schwieg. Abby würde es verstehen, wie eine beste Freundin solche Dinge stets verstand.
   »Der Regen«, sagte Abby nach einer Weile, »fühlt sich kalt an.«
   Rain sah aus dem Fenster, beobachtete die Tropfen, die dagegen klopften, als wollten sie selbst dem Regen entfliehen. »Wie meinst du das?«
   »Wie ich es sage. Er fühlt sich kalt an. So, als ob er nicht in den Sommer gehörte. Als wäre es …« Abby überlegte. »… Novemberregen. Ja, genau. Es fühlt sich an wie Novemberregen.«
   Rain lächelte.
   Sie war froh, dass Abby von Regen sprach und nicht von etwas anderem.
   Von Christian zum Beispiel oder von der Sehnsucht in ihrem Herzen, die schlimmer war als eine Ablehnung. Bei einer Ablehnung wusste man, woran man war. Sehnsucht hingegen ließ einen hoffen. Manchmal jedoch war Hoffnung trügerisch.
   »Ja«, sagte Abby.
   Rain brauchte einen Moment, um erneut an den Regen zu denken.
   »Genauso fühlt es sich an. Wie Regen, der Traurigkeit in sich trägt. Kalt. Dunkel.«
   Rain schwieg und dachte über Novemberregen nach. Der letzte Regen, bevor der Schnee kam.
   »Rain?«
   »Ja?«
   »Was wirst du jetzt tun?«
   Wieder diese Frage. »Ich weiß es nicht. Ich weiß es einfach nicht.«
   Irgendwann legten sie auf, weil keine von ihnen eine Antwort auf diese Frage wusste und Schweigen manchmal selbst mit der besten Freundin zu laut werden konnte.
   Morgen würden sie sich in der Schule sehen.
   Rain brachte das Telefon zurück in den Flur. Eine Weile blieb sie ratlos vor der Garderobe stehen. Was sollte sie tun?
   Lesen?
   Fernsehen?
   An den Computer gehen?
   Nichts von allem kam ihr sonderlich attraktiv vor, dabei machte sie all diese Dinge sonst ständig. Auf einmal waren sie nicht mehr wichtig.
   Kurz überlegte sie, zu ihrem Vater zu gehen. Gelegentlich spielten sie abends Scrabble, immer zu verschiedenen Themen – manchmal sogar nur mit Worten, die es nicht gab, die sie einfach erfanden und definierten.
   Aber solche Abende waren lustig. Rain wollte nicht mal so tun, als ob sie gute Laune haben wollte. Nicht heute.

Sie hörte Musik, als ihr Vater sie zum Abendessen rief.
   November Rain.
   Abby hatte von Novemberregen gesprochen und Rain fand, dass das Lied passte.
   Als sie nach dem Essen zurück in ihr Zimmer ging, glaubte sie, dass der Regen nachgelassen hatte.
   Möglicherweise war das nur Einbildung, manchmal reichte das jedoch.

Kapitel 3

Rain wollte am nächsten Morgen nicht zur Schule gehen. Sie wollte zu Hause bleiben und sich einigeln oder in den Park gehen, um auf Christian zu warten. Sie wollte irgendetwas tun, um dem Chaos im Herzen zu entfliehen – aber genauso sehr wie Robert keine Fragen stellte, wenn er merkte, dass sie nicht reden wollte, so achtete er darauf, dass sie zur Schule ging. Tage wie Freitag waren die Ausnahme. Die absolute.
   Also stand Rain auf, nachdem ihr Vater sie mit ihrem morgendlichen Ritual geweckt hatte.
   Als Abby ihr im Schulflur um den Hals fiel, dachte sie, dass die Schule vielleicht doch nicht so schlecht war, zumindest, was Abby betraf.
   Abigail Lynn war Sonnenschein. Ja, dieses Wort würde Rain für ihre beste Freundin verwenden, wenn sie sich auf ein einziges Wort festlegen müsste.
   Abby trug eine verwaschene Jeans mit einem leichten Schlag und einen bunten Pullover, den ihre Mutter aus Wollresten gestrickt hatte.
   Manchmal glaubte Rain, dass sie den Pulli bereits im Kindergarten gehabt hatte.
   Rain trug meistens Schwarz. Nicht immer, an manchen Tagen trug sie auch andere Farben. Heute trug sie weiße Halbschuhe mit einem aufgestickten schwarz-grauen Rosenmuster, das wie Schatten auf Nebeln wirkte. Oder auf Schnee.
   Abby umarmte sie etwas länger als üblich. »Wie geht es dir?« Sie lösten sich voneinander, um gemeinsam zum Matheunterricht von Mr. Marshall zu schlendern.
   Rain zuckte mit den Schultern. »So lala«, antwortete sie wahrheitsgemäß.
   Abby nickte. Schweigend liefen sie durch die Massen umherstreifender Schüler, die sich in kleinen Gruppen über Neuigkeiten des Wochenendes aufklärten. Rain hatte nie zu einem dieser Grüppchen gehört. Für die einen war sie nicht hip genug, für die anderen zu hip. Dann wieder trug sie zu viel oder zu wenig Schwarz, hörte die richtige Musik, sah allerdings die falschen Filme oder umgekehrt und so weiter und so fort. So war sie für sich geblieben. Mit Abby. Was ihnen völlig reichte.
   Keine von ihnen brauchte es, jeden Morgen Küsschen auf Wangen zu verteilen, nur damit jeder sah, mit wie vielen Leuten man befreundet war. Sie wussten, dass solche Freunde hinter dem Rücken klatschten, tratschten und lästerten, und dass ein Geheimnis so viel Bestand hatte wie Eis in glühender Sommerhitze. Einmal an falscher Stelle den Mund aufgemacht wusste es die ganze Schule, noch ehe die nächste Stunde angebrochen war.
   Nein, solche Freunde brauchten sie nicht.
   Sie erreichten die Matheklasse und setzten sich auf ihre Plätze. Mr. Marshall war noch nicht da.
   »Was willst du tun?«
   »Ich weiß es nicht. Ich würde ihn gern suchen, im Central Park auf ihn warten. Aber ich muss in den nächsten Tagen direkt nach der Schule nach Hause. Arrest.« Sie flüsterte, weil Mr. Marshall gerade den Raum betreten hatte und die Klasse begrüßte.
   »Du hast Mist gebaut«, sagte Abby leise.
   Rain nickte. »Ich weiß. Ich wollte es nicht. Kurz hatte ich darüber nachgedacht, nach Hause zu gehen, aber ich konnte nicht.« Sie zögerte einen Moment. »Ich wollte nicht.«
   Abby nickte. Dachte nach. »Du musst ihn finden«, sagte sie nach einer Weile.
   Rain presste die Lippen zusammen und schrieb gedankenlos die Zahlen ab, die Mr. Marshall anschrieb. »Wie?«, kritzelte sie an den Rand der Heftseite, weil Mr. Marshall sie gerade ansah, als würde er darüber nachdenken, sie aufzurufen. Er ließ es, aber Abby zuckte trotzdem nur mit den Schultern.
   Den Rest der Stunde verbrachten sie in der schrecklich logischen Welt der Mathematik. Rain hasste Zahlen. Sie war froh, als es klingelte und sie zur nächsten Stunde mussten.
   »Was ist mit diesem Danny?«
   Eine Mischung aus Wut und Schuldgefühl stieg in Rain auf, als sie an ihren Retter dachte. »Was soll mit ihm sein?«, fragte sie unwirsch zurück.
   »Nun, es scheint doch, dass er die Geschichte des Eisbäumchens ebenfalls kannte. Vielleicht kennt er auch Christian.«
   Rain dachte kurz nach, während der Strom der Schüler sie wie automatisch durch die Gänge schob. »Ich weiß es nicht, aber ich kann es mir nicht vorstellen.«
   »Wieso nicht? Es ist doch eine Möglichkeit.«
   Rain schüttelte den Kopf. »Nein. Die beiden sind wie Feuer und Eis. Ich … nein, ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich kennen.«
   Während sie es sagte, wusste sie, dass ihre Worte Wahrheit und Lüge zugleich waren. Sie konnte jedoch nicht sagen, wieso.
   Sie betraten den nächsten Klassenraum. Obwohl sie die folgende Stunde schweigend verbrachten, hätte Rain nicht sagen können, was im Unterricht vorgekommen war.
   Abby und Rain hingen ihren Gedanken nach.
   Erst mit dem Gong zur Pause sah Abby auf. »Wir fragen die Gerümpel-Runen.«
   Rain lächelte. Sie hätte damit rechnen können, dass Abby diesen Vorschlag irgendwann bringen würde. Die Gerümpel-Runen wurden stets befragt, wenn sie nicht weiter wussten.
   Abby hatte sie von ihrer Großmutter bekommen. Als sie noch ein Kind gewesen war, hatte ihre Großmutter einen kleinen Trödelladen in der Bronx geführt. Manchmal waren dort die kleinsten und sonderbarsten Dinge gelandet. Die schönsten, außergewöhnlichsten und jene, die ihr aus unerfindlichen Gründen ans Herz gewachsen waren, hatte Abbys Großmutter in einem selbst genähten Beutel aus bunten Flicken gesammelt. Nach und nach hatte sie damit begonnen, den kleinen Dingen, die Schätze und Gerümpel zugleich waren, eine Bedeutung zu geben.
   Da gab es einen wundersamen goldenen Schlüssel, der aussah wie ein kleines Jugendstilornament.
   Ein rotes Holzpferd mit feinen Schnörkeln in Weiß, Blau, Grün und Rosa, dessen Etikett besagte, dass es einst den Weg aus Schweden nach New York gefunden hatte.
   Einen Amethyst, groß wie die Faust eines Babys, mit drei Streifen von hellstem Flieder bis hin zum Lila der dunkelsten Stunde.
   Fünf Knöpfe.
   Eine kleine Schildkröte aus Jadestein.
   Eine silberne Münze aus Spanien, auf deren einer Seite ein Musiker mit einer Laute abgebildet war, während die andere einen Flötenspieler zeigte.
   Einige Muscheln.
   Solche Dinge eben. Und alles, wirklich alles, hatte seine Bedeutung.
   Der Schlüssel stand für eine neue Chance und den Abschluss von etwas Altem.
   Die Jadeschildkröte dafür, dass man den richtigen Weg ging, denn Schildkröten verirrten sich nie.
   Und so weiter und so fort.
   Doch das Verwunderlichste an all diesen Dingen war, dass es funktionierte.
   Immer.
   Beinahe jedenfalls.
   Bevor Rain dem Jungen, den sie inzwischen fast vergessen hatte, ihr Herz geschenkt hatte, hatten sie die Runen gefragt.
   Sie hatten Rain gewarnt. O ja, das hatten sie. Aber Rain hatte nicht darauf hören wollen.
   »Wann?«, fragte sie daher nur, denn diesen Fehler würde sie nicht nochmals machen.
   »Nach der Schule?«
   Rain verzog das Gesicht. »Hausarrest«, rief sie Abby in Erinnerung.
   »Ach ja.« Abby zog eine Schnute. »Dann morgen in der Mittagspause in der Bibliothek.«
   Rain nickte. In der Mittagspause verirrte sich niemand in die Bibliothek.
   Abby seufzte. »Es wird Zeit, dass du eigene Gerümpel-Runen bekommst.«
   »Ja.« Es war schon lange ihr Wunsch, deshalb hatte sie irgendwann angefangen, Dinge zu sammeln, die sie fand. Auf Trödelmärkten, auf der Straße. Überall. Am Anfang hatte sie versucht, genau die Dinge zu finden, die Abby in ihrem bunten Flickenbeutel hatte, denn bei ihnen wusste sie, dass sie die Wahrheit sprachen. So funktionierten Gerümpel-Runen allerdings nicht. Man musste eigene Dinge finden, mit eigener Bedeutung. Manchmal war die Welt eben so.
   Einige Dinge hatte sie bereits.
   Eine bunte Murmel aus Marmor, die aussah wie ein Planet aus Regenbogenfarben und Sternenstaub.
   Einen Schmetterling aus Metall, schwarzgrau emailliert.
   Einen Mondstein.
   Es gab sogar Gegenstände, die denen von Abby glichen.
   Rain hatte ebenfalls ein kleines Holzpferd aus Schweden gefunden, mit fast demselben verschnörkelten Muster. Nur, dass ihres nicht rot war, sondern weiß und die Verzierungen in sanften Pastelltönen gehalten waren.
   Sie hatte lange überlegt, welche Bedeutung sie dem kleinen Pferd geben sollte.
   Abenteuer wie Abby?
   Das erschien ihr nicht richtig, sodass sie sich am Ende dafür entschieden hatte, dass ihr Pferd für einen sicheren Begleiter stand.
   Es waren ihre Gerümpel-Runen. Aber um Fragen zu stellen, waren es bei Weitem noch zu wenige, deshalb mussten sie Abbys nehmen.
   Rain wünschte, dass es bereits morgen wäre, am besten kurz vor der Mittagspause. Doch es war noch nicht so weit. Noch lange nicht.
   Zunächst hatte sie Unterricht. Wie es an Tagen, an denen man die Uhr am liebsten antreiben, ihre Zeiger schneller von Sekunde zu Sekunde springen zu lassen wollte, meistens war, zogen sich die Minuten zu gefühlten Ewigkeiten.
   In der Mittagspause setzten sich Abby und sie abseits der großen Masse auf eine Bank, aßen und hörten auf Abbys MP3-Player Musik.
   My Immortal von Evanescence.
   Wicked Game von Chris Isaak.
   Bed of Lies von Matchbox Twenty.
   Und viele mehr, weil Lieder, die man mag, die Zeit kürzer machten.
   Am liebsten wären sie nach draußen gegangen, aber der Regen plätscherte weiterhin auf die Welt herab. Auch an diesem Tag fühlte er sich an wie Novemberregen.
   Erst als die Glocke die letzte Stunde abschloss, die Freundinnen sich voneinander verabschiedet hatten und Rain nach Hause ging, begann die Uhr sich schneller zu drehen. Als sie vor ihrer Haustür ankam, stand dort jemand, mit dem sie nicht gerechnet hatte.
   Danny.
   Der Junge, der sie gerettet hatte.
   Der Junge, der ihr die Blüte genommen hatte.
   Seine roten Haare leuchteten im Asphalthimmelsgrau des Regens. Als sie näherkam, schlug er den Kragen seiner Lederjacke höher.
   Am liebsten hätte sich Rain umgedreht und wäre woanders hingegangen. Es gab allerdings Situationen, da konnte man nirgends anders hin. Sie musste nach Hause. Ihr Dad würde zur Kontrolle anrufen. Da war sie sich sicher. Auch wenn er ihr sonst vertraute und ihr ein Freund war. Bisweilen war er aber auch ihr Vater. Wahrscheinlich musste das so sein.
   Also ging sie auf die Haustür zu, wo Danny auf sie wartete. Er lächelte sie an, und als sie vor ihm stand, glaubte sie, dass die Regenluft etwas von der Kälte verlor.
   »Hi.«
   Rain erwiderte den Gruß auf die gleiche Weise, denn sie hatte nicht die geringste Ahnung, was sie zu jemandem sagen sollte, der ihr das Leben gerettet, ihr aber ebenfalls das Wichtigste genommen hatte, was ihr der Tag geschenkt hatte. Alles an dieser Situation kam ihr falsch vor.
   Der Regen. Die Kälte. Herrje, es war Hochsommer.
   Vor allem der Junge vor ihrer Tür.
   Es hätte Christian sein sollen, der auf sie wartete.
   Nicht Danny.
   Christian wusste allerdings nicht mal, wo sie wohnte.
   Danny hob die Hand. Seine Finger waren verschlossen, als hielte er etwas dazwischen verborgen. »Ich glaube, das gehört dir.« Er öffnete die Hand.
   Rain keuchte. Dort lag die Blüte des Eisbäumchens. Die Blütenblätter bildeten immer noch die Form eines Schmetterlings, als könnten sie sich daran erinnern, wie es war, zu fliegen.
   Es gab keinen Zweifel, sie war es. Rain konnte es spüren.
   Sie streckte die Hand danach aus und starrte Danny wütend an, als er seine einen kurzen Moment zurückzog.
   Dann ließ er zu, dass sie die Blüte nahm. »Er ist nicht gut für dich«, flüsterte er.
   »Was?« Rain glaubte, sich verhört zu haben.
   »Christian. Er ist nicht gut für dich.«
   »Wie willst du das beurteilen können?«, fauchte sie. »Du kennst ihn doch gar nicht.«
   »Woher willst du das wissen? Du kennst mich überhaupt nicht. Woher willst du wissen, wen ich kenne? Ich kenne Christian, glaub mir. Vielleicht sogar besser, als er ahnt, und er kennt mich. Wir sind wie zwei Seiten einer …« Er brach ab. »Das ist nicht so wichtig.«
   Rain sah ihn fassungslos an. Nie hätte sie gedacht, dass sie sich kennen könnten. Doch musste es so sein. Sie hatte Danny nie von Christian erzählt, sie hatte ihm überhaupt nichts erzählt, trotzdem wusste er alles.
   Sie drückte die Hand mit der Blüte vorsichtig an sich und schwieg, weil sie jetzt noch weniger als zuvor wusste, was sie sagen sollte.
   Danny kannte Christian. Er warnte sie vor ihm.
   »Was ist mit ihm? Er hat gesagt, er sei gefährlich …«, sagte sie schließlich. Sie hatte Christians Worte nicht vergessen, nur in sich eingeschlossen. Nicht einmal Abby hatte sie davon erzählt.
   Danny stieß einen stummen Pfiff aus. »Wow. Hätte nicht gedacht, dass er dich warnen würde. Beinahe eine nette Geste.«
   »Was meinte er damit?« Rain bemühte sich, eine scharfe Bemerkung hinunterzuschlucken. Sie wollte Danny nicht verjagen, wollte von ihm in Erfahrung bringen, was er wusste.
   Danny sagte jedoch nichts.
   »Bitte.« Beinah hasste sich Rain dafür, dass ihre Stimme so flehend klang.
   »Magst du den Winter, Rain?«
   »Den Winter? Was ist denn das für eine Frage?« Rain schüttelte verständnislos den Kopf.
   »Beantworte mir die Frage. Magst du den Winter?«
   Rain überlegte. »Ja«, sagte sie nach einem Moment.
   »Wie sehr magst du ihn? Wie sehr magst du Eis und Schnee und Kälte?«
   »Keine Ahnung. Was soll das?«
   »Christian ist gefährlich, weil er ein Herz aus Eis hat.«
   »Wie bitte? Wie meinst du das?« Rain biss sich auf die Lippen, um nicht hinterherzuwerfen, dass sie der Meinung war, Danny hätte einen gehörigen Knall.
   »Wie ich es sage.« Dannys bernsteinfarbene Augen wirkten fast ockerfarben.
   Rain schüttelte den Kopf. »Aber ich verstehe nicht …«
   »Er ist gefährlich. Gefährlicher als der Taubenfänger, vor dem ich dich gerettet habe. Er hätte dich vergewaltigt, womöglich getötet. Aber Christian – er wird dich erfrieren lassen, er … er ist gefährlich.«
   Weiterhin schüttelte Rain den Kopf. Sie wollte nicht hören, was er sagte, wollte nicht an den Fremden mit dem Messer im Park denken, den er Taubenfänger genannt hatte. Wollte nicht die Stimme im Kopf hören, die »Mein Täubchen« in ihr Ohr flüsterte, nicht das Messer erneut am Hals spüren. Noch weniger wollte sie glauben, was er ihr sagte. Ein Herz aus Eis. Unsinn.
   Sie wollte etwas sagen, das Danny verletzte, wollte ihn verjagen, damit er nichts mehr sagen konnte, das ihr wehtat. »Wenn er gefährlich ist, dann müsstest du es ebenfalls sein!« Sie wusste, dass das nicht fair war. Aber was war schon fair?
   Danny sah ihr fest in die Augen. Für einen Moment glaubte sie, dass er ihr nicht antworten würde. »Das bin ich auch«, flüsterte er. »Aber nie wird in meiner Nähe jemand erfrieren.«
   Rain sah ihn stumm an. Schon wieder wusste sie nicht, was sie sagen sollte. Nach einer Weile murmelte Danny einen Abschiedsgruß, ehe er an ihr vorbeiging und in den Strom der Passanten eintauchte. Dann war er weg und mit ihm die Wärme, die in der Luft gelegen hatte.
   Zurück blieben die Kälte des Regens und die Gewissheit, dass Danny die Wahrheit gesagt hatte.
   Rain wusste es einfach, wie sie wusste, dass es Träume gab, die sich nie erfüllen sollten. Vielleicht war der Traum von Christian ein solcher.
   Sie betrachtete die Blüte in ihrer Hand und glaubte, darin das blinde Gesicht des Glücks zu erkennen. Wo das Glück war, konnte der Traum nicht falsch sein.
   Als sie in die Wohnung ging, klingelte das Telefon. Ihr Vater fragte, wie es ihr ging und wie es in der Schule war, um zu verbergen, dass er sie kontrollierte, weil er das Gefühl hatte, es tun zu müssen.
   »Mir geht es gut, Dad. Schule war okay. Wir haben eine Menge Hausaufgaben. Ich werde mich gleich an die Arbeit machen. Bis heute Abend.« Rain hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie ihn so schnell abfertigte, aber sie wollte jetzt nicht reden, nicht mit ihrem Vater, nicht mit Abby – mit niemandem.
   Ihr Dad klang traurig. Er mochte es nicht, den Vater heraushängen zu lassen. »Dann bis heute Abend, Kleines.«
   »Bis heute Abend, Dad. Danke«, sagte sie, auch wenn das nicht genug war. Aber vielleicht reichte es, ihm zu sagen, dass sie wusste, wie sehr er sie liebte.
   Sie legte auf. Was nun? Hausaufgaben würde sie auf keinen Fall anfangen.
   Ein Herz aus Eis.
   Das war alles, woran sie denken konnte.
   Ein Herz aus Eis.
   »Magst du den Winter, Rain?«
   Diese Frage.
   Rain sah sich unschlüssig um. Ratlos. Ihr Blick fiel auf die Schlafzimmertür ihrer Eltern. Sollte sie zu den Sachen ihrer Mutter gehen? Dort nach einer Antwort suchen oder nach etwas anderem?
   Vorsichtig öffnete sie die Tür, auch wenn niemand sie sehen konnte. Sie hatte stets ein schlechtes Gewissen, wenn sie die Dinge ihrer Mutter berührte. Es war so, als würde sie ihre Privatsphäre verletzen, Geheimnisse berühren, die nie für ihre Augen bestimmt waren, obwohl sie doch fast nie wusste, welche Geheimnisse und Erinnerungen es waren, die die Dinge innehielten.
   Lieder klingen in jedem Ohr anders.
   So war es auch mit den Dingen. Bei den Eintrittskarten in der Schublade war es einfach. Sie sagten ihr, wann und wo ihre Mutter gewesen war, auch wenn sie noch lange nicht alle Bands oder Theaterstücke kannte, bei denen Romy gewesen war.
   Bei den Gegenständen war es schwer. Da lag ein alter Handspiegel auf dem Nachtschrank, und wenn man die Schubladen öffnete, fand man eine winzige Holzeisenbahn, die kleine Figur eines weißen Ponys mit beigen Flecken und einem roten Sattel aus Filz. Da war ein Stück grüne Nylonschnur, das zu einem losen Knoten gebunden war. Es gab einige fliederfarbene Glasmurmeln, die bei Licht in den Farben des Regenbogens schimmerten, einen goldenen Katzenanhänger, eine Blechdose voller getrockneter Rosenblüten und viele Dinge mehr.
   Ein wenig war es wie Gerümpel-Runen. Nur, dass es kein Buch gab, das die Bedeutungen erörterte. Niemanden, der die Geschichten dazu erzählen konnte. Und es gab, wie Rain traurig feststellte, keine Antworten auf Fragen, die im Herzen wohnten. Zumindest nicht heute. So sehr sie die Dinge betrachtete, heute kamen keine Erinnerungen, die ihr halfen, keine geflüsterten Worte, die ihr sagten, was sie wissen wollte. Nicht mal einen Hinweis gab es. Die Dinge schwiegen, sodass Rain die Schublade irgendwann mit einem Knall schloss, weil sie die Stille nicht mehr aushielt.
   Erst als sie in ihrem Zimmer war und die Anlage lief, kam sie ein wenig zur Ruhe.
   Bring me to life, sangen Evanescence.
   Was sie tun würde, wusste sie immer noch nicht. Genauso wenig, was sie glauben sollte.
   Ein Herz aus Eis.
   Konnte man schmelzen.
   Auch wenn das ein sehr romantischer Gedanke war.
   Abermals wünschte sich Rain, dass morgen wäre und die Gerümpel-Runen ihr eine Antwort geben würden. Unschlüssig lief sie durch das Zimmer, wechselte die CD im Player, nur um sie wenige Momente später erneut gegen eine andere auszutauschen. Sie setzte sich an die Hausaufgaben, aber damit hielt sie es nicht lange aus. Die Zahlen, Formeln und Worte verschwammen in Gedanken zu weißen Blüten, Schmetterlingen und Schneesternen. Schließlich legte Rain ihren Stift auf das Heft und ging zum Fenster.
   Es regnete immer noch.
   Sie ließ ihren Blick über die Straße gleiten. Zuerst war da nichts, was ihre Aufmerksamkeit fesselte, doch als sie sich abwenden wollte, fiel ihr Blick auf etwas Buntes auf dem Asphalt. Ein Bild, bunt und leuchtend.
   Ohne zu überlegen, rannte Rain aus dem Zimmer, griff nach ihrem Schlüssel und verließ die Wohnung. Sie nahm keine Jacke mit, wartete nicht auf den Aufzug, sondern lief im Laufschritt die Treppe hinunter und stürzte aus dem Haus, als wäre jemand hinter ihr her. Sie hielt erst an, als sie am Rand des bunten Bildes stand, das jemand mit Kreide auf den Asphalt gemalt hatte. Von oben hatte sie das Bild nicht erkennen können, aber jetzt hielt sie vor Staunen die Luft an.
   Der Regen hatte die Kreidefarben bereits verblassen lassen, dennoch erkannte Rain die Szene, die zu ihren Füßen gemalt war.
   Der Central Park. Das Eisbäumchen. Davor zwei Menschen – ein hellblonder Junge und ein dunkelhaariges Mädchen.
   Christian und sie.
   Wer sollte es sonst sein?
   Wie schon das Bild mit den Einhörnern, wirkte dieses ebenfalls lebendig. Die Figuren, die Äste des Eisbäumchens, schienen sich zu bewegen, sich zu verändern. Nein. Sie veränderten sich tatsächlich. Als Rain den ersten Blick auf das Bild geworfen hatte, waren die Äste kahl gewesen und der gemalte Himmel hatte die Farbe der Dämmerung gehabt. Jetzt waren da feine weiß glitzernde Blüten. Der Himmel trug das dunkelblaue Kleid der Nacht, und als sie eine kleine Weile wartete, tanzten Blüten durch die gemalte Luft, als wären sie Schnee, Schmetterlinge und Tränen zugleich. Rain betrachtete all das fassungslos. Ein großer Kloß aus Tränen, die sie nicht weinen wollte, schnürte ihr die Luft ab.
   Sie sah sich um, aber da war niemand, der ihr Beachtung schenkte. Die vorbeieilenden Passanten achteten weder auf sie noch auf das Bild, das sie wie ein Meer eine Insel umschwemmten, ohne es zu berühren. Sie hatte erwartet, Christian zu sehen oder das Mädchen, das er Stina genannt hatte und das die wunderbaren Bilder malte.
   Bilder, deren Farben und Linien lebendig waren, wilde Tänze tanzten.
   Bilder, die Träume und Erinnerungen malten. Mit ihnen spielten.
   Rain wünschte, sie könnte mehr tun, als sie lediglich zu betrachten. Sie wünschte, das Bild könnte sie zurück in den Central Park bringen, zu Christian, zu dem Moment, in dem noch alles schön war. Bevor das letzte Blütenblatt gefallen war. Bevor der Taubenfänger gekommen … Sie schrak auf, weil sich mit der Erinnerung an diese Dinge auch die an den Hausarrest zurück in ihr Bewusstsein schlich.
   Sie musste zurück in die Wohnung. Was sollte sie auch hier tun?
   Nochmals ließ sie den Blick über die Leute schweifen, aber es war kein bekanntes Gesicht zu sehen.
   Kein Christian, keine Stina, kein Danny. Niemand, der mit der Welt zu tun hatte, die sie anscheinend berührt hatte.
   Eine Welt, in der Märchen wahr waren.
   Wie ihre Mutter gesagt hatte. Ob Mom auch …?
   Eine weitere Frage, die ihr niemand beantworten konnte.
   Mit hochgezogenen Schultern ging sie nach Hause. Der Regen hatte ihre Kleidung völlig durchnässt. Sie fror, denn es war noch ein Stück kälter geworden als zuvor.
   Viel zu kalt für den Sommer, viel, viel zu kalt.

Sie wollte sich gerade an die Hausaufgaben setzen, nachdem sie ihre Klamotten gewechselt hatte, als das Telefon klingelte. Abby, dachte sie mit einem Schmunzeln und nahm ab.
   Es war jedoch nicht Abby. Rain bemerkte es, ehe ein Wort gefallen war. Das »Hallo«, das ihr auf den Lippen gelegen hatte, verebbte.
   »Ich wollte nur hören, ob es dir gut geht«, sagte jemand fahrig, als wäre es ihm unangenehm.
   Jemand, dessen Stimme sie kannte. Christian.
   Rains Herz machte einen Sprung, nur um in der nächsten Sekunde auszusetzen. Er hatte sie angerufen! Nur mit Mühe fand sie ihre Stimme wieder. »Mir geht es gut.« Was in diesem Moment nicht mal eine Lüge war. »Wieso fragst du? Woher hast du überhaupt meine Nummer?«
   Das darauffolgende Schweigen verriet ihr, dass er am liebsten nicht antworten würde.
   »Christian?«
   »Ich habe das mit dem Taubenfänger gehört. Es … es tut mir leid. Ich hätte nicht einfach gehen dürfen. Niemand sollte bei Nacht im Central Park sein.«
   Rain verkniff sich, zu sagen, dass sie das in der letzten Zeit häufiger gehört hatte. »Ich hatte Hilfe«, sagte sie stattdessen. Ein wenig steif, wie sie fand.
   »Ich weiß. Das ist gut.«
   »Du kennst Danny?« Es war nicht wirklich eine Frage, eher eine Feststellung.
   »Ja.«
   »Er hält nicht besonders viel von dir.«
   »Möglich.«
   Rain verdrehte die Augen. Immer nur kurze Antworten. Nichts, das sie weiterbrachte. Sie wagte einen Vorstoß. »Er hat gesagt, dein Herz wäre aus Eis.«
   Ein scharfes Ausatmen zerriss die Stille am anderen Ende der Leitung. »Hat er das?« Unterdrückte Wut in den Worten.
   Rain nickte und warf ein rasches »Ja« hinterher, als ihr einfiel, dass Christian sie nicht sehen konnte.
   Erneutes Schweigen. Lange. Zu lange. Fieberhaft überlegte Rain, was sie tun konnte, um das Thema zu wechseln. »Ich würde dich gern wiedersehen«, sagte sie schließlich. Ab und zu musste man Sehnsucht in Worte fassen, um ihr eine Chance zu geben, denn auch Sehnsüchte waren nichts weiter als zerbrechliche Traumseifenblasen.
   »Nein«, sagte Christian, zu schnell und zu hart, sodass die Blase zerplatzte.
   »Warum nicht?« Rain hasste sich für diese flehende Frage, die sie schon mal gestellt hatte, aber noch mehr hasste sie sich für die Tränen, die ihre Wangen hinunterliefen und die Stimme verfärbten.
   »Es ist gefährlich«, antwortete Christian. Er schwieg erneut. Rain dachte gerade, er würde auflegen, als er sich räusperte. »Aber Danny ist es auch. Sein Herz ist aus Feuer.«
   Er legte auf, ehe Rain reagieren konnte. Sie stand einfach nur da, das leise tutende Telefon in der Hand.
   Ein Herz aus Eis.
   Eines aus Feuer.
   So vieles, was sie nicht verstand. Fast wünschte sie sich den Schmerz zurück, den sie empfunden hatte, als ihr Herz gebrochen war – oder als sie gedacht hatte, dass es das wäre. Er war schlimm gewesen, ja. Aber sie hatte ihn verstanden.
   Eigentlich, dachte sie, hätte er länger bleiben müssen. Der Schmerz war jedoch fort, nur noch eine blasse Erinnerung. Gegangen, als Christian gekommen war.
   Christian.
   Der sie nicht wiedersehen wollte, aber trotzdem bei ihr anrief.
   Christian.
   Den sie wiedersehen musste. Unbedingt. Trotz allem, was er ihr gesagt hatte. Wegen allem, was das Herz ihr zuflüsterte.
   Sie rief Abby an und erzählte ihr alles: vom Treffen mit Danny, von dem Bild an der Straßenecke gegenüber, von Christians Anruf, von den Herzen aus Feuer und Eis.
   Abby hörte zu, wie nur beste Freundinnen es vermochten, wenn man traurig, glücklich und verwirrt zugleich war.
   Es machte nichts, dass sie Rain nicht helfen konnte und sie genauso wenig verstand, was es mit all dem auf sich hatte.
   »Wir sehen uns morgen.« Als sie nichts mehr zu sagen wussten, das nicht bloß nichtig und zeitausfüllend gewesen wäre, beendeten sie das Gespräch und legten auf. Rain ging in ihr Zimmer, setzte sich auf die Fensterbank und starrte hinab auf das Kreidebild, das langsam vom Regen fortgespült wurde.

Sie blieb sitzen, bis das Bild nur noch ein leichter Schatten auf dem regennassen Asphalt war. Erst mit Einbruch der Dämmerung stand sie auf, um sich um die Hausaufgaben zu kümmern. Ihr Dad schien Überstunden machen zu müssen. Oder war er bereits da und sie hatte ihn nicht gehört? Dann wäre er jedoch zu ihr gekommen, um Hallo zu sagen. Sie überlegte, in seinem Büro anzurufen, als sie den Schlüssel in der Tür hörte. Eine Minute später steckte ihr Vater den Kopf in das Zimmer. Er sah blass und erschöpft aus, lächelte aber zur Begrüßung.
   »Hi.«
   »Hi. Wie war dein Tag?« Seine Worte klangen so müde, wie er aussah.
   »Normal. Schule. Hausaufgaben.« Rain fühlte sich nicht wohl dabei, ihn anzulügen. Sie mochte keine Lügen, hatte sie nie gemocht. Lügen taten nur weh, wenn man sie aufdeckte, weil sie Vertrauen zerbrachen. Manchmal musste man allerdings lügen. Wenn sie es jetzt nicht tat, würde ihr Dad sich Sorgen machen. Das wollte sie nicht. Er hatte genug um die Ohren. Zudem war alles normal gewesen. Zumindest in der Schule und bei den Hausaufgaben. Sie hatte lediglich nicht alles erzählt. »Wie war es bei dir?«, fragte sie, um von sich abzulenken.
   »Anstrengend. Im Moment ist die Hölle los.«
   Robert war Anwalt. Früher hatte sich Rain gefragt, wie sich er und Mom hatten kennenlernen können. Robert war ernst und realistisch, während ihre Mutter so frei und offen und voller Märchen im Kopf gewesen war. Vielleicht war es gerade das gewesen, was sie miteinander verbunden hatte. Romy hatte Robert in Märchen entführt und er hatte dafür gesorgt, dass sie nie den Boden unter den Füßen verlor.
   »Spannende Fälle?«
   »Nein. Alles nur langweilig, aber aufwendig. Aber keine Mörder oder so.« Er grinste schief.
   Ihr Dad erzählte ihr nie viel von seinen Fällen. Zum einen, weil er es nicht durfte, aber auch, weil er es nicht wollte. Für ihn war Rain immer noch sein kleines Mädchen.
   »Hast du schon gegessen?« Jetzt war er es, der ablenken wollte.
   Rain schüttelte den Kopf. An Essen hatte sie überhaupt nicht gedacht.
   Ihr Vater lächelte. »Dann mache ich uns ein paar Nudeln. Ich rufe dich, wenn sie fertig sind.« Schon war er verschwunden.
   Rain hörte dem Klappern in der Küche einem Moment zu, ehe sie mit den Hausaufgaben weitermachte, bis Dad sie zum Essen rief.
   Robert konnte wunderbare Nudeln mit einer Käse-Sahne-Soße zaubern. Eine Weile blieben sie anschließend zusammensitzen, dann ging Rain auf ihr Zimmer, machte rasch die übrigen Hausaufgaben, bevor sie sich ins Bett legte.
   Sie schlief sofort ein und träumte.
   Von Christian und Danny, von Eis und Feuer und davon, in beidem zu vergehen.

Kapitel 4

Als sie aufwachte, war ihr heiß und kalt zugleich. Am liebsten hätte sie die Bilder des Traums sofort vergessen, aber sie spürte, dass dieser Traum eines Tages mehr sein würde. Manche Träume warfen lange Schatten.
   Das wusste sie.
   Genauso, wie sie wusste, dass das Glück blind und im Moment weit fort war.

Sie konnte später nicht sagen, wie sie in die Schule gelangt war. Den Vormittag erlebte sie wie in Trance, als ob sie selbst ein Stück von der Welt entrückt worden wäre. In ihrem Geist tanzten noch die Erinnerungen ihres Traumes, sodass sie ohne Abby wohl zu keiner Zeit am richtigen Ort gewesen wäre. Sie hatte ihr von dem Traum erzählt, woraufhin Abby sie fest in den Arm genommen hatte, als wollte sie verhindern, dass sie auseinanderbrach, weil das Durcheinander in ihr zu groß wurde. Danach hatte Abby sie durch die Gänge und Stunden geführt, bis es zur Mittagspause klingelte.
   Erst da hatte Abby sie sanft gerüttelt und, als Rain sie nur verwirrt angesehen hatte, den Beutel mit den Gerümpel-Runen geschüttelt. »Es ist soweit.«
   Rain nickte. Sie biss sich auf die Lippen. Es war nicht immer gut, Antworten zu finden. Fast wünschte sie sich, zurück in die Traumbilder von Feuer und Eis zu gehen, die sie nicht losgelassen hatten.
   Jetzt, da es soweit war, wusste sie plötzlich nicht mal mehr, wonach sie fragen sollte. Da waren zu viele Dinge, die sie nicht verstand.
   »Du weißt nicht, was du fragen sollst, oder?« Abby hatte es ihr an der Nasenspitze angesehen. Aufmunternd strich sie ihr über den Arm.
   Die Bibliothek war menschenleer. Trotzdem hatten sie sich in einen Gang gesetzt, in den sich nie jemand verirrte.
   Rain nickte. »Da ist so vieles«, flüsterte sie.
   »Frag, was du tun sollst, denn darum geht es doch.«
   Erneut nickte Rain, während sie mit einer Hand über den weichen Teppich strich, der in diesem Teil der Bibliothek die Schritte verschluckte. Sie liebten diesen Teppich. Er war nur in drei Gängen ausgelegt, dunkel und weich und dick. Der Rest des Bodens war mit Linoleum ausgelegt, um die Fußspuren von schlammigen und staubigen Schülerschuhen schneller abwischen zu können. Warum im hintersten Winkel noch dieser alte Teppich lag, wussten sie nicht. Abby hatte die Bibliothekarin danach gefragt, doch sie hatte nur mit den Schultern gezuckt. »Da geht ohnehin niemand hin. Die Bücher dort interessieren niemanden mehr, nur manchmal, wenn einer der Lehrer auf die Idee kommt, sie wieder mal zu erwähnen. Aber das passiert selten. Selbst die Lehrer haben diese Bücher vergessen. Wir haben sie nur für den Fall, dass.«
   Solange Abby und Rain auf diese Schule gingen, war dieser Fall nie eingetroffen.
   Wie die Bücher schienen auch sie hier vergessen zu werden, zumindest für eine Weile. Das reichte manchmal schon.
   Abby nahm das kleine Buch aus dem Flickenbeutel, in dem ihre Großmutter die Bedeutung der Runen aufgeschrieben hatte.
   Den Beutel mit den Figuren und anderen kleinen Dingen gab sie anschließend Rain, die ihn mit zitternden Händen schüttelte. So, wie man es machen musste. Drei Mal schütteln und fest an die Frage denken, um die es ging.
   Was soll ich tun?
   Was soll ich tun?
   Was soll ich nur tun?
   Währenddessen tanzten abermals die Bilder des Traumes durch ihre Erinnerung, vermischt mit Christian, Danny, Einhörnern und Eisbäumchenblüten.
   Nach dem dritten Schütteln öffnete sie den Beutel, hielt die Öffnung zu und stellte ihn auf den Kopf. Sie wartete einen Moment, ehe sie die Öffnung losließ. Die Gerümpel-Runen fielen bunt durcheinander auf den Teppich. Berührten sich mit einem leisen Klingen und Klirren und blieben schließlich liegen.
   Rain zog die drei Gegenstände, die als Nächstes zu ihr hin lagen, zu sich.
   So war die Regel. Die drei Dinge, die am nächsten zum Fragenden lagen, bargen die Antwort.
   Einen nach dem anderen zeigte sie Abby.
   Ein kleines Kreuz aus dunklem Holz.
   Ein winziger Baum aus Messing.
   Eine schwarze Krähe aus Gummi.
   Abby schlug sie nach. Der Zeigefinger wanderte über die geschriebenen Worte ihrer Großmutter, als verfolgte er eine Spur.
   Seiten wurden umgeblättert. Mal nach vorn. Mal nach hinten.
   »Was?«, fragte Rain ungeduldig.
   Ein bisschen kannte sie die Bedeutung der verschiedenen Runen. Aber nicht genau. Und nicht von allen.
   Abby schüttelte mit gerunzelter Stirn den Kopf. »Ich weiß es nicht. Ich weiß es einfach nicht.«
   »Was meinst du?«
   »Dass ich es nicht weiß.«
   »Ja, aber die Runen …«
   »… geben mir zum ersten Mal keine Antwort, aus der ich schlau werde.«
   Rain biss sich auf die Lippen. Das konnte doch nicht sein! »Was bedeuten sie? Vielleicht kommen wir zusammen auf die Lösung.« Sie wusste, dass sie Abby mit diesem Vorschlag vielleicht verletzte. Abby kannte die Runen so genau, dass es beinahe unmöglich war, dass sie sie nicht deuten konnte. Aber sie konnte sich mit Abbys Antwort nicht abfinden.
   Weil Abby sie genauso gut kannte wie die Runen, nickte sie. »Das Holzkreuz«, sagte sie, »steht für etwas Trauriges, für etwas oder jemanden, der unwiederbringlich verloren ist.«
   Rain dachte sofort an ihre Mutter. Kein Verlust wog so schwer wie dieser. »Wofür steht der Messingbaum?«
   »Für einen Ort, an dem man gern ist. An dem man sich geborgen fühlt.«
   »Zuhause?«
   Abby verzog verneinend das Gesicht. »Kann ich mir nicht vorstellen. Wäre irgendwie zu einfach.«
   Rain ging die Orte durch, die sie regelmäßig aufsuchte, aber so recht wollte ihr keiner einfallen. Also zeigte sie auf den letzten Gegenstand, die kleine schwarze Gummikrähe.
   Abby blätterte schnell durch das Buch. »Ein Führer«, las sie vor, als sie die richtige Stelle gefunden hatte. »Ein Wegweiser.« Sie sah vom Buch auf und sah Rain neugierig an. »Verstehst du, was die Runen dir sagen wollen?«
   Rain schwieg einen Moment, ließ die drei Figuren gedankenlos durch die Finger kreiseln.
   Jemand, den man verloren hatte.
   Ein Ort, an dem man sich geborgen fühlt.
   Ein Wegweiser.
   Einige Augenblicke später lächelte sie. »Ich glaube schon.«
   Abby starrte sie ungläubig an. »Was?«
   »Ich glaube, dass ich auf den Friedhof muss. Zu meiner Mutter. Und dass ich dort jemanden – oder etwas – finde, was mir den Weg weist. Meine Frage war schließlich, was ich tun soll. Ich habe nicht nach Christian oder etwas anderem gefragt, sondern nur danach, was ich als Nächstes tun soll. Anscheinend ist dies ein Besuch bei meiner Mutter.«
   »Klar! Du hast deine Mutter unwiederbringlich verloren, aber du kannst sie auf dem Friedhof besuchen! Da fühlst du dich wohl. Also muss da der Wegweiser sein.« Abby schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn, weil sie selbst nicht darauf gekommen war.
   Rain lächelte. Ja, genau so musste es sein.
   Abby war nicht mehr zu bremsen. »Wir gehen direkt nach der Schule«. Sie lachte. »Ehrlich, ich dachte schon, die Gerümpel-Runen würden nicht mehr funktionieren.«
   Rain stoppte die Begeisterung nur ungern. »Ich kann nach der Schule nicht.«
   »Was? Aber warum denn?« Abby verstummte. »Hausarrest«, beantwortete sie sich die Frage schließlich selbst.
   »Genau.«
   »Mist. Was jetzt?«
   »Jetzt werde ich wohl warten müssen. Zwei Tage sind bereits vorbei. Wie lange können schon zwölf Tage werden?« Sie seufzte. Abby lächelte ihr aufmunternd zu. Keine von ihnen sprach aus, was sie wussten. Zwölf Tage konnten eine Ewigkeit sein. Schon zwölf Minuten konnten eine sein.
   Es klingelte. Die Pause war vorbei.
   Abby packte die Runen in den Beutel und steckte das Buch dazu. Beim zweiten Klingeln waren sie auf dem Weg zum nächsten Klassenraum. Sie hofften, dass die Zeit schnell vergehen würde.
   Die Zeit hatte sich jedoch bisher nie drängen lassen, eher im Gegenteil: Je mehr man versuchte, sie zur Eile anzutreiben, desto langsamer bewegte sie sich.
   Als die letzte Schulstunde des Tages vergangen war, hatten sie das Gefühl, seit der Pause wäre eine ganze Woche vergangen. Wenn nicht sogar mehr.
   Sie verabschiedeten sich mit einer stummen Umarmung, da keine von ihnen einen Trost wusste.
   Auf dem Heimweg überlegte Rain, was sie tun könnte, um auf den Friedhof gehen zu können.
   Am liebsten wäre sie sofort hingerannt, aber heute würde ihr Dad bestimmt nochmals anrufen, um zu sehen, ob sie wirklich zu Hause war. Es war nicht so, dass er ihr nicht vertraute. Er wusste allerdings, dass sie ebenso freiheitsliebend war wie ihre Mutter.
   Mom hatte stets gesagt, dass man Singvögel nicht einsperren dürfe, wenn Rain sie gefragt hatte, warum sie ständig so lange und weite Spaziergänge mache. »Sie müssen fliegen. Sonst verlieren sie ihre Stimme.«
   Auch wenn Rain sehr viel vorsichtiger war als Romy und nie allzu weit von bekannten Wegen abwich, war sie wie sie.
   Es grenzte fast an ein Wunder, dass sie es überhaupt so lange in der Wohnung ausgehalten hatte. Das ganze Wochenende. Wahrscheinlich war sie zu sehr in Gedanken vertieft gewesen. Eigentlich war sie es immer noch, weswegen es ihr auch nichts ausmachte, nach Hause zu gehen. Sie würde nicht weglaufen. Das war nicht ihre Art.
   Heute wartete niemand vor dem Haus auf sie. Als sie in der Wohnung in ihr Zimmer stürmte, um aus dem Fenster zu sehen, ob nicht eventuell ein neues Bild da war, konnte sie keines entdecken.
   Sie hatte zwar bereits auf dem Weg darauf geachtet, aber es hätte ja sein können, dass dort, wo sie nicht lang gekommen war … Dem war nicht so. Das Bild von gestern war ebenfalls fort. Der Regen hatte nichts übrig gelassen als das Grau des Bodens, und als wäre seine Aufgabe damit erfüllt gewesen, hatte der Regen aufgehört. Nur einige Wolken hingen am Himmel und verdeckten die Sonne. Es war jedoch etwas wärmer geworden.

Als ihr Dad anrief, freute sie sich, seine Stimme zu hören.
   Er klang weniger erschöpft als am Vorabend. »Wie geht es dir?«
   »Es geht«, sagte sie wahrheitsgemäß. Sie fühlte sich nun doch eingesperrt und wäre lieber auf dem Friedhof, wo sie auf den Hinweis hoffte.
   Er seufzte.
   Rain wusste, dass er mit sich haderte. »Papa, kann ich heute – nicht für lange, nur ein bisschen – auf den Friedhof? Zu Mom?«
   »Warum ausgerechnet heute?« Er klang ein wenig überrascht.
   »Ich weiß nicht. Mir ist einfach danach.« Nicht die ganze Wahrheit. Nicht mal die Hälfte.
   Er schwieg eine Weile. »Du vermisst sie, oder?«
   »Natürlich.«
   »Ich auch.«
   Erneut blieb es einen Moment in der Leitung still. »Also gut. Aber nicht lange.«
   Rains Herz zersprang fast vor Freude in der Brust. »Ich verspreche es. Nur ein paar Minuten«, jubelte sie in das Telefon.
   Wenige Minuten später stand sie auf der Straße, um sich auf den Weg zum Friedhof zu machen.
   Kurz hatte sie erwogen, Abby anzurufen. Obwohl es womöglich unfair war, es nicht zu tun, hatte sie sich dagegen entschieden. Eine innere Stimme sagte ihr, dass sie allein gehen musste, weil es ihre Frage gewesen war. Ihre Antwort.
   So lief sie allein durch die Straßen New Yorks, bahnte sich einen Weg durch die Menschen und Autos, die wie nicht enden wollende Schlangen ihren Weg durch die Stadt nahmen, die niemals schlief und niemals schwieg.
   Erst auf dem Friedhof fand Rain ein wenig Ruhe. Ihr Atem ging schnell und das Herz schlug wild, so sehr hatte sie sich zur Eile angetrieben. Sie setzte sich auf die kleine Bank, auf die sie sich stets setzte, und lauschte den Vögeln, die sich in den Kronen der wenigen Bäume versteckten, die ihre Wurzeln in den Boden neben den Toten strecken durften. Wie immer klang das Zwitschern der Vögel für Rain wie das Lachen von ihrer Mom. Prüfend sah sie sich um, ob nicht irgendwo irgendetwas war, das ihr bis dahin verborgen geblieben sein könnte.
   Sie fand nichts. Alles war so, wie es an diesem Ort immer gewesen war.
   Die hellen Grabsteine mit den Inschriften.
   Die Stille.
   »Ach Mama«, flüsterte sie und hoffte, die Luft, in der die Erinnerung an Romys Asche lebte, würde ihr eine Antwort zuraunen, ihr den Wegweiser bringen – oder der Wegweiser sein.
   Aber niemand gab ihr eine Antwort.
   Sie nahm ein Stöckchen und begann, Herzen in den staubigen Sand des Weges zu malen, der zu der kleinen Bank führte. In jedes einzelne schrieb sie ein C.
   Sie wusste, dass es albern war, aber es vertrieb ihr die Zeit, während sie auf etwas wartete, von dem sie nicht wusste, was es war.
   Eine Stimme ließ sie hochfahren.
   »Wenn man jemanden liebt, sollte man seinen Namen in einen Kreis schreiben, nicht in ein Herz, Mädchen. Herzen können brechen. Kreise aber gehen ewig weiter.«
   Erschrocken fuhr Rain herum. Neben ihr, nur wenige Schritte von der Bank entfernt, stand ein Mann. Rain vermutete, dass es ein Obdachloser war, denn seine Hände ruhten auf dem Griff eines vollgeladenen Einkaufswagens und die Sachen, die er trug, waren abgetragen. Es war schwer, sein Alter zu schätzen, weil die Haut von Wind und Wetter wie gegerbtes Leder geworden war. Falten zerfurchten das Gesicht, als wären sie die Straßen, über die der Mann gezogen war. Die Augen aber leuchteten jung und vergnügt in der mattgrünen Farbe von Sommerlaub. Rain beäugte ihn zwar misstrauisch, aber sie wusste gleich, dass sie nicht anders konnte, als den Mann mit den kinnlangen, strähnigen sandblonden Haaren zu mögen.
   Der Fremde kam näher. Seine Kleidung war keineswegs ungepflegt. Er trug eine blaue verwaschene Jeans, die Stellen hatte, die nur noch von wenigen Fäden zusammengehalten wurden. Drüber trug er ein schlichtes schwarzes T-Shirt, auf dessen Brust ein Stern gedruckt war.
   Er lächelte Rain an, dann hob er die kantige Nase in die Luft und schnupperte. Nach einer Weile sah er Rain erneut an. »Merkwürdig«, sagte er und ließ sich neben ihr auf die Bank fallen.
   »Was ist merkwürdig?«
   »Dass die Luft an diesem Ort nach Sommer und Winter zugleich riecht.« Seine sommerlaubgrünen Augen musterten sie freundlich.
   Rain schwieg. Sie dachte an Herzen aus Eis und Feuer.
   Der Fremde riss sie erneut aus ihren Gedanken. »Ein C. Wie schmeichelhaft für mich.« Er grinste und entblößte eine Reihe weißer Zähne. »Ich heiße Caspar.«
   »Ich bin Rain.« Sie fand es nur höflich, ihm ihren Namen ebenfalls zu nennen, obwohl sie daran denken musste, wie viele Märchen davor warnten, Fremden den Namen zu nennen. Namen waren mächtig.
   »Das erklärt einiges.«
   Rain war ganz und gar nicht dieser Meinung. Sie fand, dass überhaupt nichts erklärt war. »Wie meinst du das?«
   »Es erklärt, dass die Luft hier nach Sommer und Winter zugleich riecht. Wer die Herzen der Söhne von Mylady Summer June und Väterchen Frost berührt, verändert die Welt.«
   Rain brachte das nicht weiter. Caspar hätte ebenso gut chinesisch sprechen können.
   Er schenkte ihr ein verständnisvolles Lächeln. »Du kennst die alten Geschichten nicht, oder?«
   Rain schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht. Schon ein paar, denke ich, aber nicht alle. Es gibt viele.«
   Caspar nickte. »Also kennst du Märchen«, sagte er und fasste zusammen, was sie zwischen ihren Worten zu sagen versucht hatte.
   »Meine Mutter hat sie mir erzählt.« Rain dachte an Dornröschen, Schneewittchen, Aschenbrödel, Rotkäppchen und viele andere und an all die Dinge, die ihr die Märchen erklärt hatten, als sie klein gewesen war.
   Nicht vom Wege abzuweichen.
   Jemandem zu helfen, der Hilfe brauchte, denn irgendwann war man vielleicht selbst auf Hilfe angewiesen.
   Drachen waren nicht unbesiegbar.
   Prinzen hatten es nie einfach.
   Und ja, auch die Sache mit dem Happy End hatten ihr die Märchen erklärt.
   Mal gab es sie.
   Aber nicht immer.
   Und lange nicht für jeden.
   Caspar nickte. »Das ist gut. Es ist gut, Märchen zu kennen, wenn man in New York wohnt, denn in New York sind die Märchen zu Hause. So wie alles in dieser Stadt zu Hause ist.« Er räusperte sich kurz. »Kennst du die Märchen der frostigen Zeiten?«
   Rain hob fragend die Augenbrauen.
   »Hast du je von Väterchen Frost gehört? Oder von der Schneekönigin?«
   »Von beiden«, antwortete Rain. »Aber über Väterchen Frost weiß ich nicht so viel.«
   Caspar nickte erneut. »Das ist ein Anfang.«
   »Warum fragst du mich nach diesen Märchen?«
   »Weil sie die Antwort sind, die du suchst. Weil sie dir die Wahrheit sagen, über Herzen aus Eis und Feuer.«
   Rain flüsterte leise, was ihre Mutter immer gesagt hatte. »Alle Märchen sind wahr.«
   »Wohl gesprochen. Aber es gibt Märchen, die so wahr sind, dass niemand sie aufschrieb, weil man sie nicht für Märchen hielt.«
   »Aber du kennst diese Geschichten.«
   »Einen kleinen Teil davon.«
   »Woher?«
   Caspar zuckte mit den Schultern. »Ich kenne die Märchen. Ich kam mit ihnen hierher, denn einst folgte ich einem Stern zu einem neuen König, doch einem erreichten Ziel folgt immer eine neue Reise, und auch Sterne können ihre Richtung ändern. Aber wir wollten doch zu Väterchen Frost kommen. Du kennst ihn also nicht, sagst du.«
   Rain schüttelte den Kopf.
   »Väterchen Frost ist, ebenso wie Schneewittchen, Rotkäppchen, Dornröschen, das Mädchen mit den Schwefelhölzern und viele mehr, eine Figur aus einem Märchen. In der Alten Welt, die es schon gab, als New York nicht einmal ein Traum war, war er für die Menschen der Winter, ja, er ist es heute noch. Denn wie alles, für das es ein Wort gibt, ist er so wirklich, wie wir beide es sind.
   Und wie all die anderen Götter, Märchenfiguren und Legendenwesen, kam auch er hierher, als die Menschen nach Amerika aufbrachen, in eine neue Welt, in ein besseres Leben. Alle erdachten Wesen folgen stets jenen, die sie erdacht haben, denn ihr Glaube an sie ist ihr Leben.«
   »Du meinst, alle Märchenfiguren, alle Götter und Legenden leben in New York?«
   »Nicht nur in dieser Stadt. Sie sind verteilt über den ganzen Kontinent, denn wohin die Menschen gingen, da zogen auch sie hin. Aber viele von ihnen sind hier geblieben, denn New York ist das Herz der Welt.«
   »Wo sind sie?«
   »Überall. Nirgends. In einer der tausend Welten, die diese Stadt sein kann.«
   Rain schloss verwirrt die Augen.
   Dass Märchen wahr waren, das hatte sie geglaubt. Nie hätte sie allerdings erwartet, dass all ihre Figuren Wirklichkeit wären. Sie hatte immer gedacht, Märchen wären Geschichten, die sich jemand ausgedacht hatte, um eine Botschaft zu verstecken, eine Weisheit greifbar zu machen. Aber nicht, dass ihre Darsteller lebten, wie sie beschrieben waren. Sie schüttelte den Kopf. »Was hat all das mit Christian zu tun? Oder mit Danny?«
   Caspar lächelte. »Hab Geduld, Mädchen. Geschichten soll man nicht mit dem Ende voran erzählen. Das verdirbt den ganzen Spaß.«
   Rain sah ihn ungeduldig an.
   Beschwichtigend hob er die Hände. »Ich fange ja schon an.« Er lehnte sich zurück. »Alles, was ich dir nun erzähle, begann in Prag, auch wenn es darüber abweichende Meinungen in den wenigen Schriften gibt, die davon erzählen. Manche berichten, es hätte in Alaska begonnen, andere erzählen von den schneebedeckten Polkappen und wieder andere verlegen den Schauplatz unserer Geschichte in die Länder Kanadas. Die Wahrheit aber ist, dass diese Geschichte in Prag begann – zumindest der Teil, der für uns eine Bedeutung hat. Denn jeder Geschichte geht eine andere Geschichte voraus und ist sie zu Ende erzählt, beginnt gleichzeitig wieder eine neue. Aber wo war ich …«, murmelte er und wühlte in dem Einkaufswagen, als könnte er den verlorenen Faden dort wiederfinden.
   »Prag.« Rain half ihm auf die Sprünge.
   »O ja, richtig, Prag. Die wunderschöne Stadt an der Moldau, deren Häuser flüstern und über der die Sterne zu tanzen vermögen, wenn der Fluss seine gluckernden Lieder singt.
   In diese Stadt also floh – und nur so viel sei hier zur Vorgeschichte gesagt – Väterchen Frost einst, nachdem er sein eisiges Herz in den Gefühlsgefilden der Mylady Summer June verbrannt hatte. Denn Mylady Summer June, die der Sommer ist, und Väterchen Frost lernten einander kennen und lieben, doch wie es mit Feuer und Eis niemals funktionieren kann, weil das eine das andere zu verbrennen oder zu erfrieren vermag, konnte es auch mit ihnen nie gut gehen.
   So trennten sich die beiden voneinander und flohen, wohin der Wind sie auch trug. Man munkelt, Mylady Summer June sei nach Barcelona geflohen, wo Farben und Formen zu wirbeln lernten. Väterchen Frost ging nach Prag, und als er dort ankam, brachte er den Winter mit, obwohl dem Kalender nach Sommer war. Es schneite bei seiner Ankunft, und die gläubigen Menschen sahen es als Wunder an, Schneeflocken im August fallen zu sehen. So begann jemand eine Kirche zu bauen, die den Namen Maria Schnee tragen sollte. Aber auch dies ist eine andere Geschichte, nur so viel sei gesagt – die Kirche wurde nie fertiggestellt. Noch heute fehlt ihr der Turm, so schön ihr Herz auch sein mag.
   Doch das, was die Menschen als Wunder sahen, war nur Schnee, denn Schneeflocken sind die gefrorenen Tränen des Winters und so wollen wir zurückkehren in die Zeit, als Väterchen Frost seine Heimat in Prag suchte. Es heißt, er suchte sich sein Haus in den kleinen Gässchen auf der Kleinseite, aber so genau vermag dies niemand zu sagen. Das Einzige, worin sich alle Erzählungen einig sind, ist, dass er dort, wo er war, ein Mädchen traf, dessen Schönheit und Herzlichkeit strahlten wie ein Sonnenstrahl, der auf der Erde tanzt.
   Das Herz des Winters aber ist aus Eis, Schnee und Wintermagie, und deshalb reizte ihn das wunderschöne Wesen, dessen Herz rein und lieblich war, nicht im Geringsten. Schenkte sie ihm, dem sonderbaren Fremden, ein Lächeln und freundliche Worte, so nickte er höchstens kurz oder murrte eine barsche Antwort. Nie sah man eine Regung in seinen eisblauen Augen.
   Das Mädchen jedoch schloss Väterchen Frost in sein Herz, und die Liebe, die so geduldig war wie der Strom der Zeit, schmolz das Eis in Väterchen Frost. Der Herr des Winters nahm das Mädchen zu seiner Frau und kehrte mit ihr zurück in sein Reich, wo Paläste aus Eiskristall und Schneestein stehen. Sie waren glücklich, einander zu haben. Er schenkte ihr den Schnee und machte sie zur Königin der weißen Wintersterne. Bald schenkte sie ihm fünf Kinder – vier Söhne und eine Tochter.
   So malte der Schnee Bilder in die Welt und selbst der kälteste Wintertag hatte seine wärmenden Momente.
   Doch nichts hält ewiglich und das Glück ist blind und bleibt selten lange an einem Ort. Eines Tages nahm es Abschied von Väterchen Frost und seiner Frau, der Schneekönigin. Vielleicht war es ihm zu kalt geworden, dort im Winter, vielleicht ist es auch einfach so gegangen, weil das Glück eben manchmal geht.
   So kam es, wie es oft kommt, wenn man vergisst, was einem das Glück einst war. Eines Tages konnten sie sich nicht mehr daran erinnern, was sie einst am anderen geliebt hatten. Das Eis, zuvor geschmolzen durch ihre Liebe, umschloss die Herzen wie Mauern und so wurde die junge Frau ganz und gar zur Schneekönigin, von der man heute weiß, dass sie der Welt spitzkantige Schneekristalle ins Gesicht wirft. Die Wintertage, die Väterchen Frost seither über die Welt legt, haben kein warmes Wesen mehr.
   Man sagt, Väterchen Frost hätte seine Frau in den Tiefen seines Winterherzens sogar noch geliebt, aber er war nicht fähig, dies zu zeigen. Er wurde ihrer Gesellschaft überdrüssig und ließ sie allein zurück in dem Palast, der zu ihrer Festung werden sollte.
   Aber noch war er es nicht, denn noch war dort Liebe.
   Die Kinder der Schneekönigin waren bei ihrer Mutter, und sie allein waren in der Lage, ihrem erfrorenen Herzen ein wenig Wärme abzugewinnen. Keine Mutter kommt umhin, ihr eigen Fleisch und Blut zu lieben.
   Niemand weiß, wie lange es so blieb oder warum es sich änderte, aber eines Tages entschied Väterchen Frost, seiner Frau die Kinder fortzunehmen. In aller Heimlichkeit brachte er sie an einen unbekannten Ort. Vielleicht mögen es sogar gute Gründe gewesen sein, aber niemand nimmt einer Mutter ungestraft ihre Kinder, nicht einmal Väterchen Frost.
   Die Schneekönigin schrie und tobte so sehr, dass die Wände im Schloss aus Eis und Schnee Risse bekamen und die Welt fast unterging im Treiben der weißen Flocken. Doch kein Schreien, kein Toben half, ihre Kinder blieben verschwunden.
   So ging sie zu dem Mann, den sie einst geliebt hatte, für den sie nun jedoch nichts mehr empfand als Hass. Sie bat ihn, ihr die Kinder wiederzugeben und sie alle gehen zu lassen. Sie bettelte und flehte, doch was sie auch tat, Väterchen Frost blieb hart und lehnte die Bitten seiner Frau ab.
   In ihrem großen Zorn warf sie Väterchen Frost Worte an den Kopf, die so grausam und verletzend waren, dass sie nie wiederholt werden sollen. Dann geschah, womit niemand jemals gerechnet hatte: Väterchen Frost, der Winter selbst, der nicht weinen kann, weil all seine Tränen Eis sind, weinte eine Träne, denn die Liebe, die er einst für die Schneekönigin empfand, war eingeschlossen in seinem Herzen und brach auf, als sie sein Herz brach.
   Es war nur eine einzelne Träne, ein Kristall aus Eis, rein und klar wie ein Diamant. Sie fiel zu Boden, wo sie mit einem Klirren zersprang.«
   Rain horchte auf. »Wie der Spiegel, der im Märchen zerbrach.«
   Caspar nickte. »Nur, dass der Spiegel in Wahrheit diese Träne war. Aber wie im Märchen hat auch diese Träne ihre Bedeutung, so wie alles seinen Sinn hat. Doch zurück zu der Träne, die gerade geweint worden war und zu Abermillionen von Splittern zersprang. Diese Splitter verteilten sich in der Welt, wo sie anrichteten, was schon an anderer Stelle geschrieben worden ist.
   Die Schneekönigin aber griff sich an ihr Herz, denn dort, so spürte sie, fehlte etwas, was zuvor noch da gewesen war. Dass dieses fehlende Stück die Träne war, die Väterchen Frost geweint hatte, begriff zuerst niemand. Aber so war es, denn der Winter weint niemals aus sich selbst, sondern stets aus anderen. Nur, wenn man dieses Stück wiederfindet, kann man das zersprungene Herz heilen.«
   »Aber wenn die Träne von Väterchen Frost zersplittert ist, konnte das Herz der Schneekönigin doch gar nicht geheilt werden.«
   »Wohl wahr. Deshalb sucht sie seither nach diesen Splittern. Aber verlassen wir nun die Schneekönigin. Sie und ihre Suche sind nicht wichtig, jedenfalls nicht für uns.« Caspar lächelte, kramte erneut im Einkaufswagen herum und zog schließlich ein schwarzes Heft hervor. Als er es aufklappte, lag zwischen den Seiten eine kleine weiße getrocknete Blüte. Rain wusste sofort, dass es eine Blüte des Eisbäumchens war.
   »Uns interessiert, wohin Väterchen Frost mit seinen Kindern ging«, sagte Caspar und drehte die Blüte in der Hand. »Denn um die Kinder geht es.« Er berührte Rains Nase mit den trockenen Blütenblättern. »Nicht wahr?«
   Sie ahnte, worauf es hinauslief. Wer Christian war. »Christian ist der Sohn des Winters?« Sie kannte die Antwort bereits.
   Caspar nickte. »Der jüngste. Väterchen Frost brachte seine Kinder nach New York, wie auch Mylady Summer June ihre Kinder hierher brachte, denn auch sie fand in flirrender Hitze eine Liebe, die ihre Folgen hatten.«
   »Dann ist Danny ihr Sohn.«
   »Ja.«
   »Herzen aus Feuer und Eis«, murmelte Rain.
   Caspar schwieg, denn darauf gab es nichts mehr zu sagen.
   »Aber wie? Ich meine – sie sehen so jung aus.«
   »Sie sind die Kinder von Ewigen, und Ewige verändern sich nur selten. Väterchen Frost war genauso niemals jung, wie Mylady Summer June niemals alt war. Ihre Kinder tragen diese Magie ebenfalls in sich.«
   Rain nickte verstehend. Dachte an die Dinge, die Danny ihr gesagt hatte. Dass Christian sie erfrieren lassen konnte, während er dazu nicht fähig war. Dass sie beide zwei Seiten einer … sie führte den Satz, den er offen gelassen hatte, zu Ende … dass sie zwei Seiten einer Medaille waren. Was sie nicht verstand, war, warum Christian glaubte, gefährlich für sie zu sein.
   Wegen des Herzens aus Eis? Weil er sie erfrieren lassen konnte?
   Hatte die Geschichte nicht gerade erzählt, dass Liebe dieses Eis schmelzen konnte?
   »Warum hat Christian gesagt, er sei gefährlich?« Sie musste einfach fragen.
   Das Lächeln auf Caspars Gesicht verblasste, als wären ihre Worte ein Schwamm gewesen, der es wegwischte. »Seine Tränen sind wie die seines Vaters. Väterchen Frost hat seinen Kindern die Gabe – oder den Fluch – auferlegt, dass sie ebenfalls die Tränen aus fremden Herzen weinen können, wann immer sie verletzt werden. Denn nie, so wollte er, sollten seine Kinder leiden, so wie er gelitten hat, als die Schneekönigin sein Herz brach. Denn nur der, den man wirklich liebt, der hat die Macht, ein Herz zu brechen.«
   Rains Gedanken wanderten für den Bruchteil eines Momentes zu dem Jungen, den sie gedacht hatte zu lieben. Sie hatte es wirklich geglaubt – aber es war nicht so gewesen.
   Caspar holte sie zurück in die Gegenwart. »Väterchen Frost wollte nicht, dass sich seine Kinder je verlieben, und würden sie es doch tun, sollten sie nicht die sein, die leiden, sondern jene, die leiden lassen. Deshalb können seine Kinder Tränen weinen, die Stücke aus schlagenden Herzen sind.
   Er ahnte nicht, dass er ihnen damit Schreckliches antat, denn die Liebe kann man ebenso wenig verbieten oder maßregeln wie den Schmerz.
   Immer, wenn nun ein Winterkind weint, erfriert der Mensch, der es zum Weinen gebracht hat. Aber er ist nicht tot. Nur kalt. Das Winterkind muss zusehen, wie er leidet – und leidet selbst.« Das Lächeln, das sich auf Caspars Lippen zurückgeschlichen hatte, war trauriger als zuvor. »Die Winterkinder verlieben sich, wie jeder andere auch. Liebe lässt sich nicht einsperren. Manchmal sind sie sogar glücklich. Aber wehe dem, sie werden verletzt. Schon oft, so heißt es, wären Menschen in New York erfroren.«
   Rain presste die Lippen zusammen. Dachte an Zeitungsnotizen über Menschen, die tot und mit Erfrierungen aufgefunden worden waren.
   Was, wenn sie alle noch gelebt hatten, unbemerkt? Wenn sie nicht tot gewesen waren, wenn ihnen nur ein Stück ihres Herzens gefehlt hatte?
   Danny hatte gesagt, das Erfrieren sei schlimmer als der Tod durch den Taubenfänger.
   Ein Schauder lief ihr über den Rücken. Sie schüttelte sich, um den Gedanken loszuwerden. »Woher weißt du das alles?«, fragte sie Caspar, obwohl sie die Frage bereits gestellt hatte.
   »Ich kenne die Märchen«, antwortete er achselzuckend. »Wie ich schon sagte.«
   Rain erinnerte sich daran, was er von den Sternen, ihren Wegen und seiner Geschichte erzählt hatte. Ihr kam ein Gedanke, der nicht sein konnte, der aber der einzig logische war. Sie sah ihn an. »Wer bist du?«
   »Ich bin Caspar«, antwortete er. »Doch das ist nicht wichtig. Ich denke, du solltest jetzt nach Hause gehen. Ich glaube, es ist bereits zu viel Zeit vergangen für jemanden, der keine Zeit hat.«
   Alarmiert sah Rain auf die Uhr. Verdammt. Robert würde bald nach Hause kommen. Wenn er nicht schon da war. Mist.
   Wie schnell man die Zeit vergessen konnte, wenn man es nicht durfte.
   Caspar winkte ihr, als sie aufsprang und losrannte, so schnell, wie sie konnte. Weder sah sie zurück, noch achtete sie darauf, dass ihre Schritte die Herzen zerbrachen, die sie in den Staub gemalt hatte. Aber als sie sich doch noch einmal umdrehte, sah sie, dass Caspar die Herzen mit einem Stock wieder reparierte. Sie wollte schon fragen, warum er das tat, aber der Gedanke an ihren Dad löschte alle Worte. Er würde wütend sein. Wäre sie an seiner Stelle ebenso. Hoffentlich war er noch nicht zu Hause.
   Selbst die Geschichte von Väterchen Frost und der Schneekönigin war völlig aus ihren Gedanken verdrängt. Sie lief so schnell, dass ihr die Lunge brannte und das Herz raste, aber sie traute sich nicht, langsamer zu werden. Sie rempelte Passanten an und mehr als einmal mussten Autos mit quietschenden Bremsen für sie haltmachen, sodass Rufe von fluchenden Taxifahrern hinter ihr her klangen.
   Dann aber, sie war fast zu Hause, sah sie das Glück.
   Es winkte ihr lächelnd zu.
   Voll von Misstrauen, aber zu erschöpft um eine andere Wahl zu haben, verlangsamte Rain die Schritte: Aber das Glück blieb. Langsam ging es neben ihr her, nah genug, sie wissen zu lassen, dass es an ihrer Seite war, aber weit genug fort, als dass sie es hätte berühren können. Das Glück mochte es nicht, wenn man nach ihm griff.
   Rain erreichte die Haustür, schloss auf, fuhr mit dem Aufzug hoch und öffnete die Tür zur Wohnung.
   Ihr Vater war noch nicht da.
   Rain sah sich nach dem Glück um, wollte sich bedanken, aber sie konnte es nicht mehr sehen. Dennoch hauchte sie ein leises »Danke« in den Flur, ehe sie die Wohnungstür schloss. Rasch setzte sie sich an die Hausaufgaben, um den Anschein zu erwecken, sie hätte seit Stunden nichts anderes getan. Im gleichen Tempo, wie der Schlag ihres Herzens langsamer wurde, kehrte die Erinnerung an die Geschichte zurück, die Caspar ihr erzählt hatte.
   Die Söhne von Sommer und Winter.
   Herzen aus Feuer und Eis.
   Darüber hinaus ein Fremder, der einst einem Stern gefolgt war.
   Das alles konnte nicht sein, selbst nicht in ihren Augen.
   Tief in ihrem Inneren wusste sie jedoch, dass es stimmte. Alles. Weil Märchen so wahr waren wie alles andere. Am Ende konnte alles wahr sein, selbst eine Lüge, wenn sie nur jemand glaubte.

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