Dennis hat genug von London, bevor die Klassenfahrt dorthin richtig gestartet ist. Kotzen im Reisebus, mobbende Klassenkameraden und eine nörgelnde Lehrerin. Aber schlimmer geht immer: Plötzlich verfolgen ihn unheimliche Schattengestalten und er hat Visionen des mittelalterlichen Kriegerkönigs Edward I., der ihn Wulfric nennt und ihn anfleht, seine Tochter zu retten. Selbst die Zeit scheint sich gegen Dennis verschworen zu haben. Sie stoppt, und wenn sie weiterläuft, hat sich alles verändert. Auf einmal ist auch noch sein englischer Gastvater ein gesuchter Mörder und entführt Dennis zum Tower of London.

Ein höllischer Trip durch Vergangenheit und Zukunft beginnt. Restart – nichts ist für die Ewigkeit!

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ISBN: 978-9963-53-168-4

Seiten: 339

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Anke Höhl-Kayser

Anke Höhl-Kayser
Anke Höhl-Kayser ist nicht nur 1962 in Wuppertal geboren, sondern lebt auch gern dort. Studiert hat sie trotzdem an der Ruhr-Universität Bochum, und zwar Literaturwissenschaften. Im Jahr 2009 machte sie wahr, was ihre beiden Kinder und ihr Mann schon lange befürchtet hatten, und ist seitdem als Autorin und freie Lektorin tätig. Sie schreibt Fantasy und SF für alle Altersstufen, Kurzgeschichten und Lyrik. Inzwischen hat sie zehn Bücher veröffentlicht (darunter eine heitere Hommage an Wuppertal, gemeinsam mit Torsten Buchheit und Annette Hillringhaus), und ihre Kurzgeschichten und Gedichte sind in zahlreichen Anthologien erschienen, einige davon mit Preisen ausgezeichnet. Im Dezember 2015 gewann ihre Kurzgeschichte „Seelenfeuer“ den Drachenstern-Fantastikpreis.

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Vergangenheit
Ein Anfang. Ein Ende.



7. Juli 1028

Moire ließ den Kopf auf das Strohlager zurückfallen. Die Krämpfe wurden schwächer. Sie nahm das nachlässig gebündelte Reet des Hüttendachs über sich wahr, das von Holzbalken gestützt wurde. Der Rauchabzug über der kalten Feuerstelle gab den Blick auf den Sternenhimmel frei.
   Ein über ein Brett gespanntes, mottenzerfressenes Kuhfell trennte ihr Lager vom Rest der Hütte. Dreogan hatte das Fell irgendwo aufgetrieben, damit sie Ruhe hatte.
   Der Nachtwind war kühl und trocknete den Schweiß auf ihrer Stirn. Sie atmete tief die duftende Sommerluft ein. Moire hatte es geschafft. Sie würde leben. Es war nicht viel leichter gewesen als bei den ersten beiden Malen, aber sie war stark.
   Sie richtete sich schwerfällig auf dem Strohlager auf und legte sich das Neugeborene an die Brust. Sie lauschte in die Stille nach dem verebbenden Geschrei und hörte das kräftige Schmatzen des Kindes. Stolz und Triumph durchfluteten sie, auf diese gotteslästerlichen Gefühle folgte augenblicklich heiße Scham. Mit der freien Hand zeichnete sie ein Kreuz auf ihren Oberkörper, das den Säugling einschloss. »Danke, Herr, danke!«
   Wieder der Triumph, kaum zu unterdrücken. Moire ließ den Gefühlen freien Lauf. Gott war gütig, er würde ihre Schwäche in dieser Stunde verzeihen.
   Lag irgendwo wohl eine Frau, die gerade ein Kind geboren hatte und wie sie am Leben geblieben war? Eine Frau, die wie sie weiterleben würde, um vielleicht eines Tages zu sehen, wie ihre Söhne die Not des Alltags mit ihr teilten?
   Ein Bild erschien vor ihren Augen. Was war das?
   Sie sah eine andere Frau – blond, rundlich, mit schwellenden, bloßen Brüsten. Nicht auf Stroh, sondern in einem Holzbett, in einem großen Zimmer mit gemauerten Wänden.
   Eine Vision! Moire schauderte und versuchte, die Bilder fortzublinzeln, aber sie blieben. Der Frau wurde ein Sohn an die Brust gelegt. Moire schaute, zugleich verängstigt und fasziniert.
   »Zur gleichen Zeit wie du hat eine Mätresse namens Herleva in der Normandie einen Sohn zur Welt gebracht«, sagte eine Stimme in Moires Kopf. »Er wird England von den Dänen befreien und über das Königreich herrschen. William, genannt the Bastard. Er wird zu William the Conqueror werden.«
   Moire lauschte dem Klang der Stimme nach. Ein Unterton schwang darin mit, der ihr vertraut vorkam.
   »Du weißt es nicht, und du wirst es niemals erleben«, fuhr die Stimme fort. »Auch dein Sohn wird in einer fernen Zukunft über England herrschen. Man wird ihn den Rabenkönig nennen.«
   »Wird er mich stolz machen?«
   »Wenn er sich entschieden hat, wer er sein will.«
   Das Bild war fort. Die Stimme verstummte. Moire runzelte die Stirn und betrachtete jenes winzige rotgesichtige Ding mit seinen für einen Neugeborenen seltsam bernsteinfarbenen Augen, dem struppigen Haarschopf und der Stupsnase.
   Das fehlte noch, dass sie Stimmen hörte, die ihr solche Dinge erzählten!
   Sie kniff sich in die Wange. Genug jetzt mit Traumbildern und dummem Gerede, mit dem beschämenden Stolz! Gott war gütig, aber seine Geduld war nicht unendlich. Sie wollte nicht seinen Zorn auf ihre Familie herabbeschwören. Moire bekreuzigte sich erneut und betete ein Vaterunser. »Du hast uns gesegnet, Herr«, murmelte sie.
   Die beiden älteren Söhne hatten das jüngste Kindesalter schon hinter sich gelassen und lebten immer noch. Ein Wunder. So Gott wollte, würde auch dieser Sohn heranwachsen.
   Dreogan beugte sich über das Lager, er hatte mit ihr gewacht, war bleich und übernächtigt. Sie sah die Lachfältchen um seine Augen und empfand einen Glücksmoment. Moire hatte Dreogan geheiratet, obwohl sie um seine Gebrechen wusste. Die linke Hand und sein rechtes Bein waren lahm, er konnte trotz seiner zweiundzwanzig Winter nur unregelmäßig arbeiten. Die Menschen verachteten ihn, aber er war ein guter Mann, sanft und freundlich, er hatte sie noch nie geschlagen.
   Seine Familie bedeutete ihm alles. Er stellte seine Bedürfnisse stets hinter sie zurück. War nicht ausreichend Essen da, gab er seine Bissen Moire und den Kindern. Moire hatte genug Männer gesehen, um zu wissen, wie außergewöhnlich Dreogan war. Sie würde bei ihm bleiben, egal, was geschah. Wenn Gott ihnen weiter so wohlgesonnen war, würden sie nicht verhungern.
   »Weißt du schon einen Namen?«, fragte Dreogan und strich dem Baby zart über den Kopf.
   Diese Geste weckte ein schmelzendes Gefühl der Zärtlichkeit in ihr. Welcher Mann erlaubte schon seiner Frau, einen Sohn zu benennen? »Die Wikinger werden immer mächtiger«, flüsterte sie. »Wir müssen unseren Sohn schützen. Er soll heißen, als sei er einer von ihnen. Wenn sie seinen Namen hören, werden sie ihm kein Haar krümmen.«

7. Juli 1307

Unwürdig.
   Der Gedanke wiederholte sich in Edwards Kopf im Rhythmus der Schritte seines Pferdes.
   Unwürdig, so dahinzusiechen, in einem so schwachen Leib gefangen zu sein. Unwürdig, wo sein Verstand noch so wach und heiß und hell war. Achtundsechzig Jahre lang hatte sein Körper ihm willig gedient, nun war das Ende nah. Er war stets ein Realist gewesen. Auch der Hammer der Schotten, wie man ihn nannte, der Nachkomme Williams the Conqueror, Englands König seit fünfunddreißig Jahren, würde sterben. Vielleicht sogar noch heute.
   Er musste es schaffen. Nur noch ein Stück weit.
   Die schottische Grenze lag südlich. Burgh by Sands war fast erreicht. Ein paar Stunden Schlaf, wenn der Schlaf denn kommen wollte. Morgen würde es weitergehen. Würde es? Er wusste es nicht.
   »Ich bin noch nicht fertig«, sagte er laut.
   Die Männer, die vor und neben ihm ritten, zuckten zusammen. Es verschaffte ihm für einen Moment lang finstere Befriedigung. Er war noch immer der König, wie sterbenselend ihm auch sein mochte.
   Otto de Grandson lenkte sein Schlachtross neben ihn. Der Ritter aus dem Haus Savoyen war ein Greis wie Edward, ein Jahr älter als er. Aber Otto war nicht schwach.
   Otto würde leben, wenn er, Edward, schon unter der Erde lag. So, wie es aussah, noch viele Jahre lang.
   »Mein Lord«, sagte Otto. »Gibt es etwas, was ich für Euch tun kann?«
   Edward hasste die Besorgnis in seinen Augen. »Ja, verschaff mir Gesundheit und noch ein paar Lebensjahre«, fauchte er ihn an. Dann tat ihm sein Ausbruch leid. Zur Hölle mit seinem aufbrausenden Temperament. Otto war sein Freund seit Jahrzehnten, er war ihm immer treu gewesen.
   Philip war an seine Seite geritten. Edward starrte ihn an, es kam ihm so vor, als würde er jetzt zum ersten Mal erkennen, dass aus dem jungen Burschen, der ihm als Page und Knappe gedient hatte, ein siebenundvierzigjähriger Mann geworden war. Er war Roberts unehelicher Sohn, und er sah Edwards engstem Vertrauten, seinem Lordkanzler, so verdammt ähnlich, dass es Edwards Herz zusammenpresste. Tränen traten in seine Augen, er fühlte sich so traurig, als wäre Robert nicht schon vor fünfzehn Jahren, sondern erst gestern gestorben.
   Philip legte ihm eine Hand auf den Arm. Sein einstmals rotes Haar war grau meliert, und seine Sommersprossen waren verblasst. Aber er hatte immer noch dieses spitzbübische Jungengesicht, das den König zu mancher Maßregelung verleitet hatte. Edward wurde von einer solchen Zuneigung übermannt, dass die Tränen wie Sturzbäche über seine Wangen rannen.
   »Mein lieber Herr«, sagte Philip in tiefer Sorge. »Gönnt Euch eine Rast.«
   Edward hätte ihn gern in die Arme geschlossen, ihm gesagt, dass er wie ein Sohn für ihn gewesen war – all diese Jahre. Der Augenblick verging wie mancher zuvor, weil Edward so viele Dinge aufgeschoben hatte. Er hatte an seine Unsterblichkeit geglaubt. »Verlass mich nicht, Philip«, murmelte er.
   Philip war mit einem Satz vom Rücken seines Pferdes geglitten und stützte ihn.
   »In alle Ewigkeit nicht, mein Herr«, erwiderte er fest.
   Edward versuchte vergeblich, sich am Sattel festzuhalten und rutschte seitlich vom Rücken seines Pferdes in die Arme seines Ritters. Er konnte nicht mehr.
   Hatte er geschlafen, oder war er ohnmächtig gewesen?
   Die Augen zu öffnen war eine Tat, schwerer, als fünfzig Feinde mit dem Schwert zu erschlagen. Er sah den Baldachin eines Zeltes über sich. Durch den Rauchabzug blickte er in einen bewölkten Nachmittagshimmel.
   Er hörte die Ärzte gedämpft miteinander sprechen.
   »Die Ruhr hat seinen Körper völlig ausgezehrt. Ein paar Stunden vielleicht, nicht länger. Nur sein Wille hält ihn noch am Leben.«
   »Das dürft Ihr nicht sagen! Er darf nicht sterben! Edward der Erste ist der größte König Englands. Er hat Recht und Ordnung ins Land gebracht! Kein einziger Bürgerkrieg während seiner Herrschaft! Er muss leben, er muss die Schotten besiegen. Sein schwächlicher Sohn wird das niemals schaffen!«
   Daran bestand kein Zweifel, dachte Edward bitter. Siebzehn Kinder – und die besten hatte ihm der Tod genommen. Er dachte an Henry und Eleanor. Henry, der tapfere, von Krankheiten gebeutelte, kleine Junge, der wenige Monate nach Edwards Krönung gestorben war. Sieben Jahre nur waren ihm an irdischem Dasein vergönnt gewesen an der Seite seiner Eltern. Und Eleanor, Edwards kleine Eleanor … er sah ihr Gesicht, ihre flehenden blauen Augen, und konnte kaum noch atmen.
   »Wenn der Tod da ist, ist er da! Dagegen können auch die Herren Doktoren nichts ausrichten. Lasst mich durch!«
   Der Schreck fuhr Edward wie ein Schwert ins Herz, als er die Stimme hörte.
   Wulfric.
   Edward wünschte sich die Kraft, den Ärzten zu sagen, Wulfric nicht vorzulassen. Er versuchte zu sprechen, aber vergebens. Warum hatte er nie auf Robert gehört, und nicht auf alle anderen Freunde, die ihn vor Wulfric gewarnt hatten? Warum hatte er diesen Mann nicht von seinem Hof verwiesen, als er es noch konnte? Er wollte nicht sterben, wenn Wulfric dabei war. Er hatte Angst.
   »Ja«, flüsterte Wulfric in sein Ohr.
   Edward hatte nicht bemerkt, dass er schon an seinem Lager war, und der Schreck brachte sein Herz zum Stolpern. Wulfrics Atem an seiner Schläfe war eiskalt wie die Hölle und verbrannte ihm trotzdem die Haut.
   »Ja, du hast Angst, mein Freund, denn nun begibst du dich in meine Hände. Aber mach dir keine Sorgen – es ist keine Kraft mehr in dir. Es wird dir nichts anderes übrig bleiben, als zu sterben!«
   Edward wollte schreien, wollte ihn wegstoßen, aber er brachte noch nicht einmal ein »Nein!« über die Lippen. Sein Herz raste, und er hatte das Gefühl, ersticken zu müssen.
   Es wurde dunkel um ihn.

Der Himmel war deutlich dunkler geworden, aber es war noch nicht Nacht.
   Um sein Lager herum war Bewegung. Er roch gebratenes Fleisch. Ihm wurde übel. Nein, er konnte nicht essen. Es würde eh nicht im Magen bleiben. Man hielt ihm einen Becher Wein an die Lippen, der Trunk rann seine ausgedörrte Kehle hinunter. Augenblicke später schüttelte ihn das Erbrechen.
   Sanfte Hände richteten ihn auf. Ihm war so schwindlig, dass er nicht mehr wusste, wo oben und wo unten war. Er fiel den Männern in die Arme, hörte Rufe.
   »Die Priester! Lasst die Priester kommen!«
   Der Duft von Weihrauch stieg ihm in die Nase. Ein tröstlicher Geruch. Vielleicht würde Gott ihn schützen vor dem, was ihn erwartete. Vielleicht würde Gott ihn vor Wulfric bewahren. Die Hoffnung war sein letzter Gefährte auf dem Weg in die Dunkelheit.

Durch den Rauchabzug des Zeltes sah er den Sternenhimmel. Die Wolken waren fort. Kühle Nachtluft trocknete die Schweißperlen auf seiner Stirn.
   Er hörte die Liturgien der Priester. Man bereitete ihn für die letzte Ölung vor.
   So Gott wollte, hatten sie Wulfric fortgeschickt! Seine Angst ließ ein wenig nach, aber nur für einen Moment. Denn da war die Stimme wieder, diesmal nicht an seinem Ohr, sie schien von überallher zu kommen.
   »Es ist so weit, mein alter Freund!«
   Nein. Nein, ich will nicht. Ich entbinde dich von deinem Versprechen, das du mir gegeben hast. Ich verzichte darauf, ewig zu leben. Ich will sterben, wie es jedem Lebewesen bestimmt ist. Ich will sterben!
   »Dumm nur«, sagte die Stimme, »dass dir das erst jetzt einfällt.«
   Edward roch das Chrisam auf seiner Haut. Der Duft des Öls erinnerte ihn an eine andere Zeremonie, die viele Jahrzehnte zurücklag. Seine Krönung.
   An diesem Tag hätte er es beenden müssen.
   Sein Herzschlag setzte aus. Schwärze schlug über ihm zusammen. Dann riss es ihn wieder zurück in die Wirklichkeit.
   Er sah Wulfric neben sich sitzen. Das Gesicht wie immer zu einem wölfischen Grinsen verzogen, die Reißzähne entblößt.
   Vor ein paar Jahren hatte Edward die totale Ausrottung von Wölfen in seinen Wäldern in Auftrag gegeben, in der schwachen Hoffnung, es würde etwas nutzen. Es hatte nicht geholfen. Es hatte Wulfric nur noch hochmütiger und höhnischer gemacht.
   In vierzig Jahren war Wulfric keinen Tag gealtert. Doch außer Edward schien das niemanden zu wundern.
   Er wusste, warum. Wulfric hatte eine Art, Menschen die Dinge nach seinen Vorstellungen sehen zu lassen.
   »Deinen letzten Atemzug«, sagte Wulfric mit fordernder Stimme. »Im Austausch für das ewige Leben, wie versprochen.«
   »Die Priester«, röchelte Edward. Er hörte die lateinischen Gesänge, aber keiner der Schwarzröcke traute sich an sein Sterbebett.
   »Du brauchst keinen Priester.« Wulfric grinste, und Edward sah den Wolf hinter seinem menschlichen Gesicht.
   Schwärze senkte sich erneut herab, diesmal langsam. Er wusste, sie würde vor seinen irdischen Augen nicht mehr weichen. Es war vorbei, er konnte es nicht mehr ändern. Er fühlte Wulfrics Hand an seinen Lippen.
   »Der letzte Atemzug von Englands König«, sagte der Zauberer. »Siebenhundertsiebenundsiebzig und sieben Jahre, und ich werde herrschen.«
   Edward versuchte, den Atem anzuhalten, aber es war unmöglich. Die Luft entströmte seiner Lunge, und während sich die Realität ausblendete, spürte er, wie etwas aus seinem Inneren herausgezogen und in Wulfrics Hand gegeben wurde.
   Hinter seinen geschlossenen Lidern gleißte ein fünfzackiger Stern auf. Ein Pentakel. Verblasste.
   Dann nichts mehr.

Die Dunkelheit lichtete sich. Wieder einmal. Wie viele Jahrhunderte waren es jetzt? Edward hatte aufgehört zu zählen. Vielleicht war die Zeit schon bald um? Er hatte die Hoffnung nie aufgegeben. Eines Tages würde er kommen.
   Er stand in seinem Schlafzimmer im St. Thomas' Tower. Was machten all diese Jugendlichen hier? Sie tuschelten und lachten. Eine Respektlosigkeit in den Gemächern des Königs!
   Es durchfuhr ihn wie ein Blitz. Er hatte ihn entdeckt! Ihn und seine bernsteingelben Augen.
   Irrte er sich? Nein, es konnte kein Zweifel bestehen. Dort stand der Junge aus seiner Vision in der Nacht vor der Krönung, der Junge, der ihm in der Painted Chamber erschienen war und ihn gewarnt hatte.
   Er war es!
   Das bedeutete, dass es Hoffnung gab.
   »Wulfric!«
   Der Junge schien seine Gegenwart zu spüren. Edward triumphierte. Der Blick des Knaben verschleierte sich, er verlor alles Rot aus den Wangen und wurde ohnmächtig. Konnte es sein, dass Wulfric nicht wusste, wer er war? Er musste vorsichtig mit seinen Erklärungen sein, sie fein dosieren.
   »Wulfric«, schrie Edward. »Steh auf! Sofort!«

Gegenwart


1. Kapitel

Dennis hob den Kopf aus der Tüte. Sein Gesicht glühte. Noch nie in seinem ganzen Leben hatte er sich so geschämt. Er war überzeugt: Es konnte nicht schlimmer werden. Das hier war wie einer seiner Albträume. Es begann mit schwarzen Vögeln, die über ihn hinwegglitten. Dann stand er auf einmal inmitten von schwarzen Schattengestalten, die ihre Hände nach ihm ausstreckten, und schwarze Schwingen strichen über sein Gesicht.
   Nur dass hier kein gnädiges Erwachen folgen würde.
   Aber als Lena »Mann, Dennis, deine Ohren leuchten ja lila, ist das toll!« sagte, revidierte er seine Meinung. Er hatte sich geirrt. Es konnte tatsächlich noch schlimmer werden. Nach unten ging immer.
   Das Gelächter seiner Klassenkameraden verebbte allmählich. Es gab einfach viel mehr zu sehen als ihn, spuckend über seiner Tüte. Das kannte man schon.
   Der Doppelstockbus rumpelte soeben über die Tower Bridge. Dennis versuchte, sich von seiner Übelkeit mit einem Blick aus dem Fenster abzulenken. Er hatte eine großartige Aussicht auf die gegenüberliegende London Bridge. Nur, dass an der London Bridge im Gegensatz zur Tower Bridge mit ihren tollen Türmen und dem Mittelalter-Look nicht wirklich etwas Spektakuläres zu sehen war.
   Die Themse glitzerte im Sonnenlicht, futuristisch anmutende Sightseeingboote mit riesigen Fensterfronten fuhren darauf. Linker Hand grüßte das mächtige sandsteinfarbene Bauwerk des Tower of London.
   Dennis versuchte es, aber er konnte sich einfach nicht für diese Aussicht begeistern. Ihm war schlecht von der Rumpelei. Er hatte nach oben gewollt, aufs Oberdeck, aber die anderen hatten ihn an der Treppe zurückgeschubst, und nun saß er nicht auf der Aussichtsplattform an der frischen Luft, sondern bei dreißig Grad Außentemperatur im stickigen Innenraum, was der Grund für seine Übelkeit war. Alle – oder zumindest alle in diesem hinteren Teil des Busses – hatten ihn ausgelacht, weil er mal wieder gekotzt hatte. Sogar Rika hatte gegrinst, wenn auch nur schwach.
   Klar. Hatte er wirklich gedacht, auf dieser Klassenfahrt würde es anders sein? London konnte ihm gestohlen bleiben. Wie schön, dass er noch eine Woche vor sich hatte, um dieses Gefühl auszukosten.
   »Dennis, du hältst die Tüte schief«, bemerkte Rika trocken. »Gleich schüttest du das Zeug auf Ansgars Schuhe.«
   Dennis zuckte zusammen und riss die Tüte nach oben, während Ansgar ihn wütend anfunkelte. Das fehlte gerade noch, dass er den sauer machte.
   Ansgar war einen Meter fünfundachtzig groß und in etwa genauso breit. Leider bestand seine Breite nicht aus Fett, sondern aus Muskelmasse, ansonsten wäre es vielleicht nicht so schlimm gewesen. Aber sein Lieblingssport war Ringen. Den übte er gern auch außerhalb seines Sporttrainings aus.
   Er minimierte sein Verletzungsrisiko, indem er sich Gegner suchte, die ihm deutlich unterlegen waren. Dennis war ihm dabei am liebsten. Keine Frage, warum.
   Die London Bridge verschwamm vor Dennis' Augen, und er erblickte sein Spiegelbild in der Scheibe. Er überlegte bei dem, was er sah, ob er die Kotztüte noch mal brauchen würde.
   Er war zwanzig Zentimeter kleiner als Ansgar und schmächtig. Er habe »gefährliches Untergewicht«, hatte der Arzt bei der letzten Routineuntersuchung gesagt, und seine Pflegeeltern waren richtig wütend auf ihn gewesen, weil er nicht essen wollte. Nur, wie konnte man essen, wenn man ständig einen Knoten im Magen hatte?
   Und auch ansonsten sah er in der Fensterscheibe nichts Erfreuliches. Dennis' dunkelbraunes Haar stand widerborstig in verschiedene Richtungen vom Kopf ab, und da halfen weder Bürste noch Haargel. Eine Mondlandschaft mit ihren Kratern war nichts gegen sein pickelübersätes Gesicht, und im Moment stimmte sogar die Farbe … aschgrau. Bei seinen männlichen Klassenkameraden sprossen schon ordentlich Barthaare, nur Dennis' Haut blieb selbstverständlich glatt. Seine Zähne waren mit Brackets eingezäunt, seine Nasenspitze zeigte zum Himmel, seine Stirn war zu hoch und seine Lippen zu schmal. Seine Kleider waren ebenso uncool wie sein Name, aber in beiden Fällen hatte man an seiner Stelle entschieden, ohne ihn zu fragen. Ganz ehrlich: Welcher Vierzehnjährige trug Klamotten vom Discounter um die Ecke? Seine Pflegeeltern gaben sich Mühe, es waren, wenn er ehrlich war, die besten Pflegeeltern, die er bislang gehabt hatte, aber bei ihnen saßen insgesamt sechs Kinder um den Tisch, und da musste gespart werden. Das bedeutete: keine Markenklamotten. Aber, was noch schlimmer war: wer, um alles in der Welt, hieß heute noch Dennis? Als seine Mutter mit ihm schwanger war, erzählte sie stolz, habe sie einen amerikanischen Film mit dem Namen Dennis the Menace gesehen – ein superblödes Machwerk, das damals schon nicht mehr aktuell gewesen war …, und das hatte er nun davon. Er war nur froh, dass sie nicht Kevin – Allein zu Haus gesehen hatte. Er hatte nach der Bedeutung des Namens gegoogelt, in der Hoffnung, dass wenigstens der Ursprung cool sei. Doch Dennis leitete sich vom griechischen Gott Dionysos ab, dem Gott des Weines – Ironie des Schicksals. Wenn er sich an den Besuchstagen bei seiner meistens betrunkenen Mutter beschwerte, wies sie ihn bestenfalls wortreich darauf hin, dass sie ihm schließlich das Leben geschenkt habe. Schlimmstenfalls haute sie ihm eine rein. Dennis war ihr dann von ganzem Herzen dankbar.
   Vielleicht lag es daran, dass er immer so traurig war. Manchmal tauchte diese Trauer auf, wenn er nicht daran dachte, wie Wolken, die sich plötzlich vor die Sonne schoben. Er hatte dann das Gefühl, dass es irgendetwas Schreckliches gab, an das er sich nicht erinnern konnte. Schlimmer als das, was in seinem bisherigen Leben passiert war. Er konnte diese Traurigkeit nicht einordnen, also versuchte er, sie zu akzeptieren. Wie alles an ihm. Was blieb ihm auch anderes übrig?
   Das Einzige, was Dennis an sich mochte, waren seine hellbraunen Augen. Sie leuchteten, wenn das Licht so wie jetzt hineinfiel, honiggelb wie Bernstein. Geheimnisvoll. Wölfe hatten solche Augen.
   Er bekam einen Stoß gegen die Schulter, dass er mit dem Kopf gegen das Fenster schlug, und konnte im letzten Moment die Kotztüte festhalten.
   »Na, mein Hübscher, gefällst du dir?«, ertönte Ansgars Piepsstimme.
   Der Riesenkerl war fast fünfzehn und immer noch nicht im Stimmbruch. Seine überdimensionale Figur gepaart mit dem Gepiepse drängten den Vergleich mit einem Eunuchen geradezu auf. Dennis hätte gern darüber gelacht. Leider verlangten Ansgars ganze Statur und seine charmanten Gepflogenheiten, dass man ihn ernst nahm. Sehr ernst, wenn man klug war. Und so klug war Dennis allemal.
   Ansgar war übrigens ein toller Name. Magnus, Lena, Tobias, Sophia, Frauke, Adrian, Henrik, Christoph, Niels, Danya, Lyssa, Yannick – genial. Und Rika erst. Wenn man so hieß, wurde man automatisch cool, brauchte keine Kotztüten, hatte keine Stupsnase, die Zähne waren von Geburt an ebenmäßig und weiß, man lebte bei seinen Eltern, die weder ständig besoffen noch im Knast waren.
   Dennis nahm seine Kotztüte und kippte den Inhalt gegen sein Spiegelbild auf der Busscheibe.
   Frau Zender hatte immer noch einen puterroten Kopf, als sie ihn am Eingang zum Tower erwartete.
   Dennis wusste, dass sie laut schreien konnte, aber wie laut, war ihm bislang nicht klar gewesen.
   »Ich hoffe, du hast deine Stimmungsschwankungen inzwischen überwunden«, sagte sie spitz, nahm ihn an der Schulter und geleitete ihn durch die Eingangskontrolle, die von einem Mann in Yeoman Warders-Uniform durchgeführt wurde.
   Waren die hohen Halskragen, die wie eine Tortenplatte aussahen, nicht unangenehm? Außerdem wirkten sie ziemlich lächerlich.
   »Leider hast du nun die Besichtigung der Kronjuwelen verpasst, während du den Bus gesäubert hast«, fuhr sie fort, und es hörte sich absolut nicht so an, als ob es ihr leidtäte. »Die Klasse hat sich auf der äußeren Mauer versammelt, wir gehen jetzt in den mittelalterlichen Palast und schauen uns zuerst den Schlafraum und die Kapelle King Edwards I. im St. Thomas' Tower an.«
   Die Klasse johlte, als Dennis hinter Frau Zender die Treppe hinaufstieg. Die guckte grimmig, während der frisch von der Uni gekommene Begleitlehrer Herr Meinert betont jovial in Dennis' Richtung grinste.
   Die Klassenkameraden empfingen ihn mit äußerst einfallsreichen Sprüchen.
   »Kotz doch den Tower an, Süßer – nur für mich!«
   »Please beware of the vomiting dwarf!«
   »Habt ihr mal den Exorzisten gesehen, da gibt es auch so 'ne Szene!«
   Als er oben angekommen war, versetzte ihm Ansgar einen solchen Rippenstoß, dass ihm erst mal die Luft wegblieb.
   »Haste toll gemacht«, sagte das Riesenross piepsig. »Du bist echt mein Held, weißte das, Spacko? Ich glaub, das hat noch keiner gebracht, seine eigene Kotze gegens Fenster zu kippen. Wenn sie mit dir mal einen IQ-Test machen, hast du minus hundert.«
   Dennis ignorierte ihn. Was sollte er auch sagen? Ihm taten die Rippen so weh, dass er keine Luft zum Sprechen hatte.
   Er wünschte, er wäre nicht hier. Er wünschte, er wäre überhaupt nicht auf dieser Welt. Danke, Mama, aber danke nein. Er wünschte sich eine Riesentüte voller Kotze, um sie auf das hinabschütten zu können, was ihn nervte, und das war in der Tat so ziemlich alles. Rika mal ausgenommen.
   »Kannst du vielleicht mit deinen blöden Anpöbeleien einfach auf eine Weide zu den Rindviechern gehen?«, fauchte diese gerade Ansgar an.
   Sie betraten die Räumlichkeiten auf der Mauer durch eine schmale Tür.
   Nach wenigen Schritten standen sie im Turm in einem mittelalterlichen Schlafraum. Rechts ein großes Doppelbett mit prunkvollem Baldachin, daneben ein Tisch mit zwei Kerzen, denen man ansah, dass sie extra zu Dekozwecken so schön heruntergebrannt waren. Dahinter ein riesiger Kamin mit dem Plantagenet-Wappen, den drei untereinander liegenden goldenen Löwen, die Dennis persönlich ihre blauen Zungen herausstreckten. Es roch nach Holzfeuer, obwohl der Kamin offensichtlich eine Attrappe war.
   Ziemlich realistisch. Irgendwo im Towerführer hatte er gelesen, dass man an verschiedenen Stellen in der Festung Vaporisatoren aufgestellt hatte, die den Touristen ein Dufterlebnis der vergangenen Jahrhunderte ermöglichen sollten.
   Frau Zender verteilte ihre vierzehn Schüler um sich herum und begann die Informationen wie im Unterricht in ihrem einschläfernden Singsang herunterzuleiern. Herr Meinert hielt sich im Hintergrund an der Fensterbank fest und gab sich Mühe, interessiert auszusehen.
   »König Edward I., auch aufgrund seiner für damalige Verhältnisse außergewöhnlichen Körpergröße von einem Meter achtundachtzig Edward Longshanks genannt, hat den St. Thomas' Tower zwischen 1275 und 1279 erbaut.«
   Er hat ihn in Auftrag gegeben, aber wohl kaum selbst mit Hand angelegt, dachte Dennis im Bemühen, sich auf den Singsang zu konzentrieren und nicht wie gewohnt in Tagträumereien zu versacken. Er fand diesen oft bei großartigen Bauwerken geäußerten Satz ungerecht, angesichts der zahllosen Arbeiter, die in Wahrheit für die Errichtung gesorgt und in der heißen Sonne geschwitzt hatten, während die Auftraggeber bequem in ihren Schlössern saßen und sich üppige Mahlzeiten servieren ließen. Vor seinem inneren Auge sah er Holzgerüste um Mauerfundamente, große und kleine Ruderboote, die Baumaterialien über eine ungewohnt breite Themse heranschafften. Stimmengewirr, Geschrei, vereinzelt Gelächter. Die Luft roch auf einmal anders, nach Holzbrand und Fäulnisgeruch vom Fluss.
   Jemand stieß ihn in die Rippen.
   »Du schielst«, zischte Rika. »Gleich wird die Zender merken, dass du schläfst! Der Meinert guckt schon. Warum musst du eigentlich immer so auffallen?«
   Dennis zuckte zusammen. Er hatte immer noch diesen andersartigen Geruch in der Nase. Er ging einen Schritt vor, weil hinter ihm Ansgar stand und ihm immer dichter auf die Pelle rückte. Die riesige Gestalt türmte sich über ihm auf. Konnte der ihn nicht mal fünf Minuten lang in Ruhe lassen? Unwillig drehte er sich um – aber da war niemand. Ansgar stand links neben Frau Zender, etliche Schritte entfernt.
   Beim Eintreten in den Turm hatte Dennis noch gedacht, es wäre ziemlich stickig – aber jetzt fand er es kühl. Sehr kühl sogar für Mitte Juni. Er bekam Gänsehaut und fröstelte in seinem T-Shirt. Fast hatte er den Eindruck, seinen Atem sehen zu können.
   Er war gewohnt, solche seltsamen Dinge zu träumen, aber nun schienen sie auch zu geschehen, wenn er wach war. Hoffentlich würden nicht gleich die Schattengestalten erscheinen. Er hatte ein starkes Gefühl von Unwirklichkeit. War er tatsächlich wach? Er hoffte inständig, dass er schlief. Die Stimmen der Klassenkameraden und seiner Lehrerin klangen so fern. Irgendwo am Himmel fauchte ein Flugzeug. In seinem Kopf begann es, zu summen.
   Der Boden schwankte und kam auf einmal rasend schnell näher.
   Er hörte jemanden seinen Namen rufen, dann wurde ihm schwarz vor Augen.

»Wulfric! Steh auf! Sofort!«
   Eine Stimme drang an sein Ohr. Sie war nicht besonders laut, aber befehlsgewohnt und selbstbewusst. Man musste tun, was diese Stimme sagte.
   Es klang nicht so, als wäre der Sprecher böse mit ihm, obwohl er Kommandos auf diese Weise aneinanderreihte. Irgendwie mochte Dennis die Stimme. Er hatte keine Ahnung, warum.
   Er schlug die Augen auf und blinzelte. Sonnenlicht blendete ihn.
   Der Mann, der mit diesem Tonfall sprach, begann zu lachen. Triumphierend, froh. Aber, und das war eindeutig, er lachte Dennis nicht aus.
   »Ich wusste es! Ja, du bist es! Ich habe auf dich gewartet.«
   Dennis hielt sich die Hand vor die Augen. Im Gegenlicht sah er ein von wild gelockten blonden Haaren umrahmtes Gesicht. Es war ein junger Mann, die Barthaare waren noch weich und sprossen spärlich. Wasserklare blaue Augen lachten ihn an, das linke saß tiefer als das rechte. Dadurch wirkte das ganze Gesicht schief. Dennis hatte so eine Deformation noch nie gesehen, und er starrte sein Gegenüber fasziniert an.
   Was meinte er mit »Ich habe auf dich gewartet«? Das klang so schwülstig, fast ein bisschen schwul. Wollte der was von ihm? Seinetwegen konnte der gern schwul sein, aber Dennis hatte inzwischen festgestellt, dass er selbst eindeutig der Fraktion hetero zuzurechnen war.
   »Du kennst mich noch nicht«, sagte der Mann, der sich an Dennis' Blicken nicht zu stören schien, und streckte ihm die Hand entgegen. »Aber ich kenne dich, schon sehr lange. Ich habe auf dich gewartet, durch die ganzen Jahrhunderte hindurch. Ich bin glücklich, dass du endlich den Weg zu mir gefunden hast, so froh, wieder in deine Augen zu schauen. Ich bin Edward.«

2. Kapitel

»So froh, wieder in deine Augen zu schauen« klang nun eindeutig schwul. Und das Ganze hier fühlte sich nicht an wie ein Traum, obwohl es nicht
   wahr sein konnte.
   Die Aufmachung des Typen sprach auch für schwul, von der Frisur bis zu den Klamotten, oder er war Mitglied irgendeiner Theatertruppe, die ein Mittelalterstück aufführte. Oder beides.
   Er trug ein rotes, am Hals wie ein Mädchenshirt gerafftes Hemd, darüber einen königsblauen weit fallenden Mantel mit goldbestickten Säumen. Seine Kleidung wirkte kostbar und schien in Handarbeit genäht. Die Nähte waren grober als bei modernen Klamotten. Aber es war zweifellos sehr viel Arbeit auf die Kleidung dieses Mannes verwendet worden. Einer Laienspielgruppe gehörte er sicher nicht an.
   Auf dem Kopf hatte der Mann eine goldene Krone mit breitem Reif und nach oben aufgewellten Spitzen. Das Ding war der Hammer. Stilisierte Lilien und Kreuze schmückten den Rand des Reifs. Vier Kronbügel führten nach oben zum Scheitelpunkt, auf dem ein Globus mit einem weiteren Kreuz thronte. Im Inneren der Krone befand sich eine Haube aus rotem Samt, die zur Stirn hin mit schwarz-weiß geflecktem Fell gesäumt war.
   Dennis hatte die Kronjuwelenbesichtigung zwar versäumt, aber aus der schulischen Vorbereitung wusste er, dass es sich um die Edwardskrone handelte. Oder doch wohl um eine ausgezeichnete Nachbildung derselben.
   Als er die dargebotene Hand nicht ergriff, nahm der Mann ohne große Geste Dennis' Rechte und drückte sie an seine Brust. Er fühlte sich real und lebendig an, Dennis spürte die Körperwärme und die Weichheit des Stoffes. Die Berührung hatte etwas Inniges, aber das störte Dennis nicht. Er mochte den Mann.
   Er entschied sich dafür, dass dies ein Traum war. Mal etwas anderes als die ständigen Träume von Rika. Er war gespannt, was ihm seine Fantasie bescheren würde. Nur: So wirklichkeitsgetreu hatte er noch nie geträumt.
   Der Mann lächelte strahlend und entblößte dabei ein Gebiss, das offensichtlich niemals von Brackets in seine Schranken verwiesen worden war. Zwei Eckzähne waren abgebrochen, die meisten Zähne standen abenteuerlich schief, und sie wirkten trotz der Jugend des Mannes schon ziemlich abgeschliffen. Da, wo er herkam, gab es anscheinend ordentlich was zu kauen.
   Dennis richtete sich langsam auf und entzog dem seltsamen Fremden vorsichtig seine Hand. »Wo bin ich hier?«, fragte er leise. Er merkte, wie undeutlich er sprach – es klang wie durch Watte, und als hätte er einen dicken Klumpen Kaugummi im Mund. »In der Vergangenheit?«
   Aber der Mann, der sich als Edward vorgestellt hatte, verstand ihn problemlos. »Nein«, erwiderte er, während das Lächeln allmählich aus seinem Gesicht wich. »Nicht in der Vergangenheit. Ich wünschte, es wäre so. Ich bin in diesem Augenblick seit Jahrhunderten gefangen und reise durch die Zeit. Ein Zauber hat mich in eine Zeitblase gebannt, in der ich immer jung bleibe. Doch durch deine Ankunft läuft für mich die Zeit wieder weiter, und ich weiß nicht, wie schnell sie mich einholen wird. Ich habe das Gefühl, du musst dich beeilen.«
   Dennis starrte ihn an. Er wünschte sich, das Ganze würde weniger real wirken. Halluzinationen zu haben, war nicht der Traum eines jeden Vierzehnjährigen. »Und wie bist du in diese Zeitblase hineingekommen?« Es war das Nächstliegende, was ihm einfiel.
   Edwards Lächeln verblich. Er schien sich an etwas Unangenehmes zu erinnern. »Es war ein Versprechen«, fuhr er zögerlich fort. »Von – einem Freund, wenn man so will. Das ewige Leben im Austausch für meine lebenslange Freundschaft. Doch er hat mich betrogen, und meine Freundschaft wollte er in Wirklichkeit nicht. Ich wäre klug beraten gewesen, auf meine Getreuen zu hören. Sie rieten mir stets von seiner Gesellschaft ab.«
   Dennis räusperte sich. »Aber was wollte er denn, anstelle von deiner Freundschaft?« Seine Stimme krächzte.
   Edwards schiefe hellblaue Augen musterten Dennis eindringlich. »Er will über London herrschen«, setzte er an. »Und dafür braucht er einen bestimmten Moment meines Lebens. Warte, ich zeige dir …«
   Plötzlich war ein hoher singender Ton in der Luft. Es hörte sich wie das Düsentriebwerk eines Flugzeugs an. Wieder mal, so wie eben. Für Dennis nichts Ungewöhnliches, und in einer spontanen Geste legte er seinem erschrocken aufblickenden Gegenüber die Hand auf den Arm. »Keine Sorge, das ist nur wieder ein Flieger, der nach Heathrow will.«
   Edward, dessen Gesicht vor Entsetzen verzerrt war, ergriff Dennis' Rechte mit beiden Händen. »Wenn du wüsstest, mein lieber Freund.«
   Etwas zischte durch die Luft. Dennis sah eine verkümmerte Landschaft um sich herum. Ruinen, ein schwarzschlammiges, ausgetrocknetes Flussbett, verkrüppelte Bäume ohne Blätter, schwarzes Gras, ein rauchgrauer Himmel mit einer kleinen silbernen Sonne hinter Wolken.
   Schwarze Schwingen streiften Dennis' Haar – ein sehr großer Vogel. Sein Herz hämmerte. Er wandte sich an Edward, um ihn zu fragen, was das hier sei, doch da war wieder das Sirren in seinen Ohren, und ihm wurde erneut schwarz vor Augen. Das Letzte, was er sah, war Edwards flehender Blick.
   »Wulfric – du musst das verhindern.«
   »Mann, erst kotzt der den Bus voll, und dann fällt er auch noch in Ohnmacht!«
   Das war eindeutig Ansgars Stimme.
   Wie schön.
   »Wir brauchen au-gen-blick-lich einen Not-arzt«, kreischte Frau Zender im Alarmstufe Rot-Tonfall.
   Noch schöner.
   Jemand schlug ihm auf die Wangen. Es sollte wohl belebend wirken, aber es tat ziemlich weh.
   Dennis öffnete die Augen. Herr Meinert, war ja klar. Man hatte ihn irgendwie aus dem St. Thomas' Tower transportiert, er lag nun unten vor dem Traitors Gate auf einer der langen Holzbänke. Jemand fächelte ihm Kühlung zu. Dennis drehte den Kopf und sah Rika mit einem Tower-Heftchen wedeln. Sie lächelte.
   Dennis setzte sich mit einem Ruck auf. »Ich bin völlig in Ordnung«, erwiderte er und war überrascht, wie fest seine Stimme klang. »Ich muss nur was essen und trinken.«

Wenig später betraten sie alle das Selbstbedienungsrestaurant gegenüber dem White Tower. Frau Zender setzte sich zu Dennis an den Tisch und beobachtete ihn mit Argusaugen. Dennis hätte sich beim Anblick einer Vogelspinne auf seinem Teller behaglicher gefühlt. Aber Rika hatte sich auch zu ihnen gesetzt, und das machte Frau Zenders Anwesenheit mehr als wett.
   Dennis stocherte in seinen Fish and Chips. Es sah lecker aus, aber sein Magen fühlte sich an, als ob er gerade im Fantasy-Freizeitpark mit der Black Python gefahren wäre. Schlimmer als sonst. Das lag nicht nur an Rika, das war klar.
   Er war also in Ohnmacht gefallen. Das hatten ihm die Klassenkameraden berichtet. Einfach umgefallen, ohne Vorwarnung, und Ansgar (er sprach darüber, als ob er Dennis vor dem sicheren Tod bewahrt hätte) hatte gerade noch den Absperrungspfosten beiseiteschieben können, sonst wäre Dennis wohl mit dem Gesicht darauf gekracht. Er war dankbar genug und fragte nicht, warum Ansgar ihn nicht aufgefangen hatte. Das Riesenross erklärte jedem, der es hören wollte: Eine Kollision mit dem Absperrseil hätte sicher zu einer Verbesserung von Dennis' Aussehen geführt.
   So hatte er fünf Minuten herumgelegen, bis man ihn die Treppe hinunter und an die frische Luft befördert hatte.
   Dennis trank einen großen Schluck Cola und suchte eine vernünftige Erklärung. Er hatte eine lange Busfahrt hinter sich. Ihm wurde ohnehin im Bus immer schlecht, und das hielt oft noch stundenlang danach an. Außerdem hatte er seinen Magen komplett entleert. Es war heiß, die Sonne knallte auf seine dunklen Haare, und er neigte zu niedrigem Blutdruck.
   Eigentlich war doch alles logisch, oder?
   Er hatte während seiner – ganz und gar erklärbaren – Ohnmacht einen Traum gehabt. Einen sehr realistischen. Na wenn schon. Seine Träume waren immer realistisch. Das hatten die halt so an sich.
   Seine Laune hob sich, und er wagte einen Seitenblick auf Rika. Sie beobachtete ihn ähnlich eingehend wie Frau Zender, nur war sie dabei ein deutlich hübscherer Anblick mit ihren langen blauschwarzen Haaren und den mandelförmigen Augen.
   Rikas Vater war ein japanischer Geigenvirtuose, ein winziger, zerbrechlich wirkender Mann. Von ihm hatte Rika ihr atemberaubend exotisches Äußeres und wahrscheinlich ihre Freundlichkeit geerbt.
   Dennis war dankbar, dass Rika so einen Vater hatte, nicht nur deshalb, weil sie damit keine Vorurteile gegenüber klein gewachsenen Männern hegte.
   »Iss was«, sagte Rika.
   Dennis zuckte zusammen. Ihr Tonfall duldete keinen Widerspruch. Sie hatte noch zwei kleinere Schwestern, auf die sie häufig aufpasste, und sie wusste, sich durchzusetzen. Er begann gehorsam zu essen, und Rika lächelte schon wieder. Sie hatte eines dieser Lächeln, die einen Raum auch bei Mitternacht und ausgeschalteter Deckenlampe erleuchten konnten. Er musste sich zwingen, auf seinen Teller zu sehen.
   Frau Zender schien inzwischen überzeugt, dass es Dennis gut ging. »Wenn wir gegessen haben, können wir den Rundgang fortsetzen«, verkündete sie. »Zuerst gehen wir zur Rabenfütterung, die findet gleich statt. Anschließend können wir uns die Ausstellung im White Tower ansehen.«
   »Rabenfütterung?«, fragte Rika. »Das klingt, als wären wir im Zoo!«
   Frau Zender nickte und lächelte, wobei dieses Lächeln im Vergleich zu Rikas etwa im selben Verhältnis stand wie Sommertag zu Dauerfrost. »Die Raben im Tower haben eine ganz besondere Bedeutung. Man sagt, wenn die Raben den Tower verlassen, wird er untergehen, und ganz Großbritannien dazu. Deshalb pflegen die Yeoman Warders eine gewisse Zahl von Raben in einem Areal hinter dem White Tower. Im Moment sind es zehn Tiere, bis 2008 waren es nur sechs. Den Raben ist ein Flügel gestutzt, sodass sie keine weiten Strecken fliegen können, was ihren Verbleib auf dem Towergelände garantiert.«
   Dennis mochte keine Raben. Genauer gesagt: Er hatte Angst vor ihnen. Sie waren groß und schwarz und erinnerten ihn an seine Albträume. Auch wenn er die schwarzen Schwingen in den Träumen nicht deutlich sehen konnte, war er sicher, dass sie zu einem oder mehreren Raben gehörten. Er hätte auf die Rabenfütterung liebend gern verzichtet und spielte einen Moment lang mit dem Gedanken, einfach auf seinem Stuhl sitzen zu bleiben. Aber Frau Zender legte anscheinend so großen Wert darauf, und Dennis wollte einfach nicht schon wieder auffallen. Also hielt er seinen Mund.
   Der Weg vom Restaurant zum Rabengehege war nicht weit.
   Sie mussten nur wenige Minuten warten, bis der Ravenmaster, ein Mitglied der Yeoman Warders, mit zwei großen Eimern die Rasenfläche betrat.
   Die Raben hielten sich glücklicherweise in ziemlicher Entfernung auf. Dennis konnte ihr blauschwarz glänzendes Gefieder sehen. Ein eisiges Gefühl kroch seine Wirbelsäule hinunter. Er sah keine zehn Raben, er zählte nur sieben. Vermutlich hatten sich die anderen irgendwo in der Voliere versteckt. Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Er hatte ein Bild vor Augen, wie die fehlenden Raben auf einmal hervorschossen und sich auf ihn stürzten.
   Das waren zahme Raben, versuchte er, sich zu beruhigen, sie waren Menschen gewöhnt. Sie würden einfach ihr Futter fressen, und das wäre es dann auch schon. Nichts würde passieren.
   Die Vögel, von denen einige in der geöffneten Voliere saßen und andere wiederum über das Gras hüpften, zeigten überraschend wenig Interesse an ihrem Pfleger. Der Ravenmaster näherte sich den Tieren behutsam, sie wichen vor ihm zurück.
   Sie waren definitiv nicht so neugierig und zahm, wie Dennis gehofft hatte. Das machte ihm richtig Angst.
   Als der Ravenmaster begann, Hühnerbeine aus den Eimern in Richtung der Raben zu werfen, kamen dann doch drei ein wenig näher. Sie schnappten das Futter und zogen sich sofort hüpfend zurück. Dabei warfen sie immer wieder misstrauische Blicke auf ihren Futtermeister.
   Die Sonne ließ ihre Augen rötlich funkeln. Dennis' Angst wuchs, der Anblick der Tiere verursachte ein heftiges Kribbeln in seiner Magengegend.
   Aber die Fütterung war vorüber, und nichts war passiert. Er atmete auf.
   »So, ich denke, nun können wir uns dem White Tower zuwenden, und zum Schluss besuchen wir noch den Bloody Tower«, verkündete Frau Zender energiegeladen.
   Herr Meinert grinste und zwinkerte ihnen zu. »Cool – Folterinstrumente«, wisperte er verschwörerisch.
   Dennis hatte einen Moment lang Mitleid mit ihm. Er spürte, der junge Lehrer war ähnlich unsicher wie er selbst. Aber als Herr Meinert Ansgar kumpelhaft den Arm um die Schultern legte, war dieses Gefühl gleich wieder verschwunden.
   Und dann hörte er die Schreie.
   Sofort wusste er, dass seine Albträume Wirklichkeit geworden waren. Adrenalin schoss durch seinen Körper und ließ ihn keuchen. Gleichzeitig war das Rauschen von Schwingen über ihm. Etwas großes Schwarzes zischte über seinen Kopf, Klauen zausten seine Haare, Kälte durchströmte ihn.
   Da waren sie. Sie wollten ihn holen!
   »Vorsicht«, schrie Frau Zender.
   Dennis duckte sich. Der Rabe huschte über ihn hinweg und flog Rika geradewegs gegen den Kopf. Der große Vogel riss sie von den Füßen, sie stolperte gegen die Tür der Waffenkammer und verbarg das Gesicht schützend in den Armen.
   Dennis vergaß seine Angst vor Raben. Er musste Rika helfen! Er rannte los, packte den Vogel an den Flügeln und zog ihn von Rikas Kopf. Er war eiskalt, aber Dennis' Hände fühlten sich an wie verbrannt. Er konnte vor Zittern kaum auf den Beinen stehen. Hinter sich hörte er den Ravenmaster laut auf Englisch schimpfen.
   Die Sonne blendete Dennis, aber er war sich sicher, die Augen des Vogels waren nicht schwarz, sondern rot. Und einen Moment lang glühten Rikas Augen ebenso rot auf. Ihm war schwindlig vor Angst, trotzdem ließ er den Vogel nicht los.
   Dann war alles vorbei. Der Ravenmaster war da, schob ihn unsanft beiseite und nahm ihm den Raben ab. Er untersuchte den Vogel sorgfältig, als ob der sich bei seinem Angriff auf Rika verletzt haben könnte. Als er nichts fand, schien er zufrieden, und die britische Höflichkeit siegte. Er begann zu lächeln und entschuldigte sich freundlich bei Rika und Frau Zender, die reichlich aufgebracht fragte, seit wann die Raben so aggressiv seien.
   Dennis half Rika auf die Füße.
   Sie hatte einen kleinen Kratzer auf der Stirn, war aber ansonsten unverletzt. Sie wirkte verwirrt. »Was ist denn passiert?«, fragte sie ratlos.
   Er schaute den Raben an, der immer noch vom Ravenmaster festgehalten wurde. Die Knopfaugen des Vogels waren wieder schwarz. Der Rabe sah ebenso verwirrt aus wie Rika. Überhaupt nicht mehr Angst einflößend.
   »Also, für meinen Geschmack geschieht heute eindeutig zu viel«, kommentierte Frau Zender trocken, als sie die Gruppe zum White Tower führte. »Ich mache diese Jahrgangsstufenfahrten mit dem bilingualen Zweig inzwischen seit acht Jahren, und so was habe ich noch nicht erlebt. Das muss ich einfach mal so zu Protokoll geben.«
   Sie sah Dennis von oben herab an (das war ihr möglich, weil sie größer war als er), wandte sich um und ging energischen Schrittes zum White Tower voraus.
   Ist ja klar. Die denkt jetzt auch noch, es wäre meine Schuld.
   »Und?«, sagte eine Stimme in seinem Kopf mit heiterem Unterton. »Hat sie da nicht recht?«
   Es war Edward. Und Dennis war eindeutig hellwach.

3. Kapitel

Dennis konnte sich nicht vorstellen, dass er sich jemals daran gewöhnen würde, Edwards Stimme auf diese Weise in seinem Kopf zu hören.
   Edward behauptete steif und fest, natürlich würde er sich daran gewöhnen. Aber aus Edwards Warte war das ja auch kein Problem, schließlich hörte der keine fremden Stimmen, während er versuchte, nachzudenken.
   »Alles in Ordnung mit dir?«, hatte Rika ihn gefragt, weil er so zusammengezuckt war. Sie sah selbst so aus, als wäre sie überhaupt nicht in Ordnung, sie war blass und hinter den Brillengläsern sah man, dass ihre schönen Augen schwarz umschattet waren.
   »Klar«, antwortete Dennis so belanglos wie möglich. »Und bei dir?«
   »Auch alles klar«, gab Rika ebenso belanglos zurück.
   Sie gingen schweigend nebeneinander her, geeint durch das Bewusstsein, dass sie einander etwas vorzumachen versuchten.
   Der White Tower war ein markantes grau- und weißsteiniges Gebäude mit vier Türmen, frei stehend inmitten des Towergeländes. Auf der Spitze eines Turms wehte der Union Jack.
   »Der White Tower war das erste Bauwerk der Festung, und seine auffällige Gestaltung ist der Grund dafür, dass anschließend alle weiteren Bauwerke die Bezeichnung Tower erhielten«, verkündete Frau Zender in ihrem einschläfernden Singsang.
   Anders als vor dem Juwelenhaus stand hier keine Riesenschlange Touristen. Sie gingen die breite Treppe hinauf und befanden sich in einer großen, dunklen Halle mit einem überdimensionalen Ausstellungskasten in der Mitte.
   Verschiedenste Rüstungen des Mittelalters wurden hier präsentiert. Die Fülle ging eindeutig über Dennis' Aufnahmekapazität hinaus.
   Bei der silbernen Rüstung Henrys VIII. blieb er doch noch mal interessiert stehen – diese Rüstung konnte nur ein schlanker, sportlicher Mann getragen haben. Dennis hatte Henry VIII. in Filmen immer als äußerst wohlbeleibten Menschen wahrgenommen. Entweder hatte sich der König im Alter verändert, oder die modernen Darstellungen stimmten nicht.
   Dennis stand und schaute und grübelte, als das Stimmengemurmel um ihn herum lauter und lauter wurde.
   Die Luft in der Halle hatte sich deutlich verschlechtert. Erst war es nur eine Ahnung, aber dann roch Dennis deutlich die Körperausdünstungen ungewaschener Menschen. Vor allem Schweißgeruch, aber auch Dreck und Fäkalien – und Essensausdünstungen, als wäre irgendwo eine Küche in der Nähe, in der Fleisch gebraten wurde. Er schüttelte sich. Das war widerlich! Wieder dieses Geruchserlebnis für die Touristen. In Edwards Schlafzimmer war es auch schon so gewesen. Das hier war eindeutig eine Nummer zu stark! Ihm wurde erneut schlecht.
   Rika neben ihm wankte und lehnte sich an die Glaswand des Ausstellungskastens. Sie war kreideweiß im Gesicht.
   »Riechst du das auch?«, fragte Dennis und presste sich den Stoff seines T-Shirts vor das Gesicht.
   Rika sah ihn an und durch ihn hindurch. Ihre Augen waren weit aufgerissen, und Schweiß perlte von ihrer Stirn. »Eleanor«, murmelte sie. »Er hat sie fortgebracht, er hat sie versteckt, wo niemand sie finden kann … Eleanor wird sterben … Rette Eleanor!«
   Hinter Rikas Mädchenstimme lag eine andere: die Stimme eines Mannes. Dennis wusste nicht, wer da sprach. Er sah schwarze Punkte und rieb sich die Augen.
   Das Stimmengewirr wurde sehr laut. Lachen und Gesprächsfetzen, dazwischen eine Kinderstimme. Sie rief nach jemandem, und sie klang so unsagbar verzweifelt, dass Dennis eine Gänsehaut bekam.
   Ihm brach der Schweiß aus, genauso wie Rika.
   Er sah sich um: Niemand bewegte sich mehr. Alle Anwesenden in der großen Halle waren in ihren Bewegungen erstarrt, wie eingefroren. Von denen kamen diese klagenden Kinderlaute auf keinen Fall.
   Die Geräusche näherten sich.
   Dennis hatte das Gefühl, als hätte ihm jemand Salbe in die Augen geschmiert. Er blinzelte heftig. Was er sah, war unmöglich.
   Rika schrumpfte. Sie wurde kleiner, bis sie ihm nur noch bis zur Hüfte reichte. Ihr Gesicht veränderte sich. Es verjüngte sich, die asiatische Rundlichkeit wich. Ein schmales Kindergesicht mit geraden hellblauen Augen blickte Dennis an. Rikas Haare färbten sich rotblond. Die leicht oliv getönte Haut war mit einem Mal weiß und ebenmäßig wie bei einer Porzellanpuppe. Vor Dennis stand eine Fünfjährige mit flehendem Blick.
   Ihre Lippen öffneten sich, aber sie schrie nicht. »Was willst du von mir, Wulfric?«, flüsterte das Mädchen. »Ich habe Angst! Lass mich gehen, bitte! Bitte, ich will zu meinem Vater!«
   Der große Schaukasten und die anderen Menschen waren verschwunden. Diffuses Licht fiel durch die Fenster. Schatten waren um Dennis herum, sie bewegten sich, kamen näher, streckten sich nach ihm aus. Schwingen rauschten über seinem Kopf. Er fühlte eiskalte Berührungen, durch ihn hindurch, bis ins Herz. Sie wollten etwas von ihm, sie wollten es haben …
   Längst vergangene Stimmen, Geister, flüchtig, ungreifbar wie Herbststurm um ein altes Gemäuer.
   Das Flehen des Kindes, sein Betteln um Gnade.
   Im Angesicht dieses schwarzschattigen Leidens fühlte sich Dennis hilflos wie nie zuvor in seinem Leben.
   Die Schatten umkreisten das kleine Mädchen. Ihre Schwärze begann, das Kind zu verschlingen, verleibte es sich ein. Rikas verändertes Gesicht war ihm in fassungslosem Entsetzen zugewandt, während sich ihr Körper allmählich auflöste und in rußigen Flocken zu Boden rieselte.
   Ihre um Hilfe flehenden Augen waren das Letzte, was er sah.

»Dennis!«
   Er stieß einen Schrei aus und machte einen Satz, wobei er gegen jemanden stieß.
   »Sag mal, willst du Streit mit mir haben?«, ertönte Ansgars verärgerte Stimme. »Wenn du noch mal mit deinem Fuß gegen mein Schienbein trittst, zerquetsch ich dir die Eier!«
   »Ansgar, ich will solche Drohungen einfach nicht mehr hören«, fauchte Frau Zender. Sie stand vor Dennis und hatte eine Hand auf seiner Schulter liegen. »Was ist bloß los?«, fragte sie. »Du warst schon wieder völlig weggetreten. Ich glaube, es hat keinen Sinn, wir müssen den Besuch hier abbrechen.«
   Um ihn herum wurde Gemaule laut.
   »Aber ich wollte doch noch die Folterinstrumente im Bloody Tower sehen«, beklagte sich Tobias. »Immer müssen wir auf den Rücksicht nehmen!«
   »Rücksichtnahme hat noch niemandem geschadet«, bemerkte Frau Zender trocken.
   Dennis versuchte verzweifelt, einen klaren Kopf zu bekommen und das eben Gesehene aus seinem Bewusstsein zu verdrängen. »Ich setze mich einfach draußen auf die Bank«, murmelte er, »und warte auf euch.« Er hatte keine Ahnung, wo er hier war. Jedenfalls nicht mehr in der Eingangshalle. Verstohlen sah er sich um: Sie befanden sich in einer hohen Kapelle mit einer halbkreisförmigen Ausbuchtung an der Altarwand und einem Balkon im Kreuzgewölbe. Gelbweiße Säulen erstreckten sich weit nach oben. Die Buntglasfenster ließen den hohen Raum mystisch-dunkel wirken. Dennis hatte nicht die leiseste Ahnung, wie er dorthingekommen war.
   »Die St. John's Kapelle ist die älteste Kirche in London, sie datiert auf 1080«, begann Frau Zender ihren Singsang. »Sie ist aus einer frühen Periode normannischer Architektur komplett erhalten geblieben. William the Conqueror hat sie nicht mehr vollenden können, sie wurde unter seinem Sohn fertiggestellt. Von dieser Zeit an nutzten alle britischen Könige die St. John's Chapel als ihre private Kapelle. Die ersten Buntglasfenster ließ Henry III., der Vater von Edward Longshanks, um 1240 einsetzen. Wer hier hineinwollte, der musste dem König schon sehr nahestehen! Innerhalb des Tonnengewölbes im Kirchenschiff finden wir sowohl ein Kreuzgewölbe in den Seitenschiffen als auch einen Balkon mit Kreuzgewölbe. Die Kapelle wurde nach der Reformation als Archiv genutzt und von Anthony Salvin im neunzehnten Jahrhundert wieder in einen Andachtsraum zurückverwandelt …«
   Dennis schaltete ab.

Anderthalb Stunden später stiegen sie auf abgenutzten Wendeltreppen hinab in die Kellergewölbe des White Tower, wo sich der obligatorische Souvenirshop befand.
   Die meisten Klassenkameraden deckten sich eifrig mit den bunten und nutzlosen Sachen ein. Dennis starrte so angestrengt in das Durcheinander, dass seine Schläfen zu pochen begannen. Ihm fiel jetzt erst auf, dass er Rika während der ganzen Zeit nicht bewusst wahrgenommen hatte. Er atmete tief aus, als er ihr türkisfarbenes Shirt im Gedrängel um das Regal mit den schwarzen Stoffraben entdeckte.
   Mal wieder ein Albtraum am helllichten Tag. Das wurden nun allmählich eindeutig zu viele. Wenn er wieder zu Hause war, würde er den Schulpsychologen aufsuchen. Dazu hatten ihm seine Pflegeeltern und auch sein Klassenlehrer geraten, wegen seines »zerrütteten Elternhauses«, wie sie es dezent zu formulieren pflegten. Konnte man das so nennen, wenn man eine Alkoholikerin als Mutter und einen Knastbruder als Vater hatte?
   Dennis glaubte nicht, dass sein Elternhaus an seinen Halluzinationen schuld war. Er hatte schon manches gehört, von Kindern mit Panikattacken oder Wutanfällen, aber noch nichts von Kindern mit Halluzinationen. Er musste immer aus der Reihe tanzen.
   »Warum kaufst du dir nichts, Dennyboy? Keine Kohle?«, erkundigte sich Tobias, mit einem ganzen Armvoll Souvenirs beladen, und lachte meckernd wie eine Ziege.
   »Nein, guter Geschmack«, antwortete Dennis und deutete auf den Kram auf Tobias' Arm. »Für so einen Mist ist mir mein Geld zu schade.«
   Der Ellbogenrempler gegen seinen Nacken trug Ansgars Handschrift. »Jetzt mach dich mal bloß nicht mausig, du Assi«, ertönte auch prompt die Piepsstimme. »Du musst immer wissen, wo dein Platz ist. Und der ist ganz, ganz unten, wie es sich gehört.«
   Komisch, das war doch sonst eigentlich Rikas Einsatz. Aber Rika sagte nichts. Er sah das leuchtende T-Shirt an der Kasse in der Menge anderer Jugendlicher hervorschimmern. Wenn Rika nicht aufpasste, würde sie den Anschluss verlieren, denn Frau Zender sammelte die Gruppe schon zum Aufbruch. Er ging absichtlich nach hinten, um auf Rika zu warten, aber er hatte keine Chance, denn seine Lehrerin nahm ihn am Arm.
   »Du setzt dich jetzt sofort draußen hin, du bist mir immer noch entschieden zu blass im Gesicht«, verkündete sie. »Ich gehe mit. Ihr stellt euch schon mal am Bloody Tower an, habt ihr gehört? In fünf Minuten bin ich bei euch.«
   Sie schob Dennis vor sich her nach draußen. In der Nähe des Tower Green, der ehemaligen Hinrichtungsstätte vieler prominenter Adliger, gab es eine freie Bank. Dennis setzte sich. Er wollte nicht, dass Frau Zender bei ihm wartete, er wollte einfach allein sein.
   Das sagte er ihr. Sie sah ihn mit einem merkwürdigen Blick an und erwiderte nichts.
   Sie gab nicht eher Ruhe, bis er seine Trinkflasche hervorgeholt hatte.
   »Wenn ich wiederkomme, ist die leer«, sagte sie bestimmt. »Flüssigkeitsaufnahme ist wichtig bei diesen Temperaturen und besonders in deinem Zustand.«
   Dennis sah ihr aufatmend nach, wie sie mit Trippelschritten der Klasse hinterherlief, die sich bereits auf den Weg zum Bloody Tower gemacht hatte.
   Irgendwo ganz vorn entdeckte er etwas Türkisfarbenes und war beruhigt. Er nahm einen tiefen Schluck aus seiner Trinkflasche.
   Der Eistee schmeckte warm und schal. Kein besonderer Genuss, aber Dennis nahm sich vor, nicht empfindlich zu sein. Auch wenn er meistens nicht Frau Zenders Meinung war, hatte er das Gefühl, diesmal könnte sie recht haben. Also trank er noch einmal.
   Etwas Bläuliches in der Nähe reflektierte die Sonne und machte ihn aufmerksam. Eine wasserblaue Glasplatte, mit einem kleinen, ebenso gläsernen weißen Kissen obendrauf.
   Was war das?
   Dennis stand auf und sah es sich näher an.
   Es war ein Denkmal für die auf dem gegenüberliegenden Schafottplatz Hingerichteten. Drei englische Königinnen waren darunter, auch Anne Boleyn, die Ehefrau des Königs, dessen jugendschlanke Rüstung Dennis soeben im White Tower bewundert hatte.
   Er las die Namen, aber sie rauschten an ihm vorbei. Auch die Gedenkinschrift, die auf dem unteren Rand der Platte eingraviert war, erreichte ihn nicht. Doch dann stoppte er plötzlich. Sein Blick blieb an vier Wörtern hängen, die ihm durch und durch gingen.
   »… unter diesem ruhelosen Himmel …«
   Er hob unwillkürlich den Kopf. Der englische Himmel war tiefblau, und Wolken zogen darüber hinweg wie eine Armada gut gerüsteter Kriegsschiffe.

Gegenwart Zwei
Restart



4. Kapitel

Das Denkmal hatte Dennis den Rest gegeben. Erschöpft und mit brummendem Schädel saß er auf der Bank und wartete auf die Rückkehr seiner Klassenkameraden.
   Touristen gingen in Scharen an ihm vorbei, manch einer sah ihn aufmerksam an. Ihm war klar, dass er nicht besonders fit wirkte. Er trank die Flasche mit dem lauwarmen Eistee leer und lutschte Traubenzucker.
   Er wünschte sich sehnlich eine Kopfschmerztablette.
   Dennis hatte sich so auf London gefreut, es war weit weg von zu Hause, und es versprach, eine interessante Stadt zu sein. Aber nun war ihm klar, dass es kein angenehmer Aufenthalt werden würde. Selbst wenn die Halluzinationen nicht zurückkamen, was er inständig hoffte, hatte er der Gruppe heute ein nachhaltiges Schauspiel geliefert, das wohl keiner von denen so schnell vergessen würde. Jedenfalls nicht innerhalb einer Woche. Und sie waren schon mächtig einfallsreich, wenn er ihnen weit uninteressantere Dinge lieferte.
   Warum ausgerechnet hier? Was hatte es mit dieser Stadt auf sich, dass es gerade hier so schlimm werden musste?
   Als Erstes sah er Ansgars bullige große Gestalt aus dem Gebäude kommen. Er hatte seine blonde Igelfrisur mit einer schwarzen Tower of London-Kappe bedeckt.
   Dahinter trotteten die anderen, irgendwo sah Dennis auch Rika. Er liebte dieses T-Shirt nicht nur wegen seiner Signalfarbe, sondern deshalb, weil es so gut zu Rikas schwarzen Haaren aussah.
   Er freute sich einen Moment lang auf sie, bis er Ansgars erwartungsvollen Blick auf sich ruhen sah. Nein, das würde kein angenehmer Aufenthalt werden.
   »Na, Assi, hast du dich erholt?«, fragte Ansgar.
   Dennis stand wortlos auf und wuchtete seinen Rucksack auf den Rücken.
   Frau Zender schob sich durch die Jugendlichen und begutachtete Dennis.
   »Du siehst ziemlich erschöpft aus«, stellte sie fest. »Wir treten jetzt den Rückweg an. Ich werde persönlich dafür Sorge tragen, dass du auf der Rückfahrt im Bus oben sitzt.«
   Die Gruppe setzte sich in Bewegung.
   Dennis sah Rika ein paar Schritte vor sich und drängelte sich zu ihr durch. Sie hatte sich auch eine Baseballkappe gekauft. Ihre Haare sahen dadurch so anders aus. »Hi«, sagte er von hinten zu ihr, »wie war's da drin?«
   Rika drehte sich um – und es war nicht Rika. Das Mädchen war zwar auch asiatischer Abstammung, sah aber viel europäischer aus. Nichts stimmte. Die Nase war größer, die Augen waren nicht so tief dunkelbraun, die Lippen viel schmaler und fest zusammengekniffen. Und der Ausdruck auf dem Gesicht war boshaft. »Sag mal, bist du größenwahnsinnig, dass du mich anquatschst? Du hast wohl einen Clown gefrühstückt, du Schwachmat? Ich hab dir gesagt, was passiert, wenn du mich noch einmal schief anguckst!«
   Dennis' Beine trugen ihn keinen Schritt weiter. Er blieb stehen, während seine Klassenkameraden ihn anrempelten und beinahe von den Füßen rissen. »Wer ist das?«, schrie er. »Das ist nicht Rika!« Seine Welt raste herum wie auf einer Achterbahn, und sie machte einen Looping nach dem anderen.
   Was geschah hier? Was geschah mit ihm?
   Frau Zender nahm Dennis fest am Arm. Ihre Finger gruben sich schmerzhaft in seinen Muskel.
   »Jetzt komm bitte mal wieder zu dir«, fauchte sie. Sie hatte eindeutig die Geduld mit ihm verloren. »Ich glaube ja, dass es dir nicht gut geht, aber wenn du so weitermachst, muss ich dich nach Hause schicken. Das ist dir doch wohl klar, oder?«
   Dennis konnte nur noch stammeln, obwohl er genau wusste, dass er besser den Mund hielt. »D… das ist nicht Rika«, brachte er mühsam heraus. »Sehen Sie das denn nicht?«
   Frau Zender ließ ihn los. »Rika, komm doch bitte mal.«
   Das Mädchen gehorchte mit spöttischem Grinsen und stellte sich zu ihnen.
   »So, nun schaust du noch einmal genau hin und beruhigst dich wieder«, sagte Frau Zender. »Und du, Rika, hütest deine Zunge, hast du verstanden?«
   Es wäre gut gewesen, wenn Dennis hätte denken können, dass er nichts begriff. Aber irgendetwas in seinem Inneren verstand. Das ganze bizarre Geschehen hatte etwas Logisches. Es passte, es fügte sich ein, auch wenn Dennis das nicht wahrhaben wollte. Diese Stadt war der Schlüssel zu allem – London und Edward. Schwarze Vögel, Schatten mit ausgestreckten Händen lauerten auf Dennis. Nicht einmal der verstörende Blick in Rikas zynische Augen war nötig: Er wusste jetzt, dass auch er besser seine Zunge hütete. Er hatte keine Ahnung, wohin der einzige Mensch verschwunden war, den er als Freund – oder als Freundin – hätte bezeichnen können, aber er durfte auf keinen Fall noch mehr Aufsehen erregen. Er musste so tun, als wäre alles völlig normal – besonders er, auch wenn das nicht stimmte. »E… es tut mir leid. Ich glaube, die Sonne hat mich geblendet.«
   Frau Zender zog die Augenbrauen hoch, womit sie deutlich machte, was sie von Dennis' Äußerungen hielt, aber sie sagte nichts mehr.
   Rika, oder das Mädchen, das hier als Rika bekannt zu sein schien, schnaubte abfällig durch die Nase, tippte sich mit höhnischem Grinsen gegen die Stirn und ging wieder zur Gruppe zurück.
   Dennis war übel, und der Schwindel kam und ging. Hatte er heute Morgen gedacht, schlimmer könnte es nicht mehr kommen? Das war ein Irrtum gewesen. Er befand sich sozusagen im freien Fall. Es würde zumindest interessant sein zu sehen, wohin das führte. Solange man fiel, mochte es noch angehen. Aber vor dem Aufprall hatte Dennis jede Menge Angst.
   Sie stiegen in den Doppeldeckerbus und Frau Zender bugsierte Dennis an seinen Mitschülern vorbei aufs Oberdeck. Sie besorgte ihm einen Platz in der vorderen, überdachten Region, wo er frische Luft hatte, aber gleichzeitig vor der Sonne geschützt war. Er hätte sich in jeder anderen Situation über den guten Platz gefreut, auch wenn er mal wieder eine Sonderposition einnahm. Eigentlich hatte er sich immer nur gewünscht, irgendwo mal einfach hineinzupassen, so wie alle anderen auch. Es sah nicht so aus, als ob ihm dieser Wunsch erfüllt werden würde. Ganz und gar nicht.
   Rikas Worte vom Vormittag klangen ihm im Ohr. Warum musst du eigentlich immer so auffallen? Eine gute Frage. Dennis war immer aufgefallen, seit er sich zurückerinnern konnte.
   Die ersten Erinnerungen waren aus einer Zeit, als er etwa zwei Jahre alt gewesen sein musste. Die Blicke …, als ob die Menschen Scheinwerfer in ihren Gesichtern hätten, mit denen sie ihn anstrahlten. Das war wohl zu der Zeit gewesen, als man seinem Vater den Prozess gemacht hatte.
   Dennis hatte diesen Mann nie bewusst gesehen. Wenn von seinem Vater gesprochen wurde, hatte er eine ziemlich große, breitschultrige und Furcht einflößende Gestalt vor Augen, aber vielleicht wurden seine tatsächlichen Erinnerungen von Ansgars Erscheinung überdeckt, denn wie konnte sein Vater groß und kräftig gewesen sein, wenn er selbst so klein und dünn war?
   Von da an war alles ziemlich schnell den Bach hinuntergegangen.
   Seine Mutter hatte angefangen zu trinken. Wenn sie nur ein bisschen betrunken war, vergaß sie, dass es Dennis gab. Blieb sein Magen eben leer, das war auch nicht so schlimm. War sie richtig voll, entlud sich ihr Zorn auf ihn, und sie verprügelte ihn mit allem, was sie gerade zu fassen bekam – dem Gürtel, dem Besteck, einmal war es ein heißer Pfannenwender gewesen. Davon hatte Dennis eine Narbe auf der linken Wange. Außerdem hatte er eine lange Narbe am rechten Bein, die offensichtlich genäht worden war und von der er nicht wusste, woher sie stammte. Auf seine Frage hatte die Mutter geantwortet, er sei als Kleinkind gefallen, aber ihre Augen hatten dermaßen geflackert, dass er wusste: Hinter der Lüge gab es eine schlimme Wahrheit, und deshalb hatte er aufgehört zu fragen.
   Und er hatte zwei Sorten von Albträumen, die wahrscheinlich Zeugen für die Narben auf seiner Seele waren. Der eine Albtraum war jener mit den Schattengestalten und den schwarzen Schwingen über seinem Kopf, den er zumindest am helllichten Tag als Fantasiegespinst abzutun versuchte. Der kam sehr oft, manchmal zweimal pro Nacht. Und dann war da der andere Albtraum, der ihn viel seltener heimsuchte, ihm aber deshalb so große Angst machte, weil er ihn für eine reale Erinnerung hielt. Er lag auf dem Rücken und schaute in einen freundlichen Sommerhimmel, ein goldfarbenes Gebäude ragte über ihm auf, es sah aus wie eine Kirche. Er hatte Angst, aber er wusste nicht, wovor. Es gab eine Erschütterung wie bei einem Erdbeben, zeitgleich mit dem Geräusch splitternden Glases, er bekam keine Luft mehr, und ein Baby schrie so jämmerlich, dass er mit wahnsinnigem Herzrasen aufwachte.
   Als es mit seiner Mutter immer schlimmer wurde, kam er zu wechselnden Pflegeeltern. Er hatte den ganzen Querschnitt gehabt: manche gleichgültig, ein paar schlimm. Die jetzigen waren eigentlich nett. Er versuchte verzweifelt, es ihnen recht zu machen, nicht aufzufallen, und je mehr er sich darum bemühte, desto mehr rückte er in den Mittelpunkt.
   Sagte man ihm: »Pass auf mit diesem Geschirr, es ist ganz neu!«, ließ er mit Sicherheit beim Tischdecken einen Teller fallen.
   Sagte man ihm: »Pass auf, dass du das Glas nicht umstößt. Die Tischdecke ist frisch gewaschen!«, dauerte es nur zwei Minuten, bis sich sein Getränk über den Tisch ergoss.
   Sagte man ihm: »Denk an dein Englisch-Klassenarbeitsheft, sonst gibt es wieder Ärger mit der Lehrerin«, war es so sicher wie das Amen in der Kirche, dass er es zu Hause liegen ließ.
   Sagte man ihm: »Streng dich an und schreib nicht in Mathe wieder eine Fünf!«, schrieb er mit höchster Wahrscheinlichkeit eine Sechs, auch wenn er gut gelernt hatte und den Stoff beherrschte.
   Er hatte den Eindruck, die Zukunft beeinflussen zu können – allerdings nur in negativer Hinsicht. Wenn er etwas sicher nicht wollte, trat es umso zuverlässiger ein.
   Und diese Reise hier, die toppte alles.
   Er hatte Angst, er würde es nicht schaffen, er würde verrückt werden. Gleichzeitig wusste er: Je mehr Angst er davor hatte, desto wahrscheinlicher wurde sein Scheitern. Er hatte keine Ahnung, was er dagegen machen sollte.
   Der Bus hielt am Marble Arch. Frau Zender verabschiedete ihre Schüler für heute. »Geht es dir gut?«, fragte sie ihn überraschend freundlich.
   Dennis nickte. Er war müde und hatte fürchterliche Kopfschmerzen, aber er würde den Weg bis zum Haus der Gasteltern schon schaffen. Es war nicht weit bis Queensway. Vier Stationen mit dem Bus. Und Tobias war auch dabei. Tobias, Ansgars gefügiger Getreuer. Die Angst vor ihm würde Dennis schon wachhalten.
   Frau Zender nickte. Er hatte sie überzeugt. »Gute Besserung«, wünschte sie ihm und lächelte ein überraschend warmherziges Lächeln.
   Er stand nur da und starrte ihr nach. Dennis musste sich geirrt haben, dessen war er sicher.
   Schülergrüppchen bildeten sich für die Rückfahrt zu den Gasteltern.
   »Wir fahren mit der U-Bahn«, raunzte Tobias Dennis zu, als der sich in Richtung Bushaltestelle in Bewegung setzen wollte.
   Dennis zuckte die Achseln. Was blieb ihm übrig? Er war nicht derjenige, der hier die Entscheidungen traf. Es waren mit der U-Bahn auch nur zwei Stationen bis Queensway. Er mochte zwar im Moment den Gedanken an die stickigen, überhitzten unterirdischen Gänge der Londoner Tube nicht, aber es gab keine stichhaltigen Argumente dagegen. Und erst recht nicht bei Tobias.
   Lyssa hielt sie auf. Sie hatte ein freundliches, rundes Gesicht und sah immer so nett aus, aber sie sprach nicht mit ihm, sondern mit Tobias.
   »Ich beneide dich.« Sie seufzte und tat so, als wäre Dennis nicht da. »Direkt am Park zu wohnen – traumhaft!«
   »Kannst ja mitkommen«, sagte Tobias und zwinkerte anzüglich. »Den Zwerg lassen wir einfach von der U-Bahn überfahren. Mit dir würde ich mir allemal lieber ein Zimmer teilen als mit dem da.«
   Dennis ließ sie stehen und ging einfach weiter. Das Gerede begann ihn kaltzulassen, stellte er zu seiner Überraschung fest. Sollten sie doch quatschen. Sie hatten keine Ahnung, was wirklich mit ihm vorging. Wenn sie es gewusst hätten, wären sie vorsichtig gewesen, denn vermutlich war er ein gefährlicher Wahnsinniger.
   Er hatte so oft gehofft, seine negative Zukunftsbeeinflussung ausschalten zu können, sein Abitur zu schaffen und alles hinter sich zu lassen. Er wollte studieren, weit weg von Hamburg. Er hatte geglaubt, er könnte irgendwann einmal frei sein, ein normales Leben haben, Freunde finden.
   Freunde wie – Rika.
   Sein Herz setzte einen Schlag aus.
   Seine Zukunft sah nicht gut aus. Sie war wie dieser ruhelose Himmel, über den die Wolken wie Kriegsschiffe auf ihn zu zogen.
   Er drehte sich noch einmal um, sah das türkisfarbene Shirt, und selbst auf die Entfernung war klar, dass das Mädchen, das es trug, eine Fremde war.
   Ihm wurde schwindlig. Er ging schneller. Nur noch aufs Zimmer, dachte er im Rhythmus seiner Schritte. Eine Kopfschmerztablette hatte er im Kulturbeutel. Wenn Tobias den Mund hielt und seinen DVD-Player nicht allzu laut stellte, konnte er vielleicht sogar vor dem Abendessen noch etwas schlafen. Dann ginge es ihm besser. Es ging ihm besser.
   Den letzten Satz sagte er wie ein Mantra, während er die Treppe hinunterstieg. Warme, abgestandene Luft schlug ihm entgegen, und ihm wurde noch schwindliger.
   Hoffentlich schaffte er es nur bis nach Hause. »Nein, falsch«, rief er. »Ich schaffe es! Ich schaffe es!«
   Er stolperte und krachte mit dem Rucksack gegen die gekachelte Wand. Passanten starrten ihn an, mit diesen Scheinwerferaugen.
   Von hinten packte ihn jemand am Arm. Es war Tobias.
   »Was ist los?«, fragte er. »Ist dir wieder schlecht?«
   »Schwindlig«, murmelte Dennis. Die Welt um ihn herum war ein Schiff geworden. Es ging hinauf und hinunter wie bei hohem Seegang. Er wusste nicht mehr, ob der Boden unter seinen Füßen oder über seinem Kopf war.
   »Mann, du bist echt krank«, sagte Tobias mit Abscheu in der Stimme. »Ich rufe Frau Zender über Handy, du brauchst einen Arzt.«
   »Nein, nicht.« Dennis stöhnte. »Ich will nur aufs Zimmer und mich hinlegen! … Bitte, Tobias, hilf mir!«
   Bloß nicht zu einem englischen Arzt. Bloß nicht erklären müssen, was heute geschehen war. Dann würde er in einer psychiatrischen Klinik landen! Oder noch schlimmer, man würde ihn nach Hause schicken! Mit London und Edward hing alles zusammen – es musste sich hier aufklären! Zu Hause würde nichts mehr gehen.
   »Ja, verdammt noch mal, dann komm schon!«
   Tobias zog ihm unsanft den Rucksack vom Rücken und stützte ihn. Dennis hielt sich krampfhaft an ihm fest. Gemeinsam setzten sie sich in Bewegung.
   Der Weg bis zum Gate kam Dennis endlos vor. Er hatte manchmal das Gefühl, als ob sie sich überhaupt nicht bewegen würden. Er war sicher, niemals anzukommen.
   Und doch standen sie auf einmal an der durch ein großes rotes Symbol gekennzeichneten Station, die sie zum Queensway bringen würde.
   Dennis hatte das Gefühl, er könnte es schaffen.
   Er hörte das Brausen der sich nähernden U-Bahn. Oder war es wieder das Sirren in seinem Kopf, das eine Ohnmacht ankündigte? Das weiße Licht auf dem Bahnhof veränderte sich. Es wurde dunkler, nahm den Ton von Kerzenflammen an und begann zu flackern.
   Alle anderen Menschen auf der Station schienen verschwunden zu sein. Auch Tobias war fort, der ihn festgehalten hatte.
   Schatten flackerten über die Wände, lösten sich und kamen auf Dennis zu. Schwarze Schwingen flatterten über ihn hinweg.
   Er wich vor ihnen zurück, als sich die Schattengestalten nach ihm ausstreckten. Er spürte die Kälte, die von ihnen ausging, wie einen Windstoß an einem Wintertag. »Nein«, murmelte er, während sein Herz vor Angst beinahe explodierte. »Nein, geht weg. Geht weg!«
   Er stolperte und fiel rückwärts.
   Sein Sturz schien nicht enden zu wollen. Er wusste, er würde auf den Gleisen der U-Bahn landen. Die Bahn würde über ihn hinwegrollen, und dann war es vorbei. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte dieser Gedanke etwas Verlockendes.
   »Wulfric!«, hörte er in diesem Moment Edwards Stimme.
   In Dennis zerbrach etwas. Wut kochte in ihm auf, und ein anderes, fremdes Gefühl.
   Etwas, dessen Hitze sein Herz beinahe zum Bersten brachte, seine Adern durchpulste und die Schatten in Rußfetzen zerplatzen ließ.
   Nein. Nicht so. Das wollte er nicht.
   Dennis sah wieder klar. Er packte mit beiden Händen Tobias' ausgestreckte Arme und riss sich nach oben, im letzten Moment, bevor er auf die Gleise stürzte.
   Tobias' Gesicht war vor Angst verzerrt. »Was – was machst du denn für einen Scheiß?« Er keuchte. »Du musst dich doch hier nicht vor die U-Bahn schmeißen, du Idiot, so schlimm kann es doch nicht sein!«
   Dennis stützte sich vornüber gebeugt auf seinen Knien ab. »Es ist noch viel schlimmer. Aber es ist anders, als du denkst. Ich will leben. Ich will einfach nur auf dieser Welt sein, egal, was noch kommt.«

5. Kapitel

Mrs Warner, die Gastmutter, hatte ihnen die Tür geöffnet und sie mit großen Augen angestarrt, als sie die Treppe hinauf in ihr Zimmer wankten.
   Im Spiegel im Flur sah Dennis, dass sie einen erbarmungswürdigen Anblick boten. Sie waren so weiß im Gesicht, als hätten sie Geister gesehen – was in Dennis' Fall auch nicht so abwegig war.
   Als sie sich schweigend auf die Betten warfen, klopfte es an die Tür. Mrs Warner brachte ihnen Tee und Kekse. Ausgehungert stürzten sie sich darauf. Das zauberte ein Lächeln auf das besorgte Gesicht der Gastmutter. Wenn jemand Sinn für die Teatime hatte, konnte er nicht so schwer krank sein, dass man einen Arzt rufen musste.
   Sie setzte sich zu Dennis auf die Bettkante und nahm sich auch ein Plätzchen. »Weißt du, Dennis ist so ein netter Name«, sagte sie.
   Vielleicht war das in England ja tatsächlich so?
   »Mein Neffe heißt auch Dennis. Als ich deinen Namen auf dem Formular sah, wusste ich gleich, dass ich dich gern hier wohnen haben würde. Dich natürlich auch, Tobias!« Es schien ihr peinlich zu sein, sich so ausschließlich an Dennis gewandt zu haben. Sie lächelte Tobias entschuldigend an, nahm noch ein Plätzchen und ging hinaus.
   »Es tut mir leid«, sagte Tobias mit vollem Mund und sah Dennis mit seinen kugelrunden graubraunen Augen an. »Es tut mir echt leid, weißt du. Ich glaub, das war heute wirklich eine Nummer zu doll.«
   Dennis betrachtete Tobias. Zum ersten Mal rief dessen Anblick bei ihm keine negative Reaktion hervor. Er fand weder Tobias' lockigen braunen Haarschopf blöd noch seinen stolz zur Schau getragenen Oberlippenbart. Wenn er Tobias heute zum ersten Mal begegnet wäre, hätte er ihn wahrscheinlich nett gefunden.
   Aber Tobias hatte es ihm genauso schwer gemacht wie die anderen. Er war ein treuer Anhänger Ansgars und hatte dessen Spötteleien niemals infrage gestellt. Er hatte im Gegenteil immer gern dabei mitgemacht. Rika war die einzige von Dennis' Mitschülern gewesen, die Ansgar ab und zu mal ein paar Worte der Kritik gesagt hatte.
   Da war er wieder, der Luft abschnürende Gedanke an Rika.
   »Geht's dir nicht gut?«, erkundigte sich Tobias. »Du wirst schon wieder ganz weiß.«
   Einen Moment lang überlegte Dennis, ob er Tobias einweihen sollte. Dann verwarf er den Gedanken wieder. Was hätte er sagen können? Klang irgendetwas von dem, was heute geschehen war, plausibel? Er wollte die unverhoffte Freundlichkeit, die von Tobias ausging, nicht gleich wieder zerstören. »Niedriger Blutzuckerspiegel«, murmelte er und trank einen großen Schluck Tee. »Geht gleich besser, wenn ich was im Magen habe.«
   »Wir können nachher auf dem Queensway zum Italiener gehen«, schlug Tobias vor. »Ich hab Lust auf Pizza nach all dem Fish and Chips-Zeug. Die pürierten Erbsen und der Braten in Minzsoße bei Mrs Warner gestern Abend waren zwar nett gemeint als Begrüßungsessen, haben aber scheußlich geschmeckt. Ich lad dich ein«, fügte er schnell hinzu, als Dennis schluckte.
   »Ich möchte nicht eingeladen werden«, fuhr Dennis ihn an. Das tat ihm sofort leid, er wusste auch nicht, was ihn da geritten hatte, und das gerade jetzt. Aber es war einfach wahr. Wie seltsam, dass er sich nur bei jemandem die Wahrheit zu sagen traute, der ihm freundlich begegnete. War das nicht verrückt?
   Auf Tobias' rundem Gesicht breitete sich eine leichte Röte aus. »Ist okay«, sagte er nur. Dann setzte er sich aufrecht hin und sah Dennis geradewegs an. Es waren wieder diese Scheinwerferaugen. »Ist das wahr mit deinem Vater?«, wollte er wissen. »Dass der wen umgebracht hat?«
   Dennis spürte die Wut in sich hochkochen. Sie brodelte wie in einem heißen Kessel, bis seine Augen brannten. »Ich weiß es nicht«, antwortete er. »Niemand hat es mir gesagt. Ich weiß nur, dass es was wirklich Schlimmes gewesen sein muss. Ist also möglich, dass er ein Mörder ist. Ich weiß eh nie was. Meine Mutter redet nur Quatsch, besonders wenn sie betrunken ist.«
   »Hast du deinen Vater nie im Gefängnis besucht?«, fragte Tobias. »Weißt du überhaupt, wo er ist?« Er sah neugierig aus.
   Dennis mochte seine Fragerei nicht. »Nein«, gab er knapp zurück. »Meine Mutter wollte nicht, dass ich ihn besuche.«
   »Habt ihr überhaupt keinen Kontakt?« Tobias hörte einfach nicht auf, zu fragen. »Ich meine, vermisst du ihn nicht? Auch wenn er im Knast sitzt?«
   Die Wut schnürte Dennis' Kehle zu. Seine Augen brannten wie Feuer. Er spürte, wie etwas Heißes auf seine Wangen fiel. Um Himmels willen, er würde doch jetzt nicht heulen?
   Tobias starrte ihn an. »Um Gottes willen«, stotterte er. »Deine Augen – deine Augen brennen!«
   Dennis griff sich mit der Hand ins Gesicht und zuckte zurück. »Au!« Seine Fingerspitzen waren rot, Blasen bildeten sich. Er ging ins Bad. Als er im Spiegel eine Gestalt mit lodernden Augen sah, glaubte er zuerst, seine Albträume hätten wieder angefangen. Aber dann erkannte er, dass er es war.
   Bernstein, in Flammen aufgelöst. Funken sprühten aus seinen Augen.
   »Ich geh«, rief Tobias, und die Zimmertür knallte zu.
   Dennis konnte es ihm nicht verdenken. Er ging zurück ins Zimmer und war ruhig. Der Zorn war verbrannt. Er holte eine Kopfschmerztablette aus seinem Kulturbeutel, nahm sie mit einem Schluck Wasser und legte sich aufs Bett. Sekunden später war er eingeschlafen.

Als Dennis aufwachte, war er orientierungslos. Er hatte irgendetwas Düsteres, Bedrückendes geträumt und war unendlich weit entfernt von dem Ort gewesen, an dem er sich jetzt befand. Ein Zimmer, genau wie dieses hier, nur anders eingerichtet. Als er die Augen aufschlug, waren diese beiden Räume gleichzeitig präsent. Er konnte neben dem inzwischen schon vertrauten Blumenduft von Mrs Warners Lufterfrischer einen fremden Geruch in der Luft riechen, nach Babypuder und voller Windel, und es gab einen zusätzlichen Lichteinfall von einem Nachtlicht, der nicht mit dem Schein der Straßenbeleuchtung vor dem Fenster übereinstimmte. Es war ein ungutes Gefühl, an zwei Orten – oder zu zwei Zeiten – zugleich zu sein, so, als ob man entzweigerissen würde. Dennis krallte sich an der Gegenwart fest und versuchte, sich in Gedanken in das Zimmer bei seinen Gasteltern zurückzuziehen. Die Konturen, die nicht übereinander passten, verschwanden allmählich. Die Realität gewann an Deutlichkeit. Das scheußliche Gefühl blieb. Dennis stand auf und ging ins Bad. Auch eine Handvoll kaltes Wasser ins Gesicht half nichts. In seiner Brust war ein hohler Schmerz.
   Er ging ins Zimmer zurück. Tobias' Bett war unbenutzt. Dennis schaute auf die Uhr: weit nach Mitternacht. Er bekam einen Schreck. Wo war Tobias hin? Warum war er nicht zurückgekommen? Oder schlief er unten im Wohnzimmer auf der Couch, weil er nicht mit Dennis in einem Zimmer sein wollte?
   Dennis ging auf nackten Füßen leise die Treppe hinunter. Im Wohnzimmer waren die Vorhänge offen, das Licht der Straßenbeleuchtung fiel ungehindert in den Raum.
   Auf der Couch lag niemand.
   Von oben hörte Dennis Mr Warner schnarchen.
   Wie konnte es sein, dass die Gasteltern schlafen gegangen waren, bevor Tobias zurück war? Das sah ihnen nicht ähnlich. Besonders Mrs Warner war immer sehr besorgt gewesen. Sie hatte selbst drei erwachsene Söhne, und Dennis hatte sofort gemerkt, dass sie sich mit Jugendlichen im Alter ihrer Gastkinder bestens auskannte.
   Dennis war hin- und hergerissen. Er wusste, dass er seine Gasteltern wecken musste, aber er hatte Angst davor. Mr Warner war bei Weitem nicht so nett wie seine Frau, außerdem musste er früh aufstehen. Er würde es übel nehmen. Aber Dennis durfte nicht feige sein.
   Er schlich wieder nach oben und klopfte behutsam an die Schlafzimmertür. Mr Warners Schnarchen brach ab, was Dennis als Aufforderung zum Eintreten nahm. Mit schmerzhaft pochendem Herzen ging er zu Mrs Warner und zupfte an ihrer Bettdecke. »Entschuldigung«, murmelte er. Sein Kopf glühte, als sie ihn verschlafen ansah. »Mrs Warner – Tobias ist noch nicht zurückgekommen!«
   Die Gastmutter starrte ihn an, und einen Moment fragte er sich, ob sie ihn nicht verstanden hatte. Dann setzte sie sich im Bett auf und lächelte beruhigend.
   »Du hattest einen Albtraum, mein Lieber«, sagte sie freundlich. »Du bist noch nicht ganz wach. Wer ist Tobias? Einer deiner Klassenkameraden? Geh wieder ins Bett, morgen siehst du deine Mitschüler wieder, und du wirst merken, sie sind alle wohlauf.«
   Mr Warner drehte sich auf die andere Seite und grunzte ärgerlich.
   Mrs Warner verzog das Gesicht und nickte Dennis auffordernd zu. »Geh wieder ins Bett«, sagte sie, und der Tonfall duldete keinen Widerspruch.
   Dennis drehte sich um und ging nach draußen.
   Das konnte nicht sein.
   Mrs Warner hatte den Namen Tobias offensichtlich noch nie gehört.
   Es war wie bei Rika! Er versuchte, sich zu beruhigen. Vielleicht war ja auch Mrs Warner nicht ganz wach gewesen?
   Dennis schlich nach oben und zog sich an. Er würde nach Tobias suchen. Wo der Italiener auf dem Queensway war, zu dem Tobias hatte gehen wollen, wusste er. Das war seine einzige Hoffnung.
   Der Schlüssel zur Haustür lag in der Dielenkommode im obersten Schubfach. Die Schublade quietschte, und Mr Warner hörte erneut auf zu schnarchen. Dennis wagte nicht zu atmen, bis das Geräusch wieder einsetzte.
   Mit zitternden Fingern entriegelte er die Haustür und trat nach draußen. Das Haus der Gasteltern lag in der Inverness Terrace, nur wenige Schritte vom Queensway, einer belebten Geschäfts- und Restaurantmeile in Bayswater, entfernt.
   Obwohl es so spät war, waren noch jede Menge Leute unterwegs, und die meisten Restaurants hatten geöffnet. Stimmengewirr und Lachen klangen durch die Straße.
   Die Tageshitze war einer angenehm duftenden, erfrischenden Nachtluft gewichen. Dennis roch das Gras und die Pflanzen in den nahe gelegenen Kensington Gardens.
   Der Italiener hieß Cesar's. Das Haus hatte einen Seiteneingang, und auf dem freien Platz standen Tische und Stühle. Alle waren besetzt.
   Dennis starrte, bis ihm die Augen wehtaten, aber er konnte Tobias nirgendwo entdecken. Vielleicht hatte er sich ins Restaurant gesetzt? Er bahnte sich einen Weg durch die schwatzenden Leute und ging nach drinnen. Hier war nicht viel Platz. Eine große Theke mit Salaten, und rechter Hand wie ein Schlauch eine Flucht mit weiteren vier Tischen, an denen nur zwei Personen saßen. Von Tobias keine Spur.
   Der Kellner sah Dennis fragend an. Dennis wischte sich zittrig mit der Hand über die Stirn, schüttelte den Kopf, um zu zeigen, dass er nichts bestellen wollte, und ging wieder nach draußen.
   Er hatte ein komisches, schwebendes Gefühl im Magen und ein Sirren in den Ohren. War es tatsächlich so wie mit Rika? Waren Dennis' Erinnerungen falsch? Vielleicht sah Tobias überhaupt nicht mehr aus wie der, den er kannte? Vielleicht schlief er bei Ansgars Gasteltern oder es gab überhaupt keinen Tobias?
   Dennis hatte einen Augenblick lang das schwindelerregende Gefühl, dass hier nichts stimmte und dass er in eine andere Zeit übergewechselt war. Die richtige Zeit, seine Zeit, gab es noch irgendwo da draußen. Er meinte für den Bruchteil einer Sekunde, diese Zeit greifen zu können, damit sie für ihn real wurde, aber das Gefühl schwand, und zurück blieb lediglich eine weitere verstörende Erinnerung.
   Und eine Frage: Was war, wenn hier nichts wirklich war? Was war, wenn er versuchte, das zu beweisen?
   Die Antwort war eindeutig. Man würde ihn für verrückt erklären, ihn nach Hause schicken.
   Er hätte keine Chance, herauszufinden, was hier vor sich ging, und er würde wahrscheinlich tatsächlich verrückt werden. Er hatte diese Gewissheit schon einmal gehabt, im Tower, nachdem er die fremde Rika gesehen hatte. Er war überzeugt: Die Lösung seiner Probleme lag hier, in London, und wenn er die Stadt verließ, war alles vorbei.
   Aber wenn Tobias nun wirklich verschwunden ist! Du kannst doch nicht bis zum Morgen warten!
   Dennis blieb schwer atmend stehen. Er war inzwischen bis zur Ecke Queensway/Bayswater Road gekommen. Vor ihm erstreckten sich jenseits der vierspurigen Straße die umzäunten Kensington Gardens. Bevor er nach London gekommen war, hatte er geglaubt, diese ganze große Parkfläche im Süden der Stadt hieße Hyde Park, aber seine Gasteltern hatten ihm erklärt, dass man den westlichen Teil als Kensington Gardens bezeichnete, und dass nur ein Ortsunkundiger den Fehler machte, das Ganze Hyde Park zu nennen.
   Es war nach Mitternacht. Eigentlich hätte der Park geschlossen sein müssen, aber das gegenüberliegende Tor war geöffnet.
   Er hörte Wortfetzen aus dem Park. Bildete er sich das nur ein, oder war das Tobias' Stimme? Sein Herz schlug Stakkato. Er rannte über die Straße, ohne daran zu denken, dass er im Linksverkehr zuerst nach rechts gucken musste.
   Ein schwarzes Londoner Taxi hupte ihn an und kam mit quietschenden Reifen zum Stehen. Der Fahrer brüllte in breitestem Cockney Verwünschungen aus dem Fenster.
   Dennis rannte einfach weiter. Er schaute nicht rechts und nicht links, er wollte nur zu Tobias.
   Als er durch das Tor lief, durchbrach er eine unsichtbare Schranke. Es fühlte sich an, als hätte er mit seinem Körper Aluminiumfolie zerrissen. Die Dunkelheit der Nacht veränderte sich. Das Licht flackerte: Fackeln brannten.
   Dennis stand in einer Einöde, in der nichts mehr an Kensington Gardens erinnerte. Verrottete Büsche, verkrüppelte Bäume und knirschender vermodernder Rasen unter seinen Füßen.
   Ein Kreis war von Fackeln umsäumt. Schwarze Schattengestalten standen dazwischen, schemenhaft, ihre Umrisse lösten sich auf und formierten sich neu, dem Licht des Feuers entsprechend. Sein Albtraum.
   Er hörte Tobias rufen.
   Und Rika.
   Er wollte nicht weitergehen, aber er stolperte vorwärts.
   Dennis hatte schon oft darüber nachgedacht, wie es wohl sein würde, wenn man aus seinen Albträumen nicht mehr aufwachen konnte.
   Jetzt kannte er das Gefühl.
   Er trat näher. Die Schattengestalten streckten nicht die Hände nach ihm aus, sie wollten nichts von ihm. Diesmal nicht. Sie formierten sich vor seinen Augen zu Raben. Sieben Stück waren es, mit roten Augen. Sie starrten ihn regungslos an.
   Das Gras zwischen den aufgestellten Fackeln war schwarz, und jemand hatte mit Kreide einen Kreis und darin ein großes Symbol auf den Boden gemalt, das wie ein fünfzackiger Stern aussah.
   Innerhalb dieses Symbols standen Menschen. Sie waren unscharf wie auf schlechten Fotos. Manche hatten ihm die Gesichter zugewandt, doch er konnte sie nicht erkennen. Es waren nur weiße ovale Umrisse. Trotzdem schienen sie ihm vage vertraut. Waren das seine Pflegeeltern? Und da drüben – stand da seine Mutter? Und eine kleine Gestalt, ein Kind – mit flehenden Augen …
   Andere waren deutlicher: Tobias und Rika. Sie sahen ihn schweigend an, ihre Augen hatten einen verzweifelten Ausdruck.
   Unwillkürlich machte Dennis einen Schritt vorwärts.
   »Sei vorsichtig, du darfst nicht in den Kreis gehen«, sagte eine Stimme. »Das ist ein Pentakel. Was du darin siehst, liegt außerhalb deiner Zeit. Wenn du das Pentakel betrittst, wirst du diese Zeit verlassen, so, wie die Menschen es getan haben, die du dort siehst.«
   Dennis atmete unwillkürlich auf beim Klang dieser Stimme. Die Vertrautheit hatte etwas Tröstliches. Auch wenn er Edward unter merkwürdigen Umständen begegnet war, hatte er das Gefühl, der ehemalige König von England wäre auf seiner Seite. »Edward, was passiert hier? Was ist mit Tobias und Rika los? Wie kann ich sie da rausholen? Was machen all diese Menschen in dem Kreis?«
   Edward sah ihn mit seinen hellblauen Augen eindringlich an. Er war älter geworden, er hatte einen richtigen Bart und Lachfältchen unter den Augen. Er trug die Edwardskrone, aber das Gold war matt und glänzte nicht. Seine Gewänder, dieselben wie im Tower, waren bei Weitem nicht mehr so farbenprächtig und neu wie zuvor. »Ich habe nicht viel Zeit, und das, was ich hier tue, ist nicht einfach für mich«, sagte Edward beschwörend. »Ich beherrsche die Magie nur unvollständig, aber ich muss es versuchen. Bete, dass es gut geht. Es ist meine einzige Chance, dir den Kern des Geheimnisses zu zeigen. Den Grund, warum dies alles geschieht.« Er beugte sich vor und sah Dennis eindringlich in die Augen. Sein Blick war ebenso verzweifelt wie hoffnungsvoll. »Einen Schritt auf die äußerste Linie des Pentakels. Nur einen, nicht mehr, verstehst du! Achte genau, wohin du trittst.«
   Ein Schauder lief über Dennis' Rücken. Behutsam setzte er den ersten Fuß auf die Kreidelinie. Nichts geschah. Er sah sich nach Edward um, doch der war verschwunden.
   Dennis schluckte und setzte auch den zweiten Fuß auf die Linie. Um ihn drehte sich alles, es dauerte einen Moment, bis er wieder klar sah. Eine steinerne Wendeltreppe, schwindelerregend ohne Geländer, schmale Stufen. Mauern aus kaum behauenen Bruchsteinen um ihn herum. Dann, am Kopf der Treppe: eine schwere Holztür mit Eisenbeschlägen.
   Der Schwindel ließ nach. Dennis spürte ein Gewicht: Er hatte ein Kind auf dem Arm, ein etwa fünfjähriges Mädchen. Er kannte das zarte blasse Gesicht mit den blauen Augen, den flehenden Blick. Das Kind aus dem White Tower, in das sich Rika verwandelt hatte.
   »Nein, Vater.« Das Mädchen weinte und schlang die Arme um seinen Hals. »Ich will nicht in das Turmzimmer. Bitte, Vater, nicht! Ich möchte die Krönung sehen. Ich möchte nicht allein im Turm sein. Mutter hat mir süße Früchte versprochen.«
   Als Dennis antwortete, war es Edwards Stimme, und es waren Edwards Worte. Dennis begriff: Er sah ein Bild aus der Vergangenheit. Edward stotterte vor Anspannung. Der Kummer seiner Tochter berührte ihn. Dennis spürte seine Angst. »Nur für ein paar Stunden, Liebling. Du bist doch meine Prinzessin, nicht wahr? Du weißt, dass du als Tochter des Königs Pflichten hast. Das ist deine erste Pflicht: hier auf mich zu warten, bis die Krönung vorüber ist. Und anschließend, ich verspreche es dir, wirst du die allergrößten Leckereien von der Tafel bekommen! Ich gehe sofort zu Cathrine und werde ihr sagen, dass sie für dich die leckersten Bissen zurückhält. Bitte, mein Liebling, vertrau mir!«
   Erwartungsvolle blaue Kinderaugen. »Die schönsten Bissen? Versprochen?«
   »Versprochen!«
   Die Tür aufgeschlossen. Das Schloss klemmend, beim Drehen des Schlüssels stark schmerzhafter Druck auf dem Gelenk des Mittelfingers. Dennis wollte den Schlüssel loslassen und den verletzten Finger in den Mund stecken, doch der Mann, dem der Körper gehörte, war härter im Nehmen.
   Ein dunkler Raum, schmale Schießscharten, durch die nur wenig Tageslicht fiel. An der Flamme einer Kerze entzündete er die Fackel in der Wandhalterung, damit es heller wurde. Ein Kuss auf die Stirn des Kindes, ein Blick zurück in bange Augen. Der Schmerz war beinahe unerträglich.
   Hatte er eine andere Wahl gehabt? Er hatte sie in Sicherheit bringen müssen! Hatte er ahnen können, dass es keine Sicherheit gab?
   Ja, schrie etwas in ihm, er hätte es wissen müssen!
   Doch es war nicht mehr aufzuhalten. Er ging hinaus und zog die Tür hinter sich ins Schloss.
   Plötzlich wehte ihn von irgendwoher ein kalter Atem an. Seine Haare sträubten sich, Gänsehaut überzog seinen Körper. Er wusste es, bevor er es sah. Er warf sich herum, doch die Tür war verschwunden, und eine undurchdringliche Mauer trennte ihn von seiner Tochter.
   Dennis wurde mit einem Ruck vom Rand des Pentakels geschleudert. Er schlug schmerzhaft auf dem Steißbein auf. Der Park war wieder wie zuvor, der magische Kreis war fort.
   »Du bist der Einzige, der das verhindern kann«, hörte er Edwards Stimme im Wispern der Blätter. »Bitte. Ich baue auf dich.«

*

»Ja, Mrs Warner, ich verstehe sehr gut«, sagte Ulrike Zender und gab sich alle Mühe, richtig wach zu werden. Der Tag war anstrengend genug gewesen, und nun mitten in der Nacht dieser Anruf! »Nein, Sie müssen sich nicht entschuldigen. Ich hatte heute auch Probleme mit Dennis. … Wie heißt der Junge, von dem er gesprochen hat? Nein, ich kenne keinen Tobias. Ich werde Dennis genau im Auge behalten. Ich habe schon mit seinen Pflegeeltern gesprochen. Ein weiterer Vorfall, und ich schicke ihn nach Hause. Mrs Warner – ich denke auch, dass das eine gute Lösung ist, aber wollen wir dem Jungen nicht wenigstens eine Chance geben? Er hat schließlich in seinem bisherigen Leben eine Menge durchgemacht. Kein Wunder, dass er verwirrt ist.«
   Sie hielt einen Moment inne und lauschte auf die kalte Stimme am anderen Ende der Leitung. Sie hatte die Gastmutter von Dennis in anderer Erinnerung. Das war auch der Grund gewesen, warum sie den Jungen dorthingegeben hatte. Mr und Mrs Warner hatten in den Vorgesprächen so sympathisch und warmherzig gewirkt.
   Eine Welle von Mitgefühl überschwemmte sie. Warum hatte der Junge nur immer ein solches Pech mit seinen Mitmenschen?
   »Ja«, wiederholte sie, bemüht, ihre Resignation nicht spürbar werden zu lassen, »ja, natürlich, Mrs Warner, wenn Sie es sagen. Wenn Sie ihn nicht länger beherbergen wollen, ist die Entscheidung im Grunde schon gefallen. Ich werde gleich morgen mit den Pflegeeltern telefonieren.«
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