Eines Tages kommt Rain, deren Herz dem jüngsten Sohn von Väterchen Frost und der Schneekönigin gehört, vollkommen erfroren nach Hause. Mehr noch, vor den Augen ihres Vaters Robert verwandelt sie sich in eine Statue aus lebendigem Eis. Robert, der nichts von dem New York der Märchen oder dem Fluch ahnt, mit dem die Kinder des Winters belegt sind, macht sich auf die verzweifelte Suche nach Hilfe. Kaum, dass er den Central Park betreten hat, begegnet ihm Liberty, die Tochter der Spiegelkönigin, und führt ihn in jene mitunter gefährlich-magische Welt der Märchengefilde, wo Sommer und Winter ebenso wirklich sind wie Einhörner, lebendige Spiegel und Geistergondeln. Dort erhält er eine Wegbeschreibung, mit der er das Einzige finden kann, das Rain zu retten vermag: Die Träne, die der Sohn des Winters weinte.

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ISBN: 978-9963-53-285-8

Seiten: 245

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Fabienne Siegmund

Fabienne Siegmund
Fabienne Siegmund, geboren 1980, lebt  in der Nähe von Köln. Ihre Leidenschaft für Geschichten entdeckte sie schon als Kind, und irgendwann begann sie, selbst zur Architektin von Luftschlössern, Traumgebilden und anderen zumeist fantastischen Stoffen aus Buchstaben zu werden. Den Mut, ihre Schubladen zu verlassen, fanden ihre Geschichten aber erst sehr viel später, und so erschien 2009 ihre erste Kurzgeschichtensammlung „Der Nebel Notre Dames und andere Geschichten“ im Ulrich Burger Verlag,  Inzwischen sind diesem mittlerweile nicht mehr erhältlichen Titel zahlreiche weitere Veröffentlichungen gefolgt, zuletzt „Das Herz der Nacht“ (Acabus/Ullstein Forever) oder „Die Herbstlande“ (Verlag Torsten Low, gemeinsam mit Stephanie Kempin, Vanessa Kaiser und Thomas Lohwasser. Ihre Novelle „Der Karussellkönig“ wurde 2016 mit dem goldenen Stephan ausgezeichnet. Ihre Freizeit verbringt Fabienne Siegmund zum größten Teil in Geschichten (egal, ob lesend oder schreibend), besucht aber auch sehr gern das ein oder andere Konzert, Eishockeyspiel oder Theaterstück, bastelt mit allen möglichen Dingen und reist durch die Welt, wo sie stets auf der Suche nach Märchenbüchern der Gegend ist und gern die ein oder andere Idee für eine neue Geschichte mitbringt.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

»Versprichst du, mich nie zum Weinen zu bringen?«
»Das kann ich nicht.«
»Warum nicht?«
»Weil ich dich liebe.«


Kapitel 1

Jeder Vater würde für seine Tochter durch die Hölle gehen. In dem Moment, als Robert seine Tochter Rain durch die Wohnzimmertür taumeln sah, wusste er, dass auch er bald zu diesen Vätern gehören würde.
   Er erkannte es an ihren Augen. Sie strahlten hellblau – jedenfalls normalerweise. Doch an Tagen, an denen einem Vater klar wurde, dass man durch die Hölle gehen würde, gab es keine Normalität. An solchen Tagen konnte nichts normal sein.
   Die Andersartigkeit sprach aus Rains Augen. Kein Blau leuchtete ihm mehr entgegen, sondern nur noch kaltes Weiß.
   Weiß wie der Schnee, der die Stadt bedeckte.
   Robert war ihr entgegengestürzt und hatte sie aufgefangen, ehe sie fallen konnte. Alles an ihr hatte sich kalt angefühlt. Kalt wie das Eis, das Zapfen an den Fenstersimsen und Dächern der Stadt wachsen ließ.
   Kein Wort hatte sie gesagt.
   Robert hatte eine Decke um ihre Schultern gelegt und ihr den Rücken gerieben, doch nicht ein bisschen seiner Wärme hatte sie erreicht. Im Gegenteil. Sie schien mit jeder Sekunde, die verstrich, kälter und steifer zu werden.
   Was hätte Romy jetzt getan? Romy hätte gewusst, was getan werden musste. Aber Romy war schon lange tot.
   Er hatte Rain allein großgezogen. Es brach ihm das Herz, sie so zu sehen.
   »Heißes Wasser«, schoss es ihm durch den Kopf.
   Sofort war er hochgeschnellt, ins Bad gerannt, um das heiße Wasser aufzudrehen. Gleich darauf hatten seine Schritte ihn zurück ins Wohnzimmer geführt, wo er Rain von der Couch gehoben und in den kleinen Raum getragen hatte.
   Es war ihm ein bisschen unangenehm gewesen, sie auszuziehen – sechzehnjährige Töchter zog man für gewöhnlich nicht aus – also hatte er ihr die Unterwäsche angelassen.
   Rain hatte sich nicht gerührt. Ihre Haut war ebenso weiß wie ihre Augen, wirkte im grellen Neonlicht des Bades fast bläulich.
   Dann hatte er sie hochgehoben, um sie ins Wasser zu tauchen.
   Sie hatte wieder keinen Ton von sich gegeben. Ganz stumm und starr lag sie da, nur ihr eisig kalter Atem an seinem Hals ließ ihn fröstelnd spüren, dass sie noch lebte.
   Erst, als ihr Körper das fast schon unerträglich heiße Wasser berührte, gab Rain einen Laut von sich. Vielmehr – ihr Körper tat es. Er knackte. So, wie Eis knackt, wenn es unter Hitze barst.
   Erschrocken schnellte Robert mit Rain auf dem Arm wieder hoch, noch ehe er sie losgelassen hatte. Ihr Körper war immer noch kalt, aber ihr Gesichtsausdruck hatte sich verändert. Zeigte ihm nun eine schmerzverzerrte Grimasse. Und wenn Töchter leiden, tun es auch ihre Väter.
   Bei Robert war es genauso. Er hatte das Gefühl, sein Herz würde reißen. Tränen wollten ihm in die Augen schießen, doch er hielt sie zurück. Er musste sich um Rain kümmern.
   Kurz blieb er regungslos mit ihr vor der gefüllten Badewanne stehen, ehe er Rain abtrocknete, ihr trockene Kleidung anzog und sie in ihr Bett legte. Doch egal, wie viele Decken er über sie legte oder wie viele Wärmflaschen er an ihren Körper schob, sie wurde einfach nicht wärmer.

Der Abend kam, es wurde nicht besser. Auch nicht schlechter, falls man das sagen konnte. Es blieb einfach, wie es war.
   Robert wich nicht von Rains Seite, nur manchmal, um eine Wärmflasche neu zu füllen. Immer wieder strich er ihr über die kalte Stirn und dachte nach.
   Die ganze Zeit hatte sich Rain nicht bewegt. Nur ihr kalter Atem verriet nach wie vor, dass sie noch lebte.
   »Was mach ich nur?« Seine Worte unterbrachen die Stille. »Was mach ich nur?« Immer wieder dachte er an Romy. Sie hätte gewusst, was los war, dessen war er sich sicher. Romy hatte alles gewusst, auch, dass der Tag kommen würde, an dem er für Rain durch die Hölle gehen musste.
   Wider besseres Wissen hatte Robert es als Unsinn abgetan, aber Romy hatte nie Unsinn erzählt. Dass auch das keiner war, stand nun fest. Der Tag war vielleicht noch nicht gekommen, aber er stand vor der Tür. Hatte sogar schon angeklopft.
   Weil Rain so dalag, als wäre sie erfroren. Und weil er sie retten musste, egal, was es kostete.
   Robert stieß einen Seufzer aus. Was sollte er nur tun? Er wusste ja nicht einmal, was passiert war. Wie sollte man ein Gegenmittel finden, wenn man die Ursache nicht kannte?
   Am nächsten Morgen hatten sich die Ringe unter seinen Augen in tiefe, dunkle Schluchten verwandelt. Sonst hatte sich nichts verändert.
   Rain lag noch so da, wie er sie hingelegt hatte. Ohne sich zu rühren, ohne ein Wort zu sagen. Nur einmal, da hatten ihre Lippen geflattert, so schnell wie die Flügel einer Motte, die eine Kerzenflamme umschwirrt. Sie war kein Stück wärmer geworden.
   Die ganze Zeit über hatte er über die Dinge nachgedacht, denen er auf den Grund gehen musste. Erstens: Was war geschehen? Zweitens: Was konnte er dagegen tun? Und drittens: Warum war sie jetzt so steif? Sie hatte es doch aus eigener Kraft in die Wohnung geschafft.
   Auf keine der Fragen hatte ihm die verstrichene Nacht eine Antwort gegeben.
   Er hatte Gott gefragt, die Sterne und Romy. Nur um eine kleine Offenbarung hatte er gebeten, aber die Sterne hatten bloß weiter stumm geblinzelt und Gott hatte, wie wahrscheinlich zu allen Zeiten, geschwiegen. Nur Romy hatte sich bemerkbar gemacht. Mit Fingern aus Tausenden von Hagelkörnern hatte sie an das Fenster von Rains Zimmer geklopft.
   »Hagel ist doch nur gefrorener Regen«, hatte sie stets gesagt, wenn er sich darüber beschwert hatte.
   Doch Romy hatte den Regen immer geliebt. Er nicht. Nicht am Anfang jedenfalls. Regen – das hatte ihn immer an Traurigkeit erinnert. Und an Tränen. Für Romy aber war Regen Leben. Und Tränen konnten ebenso vom Glück sprechen. So war Romy gewesen.
   Als ihre kleine, so winzig kleine Tochter geboren wurde, gab es für Romy nur den einen Namen, den sie ihr hatte geben können: Rain. Weil sie das Glück ihres Lebens war. Zu Beginn war Robert dagegen gewesen. Er hatte sich einen normalen Namen gewünscht. Alice, Mary, Ann – etwas in dieser Art, hatte sich Romy durchgesetzt. Seither liebte auch Robert den Regen. Weil er ihn an Rain erinnerte. An seine Rain. Und an Romy. Sie beide hatten für ihn untrennbar zusammengehört, aber weil das Leben manchmal unbarmherzig sein konnte, hatte es ihm Romy genommen.
   Den Gedanken an ihren Tod hatte er schnell wieder abgeschüttelt. Für Romy konnte er nichts mehr tun. Nur für Rain, denn Rain lebte. Was gut war – wenn es überhaupt etwas Gutes an dieser Sache gab. Wenigstens war es etwas, das er mit Sicherheit wusste. Eigentlich war es das Einzige, das er überhaupt wusste.
   Schließlich war er aufgestanden.
   Rain hatte keine Reaktion gezeigt. Kurz hatte er gehadert – er wollte Rain nicht allein lassen. Aber was sollte ihr geschehen? Er verkniff sich den Gedanken, dass es wohl kaum schlimmer kommen konnte. Ein Schlimmer gab es immer. Hier konnte er allerdings hier nichts für sie tun. Er hatte vor, in den Central Park zu gehen. Romy war immer dorthin gegangen, wenn sie nach einer Antwort gesucht hatte. »Wenn ich dort eine Zeit sitze«, hatte sie stets gesagt, »kommt irgendwann die Antwort vorbei.« Bei diesen Worten hatte sie immer geheimnisvoll gelächelt, ihm aber nie mehr erklären wollen, auch nicht, wenn er danach gefragt hatte. Nur ihren Lieblingsplatz hatte sie ihm einmal gezeigt.
   Unter einen alten Baum hatte sie sich immer gesetzt. Das würde er heute wohl kaum können – nicht bei diesem Wetter. Aber dort warten, das konnte er. Vielleicht würde auch ihm eine Antwort begegnen.
   Das Apartment, das er mit Rain bewohnte, lag nur wenige Blocks vom Park entfernt. Schon bald stand er unter den kahlen Ästen von Romys Baum. Das Gesicht unter der Kapuze verborgen, wartete er. Er stand einfach nur da, beobachtete die wenigen Menschen, die dem schlechten Wetter trotzten – weil sie nicht anders konnten oder es einfach wollten. Er dachte nach. Über die Fragen, auf die er eine Antwort suchte. Über vieles mehr. Wartete.
   Die erste Zeit passierte nichts. Leute liefen weiter an ihm vorbei, meist, ohne ihn zu beachten. Obwohl er warm angezogen war, spürte er, wie die Kälte mit eisigen Fingern nach seiner Haut griff. Eine Stunde verging so. Robert dachte, dass er der ganzen Sache noch eine weitere Stunde Zeit geben würde. Nicht länger. Die Stunde verging und er stand immer noch da. Wartete. Weil es nichts gab, was er sonst hätte tun können.
   Als er schon nicht mehr daran glaubte, dass überhaupt etwas geschehen würde, bemerkte er im linken Augenwinkel eine Bewegung. Er ließ seinen Kopf herumschnellen. Im nächsten Augenblick stieß er ein überraschtes »Oh« aus. Mit nichts auf der Welt hätte er weniger gerechnet als mit einem Kaninchen – zumindest nicht mit so einem. An sich ist ein Kaninchen in einem Park ja nichts Ungewöhnliches, aber dieses war es. Gerade setzte es sich auf die Hinterpfoten, ließ seine Nase auf und ab wippen und betrachtete ihn aus braunen Augen. Fast meinte Robert, die stumme Frage zu hören, was er bei dieser Kälte hier wollte. Das konnte er sich noch erklären. Kaninchen machten ja schließlich oft Männchen. Aber was wirklich besonders war, war die Färbung des Tiers. Normale Kaninchen, also solche, die für gewöhnlich durch Parks hoppeln, hatten braunes Fell. Von oben bis unten. Vielleicht noch mit weißem Schwanz und schwarzen Ohrspitzen, aber sonst braun. Dieses hier war nirgends braun. Sein Fell war weiß, sodass es kaum vom Schnee ringsherum zu unterscheiden gewesen wäre, hätte es nicht schwarze Flecken auf dem Rücken, die wie eine Schlangenlinie auf der Wirbelsäule lagen, ebenso schwarze Ohren und Ringe um die Augen. Wie ein kleiner Dalmatiner. Als ob es den Gedanken gehört hätte, ließ sich das Kaninchen wieder auf alle viere nieder, schüttelte den Kopf, sodass die Ohren flogen, und hoppelte davon.
   Robert sah dem Tier noch eine Weile hinterher, eine kleine Ansammlung von schwarzen Punkten, die sich immer weiter entfernte. Vielleicht sollte er gehen. Aber er tat es nicht. Irgendetwas sagte ihm, dass die Begegnung mit diesem Kaninchen eine Bedeutung hatte. Vielleicht war es Romy, die es ihm durch die weißen Schneeflocken, die immer dichter wurden, zuflüsterte. Oder einfach die Tatsache, dass Romy Kaninchen immer gemocht hatte. Also wartete er, harrte der Dinge, die da kämen. Dachte voller Sorge an Rain.
   Wie kalt sie gewesen war. Ihr Atem – nicht wärmer als die Brise, die ihm gegen die Haut an den Wangen stach. Was, wenn sie nicht mehr atmete? Was, wenn es ein Fehler gewesen war, hierherzukommen?
   »Es war nicht falsch«, sagte plötzlich eine Stimme hinter ihm. »Sie atmet noch.«
   Robert fuhr herum.
   Da stand eine Frau. Sie mochte so alt sein wie er, aber er konnte es nicht genau sagen. Sie trug eine dunkle Hose, die in schwarzen Stiefeln steckte. Darüber, fast bis zu den Knien reichend, fiel ein mintgrüner Mantel, der Robert an die Freiheitsstatue denken ließ. Eine ebenfalls schwarze Mütze verbarg ihr Haar und schützte ihren Kopf vor der Kälte. Eine einzelne Strähne fiel in ihr Gesicht, ebenso schwarz wie alles sonst. Es ließ ihr ohnehin blasses Gesicht noch weißer wirken.
   Auf ihrer Stirn bildete sich eine Sorgenfalte.
   Bestimmt, weil er nicht reagierte. Robert konnte einfach nichts sagen, denn er versuchte noch, herauszufinden, ob er diese Fragen eben laut gestellt hatte, dass sie sie hatte beantworten können. Er war sich sicher, dass er sie nur gedacht hatte. Trotzdem hatte sie ihm eine Antwort gegeben.
   »Ich bin Liberty.« Erneut brach die Fremde das Schweigen.
   So viel zur Freiheitsstatue. Robert blieb weiterhin stumm.
   Liberty musterte ihn aus grau-grünen Augen. »Du bist Robert«, stellte sie schließlich in einem Tonfall fest, der klang, als würde sie einen alten Bekannten treffen. »Romys Mann.«
   Endlich fand Robert seine Sprache wieder. »Woher kennst du mich? Woher weißt du von Romy? Oder was mit Rain ist? Wo kommst du her? Wer bist du?« Die letzten Fragen hatte er fast in die Kälte hinausgeschrien.
   Die Frau lächelte und das Lächeln malte kleine Fältchen in ihre Wangen. »Ich bin Liberty«, beantwortete sie seine letzte Frage mit dem Einzigen, das er bereits wusste.
   Robert wartete.
   »Ich komme, wie jeder in dieser Stadt, von überall und nirgendwo zugleich.«
   Er wusste, was sie meinte. So war New York.
   »Ich kannte Romy. Sie kam oft hierher, um nach Antworten zu suchen.«
   Mit einem Mal wusste Robert, dass Romy stets von Liberty gesprochen hatte, wenn sie gemeint hatte, die Antworten kämen irgendwann vorbei.
   »Dadurch kenne ich auch dich. Und natürlich Rain.« Ihr Lächeln wurde breiter, dann verschwand es von ihrem Gesicht, als hätte es jemand weggewischt. Sie schwieg.
   Robert dachte, dass sie trotzdem noch nicht alle Fragen beantwortet hatte. Woher sie wusste, was mit Rain passiert war, beispielsweise. Wie es ihr ging. Ganz abgesehen von all den Fragen, derentwegen er hierhergekommen war. Die Fragen, die er noch nicht einmal gestellt hatte. Aber alles hat eine Reihenfolge. Und eine Zeit. Das hatte Romy immer gesagt.
   Wieder schien Liberty seine Gedanken zu erraten. »Zeit ist etwas, was wir vielleicht nicht haben. Aber wann hat man schon Zeit?« Sie schenkte ihm einen unergründlichen Blick. Seufzte tief. »Du willst wissen, woher ich weiß, was mit Rain passiert ist – dass etwas mit ihr passiert ist.«
   Er nickte. Schließlich hatte er die Frage zuvor klar und deutlich formuliert.
   »Woher ich wusste, dass du hier bist.«
   Robert wartete.
   »Der Winterhase hat es mir gesagt. Er sagt mir immer, wenn jemand auf mich wartet.«
   Vor seinem inneren Auge blitze das Bild des weißen Kaninchens mit den schwarzen Punkten auf.
   Liberty fuhr fort. »Der Winterhase – man kann nicht erklären, was er ist«, gab sie ihm sogleich die Antwort auf die Frage, die er stellen wollte. »Vielleicht ein Kaninchen, das einst zu tief in den Hut eines Zauberers gefallen ist. Vielleicht aber auch ein Verwandter des verrückten Märzhasen, den Alice im Wunderland getroffen hat.« Sie zuckte entschuldigend mit den Schultern, weil sie wusste, dass das keinesfalls eine befriedigende Antwort war. »Ich weiß es nicht. Für mich war er immer schon da, hat mich gerufen, wenn jemand hier wartete.«
   Robert schüttelte ungläubig den Kopf. Ein Kaninchen, das eine Frau rief.
   Libertys Blick war plötzlich mit Resignation gefüllt. »Romy sagte mir schon, dass du nichts von allem glauben würdest, sollten wir uns je treffen.«
   Robert sagte nichts. Was sollte er darauf auch erwidern?
   Ihr Gesichtsausdruck wurde wieder freundlicher. »Aber du bist hergekommen. Und der Winterhase hat mich gerufen. Das ist nun einmal eine Tatsache, genauso wie der Umstand, dass deine Tochter einem Eisklotz gleich zu Hause in ihrem Bett liegt und ich davon weiß, ohne dass du es mir erzählt hast.«
   Robert starrte sie nur an. Je mehr sie sprach, desto weniger schienen seine Gedanken ihr folgen zu können. Und er hatte so eine Ahnung, dass es noch viel unglaublicher werden würde.
   »Der Winterhase hat mir auch das erzählt«, beantwortete Liberty die nächste Frage. »Er hat gesehen, was geschehen ist.«
   Roberts Gedanken, immer noch damit beschäftigt, Liberty nicht als Verrückte abzustempeln – Herrgott – die Frau sprach mit Kaninchen – hielten abrupt inne. »Was?«, brachte er irgendwie hervor.
   »Wie es passiert ist.«
   Er trat einen Schritt auf sie zu. »Was?«, wiederholte er ungeduldig, obwohl er wusste, dass Liberty nur Rain meinen konnte, und was mit ihr passiert war.
   Liberty nickte. Wieder hatte sie erkannt, was er dachte.
   »Ja, er hat Rain gesehen. Rain – und den jungen Mann, der bei ihr gewesen ist.«
   Seine Gedanken überschlugen sich. Ein junger Mann? Rain hatte nie jemanden erwähnt, nicht einmal beiläufig. Er hatte geglaubt, dass es einfach niemanden gab.
   Narr, schalt er sich. Romy hätte es gespürt. Aber das spielte jetzt keine Rolle. »Was ist passiert«, fragte er, als Libertys Schweigen zu lang wurde.
   »Genau weiß ich es nicht«, erwiderte sie. »Aber nach dem, was der Winterhase erzählt hat, vermute ich, dass Rain den Winter zum Weinen gebracht hat. Etwas, das immer gefährlich ist.«
   »Bitte?« Er versuchte, höflich zu bleiben, auch wenn ihm nach dieser Antwort viel mehr nach Schreien zumute war.
   Sie ging nicht auf seinen angespannten Tonfall ein. »Wie ich schon sagte, ich kann nur vermuten, was passiert ist. Der Winterhase berichtete mir, dass der junge Mann nach Winter roch. Und, dass Rain es plötzlich auch getan hat, als er gegangen ist.«
   »Und das weiß er, weil er der Winterhase ist?« Der Spott hatte Roberts Stimme nun doch erobert. Es interessierte ihn nicht. »Oder liegt es daran, dass Winter ist und einfach alles nach Winter riecht?« Im letzten Moment schluckte er hinunter, für wie verrückt er sein Gegenüber hielt. Sie war mit Romy befreundet gewesen.
   Liberty blieb ruhig. »Nein. Der Winter, den der Hase gerochen hat, ging tiefer. Er war in dem Jungen, nicht an ihm.«
   »Was bedeutet …?«
   »Das, was ich gesagt habe. Der Geruch ging tiefer. Es roch nicht einfach nach Schnee, Kälte oder Nässe. Es war der Winter.«
   Robert verstand nur Bahnhof, eine Tatsache, die ihn sehr wütend machte. »Und das weißt du«, presste er zwischen den Zähnen hervor, »weil es ein Kaninchen zu dir gesagt hat?« Jetzt hatte er doch zum Ausdruck gebracht, dass er sie für bescheuert hielt.
   Sie blieb wieder ganz ruhig. »Kein Kaninchen. Der Winterhase. Aber im Grunde genommen – ja.«
   Robert schüttelte den Kopf. »Gibt es wenigstens auch einen Sommerhasen? Und was ist mit dem Frühlingskaninchen? Dem Herbsthoppler?« Wenn schon absurd, dann bitte richtig.
   »Sicher«, erwiderte Liberty. »Das heißt – eigentlich ist es immer der gleiche Hase. Er wechselt nur das Fell. Im Herbst ist er zum Beispiel rot.«
   Das wurde ja immer besser. Kaninchen, die die Fellfarbe wechselten, junge Männer, die nach Winter rochen oder Winter waren und Frauen, die mit Kaninchen sprechen konnten. Davon konnte nichts wahr sein. Er musste träumen.
   Wäre nicht Rain gewesen, die einem Eisklumpen gleich in ihrem Bett lag, hätte er gelacht und wäre aus dem Park gegangen, darauf hoffend, dass er zu Hause in seinem Bett aufwachen würde.
   Aber Rain lag wirklich da. Das wusste er. Er konnte die Kälte, die von ihr ausgegangen war, immer noch spüren. Intensiver als die, die ihn umgab.
   Plötzlich verstand er, was Liberty damit meinte, dass die Kälte des Jungen tiefer ging. Liberty wusste wirklich, was passiert war. Oder der Winterhase. Was auch immer. Er konnte nichts anderes tun, als ihr zu glauben, so unglaublich das auch alles schien.
   Er musste Rain retten.
   Er schaute Liberty an. Traurig, verwirrt und voller Fragen, aber auch voller Hoffnung. »Was ist passiert?«, fragte er zum dritten Mal.
   »Genau weiß ich es nicht. Die Eindrücke des Winterhasen sind, auch wenn er etwas Besonderes ist, die eines Kaninchens. Zudem war er zu weit weg, um sie zu verstehen. Kein Hasentier kommt dem wahren Winter zu nah.«
   Das machte Sinn. Kaninchen waren Fluchttiere. Wenigstens etwas Logisches.
   »Er konnte nur beobachten, dass sie irgendwie aufgebracht wirkten«, fuhr Liberty fort. »Dann hat der junge Mann irgendwann den Kopf gesenkt, etwas Glitzerndes fiel zu Boden und plötzlich wurde es kälter. Richtig kalt meine ich, eine Kälte, die nichts vertreiben kann, weil sie nicht von außen kommt.«
   Robert fröstelte. Nach genau solcher Kälte hatte sich Rain angefühlt.
   »Danach«, fuhr Liberty fort, »sagt der Winterhase, dass der junge Mann von einer Sekunde zur anderen verschwunden ist und dass das Mädchen davonging – mit immer langsamer werdenden Bewegungen.«
   »Aber wie …?« Noch immer konnte sich Roberts Verstand nicht mit dem anfreunden, was er hörte, obwohl er es wirklich glauben wollte.
   »Ich habe keine Ahnung. Wie ich schon sagte, ich vermute, dass Rain den Winter zum Weinen gebracht hat.« Liberty seufzte.
   »Aber das verstehe ich nicht. Was heißt, den Winter zum Wein gebracht?«
   »Ich«, Liberty rang mit den Händen, als könnte sie die richtigen Worte aus der Luft greifen, »ich vermute, Rain hat einen der Söhne des Winters kennengelernt. Einen der Eisheiligen. Und das nicht nur flüchtig.« Sie zögerte beim Anblick der steilen Falte auf Roberts Stirn. »Ich meine, nicht nur als Wetterlaune. Als Mensch.« Sie biss sich auf die Lippen.
   Falls sie jedoch erwartet hatte, dass Robert schreien würde, wurde sie enttäuscht. »Die Eisheiligen? Als Menschen?« Natürlich kannte er die Eisheiligen. Fünf Tage, deren Wetter im Mai den Winter näher schienen ließen wie den Sommer. Benannt nach den fünf Namenstagen von Heiligen: Mamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius und Sophie. Wie hieß es so schön? »Vor Nachtfrost du nie sicher bist, bis Sophie vorüber ist.« Aber als Menschen?
   Klar – die heiligen Fünf waren irgendwann einmal Menschen gewesen – aber dieses irgendwann lag schon eine ganze Weile zurück. Sie waren tot. Robert wusste, dass Liberty sehen konnte, wie sich seine Gedanken überschlugen.
   Sie schenkte ihm ein Lächeln. »Ich weiß, wie verrückt das alles für dich klingen muss.«
   Er verzog den rechten Mundwinkel zur Zustimmung nach oben.
   »Ich will versuchen, es dir zu erklären. Die Eisheiligen – oder, wie ich eher sagen will, die fünf Kinder des Winters, gibt es wirklich. Sie haben im Grunde genommen nichts mit den Eisheiligen, deren Namenstage im Mai liegen, zu tun. Die wahren Eisheiligen sind die Kinder des Winters. Vier Söhne und eine Tochter. Ich nenne sie die Winterkinder. Ihre richtigen Namen kenne ich nicht. Sie leben in New York, so wie alle. Weil New York der Mittelpunkt der Welt ist. So scheint es jedenfalls.«
   »Aber …«, Robert versuchte, die Logik zurückkehren zu lassen. »Der Winter – das ist eine Jahreszeit. Wie kann er Kinder haben?«
   Liberty zuckte mit den Schultern. »Das ist eine der Sachen, die niemand erklären kann. Vielleicht sind sie da, weil irgendwann jemand geglaubt hat, sie wären Geschöpfe wie Menschen. Vielleicht gab es sie auch schon immer und sie leben weiter, solange jemand an sie glaubt. Oder aber sie haben überhaupt nichts mit dem Glauben der Menschen zu tun. Das kann ich mir jedoch nur schwer vorstellen. Alles hat etwas mit dem Glauben der Menschen zu tun. Selbst die Götter.«
   Dieser Vergleich leuchtete Robert ein. Solange nur ein Mensch daran glaubte, dass es einen Gott gab, war es nicht ausgeschlossen.
   Liberty riss ihn aus seinen Gedanken. »Die Kinder des Winters sehen aus wie ganz gewöhnliche Menschen. Nur, dass sie anders sind. Sie sind niemals warm. Der Winterhase hat sie gespürt, ihre Kälte. Darum hat den jungen Mann erkannt.«
   »Was, wenn er lügt?«, flüsterte Robert.
   Liberty sah ihn erstaunt an. Wartete.
   »Nun – er heißt Winterhase. Was, wenn er mit dem Winter unter einer Decke steckt?« Robert merkte, dass der Gedanke nicht wirklich handfest war, aber sein Verstand wollte einfach nicht zulassen, dass ein Geschöpf, das es nicht einmal geben durfte, seiner Rain etwas angetan hatte. Und das mit den sprechenden Kaninchen – nun. Das kam noch obendrauf.
   Einen Augenblick reagierte Liberty nicht, dann lachte sie. Für einen Moment hatte Robert das Gefühl, dass die Sonne durch die Wolken schauen würde.
   »Nein«, sagte sie schließlich. »Der Winterhase hat mit dem Winter selbst nichts zu schaffen, außer seinem Namen. Und den legt er im Frühling ab. Väterchen Frost, wie der Winter seit jeher genannt wird, aber bleibt immer er selbst. Genau wie seine Kinder.«
   Robert schüttelte den Kopf, als könnte er all diese Dinge so loswerden. Verrückt. Er musste verrückt geworden sein. Eine andere Möglichkeit gab es doch nicht, oder? Väterchen Frost. Warum aber glaubte er es trotzdem? Ganz einfach: Es war die einzige Erklärung, die er hatte. Und so verquer alles zu sein schien – es machte einen Sinn. Wer – außer dem Winter oder seinen Kindern – konnte einen Menschen einfrieren, ohne dass er starb? Die Zeiten, in denen medizinische Einfrierungen möglich waren, schienen zwar nicht mehr weit, aber soweit er wusste, liefen diese Personen dann nicht mehr durch die Stadt. Und wenn der Winter ein Mensch war, der Kinder haben konnte – weshalb sollte es dann nicht auch Kaninchen geben, die ihre Fellfarbe mit den Jahreszeiten wechselten? Oder Frauen, die diese Kaninchen verstanden?
   Robert dachte an Romy. Sie hatte Liberty gekannt, mehr noch, ihr vertraut. Das wusste er, weil sie immer an diesen Ort gekommen war, wenn sie Antworten gesucht hatte. Wie er jetzt wusste, um Liberty zu treffen. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte sie auch den Winterhasen gekannt – in welcher Jahreszeitenform auch immer. Vielleicht sogar in allen.
   Er straffte sich. »Was machen wir jetzt?«
   »Wir gehen zu Rain. Denn solange ich nicht weiß, ob es wirklich so ist, wie wir vermuten, können wir nicht das Richtige tun.«
   »Ich denke, der Winterhase hat alles beobachtet?« Robert wünschte, er könnte diese Skepsis verscheuchen.
   »Natürlich. Aber selbst Kaninchen können sich irren, auch wenn ich das in dem Falle nicht glaube. Sicher ist sicher. Deshalb will ich mir Rain anschauen. Und die Mummelmaus muss sie untersuchen, denn das Schlimmste, was jetzt passieren kann, ist, dass das Eis bricht.«
   Robert, der gerade nach der erwähnten Mummelmaus fragen wollte, spürte, wie ihm die letzte noch verbliebene Farbe aus dem Gesicht wich. Daher nickte er nur knapp. Durch seine Gedanken echote das berstende Geräusch, das Rains Körper bei der Berührung mit dem heißen Wasser gemacht hatte.
   »Dann lass uns gehen«, sagte Liberty leise.

Kapitel 2

Robert folgte Liberty. Keiner von ihnen sprach, während sie den üblichen Menschenströmen auswichen, die sich Tag für Tag durch die Straßen bewegten wie eine Kolonie Ameisen.
   Dann standen sie an Rains Bett. Nicht einen Millimeter hatte sie sich bewegt, aber sie atmete noch, wie Robert erleichtert feststellte. Ihr Atem hatte das Zimmer abgekühlt, obwohl die Heizung auf höchster Stufe lief.
   Liberty hatte recht gehabt. Rain – das ganze Zimmer – roch anders als der Winter, den er beispielsweise in der Kleidung trug, auch wenn er nicht hätte beschreiben können, in welcher Weise. Es war ein Geruch, den man nur erkannte, wenn man wusste, dass es ihn gab.
   Liberty hatte noch kein Wort gesagt. Sie musterte Rain bislang nur eingehend. Mit einem Ausdruck auf dem Gesicht, der zugleich Besorgnis und Schreck ausdrückte. Wie jemand, der gewusst hatte, was ihn erwartete, aber nicht gedacht hätte, dass es so schlimm sein würde. Jetzt aber öffnete sie ihren Mantel, griff mit einer Hand unter den Stoff ihres Pullis, der ebenso schwarz war wie ihr Haar. Beim Herausholen schien sie etwas in der hohlen Hand zu halten. »So meine Kleine«, flüsterte sie zwischen ihren Fingern hindurch, »sag uns, wie groß der Schaden ist. Sag uns, ob der Winter noch zu halten ist.«
   Robert runzelte die Stirn. Gerade wollte er fragen, mit wem sie redete, da lugte über ihren Fingern eine kleine rosa Nase hervor, umrandet von zitternden Schnurrhaaren. Nur eine Sekunde später folgte ein kleines Gesicht mit schwarzen stecknadelkopfgroßen Augen, rosa Ohren und grauem Fell. Eine Maus.
   Das war dann wohl die Mummelmaus. Er sparte sich die Frage. Stattdessen beobachtete er, wie das graue Tier schnell über Libertys Hand auf Rains Bett trippelte.
   Die Mummelmaus lief zu Rains Gesicht und schnupperte. Dann reckte sie fordernd die kleine Nase in die Luft.
   Mit einem Lächeln hob Liberty die Decke ein Stück hoch. Sofort verschwand die Mummelmaus darunter.
   »Was macht sie?«, erkundigte sich Robert. Er verfolgte, wie sich eine mausgroße Delle unter den Decken hin und her bewegte.
   »Die Mummelmaus untersucht Rain. Sie kann spüren, wie schlimm es ist.«
   Robert bemerkte, dass sie etwas nicht aussprach. Wahrscheinlich, ob es noch Hoffnung gab, aber diesen Gedanken verbot er sich. Hoffnung gab es immer. »Wie macht sie es?«
   Liberty rieb sich die Nase. »Keine Ahnung. Mummelmäuse können es einfach, so wie wir sprechen, gehen oder atmen können. Wie, verraten sie nicht. Vielleicht wissen gar nicht. Oder aber sie wollen es einfach nicht sagen. Mäuse sind sehr geheimnisvolle Tiere, auch wenn das vielleicht nicht so scheint. Weißt du, sie müssen geheimnisvoll sein, sonst könnte nie eine von ihnen einer Katze entkommen. Denn nur Katzen sind noch geheimnisvoller.« Sie schenkte ihm ein leichtes Lächeln.
   Eine Weile beobachteten sie, wie die Mummelmaus Rain untersuchte.
   »Was meinst du, wird sie dir sagen, wenn sie rauskommt?«
   Liberty zog eine Grimasse. »Sie wird gar nichts sagen. Mummelmäuse benutzen ihre Stimme nur im äußersten Notfall. Wir werden sehen, wie es um Rain steht, wenn sie wieder rauskommt.«
   Robert verstand nicht, was sie meinte. In diesem Moment tauchte die Mummelmaus neben Rains Hals wieder auf. Jedenfalls glaubte er, dass es die Mummelmaus war, denn sie sah vollkommen anders aus. Eben noch hatte sie wie eine gewöhnliche graue Maus gewirkt, jetzt eher wie … nun … wie ein schneeweißer Wattebausch mit zwei schwarzen Augen und einem rosa Schwanz.
   Sie bewegte sich nur noch langsam, und beim Näherkommen bemerkte Robert, dass auch ihre Nase nicht mehr rosa, sondern dunkelblau war.
   Vorsichtig hob Liberty sie hoch, um sie wieder unter ihren Pullover zu schieben. Die ganze Zeit hatte sie kein Wort gesagt, und Robert, der nicht wusste, was diese Änderung im Fell der Maus zu bedeuten hatte, wagte es nicht, sie zu fragen. Zu viel Angst hatte er vor der Antwort.
   Dann schaute Liberty ihn an.
   Robert kam es vor, als würde sein Herz ein weiteres Mal brechen, seit Rain nach Hause gekommen war. Er sah den Ausdruck in Libertys Augen, den er so gefürchtet hatte. Wissen lag in ihrem Blick. Traurigkeit. Und – das war das Schlimmste – Hoffnungslosigkeit. Dennoch schwieg er.
   Liberty wusste, dass er auf eine Erklärung wartete. Weil er nichts von all diesen Sachen verstand, die wie eine Lawine über ihn hereinbrachen. Weil er sie, wenn er ehrlich sein sollte, nicht einmal wirklich glauben wollte, egal, was er sich einredete. Nur akzeptieren, das tat er sie. Weil er keine andere Wahl hatte.
   Dann – es schienen Minuten vergangen zu sein – sprach Liberty endlich. »Es ist, wie ich vermutet habe«, begann sie. »Rain trägt den wahren Winter in sich. Er lässt sie erfrieren.«
   Sie seufzte. »Dagegen kann man – glaube ich – etwas tun. Aber«, sie biss sich auf die Lippen, »sie hat Risse. Man kann sie von außen nicht sehen. Die Mummelmaus hat sie gespürt. Deswegen ist ihre Nase blau geworden.«
   Robert nickte mit zusammengepressten Lippen. »Ich glaube, das ist meine Schuld«, stieß er hervor. Blitzschnell schossen die Worte aus seinem Mund, gefolgt mit dem Wunsch, sie wären nicht wahr. »Ich wollte sie wärmen. Ich … ich habe sie in die Badewanne legen wollen, doch bei der Berührung mit dem heißen Wasser, hat es schrecklich geknackt. Es war nur ganz kurz.« Er fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. »Ich wusste nicht … Ich wollte nicht … Ich wollte sie nur wärmen.« Er verstummte. Tränen brannten in seinen Augen.
   Liberty schüttelte mit dem Kopf. »Du kannst nichts dafür. Du hast versucht, zu helfen. Wäre es nicht das heiße Wasser gewesen, dann etwas anderes. Eisherzen brechen sehr schnell.«
   »Und jetzt? Kann man auch dagegen was machen?« Nur mit Schwierigkeiten brachte er die Frage heraus.
   Liberty schwieg eine Weile. »Das weiß ich nicht«, sagte sie schließlich. Ihre Stimme klang schrecklich traurig. Sie versuchte, ihm ein aufmunterndes Lächeln zu schenken. »Aber das werden wir rausfinden.« In der nächsten Sekunde verschwand das Lächeln. Ihr Gesicht verzog sich, als hätte sie etwas Schlechtes gegessen.
   Der Gesichtsausdruck verblasste jedoch, ehe Robert fragen konnte, was sie hatte.
   »Wir werden es herausfinden«, sagte sie erneut.
   Vergeblich wartete er, dass sie fortfahren würde. »Und was heißt das? Was machen wir jetzt?« Er schien diese Frage zum hundertsten Mal zu stellen.
   »Das heißt, dass wir zu meiner Mutter müssen.« Die Art, wie sie es sagte, ließ ihn verstehen, dass das nichts Angenehmes für sie war.
   »Zu deiner Mutter?«
   »Sie kennt sich mit solchen Dingen aus.« Ein schiefes Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. »Besser als ich.« Ihr Gesicht verzog sich wieder zu einer bitteren Grimasse. Immerhin verschwand das Lächeln nicht aus ihren Augen. »Wahrscheinlich würde sie sagen, dass ich mich mindestens genauso gut auskennen würde, wenn ich ihr nur einmal richtig zugehört hätte.«
   Robert schmunzelte. Die Tatsache, dass sich Liberty allem Anschein nach nicht allzu gut mit ihrer Mutter verstand, ließ plötzlich alles normal erscheinen.
   Als er wieder auf das Bett sah, in dem Rain lag, eingehüllt in alle Decken, die er hatte, steif und kalt, das Gesicht schmerzverzerrt, als wäre sie immer noch in dem heißen Wasser und würde brechen, verflog dieses kleine Stück Normalität sofort wieder. Nichts war normal, solange Rain nicht gerettet war. »Sollen wir?«
   Liberty sah ihn überrascht an.
   »Zu deiner Mutter?«, fügte er hinzu.
   »Ach so.« Sie setzte wieder ihr schiefes Lächeln auf. »So einfach können wir nicht zu ihr. Ich werde ihr einen Boten schicken, dass sie in den Central Park kommen soll.«
   »Kannst du sie nicht einfach anrufen?« Wozu lebten sie im Zeitalter der Mobiltelefonie?
   Liberty schüttelte mit dem Kopf. »Molly Noir ruft man nicht einfach so an«, sagte sie, ehe sie zum Fenster trat, um es zu öffnen.
   Robert beobachtete, wie sie sich hinauslehnte. Sofort bedeckten weiße Schneeflocken ihr schwarzes Haar.
   Liberty schien etwas zu suchen, immer wieder drehte sie den Kopf nach beiden Seiten.
   Robert konnte außer den Schneeflocken, die zur Erde hinabflatterten wie kleine Schneeschmetterlinge, nichts erkennen.
   Schließlich hatte sie wohl gefunden, was sie gesucht hatte, denn sie lehnte sich noch weiter aus dem Fenster. Wild begann sie, mit beiden Armen zu winken, sodass sie fast den Boden unter den Füßen verloren hätte. Sofort hielt sie inne, fing sich ab und stand wieder sicher im Zimmer.
   Robert seufzte. Selbst wenn ein Tag noch so unnormal war – kein Mensch überlebte einen Sturz aus dem 23. Stock. Auch nicht an solchen Tagen.
   Sie drehte sich wieder um. Auf ihrem vor Kälte geröteten Gesicht lag ein Strahlen. »Ich habe eine Botin gefunden«, sagte sie. »Gleich wird sie hier sein.«
   Robert trat zu ihr. »Auf was warten wir?«, wollte er wissen. Immer noch erkannte er nichts als die von Schnee umwirbelten Häuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
   Einen Moment später veränderte sich etwas. Zuerst hielt er es für eine weitere Schneeflocke, die immer größer wurde, saß plötzlich eine weiße Taube vor ihnen auf dem Fenstersims.
   Liberty streckte die Hand aus. Mit einem Flügelschlag flatterte die Taube hinauf und ließ sich von Liberty hochheben. Sanft strich sie dem Vogel über das Brustfederkleid. »Sag Molly Noir, wir müssen sie sehen. Bei meinem Baum im Central Park – so schnell es geht«, flüsterte sie. Mit einer Armbewegung ließ sie die Taube wieder fliegen. Einen Moment verfolgte sie den Flug noch mit den Augen, dann wandte sie sich Robert zu. »Jetzt können wir gehen. Wenn wir Glück haben, werden wir gleichzeitig im Park sein.«
   »Gleichzeitig?« Robert überschlug in Gedanken, wie schnell eine Taube fliegen und eine Frau im Park sein konnte – von irgendwoher in New York.
   Liberty erriet seine Gedanken. »Meine Mutter ist sehr schnell.«
   »Es ist Rush Hour.«
   »Meine Mutter ist sehr schnell«, wiederholte Liberty, während sie das Fenster schloss.
   Robert schaute zum Bett. »Was machen wir mit Rain?«
   »Was wohl? Wir lassen sie hier.«
   »Aber …«
   »Hier kann ihr nichts passieren. Und was willst du sonst mit ihr machen?«
   Er wusste es nicht, also folgte er Liberty, nachdem er Rain noch einmal über die eisige Stirn gestrichen hatte.
   Wegen der Menschen, die um diese Zeit in noch größeren Mengen durch die Straßenschluchten der Stadt strömten, brauchten sie dieses Mal länger, um den Park zu erreichen, doch dann waren sie da. Standen wieder unter dem Baum, unter dem sie sich getroffen hatten. Es schneite immer noch. Stärker. Außer ihnen war niemand dort.
   »Wir müssen warten«, stellte Liberty fest.
   Im Stillen freute sich Robert, dass er mit seiner Einschätzung recht gehabt hatte. Libertys Mutter mochte schnell sein, aber nicht in der Rush Hour. Es kam keiner.
   »Ob die Taube sie nicht erreicht hat?«, murmelte Liberty vor sich hin.
   »Können wir sie nicht doch einfach so besuchen?«, schlug er vor. »Ich meine für den Fall, dass sie nicht bald auftaucht.«
   »Nein!«, fauchte Liberty.
   Er hob entschuldigend die Hände.
   Sie atmete tief durch, vermutlich, um einen Schwall Worte auf ihn niederregnen zu lassen, da richtete sich ihr Blick auf etwas hinter ihm. Sie runzelte verwirrt die Stirn.
   Robert drehte sich ebenfalls um.
   Der Park war menschenleer, doch über die schneebedeckte Wiese kam der Winterhase auf sie zugehoppelt. Wieder kam Robert der Vergleich zu einem Dalmatiner im Kleinformat in den Sinn.
   »Kaninchen mögen keine Hunde. Ich an deiner Stelle würde solche Vergleiche lassen.«
   »Woher weißt du …?« Die ganze Zeit hatte er schon fragen wollen, aber bislang war die Gelegenheit nicht da gewesen.
   »Ich weiß es«, wiegelte Liberty ungeduldig ab. Sie hatte nur Augen für den Winterhasen, der immer näher kam.
   »Kannst du Gedanken lesen?«
   »Vielleicht«, warf sie ein, doch ehe er nachhaken konnte, hatte der Winterhase sie erreicht und blieb vor ihnen stehen.
   Es sah Liberty an, die den Blick erwiderte. Das Tier wackelte mit den Ohren wie ein Fluglotse.
   Libertys Augen folgten den Bewegungen. Mit jedem Ohrenwackler öffnete sich ihr Mund ein Stückchen weiter und ihre Augen wurden größer.
   Schließlich platzte sie. »Was?«
   Der Winterhase wackelte wild mit Nase und Ohren.
   »Sie hat gesagt, sie kommt nicht?«
   Der Winterhase duckte sich, wackelte aber weiter mit den schwarzen Ohren.
   »Wir sollen zu ihr kommen?« Ihre Stimme überschlug sich fast.
   Das Kaninchen zuckte mit der Nase, dann strich es sich mit der Vorderpfote ein Ohr vors Gesicht.
   Liberty schüttelte mit dem Kopf. »Wie nur hat sie dich dazu gebracht, den Boten für sie zu spielen?«
   Der Winterhase zog mit angelegten Ohren den Kopf ein. Seine Nase wippte nur langsam auf und ab.
   »Sie hat dir ein Bund Möhren versprochen?« Liberty schien fassungslos.
   Der Winterhase richtete ein Ohr vorsichtig ein bisschen auf.
   »Mmph«, machte Liberty nur.
   Der Winterhase hoppelte ein wenig mehr auf Liberty zu und rieb sein Kinn an ihren Stiefelspitzen.
   Liberty seufzte. »Ich weiß, dass es dir leidtut. Ich kann nur nicht leiden, wenn sie so etwas macht.«
   Der Winterhase schaute sie an. Lächelnd bückte sich Liberty, um ihn zwischen den Ohren zu kraulen. »Wo ist sie im Moment?«
   Die Ohren des Kaninchens wackelten wieder.
   »Wie passend«, murmelte sie sarkastisch. »Aber ich hätte es mir denken können. Immerhin ist es ihr Zuhause.« Sie richtete sich wieder auf.
   Robert erkannte einen Anflug von Wut in ihren Augen.
   »Meine Mutter lässt uns zu sich rufen. Du wirst die Ehre haben, Molly Noirs Stube kennenzulernen.« Sie lächelte, doch da war keine Begeisterung in ihrem Ausdruck.
   Robert machte eine Geste der Ratlosigkeit. Ihm war eigentlich egal, wohin sie mussten, Hauptsache, sie konnten Rain helfen. »Wohin müssen wir?«, fragte er dennoch. Es konnte nie schaden, das Ziel zu kennen.
   »Zur Freiheitsstatue.«
   Wirklich passend.

Es dauerte eine Weile, bis sie am Fähranleger ankamen. Ein Schiff würde sie auf Liberty Island bringen, von wo aus die Lady Liberty die Gäste der Stadt seit jeher begrüßte.
   Liberty musste nicht erwähnen, dass sie es nicht lustig finden würde, wenn Robert sie mit Lady oder Miss Liberty ansprechen würde.
   Kaum jemand außer ihnen betrat das Schiff. Nur ein paar besonders hartnäckige Touristen ließen sich auch von Eis und Schnee nicht abschrecken, obwohl sich Robert fragte, was sie dort tun würden. Gute Fotos schießen konnte man jedenfalls nicht. Aber er fragte sich auch, was sie selbst dort machen würden. Niemand lebte auf der Insel. Aber normalerweise konnte auch niemand mit Kaninchen kommunizieren. Es war eben nichts wie immer.
   Das Schiff legte ab.
   »Wo treffen wir deine Mutter?«
   »Bei ihr zu Hause«, brummte Liberty.
   »Aber«, setzte er an, doch ihre Miene ließ ihn innehalten. »Was hast du?«
   »Ich verstehe nicht, was das soll. Warum sie uns zu sich kommen lässt, anstatt ihren Hintern in den Central Park zu bewegen. Wir haben doch ohnehin nicht viel Zeit.« Liberty ballte die Fäuste.
   »Vielleicht geht es ihr nicht gut?«
   »Pah!«
   Robert zog es vor, das Thema auf sich beruhen zu lassen.
   Das Schiff legte an. Gemeinsam mit den Touristen betraten sie die Insel. Die Freiheitsstatue ragte hoch über ihnen in den Himmel, auf ihrem Sockel stehend.

Kapitel 3

Blitzlichter von Fotoapparaten erhellten die milchig scheinende Dunkelheit, die sich über die Stadt gelegt hatte.
   Während die Touristen den normalen Pfad hinauf nahmen, eilte Liberty um das sternförmige Fundament herum, das den Sockel der Lady trug, bis sie der Statue im Rücken standen.
   Dort klopfte Liberty auf eine Spitze des Sterns.
   Robert runzelte die Stirn, schwieg jedoch.
   Zuerst geschah nichts, was Liberty mit einem Augenrollen kommentierte, während ihr Fuß vor Ungeduld schneller auf und ab wippte als die Nase des Winterhasen.
   Dann knirschte es. Voller Erstaunen beobachtete Robert, wie sich die Spitze des Sterns zur Seite schob, bis sich ein Gang geöffnet hatte, hinter dem er im Schein von mehreren Fackeln die ersten Stufen einer Treppe erkannte.
   Liberty betrat die oberste Stufe. »Kommst du?« Sie klang ein wenig zögernd, wie jemand, der sich wünschte, er würde nicht vorangehen müssen.
   Robert nickte. Immerhin wartete dort unten die Antwort auf seine dringlichste Frage. Die einzige, die im Park unbeantwortet geblieben war. Wie konnte er Rain retten?
   Er trat zu Liberty.
   Seite an Seite stiegen sie die Treppe hinab. Nie hätte er gedacht, jemals zu sehen, was er gerade sah. Die Treppe führte in einer engen Spirale nach unten. An der Wand, dort, wo an herkömmlichen Treppen das Geländer verlief, gab es hier nur Regale, in denen unzählbar viele Bücher standen. Große und kleine, dicke und dünne, in Leder eingeschlagene oder in Leinen gebundene, manche nicht mehr als zerschlissene Taschenbücher und andere, die voller bibliophiler Bilder zu sein schienen, aus Zeiten, die fern und weit und fremd waren. Sogar zusammengerollte Pergamentrollen lagen überall zwischendrin.
   »Das«, kommentierte Liberty, »ist die Sammlung von Molly Noir. Das ist all ihr Wissen.« Sie deutete auf ein besonders dickes, weiß eingebundenes Buch, das weit über ihnen aus einem Meer von dunklen Einbänden herausstach. »Das ist das Buch des Winters. Es heißt, es ist geschrieben auf Papier aus Eis mit Tinte aus Schnee. Sie hat mir früher oft daraus vorgelesen. Daher weiß ich, was ich weiß.« Sie lächelte. »Leider habe ich wohl nicht sonderlich gut zugehört. Sonst könnten wir uns das jetzt sparen.« Ihr Mund verzog sich zu einem Grinsen. »Aber immerhin habe ich rausgefunden, dass das Buch auch nur aus Papier besteht, beschrieben mit Tinte. Wie alle Bücher.« Sie stieg lächelnd weiter nach unten.
   Irgendwann verschwanden die Bücher von den Regalen und wichen allerlei Krimskrams.
   Robert, der schon längst nicht mehr wusste, wie lange sie schon hinabliefen, kam sich vor wie in einem Trödelladen. Alles gab es hier. Teekannen in allen Größen, Formen und Farben, ebenso Tassen und anderes Geschirr. Hüte, die aus allen Epochen zu kommen schienen. Schmuck – Ringe und Ketten aus Gold und Silber, prachtvolle Diademe und einfache Lederbänder. Figuren aus Porzellan, Zinn, Plastik und Stein. Gerümpel, wie alte Kleiderbügel, verfallene Eintrittskarten, leere Schallplattenhüllen, kaputte Regenschirme und unzählige Schlüssel, deren Schlösser wahrscheinlich längst nicht mehr existierten. Stofftiere und Puppen. Hunderte. Und vieles mehr.
   »Robert?« Libertys Stimme drang von weiter unten zu ihm hinauf.
   Er hatte nicht bemerkt, dass er zurückgefallen war. Schnell schloss er zu ihr auf.
   Liberty lächelte ihn an. »Das ist ihre Sammlung.«
   »Was genau sammelt sie denn?«, fragte er, weil er keine Systematik in den Dingen hatte ausmachen können.
   »Alles«, sagte Liberty. »Denn alles, so sagt sie, hat eine Geschichte zu erzählen. Und irgendwann könnte selbst die Geschichte des kleinsten Gegenstandes wichtig sein. Das jedenfalls sagt sie.«
   »Womit ich bislang immer recht hatte, Liberty Noir.«
   Robert sah auf. Er hatte so gebannt auf die Regale geschaut, dass ihm nicht aufgefallen war, dass sie den Fuß der Treppe bereits erreicht hatten. Aus den Augenwinkeln bemerkte er, wie sich Liberty versteifte. Dann erst erblickte er Molly Noir, und wieder war der Anblick völlig anders, als er es erwartet hatte.
   »Es gibt fast nichts, was am Ende so ist wie das, das man erwartet hat«, kommentierte Molly Noir seinen Gedanken.
   Na toll, noch so eine. Jetzt war jedenfalls klar, von wem Liberty das hatte.
   Beide Frauen schnitten ihm, wohl aufgrund dieses Gedanken, eine Grimasse.
   Wie Katz und Maus. Robert gestattete sich ein heimliches Grinsen.
   »Katzen«, sagten beide Frauen gleichzeitig, »mögen wir nicht.«
   Sein Grinsen verschwand. Verfluchte Gedankenleser.
   Liberty und ihre Mutter schwiegen.
   Sie sahen sich überhaupt nicht ähnlich. Liberty – nun, sie war vielleicht nicht schön im herkömmlichen Sinne, aber hübsch. Ihr Gesicht wirkte wie das einer Porzellanpuppe. Wenn sie lächelte, gruben sich kleine Fältchen neben die Augen und in die Mundwinkel, die zeigten, wie alt sie sein mochte. Ihre zierliche Figur steckte in eleganter Kleidung, von der Robert vermutete, dass die einzelnen Stücke nicht eben billig gewesen waren. Molly aber – er suchte einen Vergleich, der passte und zugleich der alten Dame nicht zu sehr zusetzte, falls sie seinen Gedanken wieder folgte.
   Molly Noir grinste ihn herausfordernd an, als wollte sie sagen: »Na, komm schon, Bürschchen.«
   Sie wirkte wie eine herkömmliche Dame in den Sechzigern. Irgendwie jedenfalls, denn herkömmlich war nichts an ihr. Ihre kurzen Locken, die in alle Himmelsrichtungen von ihrem Kopf abstanden, leuchteten lila. Das heißt, sie sollten Lila sein, aber anscheinend war beim Färben etwas gründlich danebengegangen, denn überall gab es noch silbergraue Flecken, die auch beim besten Willen nicht mehr als Strähnchen durchgingen. Ihr Gesicht verschwand unter einer dicken Schicht Make-up, was jedoch die tiefen Falten nicht wegzaubern konnte. Grüne Augen blitzen ihn unter hell geschminkten Lidern an. Was ihre Kleidung betraf – wenn er sich schon beim Anblick des Regalinhalts wie in einem Trödelladen gefühlt hatte, dann schien es, als hätte Molly Noir ihre Sachen aus der Lumpensammlung geholt. Nichts passte zueinander, vor allem aber passte ihr nichts davon. Alles an ihr wirkte wie der Versuch, das Beste aus Hippie, Punk, Indianer und Goth an eine Person zu bekommen. Nur, dass das gründlich misslungen war. Ein knielanger schwarzer Spitzenrock wurde von einem geblümten Tuch überlagert, das um ihre Hüfte geschlungen war. Darunter trug sie mindestens drei verschiedenfarbige Strumpfhosen, die so gelöchert waren, dass von jeder etwas zu sehen war. Die beige Bluse mit den bunten Applikationen an Kragen und Bündchen hätte aus Hippie- oder Indianerkleidungsgeschäften können, ebenso wie die Blumen und Federn, die in ihrem Haar steckten. Nicht, dass sie schlecht ausgesehen hätte. Sie war sogar eigentlich recht hübsch, aber wenn Keith Richards den Vater von Jack Sparrow in Fluch der Karibik hatte spielen können – Molly Noir wäre die ideale Besetzung für seine Mutter gewesen.
   Kaum hatte er diesen Gedanken gedacht, lachte Molly Noir.
   »Ja«, sagte sie prustend, »das ginge wohl.« Sie musterte Robert. »Aber die Sachen von Liberty sind nicht teuer gewesen. Das könnte sie sich gar nicht leisten. Sie sind selbst geschneidert.«
   Liberty funkelte ihre Mutter mit gesenktem Kopf an, schwieg jedoch.
   Robert wollte etwas dazu sagen, sich entschuldigen, aber Molly sprach schon weiter.
   »Vielleicht«, meinte sie und ging auf einen alten, abgewetzten Sessel zu, »sollten wir uns jetzt dem zuwenden, weswegen ihr hier seid.«
   Er schluckte. Für einen Moment hätte er Rain fast vergessen.
   Molly setzte sich und musterte ihn. »Deine Tochter hat also einem Winterkind das Herz gebrochen.« Sie kam direkt auf den Punkt, das musste man ihr lassen.
   Robert erwiderte nichts.
   Molly wandte sich Liberty zu, die genervt aufstöhnte. »Geh schon«, forderte Molly barsch, woraufhin Liberty die Treppe wieder hinaufstieg. Ihre Schritte polterten wütend auf den Stufen.
   Robert schaute ihr fragend nach.
   »Sie geht mir freundlicherweise ein Buch holen.« Molly deutete auf einen Stapel Bücher, große Folianten, auf denen ein Kissen lag.
   Unsicher, ob dieses Konstrukt, das ein wenig an die Miniaturausgabe des schiefen Turms von Pisa erinnerte, halten würde, nahm Robert Platz.
   Molly Noir sah ihn an. Durchdringend. Interessiert. Nachdenklich. »Deine Tochter hat einem Winterkind das Herz gebrochen«, sagte sie erneut.
   Obwohl Robert genau wusste, dass sie das nur wenige Augenblicke zuvor schon einmal gesagt hatte, begriff er erst jetzt die Bedeutung der Worte.
   »Was soll das heißen?«
   »Das, was ich gesagt habe. Dass sie einem Winterkind das Herz gebrochen hat. Sonst hätte es nicht geweint.«
   »Also ist es ihre eigene Schuld, dass sie ein Eisklümpchen ist?« Robert funkelte die flippige Alte im Sessel gegenüber an.
   Sie schüttelte ganz ruhig den Kopf. »Das habe ich nicht gesagt. Ich habe nur festgestellt, was passiert ist, nicht, wer daran die Schuld trägt.«
   Haarspalterei.
   Molly Noir lehnte sich tiefer in ihren Sessel. »Das mag schon sein, aber in diesem Fall gibt es vielleicht einfach keinen Schuldigen. Wie oft streitet sich ein junges Pärchen, und wie oft führt in einem solchen Streit ein Wort zum anderen, bis der Erste plötzlich verletzt ist, viel tiefer, als der andere es je beabsichtigt hatte?«
   Robert wusste, wie schnell so etwas gehen konnte. »Ihr sprecht andauernd von einem Pärchen. Woher wollt Ihr wissen …?«
   Molly Noir fiel ihm ins Wort. »Woher ich wissen will, dass deine Tochter und ein Winterkind ein Paar waren – oder zumindest etwas in dieser Art?«
   Er nickte. Rain war doch noch viel zu jung, aber sofort schalt er sich einen Idioten. Sie war sechzehn.
   Molly überging diesen Gedanken geflissentlich, auch wenn Robert in ihren Augen lesen konnte, dass sie ihn bemerkt hatte.
   »Weil es nicht anders sein kann. Weil ein Winterkind nur aus Liebe weinen kann, vielmehr, wenn es aus Liebe verletzt wird.« Sie nahm Liberty das Buch ab.
   Robert hatte ihre Rückkehr überhaupt nicht bemerkt. Sie nahm neben ihm Platz.
   »Aber wie …?«, begann er erneut, doch Molly ließ ihn mit einer Geste verstummen.
   »Der Winter«, begann sie, »oder Väterchen Frost, wie er seit jeher genannt wird, hat fünf Kinder, die von der Welt die Eisheiligen genannt werden, auch wenn sie nichts mit den fünf Heiligen zu tun haben, die die alten Bauernregeln kennen. Daher nennen wir sie die Winterkinder. Das führt nicht zu Verwechslungen.«
   Vor Nachtfrost du nie sicher bist, bis Sophie vorüber ist …
   Molly überging auch diesen Gedanken.
   »Joshua ist der Älteste. Dann kommen Sam und Jonathan. Sofie ist das einzige Mädchen, sie ist die vierte. Christian ist der jüngste.«
   Robert ging die Namen durch. Keiner kam ihm bekannt vor. Er beobachtete, wie Molly im Buch des Winters umherblätterte. Die Seiten glitzerten wie Eis. Unwillkürlich fragte er sich, ob sie wirklich nur aus Papier waren, wie Liberty gesagt hatte.
   »Niemand weiß genau, wer ihre Mutter ist, es gibt Legenden, die besagen, dass es Frau Mond selbst ist, denn wann, wenn nicht im Winter, sind die Nächte lang genug für eine Affäre? Andere wiederum sagen, es sei die Sonne, da nur sie es schaffen konnte, das Eis um Väterchen Frosts Herz zu schmelzen, aber das glaube ich nicht. Fakt ist, dass die fünf Kinder da sind, fast schon so lange wie der Winter selbst. Niemand weiß, wie genau sie aussehen, es heißt nur, dass sie ihr Aussehen noch nie geändert haben, würden aber doch nicht auffallen, weil sie nur selten unter die Menschen gehen. Es gibt Zeiten, da verstecken sie sich ganz.«
   Robert wünschte, dass auch jetzt so eine Zeit gewesen wäre, aber er wusste, dass unmöglich ging. Man konnte die Uhr nicht zurückdrehen oder anhalten. Doch selbst wenn man es tun würde – die Zeit lief weiter. Was geschehen war, war geschehen.
   »Es heißt«, fuhr Molly Noir ungerührt fort, »dass ihr Vater ihnen verboten hätte, zu lieben. Weil Herzen brechen können, und um ihr Herz zu schützen, sprach er dieses Verbot aus.«
   »Was natürlich Humbug war«, warf Liberty ein. »Liebe kann man nicht verbieten.«
   Molly rollte mit den Augen. Sie konnte es ebenso gut wie ihre Tochter. »Genau. Kein Wesen kann einem anderen seine Gefühle vorschreiben.« Sie seufzte. »Ich denke, das wusste auch der Winter. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum er tat, was er getan hat.« Ihre faltigen Hände tätschelten das große Buch auf ihrem Schoß. »Hier drin steht geschrieben, dass er selbst einst verletzt wurde. Um seine Kinder vor dem Schmerz eines gebrochenen Herzen zu bewahren«, sie stockte und schien nach den richtigen Worten zu suchen, »legte er einen Zauber auf sie.«
   Robert runzelte die Stirn. »Einen Zauber?«
   »Ja, einen Zauber – einen Fluch, wie immer man es auch nennen mag, denn dem Winter wohnen wirklich alte, mächtige Zauber inne.«
   Molly Noir ließ Robert einen Moment Zeit, das Gesagte zu verarbeiten.
   »Die Kinder des Winters tragen ein Stück dieser alten Magie in sich – wie sich Dinge eben von einer Generation auf die nächste vererben. Das ist die Grundlage, auf die Väterchen Frost den Erzählungen in diesem Buch nach seinen Zauber aufgebaut hat: Sollten seine Kinder jemals von jemandem verletzt werden, den sie liebten, sollten sie in der Lage sein, eine Träne zu weinen. Du musst wissen, ewige Wesen wie der Winter können normalerweise nicht weinen. Diese Träne sollte härter sein als jeder Stoff sonst auf der Welt, und bitterkalt, weil sie aus nichts als Winter gemacht sein würde. Wintertränen, so nannten sie einige. Andere, wegen ihrer Kälte, Eistränen. Ich finde, dass Diamant der richtige Ausdruck ist, weil beide nicht voneinander zu unterscheiden sind, wenn man es nicht spürt.« Molly Noir hielt inne, blätterte ein paar Seiten weiter in dem Buch und las etwas nach. »Doch diese Träne ist nicht einfach eine Träne, wie man sie gewöhnlich weint«, fuhr sie fort. »Was den Fluch von Väterchen Frost ausmacht, ist, dass seine Kinder nicht aus sich heraus weinen, sondern aus ihrem Gegenüber.«
   Robert ließ die Worte durch seinen Kopf wandern, verstand aber nicht so recht.
   »Wenn ein Winterkind weint, dann ist die Träne, die aus seinem Auge kommt, ein Teil von dem Menschen, den er liebt. Ein Splitter seines Herzens. Und dieser Splitter fehlt. Man könnte sagen, es ist, als ob einem Uhrwerk ein Rädchen genommen wurde«, erklärte Molly.
   Robert verstand. Er war so logisch, so greifbar. »Das heißt«, schlussfolgerte er, »ich muss das fehlende Teil wiederfinden. Dann wird Rain gesund.«
   Die beiden Frauen nickten.
   »Genauso«, sagten sie im Wechsel, »ist es.«
   Er war beinahe erleichtert. Etwas suchen, das konnte er.
   »Du musst die eine Träne finden, richtig«, riss ihn Molly Noir mit ihrer Stimme aus dieser Woge der Erleichterung. »Denn nur sie kann Rain heilen, wenn sie noch nicht zerborsten ist.« Libertys Gesicht verzog sich vor Kummer.
   Auch ihm lief ein Schaudern über den Rücken, als er sich abermals an das knackende Geräusch erinnerte, das Rains Körper im heißen Wasser gemacht hatte.
   Molly Noir sah ihn stumm an, an ihrem Gesicht erkannte er, dass sie von den Rissen in Rain wusste. »Wenn das so ist«, sagte sie, »muss die Winterträne warten. Dann müssen wir zuerst zu den Einhörnern.«

Kapitel 4

»Einhörner? In New York?« Robert starrte die beiden Frauen an. Sie mussten den Verstand verloren haben.
   Liberty ignorierte den Spott in seiner Stimme. »Natürlich. Wo sonst? Alles kommt irgendwann nach New York, denn in gewisser Weise ist die Stadt das Herz der Welt.«
   »Und die Einhörner werden Rain helfen? Sie heilen?« Er verdammte die Skepsis in seiner Stimme. Hey – er hatte sich mit sprechenden Kaninchen und Gedanken lesenden Frauen abgefunden, befand sich in einer geheimen Wohnung unter der Freiheitsstatue – warum dann nicht auch Einhörner?
   Molly war es, die seine Gedanken wieder einfing. »Ich weiß nicht, ob sie Rain helfen werden. Sie sind Einhörner, und Einhörner interessieren sich nicht sonderlich für Menschen.«
   »Einhörner interessieren sich für niemanden«, warf Liberty mit gerümpfter Nase ein, aber Molly überging sie.
   »Und retten werden sie Rain schon gar nicht«, sagte sie. »Das können sie nicht, wenn sie nicht die Winterträne haben. Aber sie können ihren Schmerz lindern, wenn sie wollen. Die Risse schließen.«
   »Wenn sie wollen?«
   Molly Noir nickte. »Wenn sie wollen«, wiederholte sie.
   »Das heißt, sie müssen es nicht tun«, kombinierte Robert, woraufhin Liberty ihm mit einem knappen Ja recht gab.
   »Kein Einhorn der Welt muss etwas. Es ist ein Einhorn«, fügte Molly hinzu.
   Robert dachte an die wenigen Geschichten, die er über Einhörner kannte. Er wusste, dass sie sich nur Menschen mit reinen Herzen zeigten, meistens sogar nur Mädchen. Dass ihr Horn magische Kräfte haben sollte. Und an Schmetterlinge dachte er, auch wenn ihm diese Verbindung nicht einleuchten wollte. Sie war da. »Einhörner in New York.« Ein verrückter, nein, unmöglicher Gedanke.
   Liberty lächelte ihn aufmunternd an.
   Dann ratterten seine Gedanken, kehrten zur Logik zurück. »Wo genau sind sie? Was tun sie, damit es Rain besser geht? Und wie …«
   »Stopp! Eins nach dem anderen«, unterbrach Molly seinen Redefluss.
   Liberty beantwortete seine erste Frage. »Um zu wissen, wo sich Einhörner aufhalten, musst du wissen, dass sie Geschöpfe sind, die die Reinheit lieben, die Unschuld, wenn man so will. Daher lieben sie Wahrheit.«
   Robert wollte einwerfen, dass es viele Wahrheiten gab, aber Liberty wiegelte ab.
   »Das ist egal. Die Wahrheit – die, die Einhörner suchen, liegt immer irgendwo in der Mitte.« Sie sah Robert abwartend an, aber er schwieg. »Die Einhörner«, sagte sie schließlich, »leben dort, wo alle Antworten und damit auch alle Wahrheiten leben. Im Central Park.«
   Zuerst dachte Robert wieder an Romy, die wegen der Antworten in den Park gegangen war. »Im Central Park? Müsste man sie dort nicht längst entdeckt haben?«
   Molly Noir lachte. »Als ob die Menschen von heute ein Einhorn erkennen würden, wenn es vor ihnen stehen würde.«
   Robert schürzte die Lippen. Dachte an die Kutschen, die Touristen durch den Park fuhren. Freilaufende oder gar wild lebende Pferde gab es keine. Und Einhörner?
   »Sie sind da«, sagte Liberty und lachte, »du kannst uns ruhig glauben.«
   »Hast du sie gesehen?«
   Liberty zuckte zusammen, als hätte man sie geschlagen. Sie presste die Lippen aufeinander.
   »Meiner Tochter«, warf Molly ein, »haben sie sich nie gezeigt.«
   Robert fand, dass Liberty ein wenig traurig wirkte. »Aber ich habe sie gespürt. Ich weiß, dass sie da sind«, erwiderte sie trotzig.
   Jetzt war es wieder Molly Noir, die leise lachte. »Ja, das weißt du. Wenn wir beide nicht viel gemeinsam haben, wissen wir doch, dass es fast alles gibt. Wir spüren es, auch wenn wir es weder hören noch sehen. Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Einhörner haben ihre eigene Art, den Ort, an dem sie leben, zu verbergen. Eigentlich verstecken sie ihn gar nicht. Doch wie ich schon sagte. Die Menschen sind einfach blind.« Sie stand auf. Achtlos legte sie das Winterbuch neben sich, wo sich schon weitere Bücher stapelten.
   Robert vermutete, dass auch aus ihnen beizeiten eine Sitzgelegenheit werden würde. Er beobachtete, wie Molly Noir auf die Wand zuging. Vollkommen erstaunt stellte er fest, dass er den Wänden des eigentlichen Raumes bislang noch keine Aufmerksamkeit hatte zukommen lassen. Vielleicht hatte das an all den Sachen im Treppenregal gelegen, vielleicht an Rain und allem, was geschehen war. Auf jeden Fall bemerkte er erst jetzt, dass die Wände voller Spiegel hingen.
   Es mochten mehrere Hundert sein. Manche waren groß wie ein Mensch, hatten schlichte, edle oder kunstvoll verzierte Rahmen, die eine ganze Geschichte erzählten, festgehalten in Metall oder Holz. Er erkannte unzählige Epochen, von denen er die wenigsten Stilrichtungen korrekt zuordnen konnte. Mit Kunst hatte er es nie gehabt. Es gab auch kleine Spiegel, manche schienen nur Bruchstücke zu sein. Es gab runde, ovale oder eckige Spiegel. Einige waren angelaufen, manche vollkommen blind, andere strahlten. Nur einer, der auf seiner Augenhöhe hing – ein ovales Exemplar mit einem Goldrahmen, der an manchen Stellen mit bunten Edelsteinen bedeckt war und Ornamente aufwies, die ihn an den Orient erinnerten, war kaputt. Durch das ganze Glas zogen sich Risse. Obwohl nicht ein Stück fehlte, zerriss es auch denjenigen, der sich darin spiegelte.
   Liberty strahlte, als sie sein Erstaunen bemerkte. »Das«, sagte sie, und Robert hätte es nicht gewundert, wenn von irgendwo ein Trommelwirbel erklungen wäre, »ist das Auge der Welt.«
   Molly Noir warf ihrer Tochter einen genervten Blick über die Schulter zu, aber Liberty ließ sich nicht aufhalten.
   »Früher, als ich noch hier gewohnt habe«, erzählte sie, »war das mein Lieblingsort. Allerdings …« Sie schnitte eine Grimasse.
   Robert fragte sich gerade, wie es an einem Ort, an dem es nur einen Raum gab, einen Lieblingsort geben konnte, aber Molly unterbrach ihn.
   »Allerdings habe ich dir verboten, das Auge in meiner Abwesenheit zu öffnen.« Ihre Stimme hatte eine ungewohnte Schärfe angenommen, als würde sie versuchen, mit ihren Worten etwas zu zerschneiden.
   Langsam konnte sich Robert ausmalen, dass es nicht immer einfach war, sie zur Mutter zu haben. Ehe er weiter darüber nachdachte, rief er sich ins Gedächtnis, dass Molly Noir Gedankenlesen konnte. Vielleicht war es besser, das Thema fallen zu lassen. Er konzentrierte sich auf einen kleinen Spiegel.
   Liberty reagierte nicht auf ihre Mutter, aber Molly fuhr fort. Mit ausgestrecktem Arm deutete sie auf den Spiegel mit der zerbrochenen Scheibe. »Ausgerechnet ihn hast du zerstört. Er war mein Liebster.« Aus ihrer Betonung ging hervor, dass es nicht allein um den Spiegel ging, auch wenn sich Robert keinerlei Vorstellung machen konnte, worum sonst.
   Liberty verdrehte die Augen, aber Robert erkannte, dass diese Geste nur halb so genervt wirkte, wie sie hätte aussehen sollen. Libertys Körperhaltung drückte Bedauern aus, Verlust, und als sich Molly wortlos von ihr abwandte, konnte er beobachten, wie sie die Augen schloss, während sie mit zusammengepressten Lippen den Kopf schüttelte.
   »Er war mein Auge nach …«, sagte Molly in die Stille, ohne jemanden anzusehen.
   Liberty schloss die Augen.
   Robert, der immer noch nicht wusste, worum es ging, erwartete, dass Molly noch etwas sagen würde, aber sie straffte nur die Schultern und atmete tief durch. »Nun«, sagte sie schließlich. »Passiert ist passiert. Ändern können wir es ohnehin nicht. Die Risse bleiben.«
   Auch diese Worte galten nicht nur dem Spiegel.
   Molly bedachte ihn mit einer Grimasse zu und wandte sich an Liberty. »Dennoch, Liberty, halte dich jetzt wenigstens von den Spiegeln fern. Sieben Jahre sind genug.«
   Robert registrierte, wie Liberty die Hände ballte, und meinte zu hören, dass sie »Ich wollte ihn nur sehen. So wie du. Er war nicht dir allein« sagte, aber sie sprach so leise, dass die Worte auch etwas anderes hätten bedeuten können. Was immer es war, wahrscheinlich würde er es nie erfahren. Eine Familienangelegenheit. In jedem Fall nahm er sich vor, auf alle Spiegel in seiner Umgebung zu achten. Scheinbar brachte ihr Zerbrechen wirklich sieben Jahre Unglück.
   »Die sieben Jahre vergehen«, sagte Molly Noir mit trauriger Stimme, »doch der Spiegel ist danach immer noch zersplittert.«
   Gerade überlegte Robert, ob er nachfragen sollte, ob er es wagen konnte, da sagte Liberty ein Wort, das alles andere nichtig machte.
   »Rain.« Sie sagte es mit fester Stimme, wenngleich sie am Anfang einen Wimpernschlag lang zögerte.
   Molly drehte sich nicht um, aber sie nickte. »Deswegen seid ihr hier.« Ihre Blicke glitten über die Wände – offenbar suchte sie einen bestimmten Spiegel. Dann drehte sie sich zu ihnen um. »Halte ihn lieber fest. Mit den Spiegeln ist es so eine Sache, wie du weißt.«
   Mit einem Nicken trat Liberty hinter ihn.
   Er sah sie fragend an, aber Liberty deutete nur auf einen der Spiegel, der ihm zuvor nicht aufgefallen war, obwohl er die ganze Zeit in diese Richtung gestarrt hatte. Der Spiegel war nicht groß, doch sein Rahmen war außergewöhnlich schön. Jugendstil, wie er ausnahmsweise erkannte. Der Rahmen bestand aus Zinn oder Kupfer, links zierte eine junge Frau den Rahmen, die auf Schnörkeln voller Blätter und Blüten saß, die das viereckige Glas umrundeten. Die Blätter hatten einen leichten grünen Schimmer, die Blüten einen roten. An manchen Stellen blitzte zwischen den Bögen das Spiegelglas hindurch. Er hing auf Augenhöhe, und als Molly Noir eine Kette unter ihren Sachen hervorholte, an dem ein Anhänger in Form eines Handspiegels hing, griff Liberty nach seiner Hand.
   Gemeinsam traten sie neben Molly. Der Spiegel mit der jungen Frau am Rand reflektierte ihre Gesichter.
   Robert beobachtete in dem Silberglas, dass sich Mollys Lippen bewegten, sie flatterten schnell wie Falterflügel, aber er konnte nichts hören. Sie hielt den Kettenanhänger so, dass sich das kleine Spiegelglas in dem anderen widerspiegelte.
   Plötzlich, ohne dass es ein Licht im Raum gegeben hätte, dass als Auslöser infrage gekommen wäre, blitzte es in dem kleinen Spiegelanhänger um Molly Noirs Hals auf. Von dort sprang das Licht zu dem anderen Spiegel, brach sich dort abermals, schnellte zu den anderen, wo es sich wieder brach, sodass der ganze Raum in ein helles Strahlen getaucht wurde. Robert riss den freien Arm schützend vor sein Gesicht. Er kniff die Augen zu. Dann wurde es dunkel, genauso plötzlich, wie es hell geworden war. Er schlug die Augen wieder auf und erstarrte, als sein Blick auf den Spiegel fiel. Dort, wo eben noch Liberty, Molly und er selbst im Spiegelglas gestanden hatten, erfassten seine Augen nun ein Bild, dass keine Reflexion sein konnte. Robert schaute rasch zu den anderen Spiegeln. Auch dort war jetzt kein reines Glas mehr, sondern ebenfalls Bilder, die sich vor seinen Augen bewegten, als wären sie Tänzer. Er kam aus dem Staunen nicht mehr hinaus.
   Alle Orte der Welt schienen in den Spiegeln zu Hause zu sein. Da war der Eiffelturm in Paris, der Dom in Köln, eine Insel irgendwo in den blauen Weiten eines Ozeans, das Kolosseum in Rom, die Teynkirche in Prag, er entdeckte das Tadsch Mahal, die Golden Gate Bridge, die Chinesische Mauer und viele Orte mehr, die er nur aus Büchern und Filmen kannte, aber nie bereist hatte. Selbst in den Spiegeln, die zuvor angelaufen oder blind gewesen waren, bewegte sich nun etwas, aber er konnte nicht erkennen, was.
   In denen, deren Glas voller dunkler Stellen gewesen war, schien es, als wäre alles voller Wasser, in dem manchmal ein Licht aufblitzte, aber es verschwand so schnell, dass Robert nicht erkennen konnte, was es verursacht hatte. Durch die, deren Glas zuvor milchig trüb gewesen war, wogten weißgraue Schleier wie Nebel, die zu einem Meer geworden waren. Selbst dort machte Robert Bewegungen aus, die ihm jedoch nichts Näheres zeigten. Nur der eine Spiegel, der, dessen Glas zersplittert war, zeigte noch die Welt, wie sie im Raum war, denn seine Splitter reflektierten alle Orte, die die anderen zeigten.
   Er sah zu den beiden Frauen. Molly bewegte ihren Kopf, ihre Blicke schnellten von Rahmen zu Rahmen, wieder schienen sie auf der Suche nach etwas, das nur sie finden würde.
   Er berührte Liberty an der Schulter. »Was ist das?« Seine Stimme klang brüchig.
   »Das Auge der Welt«, wiederholte Liberty. Ein kleiner Anflug von Stolz lag in ihrer Stimme.
   Robert runzelte nur fragend die Stirn.
   »Jeder Spiegel«, erklärte sie, »stammt von einem anderen Ort der Welt, und jene, die den Schlüssel besitzen, können durch diese Augen sehen.«
   »Und deine Mutter hat einen solchen Schlüssel?« Seine Blicke wanderten über die vielen Bilder, konnten sich nicht entscheiden, an einem Ort zu verweilen.
   »Meine Mutter hat den Schlüssel. Es gibt nur einen. Sie ist die Spiegelkönigin.«
   »Spiegelkönigin?«
   »Sie kann die Augen aller Spiegel öffnen, egal, an welchen Ort, egal, zu welcher Zeit. Sie kann sehen, was immer sie will, findet, was immer sie finden will.«
   Er warf Molly einen Seitenblick zu, dann wandte er sich wieder Liberty zu. »Kannst du es auch?«
   »Ich bin ihre Tochter«, erwiderte sie nur. Fast sehnsüchtig wandte sie sich den Spiegeln zu. »Wenn ich den Schlüssel habe …«
   »Den sie nicht hat. Und so schnell wird sie ihn auch nicht bekommen«, warf Molly Noir ein, ohne sich umzudrehen.
   »Funktioniert das mit jedem Spiegel?«, fragte Robert Liberty, ohne auf Molly zu achten.
   »Ja. Mit jedem. Selbst mit Wasser, das still ruht, einer Pfütze, einem See. Oder mit Augen.«
   »Augen?«
   »Augen sind der Spiegel der Seele.«
   »Das Gedankenlesen«, kombinierte Robert.
   »Das funktioniert sogar ohne Schlüssel.« Liberty grinste.
   »Könntet ihr mir bitte helfen?«, sagte Molly scharf. »Wir suchen den Spiegel, in dem New York zu sehen ist.«
   Liberty und Robert betrachteten nacheinander Spiegel für Spiegel.
   »Ich dachte, die Spiegel können nur den Ort zeigen, von dem sie stammen?«, fragte Robert. »Dann müssten die Bilder doch immer in denselben Spiegeln sein, die die Stadt zeigen.« Er machte ein paar Schritte nach links.
   »Nicht ganz«, erläuterte Liberty, während sie nach rechts ging. »Die Spiegel bringen die Orte mit, von denen sie kommen. Man kann nur die Orte der Welt sehen, von denen man einen Spiegel hat. Aber hängen mehrere in einem Raum, können die Bilder wandern. Nur ganz wenige Spiegel zeigen immer das gleiche Bild.« Ihr Blick schnellte zu dem zerbrochenen Spiegel, dann suchte sie weiter. »Das«, fügte sie hinzu, »ist eines der Dinge, die zu den ungelösten Geheimnissen der Spiegelmagie gehört.«
   »Spiegelmagie?« Er suchte weiter in den Spiegeln nach New York und bemerkte, dass die Bilder tatsächlich zwischen den Rahmen hin- und hersprangen. Eben noch, da war er sich sicher, war die Ansicht von Notre-Dame in Paris in einem anderen Spiegel gewesen. Sogar innerhalb eines Ortes wechselten die Motive, als hätte ein Kameramann ein anderes Motiv vor die Linse bekommen.
   »Ja, Spiegelmagie. Durch die Spiegel die Welt zu sehen, ist nur ein kleiner Teil davon.«
   Zum ersten Mal mischte sich auch Molly Noir in die Unterhaltung ein. »Man kann«, sagte sie, »durch die Spiegel reisen. Aber das können nur sehr wenige, sie beherrschen die Spiegelmagie, weil sie einen Teil davon in sich tragen.«
   »Also Spiegelmenschen?« Robert wunderte nichts mehr.
   Molly Noir lachte. »Spiegelmenschen. Das habe ich noch nie gehört.«
   Er schwieg eingeschnappt.
   Molly Noir machte eine abwinkende Geste. »Verzeih bitte. Ich sehe ein, dass der Gedanke an Spiegelmenschen gar nicht so abwegig ist. Eigentlich ist er sogar ganz logisch. Leider ist es nicht ganz so einfach. Du musst wissen, dass die Spiegel einst Eis waren, das aus dem Herzen des Winters kam.«
   Robert ahnte, worauf das hinauslief.
   Molly Noir nickte. »Nur Väterchen Frost und die seinen können die Spiegel auf diese Art benutzen, vielleicht noch eine Handvoll mehr, doch sie würden Spuren hinterlassen. Nur der Winter kann unsichtbar durch die Spiegel reisen, denn sein Herz ist ebenso aus Eis wie das der Spiegel.«
   »Deshalb kann man sie nicht so einfach finden«, fügte Liberty hinzu. »Durch die Spiegel reist man schnell.«
   Roberts Stirn legte sich in Falten. »Aber wir suchen doch die Einhörner, oder? Was interessiert uns dann, wohin der Winter geht? Oder seine Kinder?«
   Liberty und ihre Mutter wechselten einige Blicke.
   »Ja«, sagte Liberty schließlich, »wir suchen die Einhörner.«
   Robert hörte, dass dieser Satz nicht die ganze Wahrheit enthielt, aber sowohl Molly als auch Liberty schwiegen und suchten nach Bildern des Central Parks, in Spiegeln, die keine mehr waren.
   »Da!« Liberty deutete auf einen schmalen, wellenförmig geformten Spiegel, der in einer Ecke hing. Er hatte keinen Rahmen.
   Robert sah das Empire State Building.
   »New York«, murmelte Molly glücklich, als wäre sie von einer langen Reise zurückgekehrt.
   »Aber nicht der Central Park«, warf Robert ein.
   Molly machte »Tss« und trat mit raschen Schritten vor den Spiegel, in dem die Lichter des Empire State Buildings ins schneeverwehte Dunkel leuchteten. Sie hob den kleinen Handspiegelkettenanhänger wieder vor das Glas, flüsterte etwas, das so leise war wie der Wind. »Central Park!«, sagte sie daraufhin laut und deutlich.
   Sofort verschwand das Empire State Building. Im nächsten Moment sah Robert die Bäume, Wege und Wiesen des Central Parks, alles von Schnee bedeckt. Niemand war unterwegs. Kein Wunder, inzwischen war, sofern man das erkennen konnte, tiefste Nacht, auch wenn die weißen Flocken, die immer noch zur Erde fielen, tausend Sternen gleich die Dunkelheit erhellten.
   Auf eine Geste Molly Noirs hin begann sich das Bild zu bewegen, fuhr einem Kamerawagen gleich durch den Park.
   Robert sah all die Ecken, die er kannte. Orte, an denen er oft mit Romy gewesen war. Unaufhörlich wanderte das Bild, sodass sie schon bald zu Ecken kamen, in denen er noch nie gewesen war. Manche waren dunkel und unheimlich, andere freundlich und idyllisch, aber außer dem, was er in einem Park erwartete, war nichts Außergewöhnliches zu entdecken.
   »Halt«, rief Liberty.
   Umgehend murmelte Molly Noir etwas, woraufhin es in ihrem Miniaturhandspiegel kurz aufleuchtete. Das Bild in dem gewellten Spiegel verweilte dort, wo es war.
   Robert erkannte den Belvedere Lake mit dem grauen, schneebedeckten Schloss, sonst war dort neben Bäumen und Wegen nichts, was nicht schon an anderen Ecken des Parks gewesen war. Verwundert wandte er sich den beiden Frauen zu.
   Molly nickte anerkennend ihrer Tochter zu. »Du hast recht«, meinte sie. »Da müssen sie irgendwo sein.«
   Libertys Mund zuckte zwar nur leicht, aber Robert bemerkte, wie viel ihr dieses winzige Kompliment ihrer Mutter bedeutete – wenn man es überhaupt als Kompliment bezeichnen konnte. Er starrte wieder auf den Spiegel, doch er fand nichts, was ungewöhnlich für einen Park bei Nacht gewesen wäre.
   »Sieh genau hin«, forderte Liberty ihn auf, als sie seinen verwirrten Gesichtsausdruck bemerkte. »Ganz genau!«
   Er trat näher auf die Wand zu und beugte sich zu dem Spiegel, spürte, dass das Glas leise knisterte, als würde das Eis des Spiegels seine warme Nähe nicht mögen. Dennoch lehnte er sich noch näher, um alles ganz genau betrachten zu können.
   Der See. Nichts. Das Schloss. Die Wege. Die schneebedeckte Rasenfläche. Auch nichts. Die raureifbehangenen Bäume. Wieder nichts – halt! Robert betrachtete die Bäume genauer. Plötzlich wusste er, was anders war. Die anderen Bäume im Park, einschließlich dem, unter dem er, wie früher Romy, gewartete hatte, waren alle kahl. Nicht ein Blatt hatte sich an ihnen halten können. Diese hier waren es nicht.
   Sie waren sicherlich auch nicht üppig grün, und wenn man nicht genau darauf achtete, bemerkte man es wahrscheinlich gar nicht, aber an diesen Bäumen hingen vereinzelte, kleine Blätter.
   »Genau«, wisperte Liberty in sein Ohr. »Das zeigt uns, dass sie da sind. Da, wo Einhörner sind, herrscht niemals wahrhaftiger Winter.«
   Unwillkürlich musste Robert an Romy denken. Wie sehr hätte sie diesen Ort, an dem selbst im tiefsten Winter das Leben nicht schlief, gemocht?
   Liberty legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Wer sagt dir, dass sie diesen Ort nicht gekannt hat?«, sagte sie und lächelte.
   Robert schluckte den Kloß hinunter, der ihm die Kehle heraufgekrochen kam.
   Liberty drehte sich zu Molly Noir, Robert tat es ihr einen Moment später gleich.
   Molly ließ den kleinen Spiegel sinken, murmelte ein paar Worte. Sobald der Anhänger wieder ruhig an seiner Kette baumelte, verschwanden von einer Sekunde zur anderen alle Bilder von den Wänden. Von jetzt auf gleich waren die Spiegel nichts mehr als Spiegel. Molly wandte sich ab und ging wieder ihrem Sessel, während Liberty ihrerseits auf dem Bücherhocker Platz nahm.
   Fassungslos beobachtete Robert die beiden Frauen. Wie konnten sie sich hinsetzen? Sie mussten in den Park! »Wollten wir nicht gehen? Rain zu den Einhörnern bringen, dachte ich?«
   Liberty presste die Lippen zusammen und Molly Noir schüttelte den Kopf.
   »Niemand sollte in der Nacht den Central Park besuchen.«
   Robert hätte fast gelacht. Das war ja wie in diesem Lied. Er versuchte, sich den Liedtext in Erinnerung zu rufen, aber es gelang ihm nicht. Er wusste nur noch, dass da eine Warnung gewesen war. Dass man nie bei Nacht im Central Park sein sollte.
   »Lieder«, warf Molly Noir ein, »sagen immer die Wahrheit. Und wenn sie eine Warnung aussprechen, sollte man sie befolgen, wann immer es geht.«
   Robert schüttelte den Kopf. Nie hätte er geglaubt, dass diese Warnung ernst gemeint sein konnte.
   »Außerdem«, fügte Liberty hinzu, »sind wir auf Liberty Island.«
   Es klang, als ob es sich bei diesem Ort um ein Gefängnis handelte, und plötzlich ging ihm auf, dass es tatsächlich so war. Sie konnten nicht fort – nicht ohne Schiff. Rain, schoss es ihm durch den Kopf. Wie lange hatte er nicht mehr an sie gedacht? Es fühlte sich nach einer Ewigkeit an. Sie war ganz allein. Mit einem erfrorenen und zerbrochenen Körper.
   Was, wenn sie nicht mehr am Leben war? Wie nur hatte er sie zurücklassen können?
   »Es geht ihr nicht schlechter«, sagte Molly Noir.
   An der Art, wie sie es sagte, wusste Robert, dass es die Wahrheit war. Und dass es ihr nicht schlechter ging, war gut, selbst wenn es bedeutete, dass es auch nicht besser ging.
   »Aber braucht sie nicht … Wasser? Etwas zu Essen?« Der Gedanke überrumpelte ihn. Was, wenn Rain verhungerte oder verdurstete, während er in einem Raum voller Bücher, Spiegel und anderem Krimskrams unter der Freiheitsstatue steckte, den es, an normalen Maßstäben gemessen, nicht einmal hätte geben dürfen?
   »Ihr fehlt es an nichts, außer der Winterträne, die du nach wie vor finden musst«, beruhigte ihn Molly.
   Die Träne. Vor lauter Einhörnern hatte er sie fast vergessen, dabei war sie doch die Lösung für all seine Probleme. Wie hatte Molly gesagt? Die Einhörner können lindern, aber nicht heilen. Heilen konnte nur die Winterträne. »Wo ist sie?«, fragte er geradeheraus.
   »Das«, sagte Molly Noir, »ist genau die Frage, die wir klären sollten.«
   Einen Moment zögerte Robert noch, dann setzte er sich neben Liberty.
   Molly wandte sich ihrer Tochter zu. »Was genau hat dein Winterhase dir denn gesagt?«
   Liberty hob überrascht den Kopf. »Aber er war doch hier! Wie sonst hätte er mir sagen können, dass wir zu dir kommen sollten?«
   Molly zog ungeduldig eine Augenbraue hoch. »Er war nicht hier«, sagte sie fast entnervt, als wäre es ein Unding, ein Kaninchen in die Wohnung zu lassen. »Du vergisst, dass ich ein ausgezeichnetes Netzwerk habe.«
   »Die Tauben«, sagte Liberty tonlos. Sie war ganz weiß geworden.
   Molly Noir beachtete ihren Einwand nicht. »Aber selbst wenn er hier gewesen wäre, was für ein Kaninchen ungewöhnlich wäre – er hätte ja entweder schwimmen oder die Fähre nehmen müssen -, mit mir hätte er wohl kaum geredet.«
   Bei der Vorstellung, ein schwarz-weißes Kaninchen auf einer Fähre zu treffen, musste Robert grinsen, aber das Grinsen verging ihm beim Anblick von Libertys Gesichtsausdruck.
   Sie war außer sich vor Zorn. »Und wie wolltest du ihm dann die Möhren geben, die du ihm versprochen hast?« Libertys Stimme war mit jedem Wort lauter geworden.
   Molly Noir zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Wahrscheinlich ebenfalls mit den Tauben. Keine Ahnung.«
   »Mit den Tauben? Seit wann können Tauben Möhren transportieren? Du hättest ihm gar nichts geschickt!«
   Irgendwie wusste Robert, dass das die Wahrheit war.
   Molly beachtete sie nicht weiter.
   »Er hat sich darauf gefreut«, sagte Liberty mit mühsam beherrschter Stimme. »Er hat sich darauf verlassen. Es ist Winter! Er findet doch kaum etwas …«
   Molly beachtete sie nicht einmal. »Wie auch immer«, meinte sie nur und wandte sich an Robert. »Verzeihung. Meine Tochter kümmert sich gern um Nichtigkeiten.«
   Libertys Hände waren zu Fäusten geballt und Tränen standen in ihren Augen. Für sie war der Winterhase keine Nichtigkeit, so viel stand fest. Was er durchaus verstehen konnte.
   Fast erwartete er, dass Liberty irgendetwas dazu sagen würde, denn ihr Mund öffnete sich einen Spalt, aber dann schloss er sich wieder. Stattdessen schaute sie ihn nur einen Moment an. Tränen standen ihr in den Augen, weil der Zorn, den sie spürte, so stark war, dass er sich in Traurigkeit verwandelt hatte. Eine Traurigkeit, die ihr alle Worte raubte, wie Robert nur allzu gut wusste.
   Er wünschte, etwas für sie tun zu können, aber was? Er musste Rain helfen. Was war dagegen ein Kaninchen, das keine Möhren bekam?
   »Eine ganze Menge«, flüsterte ihm eine Stimme ins Ohr, die ein wenig nach Romy klang.
   Trotzdem. Er war wegen Rain hier.
   Dennoch ließ Robert den Kopf hängen. Er wollte nicht, dass Liberty diese Entscheidung in seinen Augen las. Weil er wusste, wie sie ihn dann anschauen würde. Romy hatte ihn einmal so angesehen. Ganz am Anfang, als sie sich gerade kennengelernt hatten und er sie in ein Steakhouse führen wollte. Er hatte nicht gewusst, dass sie kein Fleisch aß. Seit diesem Tag hatte er es auch nicht mehr getan. Nie wieder hatte er diesen Ausdruck auf ihrem Gesicht lesen wollen. Genauso wenig, wie er ihn jetzt in Libertys Augen sehen mochte.
   Molly Noir beachtete sie immer noch nicht. Sie war aufgestanden und die Treppe hinaufgestiegen, bis zu den Büchern.
   Liberty sah zu ihr hin. »Sie wird uns sagen, was wir wissen müssen. An wen wir uns wenden müssen. Wohin. Und wann.« Ganz mechanisch klang ihre Stimme.
   Fieberhaft suchte Robert etwas, mit dem er sie ablenken konnte. »Hier hast du früher gewohnt?« Keine gute Frage.
   Er bekam ein knappes Ja als Antwort.
   Robert betrachtete seine Umgebung noch mal genau. Er konnte sich kaum vorstellen, dass hier überhaupt jemand leben konnte. Gut – vielleicht Molly Noir, auch wenn er nirgendwo ein Bett sah. Geschweige denn ein weiteres Zimmer.
   »Die Welt hier unten ist größer, als man denkt«, sagte Liberty, aber Robert vermutete, dass sie genau das Gegenteil meinte.
   Molly Noir kam zurück, in der Hand ein Märchenbuch. Robert starrte sie verständnislos an. Er wollte etwas über die Winterträne hören, nicht eine Märchenstunde halten.
   »Die Antwort liegt oft in alten Legenden und Märchen«, kommentierte sie seine Gedanken.
   Hieß es nicht, die Antworten lägen im Central Park?
   »Tun sie auch«, meinte Molly Noir, woraufhin Robert die Augen verdrehte. »Weil alle Geschichten in den Central Park gehen«, fuhr sie fort, ohne auf ihn zu achten. Lächelnd ging sie zurück zu ihrem Sessel, als hätte es nie ein lautes Wort oder eine spitze Bemerkung gegeben, doch Liberty, die demonstrativ den Kopf wegdrehte, strafte dieses Lächeln Lüge.
   Die einfachsten Beziehungen waren meist die kompliziertesten.
   »Weißt du jetzt, wo die Winterträne ist?« Libertys pampig klingende Stimme durchbrach die Stille wie ein Knall.
   Molly betrachtete ihre Tochter eine Weile an. In ihrem Blick schien ein Hauch von Bedauern zu liegen, als würde es ihr leidtun, wie das Verhältnis zwischen ihnen war, aber sie ließ keine Worte oder Gesten der Milderung folgen, sie straffte sich nur und nickte. Molly Noir war keine Frau, die auf andere zuging. Andere kamen zu ihr.
   Immer.
   Vielleicht war Liberty gerade deswegen so wütend. Weil sie nicht einmal für ihre Tochter, die ihre Hilfe gebraucht hatte, eine Ausnahme gemacht hatte. Wahrscheinlich machte sie nie eine.
   Ob es falsch gewesen war, diese Gedanken zu Ende zu denken? Immerhin konnte Molly Noir in ihnen lesen, dass er klar Partei für Liberty ergriffen hatte. Egal. Rain zählte. Nichts sonst. Rain war alles, was er hatte.
   Er sah Molly Noir fest in die Augen. Sollte sie doch von ihm halten, was sie wollte, solange sie ihm nur sagte, wie er Rain helfen konnte.
   Doch sie sagte nichts. Sie starrte sie nur abwechselnd an, stundenlang, wie es ihm vorkam.
   Wieder war es Liberty, die der Sache ein Ende machte. »Was?«, herrschte sie ihre Mutter an.
   Molly Noir schrak auf. Offenbar hatte das Wort sie aus einem tiefen Gedanken gerissen. »Nichts. Ich habe nur das Für und Wider abgewägt.«
   Liberty zog die Augenbrauen zur stummen Frage in die Höhe.
   Molly schüttelte den Kopf. »Später. Man sollte nie am Ende beginnen, sondern am Anfang. Das Ende kommt schnell genug.«
   Er konnte in diesem Fall nur beipflichten. Das Ende kam immer zu plötzlich, selbst, wenn man es erwartete.
   Molly Noir schenkte ihm ein Lächeln, als wäre sie dankbar für diesen Zuspruch. Liberty hingegen hatte sich wieder von ihrer Mutter abgewandt.
   Mollys Lächeln verblasste. »Erinnert ihr euch noch, wie ich euch von der Mutter der fünf Eisheiligen erzählte?«
   Liberty und er nickten, erstaunt, warum sie wieder zu diesem Punkt zurückkehrte.
   »Die Frau, die mal der Mond und mal die Sonne gewesen sein soll?«, präzisierte Robert.
   »Genau.«
   »Was ist mir ihr?«, fragte Liberty.
   »Sie ist es, die die Winterträne hat.« Molly Noir ließ die Worte eine Weile wirken, doch als auch nach längerer Zeit weder Robert noch Liberty etwas sagten, sah sie sich gezwungen, fortzusetzen. »Wenn ich alles, was ich weiß und gelesen habe, richtig zusammenfüge, war die Geliebte Väterchen Frosts niemals Sonne oder Mond. Ein ganz einfaches Mädchen ist sie gewesen, das eines Tages irgendwo auf der Welt einen jungen Mann traf und sich in ihn verliebte. Vielleicht ist sie ihm an dem Ort begegnet, an dem eines Tages diese Stadt stehen würde, aber ich vermute, es war viel weiter nördlich, denn Väterchen Frost gehört nun einmal in den Norden, dort ist sein Reich. Sie könnte ein Mädchen aus einem Dorf in Kanada gewesen sein, vielleicht auch in Skandinavien, oder eine Tochter der Inuit, die in der Arktis selbst ihre Heimat haben, ganz egal. Wahrscheinlich war sie von ungewöhnlicher Schönheit, denn sonst hätte sie nie die Augen des Winters auf sich lenken können. Die alten Bücher berichten von einer klassischen Liebesgeschichte, die ich an dieser Stelle nicht vertiefen will. Kurz gesagt: Der Winter verliebte sich nach langem Werben eines Tages in das Mädchen und nahm sie mit auf sein Schloss, dessen Sitz im tiefsten Herz des Winterreiches liegt. Man munkelt, es läge im Inneren eines Eisberges, aber man munkelt viel, wenn um diesen Ort geht. Am Anfang lebten beide glücklich und zufrieden – Väterchen Frost ließ die Winter in dieser Zeit milder werden, während das Herz des Mädchens vor Freude übersprang, den Mann ihrer Träume für sich gewonnen zu haben. Einige Jahre lebten sie so im Schloss aus Eis und Schnee. Fünf Kinder wurden in diesen Jahren geboren: Joshua, Sam, Jonathan, Sofie und Christian, auch wenn wir nicht genau wissen, ob sie wirklich so heißen. Aber ihre Namen sind nicht das, was uns im Moment interessieren sollte.« Molly Noir lächelte kurz. »Namen sind schließlich wie Schall und Rauch. Kehren wir also den fünf Kindern den Rücken zu, um uns wieder dem Mädchen zuzuwenden, das einst Väterchen Frost sein Herz schenkte und über die Jahre zu einer Frau geworden war. Wie ich schon sagte – diese ersten Jahre mochten voll von Glück gewesen sein – Väterchen Frost krönte seine Frau in dieser Zeit zur Königin über das Reich des Schnees, weshalb sie fortan den Namen Schneekönigin trug.«
   Robert dachte an die Märchenfigur von Hans Christian Andersen, woraufhin Molly Noir nickte. Sachte klopfte sie mit der flachen Hand auf das Märchenbuch in ihrem Schoß.
   »Ja, genau sie meine ich. Wie jede Figur hat auch die Schneekönigin ihre eigene Geschichte, die ich euch jetzt erzählen werde. Als sich dieses Mädchen in Väterchen Frost verliebte, war sie das, was sie war – ein junges Mädchen, voller Träume und Hoffnungen, doch bald schon veränderte sie sich, wie sich alles, was im tiefsten Herzen des Winterreiches lebt, verändert. Zunächst, so heißt es, hätte Väterchen Frost nicht darauf geachtet, war er ihrer Gesellschaft doch inzwischen überdrüssig geworden – die Liebe hatte den Reiz des Neuen verloren, hatte sich in Routine verwandelt, so, wie es jeder Liebe passieren kann. Und doch – obwohl es nie einen Beweis dafür gegeben hat, sagt man, er hätte sie in der Tiefe seines eisigen Herzens immer noch geliebt, er konnte es ihr bloß nicht mehr zeigen. So kam es, dass die Schneekönigin, die ohnehin schon lange nicht mehr glücklich war, von Tag zu Tag unzufriedener wurde. Eingesperrt wie ein Vogel im Käfig fühlte sie sich, und um Freiheit zu spüren, ließ sie den Schnee wilder toben als jemals zuvor. Je weniger Väterchen Frost ihr seine Liebe zeigte, desto schlimmer wurde es, denn ihr Herz erfror, wie es alle Herzen in einer solchen Situation zu tun pflegen. So wie ihr Herz wandelte sich auch ihr Äußeres. Blass, fast bläulich wurde ihre Haut, die Lippen nahmen die kalte Farbe des Eises an, während ihr Haar weiß wie der Schnee wurde, der ihr ihren Titel gegeben hatte. So vergingen die Jahre. Niemand achtete auf die Schneekönigin, blieben doch die Schneestürme nur ihren Wutanfällen gleich, heftig und kurz. Nirgends steht, was in dieser Zeit mit den fünf Kindern geschah, aber ich vermute, dass sie der Grund waren, aus dem ihre Mutter nicht gänzlich verbitterte. Keine Mutter kommt umhin, ihr eigen Fleisch und Blut zu lieben. Vielleicht gaben ihr die Kinder die Liebe, die ihr deren Vater verwehrte. Dann aber, niemand kann sagen, warum, nahm Väterchen Frost seiner Frau die Kinder weg. Es gibt Vermutungen, dass sie trotz der Liebe der Kinder immer kälter geworden war, und ihre Unbarmherzigkeit auch ihren Kindern gegenüber gezeigt hätte. Wie auch immer. Es mögen gute Gründe gewesen sein, dass Väterchen Frost so entschied, aber niemand«, Molly Noirs Stimme klang nun wie ein fernes Donnergrollen, »nimmt einer Mutter ungestraft ihre Kinder. Das musste auch Väterchen Frost begreifen. Als die Schneekönigin bemerkte, dass ihr Gatte ihre Kinder an einen ihr unbekannten Ort gebracht hatte, tobte sie so sehr, dass die Wände in dem Schloss aus Eis Risse bekamen und die Welt im Norden fast unsichtbar wurde im Treiben des Schnees, der mit ihrem Zorn stürmte. Doch all das half nichts. Ihre Kinder blieben verschwunden. Sie ging zu Väterchen Frost, dem Mann, den sie einst liebte, für den sie nun aber nichts mehr empfand, nicht einmal Hass, denn ihr Herz war gefüllt mit dem Verlust ihrer Kinder. Ihre Kinder sollte er zurückbringen, sie alle gehen lassen, doch er lehnte ab. Sie bettelte und flehte, bot ihm an, auf alles zu verzichten, was sie hatte, wenn er ihr nur ihre Kinder zurückgeben würde. Väterchen Frost aber blieb hart und beschwor den Zorn der Schneekönigin erneut hervor, stärker als je zuvor. Abermals schrie und tobte sie. Wie ein Dämon, der aus den Niederungen der Hölle kam, soll sie sich aufgeführt haben. Die Worte, die sie sprach, waren so hart und verletzend, dass sich niemand je getraute, sie zu wiederholen. Dann verstummten die Schreie, und in dem Moment geschah, womit niemand gerechnet hatte. Väterchen Frost, der Winter selbst, der die Liebe im tiefsten Eis seines Herzens eingefroren hatte, weinte eine Träne – eine einzige, eiskalte Träne, die mit einem Klirren zu Boden fiel, wo sie in Abertausende Stücke zersprang.« Molly Noir schaute Liberty und Robert achtungsheischend an.
   Robert betrachtete sie nur fragend.
   »Es war kein Spiegel eines bösen Zauberers, der zerbrach. Es war die Träne«, flüsterte Liberty.

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