Auf ihrer Reise treffen Marc und Daryan unverhofft auf eine Menschengruppe, die sich seit Jahren durch die harte, unwirtliche Welt schlägt. Sie leben wie Nomaden und ziehen von einem Ort zum anderen, um der Gefahr zu entgehen, die die Hard Steel Union verursacht hat. Die Epidemie hat nicht nur Auswirkung auf die Menschen, sondern auch auf die gesamte Tierwelt. Blutrünstige mutierte Tiere kreuzen ihren Weg. Chimären, die ihnen nicht wohlgesinnt sind. Daryan und Marc beschließen, eine Weile bei den Menschen zu bleiben, nicht ahnend, dass sie in eine Falle tappen und der HSU direkt in die Hände spielen. Daryan wird entführt. Marc muss nicht nur um ihr Leben bangen, sondern auch um seine ungeborenen Kinder ...

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ISBN: 978-9963-53-539-2

Seiten: 321

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Lina Jacobs

Lina Jacobs
Schon in der Schule hat Lina das Schreiben fasziniert. Am Anfang war es ein Hobby, mittlerweile eine tief verbundene Leidenschaft. Obwohl sie nicht viel dazu beitragen kann, möchte sie trotzdem die Welt ein wenig schöner machen. Mit ihrem Debütroman „Geflüsterte Lügen“, der im Februar 2015 im bookshouse-Verlag erschien, ging ein lang ersehnter Traum in Erfüllung. Heute lebt sie mit Mann, Tochter und einem Schäferhund/Husky-Mischling in der Nähe der schönen Hellwegstadt Soest.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Geräusche erfüllten sie, ein leises Klopfen – ein Herzschlag, der um vieles schneller war als ihr eigener. Das kleine Herz war mit ihr verbunden und nur eine fragile Hülle schützte die Verknüpfung. Das zarte Leben, das sich wie ein kleiner Setzling entfaltete, erfüllte sie mit tiefer Liebe.
   Daryan meinte, den schwebenden Körper zu fühlen, der schon jetzt die virulenten Gaben entwickelte, die er für ein Leben in dieser harten Welt benötigte. Mit jeder Faser ihres Körpers fühlte sie die heranreifenden Fähigkeiten. Der Virus floss durch den kleinen Organismus und sorgte dafür, dass er an Stärke gewann. Sie schien mit ihm zu schweben und Purzelbäume zu schlagen. Ihr Kind würde die nächste Stufe der Evolution erklimmen und die neue Generation festigen, ungewiss, ob diese eine Zukunft hatte.
   Vor ihrem inneren Auge flackerte ein Bild von einem lächelnden Mädchen auf, mit den warmen braunen Augen ihres Vaters. Eine kleine Hand, unendlich fein und zart, streckte sich ihr entgegen. Ohne Zögern griff sie danach, um sie nie wieder loszulassen.
   Augenblicklich wurde sie von Liebe durchflutet, einer Liebe, die sie noch nie zuvor gespürt hatte. Das Gefühl ging tiefer als die Liebe zu Marc – als die Liebe zu sich selbst. Für das Mädchen, für das sie noch nicht mal einen Namen hatte, stellte sie sich jedem Feind entgegen.
   Wach auf …
   Das Bild riss ab und Schmerz erfüllte ihr Innerstes. Nein, sie durfte diese Liebe nicht verlieren. Der Gedanke besaß etwas Panikartiges …
   Kalte Dunkelheit brannte jedoch das Gefühl aus ihrem Herzen. Ihr Verstand tauchte auf, wobei ein Keuchen ihrer Kehle entfuhr. Durch die Lungen strömte der lebensspendende Sauerstoff. Etwas, was sie dringend benötigte. Ein paar Mal schluckte sie, ihr Mund fühlte sich ausgedörrt an. Für einen Schluck Wasser würde sie töten. Die Luft roch nach Desinfektionsmittel und … Verwesung. Oder bildete sie sich das nur ein? Sie wusste, wie der Tod roch, oft genug hatte sie ihm ins Gesicht geblickt. Jede Jagd war ein Wettlauf mit dem Tod gewesen, aber … Nein, die Nase spielte ihr einen Streich, da war nur der scharfe Geruch von Desinfektion.
   Eine Lampe blendete sie und brannte sich regelrecht in ihr Gesicht. Stöhnend kniff sie die Augen fester zusammen, bis ihr dämmerte, dass ihr Körper mit Gurten fixiert war.
   Aus ihrem Mund drang kein Ton, als sie ihn öffnete. Sie riss die Augen auf, holte Luft, um einen Schrei auszustoßen. Nur ein leises Wimmern entwich ihrer Kehle.
   Jemand schob sich in ihr Blickfeld. Der Anblick ließ das Blut in ihren Adern gefrieren.
   Er sollte tot sein!
   Panik überrollte sie mit solch einer Intensität, dass sie für einen Moment vergaß, zu atmen. Das war nicht möglich! Der Kopfschuss war tödlich gewesen, er war auf dem Stuhl verblutet.
   Die Vergangenheit holte sie schlagartig ein, dabei hatte sie die gerade erst zurückgelassen, um einen Neuanfang zu starten. Hass glomm in seinen Augen, so wie es immer gewesen war, wenn er sie betrachtete.
   »Guten Tag, Anderson, freust du dich nicht, mich wiederzusehen?«

Kapitel 1
Fünf Tage zuvor …

Die Chipkarte surrte durch das Lesegerät. Das leise Piepen und die kleine grüne Lampe verrieten, dass die Stahltür entriegelt war. Dennoch ließ sie sich nicht öffnen. Die hartnäckige Weigerung war fast wie eine Bestätigung, die dahinterliegenden Geheimnisse nicht preiszugeben. Vielleicht war es wirklich besser, das Labor nicht genau zu erkunden?
   Daryans Blick schweifte den erhellten Gang zurück, während Marc weiterhin versuchte, die schwere Stahltür aufzustemmen. Ein Frösteln durchfuhr ihren Körper. Den Anblick der eingewickelten Körper würde sie sich am liebsten nicht noch einmal gönnen.
   Mit einem lauten Schrappen gab die Tür nach. Der Spalt war nicht besonders breit.
   »Weiter geht nicht«, sagte er.
   Was mehr als verständlich war. Nach der Explosion, für die sie verantwortlich waren, lag das halbe Labor in Schutt und Asche. Die Luft war erfüllt von eigenartigen Gerüchen: Es roch nach Verwesung und Chemikalien.
   Angewidert unterdrückte sie ein Würgen. »Verdammt, willst du da wirklich rein?«
   »Ich möchte wissen, woher sie die Erinnerungen haben und wie sie die in die Köpfe der Klone bekommen.« Er atmete hektisch, sah aufgeregt aus. »Wie haben sie ihnen Leben eingehaucht? Wenn ich schon mal hier bin, will ich mir ein Bild machen.«
   Eventuell sah er sich endlich am Ziel einer langen Reise. Antworten auf die Fragen zu finden, die ihn jahrelang verfolgten? Das verstand sie nur zu gut. Antworten wollte auch sie, aber in das Labor zu gehen, in dem die Menschen hingen, die sie schon ihr halbes Leben kannte, bereitete ihr ein ungeahntes Grausen. Nur Marc zuliebe würde sie den Schritt über die Schwelle machen.
   Er hob den Jackenärmel vor Mund und Nase. Für ihn musste der Geruch durch seine virulente Gabe weitaus schlimmer sein, doch die wissenschaftliche Neugier war offenbar größer als der Ekel. Wenn er so erpicht darauf war, sich Antworten zu verschaffen, stand sie ihm garantiert nicht im Weg. Von der wissenschaftlichen Materie hatte sie sowieso keine Ahnung.
   Sie zog ihre Waffe hervor und löste den Sicherungshebel. Marc sah sie verständnislos an.
   »Meinst du, das ist nötig?«
   »Zur Sicherheit«, murmelte sie. »Na ja, man weiß nie.«
   Er wies zur Tür. »Unwahrscheinlich, dass dort noch jemand ist, mein Schatz.«
   Der Griff zur Waffe war mehr eine alte Angewohnheit, die sie sich noch nicht abzulegen traute. Vielleicht, eines Tages, würde die Eigenart in Vergessenheit geraten – wenn sie ihren natürlichen Instinkten mehr vertraute.
   Marc schlüpfte als Erstes durch die Tür. »Verdammt, ist das ein Gestank«, hörte sie ihn atemlos keuchen.
   Sie trat in den Raum und hielt ebenso den Ärmel vor Mund und Nase. Im Labor war es stockdunkel. Ihre Sehkraft ließ die Umgebung in einem weißen Infrarotbild aufflammen. Es machte den Anblick nicht weniger grausam.
   Das halbe Labor lag unter Beton begraben. Glassplitter, Metallteile und Steine lagen auf dem Boden verstreut. Die meisten Geräte waren von herabfallenden Betonbrocken zerstört worden.
   Der Gestank kam eindeutig aus der Klonkammer, ein Teil der Trennwand lag unter dem Beton vergraben. Dass die Druckwelle sogar das darunterliegende Labor erfasst hatte, ließ erkennen, dass sie vor nicht ganz einer Woche verdammtes Glück gehabt hatten. Sie hätten in der hinteren Kühlkammer lebendig begraben werden können.
   Durch das zerborstene Kontrollfenster erkannte sie die in Folie umwickelten Körper, diesmal von ganz nah und der Anblick bereitete ihr eine Gänsehaut. Die weißen Körper hingen noch genauso an den Schienen, wie sie es in Erinnerung hatte. Daryan konnte einfach nichts dagegen tun, sie musste sie anstarren. Ihre Kameraden hingen in Reih und Glied von der Decke, und nur Philip wusste, was sich hier unten abgespielt hatte. Der Truppenführer hatte sich jedoch geweigert, sich selbst ein Bild zu machen.
   Marc sah sich um. In ihm schien ein Fieber zu wüten. In seinen dunklen Augen erkannte sie ein Feuer, das sie mehr als ansprechend fand, obwohl die Glut eher der Wissenschaft galt. Er trat an eine halb zerstörte, hohe Röhre. Im Inneren waren Sensoren angebracht – zumindest sahen sie so aus. Unzählige Kabel und Schläuche ragten aus dem Metallgehäuse. Sein Blick wanderte zur Decke.
   »Die Transportschiene befördert die Körper ins Innere und diese Dinger in der Kapsel hauchen dem Körper Leben ein?« Fragend sah er Daryan an.
   Ratlos zuckte sie die Achseln. »Da fragst du echt die Falsche.«
   Marcs Blick folgte den Kabeln und blieb an einem zerstörten Pult hängen. Seine Hand strich fast ehrfürchtig über eine große Zentrifuge, weiter zu einem anderen Gerät. »Aha«, murmelte er gedankenverloren. »Die DNA wurde aus Blut oder Speichel gefiltert. Aber wie kommen sie an die Erinnerungen?« Er ging weiter zu einem anderen Pult. In seiner Miene glomm plötzlich ein triumphierender Ausdruck. »Sie haben die Erinnerungen im Schlaf geraubt. Anders ist es nicht zu erklären.«
   »Wie bitte?« So einen Mist hörte sie zum ersten Mal. Wie sollte das überhaupt gehen? Ob er da nicht zu utopisch dachte? Sie und ihre Kameraden hatten oft genug schlaflose Nächte miteinander verbracht. Wenn man im Einsatz war, verkniff man sich jede Mütze Schlaf.
   »Das Gehirn ist im Schlaf ebenso aktiv. Der Chip unter eurer Haut muss als Sender dienen.«
   Wie gut, dass sie ihren entfernt hatte. Ob die Ärzte nach ihrer letzten Säuberung jedoch einen neuen eingepflanzt hatten, konnte sie nicht mit Sicherheit sagen.
   Sie haben keine Kontrolle mehr über mich …
   Sich das einzureden, erschien ihr einfacher, als der möglichen Wahrheit ins Auge zu blicken: dass die Bosse auch weiterhin Bescheid wussten.
   »Dem Klon wurde das eingespeist, was das Gehirn bis dahin verarbeitet hatte«, ergänzte Marc. »Es gibt … Was ist los?«
   Sah man ihr das Unbehagen so sehr an? Sie schüttelte den Kopf. »Nichts, alles gut. Es ist nur unheimlich hier.«
   Mitfühlend lächelte er. »Ja, ist es. Möchtest du lieber draußen warten?«
   »Nein, geht schon.«
   Er wandte sich um und studierte weiterhin das Pult. Seine Hände fuhren darüber, als ob er dadurch Antworten bekäme. Mit einem wissenden Lächeln fuhr er zu ihr herum. »Es muss der Chip sein. Es gibt das sekundäre und das tertiäre Gedächtnis. Nach dem Einspeichern der neuen Information ist das wie ein Bewusstwerden von Gedächtnisinhalten. Bestimmt haben sie die Infos durch wiederholte Abrufe im Langzeitgedächtnis gefestigt. Wenn die Bosse etwas anderes mit dem Klon im Sinn hatten, wurde die Erinnerung von den Wissenschaftlern durch falsche Informationen ersetzt.«
   Leise schnaubte sie. Er ließ den Wissenschaftler raushängen und sie verstand noch weniger. Daryan warf einen neugierigen Blick auf das Pult. Zwei Welten trafen aufeinander, als sie die vielen Gradeinteilungen, Knöpfe und Einbuchtungen sah. Die Wissenschaft war wirklich nichts für sie.
   Sie wies auf das Pult. »Wie soll das alles funktionieren?«
   »Eine andere Erklärung habe ich momentan nicht. Du hättest deinen Chip nicht zerstören sollen, dann hätte ich ihn gründlicher untersucht.«
   »Möglich, dass sie mir einen neuen eingesetzt haben. Ich schnipple aber nicht an mir herum, weil du ihn untersuchen willst.«
   Marc lächelte. »Nein, brauchst du auch nicht.«
   »Es ist mir schnuppe, wie die zu den Erinnerungen kamen und wie die Bastarde sie einpflanzten. Die Bosse sind weg und es gibt keine Klone mehr. Philip will die Kammer versiegeln und fertig. Niemand weiß von den Klonen, außer wir drei. Er findet, dass es auch so bleiben soll.« Ein erneuter Blick Richtung Kontrollfenster ließ sie innerlich frösteln. »Ehrlich gesagt möchte ich doch hier raus. Bitte, lass uns gehen.«
   Marc sah nicht begeistert aus, aber er nickte. »Du hast recht, lass uns verschwinden. Die Vergangenheit können wir nicht ändern und viel ist auch nicht mehr übrig zum Erforschen.«
   Sie schoben sich durch den engen Ausgang. Ein erleichterter Seufzer entschlüpfte ihr, als die weiße Stahltür endlich verriegelt war. Es war wirklich besser, wenn Philip diesen Trakt unter Verschluss hielt. Was sich in der Vergangenheit hinter der Tür abgespielt hatte, brauchte nicht zum Gesprächsthema Nummer eins in der Zone zu werden. Ob es richtig oder falsch war, die Bevölkerung weithin in Unwissenheit zu lassen, wollte sie nicht beurteilen. Philip war ein guter Anführer, der versuchte, der neuen Verantwortung gerecht zu werden.
   Marc wanderte zur nächsten Tür und warf einen Blick hinein.
   Daryan fühlte sich müde und ausgelaugt. Die letzten Tage waren zu viel gewesen, Zusammenbrechen kam jedoch nicht infrage. Sie war stark und stand alles durch, solange Marc an ihrer Seite war. Mit der Vergangenheit musste sie fertig werden, vor allem mit den Monitorbildern. Das kleine Mädchen mit den geschlossenen Augen … verkabelt … seiner Kindheit beraubt … die Erinnerung gelöscht.
   Niemals würde sie vergessen, was ihr angetan worden war. Aber warum das vor Marc zugeben? Gegen die Dämonen kämpfte sie allein, die Vergangenheit änderte selbst er nicht.
   Eines Tages komme ich damit klar, ganz sicher.
   »Ist wirklich alles okay?« Fragend sah Marc sie an.
   »Klone sind etwas anderes als menschliche Leichen, verstehst du? Die Dinger dort drin … die sind nicht mal menschlich.«
   Er lächelte sanft. »Ich weiß, was du meinst. Hat Philip schon herausgefunden, wer den Oberen weggeschleppt hat?«
   Sie schüttelte den Kopf. »Er will an der Sache dranbleiben. Jetzt, wo ein wenig Ruhe in die Zone eingekehrt ist, will er eine Untersuchung starten.«
   Nachdenklich senkte Marc den Blick. »Ob das nicht schon zu spät ist?«
   »Es gibt einen Maulwurf, soviel ist sicher. Womöglich ist er noch irgendwo in der Zone.«
   »Und wenn er doch noch gelebt hat?«
   Überrascht riss sie die Augen auf. »Der Obere? Du hast selbst gesehen, dass ich dem Bastard den halben Schädel weggeschossen habe. Der ist von selbst nirgendwo hingegangen.«
   Er legte den Arm um sie und zog sie mit sich. »Lass uns fahren. Du möchtest doch unsere Heimat sehen, oder? Es dauert ein paar Stunden, bis wir da sind. Außerdem wird die Schnepfe schon auf uns warten.«
   Ach ja, Bella und der Terminal. Wenn die Schnalle Zicken machte, brach sie ihr mit Vergnügen das Nasenbein. Es stieß ihr immer noch sauer auf, dass sie Bella mitnehmen mussten, um den Terminal überhaupt nutzen zu können. Bella ließ sogar ihren Sohn ohne Bedenken in der Zone zurück. Das zeugte von keiner guten Mutter.
   »Ich bin froh, dass sie ihr eigenes Fahrzeug hat.«
   Marc lachte leise. »Philip sah nicht erfreut aus, noch einen Jeep herzugeben.«
   »Mir egal.« Müde legte Daryan den Kopf an seine Schulter, fühlte sich zu erschöpft, um sich weiter über Bella aufzuregen. Es war nicht zu ändern, sie mussten das Beste daraus machen.
   »Bist du müde?« Seine Stimme klang sanft.
   »Ein wenig.«
   »Ich werde fahren und du schläfst.«
   Lächelnd sah sie zu ihm hoch. »Gute Idee, immerhin bist du schuld, dass ich wenig Schlaf bekommen habe.«
   Er küsste ihre Stirn. »Du bist schuld, weil ich nicht die Finger von dir lassen kann.«

Ihr Atem war viel zu hektisch, ihr Herzschlag zu schnell, als sie sich nach vielen Stunden einer kahlen, riesigen Fläche näherten. Erinnerungen kamen und gingen und wenn sie plötzlich auftauchten, war das wie ein Schlag ins Gesicht. Der Schlund schien unendlich zu sein, wie ein freier Fall in die Ewigkeit. So erging es ihr in dem Moment, als sie durch die Windschutzscheibe des Jeeps den leer gefegten Platz erblickte, der einmal ihr Dorf gewesen war. Nichts, was sie zuvor erlebt hatte, besaß noch Bestand. Sie hatte geglaubt, die HSU könnte ihr nichts mehr nehmen, doch da lag sie falsch – ihre Heimat war verloren, für immer. Ihre Kindheit wie weggefegt, und die Trauer darüber tobte in ihrem Inneren wie ein Gewitter. Sie versuchte, sich zu beruhigen und einen klaren Gedanken zu fassen.
   Die Zeit schien hier stillzustehen. Vierzehn Jahre war es her. Vierzehn Jahre, als Mama einen letzten Kuss auf ihre Stirn drückte, während über ihren Köpfen die Leuchtraketen flogen. Damals wusste sie nicht, was das war, heute schon.
   Ich liebe dich, mein Mädchen – vergiss das niemals …
   Mamas Stimme erklang so klar in ihrem Kopf, dass sie hörbar nach Luft schnappte.
   Vierzehn lange Jahre, als Shi sie von dem Ort des Todes wegtrug. Der Pilz, der die Nacht erhellte, war ihrem Volk zum Verhängnis geworden. Obwohl sie die Wahrheit längst kannte, gab der Anblick die endgültige Bestätigung: Sie waren dafür verantwortlich. Die Union, die sogar ihr potenzielles Kind gewollt hatte.
   Sie sah Marc an und ihr Herz klopfte laut. Liebe durchflutete sie. An dieses Gefühl klammerte sie sich, um die Fassungslosigkeit über die Vergangenheit im Keim zu ersticken.
   Nie hatte sie es für möglich gehalten, jemandem ihrer Art zu begegnen. Plötzlich war er in ihr Leben geplatzt und hatte so ziemlich alles durcheinandergebracht, von dem sie geglaubt hatte, es wäre in Ordnung. Doch nichts war so, wie sie immer angenommen hatte. Alles Lügen und Betrug.
   Fragend neigte er den Kopf zur Seite. Ob sie ihm mitteilen sollte, dass er eventuell Vater wurde?
   Seit ein paar Tagen fühlte sie ein gelegentliches Ziehen im Unterleib. Obwohl sie noch nicht über den Zeitpunkt ihrer Blutung hinaus war, ahnte sie, dass ein neues Leben in ihr heranwuchs. Die Situation war denkbar ungünstig und sie wollte auch nicht über die Zukunft mit einem Kind nachdenken. Einerseits belebte sie stille Freude, andererseits Trauer, weil ungewiss war, wie ihr gemeinsames Kind leben würde.
   Er legte seine Hand tröstend auf ihre. Die Gewissheit, dass er genau wusste, wie sie sich momentan fühlte, trieb Tränen in ihre Augen. Es war richtig, dass sie mit ihm zusammen war und gemeinsam diesen Weg beschritt.
   »Alle sind gestorben«, wisperte sie. »Für was? Weil ihnen unsere Andersartigkeit Angst machte?«
   »Verstehst du jetzt, weshalb ich jahrelang so gehandelt habe, wie ich es getan habe?«, fragte er leise. »Sie sollen dafür bluten, was sie unserem Volk, unseren Familien angetan haben.«
   Auch ohne den Ort gesehen zu haben, hatte sie seine Rache verstanden, immerhin war es auch ihr Volk gewesen. Erneut sah sie aus der Windschutzscheibe. Eigentlich sollte ihr gemeinsames Kind an diesem Ort aufwachsen.
   Einige dicke Bohlenbretter lagen verstreut herum. Wahrscheinlich waren sie Teil der Häuser gewesen, die den Menschen mal Zuflucht gewährt hatten. Kein Baum, kein Strauch, nicht mal grünes Gras war zu sehen. Der schwarze Boden sah wie eine verbrannte Wunde aus. In der Mitte klaffte ein Loch. Die danebenliegenden Steine ließen sie an einen Brunnen denken.
   Der Brunnen, an dem ich als Kind gespielt habe.
   Der Drang auszusteigen kam so überraschend, dass ihre Hand wie von selbst zum Türöffner griff.
   »Nicht.« Marcs Hand war vorgeschossen, um die Tür geschlossen zu halten. »Du kannst nicht aussteigen.«
   »Ich möchte aber«, wisperte sie.
   »Die Umgebung ist kontaminiert. Wir gehen jetzt schon ein zu großes Risiko ein. Wir können auch nicht mit Sicherheit sagen, was sonst noch hier herumstreift. In den Jahren kann sich viel Ungewöhnliches entwickelt haben.«
   Nun vermochte sie die Tränen nicht mehr zurückzuhalten. Gern wäre sie über den Platz gegangen, um die Erinnerungen wachzurufen. Irgendeine Kleinigkeit aus ihrer Kindheit, die sie hoffen ließ, dass nichts vergessen blieb. Während sie die Hände vors Gesicht schlug, zog Marc sie zu sich.
   »Sie werden dafür bezahlen«, flüsterte er.
   Daryan war ihm unendlich dankbar, dass er an ihrer Seite war. Gefühle zuzulassen und zu zeigen, wäre ihr früher nie in den Sinn gekommen. Erst durch Marc hatte sie es verstanden: Das war keine Schwäche.
   Nachdem sie gemeinsam so viel durchgemacht und er ihr die Augen geöffnet hatte, verlief ihr Leben weniger holprig. Endlich gehörte sie zu jemandem.
   »All die Jahre habe ich nicht an meine Familie gedacht.« Sie schluchzte. »Ich hatte zwei Brüder, Vater und Mutter. Warum hatte ich nie einen Gedanken für sie übrig? Weil die Bastarde meinen Kopf manipuliert haben, wieder und wieder. Vielleicht hätte ich meine Familie viel früher gesucht. Ich hasse die Union.«
   Marc drückte einen sanften Kuss auf ihre Stirn. »Auch ich habe meine kleine Schwester und meine Eltern verloren.« Er wischte zärtlich über ihre feuchten Wangen. »Meine Mutter und ich konnten fliehen. Myra und mein Vater waren unauffindbar. Ich habe sie wochenlang gesucht.«
   Sie sah ihn an. »Was ist mit deiner Mutter passiert?«
   »Sie wurde auf der Flucht erschossen.«
   »Das tut mir leid.«
   Er senkte den Blick. Die Erinnerung musste ihm sehr zusetzen. Schon auf dem Weg hierher war Marc sehr schweigsam gewesen. Jäh plagte sie ein schlechtes Gewissen. Sie hatte darauf gedrängt, den Ort ihrer Kindheit noch einmal zu sehen. Sie blickte zum Jeep zurück, in dem Bella saß.
   »Glaubst du, sie weiß tatsächlich, wo andere von uns sind? Mein Vertrauen hat sie sich noch nicht verdient.«
   Er lächelte. »Meins auch nicht, mein Schatz. Wir fahren am besten weiter.« Er gab Bella ein Handzeichen und sie fuhr voraus.
   Marc startete den Jeep. »Mal sehen, wohin sie uns führt. Bei Einbruch der Dämmerung schlagen wir ein Lager auf.«

Kapitel 2

Marc ließ sie ihren Gedanken nachhängen.
   Den Blick hielt sie stur nach vorn gerichtet. Er ahnte, was in ihr vorging. Sein damaliger Besuch hatte ebenso Emotionen wachgerüttelt, an denen er lange zu knacken gehabt hatte. An dem Ort seiner Kindheit hatte er Rache geschworen und die hatte ihn jeden Tag vorangetrieben, bis er die Frau traf, die alles veränderte – ihn veränderte.
   Nun standen sie zu zweit an einer Front, unwissend, ob sie jemals siegten. Manchmal wünschte er sich die Gabe seiner Mutter, Telepathie, oder zumindest eine Hellsichtigkeit, wie die Zukunft aussehen könnte.
   Vor fünf Stunden hatten sie die Zone hinter sich gelassen – eine Vergangenheit, die ihnen viel abverlangt hatte. Vor allem Daryan, die um ihr bisheriges Leben betrogen worden war. Keine Kindheit, keine Erinnerungen, nur die Bestätigung, unwissentlich den falschen Weg eingeschlagen zu haben. Die HSU hatte ihr viel genommen. Ob sein Mädchen jemals darüber hinwegkam?
   Der Wissenschaftler in ihm hungerte nach weiteren Antworten. Seine Neugier bezüglich der Klone war noch nicht gestillt. Einerseits faszinierte ihn die HSU-Genialität, so etwas auf die Beine zu stellen. Anderseits erfüllte es ihn mit purem Ekel, dass sie Menschen nur als Versuchsobjekte betrachteten. Das traurige Beispiel blieb Daryan. Was wäre gewesen, wenn er sich wirklich dem Wissenschaftlerstab angeschlossen hätte, um die vielen menschlichen Klon-Geheimnisse zu ergründen?
   Dass er sich die Frage überhaupt stellte, erzeugte im nächsten Augenblick ein Gefühl des Schauderns. Es war gut, dass alles zerstört war, sonst wäre der Wissenschaftler in ihm womöglich zu neugierig geworden.
   »Meinst du, meine Familie lebt noch?«, fragte sie leise.
   »Wer weiß das schon?« Er sah auf den Bordkompass, der im Armaturenbrett eingelassen war. »Wir fahren auf jeden Fall in Richtung Norden. Womöglich gibt es dort noch die Überlebenden, die ich damals getroffen habe.«
   »Ich verstehe immer noch nicht, warum du nicht bei ihnen geblieben bist, auch wenn du lieber allein lebst.«
   »Bevor ich dich traf, mein Liebling.« Lächelnd griff er nach ihrer Hand, sie verschlangen sich ineinander und er vermochte nicht, zu verhindern, dass seine Fantasie angeregt wurde. Wie gern würde er …
   Prüfend betrachtete er sie einige Sekunden. Es war nicht zu übersehen, dass sie ihre Gefühle immer noch nicht im Griff hatte. Die Rolle, die sie spielte, gefiel ihr nicht, sie akzeptierte hingegen die Notwendigkeit, dass sie stark sein musste.
   »Meine Wahnsinnsfrau«, raunte er zärtlich, während er mit dem Daumen über ihren Handrücken strich. »Wenn du reden möchtest, ich bin immer für dich da.«
   Daryan zuckte zusammen. Ihre Lippen bewegten sich, dennoch kam kein Laut aus ihrem Mund. Erneute Tränen waren in ihren Augen zu sehen, ihre gefasste Haltung schien am Ende.
   »Bitte …«, flüsterte sie nur.
   Die Bitte war möglicherweise ein Appell, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Wenn das ihr Wunsch war, akzeptierte er es.
   Die Bremslichter des Jeeps leuchteten so unvermittelt auf, dass er hart auf die Bremse trat. »Verdammt, was ist jetzt schon wieder?«
   Es ärgerte ihn maßlos, dass Bella wahrscheinlich wieder nur pausieren wollte. Mal tat ihr der Hintern weh, mal hatte sie Hunger oder musste austreten. Er würde ihr gehörig den Kopf zurechtstutzen, damit sie sich in Zukunft irgendwelche Pinkelpausen verkniff.
   Er machte den Jeep nicht aus, während er ausstieg. Bellas gedämpfte Schreie drangen aus dem Wageninneren. Was sich seinen Augen bot, während er nach vorn ging, ließ ihn sofort zur Waffe greifen.
   Eine behaarte schwarze Kreatur hockte in einiger Entfernung auf der verwilderten Straße. Weder Augen noch Nase waren zu erkennen. Nur ein breites Maul lugte hinter einer Art Helm hervor – zumindest sah es danach aus. Es lief auf allen vieren und erinnerte an einen zu groß geratenen Bären. Das wäre Quatsch, ein Bär trug keinen dunklen Chitinpanzer um seinen Oberkörper – wie eine Rüstung. Unter der Panzerung besaß es ein Fell, so viel war sicher.
   »Was ist das?« Daryan trat leise neben ihn. »Trägt es einen Helm auf den Kopf? Ist das eine Panzerung?«
   Sie entsicherte die Waffe, was sich in seinen Ohren sehr laut anhörte. Das Wesen, was immer es auch war, hatte es garantiert auch vernommen.
   »Es sieht zumindest nach Helm und Panzerung aus.« Tief sog er die Luft durch die Nase und die Überraschung traf ihn unverhofft.
   »Es trägt den Virus in sich«, flüsterte er verblüfft. »Ich kann ihn riechen, obwohl sich der Geruch von unseren unterscheidet.«
   Ärgerlich schnellte sein Blick zu Bellas Jeep. »Das Miststück soll verflucht noch mal die Schnauze halten«, zischte er und schlug mit der Handfläche gegen die Seitenscheibe. Bellas Geschrei erstarb, wurde zu einem lauten Wimmern.
   »Ist das eine Chimäre?«
   »Möglich wäre es. Oder ein missglücktes HSU-Experiment. Lass uns keine ruckartigen Bewegungen machen. Noch macht es keine Anstalten, uns anzugreifen.«
   »Mein Finger liegt am Abzug.« Ihre Stimme klang konzentriert und anhand ihrer Körperhaltung würde sie auch nicht lange fackeln, um das Wesen niederzustrecken. »Aber Shi flippt vollkommen aus«, fügte sie leise hinzu.
   Er warf einen hastigen Blick zurück. Der Jeep wackelte beängstigend, die Chimäre versuchte, aus dem Wagen zu kommen. Beulen wölbten sich nach außen ins Seitenblech, ein gedämpftes Brüllen war zu hören. Shi würde den gesamten Jeep auseinandernehmen, wenn er Daryan in Gefahr sah.
   »Geh, und beruhig ihn, bevor er vollkommen durchdreht.«
   »Ich lasse dich hier draußen nicht allein mit dem Vieh.«
   »Bitte geh«, zischte er. »Wir haben nichts davon, wenn er aus dem Jeep Kleinholz macht.«
   »Nimm lieber meine Waffe.« Sie drückte sie ihm in die Hand, nahm seine und wich langsam zurück. Die Kreatur hockte immer noch auf der Straße, offenbar gefiel es ihr dort gut.
   Etwas kratzte hartnäckig an seinem Unterbewusstsein. Sein Instinkt schien sich in zwei Teile zu spalten, der eine wollte das Wesen in tausend Stücke reißen, der andere erfüllte ihn mit Milde. Selbst der Bazillus schien sich nicht sicher zu sein, was effektiver war.
   Sanft wiegte sich die Kreatur hin und her. Es hob den Kopf und schnüffelte laut. Auch dieses fremde Geschöpf erkannte den H4 in ihm, wenn sein Geruchssinn ebenso ausgeprägt war.
   In fast ehrfürchtiger Vorsicht machte es einen neugierigen Schritt auf Marc zu. Der Drang, das schwarze Ding in Stücke zu reißen, wurde zu einem fast körperlichen Schmerz. Er biss die Zähne zusammen. Seine Handflächen waren schweißnass. Warum fühlte er sich so gespalten? Lag es wirklich nur am H4?
   Das Wesen riss plötzlich das Maul auf und fauchte in seine Richtung. Große, spitze Zähne blitzten auf. Er hob die Waffe.
   »Du bist also nicht freundlich«, sagte er leise und zielte auf den Kopf, die sicherste Art jemanden zu töten.
   Die Kreatur setzte zum Sprint an. Der Schuss aus der großkalibrigen Desert Eagle war wie ein Donnerschlag. Das Geschoss prallte an dem Helm ab und flog katapultartig in seine Richtung zurück. Marc duckte sich, als die Kugel pfeifend an ihm vorbeischoss. Erneut feuerte er …
   Auch diese Kugel war nicht tödlich und auf einen Nahkampf ließ er sich nicht ein. Er wusste nicht, was für ein Gegner dieses Geschöpf war.
   »Steig in den Jeep, Daryan«, schrie er. »Wir können nichts tun!« Er meinte schon, den heißen Atem zu spüren, während er zur geöffneten Fahrertür hechtete.
   Ein lautes, schmatzendes Geräusch ertönte. Hastig fuhr er herum. Der Körper lag leblos am Boden, keine zwei Meter von ihm entfernt. Ein langer Pfeil steckte im pelzigen Nacken. Der Mann, der ihn abgeschossen hatte, senkte die Armbrust.
   »Mit Kugeln kannst du nicht wirklich was bezwecken«, rief der Fremde, während er die Waffe schulterte.
   Die Frage, woher der Mann plötzlich gekommen war, schluckte Marc hinunter, als sich weitere Menschen um den Fremden scharrten.
   Er blickte ins Wageninnere. »Mach den Jeep aus, Schatz. Wir haben menschlichen Besuch.«
   Langsam trat er nach vorn. Bella blieb im Jeep hocken und starrte mit bleichem Gesicht durch die Windschutzscheibe. Wahrscheinlich hatte das schwarze Vieh ihr den Rest gegeben. Zugegeben, das Wesen warf Fragen auf, wenn sie deswegen jedoch in Panik ausbrach und ihrer aller Sicherheit gefährdete, verpasste er ihr auf der Stelle eine.
   Niemals würde Bella eine Hilfe sein – egal wobei.
   Wie auch? Sie hatte von nichts eine Ahnung, außer einem Mann den Kopf zu verdrehen. Ihre Reize konnte sie diesmal in der tiefsten Schublade lassen. Den Menschen, die mit Messern, Speeren und Säbeln auf der Straße Stellung bezogen hatten, stand nicht der Sinn nach prickelnder Erotik. Die sahen eher danach aus, als ob sie einem Kampf nicht abgeneigt waren.
   Drei Menschen. Zwei Männer und eine Frau, in gepanzerte Westen gehüllt. Ihre Hosen steckten in schweren Stiefeln. Weshalb sie über ihren Jacken Schutzwesten trugen, erahnte Marc. Die schwarzen Wesen waren der Grund. Er hob leicht den Kopf und atmete tief ein. Niemand von ihnen war ein H4-Träger. Daryan trat neben ihn.
   »Sie sind nicht von uns«, flüsterte er.
   »Das habe ich mir schon gedacht. Was schlägst du vor?«
   Er gab ihr die Waffe zurück. »Der Mann mit der Armbrust hat das Wesen niedergestreckt. Wenn man es genau betrachtet, hat er uns das Leben gerettet. Hat sich Shi beruhigt?«
   »Ja, ich habe ihm was zu fressen gegeben.« Ernst sah sie ihn an. »Es sind die ersten Menschen, die wir außerhalb treffen. Ganz ehrlich, sie sehen nicht erfreut aus, uns zu sehen.«
   Die kleine Gruppe setzte sich in Bewegung, Kleidung und Haut waren mit Dreck überzogen. Womöglich waren sie schon länger unterwegs. Trotzdem schienen sie gut durchorganisiert zu sein.
   Marc bezweifelte nicht, dass sie die Todeswerkzeuge auch benutzten, wenn es darauf ankam. Ihre Gesichter wirkten zu allem entschlossen. Sie redeten leise miteinander, während sie näher kamen. Loteten eventuell aus, ob sie eine Bedrohung darstellten.
   »Tut mir leid, Marc«, wisperte sie, »ich stehe auch denen nicht gern unbewaffnet gegenüber. Wer weiß, ob nicht irgendwo noch ein paar Scharfschützen hocken.«
   Er vernahm das leise Entsichern ihrer Waffe. Okay, eine Rückendeckung war eventuell doch nicht schlecht.
   Ein älterer Mann löste sich von der Gruppe. Die schulterlangen, leicht angegrauten Haare lagen wirr durcheinander. Ein Dreitagebart zierte sein Gesicht. Rasierer und Kamm waren für ihn wohl ein Fremdwort. In seinem Blick lag etwas Kaltblütiges. Das störte Marc nicht, er vermochte noch kaltblütiger zu schauen. Der Mann schien der Anführer der Gruppe zu sein. Bestimmt konnte er einige Fragen beantworten – allem voran die Frage nach dem schwarzen Ding.
   Die anderen Menschen blieben auf Abstand, während der Mann einige Schritte näherkam. »Wer seid ihr?«
   Marc trat vor. »Ich bin Marc«, er wies auf Daryan, »das ist meine Frau Daryan.« Verdammt, das hörte sich saugut an – seine Frau. Er unterdrückte ein Lächeln.
   »Wer ist die Frau in dem anderen Jeep?«, fragte der Mann.
   »Ich bin Bella.«
   Marc drehte sich um, hatte nicht damit gerechnet, dass sie ausstieg. Ihr Gesicht sah blass aus, der Schock saß immer noch in ihren Knochen. War auch besser, wenn sie nur für sich sprach. Für Bella sprang er über keinen Abgrund.
   »Ist sie auch deine Frau?«
   »Nein. Sie reist nur mit uns.«
   »Was macht ihr hier?«, fragte der Fremde. »Sind das Jeeps der HSU-Garde?«
   Warum lügen? Die Jeeps waren bekannt. »Korrekt. Wir sind aber keine Kopfgeldjäger.«
   »Woher habt ihr die Jeeps?«
   Was sollte die Frage? Verwirrt sah er Daryan an. Sie zuckte ratlos die Achseln.
   Unruhe ging durch die Gruppe. Die lockigen, dunklen Haare der fremden Frau wippten auf und ab, während sie leise auf den Anführer einredete. Der Mann zischte ihr etwas zu.
   Klar, die Menschen galten als Gesetzlose, weil sie nicht der HSU-Zone angehörten. Ihre Bedenken waren nachvollziehbar, die Garde trat jedem Gesetzlosen früher oder später in den Hintern.
   Daryan trat vor. Die Waffe hielt sie hinter ihrem Bein versteckt. Er stellte wieder mal fest, wie gut ihr die Desert Eagle stand.
   »Wer seid ihr überhaupt?«
   »Ich will wissen, was ihr in dieser Gegend macht«, konterte der Fremde.
   »Wir sind auf der Suche«, sagte sie.
   »Nach was?«
   »Geht nur uns etwas an. Es hat nichts mit euch zu tun. Wir sind keine Jäger.« Ihre Stimme klang entschlossen und fest.
   O Mann, er war so stolz auf sie. Manchmal vergaß er, dass sie keinen Schutz brauchte. Dass in ihr ebenso ein Killer steckte wie in ihm. Nur dass sie ihren kontrollierte – er seinen nicht wirklich. Marc überließ lieber ihr die weitere Konversation. Sie kannte sich besser mit den Menschen aus und wusste, wie sie die nehmen musste.
   »Weshalb seid ihr mit einem Jeep unterwegs, wenn ihr nicht zur Garde gehört? Woher habt ihr das Gefährt?«
   »Woher soll der Jeep schon sein? Aus unserer Zone natürlich.« Argwöhnisch kniff sie die Augen zusammen. »Falls es noch nicht bis zu euch vorgedrungen ist, die Zone wurde von der HSU aufgegeben.«
   Ein Raunen ging durch die Menschen. Der Mann kam einen weiteren Schritt näher. Sein Gesicht sah unnatürlich blass aus, die Kaltblütigkeit war wie weggewischt. »Von welcher Zone sprichst du?«
   Daryan klappte verblüfft der Mund auf. Auf ihrem Gesicht stand Verunsicherung. Entweder verkaufte der Mann sie für blöd oder er hatte wirklich keine Ahnung.
   »Im Süden«, sagte sie schließlich.
   »Im Süden gibt es keine Zone«, sagte der Mann bestimmt.
   »Doch … natürlich. Wir kommen von dort.« Hilfe suchend sah sie zu Marc hoch.
   Er begriff, wie der Hase lief. Die Menschen waren vollkommen ahnungslos, denn sie stammten nicht aus Daryans Heimatzone. Die Erkenntnis traf ihn heftig: Die Frau auf dem Monitor hatte nicht gelogen, tatsächlich gab es noch mehr HSU-Zonen. Geglaubt hatte er ihr nicht wirklich. Offenbar hielten die Bosse die Menschen mit Absicht in Unwissenheit, was andere Zonen betraf.
   »Sie kommen aus einer anderen Zone«, wisperte er.
   »Das habe ich mittlerweile geschnallt. Fragt sich nur, woher sie kommen.«
   Der Mann drehte sich um und redete auf die Menschen ein. Eine leise, dennoch heftige Diskussion entbrannte zwischen der kleinen Gruppe.
   »Eventuell stimmen sie ab, ob sie uns töten sollen«, murmelte sie sarkastisch. »Dabei haben sie uns gerade erst geholfen.«
   Ihm war nicht nach Scherzen zumute. »Wenn sie klug sind, lassen sie uns weiterfahren. Ich habe keine Lust, ein Blutbad anzurichten.«
   Aus den Augenwinkeln bemerkte er ihren Blick. Noch immer war er eine tickende Zeitbombe. Er bemühte sich, den H4 unter Kontrolle zu halten. Nie wieder wollte er sinnlos morden und Unschuldige ins Verderben reißen. Fest entschlossen, dieses Kapitel hinter sich zu lassen und nicht zu sehr über die Schuldgefühle nachzudenken, denn er würde sie noch lange Zeit mit sich herumtragen.
   Die Diskussion der Gruppe war beendet. Der Fremde drehte sich um. »Wir hatten keine Ahnung, dass es eine Zone im Süden gibt. Unsere westliche Heimatzone ist schon lange menschenleer.«
   »Im Westen?«
   Daryan schnappte hörbar nach Luft, während er versuchte, die Begegnung mit Nüchternheit zu betrachten. Okay, es hatte eine Zone im Westen gegeben, die seit Jahren menschenleer war. Was für Überraschungen kamen noch?
   »Ich bin Jack.« Der Mann wies nacheinander auf die Menschen. »Zoey, und der Mann, der das Vieh niedergestreckt hat, ist Jamie.«
   Die anderen nickten ihnen zur Begrüßung zu.
   Jack kam noch näher. »Wieso hat die HSU eure Zone aufgegeben?«
   »Wir haben ihr System infiltriert«, bemerkte Marc knapp. »Dass es eine Zone im Westen gab, ist selbst für uns neu.«
   Jack wirkte verunsichert. »Ja, und wer weiß, wie viele es noch gibt.«
   Worte, die Marc ins Grübeln brachten. Heimatlose Menschen, die aus einer anderen Zone kamen … Was oder wer hatte sie vertrieben?
   »Wir sind nur eine kleine Gruppe und haben unser Lager ganz in der Nähe aufgeschlagen.«
   »Wieso haben wir nie etwas von der anderen Zone gewusst?«, fragte sie leise.
   »Aus dem gleichen Grund, warum die Menschen nichts von euch gewusst haben: Die Bosse wollten es so. Obwohl es eigentlich anmaßend wäre, anzunehmen, dass deine Zone die einzige auf dieser verdammten Welt ist.«
   »Mich überrascht sowieso nichts mehr. Sie wollen nicht gefunden werden«, murmelte Daryan.
   Marc sah sie an. »Aber ich will sie finden.«
   »Ihr macht euch wegen der HSU ernsthaft Gedanken?«, fragte Jack mit amüsierter Stimme. »Wir haben tagtäglich mit anderen Sachen zu kämpfen. Die Bosse sind unser kleinstes Problem.«
   Eventuell waren die Menschen überhaupt nicht im Bilde, was die HSU so alles auf die Beine stellte.
   Daryan wies auf das Wesen. »Du meinst das schwarze Ding?« Die gesicherte Waffe verschwand in ihrem hinteren Hosenbund.
   Jack nickte. »Genau die meine ich.«
   »Es gibt also noch mehr von diesen Kreaturen?«
   »Was glaubst du denn?«
   »Habt ihr Namen für sie?«
   »Wir haben für sie keine Namen, nur Hass, weil sie unsere Gruppe auf ein Minimum reduziert haben.« Jacks Stimme klang verächtlich.
   Daryan warf Marc einen beunruhigenden Blick zu. Er wusste, an was sie dachte: Shi.
   »Das Schlimme daran, die Biester sind schwer zu töten«, fuhr Jack fort. »Wir haben sogar schon erlebt, dass einige wieder lebendig wurden.«
   »Lebendig?«, fragte Daryan. »Wie?«
   »Ihre Wunden heilten. Mittlerweile kennen wir jedoch die Schwachstelle: der Nacken.«
   Gewiss, keine Variante war todbringender und sicherer.
   »Kann ich dich mal kurz sprechen, Marc?« Sie fasste nach seinem Arm und zog ihn mit.
   »Was machen wir jetzt?«, flüsterte sie. »Wenn die Shi erblicken, bricht die Hölle los. Das schwarze Ding ist einer Chimäre verdammt ähnlich und sie sind verständlicherweise nicht gern gesehen. Aber stell dir vor, der Virus heilt sie. Das ist womöglich der Grund, warum Shi damals wiederkam. Er ist durch den Virus unsterblich.«
   Ernst sah er sie an. »Unsterblich? Ernsthaft? Willst du damit sagen, dass auch wir unsterblich sind? Das vergiss ganz schnell. Der Virus mag uns zwar in gewisser Weise heilen, unsterblich macht er uns noch lange nicht. Wir können auch nicht mit Sicherheit davon ausgehen, dass sie mit Shi verwandt sind. Und du lässt ihn vorerst wirklich nicht frei.«
   Verflucht, er fühlte sich leicht überfordert. Die neuen Informationen mussten sie dringend bereden, aber nicht vor den Fremden und schon gar nicht vor Bella – die lehnte am Jeep und schien mit Jamie zu liebäugeln. Sie war ihm wahrscheinlich so dankbar, dass sie nur zu gern sein Bett wärmen wollte.
   Gut so, besser, wenn sie sich anderweitig beschäftigte, was anderes brachte sie sowieso nicht auf die Reihe.
   Das Wesen sollte eine Chimäre sein? Er glaubte nicht daran. Auf seiner Reise war er solch ungewöhnlichem Viehzeug nicht einmal begegnet, obwohl er einräumte, in dieser Gegend noch nie gewesen zu sein. Diese Wesen waren bestimmt etwas anderes.
   »Wir reden später über alles.« Er strich sanft über ihre Wange. »Hier sind zu viele Ohren.«
   Sie lächelte. »Okay.«
   »Wenn ihr möchtet, lade ich euch in unser Lager ein«, rief Jack. »Wir haben Nahrung und Wasser. Brauchbare Zelte haben wir auch noch. Unser Fahrzeug steht in nördlicher Richtung. Wir haben unseren Patrouillengang sowieso beendet. Es wird gleich dunkel.«
   »Was meinst du, Liebling?«
   »Eine Nacht in einem Zelt wäre nicht schlecht.« Sie sah in Bellas Richtung. »Und sie?«
   »Die wird nicht gefragt. Außerdem hat sie sicher nichts dagegen. Nicht wahr, Bella?«
   »Wir können gern ein paar Tage bleiben. Mir tut vom harten Sitz schon der Hintern weh.«
   »Armes Mädchen.«
   Er grinste über Daryans boshafte Bemerkung. Dass Bella vorhatte, ein paar Tage in einem Lager zu verplempern, konnte sie sich abschminken. Sie sollte lieber die Klappe halten und ihm oder Daryan das Reden überlassen. Sie brauchte sich auch nicht einzubilden, es ginge ins Schlaraffenland. Der Märchenwald war für immer geschlossen. Es herrschten nun andere Sitten, dies war die raue, grausame Natur und kein Blümchenpark.
   Er trat auf sie zu. »Du sagst kein Wort. Verstanden?«
   Bella lächelte süß. »Hast du Angst, dass sie euch massakrieren, wenn sie herausfinden, dass ihr anders seid?«
   Er verspürte nach wie vor den Drang, ihr den Hals herumzudrehen, für das, was sie in der Vergangenheit angerichtet hatte. Leider waren sie auf Bella und den verdammten Terminal angewiesen, wenn sie ihr Volk finden wollten.
   »Nein, aber du solltest Angst haben, dass ich dich massakriere, wenn du plauderst«, knurrte er. »Niemand braucht von unserer Suche zu erfahren. Das geht nur uns was an.«
   Sie trat einige Schritte zurück. Gut so. In ihren Augen las er Furcht. »Schon klar. Ich sage nichts.«

Kapitel 3

»Wiesen, Felder und Bäume säumten die verwilderte Straße. Sie lächelte bei dem Anblick, meinte, eine längst vergessene Erinnerung zu greifen. Die Umgebung kam ihr vertraut vor. Es war das Schönste, was sie seit Langem gesehen hatte. Alles war echt und zum Greifen nah. Vorsichtig legte sie die Fingerspitzen an die Seitenscheibe, als ob sie das Gras am Wegesrand berühren konnte. Am liebsten wäre sie ausgestiegen, um sich ins satte Grün zu legen, aber das stieß bestimmt nicht auf Zustimmung. Marc würde ihr etwas anderes erzählen. Sie sah ihn an und erblickte sein Lächeln.
   »Schön, nicht?«, fragte er.
   »Ja.«
   »Du siehst zufrieden und glücklich aus.«
   »Momentan bin ich das auch, weil du an meiner Seite bist.« Sie griff nach seiner Hand. »Dich getroffen zu haben, war das Schönste, was mir jemals passierte.«
   Er grinste. »Ist das eine Liebeserklärung?«
   »Ist es.«
   Ein dunkelgrüner Lkw kam rechts aus einem Weg und fuhr flott vor ihnen her. Auf der Ladefläche war etwas montiert, das halb von einer Plane verdeckt wurde. Die Abdeckung flatterte im Fahrtwind und gab gelegentlich den darunterliegenden Inhalt preis. Eine große, viereckige Waffe auf einer drehbaren Plattform. Solch eine Waffe hatte sie schon mal gesehen – im Archiv. Die Waffe hatte während der Epidemie Tausende von Menschen niedergestreckt, es war …
   »Ein Raketenwerfer«, murmelte sie überrascht.
   »Was?«
   »Das ist sogar ein Mehrfachraketenwerfer auf der Ladefläche.«
   Marc sah sie für einen Moment entgeistert an. »Bist du dir sicher?« Sein Blick schweifte auf die Straße zurück.
   »Es ist auf jeden Fall kein einzelner, dafür ist sie zu groß. Die Lkws werden bei uns zum Transport für die Granitblöcke genutzt. Haben die das Fahrzeug aus ihrer Zone? Und wie zum Teufel kommen sie an einen Raketenwerfer?«
   »Was weiß ich? Womöglich auch aus ihrer Zone?«
   Durchdringend sah sie ihn an. »Das ist eine Waffe, die es vor der H4-Epidemie gab, Marc. Ich weiß es aus dem Archiv. Nicht mal die Garde besaß Raketenwerfer. Granatwerfer waren unsere stärksten Waffen im Fernkampf. Woher haben sie also die Waffe?«
   Für ein paar Sekunden sah Marc sie nachdenklich an, dann wandte er den Blick nach vorn zurück. »Was glaubst du, woher sie die haben?«
   Sie zuckte die Achseln. »Geklaut. Dann stellt sich jedoch die Frage, woher? Es müsste ein altes Waffendepot oder was auch immer sein, das sie geplündert haben. Die HSU besitzt solche Waffen nicht.«
   Fragend hob er die rechte Augenbraue. »Sicher? Sie haben unser Dorf mit einer Nuklearbombe beschossen. Mich wundert gar nichts.«
   »Wenn sie doch solche Waffen besitzen, waren sie für uns nicht zugänglich.«
   »Du willst mir also allen Ernstes erzählen, dass diese Waffe dort«, nachdrücklich wies er auf den Lkw, »keine Standardwaffe der Garde ist?«
   »Sagte ich bereits.«
   »Na super, das wird immer besser.«
   »Sie besitzen einen Raketenwerfer, der auf einen HSU-Lkw montiert ist. Sag mir, was beunruhigender ist. Dass sie solch eine Waffe haben oder dass sie bereit sind, die auch zu benutzen? Mir bereitet beides eine Gänsehaut.«
   »Vielleicht ist die Waffe gegen die schwarzen Kreaturen effektiv?«
   »Ist mir so was von egal. Mir sträuben sich trotzdem die Nackenhaare. Es ist eine Waffe, die nicht in Händen von Gesetz… Zivilisten gehört.« Gewiss, sie wollte Gesetzlose sagen – eine alte Angewohnheit. Die Menschen waren keine, sie waren nur ohne Heimat.
   Marc verlangsamte das Tempo. Sie näherten sich einigen grauen Zelten. Auf der langen Ladefläche eines geparkten Lkws stand ein bewaffneter Mann.
   »Sie haben sogar zwei Lkws und sie besitzen auch noch Schusswaffen«, sagte sie leise. »Woher haben die den ganzen Kram?«
   »Das werden wir herausfinden. Offenkundig halten sie nichts von der Garde. Es ist also besser, wenn du deine Kopfgeldjägervergangenheit nicht erwähnst.«
   »Schon kapiert.«
   In der Mitte des Lagers kamen sie zum Stoppen. Eine große Feuerstelle bildete die Basis, rundherum standen einige Zelte, sieben an der Zahl. Eine Zeltplane wurde neugierig beiseitegeschoben und eine Frau mit einer Klappe auf dem rechten Auge trat heraus. Sie winkte den Menschen freudig zu.
   Marc sah sie besorgt an. »Solange wir nicht wissen, wie sie zu allem stehen, halten wir uns mit unserer Meinung zurück.«
   Sie küsste seinen Mund. »Lass nicht immer den Beschützer raushängen, mein Schatz. Ich weiß, was zu tun ist. Aber weißt du, was ich schön finde?«
   »Nein, was?«
   »Dass du mich als deine Frau bezeichnest.«
   »Du bist auch meine Frau«, raunte er zärtlich. »Daran wird sich nie etwas ändern.«
   Jemand klopfte an die Seitenscheibe. Es war Jack, der ihnen zuwinkte. Sie stiegen aus.
   »Jamie holt Liv.«
   »Du bist also nicht der Chef von der Truppe?«, fragte Marc.
   »Nein, habe ich auch nie behauptet. Liv leitet alles.«
   Jack drehte sich zum Lagerfeuer um. »Hey Leute, alle mal zuhören!«
   Die Menschen rückten aufmerksam näher und bildeten einen Halbkreis vor Jack. Daryan zählte insgesamt sechs Leute, unterschiedlicher Altersklasse. Augenscheinlich lebten sie wie Nomaden, die nie lange an einem Ort blieben. Vor was flüchteten sie immerzu? Der Garde? Vor den schwarzen Kreaturen?
   »Noch mal für alle: Das sind Marc, Daryan und Bella. Sie werden unsere Gäste sein. Sie stammen aus einer südlichen Zone, die vor Kurzem von der HSU aufgegeben wurde.«
   Raunen wurde laut und Jack hob die Hände. »Ich weiß, was ihr denkt: Eine südliche Zone gibt es nicht. Offenbar gibt es sie doch. Den Beweis liefern unsere Gäste.«
   »Ich wundere mich«, raunte Marc.
   »Worüber?«
   »Wie vertrauensvoll sie sind. Ich hätte ihm alles Mögliche erzählen können, und er hätte es wahrscheinlich geglaubt. Nebenbei bemerkt, unter den Menschen ist kein einziger H4-Träger.«
   »Wohl schon erschnuppert, was?«, neckte sie ihn.
   Marc legte sanft den Arm um sie. »Worauf du dich verlassen kannst.«
   Die Frau mit der Augenklappe löste sich aus der Gruppe. Ihre blonden Haare trug sie kurz wie ein Mann. »Hallo, ich bin Karo. Ich sorge für das leibliche Wohl.«
   »Um die ganze Sache zu verkürzen, mache ich hier weiter. Okay, Karo?«, sagte Jack ungeduldig und wies nacheinander auf die Menschen. »Zoey und Jamie, die kennt ihr schon. Der Mann mit der Schusswaffe ist Robert. David, er ist unser Arzt. Liv, die uns anführt, kommt gerade aus dem Zelt.«
   Eine hochgewachsene Frau war aus einem Zelt getreten. Überrascht holte Daryan Luft, sie trug dunkelgrüne Armeekleidung. Nacheinander wurden sie von Liv mit gefühlloser Miene gemustert, dann wandte sie sich an David. Die Frau besaß feuerrotes mittellanges Haar. An sich war sie eine hübsche Frau, wären da nicht die grünen Augen, die zu rücksichtslos blickten. Entweder hatte sie in ihrem Leben viel mitgemacht oder es lag in ihrer Natur, nicht freundlich dreinzublicken. Ihr Alter mochte Mitte dreißig sein. Über Daryans Haut zog aus unerklärlichen Gründen eine Gänsehaut. Ein Gefühl teilte ihr mit, dass sich bald etwas ändern würde.
   »Sie trägt die alte Militärkleidung«, hauchte sie.
   »Woher weißt du das?«
   »Auf den Archivbildern trugen die Soldaten diese Hosen und Hemden. Als sie die infizierten Leichen verbrannten.«
   »So langsam macht es mich neugierig, woher sie die ganzen Klamotten haben«, flüsterte er, wobei er sie fest an sich drückte.
   Die Frau trat auf sie zu. »Willkommen in unserem Lager. Ich bin Liv. Ihr werdet sicher nichts dagegen haben, wenn David erst mal euren Gesundheitszustand checkt?«
   »Weshalb?«, fragte Marc argwöhnisch.
   Liv musterte ihn interessiert. »Wir müssen sichergehen, dass ihr keine ansteckenden Krankheiten in unser Lager schleppt. Wenn alles okay ist, können wir uns unterhalten und ihr bekommt Essen und ein Zelt für die Nacht.«
   »Wenn man davon absieht, dass wir bereits im Lager stehen, kommen die Bedenken reichlich spät«, bemerkte Marc im sarkastischen Tonfall. »Was glaubst du, was wir ins Lager schleppen?«
   »Cholera.« In Livs Augen trat ein eigenartiges Glitzern.
   Man merkte ihr an, dass sie Widerworte nicht gewohnt war. Offenbar tanzten hier alle ohne Murren nach ihrer Pfeife.
   »Eine seit Jahrhunderten ausgerottete Seuche? Wir haben weder Durchfall noch Erbrechen und sauberes, gefiltertes Wasser haben wir auch an Bord.«
   »Eine Vorsichtsmaßnahme. Wir leben unter mangelnden hygienischen Bedingungen. Die Trinkwasserversorgung ist miserabel. Wir kochen alles ab, aber wir wissen nicht, wie es um euch bestellt ist.«
   Daryan verstand die Beweggründe der Frau. Sanft drückte sie Marcs Hand. Noch immer fiel es ihm schwer, mit anderen Menschen umzugehen.
   »Wir lassen uns untersuchen, Schatz«, sagte sie schnell. »Immerhin sind wir Fremde und ihre Sorge um die Menschen ist verständlich.«
   Marc sah sie an, und sie nickte ihm zu.
   Ein Zappeln in der Innentasche ließ vermuten, dass Shi alles andere als erfreut war, weiterhin in der Tasche zu hocken. Sie glitt mit der Hand hinein, um beruhigend über sein Fell zu streichen. Er musste erst mal im Jeep bleiben.
   »Ich will nur eben meine Jacke wegbringen.« Sie ging um den Jeep herum, öffnete die Hintertür und stieg ein.
   Vorsichtig zog sie Shi aus der Tasche und sah ihm in die leuchtenden Augen. »Tut mir leid. Du musst erst mal hierbleiben.«
   Er gab einen schnaubenden Laut von sich. Klar, dass er damit nicht einverstanden war.
   »Es dauert nicht lang. Ich kann dich hier nicht frei herumlaufen lassen. Wenn ich wiederkomme, bekommst du auch was zu essen.«
   Er leckte sich gierig über die Lefzen. Sie lächelte, während sie sanft über seinen Rücken strich.
   »Ich fürchte, Chimären sind nicht gern gesehen, mein Freund. Bleib hier drin und mach keinen Lärm, okay?«
   Er nickte.
   »Ich verlasse mich auf dich.«

Kapitel 4

Marc griff nach Daryans Hand, als sie zurückkam.
   Durch ihre Voraussicht hatte sie verhindert, dass er noch mehr unüberlegte Dinge von sich gab. Dass Liv Angst vor einer Cholera plagte, erschien ihm zu fadenscheinig. Die Frau hatte es faustdick hinter den Ohren. Um es auf den Punkt zu bringen: Er traute der Frau nicht sonderlich. Es schien auf Gegenseitigkeit zu beruhen, wenn er Livs finsteren Blick richtig deutete.
   »Kommt bitte mit«, sagte David, während er auf ein Zelt wies. Der Arzt hatte sich Handschuhe übergezogen, um seinen Hals hing eine Schutzmaske.
   Bei dem Anblick kitzelte ein Lachen in seiner Kehle. Was glaubte der Quacksalber, bei ihnen zu finden? Nur Daryan zuliebe machte er die Farce mit. David drehte sich um, beim Gehen zog er das linke Bein nach.
   Die strohblonden Haare des Arztes lagen wirr durcheinander, als wäre er gerade erst aufgestanden. Sehr groß war David nicht. Er war sogar noch einen halben Kopf kleiner als Daryan. Er machte jedoch einen professionellen Eindruck, er wusste offenbar, was er tat.
   »Ich mache das nur dir zuliebe.«
   Daryan lächelte. »Ich weiß.«
   In dem Zelt stand eine Liege, ein Feldbett, einige Holzkisten, ärztliche Instrumente und ein selbst gebauter, wackliger Tisch. Die karge Einrichtung erweckte den Eindruck, als ob alles schnell verstaut werden konnte, wenn es nötig war.
   David bedeckte Mund und Nase mit der Schutzmaske und setzte sich auf einen Hocker. Marc schmunzelte. Aufmerksam musterte der Arzt ihre Gesichter. Die eisblauen Augen schienen jeden Zentimeter zu scannen.
   Was glaubte er, zu sehen? Er widerstand dem Drang, zu gehen, um diese Show zu beenden.
   »Ihr seht alle gesund aus, was ich Liv bereits gesagt habe, aber sie will es so.« Der Arzt wies auf eine Liege. »Als Erstes möchte ich Daryan durchchecken.«
   Wieso gefiel ihm der Gedanke überhaupt nicht?
   »Weshalb soll meine Frau dein erstes Versuchsobjekt sein? Du wirst mit mir anfangen.« Er setzte sich auf die Liege, die bei seinem Gewicht einen ächzenden Laut von sich gab.
   David zuckte die Achseln. »Okay, ist mir gleich. Es wird nicht lange dauern.«
   Da er um einiges kleiner war als Marc, stand David auf. Mit einem Stethoskop horchte er zuerst seinem Herzschlag. Auf Davids Stirn erschienen Falten. Der Herzschlag eines H4-Trägers war um einiges langsamer als bei den Menschen, doch das würde er ihm nicht sagen.
   »Sehr ungewöhnlich«, murmelte der Arzt. »Bitte umdrehen.«
   David hörte noch die Lunge ab und auch da gab es etwas Ungewöhnliches festzustellen: Die Atmung war um ein Vielfaches länger, der Virus sorgte für ein größeres Lungenvolumen.
   »Das gibts nicht.« Fahrig fasste David nach Marcs Handgelenk. Auch das gab Rätsel auf: Der Puls lag deutlich unter dem menschlichen Ruhepuls.
   David sah ihn mit großen Augen an. »Leidest du an Schwindel, Ohnmachtsanfällen oder Übelkeit?«
   »Nein, ich fühle mich hervorragend. Die Cholera oder andere diverse Krankheiten wirst du bei mir nicht finden.«
   »Ich werde noch in deine Augen leuchten, um …«
   »Mhm, um die Reflexe meiner Pupillen zu testen«, bemerkte er lakonisch. »Nur zu, es gibt noch mehr Überraschungen.«
   Den Spaß gönnte er sich. Daryan sog zischend die Luft ein.
   »Wieso?« David sah ihn verwirrt an.
   Der Arzt würde sein blaues Wunder erleben. Marc freute sich bereits auf das verdutzte Gesicht. Der H4 regte sich in seinen Adern. Sogar ihm schien es Freude zu bereiten, die mehr als unwissenden Menschen ins Grübeln zu bringen.
   Er hielt still, als David, sichtlich verunsichert, mit einer kleinen Lampe in seine Augen leuchtete. Der Arzt murmelte etwas, schüttelte den Kopf und leuchtete noch einmal – diesmal genauer. Er schwenkte mit der Lampe hin und her. Seine Augen waren weit aufgerissen. »Es gibt keinerlei Pupillenreaktion. Deine Iris ist komplett verschwunden. Das … das kann nicht sein. Du liegst nicht im Koma oder hast …« Verwirrt wandte der Arzt sich ab. »Ich komme gleich wieder.«
   »Was soll das, Marc?«, zischte Daryan ärgerlich. »Der arme Kerl ist völlig verwirrt.«
   Er lächelte sie an. »Mir hat es Spaß gemacht.«
   »Vor nicht ganz einer halben Stunde wolltest du mich massakrieren, falls ich quatsche? Jetzt sorgst du selbst für Aufsehen – sehr weise und klug«, sagte Bella.
   »Da muss ich ihr ausnahmsweise recht geben. Wie war das noch? Uns zurückhalten?«
   »Lass mir doch den Spaß.«
   »Den lasse ich dir nicht. Ich will hier kein Massaker veranstalten, weil du uns in Gefahr bringst.«
   »Schon gut, ich werde brav sein.« Er griff nach ihrer Hand, die sie schnaufend wegzog.
   O Mann, sie sah wirklich sauer aus. Da musste er einiges wiedergutmachen.
   Die Zeltklappe ging auf und David, mit Liv und Jack im Schlepptau, kam herein. Marc setzte sich bequemer hin. Es wurde bestimmt spannend.
   Liv setzte sich auf den Hocker, während Jack am Zelteingang stehen blieb. Ihr Blick richtete sich interessiert auf Marc. Was der Arzt ihr auch erzählt hatte, offensichtlich war es mehr als interessant gewesen.
   »Du wirfst Fragen auf, Marc«, erklärte sie mit ernster Stimme. In ihren Augen erschien ein Funkeln. Fast meinte er, Belustigung zu erkennen.
   »So? Tue ich das?« Ihm lag noch eine bissige Bemerkung auf der Zunge, er schluckte sie hinunter. Die Menschen waren nach wie vor nichts für ihn, aber er zog das durch. Sollte die Frau denken, was sie wollte, wahrheitsgemäße Antworten bekam sie von ihm sowieso nicht.
   »Hast du Daryan und Bella schon untersucht?«, fragte sie den Arzt.
   »Nein.«
   »Dann mach es jetzt.«
   David untersuchte erst Daryan, dann Bella. »Bei Bella ist alles normal. Bei Daryan sind, abgesehen von den Pupillen, die gleichen ungewöhnlichen anatomischen Ungereimtheiten.«
   »Soll heißen?« Livs Blick schweifte zwischen Daryan und Marc hin und her.
   »Herzschlag und Puls liegen unter den Normalwerten. Die Lungentätigkeit ist hingegen erhöht.«
   »Rede Klartext.« Sie wurde sichtlich ungeduldig.
   »Ihre Atmung befördert mehr Sauerstoff in die Lungen, obwohl ihr Herz weniger Schläge in der Minute macht. Ich verstehe das alles nicht. Sie müssten eigentlich ohnmächtig sein. Puls und Herzschlag sind zu langsam.«
   »Okay – weiter.«
   »Marcs Pupillen reagieren nicht auf Licht. Die Iris ist komplett verschwunden. Komapatienten, schwere Hirnschäden … es gibt so einige Krankheiten, wo das vorkommt.«
   Liv beugte sich vor, um in seine Augen zu sehen, viel länger, als ihm lieb war. »Für mich sehen sie normal aus«, hauchte sie. »Schöne braune Augen, mit Iriden versehen.«
   Was war das für ein Mist? Sie brauchte ihm nicht so nah auf die Pelle zu rücken. Aus den Augenwinkeln bemerkte er Daryans unruhiges Zucken. Er sah sie an, auf ihrer Miene erkannte er Verunsicherung. Sie brauchte nicht eifersüchtig zu sein. Na gut, er war nicht besser. Mit Verlustängsten hatte auch er zu kämpfen, seine Ängste hatten eher damit zu tun, dass sie starb.
   Aufmunternd lächelte er sie an, zaghaft lächelte sie zurück. Sein Mädchen war noch so unerfahren, was Beziehungen betraf. Marc würde sie vom Fleck weg heiraten, wenn sich endlich die Möglichkeit bot. Nie wieder gab er sie her.
   David trat näher, nahm erneut die kleine Lampe und leuchtete. Er gab ein Brummen von sich und nickte. »Vorhin haben sie nicht reagiert.«
   »Vielleicht solltest du dich ein wenig ausruhen?« Liv sah den Arzt fragend an.
   »Ich brauche keine Ruhepause«, rief er unwirsch.
   »Du bist also sicher, dass sie nicht in Quarantäne müssen?«
   »Medizinisch sind sie okay, würde ich sagen.«
   »Würdest du sagen?«
   »Herrgott, Liv, die medizinischen Möglichkeiten sind hier arg beschränkt. Ich kann keine Bluttests durchführen, wenn du das meinst. Dafür fehlen mir die Apparate. Sie sind kerngesund, wie ich es dir gesagt habe.«
   »Habe schon verstanden.« Ungeduldig winkte sie ab. Für sie war das Thema offenbar gegessen.
   Murmelnd verließ David das Zelt.
   Für einige Zeit blieb es still. Livs Blick richtete sich erneut auf ihn. Marc streckte die Hand nach Daryan aus, sie ergriff sie und setzte sich zu ihm.
   »Ihr kommt also aus einer südlichen Zone?«, fragte Liv.
   »Das ist richtig«, sagte Daryan. »Die HSU hat die Zone aufgegeben.«
   »Weshalb sollte sie das tun?«
   »Weil wir herausgefunden haben, zu was diese Organisation fähig ist. Sie sind nicht gut zu den Menschen«, entgegnete Daryan.
   »Fällt euch das jetzt erst auf?« Livs Stimme klang voller Hohn. »Was sucht ihr in dieser Gegend?«
   Offensichtlich war die Frau genau im Bilde, was die Machenschaften der Bosse betraf, jedenfalls sah sie nicht überrascht aus.
   »Hat nichts mit euch zu tun, sondern geht nur uns etwas an.« Er hoffte, dass seine Stimme genug Entschlossenheit besaß.
   »Ich trage die Verantwortung für die Menschen im Lager. Wenn ihr böse Absichten habt, werdet ihr das bereuen.«
   Marc hätte beinah über die Drohung gegrinst.
   »Wir geben dir unser Wort, dass wir nichts Böses im Sinn haben.« Seine Süße glättete mal wieder die Wogen. »Wir sind nur auf der Suche.«
   »Wonach?«
   »Hat auch nichts mit euch zu tun«, sagte sie schnell.
   »Okay«, fuhr er dazwischen. »Du könntest uns aber einiges erklären.«
   Lässig überschlug Liv die Beine. »So? Kann ich das?«
   »Woher habt ihr die Lkws und die Waffen? Zumal ein großer Raketenwerfer auf der Ladefläche montiert ist, den es vor der Epidemie gab.« Er würde nicht freimütig über seine Vergangenheit plaudern. Liv sollte ihnen gefälligst entgegenkommen.
   Über Livs Gesicht huschte Wachsamkeit. »Offensichtlich wisst ihr nicht, was hier so herumschleicht.«
   »Du meinst die schwarzen Kreaturen?«, fragte Daryan. »Wir haben schon Bekanntschaft mit ihnen gemacht. Sind das Chimären?«
   Verdammt, wieso erwähnte sie die? Das war nebensächlich. Ihn interessierte mehr, woher die Gruppe an die Waffen kam.
   »Ob sie wirklich so heißen, weiß niemand.« Es entging ihm nicht, dass Liv sie abschätzig musterte. Falls Daryan es ebenso mitbekam, ließ sie sich nichts anmerken.
   »Es sind nicht nur die. Einige seltsame Tiere lauern an jeder Ecke. Ihr scheint mehr über sie zu wissen.« Livs Augen richteten sich abwartend auf ihn. Sie überging Daryan mit Absicht, dieses Gehabe machte sie nicht gerade sympathischer.
   »Nein, wir wissen nicht mehr«, sagte Daryan. »Es liegt also an dir, uns mehr zu erzählen.«
   Er vernahm den unterschwelligen Ärger aus ihrer Stimme. Sie bemerkte, dass sie von Liv nicht für voll genommen wurde. Für die Antwort zollte er ihr stillen Beifall.
   Liv war jedoch der eigentlichen Frage geschickt ausgewichen. Ihr Blick schweifte kurz zu Daryan zurück. »Wir wissen es auch nicht.«
   Lügnerin!
   Das Wort sprang ihm geradezu ins Gesicht. Liv mochte sich noch so sehr um jede Antwort winden, die Wahrheit sah garantiert anders aus. »Woher sind die Waffen und die Lkws?«, fragte Marc erneut und diesmal ließ er den Ton schärfer klingen.
   »Die Fahrzeuge haben wir aus unserer Zone. Die Waffen …«, sie sah zu Jack, der kaum merklich den Kopf schüttelte, »das kann ich euch nicht sagen.«
   Na großartig, aber es wunderte ihn überhaupt nicht. Frei plaudern gehörte nicht zu Livs Metier.
   »Du kannst nicht oder du willst nicht?«, fragte er verächtlich.
   »Beides. Wir kennen euch nicht.«
   »Wir gehören nicht dem inneren Kreis an«, spottete er. »Was hat euch aus der Zone vertrieben?«
   Über Livs Gesicht huschte Trauer, die in der nächsten Sekunde einem grimmigen Ausdruck wich. Aha, er hatte einen wunden Punkt getroffen.
   »Wir sind eines Nachts von den schwarzen Viechern überrannt worden. In der Februarnacht, im Jahre 2112, kletterten sie einfach über die Mauer und fielen über die Menschen her.«
   »Das war vor zwei Jahren.« Bestürzung zeichnete Daryans Gesicht. Sie sah Marc an. »Wieso haben wir davon nichts mitbekommen?«
   Er zuckte die Achseln. Seine Bestürzung hielt sich in Grenzen, obwohl die Nachricht selbst für ihn neu war. Die letzten Jahre war er zu sehr damit beschäftigt gewesen, der HSU ans Bein zu pinkeln, sodass er nie viel von der Außenwelt mitbekommen hatte.
   »Wo war eure Garde?«, fragte Daryan. »Sie hätten euch schützen müssen.«
   Liv schnaubte abfällig. »Die Garde? Die feigen Bastarde hatten sich verkrochen. Glaubt mir, wir haben die Garde hassen gelernt. Die vielen Toten mussten nicht sein.«
   Ein Grund mehr, nichts von Daryans Vergangenheit zu erzählen. Sie sollten sich so schnell wie möglich aus dem Staub machen und die Menschen ihr Ding drehen lassen.
   »Es gab jedoch eine junge Frau, die es als Einzige schaffte, die Viecher wirkungsvoll zu vertreiben«, fuhr Liv fort. »Sie war verdammt schnell und stark, sie tötete die Dinger.«
   Durch seinen Körper fuhr ein Ruck. Eine H4-Trägerin! Er war sich vollkommen sicher. Daryans Blick glitt zu ihm. In ihren Augen las er die gleiche Erkenntnis. Es gab zumindest noch jemanden von ihrem Volk – irgendwo dort draußen. Diese Neuigkeit war mehr als wichtig. Sie änderte einiges, denn das hieß, dass sich die Frau womöglich ganz in ihrer Nähe aufhielt.
   »Wie hieß die Frau?«
   »Das wissen wir nicht. So schnell, wie sie gekommen war, verschwand sie. Viele haben ihr das Leben zu verdanken.«
   »Diese Wesen …, was sind sie?«, fragte Daryan.
   Am liebsten hätte er sie gepackt und geschüttelt. Weshalb ließ sie das Thema nicht auf sich beruhen? Lieber wollte er mehr über die Frau herausfinden. Verflucht, es gab so viele Dinge, die ihn neugierig machten. Der vernunftwidrige Drang, sofort in den Jeep zu steigen und sich auf die Suche zu machen, nahm überhand. Doch der rationale Teil hielt ihn davon ab, unüberlegt zu handeln. Wo anfangen mit der Suche?
   »Keine Ahnung«, durchdrang Liv seine Gedanken. »Die Kreaturen sind sehr hungrig und wir ständig auf der Flucht. Das Lager werden wir bald abbrechen, wir sind schon viel zu lange hier.«
   Daryan schien jedes Wort in sich aufzusaugen. Sollten es tatsächlich auf irgendeiner Art und Weise Chimären sein, die ein ständiges Schlachtfest feierten, war höchste Vorsicht geboten. Das schwarze Ding wollte sogar ihn angreifen, ungeachtet dessen, dass der gleiche Bazillus in ihren Adern floss. Da gab es kein Zusammengehörigkeitsgefühl, keinen Kodex, weil sie seit Jahrzehnten wild und ungezähmt lebten.
   Dennoch störte ihn etwas an Livs Erzählung. Er konnte nur noch nicht den Finger auf die Wunde legen.
   »Wie habt ihr so lange überlebt?« Hier war mächtig was faul. Er vermochte den Fäulnisgestank beinah zu riechen.
   »Wir sind ständig auf der Hut.« Ihre Stimme klang grantig, sie war es offenbar nicht gewohnt, dass jemand ihre Worte hinterfragte.
   »Die Kreaturen zu töten, erwies sich zunächst als unlösbare Aufgabe. Was wir auch versuchten, sie starben nicht.« Sie machte ein selbstgefälliges Gesicht. »Die Lösung? Ein Zufall. Eines stürzte in eine von unseren Fallen. Der Bastard wurde am Boden aufgespießt wie ein fetter Braten. Sofort tot. Es bedurfte noch weiterer Fallen, bis klar war, dass der Nacken die einzige verwundbare Stelle ist. Alles andere lässt sich weder mit Messern noch mit Säbeln oder Pfeilen durchdringen. Kein Projektilgeschoss schlägt durch den Panzer, wie du unschwer festgestellt hast – außer man schießt ihnen in den Nacken.«
   »Habt ihr es mit Kopf abschlagen versucht?«, fragte Daryan.
   »Fehlanzeige«, meldete sich Jack zu Wort. Er war näher gekommen. »Bevor man den dicken Hals durchtrennt hat, ist man schon das nächste Mittagessen.«
   »Feuer?«
   »Zwecklos. Man könnte fast meinen, die steigen lachend aus den Flammen«, sagte Jack verächtlich. »Sie verbrennen sich nur kurz den Pelz und das war’s. Das Einzige, was in Mitleidenschaft gezogen wird, ist die Umgebung. Die einzige verwundbare Stelle ist der Nacken.«
   Daryans Miene war nachdenklich. »Ich würde gern mehr über sie herausfinden.«
   Scharf sog Marc den Atem ein. Sie brauchte nicht die Heldin zu spielen. Was gingen sie diese Viecher an? Die Menschen kamen hervorragend allein damit klar. Er wollte weiter und keine Wurzeln schlagen.
   Fragend blickte sie ihn an. »Was? Willst du nicht wissen, was sie sind?«
   »Ich verzichte darauf, wenn du dich dadurch in Gefahr begibst.« Er sah Liv an. »Es sind Mutationen, richtig?«
   »Wir nehmen es an. Trotzdem erklärt es nicht ihre Panzerung«, sagte sie leise, wobei sie ihn eingehend musterte.
   Es gefiel ihm überhaupt nicht, wie die Frau ihn anstarrte.
   Die Stille, die auf einmal im Zelt herrschte, hatte etwas Unangenehmes. Daryans Hand verkrampfte sich in seiner. Er drückte sie leicht, um ihr zu zeigen, dass es nichts gab, was sie beunruhigen sollte.
   Bei Gelegenheit musste er ihr wirklich noch mal erklären, wie er eine Beziehung sah. Einen Vorwurf machte er ihr nicht, das ganze Leben hatte sie womöglich mit unterschwelligen Verlustängsten verbracht. Zweifelsohne hatte sie niemals eine feste Beziehung zu einem anderen Mann gehabt.
   »Ist schon gut«, raunte er in ihr Ohr und sie entspannte sich.
   »Die gesamte Tierwelt steht Kopf«, durchbrach Liv das Schweigen. »Riesige Raubvögel, die sogar einen Menschen in die Luft heben können.«
   Die Tiere wiesen besorgniserregende Mutationen auf. Was der H4 ihnen auch für Gaben vererbt hatte, Freundlichkeit zählte nicht dazu. Sie schienen nahezu unverwundbar zu sein und nur darauf bedacht, alles und jeden zu töten. Die Panzerung gab ihm allerdings Rätsel auf. Die Menschen konnten nicht so unwissend sein, wie sie sich gaben.
   »Sie sind Mutationen von was?«, fragte er.
   »Was …? Wie meinst du das?« Zum ersten Mal machte Liv einen verunsicherten Eindruck.
   »Sie müssen von irgendwas mutiert sein. Kommt dir da keine Idee?«
   »Womöglich vom Hepatitis-Erreger? Aber der ist ausgerottet.«
   Ausgerottet? In was für einer Welt lebte sie?
   Aus den Augenwinkeln bemerkte er Daryans Blick. Die Gruppe schien nicht auf dem neusten Stand zu sein, was den H4 betraf. War das nun gut oder schlecht? Sie würden es herausfinden.
   »Glaubst du, sie sind infiziert?«
   Liv brauchte überhaupt nicht so dumm tun, sie wusste garantiert, was Sache war. Wer so lange diesen Feinden gegenüberstand, ließ nichts unversucht, etwas Genaueres herauszufinden. Immerhin hatten sie lange genug herumgebastelt, um die Schwachstellen der Kreaturen zu erfahren.
   »Darauf wirst du schon selbst gekommen sein. Was fragst du dann mich?« Er ließ seine Stimme mit Absicht bösartig klingen, damit sie checkte, dass er genau im Bilde war.
   In Livs Augen trat ein warnendes Glitzern und es zeigte, was sie davon hielt, weitere Informationen preiszugeben – gar nichts. Mochte sein, dass sie ein wenig zu paranoid war, was Fremde anging.
   »Was wir über diese Bastarde wissen, habe ich euch gesagt.«
   »Falls du uns nichts weiter zu berichten hast, schlage ich vor, dass du uns ein Zelt zuweist, wo wir heute Nacht schlafen können.« Ihm drängte danach, ein Vieraugengespräch mit Daryan zu führen. Er kannte sie mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass sie den Menschen garantiert helfen wollte – ungeachtet dessen, was Liv im Schilde führte.
   So war seine Süße. Seitdem sie wusste, wie die HSU mit den Menschen umging, fühlte sie sich dazu berufen, jedem Lebewesen zur Seite zu stehen. Von ihrer Barmherzigkeit und Menschenliebe fehlte ihm eine ganze Menge. Dass sie sich jedoch wegen dieser Leute in Gefahr bringen wollte, kam überhaupt nicht infrage. Darüber diskutierte er nicht. Eher gefror die Hölle, als dass er seine Frau der Gefahr aussetzte.
   »Wenn ihr Hunger habt, Karo hat einen Eintopf gekocht und Fleisch gebraten.« Liv neigte fragend den Kopf zur Seite. »Oder habt ihr keinen Hunger?«

Kapitel 5

Das Zelt war nicht sehr groß, aber für Marc und sie reichte es. Einige Matten lagen auf dem Boden. Decken und Kissen hatten sie zuvor von Karo bekommen, die die Sachen verwaltete. Marc baute aus Bettzeug und Matten eine Schlafstätte.
   Sie hatte durchaus mitbekommen, wie Liv auf Marc reagierte. Dass er eine imposante Erscheinung war, war nicht zu leugnen. Obwohl sie ihn bei ihrer ersten Begegnung nicht anziehend und aufregend gefunden hatte, hatte sie die Meinung schnell revidiert, wenn auch erst im Nachhinein. Er besaß die wärmsten Augen, in die sie je geblickt hatte. Jede Bewegung ließ ihn wie ein Raubtier erscheinen und das machte sie total an – wie wahrscheinlich jede andere Frau, wenn sie an Bella oder Liv dachte. Die Eifersucht war schwer zu zügeln, obwohl sie nicht eine Sekunde an seiner Liebe zweifelte. Das Dilemma war, dass sie nicht wusste, ob er nicht doch mal bei anderen Frauen schwach werden würde. Sie vertraute Marc, aber sie vertraute dem Virus nicht, der seine Triebe lenkte.
   Behutsam zog sie Shi aus der Jackentasche und packte einige gebratene Fleischstücke aus. Er rümpfte angewidert die kleine Nase.
   »Was anderes habe ich momentan nicht. Ich kann dich nicht jagen lassen. Entweder das oder gar nichts. Ich habe es extra für dich aufgehoben.«
   Shi biss ein Stück ab und kaute mit langen Zähnen.
   »Das erinnert mich daran, als ich ihn damals in der Zone fand. Da habe ich mich schon gefragt, was du ihm zu fressen gibst. Glaub mir, er wird die nächste Zeit beleidigt sein.« Marc lächelte, und Shi knurrte leise zur Bestätigung.
   »Ist mir egal. Ich kann ihn nicht draußen herumlaufen lassen, solange nicht geklärt ist, was für Viecher es sind.«
   »Was versprichst du dir davon, Liv darüber auszufragen? Deine Fragen sorgen nur für mehr Zündstoff.«
   Sie begriff nicht, warum es so schwer für ihn war, das zu verstehen. »Fragst du dich nicht, warum wir niemals von solchen Wesen gehört haben?«
   »Doch. Die Menschen glauben, es wären Mutationen. Wahrscheinlicher ist, dass sie aus einem HSU-Labor entsprungen sind. Das erklärt zumindest ihr Äußeres. Wer Menschen klont, macht auch so einige andere fiese Dinge. Ich traue den Bastarden alles zu und du solltest es endlich auch tun.«
   Der Tadel kam durchaus bei ihr an und es machte sie ärgerlich, dass er meinte, sie wüsste nicht, worum es ging. Am eigenen Leib hatte sie erfahren, zu was die Union fähig war. »Mich konnten sie nicht klonen, schon vergessen?«
   Marc zuckte die Achseln. »Was spricht dagegen, die infizierten Tiere einzufangen und sie im Nachhinein mit diversen Dingen auszustatten. Meinst du, die HSU hat alle Tiere nach der Virus-Ausbreitung getötet?«
   »Weshalb solche Wesen mit irgendwas ausstatten? Das ergibt keinen Sinn.«
   »Weil sie durch und durch böse sind?«
   »Nein, du spinnst. Die Tiere kommen aus keinem Labor.«
   »Sieh dir Shi an. Er vermag sich durch den H4 zu wandeln. Hast du dich noch nie gefragt, warum das so ist?«
   Mit nachdenklicher Miene sah sie zu der Chimäre hinunter. »Nein, für mich ist es selbstverständlich, weil ich ihn so kenne.«
   »Was wäre also passiert, wenn er ständig in seiner wahren, blutrünstigen Gestalt gelebt hätte, ohne Kontakt zu unserem Volk?«
   »Eventuell wäre er genauso wie die Kreaturen«, sagte sie.
   »Richtig. Shis Vorfahren haben von den infizierten Leichen gefressen. In den Jahren hatten die Tiere genug Zeit, wilder und blutrünstiger zu werden. Auch bei uns hat der H4 so einiges verändert, sonst wären wir nicht so, wie wir sind. In uns lauert auch ein wildes Tier.«
   Sie starrte ihn an. Die Behauptung vermochte sie nicht zu einhundert Prozent zu entkräften. Es war ungewiss, wie sie sich ohne das zivilisierte Leben in der Zone entwickelt hätte. Vielleicht wäre sie eines Tages auch zu einer wilden Bestie geworden?
   »Ich weiß nicht, ob du dich erinnerst, aber die Chimären, die mit uns lebten, waren eine Rarität. Deshalb sind sie etwas Besonderes für unser Volk.«
   Nein, sie erinnerte sich nicht und das ärgerte sie. »Kram jetzt nicht den Wissenschaftler raus.«
   »Tue ich aber. Die HSU hat dich beeinflusst. Weshalb nicht auch andere Lebewesen beeinflussen? Wir sind noch lange nicht auf der Bergspitze angelangt.«
   Erneut senkte sie den Kopf. »Nachdem sie durch mein Zutun wussten, dass der H4 nicht mehr virulent war, wurden sie mutiger.« Ihre Stimme zitterte leicht, die Vergangenheit wollte nach ihr greifen.
   Die Tests, an die sie sich nicht wirklich erinnerte. Am besten sollten diese Erlebnisse tief begraben bleiben.
   Marc fasste versöhnlich nach ihrer Hand. »Hör zu, ich möchte mich nicht streiten. Mein Gefühl sagt mir, dass an der ganzen Sache etwas faul ist.«
   »Was meinst du?«
   »Ich traue Liv nicht. Sie verschweigt etwas.«
   Sie wandte schnell den Blick ab, über die Frau zu reden, widerstrebte ihr.
   »Was ist?«, fragte er sanft.
   »Nichts.«
   Lächelnd zog er sie in seine Arme. »Ich sehe an deinem Gesicht, dass dich etwas wurmt. Es ist Liv, nicht wahr?«
   »Ich mag nicht, wie sie dich ansieht«, nuschelte sie.
   »Ich auch nicht.«
   Das Geständnis überraschte sie. »Wirklich?« Sie sah zu ihm hoch.
   Er nickte. »Ich liebe nur dich. Du wirst mich nicht mehr los.«
   »Das weiß ich doch.« Zaghaft lächelte sie. Mit ihrem Selbstwertgefühl stand es nicht zum Besten. Kein Wunder, nach dem, was sie erlebt hatte. Der Gedanke, ihn zu verlieren, nicht nur an eine andere Frau, war unerträglich.
   Lächelnd strich sie ihm über die Wange. »Du bist immer so misstrauisch, mein Schatz.«
   »Aus dem einfachen Grund, weil sie nicht wirklich auf unsere Fragen geantwortet hat.«
   Sie zuckte die Achseln. »Sie kennt uns nicht.«
   »Mein Misstrauen hat mir im Leben mehr gebracht als blinden Optimismus. Traue ihren Worten auch nicht zu sehr.«
   »Das tue ich nicht. Ich möchte nur Antworten.«
   Weshalb verteidigte sie sich? Die Gruppe könnte sich als ein möglicher Punkt erweisen, wo sie ansetzen konnten, um mehr von der Außenwelt zu erfahren. Obwohl sie in der Vergangenheit viel unterwegs gewesen war, gab es plötzlich Dinge, die völlig neu waren. »Die junge Frau, von der Liv erzählt hat, ist eine von uns, Daryan. Wir müssen sie finden.«
   »Das werden wir, aber …«
   Über sein Gesicht huschte Ärger. »Du möchtest zuerst mehr über diese Kreaturen herausfinden.«
   »Und über die alten Waffen. Außerdem könnten sie unsere Unterstützung gebrauchen.«
   Er schüttelte den Kopf. »Sie sind zuvor auch gut ohne uns fertig geworden. Nenn mir ein vernünftiges Argument, warum wir sie unterstützen sollten.«
   Sie wusste keins. Oder doch? Vielleicht die mögliche Schwangerschaft? Die wäre jedoch kein logisches Argument zu bleiben. Wenn sie ehrlich war, verspürte sie eher eine unergründliche Angst, ihrem Volk zu begegnen. So viele Jahre waren vergangen, so viel Zeit verstrichen und sie besaß nicht einen Funken Erinnerung an ihre Familie.
   »Sei nicht so herzlos, was andere Menschen betrifft«, sagte sie stattdessen.
   »Ich habe die Prioritäten anders gesteckt. Wenn man jahrelang allein lebt, klopft irgendwann der Egoismus an die Charakterpforte.«
   Sie sah ihn an. Ihr Herz schien überzuschäumen vor Glück. »Du bist nicht mehr allein.«
   »Das weiß ich. Du und Shi zählt zu den einzigen Dingen, die wichtig sind.«
   »Das sollte es nicht. Lass uns bitte mehr herausfinden.« Es war ihr wichtig, mehr zu erfahren. Dass die Gruppe solche Waffen besaß, hinterließ ein beunruhigendes Gefühl in der Magengegend. Oder war es die Tatsache, die Suche nach ihrem Volk hinauszögern zu können?
   »Die Liste der Erledigungen wird immer länger. Vor nicht allzu kurzer Zeit dachte ich, unser Volk zu finden, stehe an erster Stelle.«
   »Das steht auch noch ganz oben. Aber es sind die ersten Menschen, die wir außerhalb getroffen haben, warum sollen wir ihnen nicht helfen? Vielleicht können wir sie auch für unsere Sache gewinnen?«
   Marc gab einen missbilligenden Laut von sich. »Wenn wir uns noch darum kümmern, entwickelt sich alles zum Fass ohne Boden. Ich bin dafür, dass wir morgen früh verschwinden.«
   Nein. Ihr Entschluss stand fest, sonst machte sie sich ständig Gedanken darüber, dass eine gefährliche, alte Waffe in Händen von Menschen lag, die wahrscheinlich nicht mal ahnten, zu was die fähig war. »Ich bin dafür, ein paar Tage zu bleiben.«
   »Du kannst Shi nicht ewig im Jeep einsperren. Irgendwann wird ihn jemand entdecken.« Er grinste breit. »Außerdem ist er ein verfressener Sack.«
   Ein missmutiges Schnaufen war von der Chimäre zu vernehmen.
   »Wir bleiben höchstens drei Tage und dann fahren wir weiter – versprochen.« Sie zog einen leichten Schmollmund und blickte zu ihm auf. »Wir werden eine Lösung für Shi finden.«
   Er seufzte leise. »Ich sehe schon, du bist wild entschlossen. Okay, drei Tage.«
   Sie schlang die Arme um seinen Hals und küsste ihn zärtlich. »Ich wusste doch, dass ich dich überreden kann und dir das alles nicht egal ist.«
   »Damit du es weißt«, er ließ seine Hand unter ihr Shirt wandern, »die Menschen sind mir egal. Ich mache das nur dir zuliebe.«
   »Du musst dein Handeln nicht immer für mich tun.«
   »Für wen denn sonst?«
   Leider fehlte ihm immer noch der Antrieb, anderen Menschen beizustehen. Es lag ein hartes Stück Arbeit vor ihr, um ihn zu zivilisieren.
   »Brauchst du noch etwas?«, flüsterte er, wobei er anzüglich die Hand über ihren Hintern gleiten ließ. »Mir fällt sicher die eine oder andere Sache ein.«
   Natürlich fielen auch ihr spontan einige Dinge ein. Wie gebannt sah sie in seine Augen. Er besaß wirklich die schönsten Augen – auch wenn der Bazillus das warme Braun zu einem alles verschlingenden Schwarz verwandelte.
   Das tat der Virus immer, wenn die Emotionen in ihm hochkochten und ihr erging es nicht anders. Sanft legte sie die Lippen auf seine.
   Ihre Zunge stieß vorsichtig vor, fast zaghaft, um die Süße voll auszukosten. Mit den Fingerspitzen fuhr er ihre Wirbelsäule entlang, die Berührung ließ sie bis in die Fußspitzen wohlig erzittern. Die Vorfreude auf das, was sie erwartete, machte sie kühner. Sie fuhr über seinen Schritt. O ja, was sie da fühlte, war alles andere als harmlos.
   Als sich ihre Lippen trennten, entwich seiner Kehle ein begehrliches Stöhnen. Sie brauchte ihn nicht weiter locken, er hatte angebissen. In seinem Gesicht spiegelte sich nicht nur die Lust, sondern auch die Liebe.
   Ihre Brustwarzen drückten sich durch den Stoff des Shirts, so sehr kribbelte die Erregung in ihr. Sie sehnte sich danach, dass er sie mit seiner Zunge berührte und umspielte, bis ihr die Luft vor Erregung fast wegblieb.
   Durch seinen Körper ging ein Zittern, als er sie näher zu sich heranzog und auf die Schlafstätte legte. Er wich zurück, als ob er flüchten wollte.
   »Ich bin nicht sicher, ob wir hier …« Sogar das Sprechen schien ihm schwerzufallen, so sehr rang er um Beherrschung.
   »Sex haben sollten?«, fragte sie und lächelte, wobei sie aus ihrer Hose schlüpfte.
   »Ja.«
   »Wir wollen es. Bitte …« Sie zog seinen Kopf heran und küsste ihn erneut.
   Er schob ihr Shirt nach oben, um über ihre Brüste zu streichen, immer und immer wieder.
   »Und wenn wir die Kontrolle verlieren?« Er küsste sanft ihren Hals. »Das Zelt wäre Geschichte und wir das neue Gesprächsthema.«
   Marc war einfach zu süß, wie er sich Gedanken um das Zelt und die Menschen machte. Vielmehr plagte ihn sicher die Sorge, dass es im Desaster enden könnte. Doch die anderen Male zuvor waren Beweis genug, dass der Sex zwischen ihnen durchaus sanft verlief. Sie zog das Shirt über den Kopf, damit er endlich kapierte, dass die Außenwelt unwichtig war. »Ist mir egal«, hauchte sie.
   Nichts anderes gab es auf dieser Welt als den Mann, der sie nun mit zärtlichen Küssen bedeckte. Ihr Herz raste vor Lust und Freude, während er liebevoll über ihre Haut strich. Seine Lippen erkundeten jeden Zentimeter, bis sie glaubte, den Verstand zu verlieren. Mit entschlossener Miene zog er das Shirt aus, die Hose folgte. Sie war so ungeduldig, dass sie ihm am liebsten behilflich gewesen wäre. Sie würde sich gern mit der Hand in seiner Hose verlieren. Zwischen ihren Schenkeln brannte das Feuer, als er nach ihrem Slip griff und diesen hinunterzog. Seine Augen glänzten wie schwarzer Samt und er ließ seine Hand zwischen ihre Schenkel gleiten. Er dämpfte ihre Ungeduld, indem er einen weiteren Finger dazunahm.
   »Bitte …«, wimmerte sie und seine gierigen Lippen erstickten ihr Flehen.
   Er wusste immer, wie er ihr den höchsten Genuss bescherte. Sie brauchte ihn so sehr, ganz gleich, was draußen vor sich ging.
   Daryan schob ihm den Unterleib entgegen, als er vorsichtig eindrang. Aus ihrem Mund entwich ein wohliges Stöhnen. Noch immer hielt er sich zurück.
   »Du wirst nicht die Kontrolle verlieren«, flüsterte sie atemlos und schob sich ihm mehr entgegen. »Bitte, hör nicht auf.«
   »Niemals …« Ein raues Flüstern.
   Mit quälender Langsamkeit drang er weiter vor, bis sie sich wand und leise um Erlösung flehte. Marc gab einen knurrenden Laut von sich, vergrub seine Finger in ihren Haaren, während er heftiger zustieß. Momentan wollte sie ihn an sich fesseln und nie wieder loslassen. Die Fesseln so eng schnallen, dass nichts sie zerriss. Die Wonne sprengte alles, was sie bisher erlebt hatte. Oder lag es daran, dass sie vielleicht jemand hörte? Der Gedanke, dass es so sein könnte, brachte sie noch mehr in Ekstase. Alle Menschen durften hören, wie heiß es hinter der Zeltplane zuging.
   Ihr Unterleib brannte lichterloh. Einem unglaublichen Höhepunkt strebte sie entgegen. Das Kribbeln sammelte sich zu einem Zentrum zwischen ihren Schenkeln.
   Seine Zunge öffnete stürmisch ihren Mund, der Kuss brachte sie an den Rand des Wahnsinns. Sie grub die Nägel in seine braun gebrannten muskulösen Arme.
   Sie steigerten das Tempo, drifteten zusammen immer höher hinaus. Marc packte ihren Hintern, stieß tiefer.
   Ihr Stöhnen nahm um einige Oktaven zu. Sie kratzte über seinen Rücken, sodass er geräuschvoll die Luft einsog.
   Ein Lustschrei entwich ihrer Kehle, ihr Körper bäumte sich auf. Der Höhepunkt überrollte sie mit solch einer Intensität, dass das Zittern noch anhielt, als die Woge langsam verebbte.
   Mit einem letzten kraftvollen Stoß ergoss er sich in ihr.
   Regungslos blieb er liegen. Glücklich schlang sie die Arme um seinen Hals und küsste seine Wange. Sein Atem drang in ihr Ohr. Seine Augen hatte er geschlossen und er lächelte leicht.
   »Irgendwas ist anders«, flüsterte er.
   »Was meinst du?«
   »Wie kann ich mit dir schlafen, ohne dass der Virus …?« Er stutzte und musterte sie. »Kann es sein, dass du …?«
   »… schwanger bist?«
   »Ja.«
   »Möglich wäre es.«
   Für einen Moment sah er sie nur an und sie meinte, Tränen in seinen Augen schimmern zu sehen. Sanft küsste er ihre Wange und sie schloss seufzend die Augen. Nie hatte sie es für möglich gehalten, dass ihn die Neuigkeit glücklich machte. Ob sich bei ihr jemals ein Glücksgefühl einstellte, war ungewiss.
   »Wenn es wirklich so ist, machst du mich zum glücklichsten Mann auf dieser Erde«, flüsterte er. »Das bedeutet mir sehr viel.«
   Sollte sie nicht das schlechte Gewissen erdrücken, weil ihr eine mögliche Schwangerschaft nicht so viel bedeutete? Die Zukunft mit einem Kind war noch gewöhnungsbedürftig und die widersprüchlichen Gefühle machten es nicht leichter.
   »Es ist noch zu früh, um vollkommen sicher zu sein.«
   »Wenn du dir sicher bist, sag es mir bitte sofort.«

*

An Schlaf war nicht zu denken. Er fühlte sich auffallend ruhelos. Es lag nicht daran, dass er möglicherweise Vater wurde, ihn ließen einige Sätze von Liv nicht zur Ruhe kommen. Jetzt, wo er vollkommen entspannt und zufrieden seine Gedanken umherschweifen ließ, war er sicher, dass sie mehr wusste, als sie zugab.
   Auf die ungewöhnliche Anatomie von ihnen war sie nicht näher eingegangen. Liv hatte es so hingenommen.
   Und wie sie ihn angesehen hatte. Er kannte solche Blicke, früher hätte er nicht lange gefackelt. Heute sah das anders aus, er hatte sein Herz vergeben und da gab es keine andere Frau für ihn – niemals wieder. Er verlagerte das Gewicht, sein Arm kribbelte, da Daryan ihn unter ihrem Körper begraben hatte. Sie schlief tief und fest, ihr Gesicht vollkommen entspannt. Sanft zog er sie näher und lauschte ihren gleichmäßigen Atemzügen. Auch wenn sie sich wehren konnte, beschützte er sie dennoch – immer, so lange er lebte. Nie wieder verletzte sie jemand. Sollte sie tatsächlich schwanger sein, musste er erst recht auf sie aufpassen.
   Ein leises Rascheln ließ ihn aufhorchen. Irgendwer näherte sich dem Zelt. Der Schatten wurde vom Lagerfeuer an die Zeltwand geworfen. Shi spitzte sogleich die Ohren und knurrte leise.
   Er tastete nach der Waffe, schob seinen Arm unter Daryan hervor und stand nur in Unterhose bekleidet auf. Shi sprang ebenso auf und sah ihn erwartungsvoll an. Stumm schüttelte Marc den Kopf, damit wurde er allein fertig.
   »Leg dich zu Daryan«, hauchte er. »Und keinen Mucks.«
   Die Schlaufen des Zelteinganges bewegten sich, der Stoff schob sich vorsichtig auseinander. Seine Hand schoss vor und umklammerte einen schmächtigen Hals. Die andere drückte den Waffenlauf an die rechte Schläfe. Ein erschrockenes Keuchen ertönte – Bella. Ein boshafter, dennoch befriedigender Gedanke durchfuhr seinen Kopf: wieso nicht einfach ihr Genick brechen? Er zerrte sie ins Innere.
   »Schleichst du noch einmal in unser Zelt«, knurrte er, »interessiert es mich nicht mehr, dass wir auf dich und den Terminal angewiesen sind.«
   Ihre Augen waren vor Schreck weit aufgerissen. »Das ist es ja gerade«, flüsterte sie aufgeregt. »Der Terminal ist weg. Jemand hat ihn geklaut.«
   Überrascht senkte er die Waffe und ließ sie los. »Wie bitte?«
   Sie fuhr sich über den Hals. »Er hat im Jeep gelegen und …«
   »Den du natürlich nicht verschlossen hast«, zischte er.
   »Ich hatte ihn verschlossen.«
   Eine Mordswut schoss plötzlich durch seine Adern und er musste stark an sich halten, nicht lauthals loszubrüllen. Der Diebstahl war so ziemlich das Letzte, was sie gebrauchen konnten. »Wie beschränkt muss man sein?«
   »Was ist los?«, hörte er Daryans verschlafende Stimme.
   Na super, jetzt hatte die Schnalle sie geweckt.
   »Ihr wurde der Terminal geklaut.«
   Kerzengerade setzte sich Daryan auf. Sie sah hellwach aus, als sie sich die Decke um den Körper schlang und aufstand. »Sie hat ihn sich klauen lassen?« Sie sah Bella an. »Hast du ihn nicht bei dir getragen?«
   »Ich hatte ihn im Jeep deponiert – den ich verschlossen hatte, ich schwöre es.«
   »Offenbar bist du nur gut darin, andere übers Ohr zu hauen, ansonsten kriegst du nichts geregelt.« Er war so sauer, dass er ihr am liebsten in den Hintern getreten hätte. Wie blöd musste man sein, so einen wichtigen Gegenstand unbeaufsichtigt zu lassen?
   Bellas wirkliche Beweggründe hatte er nie hinterfragt. War es nun an der Zeit, genau das zu tun?
   »Weshalb bist du noch einmal mitgekommen?«
   Bella hob den Blick. »Es stand in der Nachricht meiner Schwester, dass ich euch begleiten soll.«
   »Um uns auf die Nerven zu gehen?«
   »Nein, um euch zu helfen.« Bella wurde ärgerlich. »Meine Schwester möchte euch in Sicherheit wissen.«
   »O Mann, und damit beauftragt sie dich? Wir hätten uns auch über einen eigenen Terminal gefreut. Stattdessen kriegst du ihn vor die Tür gelegt.«
   »Ich kann dir nicht sagen, was genau meine Schwester im Sinn hatte.«
   »Marc, bitte«, flüsterte Daryan, während sie auf ihn zukam. »Sie kann nichts dafür, wenn der Jeep verschlossen war. Ich glaube ihr.«
   Das wurde immer besser. Sie vertraute der Schnepfe? Hatte er irgendwas verpasst? Er schnaubte abfällig. »Ach ja?«
   »Hast du die Alarmanlage gehört? Du kannst die Jeeps nicht knacken, außer du sprengst sie in die Luft. Wir sollten uns von daher die Frage stellen, was will jemand mit einem personenbezogenen Terminal? Er kann ihn nicht nutzen. Und wie zum Teufel ist derjenige an das Ding gekommen, ohne den Alarm auszulösen?«
   »Frag doch unsere Mitfahrerin.« So langsam reichte es ihm.
   »Es kann auch eine Frau gewesen sein, die ihn geklaut hat«, bemerkte Bella leise.
   Für diese Bemerkung hätte sie wirklich einen Tritt in den Hintern verdient. Es war vollkommen egal, ob Mann oder Frau. Dass sie nun in der Patsche saßen, war viel besorgniserregender.
   Daryan wirkte besonnener. »Wann hast du gemerkt, dass er weg ist?«
   »Ich wollte saubere Kleidung aus dem Jeep holen und da lag er nicht mehr in der hintersten Transportkiste.«
   »Heute Nacht können wir sowieso nichts tun. Wir müssen den Terminal wiederbekommen, sonst fahren wir blind durch die Gegend.«
   »Was meinst du, warum mich das so aufregt?« Fahrig fuhr er sich über den kahlen Kopf. »Wer den Terminal auch geklaut hat, soll sich warm anziehen.«
   »Am besten reden wir morgen mit Liv.«
   »Was versprichst du dir davon?«
   »Sie kennt die Menschen im Lager. Vielleicht kann sie uns einen Tipp geben, wer scharf auf einen Terminal ist.«
   Fragend hob er die Augenbrauen. »Ernsthaft? Gerade Liv, die ihre Geheimnisse hütet wie eine Jungfrau ihre Jungfräulichkeit?«
   »Hast du einen besseren Vorschlag?«
   »Wir halten die Augen offen, jemand wird sich früher oder später auffällig verhalten.«
   »Das bringt uns den Terminal auch nicht zurück«, sagte Bella leise.
   Sein finsterer Blick schnellte zu ihr, sodass sie einige Schritte zurückwich. Es dauerte nicht mehr lange und er drehte ihr wirklich den Hals um.
   »Verschwinde am besten wieder in dein Zelt«, knurrte er, wobei sich seine Hand zur Faust ballte. Daryan legte ihre Hand auf seinen Arm. Die Berührung sorgte dafür, dass seine heftige Gefühlsregung einen Dämpfer bekam.
   »Geh schlafen, Bella«, sagte sie leise. »Morgen werden wir uns etwas überlegen.«

Kapitel 6

Daryan lag halb auf seinen Oberkörper, als er am nächsten Morgen erwachte. Ihm taten die Muskeln weh und er fühlte sich wie von einem Lkw überrollt.
   Vorsichtig schob er sie beiseite und setzte sich auf. Müde fuhr er über sein Gesicht. Die Nacht erschien ihm viel zu kurz, obwohl er noch ganz gut geschlafen hatte.
   »Auf, Shi«, flüsterte er und die Chimäre hob sogleich den Kopf. »Du musst doch sicher mal für kleine Wölfchen – ich ja. Kommst du mit?«
   Die Chimäre schüttelte sich, hockte sich erwartungsvoll hin und leckte sich über die Lefzen. Marc war klar, was Shi erwartete: Frischfleisch. Verdammt, für das Problem musste tatsächlich eine brauchbare Lösung her. Er zog sich schnell an und steckte die Chimäre in die Jackentasche. Bevor er ging, beugte er sich über Daryans schlafendes Gesicht und küsste zärtlich ihre Wange.
   »Bin gleich wieder da, mein Liebling«, flüsterte er.
   Als er aus dem Zelt trat, fröstelte er. »Verdammt, da friert man sich die Eier weg«, murmelte er und verschwand hinter dem Zelt, um sich zu erleichtern.
   Ein wenig vermisste er den wärmeren Süden – seine Höhle, seinen Garten, der bei dem südlichen, milden Klima immer die besten Sachen hervorbrachte. Das Wetter schien rauer zu werden, je näher sie in die nördlichen Regionen kamen und sie hatten schon eine beachtliche Strecke in Richtung Norden hinter sich.
   Die Einzigen, die schon auf den Beinen waren, waren Jack und Zoey, neben der Feuerstelle stapelten sie Holz auf.
   »Wir brauchen noch mehr Holz.« Die Frau starrte auf den kleinen Holzstapel. »Das wird nur fürs Frühstück reichen.«
   Jack bemerkte ihn als Erstes und grinste. »Ich weiß jemanden, der Holz hacken kann. Morgen, Marc.«
   »Morgen.«
   Wenn Jack meinte, er ließ sich zum Holzfäller degradieren, schnitt er sich gewaltig. Er hatte keine Lust darauf, dass Shi in der Innentasche sein Geschäft erledigte.
   »Würdest du für uns Holz hacken gehen?« Jack hielt ihm bereits eine Axt entgegen.
   »Sehe ich so bescheuert aus?«
   Jack ließ die Axt sinken. »Hör zu, Jamie und ich gehen gleich auf Patrouille. Robert und Zoey müssen die Tierfallen kontrollieren, damit wir was zu essen bekommen. Also bleibst nur du übrig, der das Holz zerkleinern kann. Oder willst du eine der Frauen losschicken?«
   Aus seinem Mund drang ein missmutiger Laut, als er die Axt entgegennahm. »Wo muss ich hin?«
   Der Mann wies in Richtung Wald, der sich hinter dem Lager erstreckte. »Gleich hinter der kleinen Anhöhe.«
   Okay, dann konnte er Shi wenigstens aus der Tasche lassen, damit er sich erleichterte. Wie würde Daryan anmerken: Sich integrieren, der Gruppe anpassen? Womöglich hätte sie sogar recht. Leise seufzte er und ging Richtung Wald.

Wie ein Berserker hackte er die Holzklötze in kleine Stücke. Er wollte so schnell wie möglich fertig werden. Es gab wichtigere Dinge, als sich mit Holzhacken zu beschäftigen. Shi schnüffelte die Umgebung ab und hinterließ an fast jedem Baum seine Duftmarke. In der freien Natur schien er sich sichtlich wohler zu fühlen, als in einem HSU-Wohnkomplex.
   »Bei Gelegenheit muss ich Daryan unbedingt fragen, wo du in der Zone dein Geschäft erledigt hast.« Er grinste. »Oder hast du das Klo benutzt?«
   Die Chimäre schnaubte und hob demonstrativ das Bein an dem nächsten Baum. Marc entledigte sich der Jacke und legte sie auf den Boden. »Du wirst nach deiner Pinkelorgie sofort in die Tasche verschwinden. Sonst gibt’s für dich kein Frühstück.«
   Shi hockte sich mit dem Rücken zu ihm und tat so, als ob er nichts hörte. Leise lachte Marc. »Du hast schon verstanden, mein Freund. Wir müssen dich erst mal verstecken.«
   »Darf ich dir Gesellschaft leisten?«
   Jemand kam die kleine Anhöhe hinauf, es war Liv. Shi verschwand sogleich in der Jacke. Ein leises Knurren war zu hören, das sofort verstummte, als er der Chimäre ein schnelles Handzeichen gab.
   Ehrlich, er verzichtete liebend gern auf ihre Gesellschaft.
   Flüchtig sah er über die Schulter. »Kannst auch gleich wieder gehen«, murmelte er und hackte weiter auf das Holz ein.
   Auf Freundlichkeit verspürte er keine Lust. Liv setzte sich auf einen umgestürzten Baumstamm und schlug die langen Beine übereinander. Offensichtlich hatte sie vor, länger zu bleiben. Wenn sie schon mal hier war, konnte sie ihm einige Fragen beantworten.
   »Weißt du, was mich nicht loslässt?«, fragte sie.
   Sein Interesse weckte sie mit der Frage nicht. Schweigsam hackte er weiter.
   »Weshalb ihr mit einem Gardejeep unterwegs seid. Nicht mal wir hatten damals Jeeps zur Verfügung. Die standen gut verschlossen in der Tiefgarage, während draußen Chaos herrschte.«
   Er hielt inne mit dem Holzhacken und drehte sich um. Liv lächelte, ihre Augen schimmerten, wie bei einer Raubkatze kurz vor dem Beutefang.
   »Woher besitzt ihr Waffen, die es vor der Epidemie gab?«
   Sie leckte sich geschwind über die Lippen. »Wie hast du doch so schön gesagt? Ihr gehört nicht zum inneren Kreis?«
   »Und du gehörst nicht zu unserem inneren Kreis. Somit alles klar?«
   Sie nickte und stand auf. »Deutlicher konntest du es nicht sagen.«
   Er drehte sich zum Holzklotz zurück. Die Axt sauste nieder. Das Holz krachte auseinander und flog haarscharf an ihrem Fuß vorbei. Aus den Augenwinkeln sah er, wie sie sich an einen gegenüberliegenden Baumstamm lehnte.
   Verdammt, was wollte sie hier? Er wurde das Gefühl nicht los, dass die Frau etwas ganz Besonderes auf dem Herzen hatte. Flüchtig sah er auf, ihr Kopf neigte sich leicht zur Seite, während sie ihn unverschämt musterte. Er stellte sich vor, was ihr durch den Kopf schoss. Sie sollte ihm nicht zu nah kommen.
   »Was willst du?«, fragte er ruppig, während er die Axt sinken ließ.
   »Du magst mich nicht, habe ich recht?«
   Die Frage überraschte ihn. Weshalb interessierte sie es, ob er sie mochte oder nicht? Das stand nicht zur Debatte. Über die Frage der Sympathie hatte er noch nicht ausgiebig nachgedacht und er fing auch nicht damit an. Er traute ihr nicht und das reichte.
   »Hast du keine anderen Sorgen?« Nur verächtlich genug klingen, so erkannte sie hoffentlich, dass sie ihm am Hintern vorbeiging – wie alle Menschen im Lager.
   Liv stieß sich vom Baumstamm ab und kam auf ihn zu. Er trat einen Schritt zurück.
   »Was willst du?« Seine Stimme klang drohend. Sie blieb sofort stehen, offenbar lag auch genug Drohung in seinem Blick.
   »Ich habe über eure ungewöhnliche Anatomie nachgedacht.«
   Aha, sie hatte also doch darüber gegrübelt. »Zu welchem Ergebnis bist du gekommen?«
   »Ich weiß, wer du bist, Marc P. McBride«, hauchte sie.
   Das haute ihn für eine Sekunde aus den Socken. Er ließ sich die Überraschung jedoch nicht anmerken. »Woher kennst du meinen vollen Namen?«
   Lächelnd zuckte sie die Achseln. »Jeder kennt den legendären McBride, der der HSU mehr als einmal ans Bein gepinkelt hat.«
   Das kaufte er ihr keineswegs ab. Er war Realist genug, um zu wissen, dass die Frau möglicherweise ein falsches Spiel spielte. Was wusste sie schon von ihm? Nichts! Sie sollte sich nicht einfallen lassen, über ihn zu urteilen. Dazu hatte sie kein Recht.
   »Ich halte mich nicht für legendär.« Er hob die Axt und haute sie in dem Klotz fest. »Woher weißt du so genau, wer ich bin?«
   »Wer ein HSU-Labor in die Luft sprengt, bleibt nicht lange unbekannt. Ich wusste zwar nicht, wie du aussiehst, aber nach einiger Überlegung war es mehr als klar, wer du bist.«
   Ihre Erklärung war nicht wirklich logisch. Sollte sie ihn ruhig verpfeifen, er würde die HSU-Lakaien würdig empfangen.
   »Aha, und weiter?«
   »Die HSU war mein Arbeitgeber.«
   Wieso überraschte ihn das nicht? Sein Instinkt mahnte ihn dennoch zur Vorsicht. »Du bist HSU-Wissenschaftlerin?«
   »War, um es korrekt zu formulieren. Botanikerin, aber mehr der Biowissenschaft. Ich war für die Gewinnung der Pflanzeninhaltsstoffe zuständig, der Isolierung und Herstellung von entsprechenden Wirkstoffen für medizinische Zwecke.«
   Er versuchte den Teilnahmslosen zu mimen, doch die Frau machte es ihm wahrlich schwer, seine Neugier zu zügeln. »Du hast also das Essen und die Pflanzen geklont?«
   In ihrem Blick lag eine gewisse Schärfe. »Ich habe nichts geklont. Meine Forschungen waren natürlichen Ursprungs.«
   »Sonst noch was?«
   »Du bist Virologe und Biologe. Diese Kombination finde ich äußerst interessant. Du verfügst über ein enormes Wissen über biologische Waffen und todbringende Viren. Wonach seid ihr auf der Suche?«
   Nun wurde er vorsichtig. Was sie ihm damit auch sagen wollte, seine Neugier hielt er äußerlich lieber an der kurzen Leine. Die Frau war gut über ihn informiert.
   Marc führte das auf ihre Laufbahn als HSU-Wissenschaftlerin zurück. Die Union musste Unmengen von Daten gesammelt haben.
   Er verfügte über eine gewisse Kenntnis über biologische Waffen und Viren, das brauchte sie jedoch nicht zu interessieren. Sein halbes Leben hatte er sich der Wissenschaft verschrieben, um den virulenten Bastard von vorn bis hinten zu studieren. Manchmal glaubte Marc, dass er jedoch nur einen Bruchteil von dem wusste, was den H4 ausmachte.
   Er verzog die Augen zu schmalen Schlitzen. »Das ist privat und geht nur meine Frau und mich etwas an.«
   Auf Livs Gesicht lag ein spekulierender Ausdruck. »Um es auf den Punkt zu bringen, Marc, ich vermute, dass ihr H4-Träger seid.«
   Keine Überraschung. Immerhin hatte er mit seinem Auftritt für genug Zündstoff gesorgt. »Was bringt dich zu der Annahme?«
   Fragend hob sie die Augenbrauen. »Die Frage meinst du nicht ernst?«
   Nein, die meinte er auch nicht ernst, es ging ihm nur darum, Zeit zum Überlegen zu gewinnen. Erst mit Daryan darüber zu reden, ob es sinnvoll wäre, sich öffentlich als H4-Träger zu outen.
   »Eure ungewöhnliche Anatomie hat mich darauf gebracht«, fügte Liv hinzu.
   Nun blieb die Frage, woher sie so gut darüber Bescheid wusste? Diese Frage würde er sich jedoch für später aufheben.
   »Auch wenn wir H4-Träger wären, was willst du mit dem Wissen bezwecken?«
   Liv lächelte. »Bezwecken? Nichts. Ich leugne nicht, dass du mich wahnsinnig interessierst. Du kannst dich wirklich sehen lassen.«
   O Mann, das durfte nicht wahr sein. Baggerte sie ihn tatsächlich an? »Ich hege an dir kein Interesse. Ich habe eine Frau, die ich zufälligerweise liebe.«
   »Ich habe euch vergangene Nacht gehört. Sehr heiß.«
   Na super, das hatte sie womöglich spitz gemacht.
   »Lass mich raten, du hörst anderen gern beim Vögeln zu.« Ein fieses Grinsen breitete sich auf seinen Lippen aus. »Verflucht, du musst es echt nötig haben. Du könnest mir verraten, wer heute Nacht unseren Terminal geklaut hat.«
   Über Livs Gesicht huschte Überraschung. »Euren Terminal? Woher soll ich das wissen?«
   »Wenn du uns schon zuhörst, wirst du doch sicher auch mitbekommen haben, wer sich an Bellas Jeep zu schaffen gemacht hat.«
   »Nein, ich weiß …«
   Die plötzliche Wut packte ihn, seine Hand schoss so schnell vor, dass aus Livs Mund ein erschrockenes Quieken drang. Seine Finger bohrten sich in ihren Unterarm, er wusste, er tat ihr weh.
   »Spiel kein falsches Spiel mit uns, Liv, es bekommt dir nicht gut«, drohte er. »Da du weißt, wer ich bin, wirst du auch wissen, zu was ich fähig bin.«
   Wenn die Schnalle Spielchen spielte, sollte sie sich gefälligst darauf einstellen, dass das Ergebnis nicht positiv für sie ausfiel. Er meinte, Furcht in ihren Augen zu sehen.
   »Ich weiß wirklich nicht, wer ihn hat«, stieß sie keuchend hervor.
   Abrupt ließ er ihren Arm los. Liv taumelte zurück, auf der Haut prangte sein Handabdruck. Es tat ihm nicht leid.
   »Finde ich etwas anderes heraus, zieh dich warm an. Wenn du gehst, nimm schon mal ein paar Scheite mit.«
   Er nahm die Axt zur Hand. Liv verstand den Wink. Sie sah wütend aus, als sie ein paar Hölzer einsammelte. Gut so, endlich haute sie ab. Er warf einen Blick zu seiner Jacke. Shi hatte den Kopf herausgestreckt und fixierte ihn wachsam.
   Marc grinste. »Schau nicht so mürrisch, ich habe alles im Griff.«

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