Das Leben der siebzehnjährigen Lia ändert sich schlagartig, als sie zur Rivalin aktiviert wird. Da Rivalen wie Magnete auf Kreaturen namens Roumen wirken, bleibt Lia keine Wahl, als zu jagen. Schon bald verfällt sie dem Jagdrausch. Immer stärker fühlt sie sich zu dem geheimnisvollen Dorian hingezogen, was für Gefühlschaos sorgt, weil sie endlich mit ihrer großen Liebe zusammengekommen ist. Kaum hat sie ihre Gefühle in den Griff bekommen, wirft ein Todesfall im Freundeskreis sie aus der Bahn. Lia fasst den Entschluss, mit Dorian und anderen Rivalen den gerissenen Anführer der Roumen zu töten und somit die Züchtung weiterer Roumen zu stoppen. Wenige Tage vor der letzten Schlacht kommt sie hinter Dorians Geheimnis und erfährt Dinge, von denen sie lieber niemals etwas gehört hätte ...

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ISBN: 978-9963-53-396-1

Seiten: 368

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C. Carelly

C. Carelly
C. Carellys Motto lautet: inspirieren, motivieren, kreieren. Sie hat an der Universität Konstanz Soziologie studiert und verließ den Bodenseeraum nach dem erfolgreichen Abschluss. Ihre erste Veröffentlichung im Bookshouse Verlag ist die Urban-Fantasy-Trilogie „Stadtrivalen“, die 2018 mit dem letzten Band abgeschlossen worden ist. Die Autorin mit dem Pseudonym Carolina Carelly lebt mit ihrem Partner in München. Sie liebt guten Cappuccino, Spaziergänge und Sonnenbaden … und Katzen. www.carelly.de

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“



1

Es ging hier nicht etwa um neue Schuhe oder um ein Auto. Hier ging es um die Zukunft meiner Schwester. Wen wunderte es also, dass ich eben am Telefon laut geworden war?
   Gestern hatte meine Schwester Melissa die Bombe platzen lassen. »Wir werden heiraten«, verkündete sie am Esstisch und drückte Benedikts Hand.AC
   Melissas Worte waren zu mir durchgedrungen, aber realisiert hatte ich sie nicht. Anstatt irgendetwas zu sagen, starrte ich Mama an. Mama wollte die Salatschüssel abstellen, verharrte jedoch in der Bewegung. Wie in einer Art Paralyse nahm ich jede Veränderung ihres Gesichts wahr; wie Glanz in ihre Augen trat, sich die Mundwinkel nach oben zogen und ihre Wangen anfingen, wie die eines Mädchens zu glühen. Mit einem strahlenden Lächeln drückte sie meine Schwester und Benedikt an sich. Als alle Blicke auf mich gerichtet wurden, krächzte ich ein »Herzlichen Glückwunsch« und versuchte zu lächeln. Ich schluckte den Kloß hinunter, der sich gebildet hatte.
   Ihre Stimmen erreichten mich nur als ferne Klangkulisse, während ich mein Kartoffelpüree von einer Tellerseite auf die andere schob und vor mich hinstarrte. Mir gingen permanent dieselben Gedanken durch den Kopf: Meine Schwester würde bald ausziehen. Sie würde nicht mehr in mein Zimmer stürmen, um mir zu erzählen, wohin Benedikt und sie am Abend zuvor gegangen waren und was sie erlebt hatten. Sie würde mich nicht mehr fragen, ob sie meinen Lidschatten benutzen durfte oder ob ich mir ein Top oder eine Jeans von ihr leihen wollte. Gemeinsame DVD-Abende mit Mama und Melissa würden selten oder gar nicht mehr stattfinden, steckte Melissa erst in der Knechtschaft, die die Gesellschaft als Ehe bezeichnete.
   Hinter mir klingelte jemand und rief mich zurück in das Hier und Jetzt. Der Radfahrer überholte mich. Anstatt zur Seite zu gehen, blieb ich weiterhin auf der Straße. Für gewöhnlich herrschte im Park um neun Uhr morgens kaum Verkehr, egal, ob auf dem Feldweg oder auf dem Asphalt.
   Sie meldete sich nicht. Ich hatte sie vor einer halben Stunde angerufen. Mitten im Gespräch hatte Melissa aufgelegt. Normalerweise blieb sie so lange in der Leitung, bis wir eine Lösung oder einen Kompromiss gefunden hatten. – Ach, wieso machte ich mir Sorgen? Mels brach zuerst das Eis zwischen uns, auch wenn ich und nicht sie etwas wiedergutzumachen hatte.
   Doch mein Smartphone schwieg.
   Um auf andere Gedanken zu kommen, schaute ich mich um. Abgesehen von drei joggenden Frauen schlenderte ich so gut wie allein durch den Park. Die Natur erlebte Ende August ihren Höhepunkt. Im üppigen Grasteppich reckten Kamillen ihre von zarten Blättern umkranzten gelben Köpfchen der Sonne entgegen. Stolz ragten meterhohe Bäume in die Höhe und breiteten ihre Äste weit aus, um sich in ihrer ganzen Größe und Pracht zu präsentieren.
   Wieder starrte ich auf mein Smartphone. Keine SMS. Ich wählte ihre Nummer.
   »Ja?« Knapp und gereizt.
   »Es tut mir leid, dass ich vorhin überreagiert habe.«
   Schweigen.
   »Ich freue mich für euch, Mels.« Heute fiel es mir einfacher, diesen Satz über die Lippen zu bringen, selbst wenn er nicht absoluter Überzeugung entsprang. Der Folgende hingegen schon. »Benedikt und du, ihr habt euch gefunden. Was gibt es Schöneres als einen Seelenpartner? Wer dir viel bedeutet, den schätze ich genauso wie du.«
   »Danke, Lia. Es freut mich, dass du so denkst.« Ihre Stimme klang versöhnlich.
   Mir war klar, dass ich lieber hätte schweigen sollen, nachdem ich sie besänftigt hatte. Dennoch konnte ich nicht anders. Die Worte sprudelten aus mir heraus. »Willst du dich in dem Alter schon auf einen einzigen Mann festlegen?«
   »Wie ich bereits sagte«, entgegnete sie gereizt, »ich bin so weit. Und Benedikt ist der Einzige, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen möchte.«
   »Bist du allen Ernstes bereit für die Ehe? Du bist erst zwanzig.«
   »Und damit drei Jahre älter als du«, hielt sie dagegen. »Wieso glaubst du, mich belehren zu können?«
   Ich schnappte nach Luft. »Nur weil ich jünger bin, habe ich nicht den Hauch einer Ahnung vom Leben?«, empörte ich mich. »Hast du etwa im Gegensatz zu mir genug von der Welt gesehen, genug erlebt und durchgemacht?«
   Durch die Klubs zu ziehen, Ausflüge in andere Städte zu unternehmen und ein paar Urlaubswochen in diversen Hotels in Europa machten aus ihr keine welterfahrene Frau.
   »Fang nicht schon wieder damit an«, ermahnte sie mich.
   »Ich mache mir Sorgen um dich. Die meisten Ehen heutzutage halten einfach nicht.«
   »Wie viele Scheidungspaare kennst du denn?«, fragte sie pikiert.
   Ich wollte sieben Mitschüler aufzählen, deren Eltern von nun an getrennte Wege gingen, doch Melissa ließ mich nicht zu Wort kommen. Stattdessen riss sie eine alte Wunde auf.
   »Du denkst an Mama und Papa, richtig?«
   »Wie kommst du denn jetzt darauf?«
   »Ich weiß, dass der Schmerz tief sitzt«, fuhr sie fort.
   »Melissa …«, wandte ich ein. Mein Magen zog sich zusammen.
   »Mich hat es genauso aus der Bahn geworfen, als Papa verkündet hatte, er ziehe aus.«
   Ich verlangsamte mein Tempo. Als Vater vor etwa sechs Jahren eine Jüngere kennengelernt hatte, hatte er nicht nur Mama, sondern auch uns durch eine neue Familie ersetzt.
   »Mit ihm hat es nichts zu tun.« Meine Stimme tönte schroffer, als ich beabsichtigt hatte.
   »Nur weil sich Papa scheiden ließ, heißt es nicht, dass mir zwangsweise dasselbe blüht.«
   »Das habe ich nicht behauptet«, stellte ich energisch klar. Mir lag auf der Zunge, dass Statistiken ein schlechtes Licht auf die Ehe warfen, und dass es sinnvoller wäre, erst ein paar Jahre zusammenzuleben, ehe man sich für solch einen Schritt entschied.
   »Bisher hast du mir kein einziges Mal aufrichtig zu meinem Heiratsantrag gratuliert.« Bitterkeit schwang in ihrer Stimme mit.
   »Ich will nur nicht, dass du …«
   Meine Schwester ließ mich nicht ausreden. Ein weiteres Mal beendete sie das Gespräch. Wütend ballte ich die Hände zu Fäusten. Verstand sie denn nicht, dass ich Angst hatte, sie könnte verletzt werden? Auch wenn Benedikt einen anständigen Eindruck erweckte, so garantierte niemand, dass er bei Melissa blieb, bis dass der Tod sie schied.
   Schnaubend marschierte ich los.
   Etwas Großes und Helles tauchte vor mir auf, weswegen ich abrupt stoppte. In der Sekunde, in der ich zur Seite treten wollte, pressten sich Lippen auf die meinen. Sie waren hart und kalt, als küsste mich ein Schaufenstermannequin. Weit riss ich die Augen auf. Im nächsten Moment stieß ich den Fremden von mir.
   »Wir hatten noch nicht mal ein Date«, rief ich erzürnt.
   Zahllose Schimpfwörter brannten darauf, in einer Wortsalve auf den Perversen abgefeuert zu werden, der mir aufgelauert hatte. Als ich jedoch den Blick hob, brachte ich keinen Ton heraus.
   Die Kreatur, die vor mir stand, war weder ein Mann noch eine Frau. Stämmige Beine trugen einen Oberkörper, der so breit war, als hätte jemand die Arme des Wesens am Bauch oder Rücken festgebunden und mit einer milchigen Haut überzogen. Allerdings sorgten weniger der Unterkörper ohne Geschlechtsteile oder der anormale Oberkörper dafür, dass mein Herzschlag für einen Moment aussetzte, sondern der Kopf des Geschöpfs. Denn er sah aus, als hätte jemand die grobe Form ins Holz geschnitzt; die Wangenknochen waren herausgearbeitet, leichte Ausbuchtungen deuteten Lippen an. Eine Nase besaß das Wesen allerdings nicht. Davon abgesehen war dort, wo sich bei den Menschen Augäpfel befanden, die Haut so straff gespannt, als hätte der Erschaffer der Kreatur keine Augen verpassen wollen.
   Schockiert trat ich einen Schritt zurück. Da schoss das Wesen auf mich zu und presste seine Lippen auf meine Wange. Seltsame Kälte ging von ihnen aus. Erst breitete sich ein leichtes Stechen in meiner Wange aus, dann wurde sie taub. Nach und nach kühlte jeder Zentimeter meines Gesichts ab. Ich stemmte die Hände gegen seinen Brustkorb. Die Kraft wich aus meinen Armen. Panik ergriff von mir Besitz.
   Komm schon, Lia. Wehr dich!
   Wut und Entsetzen durchströmten mich und schenkten mir den notwendigen Energieschub. Ich donnerte meine Fäuste gegen seine Brust. Schon geriet das Wesen ins Wanken.
   In meiner Körpermitte entfachte ein Feuer. Seine Flammen bahnten sich ihren Weg durch meine Innereien und stauten sich in meinen Muskeln. Die gewaltige Kraft verlangte, entladen zu werden. Als sich das Wesen erneut auf mich stürzte, versetzte ich ihm einen weiteren Stoß. Dieses Mal schossen vielfarbige Wellen aus meinem Körper und erfassten meinen Angreifer.
   Das Wesen stürzte zu Boden. Von Krämpfen geschüttelt, rollte es von einer Seite zur anderen. Einen Moment lang vergaß ich zu atmen, während mein Blick auf der Kreatur haftete. Schließlich blieb sie ruhig liegen. Etwas Leuchtendes verließ ihren Brustkorb. Es war, als ob das Licht eine feste Form angenommen hatte, damit sich Weiß, Gelb und Hellgrün miteinander verweben konnten, ohne ineinander überzugehen. Der Körper zerfiel zu Staub, der sich innerhalb von Sekunden auflöste, aber die Lichterscheinung blieb.
   Hinter mir vernahm ich hektische Schritte – so schnell, dass ich bezweifelte, sie könnten von einem Menschen stammen. Ich wollte mich umdrehen, doch das schöne Licht ließ mich einfach nicht los.
   »Pass auf! Hinter dir.«
   Ich riss den Kopf herum. Eine weitere bleiche Kreatur stampfte auf mich zu. Reflexartig machte ich einen Satz nach hinten. Meine Muskeln spannten sich an. Ich sah, wie ein junger Mann auf uns zurannte. Das Wesen bewegte sich in meine Richtung, woraufhin ich mehrere Schritte zurücktrat. Als der Mann zwischen uns trat, rammte er der Kreatur die Schulter in den Magen und riss das Wesen von den Beinen.
   Meine Kehle war wie ausgetrocknet. Während sich das Geschöpf vor Schmerz wand, fuhr ich herum. Durch meinen Kopf ging nur ein Gedanke: Weg, bloß weg von hier. Aber meine Beine waren so weich wie Schaumstoff.
   Ich versuchte, die Kontrolle über meinen Körper zurückzugewinnen. Es kam mir vor, als hätte die sonderbare Vorstellung, die ich vor Kurzem abgeliefert hatte, einen Großteil meiner Energie verzehrt.
   »Bist du okay?«
   Ich rollte herum und öffnete den Mund, um etwas zu erwidern. Als ich den Fremden ansah, kam jedoch kein Ton über meine Lippen. Auf einmal wurde mir heiß. Ein Blitz schoss durch das Zentrum des Körpers. Er tat nicht weh, sondern entfachte eine innere Hitze, die man spürte, wenn man einem sehr attraktiven Menschen begegnete. Das letzte Mal, das mir etwas Vergleichbares passiert war, war, als ich das erste Mal Sascha Bavar in der Schule gesehen hatte.
   Seine Gesichtszüge waren männlich kantig wie die eines Mannes von Anfang zwanzig. Ich blickte in warme braune Augen. Mir fiel auf, dass die Nase des Mannes einen kleinen Knick hatte, als wäre sie einst gebrochen worden.
   Er studierte mein Gesicht, als wollte er sichergehen, dass ich nicht verletzt war. Erneut wiederholte er seine Frage.
   Endlich hatte ich meine Stimme wiedergefunden. »Mir fehlt nichts.«
   Er warf sein gelocktes schwarzes Haar über die Schulter, reichte mir die Hand und half mir auf die Beine. »Mein Name ist Dorian Sander.«
   »Lia Galdini.«
   »Siehst du die Energie?« Damit deutete er auf das außergewöhnliche Lichtspiel, das den beiden Kreaturen gehört hatte. Von ihnen war nichts mehr übrig geblieben, doch das Licht schwebte nach wie vor über dem Asphalt, wo die Gestalten gestorben waren. »Wir nennen sie Aelumina – eine Zusammensetzung der lateinischen Wörter aether und lumen, was Äther und Licht bedeutet. Nimm sie in dich auf, damit du dich energetisierst.«
   Ich zog meine Augenbrauen zusammen. »Was geht hier vor sich? Was hat mich eben attackiert? Woher kam es? Wieso hat es sich aufgelöst?«
   Auf einmal fing mein Herz an, wie wild gegen die Rippen zu hämmern. Mein Atem ging schnell und flach. Ich nahm Dorians Stimme nur gedämpft wahr. Wie unter einer Tauchglocke. Auf einmal hatte ich das Gefühl, dass das Blut in meine Beine stürzte. Mir wurde kurzzeitig schwarz vor Augen. Ich taumelte zur Seite. Dorian fing mich auf und geleitete mich sicher zum Bordstein, damit ich mich setzte.
   Nur langsam ließ das Summen in meinen Ohren nach. Zeitgleich gewann die Umgebung um mich herum an schärferen Konturen.
   Blinzelnd hob ich den Blick zu Dorian. »Was ist mit mir geschehen?«
   »Lia«, sagte er ernst. »Du wurdest von einem Roumin aktiviert. Von nun an bist du eine Rivalin.«
   Rivalin, Aelumina, Monster ohne Gesicht.
   Wieder sah ich dunkle Flecken. Mein Herzschlag beschleunigte sich.
   Rivalin um welches Objekt? Etwa jenes Licht, das Dorian als Energieträger bezeichnet hatte? Möglicherweise gab es Menschen, die so etwas Außergewöhnliches begehrten. In mir erweckte es jedoch nicht den Wunsch, es besitzen zu wollen.
   »Dir bleibt nicht viel Zeit. Lass nicht zu, dass die Aelumina verschwindet«, riet er mir.
   Auf wackligen Beinen erhob ich mich und starrte ins Leere. Das alles war so surreal. – Wie ein merkwürdiger Traum.
   »Wir müssen Sonja aufsuchen«, fuhr Dorian fort. »Da du noch nicht energetisiert worden bist, werden dich die Roumen jagen. Sobald ich die Aelumina eingesammelt habe, machen wir uns auf den Weg zu ihr.«
   Allmählich erwachte ich aus der Trance. Mein Brustkorb hob und senkte sich schneller. Ich musste fliehen, schoss mir durch den Kopf. Meine Beinmuskeln zuckten, als wollten sie signalisieren, dass sie einsatzbereit waren.
   Aus der Tasche zog Dorian etwas hervor, das wie ein Mineral aussah. Damit trat er zur Aelumina.
   Kaum hatte er mir den Rücken gekehrt, drehte ich um und fing an, in die entgegengesetzte Richtung zu laufen. Er rief mir hinterher, ich solle stehen bleiben.
   Ohne mich umzusehen, steuerte ich auf die Brücke zu. Schnaufend lief ich hinauf.
   Erst, nachdem ich sie überquert hatte, erlaubte ich mir, anzuhalten. Ich schwitzte. Mein Atem ging schnell. Mit der Hand beschattete ich meine Augen, als ich mich umsah. Dorian war mir nicht gefolgt.
   Nach allem, was ich eben gesehen und erlebt hatte, brannte ich darauf, mich jemandem anzuvertrauen. Da meine beste Freundin Cornelia, kurz Nel, mit ihren Eltern noch Afrika erkundete, suchte ich Melissa auf, auch wenn sie nicht gut auf mich zu sprechen war.
   Wie vermutet hielt sie sich bei Benedikt auf.
   »Sie ist im Wohnzimmer«, teilte mir Benedikt mit.
   Als ich in den Raum platzte, saß Melissa mit angezogenen Beinen auf dem Sofa. Ihr Blick verfinsterte sich, nachdem er dem meinen begegnet war. Sogleich erhob sie sich und trat dabei auf einen Stapel Hochzeitsmagazine, der zwischen getragenen Socken, zerknüllten Decken oder Kleidungsstücken und Pappkartons zerstreut lag.
   Vorsichtig bewegte ich mich durch die Landschaft voller Dinge und blieb in der Mitte des Raumes stehen, wo ich mir mit dem Fuß etwas Freiraum schaffte.
   »Du wirst nicht glauben, was mich gerade im Park geküsst hat«, fing ich an.
   Schon ergoss sich ein Wortschwall über meine Schwester. Ich erzählte Mels von den beiden Wesen, die Roumen genannt wurden, von der Energie, die durch meine Adern geflossen war, von einem Kunstwerk aus verschiedenfarbigem Licht und von Dorian, dem jungen Mann, der mir zu Hilfe geeilt war. Und während die Worte über meine Lippen kamen, formte Unglauben Melissas Züge.
   Ohne den Blick von mir abzuwenden, nestelte sie an ihrem blondierten Zopf, was sie zu tun pflegte, wenn ihr etwas nicht geheuer war.
   »Dann meinte Dorian, dass ich …«
   »Lia«, unterbrach sie mich. »Was soll das?«
   Fragend schaute ich sie an. Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte ich, dass Benedikt im Türrahmen lehnte. Dass er die ganze Zeit mitgehört hatte, war mir entgangen.
   »Wieso erzählst du mir so eine Geschichte? Ich verstehe nicht, was du damit bezweckst.« Melissa wanderte durch den Raum und gestikulierte mit den Händen.
   Ich riss die Arme hoch und hatte das Verlangen, ebenfalls im Raum auf und ab zu marschieren. Das waren Angewohnheiten, die wir von Vater, einem Halbitaliener, hatten. »Denkst du, ich hätte mir alles ausgedacht? Wieso sollte ich meine Schwester anlügen? Glaubst du etwa, ich tische dir Märchen auf, um vom Thema Hochzeit abzulenken?« Genauer gesagt, von der Meinungsverschiedenheit, die einen Keil zwischen uns getrieben hatte.
   Ich warf Benedikt einen Blick zu, den er richtig deutete, indem er sich verzog.
   »Als mir die Klassenleiterin eröffnet hat, dass ich die Siebte wiederholen muss, habe ich Mama angelogen. Dich aber nicht, Melissa.« Ich stemmte die Fäuste in die Hüften. »Du bist immer noch sauer. Deswegen willst du mir nicht glauben.«
   »Versetze dich in meine Lage.« Nun riss sie die Arme hoch. »Nachdem meine Schwester von der bevorstehenden Heirat erfahren hat, benimmt sie sich sonderbar!«
   »Damit hat es überhaupt nichts zu tun.«
   »Was ist ein Roumin? Wie konntest du es töten, ohne eine Waffe gebraucht zu haben? Hast du schon wieder zu viele PC-Spiele gespielt?«
   »Garantiert nicht«, knurrte ich. »Okay, wenn du mir nicht glauben willst – von mir aus.« Damit drehte ich mich um und stampfte aus dem Wohnzimmer.
   Melissa folgte mir in den Flur.
   »Wenn Mama es erfährt, wird sie so wie du reagieren. Sag also nichts«, murrte ich und schlüpfte in meine Sportschuhe. In mir kochte es, weshalb ich es vermied, sie anzusehen.
   Wortlos verließ ich die Wohnung und knallte die Tür hinter mir zu.
   Um den Kopf freizubekommen, fing ich an zu joggen. Da eine Temperatur wie im Backofen herrschte, wählte ich einen Feldweg. Über mir spendeten Bäume Schatten. Einem sogenannten Roumin würde ich hier wohl kaum begegnen, denn es war Mittag und viele Menschen nutzten die sonnigen Stunden, um Rad zu fahren oder zu spazieren.
   Die letzten fünfhundert Meter lief ich nicht mehr, denn mein Shirt war von Schweiß durchtränkt. Meine Haut brannte unter den aggressiven Sonnenstrahlen. Mir war, als durchquerte ich eine Wüste. Mit jeder Faser meines Körpers sehnte ich mich danach, in den See zu springen und unterzutauchen. Oder wenigstens eine kalte Coke zu trinken. Obwohl mich höchstens noch vierhundert Meter von unserer Küche und somit vom Kühlschrank trennten, kam mir der Weg extrem lang vor.
   Ich schleppte mich den Kiesweg entlang, vorbei an mannshohen Büschen, da traten sie mir in den Weg; breitschultrig, gesichtslos und kränklich blass, als hätten sie niemals die Sonne gesehen. Abrupt stoppte ich. Sie waren zu dritt, und alle drei überragten mich um mehr als einen Kopf.
   Meine schweißnassen Hände ballten sich zu Fäusten. Mit dem Ersten ihrer Art war ich zwar fertig geworden. Ob ich es jedoch mit mehreren gleichzeitig aufnehmen konnte, bezweifelte ich. Obwohl sie keine Arme hatten, um mich zu packen, bewegten sie sich rasch. Und ein einziger könnte vermutlich das Leben aus mir heraussaugen.
   Hektisch sah ich mich um. Mein Blick streifte eine Frau, die vor der nächsten Reihenhäuserkette wie versteinert dastand und in meine Richtung starrte.
   »Helfen Sie mir!«
   Kaum hatte sie die Worte verstanden, da stürmte sie ins Haus.
   Hinter mir raschelte das Gebüsch. Ich wirbelte herum und erblickte zwei weitere Roumen. Mein Adrenalinpegel wurde noch mehr in die Höhe getrieben. Schon stürzte sich der erste Roumin auf mich. Wie einen Boxsack stieß ich ihn weg. Als mich etwas von hinten streifte, wirbelte ich herum und trat dem Wesen gegen das Schienbein. Es torkelte ein paar Schritte zurück, doch dann steuerte es wieder auf mich zu. Instinktiv jagte ich ihm die Fäuste in den Brustkorb. Dabei verließ mich Energie, die in allen Regenbogenfarben glomm und die Luft flirren ließ.
   Die Roumen hatten mich von allen Seiten umzingelt. Als sie näher rückten, um mich einzuschließen, versetzte ich einem von ihnen einen Stoß. Unfreiwillig trat er mehrere Schritte zurück, rückte jedoch sofort wieder vor.
   Mit einem Mal war ich von lebendigen weißen Mauern umgeben. Ich versuchte, um mich zu schlagen –, vergeblich, denn sie standen so dicht bei mir, dass ich mich nicht rühren konnte. Auf einmal hatte ich das Gefühl, zu ersticken. Meiner Kehle entrann ein Schrei. Aber ich verstummte, als ich etwas Festes am Hinterkopf spürte. Dort begann meine Haut genauso zu kribbeln, wie vor ein paar Stunden, als mich der erste Roumin gewaltsam geküsst hatte. Die Kreaturen hatten sich überall festgesaugt, wohin sie gelangten. Mein Puls raste. Obwohl ich aus Platzmangel weder Arme noch Beine bewegen konnte, versuchte ich, mich von einer Seite zur anderen zu werfen. Die Kreaturen ließen sich nicht abschütteln.
   Ich spürte meine Glieder nicht. Meine Kraft schwand. Gerade, als ich mich der bevorstehenden Ohnmacht ergeben wollte, riss jemand eine Kreatur nach der anderen von mir. Dem letzten Roumin, der an meiner Schulter klebte, verpasste ich einen Tritt in den Magen. Mit knirschenden Zähnen versetzte ich ihm einen kräftigen Stoß, der mich zwar Kraft kostete, für ihn jedoch das Ende bedeutete.
   Jeder Atemzug fiel mir schwer. Ich torkelte rückwärts und drehte mich um. Aus irgendeinem Grund überraschte es mich nicht, Dorian zu sehen. Ich verfolgte, wie mein Retter die Roumen ins Jenseits schickte. Erst verpasste er einem einen Kinnhaken, dann riss er ihn mit einem Fausthieb von den Beinen. Die Energie, die Dorian mit jedem Schlag ausstieß, tötete den Roumin schließlich. Zurück blieben Staub sowie die in schillernden Farben leuchtende Energie. Nun schwebten drei Lichterscheinungen auf dem Gehweg und warteten darauf, eingesammelt zu werden. Eine davon hatte ich aus dem Roumin herausgeschlagen.
   Innerhalb weniger Sekunden hatte Dorian auch die anderen beiden besiegt. Sein Atem ging schwer, als er sich zu mir umdrehte. Schweiß glänzte auf seiner Stirn. Mit einer Handbewegung wischte er sich Strähnen aus dem Gesicht. Als er die Hand hob, blendete mich kurzzeitig das Licht, weil das Gold an seinem Ringfinger Sonnenlicht reflektiert hatte.
   »Danke«, sagte ich. Langsam ließ die Taubheit in den Gliedern nach. Die Sonne erwärmte meine erkaltete Haut.
   Dorians Lippen verzogen sich zu einem Lächeln.
   Natürlich konnte ich mich glücklich schätzen, dass er hier aufgetaucht war, als ich in Lebensgefahr geschwebt hatte. Dennoch beunruhigte es mich, dass er – ein Fremder – wie durch Zufall zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen war.
   »Normalerweise folge ich keinen Frauen, Lia«, erklärte er verlegen, als könnte er Gedanken lesen. »Ich habe dich im Park gesehen und musste eingreifen. Denn ich weiß, wie es ist, wenn man aktiviert wird und nicht begreift, was mit einem geschieht oder welche Konsequenzen so ein bedeutendes Ereignis haben wird.«
   Ich sagte, dass ich gedacht hatte, die beiden Roumen im Park seien die Ersten und Letzten ihrer Art gewesen. Damit, dass sie mich vor meiner Haustür am helllichten Tag abfingen, hatte ich nicht gerechnet.
   »Sobald ein Rivale durch einen Roumin aktiviert wird«, erklärte Dorian, »wird in ihm eine besondere Form von Energie freigesetzt. Eine Energie, die nicht in jedem Menschen schlummert. Trotzdem versuchen sie, jeden auszusaugen, der ihnen in die Fänge gerät.«
   Bei Aussaugen lief mir ein kalter Schauder über den Rücken. Dieses Wort genügte, damit ich erneut die frostigen Lippen der Wesen auf meiner Haut spürte.
   »Wieso tun sie das?«, fragte ich.
   »Jene Kraft, die sie den Menschen entziehen, verbrauchen sie, um zu überleben und um sich zu menschenähnlichen Wesen zu vervollständigen.«
   Damit sie Arme und ein richtiges Gesicht bilden konnten, ergänzte ich in Gedanken. Demzufolge war der Oberkörper deswegen so breit, weil die Arme aus der festen Masse erst nach einer Menge Energiezufuhr geformt wurden.
   »In erster Linie orientieren sie sich dank des Schallechos«, meinte Dorian auf meine Frage, wie sie blind durch die Welt tappten und dennoch Opfer fanden. »Aber auch die Haut ermöglicht ihnen, Veränderungen wahrzunehmen und Menschen zu erspüren.«
   Dorian trat in den Schatten, den die Büsche warfen. »Noch nicht energetisierte Rivalen sind für sie wie eine sprudelnde Quelle. Durch sie können sich die Roumen schneller entwickeln.«
   »Was bedeutet, dass ich mich schnell …« Das Wort klang komisch. »… energetisieren muss.«
   »Nimm die Aelumina in dich auf.«
   Ich kniete mich vor eine Lichterscheinung.
   »Berühre sie mit beiden Händen.«
   Zögernd streckte ich meine Finger nach ihr aus. Die Stränge aus strahlenden Farben wirkten zerbrechlich, weshalb ich damit rechnete, dass sie sich bei Kontakt mit etwas Organischem augenblicklich auflösten.
   Als meine Handflächen das Licht umfassten, hatte ich das Gefühl, dass es durch jede Pore in mich übertrat. Die Energie floss durch meine Arme in den Brustkorb, von wo sie sich in den Kopf und in den Unterleib ausbreitete. Fasziniert betrachtete ich meine Hände. Die Venen juckten, als wären Ameisen durch sie gewandert, doch ich fühlte mich so lebendig, als hätte mich ein Regenschauer überrascht.
   Dorian musste mich nicht auffordern, die restliche Aelumina aufzusammeln, denn ich gab meinem Verlangen nach. Nachdem auch die letzte verschwunden war, seufzte ich wohlig.
   »Lass uns verschwinden, bevor noch mehr Leute kommen.«
   Ich folgte Dorians Blick zum Reihenhaus, wo eine Frau aufgeregt in unsere Richtung zeigte, während sie auf zwei Männer einredete.
   Schnellen Schrittes verließen wir das Viertel. Dorian schlug erneut vor, Sonja aufzusuchen, eine Freundin, die mir bis zu einem gewissen Grad Schutz ermöglichen würde.
   »Wer zum Rivalen geworden ist, schließt sich anderen an«, sprach er, als wir die Straße überquerten. »Roumen können aktivierte Rivalen nicht so leicht besiegen, deshalb werden die Rivalen nicht mehr so oft angegriffen.«
   Auf einmal dämmerte es mir. »Deshalb berichteten die Medien in den letzten Monaten von rätselhaften Todesfällen. Vom Herzstillstand bei jungen Menschen, vom Organversagen.«
   »Natürlich gibt es keine neue Krankheit, von der das Fernsehen erzählt.«
   Mit diesem Satz bestätigte Dorian das, was ich vermutete. »Warum unternimmt der Staat nichts gegen diese Kreaturen?«
   »Das tut er. Es existiert eine besondere Einheit von Polizisten.« Dorian sah mich an. »Im Gegensatz zu denen, die Uniformen tragen, erkennt man die Sondertruppe nicht oder selten, weil sie in der Regel geheim operieren.«
   »Was ihnen die Möglichkeit gibt, zu beobachten und die Situation zu kontrollieren.«
   Er nickte, wies mich allerdings darauf hin, dass sie sich erst einmischten, sobald sie Zeugen wurden, wenn Roumen nach Opfern suchten.
   »Wann wurdest du aktiviert?«, interessierte es mich.
   »Vor rund anderthalb Monaten«, antwortete Dorian. Daraufhin erzählte er, dass er auf dem Weg von der Arbeit von zwei Roumen überrascht wurde. Er hatte keine Gelegenheit zu reagieren, als beide anfingen, an seinen Armen zu saugen.
   »Wenn energetisierte Rivalen Neulinge erkennen, überzeugen sie diese, sich ihnen anzuschließen. Jetzt denkst du sicher, sie handeln aus reiner Nächstenliebe.« Dorian lächelte. »In Wirklichkeit steckt viel mehr hinter der Verbindung. Da seit Kurzem Aktivierte Roumen anlocken, sind sie für Sammler herzlich willkommen. Neulinge, die sich Erfahrenen anschließen, erhalten Schutz und die Möglichkeit, sich zu energetisieren. Du siehst, von der Konstellation Aktivierter-Energetisierter profitieren alle Beteiligten.«
   »Besonders die Aelumina-Sucher.«
   »Die Aelumina der Roumen stärkt Neulinge. Wer genug davon aufnimmt, reagiert schneller, rennt schneller oder vermag, der Schwerkraft hin und wieder zu trotzen. Andere wiederum schlagen härter zu oder können Roumen töten, indem sie ihre Macht auf Gegenstände übertragen, mit denen sie angreifen.«
   »Wie praktisch. Dann muss man die ekligen Kreaturen nicht berühren.« Ich schüttelte mich.
   Wenn Dorian also der Meinung war, seine Freundin Sonja könnte mir helfen, weitere Begegnungen mit Roumen zu überleben, würde ich mich mit ihr anfreunden. Da es offenbar nötig war, würde ich so lange Aelumina sammeln, bis ich energetisiert wäre und die Roumen das Interesse an mir verloren.
   Wir verließen die belebte Straße und bogen in einen verkehrsberuhigten Bereich ab. Einen Moment lang gingen wir schweigend nebeneinander her. Schließlich drehte sich Dorian zu mir um und schenkte mir ein strahlendes Lächeln.
   »Übrigens, du hast dich heute sehr gut geschlagen, Lia.«
   »Danke«, murmelte ich verlegen.
   Dorians Lächeln hatte in meinem Inneren ein kleines Feuerwerk entzündet, aber eigentlich sollte ich viel cooler reagieren. Schließlich war er älter als ich und hatte mit seinem Lob bestimmt keinen Versuch gestartet, mit mir zu flirten. Denn ein Mann mit solch markanten Gesichtszügen, breiten Schultern, einem trainierten Brustkorb und einem schmalen Becken suchte sicherlich einen Vamp und keine durchschnittliche Jugendliche. Außerdem – und das war entscheidend – war er verheiratet, worauf mich der goldene Ring an seinem Finger hinwies.
   Vor einem zinnoberrot gestrichenen Haus hielten wir an.
   Dorian warf mir einen Seitenblick zu. »Vielleicht sollte ich erwähnen, dass ich mit Sonja eigentlich nicht so gut befreundet bin.«
   Aha. Warum rückte er jetzt mit der Wahrheit heraus? Damit ihm einige Peinlichkeiten erspart blieben?
   »Aber ich weiß, dass sie dir helfen kann, denn sie kennt viele Rivalen.« Dorian drückte den Knopf.
   Die Tür ging auf. Im Türrahmen erschien eine junge Frau. Ihr brünettes Haar, das um ein, zwei Nuancen dunkler als das meine war, war zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden. Auf dem Kopf ruhte eine Sonnenbrille. Zwei seitlich bis zum Kinn herabhängende Strähnen umrahmten ihr Gesicht. Sie überragte mich höchstens um einen halben Kopf, was nicht viel war, da ich selbst zu den kleinen Frauen zählte. Das Spaghettiträgershirt mit Batikmuster spannte sich um die beachtliche Oberweite. Ausgefranste Jeansshorts gaben den Blick frei auf gebräunte Beine.
   »Sonja Veltensen?«, fragte Dorian.
   Sie zog eine Braue hoch.
   »Dorian Sander«, stellte er sich vor. »Meine Freundin Lia ist heute aktiviert worden. Du hast uns im Park gesehen.«
   »Möglich. Und?« Sonja lehnte sich gegen den Türrahmen, stellte ein Bein vor das andere und verschränkte die Arme.
   »Ich bin, hm, war ein Freund von Sebastian.«
   »Dorian, richtig?« Sonjas Augen wurden zu Schlitzen. »Mein Freund hat dich mit keinem Wort erwähnt.«
   »Wir haben uns kennengelernt, kurz bevor …« Dorian senkte den Blick.
   Ihre rot geschminkten Lippen bewegten sich kaum, als sie Worte formten. »Ich jage und sammle nicht mehr«, stellte sie klar. »Bei mir seid ihr falsch.«
   Da fragte ich mich, was geschehen wäre, hätte Dorian nicht den zweiten Roumin besiegt, der mich von hinten angreifen wollte. Hätte sich Sonja eingemischt, nachdem sie gesehen hatte, wie mich der Roumin aussaugte? Ihre Gestik und ihre Mimik wiesen darauf hin, dass sie sich nicht um mein Schicksal scherte. Dorian war es sicher auch aufgefallen. Deshalb wunderte es mich, warum wir hier unsere Zeit vergeudeten.
   Als Sonja die Tür zu schließen beabsichtigte, wollte ich zu Dorian sagen: Was machen wir hier? Ich verzieh mich.
   »Sonja, bitte! Ohne dich droht ihr Gefahr.«
   Sonja zögerte, die Tür ins Schloss zu ziehen. Durch den Türspalt lugte sie hindurch.
   »Ich weiß, dass du eine der Besten bist. Deshalb sind wir zu dir gekommen«, redete Dorian auf sie ein.
   Ich schnalzte mit der Zunge. Wenn sie sich innerlich dagegen sträubte, dann wollte ich sie nicht zwingen, und ich erwartete von Dorian nicht, dass er sie überredete.
   »Nimm Lia unter deinen Schutz. Hilf ihr, sich zu energetisieren.«
   Es dauerte einen Moment, bis Sonja die Tür ganz öffnete und uns hereinbat. Obwohl ich spürte, dass ich nicht willkommen war, folgte ich Dorian ins Hausinnere. Ginge es nach mir, würde ich von Dorian lernen und mit ihm zusammen auf Rouminjagd gehen, aber er hatte sicherlich seine Gründe, warum er mir eine Kooperation nicht vorschlug.
   Sonja führte uns durch einen schmalen Flur, dessen Wände brombeerfarben waren. In einem leicht gelangweilten Ton teilte sie uns mit, dass sie die Wohnung mit zwei anderen Frauen teilte, von denen eine in Vollzeit arbeitete und die andere studierte.
   Viele Wohngemeinschaften, die ich besucht hatte, wirkten leicht heruntergekommen. Sie waren nachlässig gestrichen worden, Putz rieselte von der Decke, oder unzählige Flecken jeder Art ließen die wahre Farbe des Bodenteppichs nur erahnen. Sonjas WG jedoch war gepflegt.
   Aus dem Kühlschrank nahm sie Saft und holte Gläser. Dann bat sie uns ins Wohnzimmer.
   Um einen Glastisch gruppierten sich gepolsterte Stühle. Farblich harmonierten sie mit der cremefarben und weiß gestrichenen Wand, die geschwungene Wandtattoos zierten. Das breite Sofa vor dem Flachbildfernseher lud dazu ein, sich niederzulassen.
   Bevor Sonja uns anbieten konnte, Platz zu nehmen, hatte ich mich bereits hineinfallen lassen. Sie kommentierte mein Verhalten, indem sie eine Augenbraue um ein paar Millimeter hob. Dorian setzte sich auf das andere Ende des Sofas, während Sonja in der Nähe des Tisches stehen blieb. Wieder hatte sie die Arme vor der Brust gekreuzt.
   Ich füllte mein Glas mit Orangensaft und fing an, gierig zu trinken. Erst, nachdem ich beinah alles geleert hatte, stellte ich es ab. Mein Magen war so voll, dass ich zu sehen glaubte, wie er sich unter meinem lavendelfarbenen Shirt wölbte. Wohlig seufzend lehnte ich mich zurück und legte die Arme über dem Bauchnabel übereinander.
   »Was ist mit dir?«, fragte Sonja Dorian. »Wo sind deine Verbündeten?«
   »Mittlerweile gehöre ich keiner Gruppe mehr an.«
   Warum nicht?, wollte ich fragen. Allerdings tat ich es nicht, weil Sonja schwieg, als hielte sie es für verständlich, dass ein Mann in den Zwanzigern keinerlei Unterstützung bedurfte, nachdem er energetisiert worden war.
   Ein schlaksiger Jugendlicher trat ins Wohnzimmer. Ich vermutete, dass er jünger als ich war. Sonja stellte uns einander vor. Er hieß Jannes und nannte sich ebenfalls Rivale.
   »Rivale«, sprach ich langsam aus. »Hm …« Ich hatte das Gefühl, dass mir das Wort nicht schmecken würde, egal, wie oft ich es aussprach.
   In der Schule kursierten Gerüchte um die Veränderungen in unserer Stadt. Junge Menschen schlossen sich zu Banden zusammen, um andere zu bekriegen, und hin und wieder starb jemand an einer mysteriösen Krankheit. Meine Mitschüler vermuteten, dass sich die verfeindeten Gruppenmitglieder gegenseitig umbrachten und die Spuren gut zu verwischen wussten. Es hieß auch, dass Mörder ihr Unwesen trieben. Sie waren Mitglieder einer Gang und kleideten sich in Weiß, was rituellen Charakter hatte. Oder sie setzten auf diese Weise ein politisches Zeichen.
   Auf der anderen Seite raubten die regionalen Medien die Angst vor bedrohlichen Untergrundaktivitäten, indem sie darüber berichteten, wie stark die Gemeinschaft in unserer und einigen benachbarten Städten war. Bei uns fanden Straßenfeste und Veranstaltungen statt. Wenn ich mit meinen Freunden in einem Zelt feierte, kamen wir oft mit anderen Leuten ins Gespräch und fühlten uns schon nach wenigen Minuten wie Bekannte.
   Überhaupt fiel mir auf, dass die Feste in unserer Stadt die Menschen vereinten. Selbst wenn kein Alkohol im Spiel war wie zum Beispiel am Tag der Kulturbegegnungen. Unter den luftigen, bunten Schleiern, die sich über den Köpfen der Feiernden spannten, und um die mit Bändern geschmückten Laternen lachten Menschen miteinander, die sich überhaupt nicht kannten, und die Stadt wurde zu einem einzigen Dorf.
   Deshalb war es mir schon immer schwergefallen, an Gruppierungen zu glauben, die sich bekämpften. »Wieso werden die Menschen gerade in dieser Stadt aktiviert?«
   »Nicht nur hier«, stellte Jannis klar und setzte sich an den Tisch. Daraufhin fing er an, Städte im Umkreis von fünfzig Kilometern aufzuzählen, wo ebenfalls Rivalen lebten.
   »Okay«, räumte ich ein. In einem Zug leerte ich mein Glas. »Warum also hier und in der Umgebung?«
   »Wegen Ruven«, lautete Sonjas Antwort.
   Fragend sah ich sie an. Ich wartete auf weitere Erklärungen, doch Sonja schwieg.
   »Xaver Ruven«, begann Dorian, »hatte sein Leben der Esoterik verschrieben. Sein Geld verdiente er mit Reisen im In- und Ausland, wo er Vorträge über menschliche Energie hielt.«
   »Berühmt würde man ihn nicht nennen«, meldete sich Sonja überraschenderweise zu Wort. »Doch die Leute hörten ihm gern zu, wenn er lehrte, wie man Energie bündelte und sich von negativer befreite.«
   »Wahrscheinlich durch irgendwelche Übungen und Gedanken?«, bemerkte ich und konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.
   »Seine Freunde und Bekannten hatten seinen Hang zur Schwarzen Magie erkannt«, fuhr Dorian fort. »Allerdings wusste niemand, dass er die Energie der Menschen anzuzapfen und zu sammeln vermochte.«
   Ich lehnte mich vor. Meine Neugier war geweckt. »Wie?«
   »Möglicherweise durch Zaubersprüche?« Dorian stützte die Ellbogen auf die Oberschenkel.
   »Jene, die an Magie glauben und diese, hm, praktizieren, behaupten es zumindest«, ergänzte Sonja mit einem gelangweilten Blick.
   »Ruvens Nachbarn berichteten von violettem Polarlicht, das nachts in sein Zimmer zu fließen schien – schwach fluoreszierend und dennoch sichtbar«, setzte Dorian da an, wo er eben aufgehört hatte. »Vor vier Jahren gelang es Ruven schließlich, dem Menschen ähnelnde Kreaturen zu erschaffen. Als diese anfingen, nach Opfern zu suchen, wandten sich diejenigen, die die Attacke der Roumen überlebt hatten, an die Polizei, an Esoteriker und magisch Begabte – Magier. Letztere arbeiteten tagelang an einem Bannspruch, um die Roumen auszulöschen.«
   »So wurden wir zu dem, was wir heute sind: Bekämpfer der Roumen … und Rivalen um eine Energie nicht menschlicher Herkunft«, sagte Jannis abschließend.
   Ich schnalzte mit der Zunge. »Toller Bannspruch.«
   »Sie konnten nicht ahnen, welche Auswirkungen er haben würde«, meinte Dorian.
   Großartig! Und wir durften es ausbaden!
   »Was haben die Hexen mit Xaver Ruven angestellt?«, fragte ich.
   »Er war verschwunden«, gab Dorian zur Antwort.
   Als Dorian seine langen Beine ausstreckte und herzhaft gähnte, merkte ich, wie müde auch ich war. In meinem Kopf schwirrten Begriffe durcheinander. Vor meinem inneren Auge zogen Szenen wie in einem Zeitraffer vorbei; der erste Roumin, der mich aktivierte, mein Retter Dorian, weitere Roumen, die mich beinah getötet hatten, Sonja, Xaver Ruven, Hexer und Hexen, Rivalen … Skeptisch beäugte Sonja Dorian und fragte, woher er so viel wisse. Was er daraufhin antwortete, vernahm ich kaum, weil ich allmählich abdriftete. Da ich mich mit Mühe wach hielt, beschloss ich, aufzubrechen.
   Bevor ich Sonjas WG verließ, tauschten wir Nummern aus. Mein Herz machte einen kleinen Sprung, weil sich Dorian nicht nur Sonjas, sondern auch meine notierte. Hieß es, ich würde ihn bald wiedersehen, auch wenn er dafür gesorgt hatte, dass ich mich in Sonjas Obhut befand?
   Dorian, Sonja und ich verließen das Haus und gingen zur Haltestelle. Dorians Bus sollte fünf Minuten nach meinem da sein.
   »Komm morgen zu mir, sobald die Mittagshitze nachgelassen hat«, wies mich Sonja an. »Dann fangen wir an, genug Material zu sammeln, um dich zu energetisieren.«
   Schläfrig stieg ich in den Bus und nickte ein. Doch ich wachte rechtzeitig auf, um an der richtigen Haltestelle auszusteigen. Meine Gedanken drehten sich um die Roumen. Es war mir zu viel. Ich versuchte, alles zu verdrängen.
   Zu Abend aß ich nur wenig. Die Müdigkeit drohte, mich am Esstisch zu übermannen. Um mich abzulenken, erkundigte ich mich danach, was Mama heute im Büro erledigt und worüber sie sich wieder geärgert hatte. Aber Mama stand nur der Sinn danach, über Melissas Verlobung zu reden.
   Nachdem wir gegessen hatten, prüfte ich kurz meine Mails und wechselte meine Kleidung gegen einen Bademantel. Als ich aus meinem Zimmer trat, sah ich Melissa im Flur.
   »Wann bist du denn gekommen?«
   »Ist das wahr?« Ihre braunen Augen wirkten riesig. »Jemand hat dich gegen deinen Willen geküsst?«
   Sie redete leise, weil sie vermutlich vermeiden wollte, dass Mama davon Wind bekam. Dennoch glaubte ich, ihre Worte ertönten in jedem Raum.
    … gegen deinen Willen geküsst … Diese Worte hörte ich wieder und wieder in meinem Kopf. Wie in einer Endlosschleife. Ich senkte den Blick. Mir war, als ob sich Erbrochenes in meinem Hals staute. Die Hände ballte ich zu Fäusten. Meine Nägel bohrten sich in die Haut, während ich mich verkrampfte.
   »Es tut mir so leid«, brachte Melissa hervor und schloss mich in ihre Arme. Ich kämpfte gegen die Tränen an, die mir in die Augen stiegen. Blinzelte mehrmals. Konzentrierte mich auf die Abscheu, die ich den gierigen Wesen gegenüber empfand, die Körperkontakt gesucht hatten.
   »O Gott, Lia«, hauchte sie, nachdem sie mich losgelassen hatte.
   »Schon okay«, murmelte ich, »war nur ein langer Tag. Bin etwas k. o.«
   »Wenn du jemanden zum Reden brauchst …« Ihre Stimme stockte.
   Meine Lippen zitterten, als ich sie zum Lächeln verzog.

Rauschend schoss das Wasser aus dem Duschkopf. Ich schrubbte meine Haut mit einem Schwamm, bis sich die Arme und Beine rot färbten. Ich hielt den Duschkopf auf die untere Hälfte des Gesichts, um das Gefühl fremder Lippen auf den meinen zu betäuben.
   Jeden Zahnzwischenraum reinigte ich zweimal mit der Zahnseide. Anschließend spülte ich den Mund mit einer antibakteriellen Flüssigkeit.
   Als die Dunkelheit jeden Zentimeter meines Zimmers erobert hatte, lag ich im Bett, während Melissa auf meinem Sofa saß. Ich ließ den Tag Revue passieren, obwohl ich mich innerlich sträubte. Melissa hörte zu und streute ab und zu etwas ein. Als ich schließlich nicht mehr darüber reden wollte, war es, als hätte Mama Gedanken gelesen. Sie öffnete die Tür einen Spaltbreit, und schon flutete Licht ins Zimmer.
   »Warum sitzt ihr in der Finsternis? Worüber unterhaltet ihr euch?«
   »Über das Übliche«, antwortete Melissa.
   … gruslige Kreaturen, geheime Gruppierungen und Aelumina …
   »Jungs, Klamotten und den neuesten Tratsch«, meinte sie.
   Mama wünschte uns eine gute Nacht und süße Träume und schloss die Tür. Meine Augen brauchten einen Moment, um sich wieder an das Dunkel zu gewöhnen. Durch das weit aufgerissene Fenster hörte ich Grillen zirpen. Im Licht der Straßenlaternen sah ich, dass Melissa die Beine angezogen und die Arme um sie gelegt hatte.
   »Hör mal, Mels«, begann ich zögernd. »Tut mir leid, dass ich heute am Telefon ausgeflippt bin. Deine Eröffnung hat mich gestern aus der Bahn geworfen.«
   »Kann ich verstehen. Wenigstens hat Mama die Nachricht super aufgefasst.«
   »War es denn anders zu erwarten?« Ich lächelte. »Ihr habt feste Jobs. Außerdem wirst du zu Ben ziehen. Also braucht ihr euch wegen der Wohnungssuche keine Gedanken zu machen.«
   »Vorerst«, wandte sie ein.
   Selbstverständlich, dachte ich. Wer heiratete, plante auch, Kinder in die Welt zu setzen. »Wenn du dich danach sehnst, dein Leben an Benedikts Seite zu verbringen, dann stehe ich voll und ganz hinter dir.«
   »Heißt das, du hast deine Einstellung der Ehe gegenüber geändert?«
   Ich wich ihrer Frage aus. »Hast du schon mit Mona gesprochen?«
   »Nee«, sagte sie leise. »Egal. Sie kommt sowieso morgen.«
   Ich war gespannt auf die Reaktion unserer Großmutter. Von der Ehe hielt Mona wenig. Mit ihren vierundsechzig Jahren rühmte sie sich damit, drei Hochzeitsanträge bekommen und abgelehnt zu haben. Den ersten hatte sie mit achtzehn erhalten. Den zweiten Jahre später von meinem Großvater, den ich nie kennengelernt hatte. Ihre beiden Kinder, meine Mutter und meinen Onkel, hatte sie zwar mit der Hilfe des Kindsvaters großgezogen, hatte ihn jedoch nicht geheiratet. Meine Mutter war noch ein Teenager, als ihr Vater starb. Jahre später, nachdem Melissa auf die Welt gekommen war, hatte Großmutter einen neuen Lebensgefährten. Auch dieser wollte sich binden, doch sie sagte wieder Nein.
   Mehrmals hatte ich mich nach dem Grund erkundigt. Sie hatte mir allerdings nie geantwortet.
   Melissa stand auf. »Schlaf gut.«
   »Du auch.«
   Nachdem sie gegangen war, bettete ich meinen Kopf bequemer und seufzte zufrieden. Mama war in ihrem Schlafzimmer und meine Schwester schlief nebenan. In der ganzen Wohnung gab es nur uns drei. Ich fühlte mich wohl und geborgen …

Gegen zehn Uhr weckte mich das Gelächter von Kindern, die draußen spielten. Genüsslich streckte ich mich, lächelte und blickte zum Fenster hinaus. Träge zogen am Himmel ein paar Wolken vorbei, die gezupften Zuckerwattebauschen glichen. Wenn sie vor die Sonne traten, verloren die Schatten auf meinem Teppich ihre scharfen Konturen. Wieder ein Tag, der zum Baden einlud. Ob Melissa und Nel Lust hatten, zum See zu radeln?
   Kaum war ich aus dem Bett gesprungen und hatte nach dem BH gegriffen, brachen die Ereignisse des gestrigen Tages über mich herein. Mit einem Mal war mein Lächeln aus dem Gesicht gewischt. Mürrisch trottete ich ins Badezimmer.
   Während ich mein Haar entwirrte, besserte sich meine Laune. Worüber machte ich mir Sorgen? Wenn ich Dorians Rat befolgte und mit Sonjas Unterstützung genug Aelumina an mich riss, würde ich frei sein. Einfach würde es nicht werden, aber ich vertraute auf Sonja und ihre Verbündeten.
   Angelockt vom aromatischen Kaffeeduft schwebte ich in die Küche. Meine Schwester saß am Tisch. Ben hatte sich zu ihr hinab gebeugt und küsste sie.
   »Nehmt euch ein Zimmer.« Ich schnappte Melissa die Früchteschale vor der Nase weg.
   »Was soll das? Hast du einen Schimmer, wie lange ich das Obst klein geschnitten habe?«
   Aus der Schublade schnappte ich mir eine Gabel und leckte sie gründlich ab, ehe ich sie in die Schale steckte. Angeekelt verzog Melissa das Gesicht, während ich verschlagen grinste. Jetzt konnte ich die Schale abstellen, ohne befürchten zu müssen, meine Schwester würde sie mir abjagen.
   Ich holte mir einen Teller, Besteck und einen Joghurt. Prompt revanchierte sich Melissa, indem sie mir den Joghurtbecher und den Teelöffel wegnahm.
   »Seit wann bist du hier, Ben?« Ich setzte mich Melissa gegenüber.
   »Seit einer halben Stunde, schätze ich.« Er nahm Platz.
   Mit einem Zing spuckte der Toaster zwei knusprig gebräunte Brotscheiben aus. Als Melissa sie herausnahm, ermahnte sie mich, sie nicht von ihrem Teller zu klauen. Daraufhin erwiderte ich, sie müsse teilen. Wie ich es tat, wenn ich etwas Warmes zubereitete. Danach lechze sie immer, egal, was im Topf oder in der Pfanne sei, fügte ich hinzu.
   »Unterstellst du mir, ich könnte nicht kochen?«, fragte sie.
   Ich spießte ein Ananasstück und eine Bananenscheibe auf und führte sie zum Mund. »Wenn du Tütensuppe kochst, vergisst du häufig, dass der Inhalt ohne die Tüte in das Wasser gehört.«
   Bens Mundwinkel zuckten verdächtig. Doch der Überlebenswille zwang ihn, sich nicht anmerken zu lassen, dass er vor Lachen brüllen wollte.
   »Du doofe Nudel.« Über den Tisch hinweg warf Melissa mit dem Milchdeckel nach mir. Geschickt wich ich ihr aus.
   »So toll kochst du nun auch wieder nicht.«
   »Behaupte das mal, wenn du meine Lasagne isst. – Sobald sie zu futtern anfängt, ist sie in etwa so ansprechbar wie ein Löwe, der seine Beute zerfleischt. Wenn du nicht aufpasst, beißt sie dir einen Finger ab«, sagte ich an Ben gewandt.
   Ohne jede Vorwarnung traf mich ein Papierball. Kaum war er in meinem Schoß gelandet, feuerte ich ihn zurück.
   »Pass bloß auf, kleine Schwester! Ich bin stärker und größer als du.«
   »Erstens, wohl kaum«, entgegnete ich, während ich mein Brötchen bestrich. »Zweitens: nur dein Kopf im Verhältnis zum Körper.«
   Empört schnappte sie nach Luft. »Deine Füße sind gigantisch für jemanden deiner Größe.«
   Ich schnalzte mit der Zunge und beschloss, auf diese Provokation nicht einzugehen, sondern mein Essen zu genießen.
   »Melissa schwärmt von deinen Kuchen«, meinte Ben.
   In gespielter Verzückung legte ich die Hände an die Brust und klimperte mit den Wimpern. »Wer nicht? Immerhin kommen nur die besten Zutaten in den Backofen: feines Mehl, Eier von glücklichen Hühnern, sonnengereifte Kirschen oder Orangen und natürlich viel Liebe, mit der alles vermischt wird.«
   »Sowie eine Geheimzutat.« Melissa verdrehte die Augen. »Alle wissen, dass es ein Löffel Honig ist. Trotzdem will Lia nicht mit der Wahrheit herausrücken.«
   Während sie uns Kaffee einschenkte, steckte ich zwei Scheiben Brot in den Toaster. »Wollte Mona nicht gegen zwölf erscheinen?«
   »Mona besucht euch heute?« Bens Blick suchte den meiner Schwester. Täuschte ich mich, oder wirkte er alarmiert? Ich grinste.
   »Muss sie nicht arbeiten?«, fragte Melissa.
   Ich griff zum Telefon im Flur und wählte Monas Nummer. Sie stellte sich förmlich vor.
   »Bringst du Schattenmorellen mit, oder soll ich welche besorgen?«, fragte ich.
   »Wofür? Bis wann?«, erwiderte sie irritiert.
   »Na, gleich, wenn du kommst! Bist du nicht zu uns unterwegs?«
   »Was? – Oh.« Einen Moment lang sagte sie nichts. Gedämpft vernahm ich, wie sich jemand unterhielt. Ihr Festnetztelefon klingelte. Diesen nervigen Ton würde ich überall erkennen. Wie es schien, war sie im Büro.
   »Hast du vergessen, dass du dir heute einen Urlaubstag genommen hast?«
   »Hm«, brummte sie in den Hörer. Eine Weile lang schwieg sie. »Das erklärt, warum mich die Mitarbeiter heute so seltsam angestarrt haben. Wieso hat mir denn niemand etwas gesagt?«
   Stumm lachte ich. Weil sie Angst vor dir haben.
   »Noch zwei, drei Handgriffe, und ich komme.«

Zwei Stunden später standen Mona und ich in der Küche. Noch lange vor Monas Erscheinen hatte Ben das Weite gesucht. So wie es aussah, verfolgte Ben das Ziel, unserer Großmutter, der er bisher einmal begegnet war, bis zur Trauung aus dem Weg zu gehen. Melissa war mit ihm gefahren, hatte mir jedoch versprochen, pünktlich zum Essen wieder da zu sein. Typisch, dachte ich beim Aufschlagen der Eier. Wenn es um das Kochen ging, verzog sie sich. Wenn gegessen wurde, war sie eine der Ersten, die mit Löffel und Gabel in den Händen am Tisch saßen.
   »Gib mehr Mehl in die Schüssel«, wies mich Mona an.
   »Das reicht doch.«
   »Nein.« Zwischen ihren dünnen Augenbrauen zeichnete sich eine steile Falte ab.
   Ich tat wie geheißen.
   Ihre Pumps klackten auf dem Boden, als sie zum Schrank ging. Mein Blick schweifte über ihr Outfit. Als Leiterin einer Abteilung in einer mittelständischen Firma trug sie wie immer eine Bluse und einen dunklen Bleistiftrock. Den marineblauen Blazer hatte sie im Flur aufgehängt. Die Schürze mit der Aufschrift Gib dem Chefkoch ein Küsschen über ihrer Kleidung passte zu ihr in etwa genauso wie überdimensionale Clownschuhe zu einem Polizisten.
   »Ist sie schwanger?«, fragte Mona.
   »Nein.«
   »Wieso sonst hat sie seinen Antrag angenommen?« Mona schlug die Eier auf und gab sie in einen Becher. Mit der Messerspitze fischte sie ungeduldig Schalenscherben heraus. »Wieso sonst sollte sie sich freiwillig in solchen jungen Jahren binden?«
   Diese Frage hatte ich mir auch schon gestellt. Dennoch fühlte ich mich verpflichtet, meine Schwester zu verteidigen. »Melissa liebt Ben, und er liebt sie.«
   »Beide haben erst vor Kurzem ihre Ausbildungen abgeschlossen.«
   »Aber sie haben auch die Probezeit in ihren Firmen bestanden«, warf ich ein. »Außerdem warst du nur ein paar Jahre älter als Mels, als du Onkel Hannes auf die Welt gebracht hast.«
   »Das war etwas anderes«, wandte Mona ein. »Mein erstes Kind hat mich überrascht.«
   Doch Mama war geplant gewesen, wollte ich erwidern.
   »Trotzdem habe ich keinen Ring am Finger gebraucht.« Energisch griff Mona nach dem Mixer und fing an, die Menge in der Schüssel zu bearbeiten.
   Nach wenigen Minuten hatte sich die Mischung in eine weiche Masse verwandelt. Den Teig gab Mona in eine Backform und ich drückte vorsichtig Schattenmorellen ein. Kaum hatte sie ihn in den Ofen geschoben, griff sie zum Lappen, um die Arbeitsfläche zu säubern. Sogleich half ich mit.
   »Bevor Melissa heiratet und Kinder kriegt, sollte sie studieren, die Welt bereisen, oder zumindest mit vielen Männern ausgehen.«
   »Mit vielen?« Amüsiert hob ich die Augenbrauen.
   Mona schnalzte mit der Zunge. »Damit sie später nicht denkt, etwas verpasst zu haben.«
   Dachte Großmutter an meine Eltern? Immerhin hatten beide geheiratet, als sie etwa in Melissas Alter gewesen waren. Liebe hatte sie in die Kirche geführt, das Interesse meines Vaters an einer anderen Partnerin jedoch zum Scheidungsanwalt.
   »Mona, warum hast du nie geheiratet?«
   Mona drehte sich zu mir um und zuckte mit den Schultern. »Meine Eltern waren nie verheiratet. Sie lebten jahrzehntelang ohne Ring zusammen. Es hat funktioniert. Ohne Trauzeugen, ohne Papiere, ohne Gelübde. Und letzten Endes war es der Tod, der sie geschieden hatte. – Kein Gericht.«
   Eine Weile lang sah ich sie schweigend an.
   »Wenn Ben mich Großmutter nennt, dann wird er was erleben«, drohte sie.
   Ich schmunzelte.
   Obwohl unser Kuchen köstlich schmeckte, bekam ich kaum einen Bissen herunter. In Gedanken stand ich schon an Sonjas Seite und wartete, bis ein Roumin auftauchte. Mir war, als hüpfte mein Magen auf und ab. Bis zum Treffen mit Sonja blieben noch zwei Stunden. Schon bald müsste ich aufbrechen, um den Bus zu erwischen.
   Nur am Rande nahm ich wahr, wie Mona meine Schwester zu überzeugen versuchte, die standesamtliche Trauung so lange aufzuschieben wie möglich. Melissa war der Appetit vergangen. Wortlos stand sie auf, stellte ihren Teller und den Becher in das Spülbecken und verließ die Küche.
   »Herrje«, rief Mona aus. »Bei Ratschlägen schaltet sie auf stumm.«
   Das kam darauf an, wie sie vorgetragen wurden. Melissa beschwerte sich regelmäßig bei Mama und mir über den Ton, den Großmutter anschlug. Ich hingegen nahm es mir selten zu Herzen, wenn Mona aufbrauste, weil sie anderer Meinung als ich war.
   Nachdem sich Mona verabschiedet hatte, schlüpfte ich in ein kurzärmeliges Shirt und eine Dreiviertelhose. Beide garantierten mir genügend Bewegungsfreiheit, wenn ich kämpfen müsste. Kämpfen … Ich holte tief Luft.
   Sonja hatte mich in den Park bestellt. Dort wartete sie mit einem jungen Mann von etwa zwanzig Jahren auf mich beim Klettergerüst. Mein Blick glitt durch die Gegend. Ich wusste nicht, warum, doch ich hielt nach Dorian Ausschau. Mich durchzuckte Enttäuschung, weil er nicht da war.
   »Christopher Rester.« Sonja deutete auf den jungen Mann zu ihrer Rechten und schob die Sonnenbrille auf der Nase zurück.
   »Nenn mich Chris. Willkommen bei den Andersartigen.« Verschmitzt lächelte er.
   »Hi.« Mein Herz klopfte nach wie vor wie wild. Bevor ich Chris die Hand reichte, wischte ich sie an der Hose ab.
   »Nervös?«
   Ich blickte zu ihm hinauf. »O ja.«
   »Brauchst du nicht zu sein«, meinte Chris, als wir losgingen. »Auch wenn du allein bist, bleiben Sonja und ich in deiner Nähe.«
   Ich stoppte. Beide taten es mir gleich. Chris warf Sonja einen fragenden Blick zu. Ihr Gesichtsausdruck änderte sich nicht. Nach einer halben Ewigkeit deutete sie so etwas wie ein Schulterzucken an.
   »Offenbar hat Sonja es dir nicht erzählt«, sprach Chris, als wir den Gang fortsetzten. »Wir haben vor, dich als Köder einzusetzen.«
   »Allerdings werdet ihr mich aus einem sicheren Versteck heraus beobachten, richtig?«
   Daraufhin nickte er.
   »Sie spüren euch doch, weil ihr energetisiert seid!«
   »Stimmt, aber die Hitze lässt sie leiden und trübt ihr Urteilsvermögen«, erklärte Sonja mit monotoner Stimme. »Einem aktivierten Neuling können sie kaum widerstehen.«
   Wir hatten den Teil des Parks erreicht, den Sonja und Chris für mich vorgesehen hatten. Keine schlechte Wahl, dachte ich, als ich mich umsah. Über unseren Köpfen spannte sich ein grüner Baldachin. Bäume streckten ihre Äste in die Höhe und raubten allem, was mit ihnen von der Größe her nicht konkurrieren konnte, das Sonnenlicht.
   Ging man den Pfad entlang, führte er hinunter auf die asphaltierte Straße, auf der mich gestern der Roumin angegriffen hatte. Wich man jedoch vom Pfad ab, drohte die Gefahr, den Berg hinunterzufallen.
   Als Kinder hatten Nel und ich vorgehabt, hier Schlitten zu fahren. Doch das war verboten, denn die weiße Schneelandschaft täuschte nicht darüber hinweg, dass der Abhang steil und voller Gebüsche, abgebrochenem Geäst und jungen Bäumen war. Auch im Sommer würde ich mich nicht hinuntertrauen. Erst recht nicht, nachdem sich herausgestellt hatte, dass unter dem Grün etwas Unmenschliches lauerte.
   Sonja steckte ihre Sonnenbrille in die Hemdtasche. »Bleib hier. Wir behalten dich im Auge.«
   Vor Nervosität kaute ich auf meiner Lippe. Ich marschierte auf und ab und schaute mich wachsam um. Mehrere Hundert Meter von mir entfernt lehnte Chris gegen einen Baum, während Sonja etwas auf ihrem Smartphone las. Wie es schien, rechneten sie in den nächsten Minuten nicht mit einem Angriff.
   Zehn Minuten später war ich noch immer allein auf einem Pfad, den niemand wählte. Am Himmel türmten sich Wolken auf. Die wenigen Menschen, die durch den Park schlenderten, suchten bevorzugt sonnige Flächen.
   Hinter mir raschelte Gras. Ruckartig fuhr ich herum. Mein Herzschlag setzte einen Moment aus. Das weiße Etwas war fast zwei Meter groß und hatte einen so breiten Brustkorb wie ein Gorilla. Es stampfte auf mich zu. Kies knirschte unter den nackten Füßen. Ich verlagerte das Gewicht auf ein Bein, ging ein wenig in die Knie und hielt die Fäuste auf Brusthöhe. Auf einmal saugte sich etwas an meinem Hinterkopf fest. Mit dem Ellbogen verpasste ich meinem Angreifer einen Stoß. Kaum war ich herumgefahren, versetzte ich dem Roumin Hiebe. Nach dem letzten prallte er zu Boden. Sofort wirbelte ich wieder herum und sprang zur Seite, als sich der nächste Roumin zu mir herabgebeugt hatte. Ich tänzelte um ihn herum und schwang die Fäuste, als stünden wir im Ring. Aber seine Größe und der abnormale Oberkörper schreckten mich ab, ihn zu schlagen.
   Ein Blick zur Seite, und Schweiß brach aus. Drei weitere Geschöpfe bewegten sich auf mich zu. Dabei hatte ich diesen noch nicht erledigt. Hilfe suchend schaute ich zu Chris und Sonja hinüber. Handelt gefälligst!
   Obwohl sie in meine Richtung sahen, machten sie keine Anstalten, sich einzumischen.
   Der Riese trat mir in den Bauch. Als ich auf dem Hintern landete, schnitten sich Kieselsteine in meine Hände. Bedrohlich hatten sich die Roumen vor mir aufgebaut.
   Weitere bleiche Kreaturen versperrten mir die Sicht.
   Fluchend beeilte ich mich, aufzustehen. Ohne mich auf ein Ziel zu konzentrieren, drehte ich mich um die eigene Achse. Die Roumen waren überall. Zwischen ihnen klaffte nicht einmal eine winzige Lücke, durch die ich hindurchschlüpfen konnte.
   Meine Gegner waren in der Überzahl, und niemand kam mir zur Hilfe. »Na los, ihr Dreckskerle! Verteidigt euch«, rief ich kampflustig und stürzte mich auf den Nächstbesten.

2

Mit voller Wucht warf ich mich gegen den Roumin. Kaum hatte ich mir den Weg zwischen zwei Kreaturen erkämpft, rückte ein anderer nach und schloss die Lücke. Und schon hatte ich den Überblick verloren. Alles bewegte sich. Die Kreaturen engten mich ein. Meine Fäuste donnerten gegen ihre Oberkörper, aber vergeblich. Ich schaffte es nicht, zu fliehen.
   Als ich stolperte, versuchte ich, mich so schnell wie möglich aufzurichten. Da hatten sich schon ein paar über mich gekniet und saugten sich fest. Ihre Lippen verbreiteten Kälte, die mich mit stechenden Schmerzen lähmte. Wütend schlug ich um mich.
   Mein Sieg dauerte nicht lange. Im Rudel fielen sie über mich her. Sie begruben mich unter sich. Ich keuchte, als mir die Luft aus der Lunge gedrückt wurde. Schweiß brach aus. Durch meinen Körper strömte Hitze. Ich konnte nichts erkennen, aber ich merkte, wie sich hier und da die schweren Körper verlagerten, als rangen die Roumen um den besten Platz. Verzweifelt schnappte ich nach Luft, doch ich hatte das Gefühl, in einer Vakuumverpackung gefangen zu sein.
   Als ich davorstand, das Bewusstsein zu verlieren, wurden die Roumen von mir gerissen. Die letzten beiden, die an meinen Beinen hingen, schlug ich mit den Fäusten weg. Schweißgebadet schoss ich hoch. Durch meine Adern strömte so viel Zorn, dass ich zwei Roumen hintereinander besiegte. Als ich auf einen Gegner einprügelte, kämpfte ich plötzlich Seite an Seite mit Chris.
   »Danke für eure Hilfe, Freunde«, blaffte ich und trat dem Roumin gegen das Schienbein.
   »Wir haben auf den richtigen Moment gewartet.« Kaum hatte Sonja einen Gegner erledigt, holte sie mit der Faust aus und jagte sie dem nächsten in den Brustkorb.
   »Wann wäre der gekommen?« Ich wich dem Riesen aus, der durch die auf dem Boden verstreuten Aelumina gegangen war, als wären sie Hologramme. Sogleich änderte er seinen Kurs. Nun erschien ihm Chris reizvoller. »Nachdem ich erstickt oder erdrückt worden wäre?«
   Bevor der Riese wusste, wie ihm geschah, hatte sich Chris hinter ihn gestellt und verpasste ihm mehrere Hiebe. Als der Roumin herumfuhr und sich mit dem Brustkorb gegen Chris warf, sprang dieser zur Seite. Sofort korrigierte Chris die Position, bis er direkt vor dem Gegner stand. Die Fäuste rammte er in den Brustkorb des Kolosses. Der Roumin stürzte und löste sich auf. Von ihm blieb lediglich eine Lichterscheinung.
   »Ach, hau ab«, rief ich, als ein kleinerer Roumin auf mich zutrippelte. Geladen, wie ich war, folgte ich meinem Impuls und stieß ihn den Berg hinunter. Erst Sekunden später dämmerte mir ärgerlicherweise, dass ich das nicht hätte tun sollen, da ich auf jede Aelumina angewiesen war.
   Angriffslustig suchte ich die Gegend nach weiteren Roumen ab. Doch ich fand keine. Ihre Artgenossen hielten sich bedeckt.
   Mit den Zähnen mahlend starrte ich Sonja und Chris an.
   »Es tut uns leid«, brachte Chris hervor. »Wir wollten, dass so viele wie möglich auftauchen.«
   »Vielleicht haben wir etwas zu lange gezögert«, räumte Sonja ein.
   »Das nächste Mal kommt es nicht wieder vor, Lia.« Chris hatte die Stirn vor Sorge in Falten gelegt.
   »Bedien dich.« Mit einer ausladenden Geste wies Sonja auf die Errungenschaften des Kampfes zu meinen Füßen.
   Viele Aelumina säumten den Pfad. Schöner als alle Edelsteine der Welt erstrahlten sie in Gelb-, Orange-, Grün- und Blautönen, die sich wie in einem Regenbogen miteinander vereinten, die allerdings kaum ineinander überzufließen schienen. Mit angehaltenem Atem ließ ich mich vom Anblick des warmen Lichts verzaubern. Es kostete mich Kraft, mich in Bewegung zu setzen.
   Mein Wutausbruch war gerechtfertigt gewesen, jedoch musste ich zugeben, dass Sonja und Chris nicht ganz falsch gehandelt hatten, denn ihre Strategie hatte zahlreiche Früchte getragen.
   Gerade ließ ich die siebte Lichterscheinung durch meine Fingerspitzen fließen, als ich hörte, wie Sonja Chris ermahnte.
   »Was?«, begehrte Chris auf, als er die Energie mit einem Gegenstand streifte. Die Aelumina verschwand. »Ich habe doch gesagt, dass ich nur mitmache, wenn für mich etwas rausspringt.«
   Sonja warf ihm einen warnenden Blick zu, ehe er dem meinen begegnete.
   Chris schloss den Mund und erhob sich. »Für dich.« Er reichte mir einen länglichen Bergkristall, worauf ich meine Hände ausstreckte. »Nur mit einer Hand. Sonst geht die Energie sofort in dich über.«
   »Haben wir uns nicht genau aus diesem Grund hier versammelt?« Meine rechte Hand schloss sich um das Objekt.
   Der Kristall war klar und glatt. Seine Form erinnerte an ein Schwert. Fasziniert musterte ich ihn. Stränge in unterschiedlichen Farbschattierungen durchzogen jede einzelne der drei Bahnen wie Flüsse oder Karawanen von Lebewesen. Dadurch wurde der Eindruck erweckt, man tauchte in eine Miniaturwelt ein, in der sich alles regte.
   »Es gibt Möglichkeiten, gesammelte Aelumina zu verstärken«, erklärte Sonja. »Wenn sie in einem Stein eingesperrt wird, löst sie sich nicht innerhalb weniger Minuten auf. Du kannst sie ausstellen, tauschen oder kultivieren.«
   Fragend hob ich die Augenbrauen, weil mich das letzte Verb irritierte.
   Daraufhin meinte Chris, dass ein Mineral für etwas nicht Greifbares wie Aelumina nicht nur eine praktische Transportmöglichkeit darstelle, sondern auch ein paar Lichterscheinungen in sich beherbergen könne. Darin läge seine eigentliche Aufgabe. Durch Eigendynamik ginge Aelumina Verbindungen ein und dadurch wüchse ihre Macht.
   Zu dritt verließen wir den Park.
   Sonja riet mir, mich mit Mineralen auszustatten, die Licht durchließen. Kein Problem. Nachdem Vater uns verlassen hatte, hatte Mels angefangen, Minerale zu sammeln. Damals glaubte sie, sie könnten ihr helfen, ihr inneres Gleichgewicht wiederherzustellen. Ein Jahr lang stapelten sich Steine aller Arten auf ihren Regalen und anderen Abstellmöglichkeiten. Nach und nach jedoch wanderten sie in den Keller.
   »Morgen, gleiche Uhrzeit?«, fragte ich Sonja und Chris, nachdem wir das Viertel erreicht hatten, in dem ich wohnte.
   Sonja nickte. »Aber ein anderer Ort.«
   »Da fällt mir gleich einer ein.« Freudig erregt lächelte Chris und rieb sich die Hände.

Zu Hause legte ich erst mal Christophers Mineral ab. Dann durchsuchte ich unseren Keller. Zu meiner Bestürzung hatte Mama gute Arbeit geleistet; von Melissas umfangreicher Sammlung waren höchstens dreißig Steine geblieben. Lichtundurchlässige ließ ich liegen, die transparenten hingegen nahm ich mit.
   Die Minerale verteilte ich auf meinem Bett. Zwischen Bergkristallen in diversen Größen lagen blassgelbe und hellbraune Doppelspate auf meiner Tagesdecke. Milchig trüber Rosenquarz gesellte sich zu den durchsichtigen Steinen. Ich fing an, sie mit einem feuchten Tuch zu säubern. Als ich auf einen Bergkristall gestoßen war, der dem glich, den mir Chris gegeben hatte, wollte ich herausfinden, wie das Umfüllen von Aelumina funktionierte.
   Mit einem Mineral in der linken, dem mit Aelumina in der rechten Hand saß ich im Schneidersitz auf dem Boden. Als wohnten Tausende von Menschen diesem Spektakel bei, hob ich die Steine feierlich über meinen Kopf und führte ihre Spitzen zusammen. Tatsächlich, die Energie verließ das eine Mineral und wanderte in das andere. Um sicherzugehen, dass ich mir nichts einbildete, wiederholte ich den Vorgang. Dieses Mal jedoch hielt ich die Minerale auf Brusthöhe.
   Mit schwerem Bass meldete sich mein Smartphone und versetzte mir einen solchen Schreck, dass mir die Minerale aus den Händen fielen und auf dem Teppich landeten. Ich griff nach dem, in dem sich die Aelumina befand. Durch den Sturz war sie zu einer vielfarbigen Kugel geschrumpft. Nun jedoch, da sie nicht mehr durch die Luft gewirbelt wurde, öffnete sie sich wie eine Blume.
   Mein vibrierendes Smartphone tanzte zum Tischrand. Kaum hatte es ihn überwunden, fing ich es auf. Mich wunderte der Name, den ich auf dem Display las: Dorian.
   »Hallo?«
   »Hallo. Wie war dein erster Ausflug mit Sonja und Chris?«
   »Verstörend«, gab ich zu. »Zu viele Roumen.«
   Ich erzählte ihm von Chris’ Mineral und sagte, dass ich nicht beabsichtigte, die im Mineral gehaltene Aelumina zu verbrauchen, damit sie erstarkte.
   »Das solltest du nicht.« Dorians Stimme klang so sexy am Telefon; dunkel, männlich und volltönend. »Nutze sie. Denn du brauchst jede Form von Roumin-Kraft, damit sie sich nicht mehr auf dich fixieren.«
   »Okay.«
   »Sobald du genug davon hast, kannst du anfangen, Neue zu sammeln und sie wachsen zu lassen.«
   »Wie viele Roumen muss ich besiegen, um endlich energetisiert zu sein?«
   Meine Ferien neigten sich ihrem Ende zu. Bald würde ich wieder mit dem Rad zur Schule fahren. Mich fröstelte bei der Vorstellung, in der Morgendämmerung von Roumen angehalten zu werden.
   »Schwer zu sagen, Lia. Manche Rivalen benötigen vierzig, andere wiederum bis zu achtzig Aelumina.«
   »Was?« Meine Augen wurden riesig.
   »Ich muss jetzt los. Wir sehen uns.«
   »Bis bald.« Ich hoffte, er wäre morgen dabei, wenn wir auf Rouminsuche gingen.
   Mitten in der Nacht fingen Tropfen an, gegen die Fensterscheiben zu klopfen. Den Himmel durchzuckten Blitze, denen ein Grollen wie aus dem Mund eines gigantischen Ungeheuers folgte.
   Da es den ganzen Tag regnete, sagte Sonja unser Treffen ab. Auch in den folgenden Tagen hielt sie es wegen des Regens für gefährlich, Roumen anzulocken.
   Das schlechte Wetter der nächsten Tage nutzte ich, um Musik zu hören, PC-Spiele zu spielen und abends etwas mit Freunden zu unternehmen. Wenn wir ins Kino gingen oder uns im Café einen Cocktail gönnten, fühlte ich mich zeitweise wie eine normale Jugendliche. Doch die andere Realität, in die ich nach dem ersten Treffen mit einem Roumin hineingezogen worden war, hatte mich dem Alltag entrissen. Jene Realität war wie ein Strudel, in den ich gesogen wurde. Egal, wie sehr ich mich wehrte – ich hatte keine Chance, ihr zu entkommen.

Kaum hatte sich das Wetter am Samstag gebessert, rief Sonja alle zusammen. Chris hatte uns einen Park südlich des Stadtzentrums vorgeschlagen. Dieses Mal war auch Jannis mitgekommen. Als Sonja und ich etwas abseits von den Jungs standen, fragte ich sie, ob Jannis nicht zu jung für so etwas war.
   »Er hat es innerhalb einer Woche geschafft, sich zu energetisieren«, entgegnete sie gleichgültig, als wäre es nichts besonderes.
   Schräg sah ich sie an. Scherzte sie? Der Junge sah aus, als bestünde er nur aus Haut und Knochen. Dass in ihm solches Potenzial steckte, erstaunte mich. Ob er den langen Stab, auf den er sich stützte, als Waffe benutzte?
   »Siehst du den Baum?« Chris deutete auf denjenigen, der von uns aus gesehen der Nächste auf dem Feld war. »Dort wirst du auf sie warten.«
   Zusammen mit Jannis machte er eine Räuberleiter. Sie halfen mir, hinaufzukommen. Dass mir jemand an den Hintern griff, ließ mich zwar empört aufschreien, jedoch vergaß ich es sofort wieder, weil ich mich darauf konzentrierte, nicht hinunterzurutschen. Murrend und knurrend hielt ich mich fest und schwang das Bein. Schon lag ich bäuchlings auf dem Ast.
   Endlich war es mir gelungen, mich zu drehen, damit ich auf dem Hintern sitzen konnte. Ich befand mich etwa ein Meter achtzig über dem Boden. Blickte ich nach links, sah ich Sonja, Chris und Jannis. Sie hatten die Flussnähe gesucht, was für mich bedeutete, dass sie rennen mussten, um mich zu erreichen, wenn die Situation es erforderte. Aber auf diese Weise verschreckten die erfahrenen Rivalen die Beute nicht. Zu meiner Rechten verdichteten sich die Bäume. Folgte man dem steinigen Pfad, verlor man sich nach einigen Hundert Metern in einem Waldstück.
   Die ersten Minuten verbrachte ich damit, Roumen auszuspähen. Mein Gefühl sagte mir, dass sie mich längst gewittert hatten. Allerdings tauchte kein Einziger von ihnen auf. In den nächsten zehn Minuten führte ich via Smartphone eine geistreiche Unterhaltung mit einer Freundin. Was geht bei euch, Anna? – Hab’ heute meinen Geldbeutel im Bus vergessen. Außerdem stresst mein Freund zurzeit. Was machst du so? – Ich hänge nur ein wenig ab.
   Nachdem mir der intellektuelle Gedankenaustausch genügt hatte, spielte ich ein Spiel auf meinem Smartphone. So verstrichen zwanzig Minuten. Irgendwann langweilten mich die Programme auf dem Gerät. Außerdem schlief meine Pobacke ein.
   Als ich ein Bein über den Ast schwang und Anstalten machte, zu springen, durchschnitt Christophers Pfiff die friedliche Stille. Kurzzeitig waren die Vögel verstummt. Warnend hob Chris den Zeigefinger. Ich stöhnte.
   Wieder griff ich nach meinem Smartphone und suchte nach einem Spiel. Da raschelte das Gras, als wäre jemand in meine Richtung unterwegs. Als ich nach rechts blickte, stieß ich vor Schreck einen Schrei aus. Zwar hatte ich mit Roumen gerechnet, trotzdem flößte mir ihre Hektik Angst ein. So schnell hatte ich Roumen noch nie laufen sehen. Ich schluckte. Wie es schien, lechzten die beiden Exemplare besonders nach Energie.
   Ihnen so nahe zu sein, ließ mein Herz wilder schlagen. Schweiß durchtränkte mein Shirt. Mit feuchten und zitternden Händen stützte ich mich am Baum ab, als ich mich erhob. Ihre alabasterfarbenen Köpfe reckten sich nach oben, nachdem sie mich geortet hatten, doch sie wussten, dass sie mich nicht erreichen konnten. Ihre Oberkörper zuckten, als würden sich jeden Moment Arme aus ihnen herausreißen, um mich vom Baum zu holen. Aufgeregt marschierten die Wesen auf und ab, wobei sie Schritte vollführten, als hätte jemand ihre Füße mit einem unsichtbaren Strick verbunden. Ihre Kreuze krümmten sich, dann wurden sie wieder durchgedrückt.
   Weitere Roumen eilten zu mir. Krampfhaft versuchten die Neuankömmlinge, den Baum hochzuklettern.
   Allmählich begann ich, mich zu entspannen. Die acht Kreaturen konnten mir nichts tun. Wie blinde Welpen tummelten sich Roumen unter dem Baum. Ihr Frust wuchs, weil ihre Versuche, mich vom Baum zu holen, nicht fruchteten.
   Wenn ich richtiglag, dann rechneten Sonja, Chris und Jannis damit, dass ich noch mehr Roumen anlockte. Warum nicht? Immerhin wirkte ich auf sie wie eine Lammkeule auf Löwen, die seit Tagen hungerten.
   Als ich sah, dass sie entmutigt davongingen, ließ ich ein Bein herunterbaumeln. Sogleich stampften sie wieder in meine Richtung, einer schneller als der andere, als hätte tatsächlich einer die Chance, etwas von meiner Energie abzubekommen.
   Kaum hatten sie sich erneut um mich gruppiert, zog ich das Bein hoch und kicherte. Vor Entrüstung ließen sie ihre Köpfe sinken und trotteten in verschiedene Richtungen. Wieder hing mein Bein seitlich hinab. Sogleich kamen sie erneut zu mir angerannt.
   »Das kann ich den ganzen Tag machen! Wie sieht es mit euch aus?« Ich lachte spöttisch.
   Sonja, Chris und Jannis liefen auf mich zu.
   »Nein, wartet«, rief ich. Unter mir trieben sich mittlerweile zehn herum, aber ich war sicher, dass in Kürze noch ein paar weitere dazustoßen würden.
   »Hinter dir«, schrie Sonja. Die Heiterkeit war mir wie aus dem Gesicht gewischt.
   Kaum war ich herumgefahren, erfasste mich etwas Weißes und Großes mit der Kraft einer Abrissbirne. Die Luft wurde aus meiner Lunge gepresst. Auf einmal wusste ich nicht mehr, wo oben und unten war. Ich sah die Baumblätter, sah den Himmel. Im nächsten Moment kam ich hart auf der Erde auf. Als ein lebender Mensch-Roumin-Ball rollten wir über das Gras.
   Nachdem wir aufgehört hatten, uns zu überschlagen, kroch das Wesen ächzend von mir hinunter. Mit weit aufgerissenen Augen lag ich da und japste nach Luft. Der Schmerz flammte überall in meinem Körper auf. Mein Schädel pochte und dröhnte. Bei jedem noch so kleinen Atemzug fuhr ein Blitz durch meine Eingeweide.
   Kampfgeschrei tönte in meinen Ohren. Jannis huschte an mir vorbei. Sonja versetzte einem Roumin den letzten Schlag und stürzte sich auf den nächsten, der auf Chris zutaumelte. Als ich mich aufzurichten versuchte, rollte eine weitere Schmerzwelle über mich hinweg.
   In meinem Blickfeld tauchte ein Ungetüm auf. Es hatte denselben athletischen Körperbau wie die Roumen. Im Gegensatz zu seinen Artgenossen jedoch starrte es mich aus milchigen Augen an, die von Lidern umgeben waren. Mir wurde heiß und kalt, als ich erkannte, was ihn zusätzlich von anderen Roumen unterschied: Arme. Mein Brustkorb hob und senkte sich rasch. Er war derjenige, der mich vom Baum geworfen hatte.
   Nun hob er die Arme, als wollte er mich packen. Ich beeilte mich, auf die Beine zu kommen. Ich stöhnte und fluchte, weil Schmerzen jede Bewegung begleiteten. Da trat Jannis zwischen uns. Drohend richtete er den Stab auf die Kreatur. Ich ging mehrere Schritte zurück.
   Bevor der Roumin reagieren konnte, hatte Jannis ihm einen Hieb verpasst. Zu meiner Verwunderung versprühte der Stab dieselbe Energie, die ich bei meinen Verbündeten und mir beobachtet hatte.
   Als Jannis erneut zuschlagen wollte, packte der Roumin den Stab und entriss ihn dem Jungen. Ohne lange zu überlegen, versetzte Jannis ihm einen Stoß. Damit hatte er sich allerdings ins eigene Fleisch geschnitten; der Roumin schnappte ihn und zog ihn zu sich heran.
   In der Sekunde, in der ich an Jannis’ Hand zerrte, um ihn aus den Fängen des Gegners zu befreien, tauchte ein weiterer Rivale auf. Wie ein Pfeil schoss er an uns vorbei. Erst nach Sekunden realisierte ich, was ich gesehen hatte, nämlich, dass es Dorian war und dass er Jannis’ Stab an sich gerissen hatte. Kaum hatte er sich hinter den Roumin gestellt, schlug er mit dem Stab so kräftig zu, dass der Roumin in meine Richtung taumelte und Jannis losließ. Dorian warf den Stab weg und stürzte sich auf den Gegner.
   Als der Roumin und Dorian miteinander rangen, wollte sich Jannis einmischen.
   »Geh weg«, brüllte Dorian.
   Mein Schädel dröhnte. Mit einem Mal drängte es mich, meinen Mageninhalt zu leeren. Wie blind torkelte ich an Sonja und Chris vorbei, die einen Roumin nach dem anderen vernichteten, und fiel schließlich auf die Knie. Eine Hand hatte ich um den Bauch gelegt, mit der anderen stützte ich mich ab. Meine Finger bohrten sich in die Erde, als ich versuchte, mich zu übergeben, aber nichts wanderte meine Kehle hinauf.
   Schwer atmend fuhr ich herum und plumpste auf das Gras. Ich hatte noch immer das Gefühl, ich würde durch die Luft gewirbelt. Mein Magen beruhigte sich ebenso wenig wie die Kopfschmerzen nachließen.
   Chris hatte dem letzten Roumin den Rest gegeben und half Sonja auf die Beine, die sich das Becken rieb. Sobald sie sicher auf eigenen Beinen stehen konnte, eilte er Dorian zu Hilfe. – Gerade rechtzeitig, denn der Roumin hatte Dorian einen Fausthieb in den Magen verpasst, der ihn in die Knie zwang. Als der Roumin zum Schlag ausholte, rammte Chris ihn von der Seite mit der Wucht eines professionellen Footballspielers.
   Dass Sonja verletzt war und humpelte, hielt sie nicht davon ab, den Roumin anzugreifen. Als auch Jannis versuchte, den Roumin mit dem Stab zu treffen, mobilisiere ich all meine Kräfte und schloss den Kreis, den Dorian, Chris, Sonja und Jannis um den Roumin gebildet hatten.
   Hektisch blickte sich der Roumin um. Dorian ballte die Fäuste und war bereit, sich auf den Gegner zu stürzen. Da raste der Roumin an Jannis und mir wie ein Meteorit vorbei. Perplex starrten wir ihm hinterher.
   Mit gerunzelter Stirn blickte Sonja Dorian an, als wollte sie fragen, warum er hier erschienen war. Wie es schien, hatte Dorian ihre Gedanken erraten.
   »Ich war unterwegs zu einem Freund, als ich die Anwesenheit von Roumen spürte.« Dorian kratzte sich an der Nase.
   »Hol dir die Aelumina«, sagte Sonja.
   Als ich ihrem Blick folgte, staunte ich. Auf dem Feld warteten etwa zehn Aelumina darauf, gepflückt zu werden. Chris sperrte einige von ihnen in Minerale ein und steckte sie in seine Manteltasche.
   »Chris.« Sonja stemmte die Hände in die Hüften.
   Verlegen lächelte er. »Nur ein paar.«
   »Geh«, forderte mich Sonja erneut auf.
   »Ich kann nicht«, sagte ich und senkte den Kopf.
   »Was?«
   Obwohl ich es Sonja gegenüber nicht zugeben wollte, tat ich es trotzdem. »Ich habe sie mir nicht verdient«, brachte ich zerknirscht hervor.
   Sonja stieß einen leisen Pfiff aus. »Leg los!«
   Während ich eine Aelumina nach der anderen berührte, vermied ich es, den Blick zu heben. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass ich etwas an mich riss, was sich andere hart erkämpft hatten. Und obwohl ich es nicht aussprach, war ich jedem Einzelnen von ihnen dankbar.
   »Ein paar von euch sollten verarztet werden«, stellte Dorian fest. »Ich wohne in der Nähe. Seid meine Gäste.«

Dorians Wohnung erstreckte sich über zwei Stockwerke. Im Erdgeschoss traten wir in ein geräumiges Wohnzimmer. Ein Flachbildfernseher thronte auf der wie aus dunklem Holz eines Kernnussbaums geschnitzten Anbauwand. In den Fronten aus schwarzem Glas spiegelte sich das Licht wider.
   Drei Stufen führten in die Küche, die in kräftigen, warmen Tönen gehalten wurde. Auf den ersten Blick wirkte sie so ordentlich, als würde sie nie benutzt. Doch ein Teller und eine Gabel hier, ein Schneidebrett und ein Messer da überzeugten vom Gegenteil. Auf dem gesamten Stockwerk war alles bis auf eine Sporttasche im Flur und auf dem Fernsehtisch verstreute Fachzeitschriften dort, wo es hingehörte: In der Vitrine teilten sich CDs ein Regal, worunter sich Bücher aneinanderreihten.
   Ich hätte gern das obere Stockwerk gesehen, aber Dorian entschuldigte sich dafür, dass er uns nicht nach oben führte. »Im ersten Stock herrscht Chaos.«
   Wer wohl hinter wem herräumte?, fragte ich mich. Seine Frau hinter ihm oder er hinter ihr her? Apropos Ehefrau … Warum stehen nirgendwo Bilder vom Ehepaar? Ein Foto hinter dem Glas der Einbauwand zeigte ein älteres Pärchen, das einen etwas jüngeren Mann mit grau meliertem Haar umarmte. Auf zwei weiteren präsentierte ebendieser sein strahlendes Lächeln vor dem wuchernden tropischen Regenwald oder vor den Maya-Ruinen in Mexiko.
   »Wundert euch nicht, dass an der Klingel nicht mein Familienname, sondern Voight steht«, erklärte Dorian. »Die Wohnung gehört Stefan Voight, einem Freund von mir. Da er gerade um die Welt reist, hat er mir erlaubt, den Housesitter zu spielen, bis ich etwas Eigenes finde.«
   Auf dem Sofa machten wir es uns gemütlich und fingen an, unsere Wunden mit Verbandsmaterial, Pflaster und Kühlpacks zu versorgen. Da ich kein Kühlpack abbekommen hatte, musste ich meine Verletzung genauso wie Chris mit Gemüse kühlen. Also hielt ich die Bohnen im Glas an mein Schienbein, während Sonja meine Wunden desinfizierte und mit Pflastern versah.
   Mit Gläsern und Saft- sowie Mineralwasserflaschen kam Dorian ins Wohnzimmer und stellte alles auf den Tisch.
   »Was war denn das für eine Kreatur, die uns entkommen ist?«, fragte ich in die Runde und trank einen Schluck aus meinem Glas.
   »Ein Roumin, der genug menschliche Wärme abgezapft hat«, erklärte Chris. »Haben sie erst mal genug davon, fangen sie an, uns immer ähnlicher zu sehen.«
   Mir schauderte bei diesem Gedanken.
   »Aber einen Roumin, der vollständig wie ein Mensch aussieht, gibt es nicht. Verwechseln wird man uns mit ihnen nicht«, zerstreute Sonja meine Sorgen.
   »Vermutlich hat er viele Menschen getötet«, brachte Jannis leise über die Lippen.
   »Kann man ihn auf dieselbe Art besiegen, wie andere Roumen?«, fragte ich.
   »Wenn man ihn oft genug erwischt.« Dorian blickte hinaus in den Garten, wo sich der Himmel nach und nach immer dunkler färbte. »Darin liegt die eigentliche Schwierigkeit.«
   »Wie viele gibt es davon?«
   »So genau kann man es nicht sagen«, fuhr Dorian fort. »Täglich kommen Neue dazu, während andere vernichtet werden.«
   »Was sagtest du, wie lange du schon ein Rivale bist?« Sonjas Augen verengten sich. »Wenn ich mich recht erinnere, nicht so lange wie Chris, Jannis oder ich. Woher also weißt du so genau Bescheid?«
   Dorian schenkte ihr ein träges Lächeln und entblößte dabei die Eckzähne. »Durch Freunde, durch Beziehungen.« Dorian nahm eine legere Sitzposition ein. Der Knöchel des einen Beines lag auf dem Knie des anderen.
   Sonja legte den Kopf leicht schräg und blinzelte nicht, als sie ihn ansah. Worauf wollte sie hinaus? Warum war sie so skeptisch?
   Nachdem der Abend den Tag abgelöst hatte, kehrten meine Kopfschmerzen mit voller Wucht zurück. Während sich die anderen über Roumen unterhielten, konnte ich mich immer weniger auf ihre Worte konzentrieren. Meine Schläfen pochten, und mit einem Mal taten auch meine Arme und Beine wieder weh. Als Dorian mir erneut eine Schmerztablette anbot, lehnte ich sie nicht mehr ab.
   Erst, nachdem Jannis von seinem Vater abgeholt worden war, fing die Tablette an zu wirken und erlöste mich von meinem Leiden. Mich plagte Schläfrigkeit. Dass Dorian, Chris und Sonja ihre Gespräche gedämpft führten und der Deckenfluter den Raum in warme Bernsteinfarben tauchte, erschwerte es mir, wach zu bleiben. Meine Augenlider sanken …

Desorientiert schoss ich hoch und riss eine Decke von mir. Mein Blick hastete durch das Zimmer, das durch das hereinfallende Mondlicht schwach erhellt wurde. Fremde Schränke, fremder Teppich. Mein Herz schlug wie das eines erschreckten Rehkitzes, während ich allmählich erkannte, dass ich mich in Dorians Wohnung aufhielt.
   Auf der zweiten Etage brannte Licht in einem der Zimmer. Ob Dorian, Chris und Sonja nach oben gegangen waren?
   Ich trottete zum Deckenfluter und schaltete ihn ein.
   Dorian kam die Treppe hinunter. Seine Schritte waren geschmeidig und leise. »Um dich nicht zu wecken, haben wir uns in die Küche zurückgezogen.«
   »Entschuldige, normalerweise passiert mir so etwas nicht.«
   Er lächelte. »Kein Problem, Lia.«
   »O Mann«, murmelte ich und rieb mir das Gesicht. Mir wurde plötzlich heiß. Mit einem Schlag war ich wach. »Meine Mutter bringt mich um …« … wenn sie erfährt, dass ich mich allein in der Wohnung eines erwachsenen Mannes aufhalte.
   »Sonja hat sie angerufen, um Bescheid zu geben, dass du bei ihr in der WG bist.«
   Ich wurde rot. Verlegen wandte ich den Blick ab und setzte mich.
   Dorian nahm auf dem Sessel Platz. Dadurch hielt er gebührenden Abstand zu mir. »Ich habe ihr versprochen, dich nach Hause zu bringen.«
   »Danke«, murmelte ich.
   Auf einmal wusste Dorian nichts mit seinen Händen anzufangen. Erst steckte er sie in die Hosentaschen, dann zog er sie wieder heraus, um sie vor der Brust zu verschränken. Daraufhin lehnte er sich zurück und legte beide auf die Armlehnen. Sein Blick huschte durch den Raum. Seine Augen blitzten auf, als er mich ansah. Sogleich erhob er sich. Sein merkwürdiges Verhalten steckte mich an. Unruhig rutschte ich hin und her.
   »Wie lange bist du schon verheiratet?«, brachte ich hervor.
   »Was?« Dorian blinzelte. Langsam setzte er sich wieder. Sein Blick folgte dem meinen. »Oh, der Ring.«
   Als er sich nach vorn lehnte und die Ellbogen auf den Oberschenkeln abstützte, fiel ihm eine schwarze Locke ins Gesicht. Die Nervosität war von ihm gewichen. Dadurch wiederum wurde auch ich ruhiger. Dorians Blick entglitt in eine unbestimmbare Ferne.
   »Er ist schon so lange ein Teil von mir, dass ich manchmal vergesse …« Er verstummte. Gedankenverloren drehte er am Ring.
   Ich ahnte, wie er den Satz ergänzt hätte, hätte er weitergesprochen: … dass ich es nicht mehr bin.
   Mir gingen mehrere Fragen durch den Kopf, aber ich behielt sie für mich. Dorian hatte den Rücken gekrümmt. Sein Kinn berührte beinah die Brust. Die Augen waren matt. Es war so still, dass ich das Blut in meinen Ohren rauschen hörte.
   »Du musst mich nicht nach Hause fahren.«
   Wortlos blickte Dorian mich an. Er zog sich den Ring vom Finger und legte ihn auf den Fernsehtisch. Dann erhob er sich. »Ich habe es Sonja versprochen. Mal davon abgesehen könnte ein Roumin deinen Weg kreuzen.«
   Gutes Argument, pflichtete ich ihm stumm bei.

Minuten später waren wir unterwegs auf den Straßen unserer Stadt. Hinter getönten Scheiben von Dorians Fahrzeug wirkte das Licht der Straßenlampen und das der anderen Autos so verschwommen und gedimmt wie durch ein Milchglasfenster. Wie in einer Kapsel glitten wir schwebend dahin. Die Außenwelt konnte ich beobachten, ohne selbst beobachtet zu werden. Während Jazz spielte, kuschelte ich mich in den Sitz und kam mir vor wie in einem Kokon; beschützt und geborgen.
   Unauffällig sah ich Dorian an. Mein Blick glitt über das seidige Haar, die Nase mit dem Höcker und blieb an den vollen, einladenden Lippen hängen.
   Aus den Augenwinkeln heraus hatte Dorian bemerkt, dass ich ihn ansah. Er fragte, ob mir kalt sei. Wie bei etwas Verbotenem ertappt, wurde mir heiß. »Nein, nein«, beeilte ich mich zu sagen und wechselte sogleich das Thema. »Was machst du beruflich?«
   »Ich arbeite in der IT-Branche«, antwortete Dorian. »Wenn jemand ein Problem mit seiner Hard- oder Software hat, ruft er mich. Sogar nachts bin ich erreichbar. Mein Onkel arbeitet in einem Großkonzern, der aktuelle Programme vertreibt, daher kenne ich mich aus.«
   Es interessierte ihn, welche Schule ich besuchte und welche Hobbys ich pflegte. Um nicht in Verlegenheit zu kommen, zu erklären, dass ich mit dreizehn sitzen geblieben war, nuschelte ich den Namen meines Gymnasiums und fing an vom Tanzunterricht, von Selbstverteidigungskursen, vom Zeichnen und Klavierspielen zu schwärmen. Dabei verschwieg ich, dass ich nichts davon länger als ein Jahr gemacht hatte. Von allen Sportarten und Hobbys war ich letzten Endes dem Kochen und Joggen treu geblieben.
   Wir bogen in mein Viertel ein. »Halt lieber nicht vor meiner Wohnung, Dorian.«
   Er lachte. »Hast du Angst vor deiner Mutter?«
   »Nein, nein.« Ich winkte verlegen ab. »Na ja, vielleicht ein bisschen.«
   »Dann ist es ja gut, dass ich dich endlich aus meinen Fängen befreit habe«, sagte Dorian, als ich ausstieg und zwinkerte.
   Ich zögerte, die Autotür zu schließen. Eine Frage brannte mir auf der Zunge. Sein Privatleben ging mich nichts an, dennoch konnte ich nicht anders, als sie zu stellen. »Was ist passiert?«, fragte ich mit einem Blick auf den Finger, den noch vor Kurzem ein Goldring geziert hatte. »Wurdet ihr geschieden?«
   Dorians Lippen verzogen sich zu einem traurigen Lächeln. »Lia …« Seine Stimme tönte leise und sanft, als wollte er einem Kind erklären, wie die Welt funktionierte. »Ehen enden nicht immer damit, dass Partner getrennte Wege gehen.«
   Ich zuckte zusammen. Hätte ich Dorian Nägel in noch nicht verheilte Wunden gejagt, die er heute davongetragen hatte, hätte ich ihn nicht mehr verletzt als mit meiner Frage. »Es tut mir leid, Dorian«, stammelte ich und hatte es eilig, mich in den eigenen vier Wänden zu verkriechen.
   Als ich mir in der Küche ein Glas Saft einschenkte, geisterten mir seine Worte durch den Kopf. Ich führte das Glas zum Mund, setzte es jedoch wieder ab. Erst jetzt wurde mir klar, was mir Dorian zu vermitteln versucht hatte.
   »O Gott«, flüsterte ich. »Seine Frau ist gestorben.«

Am nächsten Vormittag fläzte ich mich in einem übergroßen Pullover und Jogginghosen auf das Sofa vor dem Fernseher und überlegte, ob ich Dorian eine Entschuldigung per SMS schicken sollte. Bevor ich zu tippen begonnen hatte, klingelte es an der Tür. Keine zwei Minuten später platzte meine beste Freundin Nel in mein Zimmer.
   Die nächsten drei Stunden verbrachten wir bei einer Tasse Kaffee und belegten Broten damit, Geschichten auszutauschen. Nel erzählte mir von Giraffen und Löwen, die sie auf der Afrika-Tour beobachtet hatte. Daraufhin teilte ich mit ihr alle Geheimnisse, die sich in der Zeit angesammelt hatten.
   »Ist das dein Ernst?« Nel marschierte von der Tür zum Fenster und wieder zurück zur Tür. Ihre Zöpfe hüpften auf und ab. Die klobigen Schuhe passten zwar farblich zu den quer gestreiften Ringelstrümpfen, aber an ihren dünnen Beinen wirkten sie wie Betonquader.
   »Du glaubst mir nicht.« Ich seufzte.
   »Doch!« Sie riss die Arme zur Seite. Dabei erwischte sie meinen Wecker auf dem Schreibtisch. Als er auf dem Teppich landete, reagierte sie nicht. Während sie fortfuhr, hob ich ihn auf und platzierte ihn auf ein Regal.
   »Ich habe schon immer gewusst, dass in dieser Stadt etwas vor sich geht. Nur hätte ich nie vermutet, dass die Todesfälle etwas mit Rivalen zu tun haben.«
   »Haben sie auch nicht«, stellte ich klar.
   »Nicht direkt«, korrigierte sich Nel. »Deinen Worten nach hängen Rivalen und Roumen zusammen.«
   Ja, irgendwie.
   »Wie sind sie?«, wollte sie wissen. »Glitschig und kalt?«
   »Kalt, bleich und nackt.«
   »Im Winter erfrieren sie bestimmt.«
   Ich schüttelte den Kopf und wiederholte, was ich von Dorian erfahren hatte: Ihren Körper bedeckten dicht stehende Härchen, die – genauso wie das Eisbärenfell – Luft einschlossen und als Isolierschicht dienten.
   »Kann man ihre, äh, Dinger sehen?« Nel grinste provozierend.
   »Sie haben keine.«
   »Na klar! Wie vermehren sie sich dann?«
   »Womöglich sind ihre Genitalien versteckt.«
   Nel machte Anstalten, es sich auf meinem Schreibtisch bequem zu machen. Mein Tisch würde sie zwar aushalten, weil sie klein und zierlich war, dennoch wollte ich seine Stabilität nicht auf die Probe stellen. Daher lotste ich sie zum Stuhl. Kaum hatte sie sich gesetzt, sprang sie wieder auf.
   »Wenn mich ein Roumin küsst, werde ich dann auch zur Rivalin?«
   »Möglicherweise. Oder auch nicht«, gab ich zur Antwort und dachte an die Unterhaltungen zurück, die ich mit meinen neuen Freunden geführt hatte.
   Nel steuerte auf das Fenster zu. Auf dem Sims ließ sie sich nieder. »Schau mal, wenn du eine Rivalin bist, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Melissa auch eine werden könnte.«
   Darüber hatten Melissa und ich auch bereits nachgedacht. Sowohl Melissa als auch mich erschreckte die Vorstellung, dem könnte so sein. Mir wäre wohler, wenn sie keinem Roumin in die Arme liefe, und wir es nie herausfinden müssten. Denn ich bezweifelte, dass das Glück auf ihrer Seite stehen würde. So jemanden wie Dorian, der wie aus dem Nichts auftauchte, gab es nicht oft. Dass Melissa nicht dasselbe Schicksal wie mir blühte, wünschte ich nicht nur um ihrer Sicherheit willen. Ich hoffte, dass wenigstens eine von uns weiterhin zu den ‚normalen‘ Menschen zählte.
   »Wenn ich mal einem Roumin über den Weg laufe …«
   Mir gefiel das fiebrige Glühen in Nels Augen nicht. »Glaub mir«, fiel ich ihr ins Wort, »das willst du nicht.«
   Nel sprang vom Fenstersims herunter. »Ich hätte zu gern mehr über die Rivalen erfahren. Wo treffen sie sich und was treiben sie abgesehen vom Roumin-Jagen?«
   »Weiß nicht.«

Mehrere Stunden später standen Chris und Sonja vor meiner Tür und luden mich ein, mit ihnen über den Markt am Rande der Innenstadt zu schlendern. Mir stand nicht der Sinn nach Flohmarktartikeln, doch beide bestanden darauf, dass ich mitkam. Einen Markt dieser Art hätte ich noch nie gesehen, meinten sie.
   Auf einer weiten Wiesenfläche im Park waren Tische und Regale aufgebaut, um die sich Menschentrauben versammelt hatten. Sowohl auf den Tischen als auch auf den Regalen oder auf ausgebreiteten Decken fanden sich unzählige, nicht nur nützliche, sondern auch kuriose Gegenstände. Im Vorbeigehen erhaschte ich einen Blick auf eine DVD-Box, auf der Die Schlafgewohnheiten des Siebenschläfers stand. Daneben ragten absurde Katzenköpfe mit Menschenohren aus Keramik in die Höhe. Der nächste Stand buhlte mit einer umfangreichen Kollektion von Büchern mit der Statistik der Entwicklung der Kakerlakenpopulation in den letzten hundert Jahren. Mich überkam leichte Übelkeit, als ich las, dass die Sammlung hochauflösende Bilder versprach.
   Als wir unter dem Torbogen vorbeigingen, warf ich Sonja und Chris einen Seitenblick zu. »Tatsächlich, dieser Markt ist außergewöhnlich. Hier wimmelt es von Dingen, die wirklich kein Mensch auf der Welt haben will.« Ich deutete auf skurrile Kreationen aus Lehm, Beton und Wattestäbchen, die den kompletten Tisch eines Mannes in mittleren Jahren besetzten.
   Sonderbarerweise verirrten sich immer mehr Leute zu ihm, und er schien mit ihnen zu verhandeln. Nun gut, manchen Menschen gefiel moderne Kunst. Aber die Frau neben ihm, die neben ein paar Küchenutensilien mehrere Bände Über die Kunst, Langeweile zu erzeugen und zu pflegen loszuwerden versuchte, würde die schweren Werke zweifellos wieder nach Hause fahren.
   »Hier findet man kaum etwas Brauchbares«, beschwerte ich mich. Warum nur hatten sie mich hierher geschleppt?
   Daraufhin wechselten Sonja und Chris vielsagende Blicke. »Dann solltest du dir die runde Ecke anschauen.« Sonja sah Chris an, obwohl sie zu mir gesprochen hatte.
   »Lasst uns zur runden Ecke gehen«, entschied Chris.
   Nannte sich so ein Stand, oder wollten sie mich veräppeln? Aufmerksam blickte ich mich um. Meine Augenbrauen zogen sich zusammen. Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Wie sieht eine runde Ecke aus?«
   Auf einmal hörte ich das helle Läuten einer Glocke. Ich drehte den Kopf in die Richtung, aus der ich es vernommen hatte, doch ich konnte niemanden entdecken, der eine Glocke geschwungen haben konnte. Als ich mich an Sonja wenden wollte, streifte mein Blick den Stand des Mannes – und ich musste zweimal hinsehen.
   Eben noch hatten hässliche Gegenstände die Käufer davon abgeschreckt, dem Stand näher zu kommen. Nun jedoch erstrahlten Aelumina in intensivem Licht. Mit einem Mal hatte ich das Gefühl, in eine Paralleldimension katapultiert worden zu sein.
   »Wie lange haben Sie gebraucht, um diese Kunstwerke …«, erkundigte sich gerade eine Frau. Von einer Sekunde auf die andere schienen sich zwei vollkommen verschiedene Gespräche zu überlappen. »… die Aelumina zu kultivieren?«, beendete sie ihre Frage.
   »Was ist hier los?«, murmelte ich und trat an den Tisch, um sicherzugehen, dass da tatsächlich Aelumina in Mineralen vor mir standen und nicht moderne Kunst.
   »Beeindruckend, nicht wahr?« Sonjas Aufmerksamkeit galt nicht dem Ausgestellten, sondern einem Mann, der zwei Schritte in unsere Richtung machte. Mich überkam der Verdacht, dass ich gegen eine Regel verstoßen hatte.
   Chris beugte sich verschwörerisch vor. »Verhalte dich so, als ob du nach wie vor Haushaltsgeräte, Kleidungsstücke und Bücher vor dir hast.«
   »Haben wir etwa ein Codewort gesagt?«
   Sonja nickte.
   »Für jede Versammlung dieser Art gibt es immer ein neues. Wenn ein Rivale das Wort ausspricht, enthüllt der magische Schleier, was hier in Wirklichkeit vor sich geht«, erklärte Chris in gedämpfter Lautstärke.
   »Von wem wird der Zauber über den Markt gelegt? Von Hexen und Zauberern?«
   »Nenne sie, wie du willst.« Sonja zuckte die Schultern und wandte den Blick ab.
   Interessiert musterte ich die Leute in meiner Nähe. Ob sich Hexer und Hexen unter uns Rivalen und normale Menschen gemischt hatten? Jener Mann, der mich vor Sekunden zurechtweisen wollte, stand nun breitbeinig da und blickte so grimmig drein wie ein Türsteher.
   »Wer ist er?«, wollte ich wissen.
   »Ein Aufpasser«, antwortete Sonja. Von ihnen gebe es einige hier, sagte sie und deutete dezent auf eine Dreiergruppe am Torbogen. Sowohl die beiden Männer als auch die Frau unterschieden sich in keiner Weise von anderen Besuchern. Allerdings fiel mir auf, dass sie sich oft einen Überblick über die Lage verschafften. – Wie Polizisten. Vielleicht gehörten sie zu dieser Sondereinheit, von der Dorian gesprochen hatte.
   Laut Chris waren die Aufpasser ebenfalls einst aktiviert worden. Andernfalls, sagte er, würde der Zauberspruch sie genauso wie alle anderen blenden, auch nachdem sie das Codewort ausgesprochen hätten.
   »Sie kontrollieren öffentliche Veranstaltungen und den Handel mit Aelumina im Internet. Für sie zählt nur, dass die Sammler die Händler nur auf eine bestimmte Weise bezahlen.«
   Sonja hatte sich so nebulös ausgedrückt, dass ich nachhaken musste. Daraufhin entfernten wir uns von der Menschentraube.
   »Ihr Ziel ist, Nicht-Volljährige davon abzuhalten, zu verkaufen, aber auch Prostitution oder Dienste wie beispielsweise Körperverletzung im Auftrag zu unterbinden«, stellte sie klar.
   Ich ließ meine Brauen nach oben wandern. »Wer bietet einem Händler so etwas an?«
   »Jemand, der süchtig nach Aelumina ist.«
   Verwundert schüttelte ich den Kopf. So verzweifelt konnte niemand sein. Andererseits musste so ein Deal wohl schon stattgefunden haben, sonst stünden die Polizeibeamten heute nicht hier. Mir genügten einige Minuten, um herauszufinden, welche Zahlungsmöglichkeit die Händler bevorzugten. An erster Stelle stand das Geld. Wie viel genau eine Aelumina kostete, hing laut Sonja davon ab, mit wie vielen anderen ihrer Art die Lichterscheinung verschmolzen war. Eines war mir klar: Mit dem Taschengeld von einem Monat könnte ich mir keine Aelumina leisten. Deshalb blieb ich bei der kostenlosen, allerdings auch der gefährlicheren Variante, an Aelumina heranzukommen: gegen Roumen kämpfen.
   Auch Aelumina wurde akzeptiert, die jemand gezüchtet und mit einer anderen gepaart hatte. Wenn sie besonders intensiv schien, erhöhte sich die Chance, dass sie gegen die des Händlers getauscht werden konnte. Aber daran waren nur Sammler oder professionelle Züchter interessiert, die stets Neues suchten.
   »Haben Sie Edelsteine mit Aelumina im Inneren?«, erkundigte sich eine Frau bei der Händlerin vor uns.
   »Besuchen Sie doch meine Webseite.« Damit reichte sie der Interessentin die Visitenkarte.
   Ein junger Mann stieß dazu. »Bieten Sie Aelumina mit hohem Anteil an Rot an?«
   »Leider nicht«, entgegnete sie bedauernd. »Solche sind extrem schwer zu besorgen.«
   Er lächelte müde. »Deswegen hetze ich von einem Tisch zum anderen.«
   Im Geiste ging ich die Angebote an Aelumina durch, die ich bisher gesehen hatte. Hin und wieder mischte sich in ihnen Rot mit dunklen Farben wie Blau oder Braun, wobei Letztere überwogen. »Welcher Roumin trägt viel Rot in sich?«, fragte ich.
   »So einer wie der, der uns gestern attackiert hat«, antwortete Sonja. »Je aggressiver ein Roumin ist, desto erfolgreicher ist er als Jäger. Dank sehr viel menschlicher Energie bilden sich Gesicht und Arme.«
   Nun wunderte es mich nicht, dass Rivalen sie so sehr begehrten. Mit Händen oder nur mit einem Stock bewaffnet hatten wir es gestern gerade mal geschafft, den körperlich weiterentwickelten Roumin in die Flucht zu schlagen. Der Versuch, ihn zu besiegen, stellte einen Menschen vor eine schwere Herausforderung.
   »Was hören die Leute, wenn wir über Aelumina reden?«
   »Solange wir uns hier mit den Anbietern unterhalten«, gab Chris zur Antwort, »klingt es für Nicht-Rivalen oder Nicht-Aktivierte zum Beispiel nach Verkaufen Sie auch kleinere Schraubenzieher? oder Haben Sie dieselbe Handyhülle in Rot? Wenn Minerale ihren Besitzer wechseln, sehen Männer, Frauen, Jugendliche und Kinder, wie ein Kunstobjekt oder ein alltäglicher Gegenstand über den Tisch gereicht wird.«
   »Wenn du auf dem nächsten Markt Aelumina erwerben möchtest, kann ich dich in meinen E-Mail-Verteiler aufnehmen«, schlug Sonja vor.
   »Brauchst du nicht, danke.« Ich winkte ab. »Sobald ich vollständig energetisiert bin, werde ich keine Aelumina mehr benötigen.«

Um so bald wie möglich wieder angstfrei im Park zu joggen, begab ich mich in der letzten Ferienwoche täglich mit Sonja, Chris und ihren Freunden nach draußen, um Roumen zu suchen. Wir streiften durch Parks oder schlenderten durch Wälder. Manchmal hingen wir auch in der Nähe von Bahngleisen herum, wo das Gras vor sich hin wucherte und Früchte wuchsen, ohne von Menschenhand berührt worden zu sein.
   Wir verbrachten Stunden damit, zu Fuß unterwegs zu sein oder zu sitzen und darauf zu warten, dass eine der weißen Kreaturen aus ihrem Versteck kroch. Einige Tage verstrichen, ohne dass wir auf einen einzigen Roumin stießen. An anderen wiederum konnten wir mehrere Aelumina unter uns aufteilen. Nel und Melissa gefiel es nicht, dass ich mich so viel herumtrieb, doch ich minimierte ihre Sorgen, indem ich ihnen versprach, bald damit aufzuhören.
   An einem Nachmittag war Dorian mit uns für mehrere Stunden auf die Jagd gegangen. Nachdem ich an jenem Abend ein wundes Thema angeschnitten hatte, wusste ich nicht, wie ich mich ihm gegenüber verhalten sollte, aber Dorian nahm mir meine Befangenheit. Wenn er sich an mich wandte, redete er mit mir wie mit einer Freundin. Allerdings blieb unsere Unterhaltung oberflächlich.
   Meine Ferien neigten sich dem Ende entgegen. Den letzten Ferientag beabsichtigte ich, mit Freunden und der Familie zu verbringen. Ich frühstückte mit Mama und Melissa. Am frühen Nachmittag legten wir – Nel, ein paar Freundinnen und ich – uns in die Sonne. Wenn die Hitze nicht mehr auszuhalten war, sprangen wir in den See. Nachdem ich mich zu Hause umgezogen hatte, machte ich mich auf den Weg zu Mels.
   Bewusst hatte ich mich für den Park entschieden. In den vergangenen Tagen hatte ich so viel Aelumina aufgenommen, dass ich vermutete, ich würde nicht mehr wie ein Magnet auf Roumen wirken. Dennoch blieb ich wachsam.
   Nach mehreren Hundert Metern vernahm ich aus der Ferne den Schrei einer jungen Frau. Ich riss den Kopf herum. Bis auf ein paar Spaziergänger und Radfahrer konnte ich niemanden entdecken. Erneut hörte ich etwas, das einem Flehen glich. Aufmerksam beobachtete ich meine Mitmenschen. Niemand schien dasselbe wie ich gehört zu haben. – Da war es schon wieder. Ein klägliches Verschwindet! Bildete ich es mir ein, dass jemand Hilfe brauchte?
   »Lasst mich endlich in Ruhe«, drang gedämpft bis zu mir vor.
   Schluchzen.
   Auf einmal glaubte ich zu wissen, wo ich nach der Verzweifelten suchen musste.
   Ich schlängelte mich durch eine Gruppe von Rentnern, wich einem Radfahrer aus und durchquerte die Wiese. Zielstrebig rannte ich den Hügel hinauf. Während ich mich vom Pfad unter ein Zelt aus Baumblättern leiten ließ, spürte ich, wie sich meine Härchen aufrichteten, als wäre ich in eine Eiskammer geplatzt. Der Schatten hatte jeden Quadratzentimeter erobert. Trotzdem erblickte ich sofort zwei Roumen, die sich an jemandem festgesaugt hatten.
   Einem von ihnen drückte ich von hinten den Fuß in die Mulde zwischen Oberschenkel und Wade. Wie erwartet knickte sein Bein ein, worauf er einen Moment vom Opfer abließ. Bevor er sich zu mir umdrehen konnte, hatte ich ihm einen Hieb versetzt. Meine Energie schwappte über wie siedendes Wasser aus einem Topf und fraß sich durch seine Haut. Während er das Gleichgewicht zu halten versuchte, trat ich dem anderen Roumin gegen das Schienbein. Die Jugendliche, die die Wesen attackiert hatten, sank stöhnend zu Boden.
   Sofort fixierte der Roumin mich. Als er auf mich zustapfte, sprang ich zur Seite. Schon drehte er sich um. In der nächsten Sekunde rammte ich ihm die Fäuste in den Oberkörper. Ein Schweif aus geballter Kraft vernichtete ihn. Nur die Aelumina blieb von ihm zurück. Sie schwebte in der Luft. Ich musste lediglich die Hände nach ihr ausstrecken, schon würde sie in mich übergehen. Meine Finger zuckten. Fast glaubte ich zu spüren, wie die Aelumina durch meine Adern floss und jede Zelle meines Körpers belebte. Ich ermahnte mich, es nicht zu tun, denn die Jugendliche hatte sie nötiger als ich. Ich half ihr auf die Beine und stützte sie. Mit fahrigen Bewegungen strich sie sich das Haar aus dem Gesicht. Ihr trüber Blick war auf mich gerichtet, jedoch hatte ich den Eindruck, dass sie durch mich hindurchschaute. Hinter mir bewegte sich etwas.
   Ich warf einen Blick über meine Schulter. Der Roumin taumelte in die entgegengesetzte Richtung. Ließ ich ihn entkommen, würde er vom nächsten Opfer speisen. Mit etwas Glück hätte er genug Energie, um zu einem Roumin wie jenem zu werden, dem ich Beulen und blaue Flecken zu verdanken hatte. Hätten Dorian, Chris, Sonja und Jannis nicht rechtzeitig eingegriffen, hätte er mich getötet.
   »Kannst du allein stehen?«
   Da sie nicht antwortete, stellte ich meine Frage erneut. Als sie schwach nickte, ließ ich sie los.
   Ich hechtete dem Roumin hinterher. Da er spürte, dass ihm jemand folgte, erfasste ihn Panik, worauf er sein Tempo beschleunigte. Vergeblich, denn ich hatte ihn nach wenigen Sekunden erreicht. Er wollte gerade ins Gebüsch verschwinden, als ich ihn an der klobigen Schulter packte und herumriss. Mit jedem Fausthieb, der ihn in den Brustkorb traf, rollte eine Woge übermenschlicher Energie über ihn hinweg. Als der Roumin schließlich zusammenbrach, stürzte ich mich nicht sofort auf die Lichterscheinung, sondern eilte zurück zu der Jugendlichen.
   »Schnapp sie dir!« Ich deutete auf die Aelumina.
   Sie hob den Kopf und sah mich aus trüben, müden Augen an.
   »Los«, forderte ich sie erneut auf. »Du brauchst sie.«
   Wie im Zeitlupentempo drehte sie sich um und torkelte vorwärts. Ohne ein Wort griff ich nach ihrem Arm und zog sie zurück. Ihre Versuche, sich zu wehren, fruchteten nicht, weil sie zu geschwächt war, als dass sie es mit mir aufnehmen konnte. Ich schubste sie auf die Aelumina zu, und schon war das Licht durch ihren Brustkorb gegangen.
   »Nein, ich …«, protestierte die Jugendliche halbherzig, als ich sie an der Hand zur nächsten führte. Ich ließ sie erst los, nachdem ihr Bein die über dem Boden schwebende Aelumina streifte und sie dadurch dem Körper zuführte.
   Von einem Moment auf den anderen wurde ihr Blick klarer. Endlich schien sie aus einer Art Traum zu erwachen. Als sie mich ansah, wurden ihre Augen größer.
   »Wie fühlst du …?« Ich hatte meine Frage noch nicht mal ausformuliert, da fing die Jugendliche an zu rennen. Ich schoss hinterher.
   Nach etwa zweihundert Metern verhedderte sie sich in ihrem langen Rock und fiel. Tränen liefen ihre Wangen hinunter. Sie setzte sich auf den Hintern. Nachdem ich sie eingeholt hatte, beeilte sie sich, sich aufzurichten. Da sie beim Aufstehen jedoch auf den Rock getreten war, landete sie wieder im Gras. Ich reichte ihr die Hand, doch sie ließ sich nicht von mir helfen.
   »Ich will das nicht. Ich habe genug davon«, rief sie und erhob sich unbeholfen.
   Folglich war es nicht das erste Mal, dass Roumen es auf sie abgesehen hatten.
   »Warum hört das nicht auf? Wieso lassen sie mich nicht endlich in Frieden?«, klagte sie schluchzend. Sie trocknete sich mit den Ärmeln ihrer Strickjacke ab, in die mindestens zwei von ihrem zierlichen Körperbau gepasst hätten.
   »Sammle die Aelumina, äh, ihre Energie, wenn du sie besiegst.«
   »Nein, ich will nichts damit zu tun haben. Ich …«
   »Wenn du dich weigerst, lieferst du dich ihnen aus«, machte ich ihr klar.
   »Weshalb lauern sie mir auf? Das habe ich so satt!« Wieder rannen ihr Tränen über die Wangen. Sie marschierte los, als hätte sie es eilig, so schnell wie möglich von mir wegzukommen. Ich schnalzte mit der Zunge. Als könnte sie den Roumen entfliehen. Schon bei der nächsten Gelegenheit würden sie sich auf sie stürzen.
   Ich sprintete ihr hinterher, überholte sie und trat ihr in den Weg. Sie wollte an mir vorbei, da streckte ich die Arme aus. Wieder schossen ihr Tränen in die Augen. Schluchzend senkte sie den Kopf.
   Mir war aufgefallen, dass uns einige Fußgänger musterten. Lächelnd nickte ich, um ihnen zu signalisieren, dass alles in Ordnung war. Ich legte der Jugendlichen eine Hand auf die Schulter. Aus einem unerfindlichen Grund fühlte ich mich verpflichtet, ihr zu helfen. »Mein Name ist Lia. Wie heißt du?«
   »Annie Sophie Levries«, antwortete sie schniefend.
   »Haben sie dir wehgetan?« Ich reichte ihr ein Taschentuch.
   »Nicht wirklich.« Sie putzte sich die Nase und schob die Strähnen ihres Haares hinter das Ohr.
   Ihre Haarfarbe war nicht einfach zu bestimmen. Weder Braun noch Blond schienen gewillt zu sein, sich durchzusetzen. Ihr Mix ergab jedoch eine Farbe, die zu blass war, um als brünett eingestuft zu werden, allerdings auch nicht hell genug, damit sie als blond durchging.
   In wenigen Sätzen erklärte ich Annie, was mit ihr passiert war. Ihre Brauen wanderten nach oben, ihr Mund stand offen, während sie mich wortlos anstarrte. Dennoch wertete ich es als ein gutes Zeichen, dass sie nicht erneut die Flucht ergriff. Als ich allerdings erneut erwähnte, wie wichtig es sei, die Aelumina aus den Gegnern herauszuschlagen, vergrößerte sie immer mehr und mehr den Abstand zwischen uns. Dann drehte sie sich um. Bevor sie auch nur einen Fuß in die andere Richtung setzen konnte, tauchte ich vor ihr auf. Mit einem Aufschrei trat sie zurück.
   »Hör zu, Annie, ich will dir nicht erzählen, du seist auserwählt worden, um die Welt zu retten, und dass du dich deshalb in einen Kampf stürzen sollst. Aber du wirst kämpfen müssen. Deinetwegen.«
   Ihr Kopf sank wie die Blüte einer welken Kamille. Mir schien, als würde sie jeden Moment zusammenklappen. Ich legte die Hände auf ihre Schultern und übte Druck aus, damit sie das Kreuz durchdrückte.
   »Auch mir ist es schwergefallen, zu akzeptieren, dass ich eine Rivalin bin«, fuhr ich fort, sobald sie mir wieder in die Augen sah. »Allerdings habe ich erkannt, dass mir keine andere Wahl bleibt. Sie jagen uns, weil wir ihr Lebenselixier sind. Erst wenn wir Rivalen energetisiert sind, lassen sie von uns ab.«
   »Wie soll ich sie anfassen, wenn sie so … eklig sind?«, piepste Annie.
   Ich setzte zu einer Antwort an, äußerte sie aber nicht, denn ich spürte die Kälte auf meiner Haut, noch ehe ich sie sah. Zwei Roumen kamen auf uns zu. Aus dem Schatten, wo ich Annie aus den Klauen der Wesen befreit hatte, lösten sich zwei weitere. – Mutig, sich so vielen Menschen zu präsentieren, ging mir durch den Kopf. Fast jeder Radfahrer drehte sich nach ihnen um. In meiner Nähe waren Männer und Frauen stehen geblieben und starrten mit heruntergeklappten Kinnladen zu uns herüber.
   Zu viele Zeugen. – Aber ich kann die Gelegenheit nicht verstreichen lassen.
   »Komm mit.« Ich rannte auf die Roumen zu.
   Den Ersten setzte ich durch einen Stoß außer Gefecht. Daraufhin rammte ich dem anderen die Fäuste in den Oberkörper. Trotzdem war es ihm gelungen, meinen Arm zu erwischen. Obwohl er nicht einmal den Mund geöffnet hatte, haftete er an mir, als hätte er sich festgebissen. Meine Haut prickelte, als bohrten sich spitze Eiszapfen in meinen Arm. Ich holte aus und donnerte ihm die Handinnenfläche gegen die Stirn. Wie vor Schmerz zuckte der Roumin zusammen und taumelte mehrere Schritte zurück. Bevor er sich erneut auf mich stürzen konnte, versetzte ich ihm den letzten Schlag.
   Noch mehr Roumen eilten herbei. Sie hasteten, als drohten sie zu verhungern, weil die Konkurrenz wuchs.
   »Trau dich!« Ich drehte mich nach ihr um. »Wie sonst sollst du deine Angst vor ihnen überwinden?«
   Mit gesenktem Kopf schaute Annie zu mir herüber, rührte sich jedoch nicht von der Stelle. Als ich einen Roumin zu Boden brachte, verlangte ich, dass sie zu mir kam.
   »Sie sind schnell«, rief ich ihr zu, »aber nicht schwer zu besiegen.«
   Um meine Worte zu untermauern, demonstrierte ich Annie an zwei Roumen, wie meine Energie sie innerhalb von Sekunden zermalmte. Nicht nur Annie beobachtete mich aufmerksam, sondern auch Spaziergänger, die das Ganze vermutlich für eine einstudierte Showeinlage hielten.
   »Siehst du, so einfach …« Mir blieben die Worte im Hals stecken. Wie aus dem Nichts war ein riesiger Roumin vor mir erschienen. Als ich in seine hellen, feindseligen Augen blickte, da durchfuhr es mich wie ein Blitz: Vor mir stand derjenige, der mich vor mehreren Tagen geschnappt hatte, als ich auf einem Baum Roumen geärgert hatte.
   Im Nu war er hinter mir. Bevor ich herumfahren konnte, hatte sich eine Hand um mein Gelenk gelegt und mir den Arm auf den Rücken gedreht. Mein Puls beschleunigte sich. Mit zusammengebissenen Zähnen wand und drehte ich mich. Da drückte der Roumin mein Handgelenk weiter in Richtung Schulterblätter, worauf ich aufschrie und die Befreiungsversuche sogleich unterließ.
   Annies geweitete Augen, die Fäuste und die verkrampfte Schulterhaltung verrieten, dass sie mir gern helfen würde, doch die Angst blockierte sie. Mir schlug das Herz bis zum Hals. Flehend starrte ich erst sie, dann die Menschen an, die einander etwas zuraunten, ohne den Blick von mir abzuwenden. Weitere Roumen tauchten in meinem Blickfeld auf.
   Die Lippen des Roumin berührten meinen Hinterkopf. Als ich den Kopf herumriss, packte er mein Kinn. Sein Griff war so fest, dass mein Kiefer schmerzte. Erneut fing er an, mir Wärme zu entziehen. Mit jeder Sekunde nahm das Stechen zu und fühlte sich an, als ob ein Arm oder ein Bein einschlief.
   Annies Fäuste zitterten, als stünde sie unter Strom. Sie machte einen Schritt in meine Richtung. – Aber keinen zweiten.
   Mit Mühe hielt ich mich aufrecht. Längst hatte ich aufgehört, mich zu wehren. So konnte es nicht enden. So durfte es nicht enden.
   Da raste ein junger Mann an mir vorbei. Er jagte erst einem, dann dem nächsten Roumin die Fäuste in den Oberkörper. Als er einen nach dem anderen erneut attackierte, fraß sich seine Energie in Form von vielfarbigen Wellen durch die Körper der Roumen. Scheinbar ohne Luft zu holen, wandte er sich dem dritten Roumin zu. Er trat dem Wesen gegen das Schienbein und streckte es mit einem Handkantenschlag nieder.
   Nachdem er die Roumen außer Gefecht gesetzt hatte, richtete er sich zur vollen Größe auf und sah sich nach weiteren Gegnern um. Als sich unsere Blicke trafen, blieb mein Herz einen Moment lang stehen.
   In dieser ausweglosen Situation hätte ich mit allen Menschen gerechnet; mit Dorian, Chris, Benedikt, sogar mit Jannis, aber nicht mit ihm. Nicht mit dem Jungen meiner Träume, dem Jungen, für den ich schon seit zwei Jahren schwärmte. Doch ausgerechnet er stand vor mir: mein Held Sascha Bavar.
   Szenen drängten sich vor mein inneres Auge. Szenen, die Fantasien entsprangen, die so peinlich waren, dass ich eine von ihnen Nel erst nach mehreren Gläsern Sekt anvertraut hatte.
   Wenn ich abends im Bett lag oder wenn ich mich im Unterricht langweilte, katapultierte ich mich in Gedanken in eine gefährliche Lage. Ich stellte mir vor, ich flüchtete vor einem bewaffneten Gangster. Sobald ich um die Ecke bog, rannte ich geradewegs Sascha in die Arme. Sofort begriff er, dass mir jemand nach dem Leben trachtete. Schützend legte er einen Arm um mich und zückte seine Pistole, um den Gangster ins Jenseits zu befördern. Oder Vampire hätten mich entführt und in ein pompöses, schulterfreies Ballkleid gesteckt. Auf einem festlichen Bankett beabsichtigten sie, mich zu verspeisen. Bevor jedoch der Erste seine Zähne in meinen Hals stoßen konnte, trat Sascha die Tür ein und stürmte mit weiteren Vampirjägern den Raum. Während seine Verbündeten die Untoten vernichteten, befreite mich Sascha von den Fesseln und half mir herunter.
   Jede Fantasie endete damit, dass Sascha mich leidenschaftlich küsste.
   Nie hätte ich gedacht, Sascha würde mir in der Realität das Leben retten.
   Irgendetwas schien den Roumin hinter mir verwirrt zu haben, denn sein Griff hatte nachgelassen. Ohne zu zögern, rammte ich dem Gegner den Ellbogen in die Rippen. Dass Sascha hier war, versetzte mich in Hochstimmung. Ich wirbelte herum und versetzte ihm einen Hieb. Mit vor Überraschung aufgerissenen Augen taumelte der Roumin zurück. Sogleich fing er sich wieder und ging in Angriffsstellung. Beflügelt von der Vorstellung, Sascha und ich würden Seite an Seite kämpfen, blickte ich dem Moment, in dem der Roumin mich angriff, freudig erregt entgegen.
   Als dieser auf mich zutrat, schnellte jemand vor. Allerdings nicht Sascha, wie ich es erwartet hatte, sondern Annie. Ihre Handinnenflächen bohrten sich in den Brustkorb der Kreatur. Zur selben Zeit entströmte ihr eine Kraft, eine gewaltige Kraft, die sich in ihr gestaut hatte und in dieser Sekunde endlich entfesselt worden war. Wellen in schillerndem Gelb, Orange und Grün erfassten den Roumin. Als wollte er vor Schmerz schreien, riss er den zahnlosen Mund auf. Seiner Kehle entrann jedoch kein Ton.
   Anerkennend pfiff ich. »Gute Arbeit, Annie!«
   Scheu lächelte sie und senkte den Kopf.
   Der Roumin ging in die Knie. Wie es aussah, hatte Annie ihn ernsthaft verletzt. Ihm fehlten nur ein paar Hiebe, und schon hätten wir ihn besiegt.
   Wo blieb Sascha? Rasch blickte ich mich um und entdeckte ihn auf dem Feld. Er ging von einer Aelumina zur anderen und berührte sie mit Mineralen. Vor meinem inneren Auge zerrissen die Bilder von Sascha, wie er mich aus den Fängen des Bösen befreite oder wie er mich an sich drückte. In mir breitete sich Enttäuschung aus. Nachdem ich jedoch Roumen entdeckt hatte, die den Schatten verließen, war sie vergessen.
   Während sie in unsere Richtung stapften, suchte der Riese dort Schutz, woher die Kreaturen kamen.
   Annie machte sich nicht schlecht, stellte ich fest, als wir uns gegen drei Roumen verteidigten. Sie hieb und trat nach den Gegnern und hinderte sie jedes Mal daran, sich festzusaugen. Sobald sie jedoch zögerte, schlug ich zu und erledigte den Roumin.
   Die wenigen Sekunden, in denen mir keine Gefahr drohte, nutzte ich, um mich umzuschauen. Da entdeckte ich ihn: Mit Kristallen schlenderte Sascha lässig über die Wiese und sammelte Aelumina wie Süßigkeiten im Schlaraffenland. Mich packte unbändige Wut, die meine Kraft nährte. Als ich dem letzten, noch übrig gebliebenen Roumin einen Schlag versetzte, ging er zu Boden und löste sich auf.
   Kaum hatte sich Annie nach der Energie gebückt, sauste etwas Dunkles über die Aelumina, und mit einem Mal war sie fort. Mein Blick wanderte vom Bergkristall, in dem unsere Errungenschaft ruhte, über die Hand hinauf zur Schulter und schließlich zu Saschas spitzbübisch grinsendem Gesicht. Er steckte den Kristall in seine Manteltasche, die unter dem Gewicht durchhing.
   »Was fällt dir ein?«, donnerte ich. »Die hier war für Annie gedacht.«
   Sascha sah an mir vorbei. Dann machte er eine Kusshand, drehte sich um und fing an zu rennen.
   »Hey«, brüllte ich ihm hinterher. »Bleib sofort stehen!«
   »Hm, Lia«, meldete sich Annie murmelnd zu Wort. »Vielleicht sollten wir gehen.«
   Angesichts der Menschenmasse, die sich versammelt hatte, hielt ich ihren Vorschlag für eine gute Idee, zumal in der Ferne Sirenen heulten. Gemeinsam liefen wir den Fußgängerweg entlang und versteckten uns in einem Biergarten, um kurz Luft zu holen. Danach setzten wir unsere Flucht fort, auch wenn mir einleuchtete, dass die Polizei uns sowieso erwischen würde.
   Dem war auch so. Ein Streifenwagen kam mit quietschenden Reifen zum Stehen, als wir eine Straße überqueren wollten. Sowohl der Mann als auch die Frau stiegen aus und verlangten unsere Papiere.
   »Ihr seid Rivalen, richtig?«, fragte uns die Polizistin. Stellvertretend nickte ich. Der Beamte tippte unsere Daten in ein elektronisches Gerät ein. Vermutlich hielt die Polizei jeden Rivalen in ihrer Datenbank fest.
   Ich fragte mich, was uns blühte. Würden sie unsere Eltern benachrichtigen? Wenn Mama Wind davon bekäme, was ich täglich trieb, würde sie mir den Kopf abreißen.
   »Seid das nächste Mal vorsichtiger«, sagte der Beamte.
   Nachdem sie gefahren waren, sah mich Annie irritiert an. »War es das? Keine Fragen, keine Verwarnungen oder etwas Vergleichbares?«
   »Sei froh.«
   »Bin ich auch.« Sie knetete die Finger vor dem Bauch. »Ich hatte Angst, da kommt noch mehr.«
   »Sie wissen über uns Bescheid.«
   Auf dem Weg zu Sonja fing ich an, Annie in die Welt der Roumen und Rivalen einzuweihen. Besonderen Wert legte ich darauf, zu betonen, dass sie sich anderen Rivalen anschließen musste. Je mehr ich allerdings darauf beharrte, dass sie Aelumina sammeln sollte, desto leiser wurde Annie. Als sie schließlich nichts mehr sagte, wusste ich, dass der Funke Kampfgeist erloschen war.
   Eine halbe Minute, nachdem ich geklingelt hatte, öffnete Sonja die Tür. Sie bat uns nicht hinein, als ich ihr die Situation schilderte und betonte, dass Annie unseren Schutz brauchte.
   Mit vor der Brust verschränkten Armen, herunterhängenden Mundwinkeln und den hochgezogenen Augenbrauen signalisierte Sonja, was sie davon hielt, dass wir einen Neuzugang hatten.
   »Von heute an gehört Annie zu uns«, stellte ich klar.
   »Morgen um fünf«, sagte Sonja und schloss die Tür.
   »Wieso tust du das, Lia?«, fragte Annie zögernd.
   Ich blickte in blaue Augen, in denen sich so viel widerspiegelte; Furcht, Verzweiflung – und Hoffnung.
   »Weiß nicht.« Ich steckte die Hände in meine Jeanstaschen und kickte ein Steinchen vom Gehweg. Eigentlich wusste ich genau, wieso. »Weil ich noch vor zwei Wochen in deiner Haut gesteckt habe. Weil ich mich glücklich schätze, dass mir jemand zur Hilfe geeilt ist. Aber auch, weil ich erleichtert bin, dass ich ihnen nicht allein gegenüberstehen muss, sondern Teil einer Einheit bin.«
   Und auf einmal sehnte ich mich aus einem unerfindlichen Grund nach Dorian.

Wenn jemand so viele erste Schultage nach den Sommerferien erlebt hatte, müsste man meinen, dass er sich gelöst und entspannt fühlen sollte. Trotzdem kam ich mir jedes Jahr vor, als würde ich mit meiner Schultüte in eine Klasse treten, wo mich viele fremde Kinder anstarrten. Doch die anfängliche Befangenheit löste sich bald in nichts auf, und wir tauschten Urlaubsgeschichten aus.
   Als der Gong zur ersten Pause läutete, gingen Nel, ein paar meiner Klassenkameradinnen und ich die Stufen hinunter. Da hielt ich an, weil ich durch die Glaswand Sascha im Erdgeschoss entdeckt hatte. Er war mit seinen Mitschülern nach draußen unterwegs. Vor einer Tür blieb er stehen.
   Wenn ich ihn sah, verwandelte ich mich in eine Zehnjährige, die einen Jungen anhimmelte. Unterhielt ich mich mit Freundinnen in seiner Nähe, lachte ich schrill. Meine Wangen glühten und das Herz klopfte mir bis zum Hals. Begegnete sein Blick zufällig dem meinen, starrte ich mit hochrotem Kopf auf meine Schuhe.
   So richtig war mir Sascha aufgefallen, als ich damals in der Tanzschule auf Nel wartete. Als er hereinkam, um – wie ich später herausgefunden hatte – seine Schwester abzuholen, durchzuckte mich ein Blitz. Ich hatte Sascha mehrmals in der Schule gesehen, jedoch bemerkte ich erst an jenem Tag, dass er blaue von dichten Wimpern umkranzte Augen hatte. Er war hochgewachsen und gut gebaut, weshalb ich davon träumte, mich an seine Schulter zu lehnen.
   Breitbeinig stand Sascha da mit nach außen gedrehten Handflächen, einem wachen Gesichtsausdruck und einem offenen Lächeln, als wollte er rufen: Hier bin ich, Welt. Ich bin bereit für deine Herausforderungen. Sein blondes Haar wirkte stets zerzaust, als wäre er gerade von einem Abenteuer zurückgekehrt und wäre dabei, sich in das nächste zu stürzen. Und ich war überzeugt, dass er nach dem Abitur, das er Ende dieses Schuljahres machen sollte, um die Welt reisen und neue Erfahrungen und Eindrücke gewinnen würde.
   Widersprüchliche Emotionen ergriffen von mir Besitz. Einerseits brannte ich darauf, ihn zu küssen, andererseits würde ich ihn am liebsten erwürgen. Nachdem ich gestern die meiste Arbeit getan hatte, hatte Sascha ohne zu fragen alles abgesahnt.
   »Kommst du, Lia?« Nel stand bereits auf der untersten Stufe.
   Binnen Sekunden hatte ich sie eingeholt. Mein Blut kochte. »Bin gleich bei euch«, sagte ich, als ich an ihr vorbeiflitzte. Entschlossen marschierte ich nach draußen, wo Sascha im Kreise seiner Freunde stand. Ohne Rücksicht auf andere drängte ich mich zwischen die jungen Männer und stellte mich vor Sascha.

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