»Ich hörte seinen Flügelschlag hoch oben am Himmel und fragte mich, ob er im selben Moment auf mich herunterblickte.« Lauren besucht das erste Mal in ihrem Leben eine Universität, die sich als spezielle Einrichtung enttarnt, denn dort besitzt jeder ganz besondere Fähigkeiten. Mit ihren rot glühenden Augen und ihrer Kraft Feuer zu entfachen sorgt sie für Aufsehen und heiße Liebesgeschichten. Schließlich muss sie sich entscheiden zwischen William, einem Hochschullehrer mit atemberaubenden schwarzen Flügeln, und Jaden, der sich teleportieren und sie an jeden Ort auf der Welt bringen kann. Zwischen hervorgerufenen Konflikten, gefährlichen Explosionen und organisierten Entführungen bleibt ihr kaum noch Zeit, sich ihrer wahren Liebe gewiss zu werden. Eine Geschichte, die bewegend und schockierend zugleich ist. Lauren ist in ihrer Machtlosigkeit gefangen und kann gegen die bevorstehenden Katastrophen kaum etwas ausrichten.

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ISBN: 978-9963-53-589-7

Seiten: 345

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Anna May Reed

Anna May Reed
Anna May Reed ist das Pseudonym einer Autorin, die 1995 in Marburg geboren wurde. Im Jahr 2014 begann sie dort ein Studium in Pharmazie, wechselte jedoch 2015 zu einem Grundschullehramt-Studium in Gießen. Ihre größte Leidenschaft war immer das Schreiben, deshalb begann sie neben des Studiums mit dem Schreiben ihres ersten Manuskripts. 2017 veröffentlichte sie Ihren ersten Roman bei bookshouse „Entfesselt - Eyes of Fire“.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Ich schritt die marmorne Wendeltreppe hinunter und fing Williams bewundernden Blick auf, der auf meinem wallenden goldenen Kleid lag. Eine schwarze Maske verbarg mein Gesicht. Nur meine flammend roten Augen und Lippen waren zu erkennen. Mit William an meiner Seite betrat ich den Speisesaal, der in einen wunderschönen, aufwendig verzierten Ballsaal verwandelt worden war, denn es war Maskenball, und die Studenten mit ihren verhüllten Gesichtern trieb es auf die Tanzfläche.
   »Ich hätte dich kaum erkannt«, scherzte ich und berührte seine Maske, die aus schwarzen Federn bestand. Mit seinen großen Flügeln war er nur schwer zu übersehen.
   »An deinen Augen erkennt dich auch jeder«, erwiderte er.
   »Da vorn sind Lilly und Tony.« Ich winkte sie zu uns herüber.
   Lilly kam beschwipst auf uns zu. »Wollt ihr nicht auch ein bisschen was trinken?«, fragte sie auf wankenden Beinen.
   »Ich glaube, du hattest schon genug.« Ich nahm ihr vorsorglich das Glas aus der Hand und stellte es weg.
   Wir strömten mit den anderen auf die Tanzfläche und Lilly hinkte hinterher.
   »Willst du sie nicht schon aufs Zimmer bringen?«, wandte ich mich Tony zu.
   »Das lässt sie nicht mit sich machen. Wir können ja noch ein bisschen bleiben, bis sie keine Lust mehr hat, dann wird sie von allein gehen.«
   »Okay«, sagte ich skeptisch und nahm ein Glas Champagner, das mir von einem Kellner überreicht wurde.
   Wir ließen uns von der Musik treiben und bestaunten die vielen Kostüme der anderen. Ich bemerkte Williams Blick auf mir und sah ihm in seine warmen braunen Augen, die mich eingehend musterten. Er machte mich immer noch schwach und ließ mich seltsam ruhig werden. Ich spürte die tiefe Verbundenheit zwischen uns, die ich nur bei ihm wahrnehmen konnte. Dieses Gefühl war unbeschreiblich. Es war, als ob prickelnde Wärme meinen ganzen Körper durchflutete und sich mein Körper an seinen drängte.
   Seine Lippen berührten meine und die Zeit stand still. Alles um uns herum war vergessen.
   Plötzlich zersprangen die Glühbirnen des Kronleuchters und regneten auf uns herunter. Alle Lichter erloschen, und es wurde stockdunkel im Saal. Ich konnte nicht einmal Umrisse erkennen. Mein Herz schlug schnell und unregelmäßig und mein Atem stockte. Der Instinkt befahl mir, zu fliehen, und die Knie wurden weich, aber ich ermahnte mich, still zu stehen, und hielt Williams Hand umklammert.
   Eine Welle der Panik brach aus und überflutete die gewaltige Masse an Studenten, die durcheinanderlief und schrie. Etwas musste die Panik ausgelöst haben, aber ich wusste nicht, was es war. Ich blickte mich ängstlich um und konnte schwaches Licht erkennen, das aus dem Lichtkegel einer Taschenlampe zu uns herüberschien. Immer mehr Taschenlampen leuchteten auf und kamen auf uns zu. Zuerst dachte ich, dass die Männer kamen, um uns nach draußen zu führen, aber sie packten einen nach dem anderen und zogen ihn mit sich.
   »Wir nehmen einen Fluchtweg«, flüsterte William mir zu und ließ meine Hand nicht los. Zusammen bahnten wir uns einen Weg durch die Menge und rannten durch den Flur. Die Tür nach draußen war bereits in Sichtweite und es fehlten nur noch wenige Meter, bis wir draußen sein würden, aber dann spürte ich einen Stich an meinem Hals und konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. William ließ meine Hand los und sackte zusammen. Meine Füße waren schwer wie Blei und ich konnte nicht mehr länger stehen. Schmerzhaft schlug ich auf dem harten Marmorboden auf und blieb neben William liegen. Mit allerletzter Kraft versuchte ich, meine Augen offen zu halten, aber sie fielen mir zu und ich bekam nichts mehr mit.

Der Beginn eines neuen Lebens

Ich suchte meine Jacke und packte noch einen Kamm und eine Zahnbürste in meinen Koffer. Da alle schliefen, musste ich mich ermahnen, leise zu sein, und trug den schweren Koffer geräuschlos die Holztreppe hinunter. Wenn in diesem Moment jemand aufgewacht wäre, hätte er mich aufgehalten und ich hätte nicht fliehen können. Bevor ich die Haustür aufzog, blieb ich im Flur stehen und überprüfte noch einmal, ob ich alles bei mir hatte. Es würde kein Zurück mehr geben. Wenn ich etwas hierlassen würde, könnte ich es nicht mehr holen.
   Ich zog die massive Tür auf, ging hinaus und hoffte, dass mich niemand hörte. Ich verließ mein Zuhause für immer. Nie mehr konnte ich hierher zurückkehren und ich würde meinen kleinen Bruder Mason, meine herrische Mutter und meinen strengen Vater niemals wiedersehen.
   Es regnete in Strömen und eisiger Wind fuhr mir ins Gesicht. Bereits nach wenigen Minuten war ich durchnässt. Ich beeilte mich und rannte zur nächsten Bushaltestelle, um den letzten Bus, der in der Nacht noch fuhr, zu erwischen. Bis auf zwei weitere Menschen war der Bus vollkommen leer. Nur eine alte Frau, die zusammengesunken auf ihrem Sitz kauerte, und ein Mann mittleren Alters, der die hinterste Sitzreihe eingenommen hatte, reisten mit. Ich ließ mich auf einen Platz in der Mitte fallen und verstaute meinen Koffer auf dem anderen Sitz. Während der langen Busfahrt kamen wieder schreckliche Erinnerungen hoch. Sie waren der Grund dafür, dass ich meine Familie verlassen musste. Ich sah den kleinen Mason, wie er schreiend aus seinem brennenden Zimmer fliehen musste, und meine Mutter, wie sie mich verzweifelt ansah. Mason hatte meinetwegen viel ertragen müssen und war immer tapfer gewesen. Er hatte sich nie gegen mich gewandt, doch meine Mutter hatte schon lange kein Verständnis mehr für mich gehabt. Sie hatte oft gesagt, dass sie den Tag verfluchen würde, an dem sie mich geboren hatte. Oft hatte ich versucht, ihre schrecklichen Bemerkungen über mich zu ignorieren, doch sie raubten mir meine Kräfte. Sie hatte mir häufig gedroht, mich aus dem Haus zu werfen. Das brauchte sie nicht mehr, da ich in diesem Moment die Gelegenheit ergriff und selbst ging. Mein Vater war mir gegenüber gleichgültig eingestellt und vermied Gefühlsäußerungen. Er hatte mir nie gedroht, aber er sorgte sich ebenfalls um Masons Sicherheit. Zu lange hatte ich sein Leben gefährdet. Meinetwegen war das komplette Haus abgebrannt und meine Eltern mussten es wieder aufbauen. Eine Anhäufung von Schulden war entstanden.
   Als der Bus endlich in die Randbezirke von Boston fuhr und zum Stehen kam, nahm ich meinen Koffer und stieg aus. Nun würde für mich ein neues und besseres Leben beginnen. Ein Leben ohne Schmerz und Leid. Mit zitternden, eiskalten Händen kramte ich den Stadtplan aus meiner Tasche. Der Koffer schleifte auf der nassen Straße hinterher, während ich die Straßennamen auf der Karte entzifferte. Ich musste lange suchen, bis ich ein großes Schild mit der Aufschrift »Henry-Benett-Einrichtung« sah, dann lief ich über einen Pfad mit weißen glitzernden Steinen durch einen riesigen pompösen Garten mit einem Springbrunnen und in die Hecke geschnittenen Figuren. Im Sonnenlicht würde dieser Garten vermutlich schön aussehen, doch in der Dunkelheit wirkten die Figuren bedrohlich und bizarr.
   Allmählich erreichte ich das große Schloss mit seinen vielen Türmen und zog an einer vergoldeten Glocke, die die Türklingel darstellte. Mein Atem war laut und unregelmäßig und mein Herz schlug mir bis zum Hals. Der lange beigefarbene Mantel schaffte es kaum, mich warmzuhalten. Ich bebte vor Kälte und Nervosität. Wieder läutete ich an der Glocke, doch niemand öffnete die Tür. Ich fragte mich, ob niemand anwesend war, obwohl überall Lichter brannten. Nach mehrmaligem Läuten wurde die Tür geöffnet und ich blickte in die warmen braunen Augen eines attraktiven Mannes. Bei seinem Anblick erstarrte ich, denn auf seinem Rücken trug er große schwarze Flügel mit glänzenden Federn. Er hatte kurze schwarze Haare und eine olivfarbene Haut. Sein Oberkörper war muskulös und wurde von einem engen weißen Shirt betont, das einen Kontrast zu seinen dunklen Haaren bildete.
   »Hallo«, sagte er freundlich mit tiefer Stimme.
   »Hi«, erwiderte ich eingeschüchtert. »Ist das die Henry-Benett-Einrichtung?«, fragte ich, obwohl ich die Antwort bereits kannte.
   »Ja, komm doch rein. Ich bin William Lockwood.« Er streckte mir seine starke Hand entgegen, die ich mit meiner feuchtkalten Hand ergriff.
   »Ich bin Lauren Payne.«
   Sobald ich die Eingangshalle betrat, trocknete ich meine Haare und Kleidung mithilfe meiner Fähigkeiten. Als William sah, dass meine Haare in Flammen aufgingen und anschließend in weichen roten Wellen mein Gesicht umrahmten, wirkte er fasziniert. »Du hast eine erstaunliche Fähigkeit. Was kannst du noch?«
   »Ich kann Feuer entfachen und habe Visionen. Welche Fähigkeiten besitzt du?«
    »Ich kann Wärme absorbieren und fliegen, wie du wahrscheinlich schon bemerkt hast«, antwortete er mir, ohne zu zögern, und lachte.
   Ich bewunderte wieder seine großen Flügel.
   »Ich kann dich zum Professor bringen. Wenn du auf Dauer hierbleiben möchtest, musst du dich vorher erst einmal anmelden und bei ihm vorstellen.«
   »Okay, danke«, entgegnete ich steif und lief ihm hinterher.
   Die Eingangshalle war riesig und wurde von Dutzenden Kronleuchtern hell beleuchtet. Der Marmorboden zu meinen Füßen war edel und erstrahlte in dem gleißenden Licht. Aufwendig bemalte Vasen mit Blumengestecken standen auf kleinen Beistelltischen und wunderschöne Malereien aus einer anderen Zeit zierten die Wände. Alles wirkte wie in einem Traum.
   »Der Professor ist blind und kommuniziert überwiegend über seine illusionistischen Fähigkeiten. Alles, was du sehen kannst, sieht er ebenfalls und er kann dir Bilder in den Kopf einpflanzen«, warnte mich William vor, als wir das Büro des Professors erreichten.
   Ich hatte plötzlich einen Kloß im Hals und begann trotz der Wärme zu zittern, doch sobald ich das Büro betrat, fürchtete ich mich nicht mehr, da mir ein alter, zerbrechlicher Mann gegenübersaß.
   »Willkommen in der Henry-Benett-Einrichtung. Ich bin Professor Henry Benett«, begrüßte er mich freundlich.
   »Hallo, ich bin Lauren Payne«, sagte ich verunsichert.
   »Setzen Sie sich, meine Liebe.«
   Stumm folgte ich seiner Anweisung und setzte mich ihm gegenüber. Sein Büro war geräumig und hatte weniger Dekoration als die Eingangshalle. Trotz der vergoldeten Wände wirkte es fast schlicht, da nur ein Schreibtisch aus massivem Holz, drei Stühle, ein Regal mit Aktenordnern und lange weiße Vorhänge den Raum ausfüllten.
   Der Professor saß mir gegenüber, sah mich aber nicht an, da er blind war. »Sie sind wegen Ihrer außergewöhnlichen Fähigkeiten hier, nicht wahr? Sie haben sowohl in der Schule als auch in Ihrer Familie viel durchmachen müssen. Das tut mir sehr leid, aber hier bei uns sind Sie gut aufgehoben.«
   »Woher wissen Sie das von meiner Familie und meiner alten Schule?«, fragte ich verblüfft und ein wenig misstrauisch.
   »Ich sehe alles, was sich in Ihrem Kopf abspielt. Aber keine Sorge, Ihre Geheimnisse behalte ich für mich. Sie haben bereits William Lockwood kennengelernt. Er ist ein vertrauter Freund von mir. Er wird Sie auf Ihr Zimmer führen und Ihnen den Stundenplan geben. Wenn Sie etwas auf dem Herzen haben, können Sie jederzeit zu mir kommen«, sagte er mit einem gütigen Lächeln und fuhr sich über seinen langen silbernen Bart, während seine milchig grauen Augen unverwandt auf den Boden starrten.
   Das deutete ich als Verabschiedung. »Vielen Dank«, sagte ich und verließ das Büro.
   Zusammen mit William bestieg ich eine geschwungene marmorne Treppe, auf der sich die Lichter der Kronleuchter spiegelten. Da mich meine Kraft allmählich verließ, hielt ich mich an dem goldenen Treppengeländer fest, während William meinen Koffer nach oben trug.
   »Hier ist dein Stundenplan für die kommende Woche. Schlaf gut und bis morgen«, sagte er und stellte mir den Koffer vor das Zimmer.
   Mit dem Schlüssel, den er mir gegeben hatte, öffnete ich die Tür und erblickte ein Zimmer mit einem funkelnden Kronleuchter, langen rosafarbenen Gardinen und zwei Hochbetten mit insgesamt vier Betten.
   »Hi. Bist du neu hier?«, hörte ich bereits das erste Mädchen von ihrem Bett aus rufen.
   »Ja, ich bin vorhin erst angekommen. Ich bin Lauren Payne und wie heißt ihr?«, fragte ich und schob meinen Koffer ins Zimmer.
   »Ich bin Lilly Perlman. Du kannst ruhig auf dem Bett da vorn schlafen, das ist noch frei.« Lilly zeigte dabei auf das Bett unter dem eines anderen Mädchens.
   »Ich bin Erin Henderson«, murmelte das Mädchen, unter dem ich schlafen sollte. Es hatte langes braunes Haar, das ihr glatt herunterhing und eine schlanke, magere Gestalt, wodurch sie sehr zerbrechlich wirkte. Ihre Augen hatten einen ängstlichen Ausdruck angenommen und waren groß und grau.
   »Und ich bin Sasha Hennessey«, sagte ein exotisch aussehendes Mädchen mit karamellfarbener Haut und schwarzen Afrolocken.
   »Was hast du für Fähigkeiten?«, fragte Lilly neugierig.
   »Ich habe Visionen und kann Feuer entfachen«, erwiderte ich.
   »Zeig sie uns«, forderte sie.
   Erst zögerte ich, doch dann atmete ich tief ein und ließ meine Haare brennen. Alle drei schauten mich gebannt an, dann machte ich das Feuer wieder aus.
   »Was könnt ihr?«, fragte ich in die Runde.
   »Pass gut auf«, meinte Lilly, und ihre großen blauen Augen begannen zu funkeln. Innerhalb einer Sekunde füllte sich das Zimmer mit unzähligen Möbelstücken, Perlen und Kleidern an. »Ich kann dir jeden beliebigen Gegenstand herzaubern«, strahlte sie und ihre hellblonden Locken wippten hin und her. So schnell, wie die Gegenstände kamen, verschwanden sie schon wieder.
   Sasha ging zu den Balkontüren und öffnete sie. Es regnete immer noch in Strömen, doch plötzlich hörte der Regen auf und mitten in der Nacht war das Zimmer erfüllt von Sonnenschein.
   »Es ist mir nur im Notfall erlaubt, das Wetter zu verändern, aber der Professor wird das hoffentlich nicht mitbekommen«, sagte Sasha und setzte sich wieder auf ihr Bett.
   Der Regen setzte sofort wieder ein und die Sonne verschwand.
   Erin stellte sich vor mich und nahm meine Hand. »Halt meine Hand gut fest«, wies sich mich schüchtern an und verschwand plötzlich aus dem Sichtfeld. Nur an dem festen Griff ihrer Hand merkte ich, dass sie noch da war. Eine Minute später war sie wieder zu sehen. Sie ließ meine Hand los und ging durch die Wand ins Badezimmer. Fasziniert sah ich ihr dabei zu, wie sie mühelos durch die Wand glitt.
   »Ihre Fähigkeit ist beeindruckend, aber nicht so toll wie meine«, lächelte Lilly stolz. »Ich habe dem Professor geholfen, alle Räume zu gestalten. Aus einem einfachen Haus habe ich ein Schloss gemacht.«
   Ich staunte über ihr Talent. Sie war es also, die alle Räume in wunderschöne Schlosssäle verwandelt hatte.
   »Ihr müsst mich morgen mal herumführen«, bat ich.
   »Ja, auf jeden Fall«, versprachen sie.
   Erschöpft von dem langen Tag und der großen Umstellung fiel ich in die weichen Kissen und schlief sofort ein.

»Aufstehen«, flüsterte mir Lilly ins Ohr.
   Immer noch müde und nicht wirklich ausgeruht kletterte ich aus dem Bett.
   »Zeig mal deinen Stundenplan. Vielleicht haben wir ja was gemeinsam«, forderte sie.
   Sobald sich meine Augen an das grelle Licht der Morgensonne gewöhnt hatten, kramte ich den Plan aus meinem Koffer hervor und gab ihn ihr.
   »Montag von acht bis zehn Uhr Vorlesung in Geschichte, zehn bis zwölf Uhr Vorlesung mit anschließender Übung in Mathematik, zwölf bis dreizehn Uhr Mittagspause, dreizehn bis sechzehn Uhr Training. Heute haben wir genau denselben Stundenplan«, las sie laut vor und strahlte mich mit ihren perfekten weißen Zähnen an.
   »Was ist denn mit Training gemeint?«, fragte ich sie.
   »Du musst doch deine Fähigkeiten trainieren, um zu lernen, wie du sie beherrschen kannst«, antwortete Sasha, während sie aus dem Bad kam. Ich wühlte in meiner Tasche nach der Zahnbürste und Schminke, um mich ebenfalls fertig machen zu können.
   »Du kannst dich hier schminken.« Lilly wies auf einen Schminktisch mit einem Spiegel in der rechten Ecke des Zimmers.
   An der linken Wand befand sich ein großer Kleiderschrank.
   »Hier kannst du deine Kleidung einräumen, aber wir teilen uns alles«, sagte Erin und streifte ein bodenlanges Sommerkleid über.

Nachdem wir fertig waren, gingen wir in den Speisesaal. Ich fühlte mich ins 18. Jahrhundert zurückversetzt. An der Decke baumelten glitzernde Kronleuchter von aufwendig verzierten Deckenwölbungen herab, die den Saal in goldenes Licht tauchten. An den Wänden hingen große Ölgemälde von Monet und Pissarro und jedes Fenster war umrahmt von goldenen Verzierungen. Die Schüler saßen an langen Tischen und begannen mit dem Frühstück.
   »Lilly war von dem Versailler Schloss inspiriert und hat vieles dem Sonnenkönig nachgebaut«, erklärte Sasha.
   »Ich finde, das ist mir ziemlich gut gelungen«, warf Lilly ein.
   »Das ist dir wirklich gut gelungen«, stimmte ich ihr zu und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.
   Auf jedem Tisch stand eine breite Auswahl an Obst, Backwaren, Müslisorten und Getränken. Für diejenigen, die es morgens herzhaft mochten, waren heiße Würstchen, Eier und Bohnen angerichtet.
   Ich beobachtete die anderen Studenten, die sich zum Frühstück zusammengesetzt hatten. Die meisten wirkten normal, aber Einigen sah man ihre unglaublichen Fähigkeiten an. Ein Mädchen hatte eine lilafarbene Haut und lavendelfarbenes Haar. Sie könnte genauso gut von einem anderen Stern kommen. Ein Junge, der in ihrer Nähe saß, überragte alle. Es war nicht schwer zu erraten, wie sein Spitzname lautete.
   »Oh, wir haben schon acht Uhr, wir sollten zur Vorlesung«, bemerkte Erin und sprang auf.
   Wir schlossen uns ihr an und gingen zusammen zu einem Hörsaal im linken Flügel des Schlosses. Erst, als wir durch einen langen Gang liefen, fiel mir auf, dass Lilly jeden Raum in einer anderen Farbe gestaltet hatte, vermutlich, damit man sich nicht so schnell verirren konnte. Als wir den Hörsaal betraten, war es schwer, noch einen Platz zu finden, da bereits viele Studenten anwesend waren. In der letzten Reihe waren noch einige Plätze frei und zehn Minuten nach acht kam der Dozent in den Hörsaal.
   Es traf mich wie ein Schlag. Es war William. Mir wurde unangenehm heiß und der stickige, überfüllte Hörsaal verschlimmerte es noch.
   »Alles okay?«, fragte mich Erin.
   »Mir ist gerade nur etwas warm.« Das war noch untertrieben.
   »Das ist bei dem Anblick ja auch kein Wunder.« Lilly lachte auf und nahm William in Augenschein.
   »Alle nennen ihn den schwarzen Teufel«, flüsterte Sasha.
   »Bitte was?«, rief ich etwas zu laut.
   Ein paar Studenten vor uns drehten sich mit vorwurfsvollen Blicken zu uns um.
   »Es fällt ihm schwer, sich zu kontrollieren und wenn er zu viel Hitze absorbiert, muss er sie auch wieder freilassen und manchmal hat er sich nicht im Griff. Besonders in Vorlesungen, in denen es sehr laut ist oder wenn ihn jemand reizt, explodiert er.«
   »Wie kann denn jemand explodieren?«, fragte ich fasziniert und schockiert zugleich.
   »Ich war nie dabei, aber andere haben davon erzählt. Es sieht aus wie ein heller Lichtblitz, der alle um ihn herum verbrennt. Deshalb wird er schwarzer Teufel genannt, weil er schwarze Flügel trägt und weil dieser Lichtblitz Höllenqualen verursacht«, fuhr Sasha fort.
   »Sind bereits welche daran gestorben?«
   »Hier in der Hochschule nicht, aber die Leute erzählen sich, dass er seine Schwester umgebracht hat.«
   Während der Vorlesung versuchte ich mich auf Williams Worte und seine Präsentation zu konzentrieren, doch immer wieder musste ich an die Explosion denken. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass jemand wie er, der so nett war, andere Menschen verbrennen oder sogar töten konnte.
   Hatte ich ihn falsch eingeschätzt? Hatte er tatsächlich seine Schwester umgebracht? Nur ein grausamer Mensch könnte dazu in der Lage sein.
   Als wir die zwei Stunden hinter uns gebracht hatten und den Saal als letzte verließen, da wir keine Gelegenheit hatten, die letzte Reihe eher zu verlassen, hielt mich jemand am Arm zurück.
   »Hey, schön, dich zu sehen. Wie ist dein erster Tag hier?«, fragte mich William.
   Ich sah in seine wunderschönen Augen, die von dichten schwarzen Wimpern umrahmt wurden, und schmolz dahin. Sein warmer Blick ließ mich keine Sekunde an ihm zweifeln. »Gut, es ist alles sehr groß hier und sehr schön. Man fühlt sich wie im Versailler Schloss«, gestand ich.
   »Ja, es ist wirklich schön hier. Warst du mal dort?«, fragte er.
   »Nein, und was ist mit dir?« Ich konnte mich ihm kaum entziehen.
   »Ich auch nicht, aber wenn du möchtest, kann ich dich gern mal dorthin mitnehmen«, sagte er und ich war mir nicht ganz sicher, ob er es ernst meinte oder nicht. Seine Augen strahlten unvermindert weiter.
   »Okay, ich muss wieder los. Die nächste Vorlesung hat bestimmt schon angefangen«, sagte ich, um ihm zu entkommen.
   »Du hast wieder bei mir, aber diesmal Mathe«, sagte er und lächelte amüsiert.
   Ich errötete. »Gut, dann können wir ja zusammen dahingehen. Den Weg hätte ich nicht mehr gefunden.« Er hatte eine so offene und herzliche Art, und ich stand wie angewurzelt neben ihm und wurde bei seinem Anblick nervös.
   Beim Hinausgehen hielt er mir galant die Tür auf. »Hättest du Lust, dich nach deinem Training mit mir zu treffen?«, fragte er unvermittelt.
   »Woher weißt du denn, dass ich nachher Training habe?« Beobachtete er mich etwa?
   »Der Professor hat mir doch deinen Stundenplan gegeben.« Er lachte und seine warmen braunen Augen blitzten auf.
   »Ach ja, stimmt.« Ich stimmte in sein Lachen ein. Warum war ich nur so misstrauisch? »Ist ein privates Treffen zwischen Dozent und Student nicht verboten?«
   Sein ausgelassenes Lachen erstarb. »Hier gibt es keine Regeln, die dagegensprechen würden«, meinte er gelassen, aber ich wusste nicht, ob ich ihm, nach allem, was ich gehört hatte, trauen konnte.
   »Wir können uns am Ende der Marmortreppe treffen. Den Weg kennst du schon und dann kann ich dir den Garten zeigen.«
   »Okay, gern«, erwiderte ich.
   Es kam mir seltsam vor, mit ihm zusammen den Hörsaal zu betreten und die Blicke aller Studenten auf mich zu ziehen. Ich hatte versucht, unauffällig zu bleiben, doch in dem Moment wusste jeder, dass ich mit ihm gesprochen hatte und sie würden sich alle ihren Teil denken. Ich setzte mich wieder in die letzte Reihe zu Sasha, Lilly und Erin.
   »Wo hast du gesteckt?«, kam sofort von Lilly die unangenehme Frage.
   »Das erzähl ich euch später«, wich ich ihnen aus und versuchte der Vorlesung zu folgen.

Als wir uns im Speisesaal mit unseren Tabletts an die langen Tische setzten, drängte mich Lilly so sehr, dass ich endlich nachgab.
   »William hat mich gestern Nacht zum Professor geführt und er hat mich zu euch gebracht.« Ich zögerte und sah an ihren Blicken, dass sie mir gespannt folgten. »Nach der Vorlesung hat er mich gefragt, ob wir heute was zusammen machen wollen. Er will mir den Garten zeigen.«
   »Ihr habt ein Date?«, fragte Lilly entsetzt. Aus ihren Augen, die zu Schlitzen verengt waren, sprach purer Neid, da sie ihn ebenso sehr bewunderte, wie ich es tat.
   „Das klingt für mich auch nach einem Date. Es ist nicht normal, dass eine Studentin von einem Dozenten herumgeführt wird“, sagte Sasha. Ihrem prüfenden Gesichtsausdruck entnahm ich, dass sie nicht viel von dem Treffen hielt.
   »Das ist kein Date. Er will mir nur das Gelände zeigen«, meinte ich wenig glaubwürdig und stach in meinen Salat.
   Erin schien sich aus der Unterhaltung raushalten zu wollen. Sie kauerte auf ihrem Stuhl und löffelte ihre Reissuppe.
   »Aber gibt es nicht ein Gesetz gegen eine Beziehung zwischen Student und Dozent?«, fragte ich.
   »Hier gibt es keine Gesetze, die dagegensprechen würden, da es als spezielle Einrichtung angemeldet ist und nicht als Hochschule. Es handelt sich schließlich um ein Institut. Die Hochschule ist für uns als Erweiterung gedacht«, erklärte Sasha.
   Diese Tatsache beruhigte mich wenig. Ich war nervös, da ich nicht wusste, was an der Geschichte über ihn dran war und mich vor ihm fürchtete.
   »Wir verwandeln dich heute in eine richtige Prinzessin, bevor du dich mit ihm triffst«, versicherte mir Lilly, die ihren Neid geschickt verbarg. »Er kennt dich gerade mal einen Tag und ist dir jetzt schon verfallen.« Sie lachte.
   Ich ließ meinen Blick in dem riesigen Saal umherschweifen, bis er an dem Tisch der Dozenten hängen blieb. Einfältig, wie ich war, suchte ich nach William, doch er war nirgends zu sehen. Die Vorstellung, dass ich eines Tages die Pause zusammen mit ihm verbringen könnte, versetzte mich in Hochstimmung. Wir standen auf und brachten die leeren Teller zur Abgabe, da es bereits dreizehn Uhr war und ich bei meinem ersten Training nicht zu spät kommen durfte.
   »Jetzt müssen wir dir den Weg zum Training zeigen, das ist für alle getrennt«, meinte Sasha und lief uns voraus.
   »Das Training findet draußen statt?«, fragte ich sie, als sie uns in den Garten führte.
   »Ja, deine Lehrerin wird hierhin kommen. Warte einfach hier.«
   Ich wartete mindestens zehn Minuten und wurde immer ungeduldiger, dann kam sie endlich.
   »Ich bin Melissa Monroe, und du bist?«
   »Lauren Payne«, antwortete ich, so schnell ich konnte. Es fiel mir schwer, ihr ins Gesicht zu sehen, da es von einer riesigen Narbe entstellt worden war. Nur ein Drittel ihres Gesichts war unbeschädigt.
   »Okay, dann wollen wir mal anfangen. Du bist das Feuermädchen, richtig?« Ihre Augen starrten mich unverwandt an, wobei ihr rechtes Auge blutrot war.
   »Ja«, antwortete ich und schmunzelte bei der Bezeichnung. Das klang, als hätte ich gewaltige Kräfte.
   »Dann zeig mir, was du kannst und wirklich beherrschst. Hier möchte ich es nie erleben, dass du etwas tust, was du nicht kontrollieren kannst«, sagte sie ernst.
   »Aber ist ein Training nicht dazu da, um zu üben und sich zu verbessern?«, fragte ich.
   »In meinem Unterricht wirst du nichts tun, was du nicht kontrollieren kannst«, wiederholte sie kalt.
   Auf ihr Kommando entzündete ich meine Haare, die in leuchtenden Flammen aufloderten.
   »Das mit den Haaren möchte ich nicht mehr sehen. Das Feuer könnte viel zu schnell übergreifen«, sagte sie ungehalten.
   »Das konnte ich schon immer beherrschen«, widersprach ich.
   »In meinem Unterricht wird nicht diskutiert. Damit bist du in Literatur besser aufgehoben.«
   Während der Trainingsstunden hielt ich meinen Mund und legte dort Feuer, wo sie es mich anwies. Ich langweilte mich, aber widersprach nicht mehr. Mit den Worten »Morgen machen wir weiter«, verabschiedete sie sich.
   »Ich freue mich schon sehr«, sagte ich. Mit einer übertrieben ironisch klingenden Stimme versuchte ich, ihr meine Abneigung zu zeigen, und hoffte, dass ich diese Trainerin nicht mehr lange ertragen musste.
   »Und wie war dein erstes Training?«, fragte Lilly, sobald ich das Zimmer betrat.
   »Die Lehrerin ist richtig schlimm. Ich weiß echt nicht, was sie gegen mich hat«, entgegnete ich verärgert und ließ mich erschöpft aufs Bett fallen.
   »Wie heißt sie denn?«, wollte Sasha wissen.
   »Melissa Monroe.«
   »Sagt mir leider nichts. Aber jetzt brauchst du wieder gute Laune. Du hast doch gleich dein Date.« Lilly sprang von ihrem Bett auf, drehte die Musik lauter und zog mich auf den Frisierstuhl. Auf dem Tisch vor mir war ein breites Sortiment an Kohlestiften, Lippenstiften und Schminkpinseln platziert worden.
   »Jetzt entspann dich erst mal. Ich mach das alles.«
   Sie drehte meine Haare auf einen Lockenstab und nahm einen von den vielen Kohlestiften, um mich zu schminken. Während sie mich zurechtmachte, betrachtete ich mich im Spiegel. Nach einem Tag in dieser Einrichtung sah ich bereits niedergeschlagen aus und hatte tiefe Augenringe. Lilly deckte meine Haut mit einem matten Puder ab, wodurch sie ebenmäßig und rein aussah. Anschließend musterte sie mich eingehend und zauberte aus dem Nichts ein wunderschönes hellblaues Sommerkleid hervor, das bis zum Boden ging und schulterfrei war.
   Sobald ich es anhatte, seufzte sie. »Das steht dir richtig gut.«
   Mit den passenden Schuhen ging ich die geschwungene Marmortreppe hinunter, wo William bereits auf mich wartete.
   »Wow, du siehst wunderschön aus«, schmeichelte er mir.
   »Danke, du siehst auch sehr gut aus«, sagte ich verlegen.
   Er nahm meine Hand und führte mich nach draußen. Erst fühlte sich seine Hand fremd an, doch dann wurde sie mir immer vertrauter. Wir liefen zu einer Bank am Meer und betrachteten den Sonnenuntergang.
   »Wie findest du es hier?«, fragte er mich interessiert.
   »Der Garten ist riesig, aber er gefällt mir gut«, sagte ich nervös.
   »Ja, er ist wirklich groß«, meinte er beiläufig und ich merkte, dass es nur ein Vorwand war, um mir eine andere Frage zu stellen.
   »Warum bist du eigentlich hierhergekommen?«, fragte er mich vorsichtig, da es eine sehr persönliche Frage war.
   Ich versuchte, ihm möglichst schnell zu antworten. »Ich musste einfach mal raus. Ich möchte ein eigenständiges Leben und nicht mehr von meinen Eltern abhängig sein.«
   »Hast du nur deshalb dein Zuhause verlassen?«, hakte er nach und schaute mir dabei tief in die Augen. Ich senkte den Blick, da ich seinen durchdringenden Augen nicht lange standhalten konnte.
   »Durch das Feuer habe ich viele Menschen verletzt. Ich konnte es nicht kontrollieren und kann es auch jetzt nicht.«
   »Du musst dir Zeit geben. Das wirst du schon noch lernen«, sagte er zuversichtlich und hob mein Kinn mit seiner Hand an, sodass ich ihm in die Augen sehen musste. »Du hast sehr besondere Augen. Sie sind ja glühend rot«, sagte er erstaunt. »Kannst du auch mit deinen Augen Feuer entfachen?«
   Verlegen wich ich seinem Blick aus und meine Wangen wurden heiß. »Das habe ich ein einziges Mal gemacht, als ich in meiner alten Schule war. Dabei habe ich einen Klassenraum angezündet. Der Feueralarm ging los und alle mussten aus dem Gebäude. Ich habe versucht, das Feuer zu löschen, aber es hat sich viel schneller ausgebreitet als normales Feuer und plötzlich hat der komplette Stock gebrannt. Zum Glück haben es alle geschafft, zu entkommen. Ich war die Letzte, die rausging und weil mein Oberteil verbrannt war, wussten alle, dass ich daran schuld war. Die Polizei kam und hat mich verhört.«
   »Das klingt nach einer spannenden Vergangenheit«, sagte William ein wenig belustigt.
   »Jetzt kann ich auch darüber lachen, aber damals war es schrecklich.«
   »Jeder, der hier ist, hat Schlimmes erlebt. Wir sollten lernen, unsere Fähigkeiten zu akzeptieren und sie sinnvoll einzusetzen.«
   Damit hatte er recht, doch weil es meine Familie nie akzeptieren konnte, würde ich sie nicht wiedersehen können. Dieser Gedanke war für mich unerträglich.
   »Wie alt bist du eigentlich?«, fragte er plötzlich.
   »Müsstest du das nicht wissen, wo du doch alle meine Formulare gesehen hast?«, fragte ich scherzhaft und versuchte, seine Neugier zu übergehen.
   »Nein, sonst würde ich nicht fragen.« Er gab nicht auf und sah mich intensiv von der Seite an. Sein Blick haftete unablässig an mir.
   »Ich bin zwanzig«, überwand ich mich endlich. Vermutlich machte er sich in diesem Augenblick Vorwürfe, da ich ja viel zu jung für ihn war. Von der Seite beobachtete ich seine Reaktion, doch ich konnte sie nicht richtig einschätzen. Sein Gesicht schien gelassen zu bleiben und seine Körperhaltung war entspannt. »Und wie alt bist du?« Ich traute mich kaum zu fragen, aber ich wagte es trotzdem.
   »Siebenundzwanzig«, sagte er selbstsicher und lächelte mich atemberaubend an.
   Da ihm mein Alter nichts auszumachen schien, konnte ich mich allmählich auch entspannen. Er legte seinen Arm um mich, während ich mich zurückfallen ließ.
   Die Abendsonne verschwand am Horizont und nur noch wenige Strahlen färbten das Meer rot.
   »Versuche es hier auf dem Meer«, sagte er in Gedanken verloren.
   »Was soll ich auf dem Meer versuchen?« Ich war verwirrt und musterte sein Profil.
   »Das Wasser mit den Augen anzuzünden«, meinte er und erwiderte meinen Blick intensiver.
   Nie hätte ich ihm etwas abschlagen können, also ging ich auf seine Bitte ein und starrte entschlossen auf das Wasser, bis meine Augen brannten und das Meer entflammte.
   Aus den Augenwinkeln betrachtete ich sein Gesicht, das aus dem Staunen nicht mehr herauskam. Mit weit geöffneten überraschten Augen hing er dem Feuer nach.
   »Unglaublich, dass es auf dem Wasser funktioniert. Das ist kein gewöhnliches Feuer«, meinte er bedrückt.
   »Ja, es ist sehr schwer zu löschen.«
   »Wenn du möchtest, kann ich dir meine Fähigkeit auch zeigen«, bot er an, und als ich nickte, legte er seinen Arm um meine Taille und zog mich nach oben.
   Ich verlor den Boden unter meinen Füßen. Seine Flügel breiteten sich in voller Länge aus und wir flogen immer höher.
   »Hast du Lust auf Paris?«
   »Paris?«, fragte ich baff. »Willst du jetzt nach Frankreich fliegen? Wie lange würde das denn dauern?«
   »Zwanzig Minuten.«
   »Dann ja.« Meinte er das ernst? Ich konnte das alles kaum fassen und musste lachen.
   Auf dem Flug bewunderte ich mit leichtem Druck auf den Ohren den Anblick des endlosen Meeres, das im Sonnenlicht aufloderte.
   »Ich hoffe, du hast Hunger.«
   »Ja, immer«, entgegnete ich, während wir allmählich das Festland erreichten. Wir flogen über eine Vielzahl von Städten und Dörfern, und dann erblickte ich den Eiffelturm.
   »Ich kenne hier ein gutes Restaurant, das erst vor Kurzem eröffnet hat. Ich hoffe, es wird dir schmecken.«
   »Ich lasse mich überraschen.« War das ein Traum?
   Wir landeten vor einem Restaurant, das sich im Stadtzentrum in unmittelbarer Nähe zum Eiffelturm befand. Die Menschen um uns herum sahen uns ungläubig an und einige machten sogar Fotos. William hielt mir die Tür auf und versuchte, die Blicke zu ignorieren, doch ich merkte, wie sehr es ihn mitnahm.
   »Du fällst in der Öffentlichkeit zum Glück nicht so auf wie ich«, sagte er in dem Versuch, stark zu wirken.
   »Ich kann meine Haare brennen lassen, dann fallen wir beide auf«, meinte ich lächelnd, doch damit konnte ich seine Anspannung nicht lösen.
   »Setz’ dich«, wies er mich an und rückte mir höflich den Stuhl zurecht. Er setzte sich mir gegenüber und sah in die Speisekarte, doch sein Gesicht fiel in eine starre Maske. Es war ein Ausdruck von Verlorenheit und Verletzlichkeit in seinem Gesicht zu sehen.
   Nach einem langen Blick in die Karte bestellte er ein Steak mit Bratkartoffeln und ich wählte Gnocchi mit Tomatensoße. Er wirkte abweisend und gleichgültig, aber sobald ich in seine Augen sah, konnte ich seine menschliche Seite entdecken und bemerkte seine Nervosität. Als er meinen forschenden Blick bemerkte, senkte er seine Augen und ließ meine Hand los, die er kurz zuvor gehalten hatte. Wenige Minuten später kam das Essen und wir aßen stumm. Ich konnte nicht verstehen, warum er plötzlich so still war. Bevor wir in das Restaurant gekommen waren, verstanden wir uns richtig gut, doch sobald wir saßen, sagte er kaum ein Wort.
   »Schmeckt dir das Essen?«, fragte er nur.
   »Ja, und dir?«
   »Ja, auch.«
   In dem Augenblick, in dem die Rechnung kam, fühlte ich mich befreit. William bezahlte und hielt mir beim Hinausgehen wieder die Tür auf. Ich spürte die Blicke der vielen Menschen hinter uns und fragte mich, ob sie seine Flügel ebenso sehr bewunderten, wie ich es tat.
   Das Verlassen des Restaurants löste auch bei William ein Gefühl der Freiheit aus. Ich konnte sehen, wie er sich langsam entspannte und wieder lachte. Er nahm meine Hand und ich umarmte ihn das erste Mal. Es war ein schönes Gefühl von Geborgenheit und Nähe und seine gewaltigen Flügel schirmten uns von den nicht mehr so stark überfüllten Straßen ab. Ich wusste, dass der perfekte Moment für einen Kuss gekommen war, doch ich traute mich nicht, den ersten Schritt zu wagen. Da auch von ihm keine Reaktion ausging, löste ich mich wieder aus der Umarmung.
   »Möchtest du schon zurückfliegen?«, fragte er mich.
   »Wir können ja vorher noch auf den Eiffelturm«, schlug ich vor.
   Er nahm mich in seine Arme und zog mich empor. In atemberaubender Geschwindigkeit gewannen wir an Höhe. Die Dunkelheit schützte uns vor den Augen der Menschen und wir konnten unbemerkt auf der höchsten Plattform des Eiffelturms landen. Nur wenige Menschen waren dort.
   Wir lehnten uns an die Brüstung und sahen auf die glitzernde Stadt herab. Sowohl bei Tag als auch bei Nacht sah Paris wunderschön aus.
   Starker Wind zog auf und ich rückte näher zu William heran und schlang die Arme um meinen Körper.
   »Du zitterst ja, dir ist bestimmt kalt«, bemerkte William.
   »Ja, ein wenig«, gab ich in mein dünnes Kleid gehüllt zu.
   Er legte mir seine schwarze Jacke um, die unwiderstehlich nach Bergamotte, Geranie und Sandelholz duftete.
   Als die funkelnde Beleuchtung des Eiffelturms erstrahlte, beugte sich William zu mir herunter und küsste mich sanft. Seine Lippen waren weich und schmeckten nach Zimt und Honig und er konnte unglaublich gut küssen. Vermutlich hatte er es schon viel zu oft getan. Auf einmal hatte ich das Gefühl, als würde ich schweben. Dieses Gefühl hatte ich niemals zuvor gehabt. Sobald ich meine Augen öffnete, sah ich, dass wir tatsächlich schwebten. William lachte, weil er es selbst nicht mitbekommen hatte.
   Eine Windböe blies uns durch die Haare und wehte mir das Kleid hoch. Es wurde immer kälter.
   »Wollen wir langsam wieder zurückfliegen?«, fragt er mich.
   »Ja, es ist schon ziemlich kalt«, sagte ich, damit er nicht dachte, dass ich den Abend schnell beenden wollte. Ganz im Gegenteil, ich hätte am liebsten die ganze Nacht mit ihm verbracht.
   Wir beeilten uns, zum Institut zurückzufliegen und landeten direkt vor der Eingangstür.
   »Der Abend war wirklich schön, das müssen wir wiederholen«, meinte er.
   »Ja, das finde ich auch.«
   Er wollte schon reingehen, doch ich hielt ihn noch zurück.
   »Normalerweise küsse ich niemanden beim ersten Date. Das war eine einmalige Sache.« Ich hatte das Gefühl, dass ich mich rechtfertigen müsste, denn er sollte nicht denken, dass ich mich jedem an den Hals warf.
   »Du musst dich dafür nicht entschuldigen«, sagte er lächelnd und küsste mich wieder. »Schlaf gut.«
   »Gute Nacht«, flüsterte ich zurück und ging aufs Zimmer.
   Das Licht brannte noch, also mussten sie noch wach sein.
   »Na, wie war euer erstes Date?«, befragte mich Lilly, sobald ich die Tür öffnete.
   »Folgen noch weitere Treffen?«, fragte Sasha.
   »Ich denke schon, weil es richtig schön war. Wir waren in Paris auf dem Eiffelturm.« Alle sahen mich verwirrt an.
   »Ihr wart in Disneyland?«, grölte Lilly.
   »Nein, wir sind nach Paris geflogen. Ihr wisst schon, mit seinen Flügeln.«
   Sie konnten es immer noch nicht verstehen.
   »Was habt ihr denn dort gemacht und wie lange seid ihr geflogen?«, fragte Sasha verständnislos.
   »Es waren nur zwanzig Minuten und wir sind erst essen gegangen, und als es dunkel war, hat er mich mit auf den Eiffelturm genommen. Wir standen ganz oben und konnten alles sehen. Es war unglaublich«, schwärmte ich.
   »Wie kommt man auf die Idee, für fünf bis sechs Stunden nach Paris zu fliegen. Das lohnt sich gar nicht«, murmelte Erin.
   »Mit so großen Flügeln lohnt es sich. Freut ihr euch denn nicht für mich?« Von ihren vielen Fragen wurde ich entmutigt.
   »Natürlich freuen wir uns für dich. An deinem Strahlen sieht man, dass du ein richtig tolles Date hattest«, meinte Lilly und kam lachend auf mich zu. »Du trägst ja immer noch seine Jacke.«
   »Oh, stimmt.« Erschrocken streifte ich sie ab.
   »Er hat einen guten Geschmack«, lobte Lilly und befühlte den rauen Stoff.
   »Wollen wir langsam schlafen? Wir müssen morgen früh aufstehen.« Sasha gähnte und schaltete ihr Nachtlicht aus.
   Ich tauschte mein langes Seidenkleid gegen einen Pyjama und legte mich ebenfalls ins Bett.

Der schmale Grat zwischen Leben und Tod

Am nächsten Morgen wurde ich wieder von Lilly geweckt. Beim Hinausgehen erinnerte sie mich noch an Williams Jacke, die ich beinahe vergessen hätte. Wann sollte ich sie ihm nur geben? Ich hätte es gern gemacht, wenn wir allein sein würden, doch dazu kam es nicht.
   »Wann soll ich sie ihm denn bringen, ohne dass alle davon erfahren?«, richtete ich meine Frage an Sasha.
   »Gib sie ihm einfach vor der Vorlesung. Du weißt ja nicht, wann er sie wieder braucht. Also gib sie ihm so schnell wie möglich«, sagte Sasha überzeugt, doch ich wurde zunehmend nervöser.
   Ich wartete eine ganze Weile vor der Tür des Hörsaals, um ihn vorher abfangen zu können. Alle anderen strömten bereits rein und beschlagnahmten ihre begehrten Plätze. Ich wollte ihm die Jacke auf keinen Fall vor den Augen der anderen Studenten geben, deshalb wartete ich. Unruhig sah ich auf die Uhr und wunderte mich, dass er nach siebzehn Minuten immer noch nicht kam. Ich beschloss, ihm die Jacke nach der Vorlesung zu bringen, dann würde mit Sicherheit noch ausreichend Zeit bleiben. Da die Tür von einem Studenten bereits geschlossen worden war, musste ich anklopfen und darauf warten, bis mir jemand öffnete. Die Tür wurde aufgezogen und vor mir stand William, der den Hörsaal durch einen anderen Eingang betreten haben musste. Perplex stand ich vor ihm und war unfähig, mich zu bewegen.
   »Lauren, warum kommst du denn so spät?«, fragte er, während er zu seinem Pult ging. Er brachte mich vollkommen aus dem Konzept. Ich musste mich vor allen Studenten erklären.
   »Ich wollte dir deine Jacke geben …«, setzte ich an und überlegte, was ich am besten sagen konnte. »Sie lag draußen vor der Tür«, rettete ich mich.
   Alle Studenten beobachteten, wie ich ihm seine Jacke zurückgab.
   »Danke«, sagte William lässig, aber freundlich und nahm sie kurzerhand entgegen.
   Wie konnte er nur so entspannt bleiben?
   Als ich nach oben in die letzte Reihe ging, folgten mir alle Blicke. Ich hielt meinen gesenkt, um ihre Empörung nicht sehen zu müssen.
   William begann mit einer Vorlesung über Rechtswissenschaften, die er souverän mit einer PowerPoint-Präsentation begann. Er war durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Mit seiner atemberaubenden Ausstrahlung gelang es ihm, alle in seinen Bann zu ziehen. Das Thema war informativ und weckte bei den meisten Studenten Interesse. Ich konnte mich weniger auf den Inhalt, sondern viel mehr auf ihn konzentrieren. Sein ganzes Wesen erstaunte mich. Seine Gestalt wirkte anmutig, locker und unverstellt, als könnte ihm nie ein Fehler unterlaufen. Wenn ich sah, wie er über die Kommentare einiger Studenten lachte und Witze riss, konnte ich Sasha nicht glauben, dass William explodieren und Menschen umbringen konnte. Es klang für mich viel mehr nach Science-Fiction als nach der Realität. Außerdem waren weder Sasha noch Lilly oder Erin dabei gewesen und hatten alles Gerüchten entnommen. Der Abend mit ihm hatte mir seine wahre Persönlichkeit gezeigt, und die war nicht nur liebenswert, sondern auch unglaublich toll. In meinen Augen war er ein hilfsbereiter und lieber Mensch, der niemandem etwas anhaben konnte. Doch da war eine Seite an ihm, die mir Angst machte. Im Restaurant hatte ich seine extreme Anspannung bemerkt und ich wurde das Gefühl nicht los, dass da noch mehr war … was er mit guter Schauspielerei versteckte.
   Nach der Vorlesung beeilte ich mich, aus dem Hörsaal zu kommen, um nicht noch mehr den Verdacht aufkommen zu lassen, dass zwischen William und mir etwas lief. Doch vergeblich. William fing mich ab.
   »Wollen wir heute Abend wieder um die Welt fliegen?«, fragte er mich mit seinem süffisanten Lächeln.
   »Das geht leider nicht, weil ich von sechs bis zehn Uhr Training habe.« Seine Enttäuschung war nur schwer zu übersehen.
   »Passt es dir morgen Abend?«, fragte er, während er sich am Türrahmen anlehnte und tief zu mir herunterbeugte.
   Sein muskulöser Körper, der an diesem Tag in einem hautengen schwarzen Shirt steckte, entlockte mir verstohlene Blicke. Es fiel mir bei dem Anblick sehr schwer, mich an seine Frage zu erinnern. »Das würde gehen«, gab ich hilflos nach.
   »Dann bis morgen, und viel Spaß beim Training«, verabschiedete er sich und lief zu seiner nächsten Vorlesung.
   Erst jetzt bemerkte ich, dass ich meinen Atem angehalten hatte. Die Flure waren leer. Niemand hatte uns gesehen. Beruhigt machte ich mich auf den Weg zur Literaturvorlesung, als mir plötzlich ein Mädchen mit schwarzem Haar und schwarzen Augen in den Weg sprang.
   »Was wolltest du von ihm?«, fragte sie vorwurfsvoll.
   »Meinst du William?« Ich setzte eine unschuldige Miene auf, um nicht allzu viel zu verraten.
   »Ja, er ist mein Freund. Wir sind schon seit zwei Jahren zusammen. Falls du noch mal in seine Nähe kommen solltest, werde ich dich vernichten.« Mit diesen Worten lief sie aufbrausend davon und ließ mich verwirrt stehen.
   Für mich stand die Welt still. Ich konnte nicht glauben, dass sich William hinter dem Rücken seiner Freundin mit mir traf und mir Hoffnungen gemacht hatte. Ich empfand bereits etwas für ihn, das wurde mir in dem Moment klar, in dem er mir genommen wurde. Meine Brust verengte sich und ich hatte das Gefühl, als würde ich ersticken.
   Er hatte eine Freundin und was war ich für ihn? Eine Mätresse?
   Ich kannte ihn gerade mal zwei Tage und beschlagnahmte ihn bereits für mich. Ich kam mir lächerlich vor. Für William hatte unser Treffen nichts bedeutet. Es war nur freundschaftlich und ich hatte etwas in uns gesehen, dass nicht existierte. Nach zwei Tagen sollte man sich noch keine Hoffnungen machen. Das sollte mir eine Lehre sein. Ich musste mich beruhigen, damit ich nicht zu spät zur Vorlesung kam. Meine Gedanken rasten.
   Erstarrt blieb ich minutenlang im Flur stehen.
   Erst, als ich wieder klare Gedanken fassen konnte, betrat ich den Hörsaal mit einiger Verspätung. Ich setzte mich neben Lilly und seufzte. Obwohl ich ihn noch nicht lange kannte, musste ich ununterbrochen an ihn denken. Würde ich mich nie wieder mit ihm treffen können?
   »Hey, was ist los? Du siehst ja so traurig aus?«, fragte mich Lilly.
   »Kennt ihr ein Mädchen mit schwarzem Haar und schwarzen Augen?« Ich sah nicht zu ihnen auf, damit sie meine Betroffenheit nicht sehen konnten. Sie würden es lächerlich finden, dass ich bereits nach zwei Tagen etwas für ihn empfand.
   »Meinst du vielleicht Rachel Donovan? Was ist mit ihr?«
   »Ich habe sie eben getroffen und ich wusste nicht, dass William mit ihr … zusammen ist.«
   »Ja, aber das ist schon ewig her. Vor einem Jahr hat er mit ihr Schluss gemacht, weil sie zu neurotisch und kontrollsüchtig ist, und sie waren nur drei Monate zusammen. Seitdem will sie immer noch was von ihm«, erklärte Sasha.
   Mir fiel ein Stein vom Herzen und ich atmete erleichtert aus. »Sie meinte zu mir, dass sie mich vernichten würde«, erzählte ich.
   »Vor ihr brauchst du keine Angst zu haben. Die einzige Fähigkeit, die sie besitzt, ist durch Materie zu sehen und Leute zu beobachten.« Sasha lachte.
   Ich freute mich so sehr, dass ich am liebsten gerufen hätte: William gehört mir! Aus Zurückhaltung ließ ich es bleiben, aber eines war sicher, ich empfand etwas für William und er fand auch etwas an mir. Allerdings nahm ich mir vor, in Zukunft vorsichtiger zu sein und mich nicht so sehr auf eine Person zu fixieren. Man konnte schließlich nie wissen, was in dem anderen vorging.
   Nach der Literaturvorlesung hatte ich den gesamten Nachmittag bis achtzehn Uhr frei und wusste nichts mit mir anzufangen, da ich das Schloss noch nicht so gut kannte.
   »Wollen wir mit dem Schiff fahren? Ich habe jetzt auch frei und einige Jungs fahren mit«, fragte Lilly strahlend.
   Ich konnte ihr nichts abschlagen, also fuhr ich mit. An der Anlegestelle stiegen wir in das große Schiff. Zuvor hatte sich Lilly stark geschminkt und die Haare hochgesteckt. Es war kaum zu übersehen, dass sie sich einen von ihnen klarmachen wollte. In einem kurzen Sommerkleid und in hohen Schuhen winkte sie den Männern an der Bar und stöckelte auf sie zu.
   »Nicht so schüchtern«, rief sie mir zu und zog mich mit.
   »Hey Lilly, schön, dass du da bist. Wen hast du denn mitgebracht?«, fragte ein großer, bemerkenswert gut aussehender Mann mit hellblonden Haaren und leuchtend blauen Augen, die bei seinem dunklen Teint besonders herausstachen.
   »Das ist Lauren. Sie ist erst seit ein paar Tagen hier, also seid nett zu ihr. Lauren, das sind Jaden, Tony und Roger.«
   Sie zeigte der Reihe nach auf den großen blonden Mann namens Jaden, Tony hatte kurze braune Haare und war genauso groß wie Jaden und Roger hatte schulterlanges braunes Haar und war ein bisschen kleiner.
   »Möchtest du etwas trinken?«, wandte sich Jaden an mich.
   »Wir beide möchten was trinken«, fuhr ihn Lilly eingeschnappt an und bestellte zwei Cocktails.
   Als sie mir mein Getränk überreichte und ihr eigenes intus hatte, redete sie ununterbrochen auf Tony ein. Es war offensichtlich, dass sie auf ihn stand.
   »Was hast du denn gemacht, bevor du hierhergekommen bist?«, fragte mich Jaden.
   »Ich bin zur Schule gegangen und habe den Abschluss fertig gemacht, aber ich konnte da nicht mehr bleiben …«, setzte ich an.
   Er war viel größer als ich und musste sich ein wenig herunterbeugen, um mich zu verstehen. »Das war bei mir genauso. Mein Vater hat mich rausgeschmissen.«
   »Warum hat er dich denn rausgeschmissen?«, fragte ich neugierig. Er sah aus wie ein Model aus Miami, das den ganzen Tag am Strand verbrachte und surfte. Er trug ein weißes luftiges Hemd, durch das seine athletische Figur durchschimmerte.
   »Ich kann mich teleportieren und habe ein paar Banken ausgeraubt. Ich bin durch die Welt gezogen, bis ich beim Klauen erwischt wurde und dann gab es nur noch die Möglichkeit entweder ins Gefängnis oder hierhin zu kommen«, sagte er in nüchterner Gleichgültigkeit, als würde er nicht viel Wert darauf legen, was mit seiner Zukunft passierte.
   Ich hörte ihm gespannt zu und fand seine Vergangenheit faszinierend. Es musste ein Gefühl von Freiheit sein, sich an jedem beliebigen Ort aufhalten zu können.
   »Was hast du für eine Fähigkeit?«, fragte er.
   »Ich habe Visionen und kann alles verbrennen«, meinte ich dramatisch und lächelte dabei.
   »Und was war bei dir das Schlimmste, was du je gemacht hast?«, fragte er mit einem unwiderstehlichen Lächeln.
   »Ich habe mal meine alte Schule angezündet. Das war allerdings ein Versehen und keine Absicht.«
   Er lachte ein tiefes, raues Lachen, das sehr klangvoll war. »Das hätte ich damals auch gern getan.«
   Daraufhin berührte er meine Hand und plötzlich befanden wir uns auf einem Wolkenkratzer in Manhattan. Ich sah mich um und musste einen überraschten Schrei unterdrücken. Wir standen auf der schmalen Mauer auf dem Dach eines Hochhauses und nur wenige Zentimeter trennten uns vom Tod. Jaden hielt mich fest in seinen Armen. Wenn er mich in diesem Moment loslassen würde, hätte ich mich nicht mehr halten können und wäre in den Tod gestürzt.
   Ich blickte in den wolkenlosen blauen Himmel. Der schmale Grat zwischen Leben und Tod ließ meine Adern pulsieren.
   »Das haben die Polizisten nicht bedacht. Ich kann jederzeit verschwinden.« Als er das sagte, beugte er sich zu mir hinunter und küsste mich stürmisch. Ich konnte mich nicht dagegen wehren und ließ seinen Kuss zu. Seine Lippen schmeckten nach Pfefferminzdragees. Er küsste mich leidenschaftlich und zog mich enger an sich.
   »Warte, ich kann nicht«, sagte ich und entzog mich ihm. Ich sah Williams Gesicht vor mir und bereute den Kuss sofort.
   »Was ist los?«, fragte er verwirrt.
   »Können wir bitte wieder zurück?«
   Als er meine Finger berührte, befanden wir uns zurück auf dem Schiff und Lilly sah mich überrascht an.
   »Wo wart ihr denn?«, fragte sie entsetzt und amüsiert zugleich.
   »Am anderen Ende der Welt. Du kennst ihn doch«, sagte Roger lachend.
   Plötzlich wurde mir heiß und kalt zugleich. Was hatte ich nur getan? Hatte ich William hintergangen? Doch ich kannte William gerade einmal zwei Tage. In dieser kurzen Zeit lernte man eine Person noch nicht gut genug kennen, um sich zu verlieben und um jemandem Treue zu versprechen. William hatte eine dunkle Seite, die ich noch nicht genau einzuschätzen wusste. War er überhaupt vertrauenswürdig und zuverlässig? Nervös sah ich auf die Uhr. »Wir haben schon sechs Uhr. Ich muss los, weil ich gleich Training habe, aber ich wünsche euch noch viel Spaß«, sagte ich und war im Begriff zu gehen.
   Jaden ließ meine Hand nur sehr langsam los. »Wann sehe ich dich wieder?«, fragte er mit einem wehmütigen Unterton.
   »Ich weiß nicht, vielleicht ja schon morgen.«
   Als ich das Boot verlassen wollte, bemerkte ich, dass wir noch fuhren und ich nicht einfach rausspringen konnte. In dem Moment wurde ich auf Lilly sauer, weil sie mir die Bootsfahrt eingeredet hatte. Durch sie hatte ich Jaden geküsst, William hintergangen und saß auf dem Boot fest, obwohl ich zum Training musste. Dabei war alles meine eigene Schuld. Ich hätte nie mitgehen dürfen und ich hatte Jaden freiwillig geküsst. Lilly hatte nichts damit zu tun. Widerwillig ging ich zu den anderen zurück.
   »Jaden, kannst du mich schnell in den Garten bringen?«, bat ich ihn.
   »Klar, kein Problem«, sagte er und berührte wieder meine Hand. Innerhalb einer Sekunde standen wir im Garten.
   »Bekomme ich noch einen Abschiedskuss?«
   Als Antwort küsste ich ihn zögerlich auf seine Wange. Ich wagte es nicht mehr, ihn auf den Mund zu küssen, obwohl seine Lippen unwiderstehlich weich waren und er gut küssen konnte. In der nächsten Sekunde verschwand er und mit ihm gingen meine Gedanken an den Kuss. Ich musste ihn schnellstmöglich vergessen, schwor ich mir. Aber jetzt musste ich so schnell wie möglich zum Training kommen.

»Du bist zu spät«, sagte Professorin Monroe mit ihrer eiskalten Stimme.
   »Es tut mir sehr leid. Ich habe es nicht früher geschafft.«
   »Wir werden überziehen und du musst umso härter arbeiten«, ordnete sie an. Sie legte mir einen Stein vor die Füße. »Zünde ihn an.«
   Verdutzt sah ich sie an. »Ich habe noch nie gesehen, dass ein Stein brennen kann«, sagte ich verärgert.
   »Du hast noch nie versucht, einen anzuzünden.« Ihre Augen blitzten, während mir ihr rechtes blutrotes Auge besonders Angst machte.
   Sie sah mich erwartungsvoll an. Um ihrem Blick zu entgehen, konzentrierte ich mich ganz auf den Stein. Wie lächerlich war es, einen Stein anzuzünden.
   »Zünde ihn an«, wiederholte sie.
   Und tatsächlich. Wenn ich mich nur lange genug auf einen Gegenstand konzentrierte, konnte er Feuer fangen. Der neue Erfolg machte mich euphorisch.
   »Dasselbe machen wir noch einmal.« Sie stellte eine Vase auf den Boden und zeigte darauf.
   »Lasse nun Glas in Flammen aufgehen«, befahl sie und meine anfängliche Euphorie verschwand.
   Dasselbe wiederholten wir mit zehn weiteren Gegenständen.
   »Wir können nun mit der nächsten Übung weitermachen. Ich habe verstanden, dass ich alle möglichen Gegenstände brennen lassen kann«, sagte ich genervt.
   »Du gibst keine Anweisungen zu weiteren Übungen, sondern ich und heute ist noch nicht der richtige Tag dafür.«
   Jede weitere Minute wurde ich wütender und hätte sie am liebsten in Flammen aufgehen lassen. Sie stahl mir Zeit, die ich sinnvoller hätte nutzen können. Ihretwegen war ich so früh von dem Boot verschwunden.
   Als sie das Einzeltraining endlich beendet hatte, suchte ich das Büro des Professors auf. Ich klopfte zweimal und trat bei seiner Begrüßung ein. Er saß auf seinen Stock gelehnt vor seinem Schreibtisch und ließ sich von seiner Assistentin Unterlagen vorlesen. Mit seinem schwachen, eingeknickten Körper sah er noch zerbrechlicher aus als beim letzten Mal.
   »Setzen Sie sich, meine Liebe«, sagte er wie immer sehr liebenswert und gütig. »Was haben Sie auf dem Herzen?«
   »Ich hatte eben mein Einzeltraining bei Professorin Monroe. Sie kann mir aber nicht dabei helfen, meine Kräfte zu kontrollieren, da sie mir immer wieder dieselbe Aufgabe gibt. Ich habe das Gefühl, dass sie etwas gegen mich hat. Sie ist mir gegenüber sehr abweisend und das bekomme ich auch bei dem Training zu spüren.« Ich machte keine Anstalten, meine Wut zu verbergen.
   »Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Dozentin wie Melissa etwas gegen Sie haben sollte, aber seien Sie sich einer Sache gewiss: Auch wenn sie etwas gegen Sie hätte, ist die Tatsache unbestreitbar, dass sie die beste Lehrerin für Sie ist. Denn sie besitzt die Fähigkeit, Kraftfelder aufzubauen und ist die Einzige, die sich im Extremfall verteidigen könnte. Außerdem müssen Sie das Ende Ihres Weges im Auge behalten. Im Rückblick werden Sie sehen, dass Sie eine ganze Menge von Melissa gelernt haben und mit ihrer Hilfe werden Sie es schaffen, Ihre Kräfte zu sammeln und mit ihnen bedacht umzugehen. Ich würde an Ihrer Stelle noch nicht so früh an ihr zweifeln. Sie müssen ihr Zeit geben und sie besser kennenlernen«, riet er mir und sah mit seinen milchig grauen Augen unablässig auf den Tisch.
   »Ich werde mein Bestes geben«, antwortete ich enttäuscht.
   »Sie werden ab nächsten Dienstag eine zusätzliche Trainerin aufgrund Ihrer weiteren Fähigkeit bekommen. Ihr Name ist Eve Brooks und sie weiß, wie man mit Visionen umgeht. Ich hoffe, dass Sie sie mögen werden.«
   Ich war überglücklich zu hören, dass ich nicht mehr so viele Stunden in der Woche mit Melissa verbringen musste.
   Da wäre mir jede andere Dozentin lieber gewesen. Ich bedankte mich bei dem Professor für das Gespräch und ging.
   Lilly war immer noch nicht zurück und Erin und Sasha schliefen bereits. Ich putzte mir die Zähne und legte mich ebenfalls schlafen. Ein weiterer anstrengender Tag lag hinter mir.

Leichenfett

Ich saß in der Vorlesung ‚Verteidigung gegen äußere Instanzen‘ und konnte das Ende kaum erwarten. Wie jede andere Vorlesung zog sie sich unendlich hin. Danach folgte eine weitere in ‚Gruppendynamik‘.
   »Das ist Steve Fletcher«, flüsterte Sasha aufgeregt.
   Ich warf ihr einen fragenden Blick zu.
   »Er war ein berühmter Magier in Vegas, bis er wegen Täuschung vom FBI gesucht wurde. Seine Tricks waren immer gleich. Er hat Portale geöffnet, Leute aus dem Publikum ausgewählt und sie ans andere Ende der Welt geschickt. Allerdings ist es ihm schwergefallen, sie wieder zurückzuholen, deshalb wurde er vom FBI gesucht.«
   »Vom berühmten Magier zum Lehrer«, sagte ich beeindruckt.
   »Ja, das ist ein ziemlicher Abstieg, aber es war seine einzige Möglichkeit, dem FBI zu entkommen«, erklärte Sasha.
   »Macht sich der Professor nicht strafbar, wenn er Kriminellen einen Unterschlupf bietet?«, fragte ich erstaunt.
   »Nicht direkt. Das hier wird wie eine spezielle Einrichtung gesehen, in der wir geschult werden und lernen, mit unseren Kräften umzugehen. Der Professor kooperiert mit der Polizei, da sie in den Gefängnissen nicht die nötigen Ressourcen haben, um uns aufzunehmen. Die meisten von uns könnten leicht fliehen.« Sasha blickte unauffällig zu Erin.
   »Nach der Mittagspause haben wir ein Tutorium in Gruppendynamik und machen Duelle.« Sasha freute sich schon sehr darauf, aber mir blieb ein Kloß im Hals stecken.
   »Duelle?«, fragte ich geschockt.
   »Ja, aber keine Angst, Fletcher achtet darauf, dass niemandem etwas passiert«, versicherte mir Sasha.
   Das beruhigte mich wenig. In der Mittagspause wurde ich wegen der Duelle zunehmend nervöser und versuchte, Lillys Beschreibung von dem vorherigen Abend zu folgen. »Tony war gestern so süß zu mir. Sonst war er immer schüchtern, aber er hat mich zum Tanzen aufgefordert«, kicherte sie. »Die Jungs haben sich sehr darüber gefreut, dass du dabei warst, vor allem Jaden. Er hat dir doch auch gefallen, oder?« Ihren leuchtenden Augen und ihrem einnehmenden Lächeln war es anzusehen, dass sie die Verkupplung von mir und Jaden geplant hatte. William hatte ihr von Anfang an einen Strich durch die Rechnung gemacht.
   »Ja«, gab ich zu und wusste nicht genau, was ich dazu sagen sollte.
   »Wolltest du nicht was von William?«, horchte Sasha auf.
   »Ich bin mit niemandem zusammen.« Ich versuchte, ihre Anschuldigung von mir zu weisen, doch sie hatte natürlich recht. Ich hatte William hintergangen, wollte es mir aber nicht eingestehen. Kann man Flirten und Küssen wirklich als Hintergehen bezeichnen? Wo wird da die Grenze gezogen?
   Sasha und Erin warfen sich vielsagende Blicke zu.
   »Wollt ihr mir jetzt Vorwürfe wegen Jaden machen?«, fragte ich sie entrüstet.
   »Nein, aber Männer haben auch Gefühle und früher oder später werden sie davon erfahren«, sagte Sasha.
   »Jaden ist da noch lockerer als ich.« Damit versuchte ich, mich selbst zu beruhigen.
   »Aber William bestimmt nicht«, meinte Erin.
   William ist schwer einzuschätzen, dachte ich.
   »Auf jeden Fall hast du Jaden gefallen«, kicherte Lilly, die sich offensichtlich über ihren gelungenen Versuch, uns zusammenzubringen, freute.
   Um dreizehn Uhr gingen wir zum Tutorium, das sich in schlichten grünlich braunen Räumen befand.
   »Hier sind ja gar keine Möbel«, bemerkte ich verblüfft.
   »Ja, der Raum ist extra für Duelle gebaut worden. An den Wänden ist Basaltgewebe für den Hitzeschutz«, meinte Sasha.
   »Lilly müsste eigentlich besser darüber Bescheid wissen als ich.«
   Lilly wirkte abwesend und beobachtete andere Studenten.
   »Herzlich willkommen in den Duellräumen. Hier werden Sie sich in kleineren Gruppen mithilfe ihrer Fähigkeiten duellieren«, kündigte Professor Fletcher an. »Das wird Ihnen helfen, Ihre Fähigkeiten auszuweiten und sie gekonnt einzusetzen. Suchen Sie sich einen Partner und stellen Sie sich ihm gegenüber.«
   »Wollen wir?«, fragte mich Sasha.
   »Tut mir leid, aber mit dir möchte ich mich nicht duellieren«, gab ich zu und wandte mich an ein Mädchen, das ebenfalls zum ersten Mal an dem Tutorium teilnahm.
   Sasha war leicht enttäuscht, ließ sich aber in ihrer Begeisterung kaum bremsen und hatte schnell einen neuen Partner gefunden.
   Ich stand dem Mädchen gegenüber und wusste nicht, was auf mich zukommen würde. Gespannt warteten wir auf das Zeichen des Dozenten.
   »Drei, zwei, eins und los«, zählte er runter.
   Bei seinem Schrei überlegte ich nicht lange und schickte dem Mädchen einen Feuerball zu, den sie mit Leichtigkeit von sich abwendete.
   Sie warf mir Schockwellen entgegen, die mich zu Boden warfen und außer Gefecht setzten.
   »Oh, alles okay?«, erkundigte sich das Mädchen und half mir auf.
   »Ja, geht schon.« Ich rieb mir mein schmerzendes Bein. Wie konnte Fletcher verhindern, dass wir uns nicht ernsthaft verletzten? Hätte das Mädchen meinen Feuerball nicht abgewendet, wäre sie verbrannt.
   Das Mädchen und ich warteten, bis die anderen Duelle beendet waren. Ich sah mich im Raum um und musste erschüttert feststellen, dass sich viele bei den Übungen verletzten. Sasha schickte einen Blitz nach dem anderen auf ihr Opfer, das ihr nicht mehr lange standhalten konnte. Lilly wusste ihre Kraft nicht richtig einzusetzen und warf Bücher auf ihren Angreifer, die dieser mit Leichtigkeit beiseiteschob und gegen sie gewann. Erin war weder zu sehen noch zu hören. Ihr Duellpartner stand verwirrt in der Ecke und schmollte.
   »Okay, nun gut. Wir beenden das erste Duell«, rief Fletcher. »Nächsten Mittwoch sehen wir uns die Verbesserungstaktiken jedes Einzelnen an«, schrie er, damit wir ihn alle in dem großen Raum verstehen konnten.
   »Wie waren bei euch die Duelle?«, wandte ich mich Lilly und Erin zu.
   »Ich frage mich, wozu wir das brauchen. Wir werden niemals kämpfen müssen«, meinte Lilly genervt und löste ihr seidig blondes Haar aus dem Zopf, den sie sich für ihr Duell gebunden hatte.
   »Ich kann nicht kämpfen und werde es hoffentlich nie müssen«, sagte Erin immer noch verängstigt.
   »Ich bin auch einfach nur froh, dass es jetzt vorbei ist. Es kann ziemlich schnell etwas schiefgehen, dann hat man keine Chance mehr, sich zu verteidigen«, meinte ich.
   Auf dem Weg ins Zimmer begegnete ich William. Ich freute mich, ihn zu sehen, hatte aber gleichzeitig ein schlechtes Gewissen wegen Jaden.
   »Hey, wann wollen wir uns heute Abend treffen?«, fragte er mich.
   »Vielleicht so um sechs Uhr?«
   »Wieder vor der Treppe?«
   »Ja, gern«, stimmte ich zu.
   »Okay, dann bis später.« Er lächelte mir zu und ging.
   »Uh, schon euer zweites Date«, meinte Lilly und zog mich mit ins Zimmer. »Ich weiß auch schon, was du heute tragen kannst. Ich habe mir schon gedacht, dass bald euer zweites Treffen kommen wird, und habe dir ein Kleid entworfen.«
   Sie griff in den Kleiderschrank und zog ein bodenlanges hellrosafarbenes Kleid heraus. Ich nahm es entgegen und bewunderte es. Der Stoff war sehr weich und angenehm zu tragen. Sie legte mir Lippenstift auf und steckte die Haare zu einer seitlichen Hochsteckfrisur zusammen, aus der sich einzelne Locken herauslösten.
   »Wenn ich mich demnächst mit Tony treffe, musst du mich auch hübsch machen«, meinte sie.
   »Na klar, das mach ich doch gern«, versicherte ich ihr. »Plant ihr schon euer erstes Treffen?«
   »Ja, aber es ist kein richtiges Date. Am Samstag ist bei ihnen auf dem Stock eine Party, da müssen wir unbedingt hingehen«, erzählte sie.
   Ich war mir unsicher, weil ich Jaden erst mal nicht wieder begegnen wollte. »Ich weiß nicht, ob ich mitkommen kann.«
   »Du musst aber. Alle verlassen sich darauf und ganz allein gehe ich da bestimmt nicht hin. Wegen Jaden brauchst du dir keine Sorgen zu machen.« Sie las wohl meine Gedanken. »Er besucht am Wochenende Freunde in Portland und wird nicht da sein.«
   »Okay, dann komme ich mit«, versprach ich ihr.
   »Fertig«, rief sie und legte den Rougepinsel aus ihrer Hand.
   Ich betrachtete mich im Spiegel und entschied, dass ich so gehen konnte.
   William stand wie bei unserem ersten Treffen vor der Marmortreppe und bewunderte mich von unten.
   »Du siehst umwerfend aus«, schmeichelte er mir.
   Ich bedankte mich und griff nach seiner Hand.
   »Wir können ja im Garten spazieren gehen«, schlug er vor.
   »Ja, gern. Wirst du lieber William oder Will genannt?«, fragte ich.
   Als ich den Namen Will aussprach, zuckte er unmerklich zusammen.
   »William wäre mir lieber«, sagte er ernst.
   Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war der Spitzname für ihn ein Problem. Ich fragte mich, warum es so schlimm für ihn war. Will war doch ein harmloser Name.
   »Du hattest heute dein erstes Duell, habe ich gehört?«, wechselte er das Thema.
   »Ja, es ist nicht so gut gelaufen. Ich möchte da niemanden verletzen und Fletcher scheint es ganz egal zu sein«, sagte ich.
   »Fletcher möchte euch herausfordern, damit ihr im Ernstfall gewappnet seid.«
   »Aber wozu brauchen wir denn Nahkämpfe und Duelle? Das ist doch vollkommen sinnlos«, meinte ich.
   »Die Duelle sind wichtig, falls etwas passiert und wir gezwungen sind zu kämpfen«, erklärte er.
   »Gegen wen sollten wir kämpfen müssen?«, fragte ich und versuchte herauszufinden, was er dabei im Sinn hatte. Bestand sein Plan etwa darin, gegen jemanden zu kämpfen?
   »Wenn unsere Kräfte an die Öffentlichkeit kommen, werden sich viele Menschen gegen uns stellen, weil sie sich bedroht fühlen.« Er pflückte eine rosafarbene Pfingstrose von einem der vielen Büsche und steckte sie mir ins Haar. »Feuerfarbenes Haar gefällt mir sehr gut«, schmeichelte er.
   »Die meisten bezeichnen die Farbe als Rot«, meinte ich und lächelte, während meine Wangen heiß wurden.
   Wir setzten uns auf eine Bank in der Nähe eines großen weißen Springbrunnens und lauschten dem Wasserspiel. Dabei waren wir umringt von Pfingstrosen.
   »Hast du am Wochenende schon was vor?«, fragte er mich unvermittelt.
   »Samstagabend bin ich mit Lilly unterwegs, aber Sonntag habe ich noch nichts vor«, sagte ich und wunderte mich, dass er schon nach dem nächsten Treffen fragte.
   »Ach schade, sonst hätten wir das Wochenende in einer anderen Stadt verbringen können. Aber vielleicht klappt es ja nächstes.«
   »Das wäre schön«, erwiderte ich. Es freute mich, dass er mich in seine Pläne miteinbezog.
   Er nahm meine Hand in seine und strich mir über die Wange. Ich bemerkte, dass er mich küssen wollte, und lehnte mich weiter zu ihm. Meine Lippen waren seinen ganz nahe und ich spürte seinen Atem auf meiner Haut.
   Plötzlich begann alles, sich zu drehen und mir wurde schwarz vor Augen. Das Bild änderte sich und ich konnte William vor mir auf dem Boden liegen sehen. Er war von Männern umzingelt, die ihn mit Elektroschocks folterten. Er zuckte heftig, bis er reglos auf dem Boden liegen blieb. Die Bilder waren verzerrt und unscharf, aber ich sah William deutlich vor mir. Seine schwarzen Flügel lagen ebenso ermattet auf dem Boden wie sein Körper. Sein Anblick schnürte mir die Kehle zu.
   Ich öffnete die Augen und rang nach Luft. Als ich Williams besorgtes Gesicht über mir sah, beruhigte ich mich langsam wieder.
   Er hielt mich fest in seinen Armen. »Wie geht’s dir? Was ist passiert?«, fragte er erst, als ich mich wieder aufsetzte.
   Was sollte ich ihm nur antworten? Ich konnte ihm nicht sagen, dass ich eine Vision von seinem Tod hatte. Ich war kurz davor zu weinen, doch ich versuchte, meine Tränen zurückzuhalten. »Es geht wieder. Ich habe wahrscheinlich nur einen Sonnenstich«, log ich. Es fiel mir sehr schwer, ihn anzulügen, aber ich hätte ihm nie die Wahrheit sagen können.
   »Soll ich dich zur Krankenstation bringen?«
   Ich schüttelte den Kopf und brachte nur »Aufs Zimmer« heraus.
   Auf der Wendeltreppe gab er mir einen Abschiedskuss. »Ruh dich gut aus«, sagte er und wartete, bis ich drin war.
   Sobald ich die Tür hinter mir verschloss, konnte ich meine Tränen nicht mehr länger zurückhalten.
   Lilly stürmte auf mich zu. »Hey, was ist los?«
   Durch mein lautes Schluchzen konnte ich kaum ein Wort hervorbringen. Erst, als ich mich beruhigte, begann ich zu erzählen. »Ich hatte eine Vision von William. Er wurde von Männern gequält, dann haben sie ihn getötet«, flüsterte ich, da ich Angst hatte, William könnte mich hören. Ich begann, wieder heftig zu schluchzen.
   »Werden deine Visionen denn immer wahr?«, fragte Sasha, die ebenfalls zu mir kam.
   »Nicht immer. Manchmal kann man es auch verhindern«, stammelte ich. Bis jetzt gab es nur einen einzigen Fall, bei dem ich verhindern konnte, was ich gesehen hatte. Damals war ich mit einer Freundin in einem Klub und wir verstanden uns mit ein paar Jungs besonders gut. Sie hatten uns zu sich an ihren Tisch gerufen und tanzten mit uns bis spät in die Nacht. Auf der Tanzfläche brach ich plötzlich zusammen und hatte eine Vision von meiner Freundin, die mit einem von ihnen schlief und neun Monate später ein Kind zur Welt brachte. Nachdem ich ihr von dem Kind erzählt hatte, ließ sie es bleiben und fuhr mit mir nach Hause. Ich hatte ihr solche Angst eingejagt, dass sie erst ein halbes Jahr später wieder auf Partys ging.
   »Wir werden ihn immer im Auge behalten, dann kann ihm nichts passieren«, tröstete mich Sasha.
   Erin sah mich ängstlich mit großen Augen an. »Hast du immer Visionen vom Tod?«, fragte sie.
   »Meistens«, brachte ich nur heraus.
   In der Nacht wachte ich immer wieder aus einem Albtraum auf, in dem William starb. Ich durchlebte die Vision jedes Mal aufs Neue und wachte mit dem grauenhaften Gefühl auf, dass diese Vision wahr werden würde.
   Zumindest konnte ich am nächsten Morgen ausschlafen, auch wenn ich nicht viel Schlaf fand, da meine erste Vorlesung an dem Tag erst um zehn Uhr begann. Mit Lilly, Erin und Sasha saß ich in der Pflichtvorlesung ‚Beherrschung der eigenen Fähigkeiten‘. Es war ganz interessant, etwas über die Kontrolle der eigenen Kräfte zu erfahren, doch es war nur theoretisch und nicht in der Praxis anwendbar.
   Nach der Mittagspause war ich zum ersten Mal in der Veranstaltung ‚Rhetorik und Theater‘. Die Dozentin, Diana Kober, die ich bereits in der Literaturvorlesung kennengelernt hatte, begrüßte uns und gab die Anweisung, uns in einem Kreis aufzustellen. In dem Kreis entdeckte ich Jaden, der mir zulächelte. Bei seinem Anblick zuckte ich unmerklich zusammen. Er stand mir genau gegenüber und machte mich durch seine bloße Anwesenheit nervös. Unauffällig zwinkerte er mir zu, sodass nur ich es mitbekam.
   Der Reihe nach sollten wir uns vorstellen und verschiedene Rollen annehmen, dazu erhielten wir Skripte.
   »Nun werden Sie diese Rollen in dem Stück spielen, das wir in einigen Wochen aufführen werden«, gab die Dozentin bekannt, nachdem wir einige Übungen durchgeführt hatten.
   Mir wurde die Rolle der Prinzessin Amelia gegeben, die von dem machtbesessenen Graf Tyrone entführt und von einem Ritter namens Ryan gerettet wurde. Es wurde bereits die Hochzeit geplant, doch das Stück endete tragisch. Die Prinzessin wurde von dem rachsüchtigen Grafen getötet und starb in Ryans Armen.
   »Welche Rolle hast du?«, fragte ich Lilly.
   »Ich spiele die Königin. Na super«, antwortete sie wenig begeistert.
   »Ich bin die Schwester der Prinzessin. Dann bin ich ja dein Kind.« Erin lachte.
   »Ich bin die Mutter des Grafen und du?«, fragte mich Sasha.
   »Ich bin die Prinzessin.«
   Lilly sah auf mein Skript. »Du hast so ein Glück. Du hast die beste Rolle bekommen.«
   »Je nachdem, wer der Ritter ist«, meinte Erin und sah sich um.
   »Jetzt beginnen wir damit, die erste Szene einzustudieren. Nehmt alle euer Skript als Vorlage«, rief Professorin Kober.
   Die erste Szene begann mit einem Turnier, bei dem die Prinzessin Ryan das erste Mal sah und bewunderte. Ich sah mich neugierig um. Wer konnte das Skript des Ritters haben?
   Jaden trat nach vorn und streckte mir ergeben seine Lanze zu, wie es der Ritter bei der Prinzessin machte. Er musste einen Trick angewendet haben, um diese Rolle zu bekommen. Das konnte kein Zufall sein. Ich hielt mir eine Hand vor meinen Mund, um mein Lachen zu verbergen, und wünschte ihm viel Glück, damit das Turnier beginnen konnte.
   Mitten in der Szene brach Professorin Kober ab. »An dieser Stelle beenden wir den Unterricht. Ich bitte euch, den Text bis nächste Woche auswendig zu lernen.«
   Wir nahmen unsere Skripte und verließen den Raum.
   Jaden holte mich ein. »Wir beide. Das kann doch kein Zufall sein«, sagte er.
   »Das habe ich mir auch gedacht.« Ich lachte verlegen.
   Er sah mich mit seinen unwiderstehlich anziehenden Augen an und verzog seinen Mund zu einem charmanten Lächeln. »Wir sehen uns«, verabschiedete er sich und bog in den Flügel mit den Hörsälen ein.
   Ich sah ihm unauffällig hinterher, bis er in einen anderen Gang einbog. Mist. Es wäre so cool gewesen, wenn er sich noch einmal umgedreht hätte.
   Lilly, Erin und ich hatten für den Rest des Nachmittags frei. Nur Sasha besuchte so viele Vorlesungen wie möglich, um jede Gelegenheit zu nutzen, sich weiterzubilden.
   Diesen Stress wollte ich mir ersparen und ging daher mit Lilly und Erin in den Garten. Das Gelände war so riesig, dass man es nicht mehr als Garten bezeichnen konnte, es ähnelte vielmehr einem Park. Wir setzten uns auf eine Bank unter mehrere Kirschblütenbäume und sonnten uns in der lauwarmen Frühlingssonne.
   »Warum ist ‚Theater & Rhetorik‘ Pflicht?«, fragte ich.
   »Dadurch verbessern wir unser Auftreten und unsere kommunikativen Fähigkeiten. Das soll uns in jedem Beruf weiterbringen«, erklärte Erin, die sonst so still war.
   »Du hast es mit deiner Rolle so gut«, warf Lilly eifersüchtig ein.
   »Ich kann es nicht fassen, dass Jaden den Ritter spielt«, meinte ich.
   In unserer Nähe hörten wir plötzlich leises Tuscheln und sahen uns um. Versteckt hinter einer Baumgruppe entdeckten wir Roger und einen fremden Mann. Der Mann packte Roger am Kragen und redete eindringlich auf ihn ein.
   »Erin, du bist die Einzige, die unbemerkt zu ihnen kann«, flüsterte Lilly.
   Auf ihr Kommando machte sich Erin unsichtbar und wir hörten nur noch das leise Rascheln von Zweigen im Wind.
   Erst nach ein paar Minuten kam sie zurück.
   »Und?«, fragte Lilly, nachdem Erin eine ganze Weile schwieg und bedrückt auf den Boden sah.
   »Roger ist ein Drogendealer.«
   Lilly sah sie ungläubig an. »Was? Das kann unmöglich sein.«
   »Er sollte für eine Organisation Pillen verkaufen, aber viele Beutel sind verschwunden und jetzt schuldet er ihnen sechstausend Dollar in bar. Er soll sie ihnen bis Mittwoch in zwei Wochen um Mitternacht geben. Dann treffen sie sich wieder hier«, stammelte Erin.
   »Wie heißt die Organisation?«, fragte Lilly.
   »Ich glaube, es war Powercontor«, meinte Erin.
   »Vielleicht weiß Sasha etwas dazu. Wir müssen Roger da wieder heraushelfen«, sagte Lilly geschockt.
   An ihrem mitgenommenen Blick konnte ich erkennen, dass ihr an Roger viel lag und dass er ein guter Freund von ihr war.
   Wir liefen über die Wiese und warteten im Zimmer, bis Sasha ihre Vorlesungen beendet hatte.
   Als Sasha das Zimmer betrat, sah sie uns verwirrt an. »Alles okay mit euch?«
   »Kennst du eine Organisation namens Powercontor?«, fragte Lilly direkt.
   »Du meinst Powercontrol? Was ist mit denen?«
   Ohne zu antworten, stellte Lilly eine Gegenfrage. »Was weißt du über sie?«
   »Alle, die dieser Gruppe angehören, besitzen ziemlich mächtige Fähigkeiten. Billy ist ihr Anführer und seine Fähigkeit besteht darin, unglaublich stark zu sein. Warum fragst du?«
   »Roger ist in der Gruppe«, sagte ich. »Wir haben vorhin Roger mit einem aus der Gruppe gesehen, und Erin hat herausgefunden, dass Roger für sie Drogen verkauft und ihnen eine Menge Geld schuldet, weil die Beutel verschwunden sind.«
   »Er ist ein Drogendealer? Wie viel Geld muss er ihnen denn bezahlen und bis wann?«, fragte Sasha perplex.
   »Sechstausend Dollar, bis Mittwoch in zwei Wochen um Mitternacht«, sagte Lilly verzweifelt.
   Sasha dachte lange nach. »Da bleiben uns nur drei Möglichkeiten. Entweder halten wir uns aus allem raus und lassen dem Schicksal seinen Lauf …«
   Lilly sah sie entsetzt an. »Das machen wir auf keinen Fall.«
   »… wir versuchen, das Geld aufzutreiben, oder wir verhindern weitere Aktivitäten der Gruppe, indem wir die Polizei einschalten«, sprach Sasha weiter.
   »Wir dürfen auf keinen Fall die Polizei darüber informieren, weil wir nicht wissen, wie tief Roger in der ganzen Sache drinhängt«, meinte Lilly besorgt.
   »Aber wie sollen wir sechstausend Dollar auftreiben?«, fragte ich.
   »Wir könnten es stehlen. Erin würde es tun müssen«, sagte Lilly.
   Erin sah sie panisch an, aber sagte kein Wort.
   »Wir stehlen kein Geld. Uns bleiben noch zwei Wochen. Da haben wir genug Zeit, uns etwas zu überlegen«, sagte Sasha entschlossen.
   Lilly war skeptisch.

Am nächsten Morgen während der Anatomievorlesung bemerkte ich, dass Lilly ununterbrochen über Roger nachdachte. Sie wirkte die ganze Zeit über abwesend. Da ich selbst keine Lösung parat hatte, sprach ich sie nicht darauf an.
   Dozentin Caren Lester führte uns in die Strukturen des menschlichen Körpers ein. »Wir werden in dem Präparierkurs genauere Einblicke erhalten. Ihr werdet alphabetisch nach eurem Nachnamen in Gruppen aufgeteilt. Sobald ihr eure Gruppe gefunden habt, begebt ihr euch in den entsprechenden Raum.«
   Auf der Leinwand erschienen die Gruppen. Die Studenten mit dem Nachnamen von O bis Z waren William Lockwood zugeteilt. Ihnen schloss ich mich an und ging in den zugehörigen Raum, wo William bereits auf uns wartete. In seinem hellblauen Shirt und seiner dunkelblauen Jeans sah er ziemlich gut aus. Seine Flügel ragten fast bis zur Decke des Raumes. Allein sein Anblick ließ mein Herz höherschlagen.
   »Freut mich, dass du in meiner Gruppe bist.«
   »Finde ich auch«, erwiderte ich.
   Lilly war ebenfalls dabei, wirkte aber immer noch abwesend. Der Raum war mit Tierskeletten ausgestattet und auf vielen der Regale befanden sich Einmachgläser mit konservierten Innereien. In der Mitte des Raumes stand ein silberner Tisch mit einer blauen Decke darüber.
   William wartete noch fünf Minuten, bis alle da waren, und begann seinen Vortrag.
   »Da wir nun vollständig sind, können wir beginnen. Normalerweise haben die Studenten erst im dritten Fachsemester den Präparierkurs, da allerdings viele aufgrund des Kurses ihre Studienfachrichtung gewechselt haben, wurde er vorgezogen, damit ihr wisst, was auf euch zukommt.«
   Ich fragte mich, warum Studenten wegen eines einzelnen Kurses ihre Fachrichtung wechselten. Als William die blaue Decke hochhob, wurde es mir plötzlich klar. Ein toter Mann mit grün-gräulich angefärbter Haut lag auf der Krankenliege. Ein beißender, muffiger Gestank ging von ihm aus und erfüllte den ganzen Raum. Lilly drehte sich angewidert zur Seite.
   »Ihr seht hier einen fünfunddreißigjährigen Mann, der an einer myokardialen Ischämie gestorben ist. Er hat auch in dieser Einrichtung gelebt und besaß die Fähigkeit, andere zu heilen. Aber er hat jedes Mal die Krankheiten angenommen, die er bei anderen Menschen geheilt hatte und schließlich ist er an Herzschwäche gestorben«, erzählte William.
   »Kannten Sie den Mann?«, fragte eine Studentin.
   »Nein, ich bin noch nicht lange hier. Die Leiche wurde mit Formalin konserviert und wir werden heute die Muskeln und Nervenfasern ertasten.« Zwei Mädchen flüchteten aus dem Raum.
   »Was ist Formalin?«, fragte ein anderer Student.
   »Formalin ist eine wässrige Formaldehydlösung mit Methanol und dient der Fixierung von Gewebe. Wir nennen es auch Leichenfett«, erklärte William gelassen. »Wenn keine weiteren Fragen mehr sind, kann es jetzt losgehen.«
   Er zog eine weitere blaue Decke von einem Beistelltisch ab. »Hier ist für jeden Präparierbesteck.«
   Der Reihe nach zeigte er auf verschiedene Messer, die sich alle sehr ähnlichsahen. »Das ist ein Skalpell mit Wechselklingen, eine Schere, eine Sonde, eine anatomische Pinzette und zwei Splitterpinzetten. Einmalskalpelle dürfen nicht verwendet werden«, sagte er und legte diese beiseite. »Warum dürfen Einmalskalpelle nicht verwendet werden?«, fragte eine Studentin neugierig.
   »Sie kommen nur bei Operationen zum Einsatz. Die Gefahr ist zu groß, dass ihr euch an ihnen verletzt«, antwortete William.
   In den Räumen wurden also auch Operationen durchgeführt, schlussfolgerte ich.
   Die meisten versuchten, ihre Abneigung zu überwinden, nahmen Skalpelle in die Hand und machten erste Schnitte. Lilly war so schlecht, dass sie den Raum ebenfalls verließ. Ihr war es zu viel, aber ich nahm mich zusammen und näherte mich der Leiche. Ich betrachtete das Gesicht des Mannes. Er hatte dunkle Haare und seine geschlossenen Augen waren von dichten braunen Wimpern umrahmt. Sein Mund wurde von einem leichten Lächeln umspielt, als ob er friedlich schlafen würde. Durch seine Fähigkeit hatte er sich sein Leben lang aufgeopfert, um andere Menschen zu heilen. Er war an Herzschwäche gestorben, damit ein anderer weiterleben konnte. Dieser Mann kam mir wie ein Heiliger vor. Es war falsch, an den Organen dieses Menschen herumzuexperimentieren, aber es war auch ein besonderes Privileg und eine einmalige Chance.
   Aus einem kleinen Beutel zog ich Einmalhandschuhe heraus, die ich mir überstreifte. Als ich seine Haut berührte, war sie eiskalt und schimmerte in dem Neonlicht grau.
   Von den Alkoholdämpfen umgeben setzte ich mein Skalpell an und schnitt ihm nach Anweisung in die Brust. Vorsichtig nahm ich eine Nervenfaser zwischen meine Finger. Sie fühlte sich zäh an wie eine Wäscheleine. Ich zog sie ein bisschen an und beugte mich ein wenig herunter, um sie genauer sehen zu können, da spritzte mir eine Flüssigkeit ins Gesicht. Meine Augen fingen an zu brennen. Es wurde immer schlimmer. Vor Schmerzen keuchte ich auf und stieß gegen den Beistelltisch. Ich konnte absolut nichts mehr sehen, da meine Augen stark tränten.
   Jemand legte seinen Arm um meine Schultern und führte mich.
   »Habe keine Angst. Du musst dich nur kurz bücken.« Es war Williams Stimme ganz nah an meinem Ohr.
   Ich bückte mich und meine Augen wurden mit kühlem Wasser abgespült. »Das ist eine Augendusche. Sie ist extra für solche Situationen gedacht.«
   »Es brennt so sehr«, stieß ich aus.
   »Das liegt an dem Methanol. Bald wird es dir wieder besser gehen«, beruhigte er mich.
   Das kühle Wasser linderte den Schmerz und machte ihn erträglich.
   »Ich muss dir ein Lokalanästhetikum ins Auge geben. Es wird noch mal kurz brennen, aber dann lässt es nach«, sagte er und tropfte mir eine Flüssigkeit ins Auge.
   Es brannte wie Feuer, doch der Schmerz ging tatsächlich weg.
   »Geht es dir schon besser?«, fragte er besorgt.
   Ich schlug vorsichtig die Augen auf. »Ja, ich kann wieder sehen.«
   »Dann ist ja gut. Für heute bist du freigestellt«, sagte er. Er hielt mich in seinen Armen, dann ließ er mich langsam los. »Ich muss jetzt wieder nach den anderen sehen, falls sich noch jemand verletzt«, sagte er halb im Scherz und ging.
   Lilly wartete bereits im Zimmer auf mich. »Wie siehst du denn aus?«, fragte sie erschrocken.
   »Ich habe Leichenfett ins Auge bekommen«, erklärte ich.
   »Zum Glück war ich nicht dabei.« Lilly hatte immer noch eine bleiche Gesichtsfarbe.
   Für den Rest des Tages legte ich mich schlafen, damit sich meine Augen ausruhen konnten. Lilly zog die Gardinen zu, um das Zimmer zu verdunkeln.

Am nächsten Tag war schon Samstag und die geplante Feier stand bevor. Lilly hatte sich lange darauf gefreut und leerte den kompletten Kleiderschrank aus, um etwas Passendes zu finden. »Was soll ich nur anziehen?«, fragte sie verzweifelt und sank in ein Meer voller Kleider.
   »Du kannst dir doch jedes beliebige Kleid entwerfen«, meinte ich.
   »Ja, aber ich habe keine Ideen.«
   Sasha warf ihr einen Katalog hin. »Hier sind genügend Kleider drin. Da wirst du schon was finden.«
   Ich blätterte auch in einer Zeitschrift und hatte schnell ein schönes Kleid gefunden. »Könntest du mir das herzaubern?«, fragte ich.
   »Ich bin doch keine Zauberin. Aber gut, ich entwerfe es für dich.« Sie musterte meinen Körper und fünf Sekunden später lag ein weißes Cocktailkleid mit Diamanten besetzten Trägern auf meinem Bett.
   »Meinst du nicht, dass es ein bisschen übertrieben ist?«, fragte Sasha, die sich in eine rosafarbene Bluse und einen schwarzen kurzen Rock hüllte.
   »Ich finde es perfekt«, sagte Lilly begeistert und zauberte sich ein Ähnliches in Gelb. »Jetzt müssen nur noch Haare und Make-up perfekt werden.« Sie holte ihren Schminkkoffer aus dem Bad. »Du hast es mir versprochen«, erinnerte sie mich.
   Während sie sich auf ihren Platz vor dem beleuchteten Spiegel setzte, suchte ich Pinsel und Lidschatten aus dem Koffer. »Hoffentlich entspricht es deinen Erwartungen.«
   »Wehe, wenn nicht«, warnte sie mich.
   Nachdem ich ihr Gesicht geschminkt und ihre Haare frisiert hatte, musste ich stolz feststellen, dass es mir gut gelungen war.
   »Kannst du mich auch so schminken?«, fragte Erin schüchtern.
   »Na klar«, sagte ich und legte wieder los. Als ich mich selbst schminkte und im Spiegel ansah, bemerkte ich, dass meine Augen immer noch rot und leicht geschwollen waren. Zum Glück brannten sie nicht mehr.
   »Gehen wir endlich?«, fragte Lilly nervös.
   »Ja, beruhige dich mal«, meinte Sasha.
   Wir betraten den Flur, als es dämmerte, und suchten Tony.
   »Tony«, rief Lilly, sobald sie ihn in seinem Zimmer erblickte und stürmte auf ihn zu. Wir bahnten uns einen Weg durch die vielen Menschen, die ebenfalls auf die Party gekommen waren. Es war sehr voll, extrem heiß und roch nach billigem Bier.
   »Hi, cool, dass ihr alle gekommen seid«, rief Tony und umarmte Lilly. »Es ist ja richtig voll hier«, staunte sie.
   »Ja, es sind mehr Leute gekommen, als erwartet«, meinte er zufrieden.
   Sasha fächelte sich mit dem Ärmel ihrer Bluse Luft zu. »Hier ist es verdammt heiß.«
   »Das liegt bestimmt an dir«, sagte ein Typ direkt hinter ihr.
   Sasha drehte sich abgeneigt von ihm weg. Auf hellhäutige Männer stand sie überhaupt nicht.
   »Hier, trinkt und amüsiert euch.« Tony drückte jedem von uns einen Plastikbecher mit Bier in die Hand.
   Ich nahm einen Schluck und sah mich in der Menge um. Es war kaum ein bekanntes Gesicht zu sehen. Ich fragte mich, wo sie all die Leute aufgetrieben hatten. Der Flur und alle Zimmer auf dem Stockwerk waren überfüllt mit Menschen.
   Plötzlich sah ich ein vertrautes Gesicht. Ich musste zweimal hinschauen, um sicher zu sein, dass ich es richtig erkannte. Jaden war hier.
   »Lilly, hattest du nicht gesagt, dass Jaden in Portland ist?«, rief ich ihr zu, aber sie konnte mich nicht hören.
   Jaden hatte mich auch erblickt und kam auf mich zu. »Hey, wollen wir tanzen?«, fragte er ohne Umschweife. Er nahm mich am Handgelenk und stürzte sich in die Menge. Es war offensichtlich, dass er angetrunken war, denn er begann hemmungslos zu tanzen. Ich fühlte mich unbehaglich und nahm noch ein paar Schlucke. Nur allmählich löste sich meine Anspannung und ich bewegte meine Hüften passend zur Musik. Aufgrund der lauten Musik konnte ich nur sehen, dass sich seine Lippen bewegten, aber ich konnte ihn nicht verstehen. Jemand schubste mich von hinten und ich fiel auf ihn drauf. Es war kaum Platz. Jaden fing mich souverän auf, obwohl er nicht nüchtern war.
   »Was hast du gesagt?«, fragte ich.
   »Gefällt es dir hier? Wir können die Party auch woanders fortsetzen«, sagte er und riss mich fort, ohne meine Antwort abzuwarten.
   Plötzlich befanden wir uns in einem Hotelzimmer. Es war still und mir dröhnten noch die Ohren von der lauten Musik.
   »Die haben hier einen Whirlpool«, meinte Jaden.
   »Warst du hier schon mal?«, fragte ich fassungslos.
   »Ja, schon öfter. Die werden nicht bemerken, dass wir hier waren.« Er streifte sich die Kleidung ab und ging ins Badezimmer.
   »Was hast du vor?«, fragte ich und lief ihm nach.
   »Na, was schon. Ich gehe jetzt in den Pool.«
   Noch bevor ich im Bad ankam, erschien er nackt vor mir. Perplex sah ich ihn an und schlug dann meine Hände vor die Augen. »Tut mir leid, ich wollte nicht gucken. Aber warum bist du nackt?«
   »Du musst dich dafür doch nicht entschuldigen. Die Frage ist wohl eher, warum du noch angezogen bist«, entgegnete er.
   »Bitte zieh dir etwas an und bring mich wieder zurück«, bat ich ihn und hoffte, dass er sich seine Klamotten wieder überstreifte.
   »Erst steigen wir zusammen in den Whirlpool«, verlangte er.
   Ich wagte es nicht, meine Augen zu öffnen, und blieb stur. »Ich werde auf keinen Fall mit dir da reingehen.« William tauchte in meinen Gedanken auf und mein schlechtes Gewissen setzte wieder ein. Ich musste mich ermahnen, standhaft zu bleiben.
   »Warum stellst du dich denn so an?« Er nahm meine Hände von den Augen und zog mich ins Bad. Mit geschlossenen Lidern versuchte ich, mich zu wehren und meine Arme loszureißen, aber gegen seine Kraft kam ich nicht an. Bereits an seinem Körper hatte ich gesehen, wie durchtrainiert er war und ich hatte ein Fitnessstudio noch nicht einmal von innen gesehen.
   »Lass mich los«, forderte ich.
   »Erst, wenn du mit ins Wasser kommst. Das ist die Bedingung, dann bringe ich dich wieder zurück.«
   »Das werde ich auf keinen Fall.« Ich wusste, was mir bevorstehen würde, wenn ich mit ihm in den Pool einstieg. Jaden würde mich schwach machen und schließlich würde ich nicht länger widerstehen können und ihn ein weiteres Mal küssen. Das durfte auf keinen Fall passieren.
   Jaden schaffte es, mich weiter ins Bad zu ziehen. Seine Hände waren sanft, aber unnachgiebig. Als mir Wasser ins Gesicht spritzte, öffnete ich meine Augen und sah, wie Jaden seine Hände in das Wasser eintauchte und es zu mir nach oben schoss.
   »Hey«, rief ich und tat es ihm nach.
   Wir mussten auflachen und spritzten uns immer weiter nass, bis mein Kleid völlig durchnässt war. Jaden brauchte sich über seine Kleidung keine Gedanken zu machen. Augenblicklich schlang er seine Arme um mich und zog mich nach oben. Erst als ich in der Luft hing, wurde mir seine Absicht klar. Er versuchte, mich ins Wasser zu werfen.
   »Jaden, lass mich wieder runter«, rief ich.
   Doch bevor er es schaffte, mich in den Pool eintauchen zu lassen, rutschte er auf dem nassen Boden aus und wir fielen unsanft auf die harten Fliesen. Glücklicherweise fiel ich auf meinen Arm und nicht auf den Kopf, aber der Ellenbogen schmerzte dafür sehr.
   Als sich Jaden langsam erhob, fiel sein besorgter Blick auf mich. »Hast du dir was getan?« Er prüfte meinen Ellenbogen und kam immer näher.
   »Es ist halb so schlimm«, sagte ich und blinzelte, sobald sein Gesicht vor meinem war. »Könntest du dir bitte was anziehen?«
   »Mache ich dich verlegen?«, fragte er scherzhaft.
   »Ein wenig«, gestand ich und versuchte, seinem Körper nicht allzu viel Beachtung zu schenken.
   »Wenn das so ist, ziehe ich mir gleich etwas an.« Er streifte sich ein Shirt und eine Hose über, dann führte er mich zum Bett.
   »Bleib am besten eine Weile ruhig sitzen, dann kann ich mich um deinen Arm kümmern.«
   »Bist du etwa ein Arzt?«
   »Nein, das nicht, aber ich habe mehrere Monate in einem Krankenhaus gearbeitet«, erzählte er und ging wieder ins Bad. Er kam mit einem nasskalten Handtuch zurück und wickelte es um meinen Arm.
   »Wie kommt es, dass du in einem Krankenhaus gearbeitet hast?«, fragte ich neugierig.
   »Ich habe dir doch erzählt, dass ich ein paar Jahre lang durch die Welt gezogen und gereist bin. Fünf Monate davon war ich Assistenzarzt im London Bridge Hospital. Ich habe dort einiges über den menschlichen Körper gelernt.«
   »Hast du Medizin studiert?« Ich konnte meine Überraschung nicht verbergen.
   »Nicht direkt. Ich habe mich als Arzt ausgegeben und das Studium sozusagen übersprungen.«
   »Also, du hattest keine medizinische Ausbildung dafür? Wie hast du es geschafft, dich als Arzt auszugeben?« Ich konnte mein Lachen nicht länger zurückhalten und mein Arm zitterte dabei so heftig, dass das Handtuch aufs Bett fiel.
   »Es war im Grunde ganz einfach. Ich habe mir einen Kittel übergezogen, eine Patientenakte genommen und bin morgens zur rechten Zeit auf Visite gegangen«, sagte er lachend und legte das Handtuch wieder auf meinen Arm. »Der Trick dabei ist, so zu tun, als würdest du dort seit Jahren arbeiten.«
   »Wurdest du dabei erwischt?«
   »Ja, nach fünf Monaten ist es ihnen aufgefallen, dass ich kaum etwas über die Krankheiten der Patienten wusste. Noch bevor die Polizei kam, konnte ich fliehen. Aber es hat mich gewundert, dass so lange niemand etwas bemerkt hat.«
   »Ja, das ist wirklich merkwürdig. Aber Glück für dich. Jetzt hast du eine unglaubliche Geschichte.«
   Sein Blick fiel wieder auf meinen Arm. »Du solltest deinen Arm schonen, damit er schnell verheilt.«
   »Kannst du mich jetzt zurückbringen?«, fragte ich erwartungsvoll.
   »Tut mir leid, aber du bist nicht mit in den Whirlpool gekommen. Wir hatten eine Abmachung.«
   »Das ist hoffentlich nicht dein Ernst«, sagte ich in der Hoffnung, dass er sich nur einen Spaß mit mir erlaubte, aber an seinem Blick erkannte ich, dass es sein Ernst war.

*

»Tony, können wir kurz draußen reden?«, fragte Lilly.
   »Warum willst du raus?«
   »Weil man hier drin kaum ein Wort versteht«, erwiderte sie genervt. Sie nahm Tony an die Hand und führte ihn nach draußen in den Garten. »Endlich frische Luft«, stieß sie erleichtert aus und atmete die kühle Nachtluft ein. »Ich muss dir etwas über Roger erzählen.« Sie atmete tief ein und dachte über die richtigen Worte nach. »Er verkauft Drogen und ist ein Mitglied von Powercontrol«, sagte sie schließlich und wartete Tonys Reaktion ab.
   Zu ihrer Überraschung blieb er ganz gelassen. »Ich weiß. Wir nehmen manchmal Pillen von ihm.«
   Lilly sah ihn ungläubig an.
   »Roger ist aber kein Mitglied von dieser bescheuerten Gruppe. Die ist wie eine Sekte. Wir nehmen nur ab und zu die Pillen, damit unsere Kräfte stärker werden«, versuchte er, sich zu rechtfertigen.
   »Ist das dein Ernst? Ihr schluckt diese Pillen?«, rief sie.
   »Sei doch still«, flüsterte Tony verärgert. »Das dürfen die auf keinen Fall rausbekommen, sonst machen die Roger einen Kopf kleiner. Der halbe Jahrgang nimmt dieses Zeug«, sagte er, als ob es selbstverständlich wäre.
   »Roger schuldet ihnen sechstausend Dollar. Willst du ihm denn nicht helfen?«, fragte Lilly entsetzt.
   »Wir werden schon einen Weg finden, das Geld aufzutreiben. Du brauchst dir unseretwegen keine Sorgen zu machen und das Beste ist, wenn du dich aus der ganzen Sache raushältst, sonst bekommst du noch Probleme.«
   Tony wollte Lilly nur beschützen, doch für sie klang es wie eine Drohung. Gekränkt ging sie wieder rein.

*

Das leise Summen eines Weckers drang mir aus einem Nebenzimmer in die Ohren und weckte mich. Die Morgensonne, die durch die Vorhänge schien, blendete mich. Ich stand auf, ging schläfrig zum Fenster und starrte hinaus. Wo war ich bloß? Ich sah eine riesige Stadt, die sich unter mir erstreckte und die Autos und Menschen sahen winzig aus. Als ich mich streckte, schmerzte mein Ellbogen noch leicht, aber Jaden hatte durch seinen Verband ganze Arbeit geleistet.
   Er schlief noch im Bett und ich schaute ihm lange Zeit beim Schlafen zu.
   Dann drehte er sich zu mir um. »Hast du gut geschlafen?«, fragte er mich.
   »Ja, aber wir müssen wieder zurück«, erwiderte ich.
   »Warum denn schon so früh? Wir haben noch den ganzen Tag Zeit.«
   Er wirkte vollkommen entspannt, doch ich wollte so schnell es geht wieder zurück. »Kannst du mich bitte sofort in die Einrichtung bringen? Ich habe noch einiges zu tun«, log ich, weil ich es keine Sekunde länger in diesem Hotelzimmer aushielt. Ich bereute, dass ich mich von Lilly mal wieder hatte überreden lassen.
   »Okay, schon gut«, sagte Jaden genervt und nahm meine Hand.
   Ich hatte kaum Erinnerungen an letzte Nacht. Wir hatten auf der Party zu viel getrunken und im Hotelzimmer noch weitere Flaschen geöffnet. Eine schreckliche Vorahnung überkam mich. »Haben wir …?«, fragte ich und machte dabei Gesten mit meinen Händen.
   Er sah mich nur verwirrt an.
   »Haben wir miteinander geschlafen?« Ich traute mich kaum, seine Antwort zu hören. Die Sekunden, die bis zu seiner Reaktion vergingen, waren endlos, aber dann schüttelte er mit dem Kopf.
    »Bist du sicher?«, fragte ich erneut.
    »Ja, wir haben nicht miteinander geschlafen«, erwiderte er und musste mich aufgrund meiner Sorge für verrückt halten.
   Ich atmete erleichtert auf und kam endlich aus dem Hotelzimmer raus.
   Kurze Zeit später stand ich vor meiner Zimmertür.
   Jaden verabschiedete sich und verschwand.
   Ich öffnete die Tür. Das Zimmer war leer, doch wo konnten sie sein? Während ich wartete, räumte ich auf. Es vergingen Stunden, bis Lilly, Sasha und Erin gemeinsam zurückkamen.
   »Wo wart ihr denn?«, fragte ich.
   »Wir haben uns mit Roger und Tony wegen Powercontrol besprochen. Aber es hat kaum etwas gebracht«, erzählte Sasha.
   »Wenigstens hat Roger zugegeben, dass er Drogen verkauft«, meinte Lilly entmutigt. Sie wirkte sehr mitgenommen.
   »Alles okay?«, fragte ich Lilly besorgt.
   »Ja, nur Tony ist seit dem Thema so komisch zu mir. Er will sich nicht helfen lassen«, gab sie bedrückt zu.
   »Gehört Tony etwa auch zu der Gruppe?«, fragte ich wieder.
   »Nein, aber er nimmt auch diese Pillen und er ist abhängig davon. Sie werden dadurch immer stärker«, erwiderte sie.
   »Aber wie kann es sein, dass sie die Pillen stärker machen?«, fragte ich nachdenklich.
   »Da unsere Fähigkeiten mit einem Gendefekt vergleichbar sind und durch eine Methylierung in der DNA hervorgerufen wurden, treten die Pillen in Wechselwirkung mit den Bausteinen der Erbsubstanz. Nicht alle Fähigkeiten wurden durch die Methylierung von Umweltfaktoren hervorgerufen. Einige haben ihre Fähigkeiten geerbt. In den Pillen sind Enzyme enthalten, die dafür sorgen, dass genau diese Grundbausteine verändert werden und die Veränderung bewirkt eine Verstärkung der Fähigkeiten. Es gibt nichts, was wir dagegen tun können«, erklärte Sasha.
   »Warum gehen wir denn nicht zum Professor und erklären ihm alles? Er weiß nichts davon, dass hier so viele Drogen nehmen«, meinte ich.
   »Willst du, dass Tony und Roger auffliegen?«, schrie Lilly mit tränenden Augen.
   Sasha versuchte, sie zu beruhigen. »Das macht sowieso nicht viel Sinn, weil der Professor das niemals stoppen könnte.«
   Erin sah uns erstaunt an. »Warum zerstören wir nicht das Labor, in dem sie die Pillen herstellen?«
   Wir sahen sie überrascht an. »Das ist die einzige Möglichkeit, die uns bleibt«, meinte ich schließlich.
   »Das ist aber nicht so einfach. Wir haben absolut keine Ahnung, wo sich ihr Labor befindet, wir wissen nicht, wie man die Substanzen zerstören kann und es wird sehr schwer sein, da unbemerkt reinzukommen«, sagte Sasha. »Aber es ist tatsächlich unsere einzige Chance.«
   Lilly sah sie fassungslos an. »Was wird aus Tony und Roger? Sie sind doch abhängig von den Drogen.«
   »Wie alle Süchtigen müssen sie einen Entzug machen«, erwiderte Sasha kühl. »Wir brauchen mehr Leute, die auf unserer Seite stehen und uns helfen. Allein kommen wir nicht weit.«
   »Ich könnte Jaden fragen«, schlug ich vor.
   »Ja, und William brauchen wir auch dringend. Mit seiner Fähigkeit könnten wir alles zerstören«, meinte Sasha.
   »Mit dem Fliegen?«, fragte ich.
   »Nein, mit dem Energie freisetzen«, sagte Sasha überheblich, als ob es auf der Hand läge.
   Ich sah sie skeptisch an. Natürlich konnten wir mit seiner Fähigkeit das Meiste erreichen, aber ich wollte ihn nicht um Hilfe bitten. Außerdem war ich mir unsicher, ob ein Dozent ein Drogenlabor in die Luft jagen würde.

Gefoltert

Am nächsten Morgen gingen wir nach dem Frühstück zur Geschichtsvorlesung.
   Sasha stieß mich pflichtbewusst an. »Frag ihn gleich.«
   Ich nickte ihr stumm zu, aber versuchte, es noch so lange wie möglich hinauszuzögern. Genau in dem Moment, in dem es besser war, dass William später gekommen wäre, stand er pünktlich vor dem Hörsaal und wartete. Nun war ich gezwungen, ihn auf das Labor anzusprechen. Sasha schubste mich in seine Richtung und ich ging auf ihn zu.
   »Hey Lauren, schön, dich wiederzusehen.« Er lächelte mich freundlich an.
   »Ich finde es auch schön, dich wiederzusehen«, sagte ich und dachte an unser letztes Treffen, das schon gefühlte Jahre zurücklag.
   Sasha, Erin und Lilly gingen taktvoll in den Hörsaal, damit wir uns nicht gestört fühlten, aber ich fühlte mich verloren. Ich konnte ihn unmöglich darauf ansprechen.
   »Möchtest du mir was sagen?«, fragte er und musterte mich eingehend.
   Ich versuchte seinem durchdringenden Blick auszuweichen, indem ich in meiner Tasche kramte.
   »Suchst du was Bestimmtes?«, fragte er belustigt.
   »Ach, schon gefunden.« Ich zog meinen Zimmerschlüssel aus der Tasche. »Ich dachte schon, ich hätte ihn liegen lassen.« Was machte ich hier nur? Ich versuchte mich zu beruhigen, aber ich war sehr nervös und versuchte, es mir nicht anmerken zu lassen. Meine Gedanken rasten. War der richtige Zeitpunkt gekommen, ihn um Hilfe zu bitten? Ich entschied, dass es nicht der richtige Zeitpunkt dafür war.
   »Ich wollte dich noch fragen, wann wir uns das nächste Mal wiedersehen«, sagte ich.
   William nahm meine Hände in seine. »Wie wäre es heute Abend? Wir können uns ja diesmal im Garten treffen.«
   »Ja, das würde passen«, meinte ich.
   »Okay, dann sollten wir reingehen.« Zuvorkommend hielt er mir die Tür auf.
   Er machte seinen Laptop an, während ich zu Sasha, Lilly und Erin lief.
   »Hast du ihn gefragt?«, bohrte Sasha.
   »Nein, noch nicht.«
   »Warum nicht?«
   »Ich frage ihn heute Abend. Da treffen wir uns wieder«, sagte ich zuversichtlich.
   Das war die erste Vorlesung, der ich von Beginn an folgen konnte. Ich liebte es, Williams tiefer, angenehmer Stimme zuzuhören. Er zwinkerte mir unauffällig zu, als er bemerkte, dass ich ihn ansah.
   »Und wie hat dir meine Vorlesung gefallen?«, erkundigte er sich, als wir allein im Hörsaal zurückblieben.
   »Die gefällt mir immer besser«, meinte ich und lachte verlegen.
   »Das klingt schon mal nicht schlecht.« Er stimmte in mein Lachen ein. »Viel Glück beim Training«, wünschte er mir und küsste mich.
   Ich beeilte mich, pünktlich beim Training zu erscheinen, obwohl ich am liebsten nicht gekommen wäre.
   »Schon wieder zu spät. Wenn das noch einmal vorkommen sollte, werden wir den Unterricht um eine Stunde verlängern«, ermahnte mich Professorin Monroe und öffnete eine Schnapsflasche.
   Ich sah sie bestürzt an. »Trinken Sie etwa während des Unterrichts?«
   »Die ist für dich«, antwortete sie.
   Ich war immer noch verwirrt. Sie leerte die Flasche über dem Rasen aus, dann nahm sie ein Feuerzeug.
   »Deine Aufgabe ist es, das Feuer vollständig zu löschen«, sagte sie gelassen, während sich in mir Panik breitmachte.
   Der Schnaps loderte in rasender Geschwindigkeit auf. Ich gab mir Mühe und versuchte, das Feuer zu ersticken, aber es gelang mir nur an wenigen Stellen. Plötzlich fingen auch die Büsche und Hecken in der Nähe Feuer. Es breitete sich immer weiter aus.
   »Du sollst es löschen und nicht weiter verbreiten«, verhöhnte mich die Professorin.
   Ich nahm all meine Kräfte zusammen, konzentrierte mich nur auf das Feuer und blendete alles um mich herum aus. Endlich verlosch es und nur verbrannter Rasen und Zweige blieben zurück. Erleichtert atmete ich auf. Diese Übung wiederholten wir bis zum Ende des Trainings.
   »Beim nächsten Mal machen wir das auf dem Meer«, kündigte sie an.
   Ich war wenig begeistert und froh, als ich im Zimmer ankam. Ermattet ließ ich mich aufs Bett fallen.
   »Und wie war das Training?«, fragte Lilly.
   »Langweilig. Wir haben ständig die gleiche Übung gemacht«, sagte ich erschöpft.
   »Na ja, besser als Aufgaben zu bekommen, die du niemals schaffen kannst«, meinte Lilly.
   »Hast du mal solche Aufgaben bekommen?«, fragte ich sie.
   »Ein Dozent hat mal von mir verlangt, dass ich ihn wegzaubere. Was für ein Trottel, ich kann doch keine Menschen wegzaubern.« Sie kicherte.
   »Ich mache mich mal für heute Abend fertig«, sagte ich und machte die Schranktüren auf.
   »Soll ich dir ein Kleid entwerfen?«, fragte Lilly begeistert.
   »Nein, ich habe schon eins«, meinte ich und holte ein dünnes pastellfarbenes Kleid hervor.
   Nachdem ich es übergestreift hatte, ging ich die Treppe hinunter. Die Abendsonne schien durch die getönten Glasscheiben im Eingangsbereich und tauchte die Halle in ein rötliches Licht. Als ich meine Hand auf das Treppengeländer legte, entdeckte ich schwarze Farbe von Kohlestiften, die ich kurz zuvor benutzt hatte, an meinen Fingern. So konnte ich unmöglich zu ihm gehen. Ich nahm einen kleinen Umweg und ging schnell in ein nahe gelegenes Badezimmer. Im Spiegel betrachtete ich mein blasses Gesicht und wusch mir die Hände.
   Plötzlich verkrampfte sich alles in mir und ich spürte einen heftigen Schmerz. Meine Hände zuckten zusammen und ich konnte mich nicht mehr aufrecht halten. Ich sank immer tiefer zu Boden. Was war nur mit mir los? Im Spiegel konnte ich erkennen, dass eine Toilettentür aufging und ich erblickte Rachel, die mit einem anderen Mädchen heraustrat.
   »Ich möchte dir jemand ganz Besonderen vorstellen: Das ist meine Freundin Abigail Abbot. Sie besitzt die erstaunliche Fähigkeit, Menschen zu foltern. Aber das müsstest du ja bereits gespürt haben«, sagte Rachel schadenfroh.
   Ich konnte mich weder rühren noch konnte ich sprechen. Abrupt brach ihr Lachen ab und sie sah mich zornig an. Ihr schwarzes Haar hing in langen Wellen herab und umrahmte ihr bleiches, hübsches Gesicht.
   »Ich hatte dich gewarnt. Du solltest dich von William fernhalten und du hast alles getan, um dich mir zu widersetzen.« Ihre schwarzen Augen sprühten vor Zorn und ich keuchte vor Schmerz auf.
   Abigail kam mit einem spöttischen missbilligenden Blick auf mich zu. Sie war nicht annähernd so hübsch wie Rachel, doch hatte sie eine gesunde Gesichtsfarbe und seidige, blonde Locken.
   »William gehört zu Rachel, das solltest du dir merken«, sagte sie mit einer unangenehmen, nasalen Stimme.
   »Ist gut, Abi. Ich mache das«, wies Rachel sie zurecht. »Du hast dir absichtlich Leichenfett in die Augen spritzen lassen. Deine Hilflos-Masche hat bei ihm perfekt funktioniert. Du schaffst es wohl, jedem den Kopf zu verdrehen, aber nicht bei mir«, fuhr sie fort.
   »Woher weißt du von dem Leichenfett?«, fragte ich mit zusammengepressten Lippen.
   »Ich habe dich beobachtet«, sagte sie boshaft.
   In mir kochte es vor Wut. »Wie kann man nur so verblendet sein«, stieß ich mit schmerzverzerrter Stimme aus.
   »Du hast dich heute extra für ihn hübsch gemacht«, zischte sie.
   »Nein«, flüsterte ich. Alles in mir zog sich qualvoll zusammen. Die Schmerzen waren unerträglich.
   »Lüge nicht! Du trägst dieses Kleid doch nur für ihn«, fuhr sie mich an. »Du wirst dich nicht mehr mit ihm treffen. Wenn du dich mir noch einmal widersetzt, werde ich dich töten«, rief sie und stürmte mit Abigail zur Tür hinaus.
   Der qualvolle Schmerz ging mit ihnen fort, aber ein anderer Schmerz blieb. Ich würde William nicht wiedersehen können. Meine Augen füllten sich mit Tränen und ich blieb zusammengekrümmt auf dem Boden liegen. Das Wasser lief unaufhörlich aus dem Hahn, überflutete das Waschbecken und fiel zu Boden. Es durchnässte mein Kleid und meine Haare. Langsam erhob ich mich und wischte mir die Tränen von meinen Wangen. Ich versuchte, den Schmerz herunterzuschlucken. Hoffentlich würde ich Rachel nie wieder begegnen. Ich verließ das Bad und beschloss, aufs Zimmer zu gehen. Doch vor der Wendeltreppe stand William und sah sich um. Seine schwarzen Flügel glänzten im Abendlicht und waren nicht zu übersehen.
   Ich wollte wegrennen und mich verstecken, aber er hatte mich schon erblickt und lief auf mich zu. »Lauren, wo hast du gesteckt? Ich habe draußen auf dich gewartet«, sagte er und sah mich besorgt an.
   Ich brachte kein Wort heraus, mein ganzer Körper bebte.
   »Ist alles okay?«, fragte er und sah runter auf mein Kleid. »Du bist ja ganz nass.«
   »Wir können uns nicht mehr sehen«, sagte ich mit zitternder Stimme.
   »Was, warum?« William klang schockiert. Der traurige Blick in seinen liebevollen braunen Augen war nur schwer zu ertragen.
   Er wollte nach meiner Hand greifen, aber ich entzog sie ihm. »Bitte, nicht …« Meine Stimme versagte. Ich ging an ihm vorbei und hoffte, dass er mir nicht nachlief. Das würde alles noch verschlimmern. Er sah mir verwirrt nach und ließ mich gehen.
   »Hast du William wegen Powercontrol gefragt?«, fragte Sasha, als ich das Zimmer erreichte.
   Lilly und Erin sahen mich ergriffen an und warteten zurückhaltend, dass ich etwas sagte.
   »Nein, Sasha, ich habe ihn nicht deswegen gefragt«, fuhr ich sie an. Ich konnte es nicht fassen, dass sie nicht sah, wie schlecht es mir ging. »Rachel und Abigail haben mich gefoltert, weil ich mich mit William treffen wollte«, erzählte ich schließlich.
   »Du kannst dir von denen doch nichts vorschreiben lassen«, meinte Lilly bestürzt.
   »Doch, Lilly. Sie hätten mich umbringen können«, rief ich mit erstickter Stimme.
   »Du musst mit William über sie sprechen. Er wird schon etwas dagegen tun«, ermutigte mich Sasha.
   »Ich hoffe es«, sagte ich wenig hoffnungsvoll. Ich streifte das nasse Kleid von mir ab und sprang unter die Dusche. Dieser Tag war eine Katastrophe, die sich in meinen Träumen wiederholte. Ich sah Williams niedergeschlagenes Gesicht vor mir, das sich nicht mehr aus meinem Gedächtnis löschen ließ.

In der Vorlesung ‚Rechtswissenschaften‘ beobachtete ich William und überlegte mir, wie ich ihn ansprechen konnte. Ich hatte mir überlegt, Sashas Rat zu befolgen und ihn über Rachels Attacke aufzuklären, aber nachdem ich ihn so verletzt hatte, traute ich mich nicht, ihn ohne Weiteres anzusprechen. Von der letzten Reihe aus musterte ich ihn aufmerksam. Er kam mir heute völlig verändert vor. Es kamen keine Witze, mit denen er sonst alle Studenten zum Lachen brachte und für sich gewann. Es gab nicht einmal den leisesten Anflug eines Lächelns und seine Schultern hingen niedergeschlagen nach unten. Ich seufzte. Nie hatte ich ihn verletzen wollen. Nachdem die Vorlesung beendet war, wartete ich, bis alle Studenten nach draußen gingen, dann begrüßte ich William. »Hey, können wir kurz reden?«
   Es kam keine Reaktion von ihm.
   »Es tut mir sehr leid, was gestern passiert ist«, entschuldigte ich mich bei ihm.
   Er packte seinen Laptop ein und wischte die Tafel.
   »Ich habe das nicht so gemeint«, setzte ich erneut an.
   Er sah mich an und es war niederschmetternder, als ich erwartet hatte. »Wie hast du es denn gemeint?«, fragte er in einem Tonfall, den ich noch nie bei ihm gehört hatte. Seine Stimme klang eiskalt und distanziert.
   Die bedeutendste Veränderung sah ich in seinen Augen, während er mich ansah. Sie wirkten leer und undurchdringlich. Es war keine Spur von Wärme mehr darin zu sehen. »Das habe ich nur gesagt, weil ich Rachel begegnet bin«, brachte ich schließlich heraus.
   Er zuckte unmerklich zusammen, aber er sagte nichts dazu.
   »Hast du morgen Abend Zeit? Dann kann ich dir alles erklären«, fragte ich zögerlich.
   Er sah nachdenklich in die leeren Reihen, die vor ein paar Minuten noch mit Studenten angefüllt waren, dann hielt er seinen Blick auf den Schwamm in seiner Hand gesenkt. »Meinetwegen, dann treffen wir uns morgen Abend.« Er wischte die Tafel zu Ende und beachtete mich nicht weiter.
   Ich nahm meine Tasche und flüchtete aus dem Hörsaal. Hoffentlich war er bis zum nächsten Abend wieder er selbst.

»Kommst du mit rüber zu Jaden und Tony?«, fragte mich Lilly nach der Mittagspause.
   »Ich kann nicht, weil ich noch ein Essay für Literatur schreiben muss. Aber was willst du überhaupt bei ihnen?«
   »Ich habe Tony seit der Party nicht mehr gesehen und wir können Powercontrol ja mal für einen Tag vergessen. Jaden würde sich sehr darüber freuen, dich wiederzusehen«, meinte sie.
   »Ich kann wirklich nicht«, sagte ich entschlossen.
   Lilly verschwand genervt und ich setzte mich mit meinem Laptop in die Bibliothek, wo ich ungestört arbeiten konnte. Es war sehr ruhig, aber als ich genau hinhörte, vernahm ich ein leises Flüstern. »Wir brauchen mehr von dem Zeug. Die anderen werden schon unruhig. Wenn wir nicht liefern können, haben wir ein großes Problem«, sagte jemand.
   »Aber Roger hat es doch vermasselt. So viel können wir nicht noch mal in der kurzen Zeit auftreiben«, sagte ein anderer.
   Als ich den Namen Roger hörte, stand ich auf und lief durch die Gänge, bis ich zwei Männer sah, die sich miteinander unterhielten. Ich tat, als würde ich nach Büchern stöbern.
   »Wir müssen uns was einfallen lassen. Nimm dir mehr von den Büchern und finde heraus, wo wir das herbekommen.«
   Ich spähte durch die Regale durch und versuchte zu erkennen, welche Bücher sie suchten.
   »Billy, die Zutaten bekommen wir nur aus Russland.«
   »Dann besorge sie mir aus Russland«, meinte der Größere von ihnen.
   Das war also Billy, ihr Anführer. Er war sehr muskulös und kräftig gebaut mit einem breiten Kreuz und starken Armen.
   »Uns beobachtet jemand«, flüsterte der andere.
   Beide drehten sich zu mir um und ich blickte wieder auf das Buch, das ich in meinen Händen hielt. Mein Herz raste und mein Atem stockte. Hoffentlich würden sie nicht zu mir kommen, dachte ich panisch.
   »Ach, die liest nur«, meinte Billy, nahm die Bücher und stürmte mit dem anderen Mann aus der Bibliothek.
   Ich ging zu dem Regal, bei dem sie gestanden hatten, und studierte die Bücher, die mit ihrem Vorhaben zu tun haben könnten. Es waren pharmazeutische und Chemiebücher. Ich nahm ebenfalls fünf Stück mit, packte meinen Laptop zusammen und suchte Sasha und Erin. Beide saßen im Speisesaal und aßen Cupcakes und Macarons.
   »Ich habe eben Billy mit einem anderen in der Bibliothek gesehen und sie haben Bücher wie diese ausgeliehen. Hier sind die Zutaten drin, die sie benötigen. Sie versuchen, sich alles aus Russland zu besorgen. Im Moment haben sie Probleme mit der Menge, da Roger viele Pillen geklaut wurden«, erzählte ich leise, damit uns niemand hörte.
   »Lass mal sehen.« Sasha nahm sich ein Buch und las lange darin. »Wir werden nie rausbekommen, welche Zutaten sie davon verwenden. Hier stehen unendlich viele drin«, meinte sie überfordert. »Aber mit Hitze können wir sie zerstören. William wird das schaffen.«
   »Okay, ich werde ihn morgen fragen«, sagte ich, obwohl ich keine Ahnung hatte, ob er überhaupt mit mir reden wollte.
   »Fängt jetzt nicht dein Training an?«, fragte Erin unsicher.
   Ich sah auf die Uhr. »O ja, stimmt. Ich muss los.« Ich rannte nach draußen und stellte meine Tasche mit dem Laptop und den Büchern auf einer Bank ab.
   »Hallo, ich bin Eve Brooks. Du kannst mich ruhig Eve nennen«, begrüßte mich eine hochgewachsene Frau mit orangeblonden Haaren, die bis zum Boden reichten. Sie war in ein lilafarbenes Leinengewand gekleidet und trug grüne Diamantohrringe, die ihre olivfarbenen Augen betonten. Obwohl ihre Gestalt sehr opulent war, wirkte sie feenhaft und hatte eine unglaubliche Ausstrahlung.
   »Hallo, ich bin Lauren Payne«, sagte ich eingeschüchtert.
   »Schön, dich kennenzulernen«, meinte sie herzlich. »Ich habe schon viel von dir gehört. Du hast Visionen und kannst mit dem Feuer spielen. Ich möchte mich mit deinen Visionen befassen, weil ich darin sehr viel Übung habe. Denn meine kleine Schwester hatte von klein an Visionen und ich habe ihr geholfen, sie bedacht einzusetzen.«
   Ich war von ihr beeindruckt. Sie war so selbstsicher und charmant, dass es einem den Atem verschlug.
   »Du fragst dich bestimmt, was ich für Fähigkeiten besitze?«
   Ich nickte lächelnd.
   »Ich kann Menschen hypnotisieren und in meinen Bann ziehen. Ich kann sie dazu bewegen, alles zu tun, was ich ihnen befehle«, sagte sie stolz in ihrer hohen, melodischen Stimme. »Okay, fangen wir an.«
   Sie nahm meine Hand und setzte sich mit mir auf die Bank. »Du kannst gezielt Visionen hervorrufen. Du musst dich dabei nur auf eine nahestehende Person konzentrieren und dabei an die Zukunft denken. Es ist ein besonderes Gefühl, dass du dabei empfinden musst … Ein Gefühl der Zuversicht, Neugier und Hoffnung.« Sie sah mich erwartungsvoll an. »Schließe deine Augen und konzentriere dich auf mich. Was siehst du?«
   Ich tat, was sie sagte und versuchte, dieses spezielle Gefühl hervorzurufen.
   Augenblicklich sah ich Eve vor mir, wie sie auf einer Bühne sang und alle verzauberte. Ihre hohe Stimme schallte durch den Saal und ihr weiß glitzerndes Kleid schwebte über den Parkettboden. Sie trug ein tief ausgeschnittenes Dekolleté und hatte ihr Haar hochgesteckt.
   Ich öffnete meine Augen und befand mich wieder neben ihr auf der Bank. »Sind Sie eine Sängerin?«, fragte ich verblüfft.
   »Ja, eine sehr erfolgreiche. Wenn man weiß, wie man die Menschen in seinen Bann ziehen kann, ist es leicht, seine Ziele zu erreichen.« Sie zwinkerte mir zu. »Jetzt solltest du versuchen, eine Vision von einer entfernten Person hervorzubringen. Dabei musst du dich auf eine Person festlegen und tief ein- und ausatmen. Die richtige Atemtechnik ist entscheidend.«
   Ich atmete tief ein und aus und dachte an Lilly. Je stärker ich mich konzentrierte, desto klarer wurde das Bild. Sie stand vor einem großen, wunderschönen Haus, das sie selbst entwarf. Ihre blonden Locken wehten in der kühlen Herbstluft und ihre strahlend blauen Augen begannen beim Anblick eines jungen Mannes zu funkeln. Er kam auf sie zu und küsste sie leidenschaftlich. Als sie ihre Arme um ihn legte, erblickte ich einen Verlobungsring. Ich öffnete meine Augen und freute mich für sie. Schon bald würde sie ihr Glück finden.
   »Du hast etwas Erfreuliches gesehen?«, fragte mich Eve.
   »Ja, den zukünftigen Verlobten einer Freundin«, erklärte ich.
   »Wenn du die Zukunft erblicken kannst, wirst du auch die Vergangenheit sehen können. Du musst dich wieder auf eine Person konzentrieren und dabei ein Gefühl der Melancholie in dir tragen«, leitete sie mich an.
   Ich konzentrierte mich diesmal auf Erin. Es dauerte lange, bis ich das Gefühl der Melancholie hervorrufen konnte, doch nach einiger Zeit gelang es mir.
   Die Mutter von Erin saß mit Chloe, Erins kleiner Schwester, auf dem Schoß in einem Patientenzimmer. Erin lag auf einer weißen Liege, durch die sie immer wieder durchglitt. Ihr fiel es schwer, feste Materie anzunehmen. Ihr bleiches Gesicht zeichnete sich deutlich von ihren dunklen, glatten Haaren ab, wodurch sie sehr zerbrechlich wirkte. Ihrer Mutter standen Tränen in den Augen, da auch Chloe ständig unsichtbar und dann wieder sichtbar wurde. Der Arzt konnte nichts für die beiden Mädchen tun und die Mutter verlor jegliche Hoffnung. Als letzte Option blieb ihnen nur noch die Einrichtung von Professor Henry Benett.
   »Du siehst sehr traurig aus«, stellte Eve fest, als ich wieder zu mir kam.
   »Ich habe gerade erfahren, dass es eine Freundin nie leicht hatte und dass sie viel durchmachen musste.«
   »So geht es jedem hier. Keiner hat eine perfekte Vergangenheit. Kein Mensch ist immer glücklich. Denke gut daran, wenn du mal unglücklich bist. Deine Gabe ist sehr hilfreich, um die Menschen besser kennenzulernen und um Schlimmes in der Zukunft zu verhindern«, sagte sie mit ihrer klaren Stimme. Sie sah auf ihre vergoldete Armbanduhr, die von funkelnden Diamanten übersät war. »Es ist bereits zehn Uhr. Ich wünsche dir alles Gute für diese Woche. Wir sehen uns dann nächsten Dienstag«, verabschiedete sie sich und drückte meine Hand.
   »Das wünsche ich dir auch. Bis nächste Woche«, erwiderte ich.

Vor Lilly, Erin und Sasha kam ich nicht mehr aus dem Schwärmen heraus. »Sie ist unglaublich toll. Eve ist ganz anders als Professorin Monroe. Sie ist herzlich, lieb und ehrlich und sie bringt mir wirklich etwas bei. Außerdem ist sie eine Sängerin.«
   »Du hast so ein Glück«, rief Lilly begeistert.
   »Beruhigt euch mal wieder. Wir sollten schlafen, weil wir morgen früh rausmüssen«, sagte Sasha verärgert und knipste das Licht aus.

Bei den Duellen versuchte Professor Fletcher, uns zu herausragenden Leistungen zu bewegen. »Sie stellen sich nun in Zweierreihen auf und warten auf mein Zeichen. Bei drei versuchen Sie, Ihren Gegner niederzuringen. Überlegen Sie sich, wie Sie das anstellen können.«
   »Was ist, wenn sich einer von uns verletzt?«, unterbrach ich ihn.
   »Ach ja, das hätte ich beinahe vergessen. Für die Duelle sind spezielle Anzüge angefertigt worden, damit Sie geschützt bleiben. Das war mir schon beim letzten Mal entfallen«, sagte er, während er sich verwirrt umsah und die schwarzen Anzüge suchte. »Ah, hier sind sie. Jeder von Ihnen muss sich noch seine Größe raussuchen.«
   Nachdem ich meinen Anzug trug, fühlte ich mich viel sicherer und traute mir mehr zu. Wir mussten uns sogar Masken aufsetzen, damit unsere Gesichter nicht verletzt wurden. Dieses Mal trat ich gegen einen großen muskulösen Mann an, der ungefähr dieselbe Statur hatte wie Billy. Mit dem Anzug machte er mir nur halb so viel Angst.
   Professor Fletcher begann runterzuzählen, und ich sammelte meine Kräfte. Auf drei ließ ich meine angestaute Energie frei und der Raum begann zu vibrieren. Ein unglaublich starkes Feuer machte sich in dem Raum breit und zwang alle nieder. Mein Gegner wurde zu Boden gepresst und alle anderen hatten ebenfalls den Halt verloren und waren durch den Raum geflogen. War ich das etwa? Ich konnte mir selbst nicht mehr trauen. Meine Hände waren zu Fäusten geballt und jede Faser meines Körpers war angespannt. In meinen Ohren konnte ich nur ein Piepen hören wie nach einer Explosion.
   Ich lockerte meine Finger und entspannte mich allmählich wieder. Alle starrten mich ungläubig an.
   Professor Fletcher richtete sich langsam auf und kam auf mich zu. »Sie besitzen unglaubliche Kräfte«, sagte er beeindruckt.
   Als sich die anderen auch erhoben, klatschten sie mir Beifall.
   »Wie ist Ihr Name?«, fragte er.
   »Lauren Payne«, antwortete ich.
   Der Professor sah sich im Raum um. »Was steht ihr denn wie angewurzelt da? Ihr seid hier nicht zum Spaß. Sucht euch einen neuen Partner und trainiert weiter«, forderte er sie auf. Während der Kurs weitertrainierte, lief er zu seiner Tasche und winkte mich zu sich herüber. »Schreiben Sie hier bitte Ihre Nummer auf, damit ich Sie erreichen kann.« Er streckte mir einen Notizblock entgegen.
   »Wozu wollen Sie mich denn erreichen?«
   »Das kann ich noch nicht genau sagen, aber ich werde Sie auf jeden Fall gebrauchen können.« Er hielt mir drängend den Block vor die Nase.
   Ich ergriff ihn, damit ich endlich meine Ruhe hatte.
   »Vielen Dank«, kam von ihm zurück.
   »Hast du ihm deine Nummer gegeben?«, fragte Lilly nach dem Training.
   »Ich musste ja. Er wollte mich nicht mehr in Ruhe lassen«, sagte ich.
   »Jetzt wird er dich erst recht nicht mehr in Ruhe lassen. Das ist dir doch klar, oder?« Lilly lachte. »Er steht bestimmt auf dich und wird dich Tag und Nacht anrufen.«
   »Er ist kein Verehrer. Es geht ihm um persönliche Vorteile. Er wird dich vermutlich im Unterricht mehr einbeziehen oder mit dir Experimente machen wollen«, meinte Sasha.
   »Experimente?«, stieß ich geschockt aus.
   »Nichts Schlimmes. Er wird deine Kräfte bestimmt nur testen wollen.«
   Ich wollte nicht weiter darüber nachdenken und dachte stattdessen an William. Seine braunen kalten Augen, die keine Ähnlichkeit mit seinem sonst so liebenswerten Charakter hatten, erschienen vor mir. Er war bei der letzten Begegnung kühl und distanziert gewesen. Ich hoffte, das würde sich beim nächsten Gespräch ändern. Mir blieb ein Kloß im Hals stecken. »Was soll ich nur William sagen?«
   »Du fragst ihn am besten erst mal, ob er uns helfen kann«, schrieb Sasha vor.
   »Ich meine wegen Rachel«, sagte ich befangen.
   »Erzähl ihm einfach, was passiert ist. Dass sie dich schon zweimal überfallen hat und nicht mehr in Ruhe lassen wollte«, schlug Lilly vor.
   Ich seufzte, blickte in den Spiegel und zog einen Eyelinerstrich. Der Spiegel verschwamm vor meinen Augen.
   Plötzlich befand ich mich in einem Raum mit Stahlwänden. Weder Türen noch Fenster waren in Sicht. William lag auf einer goldenen Plattform und krümmte sich vor Schmerzen. Um ihn herum standen Rachel, Abigail und vier weitere Männer. Die Männer zogen ihre Elektroschocks und Abigail nutzte ihre ganz persönliche Waffe.
   Rachel schrie William an und lachte höhnisch. Sie fand Gefallen an seinen Schmerzen. Er versuchte sich zu wehren, doch sein Körper machte das nicht lange mit. Seine Glieder erschlafften und er blieb regungslos am Boden liegen.
   Ich blickte wieder in den Spiegel und bemerkte meinen verschmierten Eyelinerstrich, den ich versuchte zu begradigen. Mir standen Tränen in den Augen, die ich wegwischte.
   »Ich kann William nicht um Hilfe bitten«, schluchzte ich.
   »Warum nicht?«, fragte Sasha bestürzt.
   »Ich hatte wieder eine Vision von seinem Tod. Rachel, Abigail und vier Männer bringen ihn um. Wir müssen ihn da raushalten.« Ich verstummte.
   »Aber wer soll denn dann das Labor zerstören?«
   »Ich werde es tun«, sagte ich entschlossen.

»Da bist du ja«, sagte William, während ich die Treppe hinunterlief. »Ich hatte schon befürchtet, du würdest nicht mehr kommen«, sagte er mit einem warmen Unterton.
   Ich lächelte, da er wieder der Alte zu sein schien.
   Er hatte sich Sorgen um mich gemacht, aber es gelang ihm gut, das hinter seiner selbstsicheren Fassade zu verstecken.
   »Ich habe dir doch versprochen, dass ich kommen würde.«
   »Das hast du beim letzten Mal auch«, erwiderte er scharf.
   Ich versuchte, seine wahren Gefühle in seinen Augen zu sehen, und da war es wieder, dieses unbändige Leuchten, das sein Gesicht in freundlicher Wärme erstrahlen ließ.
   »Komm, gehen wir nach draußen.« Er ergriff meine Hand und zog mich mit in den Garten. »Bevor du etwas sagst, muss ich dir noch was mitteilen«, begann er und mir stiegen wieder Tränen in die Augen. »Falls du mir sagen willst, dass wir uns nicht mehr sehen können oder dass du mich nicht mehr treffen willst, sollst du wissen, dass du mir sehr viel bedeutest und dass ich dich nicht einfach gehen lassen kann, weil ich dich liebe. Ich werde nicht zulassen, dass uns irgendetwas trennen kann.«
   Ich legte ihm einen Finger auf seine Lippen, damit er schwieg, dann küsste ich ihn. »Ich habe mich auch in dich verliebt«, gestand ich. »Aber es geht um etwas vollkommen anderes. Ich habe dir ja schon gesagt, dass Rachel der Grund für das alles ist. Sie möchte uns nicht zusammen sehen und hat mir mit Folter gedroht.«
   Die Farbe wich aus seinem Gesicht. »Hat sie dich etwa gefoltert?«
   Ich senkte meinen Blick, um meine Gefühle nicht zu verraten. »Nein«, sagte ich, was der Wahrheit entsprach, da mich Abigail gefoltert hatte. Ich wollte verhindern, dass sich William schuldig fühlte.
   »Ich werde nicht zulassen, dass sie dir etwas antut. Ich werde mit ihr reden«, sagte er wütend.
   Mir stockte das Herz. Rachel war mit für seinen Tod verantwortlich und ich trieb ihn zu ihr. Wenn es nicht so ernst wäre, würde ich über die Ironie lachen. Im Augenblick fühlte ich mich weder stark noch selbstsicher oder mächtig. Ich hatte Angst, William durch sie zu verlieren.
   »Lass uns das alles für heute Abend vergessen. Hast du Lust mit dem Boot zu fahren?«, fragte er.
   »Jetzt? Okay«, sagte ich zögerlich und verbannte Rachel aus meinen Gedanken.
   William zog ein altes Boot ins Meer und half mir hinein, dann schnappte er sich beide Ruder und wir entfernten uns vom Ufer. Die Sonne war bereits untergegangen und der Mond spiegelte sich auf dem Wasser und tauchte alles in Licht. Williams Flügel leuchteten silbern auf.
   »Hier kann man bestimmt gut schwimmen«, sagte ich und ließ meine Finger ins Wasser tauchen.
   »Kann sein«, erwiderte William nur.
   »Schwimmst du nicht gern?«
   »Ich bin nur ein einziges Mal geschwommen und dann nie wieder, weil ich durch die Flügel fast ertrunken wäre«, sagte er in einem gleichgültigen Ton, doch ich bemerkte den Schmerz in seiner Stimme. Es gelang mir immer besser, William zu verstehen.
   »Oh, okay«, sagte ich nur, um das Thema zu beenden.
   Als wir ein gutes Stück vom Ufer entfernt waren, ließ William das Ruder ins Boot sinken und nahm mich in seine Arme. Wir lagen still und dicht beieinander und sahen zu den Sternen.
   »Woran denkst du gerade?«, fragte ich nach einer Weile.
   »Siehst du das Sternbild da oben?«
   Ich folgte seinem Finger und entdeckte es.
   »Das ist der Orion«, begann er zu erzählen. »Eines Tages verliebte er sich in Artemis. Sie war eine wunderschöne Frau. Ihre Mutter wurde von einem Skorpion verfolgt, und als er sie retten wollte, wurde er selbst getötet. Jetzt lebt er mit dem Skorpion zusammen am Himmel und muss auch heute noch vor ihm davonlaufen.«
   »Wie romantisch«, sagte ich leicht ironisch.
   »Das zeigt, dass es in der Liebe auch um Selbstaufopferung geht. Orion ist für Artemis und ihre Mutter gestorben.«
   Genau dasselbe tat er indirekt für mich, weil Rachel ihn meinetwegen töten würde. Ich wollte nicht über den Tod nachdenken, deshalb lehnte ich mich über William und küsste ihn.

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