Nach einer strapaziösen Reise ist Lia in der Zukunft gelandet. Besser hätte es sie nicht treffen können, denkt sie. Obwohl sie allein ist und ihre Rivalenfähigkeiten verloren hat, schmiedet sie euphorisch Pläne: Dorian und andere Rivalen finden, sich selbst retten, sich ein wenig umsehen und dann nach Hause zurückkehren. Voller Tatendrang macht sich Lia auf die Suche nach Freunden und Familie – bis Oreol auf sie aufmerksam wird. Durch geschickte Manipulation gelingt es ihm, Dorian und die anderen Rivalen gegen Lia aufzuwiegeln. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

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ISBN: 978-9963-53-842-3

Seiten: 403

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C. Carelly

C. Carelly
C. Carellys Motto lautet: inspirieren, motivieren, kreieren. Sie hat an der Universität Konstanz Soziologie studiert und verließ den Bodenseeraum nach dem erfolgreichen Abschluss. Ihre erste Veröffentlichung im Bookshouse Verlag ist die Urban-Fantasy-Trilogie „Stadtrivalen“, die 2018 mit dem letzten Band abgeschlossen worden ist. Die Autorin mit dem Pseudonym Carolina Carelly lebt mit ihrem Partner in München. Sie liebt guten Cappuccino, Spaziergänge und Sonnenbaden … und Katzen. www.carelly.de

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1

Einst hatte ich geglaubt, das Tollste, das ich je erleben würde, wäre ein Trip nach New York, in die Stadt, die niemals schlief, die meine beste Freundin Nel und ich unsicher machen würden. Doch dass der Trip durch die Zeit meine verrückteste Reise werden würde, hätte ich nie für möglich gehalten.
   Ich stand nicht irgendwo, sondern in einer aufregenden Großstadt. Meine Hand wanderte zum Anhänger, in dem ein Stein ruhte. Das Herz einer Löwin. Ich blickte dem Mann hinterher, der auf den Eingang eines Kaufhauses zusteuerte. Auf dem riesigen Monitor über ihm explodierten Farben.
   Ihn hatte ich eben gefragt, ob das während der Nachrichtensendung eingeblendete Datum stimmte. Durch seine Bestätigung hatte er mir eröffnet, dass ich fünf Jahre durch die Zeit gegangen war.
   »Ich bin in der Zukunft«, flüsterte ich voller Ehrfurcht.
   Ob Christopher seine langjährige Freundin Kathi geheiratet hatte? Ob Nel als Modedesignerin große Erfolge feierte? Hatte Annie im Laufe der Jahre ihre Schüchternheit abgelegt? Waren Mels und Ben endlich Eltern geworden? War meine Großmutter vor einem weiteren Schlaganfall verschont worden, und hatte Mamas Beziehung gehalten?
   Vor Vorfreude beschleunigte sich mein Puls. In Kürze würde ich herausfinden, wo ich wohnte und wie ich mein Geld verdiente. Ich, die ich im Alter von achtzehn nicht einmal eine Ahnung hatte, welchen beruflichen Weg ich einschlagen sollte. Mein Herz machte einen Sprung, weil ich mir vorstellte, dass die Nachricht, dass Zeitreisen funktionierten, jenen Dorian, der mich als Achtzehnjährige nicht kannte, aus der Bahn werfen würden. Bei der Vorstellung, meine bloße Anwesenheit könnte ihn umhauen, musste ich grinsen.
   Doch die gute Laune verflog, denn Schmerz pochte in meinem Nacken. In meiner Euphorie hatte ich ihn erfolgreich ausgeblendet. Nun jedoch strahlte er bereits in den Hinterkopf und dehnte sich in die Schläfen aus. Mein Hals war wie ausgedörrt, die Hände feucht. Leichter Schwindel plagte mich. Mein Magen hob und senkte sich auf unnatürliche Weise nach dem Höllenflug durch das Raum- und Zeitkontinuum. Auf einmal wanderte etwas meine Kehle herauf.
   Ich eilte zum Gebüsch und übergab mich. Ich spuckte nur etwas Flüssigkeit auf die Erde.
   »Alles in Ordnung?« Liebevoll tätschelte eine Frau mittleren Alters meinen Rücken. Meine Hände zitterten, und kalter Schweiß durchtränkte mein Shirt. Dennoch zwang ich mich, ihr aufmunternd zuzulächeln.
   Kaum war sie gegangen, erbrach ich mich erneut.
   Völlig ermattet schleppte ich mich zu einem großen Stein, der auf dem Parkplatz dekorativ platziert worden war, und ergab mich schweigend meinem Elend. Mein Schädel pochte und schmerzte. Nach einer kurzen Nacht und einem anstrengenden Kampf gegen Roumen verlangte mein Körper nach Ruhe. Schweiß sickerte durch den Stoff meiner Kleidung.
   Kühler Wind wehte mir die Strähnen aus dem Gesicht. Genüsslich atmete ich ein und stieß einen wohligen Seufzer aus. Wind, das Rauschen der Blätter der Bäume, der Duft von Gebackenem und Gekochtem, Motorbrummen und Stimmen anderer Menschen … Wie wahnsinnig hatte ich das alles in den letzten Wochen vermisst.
   Aber vor allem hatte ich mich nach anderen Menschen gesehnt. Nicht nach Rivalen, sondern normalen Menschen, von denen ich nun umgeben war.
   Na gut, ich war in der Gesellschaft von fast »normalen«, korrigierte ich mich in Gedanken. Ich sah der Jugendlichen hinterher, die unterwegs zum Supermarkt in seltsamen Schuhen Sprünge in Höhe von dreißig Zentimetern machte und dabei ein sonderbares Lied trällerte; Wortbruchstücke, eingebettet in einer eigenwilligen Melodie. Der junge Mann, der an mir vorbeitrottete, wirkte auch nicht gerade wie ein Repräsentant der Jugend aus meiner Zeit. Sein Irokesenschnitt verlief von einem Ohr zum anderen. Wie ein Regenbogen. Er hatte einen Rucksack geschultert, ein weißes Plastikteil mit einer schwarzen Blende, hinter der finstere blaue Augen erglommen.
   Apropos Irokesenschnitt …
   Hitze breitete sich in meinem Inneren aus, als mir klar wurde, welches Ass mir das Schicksal zugespielt hatte. Es war mehr als ein Flug ins All, mehr als ein Sechser im Lotto. Keine Magie, sondern das Herz einer Löwin hatte mich in das alles entscheidende Jahr geführt. Und da ich ein paar grobe Eckdaten kannte, wusste ich, wann und wo mir etwas Schlimmes zustoßen würde.
   Der Magen hatte sich beruhigt, doch die Kopfschmerzen waren nicht abgeklungen. Entschlossen stand ich auf und formte die Hand zur Faust. Mein Atem ging schneller. Obwohl ich noch nicht einmal den Schritt in die richtige Richtung getan hatte, stahl sich ein Siegeslächeln auf meine Lippen. Mir blieben drei, vielleicht auch vier Wochen, um das Ereignis abzuwenden. Dabei war ich überhaupt nicht auf sie angewiesen.
   Spätestens heute oder morgen hätte ich Dorian gefunden und ihm alles erzählt. Nachdem er und ich das Unglück abgewendet hätten, hätte ich einen Stadtbummel gemacht, der Zukunftsmusik gelauscht und mich voller Eindrücke in mein altes Leben zurückbegeben, in dem meine Freunde – wie ich unschwer erkennen konnte – längst den Normalzustand wiederhergestellt hatten.
   Zuerst würde ich mich allerdings neu einkleiden, entschied ich. Mit Löchern an den Knien, Ärmeln voller Schmutzflecke und säuerlich riechend würde ich Dorian nicht gegenübertreten. Davon abgesehen fröstelte es mich. Noch vor Kurzem hätte ich um etwas Abkühlung gefleht. Schließlich hatten wir in meiner Zeit zuletzt ohne Wind tagsüber und nachts unter schätzungsweise siebenundzwanzig Grad gelitten, die sich hartnäckig hielten. Jetzt hatten wir etwa sieben weniger.
   Mal schauen, wie viel Geld ich dabei hatte. Ich griff in meine Hosentasche … und erschrak, weil ich etwas darin ertastete, das sich nicht nach meiner Geldbörse anfühlte. Es war etwas Hartes und Quadratisches. Schweiß brach aus. Doch als ich zwei Karten herauszog, verflüchtigte sich meine Nervosität, denn eine davon war mein Personalausweis. Ich erinnerte mich, dass mir eines Morgens der Geldbeutel aus der Tasche gerutscht war und ich nur das Nötigste eingesteckt hatte, weil ich dringend auf die Toilette musste.
   »O verdammt …«, entfuhr es mir.
   Kein Smartphone. Keine Karte, um Geld abzuheben. Aber einen Moment mal …
   Ich langte in die einzige Tasche, deren Inhalt gegen meine Pobacke drückte. Noch bevor ich einen Blick darauf geworfen hatte, ahnte ich, worum es sich handelte. Trotzdem schnappte ich nach Luft, als ich es in meinen Händen sah und das raue Papier spürte: ein Bündel gestohlenes Bargeld. Noch vor einigen Tagen hatte Sascha sie eilig in der Festung von Rugos Bande in seine Taschen gestopft. Auf sein Drängen hin hatte auch ich etwas eingesteckt.
   Rasch zählte ich die Scheine. Rund fünfhundert Euro. Nicht schlecht.
   Ich hielt auf den Discounter zu, passierte den von Detektoren umsäumten Durchgang und fragte mich mit einem wissenden Lächeln auf den Lippen, ob irgendjemand, der meinen Weg kreuzte, auch nur den Hauch einer Ahnung hatte, dass ich nicht hierhergehörte. Die ältere Dame und die Frau mit dem Kind hatten mich durchaus merkwürdig beäugt, allerdings nicht etwa, weil sie etwas vermuteten, sondern weil ich in der schmutzigen Kleidung nun mal auffiel.
   Auf den Regalen tummelten sich Waren in aller Pracht; Äpfel, Orangen und Melonen, Kartoffeln, knackige Gurken und saftiger Lauch. Farbenfrohe Packungen versprachen dem Kunden, seinen Hunger mit gedünstetem Reis oder gekochten Nudeln und Fleischstücken in Soße zu stillen. Verschiedene Käsesorten erweckten den Eindruck, als wären sie erst vorgestern aus frischer Milch hergestellt worden. Nach Wochen des Streifens durch Städte, durch die der Gestank vergammelnden Fleischs und Fisches, schimmelnder Backwaren und verderbender Tomaten zog, hatte ich das Gefühl, in ein faszinierendes Kaleidoskop voller Farben und Formen zu blicken.
   Ich nahm etwas Obst, Gemüse und ein paar Snacks und begab mich in die Bekleidungsabteilung.
   Schon bald hatte ich mich für eine Hose, zwei Shirts und eine reduzierte Wendejacke mit Wind- und Wasserschutz entschieden. Da ich es versäumt hatte, mir einen Einkaufswagen zu besorgen, stopfte ich die Nahrungsmittel, Hygieneartikel, ein Deo und diverse andere Dinge in einen Rucksack. Eine Frau kam mir entgegen. Ihr ovalförmiger Wagen glitt schwebend über den Boden. Als sie mich dabei ertappte, wie ich eine Packung Taschentücher einsteckte, zog sie missbilligend die Brauen zusammen.
   Was denn?, wollte ich aufbegehren. Hätte ich vorgehabt, etwas klauen, so hätte ich mich bestimmt nicht so dusselig angestellt! Da piepste ihr Einkaufswagen, weil er ein Regal als Hindernis erkannt hatte, und stoppte. Sie hatte das Interesse an mir verloren und manövrierte den Wagen in den Zwischengang.
   Ich stellte mich an der Kasse an. Bei meinen Vorgängern beobachtete ich, wie sie die Waren an einem dunkelverglasten, vertikal positionierten Kasten, in dem ein blauer Lichtstrahl einen Scanner verriet, vorbeischoben. Sobald das Gerät den Code gelesen hatte, erschien auf dem Monitor über der elektronischen Kassenkraft der Preis. Mit jedem weiteren Gegenstand summierte sich der Betrag.
   Als ich an der Reihe war, hielt ich meine Artikel mit dem Code vor das dunkle Plexiglas. Mit einem diskreten, helltönenden Summen signalisierte mir der Kasten, dass ich mit dem nächsten fortfahren konnte. Dann bat mich die elektronische Anzeige um rund hundertdreißig Euro. Bereitwillig zog ich die Scheine aus der Hosentasche und stutzte. Es schien nirgendwo eine Öffnung zu geben, um das Geld hineinzuschieben. Ich versuchte es mit dem breiten Schlitz am Boden der Maschine, doch er verweigerte die Annahme.
   Genervt stöhnte der Mann hinter mir auf und blies mir dabei seinen Atem, der nach Kaffee und Wurst roch, ins Genick. »An diesen Automaten kann man nicht bar zahlen. Hier wird nur eCash verlangt«, murmelte er, seufzte und wies mir den Weg.
   Wer mit Bargeld zahlte, wurde in diesem Einkaufshaus bestraft. Meine Vermutung bestätigte sich, als ich an den zahlreichen Kassen vorbeitrottete und dabei eine Strecke zurücklegte, die mir wie eine Zerreißprobe erschien, da ich nur wenige Stunden geschlafen, nicht gegessen und bis vor Kurzem gegen Roumen gekämpft hatte.
   Kaum hatte ich bezahlt, suchte ich die Toilette auf. Hinter der verschlossenen Tür schlüpfte ich aus meinem Shirt in ein neues und wechselte meine Jeans gegen eine Hose. Das zweite gekaufte Shirt faltete ich zusammen und legte es in den Rucksack. Die alte Kleidung stopfte ich in den Mülleimer.
   Draußen ließ mir der Duft von Döner, geräuchertem Fleisch und Fisch, Pommes und Currywurst das Wasser im Munde zusammenlaufen. Meine Vorspeise war ein Apfel, mein verspätetes Frühstück bestand aus einem Salat und einem halben Hähnchen mit Pommes. Ich verschlang alles innerhalb kürzester Zeit. Dann gönnte ich mir eine Pause. Meine Arme wurden schwer, meine Beine verweigerten mir ihren Dienst. Dennoch schaffte ich es, mich in die nächste Bäckerei zu schleppen, um mir einen Kaffee zu holen.
   Mit dem dampfenden Getränk in der Hand setzte ich mich erneut auf den Stein auf dem Parkplatz und ließ den Blick durch die Gegend schweifen. Eine Gruppe Jugendlicher stampfte an mir vorbei. Die Jungs und Mädchen kleideten sich in legeren Shirts und in Hosen mit raffinierten, seitlichen Kontraststreifen, die im Sonnenlicht dunkelgrün oder blau schimmerten. Ein paar von ihnen trugen silbern glänzende, massive Hightechblenden, die aussahen, als müsste der Hals unter der Last umknicken.
   Was sie wohl sehen?, fragte ich mich und trank einen Schluck.
   Nachdem ich meinen Becher geleert hatte, schlug ich denselben Weg ein, den ich heute bereits gerannt war, ohne zu wissen, was mich dazu trieb.
   Mit jedem zurückgelegten Meter führte mich der Asphaltboden weg von den belebten Straßen. Der Beton wich nach und nach grünen Flächen und endete schließlich nach mehreren Hundert Metern. Von da an breitete sich vor mir ein Feld aus, das Gras, wild wuchernde Blumen und Unkraut überzogen. Nur die Bahngleise trennten mich vom Hügel, auf den mich das Zeittor ausgespuckt hatte.
   Keine fünf Minuten später wanderte ich über das Grün und blickte immer wieder zum Himmel hinauf. Wolken zogen an mir vorüber. Ich ließ mich nieder. Was erwartete ich eigentlich? Dass sich das Portal öffnete?
   Das gleichmäßige Rascheln der Grashalme riss mich aus den Gedanken. Jemand näherte sich mir. Schnellen Schrittes.
   Kaum hatte ich mich umgedreht, schoss ich vor Schreck hoch.
   Der Roumin erstarrte und krümmte sich ein wenig, als setzte er zum Sprung an, oder als rechnete er damit, dass ich auf ihn feuern würde. Ich bildete Fäuste und ging in Angriffsstellung. Es war derjenige, der mit mir durch den Zeittunnel gerast war. Aus seinen Wunden an Armen und Beinen rann Blut. Rosafarbene Striemen durchzogen seinen Bauch oberhalb des Lendenschurzes. Sein rechtes Auge war geschwollen, trotzdem büßte der Blick nicht das Geringste an Schärfe ein, die meinen Adrenalinspiegel in die Höhe trieb.
   Unter normalen Umständen hätte ich mich bedenkenlos auf ihn gestürzt. Viele Monate Kampferfahrung und der permanente Konsum des Lebenslichts der Roumen hatten meine Angst minimiert und meine Sinne geschärft. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt standen meine Chancen allerdings schlecht, ihm zu entwischen.
   Zwischen uns lagen höchstens drei Meter. Meine Gedanken wirbelten durcheinander. Zunächst hatte ich vor zu fliehen, doch ich verwarf den Plan sofort. Das letzte Mal hatte ich mein Entkommen der Tatsache zu verdanken, dass der Roumin verletzt und geschwächt war. Nun jedoch schien er gewillt zu sein, seine Restenergie zu verbrauchen, um an eine Zwischenmahlzeit zu gelangen: meine Wärme und Energie.
   Er setzte seinen Gang fort; ruhig und gemächlich. Hektisch blickte ich mich nach Steinen oder etwas Vergleichbarem um. Verflucht! Da war nichts. Nichts außer Gras und wild wucherndem Löwenzahn.
   »Hey, ich weiß nicht, ob du mich verstehst. Bisher hatte ich zumindest nie den Eindruck, dass dem so ist, wenn ich einem von euch begegnete«, plapperte ich und versuchte meine aufkeimende Furcht mit jener Selbstsicherheit zu überspielen, die von Sekunde zu Sekunde schwand. Mir war, als brächte das schnelle und laute Bummbumm den Hügel zum Beben.
   Der Roumin hatte den höchsten Punkt erreicht und bewegte sich gelassen mit kleinen Schritten vorwärts, wohingegen ich mehr und mehr zurücktrat. Ausdruckslos starrte er auf mich herab.
   »Vielleicht versteht ihr uns doch …« Vor Nervosität verschluckte ich mich am eigenen Speichel und hustete. »Ich kann mir vorstellen, wie sehr du, äh, Hunger hast …«
   Eine Hand schoss auf mich zu. Instinktiv machte ich einen Satz nach hinten und wich ihm aus.
   »Warte«, rief ich und hob die Arme. Warnung und Flehen schwangen in meiner Stimme mit. »Verschone mich. Du wirst mich noch brauchen.«
   Erneut sauste seine Hand durch die Luft und streifte nur sachte meinen Unterarm. Mir war klar, dass es für ihn nur ein Spiel war. Wenn er wollte, könnte er mich jeden Moment in seine Gewalt bringen.
   Meine Lider verengten sich, die Arme wanderten nach unten. Ich entschied mich für eine andere Strategie. »Falls du es noch nicht gemerkt hast: Wir sind in der Zukunft gelandet. Ich komme hier ohne Probleme zurecht. Aber denkst du, du wirst hier allein überleben? Vielleicht gibt es deinen Unterschlupf längst nicht mehr. Womöglich ist deine Sippschaft weitergezogen.«
   Sein Gesicht blieb so starr wie eine Maske. Ich warf einen flüchtigen Blick nach hinten und vergewisserte mich, dass mir noch genug Freiraum blieb, ehe ich den Abhang erreichte.
   Ich fing wieder seinen Blick. »Ich bin deine einzige Hoffnung, lebend nach Hause zu gelangen. Denn ich kenne diejenigen, die das Zeitreiseportal erschaffen haben. Sie werden uns heimschicken.«
   In seinen Augen blitzte etwas auf. Und einen törichten Moment lang hatte ich geglaubt, ich hätte ihn überzeugt. Da preschte er vor und packte mich an den Oberarmen. Seine Finger gruben sich so fest in meine Haut, dass ich einen Schrei ausstieß. Kälte schoss meine Arme hoch. Mir war klar, dass ich binnen weniger Sekunden meine Extremitäten nicht mehr spüren würde. Ich wand mich und trat dem Roumin gegen das Schienbein, doch er zuckte lediglich kurz zusammen. Meine Versuche, mich aus seinem Griff herauszuwinden, scheiterten.
   Da beging der Roumin einen Fehler: Er nahm eine Hand von meinem Arm und zielte auf meine Stirn. Just in diesem Augenblick schlug ich die andere weg und machte einen Satz nach hinten.
   Der Roumin reagierte nicht sofort. Die menschliche Energie hatte auf ihn dieselbe Wirkung wie auf einen Menschen, der seit Stunden unter enormer Hitze gelitten und endlich Wasser erhalten hatte. Sie hatte ihn für einen Moment alles um sich herum ausblenden lassen. Wie berauscht stand er da und starrte durch mich durch.
   Bevor er die Hand nach mir ausstrecken konnte, trat ich hinter ihn und stieß mit dem Fuß in die Mulde zwischen Ober- und Unterschenkel, worauf er in die Knie ging.
   Ich holte aus, um ihn mit aller Wucht den Hügel hinunterzustoßen. Da zischte und sirrte es. Am Rande meines Blickfeldes war etwas erschienen. Etwas Großes. Ich riss den Kopf herum und erbleichte. Sieben hungrige Biester durchbohrten mich mit Blicken, während sich ihre Brustkörbe schnell hoben und senkten. Sofort richtete ich mich auf und nahm aus den Augenwinkeln heraus wahr, dass sich der Roumin aus der Vergangenheit ebenfalls erhoben hatte.
   Die Wesen sahen aus wie der Roumin zu meiner Linken, waren jedoch etwas größer. Mit ihren eingefallenen Wangen, aus den Höhlen quellenden Augen und den Schatten unter den Lidern wirkten ihre Gesichter wie ausgemergelt. – Wild und ausgezehrt, als hätten sie seit Wochen nicht gejagt. Ihre Haut schimmerte ebenfalls perlmuttfarben, aber sie war nicht so hell wie die des Roumins, sondern von einem blassen Violett. Tunika, Lendenschürze und halblange Hosen aus fließenden, changierenden Stoffen – wie aus Herings- und Haischuppen gewonnen – bedeckten größtenteils ihre Körper. Dort, wo die Haut sichtbar wurde, zeichneten sich die Schlüsselbeinknochen, Rippen und spitze Knie ab.
   Zu meiner Verwunderung hatten sie Kopfhaare. Stränge – wohl eher Rastazöpfe – fielen ihre Schultern oder den Rücken hinab. So etwas hatte ich nur bei Oreol beobachtet. Wie es schien, war das Haar echt. Es wuchs tatsächlich aus der Kopfhaut. Und sie taten etwas, wozu beinahe alle Roumen aus meiner Zeit nicht fähig gewesen waren: Sie lächelten grimmig.
   Das Glitzern in ihren Augen, die denen eines Krokodils glichen, beunruhigte mich. Mir war, als freuten sie sich auf das, was sie mit mir anstellen würden, ehe sie mich töteten.
   Panik keimte in mir auf. Sofort wirbelte ich herum und lief den Abhang hinunter. Etwas Schweres warf sich gegen mich, und ich prallte zu Boden. Hart kam ich auf, überschlug mich und blieb auf dem Bauch liegen. Stöhnend hob ich den Kopf und winkelte die Arme an. Die Finger gruben sich in kalte Erde.
   Kaum hatte ich mich abgedrückt, flammte überall Schmerz auf, woraufhin ich zusammensackte, aber ein weiterer Adrenalinstoß ließ mich mein Leiden augenblicklich vergessen. Denn keine fünfzig Zentimeter vor mir landete eine der Kreaturen auf dem Boden. Steinchen und Erdbröckchen schossen mir ins Gesicht.
   Ich beeilte mich, auf die Beine zu kommen, und trat mehrere Schritte zurück. Vor mir stand ein filigranes Wesen in einem figurbetonten Oberteil und einem knielangen Rock mit seitlichen Schlitzen. Es grinste gehässig.
   »Wo kann man dein Outfit kaufen?«, murmelte ich.
   Die Rouminfrau lachte höhnisch auf und stieß Worte aus – schnell und abgehackt, als hätte sie sie in der Mitte geteilt und nach den ersten ein, zwei Silben miteinander verschmelzen lassen.
   Mir klappte die Kinnlade hinunter. Sofort riss ich mich wieder zusammen. »Was …? Reden könnt ihr auch?«
   Sie klatschte die Handfläche auf meine Stirn. Ich schlug die Hand weg und versetzte ihr einen Stoß, der sie ein paar Schritte rückwärtstaumeln ließ. Wütend hielt ich die Faust hoch. »Noch so ein Ding, und ich reiße dir die Tentakeln vom Schädel!«
   Jemand bellte ein paar harsche Worte, worauf die Rouminfrau den Kopf zur Seite riss. Voller Grauen sah ich zu, wie sich die Kreaturen am Roumin labten, der den Zeitsprung überstanden hatte. Er hing in ihren Armen wie eine ausgestopfte Puppe.
   Noch einmal rief ihr der Roumin mit dem spitz zulaufenden Gesicht etwas zu. Tentakelandenken hin oder her …, da sich die Rouminfrau nicht rührte, fuhr ich herum und fing an zu rennen.
   Ich stieß gegen etwas Großes, das aus dem Nichts geschossen war, und knallte zu Boden. Bevor ich begreifen konnte, wie mir geschah, wurde ich brutal am Arm gepackt und auf die Beine gezerrt. Erst dann ließ mich der Roumin los, der der Rouminfrau noch vor Sekunden von oben Befehle zugebrüllt hatte.
   Aus der Nähe betrachtet wirkte er größer und mit seinen ungewöhnlich großen Schlangenaugen, die mich taxierten, noch gruseliger. Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln und entblößten scharf geschliffene gelbe Zähne. Ich schlug die Hand vor den Mund.
   Von einem Moment auf den anderen raste eine Wand aus Farben und Licht mit einem Zischen auf mich zu. Vor Schreck riss ich die Lider auf. Ein kläglicher Ton entrann meiner Kehle, da befand ich mich schon in einem vielfarbigen Raum, in dessen Zentrum ich einen Roumin erkannte.
   Mit einer leichten Verzögerung setzte der Schmerz ein; Er kündigte sich mit einem Ziehen an, als zögen unsichtbare Wesen an meinen Gliedern. Egal, wie sehr ich mich bemühte, zu zappeln oder in die Luft zu kicken – in diesem Energiefeld arbeitete alles gegen mich. Meine Arme und Beine bewegten sich nur zentimeterweise. Das Ziehen trat über in ein Brennen. Ich schrie aus Leibeskräften. Mein Körper stand unter Flammen, als flöße geschmolzenes Metall durch meine Adern, als verzehrte Feuer meine Muskelstränge. Die Lider wurden schwer.
   Dumpf drangen Stimmen zu mir. Gerade als ich glaubte, gleich das Bewusstsein zu verlieren, platzte meine Falle wie eine Seifenblase. Völlig ermattet fiel ich auf die Knie und starrte stumpf den Roumin an, der sich von mir weggedreht hatte.
   »Das ist der Jackpot«, hörte ich einen Mann über den Lärm stampfender Füße jubilieren. »Drillon höchstpersönlich ist hier.«
   Drillon, der Roumin mit den Raubtierzähnen, hatte mit einem Mal seinen Standort gewechselt.
   Ein paar Männer und Frauen stürmten in meine Richtung, während drei weitere bereits den Hügel erklommen. Kaum hatten sie die Spitze erreicht, stürzten sie sich auf die Roumen. Die Wesen stoben auseinander und ließen ihren Artgenossen – den Roumin aus meiner Zeit – wie einen Sack Mehl fallen.
   »Alles okay?« Eine Rothaarige beugte sich über mich. Mein trüber Blick blieb an ihrer Hüfttasche hängen, in deren Halfter eine weiße Pistole steckte. Doch als sie meine Wange tätschelte, sah ich sie wieder an. »Drillon ist wahnsinnig stark. Du hattest gewaltiges Glück.«
   Ein junger Mann, den ich – wie seine Begleiterin – auf etwa Mitte, Ende zwanzig schätzte, eilte heran. »Eindeutig«, sagte er zu der Frau. »Die seltsame Energie kommt von diesem Mädchen. Die andere Quelle ist eben erloschen. Sie haben ihn ausgesaugt.«
   »Perverse Kannibale«, stieß ich hervor.
   »Was erwartest du von ihnen?« Der Mann fuhr sich durch das Haar.
   Erst da fiel mir das anthrazitfarbene Gerät auf seinem Arm auf. Seine rechte Schulter war von einer Halbkugel umschlossen. Aus dieser liefen mehrere dunkle Stränge zum Ellbogenschoner und verloren sich in einem Plastikhandschuh, der nur die Handoberfläche bedeckte. Darüber formte er einen Halbkreis. Wenn sich der Mann bewegte, sah ich, dass das abgerundete Stück, das auf der Hand ruhte, mindestens zwei Zentimeter dick war und rotes Plexiglas enthielt.
   Menschen und Roumen schrien. Die Menschen vor Kampflust, die Roumen vor Schmerz.
   »So ein Dreck! Weitere Rivalen.« Der Mann blickte zu seinen Freunden hoch und rannte los.
   Oben tummelten sich rund zwölf Rivalen. Sie schossen aus Pistolen und Armwaffen auf die Roumen. Ein Roumin nach dem anderen fiel. Drillon nutzte seine Superkraft, um Rivalen in seiner Lichtkugel einzuschließen. Zwei hielt er bereits gefangen. Mehrere Rivalen hatten sich um ihn versammelt und beschossen den Kokon aus direkter Nähe. Nur einen Wimpernschlag später hatte sich die Kugel so weit ausgedehnt, dass sie ein paar der Umstehenden in ihr Inneres gezogen hatte.
   »Kommst du allein zurecht?« Die Frau zog meine Aufmerksamkeit wieder auf sich. Ich nickte ihr aufmunternd zu, woraufhin sie mein Lächeln erwiderte.
   Sie stürmte den Hügel hinauf, wo ihr ein Roumin in die Arme lief. Sofort zückte sie ihre Waffe und feuerte helle Laserstrahlen auf ihn ab. Näherte er sich ihr, so machte sie einen Satz nach hinten. Versuchte er, nach der Waffe zu greifen, wich sie ihm geschickt aus. Dennoch war es ihm gelungen, die Pistole am Lauf zu packen.
   Mit der Linken holte die Frau aus. Zwei, drei Sekunden verstrichen, in denen sich ein Schimmer aus Gelb, Orange und Rot um ihren Unterarm legte. Mit aller Kraft donnerte sie ihm die Hand in den Oberkörper, als wollte sie ihn von sich stoßen, und die Energie schwappte auf ihn über. Seiner Kehle entrann ein Schmerzensschrei, die Lider flatterten. Die Beine gaben unter ihm nach, und er brach in sich zusammen. Sein toter Körper rollte den Abhang hinunter.
   Ohne auf die Aelumina zu warten, lief die Frau zu ihren Freunden und fremden Rivalen. Mittlerweile hatten sich alle um Drillon versammelt und schossen unaufhörlich. Aber Drillons Macht wuchs mit jedem Moment und es sah aus, als würden ihre Verbündeten nicht überleben.
   Ich schaute zum Roumin hinüber, der eben besiegt worden war, und nur wenige Meter zu meiner Linken lag. Aus seiner Brust trat eine rot schimmernde Flamme heraus, kaum größer als meine Hand. Kein Muskel schien gewillt, mir zu gehorchen. Trotzdem zwang ich mich auf die Beine.
   Drillon hatte mir zu viel Kraft geraubt, weshalb ich nur langsam vorwärtskam, als müsste ich mir erst meinen Weg durch feste Materie bahnen. Nachdem ich den toten Roumin erreicht hatte, beugte ich mich über ihn. Ich brauchte nur die Hände nach der Aelumina auszustrecken, schon wäre sie mein.
   Seit der Ankunft in dieser Zeit vermochte ich nicht mehr, Roumen mithilfe von Rivalen-Energie zu verletzen. Vermutlich hatte die Reise durch das Raum-Zeit-Kontinuum irgendetwas durcheinandergebracht. Vielleicht hatte sie meine Vorräte aufgebraucht. Sollte ich jedoch genug Aelumina getankt haben, überlegte ich, hätte ich meine alten Fähigkeiten sicherlich wieder zurück.
   Es knallte. Ich schaute hoch und stellte fest, dass sich Drillons Kraftfeld aufgelöst hatte. Die Rivalen klatschten und johlten. Kraftlos sackten diejenigen von ihnen in sich zusammen, die Drillon in seiner Gewalt gehabt hatte. Einige eilten sofort zu ihnen, andere wiederum eröffneten eine Feuersalve auf den Roumin.
   Eben noch hatte Drillon in ihrer Mitte gestanden, da schoss eine dunkle Kugel in einem riesigen Bogen über den Hügel. Als sie sich dem Boden näherte, entrollte sie sich zum Roumin Drillon. Seine Füße bohrten sich tief in die Erde. Steinchen und Klumpen flogen in alle Richtungen. Er warf einen flüchtigen Blick zurück und fing an zu rennen. Niemand von den Rivalen folgte ihm, denn zum einen hatte er durch seinen Sprung eine gewaltige Distanz geschaffen, zum anderen entfernte er sich mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit von uns.
   Stimmen schwollen an.
   »Hey, das ist meine«, stellte ein Rivale klar.
   »Beweise, dass du den Roumin erlegt hast«, entgegnete sein Nachbar.
   Neben ihnen stritten sich zwei Frauen. »Lass die Finger davon!«
   »Spinnst du? Her mit dem Kristall! Der Roumin hätte mich fast das Leben gekostet.«
   Zwei Männer hielten sich gegenseitig am Kragen fest, andere duellierten sich mit Blicken. Die Frauen beschimpften einander.
   Heimlich sperrte ein Mann die Aelumina eines Toten in einen Kristall. Ein Pärchen hatte ihn dabei beobachtet und stürzte sich auf ihn. Auf einmal gingen alle Rivalen aufeinander los.
   Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie die Aelumina entdeckten, die vor mir war. Also streckte ich die Hände danach aus. Obwohl ich sie berührt hatte, war sie noch da. Schwebte über der Brust der leblosen Kreatur. Ich schluckte und ließ die Finger durch die Aelumina gleiten. Wieder nichts. Nun umschloss ich sie wie einen Tannenzapfen, der am Zweig hing. In dieser Position verharrte ich und wartete auf das Glücksgefühl, das mich normalerweise ereilte, wenn ich von der Energie eines Roumins speiste.
   Nichts.
   Ich öffnete die Hände, worauf die Aelumina vollkommen unverändert zum Vorschein kam. Frustriert stieß ich Luft aus.
   »Die ADP naht auf Glidern«, rief eine Frau.
   »Wo?«
   »Auf der Fast Line!«
   Augenblicklich erstarb jeder Streit. Die Ersten liefen bereits den Hügel hinunter, andere nutzten die einmalige Chance, alles abzustauben, was ihnen zwischen die Finger geriet.
   Kaum hatte ich mich erhoben, tauchte der Mann mit der Armwaffe vor mir auf und packte mich am Oberarm.
   »Woher kommst du? Wie heißt du?«, fragte er gehetzt.
   »Lass uns abhauen«, zischte ihm die Rothaarige zu, die eben neben uns erschienen war. Hektisch fuhr sie über ihre schweißnasse Stirn.
   Zwei weitere junge Männer stießen zu uns.
   »Gleich sind sie da«, warnte einer von ihnen.
   »Ich muss es sofort klären«, blaffte der Waffenträger. »Ihre Energie wird immer schwächer. In nur ein paar Minuten verlieren wir ihre Spur!«
   Die beiden Männer, die zu diesem Team zu gehören schienen, suchten das Weite. Sie stürmten der anderen Rivalengruppe hinterher, die die Bahngleise überquert und hinter sich gelassen hatte.
   Der Mann trat zwischen mich und den toten Roumin. »Wer bist du?«, fragte er eindringlich.
   »Ein Mensch«, gab ich verdutzt zur Antwort.
   »Wenn du ein Mensch bist, wieso …?« Den Satz beendete er nicht. Er und seine Begleiterin drehten den Kopf in dieselbe Richtung. Einen Augenblick lang waren beide erstarrt. Da hörte ich dasselbe, was sie vor mir vernommen hatten; einen leisen Ton, der zwar weniger penetrant war als der der Einsatzfahrzeuge, aber ebenso alarmierend.
   Die Rivalen flohen. Im Rennen verlor der Mann seine Armwaffe. Scheppernd fiel sie zu Boden und zerbrach in Einzelteile. Als er stoppte, wiesen ihn seine Verbündeten an, sie liegen zu lassen.
   »Die Fingerabdrücke werden sie sofort zu mir führen.« Er hatte die Elemente aufgehoben und zwischen die Achsel geklemmt.
   »Verschwinde, Mädchen«, schrie die rothaarige Frau.
   In der Ferne nahte etwas. Etwas mit Blitzlicht. Etwas, das offensichtlich fliegen konnte und sich lautloser als ein Hubschrauber bewegte.
   Ich mobilisierte meine Kräfte und lief los. Zwang mich, mein Tempo zu beschleunigen. Bemühte mich, die Rivalen vor mir nicht aus den Augen zu verlieren. Schneller, noch schneller, Lia!
   ADP … ADP … Die Buchstaben wirbelten mir unaufhörlich durch den Kopf. Flüchtig warf ich einen Blick nach rechts und nach links, ehe ich die Bahngleise überquerte.
   Das Paar hatte das Neubaugebiet erreicht und trennte sich. Die Sirenen hinter mir gellten. Ich wagte nicht, mich umzusehen, denn dadurch würde ich wertvolle Sekunden einbüßen. Stattdessen rannte ich weiter.
   Da, eine überdachte Garage! Ich schlängelte mich an Bäumen und Büschen vorbei und flüchtete zwischen zwei stehende Fahrzeuge. Mein Herz schlug bis zum Hals, als ich in die Hocke ging.
   Zunächst verharrte ich in derselben Position. Doch je schriller das Warnsignal tönte, desto mehr zog ich mich zurück, bis ich gegen die Betonwand stieß. In dem Moment sah ich sie: In einer Entfernung von etwa zehn Metern rasten schmale Maschinen – Glider hatten die Rivalen sie genannt – hinter dem gegenüberliegenden Haus vorbei.
   Es durchzuckte mich wie ein Blitz. Alternative Defense Police. Aber natürlich! Dorian hatte mir von der vor einigen Jahren ins Leben gerufenen Einheit erzählt. Seinen Worten zufolge standen die Polizeibeamten auf unserer Seite. Aus welchem Grund also waren die Rivalen geflüchtet, als hätten sie eben eine Bank ausgeraubt?
   Wie dem auch sei, dachte ich. Wozu die Ereignisse forcieren, wenn ich es doch früher oder später sowieso herausfinden würde? Außerdem, die Rivalen hatten sicherlich gute Gründe, warum sie eine Begegnung mit den Beamten mieden.
   Ich ließ ein paar Minuten verstreichen, um sicherzugehen, dass die ADP verschwunden war. Erst dann wagte ich mich hinaus. Ich schlenderte so lange durch die Wohnhaussiedlung, bis ich auf einen Mann stieß, den ich nach dem nächsten Internetcafé fragte.
   »Du meinst wohl den nächsten iPoint?«, korrigierte er mich.
   »Wenn es Internetzugang ermöglicht?«
   »Soviel ich weiß, gibt es in der Innenstadt mehrere«, antwortete er und erklärte mir, wie ich zur U-Bahn-Haltestelle gelangte.
   Der Tag hatte mir zu viel Energie geraubt. Ich schleppte mich Meter für Meter vorwärts. Nach einer Weile entdeckte ich in der Ferne endlich ein riesiges Schild, auf dem ein U prangte. Stufen führten mich in den Untergrund, und nur kurze Zeit später saß ich in einem Abteil. Ein Stück weiter über mir hing ein Monitor, auf dem Werbung und die Vorschau neuer Kinofilme liefen.
   Streckenweise fuhr die U-Bahn oberirdisch und gewährte mir einen Blick auf die Felder, auf wucherndes Gras und Unkraut und auf Häuser. Science-Fiction-Filmen hatte ich zu verdanken, dass mich der Anblick der Gebäude mit spitz zulaufenden oder flachen Dächern und den typisch quadratischen Fenstern enttäuschte. Ihre Wände waren dröge weiß und pastellfarben, allerdings hin und wieder wenigstens ein bisschen hipp, nämlich brombeerfarben oder mintgrün gestrichen und von einzelnen, pfefferminzgrünen Streifen durchzogen. So kannte ich sie aus meiner Zeit und wusste, dass die Gebäude deutlich älter waren als ich.
   Was habe ich eigentlich erwartet?, fragte ich mich, während mein Blick sich zwischen Mehrfamilienhäusern und ihren Gärten verlor. Dass sich die ganze Welt innerhalb von fünf Jahren transformiert hatte? Dass alles Alte ausgetauscht worden war? – Aber warum, wenn das Altbewährte nicht nur bestimmtem Zweck diente, sondern den Menschen ans Herz gewachsen war?
   Erneut verschwanden wir in der Tiefe und Finsternis. In den Tunneln wiesen leuchtende Streifen den Weg und verschmolzen zu einer einzigen Linie, wenn die U-Bahn an Fahrt gewann.
   Wer die Nase nicht an die Scheibe seines Smartphones drückte, spielte mit seiner Uhr oder beschäftigte sich mit seiner Sonnenbrille. So auch der Mann neben mir, fiel mir auf. Er drückte auf einem Mini-Joystick rasch Knöpfe und erweckte den Anschein, als starrte er auf einen Punkt über meinem Kopf. Dabei sah er vermutlich nur die auf die Innenseite seiner Brille projizierte Videosequenzen.
   Hauptbahnhof lautete die Haltestelle, an der ich ausstieg. Ich folgte der Menge. Ein Blick auf die digitale Tafel verriet mir, dass ich mich richtig entschieden hatte. Die Rolltreppen würden mich zum Ausgang geleiten.
   Solange ich von Menschen umgeben war, achtete ich darauf, mit ihnen Schritt zu halten. Tat ich es nämlich nicht, verlor ich nur einen Augenblick lang die Konzentration, trat mir von hinten jemand auf die Füße, erwischte mich mit seinem Aktenkoffer oder stieß mit mir zusammen und feuerte auf mich Blicke ab.
   Nachdem mich der Menschenstrom endlich nach draußen gespült hatte, traf mich die Zivilisation der Zukunft mit einer solchen Wucht, dass ich einen Moment lang zu atmen vergaß. Überall blitzte und leuchtete es: goldene und platinfarbene Outfits der Frauen, Technikgadgets wie Hightech-Rucksäcke, Handschuhe und modische Halbkörperpanzer der Männer. Stimmen vermischten sich mit Melodien, die aus Smartphones und ähnlichen Geräten oder von Geige oder Gitarre spielenden Straßenmusikanten stammten.
   Ich trat noch ein paar Schritte hinaus ins Freie und beschattete meine Augen. Mein Blick huschte von links nach rechts und wieder nach links. Hin und her, als verfolgte ich ein Tischtennismatch. Ich wollte nichts verpassen.
   Mit vierzehn hatte ich als Kleinstadtkind über die Straßenbahn der Nachbarstadt gestaunt. Etwas vergleichbar Modernes hatte es bei uns nie gegeben, umso aufregender war es, dass die Bahn fast in Reichweite war. Doch das, was ich hier erlebte, war so überwältigend, dass ich regungslos verharrte, um möglichst viel davon aufzunehmen.
   So viele interessante Dinge buhlten um meine Aufmerksamkeit. Trambahnen fuhren ohne Stromleiter durch die Straßen. Nur wenige Meter über ihren Dächern schlängelte sich ein Gleis an den Gebäuden vorbei. Glänzende Waggons hingen wie Tropfen von der einzigen, breiten Schiene hinunter, was für mich ein Meisterwerk darstellte, denn sie hielten sich da oben und bewegten sich schnell und geschmeidig. Dennoch schaffte ich es, einen Blick auf die entspannten Gesichter der Fahrgäste zu werfen.
   Der Duft von Popcorn, frisch gepressten Säften und geröstetem Kaffee durchzog die Straßen. Doch weder die Getränke noch das Essen weckten meinen Hunger – es waren die transparenten Fassaden, die die Hochhäuser zierten. In ihren Tanks wuchsen Algen. Es waren die Gewächshäuser auf den Dächern – fünfzehn, zwanzig Meter über mir und doch selbst aus dieser Perspektive erkennbar; gedeihendes Grün mitten in einer Großstadt. Anbauflächen boten auch die beiden Gebäude, deren Form und Höhe an Gletscher erinnerten, und der elegante Granitblock zu meiner Rechten.
   Es fiel mir schwer, mich bei meiner Suche nach einem Internetcafé nicht von allerlei Dingen ablenken zu lassen. Hologramme von Menschen tanzten zur allgemeinen Unterhaltung im Kreise von Kindern und Jugendlichen auf ein paar Quadratmetern Fläche. Millimeterdünne Bildschirme präsentierten die neuesten Konsolen. Virtuelle Verkäufer versuchten, mich durch die Fensterscheibe in einen Laden zu locken. Kleine Roboter wuselten umher, räumten Schmutz weg und kehrten den Boden.
   Irgendwann hatte ich endlich einen der iPoints gefunden und betrat den Laden. Hinter dem Tresen stand eine schlanke Frau, die vermutlich nur ein, zwei Jahre älter als ich war. Gelangweilt inspizierte sie ihre Nägel. Nachdem ich zu ihr getreten war, grüßte sie mich träge.
   »Hi, kann ich ins Internet?«
   Sie musterte mich mit einer paradoxen Mischung aus Nonchalance und subtiler Geringschätzung und bedeutete mir, ihr zu folgen. Wir gingen an mehreren Kabinen vorbei, die mit Holzwänden voneinander getrennt waren. Außer uns beiden befand sich niemand im Raum.
   Kaum hatte ich den Stuhl zurechtgerückt, war die Frau schon fort. Vor mir war ein Miniaturpult, auf dem ein milchig-durchsichtiger Quader thronte – dünner, aber etwa so groß wie eine Hundertgrammtafel Schokolade.
   Ich erhob mich. »Und jetzt?«
   Nur halbherzig unterdrückte die Frau den Impuls, mit den Augen zu rollen. Sie warf ihr dunkles Haar über die Schultern und schleppte sich zu mir. »So geht das.«
   Auf einmal schien so etwas wie Leben in sie zurückzukehren. Mit ein paar flinken Fingerbewegungen hatte sie das Plastikobjekt zurechtgezogen und aufgerichtet, sodass ich plötzlich vor einem beachtlichen Monitor saß. Ihr Finger glitt über die alabasterfarbene Leiste, und das Gerät erwachte zum Leben.
   »Tastatur oder Sprachsteuerung?«, fragte sie.
   »Tastatur.«
   Wie durch Zauberei zog sie unter dem Bildschirm eine durchsichtige und biegsame Platte hervor und vergrößerte sie mit den Fingern. Schwarze Buchstaben und Zahlen zeichneten sich ab.
   »Wie du ins iNet kommst, weißt du doch, oder?« Sie hatte eine Augenbraue hochgezogen, einen Arm angewinkelt und sich mit der anderen Hand am Tisch angelehnt, sodass ihr Rücken ein schiefes S bildete und sich ein kleiner Bauch unter dem Shirt wölbte.
   »Also, ich …«
   Leise seufzte sie und berührte ein Symbol auf dem Bildschirm. Ein Browser, der sich limitless nannte, öffnete sich.
   »Danke. Ab jetzt packe ich es allein.«
   Sie drehte sich um. Im Gehen teilte sie mir mit, ich könne auch bar zahlen. Etwas anderes hatte ich auch nicht im Sinn.
   Vor Aufregung schlug mein Herz schneller. Ich überlegte, was ich sagen würde, wenn ich das erste Mal mit Dorian aus dieser Zeit sprechen würde.
   Hallo, Dorian, du wirst es mir nicht glauben, aber ich bin es: Lia, die achtzehnjährige Lia. Ich bin durch die Zeit gegangen.
   Lieber nicht so, dachte ich und starrte auf das leere Feld der Suchmaschine, während es in meinem Kopf arbeitete.
   Hallo, Dorian. Du fragst dich bestimmt, wer ich bin …
   O Gott, das war ja furchtbar! Diesen Einstieg verwarf ich ebenfalls.
   Du wirst mir sicher nicht glauben, dass ich Lia Galdini bin, eine achtzehnjährige Schülerin, die dank der Roumenspiegel und eines Weltraumsteins den Sprung in die Zukunft geschafft hat. – Okay, so könnte ich verhindern, dass er sofort auflegte. Immerhin würde ich Details preisgeben, die nur Eingeweihte kannten. Dennoch gefiel mir die Idee nicht.
   »Egal! Darüber zerbreche ich mir den Kopf, wenn es so weit ist«, beschloss ich und legte los.
   Meine Finger sausten über die Tastaturplatte. Ich gab Dorians richtigen Familiennamen ein, aber die Suchmaschine spuckte mir Ergebnisse aus, mit denen ich nichts anfangen konnte. Im Kurzüberblick der jeweiligen Zeilen war die Rede von Dorian Arell, Dorian Aidel und anderen Varianten, die mit seinem Namen nur geringe Gemeinsamkeiten aufwiesen.
   Nicht nur hatten die Männer, über die geschrieben wurde, andere, höchstens ähnlich klingende Namen. Darüber hinaus waren die, von denen Fotos existierten, fünfzehn oder zwanzig Jahre älter als mein Dorian und sahen anders aus als er.
   Mir kam der Gedanke, dass er sich möglicherweise unter Sander verbarg. Also gab ich Dorian Sander ein und klickte mich durch die Artikel. Wieder stieß ich auf Unbrauchbares. Dorian Sandtner, neununddreißig, Avantgardekünstler … Dorian Sauter, letzten Sonntag im Alter von sechsundsiebzig Jahren gestorben …
   Ich stieß ein Brummen aus und ließ mich in den Sitz zurückfallen. Komisch, in meiner Zeit hatte ich sogar bessere Treffer gelandet, als ich in meiner Trauerphase verzweifelt nach irgendeinem Lebenszeichen von ihm gesucht hatte.
   Mein Herz machte einen Sprung. Dorians Onlinespuren mochten verwischt sein. Mama, meine Schwester Melissa und Großmutter Mona hatten ihre Nummern tatsächlich angegeben, wie ich nach mehreren Minuten Recherche herausfand.
   Auf einmal sprang ich auf, worauf die Angestellte zu mir herübersah. »Kann ich hier telefonieren?«
   Keine fünf Minuten später saß ich in einer Kabine mit Glasfenstern und nannte Mamas Nummer. Nervosität machte sich in mir breit, während Wartetöne erklangen. Wie würde Mama reagieren, wenn sie in wenigen Sekunden mich – mein jüngeres Ich – erblickte? Ich rutschte auf dem Stuhl hin und her, wischte meine feuchten Hände mehrmals an der Hose ab und strich mir die Strähnen hinter die Ohren, was nur dazu führte, dass sie mir wieder ins Gesicht fielen.
   Fantasievolle Muster, Schmetterlinge und explodierende Feuerwerke füllten auf einmal den Bildschirm.
   »Hallo, schön, dass Ihr anruft … wir sind im Moment nicht zu Hause.« Mama klang so jung und fröhlich. So lebensfroh.
   »Vielleicht sind wir beim Einkaufen, Wandern … oder retten gerade die Welt«, vernahm ich eine weitere, diesmal eine männliche Stimme. Eindeutig Ferdinand.
   Ich musste schmunzeln, als ich Mamas mädchenhaftes Gelächter im Hintergrund hörte. Es war schön zu wissen, dass ihre Beziehung mit dem Buchhalter die Jahre überdauert hatte.
   »Hinterlasst uns eine Nachricht. Wir rufen garantiert zurück.« Wieder Mama.
   »Aber nur, wenn ihr gute habt«, fügte Ferdinand scherzend hinzu. Beide lachten.
   Pieeep …
   Ich berührte den Monitor, um die Verbindung zu unterbrechen.
   Neuer Versuch, neues Glück. Ich diktierte Mels Telefonnummer.
   Erst vernahm ich Wartetöne, dann erschien etwas auf dem Bildschirm; ein rundliches Gesicht mit großen, dunklen Augen, pummeligen Wangen und einer Knubbelnase. Kleine Finger fuhren über die Kamera, und kurzzeitig färbte sich der Bildschirm schwarz. Doch da tauchte das Kind wieder auf. Mein Herz wummerte in der Brust. Mir wurde heiß. Mels und Ben hatten mich zur Tante gemacht. Zum ersten, zum zweiten oder dritten Mal?
   »Hallo, wie heißt du?«, fragte ich und bemerkte verwundert, dass meine Stimme fast um eine Oktave höher geklungen hatte.
   Kleine Hände griffen nach dem Gerät. Es folgte eine Aufnahme des Schranks aus der Schräge. Ich erhaschte einen Blick auf den Laminatboden und dann auf Jacken, die im Flur hingen.
   »A-o«, versuchte der Kleine mit mir zu kommunizieren.
   »Hallo«, erwiderte ich. »Wo sind deine Eltern?«
   »A-o.«
   »Holst du bitte deine Mama ans Telefon?«
   Ein Öhrchen im Bild. Eine Wange, gegen die die Kamera klatschte. »Au.«
   »Wo ist mein Mauskönig?«, tönte es aus der Ferne.
   Kaum hatte der Kleine den Ruf seines Vaters vernommen, kreischte er vor Aufregung. Das Telefon knallte zu Boden. Füße tapsten über das Parkett.
   Ich legte auf und wählte die Nummer erneut.
   Besetzttöne.
   Als ich die nächste Nummer vorsagte, machte ich mir keine großen Hoffnungen. Bisher hatte es nicht funktioniert, jemanden aus meiner Familie zu kontaktieren. Wieso sollte ich also Glück haben?
   Auf dem Bildschirm vor mir erschien ein graues Fenster, in dem in Weiß no picture stand.
   »Hallo?«, vernahm ich eine dunkle Frauenstimme.
   Ich schnappte nach Luft und setzte mich aufrecht hin. »Mona?«
   »Mit wem spreche ich?«
   Großmutter klang so argwöhnisch wie immer. Trotzdem spürte ich, wie sich Wärme in meinem Inneren ausbreitete.
   »Ich bin es, Lia.«
   »Welche Lia?«, stutzte sie.
   »Deine Enkeltochter.«
   »Ausgeschlossen. Meine Enkeltochter klingt nicht so wie du. Keine von beiden«, entgegnete sie empört. »Also … Wer ist dran?«
   Erkannte sie mich nicht? Da kamen mir Mamas Worte in den Sinn. Sie hatte irgendwann erwähnt, dass sich die Stimme eines Menschen im Laufe des Lebens ändern kann. »Schalte doch bitte das Dingsbums ein, damit wir uns sehen können, Mona.«
   »Wer auch immer du bist, ich denke nicht daran, dich einen Blick in meine Wohnung werfen zu lassen!«
   Das war die Mona, die ich kannte.
   »Glaubt nicht, dass ihr uns mit dem alten Enkeltrick reinlegen könnt. Meine Lia klingt bestimmt nicht nach dir. Und wage nicht noch mal, mich Mona zu nennen oder zu duzen.«
   »Also gut, also gut«, rief ich beschwichtigend. Mehrmals fuhr ich mit den Händen über die Oberschenkel, damit sie trocken wurden. Ich wusste, wie sich Menschen fühlten, wenn Mona in diesem Ton mit ihnen sprach. »Es kommt nicht wieder vor.«
   Schweigen.
   »Ich hatte es bei Mama – ich meine: bei Frau Galdini versucht, aber sie ist nicht ans Telefon gegangen. Ist sie noch in der Arbeit? Wann kommt sie nach Hause?«, wollte ich erfahren. Bei Mama hätte ich sicherlich mehr Glück. Auch wenn es für sie ein Schock sein würde, mich nach einem halben Jahrzehnt so jung zu sehen, so würde sie mir bestimmt helfen.
   »Das werde ich dir garantiert nicht sagen«, antwortete Mona barsch. »Erst kitzelt ihr sensible Informationen aus den Leuten heraus, dann brecht ihr in ihre Wohnungen ein.«
   »So ist es nicht! Glaub, äh, glauben Sie mir!« Verzweiflung ließ meine Stimme so hoch klingen, dass ich fast fiepte. Niedergeschlagen seufzte ich. Zwei, drei Sekunden später hatte ich mich wieder zusammengerissen. »Ich wollte Sie nur nach Dorians Telefonnummer fragen. Ich muss dringend mit ihm reden.«
   »Ich gebe grundsätzlich keine Nummern heraus.«
   Gerade wollte ich Großmutter vorschlagen, mich mit Dorian zu verbinden, um das Problem der Nummernweitergabe zu umgehen, da legte sie wortlos auf.
   Meine Kopfschmerzen kehrten zurück. Murrend und stöhnend ließ ich mich in den Sitz zurückfallen und massierte mir die Schläfen. Ein paar Sekunden verstrichen. Erneut versuchte ich es bei Mama. Keine Chance. Auch bei Mels hob niemand den Hörer ab.
   Obwohl ich ahnte, dass der Versuch zum Scheitern verurteilt war, wagte ich es dennoch: Ich wählte meine eigene Handynummer.
   »Kein Anschluss unter dieser Nummer«, teilte man mir mit.
   Fast juckte es mich in den Fingern, meinen Namen in das Suchfeld von limitless einzugeben. Meine Fingerkuppen berührten fast die Buchstaben, doch ich zögerte. Dorian hatte einst gesagt, es sei nicht gut, wenn man zu viel über seine Zukunft wisse. Was, wenn es mir nicht gefallen würde, was ich über mich las?
   Ich zog die Hand zurück. Nur im Notfall würde ich nach mir suchen. Aber ich war zuversichtlich, dass dieser Tag nicht kommen würde.
   Ich brauchte unbedingt etwas Nahrhaftes und Sättigendes, also zahlte ich für die Internetnutzung und die Telefongespräche und ging.
   Der Hunger trieb mich in ein italienisches Restaurant, wo ich in eine Duftwolke aus geschmolzenem Käse, gekochtem Schinken und gebackenem Teig trat.
   Allmählich schloss ich den Gedanken nicht aus, dass sich mein Aufenthalt in der Zukunft – genauer gesagt, in dieser Gegenwart – etwas verlängerte. An Geld mangelte es mir dank Saschas Gier zwar nicht, dennoch musste ich mich ein wenig einschränken. Noch hatte ich keine Ahnung, wo ich die Nacht verbringen sollte und was sie mich kosten würde.
   Während ich meine Pasta mit Meeresfrüchten verspeiste, überlegte ich, wie ich vorgehen sollte. Ich würde es noch mal bei Mama und Melissa versuchen. Dann würde ich nach meinen Freunden suchen. Mit einem Coffee-to-go machte ich mich wieder auf den Weg zum iPoint.
   Weder bei Mama noch bei Mels hatte ich Glück. In beiden Fällen landete ich am Ende der Ansage bei der Mailbox. Aber ich hinterließ keine Nachricht. Mit der Wahrheit wollte ich sie erst konfrontieren, nachdem ich ein Minimum an Vertrauen gewonnen hätte.
   Ich durchstöberte das Internet zunächst nach meiner besten Freundin Nel, die es hasste, wenn man sie Conny nannte. … Oder Cornelia, ging mir druch den Kopf, während mein Blick über die schwarzen Lettern wanderte, auf denen Cornelia Osiander stand. Sie hatte ein eingeschränkt einsehbares Profil auf einer Seite, die in ihrer Seriosität und Professionalität dazu diente, berufliche Kontakte zu knüpfen.
   Auf dem Schwarz-Weiß-Bild erkannte ich in der Frau nicht sofort Nel. So sehr unterschied sie sich von dem Mädchen, das ich noch vor Wochen gesehen hatte. Im Gegensatz zu ihrem früheren Ich trug sie nur dezentes Make-up. Das Haar schien sie im Nacken zusammengebunden zu haben. Einen Arm hatte sie um den Bauch gelegt, um den anderen am Ellenbogen zu stützen. Ihre Hand war auf Höhe des Kragens ihres Hemdes, berührte ihn aber nicht. Obwohl von der verrückten Jugendlichen mit dem Faible für Oberteile mit Sprüchen wie Sag was zu meinem Outfit, und du landest auf meinem Teller, für bunte Strümpfe, Petticoat-Röcke oder schwarze Miniröcke mit blickdichten Leggins auf dem Bild nichts übrig geblieben war, wurde mir klar, wie sehr ich sie vermisste.
   Um mit ihr Kontakt aufzunehmen, musste ich zunächst eine E-Mail-Adresse erstellen. Erst dann durfte ich mich eintragen. Kaum hatte ich die Zugangsdaten erhalten, verfasste ich eine Privatnachricht, in der ich meine Situation kurz schilderte, meinen Aufenthaltsort nannte und Nel um die Telefonnummer bat.
   Nachdem dieser Schritt getan worden war, stöberte ich auf ihrer Seite. Der chronologischen Übersicht zufolge studierte Nel Politikwissenschaften und engagierte sich in verschiedenen Vereinen. Ihre letzte Aktion hatte darin bestanden, mit Hunderten weiterer Aktivisten nackt gegen Pelzträger zu demonstrieren. Hin und wieder tauchte ihr Name in Zusammenhang mit einer Gruppe auf, die sich hauptsächlich für Flüchtlinge und Verfolgte einsetzte.
   Eine Viertelstunde später fing ich an, nach Sonja, Annie und Sascha zu suchen.
   Sonjas Namen fand ich auch immer wieder im Netz. Genauso wie Nel war sie als freiberufliche Designerin auf der Karriereseite vertreten. Ihre Arbeiten faszinierten mich: Sie zeugten von Ideenreichtum und Liebe zum Handwerk. Sonjas Bilder schmückten Buchcover, Wände in Praxen und ihre geschwungenen, sich windenden Muster durchzogen sogar Fahrzeuge. Besonders viel erfuhr ich allerdings nicht über sie. Nur, dass sie im Norden lebte und gegenwärtig an einem Entwurf für eine Fassade arbeitete.
   Irgendwie überraschte es mich nicht, die meisten Informationen über Sascha in seinem Profil auf dem Karriereportal zu finden. Nach dem BWL-Studium hatte Sascha als Kundenberater für einen Konzern gearbeitet. Nach mehreren Monaten war er zum Junior Manager befördert worden.
   Als ich das Internet nach Annie Sophie Levries durchforstete, erlebte ich eine angenehme Überraschung: Annie hatte dank eines Stipendiums Journalismus in New York studiert und absolvierte gerade ein Trainee für ein namhaftes Magazin, wofür sie Reiseberichte verfasste. Kurzzeitig ließ ich mich von Annies Bericht nach Afrika entführen, wo ich durch dichtes Gras wanderte und Elefanten aus der Ferne beobachtete. Dann klickte ich mich durch die Bilder, die mir die fast dreiundzwanzigjährige Annie präsentierten.
   Ich war überwältigt von der Annie, die ich hier sah. Ihr einst sprödes hellbraunes Haar war nun blond. Sie versteckte sich nicht länger in zu weiten Oberteilen und knöchellangen Röcken, sondern trug figurbetonte, farbenfrohe Blusen oder Shirts, Bleistiftröcke und sogar Hotpants. Das Lächeln, das Annie dem Fotografen schenkte, war umwerfend. Es strahlte Selbstbewusstsein, Weltoffenheit und Neugierde aus.
   »Du hast es geschafft, Annie«, sagte ich leise und lächelte.
   Chris war in einem alten Artikel einer Schachmeisterschaft erwähnt worden. Mehr hatte ich über ihn nicht gefunden. Jannis war in einem sozialen Netzwerk angemeldet. Da mich mit ihm allerdings nur wenig verbunden hatte, verwarf ich den Gedanken, mich bei ihm zu melden.
   Über Nicole tauchten mehrere Artikel auf. Mit einem Anflug von Neid registrierte ich, dass Nicole vor Kurzem im Eiskunstlauf ihre Spitzenposition verteidigt hatte.
   Mit Anfang, bald Mitte zwanzig sah sie auf den Fotos beneidenswert gut aus. Das Eiskunstlaufkleidchen schmiegte sich an ihren durchtrainierten, schlanken Körper. Das lange goldblonde Haar fiel ihr sanft über die Schulter. Sie strahlte in die Kamera wie eine Siegerin. Hätte ich den Code, um bestimmte Seiten zu entschlüsseln, würde ich garantiert von ihren Erfolgen als Tochter des Sternwindes lesen.
   Ich klickte weiter, bis ich auf ihr Profilbild in einem sozialen Netzwerk stieß. Rasch meldete ich mich an und schrieb ihr.
   Mein letzter Versuch, einen von meinen alten Freunden zu erreichen, bestand darin, nach den Cassander-Zwillingen zu suchen. Wenn ich mich nicht verzählt hatte, müssten beide etwa einundzwanzig Jahre alt sein. – Also genau die Zielgruppe, die viele Internet-Communitys ansprachen. Nur, warum war da nichts über Eda und Chiara? Womöglich hielten sie nichts davon, sich mit anderen Leuten virtuell zu vernetzen. Oder sie benutzten Nicknames, auf die ich nicht kommen würde.
   Aber halt! Da stand ja etwas über Eda. Sofort klickte ich auf die Headline Young Scientists und las, dass Eda zu Schulzeiten zweimal in Folge mit ihrem Physikprojekt einen Preis abgesahnt hatte. Mehr hatte mir das Internet nicht zu bieten.
   Ich loggte mich auf den Seiten ein, wo ich seit Neuestem Mitglied war, und stellte enttäuscht fest, dass mir niemand geschrieben hatte.
   Herzhaft gähnend streckte ich mich. Ich trottete zur Telefonkabine und versuchte es erneut bei Mama und Mels. Keine von beiden nahm den Hörer ab.
   Draußen dämmerte es bereits. Allmählich wurde es an der Zeit, mir eine Unterkunft zu suchen. Doch bevor ich mich nach einem Schlafplatz umsah, ließ ich mir von der Frau an der Theke die Adresse des nächstgelegenen Polizeireviers geben. Laut der Internetseite des Alternative Defense Police Departments blieb mir der Gang zur Polizei nicht erspart.

Eine S-Bahn-Fahrt und zehn Minuten Gehzeit später trat ich durch die Türen des Polizeigebäudes. Ein Beamter im hellblauen Hemd und marineblauer Hose erhob sich hinter der Theke und grüßte. Mein Blick streifte die Dienstwaffe, die im Halfter an seinem Gürtel hing. Eine ähnliche hatte auch die rothaarige Rivalin getragen.
   Noch vor wenigen Minuten hatte ich im Geiste den Text formuliert, mit dem ich mein Anliegen einleiten würde. Aber jetzt fragte ich mich, was ich hier zu suchen hatte. Die Blicke seiner Kollegin, die so alt wie meine Mama sein dürfte, und des Kollegen, der aussah, als könnte er im selben Jahr wie Dorian die Schule beendet haben, verunsicherten mich.
   Die Stirn des Mannes bewölkte sich. »Wie kann man Ihnen helfen?«
   Die Frage, die ich mir in diesem Moment stellte, lautete: Wie konnte ich aus ihm vertrauliche Daten herauskitzeln, ohne die Zeitreisen zu erwähnen? Wenn ich Dorian richtig verstanden hatte, war das Projekt geheim. Nur Peter und eine Handvoll Wissenschaftler, die daran mitwirkten, wussten Bescheid.
   »Ich suche nach einer Möglichkeit, mit Dorian Andell zu sprechen«, fing ich an. »Leider steht seine Telefonnummer nicht im Internet.«
   »So etwas machen wir n…«
   »Bitte!«, fiel ich ihm ins Wort. »Es ist dringend!«
   Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte ich, wie der jüngere Polizist etwas eifrig tippte. Sein Blick huschte vom Bildschirm zum Kollegen. »Tobias?«
   Der Mann drehte sich um.
   »Kommst du kurz?«
   Mit nur wenigen Schritten hatte Tobias den Kollegen erreicht und blickte ihm über die Schulter. Mir entging nicht, wie sich der Blick des Älteren verdüsterte.
   Ich schluckte.

2

Mein künftiger Ehemann war in der Datenbank der Polizei? Was hatte er verbrochen? Mir wurde flau im Magen. Mit Mühe blendete ich die Schmerzen, so gut es ging, aus, die vom Nacken in den Hinterkopf ausstrahlten. Hatte Dorian Punkte wegen Fehlverhaltens auf der Straße? Das konnte es nicht sein. Aber … hatte er nicht öfter erwähnt, er sei so etwas wie ein Computerspezialist? Vielleicht hatte er versucht, eine Seite der Behörden zu hacken und war erwischt worden. Wenn ja, war es bestimmt eine Jugendsünde gewesen.
   »Gibt es ein Problem?«, wandte ich mich an den älteren Beamten.
   Er steuerte auf mich zu. »In welchem Verhältnis stehen Sie zu ihm?«
   »In einem sehr, sehr guten«, antwortete ich.
   Seine Brauen zogen sich zusammen. Ob er skeptisch reagierte, weil ich Dorians Nummer nicht besaß, obwohl ich behauptete, Dorian und ich stünden uns nahe? Da dämmerte es mir, dass seine Frage anders gemeint war.
   »Ich gehöre zur Familie.«
   »Wie ist Ihr Name?«
   »Lia Galdini.« Kaum hatte ich ihm geantwortet, fragte ich mich, ob ich mich besser hinter einem falschen Namen hätte verstecken sollen.
   Er hatte ein Tablet genommen und tippte etwas. Sein Kollege tat es ihm gleich.
   »Wie lautet Ihr Geburtsdatum?«, fragte der ältere Polizist.
   Wenn Dorian in ihrer Datenbank war, dann war Lia Andell, seine Ehefrau, es vielleicht ebenfalls. Schlimm genug, dass ich ihm meinen richtigen Namen verraten hatte. Nun erwartete er von mir ein weiteres Häppchen Wahrheit.
   »Oh, mein Schnürsenkel ist auf.« Ich verschwand unter der Theke und tat so, als bände ich ihn zu. Nachdem ich von heute an achtzehn Jahre zurückgerechnet hatte, tauchte ich wieder hervor und nannte ihm ein Datum.
   »Wo wohnen Sie?« Seine Finger schwebten über dem iPad, bereit, zu tippen.
   »Wofür brauchen Sie meine Daten?«, fragte ich freundlich und so beiläufig wie möglich zurück.
   Er räusperte sich. Das Gesicht verfinsterte sich. »Das hat alles seine Richtigkeit.«
   Aha.
   »Könnte ich Ihre ID-Card sehen?«
   »Was bitte?«
   »Ihren Ausweis.«
   »Oh … Den habe ich leider nicht dabei«, log ich.
   »Was möchten Sie Herrn Andell ausrichten?« Prüfend sah mich der Mann an.
   »Kann ich es ihm nicht persönlich sagen?«, hakte ich nach. »Wenn Sie so freundlich wären, seine Nummer zu wählen …«
   »Das geht im Moment nicht.« Der Mann kratzte sich an der Nase.
   »Wieso?«
   Wartend sah er mich an.
   »Ich wollte ihn wegen«, ich suchte nach den richtigen Worten, »der längeren Reise sprechen, die er in Kürze antreten wird.«
   Daraufhin musterte mich der Beamte kritisch. Ich schenkte ihm ein Lächeln.
   »Wie kann man Sie erreichen?«
   Blöderweise besaß ich weder ein Smartphone noch die Anschrift einer Unterkunft. Dem Beamten gegenüber behauptete ich allerdings, ich hätte mein Smartphone verloren, und dass ich zu Besuch in dieser Stadt war, die Anschrift meiner Freundin, bei der ich verweilte, jedoch nicht kannte. Da sie mich in Kürze in der Innenstadt abholen wollte, könnte ich die erforderlichen Daten nachreichen.
   Mit dem unguten Gefühl, Zeit vergeudet zu haben, verließ ich das Polizeirevier nach einer Weile. Ich hörte ich meinen Magen knurren.
   Während ich durch die Gegend streifte und nach einer Jugendherberge Ausschau hielt, vertilgte ich erst einen Burger und zwei Wraps und spülte sie mit einer Cherry-Coke hinunter.
   Mit jedem Meter, den ich zurücklegte, verschlechterte sich meine Laune. Ich sehnte mich nach einer Dusche und vor allem nach einem Bett. Mit einem Smartphone hätte ich längst etwas Verfügbares in der Umgebung gefunden. Ohne Internet war ich aufgeschmissen. Wie hatten Mama und Mona es in meinem Alter geschafft, ohne auszukommen?
   Mir blieb keine andere Wahl, als jeden Passanten, der mir begegnete, nach einem Hotel oder einer Herberge zu fragen. Die meisten konnten mir nicht weiterhelfen. Aber ein Taxifahrer wüsste vermutlich Bescheid, ging mir durch den Kopf, als ich die blassgelben Fahrzeuge am anderen Ende der Straße erblickte.
   Kaum hatte die Ampel für die Autofahrer auf Rot gewechselt, stürmte ich zum ersten Taxi.
   Aus der Ferne hatte ich in der Dunkelheit nicht in das Wageninnere blicken können. Nun jedoch, da ich nur wenige Zentimeter davon entfernt stand, sah ich, dass das Auto unbemannt war, obwohl der Motor lief. Aber nicht nur das erste – die vier hinter ihm Parkenden ebenfalls. Ich stemmte die Fäuste in die Hüften und schaute mich um. Jeden Moment müsste der Fahrer oder die Fahrerin doch auftauchen, oder?
   Die Minuten verstrichen, und niemand kam. Da erwachte das Armaturenbrett zum Leben und warf blaues Licht auf die leeren Vordersitze. Durch das Fenster drangen Stimmen zu mir durch, als unterhielten sich im Inneren Menschen. Als hätte jemand die Fernsteuerung bedient, gingen die Lichter an, und das Fahrzeug scherte langsam aus. Mir klappte die Kinnlade herunter. Mit großen Augen starrte ich dem Auto hinterher, das ohne Insassen fuhr.
   Mit leisem Brummen meldeten sich die anderen Autos zum Dienst. Einer nach dem anderen rückte auf.
   »Nicht schlecht«, bemerkte ich nickend.
   »Wenn du den Taxidienst in Anspruch nehmen willst«, vernahm ich eine Frauenstimme, »dann musst du die EC-Card in den Schlitz unter dem Türgriff stecken.«
   Ich drehte mich um und sah ein älteres Ehepaar. »Vielen Dank, das hatte ich nicht vor. Können Sie mir bitte sagen, wie ich zum nächsten Hotel komme? Oder gibt es in der Nähe eine Jugendherberge?«
   »Das Wendington. Nordöstlich von hier«, antwortete der Herr und deutete in die Richtung, die ich einschlagen sollte.
   Ich bedankte mich und machte mich auf den Weg. Etwa zwanzig Minuten später erblickte ich schon von Weitem ein imposantes Gebäude im Jugendstil mit elegant geschwungenen Lettern. Die Außenlampen warfen diffuses champagnerfarbenes Licht auf die Säulen des Hotels. Mir schwante, dass zwei Übernachtungen mit Halbpension mein komplettes Bargeld verschlingen würden. Doch ich wollte reingehen, um jemanden um den Gefallen zu bitten, für mich die Adresse einer Jugendherberge zu googeln.
   Allein schon der Gang über den ausgelegten roten Teppich bestätigte meinen Verdacht, dass eine Nacht in diesem Hotel teuer sein würde. Der Lüster im Foyer schüchterte mich aber derart ein, dass ich abrupt stoppte und mich trollen wollte. Aber die elegant gekleidete Empfangsdame hatte mich bereits erblickt. Ermutigend lächelte sie mich an.
   »Kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie, nachdem ich nähergetreten war.
   »Ich …« Hinter mir war die Tür aufgegangen, und Männer und Frauen traten herein. Sie übertönten mich.
   Ohne mich wahrzunehmen, kam einer der Business-Anzug-Träger an die Rezeption und fragte nach den Zimmerkarten. Die Dame schenkte mir ein entschuldigendes Lächeln, worauf ich nur mit den Schultern zuckte.
   Während sie sich um die Neuankömmlinge kümmerte, schlenderte ich durch den Wartebereich. Vor den bodenlangen Fenstern thronte ein heller Wildledersessel. Ich ließ mich nieder und seufzte wohlig auf, weil ich darin fast versank. Mir gegenüber befand sich ein Flachbildfernseher, wo gerade die Abendnachrichten liefen.
   Ich hatte meinen Rucksack geöffnet und langte hinein, da hörte ich den Nachrichtensprecher. »Gestern hat der Prozess gegen den Roumenjäger Lukas P. begonnen.«
   Mein Blick wich nicht vom Bildschirm, während ich den Rucksack schloss. Dort wurde ein Mann in einem dunklen Kapuzenpullover vor den Richter geführt. Die weiteren Worte verstand ich kaum, weil die Geschäftsleute laut auflachten. Verärgert sprang ich auf und eilte zum Flachbildfernseher.
   »Er und seine beiden Komplizen, Oliver F. und Robert K., werden des Totschlags angeklagt«, fuhr der Mann fort. »Stadtkameras hatten gefilmt, wie sie einen Roumin im Park …«
   »Aber nur, wenn sich Theo nicht mehr ans Steuer setzt«, rief jemand laut.
   Ich machte einen Schritt nach vorn. Mein Ohr klebte schon förmlich an der Mattscheibe.
   »Zeugen haben sich zum Vorfall …«
   »Nee, heute bediene ich auch keine schweren Maschinen«, entgegnete jemand, worauf alle in polterndes Gelächter ausbrachen.
   Ich warf der Gruppe einen missbilligenden Blick zu. Lärmend zogen die Männer und Frauen ab.
   »Mist«, murrte ich. Ihretwegen hatte ich wichtige Informationen versäumt. Und doch hatte ich eine entscheidende mitbekommen. Ein Mann stand vor Gericht, weil er einen Roumin angegriffen oder getötet hatte. Ein Roumenjäger vor Gericht. Mir wurde heiß und kalt. Jetzt verstand ich, warum die Rivalen geflohen waren, als sie Wind davon bekommen hatten, dass die ADP anrückte.
   »Und nun die Wettervorhersage …«, fuhr der Nachrichtensprecher fort.
   »Kann ich Ihnen helfen?«, ertönte eine hohe Stimme.
   Mit fahrigen Bewegungen schulterte ich den Rucksack und strich mir die Strähnen aus dem Gesicht. Kameras, ging mir durch den Kopf. Kameras hatten aufgezeichnet, wie der Mann und seine Komplizen einen Roumin besiegt hatten.
   »Geht es Ihnen nicht gut?«
   Ich zuckte zusammen. Eben hatte ich mir vorgestellt, einen Roumin getötet zu haben und dabei von einer Alternative-Defense-Polizistin erwischt worden zu sein. Als sich unsere Blicke trafen, hatte ich das mulmige Gefühl, dass sie ahnte, dass ich etwas zu verbergen hatte.
   Reiß dich zusammen!, ermahnte ich mich. So gefasst wie möglich fragte ich nach der Adresse einer Jugendherberge in der Nähe. Kaum hatte sie sie mir notiert, beeilte ich mich, das Hotel zu verlassen.
   Erst mal keine Panik, redete ich mir auf dem Weg zur U-Bahn ein. Hätten mich die Kameras erfasst und hätten die Polizisten mich des Jagens verdächtigt, so hätten sie mich längst gefunden. Es gab keinen Grund, mich zu fürchten, schließlich hatte ich nichts verbrochen. Denn meine Fähigkeiten als Rivalin waren unterdrückt. Ich war nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Was jedoch, wenn irgendjemand behauptete, mich dabei beobachtet zu haben, wie ich angeblich einen Roumin schwer verletzt hatte?
   Auf einmal bekam ich so schlecht Luft, als hätte mich jemand in eine Zwangsjacke gesteckt. Wie drollig, dass ich daran dachte, ging mir durch den Kopf, als ich mich auf einer Bank niederließ. Diese blühte mir bestimmt, wenn meine Zeitreisegeschichte ans Tageslicht kam. – Vor Gericht.
   Ruhig. Alles ist gut. Ich bemühte mich, gleichmäßiger zu atmen. Vertrau auf Dorian. Er wird alles für dich richten.
   Nun, da ich an ihn gedacht hatte, spürte ich ein schmerzhaftes Ziehen in meiner Brust. Das letzte Mal hatten wir uns vor weniger als vierundzwanzig Stunden gesehen. Für jenen Dorian Andell, der in dieser Zeit lebte, war mein achtzehnjähriges Ich eine Fremde. Die Kämpfe, die Dorian und ich Seite an Seite ausgefochten hatten, die Abende in seiner Wohnung, die Reise durch das Land auf der Suche nach einem Pallasiten – das alles verband mich mit ihm. Aber nicht mit dem Ich, das sich auf die Zeitreise vorbereitete.
   Ich musste weiter. Zu schnell schritt der Abend voran. Also raffte ich mich wieder auf.

Fast eine Stunde später stand ich in einer Jugendherberge, deren Wände bestimmt vor meiner Geburt gestrichen worden waren, und redete auf die ältere Frau ein, damit sie mein Bargeld akzeptierte. Physisches Geld galt offensichtlich als exotisch.
   Mithilfe der Chipkarte öffnete ich die Tür. Zwei Frauen etwa Anfang zwanzig hatten sich in einer mir unbekannten Sprache unterhalten und verstummten. Ich fühlte mich wie ein Eindringling.
   Ob das gut ginge? – Tat es, stellte ich fest.
   Nachdem wir uns einander vorgestellt hatten, redeten Rosalie und Svetlana auf Englisch mit mir. Beide kamen aus Osteuropa und trampten seit einer Woche durch das Land. Ihre geplante Tour führte sie demnächst in den Süden.
   Über mich erzählte ich wenig und war froh, dass die jungen Frauen zu müde waren, um die Plauderei in die Länge zu ziehen.
   Nach einer ausgiebigen Dusche kroch ich ins Bett und versteckte mich bis zum Kinn unter einer dünnen Decke. Ich rollte mich auf die Seite, mit dem Gesicht zum Fenster. Im Mondlicht schimmerte der Fußboden silbern. Meine Mitbewohnerinnen wälzten sich in ihren Betten. Stoff raschelte, Holz ächzte. Manchmal stöhnte eine von ihnen auf, als klagte sie über die geplagten Füße. Dann kehrte Stille ein.
   Leise seufzte ich. Zu dieser späten Stunde, als ich im Bett lag und keine Zerstreuung in der aufregenden neuen Welt finden konnte, holten mich meine Gedanken ein. Überfordert von so viel Neuem, der Begegnung mit Super-Roumen und den vergeblichen Versuchen, meine Freunde zu erreichen, sehnte ich mich nach meinem alten, überschaubaren Leben in der Kleinstadt. Nach Mels und Mona, die ich seit Wochen nicht mehr gesehen hatte, und vor allem nach Mama. Nach Mama, die zu sich gekommen war und sich sicherlich wie ihr Freund wunderte, warum der Kühlschrank halb leer und ein paar Lebensmittel verdorben waren. Nach Mama, die auf mich warten würde. Den ganzen Abend. Eine Woche. Ein halbes Jahrzehnt.
   In meinem Hals bildete sich ein Kloß. Ich richtete mich im Bett auf, winkelte die Beine an und schloss die Arme um sie. Die Tränen blinzelte ich weg und rief mir ins Gedächtnis, dass meine Lage nicht aussichtslos war. Dass ich mich mehr anstrengen und gedulden müsste.
   Ich legte mich wieder hin, zog die Decke bis zu den Ohren und krümmte mich zu einem C.
   In den neuen Tag startete ich mit Energie und voller Zuversicht. Gemeinsam mit Rosalie und Svetlana aß ich Nudeln in Ricottasoße. Die Nudeln hatten sie in einem länglichen Gerät gekocht, das an einen Mixer erinnerte. Darin hatten sie auch die Soße erwärmt.
   Rosalie lieh mir ihr Smartphone aus. So fand ich meine nächste Übernachtungsmöglichkeit; eine Jugendherberge, die fast dreißig Kilometer vom Zentrum entfernt lag.
   Je mehr ich mich von der Stadtmitte entfernte, desto sicherer war es für mich. Denn bereits auf dem Weg zu dieser Unterkunft war mir aufgefallen, wie viele Kameras die Straße säumten. Die glänzend-schwarzen Objekte umgaben die Straßenlampen wie ein Ring oder thronten auf der Spitze von Strommasten. Noch war die Polizei nicht aufgekreuzt, aber vielleicht war es nur eine Frage der Zeit.
   Nach dem gemeinsamen Essen nahm ich Abschied von meinen Mitbewohnerinnen und brach auf. Nach zwanzig Minuten Fahrt mit der U-Bahn stieg ich in die S-Bahn. Auf dem Weg durch den Bahnhof jedoch machte ich einen Zwischenhalt, weil ich ein Telefon entdeckt hatte. Erfreulicherweise akzeptierte es mein Bargeld.
   Mein erster Versuch, mit Mama zu reden, schlug fehl. Wieder der Anrufbeantworter.
   Kaum hatte ich aufgelegt, tippte ich Mels’ Nummer ein.
   »Melissa Jedinger.«
   Oh, ich hatte mich verwählt … Aber nein, Jedinger war Bens Familienname.
   »Mels? Bist du es wirklich?«, rief ich vor Aufregung in den Hörer und um den Lärm um mich herum zu übertönen.
   »Äh, ja … so nennt mich eigentlich nur …«
   »… deine Schwester, ich weiß«, unterbrach ich sie. Mir fiel eine schwere Last von den Schultern.
   »Mit wem spreche ich?«
   »Mit deiner Schwester, Mels«, antwortete ich.
   »Das ist wohl ein Scherz, hm?«
   Im Hintergrund jauchzte ein Kind.
   »Wer ist dran? Olivia, veräppelst du mich gerade? Warte, du bist sicher Felicitas! Oder …«
   »Weder noch«, schnitt ich ihr das Wort ab. »Ich bin Lia, deine Schwester.«
   »Erstens, deine Stimme klingt, als wäre sie noch nicht ausgereift«, hielt sie mir entgegen. »Zweitens, wenn du Lia wärst, wie könntest du aus der Inneren Mongolei anrufen, wo du doch selbst gesagt hast, du kannst es nur einmal pro Woche?«
   Ich riss die Lider auf. Wie war das? Innere Mongolei? – Weites Land, grüne Hügel, Jurten und Pferde. Wieso um aller Welt hatte es mich dahin verschlagen?
   »Das ist der schlechteste Telefonstreich, der mir je gespielt wurde.«
   »Bitte hör mir genau zu.« Mein Herz schlug schneller. Ich wusste, wie Mels auf Dinge reagierte, die ihrer Vorstellung der Realität widersprachen. Gleich würde sie auflegen. Der Countdown lief.
   Die Worte sprudelten aus mir heraus, als ich ihr vom missglückten Versuch erzählte, das Portal zu errichten, von der wie versteinerten Welt, in der nur Rivalen und Roumen existiert hatten, von der letzten Auseinandersetzung, die ich in meiner Zeit erlebt hatte, und vom Zeitreisetunnel, in den ich gegen meinen Willen gezogen und in ihrer Gegenwart gelandet war.
   »… und jetzt brauche ich dringend Dorians Nummer, um mit seiner Hilfe in die Vergangenheit zurückzugehen«, beendete ich meinen Monolog. Ich hatte so viel Luft ausgestoßen, dass ich erst mal kräftig einatmen musste. Schmerzhaft bohrte sich der Hörer in mein Ohr. Nun lockerte ich den Griff.
   »Bist du noch dran, Mels?«
   Keine Reaktion.
   Im Hintergrund kreischte ein Kind auf und verstummte.
   Piep, piep, piep …
   Frustriert stöhnte ich auf und vergrub das Gesicht in der freien Hand. Eigentlich sollte es mich nicht überraschen, dass sie aufgelegt hatte. Innerhalb zwei oder drei Minuten hatte ich sie mit Informationen bombardiert, die aus ihrer Sicht völlig unrealistisch geklungen hatten. – Na ja, zumindest der letzte Teil, in dem es um Zeitreisen gegangen war.
   Wieder gab ich ihre Nummer ein.
   »Hallo?«
   »Erinnerst du dich daran, wie ich eine Zeit lang jeden Abend unter dein Bett geguckt habe, weil du annahmst, dort versteckten sich Monster? Dabei war ich jünger als du. Weißt du, wie ich mir mit zehn auf dem Spielplatz den Arm gebrochen habe, weil du mit deinen Freundinnen Eis kaufen gegangen bist? Damals hatte ich dir versprochen, dass ich es Mama und Papa nicht sage. – Das habe ich auch nie getan.«
   »Aber …?«
   »Weißt du noch, wie du mich gegen deinen Willen gedeckt hast, als ich in den ersten Wochen nach meiner Aktivierung als Rivalin Roumen gejagt habe? Ich dachte, ich höre auf, sobald ich energetisiert worden bin. Doch dann wurde ich süchtig nach Aelumina.«
   »Ja, nur woher …?«
   »Mels«, begann ich und schluckte den Klumpen hinunter, der plötzlich in meinem Hals steckte. »Ich brauche Dorians Hilfe.«
   Sekunden verstrichen, in denen sie nichts sagte. Schließlich räusperte sie sich. »Keine Ahnung, wie du von all dem erfahren hast, aber das beweist nichts.«
   »Ich rufe dich von einem Apparat an, der Bildübertragung hat. Habe ich die Funktion erst aktiviert, wirst du dich davon überzeugen, dass ich die Lia bin, die erst vor wenigen Monaten ihren Achtzehnten gefeiert hat.«
   Gerade als ich meinte, sie endlich an der Angel zu haben, zerschlug sie meine Hoffnung. »Wer auch immer du bist, jemand muss dir dringend helfen. Allerdings nicht mein Schwager, sondern ein Arzt. Ich wünsche dir, dass du schon bald einen Geeigneten findest.«
   Sie hatte aufgelegt. Meine Finger schnellten über die Tastatur. Noch ein letzter Versuch. Es klingelte und klingelte. Eine Minute verstrich, dann eine weitere. Niemand ging ran.
   Enttäuscht seufzte ich. Mona hielt meinen Anruf für einen Streich. Meine Schwester tat es als Unfug ab, dass mir der Zeitsprung gelungen war. Mama konnte ich nicht erreichen, und mein dreiundzwanzigjähriges Ich trieb sich im Ausland herum.
   Ich lehnte mich gegen die Wand und schloss für einen Moment die Augen. Mein Nacken schmerzte. Meine Schläfen pochten. Mir war etwas übel.
   Auf dem Weg zur S-Bahn durchsuchte ich die geheimen Innenfächer meines Rucksacks nach Geld. Nachdem ich Platz im vorderen Abteil genommen hatte, zählte ich die Scheine und die Münzen im Inneren des Rucksacks.
   »Wow«, hauchte ich entrüstet, als ich das Geld in meinen Händen sah. Ich rieb die Scheine zwischen meinen Fingern, weil ich hoffte, einen zusätzlichen Zehner oder Fünfer zu finden. Doch da war nichts.
   Innerhalb eines Tages hatte ich fast die Hälfte meines Bargelds verbraucht. Ich rechnete zwar nicht damit, länger in dieser Zeit festzusitzen. Aber da ich nicht abschätzen konnte, ob es sich um Tage oder Wochen handeln würde, sollte ich versuchen, sparsamer zu sein.
   Ich hatte mir den Weg zur Jugendherberge aufgezeichnet; Von der S-Bahn-Station links und dann rechts abbiegen, dem Straßenverlauf bis zur Kreuzung folgen, die Straße überqueren und dann einen sehr weiten asphaltierten Umweg um ein Feld nehmen. Die letzten siebenhundert Meter musste ich also unter sengender Frühlingssonne zurücklegen. Hatte ich gestern noch gefroren, so litt ich heute unter der Hitze.
   Mir war, als verlängerte sich der Weg mit jedem meiner Schritte, anstatt an Metern zu verlieren. Genervt seufzte ich und blieb stehen. Ein Blick nach rechts, einer nach links, einer zurück. – Im Umkreis von mehreren Hundert Metern hielt sich niemand in meiner Nähe auf. Also beschloss ich, meinen Weg abzukürzen. Die weiche Erdschicht gab ein wenig unter mir nach.
   Nun hatte ich die Reihenhäuser erreicht, über denen mehrstöckige Häuser ragten. Mein wachsamer Blick schweifte über die Fenster. Sie standen gekippt oder waren geöffnet, aber niemand schaute heraus. Da versank mein Fuß in einer Mulde. Schmerz durchzuckte mich und riss mein Blick von den Gebäuden.
   Ich erstarrte mitten in der Bewegung. Zwei Roumen. Keine drei Meter von mir entfernt. Eine Frau im Kleid mit hohen Schlitzen. Ein Mann mit flachem, nackten Oberkörper. Eine Stoffbahn bedeckte seinen Unterleib wie eine Tunika. Narben durchzogen ihre Arme und Beine.
   Beide taxierten mich. Waren ebenfalls wie versteinert, als hätte ich sie bei einer Untat erwischt. Die Hand der Frau suchte die des Mannes. Ihre Finger verkeilten sich ineinander. Die andere Hand hielt sie schützend über dem Bauch wie eine Schwangere. Doch sie schien kein Kind zu erwarten, denn ihr azurfarbenes Kleid wölbte sich nur über ihre Brüste.
   Roumen können keinen Nachwuchs zeugen. – Seltsam, dass mir diese Banalität in den Sinn kam. Wahrscheinlich flüchtete mein Verstand in bereits Bekanntes, um sich nicht mit dem eigentlichen Problem zu beschäftigen.
   Ihre Haut war von einem ungewöhnlichen Blau. Die Wangen waren eingefallen. Ringe unter den Augen zeugten von schlaflosen Nächten. Aber in den Augen lag ein wacher und achtsamer Ausdruck. Und etwas anderes wurde mir auf einmal klar: Hass und Hunger. Unter meinen Achseln brach Schweiß aus. Die Handinnenflächen wurden feucht. Wo war bloß die gelangweilte, sensationslüsterne Oma, wenn man sie brauchte?
   Noch immer rührte sich niemand von uns. Sie durchbohrten mich mit Blicken. Ihre Brustkörbe hoben und senkten sich rasch. Mein Herz hämmerte wie wild. Ich wusste, dass sie mir die Angst ansahen, dass sie sie rochen. Zu zweit waren sie mir, einer inaktiven Rivalin, überlegen. Angenommen, sie hätten bereits seit einer Weile keine menschliche Energie abbekommen, so würde ihnen der Organismus garantiert einen Adrenalinstoß verpassen. Gerade so viel, wie sie brauchten, um mich niederzureißen und unter sich zu begraben.
   Grimmig starrte ich zurück. Ich mochte meine Fähigkeiten vorübergehend verloren haben, mein Lebenswille jedoch würde dafür sorgen, dass ich mich bis zum bitteren Ende verteidigte. Bis ich nicht mehr aufrecht stehen und keinen Stein oder Stock mehr heben könnte, um mich zu verteidigen.
   Meine Nerven vibrierten. Ich hielt die Spannung nicht länger aus. Mit geballten Fäusten machte ich einen Schritt auf sie zu. Plötzlich riss die Frau die Arme hoch. Der Mann tat es ihr gleich. Mit offenem Mund sah ich sie an. Gaben sie mir gerade tatsächlich zu verstehen, dass sie nicht auf einen Kampf aus waren?
   Sie rührten sich nicht. Die Schärfe wich aus ihrem Blick …
   … bis etwas hinter mir ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Da flammte die Furcht wieder in ihnen auf. Nur einen Wimpernschlag später schossen sie wie dunkelblaue Kugeln quer über das Feld und verschwanden hinter einem Geräteschuppen.
   In meinem Blickfeld tauchten Gestalten auf. Ich riss den Kopf nach links, dann nach rechts und stieß vor Schreck einen Schrei aus. Ich war zwischen zwei Roumen eingekeilt. Ihre Hautfarbe war ein wenig heller als die des Paares, das geflüchtet war. Ihre schlitzförmigen, senkrechten Pupillen verengten sich. Sie grinsten.
   Ich wirbelte herum und setzte zur Flucht an. Doch nach nur zwei, drei Schritten stoppte ich. Ein dritter Roumin war wie aus dem Nichts vor mir erschienen. Während ich zurücktrat, blickte ich mich hektisch um. Die Roumenmänner rückten zusammen.
   »Was zur Hölle …?«, entfuhr mir. Nur unerfahrene Roumen wagten es, bei Tageslicht neben einer Siedlung zu jagen. Ihren gut genährten Gesichtern nach zu urteilen, schienen diese allerdings weder Neulinge noch ausgehungert zu sein.
   Von allen Seiten eingekeilt tat ich das Einzige, was mir blieb: Ich wollte an ihnen vorbei. Aber kaum hatte der Roumin zu meiner Rechten einen Schritt in meine Richtung getan, spannte sich um mich eine Barriere aus Farben. Auf einmal war ich wie paralysiert. Die Muskeln erzitterten, als stünde ich unter Strom. Ich versuchte, um mich zu schlagen und treten. Doch mein Körper wurde schwer.
   Wut entbrannte in meinem Bauch und drängte sich nach oben. Je höher sie wanderte, desto mehr verdichtete sie sich zu einem hochexplosiven Geschoss. Schließlich kulminierte sie in einem gellenden Schrei. Dieser versetzte mir einen solchen Energieschub, dass es mir gelang, die Kontrolle über meinen Körper zurückzugewinnen. Verbissen kämpfte ich mich durch das Energiefeld. Bei jeder Regung zuckten die Muskeln unkontrolliert und jagten unangenehme Schmerzen durch den Körper.
   Weiter, immer weiter!, spornte ich mich an.
   Noch ein Schritt, und ich hatte es geschafft. Plötzlich konnte ich mich wieder frei bewegen.
   Ohne mich umzusehen, lief ich los. Menschen!
   Etwa einen halben Kilometer zu meiner Linken stiegen welche in einen Wagen. Ich schrie um Hilfe. Eine Frau schaute zu mir herüber.
   »Rufen Sie die Polizei«, flehte ich.
   Ein Roumin tauchte vor mir auf. Instinktiv wich ich ihm aus und hastete weiter. Mir rann der Schweiß von der Stirn. Mein Atem ging schnell. Zwei Roumen befanden sich auf einmal zu meiner Linken und Rechten. Wenn ich erneut ein Ausweichmanöver wagte, würde mich einer von ihnen schnappen. Hätte mich der Dritte von hinten eingeholt, wäre ich wieder in ihrem Magnetfeld gefangen.
   Ich sah die Kreaturen an, die mit mir Schritt hielten. Wenn sie es darauf angelegt hätten, hätten sie mich längst in ihrer Gewalt. Zum gegebenen Zeitpunkt überstieg ihre körperliche Kraft die meine bei Weitem. Doch wie es aussah, spielten sie nur mit mir. Ich war ihre Maus, das Menschlein, das ihrer Unterhaltung diente. Diese Erkenntnis drehte mir den Magen um. Ich beschleunigte die Geschwindigkeit.
   Da hatten die Roumen entschieden, dass es an der Zeit war, der Jagd ein Ende zu bereiten. Ihr dritter Verbündeter, der sich bisher im Hintergrund gehalten hatte, flog als eine purpurfarbene Kugel in einem Bogen über meinen Kopf hinweg. Bevor ich zur Seite hechten konnte, hatte ich unabsichtlich die Distanz zwischen ihm und mir verringert. Binnen Sekunden schossen von einem Roumin zum anderen Wände aus rotem und orangefarbenem Licht. Wieder war ich eingesperrt. Wieder zerrten gewaltige Kräfte an meinen Muskeln, als wollten sie jeden Strang einzeln herauslösen. Vor Schmerz kreischte ich.
   Ich wusste zwar, dass ich in diesem Jahr, in dem ich feststeckte, sterben würde. Aber so – und zudem, wo ich erst vor wenigen Monaten volljährig geworden war – hatte ich mir mein Ende nicht vorgestellt. Abermals strengte ich mich an. Versuchte, mich durch das gleißende Licht zu bewegen. Doch sie standen unter permanenter Anspannung.
   Mein Körper wurde schwer. Die Lider fielen zu …
   Schreie, Kampfgebrüll und Zischen drangen in meine Ohren. Mit einem Schlag hatte sich das Kraftfeld aufgelöst. Die Beine gaben unter mir nach, und ich fiel zu Boden. Meine Finger bohrten sich in die Erde.
   Drei Jugendliche hatten es mit den Roumen aufgenommen.
   Ein junger Mann feuerte abwechselnd mal auf den einen, dann auf den anderen Roumin. Die kleinere der beiden Frauen, die beleibter war, hatte sich von einem schimmernden Kokon aus Licht gehüllt und hielt einen der Gegner gefangen. Er zappelte und zuckte wie ein Fisch im Netz. Noch ein paar Sekunden, und er würde aus ihrem Bann ausbrechen. Kaum hatte sie Jess! gerufen, eilte die Frau mit dem streng zurückgebundenen Pferdeschwanz zu ihr und hielt abrupt vor dem Roumin an. Ihr Energieschwall, die Aura, erfasste den Roumin mit der Wucht eines heranrollenden Zuges. Rechtzeitig war die Kleinere der beiden ausgewichen, sodass der Roumin an ihr vorbeiflog, als wäre er von einem Riesen geschleudert worden.
   Ich richtete mich auf.
   »Tom!«
   Mein Blick folgte dem ihren. Ihr Begleiter steckte in den Fängen von zwei Roumen.
   »Mandy!«
   Die Frau hatte dem Roumin den letzten Stoß versetzt und riss den Kopf hoch. »Komme!«
   »Bist du eine Rivalin?«, fragte Jess.
   Ich nickte.
   »Formieren wir uns«, entschied Mandy. Beide positionierten sich in einem Abstand von etwa drei Metern auf derselben Höhe. – Zwischen ihnen die Roumen.
   »Worauf wartest du? Nimm deine Position ein«, herrschte mich Jess an und bedeutete mir hektisch, mich hinter die Roumen zu stellen. Jess und Mandy hatten anscheinend vor, die Roumen mit ihren eigenen Tricks zu schlagen.
   Ohne die Roumen aus den Augen zu lassen, eilte ich an den mir vorgesehenen Platz. Nichts passierte. Mittlerweile kämpfte Tom gegen die Schläfrigkeit an. Dass die Roumen von Rivalen umzingelt waren, schien sie nicht weiter zu stören.
   »Ein bisschen mehr nach vorn …«, wies mich Mandy an. »Jetzt nach links. Nein, nicht so weit. Rücke noch ein Stück vor.«
   »Kein Wunder, dass sich die Mistkerle nicht wehren.« Jess fluchte und spuckte den Roumen vor die Füße. »Sie hat gelogen. Sie ist keine Rivalin.«
   »Hey, meine Kräfte sind im Moment nur gesperrt«, entgegnete ich.
   Jess hörte nicht zu. Aus einer Entfernung von einem Meter befeuerte sie eines der Wesen. Innerhalb von ein paar Sekunden sammelte sich Rivalenaura um ihre Arme, wenn sie sie anzog. Mit einem kräftigen Stoß, als drückte sie jemanden weg, schoss sie Energie ab. Zwei, drei Wiederholungen, und der Roumin drückte sein Kreuz durch und schrie ein letztes Mal, bevor er zu Boden ging.
   Kaum hatte der letzte Roumin Tom losgelassen, eilte Jess zu ihm, um ihn zu stützen.
   Der Roumin nutzte meine Verwirrung und Mandys Unachtsamkeit aus und attackierte das Mädchen von hinten. Jess war nicht entgangen, dass er Mandy in seiner Gewalt hatte. Dennoch unternahm sie nichts, obwohl sie Tom nicht mehr halten musste.
   Ich nahm Anlauf und wollte mich seitlich gegen den Roumin werfen, als ich in Jess’ finsteres Gesicht blickte. Mir war, als wollte sie mir signalisieren, ich möge mich heraushalten. Warum, fand ich heraus, nachdem sich Mandy geschickt aus dem Griff herausgewunden hatte. Paradoxerweise lief sie nicht weg, sondern packte seinen Arm. Ihre Aura flammte auf. Hatte Jess noch vor Sekunden die ihre abgestoßen, so weitete Mandy die ihre gerade aus. Angesichts der Gefahr, die ihm drohte, riss der Roumin die Augen weit auf und versuchte, Mandy abzuwimmeln, doch ihr Griff war eisern.
   Ein Schrei ertönte. Als ich den Kopf herumriss, sah ich Tom nach der Pistole zu seinen Füßen greifen.
   Eine Hand schloss sich um meinen Arm. Kälte kroch durch den leichten Stoff. Mir war, als bohrten sich Anker – kaum größer als ein Stecknadelkopf – in meine Haut, und als reiße jemand daran.
   Ein Laser zischte an mir vorbei. Der Roumin schrie auf. Sobald er mich losgelassen hatte, hechtete ich zu Tom und Jess.
   »Bist du okay, Jess?« Noch immer hielt er die Pistole auf den Gegner gerichtet.
   »Geht so«, murrte sie.
   »Hast du einen Freund?«, hörte ich Tom fragen, der zu mir herüberschaute. Verwirrt sah ich ihn an. Zufällig streifte mein Blick die zweite Waffe, die im Holster lag.
   »Wenn ich bejahe, wirst du mich nicht mehr beschützen?«, fragte ich zurück.
   Toms Lippen verzogen sich zu einem schelmischen Grinsen. »Könnte sein.«
   »Dann verteidige ich mich am besten selbst!«
   Als Tom empört aufschrie, hatte ich seine Ersatzpistole bereits aus dem Holster gerissen und gab einen Schuss auf den Roumin ab.
   Ich hatte nur ein Mal geblinzelt, da stand der Gegner vor mir. Bevor ich reagieren konnte, hatte der Roumin mit einer Hand ausgeholt und ließ sie niedersausen. Schmerz strömte von meiner Hand in den Unterarm, und die Waffe entglitt mir. Toms Laser zischten durch die Luft. Der Roumin machte einen Satz zur Seite.
   Rasch hob ich die Pistole auf und zielte erneut auf ihn. Ich drückte ab. Ein Mal, zwei Mal, drei Mal. Meine Laser verloren sich im Nichts. Zu schnell reagierte der Roumin. Doch was bei mir nicht klappte, gelang Tom umso besser: Jeder seiner Laser fraß sich in die Haut des Wesens. Dunkles Blut schoss aus der Wunde.
   »Also?« Tom blickte mich an, als wäre ich ihm eine Antwort schuldig.
   »Was?«
   Er grinste. »Hast du einen Freund?«
   »Dass ich dir die Pistole abgenommen habe, müsste dir eindeutig signalisiert haben, dass …«, begann ich und stockte, weil sich der Roumin in eine Aura aus Feuerrot hüllte.
   Mit nur einem Schuss sorgte Tom dafür, dass die Aura verschwand. »… es ganz klar ein Vielleicht war«, beendete er meinen Satz.
   Ich öffnete den Mund, um zu protestieren.
   »Das fasse ich nicht!« Jess stampfte auf uns zu. Ihre Freundin Mandy sperrte derweil Aelumina in einen durchsichtigen Behälter ein. »Ihr flirtet mitten auf dem Kampfplatz?«
   »Wir sind doch fertig.« Um seine Worte zu untermauern, wies Tom auf den Roumin, der ein paar Schritte in die entgegengesetzte Richtung taumelte und schließlich in sich zusammenfiel. Aus seinem Rücken trat Aelumina heraus und erstrahlte in kräftigen Farbtönen.
   »Jeden Moment könnten weitere Gegner antanzen.« Jess stemmte die Fäuste in die Hüften und funkelte ihn böse an. Ihre ohnehin schon schmalen Lippen wurden zu einer Linie, wie von einem Bleistift gezeichnet.
   »Spürst du welche?«, fragte ich. Was würde ich darum geben, dass meine Sinne ebenso geschärft wären!
   Auf einmal richteten sich alle Blicke auf mich. Ehe ich mich versah, hagelte es Fragen.
   »Warum hast du dich als Rivalin ausgegeben?«, klagte mich Jess an. »Wolltest du dich wichtig machen?«
   »Hi.« Mandy trat zwischen mich und Jess. »Ich bin Mandy. Wie heißt du?«
   »Was hast du hier verloren?« Jess hatte sich an Mandy vorbeigedrängt und baute sich vor mir auf.
   Trotzig blickte ich zu ihr hoch. Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte ich, wie sich Tom zu mir gesellte.
   »Bist du glücklich in deiner Beziehung?«
   »Was? Ich … äh …« Mein Blick huschte von einem Rivalen zum anderen.
   »Haben sie dich verletzt?« Wieder Mandy.
   »Ihr fehlt doch nichts. Lieber soll sie sagen, weshalb sie sich als Rivalin ausgibt!«
   »Warum hackst du auf ihr herum, Jess?«, mischte sich Tom ein.
   »Leg du dich bloß nicht mit mir an.« Jess durchlöcherte ihn mit ihren Blicken.
   »Leute, wir sollten abhauen.« Ohne von ihrem Smartphone aufzusehen, schob sich Mandy zwischen sie. »Die ADP ist gleich hier.«
   »Coole App.« Das war das Einzige, das ich nach ihrer Wortsalve geäußert hatte.
   Tom klopfte den Schmutz von seiner Hose und fuhr sich durch das dunkle Haar. Nach wie vor klebte Jess’ Blick an ihm, doch er beachtete sie nicht weiter. »Witzig ist, dass sie etwas Ähnliches haben, um uns aufzuspüren.«
   »Komm mit uns«, schlug Mandy vor.
   »Ja!« Tom lebte auf. »Wir werden uns besser kennenlernen.«
   »Habt ihr sie nicht alle?« Jess’ Nasenflügel bebten. »Die ist ein Zivi.«
   »Wen nennst du hier Zivi?«, donnerte ich. »Vor nicht allzu langer Zeit war ich genauso eine Rivalin wie du. Aber irgendetwas hat mich entmachtet.«
   Mein Ton hatte Jess zusammenzucken lassen, doch dann verschränkte sie die Arme vor der Brust und blickte auf mich herab.
   »Sie nahen«, warnte Mandy.
   »Hauen wir ab«, entschied Jess und warf mir einen finsteren Blick zu, aus dem ich deutlich herauslas, dass Wir mich nicht einschloss.
   Sie rannten los in die Richtung, die ich ursprünglich einschlagen wollte, ehe ich von Roumen angegriffen worden war. Unter ihren Füßen schossen Steinchen und Erdklumpen hervor.
   Wachsam schaute ich mich um. Noch hörte ich und sah ich nichts.
   Tom hatte die Jugendlichen überholt. Während sich Jess vergeblich bemühte, mit ihm mitzuhalten, gab Mandy ihr Bestes. Dennoch blieb sie weit hinter den beiden zurück. Mir entging nicht, wie sie sich nach mir umgedreht hatte und dabei etwas fallen ließ.
   Ihre Fährte nahm ich erst auf, nachdem das Trio hinter den Reihenhäusern verschwunden war. Aus der Ferne drang das Sirenenheulen. Mit jedem Meter, den ich zwischen mir und Mandys Gegenstand minimierte, tönte es lauter. In wenigen Sekunden hätten mich die Maschinen erreicht.
   Das Ding, das sich in die Erde gegraben hatte, glich einem Smartphone und passte komplett in meine Handfläche. Kaum hatte ich es an mich gerissen und in die Hosentasche gesteckt, lief ich zu einem Maschendrahtzaun.
   Die Sirenen der ADP schrillten. Deshalb nahm ich Anlauf, stützte mich am Metall ab und schwang mich über den Zaun. Sobald ich festen Boden unter den Füßen spürte, setzte ich meine Flucht fort. Ich eilte durch wild wucherndes Gras und umkurvte scheinbar willkürlich eingepflanzte Bäume. Ich kam an einem heruntergekommenen Häuschen vorbei, dessen Fenster mit Brettern vernagelt waren, und verließ das Grundstück durch ein Loch im Zaun.
   Unter dem Blätterdach der Bäume hastete ich die Straße hinunter. Dem Lärm nach zu urteilen, befanden sich die Polizisten in meiner Nähe. Noch schwebten sie nicht über mir.
   Ich riss den Kopf herum, suchte nach einer Ausweichmöglichkeit. Hechtete über eine Hecke, stolperte, raffte mich wieder auf und rannte weiter.
   Zwischen hohen Hecken blitzte das Dach eines Spielplatzhäuschens silbern auf. Vom Schweiß durchnässt, flitzte ich durch das Gebüsch, vorbei an Müttern, die sich über etwas so sehr ereiferten, dass sie kein Wort darüber verloren, als ich mich durch die schmale Öffnung des Häuschens zwängte.
   Beißender Geruch von Urin und der süßliche von etwas Essbarem stiegen mir in die Nase. Angeekelt hielt ich mir den Ärmel vor den Mund und versuchte, durch den Stoff zu atmen. Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen die Holzwand. Die Kleidung klebte am Körper. Ich hörte, wie die ADP-Maschinen lärmend durch die Gegend zogen. Da kletterte ein Mädchen – kaum älter als sechs – die Stufen hinunter. Als es mich erblickte, stutzte es. Ich legte den Zeigefinger auf meine Lippen und lächelte. Ohne ein Wort huschte es aus dem Versteck.
   Nachdem die Sirenen verstummt waren, wartete ich noch ein paar Minuten. Wer wusste, ob die Beamten nicht in der Nähe patrouillierten?
   Nach einer Weile hatte ich das Häuschen verlassen.
   »He, das ist ein Kinderspielplatz«, rief eine der Mütter. »Was hast du da drin gemacht?«
   Auf einmal gebührte mir die Aufmerksamkeit aller anwesenden Erwachsenen.
   Ich strich mein Oberteil glatt und reckte das Kinn. »Was wohl? Ich habe den Aktienkurs studiert.«
   »Gerade eben war doch die ADP in der Nähe«, rief eine andere Frau. »Ich wette, dass sie dieses Mädchen gesucht haben.«
   »Bleib stehen«, verlangte jemand.
   Ich schaute mich kein einziges Mal um, als ich den Spielplatz hinter mir ließ.
   Meine Beine trugen mich vorwärts. Ich hatte keine Ahnung, wie weit ich mich von der Jugendherberge entfernt hatte. Ich ging immer weiter, bis ich einen Laden entdeckte. Kurze Zeit später verließ ich ihn mit Wasserflaschen und ein paar Snacks und ließ mich auf einer Bank nieder. Dann zog ich Mandys Smartphone hervor und drückte so lange ein paar Knöpfe und wischte über die Oberfläche, bis das schwarze Display aufleuchtete.
   Eine Zeit lang waren die Smartphones noch größer und unhandlicher als Geldbörsen für Menschen, die viel Platz benötigten, um sie mit Kleingeld, Scheinen und einer Flut an Karten zu stopfen. Nun jedoch ging der Trend wieder zum kleinen Gerät. Handlich war es schon, stellte ich fest. Doch das Smartphone hatte einen entscheidenden Nachteil. Das Nagelbett meines kleinen Fingers wirkte neben den Symbolen wie ein Wolkenkratzer. Das elektronische Adressbuch mit der Fingerspitze aufzurufen, entpuppte sich fast als eine Tagesaufgabe. Sobald ich es nämlich berührte, erwischte ich gleichzeitig entweder die Spiele oder die Playlist. Ärgerlicherweise zog das Adressbuchsymbol stets den Kürzeren.
   Nachdem ich es endlich geschafft hatte, scrollte ich durch die Liste. Familie klang gut. Ich wählte die Nummer.
   »Du hast mein Smartphone also gefunden.«
   »Können wir uns treffen, damit ich es dir zurückgeben kann?«
   Mandy fragte mich, wo ich sei. In wenigen Minuten, meinte sie, komme sie vorbei.
   Eine Weile lang spazierte ich auf und ab. Da rollte ein Saab heran, der den Anschein erweckte, aus mehreren Einzelteilen zusammengestellt worden zu sein. Farblich passten die Töne allerdings.
   »Netter Wagen«, bemerkte ich, als die Fahrerin die Fensterscheibe heruntergekurbelt hatte.
   »Danke.« Mandy lächelte und entblößte ein Zungenpiercing. »War eine Extraanfertigung aus schrottreifen Ersatzteilen.«
   Anerkennend nickte ich und fragte mich, wie viel sie das Recyclingprojekt wohl gekostet haben mochte.
   »Den Motor habe ich aus einem alten Modell ausbauen lassen.«
   Ich reichte ihr das Smartphone. Dankend nahm sie es an.
   »Wie heißt du?«
   »L… Gia.« Vielleicht wäre es besser, wenn so wenige Menschen wie möglich meinen wahren Namen kannten.
   Sie streckte die Hand aus dem Fenster und schüttelte die meine. »Bei mir gibt es heute was Leckeres. Hast du schon zu Mittag gegessen?«
   »Ich, äh … Vielleicht möchten deine Eltern im Kreise der Familie essen?«
   Verwundert sah sie mich an. In welche Richtung auch immer ihre Gedanken wanderten, sie könnten von der Wahrheit nicht weiter entfernt sein. Ich fürchtete nicht, dass sie mich nicht am Esstisch dulden könnten. Eher machte ich mir Sorgen, dass sie mich über mein Leben und meine Familie ausquetschen würden. Und ich hatte keine Ahnung, ob ich spontan lügen und mir die Details meines erfundenen sozialen Hintergrundes über einen längeren Zeitraum hinweg merken könnte.
   »Für sie wäre es kein Problem. Aber wir fahren zu mir«, sagte sie munter. »Keine Angst, ist nur ein Mittagsessen.«
   Wenn Mandy lächelte, wirkten ihre Wangen noch runder. Aus irgendeinem Grund glaubte ich, ihr vertrauen zu können. Vielleicht, weil ihr herzliches Lächeln echt war? Vielleicht, weil sie mir gegenüber auf dem Kampffeld von Anfang an keine Ablehnung gezeigt hatte?
   Also stieg ich ein.
   Daran würde ich mich auch nach Jahrzehnten erinnern, sollte ich älter als dreiundzwanzig werden, ging mir durch den Kopf: Im Radio liefen Lieder von Interpreten, von denen ich keinen kannte. Mandy erzählte, wie sie und ihre beiden Freunde in der Nähe Eis gegessen hatten, als die App ihnen mitteilte, dass Roumen in der Nähe waren. Sie jonglierte mit Namen von Programmen und fragte mich ab und zu nach meiner Meinung, worauf ich ihr ausweichend und verspätet antwortete. Meine Aufmerksamkeit galt nämlich der Welt hinter den Fensterscheiben; den Kids, die sich auf Sprungfedern vorwärtsbewegten, den Taxiautos, deren verdunkelte Scheiben nicht darüber hinwegtäuschten, dass nur die hinteren Plätze besetzt waren, oder den kleinen Drohnen mit in der Sonne glänzenden Panzern, die Pakete zu den oberen Stockwerken von Hochhäusern transportierten.
   Ich fühlte mich wie ein Zuschauer, der vor dem Fernseher saß. Nur dass meine Darsteller und Kulissen permanent wechselten und mich immer wieder mit etwas Neuem überraschten.
   »Gleich haben wir es geschafft«, sagte Mandy, während ich junge Männer auf Haverboards beobachtete.
   Sie bog in eine Neubausiedlung ein, wo sich ein elegantes Haus an das andere reihte. Charakteristisch für das Viertel war, dass keines der Gebäude mehr als drei Etagen zählte. Die Häuser erweckten den Eindruck, aus riesigen Blöcken zusammengesetzt worden zu sein. Ihr Weiß war so hell, dass es im Licht der Sonne strahlte. Einzelne magentafarbene, mintgrüne oder leuchtend blaue Elemente wie Quader und Quadrate ragten in die Blöcke hinein, als hätte ein Riese sie scheinbar willkürlich in die Einheiten gefügt. Und doch ergaben sie ein stimmiges Ganzes.
   Nirgendwo lagen Zweige, Laub oder Papiere auf dem Asphalt. Denn glänzend-schwarze Roboter – kaum höher als ein halber Meter – bearbeiteten die Siedlung. Einen von ihnen ließ Mandy passieren, ehe sie abbog und den Wagen parkte.
   »Meine Eltern haben die Dreizimmerwohnung für uns gekauft, als ich sechzehn geworden bin. Mein Bruder Theo und ich sollten darin wohnen«, erklärte sie und drückte ihre Hand auf eine ovale Form an der Wand. Die Leiste neben der Handlinienerkennungsplatte leuchtete grün auf, und die Tür gab ein Geräusch von sich, als wäre der Bolzen zurückgefahren.
   »… Seit vergangenem Jahr wohnt mein Bruder aber nicht mehr hier«, fuhr sie fort, während sie die Schuhe im Flur auszog. Ich tat es ihr gleich. »Doch wann immer er Semesterferien hat, nistet er sich hier ein und hinterlässt einen Saustall. – Ach, entschuldige. Die ganze Zeit texte ich dich zu.«
   »Macht nichts«, murmelte ich. Während ich ihr hinterhertrottete, schaute ich mich neugierig um.
   In die Wand eingelassene Displays unterrichteten den Betrachter über die Innen- und Außentemperatur. Darüber hinaus lieferten sie Abkürzungen und Daten, mit denen ich nichts anfangen konnte. Eine melodische weibliche Stimme – wohl die Nachfahrin von »Alexa« – erkundigte sich nach meinem Namen. Nach kurzem Zögern gab ich ihn ihr preis, worauf sie mich und die Hausherrin höflich willkommen hieß. Im Wohnzimmer zog ein Roboter seine Bahnen, während der andere die Regale abstaubte.
   Leise seufzte Mandy. »Die eKeepers sind ja immer noch nicht fertig.«
   »eKeepers?« Ich runzelte die Stirn.
   »Electronic Housekeepers«, erklärte sie und musterte mich mit unverhohlenem Interesse.
   Ich spürte, wie mir Hitze in die Wangen schoss. Für sie mochten die Begriffe selbstverständlich sein, aber wenn ich nachhakte, outete ich mich als Nichtkenner. – Und das als eine junge Erwachsene. Dabei wusste doch jeder, dass Mädchen und Jungs in meinem Alter zu den Pionieren zählten, wenn es um technische Neuheiten ging.
   »Ich bin auf dem Land aufgewachsen«, log ich und ließ den Blick durch den Raum schweifen. »Meine Eltern hatten wenig technischen Schnickschnack zu Hause.«
   »Oh.« Mandy machte ein betretenes Gesicht.
   Lächelnd zuckte ich mit den Schultern. »Jetzt hole ich Versäumtes nach.«
   Mandy nickte. Sie wandte sich an die Roboter. »Pamidala, Knobi – Ruhezustand!« Die eKeepers stießen einen feinen Ton aus, als wollten sie Ja sagen, und trollten sich lautlos davon.
   Mein Blick wanderte vom cremefarbenen Sofa über den Fernsehtisch aus Glas zur Einbauwand. Gerade wollte ich fragen, warum der Platz, wo in den Haushalten normalerweise der Fernseher stand, leer war, da fesselten mehrere Hologramme meinen Blick. Die Miniaturausgaben von Menschen standen als 3-D-Versionen auf einer schwarzen Platte, die nicht viel größer als eine Postkarte war.
   Fasziniert betrachtete ich die kleinen Geschöpfe, die fast lebensecht aussahen. Mandy hatte ich sofort erkannt.
   Mandy trat zu mir. »Meine Familie.«
   Ihr Bruder, ein schlaksiger junger Mann, hatte sich in den Hintergrund gestellt. Es war unverkennbar, dass er nach seiner Mutter kam. Mandy glich von der Körperstatur her ihrem Vater; einem robusten Mann, der den Anschein erweckte, als könnte er mit bloßen Händen Bäume ausreißen.
   »Auf diesem Bild schaut Papa grimmig. Das liegt daran, dass er ein paar Tage vor der Aufnahme eine neue Filiale im Ausland eröffnet hat und einige Probleme aufgekommen sind. In Wirklichkeit ist er witzig, geistreich und gut gelaunt.«
   Auf dem Weg in die Küche erklärte sie mir, dass er dabei war, noch stärker zu expandieren. Als sich Mandys Eltern kennengelernt hatten, war ihre Mutter als Vertriebsassistentin tätig gewesen. Nur kurz darauf fing sie an, für ihn zu arbeiten. Daran habe sich nichts geändert, meinte Mandy. Daheim habe die Mutter die Hosen an, allerdings sei nicht klar, räumte sie grinsend ein, wer im Büro das Sagen habe.
   War Mandys Wohnzimmer in hellen Farben gehalten, so präsentierte sich die Küche in einem beige-braunen Ton, der unweigerlich meinen Appetit auf Kaffee weckte. Mein Blick schweifte über die Geräte aus gebürstetem Edelstahl, bis ich auf den Kaffeeautomaten stieß. Auf meine Bitte hin schaltete Mandy ihn ein. Surrend mahlte und brummte er.
   »Papa hätte mich am liebsten im Laden an seiner Seite gesehen. Aber Einkauf und Verkauf sind nicht mein Ding«, sprach sie. »Viel lieber arbeite ich mit Menschen, vor allem mit Kindern. Deshalb habe ich eine Ausbildung zur Kinderkrankenpflegerin absolviert.«
   Sie öffnete die Kühlschranktür. »Eier auf Florentiner Art. Dazu Hähnchen in Tomatensoße.«
   »Hallo, Mandy«, grüßte eine Stimme aus dem Kühlschrank. »Ihnen fehlt Spinat. Möchten Sie Spinat nachbestellen?«
   Mandy drehte sich zu mir um. »Soll ich eine Drohne losschicken?«
   Ich zuckte mit den Schultern.
   »Okay, ich habe eine andere Idee. Ofen an«, sagte sie, und der Ofen leuchtete auf. »Vorheizen.«
   Keine zehn Minuten später hatten wir die Hähnchenstreifen in der Auflaufform mit passierten Tomaten übergossen und mit Kräutern garniert. Ich schob die Form in den Ofen. Derweil holte Mandy Gemüse aus dem Kühlschrank.
   Gemeinsam schnitten wir Tomaten, Gurken, Zwiebeln und Mozzarella für den Salat. Ich fragte, wie sie aktiviert worden sei, und Mandy erzählte von einer ganz besonderen Partynacht kurz nach ihrem achtzehnten Geburtstag.
   »Tom, ein anderer Freund und ich gingen gerade in Richtung Brücke, als die Sec aus den Gebüschen heraussprangen …«
   »Sec?«
   »Na, Sec! Die, die die zweite Evolutionsstufe erreicht haben. Die blauen Roumen. Wie nennt ihr sie auf dem Land?«
   Mein Blick huschte umher. »Die Blauen«, antwortete ich ausweichend und machte eine geistige Notiz: Jenes Pärchen, das mir auf dem Feld begegnet war, zählte also zu den Sec.
   »Wir mussten uns wehren«, fuhr Mandy fort. »Da stellte ich fest, dass ich eine Rivalin bin. Wann wurdest du zur Rivalin?«
   Gerade wollte ich ihr antworten, aber das Wasser hatte angefangen, zu blubbern. Ich gab Spiralnudeln in den Topf und überlegte. Wie pflegte Tim, der Anführer meiner damaligen Clique, zu sagen, wenn wir uns aus dem Haus schleichen sollten? Wenn ihr lügt, dann bleibt so nah wie möglich an der Wahrheit und schmückt wenig mit Details aus. Wer hätte gedacht, dass ich in meiner kurzen Zugehörigkeit zu jener Gruppe tatsächlich etwas Sinnvolles von einem Kleinkriminellen lernen würde?
   Es klingelte an der Tür. Mandy verließ die Küche, während ich die Nudeln umrührte.
   Einige Zeit später schlenderte Tom in die Küche herein. »Was riecht denn da so gut? – Oh, du bist es!«
   Ich errötete. »Das glaube ich kaum«, entgegnete ich. Schließlich steckte ich noch immer in den Klamotten, in denen ich gestern unterwegs gewesen war und heute auf dem Feld geschwitzt hatte.
   »Nein, ich meinte …«, wollte er einwenden, doch dann verzerrte ein schelmisches Grinsen seine Lippen. »Wobei …? Vielleicht duftest du auch ganz gut.«
   Kaum hatte ich geblinzelt, war er schon bei mir und hatte den Arm um mich gelegt. Bevor ich mich aus seiner Umarmung befreien konnte, war Jess in der Küche erschienen. Ihre Mundwinkel sanken. Der Glanz erlosch in ihren Augen. Mir gefiel ihr Ausdruck nicht. Er hatte etwas Feindseliges, was durch ihre stachelige Frisur intensiviert wurde.
   »Also, wie war das noch mal? Du bist noch zu haben?«, fragte mich Tom.
   Etwas leicht Anrüchiges lag in seiner Bemerkung und trieb mir erneut Hitze ins Gesicht. Entschieden packte ich seinen Arm und löste mich aus seinem Griff. »Wie ich bereits sagte: Ich habe einen Freund.«
   Ohne einen Kommentar wandte sich Jess ab und ging zu Mandy, die im Wohnzimmer etwas sortierte.
   »Wie heißt er denn?« Tom hatte sich gegen die Wand gelehnt und ein Bein angewinkelt. Die Hände hatte er in den Hosentaschen vergraben.
   »Wer?«, sagte ich zerstreut, weil ich mit halbem Ohr Jess und Mandy zuhörte.
   »Dein Freund?«
   »Mal ehrlich«, hörte ich Jess im Nachbarraum sagen. »Deine Menschenkenntnisse lassen echt zu wünschen übrig.«
   »Also?«, hakte Tom nach.
   »Do… Damien«, log ich und schaute wieder weg.
   »… vorletzte Woche diesen Penner angeschleppt, der die Wohnung fast in Brand gesteckt hat.«
   »Okay, Jess, ich habe mich in ihm geirrt. Aber Gia ist anders.«
   Tom war nun auch nicht entgangen, dass man über mich redete. Er tippte mir liebevoll auf die Nase. »Bin gleich zurück. Nicht weglaufen, Kleine.«
   Nachdem er die Küche verlassen hatte, wandte ich mich wieder den Nudeln zu. Aber ich rührte sie kaum um, weil ich zu sehr damit beschäftigt war, kein Wort von ihrer Unterhaltung zu verpassen.
   »Du weißt ja gar nicht, wer sie ist«, murrte Jess. »Sie könnte eine Cyber-Kriminelle sein.«
   »Gia kommt vom Land und kennt sich mit der Elektronik nicht so gut aus.«
   »Ah, ja, das naive Landei.« Jess schnalzte mit der Zunge. »Das ist die perfekte Tarnung.«
   Mich juckte es in den Fingern, doch ich schluckte meine Wut hinunter.
   »Hey, Jess«, mischte sich nun Tom ein. »Gia scheint voll in Ordnung zu sein. Lass sie in Ruhe.«
   »War ja klar, dass du sie in Schutz nimmst«, knurrte sie. »Euch ist sogar egal, dass sie behauptet hat, sie sei eine Rivalin. – Mitten im Kampf, wo wir gerade eine Formation planten. Die Aktion hätte uns fast den Kopf gekostet.«
   Tom verdrehte die Augen. »Nun übertreib nicht so.«
   »Was verheimlicht sie uns wohl noch?«
   Das Blut schoss mir in den Kopf. Die Vene an meiner Schläfe pulsierte. Mit zu Fäusten geballten Händen stürmte ich aus der Küche und stoppte unmittelbar vor Jess. Sie zuckte nicht einmal mit der Wimper.
   »Hör zu, ich kann zwar keine Energie ausstoßen, trotzdem bin ich eine Rivalin!«
   Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Aber du bist keine echte«, schmetterte sie. »Oder kannst du eine Aura abfeuern, oder wenigstens Energiekugeln?«
   »Ich konnte.« Trotzig schob ich das Kinn vor.
   »Ach ja?«
   »Ich konnte es, bis …« Ihr Blick durchbohrte mich. Mir fiel keine plausible Erklärung ein, deshalb bediente ich mich der nächstbesten, die der Realität nahe war. »… bis zu meiner Begegnung mit Drillon.«
   »Na klar.« Jess lachte spöttisch und winkte ab. »Als ob Drillon in der Lage wäre, Rivalen zu entmachten! Gib doch einfach zu, dass du keine Rivalin, sondern eine gewöhnliche Jägerin bist.«
   Blut schoss mir in den Kopf. Empört schnappte ich nach Luft und wollte etwas erwidern. Dann jedoch rang ich meinen Zorn nieder, fixierte ein Wandtattoo-Element und bemühte mich, gleichmäßiger zu atmen.
   Wen interessierte schon, was diese Frau dachte, oder wie sie mich sah? Für sie mochte ich eine Zivilistin sein und somit stand ich in der Rangfolge der Roumenbekämpfer gewiss weit unten. Doch sie hatte nicht den leisesten Hauch einer Ahnung, welche Herausforderungen ich erfolgreich gemeistert hatte, und ich würde den Teufel tun, sie einzuweihen.
   Ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen, während ich langsam ein- und ausatmete. Bestimmt wäre Dorian stolz auf mich, wenn er wüsste, wie souverän ich auf die Provokation reagiert hatte.
   »Wieso redest du so abfällig über Jäger, Jess? Sind wir dir nicht gut genug?« Toms Worte tönten leise, aber einschneidend. Er stand mit dem Rücken zu mir, und ich sah, wie sich seine Muskulatur verkrampfte. Von einem Moment auf den anderen marschierte er aus dem Raum und trat auf die Terrasse hinaus.
   Jess fuhr zusammen. Dann fasste sie sich wieder und eilte ihm nach – nicht, ohne mir zuvor einen vernichtenden Blick zugeworfen zu haben.
   »Wage ja nicht, mich dafür verantwortlich zu machen«, rief ich.
   Mandy begab sich in die Küche. Schnaubend stampfte ich ihr hinterher.
   »Nimm’s ihr bitte nicht übel«, sagte sie. »Sie steht gegenwärtig unter Stress.«
   Mit weit aufgerissenen Lidern starrte ich sie an. Wenn Mandy wüsste, in welchen Schwierigkeiten ich steckte!
   Ich sah ihr dabei zu, wie sie Nudeln umrührte. Ihren gleichmäßigen Bewegungen wohnte etwas Beruhigendes inne. Mein Zorn verrauchte. Während Jess im Garten auf Tom einredete, deckten Mandy und ich den Tisch.
   Eine Weile später hatten alle am Tisch Platz genommen. Das Essen duftete köstlich, doch der Appetit war nicht nur mir vergangen. Jess schaute mich aus den Augenwinkeln heraus an, als schätzte sie ab, wie stark sie den Arm herumreißen musste, um mir die Gabel in den Oberschenkel zu jagen. Dass sie zu meiner Rechten saß, erfüllte mich mit Unbehagen. Allerdings war dieses Arrangement immer noch besser, als ihr gegenübersitzen zu müssen.
   Ein vergleichbar unangenehmes Dinner hatte ich bisher noch nie erlebt; Jess zerstückelte mich mit ihren Blicken, während Tom die von mir übrig gebliebenen Fetzen geradezu mit den Augen verschlang. Mandys Versuche, eine Unterhaltung in Gang zu bringen, fruchteten nicht. Dass Tom mich nach meiner schulischen Laufbahn und meinen Freizeitaktivitäten befragte, lockerte die Stimmung auch nicht auf. – Im Gegenteil. Je mehr Aufmerksamkeit er mir schenkte, desto finsterer wurde Jess’ Miene. Die Furcht vor der Gabel in ihrer Hand wuchs.
   Nach dem Essen half ich Mandy, die Spülmaschine mit Geschirr zu füllen. Derweil saßen Jess und Tom im Wohnzimmer und surften im Internet. Als ich kurze Zeit später dazustieß, stand Jess demonstrativ auf und marschierte in die Küche.
   Ich nahm Platz und blickte auf den riesigen Bildschirm, der eben noch nicht an der Wand gehangen hatte. Tom hatte eine Internetseite aufgerufen und bewegte seinen Zeigefinger in der Luft. Zeitgleich bewegte sich der weiße Cursor auf dem Monitor.
   »Sec-Aelumina verlieren auch weiterhin an Wert.« Er stöhnte. »Wie immer bringen die mit höherem Rotanteil mehr.«
   »Also die von Prims?«, hakte ich nach.
   Tom setzte sich so hin, dass er mich direkt ansehen konnte. »Keine große Überraschung, was? Prims sind aggressiver und stärker. Die Sec hingegen kann man leichter besiegen.«
   »Wann haben die Roumen den letzten Evolutionssprung geschafft?«, interessierte es mich.
   Toms Lippen verzogen sich zu einem spitzbübischen Lächeln. Sein Blick wurde weicher, als hätte er erst jetzt realisiert, wer da neben ihm saß. Auf einmal rutschte er so nah zu mir, dass ich zur Armlehne flüchten musste. Er streckte den Arm aus und platzierte ihn auf der Rückenlehne. Breitbeinig saß er da. Unsere Oberschenkel berührten sich beinahe.
   »Wie heißt dein Freund noch mal?«
   Wenn er grinste, erinnerte er mich an den Schauspieler Logan Wade Lerman, der unter anderem in den Percy-Jackson-Reihen mitgespielt hatte.
   »Hm, Gia?«
   Was hatte ich noch mal gesagt? Ach ja! »Damien.«
   »Lebt er auch auf dem Land? Wo habt ihr euch kennengelernt? Auf dem Dorffest oder beim Grasmähen?«
   »Ziehst du mich auf?« Ich funkelte ihn an.
   »Nein!« Unschuldig grinsend hob er die Arme. Dann wurde sein Gesichtsausdruck für einen Moment lang ernst. »Liebst du deinen Typen?«
   »Wäre ich sonst mit ihm zusammen?« Rein theoretisch war ich das in meiner Zeit gewesen und würde es eines Tages sein, ergänzte ich in Gedanken.
   »Woher weißt du, dass die Gefühle echt sind?«, bohrte Tom nach.
   Meine Lippen umspielte ein Lächeln. »Weil ich ihn eines Tages heiraten werde.«
   »Eeeew!« Tom rutschte von mir weg wie ein Vampir vor einem Kruzifix. »Wie kann man mit nicht mal zwanzig Heiratspläne schmieden? Vielleicht trennt ihr euch in ein paar Jahren.«
   Ich lächelte geheimnisvoll und drehte den Kopf in Richtung Küche. Eben war Jess wie erstarrt gewesen, nun jedoch, da sie beim Lauschen ertappt worden war, beeilte sie sich, geschäftig mit dem Besteck zu scheppern.
   »Wie? Werdet ihr echt heiraten?«, hakte Tom nach.
   Langsam nickte ich und blinzelte kein einziges Mal. Ich unterdrückte den Wunsch, aufzulachen. Hatte nicht ich im Sommer vor einem Jahr meiner Schwester eine Standpauke gehalten, weil sie sich mit zwanzig verlobt hatte?
   »Wo ist dein Verlobungsring?«, interessierte es Tom.
   Ich kniff ihn in den Arm, worauf er lachend aufschrie und ein wenig von mir wegrutschte. »Hör auf, in meinen Angelegenheiten zu graben.«
   Mandy und Jess gesellten sich zu uns. Jess nahm auf dem Sessel zu Toms Rechten Platz, während sich Mandy zwischen uns setzte. Ihr Blick war auf den Bildschirm gerichtet, als sie einen Webseitennamen aussprach. Schon veränderte sich das Bild, und ein Forum erschien. In diversen Unterkategorien standen Sätze wie Wer verkauft seine rote Stiftsammlung? oder Großflohmarkt wegen WG-Auflösung.
   »Mandy, schau mal, ob die Armwaffe noch angeboten wird«, bat Tom.
   Eine elektronische Stimme fragte nach dem Passwort. Ah, dämmerte es mir, wir trieben uns in einem Rivalenforum herum.
   »Im hügeligen Tal«, sagte Mandy.
   »Nee, das war für eine andere Seite.« Jess schlug ein Bein über das andere.
   »Stimmt.« Mandy tippte sich an die Stirn. »Auf spiegelglattem Kieselsteinboden.«
   Nichts änderte sich. Trotzdem fing Mandy an, sich durch die Unterthemen zu wühlen. Bei einem Thema blieb sie hängen.
   »Eine Armwaffe haben sie schon verkauft«, sagte Mandy zu Tom.
   »Aber eine Handwaffe mit Doppelkammern wird angeboten«, sagte Jess.
   Ich runzelte die Stirn. In der Unterhaltung zwischen den Usern ging es um den Verkauf von einer Schubkarre und um gebrauchte Harken. Plötzlich verstand ich: Ich war tatsächlich keine Rivalin mehr. Folglich konnte ich auch nicht sehen, was sich unter dem Schleier, also hinter Sätzen wie beispielsweise Kaufe verbogene Zirkel oder Biete leere Gläser an verbarg.
   Fieberhaft überlegte ich, wie ich meine Fähigkeiten wiedererlangen konnte. Doch nur mithilfe der Zwillinge. »Darf ich mit deinem iPad ins Internet, Mandy?«
   »Klar.« Mandy erhob sich und bedeutete mir, ihr zu folgen.
   Mandys Zimmerwände schmückten Bilder von Rockstars und -legenden. Auf den dunklen Schranktüren klebten Postkarten mit Sprüchen in verschnörkelter Schrift, verlassenen Badestränden oder Sonnenuntergängen. Auf dem Tisch stapelten sich Elektrogeräte; etwas, das einem MP3-Player glich, ruhte auf einem zugeklappten Laptop. Unter tropfenförmigen, milchigblauen Kopfhörern versteckte sich ein Smartphone. Die anderen Geräte konnte ich nicht identifizieren – bis auf den Miniroboter, den Mandy beauftragt hatte, das Chaos zu beseitigen. Ein weiterer eKeeper packte ein Schuhpaar, das ein Markenname zierte, und verstaute es im Schrank.
   »Wieso jagst du eigentlich?«, wollte ich wissen. An Geld mangelte es Mandy garantiert nicht.
   Eine Strähne hatte sich aus ihrem seitlich gelegten Pony gelöst. Nun schob sie sie wieder zurück. »Keine Ahnung.«
   Ich beantwortete mir die Frage selbst: Mein Blick wanderte zum Schrank über dem Tisch voller Objekte, und ich entdeckte hinter den Glasfenstern jede Menge Hologramme. Hologramme, die Tom, Jess und Mandy in jenen Momenten festhielten, in denen sie lachten, Achterbahn fuhren oder auf einer Bank saßen. Hologramme von Mandy und anderen Freundinnen und Freunden hingegen gab es weder in diesem Raum noch im Wohnzimmer.
   »Wo befindet sich das Badezimmer?«, fragte ich sie.
   »Erste Tür rechts.«
   Kaum hatte ich den Raum betreten, begrüßte mich eine sanfte, klare Frauenstimme. Wachsam blickte ich mich um.
   »Wie heißen Sie?«
   »Wer bist denn du?«, fragte ich zurück.
   »Mein Name ist Illana. Ich führe Gesundheitschecks durch.«
   Ah, die Stimme kam aus dem Spiegel. Neugierig betrachtete ich die schmale Leiste. Es war eine Art taupéfarbener Bildschirm, der mich in weißen Buchstaben und Ziffern über die Außen- und Innentemperatur, den Feuchtigkeitsgehalt der Luft und meine Körpertemperatur informierte. Also über Dinge, die mich nicht im Geringsten interessierten.
   »Damit Sie von unseren Diensten in vollem Umfang profitieren können, scannen Sie bitte Ihre ID-Card ein.«
   »Was?«
   »Zeigen Sie bitte Ihren Ausweis.«
   »Nein, danke.«
   Illana, die Künstliche Intelligenz, ließ nicht locker. In einem freundlichen Ton bat sie mich in regelmäßigen Abständen, meinen Ausweis zu zeigen.
   Nach ein paar Minuten verließ ich das Badezimmer. Endlich hatte Mandy das Gerät gefunden. Sie schaltete es ein und drückte es mir in die Hand.
   »Illana nervt.«
   »Wem sagst du das?« Mandy stöhnte. »Da hilft nur eines: ignorieren.«
   »Kann man sie nicht abstellen?«
   »Schon«, räumte sie ein. »Aber keiner von uns weiß genau, wie. Mein Bruder könnte, doch er ist zu selten da.«
   Ich folgte ihr ins Wohnzimmer. Eben noch hatten sich Jess und Tom gegenseitig gekitzelt und gekichert, da hörten sie abrupt auf und setzten sich aufrecht hin. Mandy schaltete einen Musiksender ein. Etwas zu laut für meinen Geschmack, weshalb ich mich in die Küche zurückzog.
   Optimistisch, wie ich war, versuchte ich, meine E-Mails abzurufen. Prompt wurde mir mitgeteilt, dass meine E-Mail-Adresse nicht existierte. Klar, dachte ich. Bestimmt habe ich mir nach der abgeschlossenen Ausbildung oder dem erfolgreich beendeten Studium eine andere, eine seriöse zugelegt.
   Dann loggte ich mich auf jener Seite ein, wo ich meine Freunde gefunden hatte. Ein Umschlagsymbol im oberen Feld ließ mich wissen, dass eine Nachricht gekommen war. Sie war von meiner besten Freundin. Aufregung breitete sich in mir aus.

Hallo,
   ich habe deine Nachricht gelesen und muss zugeben, dass ich baff bin. Ich weiß nicht, ob es ein sonderbarer Scherz ist, aber ich habe beschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen.
   Wenn du tatsächlich die erst achtzehnjährige Lia Galdini bist, und wenn du wirklich durch die Zeit gereist bist, dann dürfte es dir nicht schwerfallen, mir folgende Fragen zu beantworten: Woher stammte die Narbe an meinem Oberschenkel? Mit wem habe ich mich als Teenager einen Monat lang heimlich getroffen? Welche ihrer Jugendfantasien hatte Lia mir anvertraut?


Ich krempelte die Ärmel hoch und fing eifrig an zu tippen. Die Narbe hatte sich Nel beim Klettern über die Zäune zugezogen. Fast einen Monat lang traf sie sich mit einem drei Jahre älteren Punker, einem im Grunde ganz netten Kerl, dessen Outfit Nels Eltern in Panik versetzte.
   Bei der letzten Frage machte ich eine Pause. Ich hatte Nel zwar schon vor einiger Zeit meine geheimen Wünsche und Fantasien offenbart, aber es war die andere Nel gewesen, eine, die ein Jahr jünger war als ich. Meine Antwort-E-Mail hingegen verfasste ich für Cornelia, eine erwachsene Frau. Es kostete mich Überwindung, peinliche Geschichten aufzuwärmen; Tagträume, in denen Sascha mich aus den Klauen von Vampiren oder Gangstern befreite.
   Ich holte tief Luft und drückte auf den Button Senden. Nachdem ich mich ausgeloggt hatte, wollte ich zu den anderen stoßen, doch dann hätte ich sie bei ihrer Planung gestört. Also beschloss ich, noch ein wenig sitzen zu bleiben.
   »… können morgen von mir aus wieder jagen gehen«, hörte ich Tom sagen. »Wenn Gia mitkommen will, soll sie!«
   »Wir sind nicht auf sie angewiesen«, entgegnete Jess mit Schärfe in der Stimme.
   »Da ich ab jetzt Urlaub habe, spielt die Uhrzeit für mich keine Rolle«, sagte Mandy.
   »Je früher, desto besser.« Jess schlug ein Bein über das andere und lehnte sich vor. »Vielleicht erwischen wir so mehr Prims oder Sec. Ich brauche dringend ein paar Rote. Wenn ich dieses Jahr eifrig sammle, habe ich genug Geld für eine Tour durch Europa.«
   »Stell dir vor, du hättest die Aelumina von Drillon, Bargur oder Semezia«, warf Tom ein, worauf Mandy den Mund aufriss und Jess frustriert schnaubte.
   »Nur eine von denen – und du könntest ein Jahr lang durch verschiedene Metropolen cruisen.«
   Jess legte die Stirn in Falten. »Bist du verrückt? Dafür riskiere ich nicht mein Leben!«
   Als Mandy meinen Blick fing, winkte sie mich zu sich.
   »Sec sind leichter zu besiegen, richtig?«, resümierte ich und setzte mich neben Mandy. »Ist es nicht seltsam? Die Sec-Roumen haben einen Evolutionsschritt nach vorn gemacht und zählen zu den schwächsten ihrer Art.«
   »Sag das lieber nicht laut«, mahnte mich Tom. »Viele Rivalen gingen drauf, weil sie die Sec unterschätzt hatten.«
   »Das glaube ich.« Betreten blickte ich zu Boden.
   »Es heißt, sie hätten ihre Emotionen besser im Griff als die wilden Prims«, sagte Mandy.
   »Außerdem behauptet man, sie könnten Räume verändern und erweitern«, bemerkte Jess, ohne mich anzusehen.
   »Ja?« Interessiert musterte ich sie und hoffte auf weitere Informationen.
   »Nimm diesen Raum. Er ist nicht klein, oder?« Tom sprang auf und breitete die Arme aus. »Aber Sec können ihn um ein Vielfaches vergrößern. Sie können daraus einen Palast erschaffen und so viele ihresgleichen unterbringen, wie sie möchten.«
   Ich runzelte die Stirn. Darin lag ihre besondere Fähigkeit?
   Jess stand auf. »Ich muss los. Fährst du mich, Tom?«
   »Könnt ihr mich mitnehmen? Meine Jugendherberge liegt keine fünfzehn Minuten Fahrt von hier«, sagte ich.
   »Übernachte bei mir«, schlug Mandy vor. »Ich habe Urlaub und esse nicht gern allein.«
   Einen Moment lang zögerte ich, doch dann nahm ich ihr Angebot dankend an.
   Den Tag ließen wir im Garten ausklingen, wo wir Obststücke in einen Schokobrunnen tauchten. Mandy befragte mich nach meinem Alltag auf dem Land, was mir Schweiß auf die Stirn trieb. Das letzte Mal, dass ich auf einem Bauernhof gewesen war, lag etwa zehn Jahre zurück. Dennoch schaffte ich es, mir ein paar Anekdoten über hustende Hühner, ausgebüxte Kühe und nächtliche Fuchsbesuche aus den Fingern zu saugen. Dagegen fiel es mir weniger schwer, ihr von Abenden vor unserem Flachbildfernseher zu erzählen, der nicht aus durchsichtigem Plastik-Glas-Gemisch bestand, von Fahrrädern, die wir statt Elektroautos nutzten, und körperlicher Arbeit, für die Mandy beispielsweise Roboter einsetzen würde.
   Mandy anzulügen, bereitete mir kein großes Vergnügen, aber es war immer noch besser, als sie mit meiner wahren Geschichte zu konfrontieren. Wie jeder andere Mensch würde sie mich wahrscheinlich für verrückt halten.
   Während wir Geschichten ausgetauscht hatten, waren die Schatten vom Kachelboden die Wände hochgewandert und verschmolzen mit den Gegenständen. Mandy spielte Gitarre. Dabei sang sie Lieder von Künstlern, von denen die meisten wohl in den vergangenen fünf Jahren ihren Durchbruch erlebt hatten, denn ich kannte kaum einen von ihnen.
   Am nächsten Tag kroch ich spät aus den Federn. Jeder Muskel tat mir weh. Flecken zierten meine Arme und Beine.
   »Also stimmt es, dass man mit dem Alter gebrechlich wird«, murmelte ich in meinen Kaffeebecher.
   Mandy, die noch immer im Pyjama saß, prustete los. »Wie alt bist du denn?«
   »Achtzehn. Langsam nähere ich mich der Zwanzig«, brummte ich und versuchte, das Pochen in den Schläfen zu ignorieren.
   »Kein Wunder, du kannst ja auch keine Aelumina aufnehmen. Sie ist wie eine Droge. Sie setzt Endorphine frei und lässt dich den Schmerz ausblenden«, erklärte sie und machte einen Schluck.
   Verwundert hob ich den Blick.
   »Wusstest du das nicht?«, fragte sie überrascht und löffelte Müsli.
   »Doch«, versetzte ich wahrheitsgemäß. Da ich nicht mehr in der Lage war, die Lichterscheinungen zu konsumieren, wurde mir zum ersten Mal klar, wie gewaltig ihre Wirkung war. Früher hatte ich so viel davon verbraucht, dass ich mich täglich in einen Kampf stürzen konnte. Nun jedoch stöhnte und ächzte ich, wenn ich mich auch nur zur Seite drehte.
   Mandy musterte mich. »Warum hast du eigentlich keine aktiven Kräfte?«
   »Eine lange Geschichte«, murmelte ich und senkte den Kopf in der Hoffnung, sie würde nicht nachbohren.
   Nachdem ich den Becher geleert und eine Schmerztablette eingeworfen hatte, gingen wir in den nächstbesten Lebensmittelladen. Da Mandy mir angeboten hatte, so lange bei ihr zu verweilen, wie ich wollte, revanchierte ich mich mit einem Großeinkauf. Zu Mittag kochten wir Pasta in einer Gorgonzola-Crême-fraîche-Soße mit Gemüse und saßen einige Stunden später mit Tom im Garten. Während Mandy leise zu den Klängen der Gitarre sang, erklärte mir Tom, wie ich mit dem Hightech-Smartphone umgehen musste. Da es aus Mandys Sicht veraltet war, hatte sie es seit zwei Jahren nicht mehr benutzt. Für mich hingegen war es neu. Es erschreckte mich immer wieder mit Funktionen, die durch eine unvorsichtige Berührung aktiviert werden konnten.
   Endlich hatte ich den Bogen raus. Ich wusste, wie man sich vor Viren schützte und wie man lästige Apps abschaltete. Nun wagte ich mich ins Internet. Nel hatte geantwortet; Sie wollte mit mir telefonieren. Und sie wollte mich sehen. Mit Mandys Erlaubnis gab ich ihr die Nummer.
   Vor Aufregung marschierte ich im Garten auf und ab und unterdrückte den Drang, die Nägel zu kauen. Während Mandy voll und ganz im Singen aufging, beobachtete mich Tom mit einem amüsierten Lächeln auf den Lippen.
   »Pass auf, gleich läufst du Löcher in den Boden.«
   Ich fing an, meine Wangeninnenwände anzuknabbern. Hätte meine Schwester mich dabei erwischt, hätte sie mich gehauen.
   »Gia, alles okay?«
   »Ich bin nur etwas nervös.«
   »Ist mir nicht entgangen«, entgegnete er.
   Barfuß, wie ich war, trottete ich ins Wohnzimmer. Mit dem Smartphone in der Hand tigerte ich durch den Raum. Einerseits fieberte ich dem Moment entgegen, endlich ein bekanntes Gesicht zu sehen. Andererseits fürchtete ich mich, die erwachsene Nel kennenzulernen.
   Warum machst du dir Sorgen? Das ist Nel, deine beste Freundin!, redete ich mir ein und überlegte, wie ich das Gespräch eröffnen sollte. Meine Gedanken überschlugen sich.
   Was mir widerfahren ist, kann man kaum fassen. Aber ich weiß, dass du mir glauben wirst. Denn ich sitze hier vor dir. – Ich, die achtzehnjährige Lia. Du hast dir immer wieder meine verrückten Geschichten angehört; über meinen zukünftigen Ehemann, über einen Super-Roumin, der alle mit einer gewaltigen Energiewelle von den Beinen fegen kann, über meinem bevorstehenden Tod … Und du hast nie an meinen Worten gezweifelt.
   Wieder warf ich einen Blick auf das Smartphone. Keine Nachricht, kein Anruf.
   Plötzlich fing es an, in meiner Hand zu vibrieren. Mein Herz hämmerte mir bis zum Hals. Ich wechselte den Raum. Mit nassen Fingern zog ich an den Plastikrändern des Geräts, um den Monitor zu vergrößern. Dann tippte ich auf das grüne Hörersymbol.
   Eine junge Frau erschien auf dem Bildschirm. Das dunkle Haar hatte sie sich aus dem Gesicht gekämmt. Dezentes Make-up betonte ihre hohen Wangenknochen und ließ ihre Augen ein wenig größer erscheinen. Kein Piercing zierte ihr Gesicht. Das einzige Metall, das sie trug, war eine Goldkette mit einem Anhänger, der zur Hälfte von ihrer roséfarbenen Bluse verdeckt wurde. Einen Augenblick starrte sie mich wie versteinert an, aber dann formte Überraschung ihre Gesichtszüge.
   Eben noch hätten mich die Emotionen beinahe übermannt, weil ich meine beste Freundin sehen würde und endlich jemanden hätte, mit dem ich über die Ereignisse der letzten Tage sprechen konnte. Und fast wäre alles aus mir herausgesprudelt, doch meine Lippen bewegten sich, ohne einen Ton zu produzieren.
   »Meine Güte, das war kein Scherz.« Ihre Augenlider flatterten. »Du siehst tatsächlich aus wie früher! So … jung.«
   »Äh, danke«, murmelte ich verlegen. Vielleicht lag es an ihrer dunkleren Stimme, eventuell aber auch an ihrer Verwandlung, dass ich mich plötzlich beklommen fühlte.
   »Treffen wir uns in der Innenstadt?«
   Ich nickte. Dann legten wir auf.
   Bald erreichte mich ihre Wegbeschreibung. Ich studierte den Linienverlauf von meinem Aufenthaltsort zum Zielort, nahm die Karte jedoch kaum wahr, weil mir so viel durch den Kopf ging.

Eine Dreiviertelstunde später führte mich das Smartphone mit einer realistischen Abbildung meiner Umgebung zu einem Café jenseits des Großstadttrubels.
   Jungs auf Hoverboards rasten an mir vorbei. Instinktiv machte ich einen Satz zur Seite und wäre beinahe mit einer Frau zusammengestoßen.
   »Entschuldigung«, murmelte ich und hob den Blick zu der Person, die ich fast erwischt hätte. – Es war Cornelia.
   »Lia!« Sie umarmte mich. Aber nicht auf die Art und Weise wie ihre Teenagerversion. Nel hätte mich vor lauter Freude praktisch zerdrückt. Cornelias Umarmung hingegen war so flüchtig wie ein Schmetterlingsflügelschlag.
   Wir setzten uns an einen Tisch in der Mitte der Terrasse. Keine schlechte Idee, überlegte ich. Um uns herum redeten und lachten die Menschen so laut, dass uns kaum jemand hören würde, wenn ich sie in mein Geheimnis einweihte.
   »Wow, ich kann es mir kaum vorstellen, dass du tatsächlich hier bist«, sagte sie und strich ihren Bleistiftrock glatt, ehe sie Platz nahm.
   Mir fiel die kleine Brosche an ihrem Kragen auf; ein weißer Ring mit einem schmalen Oval im Zentrum.
   »Wie ist das passiert, Lia?«
   Bevor ich ihr antworten konnte, war ein chromfarbener Roboter herangerollt. Sein halber Kopf bestand aus einer dunklen Blende, hinter der mandelförmige Augen leuchteten.
   Nachdem er unsere Bestellung aufgenommen hatte und gegangen war, wiederholte Cornelia ihre Frage. Ich zögerte.
   Warum eigentlich? Schließlich hatte ich mich auf ein Treffen mit ihr gefreut. Aber wenn ich ehrlich zu mir selbst war, dann hatte ich gehofft, irgendetwas von der Siebzehnjährigen in ihr wiederzufinden, die ich kannte. Doch weder ihr Äußeres noch ihre Ausdrucksweise hatten etwas von Nel, wie ich sie kannte. Ich fühlte eine Distanz zwischen uns, die weniger von ihr, als viel mehr von der Tatsache herrührte, dass sie mir fremd erschien.
   Da zog sie den Stuhl näher an den Tisch heran, fing an zu strahlen und mit den Armen zu gestikulieren. Sie schilderte, wie sehr sie meine erste Nachricht verwirrt hatte, dass sie kurz davor gewesen war, sie zu löschen, es sich jedoch anders überlegt hatte. Sie erzählte mir, dass meine Worte eine Flut an Bildern aus der Vergangenheit heraufbeschworen hatten.
   »Weißt du noch, wie wir mit dir und Annie eine Festung gebaut haben, damit dich kein Roumin in die Finger kriegt? Oder wie wir darüber spekuliert haben, wie sich die Wesen in ihrer primitiven Gestalt vermehren?«, sprudelte es aus ihr heraus. »Obwohl ich nie Rivalin gewesen bin, habe ich so viel von dir gelernt. So viel, das mich geprägt hat.«
   Cornelias Blick entrückte allmählich in die Ferne, und ihre Stimme wurde immer leiser. Und auf einmal erinnerte sie mich an jene Jugendliche, die in einem Top, zerrissenen Jeans und in Ringelsocken auf dem Fenstersims meines Zimmers saß und von einer Punkband schwärmte.
   Es war tatsächlich Nel. Meine beste Freundin Nel.
   Während wir an unserem Kaffee nippten, taute ich immer mehr auf. Ich erzählte ihr von meinen neuen Freunden und sie mir von ihrem Umzug und ihrem Studium. Unsere Tassen waren bereits leer, als ich wissen wollte, was nach der Wiederherstellung der Weltordnung geschehen war. Nel winkte die Roboterbedienung zu sich, um zu zahlen, und schlug einen Spaziergang vor.
   »Ich weiß noch, wie verwirrt meine Eltern und ich waren, als wir aus dem Schlaf erwachten«, fing sie an, als wir gerade eine Brücke überquerten. »Irgendwie schien es, als wären wir für einen Moment eingeschlafen, aber gleichzeitig auch für eine ganze Weile. In der Wohnung stank es nach vergammeltem Fleisch und verschimmeltem Obst und Gemüse.«
   Kurzzeitig wurde ich von einem Mann auf dem Dach eines Hauses abgelenkt, wo er Stöcke positionierte, um junge Bäume daran festzubinden.
   »Und dann wurde uns klar, dass etwas geschehen war«, fuhr Nel fort. Sie berichtete mir von der Arbeit der Wissenschaftler und der Behörden, die versuchten, dem Mysterium auf den Grund zu gehen. Die Medien hatten sich gegenseitig mit Theorien über Terroristen und Außerirdische zu übertrumpfen versucht. Doch als die Journalisten anfingen, in die richtige Richtung zu recherchieren, erstarb schlagartig das Interesse am Phänomen. Es wurde als eine Naturkatastrophe abgetan.
   Nel vermutete, die Regierung stecke dahinter.
   Ich fragte sie, was sie mit richtige Richtung meinte. Daraufhin trat sie einen Schritt näher an mich heran. »Oreols Portal«, flüsterte sie.
   Mir klappte die Kinnlade herunter. Ich starrte sie an. »Woher weißt du das?«
   Ihre Augen wurden groß. »Du hast es mir erzählt. – Irgendwann, nachdem wir wieder zu uns gekommen waren.«
   Diese Information musste ich erst mal sacken lassen. Hatte ich sie eingeweiht, nachdem ich aus dieser Zeit zurückgereist worden war? Aber natürlich, überlegte ich. Ich würde hier sicherlich nicht für immer festsitzen. »Habe ich dir von meinem Aufenthalt in dieser Stadt, in dieser Zeit erzählt?«
   Sie schüttelte den Kopf. »An so etwas würde ich mich garantiert erinnern, Lia.«
   Ich blieb stehen. Zu viele irritierende Gedanken schwirrten mir durch den Kopf und verlangten, geordnet und akzeptiert oder verworfen zu werden. Da ertönten Sirenen in der Nähe, und ich zuckte zusammen, weil ich den Lärm erkannt hatte: Die ADP war unterwegs. Ich riss den Kopf hoch. Uniformierte Männer und Frauen auf glänzenden Maschinen rasten über uns hinweg.
   »Sie nehmen immer die Fast Lane«, bemerkte Nel und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. Dabei fiel Sonnenlicht auf den Ring an ihrem Finger und blendete mich einen Moment.
   Ich packte sie bei der Hand, um ihn mir genauer anzusehen. Der Diamant ließ keine Zweifel offen.
   »Du bist verlobt?«, rief ich aus. »Jene Nel, die meine Meinung bezüglich der Ehe teilte?«
   »Zumindest, bis du mich mit deiner Zukunftsaussicht überrascht hast«, wandte sie ein.
   »Also, wer ist es? Wie heißt er? Habe ich ihn schon mal getroffen? Wann …?«
   »Sie.«
   Ich grinste schelmisch. »Mehrere Männer?«
   Nel lächelte geheimnisvoll und schwieg. Ein bisschen zu lange, fand ich. Schließlich öffnete sie den Mund. »Meine Verlobte heißt Theresa.«

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