In einer nicht allzu fernen Zukunft existieren zwei dominante Spezies: Menschen und durch Tiergene veränderte Wandler. Caleb Johnson, der Anführer des Wolfsrudels, ist auf der Flucht und die Menschenfrau Loan Green ihm dicht auf den Fersen. Doch als die beiden in der Wildnis Nordamerikas stranden, sind sie zur Zusammenarbeit gezwungen. Je näher ihr Caleb kommt, desto mehr zweifelt Loan an seiner Schuld. Hat er wirklich Frauen grausam ermordet? Und warum zieht dieser Mann sie fast magisch an? Kann sie ihren Instinkten überhaupt noch vertrauen?

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ISBN: 978-9963-53-719-8

Seiten: 279

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Sara Hill

Sara Hill
Sara Hill wurde am 05.02.1971 geboren und lebt mit ihrem Mann, zwei Söhnen und einer Vielzahl von Haustieren in einer kleinen beschaulichen Ortschaft in der Nähe von Nürnberg.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Caleb wusste nicht einmal, wie dieses Kaff hieß, nur dass es im ehemaligen Alaska lag. Verfluchtes Alaska, wie war er nur hierhergeraten? Er müsste zu Hause sein, sich um das Rudel kümmern. Stattdessen stapfte Cal auf eine winzige Siedlung mitten im Nirgendwo zu. Eisige Luft blies in sein Gesicht.
   Eigentlich lebte er seit Monaten in den Wäldern, ging jedem menschlichen und sonstigen Wesen aus dem Weg, doch ab und zu musste er seine Vorräte auffüllen. Bei dieser Gelegenheit genehmigte er sich ein Bier in der Kneipe und suchte nach vorzugsweise weiblicher Gesellschaft. Bisher war es auch immer glattgegangen. Warum auch nicht? Wer von diesen Hinterwäldlern sollte wissen, wer er war? Sie kannten nicht einmal seinen vollen Namen. Dieses Kaff lag viel zu weit von allem weg, um auf dem Laufenden zu sein, und da es nur wenige Kontakte zur Außenwelt gab, waren die einzigen Neuigkeiten, die man erfuhr, vielleicht, was ein Dorf weiter passierte. Von Geschichtsbüchern und Filmen wusste Cal, dass dies früher anders gewesen sein musste, es hatte ein weltweites Netz gegeben, über das Nachrichten innerhalb kürzester Zeit in die abgelegensten Winkel gelangten. Zwar gab es wieder so etwas Ähnliches, doch es waren nur die sieben Mega-Städte ausreichend miteinander vernetzt. Die Bildübertragungen funktionierten so weit ab vom Schuss nicht, daher kamen keine Nachrichtensendungen rein. Zum Teil lag dies auch daran, dass Menschen, die sich so tief in die Wildnis zurückgezogen hatten, selbst nicht gefunden werden wollten.
   Wie dem auch sei, wegen der Abgeschiedenheit war er hierhergekommen. Das Dorf bestand nur aus ein paar Hütten, wie die meisten Siedlungen abseits der Mega-Citys. Die anderen einstigen Metropolen waren Geisterstädte, verlassen und verwahrlost. Zuerst schlug der Klimawandel zu, ganze Landstriche wurden zu Wüsten, Waldbrände wüteten, Heuschreckenschwärme und Flutkatastrophen brachen über den Menschen herein, der Meeresspiegel stieg an, während das Land immer trockener wurde. Kriege um die Wasserrechte brachen aus, was zu weltweiten Hungersnöten führte. Dann folgte die große Seuche, die hatte der Menschheit den Rest gegeben, sie in der technischen Entwicklung zurückgeworfen und siebzig Prozent der Weltbevölkerung ausgelöscht. Alle Ressourcen wurden damals für die Forschung eingesetzt.
   Als die Seuche besiegt war, begann man langsam damit, die Welt wieder aufzubauen. Heute waren die Mega-Städte auf dem technischen Stand des einundzwanzigsten Jahrhunderts, vielleicht auch ein bisschen weiter. Doch eines hatte sich grundlegend verändert: Es gab jetzt zwei Spezies Humanoiden auf dem Planeten – Menschen und Wandler.
   Die Wandler entstanden aus den Experimenten, die Menschen zur Entwicklung eines Schutzes gegen die Seuche gemacht hatten. Im Fall von Cals Familie führten diese Gen-Experimente vor Generationen dazu, dass sie zum Teil Wölfe waren. Es hatte weltweit viele solcher Forschungsprojekte gegeben, durch die Wesen geschaffen wurden, die man früher nur aus Schauergeschichten kannte.
   Auf den ersten Blick sah Cal normal aus, aber dem geübten Auge verrieten seine Art, sich zu bewegen, sowie sein Auftreten, dass er kein Mensch war.
   Er steuerte auf eine Blockhütte zu, über deren Eingang das Wort ‚Paradise‘ in Neonbuchstaben leuchtete. Musik und Gelächter drangen aus dem Inneren zu Cal.
   Erfahrungsgemäß war die Kneipe meist ziemlich voll. Die Einwohner versammelten sich nach Feierabend darin, da sie einer der wenigen Orte hier draußen war, an dem es Strom gab. Nur die Mega-Citys wurden von den Offiziellen mit Strom versorgt, wenn auch nicht jeder Einwohner rund um die Uhr. Das hatte damit zu tun, ob man zur gehobenen Schicht gehörte, die ausnahmslos aus Menschen bestand.
   Die kleinen Siedlungen mussten selbst für ihre Elektrizität sorgen. Daher erzeugte jeder, der es sich leisten konnte, seinen eigenen Strom. Wie diese Kneipe hier im Niemandsland, die nicht mehr als eine etwas größere Blockhütte war.
   In dieser Region gab es so was wie eine zivile Ordnung, während in anderen Landstrichen noch immer Anarchie vorherrschte.
   Hier waren die Leute friedlich, und vor allem ließen sie ihn in Ruhe, wenn er sich unter ihnen bewegte. Es war bei Weitem nicht überall so, dass Menschen und Wesen so friedlich nebeneinander lebten. Wo er herkam, wurden seinesgleichen in Reservate gesteckt.
   Zielstrebig ging er die fünf Stufen hinauf, nahm schon den Geruch von Rauch, Alkohol und Schweiß wahr. Aber auch hier sahen ihn die Menschen mit Misstrauen und Angst in den Augen an. Denn er war stärker und schneller als sie, ein Raubtier, das sie leicht erlegen könnte, die Gestalt eines riesigen schwarzen Wolfes annehmen konnte, wenn er jagen wollte, und trotzdem war auch er ein Gejagter.
   Er atmete tief durch. Die ganze Zeit, die er sich in der Gegend aufhielt, hatte keiner nach ihm gefragt. Vielleicht war er hier wirklich in Sicherheit. Zuversichtlich riss er die Tür auf. Eine drückende Hitze schlug ihm entgegen. Die Anwesenden senkten schlagartig die Stimmen, das Gelächter verstummte. Aufgeregtes Gemurmel und Blicke folgten ihm, als er an der Bar entlang auf eine Nische zusteuerte. Nur die Gitarrenklänge, die aus der Musikbox drangen, verhinderten, dass es peinlich ruhig wurde. Er nahm seinen Rucksack ab, den er auf die Bank stellte, dann zog er die Armeejacke aus und legte sie daneben. Als er sich setzte, wurde es wieder lauter. Cal spürte die Anspannung der Anwesenden, aber wusste deren Bemühungen zu schätzen, dass sie normal weiter zu feiern versuchten.
   »He Süßer, auch mal wieder da.« Erica, der einzige Lichtblick in dem Laden, gesellte sich zu ihm und nahm neben ihm Platz. Sie trug zwei Gläser Bier zum Tisch, eines stellte sie vor ihm hin.
   »Na klar, ich hatte Sehnsucht nach dir«, erwiderte er und nahm einen kräftigen Schluck. Herb rannte es seine Kehle hinunter. Er wusste nicht, aus was Ward, der Besitzer der Kneipe, es genau braute, und er wollte es auch nicht wissen.
   »So viel Sehnsucht kannst du nicht haben, denn sonst würdest du öfter vorbeikommen.« Erica zog eine Schmolllippe, schob ihr Glas auf den Tisch. Sie trommelte auf der Tischplatte herum, schien etwas unruhig zu sein oder vielleicht sauer.
   Auch Cal stellte seines ab, dann zog er sie zu sich und küsste sie. Teilte ihre vollen Lippen mit seiner Zunge, zeigte ihr, was er in der nächsten Stunde gern mit einem anderen Körperteil von ihr machen würde. Sie stöhnte leise in seinen Mund, was in noch mehr antörnte.
   Plötzlich drückte sie ihn energisch weg.
   »Vorher werden wir dich baden«, meinte sie mit gerümpfter Nase und stand auf. »Ich lass mir von Ward den Schlüssel zum Badehaus geben.«
   Cal beobachtete, wie sie hüftschwingend zur Bar stolzierte. Mann, hatte Erica einen hübschen Arsch. In seiner Hose kribbelte die Vorfreude. Sie blieb an der Bar stehen, versuchte, die Aufmerksamkeit des stämmigen Wirtes auf sich zu lenken. Der war gerade bei einem Typen, der mit dem Rücken zu Cal auf einem der Barhocker saß. Der Kerl war schmal und trug schwarze Sachen, die an Armeeklamotten erinnerten. Aufgrund der Kapuze über dem Kopf konnte Cal nicht mehr von dem Typ erkennen. Er konzentrierte sich auf ihn, doch er hörte nur Ward reden, der Fremde schwieg. Der Geruch von Sommerflieder zog durch den Raum, so ein Aroma hatte er hier noch nie wahrgenommen. Es erinnerte ihn an den Garten seiner Mom, und Wehmut packte sein Herz. Eine seltsame Vertrautheit kribbelte unter seiner Haut. Verflucht, seit wann war er sentimental?
   Erica stellte sich direkt neben den Fremden, lächelte ihn kurz an, dann hatte sie endlich Wards Aufmerksamkeit. Der griff unter die Bar und gab ihr den Schlüssel, an dem ein Holzklotz hing.

Wenig später stand Cal im Badehaus. Im Zuber dampfte das Wasser. Erica war vorausgegangen, hatte das Feuer im Badeofen entfacht. Seifenschauminseln trieben auf der trüben Brühe. Bestimmt hatte heute im Laufe des Tages schon eine Menge Leute ein Bad genossen. Das Wasser wurde nur einmal am Tag, genau genommen morgens, ausgewechselt und sonst nur heißes darauf geschüttet. In Zeiten wie diesen durfte man nicht zu empfindlich sein. Er brauchte dringend ein heißes Bad. In den Wäldern konnte er sich nur im See waschen, was um diese Jahreszeit kein wirkliches Vergnügen war.
   »Komm, Süßer, zieh dich aus. Was trägst du da mit dir rum? Backsteine?« Erica nahm ihm den Rucksack ab, den sie mit einem Ächzen neben die Tür stellte.
   »Nur Vorräte«, erwiderte Cal.
   Erica trat zu ihm. Sie streifte die Jacke von seinen Schultern, anschließend folgten sein Hemd, dann das Shirt, das er darunter trug. Ihr Herz trommelte aufgeregt gegen den Rippenkäfig. Offensichtlich war sie genauso angeturnt wie er.
   »Ich habe deine Sachen vom letzten Mal hier. Sie sind frisch gewaschen.« Sie deutete zu den sorgsam zusammengefalteten Klamotten, die auf einer Holzbank gegenüber lagen.
   »Du bist ein Schatz.« Cal nahm ihren Kopf mit beiden Händen und zog ihn zu sich. Leidenschaftlich küsste er sie.
   Sanft strich Erica mit den Fingern über seinen Bauch.
   »Wie ein Waschbrett. Hier gibt es nicht viele Kerle, die einen so schönen Körper haben wie du«, schnurrte sie.
   Worauf Cal mit seinen Händen ihr Gesäß umgriff und sie an seine Erektion drückte. Ihr Herz raste förmlich, aus jeder ihrer Poren strömte ihr unverkennbarer Duft. O ja, sie war so was von bereit für ihn.
   »Hab ich dir schon gesagt, dass du unglaublich heiß bist?«, murmelte er an ihrem Hals, den er zärtlich liebkoste.
   Erica befreite sich aus seiner Umarmung. »Zuerst wird gebadet«, sagte sie mit rauer Stimme und öffnete seine Hosenknöpfe. Seine Erektion sprang ihr förmlich entgegen. »Oh, la, la, da ist jemand aber geil.«
   Sie schob ihm die Hose hinunter, ging dabei in die Knie, sodass ihr Mund direkt davor war. Sein Glied zuckte. Doch statt ihre Lippen darum zu legen, half sie ihm beim Ausziehen der Schuhe. Cal hatte das Gefühl, dass seine Eier bald platzten, wenn er nicht schnell Erlösung fand. Trotzdem stieg er in den Zuber.
   »Komm doch mit rein, auf meinem Schoß ist jede Menge Platz«, forderte er sie auf. Seine Stimme klang tief, der Wolf in ihm war dabei, das Kommando zu übernehmen.
   »In die Brühe? Nicht wirklich.« Erica hob ihre schmalen Brauen. »Ich hol noch etwas Seife«, meinte sie, und wenig später machte sie die Tür auf.
   Ein eisiger Luftzug streifte seine Vorderseite. Cal legte unterdessen beide Arme am Rand des Zubers und schloss die Augen. Er öffnete sie auch nicht, als die Tür wieder aufging, denn er roch, dass es Erica war.
   »Hier, ich hab dir noch ein Bier mitgebracht.«
   Er hob doch seine Lider und nahm das Glas, das sie ihm hinhielt. »Wie im Paradies, die Kneipe trägt den Namen zu Recht.« Cal trank wohlig seufzend einen kräftigen Schluck. Kühl rann die herbe Flüssigkeit seine Kehle runter. Ein angenehmer Gegensatz zum heißen Badewasser.
   »Ich schrubb dir den Rücken.« Schon stand Erica hinter ihm und seifte seine Rückseite ein. Er beugte sich etwas nach vorn, damit sie besser drankam, und nahm noch einen Schluck. Mit einem Mal wurde ihm schwindlig. Er sank mit dem Rücken zurück gegen die Zuberwand.
   »Irgendwas stimmt nicht«, murmelte er, das Glas plumpste ins Wasser, seine Zunge wurde schwer, dann sein Kopf, der nach hinten knickte und unsanft gegen den Rand des Zubers schlug. »Was zum Teufel …?« Seine Stimme versagte wie seine Gliedmaßen, die schlaff an ihm hingen. Er versuchte, sich aufzubäumen, doch nichts passierte.
   »Es ist alles gut. Sie hat mir versprochen, dass dir ein fairer Prozess gemacht wird. Ich konnte es zuerst nicht glauben, dass du diese Mädchen umgebracht hast, doch sie hat mir die Fotos gezeigt. Es tut mir leid, aber ich musste es tun«, flüsterte Erica in sein Ohr. Sie schluchzte leise, schien zu weinen.
   Es dämmerte ihm. Sie war die ganze Zeit nicht geil gewesen, sondern nervös.
   In diesem Moment ging die Tür auf, und der Kapuzentyp trat ein. Cal hatte das Gefühl, alles durch einen Nebel zu sehen. In der Hand des Kerls entdeckte er einen Injektor. Der Wolf in ihm brüllte auf, wollte kämpfen, doch sein Körper war nur noch kraftlose Sülze.
   »Ssssch«, machte der Fremde, dann spürte Cal einen Stich im Hals, der Geruch von Sommerflieder kroch seine Nase hoch, und es wurde dunkel.

Kapitel 2

Loan schob den Injektor in ihre vordere Jackentasche. Falls auch nur auf seinem kleinen Finger Fell wachsen würde, würde sie nachdosieren. Anschließend nahm sie ihre Kapuze ab und betrachtete den nackten Wolfsmann in dem Zuber. Das vage Gefühl von Vertrautheit keimte in ihr auf. Hatte sie ihn schon einmal getroffen? Nein, daran würde sie sich erinnern. Gesehen hatte sie den Mann schon oft, bei offiziellen Anlässen, die übertragen wurden, doch persönlich war sie ihm noch nie begegnet. Er war in New City eine kleine Berühmtheit, vorsitzendes Mitglied des Reservatsrates und Stimmen wurden laut, dass er in den Justizrat New Citys mit aufgenommen werden sollte, um den Wandlern eine Stimme zu geben. Es gab prominente Unterstützer dieser Idee. Wahrscheinlich auch wegen der Unruhen, die im Reservat regelmäßig hochkochten. Bei jeder Verhaftung einer durchgeknallten Kreatur schrien die anderen etwas von Ungerechtigkeit und gingen auf die Barrikaden. Ja klar, ein Wandler im Justizrat und als Nächstes würde noch einer für den Regierungsrat der sieben Städte nominiert, lächerlich.
   Der Schweiß perlte von ihrer Stirn über das Gesicht. In dem Badehaus war es verflucht heiß.
   »Sie werden ihm wirklich nichts tun?«, wollte die junge Frau wissen, mit deren Hilfe sie den Wolf reingelegt hatte. Offensichtlich machte sich das naive Ding wirklich Sorgen um diesen Schlächter.
   »Mam, er wird dem Justizrat vorgeführt und ein gerechtes Urteil bekommen. Jeder muss sich der neuen Rechtsordnung der sieben Städte beugen. Auch die Wesen.«
   Die Frau sah mit Tränen in den Augen zu dem Wolf. »Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, dass er diese abscheulichen Morde begangen hat. Er war immer so zärtlich«, murmelte sie.
   Am liebsten hätte Loan sie gepackt und geschüttelt oder sich, bei der Vorstellung, dass diese Frau es mit dem Wandler getrieben hatte, übergeben. Stattdessen öffnete sie die Tür. »Ihr könnt ihn anziehen und zum Truck bringen«, sagte sie zu den zwei Helfern, die sie vor drei Stunden noch nicht einmal gekannt hatte. Die Aussicht auf Gold hatte die Männer kooperativ gemacht. Gold und Silber waren mittlerweile wieder das Zahlungsmittel Nummer eins. Doch hier draußen zahlten die Leute meistens mit Waren. Loan trat aus der Hütte, sog die kühle Nachtluft in ihre Lungen, die Männer gingen hinein.
   »Und ihr behandelt ihn gut, ich möchte keine frische Schramme sehen, auch wenn die schnell verheilen«, fuhr sie die beiden an, dann sah sie zu der Frau. »Mam, bitte packen Sie seine Habe in den Rucksack.« Loan sah zur Bank mit den frischen Sachen, dann wieder zu der Frau, die kurz nickte, anschließend zog sie die Tür zu.
   Kopfgeldjäger, wie sie eine war, genossen keinen guten Ruf in der Gesellschaft. Ihnen wurde nachgesagt, dass sie übermäßig brutal mit ihren Gefangenen umgingen. Dieser Meinung wollte sie keine Nahrung geben und eventuell noch Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Festnahme des Verdächtigen aufkommen lassen. Sie arbeitete professionell und wandte nur so viel Gewalt an, wie nötig war, sodass kein Verteidiger ihre Methoden anzweifeln konnte. Es gab einige verurteilte Verbrecher, die eigentlich die Todesstrafe verdient hätten, aber bei der Festnahme schwer verletzt worden waren und dadurch nur eine lebenslange Haftstrafe bekommen hatten. Was eigentlich ein Witz war, denn die Verletzungen der Wandler, sogar die schwersten, verheilten meist in kürzester Zeit, außer, sie waren tödlich. Wie dem auch sei, dies würde ihr nie passieren. Sie spuckte auf den Boden, die Tür ging auf.
   »Er ist bereit«, sagte die Frau. »Sein Rucksack.« Sie knallte Loan das Gepäckstück vor die Füße.
   »Danke«, brummte sie und hob ihn auf, verkniff sich dabei ein Ächzen, obwohl das Ding sauschwer war. Die Männer trugen den Mann heraus, brachten ihn zum Truck und warfen den Wolf unsanft auf die Ladefläche.
   »Vorsichtig, hab ich gesagt.« Loan wuchtete den Rucksack hoch und lud ihn daneben ab.
   »Dieser Dreckskerl verdient es nicht anders«, meckerte der große Blonde mit dem Rauschebart.
   »Wir sollten ihm noch kräftig eines auf die Fresse geben«, kam der Dunkelhaarige seinem Freund zur Hilfe.
   Loans Hand zuckte in Richtung der Waffen, die sie unter der Jacke trug, doch sie zog keine von beiden, sondern funkelte die Männer an. »Jede Schramme bedeutet weniger Gold. Habt ihr verstanden?«
   Die Männer nickten und murmelten etwas Unverständliches.
   »Steigt ein und fahrt los.« Damit sprang sie auf die Ladefläche des Trucks und zog die Klappe hinter sich zu. Wenn die Schwachköpfe nicht das einzige fahrtüchtige Auto hier weit und breit besitzen würden, hätte Loan sie mit einem Arschtritt gefeuert.
   Der Wagen lief mit Sonnenenergie, die in Akkus gespeichert wurde, und konnte somit auch nachts genutzt werden. Wie es in den großen Städten schon üblich war. Die Speicherzellen für Sonnenenergie waren inzwischen auf handliche Größen geschrumpft. In den letzten zwanzig Jahren hatte man auf diesem Gebiet einige Fortschritte gemacht. Laut Jace war es die Energie der Zukunft und nicht mit so vielen Emissionen verbunden wie die fossilen Brennstoffe des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Die Menschen wollten ihre Fehler nicht wiederholen, denn der Planet hatte erbarmungslos zurückgeschlagen.
   Natürlich hatten nicht die zwei Trottel den alten Wagen umgerüstet, sondern ihn bei einem Pokerspiel gewonnen.
   
   Der Truck holperte über den Waldweg. Äste streiften Loan. Sie saß neben dem Wolfsmann und untersuchte den Rucksack. Unter den frischen Sachen fand sie eine Pistole. Sie überprüfte, ob sie gesichert war, bevor sie die Waffe in den Hosenbund schob. Dann kam noch ein Klappmesser zum Vorschein, das sie in ihre vordere Jackentasche schob. Mehr Waffen besaß der Wolf nicht. Wozu auch, denn er selbst war eine Waffe. Ansonsten befanden sich noch ein kleiner Notfallmedizinbeutel, weitere Kleidung und Vorräte darin. Sie begutachtete den Inhalt des Medizinbeutels, der unter anderem Spritzen beinhaltete, in denen sich wahrscheinlich Schmerzmittel befand. Zwar waren die Wolfsmenschen, wie viele andere Wesen auch, mit Selbstheilungskräften gesegnet, doch nicht jede Wunde verheilte gleich schnell und vor allem schmerzlos. Eines wusste Loan: Diese Viecher konnten viel aushalten, und wenn sie zu Schmerzmittel griffen, musste das ziemlich starkes Zeug sein. Auf jeden Fall machte es Sinn, zur Sicherheit etwas dabei zu haben. Vor allem, wenn man sich allein in der Wildnis herumtrieb. Was er allerdings mit einem Wundspray machte, war ihr schleierhaft, denn das war eher für kleinere Schrammen geeignet, die bei Wandlern üblicherweise schneller heilten, als man ‚Wundspray‘ sagen konnte. Loan betrachtete den bewusstlosen Mann. Er sah wirklich nicht schlecht aus. Eigentlich war es eine Verschwendung, wenn der Justizrat ihn zum Tode verurteilte. Doch ein Mörder konnte nichts anderes erwarten, egal, wie attraktiv er war. Eines verwirrte Loan allerdings. Warum machte sie sich überhaupt über sein Aussehen Gedanken? Lag das an den Spinnweben zwischen ihren Beinen?
   »Sei verflucht noch mal ein Profi«, flüsterte sie in die Nacht und zwang sich, den Blick von dem Mann zu nehmen.
   
   Endlich erreichten sie die Lichtung, auf der Loans Shuttle stand. Der Truck stoppte daneben. Mittels einer Fernbedienung ließ Loan die hintere Ladeluke ihres Shuttles herunterfahren. Der Blonde stieß einen Pfiff aus, als er die Klappe des Trucks öffnete.
   »So was hab ich ja noch nie in Wirklichkeit gesehen. Wie funktioniert das? Mit Sonnenenergie?«
   »Es hat einen Plasmaantrieb«, antwortete Loan, als sie hinuntersprang, dann den Rucksack an den Rand zog. »Wie der genau funktioniert, weiß ich nicht, Hauptsache es fliegt.«
   »Plasma also. Davon habe ich gehört. Das Ding ist bestimmt eine Menge wert.« Der Mann schaute vom Shuttle zu ihr, seine Augen verengten sich.
   »Ja, das ist es, und es gehört dem Rat«, zischte sie und stapfte mit dem Rucksack an dem Mann vorbei.
   »Bringt den Wolf her«, befahl sie, ohne sich umzudrehen, und schritt die Lukentür hinauf, die als Rampe diente. Oben angekommen warf sie das Gepäckstück in eine Ecke und machte die Isolationskammer bereit, eine Art menschengroße Kapsel, die sich in der Mitte des Laderaumes befand und den Gefangenen im Tiefschlaf hielt. Bei Bedarf konnte sie im Boden versenkt, dann an ihrer Stelle der durch Laserstäbe gesicherte Käfig aktiviert werden. Falls sie einen Wandler in seiner tierischen Form transportieren mussten.
   »Legt ihn hier rein.«
   Loan drückte auf das Display, der gewölbte Sicherheitsglasdeckel öffnete sich und die beiden Männer wuchteten den Wolf in die Kammer. Sofort umschlossen Sicherungsfesseln Hand- und Fußgelenke sowie den Brustkorb. Aus der Kammerwand fuhr von beiden Seiten eine Vorrichtung, die sich über Mund und Nase verband, dann darauf senkte und die Form anpasste. Diese Maske versorgte den Gefangenen mit einem Gemisch aus Sauerstoff und Narkosemitteln. Auf einen Tastendruck glitt der Deckel zurück und verriegelte.
   »Also?«, fragend hob der Blonde seine Brauen.
   Loan zog einen kleinen Beutel aus einer Innentasche ihrer Jacke und ließ ihn in die offene Hand des Mannes fallen. Es hörte sich an, als würden Kiesel gegeneinander scheppern. Der Mann zog die Bändchen auseinander und holte einen der Nuggets heraus.
   »Ich muss erst prüfen, ob die echt sind.« Damit kramte er in seiner Jackentasche und holte ein Fläschchen und ein Reagenzglas sowie ein Klappmesser hervor.
   »Owen, halt mal.« Er gab das Glas seinem Partner, dann schabte er mit dem Messer feine Partikel des Klumpens hinein und träufelte Flüssigkeit aus dem Fläschchen darauf. Anschließend verschloss und schüttelte er das Gemisch.
   »Es färbt sich rot, das heißt, es ist hochwertiges Gold. Schön, mit Ihnen Geschäfte zu machen, Lady«, meinte er mit einem breiten Grinsen und verließ hinter seinem Partner den Shuttle. Loan fuhr die Ladeluke hoch, ging dann durch die gegenüberliegende Tür, die hinter ihr wieder zu glitt, in das Cockpit. Es war an der Zeit, von hier zu verschwinden.

Sie überflog die ausgedehnten Wälder. Alles war ruhig. Müde lehnte sich Loan zurück, schloss die Augen und überließ dem Autopiloten das Fliegen. Nicht alle Jäger konnten einen Shuttle fliegen, daher war sie auf diese Mission geschickt worden. Jace, ihr Ausbilder, hatte sie damals vorgeschlagen. Er meinte, dass es ihrer Karriere förderlich wäre, wenn sie sich ein paar besondere Fähigkeiten erwarb und sich dadurch unentbehrlich machte. Sie hob die Lider, starrte aus dem Fenster. Ein bitteres Lachen steckte ihr im Halse fest. Aufgestiegen war sie nicht, aber sie wurde dafür auf Missionen am Arsch der Welt geschickt. Wochen hatte sie in diesem gottverlassenen Teil der Welt zugebracht, bis sie dem Wolf endlich auf die Spur kam.
   Sie sollte nach ihm sehen. Loan stand auf, ging in den Laderaum. Der Verdächtige lag nach wie vor in dem Glassarg und rührte sich nicht. Sie überprüfte auf dem Display die Lebenserhaltungsanzeigen. Alles war im normalen Bereich. Ihr Blick glitt über den Männerkörper unter den gläsernen Deckel, erinnerte sich an seinen nackten Leib im Zuber. Der Kerl bestand nur aus Muskeln. Diese Wesen hatten übermenschliche Kräfte. Trotzdem fühlte sich Loan sicher, selbst wenn er zu sich käme, denn er würde die Abdeckung der Kapsel nicht zerschmettern können. Die Isolationskammer war extra dafür konzipiert worden, solche Wesen festzuhalten, angeblich konnte sie sogar Abstürze wegstecken. Eingehend musterte Loan ihren Gefangenen.
   Die junge Frau, Erica, die ihr bei seiner Festnahme geholfen hatte, wollte nicht glauben, dass er für den Tod dieser Mädchen verantwortlich war. Loan strich über die Abdeckung, spürte das kühle Glas, ging dabei um die Kapsel herum. In dem Landstrich, in dem er sich monatelang versteckt hatte, waren keine Mädchenleichen gefunden worden. Aber er war als extrem gefährlich klassifiziert worden, ein Wesen, das angeblich junge Frauen töten musste, sozusagen einem inneren Zwang folgte, kurz davor stand, zu dem Tier zu werden, das in ihm schlummerte. So was konnte man nicht so einfach abschalten, wenn die Metamorphose einmal begonnen hatte. Laut seinem Profil soll die barsche Zurückweisung einer Reinblüterin die Metamorphose ausgelöst haben. Die Frau wollte ihm helfen, Spenden für einen Neubau der Reservatsschule zu sammeln, und als sie nicht auf seine Annäherungsversuche einging, wurde sie zu seinem ersten Opfer. Er konnte seither nicht mehr aufhören und tötete weitere Menschenfrauen. Aber wenn das Profil stimmte, warum lebte überhaupt diese Erica noch? Loan betrachtete sein Gesicht. Wieder musste sie feststellen, dass der Mann unglaublich attraktiv war. Sie konnte es nicht erklären, aber etwas an ihm zog sie an. Er kam ihr nicht wie ein Mörder vor. Barsch wischte Loan dieses Gefühl zur Seite, konzentrierte sich auf die Fakten, aber auch die warfen Fragen auf.
   »Wieso hast du zu töten aufgehört?«, flüsterte sie. Irgendwie ergab das alles keinen Sinn. Sie hatte Wesen gejagt, die dem Blutrausch verfallen waren, und die badeten nicht seelenruhig in einem Zuber. Andererseits hatte sie schon zu viel gesehen, und diese Wesen waren unberechenbar. Vielleicht hatte es ihm in den letzten Monaten genügt, in den Wäldern Wild zu erlegen, um seine Triebe in den Griff zu bekommen. Sie schob ihren Ärmel zurück, legte so ihr Kom frei, das ihr Handgelenk umschloss, betätigte das Display. Das holografische Bild des ersten Opfers oder besser gesagt ein menschengroßer Haufen blutiges Fleisch erschien. Mehr war von der Frau nicht mehr übrig. Sie konnte nur anhand ihrer DNS identifiziert werden. Wut rauschte durch Loans Adern. Das Tatorthologramm des nächsten Opfers erschien, der gleiche Anblick. Eine junge Frau, die ehrenamtlich im Krankenhaus des Reservates als Schwester gearbeitet hatte. Ermittlungen zufolge war er auch mit ihr im Rahmen seiner Tätigkeit als Mitglied des Reservatsrates zusammengetroffen. Die Wut erreichte Loans Herz, brachte es zum Rennen. Sie deaktivierte das Kom wieder. Dieser verfluchte Mutant war schuldig.
   In diesem Moment riss sie ein grelles Piepen aus ihren Gedanken. Der Alarm! Nicht Mal eine Sekunde später drehte sich die Nase des Shuttles schräg nach unten. Sie stürzten ab. Loan verlor das Gleichgewicht, kugelte gegen die Cockpittür, die nicht aufging. Als sie aufschlug, wich ihr sämtliche Luft aus den Lungen. Schwer keuchend stemmte sie sich hoch, hämmerte mit der Faust auf das Display, um die Tür manuell zu öffnen. Nichts ging. Fluchend sah sie sich um, das Blut pulsierte in ihren Adern. Sie schaute zur Kapsel. Verdammt, das war die einzige Möglichkeit. Sie hangelte sich an der Wand entlang hoch, sprang zur Kapsel, klammerte sich am Rand fest und öffnete sie. Mit rasendem Puls kletterte sie hinein, beugte sich hinaus und betätigte den Verschlussmechanismus. Schnell zog sie ihre Arme an den Körper, machte sich so flach wie möglich. Der Deckel stülpte sich über sie. Sie spürte den Männerkörper unter ihrem, inhalierte das moschusartige Aroma. Um die Kapsel flogen die Funken, es krachte. Loan vergrub ihr Gesicht in der Halsbeuge des Mannes. Mit einem ohrenbetäubenden Knall schlug der Shuttle hart auf, Loans Kiefer klapperten schmerzhaft aufeinander. Der Shuttle schlitterte in rasanter Fahrt weiter und Loan wurde hin und her geschüttelt, musste sich an dem Mann festklammern. Abrupt hörte die wilde Fahrt auf, während Loans Körper weiterrutschen wollte. Nur der Umstand, dass sie sich an dem Wolfsmann festkrallte, verhinderte, dass sie nicht mit dem Kopf voran gegen die Kapselwand donnerte. Dann folgte Stille. Nun war sie Nasenspitze an Nasenspitze mit ihrem Gefangenen. Durch den Deckel der Kapsel konnte Loan zuckende Stromkabel sehen und Rauch. In diesem Moment machte es Klick, sie spürte, wie unter ihrem Brustkorb die Oberkörperfessel aufglitt. Sie hob ihren Kopf, der gegen den Deckel knallte, Schmerz explodierte in ihrem Schädel. Mit wummernden Herzen ging ihr Blick zu dem Handgelenk des Mannes. Die Fessel war ebenfalls offen. Sie drehte ihren Kopf, auch die auf der anderen Seite war nicht mehr geschlossen. Jetzt fiel ihr auf, was noch fehlte. Die Maske, durch die sie dem Gefangenen kontinuierlich Narkosemittel verabreichte, war in ihre Warteposition zurückgefahren. Loan lag regungslos auf dem Mann, traute sich nicht einmal, zu atmen. Sie hoffte, dass die Vorrichtung nicht weiter Narkosemittel in die Kapsel blies, denn dann würde sie in wenigen Sekunden ebenfalls außer Gefecht gesetzt sein. Doch wenn keine Narkose mehr kam, würde der Mann unter ihr erwachen. Keine Ahnung, wie lange noch Zeit blieb. Zudem konnte man die Kapsel nur von außen öffnen und es war kein Mensch in der Nähe, der das übernahm. Sie zischte einen leisen Fluch.

Kapitel 3

Cal hatte das Gefühl, ein Stein lag auf seiner Brust. Er nahm den Duft von Sommerflieder wahr. Sein Kopf fühlte sich an, als wäre er mit Watte ausgestopft worden. Irgendetwas bewegte sich auf ihm, seine Lider waren bleischwer, doch er hob sie und blickte in Augen, die so blau waren wie der Himmel über dem Reservat an einem sonnigen Tag. Das schrille Kreischen des Alarms tat in seinen Ohren weh, und irgendwas zischte wie Wasser auf einem heißen Stein.
   »Zum Teufel, was ist hier los?«, knurrte er.
   »Nur mit der Ruhe, Wolfsjunge«, fauchte die Fremde zurück.
   »Junge? Ich werde dir gleich einen Jungen geben«, murmelte er und sah an der Frau vorbei nach oben. Sie lagen unter einer Glasabdeckung.
   »Würdest du von mir endlich runtergehen«, fuhr er die Frau an.
   »Das würde ich gern, aber das Ding lässt sich von innen nicht öffnen«, gab sie im gleichen Ton zurück.
   Cal entdeckte Sprünge, die sich durch das Glas zogen. Die Frau bewegte ihren schlanken Körper, und er spürte ein heißkaltes Kribbeln unter der Haut. Offensichtlich hatte sein Körper noch nicht mitbekommen, in welchem Schlamassel er steckte. Aber sein Hirn war wieder auf der Höhe und er registrierte die Waffen, die sie unter ihrer Kleidung trug und die sich unangenehm in seine Brust drückten.
   »Das Glas über dir hat Sprünge, wenn ich darauf schieße, könnte es zerbersten«, schlug er vor.
   »Ja klar, ich geb dir eine Waffe und gleich kommt eine Fee, von der ich mir was wünschen kann«, schmetterte sie seinen Vorschlag ab.
   »Dann schieß doch selbst. Oder willst du hier drin bis in alle Ewigkeit feststecken?«, entgegnete Cal mit vor Sarkasmus triefender Stimme.
   »Natürlich nicht! Aber wenn du hier rumfeuerst, könnten die Patronen uns um die Ohren fliegen, daran gedacht, Schlaumeier. Das Ding ist ziemlich stabil gebaut, nahezu unzerstörbar, es hat ja auch den Absturz überstanden.« Damit versuchte sie, sich umzudrehen, wohl, um sich selbst von den Rissen im Glas zu überzeugen.
   »Verflucht du brichst mir ja die Rippen«, knurrte Cal durch seine zusammengebissenen Zähne, als die Frau ihren Ellenbogen in seine Seite bohrte.
   »Ach, sei doch nicht so ein Weichei«, konterte sie, schaffte es jedoch aufgrund des Platzmangels nicht, sich auf den Rücken zu drehen.
   »Dieser Kasten ist nicht unzerstörbar, wie die Sprünge in der Abdeckung beweisen, damit dürfte sie nicht mehr ganz so stabil sein, wenn ich richtig liege.« Er schob seine rechte Hand an ihr vorbei, drückte mit Kraft gegen das Glas, das leise knirschte, aber nicht nachgab. Er nahm die andere zu Hilfe, streifte dabei etwas Hartes. Augenscheinlich noch eine Waffe, die im Hosenbund steckte. Bevor sie auch nur etwas dagegen tun konnte, zog er sie heraus. Fasste um den Frauenkörper herum, hielt ihn so in seinen Armen gefangen, und entsicherte die Waffe.
   »Vorsicht, halt dir am besten die Ohren zu«, sagte er.
   »Wenn du schießt, wirst du uns noch töten«, fauchte die Frau, und wahrscheinlich hatte sie recht.
   Ganz automatisch legte er ihr seine andere Hand auf den Hinterkopf, drückte sie nach unten, um sie zu schützen. Ihre weichen Lippen waren an seiner Wange, sie zappelte, aber er ließ sie nicht los. Sie versuchte, ihre Waffe zu ziehen, die zwischen seinem und ihrem Körper eingeklemmt war.
   Cal drehte die Waffe um, mit dem Waffenknauf hämmerte er gegen das Glas. Es knirschte bei jedem Treffer bedrohlicher. »Verdammt, hör mit dem Rumgehampel auf«, sagte er barsch.
   Die Frau kämpfte mit allem, was ihr zur Verfügung stand, gegen ihn an, versuchte, den Kopf zu heben, bohrte ihre Fingernägel in seinen Leib. Plötzlich hörte sie mit der Gegenwehr auf.
   »Ich krieg keine Luft mehr«, keuchte sie. »Der Sauerstoff«, stieß sie zwischen zwei Atemzügen hervor. Cal hatte zwar bemerkt, dass die Luft immer dünner wurde, doch er konnte mit weit weniger Sauerstoff auskommen als Menschen und das über ein paar Minuten mehr. In der nächsten Sekunde verlor sie das Bewusstsein, lag schlaff auf ihm wie ein Berg Steine.
   »Dass eine schmale Person so schwer sein kann«, flüsterte er.
   Langsam spürte auch er die Auswirkungen des schwindenden Sauerstoffs. Es war an der Zeit, dass sie hier herauskamen. Mit voller Wucht donnerte er den Griff gegen das Glas, es knackte laut, weitere Risse erschienen. Immer wieder schlug er mit aller Kraft, die er in dieser Lage aufzubringen vermochte, gegen die Scheibe. Langsam wurde ihm mulmig zumute. Wenn er es nicht bald schaffte, den Deckel zu zertrümmern, würde er qualvoll unter einer toten Fremden ersticken. Denn das Herz seiner Mitgefangenen wurde deutlich langsamer, während seines wild gegen den Brustkorb trommelte. Der Schweiß lief ihm von der Stirn, versickerte in seinem Haar. Mit jedem Schlag gegen die Abdeckung schwanden ihm die Kräfte. Trotzdem gab er nicht auf. Er holte erneut aus. Wieder und wieder donnerte er den Waffengriff gegen die Abdeckung. Es musste einfach klappen, verflucht, es musste. Es knackte wie dünnes Eis kurz vor dem Einbrechen und im nächsten Moment zerbarst das Glas in kleine Stücke. Er drückte die leblose Frau an sich, drehte seinen Kopf weg, damit die Splitter nicht seine Augen trafen. Mit dem Knie machte er das Loch größer. Die Luft, die ihm entgegenschlug, war auch nicht besser als die in der Kammer. Ätzender Rauch biss in seine Augen, kroch in seine Lungen. Er musste husten, sah kaum etwas. Tränenflüssigkeit verschwamm seine Sicht, die aufgrund des beißenden Dampfes sowieso nicht besonders gut war. Cal wuchtete sich mitsamt der Frau hoch, warf sie über seine Schulter und steckte die Waffe in seinen hinteren Hosenbund. Dann stieg er aus der Kapsel. Es kostete ihn Mühe, mit seiner Last das Gleichgewicht zu halten. Er kämpfte sich durch den Rauch in Richtung Ausstiegsluke, an Funken sprühenden Stromkabeln vorbei. Als er gegen etwas stieß, sah er leise fluchend nach, was es war. Sein Rucksack. Er hob ihn auf und erreichte die hintere Luke, hustete sich dabei fast die Lunge aus dem Leib. Am Ausstieg angekommen betätigte er den Notschalter. Zum Glück reagierte die Luke sofort und fuhr hinunter. So schnell er konnte, stolperte er über die Rampe und stand in einem Wald.
   Als er weit genug von dem Shuttle entfernt war, legte Cal seine Last ins Moos, sog dabei die frische Luft tief in seine Lungen. Sogleich kniete er sich neben die namenlose Schönheit, untersuchte sie nach weiteren Waffen und wurde fündig. Zu einer scharfen sowie einer Betäubungskanone kam noch ein Klappmesser, das er als seines identifizierte. Zum Glück hatte sie es in ihrer vorderen Jackentasche untergebracht, es aber wegen der Enge des Raumes in der Kapsel nicht ziehen können – genauso wenig wie den Injektor. Den warf er weg.
   Er ließ sich neben der Unbekannte ins Moos plumpsen, lehnte den Rücken gegen einen Baumstamm. Das war verdammt knapp gewesen. Er betrachtete die bewusstlose Frau, die Klamotten, die sie trug. Sie war dieser komische Typ gewesen, der ins Badehaus kam und ihm die Injektion gegeben hatte, dazu die beiden Waffen, die Standardausrüstung für eine bestimmte Art von Menschen waren. Jägern! Eine verfluchte Jägerin also.

*

»He, aufstehen, wir sind nicht allein.« Diese Worte drangen durch einen dichten Nebel zu Loan. So ein Dreck aber auch, Jace hatte ein Talent dafür, sie aus ihren schönsten Träumen zu reißen. Gerade war sie auf einer tropischen Insel mit einem wirklich verteufelt gut aussehenden Typen, dessen graugrüne Raubtieraugen ihr heiße Schauder über den Rücken jagten.
   »Noch fünf Minuten, Jace. Wie kommst du überhaupt in meine Wohnung, hat Sam dich reingelassen?«, murmelte sie und drehte sich von der Stimme weg. In ihrem Kopf begann ein Vogel, gegen ihr Gehirn zu picken. Hatte sie gestern zu tief ins Glas geschaut?
   »Jetzt komm hoch«, donnerte die Stimme hinter ihr, die sich jetzt nicht mehr nach Jace anhörte.
   Doch Loan hatte keine Lust nachzusehen, wer stattdessen an ihrem Bett stand. Sie strich mit der Hand über die Matratze, die irgendwie komisch war. So feucht. Im nächsten Moment explodierte ihre Wange, jemand hatte ihr eine Ohrfeige verpasst.
   »Aufwachen jetzt«, befahl die Stimme im Militärton, und Loan öffnete sofort die Augen.
   Eilig rappelte sie sich auf. Sie lag nicht in ihrem Bett, sondern irgendwo im Wald. Der Geruch von Rauch kroch in ihre Nase. Der Shuttle lag total demoliert vor ihr, während auf der gegenüberliegenden Seite die Bäume regelrecht abrasiert waren und teilweise brannten.
   »Na endlich, sie weilt wieder unter den Lebenden«, brummte der unbekannte Ohrfeigenverteiler. Loan sah zuerst nur Beine, ihr Blick folgte ihnen nach oben und begegnete graugrünen Raubtieraugen. Langsam kam die Erinnerung. Der Mann war ihr Gefangener, der gesuchte Mörder, der mit Vorliebe Frauen zu Hackfleisch verarbeitete. Äußerlich versuchte sie, ihre coole Fassade aufrechtzuerhalten, doch ihr Inneres schrie vor Panik.
   Sofort kam Loan auf die Beine, die aber noch nicht standfest waren. Sie geriet ins Wanken, die Knie zitterten. Nur der beherzte Griff des Mannes verhinderte eine unsanfte Landung auf ihrem Hinterteil. Hektisch streifte sie seine Hände ab wie giftige Insekten.
   »Ich kann allein stehen«, schnaubte sie.
   »Wenn du meinst.«
   »Wo sind wir?« Loan ging rückwärts, um ihren Gefangenen nicht aus den Augen zu verlieren, hoffte, so mehr Überblick zu bekommen. Währenddessen glitt ihre Hand unter die Jacke.
   »Suchst du das hier?« Der Wolfsmann hielt in einer Hand ihre Knarre und in der anderen seine eigene, die Betäubungswaffe hatte er mit Sicherheit auch in Griffweite verstaut.
   Mist!
   Wenn Jace das mitbekäme, würde er sie zu den Anfängern stecken, und sie hätte es verdient. Ihr Gefangener war nicht nur bewaffnet, sondern hatte auch seinen Rucksack wieder, den er auf dem Rücken trug. »Gib mir die Waffen, du bist wegen Mordes verhaftet.« Schon als die Worte ihren Mund verließen, merkte Loan, wie dämlich sie klangen.
   »Warte lieber auf die Fee«, entgegnete der Mann frostig, schob eine Waffe in seinen Hosenbund, die zweite behielt er in der Hand. Loan schaute zum Shuttle, es stand ungefähr zwanzig Schritte entfernt von ihr, als ein tiefes Knurren ihr die Nackenhärchen aufstellte.
   »Warst du das?« Ihr Blick ging zu dem Wolfsmann.
   »Nein, ich sagte doch, dass wir nicht allein sind. Lass uns hier verschwinden.« Er packte ihren Arm, zog sie vom Shuttle weg.
   »Warum flüchten wir nicht in den Shuttle?« Sie zerrte in die andere Richtung.
   »Weil diese Wölfe uns den Weg abschneiden würden und es zudem im Inneren von giftigen Dämpfen überflutet ist. Es wurden bei dem Absturz eine Menge Leitungen zerrissen.«
   Der Mann ließ nicht locker, schnürte ihrem Arm das Blut ab, bis ihre Finger kribbelten, und zog sie eilig die Absturzschneise entlang, die brennende Baumstümpfe und Äste erleuchteten. Loan musste sich wohl oder übel seinem Tempo anpassen, denn sonst würde sie auf der Nase landen.
   Wieder knurrte es, dieses Mal lauter.
   »Verflucht, jetzt aber etwas schneller.« Damit begann er, zu rennen.
   »Wölfe greifen doch keine Menschen an«, keuchte Loan.
   »Diese schon, denn es sind Menschen.«
   »Das sind der Blutgier Verfallene?« Jetzt rannten Loans Beine beinahe ganz von allein, und ihr Herz sprang gegen den Brustkorb, hätte es der Rippenkäfig nicht festgehalten, würde es abhauen.
   »Worauf du deinen Arsch verwetten kannst.« Kam die Antwort.
   »Die gibt es hier in der Gegend nicht«, wandte sie ein, obwohl sie nicht wusste, wo genau diese Gegend war, nur dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit in Nordamerika lag, denn das hatte sie vor dem Absturz überflogen. Vor nicht allzu langer Zeit hatte es in ganz Nordamerika Säuberungsaktionen gegeben.
   »Erzähl ihnen das doch.«
   Sie war zwar Jägerin, hatte schon einige der Blutgier Verfallene getötet, aber sie würde sich ihnen bestimmt nicht ohne Waffen entgegenstellen. So lebensmüde war sie nicht, daher rannte sie weiter. »Was ist, wenn sie auf einen Alpha treffen?«, stieß sie hervor, ihre Lungen brannten. Um sie wurde es zunehmend dunkler, die Bäume dichter, denn sie hatten die Absturzschneise hinter sich gelassen. Zweige peitschten in ihr Gesicht, hinterließen schmerzhafte Striemen. Jetzt war sie auf den Wolfsmann angewiesen, denn er konnte im Gegensatz zu ihr in der Dunkelheit sehen.
   »Es kommt zu einem Kampf zwischen den Alphas«, erwiderte er. »Aber ich kann mich nicht verwandeln, verflucht. Warum auch immer.«
   Offensichtlich wusste er, worauf Loan hinauswollte, denn er war ein Alpha. Würde er den des Rudels besiegen, wären die anderen kein Problem mehr.
   Unglücklicherweise verhinderte das Serum, das sie ihm verabreicht hatte, die Verwandlung. Jetzt half wirklich nur die Flucht, denn in menschlicher Gestalt hatte selbst ein Alpha keine Chance gegen Wesen in tierischer, die noch dazu der Blutgier verfallen waren.

*

Endlich nahm die Jägerin ihre Beine in die Hand. Cal ließ sie los, drehte sich um. Er zählte neun Wölfe, aber seine Nase und sein Gehör sagten ihm, dass es mehr waren. Und noch etwas sagte sein feines Gehör: Sie liefen auf einen Fluss zu. Ob es gut oder schlecht war, würde sich zeigen.
   Einer, wahrscheinlich der Alpha, hatte sie beinahe erreicht. Schräg hinter ihnen knackte Geäst. Das hörte offensichtlich seine Begleitung, denn sie drehte den Kopf in die Richtung.
   »Gib mir meine Waffe!« Sie streckte die Hand aus.
   »Wenn du nicht das Herz oder Gehirn triffst, wirst du sie nur wütender machen.« Cal hob die Knarre, die andere ließ er in seinem Hosenbund stecken. Die Betäubungswaffe wäre ihm lieber gewesen, denn er wollte seine Brüder nicht töten, wenn es sich vermeiden ließ, aber die war im Rucksack.
   »Ich bin eine verflucht gute Schützin, und sie ist mit Spezialmunition bestückt. Wenn man die Körpermitte trifft, wird ein Stoff freigesetzt, der es auf zellulärer Ebene angreift, und sind in Bruchteilen von Sekunden die Organe im getroffenen Bereich zersetzt, schneller als die Selbstheilungskräfte arbeiten. Soweit ich weiß, benötigt auch ihr eure inneren Organe, zumindest die meisten davon.« Gab sie keuchend zurück.
   »Schönes Spielzeug«, knurrte Cal. Er würde auf keinen Fall einen seiner Brüder töten, wenn es nicht sein müsste. Es waren einfach Wolfsmenschen, die den falschen Pfad beschritten hatten.
   In diesem Moment brach ein riesiger grauer Wolf aus dem Unterholz, seine fingerlangen Reißzähne flogen auf die Jägerin zu.
   Cal schubste sie zur Seite ins Gebüsch und der Wolf nahm ihn ins Visier, doch Cal konnte ausweichen, und der Sprung ging ins Leere. Sie umkreisten sich.
   »Ich hab keine Waffe«, hörte er die verzweifelte Stimme der Jägerin.
   »Renn weiter, kümmere dich nicht um mich«, schrie er zurück, war eine Millisekunde abgelenkt.
   Das reichte seinem Gegner, der Wolf griff an, riss ihn zu Boden. Sie kugelten über das Moos. Cal spürte jede Wurzel, biss die Zähne zusammen. Mit dem Kopf donnerte er gegen einen Stamm, Schmerz durchzuckte seinen Schädel. Das gab sicher eine Beule. Mit dem Arm hielt er den Wolf auf Abstand, der nach seinem Gesicht schnappte.
   »Verflucht, komm zu dir, du bist so wie ich«, presste Cal durch seinen zusammengebissenen Kiefer hervor.

Nahezu blind rannte Loan durch das Unterholz. Nur ab und zu blitzten die Strahlen des Vollmondes durch die dichten Baumkronen, und sie konnte ein wenig erkennen. Das Knurren ihrer Verfolger, die sie unerbittlich hetzten, hörte sie dafür umso besser. Dann vernahm sie ein Rauschen. Wasser! Es gelang ihr gerade noch, zu stoppen, unter ihr glitzerte Wasser im Mondlicht. Wild schäumend schoss es durch die schmale Schlucht. Schwer atmend drehte sich Loan um. Ihre Lungen brannten. Gegenüber schlichen Wölfe aus dem Unterholz, die Köpfe zum Angriff bereit gesenkt. Die fünf Tiere waren so groß wie Bären, hatten vor messerscharfen Zähnen starrende Mäuler, die sie fletschten. Speichel tropfte auf den felsigen Untergrund. Die Augen leuchteten gelb. Loans Puls war im nicht merkbaren Bereich. Hastig suchte ihr Blick die Gegend nach einer Waffe ab. Sie wurde fündig. Langsam ging sie seitwärts zu einem armdicken Ast, den sie hochhob. Die Raubtiere folgten ihr ebenso langsam. Sie würden versuchen, sie einzukreisen. Blitzartig stieß einer vor. Loan holte aus. Fell prallte gegen Holz. Sie hatte das Gefühl, ihre Arme ausgekugelt zu haben. Doch sie presste die Zähne zusammen, gab dem Schmerz nicht nach, verteidigte mit wilden Schlägen ihre Position. Traf Schnauzen, die Tiere jaulten. Durch das Training hatte sie mehr Kondition als die meisten Menschen, doch diesen Kampf würde sie nicht gewinnen können. Wieder duckte sich eines der Monster, setzte zum Sprung an. Da hallte ein Schuss durch den Wald. Der Wolf brach seinen Angriff ab, spitzte die Ohren. Die anderen taten es ihm gleich. Manche verschwanden im Unterholz. Im nächsten Moment schoss etwas heraus, genau auf Loan zu. Sofort holte sie aus, zu spät erkannte sie den Wolfsmann, der sich aber unter dem Ast wegduckte, sie packte und in die Tiefe riss. Im Flug drehte er sich mit ihr, sodass er mit dem berucksackten Rücken voran ins Wasser klatschte. Gnadenlos riss sie das Wildwasser mit, der Wolfsmann krachte gegen einen Felsen, keuchte leise und ließ sie los. Mit hilflosen Paddelbewegungen versuchte Loan, sich über Wasser zu halten. Immer wieder schluckte sie das eisige Nass. Keuchend hustete sie es aus ihren brennenden Lungen. Plötzlich zerrte etwas an ihr, sog sie förmlich nach unten, über ihr klatschte das Wasser zusammen. Sie presste die Lippen aufeinander, um den Atemreflex zu unterbinden. Ihre Lungen schrien nach Sauerstoff. Eine Hand packte sie, zog sie nach oben. Endlich durchbrach ihr Kopf die Wasseroberfläche. Sie schnappte keuchend nach Luft. Wieder einmal hatte der Wolf sie gerettet.

Kapitel 4

Cal umklammerte mit einem Arm den Baumstamm, mit dem er zusammengestoßen war, während er mit der anderen Hand die Jägerin davor bewahrte, erneut unterzugehen. Der Rucksack auf seinem Rücken versuchte, ihn in die Tiefe zu ziehen. Mit seiner ganzen Kraft kämpfte er dagegen an. Er konnte seine Last nicht abstoßen, denn dann hätte er keinen Proviant mehr, und der reißende Fluss trieb sie mitten in die tiefste Wildnis. Seine Muskeln brannten, der Arm wurde taub, doch er ließ den Stamm nicht los. Der Fluss wurde wilder und ein tosendes Rauschen erweckte Cals Aufmerksamkeit. Ein Schwall Wasser spritzte in sein Gesicht, sodass er die Lider zusammenkniff. Mit Wucht krachte der Stamm gegen die schroffen Felsen, die den Fluss säumten. Cal presste seinen Kiefer zusammen, der Stoß ging durch Mark und Bein. Die Jägerin japste nach Luft. Das Rauschen wurde bedrohlicher und nach der nächsten Biegung erkannte Cal den Grund.
   »Ein Wasserfall«, keuchte die Jägerin gurgelnd.
   »Jetzt wird’s lustig«, erwiderte Cal, schluckte Wasser, und noch bevor er es wieder heraushusten konnte, ging es in die Tiefe. Der Baumstamm verabschiedete sich. Er versuchte, die Jägerin fester zu packen, doch sie entglitt ihm. Einen Wimpernschlag später durchschnitten seine Füße die Wasseroberfläche und er tauchte unter, bis das kalte Nass über ihm zusammenklatschte. Obwohl der Rucksack schwer wie eine Felswand an ihm hing, schaffte er es, sich mit kräftigen Schwimmzügen nach oben zu kämpfen. Als sein Kopf die Wasseroberfläche durchstieß, sog er rettenden Sauerstoff tief in seine schmerzenden Lungen. Ein paar weitere Schwimmzüge reichten und er spürte das steinige Ufer unter seinen Händen. Mit letzter Kraft schleppte sich Cal an Land, schaffte es nicht einmal, den Rucksack abzuschnallen.
   Erschöpft blieb er liegen, ein eisiger Wind streifte seine Wange, kroch unter seine Kleidung. Ein Feuer wäre schön gewesen. Cal schloss die Augen, die Steine unter seinem Körper waren alles andere als bequem. Aber das war egal, einfach ausruhen. Hinter ihm rauschte der Wasserfall, vor ihm der Ruf eines Käuzchens. Die Last des Rucksacks drückte seine müden Glieder zu Boden. Es wurde immer kälter, seine Zähne klapperten aufeinander. Er konnte hier nicht liegen bleiben, sondern musste einen geeigneten Platz für ein Nachtlager finden und außerdem nach der Jägerin sehen. Mit einem Seufzer stemmte sich Cal hoch, sein Blick suchte die Umgebung ab. Das Licht des blassen Mondes reichte aus, dass er dank seiner Nachtsicht gut sah. Ein paar Schritte von ihm entfernt entdeckte er sie. Cal kam auf die Beine, ging zu ihr. Ohne Bewusstsein lag sie vor ihm. Eigentlich hätte er sie hierlassen und das Weite suchen können. Schließlich wollte sie ihn dem Justizrat ausliefern. Doch es war nicht seine Art, eine hilflose Frau allein in der Wildnis ihrem Schicksal zu überlassen. So hatte ihn seine Mutter nicht erzogen. Cal tastete nach ihrer Halsschlagader, spürte einen gleichmäßigen Puls unter seinen Fingern. Bevor er sie aufweckte, schob er den Ärmel ihrer Jacke hoch, darunter fand er das für Menschen typische Kommunikationsgerät, durch das sie auch geortet werden konnten. Er machte das an einem Armband befestigte Gerät ab, legte es auf einen Stein und schlug mit einem anderen darauf. Anschließend warf er es in den Fluss.
   Cal schenkte wieder der Jägerin seine Aufmerksamkeit. »Aufwachen.« Sanft tätschelte er ihre Wange. Ihre Haut war kalt, zu kalt für einen Menschen. »Komm schon«, sagte er, schlug härter zu.
   »Nimm deine dreckigen Finger von mir«, knurrte die Jägerin. Schwerfällig setzte sie sich auf, musterte die Umgebung. Wahrscheinlich konnte sie nur das Ufer in unmittelbarer Nähe erkennen, eben das, was ihr der fahle Schein des Mondes gestattete, sie war ja ein Mensch.
   »Charmant wie eh und je.« Cal erhob sich und trat einen Schritt zurück.
   »Wo sind wir?«, wollte sie wissen.
   »Ich würde sagen, am Arsch der Welt.« Er verschränkte die Arme.
   »Geht die Ortsangabe nicht etwas genauer?« Die Jägerin schob den Ärmel ihrer Jacke zurück und stutzte. Wie von einer giftigen Spinne gebissen, sprang sie auf und schubste Cal, der tatsächlich zurückwankte. Die Frau war kräftiger, als sie aussah. »Was ist mit meinen Kom? Verdammtes Arschloch.« Ihre Augen funkelten.
   »Hast du es verloren?«, fragte Cal mit unschuldiger Miene.
   »Verloren, verflucht, du hast es mir abgenommen. Wo ist es?« Sie ballte ihre Hände zu Fäusten. Cal sah zum Fluss und die Jägerin schnaubte laut.
   »Super gemacht, jetzt können wir nicht geortet werden.«
   »Das war der Zweck der Übung.« Er ging an ihr vorbei in Richtung Wald.
   »Das Ding kann auch als Landkarte benutzt werden, und zudem ist das Jäger-Kom eines der wenigen Geräte, das auch im Nirgendwo Empfang hat. Wir werden kein anderes finden, du Genie«, fauchte die Jägerin hinter ihm.
   »Tja, dann müssen wir uns eben auf unseren Instinkt verlassen. Komm mit oder bleib hier am Ufer sitzen, ganz wie du willst«, erwiderte Cal und schob die Büsche auseinander. Die vertrockneten Blätter raschelten. Er konnte jeden Strauch und Baum erkennen, der im Wald vor ihm stand, jedes Tier, das über den moosbewachsenen Boden huschte, nahm den fernen Geruch eines Rehes wahr, der sich mit Tannennadelaroma und dem vom gefallenen Laub vermischte. Über ihm flatterte ein Vogel auf.
   »Jetzt sollten wir einen Lagerplatz finden«, sagte er und setzte seinen Weg fort, der ihn tiefer in den Forst führte. Die triefnassen Klamotten klebten an ihm, er musste sie endlich loswerden. Seine Wolfsnatur tat alles, um die Kälte auszugleichen, die ihn wie eine aus Raureif gewebte Decke einhüllte. Am liebsten hätte er sich in seine tierische Gestalt verwandelt, die Wirkung des Giftes, das ihm dieses Weib gespritzt hatte, ließ nach. Aber in diesem Zustand müsste er den Rucksack sowie die Waffen der Jägerin überlassen. Keine gute Idee.
   »Autsch«, hörte er hinter sich, dem ein gezischtes »so ein Scheißwald« folgte.
   Cal musste grinsen. Ja, hier war er der Jägerin haushoch überlegen, da würde er ihr doch keine Waffe in die Hand drücken.

*

Loan kämpfte sich hinter dem Wolf durch das Unterholz. Es wurde immer kälter. Ihre Ohren und Finger spürte sie kaum noch. Die eisige Luft biss in ihre Wangen. Sie versuchte, das Wasser aus ihren tropfnassen Sachen zu drücken. Wenn sie nicht bald ins Trockene kam, würde sie sich den Tod holen. Immer tiefer folgte sie dem Wolf in den Wald. Wo wollte der Typ bloß hin? Um sie zu töten, musste er nicht so weit in den Wald gehen, das hätte er schon am Flussufer erledigen können. Sie blickte in Richtung Ufer, das Rauschen des Wasserfalls wurde zunehmend leiser. Vielleicht hätte sie dort bleiben sollen? Wenn die anderen nach ihr suchten, würden diese sie am Ufer besser finden als mitten im Wald. Anderseits war es fraglich, ob die Jäger sie hier überhaupt suchen würden. Wie lange könnte sie es allein schaffen? Sie hatte keinen Proviant und keine Waffe, nichts, mit dem sie ein Feuer entzünden konnte. Zudem war der Wolf noch immer ihr Ziel, also würde sie ihm folgen, bis sie die Gelegenheit bekam, ihn zu überrumpeln. Mit Wucht klatschte ein Zweig in ihr Gesicht, hinterließ eine brennende Wange.
   »Verdammte Scheiße«, fluchte sie, als der Wolf plötzlich vor ihr stehen blieb. Sie lief gegen den Rucksack. Ganz automatisch streckte sie die Hände aus, und ehe sich Loan versah, betatschte sie den Hintern ihres ehemaligen Gefangenen. Mit einem deftigen Fluch trat sie hastig zurück.
   »Hier können wir die Nacht verbringen.« Der Wolf stellte das Gepäckstück vor sich auf den Boden, tat so, als hätte er ihre unfreiwillige Annäherung nicht bemerkt. Peinlich berührt versteckte Loan die Hände hinter ihrem Rücken, damit sie nicht noch mal den Mann in unangemessener Weise berühren konnte.
   »Mach dich nützlich und sammle Feuerholz«, brummte der Wolf, ohne sich zu ihr umzudrehen.
   »Seit wann gibst du hier die Befehle?«, fuhr Loan seine Rückseite an. Jetzt sah er doch zu ihr.
   »Weil ich das Zelt habe«, erwiderte er.
   Obwohl Loan sein Gesicht aufgrund der Dunkelheit nicht genau erkennen konnte, wusste sie, dass er sie in diesem Augenblick unverschämt angrinste. Wo war eine Waffe, wenn man eine brauchte? Ach ja, die hatte der verfluchte Wolf.
   »Wie soll ich in dieser verschissenen Dunkelheit was finden?«, fauchte sie.
   »Verschissenen, ehrlich? Hat deine Mama dir beigebracht, solche Wörter zu benutzen?« Der Wolf wandte sich wieder seinem Rucksack zu und kramte etwas hervor, das er ihr entgegenhielt.
   »Meine Mom geht dich einen Scheißdreck an.« Loan nahm ihm den Gegenstand ab, den sie als Taschenlampe identifizierte. »Wozu brauchst du überhaupt eine Taschenlampe? Ihr könnt doch im Dunkeln sehen«, fragte Loan mit einer Stimme, die vor Sarkasmus nur so triefte.
   »Aber nicht bei völliger Dunkelheit, ohne jegliche Lichtquelle, wie zum Beispiel Höhlen«, erwiderte der Mann, während er schon wieder mit dem Rucksack beschäftigt war.
   »Zum Glück ist innen nichts nass geworden, der ist wirklich absolut wasserdicht«, sagte er mehr zu sich selbst.
   Loan knipste die Lampe an, endlich konnte sie ihre Umgebung richtig erkennen. Der Wolf holte ein Päckchen heraus, das so lang und doppelt so breit wie ihr Unterarm war. Er fingerte daran herum und legte es auf den Boden. Nur Sekunden später kam Leben in das Päckchen, es dehnte sich aus, wuchs nach oben, bis es zu einem kuppelartigen Zelt geworden war, in dem zwei Menschen Platz hatten.
   »Hier steht das Zelt, wo ist das Holz?« Er blickte zu Loan, die nur schnaubte, und obwohl alles in ihr ihm am liebsten gesagt hätte, wo er sich sein Holz hinstecken konnte, kam sie seiner Aufforderung nach. Denn jetzt begannen schon die Frostbeulen auf ihrem Körper Frostbeulen zu kriegen, und ein wärmendes Feuer war mit Sicherheit nicht das Schlechteste.

*

Nach einer Weile kam die Jägerin wirklich mit Holz zurück. Cal befreite eine Stelle auf der kleinen Lichtung vom Moos, bis die Erde zum Vorschein kam, holte den Laserzünder aus seinem Rucksack, schichtete das Holz auf, das ihm die Jägerin mit einem verächtlichen Schnauben vor die Füße geworfen hatte. Anschließend entzündete er es. Er hielt die Hände über die Flammen, spürte die Wärme. Die Jägerin trat ebenfalls ans Feuer, die Flammen spiegelten sich in ihren blauen Augen. Sie war wunderschön und vielleicht zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort, wenn er nicht unter Verdacht stünde, Frauen zu ermorden, würde sie vielleicht in diesem Zelt in seinen Armen liegen.
   »Was starrst du so«, fragte sie mit einer Stimme, die kälter als Eis am Nordpol war.
   »Ich hab mich gerade gefragt, wie du heißen könntest. Ich dachte an Jenny oder Maggie? Wie ich heiße, wirst du wohl von dem Jagdbefehl wissen. Meine Freunde nennen mich Cal.«
   »Zum einem sind wir keine Freunde, werden keine Freunde, mir fällt einiges ein, mit dem ich dich ansprechen könnte und mein Name geht dich einen Scheiß an«, erwiderte sie voller Hass, der Cal irgendwie traf, denn er hatte diesen Hass nicht verdient.
   »Dann nenne ich dich eben Jägerin«, brummte Cal und holte zwei Päckchen aus seinem Rucksack. Eines davon warf er der Jägerin zu, die es misstrauisch beäugte.
   »Das ist nur Nahrung, oder denkst du, ich vergifte meinen eigenen Proviant.« Cal wurde langsam sauer. Bis jetzt hatte er ihr nicht das winzigste Härchen gekrümmt, im Gegenteil, er hatte sie sogar gerettet. Wie sollte er noch beweisen, dass er kein Mörder war?
   Er setzte sich dicht ans Feuer, riss das silberne Päckchen auf. Die Hitze erreichte nur seine Vorderseite. Die feuchte Kleidung wirkte sich auf seinen restlichen Körper wie ein kalter Umschlag aus. Bei Fieber sehr effizient, hier in den spätherbstlichen Wäldern ziemlich unpraktisch. Er versuchte, das Zittern zu unterdrücken, sodass ihn die Jägerin nicht für schwach hielt. Schnell schlang er den Nahrungsbrei hinunter. Auch sein Gegenüber riss das Päckchen auf und nahm den Inhalt zu sich. Dabei ließ sie ihn nicht aus den Augen. Sie zitterte wie ein kleines Kätzchen im Regen. Eigentlich sollte ihn das kalt lassen, doch das tat es nicht.
   »Wir müssen aus den nassen Sachen raus«, sagte er.
   »Ich werde mich doch nicht vor einem Typen, der mit Vorliebe Frauen abschlachtet, ausziehen.« Mit finsterer Miene warf sie das Nahrungspäckchen ins Feuer, die Flammen schlugen kurz hoch.
   »Ich töte keinen Frauen.« Cal warf seines ebenfalls hinein.
   »Das sehen die Beweise gegen dich anders«, gab sie zurück.
   »Ist dir vielleicht einmal in deinen indoktrinierten Sinn gekommen, dass jemand mich reingelegt hat, um mich loszuwerden.«
   »Wer sollte das sein?«
   An ihrer Stimme hörte Cal, dass sie seine Theorie für absurd hielt, doch er redete weiter. »Weil die Wesen Manhattans mir vertrauen. Wer weiß, wenn sie einmal vereint und nicht mehr mit ihren Revierstreitereien beschäftigt sind, was das für die Menschen auf der anderen Flussseite bedeutet? Auf jeden Fall macht es einigen Schiss, aber es gibt auch Unterstützer. Ihr Menschen könnt uns nicht ewig in diese sogenannten Reservate sperren, die nichts anderes als Gefängnisse sind. Wir haben auch das Recht darauf, dort hinzugehen und zu leben, wo es uns gefällt.«
   »An den verwilderten Wölfen, die uns heute gejagt haben, hat man gesehen, wohin das führen wird«, gab die Jägerin stur zurück.
   Cal seufzte. »Wie auch immer, ich hab in meinem Leben noch nie einer Frau etwas getan. Wenn ich wirklich der Mörder wäre, hätte ich keinen Grund gehabt, dir das Leben zu retten. Ich hätte dich einfach den Wölfen überlassen können, dann wäre ich ein Problem los. So einfach ist das.« Er warf noch einen Ast ins Feuer, Funken stoben auf und verglühten in der Nachtkälte.
   Die Jägerin musterte ihn schweigend.
   »Wie dem auch sei, ich werde mir die nassen Sachen ausziehen und mich ins Zelt legen.« Damit stand Cal auf, nahm seinen Rucksack und machte einen Schritt in Richtung Zelt.
   »Im Anfangsstadium kann man Blutrausch behandeln«, sagte die Jägerin plötzlich.
   »Blutrausch also, das soll es sein?« Cal lachte bitter und drehte sich zu der Frau. »Sehe ich aus, als wäre ich dem Blutrausch verfallen. Hast du schon jemals Wesen erlebt, die das sind?« Er erinnerte sich an seinen Cousin, der sich nicht mehr in seine menschliche Gestalt zurückverwandeln hatte wollen, dann auf jeden losgegangen war, der nur in seine Nähe kam und als er sogar seine eigene Mutter töten wollte, hatte Cal ihn erschießen müssen. Es war einer der schwärzesten Tage seines Lebens gewesen. Den Jungen zu töten, mit dem er aufgewachsen war. Der in ihm eine Art großen Bruder gesehen, ihm vertraut hatte.
   »In deiner Familie gab es schon so einen Fall. Dein Cousin, nicht wahr?«, erwiderte die Jägerin, als könnte sie seine Gedanken lesen.
   »Genau, daher weiß ich, wie Blutrausch aussieht. Ich bin weit entfernt davon. Aber es ist sehr praktisch, einen Grund zu haben, mich wie einen räudigen Köter erschießen zu können.« Damit kroch Cal ins Zelt. Zorn pulsierte durch seine Adern. Es war nicht einfach für ihn, sich in dem kleinen Zelt zu entkleiden. Anschließend holte er seine Decke aus dem Rucksack, die aus einem golden schimmernden Stoff gefertigt war, dünner als Seide, aber so warm wie ein Pelz und am besten schlief man nackt darunter. Sie konnte klein zusammengerollt werden, sodass sie nur wenig Platz wegnahm, doch ausgebreitet reichte sie aus, um locker zwei Menschen zu bedecken. Cal wickelte sie sich um den Körper und ging aus dem Zelt. Die Jägerin war näher an das Feuer herangerückt, trotzdem nahmen ihre Lippen eine blassblaue Farbe an. Sie musste fürchterlich frieren. Dann traf Cal etwas Kaltes an der Nasenspitze. Er sah nach oben, Schneeflocken landeten auf seinem Gesicht. Wenn die Frau stur bliebe, würde sie die Nacht nicht überleben, aber das war nicht sein Problem. Er breitete seine Kleidung vor dem Feuer aus und ging zum Zelt zurück.
   »Du bist herzlich eingeladen.« Cal deutete ins Innere. Von der Frau kam nur ein Schnauben, er zuckte die Schultern und kroch wieder hinein. Den Rucksack, in den er alle Waffen geschoben hatte, benutzte er als Kopfkissen. Gegen die Jägerin brauchte er die Knarren nicht, denn das Gift hatte zu wirken aufgehört, und er war wieder imstande, sich zu verwandeln. Wenn sie irgendeine Dummheit plante, würde sie es mit dem Wolf zu tun bekommen und ohne ihre Waffen wäre sie ihm haushoch unterlegen. Er zog die Decke bis zum Kinn, endlich wurde ihm richtig warm.

Kapitel 5

Loan saß bibbernd am Feuer. Ihre Klamotten wurden einfach nicht trocken und jetzt schneite es auch noch. Sehnsüchtig schaute sie zum Zelt, in dem der Wolf lag. Sie konnte sich doch nicht zu einem Mörder legen, verflucht! Aber hier draußen würde sie nicht lange überleben. Die Oberschenkel waren so eingefroren, dass sie nicht einmal einen Messerstich gespürt hätte. In den Armen hatte sie kein Gefühl mehr und waren ihre Ohren überhaupt noch da? Ob sie hier draußen erfror oder von dem Wolf umgebracht wurde, das spielte keine Rolle mehr. Seufzend stand sie auf und entkleidete sich. Die Sachen breitete sie wie der Wolf vor dem Feuer aus, legte dann noch Holz nach. Anschließend kroch sie so schnell wie möglich ins Zelt.
   »Du wirst dich umdrehen, kein Augenkontakt«, fauchte sie den Mann an, der sich tatsächlich von ihr abwandte. Hastig krabbelte sie unter die Decke. Der Wolf roch nach Moschus und Wildheit. Ein Geruch, der ganz und gar nicht unangenehm war. Im Gegenteil, Loans Körper fand ihn sogar höchst anziehend. Wenn ihr Gehirn nicht gewesen wäre, das immer wieder Mörder schrie, wäre sie vielleicht sogar unvorsichtig geworden. Zudem strahlte er eine unglaubliche Wärme ab, die so guttat. Es war, als würde sie neben einem offenen Kamin liegen. Am liebsten hätte sie ihren unterkühlten Leib an seinen gekuschelt, doch stattdessen versuchte sie soweit von ihm weg zu bleiben, wie es die Decke zuließ.
   »Ich breche dir alles, das mich berührt«, sagte sie zu seinem Hinterkopf.
   »Nicht mal im Traum würde ich eine solche Kratzbürste wie dich anfassen«, erwiderte er.
   Loan drehte ihre Vorderseite in Richtung Zeltwand. Er wusste ja nicht, was ihm da entging.

Cal starrte die Zeltplane schon eine Ewigkeit an, der zarte Duft von Sommerflieder umspielte seine Nase. Die Jägerin atmete gleichmäßig, sie schien eingeschlafen zu sein. Nur eine halbe Armlänge von ihm entfernt, lag sie neben ihm. Als sie ins Zelt gekrochen war, konnte er einen Blick auf ihren trainierten Körper werfen, und was er gesehen hatte, gefiel ihm. Dann war da noch ihr zartes Sommerfliederaroma, das der Wolf in ihm am liebsten konserviert hätte.
   Er müsste sich nur zu ihr umdrehen, seinen Schwanz zwischen ihre Pobacken schieben und sie genüsslich von hinten nehmen. Schon der Gedanke ließ seinen kleinen Wolf anschwellen, der zuckend zum Ausdruck brachte, dass er nichts lieber täte, als die Gedanken in die Tat umzusetzen. Eine unglaubliche Hitze schoss durch Cals Leib, es war hier wie in einer Schwitzhütte. Er rappelte sich auf, griff nach dem Rucksack.
   »Was ist los?«, fragte die Jägerin. Sie klang überhaupt nicht verschlafen.
   »Ich muss mal.« Seine Stimme dagegen war rau wie nach dem Sex.
   »Dazu brauchst du den Rucksack?«
   »Sind Ersatzklamotten drin, und jetzt entschuldige mich.« Damit hastete Cal aus dem Zelt. Nackt lief er durch den Wald, begann zu rennen. Eisige Schneeflocken schmolzen auf seiner überhitzten Haut. Das Zelt war schon lange außer Sichtweite, da warf er den Rucksack weg und nahm, während er durch den Wald hetzte, seine tierische Gestalt an.

*

Sofort durchsuchte Loan das Zelt, fand aber keine Waffen. Der verfluchte Kerl musste sie im Rucksack aufbewahren, daher hatte er ihn auch mitgenommen. Frustriert wickelte sie sich die Decke um den Körper und krabbelte aus dem Zelt. Von dem Wolf fehlte jede Spur. Was, wenn er nicht wiederkam? Ein Teil von ihr war erleichtert, der andere sauer, wenn sie an das gigantische Kopfgeld dachte, das ihr durch die Finger glitt. Eine zarte Schneedecke lag wie Mehlstaub über dem Waldboden. Sie schlüpfte in ihre Stiefel, die noch immer klamm waren, und ging zu den rot glühenden Überresten des Lagerfeuers, um Holz nachzulegen. Es wurde heller um sie herum, doch der Wolf war nicht zu sehen. Sie strich über ihre Kleidung, die unter dem Schnee nicht so getrocknet war, wie sie sich das vorgestellt hatte. Eine eisige Brise fuhr unter ihre Decke, ihr Körper reagierte mit einer Gänsehaut. Schnell nahm sie ihre Sachen und kehrte ins Zelt zurück. Gerade wollte sie sich anziehen, um die Umgebung nach dem Wolf abzusuchen, als sie aus den Augenwinkeln einen Schatten vor dem Zelt wahrnahm. Ihr Puls verdoppelte seinen Schlag. Loan sah sich nach einer Waffe um, aber natürlich hatte ihr der Wolf keine dagelassen. Der Schatten kam näher, Loan rutschte nach hinten, überlegte fieberhaft, mit was sie sich gegen einen Angreifer wehren könnte, so nackt, wie sie war.
   Vorsichtig zog sie ihre Armeeschuhe aus. Im selben Moment wurde die Zeltplane am Eingang auseinander geschoben, Loan schleuderte einen Stiefel nach dem Eindringling.
   »Autsch, bist du verrückt?« Das war der Wolf.
   »Ich dachte, du wärst über alle Berge, und irgendein Vieh sieht in mir seine nächste Mahlzeit.« Loan zog die Decke in Richtung Hals.
   »Keine Sorge, hier in der Nähe gibt es keine Raubtiere.« Der Wolf rieb seine Stirn, die mit Loans Stiefel zusammengestoßen war.
   »Hier gibt es keine Raubtiere außer dir«, verbesserte sie ihn.
   »Ja, dem Mädchenmörder, ich weiß. Ehrlich, ich hab keine Lust zu diskutieren. Ich werde weiterschlafen.« Der Wolf krabbelte ganz ins Zelt. Er war nach wie vor nackt. Den Rucksack benutzte er wieder als Kissen und drehte sich von Loan weg.
   »Wolltest du dich nicht anziehen?«, fragte sie, während sie seinen Rücken begutachtete. Durch den Schein des Lagerfeuers, den die lichtdurchlässige Plane ins Zelt ließ, erkannte man seine gut definierten Muskeln. Vielleicht ging sie die Sache ganz falsch an. Sie hatte diese Frau nur schwer dazu überreden können, den Wolf zu verraten. Die Kleine schien ihn richtig gern gehabt zu haben. Es gab eine Devise unter den Jägern, die über allem stand: Der Zweck heiligte die Mittel.
   »Ich war ja nicht lange weg. Kriege ich auch ein Stück Decke oder willst du mich weiter anstarren?«, grummelte der Wolf.
   Loans Wangen wurden heiß. Schnell befreite sie sich von der Decke und breitete sie aus.
   »Na dann, schlaf gut.« Der Wolf zog noch mehr Decke zu sich, nur Sekunden später schnarchte er leise.
   Loan wandte ihm ebenfalls den Rücken zu, legte ihren Kopf auf den Arm. Die Bilder der getöteten Frauen blitzten in ihren Gedanken auf. Konnte sie sich wirklich mit einem solchen Monster einlassen? Sie dachte daran, wie er sie vor den Wölfen und vor dem Ertrinken gerettet hatte. Dieser Mann war zu verwirrend, er wirkte nicht wie einer, der Frauen ausweidete, sondern eher wie jemand, der Frauen mit ins Bett nimmt, um sie zu vögeln.
   Stünden Mördern ihre grauenvollen Taten ins Gesicht geschrieben, wäre unser Job um ein vielfaches leichter, pflegte Jace immer zu sagen, und wie immer hatte ihr Ausbilder recht. Sie musste auf der Hut sein, gerade hinter den Fassaden der Typen, die besonders unschuldig wirkten, lauerten Abgründe. Vielleicht sollte sie so viel Abstand wie möglich zwischen sich und dem Wolf bringen? Aber wenn sie in den Wäldern vor Kälte oder Hunger umkam, würde sie dem Wolf nur in die Karten spielen, außerdem waren ihre Sachen noch ziemlich feucht. Sie gab es nicht gern zu, doch er war ihre einzige Chance, aus diesem Dschungel herauszukommen. Der Mann besaß die besseren Sinne, um einen Weg aus den Wäldern zu finden.
   Vielleicht konnte sie die Machtverhältnisse zu ihren Gunsten ändern? Sie drehte sich um. Noch immer reichte der rot glühende Schein des Feuers, das wahrscheinlich bereits am Ausgehen war, um im Inneren des Zeltes das meiste erkennen zu können.
   Der Mann schnarchte leise vor sich hin. Sie pikte mit ihrem Finger in seine Schulter, er rührte sich nicht. Vorsichtig untersuchte sie den Rucksack. In den Außentaschen, die sie erreichen konnte, fand sie keine der Waffen. Dummerweise zeigte die Öffnung zur anderen Seite. Mit Sicherheit bewahrte er darin die Waffen auf. Um da heranzukommen, musste sie über den Mann klettern.
   Vorsichtig schob sie die Decke von sich weg und pikte etwas fester in seinen Rücken. Er atmete gleichmäßig weiter. Sie hielt die Luft an, als sie sacht über ihn kletterte, auf allen vieren verharrte sie. Nur eine Handbreit Luft und die dünne Decke trennten ihre Körper voneinander. Sie streckte den Arm aus, erreichte die Öffnung, als der Wolf sie packte und auf den Rücken rollte und mit seinem Körper auf dem Boden festnagelte. Sein Schwanz drückte gegen ihre Weiblichkeit. Wenn die Decke nicht gewesen wäre, dann wäre er vermutlich in ihr.
   »Was wird das, wenn es fertig ist?«, knurrte er leise, was sich bedrohlicher anhörte, als wenn er es geschrien hätte.
   »Ich wollte etwas Proviant«, log sie. Ihr Herz sprang wie ein aufgebrachter Vogel gegen die Rippen.
   »Dann sag doch was«, erwiderte er, sein Schwanz zuckte zwischen ihren Schenkeln. Er war scharf auf sie, eine für Loan interessante Entdeckung. Wenn sie so nicht an die Waffen kam, dann vielleicht Plan B, der hieß, sein Vertrauen zu gewinnen. Zart strich sie über seinen Rücken.
   »Mir ist noch immer kalt. Was könnten wir dagegen tun?«, sagte sie, sah ihn durch ihre gesenkten Augenlider an, während sie mit der Zunge aufreizend über ihre Lippe fuhr. Deutlich spürte sie sein Verlangen, der Kerl war so was von reif. Er senkte seinen Kopf, seine Lippen berührten fast ihre.
   »Da hab ich doch eine Idee«, flüsterte er.
   Loan erwartete einen Kuss, aber er rollte sich von ihr herunter, machte den Rucksack auf und kramte darin herum. Anschließend reichte er ihr zwei Dinge, ein Nahrungspäckchen und ein Stoffbündel.
   »Das Shirt ist frisch. Es wird natürlich etwas groß sein, aber es wird dich wärmen«, sagte er dazu.
   Verblüfft nahm Loan die Sachen entgegen. Wie konnte der Kerl sich so im Griff haben? Blutgier sah wirklich anders aus.
   »Jetzt sollten wir schlafen, mach nicht so viel Krach.« Der Mann legte den Rucksack zurecht, bettete sein Haupt darauf und zog sich seinen Teil der Decke über den Körper. Mit offenem Mund starrte Loan ihn an. Hatte er sie tatsächlich abgewiesen, obwohl sie sich ihm nackt an den Hals geworfen hatte? Der musste schwul sein, da gab es keine andere Erklärung. Loan feuerte das Nahrungspäckchen in die Ecke.
   »Ich dachte, du hast Hunger?«, fragte der verfluchte Wolf. Deutlich hörte sie ein leises Lachen.
   »Ist mir vergangen.« Sie streifte sich das Shirt über, nahm ihre Deckenhälfte und wandte dem Mann den Rücken zu. Mit Sicherheit war er schwul.

*

Vorsichtig schlug Cal die Decke zurück. Die Jägerin lag mit dem Rücken zu ihm, er wollte sie nicht wecken. So leise er konnte, nahm er den Rucksack und verließ das Zelt. Draußen stand er in einer fingerdicken Schneedecke, die unter seinen Fußsohlen schmolz. Er holte frische Klamotten aus dem Rucksack und schlüpfte hinein. Seine Jacke unter dem Schnee war noch klamm, doch es würde gehen und es war kein Vergnügen, die hart gefrorenen Wanderstiefel anzuziehen. Anschließend suchte er eine Waffe aus dem Rucksack, die er sich in den Hosenbund schob, danach entfachte er das Feuer. Eines der Essenspäckchen, die Flüssigkeit und Nahrung in einem beinhalteten, waren sein Frühstück. Er setzte sich auf den Rucksack und schaute zum Zelt. Immer wieder flammten die Erinnerungen an die vergangene Nacht auf. Wie die Jägerin mit gespreizten Beinen unter ihm lag, sich bereitwillig gezeigt hatte. Zu gern wäre er ihrem Angebot nachgekommen, schon, um endlich den Druck loszuwerden. Er hatte Monate keine Frau mehr gehabt und dann so eine außergewöhnliche wie die Jägerin. Ihr Duft nach zartem Sommerflieder verfolgte ihn überall hin. Er konnte sie im wahrsten Sinne gut riechen. So fanden Wölfe normalerweise ihre Partner mit der Nase. Er hatte noch nie zuvor eine Frau getroffen, deren Aroma ihn so berauschte. Allein der Gedanke, wie sie sich unter ihm wandte und ihre Lust herausstöhnte, ließ sein bestes Stück anschwellen. Doch hier war weder die richtige Zeit noch der richtige Ort. Außerdem konnte er der Frau nicht eine Sekunde trauen. Wenn diese ihn ansah, blinkten Goldstücke über seinem Kopf. Sie würde alles tun, um die Belohnung zu bekommen, da war sich Cal sicher. Keine gute Basis für eine Beziehung und sei sie auch nur sexueller Natur. Nach seinem kargen Mahl suchte er seine Klamotten zusammen, verstaute sie unter den Nahrungspäckchen und den Waffen im Rucksack. Sie sollten langsam aufbrechen. Wolken verbargen die Sonne, doch es war mit Sicherheit schon spät am Morgen. Bald würden die Kollegen der Jägerin ihr Verschwinden bemerken und sich auf die Suche nach ihr machen. Cal wollte die Frau an den Rand einer Siedlung bringen, dann wieder in den Wäldern verschwinden. Seine Nase sagte ihm, dass es in der näheren Umgebung keine Menschen gab. Sie würden wohl einige Tage marschieren müssen, bis er sie loswurde. Je eher sie aufbrachen, desto besser.

Kapitel 6

Mies gelaunt hob Loan die Lider. Sie fühlte sich, als hätte sie auf einem Felsen gelegen, ‚geschlafen‘ konnte man nicht sagen, da sie sich nicht mal ein winziges Nickerchen erlaubt hatte. Ständig war sie wachsam gewesen, jede noch so kleine Regung des Wolfs hatte sie in Alarmbereitschaft versetzt. Nachdem er sich irgendwann angezogen und das Zelt verlassen hatte, gelang es ihr endlich, für einige Augenblicke in eine Art Wachschlaf zu fallen. Es gehörte zu ihrer Ausbildung, mehrere Tage und Nächte nicht tief zu schlafen.
   Jetzt hielt sich der Wolf draußen auf, sie konnte ihn hören. Loan sammelte ihre Sachen zusammen, sie fühlten sich nicht mehr so nass an. Wenigstens trockneten die synthetischen Stoffe relativ schnell. Sie hielten eigentlich sogar starken Regen aus, doch nach einem Bad in einem reißenden Fluss war ihre Resistenz offensichtlich überstrapaziert. Eilig zog sie sich an. Die Stiefel hätten trockener sein können. Mit gespreizten Fingern fuhr sie ein paar Mal durch ihr schulterlanges Haar, bevor sie das Zelt verließ. Der Wolf saß auf seinem Rucksack vor dem Feuer. Dieses Ding nahm er überall mit hin, ließ es nicht eine Sekunde aus den Augen oder saß sogar drauf. Wie zum Teufel sollte sie da an eine Waffe kommen?
   »Frühstück?«, fragte er.
   »Nein«, fauchte sie.
   »Wie immer gut gelaunt.«
   Er sah sie mit einem Lächeln an, das ihn verdammt attraktiv machte und ihr besser gefiel, als gut für sie war. Verflucht, was war mit ihr los? Der Mann stand unter dem Verdacht, Frauen ermordet zu haben.
   »Ich würde es vorziehen den Tag schweigend zu verbringen«, erwiderte sie und machte ihre Jacke zu.
   »Wie du willst.« Der Wolf stand auf und ging zum Zelt, den Rucksack hatte er liegen lassen. Er schob die Plane zur Seite, um bis zur Körpermitte im Inneren zu verschwinden. Loan umrundete das Feuer, ließ den Mann dabei nicht aus den Augen, neben dem Rucksack ging sie in die Hocke, er war verschlossen. Sie spürte ihren Puls gegen die Kehle hämmern. Der Wolf holte die Decke heraus, schenkte ihr keine Beachtung. Loan zog an dem Verschluss, der rührte sich keinen fingerbreit. War das Mistding verklemmt? Sie zerrte mit mehr Kraft daran. Im nächsten Moment spürte sie Metall an ihrer Schläfe.
   »Suchst du etwas?«, fragte der Wolf scharf, während er ihr eine Knarre an den Kopf hielt.
   Loan schluckte schwer und stand vorsichtig auf. Der Lauf der Waffe folgte ihr. Sie hatte das nicht kommen sehen. Dieser verfluchte Hundesohn bewegte sich teuflisch schnell und leise. »Ich hatte doch Hunger«, log sie, denn eigentlich waren Waffen ihr Ziel gewesen.
   »Es ist nicht nett, sich an fremden Sachen ohne Erlaubnis zu vergreifen.« Der Wolf zog die Waffenhand zurück und sicherte die Pistole, die er in seinen hinteren Hosenbund schob.
   Stolz reckte Loan ihr Kinn vor. »Irgendwann werden sich die Machtverhältnisse zwischen uns ändern«, sagte sie leise.
   »Du drohst dem Mann mit der Waffe.« Der Wolf klang belustigt.
   Wut, heißer als geschmolzenes Metall, kochte in Loans Adern. Sie ballte die Hände zu Fäusten.
   Der Mann bückte sich, hob die Decke auf, die er gegen ihre Brust presste.
   »Mach dich nützlich und leg die zusammen. Wenn du dann lieb zu mir bist, bekommst du vielleicht ein Nahrungspäckchen.« Er grinste breit.
   »Wenn sie dich grillen, werde ich dabei sein, um dabei zuzusehen, wie du verbrutzelst, und es wird mir gefallen. Die anderen Jäger suchen bestimmt nach mir, und sie werden uns finden.« Loan nahm die Decke.
   »Erstens muss ich verurteilt werden, damit die Todesstrafe vollstreckt wird, und zweitens wollen wir es deinen Kollegen nicht zu leicht machen. Das heißt, in einer Viertelstunde ist Abmarsch. Du kannst natürlich auch hierbleiben, um auf sie zu warten, vielleicht leistet dir das ein oder andere Raubtier Gesellschaft. Ganz wie du möchtest.« Der Wolf nahm den Rucksack, ging damit zum Zelt. Eine kurze Berührung der Auslösevorrichtung reichte, damit es sich wieder zusammenfaltete und er es an der Unterseite des Rucksacks einklinken konnte.
   »Oh, sie werden dich verurteilen, verlass dich drauf. Dazu reichen die umfangreichen Beweise gegen dich, die sichergestellt wurden«, erwiderte Loan trotzig. Im nächsten Moment bereute sie ihre Worte, manchmal war ihre große Klappe schneller als ihr Gehirn. Einem gesuchten Mörder, der dazu noch bewaffnet ist, sollte man nicht sagen, dass ihm mit großer Sicherheit die Todesstrafe drohte. Nervös rollte sie die Decke zusammen.
   »Wenn ich getan habe, weswegen ich gesucht werde, wieso lebst du noch? Hast du dich das nicht mal gefragt?« Der Wolf griff nach dem faustgroßen Deckenpäckchen, das sie in der Hand hatte, während er ihr in die Augen sah. Das Graugrün seiner Iriden war dunkler geworden. Loan hielt seinem Blick stand.
   »Das wird irgendein krankes Spiel sein, das du hier abziehst«, antwortete sie rau. Ihre Kehle fühlte sich staubtrocken an, kratzte, als hätte sie Sand geschluckt.
   »Wenn das so ist, wäre es doch besser, du suchst das Weite, ehe ich deine Eingeweide hier im Wald verteile.« Der Wolf nahm ihr das Deckenknäuel ab, um es ebenfalls im Rucksack zu verstauen.
   Loan runzelte die Stirn. Es wäre wirklich besser, zu verschwinden. Zwar beherrschte sie verschiedene Selbstverteidigungs- und Angriffstechniken, aber wenn sie ehrlich war, half ihr gegen den Wolf nur eine Waffe. Er war wesentlich schneller und stärker als sie. Falls sie überhaupt etwas gegen ihn ausrichten konnte, dann nur aus dem Überraschungsmoment heraus. Doch der Wald war nicht ihr vertrautes Terrain und machte es schwer, den Wolf zu überraschen. Sie ging langsam einige Schritte rückwärts, sah sich um, in welche Richtung sie fliehen könnte. Dann stoppe sie. Vielleicht wollte der Kerl, dass sie floh, um sie jagen zu können. War genau das der Fehler seiner Opfer gewesen, dass sie vor ihm weglaufen wollten?
   »Nein, ich werde weiter deine Gesellschaft genießen. Ich will doch dabei sein, wenn sie dich wie einen tollwütigen Köter zur Strecke bringen«, sagte sie, bemüht die Stimme fest klingen zu lassen. Er sollte ihre Angst auf keinen Fall bemerken.
   »Na dann, gehen wir.« Der Wolf schnallte sich den Rucksack auf den Rücken, mit dem Fuß schob er ein Schnee-Erd-Gemisch über die Glut, bis Rauchfäden aufstiegen.

*

Jace saß in seinem Büro in der Zentrale. Loan war längst überfällig. Er starrte schon minutenlang die holografische Karte an, die über seinem Schreibtisch schwebte, konnte aber ihr Signal nicht finden. Bunte Leuchtpunkte zeigten, wo die anderen Jäger waren, doch der von Loan fehlte. Das verhieß nichts Gutes, ihr Kom musste defekt sein oder Schlimmeres. Jemand räusperte sich, Jace hob den Kopf.
   »Ratsherr Withfield, was möchte Sie?« Er stand auf, umrundete den Schreibtisch. Ein Leibwächter folgte dem Mann in den Raum.
   »Wie weit sind Ihre Ermittlungen im Fall Caleb Johnson vorangeschritten?«
   »Mit Verlaub, Sir, das ist Sache des Justiz- und nicht des Regierungsrates. Ich kann Ihnen leider nichts dazu sagen, wenden Sie sich bitte an meine Vorgesetzten.« Jaces Blick glitt von Withfield zu dessen Wächter, der starr geradeaus schaute, und wieder zurück.
   Der Ratsherr musterte Jace einen Augenblick, dann nickte er. Der Kerl war gefährlicher als eine Giftschlange, viele unterschätzten ihn, weil er in der Öffentlichkeit einen auf Wesensbeschützer machte. Diesen Fehler beging Jace nicht.
   »Keine Sorge, Sir, die Jägerin, die ich geschickt habe, wird Ihrem Freund kein Härchen krümmen. Sie ist ein Profi.« Jace verschränkte die Arme.
   »Denken Sie daran, er ist nur verdächtig, nicht verurteilt. Unschuldig, bis seine Schuld einwandfrei bewiesen wurde. Es hat viele Generationen gedauert, bis wir die Rechtsordnung einigermaßen wiederhergestellt hatten. Wenn Caleb auch nur eine Schramme hat, sind Sie und Ihre Kollegin die Jobs los.« Damit verließ Withfield den Raum.
   »Verfluchte Scheiße«, murmelte Jace, fuhr durch sein Haar und drehte sich zur holografischen Karte.
   »Ich hab den Shuttle geortet.« Sam stürmte in den Raum. Eigentlich hieß sie Samatha, aber Sam passt eindeutig besser zu ihrem Militärhaarschnitt und dem an Armeeklamotten angelehnten Outfit. Jeder, der sie Samatha nannte, spielte mit seinem Leben. »Es ist ungefähr da.« Sie deutete auf die Karte.
   »Die sollen meinen Shuttle bereit machen, ich werde selbst nach Loan suchen«, befahl Jace, während er schon auf dem Weg zur Waffenkammer war.

*

Seit Stunden waren sie schon im Wald unterwegs. Die Jägerin hielt erstaunlich gut Schritt, und sie hatte wirklich den ganzen Tag ihren Mund nicht aufgemacht. Ihren äußerst sinnlichen Mund, der sich meist voller Abscheu verzog, wenn sie ihn ansah. Mehr als einmal wollte Cal ihr alles erklären, sie davon überzeugen, dass er kein Mörder war. Aber wahrscheinlich würde eher ein Hyänenmann eine Wolfsfrau heiraten, als dass die Jägerin ihm auch nur ein Wort glaubte. Eine Schneeflocke blieb an Cals Nase hängen, er sah nach oben. Die ganze Zeit hatte das Wetter gehalten. Stellenweise war der Schnee sogar weggetaut, doch mit langsam einbrechender Dunkelheit wurde es merklich kälter. Es war an der Zeit, sich nach einem Lagerplatz umzuschauen. Zunehmend mehr Flocken tanzten um Cal herum. Der Winter eroberte mit aller Macht das Land. Sie gelangten zu einer Stelle, an der es zwischen den Bäumen genug Platz für das Zelt gab.
   »Hier werden wir rasten«, beschloss Cal. Er nahm den Rucksack ab, um das Zelt auszuklinken, das er gleich aktivierte. Anschließend befreite er eine Stelle auf dem Boden vom Schnee. Er sah zur Jägerin.
   »Feuerholz«, sagte die nur, holte die kleine Lampe, die Cal ihr gelassen hatte, aus der Jackentasche, um danach zwischen den Bäumen zu verschwinden. Nach einer Weile kam sie wirklich mit Holz wieder.
   Es schneite von Augenblick zu Augenblick stärker. Cal hatte Mühe damit, das Feuer zu entfachen. Er setzte sich an die wohltuende Wärme, die Jägerin nahm gegenüber Platz. Schneeflocken blieben an ihren langen Wimpern und dem dunklen Haar hängen, das im Schein des Feuers rötlich schimmerte. Sie wischte mit dem Handrücken über ihr Gesicht.
   »Weißt du überhaupt, wo wir hinlaufen?«, fragte sie und beendete damit ihr Schweigen.
   »Richtung Osten«, erwiderte Cal.
   »Geht das genauer?« Ungeduld lag in ihrer Stimme.
   »Nein.« Cal öffnete den Rucksack, um zwei der Nahrungspäckchen herauszuholen. Langsam wurden die knapp, er hatte seine Vorräte noch nicht auffüllen können. Wenn sie nicht bald auf eine Siedlung stießen, musste er jagen gehen.
   »Hier das heutige Abendmenü. Nahrungsbrei.« Cal warf ihr eines der Päckchen zu, das sie geschickt auffing.
   »Diese Frauen, du hast sie gekannt?« Die Jägerin machte ihre Nahrungseinheit auf.
   Cal tat es ihr gleich. »Ja, ich hatte beruflich mit ihnen zu tun. Was nicht heißt, dass ich sie abgeschlachtet habe.« Tief in seinem Inneren schwelte Zorn. Immer wieder hatte er seine Unschuld beteuert, doch die Menschen glaubten ihm nicht. Sie hatten ihre vorgefassten Meinungen, wie auch die Jägerin. Nichts, was er sagte oder tat, würde sie davon abbringen. Er war es so leid. Frustriert steckte er die Öffnung des Päckchens in seinen Mund, um den Inhalt hineinzudrücken. Das Zeug schmeckte wie Schlamm, aber es machte satt und sorgte dafür, dass der Wasserhaushalt im Körper stimmte.
   »Ich leg mich jetzt hin«, sagte Cal, nachdem er gegessen hatte, stand auf, nahm den Rucksack und war zwei Schritte später beim Zelt.
   Die Jägerin blieb sitzen, ihr wachsamer Blick folgte ihm. Unter ihr Fliederaroma hatte sich ein weiterer Geruch gemischt, der sie noch anziehender für Cal macht, es war der süße Duft der Angst. Sie machte einen auf toughe Kriegerin, aber in ihrem Inneren war sie voller Furcht. Er öffnete die Eingangsplane, bevor er hineinkroch, verharrte er und schaute zur Jägerin.
   »Ich würde nicht hier draußen sitzen bleiben, es wird heute Nacht mit Sicherheit noch kälter werden, aber das ist deine Sache.« Damit verschwand er im Zelt und schloss hinter sich die Plane. Im Innenraum zog er nur die Schuhe aus, die Klamotten ließ er an. Sie waren bei Weitem nicht so nass wie gestern, und er wollte zu allem bereit sein. Wer wusste schon, was die Jägerin vor dem Zelt so an Überraschungen für ihn bereithielt. Cal holte die Decke aus dem Rucksack, der wieder als Kopfkissen fungierte, und streckte sich aus. Die Jägerin kam nicht ins Zelt, Cal unterdrückte seinen Impuls, ihr die Decke zu bringen. Er war für die Frau nicht verantwortlich, auch wenn seine Wolfsnatur es gern wäre. Ihr Duft hatte sich fest eingeprägt, er würde sie immer und überall finden. Jede Faser seines Körpers sagte ihm, dass sie die eine unter Tausenden war. Das Schicksal war schon eine ironische Schlampe. Nicht nur, dass seine potenzielle Blutgefährtin ein Mensch war, sondern auch noch eine Jägerin. Die Art Menschen, die seinesgleichen am meisten hasste. Was auch auf Gegenseitigkeit beruht. Cal drehte sich auf die andere Seite. Irgendwie kam es ihm im Zelt stickig vor. Wenn er die Augen zumachte, sah er die Jägerin, wie sie sich lustvoll stöhnend an ihm schmiegte. Sein Schwanz schwoll an, drückte schmerzhaft gegen den Hosenstall, was das Schlafen noch schwieriger machte. Er hatte wirklich verdammt lange keinen mehr weggesteckt. Das war wahrscheinlich der wirkliche Grund, warum er den Duft der Frau so anziehend fand. Doch tief in seinem Inneren, wusste er, dass dies nicht die Ursache seines Verlangens war. Gestaltwandler erkannten ihre für sie bestimmten Lebenspartner, das genetisch am besten kompatible Wesen, über den Geruch von der ersten Sekunde an. Es war wie ein magisches Band, das die beiden bis zum Tod des Partners vereinte. Nur sehr selten entstand dieses Band zwischen verschiedenen Wandlerrassen und noch seltener mit einem Menschen. Aber wenn es so war, spürte das menschliche genetische Gegenstück diese Verbindung ebenfalls. Zwar hatten Menschen nicht so einen feinen Geruchssinn, doch ihr Unterbewusstsein fühlte dieses Band. Eine solche Verbindung wurde auf beiden Seiten nicht gern gesehen und Nachkommen konnten Reinblütige mit Wandlern nicht zeugen. Denn Menschen vererbten ein Gen, das die Wandlergene bekämpfte. Daher war es auch für beide Rassen tödlich, wenn das Blut der einen direkt in die Venen der anderen gelangte. Außer die Wandler zerfleischten Menschen. Über den Magen aufgenommenes Blut wurde durch Säuren neutralisiert.
   Diese aus solch einer Verbindung entstandenen Kinder starben meist schon im Mutterleib. Es war aussichtslos über eine Zukunft nachzudenken. Obwohl es immer wieder Gerüchte gab, dass Kinder aus solchen Verbindungen überlebten. Cal hatte noch nie eines zu Gesicht bekommen.
   Er drehte sich auf den Rücken, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und starrte das Zeltdach an. Er war ein richtiger Glückspilz. Bei dem Gedanken, wie er sie seiner Mutter vorstellte, hätte er laut auflachen können.
   Hi Mom, die Jägerin, die gerade meinen Kopf dem Justizrat serviert, ist im Übrigen auch die Eine. Mit Enkeln würde ich nicht rechnen. Er war wirklich am Arsch. Und zwar so was von.

*

Loan saß zitternd am Feuer. Sie legte Holz nach, die Flammen loderten auf, doch wärmer wurde es ihr nicht. Ihr Blick glitt zum Zelt, darin würde es mit Sicherheit angenehmer sein. Ihre Schultern bedeckte schon eine kleine weiße Schicht, ihr Haar war feucht vom Schnee. Immer dickere Flocken rieselten vom Himmel. Sie zog die Kapuze über den Kopf, presste die Lippen aufeinander, rubbelte über ihre Oberarme. Die gestrige Nacht war ein Fehler gewesen. Sie sollte unbedingt Abstand zu dem Wolf wahren, daher zog sie es vor, lieber in der Kälte zu frieren, als zu ihm ins Zelt zu krabbeln. Noch nie zuvor hatte sie sich so unprofessionell und dumm benommen. Was hatte der Kerl nur an sich, das sie so unvorsichtig werden ließ? Ein gutes Aussehen allein hatte sie noch nie von ihrem Job abgelenkt. Er war ein verfluchter Mörder, egal, wie attraktiv es ihn machte, wenn er lächelte. Loan hielt die Hände über das Feuer, ihre vor Kälte tauben Finger kribbelten, als die Hitze sie berührte. Auch die Füße schob sie näher an die wohltuende Wärme. Doch all die Maßnahmen halfen nichts dagegen, dass sie langsam zu einem Eiszapfen gefror. Warum musste sie in diesem verfluchten Wald stranden? Eine Stunde vor dem Abflug hatte sie der Shuttle kontrolliert, und alles war in bester Ordnung gewesen. Was, wenn der Absturz absichtlich herbeigeführt worden war? Der Wolf hatte bis in höchste Regierungskreise Freunde. Die hätten leicht so einen Unfall arrangieren können. Vielleicht sollte Loan ihr Ziel überhaupt nicht erreichen, und das Ganze war schiefgelaufen? Oder einer seiner Feinde wollte nicht, dass sie diesen Absturz überhaupt überlebten? Egal, welche Theorie stimmte, ein gesteigertes politisches Interesse an der Person Caleb Johnson war nicht zu leugnen. War er wirklich hereingelegt worden? Loan ging in Gedanken die Bilder der Tatorte und der Beweise durch. Irgendwie war ihr das alles schon, seit sie den Fall übernommen hatte, seltsam vorgekommen. Für einige der Tatzeitpunkte hatte Johnson eigentlich Alibis gehabt, die in stundenlangen Verhören mit den betreffenden Zeugen entkräftet worden waren. Einem Verhör hatte Loan sogar beigewohnt und den Eindruck gewonnen, der Wandler war einer regelrechten Gehirnwäsche unterzogen worden. Doch nicht sie hatte zu entscheiden, ob Johnson schuldig war oder nicht. Sie musste seinen Arsch nur zum Justizrat schaffen. Was sich schwierig gestalten würde, wenn sie heute Nacht erfror. Sehnsüchtig schaute sie zum Zelt, ihre Lider wurden schwer. Sie war so verflucht müde. Vielleicht sollte sie die Augen etwas zumachen, nur für ein paar Sekunden.

*

Es war nicht möglich gewesen, seinen Shuttle in der Nähe der Absturzstelle zu landen. Jace hatte einige Meilen weit entfernt hinuntergehen und zu Fuß durch den Wald gehen müssen. Was ihn eine Menge Zeit gekostet hatte. Er stand im Laderaum von Loans Shuttle. Von ihr oder dem Gefangenen fehlte jede Spur. Die Stasiskapsel war zerstört worden. Beißende Dämpfe reizten seine Augen. Hier gab es für ihn nichts mehr zu tun. Während er die Rampe hinunterschritt, aktivierte er sein Kom.
   »Hast du sie gefunden? Geht es ihr gut?«, fragte Sam.
   »Ich hab den Shuttle, aber von ihr oder Johnson fehlt jede Spur. Es wird dunkel, ich gehe zu meinem zurück, werde mich noch mal melden, wenn ich es erreicht habe.« Das Knacken eines Astes erweckte Jace Aufmerksamkeit. Er zog seine Waffe.
   »Loan, bist du das?«, rief er in den Wald, es kam keine Antwort.
   Wieder knackte Geäst, dem folgte ein leises Knurren. Im nächsten Augenblick sprang ein riesiger Wolf aus dem Unterholz. Reflexartig hob Jace die Waffe und schoss.

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