Eine einzige Nacht hat die Kleinstadt, in der Lia lebt, auf den Kopf gestellt. Gezeichnet von der schweren Schlacht unter der Erde, verfällt Lia in Depressionen. Erst nach und nach flammt Hoffnung in ihr auf. Vielleicht ist doch nicht alles verloren. Beflügelt von der Idee, die Zukunft zu beeinflussen und ihren Liebsten und sich zu retten, schließt sie sich erneut den Rivalen an. Sie jagen wieder Roumen, bis ein missglücktes Experiment fast alle Lebewesen erstarren lässt. Plötzlich gibt es nur noch Roumen und Rivalen. Bald stellen die Freunde fest, dass sie in einer Welt, in der keine Gesetze mehr gelten, nicht nur die Roumen fürchten müssen.

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ISBN: 978-9963-53-608-5

Seiten: 387

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C. Carelly

C. Carelly
C. Carellys Motto lautet: inspirieren, motivieren, kreieren. Sie hat an der Universität Konstanz Soziologie studiert und verließ den Bodenseeraum nach dem erfolgreichen Abschluss. Ihre erste Veröffentlichung im Bookshouse Verlag ist die Urban-Fantasy-Trilogie „Stadtrivalen“, die 2018 mit dem letzten Band abgeschlossen worden ist. Die Autorin mit dem Pseudonym Carolina Carelly lebt mit ihrem Partner in München. Sie liebt guten Cappuccino, Spaziergänge und Sonnenbaden … und Katzen. www.carelly.de

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1

Irgendetwas stimmt nicht. Aber ich begreife nicht, was, während mein Blick umherschweift. Vor mir zündet sich Sascha eine Zigarette an. Seine zweite, seit wir hier stehen. Neben ihm rückt Sonja die Sonnenbrille zurecht und verschränkt die Arme vor der Brust. Wie immer überspielt sie ihre Nervosität mit Coolness. Chris hingegen ist anzusehen, dass ihn die Aufregung zerfrisst. Er mahlt mit den Kiefern und verlagert das Gewicht permanent von einem Bein auf das andere. Annie rührt sich nicht, als sei sie erstarrt. Gedankenlos stochert Jannis mit einem Stock in der Erde. Zu meiner Linken stricken die Zwillinge, Eda und Chiara, einen Schal, als gäbe es im Moment nichts Wichtigeres. Ihren Bewegungen wohnt eine Hektik inne, die meine innere Unruhe steigert.
   »Hey, Hellseherinnen, wieso macht ihr das?«, frage ich und versuche, heiter zu klingen, um die Anspannung zu mildern, die uns eisern im Griff hat. »Der Schal ist schon fertig.«
   »Ist er nicht«, entgegnet Eda. Sachte streicht sie sich eine Strähne aus dem Gesicht und sieht mich an. »Wenn wir wollen, können wir alles auftrennen und ein neues Muster kreieren.«
   »Wieso solltet ihr? Dafür ist es zu spät.«
   »Es ist nie zu spät«, erwidert sie.
   »Kommt alle näher«, ergreift Dorian das Wort.
   Als er eine Karte aufklappt, zentrieren wir uns um den Stadtplan. Dorian deutet auf einen Punkt auf der Karte.
   »Unter dem Hügel befindet sich ein Roumen-Nest.«
   Wir folgen seinem Blick in die Ferne. Der Hügel, der etwa dem Viertel eines Fußballfeldes entspricht, wirkt so unscheinbar und gewöhnlich wie jeder andere. Niemand würde vermuten, dass sich unter der mit dichtem Gras überzogenen Fläche Tunnel befinden, deren Erde täglich von zahlreichen nackten Roumenfüßen zerstampft wird.
   »Da unten halten sich etwa zwanzig Roumen auf«, erklärt Dorian.
   »Zwanzig?« Sascha greift sich in das Haar. »Wie sollen wir die besiegen?«
   »Wir haben Lia«, ruft Eda aus.
   Auf einmal richten alle ihre Aufmerksamkeit auf mich. Meine Augenbrauen ziehen sich zusammen. Ich presse die Lippen aufeinander. Glauben sie, ich könnte spontan einen Energieschwall erzeugen? Okay, von der Tochter des Sternwindes, die ich laut eines Aelumina-Tests bin, könnte man gigantische Energieentladungen erwarten. Die wohl stärkste Rivalin unserer Zeit, also ich, sollte in der Lage sein, Hunderte von Roumen auf einen Schlag zu besiegen. Zu meiner Schande muss ich allerdings gestehen, dass ich seit meiner Aktivierung nichts hervorgebracht habe, das mit Dorians, Saschas oder Sonjas gewaltigen Energiebällen konkurrieren könnte.
   Als Dorian fortfährt, sieht er mich an, aber ich höre ihm nicht zu. Schwarze Locken umrahmen sein Gesicht und mildern die Strenge seiner Züge. Trotzdem merke ich, wie sehr er unter Strom steht. Eine steile Falte hat sich in seine Stirn gegraben. Seine Lippen bewegen sich schnell. Er wirkt entschlossen.
   Irgendetwas an dieser Szene beunruhigt mich mehr als das bevorstehende Stürmen des Roumenunterschlupfs. Imaginäre, kalte Finger mit Krallen schließen sich um mein Herz. Wieder schleicht sich Düsternis in meine Gedanken, trübt und vergiftet sie. Mein Inneres verkrampft. Mir ist, als kriege ich keine Luft. Um das Dunkle aus meinem Kopf zu vertreiben, konzentriere ich mich auf die Worte meiner Freunde.
   »… gibt also drei Eingänge«, schlussfolgert Chris, während er die Karte studiert. »Einen südöstlich und zwei nordwestlich.«
   Dorian teilt uns in Gruppen ein, doch die Zwillinge dürfen sich niemandem anschließen. Ihre Aufgabe besteht darin, mit Chris an der Oberfläche im Park zu warten.
   Ein weiteres Mal überkommt mich ein sonderbares Gefühl. Etwas Bedrohliches dringt in meinen Kopf. Das Atmen fällt mir schwer, obwohl die Luft im Park rein ist. Hier ist irgendetwas seltsam, flüstert meine innere Stimme. Immer noch komme ich nicht drauf, was.
   Vielleicht, weil ich es nicht will.
   »… Lia, du und ich«, spricht Dorian, »nehmen den nordwestlichen Eingang.«
   Mit grimmigen Blicken marschieren wir los. Vom Hügel trennen uns höchstens siebenhundert Meter. Dorians Hand schließt sich um meine. Ich hebe den Kopf. Obwohl uns ein Kampf gegen Roumen bevorsteht, die nicht so leicht wie ihre blinden Vorgänger zu bekämpfen sind, erscheint Dorian nun wieder entspannt. Seine Lippen verziehen sich zu einem Lächeln, während er meine Hand drückt.
   »Hab’ keine Angst«, raunt er mir zu. »Ich passe auf dich auf.«
   Ich schnappe nach Luft. Die finsteren Gedanken, die ich zu verdrängen versucht habe, durchbrechen meine mühsam errichtete imaginäre Mauer und überrollen mich wie eine Welle. Abrupt bleibe ich stehen, lasse Dorian los und sehe ihm in die Augen, in seine warmen braunen Augen, um die sich winzige Fältchen bilden, weil er noch immer lächelt. Ich wehre mich nicht dagegen, als die Erkenntnis schließlich über mich hereinbricht. »Aber Dorian, du bist doch …«

Ich riss die Augen auf und schoss im Bett hoch. Mein Blick huschte durch den Raum, streifte die weißen Wände, die Vorhänge, die der Wind aufbauschte, und blieb an der Wanduhr hängen. Kurz vor sieben. Murrend ließ ich mich auf die Matratze zurückfallen. Jede Minute, die mir blieb, bevor der Wecker klingelte, bedeutete mir mehr als alles Gold der Welt.
   Ich schloss die Augen wieder. Vögel zwitscherten, Fahrzeuge brummten. Irgendwo lachte ein Kind. Um mich vor dem Lärm und dem Licht zu schützen, bedeckte ich meinen Kopf mit dem Kissen. Dennoch drang die Helligkeit durch meine geschlossenen Lider, und das Heulen der Sirene eines Kranken- oder Polizeiwagens blieb mir auch nicht erspart.
   Also schälte ich mich aus dem Bett und trottete ins Bad. Im Gang stieg mir der Duft gerösteter Bohnen in die Nase. Da weder der Fernseher lief noch Geschirr schepperte oder die Zeitung raschelte, ging ich davon aus, dass Mama bereits zur Arbeit gegangen war. Mich durchflutete Enttäuschung. Gerade heute hatte ich fest damit gerechnet, dass Mama mit mir frühstücken würde. Dass sie in aller Früh aufgebrochen war, versetzte mir einen Stich.
   Nach der Dusche putzte ich mir die Zähne und kämmte das Haar. Ich musste mein Gesicht zweimal waschen. Nicht nur, weil es im Badezimmer fast so heiß wie draußen war, sondern, weil ich den Traum auszublenden versuchte.
   Ich trottete in die Küche und verzog die Lippen zu einem Lächeln. An meinem Platz stand ein Mini-Kuchen, in dessen Mitte eine kleine Kerze thronte. Daneben wartete eine Karte mit glänzenden Silber- und Goldelementen darauf, geöffnet zu werden. Happy birthday, happy birthday, happy birthday, my dear, brüllte eine blecherne Stimme, kaum hatte ich sie aufgeklappt. Vor Schreck zuckte ich zusammen und schloss sie. Doch dann ließ ich mich erneut beschallen, weil ich den Text lesen wollte.
   Alles Gute zum Geburtstag, liebe Lia!
   Endlich volljährig! Jetzt steht dir die Welt offen. Genieße jede Minute!
   Mamas, Monas und Melissas individuelle Glückwünsche, Lebensweisheiten und Tipps füllten die Seiten. Unten, wo das Weiß noch ein paar Zentimeter Platz bot, hatten sie sich mit ihrer Unterschrift verewigt. Mir entfuhr ein gerührtes »Oh«. Ich musste blinzeln, weil mir Tränen in die Augen traten.
   Da heute die erste Stunde ausgefallen war, durfte ich mir erlauben, ausgiebig zu frühstücken und fernzusehen. Kurz nach acht jedoch schulterte ich meinen Rucksack und stieg auf das Fahrrad. Gerade, als ich losfahren wollte, schossen zwei junge Männer aus dem Gebüsch hervor, woraufhin ich fast vom Fahrrad stürzte.
   »Passen Sie doch auf«, brummte ich.
   Die beiden zählten weder zu meinen Verehrern noch gehörten sie zu den Sonderlingen, die Befriedigung darin fanden, vor den Fenstern Fremder zu lauern und sie zu beobachten. Ihre Diktiergeräte, die sie mir entgegenhielten, entlarvten sie als diejenigen, die ich so sehr schätzte wie Stechmücken.
   »Was? Nur zwei Journalisten?«, höhnte ich. Noch vor einer Woche hatten vier von ihnen vor meiner Haustür gewartet. Waren sie überhaupt welche? Den pickeligen Gesichtern mit spärlichen Barthärchen nach zu urteilen, handelte es sich hierbei um Praktikanten oder um Nachwuchsschreiberlinge, die nach der Story ihres Lebens suchten.
   »Darf ich Ihnen kurz ein paar Fragen stellen? Nur ein paar. Was ist denn nun tatsächlich an Silvester vorgefallen?«, wollte mir einer von ihnen entlocken.
   Seit viereinhalb Monaten nervten sie mich mit stets denselben Fragen. Sie hungerten zu erfahren, wie und wann ich aktiviert worden war, was sich in der Höhle abgespielt hatte, und welche Rolle Dorian in der Auseinandersetzung mit Roumen gespielt hatte.
   Viele interessierte, ob die Gerüchte um Zeitreisen stimmten. Irgendwie war durchgesickert, dass Dorian aus der Zukunft stammte. Kurz darauf tauchte im Internet ein Dokument auf, dem zufolge Wissenschaftler aus diversen Ländern seit mehr als zehn Jahren an einer Zeitmaschine arbeiteten. Darin sei eine Institution namens Alternative Defense involviert, hieß es. Die einen Experten deklarierten die Nachricht als Unfug, andere wiederum bestätigten ihren Wahrheitsgehalt.
   Im Januar waren Journalisten und Fernsehteams aus aller Welt über unser Städtchen und die benachbarten Orte hereingebrochen. Wie Heuschrecken hatten sie sich auf alles gestürzt, was mit dem Silvesterangriff zu tun hatte. Jeden Morgen kämpfte sich Mama ihren Weg durch die Schar von Reportern, und Melissa klagte über einen Schwarm von Menschen, der ihr zur Arbeit folgte. Nicht nur wir Rivalen – Sonja, Christopher und die anderen – litten unter der extremen Medienpräsenz, auch unsere Nachbarn und Bekannte fanden keine Ruhe.
   Wissenschaftler nahmen zehn oder zwölf Stunden Flugzeit in Kauf, um sich mit dem Phänomen Roumen und Rivalen in jener Stadt auseinanderzusetzen, in der der gefürchtete Oreol getötet worden war. Und sie wirbelten alles hoch, öffneten Skeptikern und Leugnern die Augen und förderten etwas zutage, das die Regierung nicht länger ignorieren oder unter den Teppich kehren konnte, nämlich, dass eine reale Bedrohung bestand und dass Zivilisten sie bekämpften.
   Obwohl die Roumen nach wie vor in den Medien im übertragenen Sinne, aber auch wortwörtlich seziert wurden, hatte das Interesse der Welt an unserer Stadt nachgelassen. Nach all den Monaten glaubte ich, ich hätte mich an die lästigen Sensationsgeier gewöhnt, doch die bloße Anwesenheit der beiden Jungen mit den Presseausweisen auf der Brust ließ Wut in mir aufwallen.
   »Warum wurde Dorian Sander nicht öffentlich be…?«
   »Hören Sie auf«, knurrte ich. Mein Herz pumpte schneller Blut durch den Körper.
   »Besteht zwischen Ihnen und Dorian Sander …«
   »Halten Sie den Mund!« Meine Finger krallten sich so fest in das Lenkrad, dass die Knöchel weiß hervortraten.
   »Können Sie mir wenigstens sagen, warum …?«
   »Verdammt noch mal«, donnerte ich. »Wieso lassen Sie mich ausgerechnet heute nicht in Ruhe?«
   Ich gab Gas. Mit jedem kraftvollen Tritt erhöhte ich den Abstand zwischen uns und spürte, wie mein Zorn verrauchte.
   Dorians Gesicht erschien vor meinem inneren Auge. Ich beschleunigte mein Tempo. Um mich abzulenken, rief ich mir ins Gedächtnis, was ich für mein Referat eingepackt hatte. Die PowerPoint-Präsentation und der Kurzfilm waren auf dem USB-Stick gespeichert, der in der Innentasche meines Rucksacks steckte. Im Block befanden sich Arbeitsblätter für meine Mitschüler.
   Lia, ich muss dir etwas sagen … vernahm ich Dorians Stimme, aber er sprach nicht wirklich zu mir.
   Konzentriere dich auf etwas anderes, befahl ich mir.
   Während ich an der Ampel wartete, bis sie für Fußgänger und Radfahrer wieder auf Grün wechselte, beschäftigte ich mich mit meinem Referatsthema: Altruismus.
   Unter »Altruismus« versteht man ein Verhalten, das den Fortpflanzungserfolg eines anderen Lebewesens auf Kosten des eigenen Überlebens oder der eigenen Fortpflanzung erhöht. Der Evolutionstheorie zufolge ist es in der Natur nicht vorgesehen, dass Individuen aufopfernd handeln - das heißt Nahrung teilen, Artgenossen bei Gefahr warnen oder auf eigene Nachkommen verzichten, um bei der Aufzucht fremder zu helfen. Schließlich können Nachteile für das Individuum entstehen, wenn es sein Essen abgibt oder die anderen rettet und selbst ins Visier des Angreifers gerät. Charles Darwin stellte fest, dass letztendlich diejenigen ihre Existenz sichern, die eigensüchtig agieren. In meinem Referat gehe ich der Frage nach, warum sich Individuen trotzdem altruistisch verhalten.
   Kaum leuchtete das grüne Männchen auf, fuhr ich los. Auf dem Bürgersteig erblickte ich einen Mann mit wallendem, dunklen Haar. Er stand mit dem Rücken zu mir und schien in das Treiben auf dem Display seines Smartphones vertieft zu sein. Obwohl ich so oft enttäuscht worden war, wenn ich in der Menge Dorian entdeckt zu haben glaubte, machte mein Herz jedes Mal einen Sprung, wenn mir jemand begegnete, der ihm ähnlichsah. Und abermals erwachte die törichte Hoffnung, der Mann könnte sich tatsächlich als Dorian entpuppen.
   Sobald zwischen mir und ihm nur noch wenige Meter lagen, fuhr ich langsamer. Er hatte in etwa Dorians Körperbau, soweit ich es beurteilen konnte.
   Ich versuchte, meine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken, doch während ich altruistische Verhaltensbeispiele diverser Tiere durchging, konnte ich den Blick nicht von dem Mann abwenden. Schließlich steckte er das Smartphone ein und drehte sich um.
   Bitter schmeckte die Frustration. Nein, der Mann mit der Hakennase und den buschigen Augenbrauen ähnelte Dorian nur entfernt. Entrüstet seufzte ich. Ich hatte mich so oft geirrt, hatte Dorian in Männern sehen wollen, die niemals er sein konnten. Ich wusste, dass ich ihm nicht begegnen würde. Trotzdem hielt ich in der Fußgängerzone nach ihm Ausschau, denn mein wundes Herz würde nie aufhören, nach ihm zu suchen.
   Ich bremste scharf, weil jemand hinter dem Backsteinhaus auftauchte. Erschrocken starrte ich mein Gegenüber an, eine Frau in den mittleren Jahren, die mich mit einem bösen Blick strafte. Hey, wollte ich einwenden, der Bürgersteig ist für alle da!
   Während ich in die Pedale trat, stellte ich mir vor, wie ich vor meiner Klasse stand und mein Referat beendete.
   Kaum war ich um die Ecke gebogen, brachen Jubel und Gekreische über mich herein. Meine beste Freundin Cornelia – kurz Nel -, meine Mitschülerin Silke und andere Klassenkameradinnen stürmten auf mich mit einem Banner zu, auf dem in bunten Lettern der Satz »Happy birthday!« und eine glitzernde 18 prangten. Peinlich berührt, weil mich sämtliche Schüler anstarrten, die im Hof lungerten, aber zugleich auch gerührt lauschte ich ihrem Gesang. Dabei grölten die Mädchen aus tiefster Kehle, als ginge es darum, sich gegenseitig zu übertönen. Lachend schlossen sie mich in die Arme, überhäuften mich mit Glückwünschen und begleiteten mich ins Klassenzimmer.
   »Das wäre doch nicht nötig gewesen«, sagte ich zu Nel, nachdem meine Klassenkameradinnen ein anderes Thema aufgegriffen hatten, nämlich die bevorstehende Chemieschulaufgabe.
   »Mir ist klar, dass dir solche Shows unangenehm sind. So geht es allen.« Sie grinste und legte einen Arm um mich. Die Glöckchen ihres Lederarmbands bimmelten neben meinem Ohr. »Aber da musstest du durch!«
   »Jetzt wissen sogar die Fünftklässler, dass ich die einzige Volljährige in unserer Klasse bin«, murrte ich. Das gefiel mir nicht, denn dadurch konnte jeder darauf schließen, dass ich schon mal sitzen geblieben war.
   Wir schlenderten durch den Schulflur. Ich hörte das Rascheln des Banners und das Quietschen von Nels schweren Stiefeln, in denen ihre Beine wie Streichhölzer in einem Zementblock aussahen. Mit der freien Hand zog sie ihr schwarzes Shirt mit der Aufschrift Füttern verboten zurecht und bauschte den Petticoat auf.
   »Danke«, sagte ich leise. »Das war lieb von euch.«
   »Gern geschehen!« Nel drückte mich so fest an sich, dass ich vor Schmerz aufschrie und lachte.
   Im Laufe des Tages war die Temperatur deutlich gestiegen und lockte ins Schwimmbad, aber wir mussten uns durch jede Unterrichtsstunde quälen, die an diesem Dienstag vorgesehen war. Für mein Biologiereferat hatte ich eine Zwei bekommen, doch die Drei in der Geschichtsklassenarbeit dämpfte meine Freude ein wenig. Die Hausaufgaben erledigten Nel und ich in der Schule, um anschließend in die Innenstadt zu fahren. In der Fußgängerzone verschluckten uns Menschenmassen und spuckten uns wieder aus, damit wir von einem Geschäft in das nächste hetzen konnten.
   Mit unserem Eis setzten wir uns auf eine Bank. Nel erkundigte sich nach meinen Geburtstagsfeierplänen. Noch vor mehr als einem Jahr hatten wir mit Nel über das perfekte Fest fabuliert. Der Achtzehnte sollte grandios gefeiert werden. Mit vielen Gästen, leckeren Speisen und erfrischenden Getränken, mit angesagter Musik, vielleicht auch Luftschlangen, Girlanden und Ballons.
   Diese Überlegungen waren einem weitgehend sorgenfreien Teenagerleben entsprungen, lange bevor mir in den Kennerkreisen der Titel Rivalin verliehen worden war. Lange vor dem Treffen mit Dorian, in den ich mich verliebt hatte. Vor Oreol, dem hochintelligenten und gefährlichsten aller Roumen. Und vor dem 31. Dezember, als Sonja, Sascha, Chris und andere Rivalen mit mir losgezogen waren, um Oreols Versteck auseinanderzunehmen.
   »Nach einer Party steht mir nicht der Sinn«, antwortete ich und knabberte ein Stück von meinem Eis am Stiel ab. Dennoch blieb es bei der ursprünglichen Planung: Gegen sieben erwarteten Mama und ich meine Großmutter Mona, meine Schwester Melissa und ihren Verlobten Benedikt sowie natürlich Nel, um zum Braten mit Rosmarinkartoffeln auf meine Volljährigkeit anzustoßen.
   »Das ist ja schon bald!« Nel war so schnell aufgesprungen, dass ihr das Eis fast aus der Hand fiel. »Lass uns aufbrechen.«
   »Wieso? Uns bleiben anderthalb Stunden.«
   »Ja, aber davor muss ich etwas für meine Mutter abholen. Düsen wir los!«
   Also verspeisten wir unser Eis auf dem Weg zu den Fahrrädern. Während der Fahrt erzählte Nel von der Veranstaltung, die ihre Mutter gerade für eine große Firma auf die Beine stellte. Da Nels Mutter derzeit andere Termine wahrnahm, hatte sie Nel gebeten, die Mappe mit Rechnungen und Notizen zu holen, die sie in einer Halle vergessen hatte.
   Nach etwa zwanzig Minuten hatten wir unser Ziel erreicht.
   »Frau Gerlhofen kommt in wenigen Minuten …« Nels Hand schloss sich um den Metallgriff der Halle. Während sie mit mir redete, drückte sie die Türklinke aus Gewohnheit. Erstaunlicherweise ließ sich die Tür öffnen.
   »Hoppala!«, entfuhr es Nel.
   »Entweder hat die Gerlhofen vergessen, abzusperren«, mutmaßte ich, »oder da drin wird gerade gefeiert. Wenn wir allerdings hier rumstehen, werden wir es nie erfahren.«
   »Dasselbe ist auch mir durch den Kopf gegangen.« Nel grinste.
   Verschwörerisch zwinkerte ich ihr zu. »Tja, Telepathie unter Freundinnen.«
   Also traten wir hinein. Da uns Finsternis empfing, tasteten wir uns die Wand entlang, um nach einem Schalter zu suchen.
   »Wer ihn zuerst findet, kriegt eine Kopfnuss!« Nels Stimme hallte im Raum wider.
   »Wenn ich zuerst auf ihn stoße und von dir eine kassiere«, warnte ich, »male ich dir eine Disneyfigur auf die Wange, während du schläfst. Mit einem wasserfesten Stift!«
   »Das wagst du nicht«, rief sie in gespielter Empörung.
   »Und ob!« Kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, ging das Licht an.
   Ich sah Nel an, die den Lichtschalter betätigt hatte. »Na, willst du deine Kopfnuss jetzt einheimsen?« Ich grinste.
   Darauf gab sie keine Antwort, sondern schaute mich mit einem geheimnisvollen Lächeln auf den Lippen an. In der Sekunde, in der es polterte und klirrte, dämmerte mir, dass ich in eine Falle getappt war. Auf einmal sprangen hinter den Ecken, Boxen und Kartons Jugendliche hervor, die im Chor »Überraschung!« riefen.
   Innerhalb weniger Sekunden wurde ich so heftig gedrückt und mit Wangenküssen überhäuft wie ein Fußballspieler, der das entscheidende Tor geschossen hatte. Mama schloss mich in ihre Arme.
   »Alles Gute, mein Schatz!« Als wir uns voneinander lösten, sah ich, dass ihre Augen glänzten. Ihr Lächeln zitterte. »Tut mir leid, dass ich so früh aufgebrochen bin, aber ich musste noch einiges besorgen.«
   Ich lächelte.
   Dass sich alle um mich zentriert hatten und mich ansahen, als rechneten sie mit einer Rede von mir, brachte mich in solche Verlegenheit, dass ich unkontrolliert grinste. »Wow, ich bin echt perplex. Ehrlich, ich, ähm, hätte nicht gedacht, dass eine Überraschungsparty geplant wird! Danke, dass ihr, äh, so zahlreich erschienen seid … Äh, und nun …« Ich sah vorbei an den strahlenden Gesichtern und entdeckte das Buffet. »… lasst uns die Gläser erheben!«
   Begleitet von Lärm und Gelächter inmitten von Freunden und Familie ließ ich mich zu den Tischen mit dem Essen führen. Brav reihte ich mich in die Menge ein, die wegen des Sekts anstand.
   Zufrieden stellte ich fest, dass alle, die mir etwas bedeuteten, gekommen waren. Mama, Mona, Melissa und Ben, Nel sowie meine Mitschülerinnen, die mir schon heute in der Schule gratuliert hatten, ein paar Freundinnen aus der Nachbarschaft und sogar meine ehemalige Rivalengruppe.
   Nachdem mir Mama ein Glas Sekt überreicht hatte, war ich um den Tisch herumgegangen, hinter dem sie stand. »Ihr habt Sascha und die anderen auch eingeladen?«, fragte ich, da Sascha, Chris, Jannis und Annie das Ende der Schlange bildeten. »Wenn mich nicht alles täuscht, wolltest du nicht, dass ich etwas mit ihnen zu tun habe.«
   Mama hob die Augenbrauen. »Lia, hast du vergessen, dass du beschlossen hast, dich nicht länger mit ihnen zu treffen? Frau Dr. Wilken sieht in ihnen die Möglichkeit, dein seelisches Gleichgewicht wiederherzustellen«, erklärte Mama. »Daher sind sie heute hier.«
   Ich stöhnte. An einem Tag wie diesem wollte ich nicht an meine Therapeutin erinnert werden.
   Nachdem sich die Ersten Häppchen geholt hatten, bildeten sich kleine Gruppen. Aus den Boxen tönten die aktuellen Charts. Gedämpftes Licht vermochte normalerweise, meine Nervosität zu mindern. Heute verhielt es sich aber nicht so, was daran lag, dass ich im Mittelpunkt stand. Ich schwirrte von einer Gruppe zur anderen, um möglichst allen Gästen gleichviel Aufmerksamkeit zu schenken.
   Die Rivalen sparte ich mir jedoch zum Schluss auf, zumal es für mich seltsam war, Sonja, Sascha, Annie, Chris und Jannis gegenüberzustehen. Der heutige Anlass für ein Wiedersehen stand in einem extremen Gegensatz zum letzten. Denn damals hatten wir uns versammelt, als wir uns auf dem Friedhof von den im Krieg gegen die Roumen Gefallenen verabschiedet hatten. Demzufolge fiel unsere Wiedersehensfreude verhalten aus. Sie hatten mir zwar bereits überschwänglich gratuliert, nun jedoch, nachdem ich mich ihnen genähert hatte, herrschte zwischen uns Befangenheit. Selbst Annie, mit der ich hin und wieder telefoniert hatte, schaute mich an wie jemanden, der zwar nicht in ihre Gruppe passte, den sie aber unter Umständen in diese integrieren könnte.
   »Schöne Deko«, bemerkte Chris und deutete auf die bunten Girlanden.
   »Die Snacks schmecken gut.« Jannis leckte sich die Finger ab.
   Kauend pflichtete Annie ihm bei.
   »Danke«, sagte ich. »Lasst Platz für die warmen Speisen. Sie werden jeden Moment serviert.«
   Saschas Blick wanderte umher. Sonja setzte ein Lächeln auf und Chris kratzte sich am Hinterkopf. Erst jetzt registrierte ich, dass die Musik deutlich leiser spielte als vor wenigen Minuten. Gerade als ich etwas Triviales von mir geben wollte, erklang ein feines Klirren, das ein Besteckelement auf einem Glas verursachte.
   »Darf ich euch alle herbitten?« Mama stand in der Mitte des Buffets.
   In der ersten Reihe hakte ich mich bei Mona und Melissa ein.
   »Liebe Lia«, begann Mama. »Ich erspare dir die Peinlichkeit, allen Gästen von deiner Geburt und deiner frühen Kindheit zu erzählen. … Obwohl ich erwähnen muss, dass du in deinem rosafarbenen Kleid und den dicken Windeln immer zum Anbeißen ausgesehen hast.«
   An dieser Stelle lachten ein paar Gäste.
   Mama wurde ernst. »Als Familie haben wir hin und wieder eine sehr schwere Zeit durchgemacht …«
   Damit meinte sie die längere Phase der Arbeitslosigkeit, die Scheidung und Monas Schlaganfall.
   »Vielleicht hattest gerade du es als die Jüngste am Schwersten.«
   Ich fing an, an meiner Lippe zu kauen.
   »Du hast so viele Höhen und Tiefen erlebt.« Mamas Augen fingen an zu glitzern, und sie blinzelte.
   Jeder meiner Gäste wusste, wovon sie sprach. Denn schon am ersten Neujahrstag hatten sich die Medien bemüht, alle Einzelheiten des blutigen Silvesters ans Tageslicht zu bringen. Welcher Mann und welche Frau in der Roumenbrutstätte getötet hatte oder getötet worden war, hatte sich in der Stadt wie Lauffeuer verbreitet. Für mich war die Zeit so schwer gewesen, dass ich mich für einen Monat hatte krankschreiben lassen.
   Schließlich räusperte sich Mama. »Jeder herbe Schicksalsschlag verletzte dich, lähmte dich, jedoch vermochte er nicht, deinen Geist zu brechen. Im Gegenteil, liebe Lia. Er formte deinen Charakter und ließ dich erstarken.«
    In meinen Augen sammelten sich Tränen. Langsam zog ich meine Arme unter denen meiner Großmutter und Schwester hervor und schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter.
   Mamas Worte sollten wie Balsam auf meine Seele wirken, allerdings war ihr Effekt ein anderer. Lia, das Sorgenkind, ging mir durch den Kopf. Meine ruhmlose Vergangenheit als Schulschwänzerin, meine kurze Karriere als Einbrecherin und meine gefährliche Jagd nach Roumen. Wie viele schlaflose Nächte hatte ich Mama bereitet, als ich hinter den Energien der Roumen gehetzt war? Wie oft hatte ich nach dem Tod so vieler Freunde und Verbündeter hysterisch geschrien, Mama und alle, die zu helfen versuchten, sollten mich in Ruhe lassen? Wie häufig hatte ich gedroht, wegzulaufen, wenn man mich zwang, zur Schule zu gehen?
   »Wir lieben und schätzen dich, Lia.« Mamas Stimme tönte hell im Saal. »Für deine Liebenswürdigkeit, für deinen Mut und deine Kraft, nach einem Sturz wieder auf die Beine zu kommen.«
   Das war der Moment, in dem mich verschiedene Emotionen überwältigten. Ich brach in Tränen aus.
   In den letzten Monaten hatte ich meiner Mutter, Mona, Melissa und Nel so viel Kummer bereitet. Sie hatten meine Launen ertragen, sie hatten mir zugehört und sie hatten mich in allem unterstützt. Ich weinte, weil Mamas letzter Satz nicht der Realität entsprach, sondern reinem Wunschdenken entsprungen war. Die Neujahrsnacht hatte mich in ein Loch gerissen, aus dem ich trotz therapeutischer Hilfe nicht bereit war, herauszukommen.
   Und ich weinte, weil ich gerührt war. Weil es liebe Menschen gab, die den Glauben an mich nie verloren hatten.
   Der Menge entfuhr ein gerührtes »Oh«. Ehe ich mich versah, tauchten lächelnde Gesichter in meinem verschwommenen Blickfeld auf.
   Mama schritt auf mich zu und umarmte mich. Arme schlossen sich um mich, und innerhalb kürzester Zeit verschmolzen wir alle zu einer riesigen Knuddelkugel.
   Eine Weile später strahlte ich wieder und packte die Geschenke aus. Gespannt verfolgten die Anwesenden mit, wie ich schmale und größere Päckchen aufriss, und streuten ab und an ein entzücktes »Oh!« und »Ah!« ein. Ich freute mich über alles, was ich bekam – über Modeschmuck, Kleidung oder Pralinenschachteln mit Gutscheinen. Aber die schwarze Jacke aus Lederimitat, nach der ich mich gesehnt hatte, versetzte mich richtig in Freudentaumel.
   Mich überraschte, wie viele Gutscheine ich für Freizeitaktivitäten erhalten hatte. Meine Schwester und Ben hatten mir ein Wellness-Wochenende für zwei Personen geschenkt. Zu einer Eintrittskarte für ein beliebtes Paradies für Attraktionen gesellten sich ein Coupon für ein Geocaching-Abenteuer und zwei Reisegutscheine für Städtetrips nach Frankreich und Italien. Kurzum, es handelte sich um Geschenke, die Abwechslung und Erlebnisse versprachen und ein Mädchen aus seiner Burg locken sollten, in der es sich versteckte.
   Zum Schluss überreichten mir Mama und Mona einen Umschlag. Rasch hatte ich ihn aufgerissen und zog eine Karte hervor. Auf dem Kuvert grinste mich ein Jugendlicher aus einem flitzenden Auto an. Als ich die Karte aufklappte, flog mein Blick über die Zeilen. Mit offenem Mund starrte ich Mama und Großmutter an. »Ist es euer Ernst? Ihr bezahlt meine Fahrstunden?«
   »Natürlich«, sagte Mona.
   Dankend fiel ich beiden um den Hals. Als ich mich von ihnen löste, trat Mona ein Stück näher an mich.
   »Damit du wieder ein Ziel vor Augen hast.«
   »Lasst uns essen«, sprach Mama zur Menge.
   Der Caterer hatte gute Arbeit geleistet. Verschiedene Salate buhlten nebeneinander um die Gäste, gekochte und gebratene Nudeln, Kartoffeln und Reis warteten darauf, mit knusprigem Fleisch oder saftigem Fisch gemischt und von mit Kräutern gewürzten Soßen überzogen zu werden. Da der ein oder andere Gast es kaum erwarten konnte, vom Dessert zu kosten, landeten gleich bei der ersten Runde diverse Kuchenstücke, mit Schokolade gefüllte Croissants oder Schälchen mit Eiscreme neben der Hauptspeise auf dem Teller.
   Je später der Abend wurde, desto schneller leerte sich mein Sektglas. Mit jedem Schluck entspannte ich mich immer mehr. Ich wanderte von Bank zu Bank, unterhielt mich mit meinen Gästen und lauschte interessiert lustigen Begebenheiten aus dem Alltag. Das vierte Glas Sekt befreite mich von der Beklemmung, die ich in der Gegenwart meiner früheren Rivalengruppe empfand. Der Alkohol ermöglichte mir, mit Chris und Jannis zu scherzen, mit Sascha über die bevorstehenden Abiturprüfungen, mit Sonja über das Studium zu plaudern und mit Annie von einer Reise in die USA zu schwärmen. Ich fühlte mich wie ein Schmetterling, der von einer Blume zur nächsten flatterte, frei und unbekümmert.
   Vielleicht hatte ich es etwas übertrieben. Als Onkel Roland mit seiner Frau, meinem Cousin und meiner Cousine eintraf, konnte ich ihnen nicht richtig in die Augen sehen, weil ich zu viel getrunken hatte.
   Kaum hatten die Erwachsenen den Saal für eine Weile verlassen, wurde die Musik laut aufgedreht, und die Jugendlichen strömten aufs Parkett. Schnelle Beats und gängige Reime rissen uns mit. Ich schwang die Hüften, schüttelte mein Haar, lachte und tanzte ausgelassen. Kein düsterer Gedanke schaffte es, sich in mir einzunisten. Die Musik und die Bewegung berauschten mich. Mit jedem Song, den ich liebte, schossen Endorphine in die Blutbahn. Ich fühlte mich, als schwebte ich in höheren Sphären.
   Der Sturz war tief.
   Ich beobachtete ein Pärchen dabei, wie es eng umschlungen tanzte. Dorian sollte heute hier sein. Bei mir, damit wir gemeinsam meinen großen Tag feierten. Ich stellte mir vor, wie er an der Wand lehnte, mich ansah und verklärt lächelte.
   Mit einem Mal war das Fest für mich gelaufen. Ich schob mich an den Tanzenden vorbei zu den Rivalen, bei denen eine Tequilaflasche stand.
   Chris schenkte Sascha, mir und Sonja ein. Mit grimmigem Gesichtsausdruck streute ich etwas Salz auf eine angefeuchtete Stelle auf dem Handrücken, schnappte mein Gläschen und leerte den Inhalt. Wie Feuer brannte Tequila in meiner Kehle. Nur mit einem Biss in die Zitrone konnte ich den Geschmack minimal übertönen. Zwei Runden machte Sonja mit, dann setzte sie aus.
   »He, nimm dir Zeit«, warnte mich Sascha. »Von Tequila wird man schnell betrunken.«
   Ihm kam wohl nicht in den Sinn, dass ich gerade das zu erreichen hoffte.
   »Alles in Ordnung?«, fragte mich Sonja.
   »Jepp.« Ich trank und verzog angeekelt das Gesicht. Was für ein Teufelszeug! Doch es wirkte, stellte ich fest, nachdem ich mich erhoben hatte. Meine Beine waren so schwer, als steckten sie im Treibsand. Ich konnte kaum geradeaus gehen.
   »Geht es dir gut, Lia?« Nel war herbeigeeilt und stützte mich. Vorsichtig drückte ich ihre Hände weg und sagte, ich müsse nur an die frische Luft.
   Obwohl meine Wahrnehmung getrübt war und ich auf meine Feinmotorik nicht zählen konnte, war ich zum Hinterausgang getorkelt, ohne mich oder andere zu verletzen. Als die schwere Tür endlich aufschwang, stolperte ich nach draußen, wo mich die Abenddämmerung empfing. Die Hintertür hatte ich gewählt, weil ich hier allein war. Nur Glück hatte ich zu verdanken, dass nicht die Stufen hinunterpurzelte.
   Ich setzte mich auf die Stufe aus Metallgittern, stützte die Ellbogen auf den Oberschenkeln ab und atmete tief durch.
   Vor meinen Augen drehte sich alles. Schmerz und Zorn tobten in meinen Eingeweiden. Nur, gegen wen richtete sich Letzterer? Gegen Oreol, der Dorian schwer verletzt hatte? Gegen die Ärzte, die versagt hatten? Gegen mich, weil ich Rivalen zum Kampf angestachelt und viele von ihnen in den Tod geführt hatte?
   Eine junge Frau trat an mir vorbei und holte ihr Smartphone hervor. Sie trug einen bodenlangen Rock und einen Schal um die Schultern. Mein Hirn arbeitete mit der Geschwindigkeit eines Internetmodems aus den Neunzigern, als ich das Gedächtnis nach dem Zeitpunkt durchforstete, wann sie erschienen war. Wahrscheinlich zum selben Zeitpunkt wie meine Verwandten.
   Ich grinste. Eine Wahrsagerin zu meinem Geburtstag einzuladen, war ein netter Party-Gag. Wer hatte sich so etwas wohl ausgedacht? Nel? Oder hatte meine Schwester sie engagiert, damit sie mir eine glückliche Zukunft versprach? Schließlich hatte sie es satt, mir zuzuhören, wenn ich von schlimmen Dingen redete, die in mehreren Jahren geschehen sollten.
   »He, Wahrsagerin«, lallte ich.
   Verwundert sah sie mich an, dann schaute sie sich um.
   »Ja, ich meine dich, Wahrsagerin. Komm doch mal her.« Ich winkte. Zumindest hielt ich es für ein Winken. In Wirklichkeit fuchtelte ich vermutlich unkontrolliert mit der Hand.
   Zögernd steckte sie das Smartphone in die Tasche und trat näher. »Ja, Lia?«
   Also, wenn sie mich beeindrucken wollte, musste sie mehr auf dem Kasten haben, als meinen Namen zu nennen! Ich konnte mich zwar nicht auf ihr Gesicht konzentrieren, dennoch war mir nicht entgangen, dass sie mich skeptisch beäugte.
   »Kann ich etwas für dich tun?«
   Ich klatschte auf den Platz neben mir, damit sie sich setzte. Danach war ihr aber nicht. »Hast du Tarotkarten oder eine Kristallkugel dabei?«
   »Wieso sollte ich?«, fragte sie verdutzt und zog den Schal ein wenig enger um die Schultern.
   »Ehrlich gesagt, ich glaube nicht in den ganzen Hokuspokus. Damit will ich deinen Beruf jedoch nicht entwerten. Ehrlich! Sicherlich gibt es Leute, denen Aussichten auf ein schönes Leben Energie schenken und sie durch den Tag bringen. Trotzdem wollte ich dich bitten … Könntest du in meine Zukunft sehen?«
   »Nein, ich …«
   »Ist schon okay.« Ich winkte ab. »Brauchst du nicht.«
   »Selbst wenn ich wollte ...«
   »In Ordnung«, sagte ich genervt. »Ich kenne sie nämlich schon. Willst du sie hören?«
   Sie öffnete den Mund, um etwas zu erwidern.
   »In ein paar Jahren werde ich meinen Ehemann kennenlernen. Komisch, wenn man bedenkt, dass ich noch vor vier Monaten davon überzeugt war, niemals zu heiraten. So wie meine Großmutter«, fing ich an. »Wie dem auch sei! Mein Zukünftiger sieht blendend aus, ist aufmerksam und zuvorkommend, ein guter Stratege und ein tapferer Rivale. Bei ihm fühle ich mich geborgen und geschützt.«
   Sie blickte sich um, als suchte sie nach einem Vorwand, sich zu verdrücken. Nachdem sie offenbar keinen gefunden hatte, rührte sie sich nicht vom Platz.
   »Und jetzt halt dich fest …« Die Worte purzelten aus mir heraus, bevor ich realisierte, was mir da über die Lippen kam. »Er ist durch die Zeit gereist, um den machthungrigen, intelligenten Roumin Oreol aufzuhalten.«
   Nun wirkte die junge Frau leicht verstört. Wieder schaute sie sich um. Dieses Mal vermutete ich jedoch, dass sie nach jemandem Ausschau hielt, der in der Lage war, mir zu helfen. Dabei benötigte ich keine Hilfe mehr. Dafür war es zu spät.
   »Weißt du, wie meine Zukunft verlaufen wird, Wahrsagerin?«, fuhr ich bitter fort und starrte in die Dunkelheit. »Ich sag’s dir …«
   Und da schlug das gesichtslose Ungetüm wieder seine Krallen in mein Herz. Jeder helle Funke erstarb. Zurück blieb Asche auf einem weiten, kargen Feld. Ich musste schlucken. Meine Stimme klang dunkler und tiefer. »Er stirbt in der Vergangenheit … und ich in der Zukunft.«

Am nächsten Tag rächte sich der übermäßige Alkoholkonsum mit Schmerzen. Mein Schädel pochte, als hätte ihn jemand mit einem Hammer bearbeitet, und in meinem Magen rumorte es. Mama hatte in der Schule angerufen, um mich krankzumelden, während ich im Bett stöhnte und schließlich wieder einschlief.
   Ich erinnerte mich nicht mehr so genau daran, wann ich gestern im Bett gelandet war. Als ich jedoch gegen Mittag aus dem Zimmer kroch, lief mir Melissa über den Weg und meinte, ich hätte fast elf Stunden geschlafen.
   »Miau!«, kam von ihr. So laut und nervig wie aus dem Mund eines Katers, der einen anderen akustisch malträtierte, um klarzustellen, wer im Revier regierte.
   »Haha«, machte ich matt und griff nach der Kaffeekanne.
   »Miau!«
   Mein Kopf drohte zu bersten. Mit der freien Hand signalisierte ich Melissa, dass ich ihr den Hals umdrehen würde, sollte sie mich weiterhin provozieren.
   Sie lachte schallend.
   Ich schenkte mir Kaffee ein und trottete zum Tisch. Ächzend ließ ich mich auf den Stuhl plumpsen. »Warum arbeitest du heute nicht?«
   »Urlaub. Schon vergessen?« Melissa holte etwas aus dem Backofen und servierte mir meine erste Mahlzeit des Tages. »Als ich hörte, dass du verkatert im Bett liegst, brach ich auf, um für dich zu sorgen.«
   »Danke.« Ich rang mir ein Lächeln ab, obwohl mein Schädel schmerzte.
   »Iss die Fischstäbchen, solange sie noch heiß sind.«
   Nach etwas zu viel Zeit im Backofen waren sie geschrumpft und beschworen vor meinem inneren Auge das Bild von in sich zusammengerollten Mäusen, die ihre Schwänzchen eingezogen hatten, als wollten sie signalisieren: Ich mache mich so klein, damit ich fast unsichtbar werde. Vielleicht frisst sie dann nur meinen Nachbarn.
   »Nicht schlecht, Mels«, bemerkte ich und grinste. »Die sind nicht angebrannt. Du wirst immer besser, bald sogar schon eine richtige Hausfrau …«
   »Karrierefrau!« Sie schlug mich.
   Ich schlug zurück. »Mama, Mona und du habt tolle Arbeit geleistet. Zwar wollte ich nicht feiern, trotzdem bin ich froh, dass ihr nicht auf mich gehört habt.« Nach einem Schluck Kaffee pickte ich ein Stück Fischstäbchen mit der Gabel auf und führte es zum Mund.
   »Werden wir auch nie tun.« Melissa zwinkerte. »Ja, die Party war ein voller Erfolg.«
   »Alle Gäste hatten Riesenspaß«, pflichtete ich ihr bei. Mein Magen rebellierte ein wenig, doch langsam meldete sich der Hunger und veranlasste mich, noch mehr Bissen zu wagen.
   »Aber sag mal, Lia, wieso hast du Lukas’ Freundin, Estelle, so zugetextet? Als sie mich aufsuchte, wirkte sie alarmiert.«
   »Wann denn?« Verwundert blickte ich sie an. »Mels, ich habe sie nicht einmal kennengelernt!«
   Daraufhin entgegnete Melissa, die Vorstellung habe stattgefunden, als Onkel Roland und seine Familie angekommen waren.
   »Oh, die Freundin unseres Cousins ist also eine Wahrsagerin. Hm, haupt- oder nebenberuflich?«, überlegte ich laut.
   »Was?« Melissa prustete los und warf sich mit dem Oberkörper fast über den Esstisch. »Estelle, eine Wahrsagerin?«
   Da mir mein Irrtum klar geworden war, schlug ich mir mit der flachen Hand gegen die Stirn und jaulte sogleich vor Schmerz auf.
   Forschend sah mich Melissa an. »Hast du ihr dasselbe erzählt, wie mir einst?«
   Ich versteckte mich hinter dem Jumbo-Becher Kaffee. »Könnte sein.«
   »Meine Güte, Lia!« Melissa riss die Arme hoch. »Mach nur so weiter, und du landest bald in der Geschlossenen!«
   »Ich habe Dorian so entsetzlich vermisst. Da ist es mir so rausgerutscht«, murmelte ich in meinen Kaffee.
   Melissa schnalzte mit der Zunge und durchbohrte mich mit Blicken. Da stellte ich den Becher auf den Tisch.
   »Wenn du erfahren hättest, dass dein Ehemann und du jung sterben werdet, dann würdest du auch von Zeit zu Zeit ausflippen!«
   »Müssen wir schon wieder darüber diskutieren?« Sie seufzte. »Vielleicht war der Pass, den du bei ihm gefunden hast, unecht.«
   Sie meinte damit Dorians richtigen Pass, demzufolge er, Dorian Andell, ungefähr in meinem Alter sein müsste. Laut seinem gefälschten jedoch, in dem sein Familienname Sander lautete, war er dreiundzwanzig.
   »Wieso hätte er seinen richtigen verstecken sollen, wenn nicht, um eines Tages dorthin zu gehen, woher er gekommen war?«, fuhr ich sie an. »Etwa, um als erwachsener Mann zu behaupten, er sei noch in der Pubertät?«
   »Welche Beweise hat dir Dorian geliefert, als er dir erzählte, er sei dein Mann?«, konterte sie.
   »Himmel, Mels! Er lag im Sterben!«
   Melissa mied meinen Blick. Geräuschvoll erhob sie sich, packte ihren Teller und ging zur Spülmaschine. »Ich muss los.«
   Meine Kopfschmerzen verstärkten sich. Während sie im Flur ihre Stiefel schnürte, ließ ich mich im Stuhl zurückfallen und massierte mir die Schläfen.

Meine Schwester glaubte mir nicht. Meine engste Verbündete, meine Vertraute. Wieso? Diese Frage stellte ich auch Nel, als ich sie besuchte.
   »Warum wohl?« Nel saß auf ihrem Bett und zog Strümpfe über ihre Beine. Fantasievolle Muster schlängelten sich hoch zu ihren Hotpants. »Was ich jetzt sage, klingt bösartiger, als ich es meine: Das, was du Melissa über deine Zukunft erzählt hast, geht über ihren Horizont hinaus.«
   »Vielleicht.« Frustriert stöhnte ich. »Warum glaubst du mir dann, obwohl du an jenem Abend nicht dabei warst?«
   Sie zuckte die Schultern, sprang vom Bett und machte es sich auf dem Fenstersims gemütlich. Sie bot mir an, auf dem Bett oder dem Stuhl Platz zu nehmen. Skeptisch ließ ich den Blick durch das Zimmer schweifen. Zwischen Schuhen und Klamotten blitzten gefährliche Metallelemente auf. Was zur Hölle verbarg sich unter dem Wildlederrock? Etwa eine Messerklinge? Und was war das für eine Stange, die aus dem undefinierbaren Kleiderknäuel herausragte?
   Unschlüssig rieb ich mich am Oberarm und sah Nel an. »Danke, aber ich habe Angst, mich zu verletzen. Was ist hier passiert?«
   »Nichts!« Nel grinste. »Wie du weißt, haben meine Sachen die Angewohnheit, sich überall auszubreiten.«
   »Hinderst du sie nicht daran, jeden Millimeter deines Raumes einzunehmen?«
   »Machst du Witze?«, rief Nel in gespieltem Entsetzen aus. »Viele von denen kratzen oder beißen, kommt man ihnen zu nahe.«
   Ich ließ meine Augenbrauen nach oben wandern. »Also sollte ich nicht fragen, wieso die Stadtkarte neben dem Bett so unnatürlich ausgebeult ist.«
   Sie schüttelte langsam den Kopf.
   »Du und meine Schwester liefert euch wirklich ein Kopf-an-Kopf-Rennen«, sagte ich. »Ich weiß nicht, bei wem zuerst ich eines Tages stürzen und mir ein Bein brechen werde.«
   »Zurück zum Thema.« Nun saß Nel auf einem Stuhl und hatte die Beine angezogen. »Warum ich dir glaube? Keine Ahnung. Na ja, möglicherweise, weil ich schon mal Roumen begegnet bin und deshalb vieles für möglich halte?«
   Möglich. Vielleicht lag es aber auch daran, dass Nel grundsätzlich allem Ungewöhnlichen nicht abgeneigt war. Der Hunger nach Leben und Erleben trieb sie an und beflügelte ihre Fantasie. Sollte Nel je in unserer Zukunft in fünfhundert Jahren landen, wenn Fahrzeuge fliegen und Häuser schweben konnten, würde sie bestimmt nicht in Panik ausbrechen.
   »Sei nachsichtig«, riet sie mir. »Erwarte nicht von jedem, dass er dir deine Geschichte glaubt. Erst recht nicht von Melissa, die nachts womöglich kaum schläft, nachdem sie erfahren hat, dass sie ihre Schwester verliert.«
   »Obwohl sie mein Wort nicht für bare Münze nimmt?«
   Nel lächelte freudlos. Ihre Stirn legte sich in Falten. »Womöglich tut sie es, selbst wenn sie es abstreitet.«
   »Oh.« Ich senkte den Kopf. Aus dieser Perspektive hatte ich die Angelegenheit noch nicht betrachtet.
   »Anna, Michelle und die anderen wollen in der Stadt etwas futtern. Bist du dabei?«
   »Nee, danke. Bin mit Mona verabredet.«

Ein paar Stunden später saßen Mona und ich im Dunkeln vor dem Fernseher. Mama war kurz hereingerauscht, um etwas aus dem Schrank zu holen. Ihr Parfüm hinterließ eine unverkennbar duftende Wolke, die sich im Wohnzimmer ausbreitete. Wenn Mama in Versace badete, gab es einen wichtigen Anlass. Als ich sie fragte, ob sie heute etwas Besonderes vorhatte, verneinte sie und meinte, sie gehe nur mit ein paar Freundinnen essen.
   Nachdem Mama die Wohnung verlassen hatte, kamen mir ihre Worte in den Sinn. … für deinen Mut und deine Kraft, nach einem Sturz wieder auf die Beine zu kommen. Sollten sie ein Appell an mich sein? Die Antwort darauf kannte ich.
   Ich schlug die Decke zurück, mit der ich mir die Füße zugedeckt hatte. »Ich will nicht mehr.«
   Mona sah mich von der Seite an. »Langweilt dich der Film? Soll ich eine andere DVD einschalten?«
   »Nein.« Ich richtete meinen Blick in eine unbestimmbare Ferne. »Ich trauere nach wie vor um die Freunde, die ich verloren habe. Der Schmerz wird vielleicht nie vergehen, aber ich will mich nicht länger im Zimmer verkriechen, Tag und Nacht deprimierende Musik hören und nur existieren, ohne zu leben. Wie eine Qualle, die sinnlos im Wasser treibt.«
   All die Zeit über hatte ich vergessen, dass ich zwar seelische und körperliche Narben davongetragen hatte, dass ich jedoch weitgehend fit war, ein Dach über dem Kopf hatte und von Menschen umgeben war, die mich liebten. Überwältigt von der Trauer hatte ich aus den Augen verloren, dass ich lebte … und dass mein Schicksal in meiner Hand lag.
   Mona drehte sich zu mir. Ihre Mundwinkel wanderten minimal nach oben, während sie mich verwundert musterte. »Das musst du auch nicht, Lia.«
   Ich hatte den Eindruck, dass ich heute zum ersten Mal am Scheideweg angekommen war: Entweder würde ich in die Welt meiner Mitmenschen zurückkehren, oder ich würde fortan ein Schattendasein fristen. Ich dürstete nach Leben, doch das Wissen um meinen Zukünftigen und mich erstickte jede Freude im Keim und verfinsterte meine Gedanken.
   Mona tätschelte meinen Rücken. »Was zerbricht dir den Kopf?«
   »Die Zukunft.«
   »Wirklich?« Sie zog die Stirn kraus. »Niemand weiß, was sie uns bringt, niemand weiß, was sie uns nimmt.«
   »Was, wenn du genau wüsstest, welch herber Schicksalsschlag dich in ein paar Jahren trifft?«, brachte ich leise über die Lippen.
   »Hm?« Mona nahm den Rest der Decke von den Beinen und faltete sie ordentlich zusammen.
   »Nehmen wir an, die Quelle der unheilvollen Botschaft sei zu hundert Prozent zuverlässig.«
   »Hätte ich früher geahnt, dass mir ein Schlaganfall bevoh… bevosch… bevorsteht, hätte ich weniger gearbeitet und mehr Sport getrieben. Hätte er mich trotz meiner Lebensumstellung erwischt, dann hätte er mich dennoch gestählt.«
   Ich musste lächeln.
   »Was uns in ein paar, in mehreren oder vielen Jahren erwartet, kann uns niemand verraten«, fuhr sie fort. »Fest steht allerdings, dass du mit jedem Schritt und jeder Tat Weichen legst und deine Zukunft formst. Nutze deine Kenntnisse und bereite dich auf das Unumgängliche vor.«
   »Klingt einfacher, als es ist«, brummte ich.
   »Nachdem dein Vater gegangen war, brach für deine Mutter die Welt zusammen«, sprach sie. »Sie wollte ihren Job kündigen und sich zurückziehen, aber dann stellte sie sich dem Schmerz, ließ sich von Profis helfen und nahm das Schicksal wieder in die eigenen Hände.«
   Natürlich auch dank Mona.
   »Lia, du bist wie die anderen Frauen in dieser Familie: widerstandsfähig, zäh und stark.«
   Mein Herz schlug schneller. In meinem Hals bildete sich ein Kloß, während sich Tränen in meine Augen stahlen. Doch zum ersten Mal seit viereinhalb Monaten trübte nicht Trauer meinen Blick, sondern Hoffnung, süße Hoffnung – ein Funke, der zu einer Flamme heranwuchs.
   Wir widmeten uns wieder der Komödie, doch ich verfolgte das Geschehen nicht mehr mit. Meine Gedanken rasten. Jene Informationen, mit denen Dorian mich bewusst oder unbewusst gefüttert hatte, hatte ich falsch verwendet. Ich hatte mich auf das Negative fixiert, hatte zugelassen, dass es mein Leben überschattete, und hatte bereits aufgegeben. Mona hatte recht. Ich musste das Wissen nutzen, das ich erworben hatte. Dorians und mein eigener Tod hatten mir etwas gegeben, worauf ich hinarbeiten konnte, ein Ziel, das ich um jeden Preis erreichen wollte.
   Es war an der Zeit, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, die sich mir boten. Ich nahm mir fest vor, mein Leben ab morgen umzukrempeln.

Nach der Schule stöberte ich mit Nel in einigen Geschäften nach Nützlichem. Am Nachmittag stürzte ich mich wie eine Besessene auf meinen Kleiderschrank. Jacken, Röcke, Kleider, Hosen und andere Sachen, die ich lange nicht mehr getragen hatte, stopfte ich in einen Sack. In einen anderen steckte ich alle Magazine, die sich über die Monate hinweg angesammelt hatten.
   Nachdem ich ein altes Poster entsorgt hatte, gönnte ich mir eine Verschnaufpause. Schweiß rann meine Wirbelsäule hinunter. Breitbeinig, mit in den Hüften gestemmten Fäusten, stand ich vor einer großen weißen Wand, die nach satten Farben von Bildern lechzte. Über mein Bett hängte ich eine Aufnahme der Manhattan-Brücke bei Nacht. Die Weltkarte nahm die gegenüberliegende ein. Bei ihrem Anblick seufzte ich wohlig. So viele Länder, so viele Städte warteten darauf, erobert zu werden!
   Daraufhin entsorgte ich das braune Häufchen Elend, das im Topf verendet war. Einst hatte es mir beim Eintreten in den Raum pralle grüne Blätter entgegengestreckt, als wollte es von mir in den Arm genommen zu werden. Wie eine kleine Tochter oder ein Sohn …
   Ich ballte die Hände zu Fäusten. Bilder erschienen vor meinem inneren Auge: ein im Sand buddelnder, kichernder Wonneproppen mit Dorians schwarzen Löckchen und meinen grauen Augen.
   Die Zukunft liegt in meiner Hand. Mit jeder Entscheidung beeinflusse ich sie.
   Während ich Staub wischte und saugte, wiederholte ich die Worte wie ein Mantra.

Etwa eine Stunde später hatte ich mich mit Nel in der Stadt verabredet. Mein Zimmer sah nun ordentlich aus, aber ich nicht. In all den Monaten hatte ich mich gehen lassen. Mein Bauch wölbte sich über den Hosenbund hinaus, und die Jeans spannten um die Oberschenkel. Meine Kondition war so schlecht, dass ich im Sportunterricht oft außer Puste war.
   Meinen Körper würde ich mir morgen vornehmen, heute waren erst mal die Haare an der Reihe. Ich lehnte an der Mauer, hörte Musik und wartete auf Nel.
   »Hallo!« Jemand klopfte mir auf die Schulter. Sofort schaltete ich den iPod aus, zog die Kopfhörer aus den Ohren und legte sie um meinen Nacken.
   »Morgen fange ich wieder an zu joggen«, sagte ich zu Nel. »Außerdem melde ich mich für einen Aerobic-Kurs an. Hast du auch Lust darauf?«
   »Na klar!«
   Während Nel und ich über Sportarten plauderten, die wir unbedingt ausprobieren sollten, waren wir so in das Gespräch vertieft, dass ich mit einem Jungen zusammenstieß. Alles spielte sich innerhalb wenigen Sekunden ab. Irgendetwas zerrte an meiner Jacke. Leichter Schmerz flackerte auf, als hätte mir jemand ein paar Härchen ausgerissen. Als ich einen Schritt zurücktrat, murmelte er etwas, das nach einer Entschuldigung klang, und verschwand aus meinem Blickfeld.
   »Hat der keine Augen im Kopf?«, empörte ich mich, obwohl ich eigentlich keinen Grund dazu hatte. Schließlich hatte ich ihn auch übersehen.
   »Sein Blick klebte doch am Smartphone. Weißt du, warum manche Menschen ständig auf das Display starren?« Nel grinste schelmisch. »Sie haben eine Life-App!«
   »Live-App?« Ich runzelte die Stirn. »Nie gehört. Was kann die denn?«
   »Die sagt: einatmen, ausatmen!«
   »Ach, Nel!« Ich lachte. Dabei griff ich in meine Jackentasche. Sie war leer. Abrupt hielt ich an.
   »Was ist los, Lia?«
   »Mein iPod ist verschwunden!« Hastig langte ich in meine Taschen. Wie erwartet enthielten beide nichts. Meine Kopfhörer waren aber noch da. Wäre mein iPod aus der Tasche geflogen, hätte er sie mitgezogen.
   »Los, suchen wir danach!«, entschied Nel.
   Nel schlug vor, denselben Weg zu nehmen, den wir gegangen waren. Nachdem wir mehrere hundert Meter Asphalt durchforstet und hinter jedem Eck und unter jeder auf dem Boden liegenden Zeitung nachgesehen hatten, setzten wir uns frustriert hin.
   Was, wenn ich den iPod nicht verloren hatte, sondern, dass …? »Dieser miese, kleine …« Ich knirschte mit den Zähnen. Meine Hände ballten sich zu Fäusten. »Er hat ihn mir gestohlen!«
   »Kannst du dich an sein Gesicht erinnern?«, fragte Nel. Ihre Füße baumelten wenige Zentimeter über dem Boden. Ihr war eine Laufmasche in ihren hautfarbenen Strümpfen aufgefallen, also zog sie sie flink und elegant aus, ohne den Fußgängern ihren Slip zu präsentieren.
   »Nein. Er sah absolut durchschnittlich aus.« Entrüstet seufzte ich. Erste Regentropfen landeten auf meinem Gesicht. »Brünettes Haar, dunkle Augen, normales Gesicht eines Fünfzehn- oder Sechzehnjährigen.«
   »Na ja, es bringt nichts, sich zu ärgern.« Nel hüpfte vom Geländer hinunter. »Brechen wir auf, denn gleich gießt es in Strömen!«
   Im Friseursalon ärgerte ich mich nach wie vor über den Jungen, doch während der Haarwäsche fing ich an, mich zu entspannen. Etwa eine Stunde später hatte ich rund zehn Zentimeter Haar verloren, aber meine innere Ruhe wiedergefunden.
   Auf Nels Frage, was ich heute noch vorhätte, holte ich tief Luft und straffte die Schultern. »Ich besuche ihn.«

Vertraute Stille empfing mich eine halbe Stunde später, kaum hatte ich das eiserne Gittertor hinter mir geschlossen. Während ich über den Asphaltweg schritt, atmete ich tief ein. Nach dem Regen war die Luft schwer und feucht. Hier und da bog sich ein Grashalm unter dem Gewicht eines Regentropfens, der glitzerte, wenn die Sonne hinter den Wolken hervorkam. Mein Blick schweifte über die Grabsteine, über matte und glänzende, polierte und geschliffene. So oft wie ich den Friedhof frequentiert hatte, überraschte es wohl niemanden, dass ich wusste, dass der Großteil derjenigen Menschen, an deren Gräber ich vorbeiging, die siebzig überschritten hatte.
   Mein Herz verkrampfte, als ich schließlich den schmucklosen Marmorgrabstein erreichte. Hier lag er – der Mann, der mich bei meiner ersten Begegnung mit Roumen und dann, nachdem Sascha mich im Kampf im Stich gelassen hatte, gerettet hatte. Der Mann, den ich geküsst hatte. Der Mann, der aus Sehnsucht Regeln gebrochen hatte.
   Ich hatte meine Rede einstudiert, als würde ich sie Dorian, dem Mann aus Fleisch und Blut, tatsächlich vortragen müsse, doch als ich den Mund öffnete, kam kein Ton. Zu sagen, was mir auf der Zunge lag, fühlte sich wie Verrat an. Wie an Silvester, als ich Dorians Wohnung durchforstet hatte. Damals glaubte ich, Dorian verschwiege uns ein dunkles Geheimnis und steckte mit Oreol unter einer Decke. Wie falsch ich gelegen hatte, erfuhr ich erst in der Höhle, wo unsere Gruppe Oreol vermutete.
   Ich kniete vor dem Grabstein. Nässe drang durch den Jeansstoff. Zaghaft begann ich Dorian zu berichten, was sich in den letzten Tagen ereignet hatte. Ein paar ältere Damen und Herren gingen an mir vorbei und musterten mich.
   Ich versuchte, munter zu klingen, obwohl ich ahnte, dass keiner meiner Sätze Dorian erreichte. Dennoch fiel es mir schwer, auszusprechen, weshalb ich hier erschienen war. Daher widmete ich meine Zeit, sein Grab von toten Blättern zu befreien. Die verwelkten Blümchen, die ich ihm einst mitgebracht hatte, stellte ich an den Wegrand, um sie auf dem Heimweg zu entsorgen.
   »Es tut mir leid, Dorian, aber das ist das letzte Mal, dass ich dich besuche«, fing ich schließlich an. »Ich liebe dich, und genau deshalb muss ich mich auf die Gegenwart und auf die Zukunft konzentrieren. Auf meine Aufgaben als Tochter des Sternwindes und auf dich, der du irgendwo da draußen bist, der du mich noch nicht kennst und nicht ahnst, was uns eines Tages bevorsteht.«
   Meine Hände schlossen sich um die Kerze, die ich mitgebracht hatte. Einen Moment lang verharrte ich in dieser Position und fühlte, wie der kalte Gegenstand meinen Fingern die Wärme entzog. Dann nahm ich ein Streichholz aus der Schachtel und zündete die Kerze an.
   »Ich liebe dich, Dorian«, wiederholte ich bitter, als ich die Kerze in das Gehäuse steckte. »Deshalb werde ich um uns kämpfen.«

Ich fing wieder an zu joggen, machte Aerobic und stellte meine Ernährung um. Toastbrote mit Schinken und Käse gönnte ich mir nur noch am Wochenende und löffelte morgens zuckerfreien Müsli zum Frühstück. Ich achtete darauf, viel Obst und Gemüse zu mir zu nehmen. Auf Kartoffeln, Reis und Nudeln verzichtete ich grundsätzlich nicht und wehrte mich allerdings auch nicht, wenn sich Schokolade oder Eis auf meinen Speiseplan schlichen.
   Schon anderthalb Wochen intensiven Sports bewirkten, dass ich mich wohler in meinem Körper fühlte. Meine Ausdauer hatte sich verbessert, und manche Körperpartien wie die Oberschenkel waren straffer geworden. Außerdem drückte der Hosenbund nicht mehr. Obwohl ich noch nicht die Fitness erreicht hatte, die ich anstrebte, spürte ich: Ich war bereit.
   Seit meiner Geburtstagsfete hatten Sonja und ich nicht mehr miteinander gesprochen, doch das hinderte mich nicht daran, eines Tages an ihrer Tür zu klingeln. Während ich darauf wartete, dachte ich trübselig daran, wie Dorian und ich vor vielen Monaten hier gestanden und Sonja um Unterstützung gebeten hatten.
   Die Tür ging auf. »Hallo.« Sonjas Stimme klang ein wenig höher als gewöhnlich. »Was führt dich hierher?«
   »Ich will wieder mit euch Roumen jagen.«
   »Wie bitte?« Sie hob die Brauen.
   »Ich will erstarken«, antwortete ich.
   Den Begriff Tochter des Sternwindes wagte ich nicht in den Mund zu nehmen, denn es würde an Hohn grenzen. Wenn ich daran dachte, dass manche Rivalen auf meine immensen Fähigkeiten vertraut hatten, wurde mir so schlecht, als kippte jemand kaltes Frittieröl über mich. Mein Magen drehte sich um, wenn ich mir vorstellte, wie viele Menschen ich hätte retten können, wäre ich in der Lage gewesen, mit einem Schlag zahlreiche Roumen zu vernichten. Die Zwillinge Eda und Chiara hatten prophezeit, dass ich solche Macht haben würde. Dem war allerdings nicht so. Nichtsdestotrotz keimte in mir die Hoffnung auf, ich könnte diese Kräfte entfesseln, wenn ich nur hartnäckig übte.
   »Ich bin seit Dezember raus aus der Sache. Aber ich schreibe dir Christophers neue Handynummer auf. Sowohl er, als auch Sascha und Jannis sind nach wie vor aktiv.«
   Kaum hatte ich die Nummer, fing ich an zu telefonieren. Mit Chris vereinbarten wir, uns vor dem Rathaus zu treffen.
   Mit Sascha, Jannis und ihm hatte ich gerechnet. Dass Sonja ebenfalls erschienen war, überraschte mich allerdings. Auf meine Frage, wieso, zuckte sie lediglich die Schultern.
   Sascha ließ durchblicken, dass ihm Insiderinformationen vorlagen. Woher er sie bezogen hatte, wollte er nicht verraten. Seine Quellen rieten, die Stadt hinter sich zu lassen und am Rande eines Dorfes einem Trampelpfad zu folgen, der von Gras und Gestrüpp überwuchert war und signalisierte, dass sich nicht viele Menschen hierherverirrten.
   Während wir durch weite Felder schritten, wollte ich erfahren, was ich in all der Zeit verpasst hatte. Mein Wissen um kürzliche Ereignisse hatten Zeitungen und Fernsehberichte genährt, die in Roumen eine neue Lebensform gefunden hatten.
   Den Rivalen begegneten die Journalisten mit gemischten Gefühlen. Für die einen galten sie als Mutanten mit besonderen Fähigkeiten, für die anderen waren sie gierige Aelumina-Jäger und skrupellose Mörder. Die meisten Zeitungsartikel vermochten die Einstellung der Journalisten gegenüber Rivalen zu verbergen, einige jedoch nahmen kein Blatt vor den Mund.
   Obwohl sie das Land aufgewühlt hatten, war ich bisher auf offener Straße oder in der Schule nicht beschimpft worden. Entweder lag es daran, dass die Mehrheit nicht an Roumen oder Rivalen glaubte, oder daran, dass die Angst vor den Wesen uns in den Augen der Mitmenschen zu Lebensrettern machte.
   »Mittlerweile existieren wenige blinde Roumen«, fing Chris an zu erzählen.
   »Kann ich mir vorstellen«, sagte ich. Kurzzeitig fühlte ich mich zurückversetzt in eine Zeit, in der ich viel Roumen-Energie in Form von Aelumina, Lichterscheinungen, aufnehmen musste. Die erste Form von Roumen zu besiegen, stellte keine große Herausforderung dar, da sie sich kaum wehren konnten. Auf den Beinen trugen sie riesige Klumpen – Oberkörper ohne Arme und einen Kopf ohne sichtbaren Mund, Ohren und Augen.
   »Obwohl Oreol und sein Schöpfer tot sind, treiben sich noch reichlich Prims herum. Und die Biester sind schwer zu bekämpfen«, meinte Chris.
   Kein Wunder, schließlich waren es Roumen, die den ersten Evolutionsschritt gemacht hatten. Sie konnten sehen, riechen und hören. Zudem bewegten sie sich schnell und übertrafen ihre primitiven Vorgänger in jeder Hinsicht.
   »So viele Prims sind es nun auch wieder nicht«, brummte Sascha und kickte einen Stein. »Nur aus diesem Grund ist der Preis von Aelumina so gestiegen. Für eine Prim-Aelumina kannst du locker einen Tausender abstauben.«
   Mir klappte die Kinnlade hinunter. »Deshalb berichten die Zeitungen immer wieder von blutigen Prügeleien zwischen Rivalen!«
   Saschas Blick war grimmig. »Jeder will sie.«
   »Was ist mit Oreols Aelumina passiert?«, fragte ich Sascha, als Chris sein Tempo verlangsamte, um sich mit Sonja und Jannis zu unterhalten.
   Aus den Augenwinkeln heraus warf er mir einen Blick zu, wandte ihn jedoch sofort wieder ab. Obwohl die Sorge um Dorian alles überschattet hatte, hatte ich dennoch mitbekommen, wie Sascha die Aelumina des Anführers eingesteckt hatte. Heute würde sie ein Vermögen kosten.
   »Ich habe sie nicht mehr«, murrte Sascha. Leise und zögernd berichtete er von der Silvesternacht, als er die Höhle mit Oreols Aelumina verließ. Eine Gruppe von Rivalen, die ihn seinen Worten nach beobachtet haben musste, fiel über ihn her. »Irgendjemand drosch auf mich ein. Ein anderer Kerl verpasste mir ein blaues Auge. Bevor ich reagieren konnte, hatten sie mir die Aelumina weggenommen.«
   »Das tut mir leid.«
   Schweigend gingen wir nebeneinander her. Nach einer Weile wollte ich wissen, ob die Polizei die Täter gefasst hatte.
   »Ich habe sie nicht angezeigt.«
   »Was?«, entfuhr es mir lauter, als beabsichtigt. »Nach einem Raub mit Körperverletzung?«
   »Nach wem hätte ich die Polizei fahnden lassen sollen? Nach Typen, deren Gesichter ich in der Finsternis der Höhle kaum gesehen habe?«, entgegnete Sascha, ohne mich anzusehen.
   »Elender Abschaum«, rief ich aus und riss eine Faust hoch.
   Sascha zuckte zusammen.
   »Diese Mistkerle haben Oreols Aelumina an sich gerissen, obwohl sie nicht nur ihnen zusteht!«, empörte ich mich und boxte in die Luft. Dass sie Sascha übel zugerichtet hatten, war ein ebenso wichtiger Grund, um sie zu bestrafen. Aber ich äußerte den Gedanken nicht, denn Sascha blickte so niedergeschlagen drein, als machte er sich Vorwürfe, sich nicht bis zum bitteren Ende gewehrt zu haben.
   »Genau genommen gehört sie allen, die an Silvester da unten gewesen sind. Jedem einzelnen. Doch keine Sorge, Sascha, eines Tages werden sie sich selbst verraten. Irgendwann brauchen sie Geld und werden versuchen, die Aelumina zu verhökern. Dann fliegt alles auf.«
   Nachdem die Regierung Wind davon bekommen hatte, dass jemand im Besitz der einzig wertvollen Aelumina unseres Jahrhunderts war, wurde versprochen, eine hohe Summe dafür zu zahlen. Da sich nach vielen Wochen niemand gemeldet hatte, hatten sich die Politiker für eine andere Strategie entschieden: Oreols Lichtenergie wurde als hochgradig bedrohlich eingestuft, denn ihr wurden gewaltige, unkontrollierbare Kräfte nachgesagt. Auf einmal verkündeten das Fernsehen und die Zeitungen, dass dem Besitzer von Oreols Aelumina eine hohe Haftstrafe drohte.
   »Dass die Justiz gleich mit dem Knast daherkommt, ist schon etwas hart«, bemerkte Sascha.
   Verwundert blickte ich zu ihm hoch. Hörte ich da etwa Mitleid mit den Tätern heraus? Aus Neugier wollte ich nachhaken, da beschleunigte Sascha sein Tempo. Wenn er so weitermachte, hätte er nicht nur Chris, Sonja und Jannis abgehängt, sondern auch mich. Um mit ihm Schritt zu halten, musste ich fast sprinten.
   Ich blickte zu ihm hoch. Mürrisch starrte er vor sich hin und mahlte mit den Kiefern.
   »Wir sollten eigentlich nicht hier sein«, murmelte ich. »Wenn jemand spitzkriegt, dass wir jagen, stecken wir in der Klemme.«
   Sascha winkte ab. »Ein paar Tadel, und sie lassen uns wieder laufen. Mich haben sie schon dreimal erwischt und jedes Mal nur verwarnt.«
   Ich zog die Stirn kraus. »Hat die Regierung nicht beschlossen, das Jagen zu bestrafen?«
   Abschätzig pfiff er durch die Zähne. »Als im Januar Stimmen laut wurden, weil Rivalen ihr Leben gefährden, versicherte die Regierung, sie sei dabei, eine Spezialeinheit der Polizei ins Leben zu rufen – Alternative Defense. Aber diese Einheit steckt noch in der Maschinerie der Bürokratie fest. Erst müssen die Aufgabenbereiche, Rechte und Pflichten der Polizisten definiert, ein Lehrplan für angehende Beamte erarbeitet und anschließend Genehmigungen diverser Institutionen eingeholt werden. Selbst wenn alles in trockenen Tüchern ist, treten neue Probleme auf, die in unzähligen Diskussionen zu Tode geredet werden müssen.«
   Ich rieb mir das Kinn.
   »Also, Lia, brauchen sie uns – erfahrene Rivalen, die die Bevölkerung vorläufig schützen.«
   »Wer seid ihr?«, riss mich jemand aus den Gedanken.
   »Was wollt ihr?«, tönte aus der Ferne.
   Zur selben Zeit drehten Sascha und ich uns um. Schnellen Schrittes näherte sich uns eine Gruppe von Männern. Innerhalb von Sekunden hatten sie uns erreicht und bauten sich drohend vor uns auf. Adrenalin geriet in meine Blutbahn. Dass es sich nicht um sechs Erwachsene, sondern um Jungs etwa in meinem Alter handelte, änderte nichts daran, dass ich mich nicht entspannte. Denn sie hielten Waffen in den Händen. Eisenstangen und Baseballschläger.
   »Wir haben euch was gefragt«, rief ein kräftiger Jugendlicher, auf dessen Oberarm ein aggressiver Tiger fauchte.
   »Wer seid ihr?«, fragte Sascha zurück.
   »Das geht dich nichts an«, knurrte er.
   »Wenn ihr Rivalen seid, dann verschwindet! Hier ist unser Revier«, warf der Glatzkopf ein.
   Genervt verdrehte Sascha die Augen. »Hey, hört zu, laut meinen Informationen gibt es hier genug Roumen für alle.«
   »Uns doch egal!« Ein Junge mit von Pickeln übersätem Gesicht stellte sich vor Sascha, um ihn einzuschüchtern.
   Ungeachtet der Tatsache, dass er einen Schlagstock umklammert hielt, wirkte es geradezu lachhaft, dass dieser schmächtige Bursche mit seiner Hühnerbrust Sascha gegenübertrat. Vor meinem inneren Auge versuchte gerade ein Spatz, sich vor einem Adler aufzuplustern.
   »Haut ab«, forderte der, der als Erster den Mund geöffnet hatte. »Sonst machen wir euch alle!«
   Wie auf Kommando lärmten seine Freunde und rissen ihre Brechstangen und Stöcke hoch wie Stammeskrieger ihre Speere.
   »Wofür hältst du dich …?« Saschas Augen verengten sich zu Schlitzen.
   Sascha trat einen Schritt auf die Gruppe zu. Wer wen zuerst schubste, war mir entgangen, aber auf einmal brüllten die Jungs. Christopher und Jannis stürmten an mir vorbei und mischten sich ein, als Sascha und der Tätowierte aufeinander losgingen. Jannis hielt ein paar der Gegner in Schacht, während sich Chris zwischen die Kämpfenden gedrängt hatte.
   Sascha und der Jugendliche waren in ihren Bewegungen wie vereist. Keiner dachte daran, den Kragen des anderen loszulassen. Sie torpedierten einander mit Blicken voll glühender Wut. Fester bohrten sich ihre Finger in das Shirt des Gegners. So stark, dass sich die Knöchel weiß färbten.
   »Jetzt atmen wir alle tief durch und treten einen Schritt zurück«, versuchte Chris, sie zu besänftigen. Sein Blick huschte von Sascha zum Tätowierten und wieder zu Sascha. Niemand rührte sich, weder Sonja, Jannis oder ich noch einer aus der gegnerischen Gruppe. Ob sich die Jugendlichen auf Sascha und vielleicht auch auf uns stürzen würden, hing nun von den beiden ab.
   Schließlich ließen sie einander los und vergrößerten die Distanz. Innerlich atmete ich auf. Dennoch war meine Nackenmuskulatur angespannt.
   »Lasst uns gehen«, schlug Sonja vor.
   »Wieso?«, blaffte Sascha. »Sollen die sich doch verdrücken!«
   Daraufhin hagelte es Beleidigungen.
   Sonja bedachte Sascha mit einem langen Blick, dann drehte sie sich um. Mit jedem Schritt entfernte sie sich immer mehr von uns. Sofort sprintete ich ihr hinterher. Ohne meine Geschwindigkeit zu verringern, ging ich rückwärts, um die Jungs nicht aus den Augen zu lassen. Keine halbe Minute später folgten uns Sascha, Chris und Jannis. Während Chris und Jannis auf ihn einredeten, starrte Sascha grimmig nach vorn, als verursachten sie bloß ein Hintergrundrauschen wie vorbeifahrende U-Bahnen im Tunnel.
   »Wahrscheinlich hat er für die Info gezahlt«, mutmaßte ich laut.
   Sonja nickte. »Das würde erklären, wieso er eine saure Miene macht.«
   »O Gott«, murmelte ich entsetzt, wenn ich an die nach Aelumina lechzende Meute dachte, der wir eben begegnet waren. »Die werden ihre Schlagstöcke einsetzen.«
   »Wenn, dann sind sie schwache Rivalen, die sich nicht verteidigen können. Oder überhaupt keine, sondern einfach nur Kerle, die erfahren haben, dass man mit Aelumina viel Geld verdient.«
   »Und nun?«, fragte ich.
   Durch die Sonnenbrille hindurch schaute Sonja mich an. »Die Gegend bietet mit ihren Schatten spendenden Bäumen und bewachsenen Hügeln genug Versteckmöglichkeiten. Halten wir die Augen auf.«

Etwa eine Stunde später wurde mir klar, dass die Augen das letzte Organ waren, das uns dabei helfen könnte, auf Roumen zu stoßen. Während wir nebeneinander trotteten, war Sascha stehen geblieben. Chris und Jannis taten es ihm gleich. Ihr Blick war in die Ferne gerückt, und sie erweckten den Eindruck, zu lauschen. Ich stutzte, weil ich nur Vögel singen hörte.
   Sascha schnappte nach Luft. »Sie sind hier!«
   »Ich spüre die Kreaturen auch«, kam von Chris.
   Eifrig nickte Jannis.
   Ohne ein Wort fingen sie an, in die Richtung zu laufen, in die wir unterwegs waren. Ich fragte Sonja, wieso wir nicht in der Lage waren, die Roumen zu fühlen.
   »Wahrscheinlich haben wir sie zu lange gemieden und keine Aelumina konsumiert.« Kaum hatte sie den Satz beendet, rannten wir den Jungs hinterher.
   Wir hasteten durch den Wald und kamen schließlich auf einem Feld an. Auf einer weiten Fläche verteidigten sich unsere Freunde gegen die Kreaturen. Ein paar andere Roumen hatten sich über etwas oder jemanden gebeugt. Unter ihnen zuckten Beine, bleiche, behaarte Jungenbeine. Kurzzeitig flackerte Kilians Gesicht vor meinem inneren Auge auf.
   »Vorsicht«, rief Sonja.
   Wie im Zeitlupentempo fuhr ich herum, um zu sehen, was sich mir mit halsbrecherischem Tempo näherte. Da prallte es gegen mich mit solcher Wucht, dass mir die Luft aus der Lunge getrieben wurde. Dumpf schlug ich auf der Erde auf. Schmerz durchzuckte mich überall gleichzeitig. In meinem Blickfeld drehte sich alles. Dennoch war ich genug bei Bewusstsein, um Sonja schreien zu hören.
   Krächzend versuchte ich, mich zu erheben, da tauchten Beine eines Feindes vor mir auf. Sehnige, lange Beine ohne Zehen, von Haut überzogen, die zartviolett und rosafarben changierte. Mit einem Fuß drückte er mich nieder. Als ich meine Muskulatur anstrengte, um dem Prim entgegenzuwirken, schoss ein Blitz meinen Nacken hinauf in den Schädel und zwang mich, dem Feind nachzugeben. Noch einmal gab ich mir Mühe, mich aufzurichten. Doch der Prim war stärker. Sein Fuß bohrte sich in meine Rippen, worauf mir ein Schrei entfuhr.
   Finger schoben sich in mein Haar. Fast vorsichtig, als wollte mir das Wesen keines ausreißen. Seine Hand strahlte dieselbe Kälte aus, wie der lippenlose Mund jenes Roumins, der mich letzten August aktiviert hatte. Meine Haut fing an zu prickeln, als wäre sie mit einer Eisschicht überzogen. Innerhalb kürzester Zeit ging das Prickeln in ein Stechen über. Energisch schlug ich die fremde Hand weg und rollte mich unter dem Wesen hervor.
   Wir standen uns gegenüber. Seine katzenhaft senkrechten Pupillen verengten sich, während ich mich mit großen Schritten von ihm entfernte.
   Als der Prim auf mich zulief, sprang ich instinktiv zurück. Seine Hand verfehlte mich nur knapp, doch nur ein Schritt in meine Richtung, und er hatte mich am Oberarm gepackt. Binnen weniger Sekunden breitete sich die Kälte aus. Mit der freien Hand schlug ich gegen seine Brust, worauf ein Schwall vielfarbiger Energie über meinen Unterarm und meine Finger in seinen Körper ging.
   Kaum war ich dabei, dasselbe zu wiederholen, schnappte er sich meine Hand und zog mich näher. Ich wand mich und trat um mich, aber meine Versuche ließen von Sekunde zu Sekunde nach, denn der Feind war mir physisch überlegen. Durch seine Handflächen entzog er mir innerhalb kurzer Zeit so viel Energie, dass mich meine Beine kaum zu tragen vermochten.
   Erschöpfung ergriff Besitz von mir. Da warf sich jemand gegen den Prim und mich, und noch im Sturz spürte ich, wie mich Rivalen-Energie erfasste. Kaum waren wir auf der Erde wie in einer Umarmung gelandet, lockerte sich sein Griff zwar nur ein wenig, jedoch genug, um mir zu ermöglichen, zu fliehen. Berauscht von dem unerwarteten Energieschub fuhr ich herum und verpasste dem geschwächten Prim zwei Hiebe in den Brustkorb. Als sich seine Hand um mein linkes Gelenk schloss, jagte ich ihm die Faust in den Oberkörper und schlug die Aelumina aus ihm heraus.
   Ich kniete vor dem leblosen Körper und blickte zu Sonja hoch. »Das war der Wahnsinn! Als du gegen ihn gedonnert bist, da schwappte deine Energie auf mich über.«
   Zwischen ihren Brauen bildete sich eine steile Falte.
   »Weißt du, wie es sich anfühlt?«, schwärmte ich. »Wie …«
   »Nimm sie, und lass uns weitermachen.«
   »Willst du nicht?«
   Sie schüttelte den Kopf, fuhr sich über die nasse Stirn und beschattete die Augen, um zu sehen, wie es den Jungs erging. »Wie es aussieht, sind wir beide etwas aus der Übung.«
   »Hinzu kommt, dass sie geschickter und gefährlicher als ihre Vorgänger sind«, gab ich zu bedenken.
   Sonja reagierte nicht auf die Bemerkung, sondern eilte den anderen zu Hilfe.
   Ich hatte vor, die Lichtenergie rasch aufzunehmen und ihr hinterherzulaufen, doch dann fesselte die Aelumina meinen Blick. Es war lange her, dass ich die Lichterscheinung gesehen hatte. Denn für den entscheidenden Kampf gegen Oreol hatte ich meine Vorräte verbraucht.
   Ich hatte vergessen, wie schön Aelumina waren. Dieses Exemplar mit seinen kräftigen Farben, die sich wie die eines Regenbogens an ihren Rändern mit anderen verwischten und dennoch vermochten, ihren individuellen Raum und ihre Intensität beizubehalten, erinnerte mich daran. Wie bei allen Prims dominierte Rot auch diese Aelumina. Sie sah aus wie eine Blume und wirkte so zart und flüchtig, dass ich befürchtete, ein Windstoß könnte sie zerstören.
   Nach mehreren Sekunden streckte ich die Hände nach ihr aus. Sobald meine Fingerspitzen die feinen Lichtstränge berührten, wurde die Aelumina aufgesogen. Über die Haut gelangte die Roumen-Energie in die Blutbahn und schoss durch den Körper. Sie wirkte fünffach stärker als ein prickelndes, koffeinhaltiges Getränk. Mir war, als hörte ich besser, als sähe ich besser. Die neu gewonnene Kraft wollte verbraucht werden, also sprang ich auf die Beine und stürmte zu meinen Freunden.
   Glücklicherweise war ich geistesgegenwärtig genug, um nicht blind in Sonjas Energiewalze zu rennen. Noch rechtzeitig bremste ich ab und verhinderte, dass sie mich und nicht die beiden Roumen erwischte. Zwar hatte mir Sonjas Stoß geholfen, meine Depots aufzufüllen, nachdem der Prim sie beinahe vollständig geleert hatte, dennoch vertraute ich nicht darauf, dass das fluoreszierende Gemisch aus Orange, Gelb und Grün denselben heilenden Effekt erzielte wie die minimale Freisetzung der Rivalen-Energie.
   Die Prims, die die volle Bandbreite abbekommen hatten, strauchelten. Zumindest eine der beiden Aelumina wollte ich an mich reißen, doch Chris und Jannis waren mir zuvorgekommen. Also fuhr ich herum, um mich mit dem Roumin anzulegen, der sich Sonja vorknöpfte.
   Da sauste ein riesiger Ball von der Größe eines erwachsenen Mannes an mir vorbei und erfasste mehrere Prims, die auf uns zugelaufen waren. Mit offenem Mund drehte ich mich zur Quelle dieser kolossalen Macht um und erblickte Sascha, wie er gerade in die Knie ging und mit Schwung hochschoss. Dabei riss er seine gestreckten Arme vor und entlud einen weiteren Energieball, der sich wie Feuer durch den Körper eines anderen Gegners fraß.
   Sofort ergriff ich die Gelegenheit, drei von Sascha geschwächten Prims zu attackieren. Da sie reglos und stöhnend wie Zombies auf dem Feld standen, bereitete es mir keine Schwierigkeiten, ihnen Hiebe zu versetzen. Kaum hatte ich dem Ersten von ihnen Aelumina entnommen, widmete ich mich dem Nächsten. Die gelähmten Prims langten nach mir, doch sie hatten keine Chance.
   Den letzten Prim überließ ich Sonja. Schließlich hatte sie mir heute die erste Aelumina geschenkt.
   Wusch … Wieder hatte Sascha Energie abgefeuert. Ich riss den Kopf herum. Mein Blick huschte durch die Gegend auf der Suche nach einem weiteren Opfer. So pervers es klang, so machte mir der Kampf Spaß. Die Bewegung und Aelumina hatten eine Menge Endorphine freigesetzt, die mich beflügelten. Ich war bereit, mich auf den nächsten Prim zu stürzen, aber leider hatte Sascha den letzten Roumin erledigt.
   Weit und breit trieben sich keine Prims mehr herum. Mit einem Anflug von Neid verfolgte ich mit, wie er die letzte Aelumina in einen Kristall sperrte.
   »War’s das schon?« Mein Atem ging noch immer schnell.
   »Hattest du nicht genug?«, fragte Chris prompt zurück.
   »Ist das ein Scherz?« Ich ging auf die Jungs zu. »Gegen wie viele haben wir gerade gekämpft? Sieben oder acht?«
   »Mindestens zehn«, entgegnete Jannis und klopfte Schmutz von seiner Hose.
   Saschas Stirn legte sich in Falten. »So viele wie heute habe ich in den letzten Wochen kaum zu Gesicht bekommen!«
   »Wo ist eigentlich der Junge?«, interessierte es Sonja, die sich zu uns gesellt hatte.
   »Welcher …?« Chris beendete seinen Satz nicht.
   Wir folgten seinem Blick und entdeckten auf dem Feld einen Jugendlichen, der zu fliehen versuchte.
   »Hey, Rumpelstilzchen, bleib sofort stehen«, rief Sascha ihm hinterher.

2

Als Sascha und Christopher dem Jungen hinterherhechteten, taten Jannis und ich es ihnen gleich. Von allen Seiten keilten wir den Knaben ein und zwangen ihn, stehen zu bleiben. Misstrauisch beäugte er uns. Als er einen Ausfallschritt machte, breiteten Sascha und Jannis die Arme aus. Wollte er an Chris und mir vorbei, so traten wir näher, damit sich der Abstand zwischen uns verringerte.
   »Was hast du hier verloren?«, wollte Chris wissen.
   Der dünne Junge zog die Schultern ein und senkte den Blick. Sein mürrisches Gesicht mit den zusammengezogenen Brauen verriet, dass er uns ebenso sehr traute wie den Roumen. Am Kinn klebte getrocknetes Blut, während ein dünner Rinnsal seinen Unterarm hinunterlief. Sein linkes Knie war aufgeschürft.
   »Keine Angst, wir tun dir nichts«, sagte ich. »Wo sind deine Freunde?«
   Sein Blick huschte umher, als überlegte er, was schlimmere Konsequenzen nach sich ziehen könnte. Eine Lüge oder die Wahrheit. »Bin allein hier«, gestand er schließlich.
   »Bist du beim Spazieren von ihnen überrascht worden?«
   Er antwortete nicht sofort. Doch mein milder Ton hatte seine Angst anscheinend minimiert. Immerhin ließ er nach einigen Sekunden die Schultern sinken und wagte, mich anzuschauen. »Ich habe sie gesucht.«
   Plötzlich brandete Lärm über mich herein. Sascha, Chris und Jannis schimpften wie aus einer Kehle los, aber ich übertönte jeden von ihnen. Meine Sanftheit war Empörung gewichen.
   »Bist du völlig beknackt?«, donnerte ich. »Wie kannst du ohne Unterstützung auf die Jagd gehen? Selbst altgediente Rivalen trauen sich so etwas kaum zu.«
   Mir fiel auf, dass die Jungs still geworden waren. Ich atmete tief durch. »Wie heißt du?«
   »Äh, Hendrik.«
   »Bist du überhaupt ein Rivale, Hendrik?«, fragte Chris.
   »Wie erfahre ich das?«, nuschelte er.
   »Hast du dich gegen sie gewehrt?«, wollte Chris erfahren. »Hast du dabei beobachtet, wie dich mehrfarbige Wellen verlassen haben?«
   Irritiert schaute Hendrik ihn an und verneinte die Frage. Daraufhin mutmaßte Chris, dass Hendrik kein Rivale war. In Hendriks Augen flackerte Enttäuschung auf. Um falschen Erwartungen keinen nahrhaften Boden zu bieten, erklärte Chris, dass Hendrik auch ferner nicht von Roumen aktiviert werden konnte. Andernfalls wäre es heute nach nur einem Kontakt mit einem Roumin passiert. Wahrscheinlich wollte Chris damit signalisieren, dass der Junge nicht versuchen sollte, eine Aktivierung zu erzwingen.
   »Mach das nie wieder«, herrschte ich ihn an und gestikulierte wie wild mit den Händen.
   »Ich wollte nur ein paar Aelumina«, brummte er.
   »Wenn du ihnen noch einmal in die Arme läufst, kann es dich das Leben kosten«, sagte Chris ruhig.
   »Hm.« Nachdenklich blickte Sascha drein. »Wie uns bekannt ist, bist du kein schlechter Köder. Wenn du uns hilfst, Roumen zu finden, geben wir dir ...«
   »Nein«, schnitten ihm Sonja und ich zur selben Zeit das Wort ab.
   »Was?«, begehrte er auf. »Ihr seid doch auch scharf auf Aelumina!«
   »So sehr, dass wir das Leben eines Hilflosen riskieren, nun auch wieder nicht«, stellte ich klar.
   Sonja schob sich zwischen Chris und Jannis. »Geh heim, Hendrik.«
   Nachdem wir ihn entlassen hatten, gaben wir ihm etwas Vorsprung. Nach einer Weile nahmen wir seine Fährte auf, denn in Chris und Sonja regte sich der Verdacht, dass Hendrik erneut von Roumen überfallen werden könnte. Zur allgemeinen Erleichterung, aber zu Saschas Verdruss erreichte der Jugendliche das nächste Dorf ohne weitere Vorfälle.
   Als ich neben Sascha herging, wollte ich erfahren, wie es ihm gelang, so enorme Energiekugeln zu verursachen.
   »Durch Übung«, gab er zur Antwort. »Seit ich Rivale bin, habe ich höchstens zwei, drei Wochen am Stück nicht gegen Roumen gekämpft. Bei Sonja und dir verhält es sich anders. Da Sonja lange Zeit ausgesetzt hat, braucht sie eine Weile, bis sie mein Level annähernd erreicht hat.«
   »Du kannst es echt gut.«
   »Danke.«
   Da war es wieder. Sein charmantes, jungenhaftes Lächeln. Es hatte eine Zeit gegeben, da war ich verrückt nach Sascha Bavar gewesen. Nach wie vor wirkte er auf mich mit seinen blauen Augen, dem verwegen zerzausten blonden Haar und seinem sportlichen Körper attraktiv, allerdings längst nicht mehr so stark wie damals. Ich hatte geglaubt, unsere Beziehung wäre etwas Besonderes, weil wir ein Geheimnis teilten, in das nur wenige eingeweiht waren. Bis ich begriff, dass uns nichts verband außer dem Drang, Aelumina an sich zu reißen. Kaum merklich schüttelte ich den Kopf. Wieso war ich nur so lange blind gewesen?
   »Übe, Lia, übe.«
   Ich rang mit mir. Sollte ich aussprechen, was mir auf der Zunge lag? Oder sollte ich schweigen? Da mir Letzteres nie leichtfiel, wenn etwas an mir nagte, rückte ich schließlich mit der Sprache heraus, nachdem ich sichergegangen war, dass die anderen uns nicht hörten. »Möglicherweise bin ich nicht die Tochter des Sternwindes.«
   Sascha maß mich verwundert. »Die Zwillinge und ihre Tante haben doch etwas, das deine DNA trägt, getestet und ein eindeutiges Ergebnis erhalten.«
   »Vielleicht sollten sie den Test wiederholen. Mit meinem Blut.«
   »Mit welcher Aelumina, Lia?« Saschas Augen wurden riesig, als hätte ich von ihm verlangt, seine Vorräte zu opfern. »Hast du eine Ahnung, wie viel sie davon brauchen und wie viel sie kostet? Und das für einen überflüssigen zweiten Test?«
   Ich seufzte.
   »Gib nicht auf«, fuhr er fort. »Ahme meine Bewegungen nach. Stell dir dabei vor, wie du alle Roumen niedermähst. Dann kickst du die Energie heraus und machst sie fertig!«
   Meine Gedanken wanderten zu Dorian. Wie unterschiedlich doch ihre Ansätze waren: Sascha hielt daran fest, dass Gewalt den gewünschten Erfolg erzielte, Dorian hingegen hatte auf das tiefere Verständnis der eigenen Stärken und Schwächen gesetzt.
   Und plötzlich wollte ich vor Kummer laut aufheulen. Wie sollte ich es ohne Dorian nur schaffen?

Mein Kampfgeist erwachte erneut mit dem ersten Sonnenstrahl des nächsten Tages. Ich wollte Saschas Worte unbedingt in die Tat umsetzen und trommelte meine Freunde nach der Schule zusammen, um jagen zu gehen. Doch das stundenlange Suchen im Industriegebiet, auf entlegenen Baustellen oder vor Kurzem abgerissenen Gebäuden am Rande der Stadt stellte sich als nutzloser Zeitvertreib heraus.
   Von Optimismus getrieben trafen wir uns von nun an beinahe täglich. Sascha war erstaunlicherweise fast immer anwesend. Eines Tages fragte ich ihn, ob er sich nicht lieber auf die Abschlussprüfungen vorbereiten sollte. Daraufhin erwiderte er, sein Wissen genüge für durchschnittliche Abiturergebnisse. So groß sei sein Ehrgeiz nicht, in den Prüfungen zu brillieren. Denn er habe nicht vor, Psychologe oder Arzt zu werden.
   Nachdem wir viele Tage mit vergeblicher Suche nach Roumen vergeudet hatten, änderten wir unsere Strategie. Nach wie vor verzichteten wir auf die Hilfe von Nicht-Rivalen – im Gegensatz zu anderen Rivalen, die die Menschen als Lockvögel einsetzten. Wir beabsichtigten, unsere Tagaktivitäten auf den Abend zu verlegen. Ob eine Jagd in der Nacht sinnvoll wäre, sahen Rivalen in Internetforen unterschiedlich. Die einen berichteten von Zeitverschwendung, andere warnten vor einem Kampf in der Dunkelheit, wohingegen die dritte Gruppe reiche Ernte versprach.
   Am Samstagabend hatten wir vor, erneut auszuschwärmen, doch ich brauchte jemanden, der mich deckte, wenn ich mich bis in die Nacht draußen herumtrieb.
   Zuerst kam mir Melissa in den Sinn. Während wir so spät frühstückten, dass man schon vom Mittagessen sprechen könnte, wollte ich sie darauf ansprechen. Aber Mama schwirrte durch die Räume, weil sie irgendetwas suchte, und ließ uns keine Minute allein. Mit dem Kaffee in der Hand trat ich an den Tisch und wunderte mich, dass auf meinem Teller nur ein Toastbrot lag. Ich hätte schwören können, ich hätte eben zwei mit Käse und Schinken belegt.
   Schnell war der Dieb entdeckt. »Mama«, rief ich durch den Raum, »Melissa hat mein Toastbrot geklaut!«
   »Aha, und was erwartest du von mir, Lia?«, tönte aus dem Wohnzimmer. Schranktüren klapperten, Papier raschelte. Hektisch klackten Pumps über das Parkett.
   »Sei dankbar«, bemerkte meine Schwester mampfend. »Deine Diät verbietet Toastbrot.«
   Ich stemmte die Fäuste in die Hüften. »Ab und zu erlaube ich mir trotzdem eines.«
   »Stecke zwei weitere in den Toaster«, vernahm ich Mamas Stimme aus dem Schlafzimmer.
   »Aber Mels schnappt sie mir wieder weg!«
   »Besser die als deinen Finger.« Melissa grinste bösartig.
   Mama rauschte in die Küche und öffnete den Kühlschrank. Mein Blick glitt von ihrem hochgesteckten, gelockten Haar zur mit Spitzen besetzten Bluse hinunter zum geblümten Rock und den glänzenden Pumps.
   »Was also soll ich tun, Lia?«, fragte sie, ohne sich umzudrehen.
   »Halt sie fest, bis ich fertig gegessen habe.«
   Mir fiel auf, dass Mama Lidschatten trug, was sie normalerweise nie tat. Außerdem versprühte sie erneut den süßlichen Duft von Versace. »Warum hast du dich so fein herausgeputzt?«
   »Ich gehe mit ein paar ehemaligen Schulfreundinnen essen. Wir haben uns lange nicht mehr gesehen«, gab sie zur Antwort, ohne mir in die Augen zu sehen.
   »Mit wem? Wann habt ihr euch das letzte Mal getroffen? Wohin geht ihr heute?«
   Mama verspeiste ein paar Trauben und fing an, den Geschirrspüler auszuräumen. Obwohl ich sie darauf hinwies, dass ich es erledigen wollte, hörte sie nicht auf. »Warum fragst du mich aus?«
   Vielleicht, weil ich ahnte, dass sie sich nicht mit Frauen traf? Wenn sie ihr Haar auf diese Weise stylte und Lidschatten auftrug, ging es bestimmt um einen Mann.
   »So, ich muss los«, sagte sie und hauchte Melissa und mir einen Kuss auf den Kopf.
   Nachdem die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war, stellte ich laut fest, dass Mama mir keine der letzten Fragen beantwortet hatte. Zudem fiel mir auf, dass sie gestern beim Fernsehen besonders lebhaft gewesen war.
   »Ist ja auch ein großartiger Abenteuerfilm gewesen«, entgegnete Melissa.
   »Nein, sie ist in letzter Zeit trotz des Stresses auf der Arbeit so gut gelaunt.« Ich holte zwei fertige Brote aus dem Gerät und legte sie auf einen Teller.
   Melissa schnitt eine dünne Schicht Butter ab und langte nach einem Brot. Dass sie sich wieder bei mir bedient hatte, ignorierte ich.
   »Da ist doch irgendetwas im Busch.«
   »Wie es scheint, hat sie einen Freund«, sprach Melissa das aus, was mir durch den Kopf geisterte.
   Ich holte tief Luft. Die Vorstellung, einen Ersatzvater zu haben, behagte mir nicht. Um mich nicht mit Problemen auseinanderzusetzen, die einer möglichen, neuen Familienkonstellation erwachsen könnten, erkundigte ich mich, ob Melissa und Ben heute wie angekündigt mit Freunden zelteten. Melissa nickte. Daraufhin wollte ich wissen, ob sie bereit wäre, Mama gegenüber zu behaupten, ich sei mitgegangen.
   Mels hörte auf zu kauen. »Wieso? Was hast du stattdessen vor?«
   Mein Schweigen schien ihr als Antwort zu genügen. Die Unbekümmertheit wich ihr aus dem Gesicht. Die Mundwinkel sanken, der Blick verfinsterte sich. Sie legte das Brot auf den Teller. Plötzlich schlug Melissa mit der Hand auf den Tisch. Als es knallte und das Geschirr klirrte, zuckte ich zusammen.
   »Ich hab’s gewusst! Ich hab’s gewusst, als du von einem Tag auf den anderen begonnen hast, so oft auszugehen. Und Mama hat sich gefreut, dass du endlich unter Leute kommst. Dabei bist du bestimmt mit den Verrückten durch die Straßen gestreift, um diese Geschöpfe zu töten!«
   »Sie sind nicht verrückt.«
   Melissa warf mir einen grimmigen Blick zu und schüttelte langsam den Kopf. »Nach allem, was vorgefallen ist, machst du immer noch weiter.«
   Ich riss die Arme hoch. »Für mich geht es dieses Mal nicht um Aelumina!«
   »Jede Auseinandersetzung mit denen könnte deine letzte sein«, zischte Melissa.
   Nein, wollte ich einwenden. Schließlich war ich die Tochter des Sternwindes. Sicherlich würde mich die überirdische Macht retten. Doch ich sparte mir die Worte, denn Melissa würde mir nicht glauben.
   Mit zusammengebissenen Zähnen marschierte ich zum Spülbecken und fing an, das Geschirr mit einem Schwamm zu malträtieren. Mir war zwar klar, dass ich von Melissa nicht verlangen konnte, dass sie mir glaubte. Trotzdem erwartete ich es von ihr. Schließlich war sie meine Schwester.
   »Hoffentlich deckt dich nicht auch noch Nel.«
   »Sie ahnt nichts«, murrte ich.
   »Bestimmt verheimlichst du es ihr, weil sie genauso wie ich reagieren wird. Ich kann es einfach nicht fassen, dass du …«
   Ich warf den Schwamm ins Wasser, worauf Tropfen auf meine Unterarme spritzten, und fuhr zu ihr herum. »Du hast doch überhaupt keine Ahnung, was meine Motive sind.«
   Rasch wischte sich Melissa die Finger an einem Küchentuch ab und stand auf. »Dann erklär mir, weshalb du durchdrehst!«
   »Du wirst es sowieso nicht verstehen!«
   »Warum rennst du diesen Kreaturen nach?«, kam wie aus der Pistole geschossen. »Weil was? Weil du glaubst, deine Fähigkeiten dadurch zu verbessern? Wenn ja, mach Kung Fu, Karate oder eine andere Kampfsportart. Denkst du manchmal daran, dass Mama es nicht verkraften wird, wenn dir etwas Schlimmes zustößt? Soll Großmutter wieder einen Schlaganfall erleiden?«
   Mein Herz schlug bis zum Hals. Ihre Fragen hämmerten auf mich ein. In meinen Schläfen pochte es, und ich spürte, wie mir Hitze ins Gesicht schoss. Als Tränen in meine Augen traten, stürmte ich aus der Küche.
   Sobald ich den Schlüssel im Schloss meiner Zimmertür herumgedreht hatte, warf ich mich auf das Bett. Ich kämpfte gegen die Tränen an. Melissa stand vor der Tür und versuchte, in einem sanften Ton auf mich einzureden. Um ihre Stimme zu übertönen, schaltete ich eine CD ein und drehte auf. Dann schnappte ich mir mein Kissen, drückte es an mich und legte mich hin.
   Endlich ließ ich den Tränen freien Lauf und fühlte mich elend und erleichtert zugleich, weil der Druck im Kopf nachgelassen hatte. Melissas Kritik hatte mich harscher getroffen als die von Mama, nachdem sie erfahren hatte, wie ich meine Freizeit gestaltete.
   Auf einmal fing ich an, meinen Plan, den ich seit mehr als zwei Wochen zu realisieren versuchte, infrage zu stellen. Er erschien mir dämlich, da er aus Verzweiflung geboren und mit einer riesigen Portion Optimismus getränkt worden war. Hatte ich überhaupt eine Chance, eine Zukunft zu ändern, deren Verlauf mir bekannt war? Hatte Dorians Existenz zum damaligen Zeitpunkt nicht bewiesen, dass ich eines Tages gegen die Roumen verlieren würde?
   Melissa hatte recht: Mit jedem Kampf stieg die Wahrscheinlichkeit, dass ich verfrüht das Zeitliche segnen würde. Wahrscheinlich noch vor meinem zwanzigsten Geburtstag.
   Ich lag lange im Bett, hörte Musik und überlegte. Vor- und Nachteile meines Vorhabens wirbelten mir durch den Kopf. Hielte ich mich von den Roumen fern, würden sie mich eines Tages bestimmt aufspüren und töten. Ohne Kampferfahrung war ich verloren. Außerdem wusste außer dem dreiundzwanzigjährigen Dorian niemand, ob er und ich uns nicht in einer Schlacht das erste Mal begegnet waren oder woanders. Was, wenn ich ihn verpasste, wenn ich mich nicht mehr mit Roumen anlegte? Dann würde unsere Geschichte vollständig umgeschrieben werden. Suchte ich jedoch die Nähe der Kreaturen, lief ich Gefahr, vorzeitig zu sterben.
   Am späten Nachmittag aß ich Kartoffeln mit Spinat und Ei und tigerte anschließend durch die Wohnung. Was hätte mir Dorian in dieser Situation geraten?, fragte ich mich und griff nach meinem Smartphone. Ich ließ meinen Finger über das Display gleiten. Sonjas Telefonnummer erschien auf dem Bildschirm. Anrufen und absagen?
   »Vermutlich, dass ich auf mein Herz höre«, beantwortete ich mir selbst die Frage. Doch was flüsterte mir mein Herz, was empfahl mir mein Bauchgefühl?
   Was wohl?
   Entschlossen erhob ich mich.

Als es langsam zu dämmern anfing, hatten wir uns alle auf einem Spielplatz zusammengefunden. Sascha, Chris, Sonja und Jannis, sowie Vlad, Francesco und Johann. Jenen jungen Männern, mit denen wir schon früher auf die Jagd gegangen waren. Als sich Francescos und meine Blicke trafen, formte ich in der Jackentasche eine Faust, weil ich seine höhnische Stimme in meinem Kopf hörte. Ach, du bist die Tochter des Sternwindes? Deine Fähigkeiten haben uns im letzten Kampf wahrlich beeindruckt. … Als wir von zahllosen Roumen attackiert wurden, hast du deine scheinbar phänomenalen Kräfte nicht eingesetzt. Wieso? Warst du so unterfordert? Hast du auf mehr Roumen gehofft?
   Ich würde es ihm zeigen! Ihnen allen, die nicht an mich glaubten, und allen danken, die mich antrieben – wie Eda, Chiara und Sascha.
   Je mehr sich der Himmel verdüsterte, desto mehr ließen wir von den belebten Straßen und Vierteln der Stadt hinter uns. Mit jedem zurückgelegten Meter entfernten wir uns von den Laternen, brummenden Fahrzeugen und Fenstern, in denen sich hinter den Gardinen menschliche Schatten abzeichneten. Die Hochhäuser wirkten aus der Entfernung wie reglose Riesen, die uns beobachteten.
   Mir wurde mulmig zumute, während wir durch das Industriegebiet strichen. Hallen reihten sich aneinander. Mit ihren hohen Mauern und den meist winzigen Fenstern erinnerten sie an Festungen, hinter denen alles Mögliche zu lauern schien. Außer mir wirkte niemand beunruhigt oder verängstigt. Wir redeten nicht mehr viel, jedoch nur, weil die Jungs Ausschau nach potenziellen Gegnern hielten. Nur in der Nähe von zwei Lagerhäusern, in denen Licht brannte, Maschinen surrten und jemand hin und wieder Befehle bellte, wirkte ich etwas ruhiger. Das lag an der Menschennähe und dem trügerischen Gefühl von Schutz.
   Nachdem wir das gesamte Industriegebiet durchquert hatten, stöhnte Sascha frustriert auf. »So viel Zeit vergeudet! Ich wüsste tausend Sachen, die ich an diesem Samstag stattdessen hätte tun wollen.«
   »Nimm’s leicht.« Francesco klopfte ihm auf die Schulter. »Im nächsten Zielgebiet haben wir mehr Glück.«
   Der fast anderthalbstündige Spaziergang zum und durch das Gewerbegebiet war nur ein Auftakt gewesen, stellte ich fest. Unser Weg führte uns zurück in die Stadt, wo wir den nächsten in ein Dorf nahmen. Von dort ging es zu Fuß in das benachbarte. Obwohl wir seit unserem Treffen etwa zwanzig Kilometer zurückgelegt hatten, jammerte niemand. Also verkniff ich es mir auch, obwohl mich Müdigkeit plagte und die Straße kein Ende zu finden schien.
   Irgendwann bildeten nicht Sonja und Jannis das Ende der Reihe, sondern Vlad und ich. Da nutzte ich die Gelegenheit, um mit ihm zu sprechen. »Ist schon eine Weile, seit wir uns gesehen haben.«
   Vlad fuhr sich durch das stoppelige, blonde Haar. »Wir haben lange nicht mehr mit jemandem gemeinsame Sache gemacht.«
   »Seit Silvester?«
   »Eigentlich wollte ich es nie wieder tun«, antwortete er und senkte den Blick. »Doch dann, vor etwa zwei Monaten, ist Raphaela verschwunden. Sie war die beste Freundin meiner Schwester. Raphaelas Leiche wurde wenige Tage später in einem Wald gefunden.«
   Also ein Roumin-Opfer, ergänzte ich in Gedanken. »Hast du dich seit dem 31. Dezember mit irgendjemandem von den Rivalen getroffen, die dabei gewesen waren?«
   Er verneinte die Frage.
   »Wir auch nicht«, sagte ich. Möglicherweise, weil die Schreie der Verletzten und Sterbenden noch immer in unseren Ohren nachhallten und die Erinnerung an die fahlen Gesichter und die Blutlachen zu frisch war.
   »Hat … dich der Kampf gegen Oreol irgendwie verändert?«, wollte ich nach einer kurzen Pause erfahren.
   Er sah mich lange an. »Ich schätze, es gibt niemanden, an dem Silvester spurlos vorbeigegangen ist.«
   Um der immer bedrohlicher werdenden Stille entgegenzuwirken, plauderten Sascha, Francesco, Johann und Chris lebhaft miteinander.
   Als wir durch ein Waldstück schritten, verebbten die Gespräche. Wachsam blickten sich die Jungs um. Ihre Gesichter erkannte ich kaum noch in der Finsternis. Nur das Rascheln von Kleidung, das leise Knarzen von Schuhsohlen und große Schattenrisse ließen erahnen, wer da vor mir war. Zwischen ihren Schemen hindurch erhaschte ich ab und an einen Blick auf eine schwache Lichtquelle, die rund siebenhundert Meter vor uns lag.
   »Keiner hat gesagt, dass wir durch einen Wald müssen«, bemerkte Jannis.
   Mit einem Mal wünschte ich mir, eine Pfefferspraydose in der Hosentasche zu haben.
   »Ist nur ein kurzes Stück«, sagte Francesco munter.
   »Wenn ich hier draufgehe, werde ich dich für den Rest deines Lebens heimsuchen«, versprach Sascha.
   »Wer behauptet, dass ich nicht genauso abkratze?«, wandte Francesco ein.
   »Hört ihr mal damit auf, vom Tod zu reden?«, zischte ich, worauf Sascha und Francesco leise lachten. Wären nicht Chris, Sonja und Jannis zwischen mir und den Jungs, so hätte ich beiden einen Schlag auf den Hinterkopf verpasst.
   Ich lauschte in die Stille. Drohend ragten meterhohe Tannen über uns auf. Irgendwo knackte ein Ast. Etwas flitzte durch das Dickicht. Laub raschelte, und ich zuckte zusammen. Mein Blick huschte von links nach rechts.
   »Das war bestimmt nur eine Maus«, sagte Vlad.
   »Oder ein Fuchs«, kam von Johann.
   »Oder ein Bär …«, warf Francesco ein, »… der den Fuchs und die Maus verschlungen hat.«
   Sascha setzte noch einen drauf. »Es könnte auch ein Waldgeist gewesen sein. Ein behaartes, buckeliges Wesen mit scharfen Zähnen. Mit nur einem Biss kann es Menschenfleisch von den Knochen trennen.«
   Ich presste die Lippen zusammen. Dann drängte ich mich an Chris und Sonja vorbei und donnerte meine Faust gegen Saschas Oberarm. Lachend schrie er auf. »Was soll das?«
   »Noch so’n Spruch, und ich vergrabe zwei Leichen im Wald«, knurrte ich.
   Francesco führte uns in das Herz der Siedlung. Wohin wir auch blickten – überall ragten Betonklötze in die Höhe. Baumaterial säumte den nicht asphaltierten Weg, in dem Reifen schwerer Fahrzeuge ihre Spuren hinterlassen hatten. Über unseren Köpfen ruhte das Gerippe eines Lastenhebers. Nur rund fünfhundert Meter weiter standen sich tatsächlich zwei Häuser gegenüber.
   »Meine Damen und Herren …« Francesco war zu uns herumgefahren und breitete die Arme aus. Das Licht der einzigen Laterne in der Umgebung färbte sein südländisch dunkles Gesicht orangefarben. »Willkommen im neu erschlossenen Gebiet. Es ist im Moment noch von jeglicher Zivilisation abgeschnitten.«
   Mit einem lauten Zischen flog etwas Gewaltiges auf Francesco zu und fegte ihn von den Beinen. Mein Blick folgte dem lebenden Knäuel aus zwei Gestalten, die prompt aus dem Lichtkegel verschwand.
   »Was zur Hölle …?«, entfuhr es Chris. Sogleich liefen Vlad und Johann ihm zu Hilfe, aber da war der Angreifer schon fort.
   Wie auf ein Kommando stellten wir – Sascha, Chris, Sonja, Jannis und ich – uns Rücken an Rücken. Die Fäuste waren zum Kampf erhoben, während der Blick durch die Gegend schweifte. Im Erdgeschoss eines Hauses löste sich ein Schatten aus der Finsternis. Dann noch einer und noch einer. Rasch stieß ich eine Warnung aus. Sofort stoben wir auseinander.
   Schreie drangen in mein Ohr. Alles um mich herum regte sich. Mir fiel es schwer, Freund von Feind zu unterscheiden. Kaum war der Rücken eines Prims in meinem Sichtfeld aufgetaucht, wollte ich zuschlagen. Da wirbelte dieser Johann so herum, dass er zwischen mir und dem Roumin war, und verpasste ihm einen Schlag in die Magengrube. Als sich der Junge krümmte, legte der Roumin die Hand auf seinen Kopf. Ich umkurvte Johann und stieß meine Fäuste in den Rücken des Prims.
   So schnell, wie sich der Gegner umgedreht hatte, hatte ich nicht reagieren können. Er riss mich von den Beinen und setzte sich rittlings auf mich. Mit einem wütenden Aufschrei schlug ich seine Hände weg, die nach meinem Kopf zu greifen versuchten. Trotz meiner Abwehrversuche klatschte er mir eine Handfläche auf die Stirn. Sofort strömte Kälte in mein Gesicht. Meine Nägel bohrten sich in seinen Arm. Da es nichts nützte, versuchte ich, am Arm zu zerren, aber seine Hand war wie an meiner Stirn festgeklebt. Ich spürte mein Gesicht nicht mehr. Von einem Moment auf den anderen fielen meine Arme kraftlos zur Seite. Meine Augenlider fielen zu …
   Das Gewicht, das mich niedergedrückt hatte, wich von mir. Ich schlug die Augen auf, schaute zur Seite und entdeckte Chris, der dem Roumin den Rest gab. Nachdem der Prim in sich zusammengesackt war, wies Chris mich an, mich zu energetisieren. Ich wollte mich bei Chris bedanken, doch meine Lippen bewegten sich träge. Ich kroch zur Aelumina und streckte meine Arme aus, um sie aufzunehmen, da rauschten Hosenbeine an mir vorbei, und die Aelumina verschwand.
   »Die stand mir zu«, rief ich Sascha hinterher.
   »Sorry, war nicht meine Absicht.« Gehetzt warf Sascha einen Blick auf mich und stürzte sich wieder auf den Prim.
   Nachdem ich auf die Beine gekommen war, half ich Sonja, sich zwei Roumen vom Leib zu halten. Dann eilte ich Jannis zu Hilfe, den mehrere Prims überwältigt hatten, kaum hatte er seinen Stab verloren. Während sie vor ihm knieten und von seiner menschlichen Wärme und Kraft zehrten, schnappte ich mir seinen Stock. Kurzzeitig kniff ich die Augen zusammen, um mich an Dorians Worte zu erinnern. Mein Puls raste. Mit jeder Sekunde, die verstrich, sanken Jannis’ Chancen zu überleben. Mein Atem ging schnell. Was hatte mir Dorian einst geraten? Aus dem Handgelenk heraus. Sich auf das Objekt konzentrieren. Die Energie übertreten lassen.
   Ich stieß zu. Eine Mischung aus Gelb, Orange und Grün schoss in den Prim. Vor Schmerz bäumte er sich auf. Ohne Zeit zu verlieren, bohrte ich seinem Nachbarn die Spitze des Stabs in den Rücken. Dieses Mal jedoch schwappte keine Rivalen-Energie auf ihn über. Nur einen Wimpernschlag später standen beide Gegner auf den Beinen. Erschrocken trat ich mehrere Schritte zurück.
   »Vorsicht«, rief jemand.
   Ich riss den Kopf herum und hechtete reflexartig zur Seite, als Saschas Feuerballen über die Erde rollte. »Pass doch auf«, schimpfte ich. »Was, wenn du mich erwischt hättest?«
   »Dich nicht«, bemerkte Jannis und reichte mir eine Hand, um mir aufzuhelfen. »Dafür aber die Prims, die du von mir gezerrt hast.«
   Wir schauten in die Richtung, aus der ich sie erwartet hatte. Tatsächlich, sie lagen regungslos nebeneinander, während Aelumina aus ihrer Brust schwebte und sich wie eine aufgehende Blüte entfaltete.
   Sonjas Energiesichel fegte neben uns über den Boden, verfehlte den Roumin aber um Haaresbreite. Schon schickte sie zwei weitere hinterher. Obwohl der Prim ausgewichen war, hatte er mit der vierten Energieausschüttung nicht gerechnet. Diese übertraf ihre Vorgänger um Längen: Mit der Geschwindigkeit eines Kometen erfasste sie den Gegner.
   »Einer für dich, einer für mich?« Ich deutete auf die beiden Aelumina, die auf uns warteten.
   Jannis nickte.
   »Hey, das sind meine«, rief Sascha.
   »Von wegen! Ohne unsere Vorarbeit hättest du sie nicht gleich beim ersten Versuch erledigt«, widersprach ich, worauf Sascha nichts entgegnete. Entweder sah er ein, dass ich recht hatte, oder er war zu sehr von dem Prim abgelenkt, der in Angriffsstellung gegangen war.
   »Waren da nicht noch zwei, die dich aussaugen wollten?«, fragte ich Jannis und wischte mir mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. Das dünne Rinnsal, das meine Wirbelsäule hinablief, zwang mich, mich zu kratzen.
   »Da sind sie auch schon.« Jannis machte einen Satz rückwärts.
   Sie landeten unmittelbar vor mir, worauf ich Fäuste formte. Aus den Augenwinkeln heraus registrierte ich, dass Jannis seinen Stab wiederhatte und auf einen der Gegner zielte. Zu zweit hätten wir eine Chance gegen sie.
   Gerade wollte ich mich auf sie stürzen, als jemand an mir vorbeihuschte und sich zwischen mich und die Prims stellte. Francesco und Johann. Vielleicht hielten sie es für ritterlich, einer Maid in Not zu Hilfe zu eilen. Wahrscheinlich jedoch nicht. Viel eher war es so, dass die Angriffswelle der Roumen abgenommen hatte, und sie beabsichtigten, die letzten Aelumina des Abends einzuheimsen.
   Um ihnen nicht im Weg zu stehen, war ich zurückgegangen. Keine Sekunde zu früh, denn zwischen Roumen und Rivalen entfachte ein Kampf. Mal gewann einer der Rivalen die Oberhand, dann wiederum der Prim.
   Während ich noch mehr zurücktrat, stolperte ich plötzlich über etwas Großes und fiel rückwärts. Mit den Händen konnte ich den Sturz ein wenig abmildern, dennoch schmerzte mein Gesäß nach der Landung. Vor mir sah ich Roumin-Beine, über die ich gestolpert war. Entsetzt schoss ich hoch und taumelte ein paar Schritte zur Seite. Neben mir schrie jemand auf. Ein Prim huschte an mir vorbei, Sonja hinterher. Versehentlich trat ich auf etwas. Als ich den Blick senkte, zog ich sofort den Fuß vom Arm des Prims zurück. Leere Augen starrten mich aus einem länglichen Schädel mit eingefallenen Wangen an.
   Mein Blick hetzte umher. Im und außerhalb des Lichtkegels säumten Roumen-Leichen den Weg. Auf einmal fing mein Herz an zu rasen. Kalter Schweiß brach aus, und ich hatte das Gefühl, unter einer Glaskuppel gefangen zu sein. Ich grub die Finger in mein Haar, rang um Fassung, befahl mir, langsamer zu atmen, und redete mir immer wieder ein, dass ich nicht mehrere Meter tief unter der Erde war. Aber die toten Körper mit ihren starren Gesichtern, ihren geschlossenen Lidern oder ausdruckslosen Augen ließen sich nicht vertreiben. In meinem Inneren verschmolzen Angst, Grauen und Panik zu einem Klumpen, der meinen Hals hoch wanderte und verlangte, in einem gellenden Schrei entladen zu werden.
   Ein Schrei ertönte. Aber nicht ich hatte ihn ausgestoßen. Weitere Schreie folgten. Sofort riss ich den Kopf herum und sah Menschenbeine, die unter mehreren Kreaturen zappelten.
   Ich rannte los.
   Als hätten zwei der Wesen meine Anwesenheit gespürt, fuhren sie herum. Mir war, als spielte sich alles fünffach langsamer ab als normalerweise. In derselben Sekunde, in der sie die Hände nach mir ausstreckten, bremste ich scharf ab. Dabei entwich meinem Körper etwas, das meinem Umriss glich. Es sah aus wie ein Schatten, leuchtete jedoch und erschien mir im ersten Moment wie eine Verlängerung meiner Selbst. Die Erscheinung fraß sich durch die Roumen. Schreiend, als wären sie mit Lava übergossen worden, stoben die Prims auseinander. Ich blickte an Jannis, Francesco und Johann vorbei, als sie sich stöhnend bewegten.
   Sonja, die neben mich getreten war, maß mich erstaunt. »Was … ist gerade geschehen?«
   Nur langsam begriff ich, dass mir etwas gelungen war, wovon ich kaum zu träumen gewagt hatte. Meine Kraft hatte mich nicht durch ein Hilfswerkzeug verlassen, sondern war aus mir ausgetreten und hatte den Gegnern geschadet.
   »Hast du jemals etwas Vergleichbares gesehen?«, wollte ich wissen. Als ich mich jedoch nach Sonja umschaute, hatte sie sich auf einen Roumin gestürzt, der Vlad angriff.
   Energie rauschte durch meine Venen. Ich fühlte mich unbesiegbar und legte mich mit jedem Prim in meiner Nähe an.
   »Was ist mir dir los?«, fragte Chris konsterniert, nachdem wir gemeinsam einen Prim besiegt hatten. »Hast du irgendeine Droge geschluckt?«
   »Die Prophezeiung ist dabei, sich zu erfüllen«, rief ich euphorisch aus.
   »Wovon sprichst du?«, mischte sich Francesco ein, als er näher trat.
   Ich hob den Zeigefinger. »Warte einen Moment.« Dann nahm ich Anlauf und stürmte auf einen Prim zu, der gerade versuchte, Sascha zu schnappen. Im letzten Moment stoppe ich, wie ich es vor wenigen Minuten getan hatte … Nichts geschah. Mein Mund stand offen. Sogleich sprintete ich zurück, um den Prozess zu wiederholen. Allerdings hatten sich Sascha und sein Gegner so gedreht, dass ich Gefahr lief, Sascha zu verletzen, sollte es mir gelingen, die Energie in Form meiner Silhouette abzustoßen.
   Saschas Arme stießen einen Energieschwall ab, der den Roumin mit voller Wucht traf, sodass er rücklings zu Boden fiel. Seine Arme und Beine zuckten, seine Augen rollten nach oben. Im nächsten Moment erschlafften die Glieder, worauf Aelumina den Brustkorb verließ.
   »Mist«, murmelte ich.
   »Scheint, als rückte keine Verstärkung mehr an«, sagte Vlad.
   »Dafür aber die Polizei«, bemerkte Jannis.
   Tatsächlich, Sirenen heulten in der Ferne.
   Wir flüchteten in den Wald. Obwohl mir bisher nur ein Mal gelungen war, einen Schweif mit meinen Konturen zu erzeugen, war ich aufgedreht. Denn ich wusste, dass ich es erneut schaffen würde.
   Sascha klopfte mir stolz auf die Schulter, und Sonja schenkte mir ein Lächeln. Vlad und Jannis wollten so viele Details wie möglich erfahren, wie zum Beispiel, wie schnell ich gerannt war, oder welche Bewegungen exakt ich ausgeführt hatte. Johann schien es egal zu sein, wer heute Abend was erreicht hatte. Selbst Francesco gegenüber gab er sich unbeteiligt, während Francesco ihm gelegentlich ins Ohr flüsterte, dass ich halluzinogene Pilze gegessen und mir irgendetwas eingebildet hatte. Wann immer sie die Köpfe zusammensteckten, bildete ich in meinen Jackentaschen Fäuste. Blöde Affen! Das nächste Mal werdet ihr staunen.
   Nachdem Jannis meine Schilderung mehrmals gehört hatte, fing er eifrig an, im Internet zu recherchieren. Alle sechzig Sekunden wollte ich wissen, ob er etwas gefunden hatte, doch er schüttelte den Kopf.
   Ich fühlte mich wohler, nachdem Francesco und Johann gegangen waren. So konnte ich das Ereignis von Neuem aufrollen, ohne spitze Bemerkungen zu provozieren.
   Wahrscheinlich ging ich meinen Freunden bereits auf den Geist, aber ich konnte nicht mehr aufhören. »Es geschah so plötzlich. Ich hielt an, doch es war, als ob ein Teil von mir weiter auf die Gegner zueilte.«
   »Wie hat es sich angefühlt?«, wollte Sascha wissen, nachdem Sonja und Vlad uns verlassen hatten.
   »Machtvoll und irgendwie … befreiend«, schwärmte ich. »Also hatten die Zwillinge …«
   »Lia, willst du dir etwas anschauen?«, unterbrach mich Jannis, ohne den Blick vom Smartphone abzuwenden. Dabei hatte er so leise und verhalten geklungen, als fürchtete er, ich würde ihn zerfleischen.
   »Ja?« Mich beschlich ein ungutes Gefühl. Weder wollte ich sehen, was Jannis sah, noch wollte ich meine Augen davor verschließen.
   »Könnte es sich so abgespielt haben?«, fragte er und kam näher, um mir das Gerät hinzuhalten.
   Auch Chris und Sascha blickten auf das Display.
   Vor uns lebte der schwarze Bildschirm auf, als ein Erwachsener auftauchte, der von zwei Prims bedroht wurde. Obwohl das Bild etwas verschwommen war und wackelte, erkannte man, wie der Mann erst dem einen Roumin Energie in den Körper stieß, dann dem anderen. Blechern ertönten die Schreie der Roumen. Er griff nach einem Ast und stieß ihn einem der Angreifer in den Bauch, worauf der Ast brach. Ohne zu zögern, rammte er dem zweiten Prim die Fäuste in den Brustkorb und entlud einen gleißenden Strom aus Licht.
   Während die beiden Gegner ihre Sinne sammelten, sprintete der Rivale mehrere Schritte rückwärts, weshalb der Kameramann zur Seite weichen musste. Ich holte tief Luft und wappnete mich innerlich gegen das, was gleich folgen würde. Der Mann lief los. Keine drei Sekunden später bremste er so scharf ab, dass unter seinen Schuhen Kies knirschte. Die Rivalen-Energie schoss aus ihm heraus in Form des leuchtenden Schattens eines gebückten Mannes und erfasste die Prims.
   »Sie nennen das Phänomen ›Aura‹«, erklärte Jannis.
   »Dann bin ich nicht die Einzige, die dazu fähig ist?«, hauchte ich, während mich Enttäuschung durchflutete.
   »Gib Rivalenaura ein, und das Internet spuckt dir mehrere solcher Videos aus«, antwortete Jannis.
   Chris rieb sich das Kinn. »Wie es aussieht, erreichen die Rivalen gerade die zweite Entwicklungsstufe.«
   Meine Schultern sanken.
   »Betrachte es von der anderen Seite, Lia«, rief Sascha aufmunternd und tätschelte meine Schulter. »Von unserer Clique bist du die Erste, die den nächsten Evolutionsschritt gemacht hat!«
   Ich schenkte ihm ein schwaches Lächeln.

Zu früh gefreut, dachte ich niedergeschlagen, als ich durch mein Viertel trottete. Hätte ich mir bloß nicht voreilig ausgemalt, wie ich meine Freunde, Dorian und mich in der Zukunft retten und beschützen würde. Auf einmal rückte der Traum von gewaltiger Macht, die uns alle Feinde vom Leib halten konnte, in unbestimmbare Ferne.
   Vor meiner Wohnungstür rührte sich etwas.
   »Nel! Was machst du hier?«, rief ich aus, als sie ins Licht trat.
   »Wo hast du gesteckt? Oh, Hilfe! Was ist mir dir passiert?« Besorgt eilte Nel zu mir und wollte nach meinem Gesicht langen, aber ich wehrte ihre Hände ab.
   »Ist nur Schmutz. Und vielleicht etwas getrocknetes Blut.«
   Ihre Augen wurden riesig. »Hast du im Schlamm gebadet?«
   Ich blickte an mir hinunter und fluchte. Dunkelbraune Flecken verunstalteten meine Jacke. Durch ein schmutziges Loch im Jeanshosenbein lugte mein von Schorf überzogenes Knie hervor. An meinem Jackenärmel entdeckte ich einen Riss. Wie mein Rücken und mein Hintern aussahen, wollte ich nicht wissen.
   Anklagend sah Nel mich an. »Du warst wieder hinter Roumen her, richtig?«
   »Was hast du hier in der Finsternis verloren?«, fuhr ich sie an. »Es ist kurz vor elf! Hast du eine Ahnung, was um die Uhrzeit durch die leeren Straßen der Stadt zieht?«
   »Bekloppte Rivalen?«
   »Ja, die auch.« Ich stemmte die Fäuste in die Hüften. »Warum hast du nicht drinnen auf mich gewartet?«
   »Keiner hat mir aufgemacht.«
   »Wie bitte? Mama müsste längst daheim sein.«
   Affektiert machte Nel einen Knicks vor mir und bedeutete mir, nachzusehen. Beunruhigt schritt ich zur Tür. Na gut, überlegte ich, je später Mama aufkreuzte, desto mehr Zeit blieb mir, mich der dreckigen Kleidung zu entledigen und meine Wunden zu säubern.
   Wir traten ein. Wie von einem tollwütigen Köter gejagt, huschte ich ins Bad, um die Anziehsachen von mir zu streifen. Durch den Spalt reichte mir Nel mein Spagettiträger-Shirt und die Trainingshose, die ich zu Hause trug. Wie eine Besessene schüttete ich Fleckenentferner auf meine Jeans und meine Jacke und rieb die Stellen ein, bis mir Schweiß in Strömen die Stirn hinunterrann.
   »Dass du dich wieder Sascha und diesen Leuten angeschlossen hast, habe ich gecheckt, als du plötzlich ständig gut gelaunt warst«, hörte ich sie sagen.
   Mit dem Unterarm wischte ich mir über die nasse Stirn.
   »Wie konntest du, Lia?«
   Nel fuhr fort, während ich die Flecken mit der Bürste schrubbte. Ärgerlicherweise hielt sich der Schmutz hartnäckig auf meiner Kleidung. Dass Nel meinen Nacken mit Vorwürfen bombardierte, steigerte meinen Unmut. Schließlich reichte es mir. Die Kleidung wusch ich unter der Dusche aus, wrang sie aus, sodass Wasser spritzte, und stopfte alles in die Waschmaschine. Bis zur nächsten Wäsche hätte ich Zeit, mir eine Ausrede auszudenken.
   »Nicht besonders clever, Lia.«
   »Ich weiß«, sagte ich seufzend und warf einen Blick in den Spiegel. Mein Gesicht war feuerrot angelaufen, wodurch die Schrammen besser zur Geltung kamen.
   Fluchend beugte ich mich über das Spülbecken, um meine Wangen und mein Kinn zu benetzen. Dort, wo ich keine offenen Wunden erblickte, rieb ich die Haut, um den Schmutz loszuwerden. Vorsichtig tupfte ich mein Gesicht mit einem Handtuch ab und griff in den Medizinschrank. Keine zehn Minuten später waren meine Arme und mein Gesicht von Pflastern übersät.
   »Wie erklärst du die Verletzungen deiner Mutter?«
   »Darüber mache ich mir später Gedanken.« Ich verließ das Badezimmer.
   »Bestimmt begreift sie sofort, was los ist«, hörte ich Nel hinter mir sagen.
   Als ich durch den Flur ging, blieb mein Blick am Telefon hängen. Das Message-Symbol blinkte, weil jemand eine Nachricht hinterlassen hatte. Genauer gesagt, fünf. Die ersten beiden waren von Melissa, die wissen wollte, wieso meine Smartphone-Mailbox eingeschaltet war. Die andere Nachricht war von einer von Melissas Freundinnen, die letzte jedoch von Mama.
   »Schatz«, sprach sie, »ich konnte dich mehrmals nicht erreichen. Ich wollte nur sagen, dass ich bei einer Freundin übernachte. Wenn es Probleme gibt, dann ruf mich an.«
   Peeep.
   »Mann, hab’ ich Hunger.« Ich marschierte in die Küche, holte Brot, eine Packung Salami und Weichkäse und breitete alles auf dem Tisch aus. Dann griff ich nach einer Mineralwasserflasche und bot Nel etwas an, doch sie lehnte dankend ab. Kaum hatte ich die Flasche zum Mund geführt, konnte ich vom prickelnden Wasser nicht genug bekommen. Ich sog gierig und ohne Unterbrechung, bis Nel schließlich beunruhigt bemerkte, es sei nicht normal. Als ich die Flasche wieder abstellte, stöhnte ich glücklich auf.
   Daraufhin fing ich an, einen Mitternachtssnack vorzubereiten. Die Brotscheiben belegte ich mit Salami, Käse und dünn geschnittenen Tomaten. Auf einmal verspürte ich großen Hunger auf Lauch, der hinter der Gardine in einem kleinen Topf wuchs. Als ich jedoch nachsah, stellte ich erbost fest, dass nichts mehr davon übrig war. »Klar, Ben war vor Kurzem da. Der grast alles ab wie ein Ziegenbock.«
   »Kannst du dich bitte hinsetzen? Das Herumrennen macht mich nervös«, kam von dem Mädchen, das für gewöhnlich innerhalb einer Minute mindestens drei Mal den Platz wechselte.
   »Ich wünschte, wir hätten einen großen Garten«, sagte ich und merkte, wie mein Blick glasig wurde. Der Abend hatte mir zu viel abverlangt, nun trat die Müdigkeit ein. »Dann könnte ich Salat und Tomaten anbauen, und vielleicht sogar Beeren. Im Frühling würden Maiglöckchen sprießen …«
   Entgeistert starrte mich Nel an.
   »Was denn?«, begehrte ich auf.
   »Bist du dir des krassen Gegensatzes bewusst? Auf der einen Seite schwärmst du von der Natur, von blühendem Grün, von Leben, auf der anderen löschst du Lebewesen aus!«
   Ich schnalzte mit der Zunge und riss die Arme hoch. »Ich bringe Roumen nicht einfach um. Meine Freunde und ich beschützen die Leute da draußen vor ihnen.«
   »Wieder nur Rechtfertigungen, um Roumen zu vernichten«, murmelte Nel traurig.
   »Roumen sind keine natürlichen Wesen«, rief ich und donnerte mit den Handflächen auf den Tisch, wodurch ich Nel aufschreckte. »Sie stammen von der Rippe des wahnsinnigen Visionärs und aus negativen Gefühlen, die wir Menschen produzieren. Xaver hatte gelernt, die Emotionen zu bündeln und für seine Armee zu nutzen!«
   Nels Stirn bewölkte sich. Sie lehnte sich im Stuhl zurück und schaute stur geradeaus. Wortlos setzte ich mich hin und starrte auf eine Blume auf der Tischdecke. Trotz der Meinungsverschiedenheit meldete sich mein Hunger zurück. Schließlich überwand ich mich und bot Nel etwas von meinem Brot an.
   »Nein, danke. Ich esse kein Fleisch.«
   »Seit wann?«, fragte ich kauend.
   »Seit ein paar Wochen …«, antwortete sie und warf mir einen anklagenden Blick zu, »… was du gewusst hättest, wenn du weniger mit deinen anderen, sonderbaren Freunden abhängen würdest.«
   Ich kaute gründlich und nahm einen großen Schluck aus der Flasche. Dass Nel mich als eiskalte Killerin darstellte, nagte sehr an mir, weshalb ich mich verpflichtet fühlte, mich zu verteidigen. »Erinnerst du dich an jenen Abend bei Annie?«
   Nel fixierte etwas auf dem Boden.
   »Weißt du noch, wie du dich gefühlt hast, als der Roumin dich aussaugte?«
   Nels Petticoat raschelte.
   »Hätten wir ihn nicht aufgehalten, hätte er seiner Gier nach menschlicher Energie nachgegeben. Denn der Hunger schaltet ihr Gehirn aus«, sagte ich leise. »Ich weiß, wie es ist: Eben hat mich solcher Durst geplagt, dass ich beinahe einen halben Liter auf einmal geleert hätte. Ich konnte mich nicht bremsen.«
   Daraufhin entgegnete Nel nichts. Wie vereist saß sie am Tisch und mied meinen Blick. Nach dem zweiten belegten Brot war mein Appetit vergangen. Das Essen wanderte zurück in den Schrank, während der Teller, das Besteck und das Glas im Geschirrspüler landeten.
   »Wann immer ihnen Menschen begegnen, greifen sie sie an.«
   »Weil die Rivalen ihnen gezeigt haben, dass man uns alle fürchten muss«, widersprach Nel energisch.
   Während ich den Tisch abwischte, schüttelte ich den Kopf. »Weil sie von unserer Wärme leben.«
   »Bestimmt gibt es Alternativen.«
   Ich hob die Augenbrauen. Meine Mundwinkel zuckten, obwohl der Situation nichts Amüsantes anhaftete. »Zeig mir, wie du den Roumen – sagen wir – Obst und Gemüse schmackhaft machst.«
   Ihr entfuhr ein leises Murren.
   Vergangene Woche erst hatte ich mich über Demonstranten aufgeregt, die durch die Straßen zogen. Mit Schildern, auf denen Sprüche wie Roumen haben ein Recht auf Leben oder Rivalen sind Mörder standen. Wahrscheinlich waren sie bisher noch nie von einem Roumin attackiert worden. Nur so konnte ich mir ihren übertriebenen Einsatz für Geschöpfe erklären, die noch nie eine Gelegenheit hatten verstreichen lassen, über wehrlose Menschen herzufallen.
   Was die ›Ernährung‹ der Roumen anging, hatten zahlreiche Testreihen ergeben, dass die Roumen auf unsere Energie angewiesen waren. Andere Nahrungsmittel – darunter Obst, Gemüse, Fleisch und Fisch – würden ihr Leben nur um einige Tage verlängern.
   »Jetzt mal ehrlich, Nel«, fuhr ich fort. »Was erwartest du von Kreaturen, deren Wesen von menschlichem Neid, Bösartigkeit und Zorn geformt worden ist? Für wie wahrscheinlich hältst du es, dass wir und sie Frieden schließen?«
   Nels Lippen wurden zu einem Strich.
   »Sehen wir fern«, schlug ich nach einer Weile vor.
   Sie nickte und folgte mir ins Wohnzimmer.
   Irgendwann fiel mir auf, dass sich Nel versteift hatte. Ich hatte selten erlebt, dass sie sich in ihrer Haut nicht wohlzufühlen schien. Oder in meiner Nähe. Wie es aussah, war Nel gerade dabei, andere Pfade zu beschreiten. Nach allem, was wir gemeinsam erlebt hatten, schmerzte es mich, mir vorzustellen, dass Nel und ich fortan verschiedene Wege gingen.
   Egal, wie sich Nel entschied – ich wollte, dass sie die Gründe kannte, die mich dazu bewegt hatten, mich erneut Sonja und den anderen anzuschließen. Ich erklärte, dass mich weder das Geld noch die Befriedigung reizten, die Aelumina einem schenkte, wenn man sie konsumierte. Viel mehr zwang mich der Glaube, ich könnte mich als Kämpferin verbessern, in die Schlacht. »Wenn ich gut genug bin, werde ich Oreol in der Zukunft vielleicht so sehr schwächen, dass Dorian oder andere Rivalen ihn besiegen können.« Meine Stimme wurde immer leiser. »Dann wird Dorian niemals durch die Zeit reisen und sterben.«
   Mit leicht geöffnetem Mund sah Nel mich an.
   In meinem Hals formte sich ein Klumpen. Ich schluckte ihn hinunter. Um auf andere Gedanken zu kommen, erzählte ich Nel von meiner heutigen Leistung, der Aura.
   »Wie albern, dass ich davon ausgegangen bin, mir sei endlich der Durchbruch gelungen. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass es keine besondere Gabe der Tochter des Sternwindes ist«, sagte ich verbittert, »sondern eine, über die laut GeGe viele Rivalen verfügen.«
   »GeGe?«
   »Gebrauchte Gegenstände – eine Internetseite, auf der sich Rivalen austauschen, oder ihre Waren verkaufen.«
   Die Information hatte Nels Neugier geweckt, weshalb sie nach ihrem Smartphone griff. Nachdem sie die Seite gefunden hatte, flogen ihre Finger über das Display. Dabei murmelte sie etwas, das wie Schränke zu verkaufen oder Altes Kriegsspielzeug gesucht klang. »Da steht nichts über Rivalen und Roumen«, stellte sie enttäuscht fest.
   »Ohne Codewort können selbst Rivalen diese Seite nicht entziffern.« Daraufhin nahm ich ihr Gerät und tippte in ein kaum sichtbares Sonderfeld am unteren Rand drei Mal unter dem runden Hexagonalknauf ein. Mit jedem Buchstaben tauchte im Eingabefeld ein Punkt auf. Kaum hatte ich auf Login geklickt, verwandelte sich »Wieso findet kein Flohmarkt statt?« in »Wieso wurde der Rivalenmarkt verboten?«
   »Was hat sich geändert?«
   »Für dich leider nichts. Aber ich zum Beispiel kann nun lesen, dass sich die Rivalen aufregen, weil die meisten Märkte in unserer Stadt abgesagt wurden.«
   »Warum?«
   »Zu viele Unruhen in letzter Zeit? Zu viele Kämpfe unter aeluminasüchtigen Rivalen?«, mutmaßte ich und gähnte.
   »Machen wir uns bettfertig«, schlug Nel vor. »Zuvor gebe ich daheim Bescheid, dass ich bei dir bleibe.«
   Nach dem Zähneputzen schlüpften wir in Pyjamas. Ich hatte Nel einen von meinen geliehen. Dann verwandelten wir das Sofa in eine riesige Schlaffläche und kuschelten uns unter unsere Decken. Von draußen warfen Laternen schwaches Licht in den Raum.
   »Seit ich ein Ziel vor Augen habe«, sagte ich schläfrig, »träume ich nicht mehr von Dorian.«
   Nel hatte auf dem Rücken gelegen. Nun drehte sie sich mit dem Gesicht zu mir.
   »Nach seinem Tod bin ich ihm in fast jede Nacht begegnet.« Ermattung ließ meine Zunge schwerer werden. »Jedes Mal wusste ich – und manchmal sprach ich es auch aus –, dass der dreiundzwanzigjährige Dorian nicht mehr in unserer Zeit existiert.«
   »Wie kommt es, dass du ihn im Schlaf nicht mehr siehst?«, interessierte es Nel.
   Nur mit Mühe hielt ich die Augen offen. »Vielleicht, weil ich mich von ihm am Grab verabschiedet habe.«
   »Die Toten sollte man nicht vergessen«, gab Nel leise zu bedenken.
   »Wenn man aber durch den Kummer davon abgehalten wird, den Lebenden die verdiente Aufmerksamkeit zu schenken?«, entgegnete ich und dachte an den jüngeren Dorian, der etwa in meinem Alter sein durfte. Kaum hatte ich die Augen geschlossen, driftete ich ab.

Am nächsten Tag frühstückten wir und vereinbarten, am Abend etwas zu unternehmen. Den Tag nutzte ich, um in meinem Zimmer Staub zu wischen und zu saugen, bis Annie anrief. Sie wollte sich mit mir treffen.
   Ihren Eltern, meinte sie, habe sie gesagt, sie sei mit einer Schulkameradin verabredet. Bestimmt würden ihre Eltern sie zum Treffpunkt fahren und so lange warten, bis die Verabredung auftauchte, um so sicherzugehen, dass sich Annie mit keinem Rivalen herumtrieb, dachte ich mürrisch. Aber Annie gab Entwarnung. Ihre Eltern waren heute früh losgefahren, um ihren Bruder Paul zu einem Wettkampf zu fahren. Vor acht rechnete sie nicht mit ihnen.
   Als wir gemeinsam durch die Innenstadt schlenderten, kam die Sonne endlich hinter den Wolken hervor. Mit einem Eis spazierten wir durch die engen und belebten Gassen und plauderten über die neuesten Songs, neue Errungenschaften und die Schule.
   »Wie waren die schriftlichen Prüfungen, Annie?«, fragte ich. Wäre ich damals nicht sitzen geblieben, wäre die Schullaufbahn dieses Jahr auch für mich mit dem Abitur zu Ende.
   »Mathematik war herausfordernd, allerdings machbar«, gab sie zur Antwort, während wir die Straße überquerten. »In Bio habe ich bestimmt gut abgeschnitten. Was Englisch angeht, so habe ich ziemlich viel geschrieben. Mal schauen, wie die Mündliche wird.«
   »Die schaffst du!«
   Lächelnd senkte Annie den Kopf. Eine aschblonde Strähne fiel ihr ins Gesicht. Schon strich sie sich hinter das Ohr. Vor uns lag eine Pfütze, die nur mit einem großen Schritt zu überwinden wäre. Ich sprang drüber. Annie hob ihren knöchellangen Rock etwas an und tat es mir gleich, ohne den Saum zu benetzen.
   »Wie kommst du zurecht nach Dorians …?« Aus Rücksicht auf mich beendete sie den Satz nicht.
   Ich antwortete nicht sofort. »Anfangs fiel es mir schwer, zu akzeptieren, dass er gestorben ist. Doch jetzt fällt es mir ein wenig leichter, weil ich weiß, dass sein achtzehnjähriges Ich lebt und noch eine Zukunft vor sich hat. Was dieser Dorian nicht ahnt, wird er von mir noch früh genug erfahren.«
   Annies Lippen umspielte ein seliges Lächeln. »Dann könnt ihr die Zukunft gemeinsam ändern«, sagte sie leise.
   »Und ob!«
   Wir schlenderten die Stufen hinunter und wanderten über einen asphaltierten Weg. Hoch über unseren Köpfen zwitscherten Vögel. Ihr Gesang vermischte sich mit dem Lachen der Kinder auf einem Spielplatz.
   »Ich habe nach dem achtzehnjährigen Dorian im Internet gesucht«, griff ich erneut das Thema auf. »Auf irgendeiner Webseite stand, dass ein Dorian Andell vor zwei Jahren das Landesschachturnier gewonnen hat. Allerdings habe ich keine Bilder gefunden.«
   Interessiert blickte Annie mich an. »Ist er in einem sozialen Netzwerk?«
   »Scheint so. Es gibt jedoch einige, die so heißen und in diesem Alter sind«, gab ich zur Antwort. »Bei den meisten prangen Bilder von Stars, Gitarren oder Motorrädern auf der ersten Seite, weshalb ich nicht sagen kann, ob er überhaupt dabei ist.«
   »Willst du mit ihnen Kontakt aufnehmen?«
   »Zuerst wollte ich«, gestand ich. »Aber ich hatte Angst, vorzugreifen. Was, wenn Dorian und ich uns in Zukunft in dieser Stadt über den Weg laufen? Was, wenn ich den Lauf der Dinge durch meine Freundschaftsanfrage verändere?«
   »Wenn Dorian dich in der Zukunft mag, dann wird er es auch jetzt tun. Wieso versuchst du es nicht?«, ermunterte mich Annie.
   Ich schüttelte den Kopf. In meiner Verzweiflung war ich beinahe so weit gegangen, einen Dorian anzuschreiben, der als einziger kein Profilbild hatte. Alle anderen hatte ich aufgrund ihrer Fotos oder ihres Alters ausschließen können. Ich wollte meinen Kummer vermindern, wollte sichergehen, dass es Dorian gut ging. Als ich dabei war, eine Nachricht zu verfassen, fing ich an zu grübeln.
   Was, wenn ich dem jüngeren Dorian gegenüber vor lauter Glück, weil ich ihm nahe sein durfte, von seiner Zukunft erzählte? Dass ich der Versuchung, es ihm zu verraten, erliegen würde, schloss ich nicht aus. Schließlich hatte ich mich entschieden, die Zukunft in andere Bahnen zu lenken, denn ansonsten würde ich ihn verschrecken, und er würde mich niemals wiedersehen wollen.
   »Ihr fehlt mir«, brachte Annie nach einer kurzen Gesprächspause hervor.
   Ich schaute sie an.
   »Du, Sonja, Chris, Jannis und …«
   »… und Sascha«, ergänzte ich. Für einen Moment begegneten sich unsere Blicke. Ihre Wangen färbten sich rosa. Ohne dass ich mich dagegen wehren konnte, verzogen sich meine Lippen zu einem neckischen Grinsen. »Sieh an, Sascha vermisst du offenbar ein bisschen mehr als den Rest.«
   »So ein Quatsch!« Annie versuchte, empört zu klingen, aber ihre Mundwinkel zuckten, und schließlich konnte sie ein schüchternes Lächeln nicht unterdrücken.
   »Durch meine Tequila-Brille habe ich auf meiner Feier beobachtet, wie ihr eng umschlungen dasaßt.«
   Annie gab mir einen Klaps auf den Oberarm. »Wir haben uns nur unterhalten.«
   »Setzen wir uns. Hier wuseln für meinen Geschmack zu viele Menschen herum«, meinte ich. Was Annie nicht ahnte, war, dass ich neben ihr sitzen und ihr Gesicht studieren wollte, wenn ich sie aufzog.
    Die nächste leere Bank, die wir auf dem Weg fanden, besetzten wir sofort. Dass sie frei war, grenzte an ein Wunder, denn die warme Temperatur lud immer mehr Menschen ein, nach draußen zu gehen. Zudem war der Fluss, dessen Aussicht man von hier genießen durfte, nicht mehr schlammbraun, sondern fast klar.
   Kaum hatten wir Platz genommen, wollte ich wissen, ob Annie in Sascha verliebt sei.
   »Äh … nein! Natürlich nicht!«
   Ich konnte mich nicht beherrschen und prustete los. »Sei ehrlich, Annie. Nimm auf mich keine Rücksicht, denn zwischen Sascha und mir ist es vorbei. In meinen Augen ist er nur ein guter Freund. Mehr nicht.«
   »Wie geht es ihm?«, fragte sie, ohne meiner Aufforderung, ihre Gefühle zu beschreiben, nachzukommen.
   Die Ellbogen stützte ich auf die Schenkel und lehnte mich vor. So, wie es Dorian getan hatte, ging mir durch den Kopf. Mir war, als ob etwas in mein Herz stach. Nur kurz. Dann war es vorbei.
   »Wie wohl?« Ich seufzte. »Solange er Aelumina erntet, ist er glücklicher, als er es in meiner Gegenwart gewesen ist. Manchmal frage ich mich, ob Sascha überhaupt in der Lage ist, einen Menschen zu lieben …«
   Auf einmal verstummte ich, weil mir klar wurde, was ich eben über die Lippen gebracht hatte. Ich drehte den Kopf nach rechts. Annies Augen wirkten plötzlich so matt, als wäre jede Hoffnung erloschen. Sogleich richtete ich mich auf.
   »Wenn er der Richtigen begegnet, wird er sie bestimmt sehr lieben«, beeilte ich mich, meine Worte zu korrigieren.
   »Schon okay, Lia.« Annies Schultern sanken. Die Hände fielen in den Schoß. »So viel empfinde ich nun auch wieder nicht für ihn.«
   Eine Zeit lang beobachteten wir Enten und zwei Schwäne, die um die Brotkrumen der Passanten wetteiferten. Schließlich ergriff Annie das Wort. »Ich habe es so satt, nach ihrer Pfeife zu tanzen.«
   Ich drehte den Kopf zu ihr.
   »Ich habe es so satt, von der Schule abgeholt und zum Instrumentunterricht oder direkt heimgefahren zu werden. Mir geht es auf den Geist, dass sie mir meine Kleidung aussucht.« Annie zerrte an ihrem übergroßen Pullover, in den wir zusammen gepasst hätten. »Bestimmt hofft meine Mutter, dass ich keinen Freund finde, wenn ich in Klamotten herumlaufe, die Katastrophenopfern als Unterschlupf dienen könnten.«
   »Annie?«, setzte ich leicht verunsichert ein.
   »Hab’ keinen Freund, solange du in die Schule gehst«, äffte sie ihre Eltern nach. »Jungs in deinem Alter haben nur das Eine im Kopf. Haben sie dich erst geschwängert, hast du kaum Zukunftsperspektiven!«
   Mir entgleisten die Gesichtszüge. »Ist das wahr?«
   Annie redete sich in Rage. Sie sprang auf und marschierte auf und ab. »Es macht mich wahnsinnig, dass sie jedem aufdrängen, wie gut ich in der Schule bin, und dabei völlig vergessen, dass ich auch andere Talente habe. Mir geht es gegen den Strich, am Wochenende um Mitternacht zu Hause zu sein. Meine Güte, ich bin bald volljährig!«
   Sie präsentierte mir gerade eine Seite, die ich bisher nicht gekannt hatte.
   »Außerdem bin ich es leid, von euch getrennt zu sein«, rief Annie aus, worauf ein paar Fußgänger stehen blieben. Sie warf ihnen einen vernichtenden Blick zu, worauf sie ihren Spaziergang fortsetzten.
   »Sie haben Angst um dich«, bemerkte ich. »Meiner Mama ist in dieser Hinsicht genauso.«
   »Manchmal fühle ich mich wie in einem Käfig. Am liebsten hätte ich in den Schriftlichen ein leeres Blatt abgegeben und eine Sechs kassiert. Damit … damit sie erkennen, dass sie mich nicht für meine Leistungen lieben müssen, sondern dafür, dass ich da bin.«
   Ihre letzten beiden Worte durchzuckten mich wie ein Blitz. Aus irgendeinem Grund drängte sich das Gesicht meines Vaters vor mein inneres Auge.
   »Leider muss ich in den Prüfungen gut abschneiden«, fuhr sie resigniert fort. »Denn das Abitur ist mein Ticket in die Unabhängigkeit.«
   Nun erhob ich mich auch und legte einen Arm um sie. »Mensch, Annie, dass du solche Probleme hast, habe ich nicht gewusst! Was planst du nach dem Abitur?«
   »Ab Herbst werde ich studieren – egal, was – und ziehe weg.«
   Leise seufzte ich. Annies Entschluss bedeutete, dass sie uns ebenfalls zurücklassen würde. Allerdings wäre sie nicht die Einzige, dachte ich betrübt. Wer wusste, wohin es Sascha nach dem Abitur verschlagen würde? Was war mit Sonja und Chris? Würden sie in dieser Stadt bleiben? Wie sahen eigentlich Jannis’ Zukunftspläne aus? Und ich? Wo sah ich mich in wenigen Jahren?
   Nachdem wir uns voneinander verabschiedet hatten, begleiteten mich diese Fragen bis zur Haustür. Erst im Flur, wo ich meine Schuhe auszog und Mama in der Küche singen hörte, dachte ich nicht mehr daran.
   Ich erschien im Türrahmen und beobachtete Mama dabei, wie sie den Geschirrspüler ausräumte. »So gut gelaunt?«
   »Warum auch nicht, Schatz? Draußen scheint die Sonne, das Leben blüht.« Sie umarmte mich und hüllte mich in eine gigantische Parfümwolke, die mich zwang, kurzzeitig die Luft anzuhalten.
   Auf meine Frage, was sie gestern erlebt hatte, erzählte Mama von ihrer Nacht in diversen Klubs mit einer Freundin, die sie in ihrem Pilates-Kurs kennengelernt hatte. Männer erwähnte sie mit keinem Wort, doch ich hätte schwören können, dass ich während der atemraubenden Duftattacke eindeutig einen herben männlichen Duft gerochen hatte.
   »Bitte vereinbare einen Termin bei Frau Dr. Wilken«, sagte sie, worauf ich innerlich zusammenzuckte.
   »Wieso?« Waren ihr meine Kratzer trotz Make-up aufgefallen? Oder die Schrammen an unbedeckten Körperstellen?
   »So ein schweres Trauma muss behandelt werden«, erklärte sie, während sie die Arbeitsplatte putzte. »Sie hat dir in den letzten Monaten so gut geholfen.«
   Ich setzte mich an den Tisch und versuchte, mit Geldknappheit zu argumentieren. Die Unsummen, die Mama für die Therapie ausgab, könnten wir in einen gemeinsamen Urlaub investieren. Doch Mama sah sie als notwendig an. Ein Urlaub zu zweit lasse sich ein andermal realisieren, meinte sie.
   »Okay, Mama.« Ich lächelte. »Entweder schwänze ich die Schule oder die Therapiestunde. Für ein Übel musst du dich entscheiden.«
   »Weder noch.«
   »Wieso?« Ich riss die Augen weit auf. »Ich bewege mich an der frischen Luft, treibe Sport und gehe mit Freunden aus! Wie jeder normale Teenager auch.«
   Mama fixierte mich. »Mir ist zu Ohren gekommen, mit welchen Freunden du dich triffst.«
   Auf einen Schlag wurde mir heiß. »Aha«, sagte ich langsam. »Wer behauptet was?«
   »Eine Freundin von mir hat dich zusammen mit Sascha und den anderen gesehen.«
   »Ein Mal«, begehrte ich auf. »Vielleicht auch zwei.« Öfter bestimmt nicht, ergänzte ich in Gedanken, weil wir uns an weitgehend menschenleeren Orten zu einer Zeit verabredeten, wenn die meisten noch arbeiteten.
   »Bitte, Lia, tu mir den Gefallen: Hör auf, mit ihnen zu jagen«, sagte Mama eindringlich.
   Wieso kleidete sie den Befehl überhaupt in eine Bitte? »Mache ich doch gar nicht«, log ich und schaute ihr dabei direkt in die Augen.
   Ihr Blick blieb skeptisch.
   Natürlich dachte ich nicht daran, meinen Plan aufzugeben. Zu viel stand auf dem Spiel.

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