Kann Liebe Brücken schlagen, Hindernisse überwinden, Wunden heilen? Deutschland 1947: Seit Anna vor Jahren Heim und Eltern bei einem Bombenangriff verloren hat, lebt sie in einem winzigen Lagerraum eines kleinen Spielzeugladens. Es fehlt an allem. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als Hab und Gut gegen Lebensmittel zu tauschen. Als sie bei einem ihrer Streifzüge auf einem Waldweg im Nebel versinkt und in Alexanders Armen landet, ahnen beide noch nicht, was für verheerende Folgen ihr Zusammentreffen hat. Sie finden sich in Silvanubis wieder, einer magischen Parallelwelt – faszinierend und gefährlich zugleich. Eine Rückkehr in ihr altes Leben scheint unmöglich. Plötzlich sind Annas und Alexanders Schicksale unwiderruflich miteinander verknüpft. Ist Liebe wirklich grenzenlos? „Grenzenlose Liebe“ ist die neue, redigierte Auflage der Romane „Unter dem Feuer“ & „Aus der Asche“.

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Kirsten Greco

Kirsten Greco
Kirsten Greco wurde 1965 in Iserlohn geboren und ist in Hagen aufgewachsen. Nach dem Abitur studierte sie Germanistik und Sportwissenschaft in Bonn, schloss dann noch eine Ausbildung als Bankkauffrau und Fremdsprachenkorrespondentin an. Fremde Länder und Kulturen haben sie schon immer fasziniert und so hat sie zunächst  in Brügge, Belgien gearbeitet und dann Australien mit dem Rucksack bereist. 1999 ist sie gemeinsam mit ihrem Mann nach Michigan in die USA gezogen, wo sie bis heute mit ihrer Familie und zwei Hunden lebt.

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Kapitel 1
Trümmer

Der gewaltige scharlachrote Vogel zog unablässig seine Runden, nur das regelmäßige Rauschen der Flügel war zu hören. Die Stadt schlief, schweigsam und friedvoll. Mit kräftigen Schlägen seiner riesigen Schwingen glitt er unermüdlich durch die Dunkelheit. An den Federspitzen zuckten kleine, blaugelbe Flammen, die die Häuser in ein gespenstisches Licht tauchten. Allmählich wanderten die blitzenden Funken von den Flügeln über den massiven Körper und den langen Hals bis zum Kopf. Als die Glut die orangefarbenen Augen erreichte, stieß der Vogel einen heulenden Schrei aus. Metallisch, blechern.
   In gleichmäßigen Wellen breitete sich das Echo in die Tiefe der Nacht aus, bis es verstummte und der Phönix zu Asche zerfiel. Der Wind trug sanft graue Flocken davon und als sich die ersten sacht auf die Giebel legten, fielen die Häuser mit einem ohrenbetäubenden Donner in sich zusammen. Behutsam legte die schwarze Nacht ihre tröstende Decke über die Zerstörung. Sterne standen am Himmel, erst eine Handvoll, dann Hunderte, Tausende und am Horizont erglühte ein rotgelber Schimmer.

Anna saß senkrecht im Bett. Auf ihrer Stirn hatte sich ein dünner Schweißfilm gebildet. Das milchige Licht des Mondes schimmerte durch die mit Eiskristallen beschlagene Scheibe. Mit eiskalten Händen tastete sie unter dem dünnen Kissen nach dem zerkratzten silbernen Benzinfeuerzeug. Ihr Vater hatte es ihr an dem Abend mitgegeben, als die Bomben fielen. Einen Moment ließ sie es in der Hand ruhen, dann zündete sie die dicke, braune Kerze auf dem altersschwachen Holztisch hinter ihrem Bett an. Das warme Licht erfüllte wie üblich seinen Zweck. Langsam beruhigte sie sich. Und so wie immer ließ sie die Nacht, die alles verändert hatte, Revue passieren.
   Ihre Eltern hatten sie abends noch einmal zum Laden geschickt. Ein Botengang, mehr nicht. Doch kaum hatte sie das kleine Spielzeuggeschäft erreicht, begann das Heulen der Sirenen. Es jagte ihr jedes Mal eine Gänsehaut über den Rücken. Nie würde sie es rechtzeitig nach Hause schaffen. Atemlos war sie in den behelfsmäßig hergerichteten Luftschutzraum im Keller des Ladens gehetzt, hatte sich unter die Werkbank ihres Vaters gehockt, die Handflächen auf die Ohren gepresst und gehofft, dass es dieses Mal nicht so lange dauern würde. Irgendwann war das Donnern und Tosen verstummt und Stille hatte sich wie ein Leichentuch über die kleine Stadt am Rande des Ruhrgebiets gelegt.
   Müde strich sie sich eine widerspenstige Locke hinter das Ohr. Mein Gott, wie sehr sie ihr fehlten. Freunde bargen ihre Eltern am nächsten Tag aus den Trümmern, brachten sie auf Handkarren zum Friedhof und beerdigten sie. Sie besorgten Anna ein Bett, einen Tisch, einen weiß emaillierten Kohleofen sowie zwei alte Stühle und bauten die Möbel neben den Regalen des Lagerraums auf. Seither wohnte sie in dem engen Raum des Spielwarengeschäftes, das wie durch ein Wunder unversehrt geblieben war – und träumte. Nacht für Nacht schreckte sie mit klopfendem Herzen von einem Traum hoch, der ihr wie ein lästiger Gast hartnäckig ungebetene Besuche abstattete. Die Sirenen, die die Bomberverbände angekündigt hatten, waren vor fast zwei Jahren endlich verstummt. Nun ersetzte das bedrohliche an- und abschwellende Heulen des Phönixes das unheimliche Dröhnen. Immer wieder sah sie den gewaltigen, brennenden Vogel, die Asche und die zerstörten Häuser. Der blecherne Klang hallte immer noch in ihren Ohren. Sie wusste nicht, wie lange es her war, dass sie eine Nacht ruhig und traumlos geschlafen hatte. Es dauerte endlos, bis sie wieder einschlafen konnte, denn sie wachte jedes Mal mit der Gewissheit auf, dass der Traum sein Ende noch nicht gefunden hatte.
   Anna schlug die Decke zurück, stand auf und griff nach ihren Socken, die im flackernden Kerzenlicht auf dem alten Stuhl lagen. Hastig streifte sie die dunkelgrauen Strümpfe über ihre eiskalten Füße. Der rechte Zeh lugte vorwitzig aus einem riesigen Loch, und sie zupfte so lange an der rauen Wolle, bis die aufgerissene Stelle schließlich unter dem Fuß verschwand. Sie musste es stopfen, unbedingt. Ihre klammen Finger glitten über den wuchtigen Küchenherd. Eine kratzige Wolldecke eng um die Schultern geschlungen, ließ sie sich auf einen der Stühle sinken. Sollte sie einige Stücke Holz opfern und in den Herd schieben? Sie verwarf den Gedanken rasch. Obwohl die Nächte immer noch kalt waren, wurde es tagsüber inzwischen einigermaßen warm. Der eisige Winter hatte viele Opfer gefordert, doch gestern hatte sie endlich die ersten Schneeglöckchen entdeckt.
   Vorsichtig rutschte sie auf dem Stuhl hin und her und bewegte ihre steifen Glieder. Das Holz knarrte tadelnd und die Rückenlehne wackelte bedenklich, als sie zurücksank. Sie setzte das halb volle Glas Wasser an ihre Lippen und ließ das kalte Nass ihre Kehle hinunterrinnen. Es war Glück im Unglück, dass die Wasserleitung unversehrt geblieben war. Sie musste nicht, wie so viele andere, das Wasser vom Hydranten nach Hause schleppen. Aber der Hunger quälte sie beharrlich und zudem rund um die Uhr. April 1947, der Krieg war seit zwei Jahren vorüber … Eigentlich musste es doch langsam bergauf gehen.
   Anna sah sich um, doch außer einigen Kartoffeln, zwei Äpfeln, einer Scheibe Brot und ein bisschen Butter war nichts da. Hamstern, ihr blieb nichts anderes übrig. Heute würde der Laden geschlossen bleiben. Es kam ja doch keiner, um Spielzeug zu kaufen. Wer überhaupt ein wenig Geld übrig hatte, versuchte etwas Essbares zu besorgen. Das Sonneneck. Sie unterdrückte einen Seufzer. Hier war sie groß geworden. Früher war der Laden ihrer Eltern ihr Spielzimmer gewesen, heute mit zweiundzwanzig Jahren nannte sie ihn ihr Zuhause. Ob Papa sehr enttäuscht wäre, wenn sie die Ladentür nie mehr aufmachen würde? Das elende Pflichtbewusstsein lag seit Monaten wie eine zentnerschwere Last auf ihren Schultern.
   Nachdenklich streifte sie das dünne, abgetragene Nachthemd ab, zog sich einen dunkelblauen Wollpullover über und schlüpfte in ihre hellblaue Jeans. Sie liebte die verschlissene Hose. Wahrscheinlich hatte sie zuvor einem amerikanischen Soldaten gehört, doch sie passte ausgezeichnet und musste weder gekürzt noch umgenäht werden. Anna zog eine finstere Grimasse. Bislang hatte sie sich gescheut, das Besteck einzutauschen. Schließlich gab sie sich einen Ruck, zog eine flache Holzkiste aus dem Regal und öffnete behutsam den Deckel. Mit zitternden Fingern nahm sie einen Löffel und betrachtete ihn im Kerzenschein. Wer ihn wohl zuletzt in der Hand gehalten hatte? Ihr Vater, ihre Mutter oder vielleicht sie? Ihre Augen brannten. Egal. In ein paar Stunden würde sie losziehen und versuchen, etwas Essbares für das Silber zu bekommen.
   Mit zusammengebissenen Zähnen kratzte sie die Eisblumen von der Scheibe. Zum Teufel mit der Genügsamkeit! Sie griff nach einem Stück Holz und warf es in den Ofen. Die Klappe ließ sie offen und erfreute sich bald am leisen Knistern des Feuers. An Schlaf war ohnehin nicht mehr zu denken. Sie beschloss, auf Peter zu warten, und wenn er nicht bald kam, würde sie ihren Rucksack schultern und sich auf den Weg machen. Peter Schubert war Vaters bester Freund, vor drei Jahren hatten sie gemeinsam seinen sechzigsten Geburtstag gefeiert. Onkel Schubert, wie sie ihn neckend nannte, hatte schon lange vor dem Krieg seine Frau verloren und war mit der Zeit Teil ihrer Familie geworden. Natürlich würde er wie immer pünktlich erscheinen. Seit dem Tod ihrer Eltern gab es nicht einen Tag, an dem er nicht vorbeisah. Dankbarkeit überflutete sie und sie musste blinzeln. Vor sich hinlächelnd setzte sie Wasser in einem alten Stahlhelm auf, der als Kochtopf diente. Heute würde sie sich eine Kanne starken Kaffee gönnen. Entschieden kippte sie den Rest des Pulvers in den Filter.
   Ein lautes Poltern riss sie aus ihren Gedanken. Jemand hämmerte mit Kraft gegen die Ladentür. Sie sprang auf und lachte, während sie eine schmale, drahtige Figur hereinließ. Die blondgrauen Haare standen in alle Richtungen, der grüne Wollpullover wirkte zu groß und bildete einen scharfen Kontrast zu seiner abgetragenen Hose. Peter scherte sich genauso wenig um korrektes Auftreten, Mode oder Aussehen wie sie.
   »Guten Morgen, Anna. So früh schon so munter?«
   »Konnte nicht mehr schlafen, Onkel Schubert.« Annas Mundwinkel zuckten. Sie hakte sich bei ihm ein und schob ihn mit sanfter Gewalt in ihr kleines Reich.
   »Ich habe Kaffee gekocht. Und das letzte Brot können wir uns teilen. Heute Nachmittag trenne ich mich von unserem Besteck.«
   »Lass dich bloß nicht erwischen. Offiziell sind Hamstern und Kohleklau nämlich immer noch verboten.« Peter legte feierlich eine braune Tüte auf den Tisch.
   Anna griff hinein und beförderte zwei Scheiben frisches Brot sowie ein Glas Marmelade hervor. Ungestüm schlang sie die Arme um die schmale Gestalt. »Mensch Peter, wo hast du das schon wieder her? Eines Tages kommst du noch in Teufels Küche.«
   Er schmunzelte. »Da war ich schon.« Für einen Moment verschwand das Lächeln. »Und, wo ist der Kaffee?«
   Sie aßen und tranken schweigend, während Peter sie kritisch musterte. »Na, Kleines, was ist los?«
   Sie warf ihm einen erstaunten Blick zu.
   »Anna, mir kannst du nichts vormachen. Der Schuh drückt schon eine ganze Weile, nicht wahr?«
   Sie ließ den letzten Krümel Brot im Mund verschwinden und schloss kurz die Augen. Peter nahm ihre Hand und lächelte ihr aufmunternd zu. »Es ist der Laden, nicht wahr?«
   Überrascht entzog sie sich seinem Griff.
   »Du bist niemandem verpflichtet, Anna, niemandem außer dir, auch nicht deinem Vater oder deiner Mutter.«
   Anna schluckte und würgte den Kloß hinunter, der sich plötzlich in ihrem Hals breitmachte. »Ich kann das nicht mehr.« Mehr konnte und wollte sie nicht sagen.
   Erneut ergriff er ihre Hand und zog aus seiner Hosentasche ein riesiges graues Taschentuch hervor. »Es ist außerdem nicht verboten, zu weinen. Du musst nicht immer und jedem beweisen, wie stark du bist. Dein Vater war der Letzte, der wollte, dass seine Tochter unglücklich ist. Das Sonneneck war sein Leben, es muss nicht deins sein.«
   Nein, weinen war nicht verboten, doch wenn sie einmal begann, würde es eine Weile dauern, bis sie wieder aufhören konnte. Anna nickte und blickte angestrengt nach draußen. Vor ihrem Fenster erwachte die Stadt. Kinder hüpften auf der anderen Straßenseite vorbei, bewaffnet mit Henkelmann und Papptornister. Dürr sahen sie aus. Wie lange noch, bis Hunger und Kälte nicht mehr den Alltag diktierten, bis die Ruinen verschwanden, bis man aufhörte, zurückzublicken und begann, nach vorn zu sehen?
   Sie hatte die Hände zu Fäusten geballt. So konnte es nicht weitergehen. Ein kleiner Rotschopf grinste sie durchs Fenster frech an, streckte ihr die Zunge raus und flitzte davon.
   Recht hast du, Bange machen gilt nicht! Entschlossen drehte sie sich zu Peter um, der sie schmunzelnd beobachtete.
   »Ein Königreich für deine Gedanken, Kleines.«
   »Heute wird ein guter Tag, Onkel Schubert.«
   Er nahm sie in den Arm und drückte sie kurz. »So ists richtig, Mädel, mit Optimismus nach vorn sehen, das war schon immer deine Stärke.« Er sah sie von der Seite an. »Das wars immer noch nicht, stimmts?«
   Sie wich seinem Blick aus und setzte sich auf ihre Hände. So konnte sie sie wärmen und gleichzeitig ihre Nervosität verbergen. »Ich schlafe schlecht«, sagte sie leise.
   Sein Grinsen verschwand und er rückte seinen Stuhl nahe an sie heran. »Das wundert mich nicht. Wer schläft schon gut in diesen Zeiten?«
   »Das ist es nicht, Peter. Ein Traum … Ich träume jede Nacht dasselbe. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass der Traum erstens wichtig ist, und ich zweitens immer zu früh aufwache. Irgendetwas verpasse ich, wenn ich nur wüsste, was.« Unsicher sah sie in Peters dunkelbraune Augen. Er hörte ihr aufmerksam zu, nahm sie ernst. Gott sei Dank!
   »Magst du mir erzählen, wovon du träumst?«
   Sie nickte langsam. »Da ist dieser riesige Vogel. Er brennt und kreist über der Stadt. Jede Nacht.« Ihr Hals schmerzte, so sehr bemühte sie sich, den verdammten Kloß hinunterzuwürgen. Jetzt würde er gleich grinsen. Keiner konnte das verstehen, doch Peter überraschte sie erneut.
   »Geh hamstern, mein Kind, lass dir den Wind um die Nase wehen. Ich schau später noch mal nach dir.« Er stand auf und neigte den Kopf zur Seite. »Sei vorsichtig, Anna.«
   Sie verdrehte die Augen. »Keine Sorge. Ich gehe schon nicht verloren.«
   Peter bedachte sie mit einem Kopfschütteln, hob beide Hände zu einer beschwichtigenden Geste und wandte sich um. Doch plötzlich sah er noch mal zurück. »Wie Phönix aus der Asche, Anna!«
   Leise fiel die Tür hinter ihm ins Schloss. Mehr hatte er nicht dazu zu sagen?

Kapitel 2
Intermezzo

Goldgelbe Sonnenstrahlen funkelten durch das Fenster und blendeten sie. Anna packte rasch vier silberne Löffel, Messer und Gabeln in den verschlissenen Stoffrucksack, tauschte den Wollpullover gegen ein ausgeblichenes, rotes Leinenhemd und krempelte die Ärmel hoch. Fluchtartig verließ sie den Spielzeugladen und lief mit ausladenden Schritten die Straße entlang. An die Ruinen hatte sie sich längst gewöhnt, die Schuttberge verschwanden nach und nach und hier und da baute man zerstörte Häuser wieder auf. Trotzdem hatte sie es immer eilig, die Trümmerwüste hinter sich zu lassen. Außerhalb ihres heimeligen Refugiums empfand sie seit Jahren alles als traurig und ungemütlich. Grau. Nach diesem frostklirrenden Winter fehlten ihr grüne Wiesen und bunte Blumen. Sogar der Himmel hatte sich monatelang mit der bedrückenden, tristen Farblosigkeit verbündet. Umso mehr freute sie sich heute über sein sattes Blau. Endlich, keine einzige Wolke trübte das perfekte Zusammenspiel von tiefblauer Unendlichkeit und strahlendem Sonnenschein.
   Wie Phönix aus der Asche. Peters Worte ließen sie nicht los. Deutlich sah sie den gewaltigen, rot glühenden Vogel vor sich. Kraftvoll und wunderschön, aber offensichtlich auch zerstörerisch und Unheil bringend. Sie würde Peter heute Abend fragen, was genau er damit gemeint hatte.
   Nach einer halben Stunde erreichte sie das kleine Wäldchen. Anna atmete tief den Duft der Bäume und der Erde ein. Gott sei Dank, die Stadt lag hinter ihr. Winzige braungrüne Knospen zierten die Spitzen der dürren Äste. Frühling. Endlich. Anna hätte vor Freude hüpfen können, als sie den schmalen, belaubten Pfad betrat, der mitten durch den Wald führte und die Stadt mit der Landstraße verband. Gestern hatte es geregnet, doch jetzt schob die Sonne ihre Strahlen mühelos zwischen den Ästen hindurch und spielte mit einem faszinierenden Muster aus Licht und Schatten. Anna sog gierig den herb-würzigen Dampf des feuchten Humusbodens ein. Der Tag schien das Versprechen zu halten, das die Morgendämmerung hatte erahnen lassen und Anna genoss es, sich von Sonnenstrahlen und warmem Wind liebkosen zu lassen. Am liebsten wäre sie hiergeblieben, hätte aufs Hamstern verzichtet und sich ganz der sinnlichen Ruhe der Natur hingegeben. Aber ihr Magen war eindeutig anderer Meinung und knurrte vorwurfsvoll.
   Behutsam setzte sie einen Fuß vor den anderen und spürte das sanfte Federn des Waldbodens. Bei jedem Schritt schmatzten die Blätter unter ihren Schuhen. Hin und wieder blieb sie stehen und lauschte, nahm die Geräusche des Waldes in sich auf, das leise Knacken der nackten Äste, das Schimpfen der Vögel, ein kaum hörbares Rascheln im Laub. Alles, was in der Welt in den vergangenen Jahren aus den Fugen geraten war, befand sich hier noch im perfekten Einklang. Frieden. Peter mochte es nicht, wenn sie allein spazieren ging, doch hin und wieder brauchte sie die grüne Stille, um richtig durchatmen zu können. Sie hatte den Krieg ohne eine Schramme überstanden, was sollte ihr der Wald schon antun?

Eine riesige schwarze Wolke riss sie jäh aus ihren Tagträumen und zog ihr die Füße unter dem Körper weg. Mit einem lauten Aufschrei landete sie auf dem Hintern. Ihr Puls jagte. Anna stützte sich auf dem feuchten Boden ab, rückte den Rucksack zurecht und kämpfte sich mühsam hoch. Während sie sich die nassen Blätter vom Rücken klopfte, suchten ihre Augen das Unterholz ab. Aus der Ferne hörte sie eine kräftige, tiefe Stimme.
   »Oskar, bei Fuß!« Die Stimme näherte sich, wurde zunehmend lauter und ärgerlicher. »Oskar, verdammt noch mal! Hierher!«
   Ein dumpfes Grollen erklang und die schwarze Wolke fegte erneut an ihr vorbei. Im letzten Moment sprang sie zur Seite, knickte auf dem unebenen Boden um und landete ein zweites Mal im Laub. Der Rucksack rutschte hinunter und das silberne Besteck fiel klirrend heraus. »Verflucht!«
   Der dunkle Riese machte abermals kehrt, war auf einmal über ihr und leckte ihr über das Gesicht. Mit einem Satz kam sie auf die Beine und schob das Ungetüm zur Seite. »Verschwinde! Pfui!«
   Anna wischte sich mit dem Handrücken über die Wange. Noch nie in ihrem Leben hatte sie einen derart großen Hund gesehen. Schwarz, riesig und zottlig. Sie trat einen Schritt zurück, aber das massige Tier hatte offensichtlich beschlossen, sie in seinen Freundeskreis aufzunehmen. Der Hund wedelte begeistert mit dem Schwanz, schnüffelte an ihren Beinen und ließ seine Zunge über ihre Hände gleiten. Jetzt reichte es. Wo zum Teufel blieb sein Herrchen? Ihre Hose war nass, das Besteck überall verteilt und wer weiß, wie sie aussah. Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht und versuchte vergeblich, sich an dem Ungetüm vorbeizuschieben. Ihr Blick wanderte suchend über den Waldboden. Ein Glück. Alle Messer, Löffel und Gabeln lagen in greifbarer Nähe. Doch sie hatte gewiss nicht vor, zwischen den riesigen Pfoten ihres strubbligen Freundes auf dem Boden herumzurutschen.
   »Oskar, bei Fuß!«
   Die Stimme ließ keinen Zweifel mehr, wer hier das Sagen hatte und auch Oskar schien das erkannt zu haben. Er klemmte den Schwanz ein und schlich langsam an ihr vorbei.
   »Sitz! Lässt du wohl die hübsche Dame in Ruhe!«
   Anna fuhr herum und blickte in leuchtend grüne Augen, die sie wohlwollend betrachteten. Die Mundwinkel zuckten. Lachte er sie aus?
   »Entschuldigen Sie bitte, es tut mir furchtbar leid.«
   Keine Frage, er verkniff sich mit Mühe ein Lachen. Sie trat einen Schritt zurück. »Gehört das Monster Ihnen?«
   Sie fegte sich durchs Gesicht und zupfte einige Blätter aus den Haaren. Der Hundebesitzer lächelte zerknirscht und kraulte dem schwarzen Riesen liebevoll das Ohr.
   Vor genau so einer Situation hatte sie Peter unzählige Male zuvor gewarnt. Sie war allein im Wald, weit und breit war niemand zu sehen, der ihr zur Hilfe eilen konnte. Allein mit einem Unbekannten … mit faszinierenden Augen und einer sanften Stimme.
   »Ja, dieses Ungetüm gehört zu mir.« Oskars Herrchen nahm das Zottelmonster an die Leine. »Er liebt den Wald«, fuhr er fort und wies auf seinen vierbeinigen Freund, der inzwischen lammfromm neben ihm saß, »da vergisst er schon mal sein gutes Benehmen. Es ist aber auch ein wunderschöner Tag heute, nicht wahr? Kein Wunder, dass Oskar ein wenig über die Stränge schlägt.«
   »Ein wunderschöner Tag … bis mich Ihr Hund über den Haufen gerannt hat.« Sie klopfte demonstrativ ihren nassen, dreckigen Hintern sauber.
   Oskars Herrchen schien den Vorwurf überhört zu haben und reichte ihr stattdessen die Hand. »Alexander Bach, und mit wem habe ich das Vergnügen?«
   Anna sparte sich eine Antwort, nahm den Rucksack vom Boden und sammelte wortlos das Silber auf. Alexander ging ebenfalls in die Hocke und hatte bereits zwei Löffel und zwei Gabeln in der Hand.
   »Hey!«
   Er zog überrascht eine Augenbraue hoch und sah sie amüsiert an. Schmunzelnd drückte er ihr das Besteck in die Hand. »Bitte schön. Hamstern?«
   Sie nickte kurz, bereute die knappe, freundliche Geste aber sofort, als ihr erneut das Funkeln der grünen Augen auffiel. Sie musterte ihn flüchtig. Graue Hose, sandfarbenes langärmliges Hemd, eine Gitarre auf dem Rücken. Er war nicht viel älter als sie. Schlank, vielleicht zu schlank, wie jeder derzeit, aber dennoch kräftig. Sein Haar passte zu Oskars, schwarz und zottlig umrahmte es sein derbes Gesicht. Ein Grübchen drückte sich in seine linke Wange. Jetzt reichte es wirklich, er gab sich noch nicht einmal Mühe, sich das Grinsen zu verkneifen.
   »Ja, Hamstern. Und wenn ich noch länger hier herumtrödle, dann kann ich gleich umdrehen. Den Letzten beißen die Hunde, oder so ähnlich.«
   Alexander und Oskar hoben gleichzeitig die schwarzen Augenbrauen. Schmunzelnd zog er seine Gitarre nach vorn, setzte sich neben seinen vierbeinigen Freund auf den Waldboden und ließ die sehnigen Finger sanft über die Saiten gleiten. Anna schluckte. Irgendetwas streifte flüchtig ihr Herz und flog wieder davon. Einen Moment zu lang verweilte ihr Blick auf seinen kräftigen Händen, und als sie sich dabei ertappte, drehte sie sich entschieden um. »Also … ähm … Dann will ich mal los.« Sie räusperte sich. Du meine Güte, was war nur los mit ihr? Die beiden brachten sie durcheinander und zwar gründlich. Anna schwang den Rucksack auf den Rücken, legte Oskar zum Abschied die Hand auf den gigantischen Kopf und setzte sich in Bewegung. Nach einigen Schritten blieb sie stehen, drehte sich um und sah dem schwarzhaarigen Fremden kurz in die Augen. »Anna Peters. Machs gut, Oskar.«

Kapitel 3
Aufbrechen

Bauer Carlson war ihr immer wie eine bissige Bulldogge vorgekommen. Ein wenig untersetzt, jederzeit zum Angriff bereit. Unheimlich. Egal, heute würde sie klopfen. Sie ließ die Faust auf das hellbraune Holz niederfahren und wartete. Nichts. Sie klopfte erneut, diesmal lauter. Eigentlich verübelte Anna es dem Bauern nicht, sie zu ignorieren. Hier wurde sicher von früh bis spät an die Tür geklopft. Jedes Mal kam sie sich wie ein Bettler vor.
   »Kann ich Ihnen helfen?«
   Anna fuhr herum und stand dem alten Carlson Auge in Auge gegenüber. Es fiel nicht schwer, eine gewisse Gereiztheit aus der Frage herauszuhören. Hunde, die bellen, beißen nicht. Sie atmete tief durch und nahm den Rucksack von den Schultern. Die Miene der Bulldogge verfinsterte sich. Anna zog das Besteck heraus und reichte ihm einen Löffel. »Kann ich irgendetwas dafür bekommen?«
   »Noch mehr Besteck. Ich glaube nicht, Fräuleinchen.«
   Anna riss ihm den Löffel aus der Hand und drehte sich um. Sie würde nicht betteln und er würde die Enttäuschung in ihren Augen nicht sehen. Den Rucksack geschultert schlug sie den Weg zurück zur Straße ein.
   »Nun warten Sie doch. Dafür«, die Dogge legte eine kunstvolle Pause ein, »können Sie nichts bekommen. Ich weiß wirklich nicht mehr wohin mit all dem Krimskrams.«
   Anna lief es eiskalt den Rücken hinunter. Sie sah sich hastig um, weit und breit war niemand zu sehen. Was zum Teufel dachte er wohl, hätte sie noch zu bieten? Mit schnellen Schritten setzte sie ihren Weg fort. Von wegen Hunde, die bellen … Sie wollte hier weg.
   »Sie gehören zum Sonneneck, nicht wahr?«
   Anna blieb ruckartig stehen. Er wusste, wo sie wohnte. Sie fröstelte. Jetzt nur keine Angst zeigen. Langsam drehte sie sich zu ihm um. »Ja, und?«
   »Haben Sie noch eine kleine Puppe im Laden?«
   »Und wenn es so wäre?« Sie sah ihm ins Gesicht und bemerkte in den Augen des alten Bauern ein verräterisches Schimmern.
   »Wären ein Stück Rindfleisch, einige Kartoffeln und Salat annehmbar?«
   Scherzte er? Natürlich war das annehmbar. Es war schon verdammt lange her, dass sie ein Stück Fleisch gegessen hatte.
   »Ja, hm, für eine Puppe? Mein Vater …« Anna schluckte, es dauerte eine Weile, bis sie sich wieder gefangen hatte. »Mein Vater hat sie angefertigt, aber sie sind ziemlich schlicht und unscheinbar und außerdem habe ich sie nicht bei mir.«
   »Das macht nichts, warten Sie mal.« Er verschwand im Haus. Anna hörte durch das offene Fenster ein Rascheln und Klappern und schließlich öffnete sich die Tür mit Schwung. Bauer Carlson hielt einen kleinen Sack Kartoffeln in der einen Hand und ein mächtiges Paket sowie einen Kopfsalat in der anderen. Er blickte sie an und in seinen Augen schillerten glitzernde Seen.
   Warum war er ihr eigentlich jemals unheimlich vorgekommen? Von wegen Bulldogge. Anna musterte den alten Mann genauer. Der Bart war gepflegt und genauso schneeweiß wie die kurzen, strubbligen Haare. Tausende Falten zierten sein Gesicht, Spuren vieler Jahre Arbeit, Sorge und Freude. Er sah nicht massiv, eher zerbrechlich aus, seine schmale Figur versank in dem viel zu großen, hellblauen Overall. Hatte sie ihm all die Jahre Unrecht getan, sich niemals die Mühe gegeben, ihn einmal richtig anzusehen? Plötzlich hörte sie Stimmen in der riesigen Scheune hinter dem Wohnhaus.
   Auch Bauer Carlson lauschte dem Wortwechsel und lächelte. »Das sind meine Frau und meine Enkelkinder. Die Puppe ist für Louise. Sie vermisst ihre Eltern am meisten und in einem Monat ist ihr Geburtstag. Sie würde sich so freuen.«
   Warum erzählte er ihr das? »Sie kümmern sich um Ihre Enkelkinder?« Und warum fragte sie ihn das?
   Er nickte traurig. »Ihr Vater, mein Schwiegersohn, ist gleich zu Kriegsbeginn gefallen und meine Tochter ist im Winter schrecklich krank geworden. Sie hat sich nie wieder richtig erholt.« Er brach ab und wischte sich rasch durch das wettergegerbte Gesicht.
   Einem Impuls folgend ergriff Anna die knorrige Hand und drückte sie kurz. Sie räusperte sich und ließ die Hand wieder los. »Ich gebe Ihnen gern eine Puppe. Wie viele Enkel haben Sie denn?«
   Stolz blitzte in den alten Augen. »Louise hat noch einen Bruder. Max ist schon fast zehn.«
   »Na, dann bringe ich ihm ein kleines Auto mit. Wenn ich jetzt schnell zurücklaufe, kann ich es bis heute Nachmittag schaffen.«
   Seine blassgrauen Augen glänzten gütig. »Morgen reicht auch noch, mein Kind.« Er hielt ihr den gewaltigen Braten, den Kartoffelsack und den Salatkopf entgegen. »Ich hoffe, es passt alles in den Rucksack.«
   Anna griff nach dem Besteck und legte es neben Bauer Carlson auf den Treppenabsatz. »Als Pfand, bis ich morgen die Puppe und das Auto vorbeibringe.«
   Der alte Mann schüttelte abwehrend den Kopf und versuchte vergebens, Anna zu überreden, die silbernen Löffel und Gabeln zurückzunehmen. Entschieden verstaute sie Fleisch und Salat. Den Sack Kartoffeln würde sie so tragen. »Danke. Vielen Dank. Hoffentlich ist diese Zeit bald vorüber. Ich würde auch lieber etwas zu essen kaufen als zu betteln.« Sie spürte die Tränen in ihre Augen steigen. Nun suchte die alte Hand die junge.
   »Du hast nicht gebettelt, mein Kind. Wir haben getauscht und ich glaube, ich bin nicht schlecht dabei weggekommen.« Er zwinkerte ihr zu. »Und wenn du mir die Puppe bringst, bestehe ich darauf, dass du dein Besteck wieder mit nach Hause nimmst, verstanden? Muss nicht heute sein. Du hast noch einen weiten Weg vor dir. Hast du gehört, mein Kind?«
   Anna nickte. »Morgen, spätestens!«
   »Es hat keine Eile, ich habe ja ein Pfand«, fügte er schelmisch hinzu und wickelte das Besteck vorsichtig in ein Wolltuch ein. Anna griff nach den Kartoffeln und schulterte den Rucksack. Er war eindeutig schwerer als zuvor. Fieberhaft durchforstete sie ihren Kopf nach Worten, öffnete den Mund und klappte ihn zu. Er verstand sie auch so.

Der mattgrüne Vorhang des Waldes schloss sich hinter ihr, als Anna heute ein zweites Mal den Pfad betrat. Bis eben war sie stramm marschiert. Das dichte Geäst dämpfte jeden Laut, der nicht hierher gehörte. Anna versuchte, sich so lautlos wie möglich durch das schweigsame Grün zu bewegen. Es kam ihr unrecht vor, den Frieden zu stören. Ab und an hörte sie die Vögel zwitschern und hin und wieder knackte es leise im Unterholz. Sie sog die glasklare, würzige Luft ein.
   Einen Moment nur. Nur eine kurze Pause. Die wertvolle Last drückte auf Dauer höllisch schwer auf ihre Schultern. Außerdem knurrte ihr Magen. Sie freute sich auf gebratenes Fleisch und Peters Gesellschaft heute Abend.
   Sie sah sich um, und ihr Blick fiel auf einen riesigen, bemoosten Findling auf der Wiese einer sonnendurchfluteten Lichtung. Der perfekte Platz für eine kurze Rast. Anna setzte sich auf den überraschend warmen Stein und zog eine Feldflasche aus matt glänzendem Aluminium aus dem Rucksack. Gierig trank sie das lauwarme Wasser.
   Was für ein wunderschönes Fleckchen. Am Rande der Lichtung standen gewaltige Tannen zwischen Buchen und Eichen. Die zartgrünen Knospen würden bald zu großen Blättern wachsen und die Bäume ihren Baldachin schützend über dem Wald aufspannen. Sie schloss die Augen und ließ ihre Gedanken schweifen. Es gelang ihr nicht oft, aber für einen Augenblick schaffte sie es, sie fortziehen zu lassen, verbannte alle Sorgen und Probleme aus ihrem Kopf. Nur der Frieden des Waldes berührte sie. Für einen Moment glaubte sie, in weiter Entfernung eine Stimme zu hören. Sie lauschte. Nein, sie musste sich getäuscht haben, da war nichts.

Die Luft hatte sich verändert. Anna öffnete die Augen und erschauderte. Sie spürte kleine, nasse Perlen auf ihrer Haut und rieb sich die Arme. War es kälter geworden? Wo in aller Welt kam der Nebel her? Eben war die Luft noch glasklar gewesen. Sie hatte sicher kaum länger als fünf Minuten gedöst.
   Der Nebel verdichtete sich und kroch unheimlich an den Bäumen empor. Den Pfad erahnte sie nur noch. Anna griff hastig nach Rucksack und Kartoffeln und lief auf den Weg zu. Wieder hörte sie irgendwo eine Stimme. Hatte sie sich doch nicht geirrt? Die Härchen auf ihren Unterarmen stellten sich auf. Beklemmung legte sich wie eine eiskalte Hand zwischen ihre Schulterblätter. Die Stimme kam näher, ganz eindeutig. Warum nur konnte sie die Worte nicht ausmachen? Der Nebel schien jede klare Artikulation zu verschlucken. Anna heftete den Blick auf den Waldboden. Nur so war es ihr möglich, dem Pfad zu folgen. Egal, Hauptsache sie kam voran. Angst schnürte ihr den Hals zu. Diese verfluchte weiße Suppe! Wie weit noch, bis sie aus dem verhexten Wald heraus war? Konzentriert setzte sie einen Fuß vor den anderen. Sie konnte den Boden inzwischen nicht mehr sehen, eine dichte Wolke hatte ihn verschluckt. Anna hatte einen metallischen Geschmack im Mund. Reiß dich zusammen, verdammt noch mal! Einen Herzschlag lang verharrte sie, richtete sich auf und zwang sich, langsam ein- und auszuatmen. Nichts! Da war nichts außer weißer Unendlichkeit. Sollte sie weitergehen mit dem Risiko, sich hoffnungslos zu verirren, oder einfach stehen bleiben und warten, bis sich der verflixte Nebel lichtete? Nein, stehen bleiben gefiel ihr nicht. Sie setzte sich wieder in Bewegung. Erneut vernahm sie die unheimliche Stimme. Antworten? Auch diese Idee schien ihr wenig verlockend. Vorsichtig lief sie weiter. Wenigstens der Boden unter ihren Füßen war noch da. Weich federnde Äste und Blätter erinnerten sie daran, dass sie nicht auf Wolken lief, sondern festen Grund unter sich hatte. Ihr Hemd klebte feucht auf der Haut und sie spürte kalte Tropfen aus ihrem Haar auf den Nacken fallen und den Rücken hinunterrinnen. Da war die Stimme wieder. Wer auch immer rief, musste ganz nahe sein. Warum nur konnte sie die Worte nicht verstehen? Sie beschleunigte das Tempo. Anna war es inzwischen egal, ob sie sich noch auf dem Weg befand oder ob sie tiefer in den Wald hineinging. Die Nebelschwaden wurden tatsächlich noch dichter. Etwas raubte ihr den Atem. Sie rang nach Luft, zwang sich erneut zur Ruhe. Keuchend setzte sie einen Fuß vor den anderen. Bald holte sie nur noch pfeifend Luft, gleißende Blitze zuckten vor ihren Augen und in ihren Ohren tobte ein Orkan. Die Stimme … ganz nah. Irgendjemand musste vor ihr stehen.
   Ihre Beine gaben nach. Sie fiel. Doch bevor sie auf dem Boden aufschlug, griff eine warme Hand nach ihr und zog sie hoch. Starke Arme drückten sie an einen Körper. Anna rang nach Luft. Vergeblich. Die Blitze verblassten, das Toben in den Ohren verstummte. Der Nebel verschwand. An seine Stelle trat eiskalte Dunkelheit.

Kapitel 4
Ankommen

Eine riesige Feuerkugel kreiste am Himmel und brannte ein rot glühendes Licht in die Finsternis. Langsam veränderte die Kugel ihre Form. Ein kräftiger Rücken schloss sich nahtlos an einen schlanken Nacken, aus dem fließend der vorstehende Kopf entstand. Die Flügel liefen hinten spitz zu und der lange Schwanz vervollständigte den Körper. Majestätisch und anmutig schwebte der Vogel über ihr und an den Enden der Schwingen überlappten die Feuerfedern wie perfekt aneinandergereihte Dachziegel. Glut tropfte von den Flügeln und verlosch wie eine Sternschnuppe am Horizont. Er stieß einen Schrei aus, und allmählich verhallte das an- und abschwellende Heulen in der Unendlichkeit der Nacht.

Der Nebel war verschwunden. Es fiel Anna schwer, auch nur ein Augenlid zu heben. Im Wald dämmerte es, Umrisse und Konturen lösten sich auf. Ein bohrender Schmerz machte sich hinter der Stirn bemerkbar. Sie stöhnte auf und ließ sich zurück in die Dunkelheit fallen, als etwas ihre Wange streifte. Anna zuckte zusammen, zwang sich erneut, die Augen zu öffnen und nun tauchte ein Kopf über ihr auf. Sie blinzelte, doch die Silhouette war unscharf. Es wollte ihr einfach nicht gelingen, sich zu konzentrieren. Die Gedanken flossen nur zähflüssig und auch ihr Körper gehorchte ihr nicht. Nicht einen Finger konnte sie rühren. Abermals schloss sie die Augen und nun berührte jemand ihren Arm. Lass mich schlafen, verdammt noch mal!
   Das verschwommene Gesicht war immer noch da. Der dazugehörende Mund bewegte sich und eine tiefe Stimme redete unverständlich auf sie ein. So musste sich ein Vollrausch anfühlen. Sie verstand kein Wort! Anna kicherte hilflos. Kein Zweifel, sie musste betrunken sein. Vielleicht gelang ihr das Denken, wenn sie sich schüttelte oder hinsetzte. Zwecklos, nun schmerzte ihr Hinterkopf ebenfalls.
   »Anna! Anna Peters! Hallo? Hallo!«
   Mit ihrer rechten Hand schlug sie heftig nach dem Störenfried. Na also, zumindest ein Arm gehorchte ihr wieder.
   »Gott sei Dank! Fräulein Peters, erkennen Sie mich?«
   Woher nur kannte sie diese funkelnden grünen Augen? Mit kalten Fingern massierte sie ihre pochenden Schläfen. Das Nachdenken bekam ihr nicht, ihr war schwindlig. Vorsichtig richtete sie sich auf. Zu schnell … Sie fühlte sich seltsam leicht. Blut rauschte in ihren Ohren. Kräftige Hände packten sie unter den Schultern und lehnten sie sanft an einen Baumstamm.
   »Hoppla, nicht ganz so schnell. Geht es wieder?«
   Oskars Herrchen? Anna räusperte sich. Ihr Mund war furchtbar trocken. »Ich denke schon.«
   Sie krächzte wie ein heiserer Rabe.
   »Durst?« Der besorgte Hundebesitzer hielt ihr eine zerkratzte, silberne Flasche unter die Nase. Anna verzichtete auf eine Antwort und nahm wortlos die Feldflasche entgegen. Was war das? Kalt und erfrischend, doch nicht ganz so geschmacksneutral wie Wasser. Es schmeckte anders, ein wenig süßer, fruchtiger. Kritisch ließ sie den Blick über ihr Gegenüber gleiten. Er sah erschöpft aus, seine schwarzen schulterlangen Haare lagen nass auf dem sandfarbenen Hemdkragen. Wie hieß er noch? Verflucht, ihr wurde erneut schwindlig und sie musste sich im feuchten Laub abstützen. Gut, sie befand sich auf festem, harten Boden. War sie gestürzt und hatte sich den Kopf angeschlagen? Anna fuhr mit der anderen Hand durch ihre Haare. Sie waren nass. Ebenso wie … Alexanders, richtig, Alexander Bach, so war sein Name.
   »Der Nebel …?«, krächzte sie.
   »Wollen Sie sich vielleicht lieber wieder hinlegen? Himmel, Anna, Sie sind weiß wie Papier. Anna …?«
   Sie schüttelte vorsichtig den Kopf, bloß nicht so schnell, inzwischen war ihr zu allem Überfluss auch noch speiübel. Sie zwang sich, tief und gleichmäßig durchzuatmen und langsam ebbten die Wellen der Übelkeit ab. »Es geht schon.« Sie hörte selbst, wie wenig überzeugend sie klang. »Haben Sie den Nebel auch gesehen?«
   Alexander nickte gequält. »Das kann man wohl sagen. Warum zum Teufel haben Sie denn nicht geantwortet? Ich konnte Sie zwar nicht sehen, aber hören. Pausenlos habe ich nach Ihnen gerufen.«
   Er war das also gewesen. »Ich … ich konnte Sie nicht verstehen.«
   Nun stand Argwohn statt Sorge in seinem Blick. Kritisch betrachtete er sie. Anna drehte niedergeschlagen den Kopf zur Seite. Er glaubte ihr nicht. »Natürlich habe ich Ihre Stimme gehört, aber es war wie … Klangbrei.«
   Inzwischen hatten sich ihre Hände zu Fäusten geballt. Alexander musterte sie skeptisch. Sie zog die Knie an und stemmte sich unbeholfen an dem rauen Baumstamm hoch. Doch kaum stand sie aufrecht, verließen sie die Kräfte wieder. Tränen des Zorns schossen ihr in die Augen, niemals würde sie es allein aus dem Wald heraus, geschweige denn nach Hause schaffen. Auf Alexander gestützt glitt Anna zurück auf den Boden. Was war nur los mit ihr?
   »Ich glaube Ihnen«, murmelte er leise. »Ich glaube, dass Sie mich nicht verstehen konnten. Wenn ich nur wüsste, wie ich Ihnen helfen kann.« Er deutete auf das Blätterdach. »Irgendetwas stimmt hier nicht.«
   »Ich habe keine Luft mehr bekommen«, flüsterte sie.
   Mit besorgter Miene blickte er auf sie herab. »Ich war mit Oskar auf dem Heimweg, als der Nebel einsetzte«, nahm er den Faden wieder auf. »Wie ein weißer Tunnel … irgendwann habe ich die Orientierung verloren.« Er hielt kurz inne und schüttelte den Kopf. »Oskar wusste genau, wo er hinwollte, und so habe ich ihn führen lassen. An der Leine übrigens.« Für einen Moment blitzten seine Augen herausfordernd. Geistesabwesend ließ er sich neben ihr auf den Boden gleiten. »Er hat Ihre Spur aufgenommen, doch bald konnte auch ich Ihre Schritte und Ihren Atem hören.«
   Er blickte sie prüfend an. Anna fühlte sich immer noch schwach und spürte kleine Schweißperlen auf der Stirn.
   »Ihr Schnaufen war unüberhörbar. Mir ist das Atmen auch schwergefallen, doch Sie haben gekeucht wie eine altersschwache Dampflok.«
   Anna zuckte zusammen. Da war er wieder, der spöttelnde Unterton. Sie rückte ein wenig zur Seite und straffte den Rücken.
   »Sie sind vor meiner Nase umgekippt und ich habe Sie aufgefangen. Das ist alles.«
   Sie konnte den Himmel durch das dichte Geäst nur noch schwach erkennen. Die Sonne war verschwunden und in ein, zwei Stunden würde es dunkel sein. Und was hatte er in der Zeit gemacht, neben ihr gesessen und Däumchen gedreht?
   »In der Zwischenzeit habe ich natürlich nicht tatenlos herumgesessen.«
   Himmel! Konnte eigentlich jeder in ihr lesen wie in einem offenen Buch?
   »Nachdem ich mich davon überzeugt habe, dass Sie noch unter den Lebenden weilen, bin ich losgezogen, um Hilfe zu holen.«
   Anna atmete tief durch, hoffentlich kam er bald zur Sache. Seine Schläfen pochten und die Halsmuskeln waren angespannt. Sie war nicht die Einzige, die sich unwohl fühlte.
   »Ich bin in Richtung Landstraße aufgebrochen, dem kleinen Pfad folgend.« Er legte eine weitere Pause ein.
   »Und?« Anna schnaubte ungeduldig. Wenn er in diesem Tempo weitererzählte, dann würde er vor Einbruch der Dunkelheit nicht fertig werden. Alexander erhob sich langsam und blickte suchend in den Wald, der stetig dunkler wurde.
   »Die Straße ist weg!«
   »Weg?« Anna schnappte nach Luft. »Sie haben sich verlaufen, das ist alles. Die Straße ist da! Da komme ich nämlich her!« Ein zweites Mal stemmte sie sich mühsam hoch. »Vielleicht suchen wir gemeinsam. Ich finde den Weg schon.« Schwer atmend lehnte sie sich an den kalten Stamm. Sie holte noch einmal tief Luft und nickte ihm ungeduldig zu. »Können wir?«
   Doch Alexander hatte offensichtlich weder vor, ihr zu helfen, noch sich in Bewegung zu setzen. »Die Straße ist nicht mehr da, glauben Sie mir. Ich finde mich normalerweise überall gut zurecht, und diesen Wald hier kenne ich wie meine Westentasche. Aber die Straße ist genauso verschwunden wie Oskar.«
   »Oskar ist weg?«
   Nun trat er einen Schritt zur Seite und wischte sich durchs Gesicht. »Ja, verdammt, Anna. Ich habe Ihnen vorhin Glauben geschenkt, und jetzt müssen Sie mir vertrauen. Etwas stimmt hier nicht, stimmt ganz und gar nicht. Sehen Sie sich doch mal um. Der Wald …«
   Der arme Kerl war wirklich furchtbar durcheinander. Mit einem leisen Seufzer spähte sie in das satte Grün. Im gleichen Moment nistete sich in ihrem Magen ein Eisklumpen ein. Die winzigen blassgrünen Knospen, die sie heute Morgen noch bewundert hatte, waren zu tiefgrünen, großen Blättern gewachsen. Dunkelgrün und dicht, die fein gerippten Buchenblätter waren unübersehbar. Alexander hatte recht, der Wald hatte sich verändert. Es war dunkler geworden, und nicht nur, weil es langsam Abend wurde. Hier wollte sie nicht bleiben. Nicht allein, nicht in Alexanders Begleitung und vor allem nicht nachts. Weit würde sie nicht laufen können, aber es gab doch sicher einen besseren Ort, um die Nacht zu verbringen. Eine Lichtung vielleicht, sie mussten eben ein wenig suchen. Mit einem Mal spürte sie die Kälte deutlich durch ihr dünnes Hemd. »Dann, Alexander Bach, sollten wir wenigstens eine etwas geeignetere Unterkunft finden. Nicht mehr lange, und es ist stockdunkel.«
   Der Rucksack. Wo war der Rucksack mit Bauer Carlsons Kostbarkeiten? Sie entdeckte ihn hinter dem Baum, an dem sie eben noch gelehnt hatte. Anna atmete erleichtert auf und griff mit zittrigen Händen danach, doch ihr unausstehlicher Begleiter kam ihr zuvor, schulterte den schweren Sack mit Leichtigkeit und griff sich außerdem noch die Kartoffeln.
   »Darf ich, oder wollen Sie?« Er hielt ihr den Sack unter die Nase.
   Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn und schluckte die Übelkeit samt Antwort hinunter. Mit einem Schulterzucken setzte er sich in Bewegung. »Also gut, bitte folgen Sie mir.«
   »Vielleicht sollte ich vorangehen?«, räumte Anna ein. Er blieb so abrupt stehen, dass sie gegen ihn prallte und beinahe das Gleichgewicht verlor.
   »So, Fräulein Peters, Anna, damit wir uns hier richtig verstehen.« Nun hatte sie ihn anscheinend richtig verärgert, zornig schob er sie zur Seite. Anna trat erschrocken einen Schritt zurück. »Ich bin sicher, dass der Wald erst mal nicht aufhört, dass er nicht mehr derselbe ist, den wir heute Morgen betreten haben, dass die Straße nicht mehr da ist und dass Oskar ebenfalls verschwunden ist. Und während Sie hier bewusstlos herumgelegen haben, bin ich sicher nicht untätig gewesen, wie Sie vermutlich annehmen, sondern habe uns eine Unterkunft gesucht und alles für eine höchstwahrscheinlich unbequeme und kalte Nacht in diesem gottverdammten Wald vorbereitet. Sie können jetzt mitkommen oder den Weg allein fortsetzen, das liegt ganz bei Ihnen.« Er stiefelte los, ohne sich auch nur einmal umzudrehen.
   Anna blickte ihm finster hinterher. Also gut, dann würde sie ihm eben folgen, diesem ungenießbaren Besserwisser. Sie hoffte nur, dass es bis zu der Unterkunft nicht weit war. Den Blick auf den breiten Rücken ihres Begleiters geheftet, setzte sie konzentriert einen Fuß vor den anderen. Sie verstand einfach nicht, warum sie sich so schwach fühlte und es ärgerte sie ungemein, sich hinter ihm herschleppen zu müssen. Zügig schritt er voran, ohne sich davon zu überzeugen, ob sie ihm folgte. Wahrscheinlich würde er nicht einmal merken, wenn sie eine andere Richtung einschlug oder vor Erschöpfung einfach umfiel. Mit dem Handrücken wischte sie zornig durch das schweißtriefende Gesicht, als Alexanders Umrisse vor ihren Augen verschwammen. Undeutlich sah sie, wie er ihren Rucksack absetzte und sich an den Ästen irgendeines Baumes zu schaffen machte. Einen Fuß vor den anderen, Anna, noch einen und noch einen. Sie hatte Alexander fast erreicht, als sich die Bäume um sie herum zu drehen begannen.
   Mit einem leisen Fluch ließ Alexander einen Armvoll dürrer Zweige achtlos auf den Boden fallen und lief auf sie zu.
   »Verdammt noch mal, Anna!« Ohne ein weiteres Wort hob er sie hoch und trug sie bis zu der Baumgruppe, wo er haltgemacht hatte. »Wie wärs mit Rufen gewesen! Warum haben Sie mir nicht gesagt, dass Sie nicht mehr weiterkönnen?«
   Vor sich hin brummelnd sammelte er die Stöcke wieder ein.
   »Vielleicht weil Sie viel zu sehr damit beschäftigt waren, voranzugehen«, erwiderte sie frostig. »Ich hoffe nur, dass es nicht mehr allzu weit ist, bis zu Ihrer Unterkunft. Ich fürchte, den Rest des Weges müssen Sie mich tragen.«
   »Wir sind da«, erklärte er knapp und suchte erneut einige Äste zusammen.
   Sie stemmte sich auf ihre Ellbogen und versuchte, aufzustehen. »Warten Sie, ich helfe Ihnen.«
   Alexander verdrehte die Augen. »Tun Sie sich und mir den Gefallen und ruhen Sie sich einfach einen Moment aus.«
   Anna rutschte ein wenig zurück und lehnte sich erschöpft gegen einen Baumstamm. Gar nicht schlecht, vor ihr lag eine kleine Lichtung. Anna schöpfte erleichtert Atem, hier war es eindeutig weniger unheimlich, als inmitten des dichten Unterholzes, aus dem sie eben getreten waren. Alexander hatte anscheinend nicht vor, die Unterhaltung mit ihr fortzusetzen und schichtete dünne Zweige und trockenes Laub auf. Schließlich kniete er sich davor, griff seufzend nach einem Stein und schlug mit dem Rücken eines kleinen Messers dagegen. Feuer wollte er also machen. Anna zuckte mit den Schultern und grinste. Eine Weile sollte er sich ruhig abplagen. Er kniff seine Augen konzentriert zusammen und sein schwarzes Haar fiel ihm ins Gesicht. Die Hemdsärmel waren bis zum Ellbogen hochgekrempelt und die grauen Hosenbeine mehrmals umgeschlagen. Anna betrachtete ihn verstohlen. Kräftige Arme, muskulöse Unterschenkel. Kraftvoll und entschlossen schlug er an der Seite des Steins entlang. Ab und zu sprang tatsächlich ein Funke, doch bis jetzt war es ihm nicht gelungen, auch nur einen davon auf die angehäuften Äste und Blätter fallen zu lassen. Aufgeben schien für ihn nicht infrage zu kommen, das musste man ihm lassen. Anna ließ die Hand in die Hosentasche gleiten. Dort lag es, warm und vertraut. Ihre Finger ertasteten die Kratzer des silbernen Feuerzeugs und schließlich zog sie es aus der Tasche. Für einen Moment erhellte eine winzige Flamme die zunehmende Dunkelheit. Es funktionierte noch. Alexander sah sie entgeistert an, als Anna ihm den kostbaren Schatz zuwarf.
   »Hier, damit geht es besser.«
   Ohne ein Wort fing er es auf und es dauerte nicht lange, bis es munter neben ihr knisterte. Anna atmete auf. Die Kälte der einbrechenden Nacht kroch an ihr empor wie zuvor der schreckliche Nebel. Sie zog ihre Knie an und schlang ihre Arme um die Beine. Das Feuer strahlte inzwischen eine angenehme Wärme aus und Anna streckte ihm dankbar ihre kalten Hände entgegen. Außerdem verdrängte es zumindest in seiner unmittelbaren Umgebung die Dunkelheit und spendete ein lustig flackerndes Licht.
   Alexander deutete auf eine mit Blättern gefüllte Mulde auf der gegenüberliegenden Seite des Feuers. »Und das, Anna, ist die Unterkunft, die ich Ihnen versprochen habe.«
   Anna runzelte die Stirn. Was denn, ein Blätterhaufen? Doch dann erkannte sie, dass der Laubhügel eher einem Biberbau ähnelte. Über einem Gerüst aus kräftigen Ästen waren Blätter, Gras, Zweige und sogar Erde angehäuft. Anna spähte in die Öffnung. Dort konnten bequem zwei Personen übernachten und hier würden ihnen weder Wind noch Regen etwas anhaben können. Das war eine Menge Arbeit gewesen, sie hatte ihm unrecht getan.
   »Das, ähm, das sieht fast gemütlich aus. Danke …«
   Er grinste und sah sie aufmerksam an. »Meinen Sie, ich kann Sie hier für einige Minuten allein lassen? Ich möchte die Feldflasche auffüllen.« Er deutete in die Dunkelheit. »Nicht weit von hier ist ein kleiner Bach.«
   Wenn es sein musste. Anna nickte zögernd. Er griff nach einem armdicken toten Ast, an dem einige trockene Blätter hingen, und hielt ihn ins Feuer. Die Blätter sprühten Funken und die Spitze glühte bald hellrot.
   »Damit müsste ich eigentlich hin- und zurückkommen. Bin gleich wieder da.«
   Die rote Flamme seiner provisorischen Fackel schrumpfte zu einem Punkt und bald tanzte sie wie ein Glühwürmchen zwischen den Bäumen, um schließlich ganz zu verschwinden. Das Feuer, das eben noch munter gefunkelt hatte, warf plötzlich geisterhafte Schatten. Sie sollte bei seiner Rückkehr freundlicher zu ihrem Reisegefährten sein. Angestrengt lauschte Anna in die Dunkelheit. Zu den tanzenden Geisterschatten und dem Knistern der Glut gesellte sich eine Fülle unheimlicher Geräusche. Das flüsternde Rauschen der Bäume, ein Rascheln im Laub, ein Knacken hinter ihr. Anna fuhr zusammen, als ihr Magen sich lautstark bemerkbar machte und sich geräuschvoll beschwerte. Sie tastete nach dem Kartoffelsack. Mit den Ereignissen des Tages hatte sie ihren Hunger vergessen, doch seltsamerweise kehrte mit der Furcht auch ihr Appetit zurück. Kein Wunder, es musste etwa zwölf Stunden her sein, dass sie überhaupt etwas gegessen hatte. Vier Kartoffeln, das sollte reichen. Wieder knackte es im Unterholz, dieses Mal lauter als zuvor. Anna glitt die Kartoffel aus der Hand. Wo zum Teufel blieb ihr ritterlicher Beschützer, wenn sie ihn brauchte? Anna umklammerte einen dicken Ast des Holzstapels, tauchte ihn in die rote Glut und wartete. Irgendetwas näherte sich dem Feuer. Mühsam stand sie auf. Die Erschöpfung nagte an ihren Knochen. Wenn sie sich jetzt verteidigen musste, hatte jeder Angreifer leichtes Spiel. Etwas rauschte an ihr vorbei, sie stolperte und warf sich zur Seite, um nicht im Feuer zu landen. Funken sprühten, als ihr der Ast entglitt und zischend in die Flammen fiel.
   Panisch drehte sie sich um. »Du meine Güte. Oskar, du Monster.«
   Schwanzwedelnd stand er über ihr. Unglaublich, dass sie sich jemals über die Anwesenheit dieses schwarzen Ungetüms freuen würde. Der riesige Hund setzte sich neben sie und legte den Kopf schief.

»Wo kommst du denn her, du Zotteltier? Junge, hast du mir einen Schrecken eingejagt.« Anna grinste schwach und kraulte das weiche Fell des massigen Brustkorbs, während Oskar zufrieden die Augen schloss.
   Erneut griff sie nach den Kartoffeln und warf sie entschieden ins Feuer. Allmählich atmete sie ruhiger und ließ schließlich ihre Hand auf dem zottligen Pelz ruhen.
   Endlich! In der Ferne tauchte ein Licht auf, tanzte auf und ab. Mit einem Satz war Oskar auf den Beinen und gab Töne von sich, die Anna vage an ein mächtiges Donnergrollen erinnerten. Das musste Alexander sein. Er würde sich wundern. Noch stand Oskar neben ihr, doch Anna spürte, dass er ungeduldig auf einen Befehl wartete. Auch er schien sein Herrchen erkannt zu haben, denn sein buschiger Schwanz wedelte inzwischen heftig in ihrem Gesicht herum. Hin- und hergerissen zwischen dem Pflichtgefühl, seine wiedergefundene Freundin zu beschützen und dem Drang, sein verlorenes Herrchen zu begrüßen, zuckten die Muskeln des kräftigen Tieres. Abermals kämpfte sich Anna hoch und klapste ihm ermunternd auf den Hintern.
   »Nun lauf schon. Lass ihn nicht länger warten.«
   Und schon war das schwarze Ungetüm auf und davon. Die riesigen Pfoten landeten auf Alexanders Schultern, die rosa Zunge in seinem Gesicht. Hastig wischte er sich über die Augen und klopfte seinem Hund lächelnd auf den Rücken. Für einen Moment sah er furchtbar jung und verletzlich aus. Sie tat ihm den Gefallen, den flüchtigen Einblick in sein unverschlossenes Innenleben zu übersehen und winkte den beiden zu.
   »Oskar ist wieder da!« Freudestrahlend reichte er ihr die volle Feldflasche. Jetzt erst spürte sie den Durst in ihrer Kehle. Dankbar nahm sie das Gefäß entgegen und setzte es vorsichtig an ihre trockenen Lippen. Was zum Kuckuck war das? Sie wünschte, es wäre nicht so dunkel und sie könnte den Inhalt der Flasche genauer betrachten. Für gewöhnliches Wasser war es einfach zu köstlich.
   »Das ist er«, bestätigte sie und lachte. »Dein Hund hat mich fast zu Tode erschreckt.« Schlürfend ließ sie die Flüssigkeit über ihre Zunge gleiten und schluckte langsam. »Ich dachte, du holst Wasser aus einem Bach? Was ist das?« Sie roch neugierig an der Feldflasche, hielt plötzlich inne und hustete verlegen. Hatte sie ihn gerade geduzt? »Ähm, ich meine, Sie …« Mist, wenn er es nicht bereits zuvor bemerkt hatte, dann spätestens jetzt.
   »Du ist völlig in Ordnung, Anna.« Er reichte ihr die Hand. »Alexander, für Freunde auch schon mal Alex.«
   Anna seufzte und grinste zerknirscht. »Also gut, Alexander. Was habe ich denn nun gerade getrunken? Wasser?« Sie äugte skeptisch in die Flasche.
   »Du hast recht, es schmeckt anders, und doch stammt es aus einem ganz normalen Bach. Ich habe ihn entdeckt, noch bevor es dunkel geworden ist. Klares Wasser.« Nachdenklich blickte er sie an. »Hast du Hunger? Du siehst … nun ja … etwas mitgenommen aus. Vielleicht solltest du dich lieber setzen.«
   Das konnte sie sich gut vorstellen, sie fühlte sich fürchterlich. Ihre Beine würden sie nicht mehr lange tragen, ihr Puls raste. Sie schwankte, als seine Finger sich fest um ihre Hand schlossen. Sanft schob er sie neben das Feuer.
   »Bist du … krank?«
   Sie schüttelte traurig den Kopf. »Ich … ich verstehe das auch nicht. So … schwach habe ich mich … noch nie gefühlt.« Sie hob resigniert die Schultern und nickte schließlich. »Ja, ich habe Hunger. Ich habe ein paar Kartoffeln ins Feuer geworfen. In meinem Rucksack ist außerdem ein ansehnliches Stück Fleisch. Meinst du, wir können das hier braten?«
   Alexander pfiff durch die Zähne, als er das riesige Paket hervorzog. »Das, Anna, ist wirklich ein ordentliches Stück. Ich denke, wir sollten alles braten, sonst verdirbt es.« Er zog das kleine Messer aus seiner Hosentasche und teilte den Braten in zwei Teile. »Es wäre doch schade drum.«
   Anna nickte zögernd. »Ich hatte eigentlich vor, es heute Abend einzukochen, aber da wird ja wohl nichts draus.« Und nun konnte sie noch nicht einmal Peter etwas davon abgeben. Peter. Er war inzwischen bestimmt außer sich vor Sorge. Der Gedanke an ihren treuen Freund tat weh. Für einen Moment schloss sie die Augen.
   »Alles in Ordnung?«, hörte sie seine besorgte Stimme neben sich.
   »Da ist jemand, der langsam anfängt, sich Sorgen zu machen. Wahrscheinlich sucht er bereits nach mir und ich fürchte, er wird mich nicht finden, nicht hier …«
   »Das tut mir leid. Ehemann oder Freund?«
   »Ein Freund«, erwiderte sie. Was ging ihn das überhaupt an? »Ein guter Freund, der beste, den man sich wünschen kann, wenn du es genau wissen willst. Bist du dir sicher, dass die Straße verschwunden ist?«
   Die Antwort kam ein wenig zu schnell und zu scharf. »Ja, Anna, ich bin mir sicher!«
   Anna blickte bekümmert in die rote Glut. Schweigend spießte Alexander beide Stücke auf lange Äste und reichte Anna einen der zwei Stöcke. Ohne ein weiteres Wort ließen sie das Fleisch über dem Feuer brutzeln. Der würzige Geruch stieg ihr in die Nase und wieder hörte sie ihren Magen vorwurfsvoll knurren.
   Nach einer Weile drückte Alexander ihr seinen Spieß in die Hand. »Hier, halt mal.« Er verschwand hinter einer dicken Tanne. Kurz darauf kehrte er mit zwei flachen Steinen zurück und legte sie neben Anna auf den Boden.
   »Mit Besteck kann ich leider nicht dienen, ich denke, wir müssen uns mein Messer teilen.«
   Er nahm ihr die Spieße aus der Hand und schob die Fleischstücke auf die Steine. Dann holte er mit einem Stock die Kartoffeln aus dem Feuer.
   »Guten Appetit, Anna Peters. Lass es dir schmecken.«
   Er rutschte an ihre Seite und lange war außer gelegentlichen Kaugeräuschen und leisem Schmatzen nichts zu hören. Alexander teilte seine Mahlzeit mit Oskar und auch Anna warf dem riesigen Hund, der sich zwischen sie gedrängt hatte, ab und zu ein Stückchen Fleisch hin. Schließlich lehnte sich Anna zurück und atmete tief durch.
   »Uff, ich glaube, gleich platze ich. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so viel auf einmal gegessen habe. Totale Völlerei.«
   »Da muss ich mich wohl bei dir bedanken.« Alexander erhob sich grinsend. »Auch ich habe mich lange nicht mehr so satt gefühlt.« Er warf ein weiteres Stück Holz in die Flammen, kroch dann in den kleinen Blätterhaufen und hielt kurz darauf seine Gitarre in der Hand.
   »Die hast du nicht verloren?«
   Er schüttelte den Kopf, legte den rechten Zeigefinger auf seine Lippen und zupfte an den Saiten. »Musik verscheucht die wilden Tiere«, sagte er und lächelte.
   Anna kannte die Melodie nicht, die er dem Instrument entlockte, doch es war egal. Die sanften Töne beruhigten ihre zugegebenermaßen stark strapazierten Nerven. Nur zu gern ließ sie sich von ihnen forttragen. Irgendwann legte er die Gitarre zur Seite und das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. »Und jetzt, Anna Peters, sollten wir uns ein wenig unterhalten.«

Kapitel 5
Nachtlager

»Du hast es gewusst? Du hast es tatsächlich gewusst.« Erst Frage, dann ernüchternde Erkenntnis, kaum mehr als ein Flüstern, und doch bebte ihre Stimme vor Zorn. Anna war kreidebleich, doch nicht einmal kräftiges Ein- und Ausatmen schien zu helfen.
   »Anna, du musst dich beruhigen, bitte.« Er griff nach ihrer Hand, doch sie fuhr bei seiner flüchtigen Berührung zusammen, als hätte sie auf eine heiße Herdplatte gefasst.
   »Rühr mich nicht an, Alexander!«
   Die leise Drohung war nicht zu überhören. Schicksalsergeben erhob sich Alexander und lief rastlos vor dem prasselnden Feuer auf und ab. Gelegentlich warf er einen Blick auf Anna, die ihm zitternd den Rücken zugedreht hatte. Sie tat ihm leid, doch es war nicht seine Absicht gewesen, sie mitzunehmen, war sie ihm doch geradezu in die Arme gefallen.
   Es war kalt geworden, doch die Wärme der Flammen tröstete und beruhigte ihn ein wenig. »Anna, bitte, sieh mich an.«
   Keine Reaktion, hatte sie ihn überhaupt gehört? Alexander musste an sich halten, nicht tröstend den Arm um sie zu legen. Höchstwahrscheinlich würde sie nach ihm schlagen, wenn er sich nur auf Armlänge näherte.
   Er hatte wenigstens ein wenig Zeit gehabt, sich auf das hier vorzubereiten. Obwohl … mehr als eine Ahnung war es nicht. Es hatte um die Weihnachtszeit angefangen. Zunächst waren es nur Träume, doch bald verfolgten ihn die Bilder wie blasse Schatten, auch wenn er nicht schlief. Und mit jedem Traum nahmen sie an Klarheit zu, wurden fühlbarer, schärfer. Bald fand er sich in Landschaften wieder, die so atemberaubend schön waren, dass sein Herz schmerzte, wenn er aufwachte. Er spazierte durch duftende Wälder, groß und unberührt, nur sattes, tiefes Grün. Majestätische Berge mit schneebedeckten Gipfeln erhoben sich vor ihm und er entdeckte wunderschöne Seen mit kristallklarem Wasser inmitten bunter Blumenwiesen. Kurze Zeit später tauchten Tiere in den Wäldern auf, Rehe, Hasen und Vögel, und es fiel ihm immer schwerer, sich von seinen Träumen zu trennen. Die echten und lebendigen Bilder faszinierten ihn. Er war mehr als nur Beobachter, er befand sich mittendrin und konnte das Singen der Vögel, das Rauschen der Wälder und das Tosen der Ozeane nicht nur hören, sondern auch riechen, fühlen und schmecken. Dann jedoch erblickte er Kreaturen und Fabelwesen, die sich fern von jeglicher ihm vertrauten Realität befanden, und nun war er froh, geradezu erleichtert, wenn er aufwachte. Es waren keine undeutlichen Schatten mehr. Was er vor sich hatte, war echt und nah, und als er das erste Mal meinte, neben einem gewaltigen Drachen zu stehen, wünschte er sich, ein Buch in der Hand zu halten und es kurzerhand zuklappen zu können. Doch der Traum tat ihm diesen Gefallen nicht, er entließ ihn erst dann zurück in die Wirklichkeit, nachdem er Alexander hinlänglich mit bunten Details versorgt hatte. Er spürte den heißen Atem der riesigen Kreatur in seinem Gesicht, berührte unfreiwillig sein braungrünes Schuppenkleid und blickte angstvoll in die funkelnden, smaragdgrünen Augen. Alexander wollte davonlaufen, und als ihn der Traum endlich ziehen ließ, fand er sich keuchend auf dem kalten Fußboden neben seinem Bett wieder. Danach besuchten ihn andere Kreaturen: Einhörner, Greife und Tiere, denen er beim besten Willen keinen Namen zuordnen konnte. Als die Angst schließlich der Neugier gewichen war, konnte er diese Wesen auch beobachten, wenn er wach war. Nicht so nahe und deutlich wie in seinen Träumen, doch besonders in dem kleinen Wald, in dem sie sich jetzt befanden, meinte er immer wieder Umrisse der fabelhaften Geschöpfe ausmachen zu können.
   Irgendwann hatte er beschlossen, sich mit der Existenz der Träume und den seltsamen Eindrücken und Wahrnehmungen abzufinden, nichts infrage zu stellen und sich vor allem nicht selbst für verrückt zu erklären. Alexander begann zu akzeptieren, dass es noch andere Realitäten außer den bisher vertrauten oder angenehmen geben könnte. Vielleicht waren sie ja genauso Normalität wie die Ruinen, die zurückkehrenden Kriegsgefangenen, der allgegenwärtige Hunger oder der eisige Winter. Seit etwa einer Woche zog es ihn magisch in das kleine Wäldchen, mit einer Macht, die er nicht verstand. Ruhelos streifte er täglich durch das Gehölz, sehr zu Oskars Vergnügen, und als heute das zarte Grün im Nebel versank, hatte ihn das eigentlich nicht einmal überrascht. Es musste etwas mit seinen Träumen zu tun haben. Kurz vorher hatte er Anna getroffen, mit ihr gestritten, ihr hinterhergesehen, als sie im Dunkel des Waldes verschwand und Stunden später war sie in seinen Armen gelandet.
   Nichts hatte er ausgelassen in seinem Bericht. Erst hatte sie sich über ihn lustig gemacht, ihn verspottet. Dann war sie still geworden und plötzlich war sie explodiert wie ein Vulkan. Sie tat ihm leid, mitfühlend sah er zu ihr hinüber und es zerriss ihm das Herz, wie sie ihre Knie umklammerte und ausdruckslos in das Feuer starrte. Mittlerweile zitterte Anna so heftig, dass ihr ganzer Körper geschüttelt wurde. Nun reichte es. Zum Teufel mit der Rücksichtnahme. Mit einem Satz war er bei ihr, ging vor ihr in die Knie, packte sie kräftig an den Schultern und riss sie zu sich herum. Wie erwartet schlug sie nach ihm und traf ihn mit der flachen Hand mitten ins Gesicht.
   »Du hättest mich wenigstens warnen müssen, verdammt!« Tränen des Zorns schwammen in ihren Augen.
   Alexander trat einen Schritt zurück und rieb sich die brennende Wange. »Ach ja, Anna, wann denn? Als du nicht schnell genug von uns fortkommen konntest oder vielleicht, als du mir in die Arme gefallen bist?« Er hätte sie gewarnt, hätte er Zeit dafür gehabt.
   »Du hättest mich warnen können«, wiederholte sie, dieses Mal ein wenig leiser. »Ich … ich möchte nach Hause.«
   Er versuchte es noch einmal und nun erlaubte sie seine Berührung. Ruhig lag seine Hand auf ihrer Schulter.
   »Ich weiß, Anna, und ich verspreche dir, ich bringe dich heim, sobald ich verstehe, was hier vor sich geht. Aber ich fürchte, das muss mindestens bis morgen früh warten.« Er musterte sie besorgt. Das flackernde Licht des Feuers verlieh ihrem ohnehin farblosen Gesicht eine fast durchscheinende Blässe, die durch ihre wilden hellbraunen Locken noch verstärkt wurde und ihre honigbraunen Augen wie Bernsteine funkeln ließ.
   »Fühlst du dich ein wenig besser?«
   Anna zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht. Allein der Gedanke, noch mal aufzustehen … Ist noch etwas Wasser da?«
   Alexander griff nach der kleinen Flasche und schüttelte sie sacht. »Nicht viel. Hier, trink.«
   Sie hob abwehrend die Hand. »Nein, wir teilen.«
   »Kommt nicht infrage, Anna. Bitte, trink.«
   Sie ließ den Rest des erfrischenden Getränks langsam durch die Kehle rinnen und schraubte gedankenverloren den Deckel zu. »Meinst du, wir finden morgen hier raus?«
   »Ich denke schon.« Alexander fuhr sich nachdenklich durch die Haare. »Ob wir allerdings den Weg nach Hause finden … Wer weiß.« Im Grunde war er sicher, dass sie nicht einfach nach Hause gehen konnten und dass die Straße auch morgen noch verschwunden war. Doch aus dem Wald hinauszufinden, hielt er für durchaus möglich. Vorausgesetzt, Anna war bei Tagesanbruch wieder einigermaßen bei Kräften. Auch er fühlte sich ein wenig geschwächt, doch verglichen mit ihr ging es ihm blendend. Warum nur war sie dermaßen erschöpft und entkräftet?
   Mit dem Handrücken fegte sie die Tränen von den blassen Wangen und atmete tief durch, als plötzlich auch der Rest Farbe aus ihrem Gesicht wich. Gerade rechtzeitig gelang es ihr, aufzuspringen und sich keuchend im Unterholz zu übergeben. Mit unsicheren Schritten wankte sie zurück zum Feuer.
   Alexander griff ihr unter die Arme, half ihr sich zu setzen, und als er sah, dass sie erneut heftig zu zittern begann, pfiff er Oskar zu sich. Der riesige schwarze Hund drückte sich ohne zu zögern dicht an sie und langsam, ganz langsam ließ das Beben nach.
   »Anna, du musst dich beruhigen, bitte. Was ist denn nur los mit dir?«
   »Ich habe Angst, Alexander. Es ist, als ob mir das Steuer aus den Händen gleiten würde. Nicht zum ersten Mal …« Sie hielt inne, schüttelte den Kopf und schien einen Gedanken beiseitezuschieben. Schließlich wischte sie sich mit dem Ärmel über den Mund und sah erschöpft auf die leere Feldflasche.
   »Ich hole frisches Wasser, Anna. Bin sofort wieder da.« Schon hatte er nach einem Ast gegriffen und ihn ins Feuer gehalten. Es war inzwischen stockdunkel und ohne Fackel würde er unmöglich den Weg durch das finstere Unterholz finden.
   »Nein, bitte geh nicht.«
   Überrascht drehte er sich um.
   Anna senkte verlegen ihren Blick. »Ich glaube, ich habe lieber ein bisschen Durst, als noch mal allein hier in der Dunkelheit zu warten.«
   Alexander nickte wortlos, setzte sich neben Oskar und starrte ins prasselnde Feuer. Als die Stille zu laut wurde, räusperte er sich und warf noch einige Stücke Holz nach. »Es ist nicht nur die Dunkelheit, nicht wahr?« Alexander kraulte Oskars Fell, der Wohlfühlgeräusche von sich gab. »Wenn du möchtest, ich bin ein guter Zuhörer. Oskar auch. Und wir sind verschwiegen, beide.«
   Zweimal hatte sie den Mund geöffnet und wieder geschlossen, bevor sie schwach lächelte und den Rücken straffte. »Vielleicht ein andermal.«
   Lange saßen sie schweigend nebeneinander, und als Annas Kopf zum zweiten Mal vor Müdigkeit nach vorn kippte, hob Alexander sie entschlossen hoch, trug sie zu ihrem behelfsmäßigen Unterschlupf und legte sie vorsichtig hinein. Er schnalzte mit der Zunge, doch Oskar war ihnen bereits gefolgt. Ehe Alexander ihm den Befehl geben konnte, sich neben Anna zu legen, hatte sich der gewaltige Hundekörper auch schon an sie geschmiegt. »Gut so, Kumpel. Halt sie warm.«

Gedankenverloren kehrte Alexander zum Feuer zurück. Auch er war todmüde, doch irgendetwas verbot ihm, ebenfalls schlafen zu gehen. Lustlos stocherte er mit einem Stock in der dunkelroten Glut herum. Tausende Funken sprühten zischend nach oben und verschwanden über dem dunklen Blätterdach. Er zog sein Taschenmesser aus der Hosentasche, klappte es auf und grinste. Ebenso gut hätte er mit einem Zahnstocher bewaffnet sein können. Mit diesem winzigen Messerchen würde er hier nicht viel ausrichten. Wenn er mit seiner Vermutung richtig lag, war es nur eine Frage der Zeit, bis ihm der ein oder andere Bekannte aus seinen Träumen über den Weg lief, hoffentlich eher später als früher. Er warf noch einige Äste ins Feuer. Wenn es heruntergebrannt war, würde er noch einmal Holz nachlegen und sich dann zu Anna in seinen provisorischen Unterschlupf zurückziehen und Oskar davor positionieren. Sein treuer Gefährte warnte ihn rechtzeitig vor jeder Gefahr. Alexander atmete tief durch. Jetzt hatte er zumindest einen Plan für die nächste Stunde. Bislang überschlugen sich die Ereignisse minütlich und beanspruchten ihn derart, dass er erst jetzt spürte, wie erschöpft er selbst war. Auch seine Reserven gingen langsam zu Ende. Ja, er hatte einen anstrengenden Tag hinter sich, aber es hatte schon etliche beschwerliche Momente in seinem Leben gegeben, und nie war er so ausgepumpt gewesen wie jetzt. War es möglich, jeden Knochen und jede Faser des Körpers zu spüren? Unruhig schritt er den Wald am Rande des Feuerscheins ab und spähte schließlich in die Finsternis. Das unangenehme Gefühl wollte einfach nicht verschwinden. Nichts war zu sehen oder zu hören. Er äugte in den Unterschlupf, wo Anna und Oskar gemeinsam regelmäßig ein- und ausatmeten. Es war alles in Ordnung. Wenn von irgendwoher Gefahr drohte, hätte sich Oskar schon gemeldet. Prüfend schielte er durch das dichte Blätterdach. Noch war es finster über dem Baldachin, doch bald würde die Morgendämmerung die Nacht vertreiben.
   Plötzlich fuhr er zusammen. Was war das? Täuschte er sich oder hatte er in der Dunkelheit für einen winzigen Augenblick einen bunten Schimmer gesehen? Die Härchen auf seinen Armen richteten sich auf. Alexander griff nach seinem Taschenmesser. Lächerlich. Warum hatte er nicht wenigstens das große Küchenmesser eingesteckt, bevor er heute Morgen losgezogen war? Nicht, dass er damit bedeutend mehr hätte ausrichten können, aber er würde sich zumindest nicht ganz so albern vorkommen. Da, tatsächlich, da leuchtete es wieder. Was zum Teufel war das nur? Nicht besonders hell, aber bunt, sehr bunt. Es erinnerte ihn an die virtuose Farbmischung eines Regenbogens, und irgendwo hatte er so etwas schon einmal gesehen. Vorhin im Nebel? Natürlich, das bunte Schimmern war ihm bereits inmitten des dichten Nebelschleiers aufgefallen. Oskars leises Knurren ließ ihn zusammenfahren. Sein treuer Gefährte stand mit gesträubtem Fell neben ihm, die Ohren gespitzt. Auf den Hundeinstinkt war immer Verlass, dort war etwas. Oder jemand. Das bunte Flimmern verlosch.
   »Pst.« Alexander strich dem Hund kurz über den Kopf und das Knurren hörte auf. Nun hörte er ein Rascheln im Unterholz, Schritte auf welken Blättern. Langsam bewegte sich Alexander auf das Feuer zu. Er griff nach einem Ast, der zur Hälfte verbrannt war, und zog ihn vorsichtig aus den Flammen. Das winzige Taschenmesser und eine provisorische Fackel, imposantere Waffen konnte er im Augenblick nicht aufbieten. Da, dort war das Licht wieder. Alexander verharrte, blieb stehen, ohne sich zu bewegen. Wer immer sich dort befand, musste ihn ebenfalls sehen, das Lagerfeuer war unübersehbar. Das Geräusch kam näher und Oskar knurrte erneut leise. Es konnte nicht mehr lange dauern, dann würde der Besucher in den flackernden Schein der Flammen treten. Noch einen Moment … Alexander legte seine Hand sacht auf den breiten Rücken seines Hundes und dann verpasste er ihm einen leichten Klaps aufs Hinterteil.
   »Jetzt, Oskar!«
   Wie ein Blitz schnellte der nach vorn. Alexander hörte einen überraschten Aufschrei und dann war es still. Das bunte Licht war verschwunden und Oskar knurrte nicht mehr, sondern bellte aufgeregt.

Kapitel 6
Wunden

Fieberhaft kämpfte sich Alexander durch das verzweigte Geäst, den brennenden Stock in Augenhöhe. Oskars Bellen wurde zunehmend ungeduldiger, doch der dichte Baumwuchs ließ das Licht der provisorischen Fackel nicht tief genug in die Dunkelheit dringen. So blieb ihm nichts anderes übrig, als sich lediglich an Oskars gereiztem Kläffen zu orientieren. Die Geduld seines Hundes schien inzwischen erschöpft zu sein, denn das aufgeregte Bellen ging nun in ein ärgerliches Winseln über. »Ich höre dich ja, Oskar. Es ist gut.«
   Obwohl der Wald seine Stimme dämpfte, empfand er sie als unangenehm laut. Oskar verstummte und für einen Moment blieb Alexander stehen und lauschte. Er spürte seinen Herzschlag bis in die Fingerspitzen. Der eisige Wind trug ihm ein leises Stöhnen entgegen und allmählich wurden die Umrisse seines Hundes sichtbar, der schwanzwedelnd auf ihn zulief, sich umdrehte und erneut mit dem Schwarzgrün des Waldes verschmolz.
   »Hey, nicht ganz so schnell, mein Freund.«
   Alexander stolperte hinterher und hatte Mühe, ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Eine Taschenlampe wäre jetzt nicht schlecht.
   Beinahe wäre er über sie gefallen. Oskar saß mit gespitzten Ohren zu ihren Füßen und blickte ihn stolz an.
   »Ja, ja … gut gemacht, Kumpel.« Hastig steckte er die Fackel in den weichen Boden, doch das kleine Messer hielt er fest umschlossen. Nicht dass die schmächtige Gestalt einen gefährlichen Eindruck machte, doch besonders hier und gerade heute wollte er sich lieber nicht darauf verlassen. Er kniete sich neben Oskar und beugte sich über die Ruhestörerin. Alexander raufte sich die Haare. Sie atmete, wenn auch ein wenig rasselnd. Er ergriff ihre Hand und fühlte erleichtert einen Puls, schwach aber regelmäßig. Sie musste etwa in seinem Alter sein, Mitte zwanzig vielleicht. Ihre flachsblonden Haare hatte sie zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammengebunden, aus dem sich einige Strähnen gelöst hatten und nun verschwitzt an ihrer Stirn klebten. Was zum Teufel fehlte ihr nur? Für heute hatte er genug von bewusstlosen Frauen. Er musterte sie kritisch, sie trug eine hellbraune wildlederne Hose und ein moosgrünes baumwollenes Oberteil. Anna fiel ja schon mit ihrer abgetragenen Jeans auf, aber diese Kleidung passte nun wirklich nicht dorthin, wo er heute Morgen aufgebrochen war. Ob sie hierher gehörte? Alexander griff nach seiner Fackel und hielt sie prüfend über die junge Frau. Als das Licht über ihre geschlossenen Augen wanderte, bewegte sie sich. Schwerfällig drehte sie sich auf die Seite und wimmerte.
   »Hallo?« Außer einem erneuten Stöhnen bekam Alexander keine Antwort. »Hallo, können Sie mich hören?«
   Ihre Muskeln erschlafften. Alexander rammte den flackernden Ast ein zweites Mal in die Erde und drehte sie behutsam wieder auf den Rücken. Das ungute Gefühl in der Bauchgegend kehrte zurück, als er etwas Feuchtes an seinen Fingern spürte. Warm und klebrig. Blut. Unterhalb ihrer linken Schulter zeichnete sich ein handflächengroßer runder Fleck ab. Alexander kniete sich auf den Boden, legte das Messer zur Seite und strich der Verletzten sacht über das verschwitzte Gesicht. Nichts. Also gut, bei Anna hatte es ja vorhin auch geholfen. Vorsichtig schlug er ihr auf die Wange und ebenso wie Anna missfiel das der jungen Frau. Doch bei dem Versuch ihren Arm zu heben, zog sie scharf Luft ein und ließ ihn erschöpft wieder sinken. Sie blinzelte, die blauen Augen glänzten fiebrig.
   »Können Sie mich verstehen?«
   Die Andeutung eines Nickens genügte ihm.
   »Sind Sie allein?« Sicherheitshalber griff er erneut zu seinem Messer. Er blickte sich um und lauschte, doch außer dem sanften Rauschen der Blätter war es still. Oskar hatte sich entspannt zu seinen Füßen niedergelassen, die junge Frau nickte ein weiteres Mal und so versuchte er es mit einem kurzen Lächeln.
   »Ich bin Alexander.«
   Irgendwann musste sie doch mal sprechen.
   »Naomi«, flüsterte sie.
   Na also, es ging doch. »Gut, Naomi, ich würde mir gern einmal Ihre Verletzung ansehen.«
   Ihr flüchtiges Blinzeln nahm er als Zustimmung und betrachtete nachdenklich ihr baumwollenes Oberteil. Nicht, dass er wusste, wie er ihr helfen, geschweige denn die Wunde versorgen sollte. Schließlich war er Schreiner und kein Arzt. Egal, dann musste er sich eben auf seine spärlichen Erste-Hilfe-Kenntnisse und sein Gefühl verlassen. Vorsichtig schnitt er das Hemd am Halsausschnitt ein, schob es über die verletzte Schulter und atmete tief durch. Seine Hände bebten. Eine ähnliche Verletzung hatte er schon einmal gesehen. Er erinnerte sich nur zu gut an den jungen Wehrmachtssoldaten, der sich verwundet in seine Straße und letztendlich in sein Haus verirrt hatte. Sie hatten ihn gut zwei Wochen versorgt und versteckt. Seine Mutter hatte ihn gesund gepflegt. Alexander schüttelte sich, nein, bloß nicht daran denken. Das hier war keine Schussverletzung. Etwas Spitzes musste sich in ihre Schulter gebohrt, sie aber nicht vollständig durchdrungen haben. Die Wunde blutete nicht mehr stark und war auch nicht besonders groß, ein Zentimeter Durchmesser vielleicht. Er drehte Naomi behutsam auf die Seite und untersuchte vorsichtshalber ihren Rücken. Er hatte richtig vermutet. Was auch immer geschehen war, das hier war nur eine zugegebenermaßen ziemlich tiefe Schnittwunde. Ein Messer? Kritisch ließ er seinen Blick nochmals über die junge Frau gleiten. Er konnte sie unmöglich hier zurücklassen, aber langsam machte er sich Sorgen um Anna. Überhaupt, so hatte er sich sein kleines Abenteuer eigentlich nicht vorgestellt. Er wollte allein eine Welt erforschen, von der er nur annahm, dass sie existierte und nun war ihm die Verantwortung für gleich zwei Frauen auferlegt worden, die eine total entkräftet und erschöpft, die andere verletzt.
   »Naomi, meinen Sie«, zum Henker mit den Förmlichkeiten, »meinst du, du kannst aufstehen?«
   Er wusste die Antwort, noch bevor sie den Kopf schüttelte. Es war nicht weit bis zu ihrem Lagerplatz, das Flackern des Feuers war von hier aus deutlich zu erkennen. Bis dorthin konnte er sie problemlos tragen. Sie war ein wenig kleiner und auch zierlicher als Anna. Alexander seufzte, er schaffte es, aber für die junge Frau würde es vermutlich ein recht schmerzhaftes Unterfangen werden. Entschlossen richtete er sich auf und holte tief Luft. Er drückte die Fackel im Waldboden aus, schob vorsichtig eine Hand unter ihre Arme und die andere unter die Beine. Als er sich langsam erhob, gab sie einen gequälten Laut von sich, und dann erschlaffte ihr Körper erneut.
   »Gut so, Naomi, so ist es für uns beide leichter.«

Das Holz war beinahe hinuntergebrannt. Alexander legte die junge Frau sacht auf den Boden, bevor er hastig einige Äste sammelte und sie in die glimmende Glut warf. Schon bald prasselte das Feuer wieder munter vor sich hin. Er war furchtbar müde, aber hier gab es leider niemanden, der ihm die Arbeit abnahm. Naomi lag leblos neben der wärmenden Lichtquelle. Wasser, sie braucht Wasser. Wenn er nur ein größeres Gefäß als Annas Feldflasche hätte. Erneut verfluchte er sich für seine Nachlässigkeit. Warum nur war er nicht besser vorbereitet gewesen, als er heute Vormittag aufgebrochen war? Hatte er tatsächlich nur das lächerliche Messer und seine Gitarre mitgenommen? Seine Gitarre, wirklich? Entnervt griff er nach einem weiteren dicken Stock, der aus dem Feuer herausragte, und setzte sich in Bewegung. Er schielte flüchtig in den kleinen Unterschlupf. Anna schlief nach wie vor tief und fest. Sie hatte sich zu einer Kugel zusammengerollt und lächelte im Schlaf. Gott sei Dank, hoffentlich ging es ihr in ein paar Stunden besser. Vielleicht hatten sie später eine Idee, wie sie der verletzten Frau helfen konnten.
   Wieder trat er in die rabenschwarze Finsternis des Waldes. Prüfend blickte er durch das dichte Blätterdach, es dauerte nicht mehr lange bis zum Morgengrauen. Mein Gott, war er müde. Er hatte sich noch nicht weit von dem Lager entfernt, als er Oskars feuchte Nase an seiner Handfläche spürte. »Na gut, Kumpel, dann komm halt mit. Die beiden Damen werden auch ohne deine Anwesenheit noch da sein, wenn wir zurückkommen. Komm, da vorn gibt es was zu trinken.«

Sie fanden den Bach ohne Schwierigkeiten und nun hielt es Oskar nicht mehr in der Nähe seines Herrchens. Mit einem gewaltigen Satz und einem lauten Platsch landete er mitten im kalten Nass. Alexander steckte schmunzelnd die Fackel in den sandigen Boden, kniete sich ans Ufer, schöpfte das eiskalte Wasser mit beiden Händen und trank gierig. Köstlich! Er musste auf jeden Fall morgen früh hierher zurückkehren und sich den Bach genauer ansehen. Aber jetzt war es einfach zu dunkel, um irgendetwas erkennen zu können. Er griff nach der kleinen Flasche, tauchte sie ein und ließ sie gurgelnd volllaufen.
   »Auf gehts Kumpel.« Amüsiert beobachtete er Oskar, der wie ein liebestoller Ziegenbock durchs Wasser hüpfte, als sein Blick auf einen Baum an der anderen Uferseite fiel. Solche Blätter hatte er noch nie gesehen. Er zog Schuhe und Socken aus, krempelte die Hose hoch, griff nach der Fackel und durchquerte den eiskalten Bach in einigen Sätzen. Oskar, der freudig feststellte, dass sein Bad doch noch kein Ende genommen hatte, kläffte fröhlich in die nächtliche Stille. »Pst … leise, Oskar.« Fasziniert betrachtete er den kleinen Baum. Er war nicht viel höher als er selbst, kugelrund und an den Ästen hingen lange, beutelförmige Blätter. Vorsichtig pflückte er ein solches und begutachtete es. Hm, das müsste eigentlich funktionieren … wie eine große Aubergine mit einer kreisrunden Öffnung. Behutsam tauchte er es unter, füllte es und staunte. Unglaublich! Das Blatt hielt das Wasser problemlos.

Er hatte fast nichts von der kostbaren Flüssigkeit verschüttet. Stolz blickte er in die vier Blätterkelche. Kaum hatte er das Lagerfeuer erreicht, erlosch die kurzfristige Euphorie. Und nun? Grübelnd betrachtete er die vier Beutel.
   »Man kann … sie aufhängen. Ollaris-Blätter, nicht schlecht.« Naomi brachte, auf beide Ellbogen gestützt, ein schwaches Lächeln zustande. Alexander atmete auf, es schien ihr ein wenig besser zu gehen.
   »Oben an der Öffnung, dort wo du sie gepflückt hast.«
   Ihre Stimme war leise und ihre Augen hatten immer noch den fiebrigen Glanz, doch sie war bei Bewusstsein. Kritisch drehte Alexander das randvolle Blatt, begutachtete den hakenförmigen Stiel und hängte es vorsichtig an den Ast einer kleinen Birke. Der Beutel neigte sich ein wenig zur Seite, einige Tropfen Wasser fielen auf den Boden, doch der Stängel hatte sich fest um den dünnen Ast des Baumes gewickelt. Erleichtert befestigte er auch die anderen drei Blätter und reichte Naomi schließlich die Feldflasche.
   »Durst?«
   Sie nickte.
   »Ich auch.«
   Überrascht drehte sich Alexander um. Anna stand hinter ihm. Verschlafen, aber neugierig. Naomi hielt ihr die Flasche hin, und Anna ergriff sie mit einem leichten Stirnrunzeln.
   »Geht es dir besser, Anna? Warum schläfst du nicht noch ein wenig?« Alexander massierte sich die pochenden Schläfen.
   »Du schläfst ja auch nicht. Mensch, siehst du fertig aus. Du solltest dich ausruhen.« Anna setzte sich neben die blonde Frau auf den Boden und betrachtete sie kritisch. »Außerdem verpasse ich hier ja sonst alles.« Sie reichte der Fremden freundschaftlich die Hand. »Ich bin Anna.«
   Naomi nickte ihr zu, verlagerte ihr Gewicht auf die rechte Seite und streckte ihr den linken Arm entgegen, zog ihn aber mit schmerzverzerrtem Gesicht rasch wieder zurück. »Naomi«, murmelte sie mit zusammengebissenen Zähnen.
   »Ach du lieber Himmel.« Jetzt erst entdeckte Anna den dunklen Fleck auf dem Hemd. »Du bist ja verletzt.«
   Naomi versuchte es mit einem Lächeln, das ihr zu einer gequälten Grimasse entglitt. Langsam ließ sie sich zurück auf den Boden sinken. Anna blickte unsicher zu Alexander.
   »Was ist denn passiert? Und was machen wir jetzt? Du bist nicht zufällig Arzt?«
   »Tut mir leid.« Alexander schüttelte den Kopf. »Schreiner. Meine Erste-Hilfe-Kenntnisse sind mehr als dürftig. Ich hatte gehofft, du wüsstest vielleicht, wie wir Naomi helfen können.«
   Anna runzelte die Stirn. »Meine Eltern … Ich habe nur einen kleinen Spielzeugladen.«
   Naomi zog verwundert die Augenbrauen hoch und versuchte erneut, sich aufzusetzen. Zeitgleich waren Anna und Alexander bei ihr, stützten sie vorsichtig und lehnten sie behutsam an einen Baumstamm. »Ich denke, die Wunde sollte gesäubert und dann verbunden werden.« Naomi räusperte sich. »Leider sind alle meine Sachen gemeinsam mit meinem Pferd verschwunden, als ich … verletzt worden bin.« Sie blickte die beiden argwöhnisch an. »Ihr seid gerade erst angekommen, nicht wahr?« Als sie die verwirrten Gesichter sah, seufzte sie. »Zufällig oder absichtlich?«
   »Zufällig!«, erklärte Anna mit Nachdruck und sie wies dann auf Alexander. »Er hingegen ist hier wohl mehr oder weniger absichtlich gelandet. Was immer auch hier bedeutet.«
   »Ihr seid in Silvanubis. Du weißt davon?« Naomi betrachtete Alexander ungläubig.
   »Ich habe eine gewisse Ahnung, wie es hier aussehen könnte«, antwortete Alexander und strich Oskar, der sich neben ihm ausgestreckt hatte, sanft über den Rücken. »Doch wissen …« Er schüttelte den Kopf. »Nein.«
   »Es ist schon eine Weile her, dass es jemandem gelungen ist, hinüberzukommen«, fuhr Naomi leise fort. »Nicht jeder überlebt das. Ihr habt Glück gehabt.« Naomi musste innehalten, holte pfeifend Luft und drückte reflexartig ihre Hand auf die Wunde. »Ich befürchte, uns bleibt nichts anderes übrig, als später zu versuchen, uns auf den Weg nach Hause zu machen. Und darauf zu hoffen, unterwegs auf Hilfe zu treffen.« Ihre Augenlider flatterten. »Ich bin müde. In einer Stunde wird es dämmern.« Sie stützte sich mit der rechten Hand ab, um sich hinzulegen, als Anna zu ihr trat.
   »Einen Moment noch, Naomi. Bitte lass mich die Wunde wenigstens auswaschen. Und irgendetwas muss doch vorhanden sein, um sie zumindest provisorisch zu verbinden.« Anna raufte sich ihre hellbraunen Locken. Plötzlich blieb sie stehen und lachte triumphierend. »Alexander, trägst du ein Unterhemd?«
   Er sah sie verblüfft an, begriff aber sofort. Rasch zog er sein dünnes Hemd aus, streifte sich auch das weiße Unterhemd vom Leib und reichte es ihr.
   »Jetzt darfst du dich umdrehen, Alexander.« Nur zu gern kam er ihrer Aufforderung nach. Wahrscheinlich entkleidete sie sich gerade ebenfalls. Hastig zog er sich wieder an.
   »Fertig«, rief sie etwas lauter als nötig und Alexander drehte sich langsam um. Er schluckte. Nur zu deutlich sah er, dass sie unter dem ausgewaschenen Leinenhemd fror. Er zwang sich, seinen Blick nicht ein weiteres Mal unter ihr spitzes Kinn rutschen zu lassen und heftete ihn stattdessen auf ihre bernsteinfarbenen Augen. Himmel! Diese Frau brachte ihn noch um den Verstand.
   Geschickt riss Anna die Hemden in Streifen und knotete sie gewissenhaft aneinander. Einen kleinen Fetzen ließ sie übrig, ergriff eines der kelchförmigen Blätter und tauchte das Tuch hinein. »Ich mache das schon«, teilte sie ihm knapp mit. »Und jetzt kannst du noch mal zur Seite sehen.«
   Alexander blickte betreten zu Boden. »Wenn ihr hier allein zurechtkommt, dann lege ich mich eine Weile aufs Ohr.«
   Anna entließ ihn mit einer nickenden Kopfbewegung und Alexander verschwand in dem Blätterhaufen, »Ollaris-Blätter« und »Silvanubis« vor sich hinmurmelnd.

*

Mit einiger Mühe gelang es Anna, den Blick von seinem Körper zu lösen. Breite, starke Schultern, sonnengebräunte Haut. Er war muskulöser, als sie angenommen hatte. Als er in dem Unterschlupf verschwunden war, drehte sie sich entschieden um und griff nach dem provisorischen Verband. Behutsam zog Anna ihrer Patientin das Hemd über den Kopf und betrachtete die kreisrunde Wunde. Nicht groß, doch recht tief. Der Rand war gerötet und fühlte sich ein wenig zu warm an. Naomi wimmerte leise, als Anna ihre Haut abtastete. Sie ließ noch etwas Wasser auf das Tuch tropfen und tupfte die Wunde vorsichtig ab. Doch obwohl sie nur sacht wischte, hielt die junge Frau bei jeder Berührung den Atem an. Sie hatte die Augen fest zusammengepresst und ihre Kiefermuskeln bewegten sich, wenn sie ihre Zähne knirschend aufeinanderbiss. So ging das nicht, kurzerhand nahm Anna einen Blätterkelch in die Hand und ließ das Wasser direkt über die Wunde laufen.
   »Ist das besser?«
   Naomi nickte, doch sie öffnete ihre Augen nicht mehr. Schließlich legte ihr Anna behutsam einen Verband an, nicht gerade perfekt, doch allemal besser als vorher. Naomi zitterte. Sie beeilte sich, ihr das Hemd wieder überzuziehen. Noch bevor sie ihr helfen konnte, sich hinzulegen, war Naomi eingeschlafen.
   Müde unterdrückte sie einen Seufzer. Sie brauchten dringend Unterstützung, je eher, desto besser. Nicht nur ihre Patientin musste versorgt werden, auch sie selbst wollte schnellstens zurück nach Hause. Sie wollte hier weg, zurück in ihr kleines Schlupfloch, von ihr aus auch zurück in die Farblosigkeit der zerbombten Stadt, nur weg von hier. Sie hasste es, die Kontrolle zu verlieren. Das letzte Mal, als sie das Gefühl gehabt hatte, dass ihr das Steuer aus den Händen glitt, war die Nacht, in der sie allein im Keller unter dem Spielzeugladen gesessen hatte. Wieder hörte sie das Donnern der einschlagenden Bomben, das Heulen der Sirenen. Zusammengekauert hockte sie unter der Werkbank, ganz allein. Sie hatte den Augenblick gespürt, als ihr Elternhaus in Flammen aufgegangen war, ihr Magen hatte sich ruckartig gehoben. Sie hatte gewusst, dass sie nicht mehr helfen konnte und die Einsamkeit war wie Gift in ihr Herz gekrochen. Nie zuvor hatte sie sich so hilflos und allein gefühlt. Niemals wollte sie sich wieder so machtlos fühlen. Und das hier, das kam dem Gefühl gefährlich nah. Die Erinnerungen an diese Nacht trieben ihr augenblicklich Tränen in die Augen.
   Peter sorgte sich bestimmt sehr und der alte Bauer Carlson würde auch morgen vergeblich auf die Puppe für seine Enkelin warten. Der Gedanke an den Bauern gab Annas arg strapazierten Nerven den Rest. Während sie erschöpft gegen einen Baumstamm gelehnt einschlief, liefen stumme Tränen über ihre Wangen.

Kapitel 7
Suchen und Finden

Die schmalen, geschmeidigen Feuerflügel zerfielen zu Asche, das Heulen verstummte und die grauen Flocken schwebten sanft in die Tiefe. Nachdem das Grollen der zusammenfallenden Häuser verebbt war, erleuchteten unzählige funkelnde Sterne die Nacht und am Horizont glühte ein rotgelber Schimmer. Auch unter den Trümmern flimmerte es golden. Dort wollte sie hin! So schnell sie konnte, lief sie dem Leuchten entgegen, doch je mehr sie sich näherte, umso schwächer wurde es und erlosch schließlich.
   »Nein!«
   Anna wurde von einem heftigen Zittern geschüttelt. Das Licht unter den Ruinen war verloschen.
   »Es ist gut, Anna. Du hast geträumt.«
   Eine Hand lag sanft auf ihrer Schulter. Anna blinzelte. Das hier war kein Traum. Sie befand sich immer noch in dem verfluchten Wald. Vor dem schwach glühenden Feuer lag die junge Frau, Naomi, und schlief. Sie selbst hatte offensichtlich an einen Baumstumpf gelehnt in Alexander Bachs Armen geschlafen. War er nicht eben noch in dem Blätterhaufen verschwunden, bevor sie sich an Naomis Seite gesetzt hatte? Sie straffte die Schultern und erhob sich hastig. Zu hastig. Anna ächzte, ein scharfer Schmerz schoss ihr in den Rücken. Alles, aber auch alles tat ihr weh. Sie hob die Arme, streckte sich und lief steif vor dem Feuer auf und ab. Schließlich sammelte sie ein paar Äste vom Boden und warf sie lustlos in die Glut. Wieder hatte sie von dem Phönix geträumt, doch sie war nicht aufgewacht, als die Sterne am Himmel standen. Sie hatte ein Licht gesehen. Das Licht unter den Trümmern war ungewöhnlich, neu … Dieses Mal war sie mittendrin, dabei gewesen. Nicht neutrale Beobachterin wie sonst. Und gerade als sie meinte, der Lösung des Rätsels endlich ein wenig näher zu kommen, hatte sie Alexander zum denkbar ungünstigsten Moment aufgeweckt.
   »Du musst fürchterlich geträumt haben. Ich habe versucht, dich zu wecken.«
   »Ein Albtraum … und nicht der erste.«
   »Das … tut mir leid. Wie fühlst du dich? Alles in Ordnung, Anna?«
   Sie drehte sich langsam um. »Sieh dich doch mal um. Nicht nur, dass wir in diesem verdammten Wald übernachtet haben. Außerdem wissen wir weder wo wir uns befinden noch wie wir nach Hause kommen. Und zum krönenden Abschluss hast du gestern Abend auch noch eine schwerverletzte Frau angeschleppt. Ich würde sagen, es ist nicht alles in Ordnung.«
   Alexander stand zögernd auf und zog eine Augenbraue hoch. Seine schwarzen Haare waren zerwühlt. Er sah müde und abgespannt aus.
   »So habe ich das nicht gemeint, Anna«, sagte er verhalten. »Die, ähm, kleinen Probleme sind mir hinlänglich bekannt. Ich wollte eigentlich wissen, ob es dir besser geht. Aber wer am frühen Morgen schon wie ein Waschweib schimpft, dem kann es wohl nicht besonders schlecht gehen.« Er griff nach der Wasserflasche und trat an ihr vorbei. »Möchtest du mitkommen?«
   »Wasser holen?« Ihr Blick streifte Naomi, die im Schlaf leise stöhnte.
   »Es ist nicht weit. Wir sollten uns ein wenig … frisch machen. Es wird ein anstrengender Tag werden, befürchte ich.«
   Annas Magen schnürte sich zusammen. Gestern war eigentlich schon anstrengend genug gewesen. Doch eine Erfrischung klang verlockend. Sehr verlockend. »Also gut«, seufzte sie.
   »Oskar wird auf sie aufpassen.« Mit einer knappen Handbewegung schickte er seinen Hund, der sich schwanzwedelnd an seiner Seite eingefunden hatte, zurück. »Wollen wir, Fräulein Peters?« Seine Mundwinkel zuckten, als er ihr galant seinen Arm bot.
   »Geh ruhig voran.« Konnte er sich nicht endlich sein freches Grinsen aus dem Gesicht wischen?
   »Natürlich, Anna.« Er machte einen angedeuteten Diener, umrundete sie in gebührendem Abstand und marschierte mit ausladenden Schritten los, ohne sich zu vergewissern, ob sie ihm folgte.

Mit sanftem Plätschern schlängelte sich der Bach kristallklar durch das satte Grün des Waldes und das gleichmäßige Rauschen beruhigte augenblicklich ihre überreizten Nerven. Sie beugte sich über die spiegelnde Oberfläche und verfolgte die leise Strömung. Das hier war Wasser, ganz eindeutig. Anna kniete sich hin und ließ es in ihre Hände strömen, trank bedächtig und schloss die Augen. Es schmeckte noch genauso köstlich wie gestern. Sie würde später Naomi danach fragen, vorausgesetzt sie war wach und es ging ihr ein wenig besser. Als sie ihren Durst gestillt hatte, richtete sie sich langsam auf und ihr Blick fiel auf Alexander, der hinter ihr stand, sie beobachtete und, wie konnte es auch anders sein, grinste.
   »Was! Was ist jetzt schon wieder so komisch?« Sie zog sich Schuhe und Strümpfe aus und watete in das eiskalte Nass.
   »Nichts.«
   Sie sah ihn skeptisch an.
   »Was, Alexander?« Er trat einen Schritt zurück und vergrößerte den Abstand zwischen ihnen.
   »Wirklich nichts, Anna. Auch ein Rücken kann entzücken.«
   Jetzt reichte es aber, sie drehte sich um, stapfte durchs Wasser und lief auf den Baum mit den kelchförmigen Blättern zu. Wortlos pflückte sie zwei Becher und füllte sie. Hoch erhobenen Hauptes stiefelte sie an ihm vorbei, zog den Fuß durch das kalte Wasser, sodass sich eine Fontäne kristallklarer Spritzer über ihn ergoss, griff nach Socken und Schuhen und kletterte ans Ufer. Er musste nur den Mund öffnen und sie fuhr aus der Haut. Was war nur mit ihr los? Sie hörte, wie es hinter ihr platschte, wahrscheinlich erfrischte er sich jetzt.
   Hinter einem Baum blieb sie stehen und wartete. Er hatte sich nicht nur seiner Schuhe, sondern auch seines Hemdes entledigt. Mit hochgerollten Hosenbeinen stand er knietief im Bach und ließ das eisige Wasser durch seine Finger über den Kopf rinnen. In dünnen Fäden perlte es von den pechschwarzen Haaren ab und lief über seine Brust. Anna kniff ihre Augen zusammen. Sehniger Körper, kräftige Schultern und muskulöse Arme. Die Sonnenstrahlen, die mühelos in das durchsichtige Blau tauchten, verliehen seiner Haut einen bronzenen Schimmer. Anna ertappte sich bei einem leisen Seufzer, und als Alexander seinen Kopf in ihre Richtung drehte, verschwand sie blitzschnell hinter dem Baumstamm und eilte davon.

Behutsam hängte Anna die vollen Blätter an einen dünnen Ast, Ollaris-Blätter hatte Naomi sie genannt. Sie schlief immer noch. Anna legte ihr prüfend die Hand auf die Stirn und zog sie augenblicklich erschrocken zurück. Entweder war ihre eigene Hand schrecklich kalt oder Naomi glühte. Wo blieb nur Alexander? Anna spähte suchend in den Wald. Da kam er pfeifend angeschlendert. Seine schwarzen Haare lagen nass im Nacken, die Hände steckten lässig in den Hosentaschen. Sie wartete nicht, bis er sie erreicht hatte, sondern lief ihm hastig entgegen. Er verstummte und sein Lächeln erstarb.
   »Naomi?«
   Anna nickte. »Ich glaube, sie hat furchtbar hohes Fieber.«
   Er kniete sich neben sie und schüttelte traurig den Kopf, als er sie berührte. »Die Wunde, sie muss sich entzündet haben.«
   Kurzerhand zog er ihr das Hemd über den Kopf. Für Zartgefühl und Rücksichtnahme war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. Behutsam entfernte er den provisorischen Verband. Naomi stöhnte, doch sie wachte nicht auf. Merkwürdig. Hier hatte sich nichts entzündet. Im Gegenteil, alles schien gut zu heilen. Natürlich sah man den tiefen Schnitt, doch die Ränder der Verletzung waren weder gerötet noch geschwollen. Sanft tastete Anna die verletzte Schulter ab, doch die Haut dort war auch nicht wärmer als der Rest ihres Körpers.
   »Glaube ich nicht, Alexander. Das Fieber muss woanders herkommen. Wenn ich nur Holunder oder Lindenblüten hätte, die sind entzündungshemmend und schweißtreibend. Verdammt, ich muss doch irgendwie Wasser kochen können.« Anna stöhnte. »Aber es ist sowieso egal, es ist ja erst April, da blüht ohnehin noch nicht viel.«
   Alexander schaute überrascht auf.
   »Obwohl …«, fuhr sie nachdenklich fort, »… die Blätter der Bäume sind hier ja auch größer …« Anna unterbrach sich, als sie Alexanders verblüfftes Gesicht sah.
   »Ich dachte, du bist Spielzeugladenbesitzerin oder so ähnlich. Hast du nicht gesagt, du hast keine Ahnung von Medizin?«
   »Hab ich auch nicht, aber ich interessiere mich ein bisschen für Pflanzen und Kräuter.«
   »Das, Anna, hörte sich aber nach mehr an als nur ein bisschen.«
   Sie zuckte mit den Schultern und erhob sich. »Ist ja auch egal, oder?« Das Interesse an Heilkräutern hatte sie mit Mama gemeinsam. Gehabt. So wie immer schmerzte ihr Herz, wenn sie an ihre Mutter dachte. Sie räusperte sich. »Wir haben schließlich weder Kräuter noch einen Behälter zum Wasserkochen. Und um zurück zu deiner Frage von vorhin zu kommen, nun ist wohl erst recht nichts mehr in Ordnung.« Anna blickte zu Naomi hinüber. »Wie es aussieht, können wir fürs Erste gar nicht mehr weg von hier, es sei denn, wir lassen sie zurück.«
   Alexander stemmte sich in die Höhe und nickte nachdenklich. Auf seiner Stirn bildeten sich schmale Falten. »Deshalb gehe ich Hilfe suchen. Allein.«
   Er wollte sie hier zurücklassen. Allein in einem Wald, der plötzlich ganz anders war als der, den sie kannte und mit einer Fremden, die verletzt am Feuer vor sich hindöste. »Das kommt gar nicht infrage! Ich kann genauso gut gehen!« Natürlich konnte sie das nicht. Anna wusste selbst, dass er recht hatte. Der kleine Ausflug zum Bach hatte sie bereits mehr angestrengt, als sie zugeben wollte. Weit würde sie garantiert nicht kommen, aber der Gedanke hier, Gott weiß wo in Silvanubis, auf sich gestellt zu sein, gefiel ihr nicht. Überhaupt nicht.
   »Ich verspreche dir, wenn ich bis heute Abend niemanden gefunden habe, der uns helfen kann, dann kehre ich um.« Vorsichtig ergriff er ihre Hand.
   Sie schluckte. Verdammt, sie hatte Angst. Angst vor dem Alleinsein. Sie drehte ihren Kopf zur Seite, doch Alexander hob sanft ihr Kinn und erzwang ihren Blick.
   »Anna, bitte. Sieh mich an. Hab keine Angst. Ich komme zurück, das verspreche ich. Ich verstehe dich vielleicht besser als du denkst. Glaub mir, ich fühle mich genauso lausig wie du. Du kannst mir vertrauen. Bei Einbruch der Dunkelheit bin ich wieder da, mit oder ohne Hilfe.«
   Seine Hand in ihrer. Sie strahlte Wärme und Zuversicht aus. Zögernd entzog sie sich ihm und ließ sich neben Naomi auf den Boden sinken. »Ich vertraue dir. Seltsamerweise.«
   Ein dünnes Lächeln umspielte seinen Mund und verschwand wieder. Er griff nach einem der gefüllten Blätter und hockte sich an Naomis Seite. »Aber ich fürchte, wir müssen unsere Patientin irgendwie aufwecken, bevor ich losziehe. Sie muss mir unbedingt noch ein paar Fragen beantworten.« Vorsichtig ließ er das Wasser auf die glühende Stirn tropfen. Naomi wand sich, wimmerte leise und hustete schließlich. Es war ein trockener, heiserer Husten. Anna schmerzte allein vom Zuhören der Hals. Sie verstand das nicht, gestern war sie noch davon überzeugt, dass es ihr heute besser gehen würde, und jetzt …
   »Naomi.« Alexander hielt den Kelch an ihre Lippen und half ihr, zu trinken. Anna staunte. Dieser ewig grinsende Besserwisser hatte eine sanfte, stille Seite. Ihr war das bereits aufgefallen, wenn sie ihn mit Oskar beobachtete, und auch heute Morgen, als er sie beim Aufwachen in den Armen hielt, hatte es so einen Moment gegeben. Und eben, als er ihre Angst gespürt hatte, war seine Maske ebenfalls gefallen.
   Naomi trank und verschluckte sich, was einen weiteren Hustenanfall zur Folge hatte. Behutsam richtete Alexander sie auf und lehnte sie an den rauen Baumstumpf. »Es tut mir leid, Naomi. Ich hätte dich auch lieber schlafen lassen, doch wenn du kannst, dann musst du mir jetzt ein paar Fragen beantworten.« Er hielt kurz inne, weil die Verletzte erneut von dem bellenden Husten geschüttelt wurde, wartete bis Anna ihr etwas zu trinken gegeben hatte und fuhr dann fort. »Aus welchem Grund auch immer es dir heute schlechter geht als gestern, eins steht fest, wir brauchen Hilfe, und zwar schnell.«
   Naomi nickte und sah ihn fragend an. Das Blut wich aus ihrem Gesicht. Er musste zur Sache kommen.
   »Naomi, du musst mir sagen, wie ich aus dem Wald hinauskomme und wo ich jemanden finde, der bereit ist, uns zu helfen.«
   »Du … musst nicht … hierbleiben.« Ihre Stimme klang rau und heiser.
   »Ich weiß«, erwiderte Anna leise. »Doch leider bin ich selbst nicht ganz bei Kräften und außerdem kommt es gar nicht infrage, dass du hier allein zurückbleibst.«
   Anna schluckte. Die Antwort entsprach ganz und gar nicht der Wahrheit. Am liebsten hätte sie das Angebot auf der Stelle angenommen und wäre in Alexanders sicherer Nähe geblieben. Naomi sah sie durchdringend an und wendete sich dann an Alexander.
   »Kannst du … den Himmelsrichtungen folgen?«
   Alexander nickte.
   »Nach Osten, etwa eine Stunde … Waldrand.« Sie schloss die Augen und atmete tief durch. »Folge dem Bach … genug zu trinken …«
   Alexander griff nach ihrer Hand und packte sie fest. »Naomi, gleich, gleich kannst du dich ausruhen.«
   Sie blinzelte und zog mit Mühe das linke Bein an. Anna folgte der Bewegung und sah, wie sie versuchte, ihren Knöchel zu erreichen. Eine goldene Kette blitzte am schlanken Fußgelenk. Anna berührte das Schmuckstück und Naomi nickte aufgeregt.
   »Soll ich das abmachen?« Anna fingerte an dem kunstvoll verzierten Verschluss. Schließlich lag das Fußkettchen warm in ihrer Hand. Es war schlicht, doch wunderschön mit winzigen roten Steinen versehen und filigran verarbeitet.
   Naomi deutete in Alexanders Richtung und Anna legte das Kleinod in seine große Hand.
   »Am Waldrand links … kleiner Pfad … laufe so lange, bis … Hilfe kommt … Calliditas entgegen.« Naomis Kopf kippte nach vorn.
   »Naomi, ich verstehe nicht, was meinst du?« Alexander runzelte die Stirn. »Was war das für ein Licht gestern Abend, wie weit ist es bis … Naomi!«
   Er hatte seine Stimme erhoben und begann, sie zu schütteln. Und plötzlich begriff Anna. Auch er hatte Angst. Mit einem Satz war sie bei ihm und löste sanft seine verkrampften Finger von Naomis Schultern.
   »Alexander, sie wird dir nicht mehr antworten, nicht jetzt. Lass sie schlafen.«
   Zögernd stand er auf und rieb sich das Gesicht. Das kalte Wasser hatte ihn nur vorübergehend erfrischt, seine Augenlider waren geschwollen, die Augen gerötet. Anna beugte sich über Naomi und seufzte erleichtert auf. Sie atmete tief und regelmäßig. Sie lebte. Noch. Trotzdem … Ihr war übel bei dem Gedanken, in einigen Minuten ohne Alexander hier zurückzubleiben.
   »Ich hatte noch so viele Fragen, verdammt.« Er ließ die glänzende Fußkette in der Hosentasche verschwinden und scharrte nervös mit den Füßen im Laub.
   Instinktiv ergriff sie seine Hand und drückte sie kräftig. »Du schaffst das, Alexander.«
   Seine Augenbrauen wanderten skeptisch nach oben. »Wenn du meinst. Wenn ich nur mehr wüsste von dieser rätselhaften Welt. Von Silvanubis.« Er zog sein Messer aus der Tasche und reichte es Anna.
   »Hier, ich möchte, dass du es so lange behältst, bis ich wieder zurück bin.«
   Anna verschränkte die Arme vor ihrer Brust.
   »Kommt gar nicht infrage. Sieh dich doch mal um, ist fast gemütlich hier.« Na also, sie hatte sich wieder im Griff.
   Alexander legte das Messer wortlos auf den Boden und schüttelte den Kopf. »Außerdem bleibt Oskar hier.«
   Anna blickte ihn überrascht an. Das hatte sie nicht erwartet, doch den großen starken Hund an ihrer Seite zu wissen, war schon beruhigend.
   »Wenn du meinst.«
   Er nickte bestimmt. »Vor Anbruch der Dunkelheit bin ich zurück.«
   Anna hatte den Eindruck, er wolle mehr sich selbst als sie davon überzeugen. Nun hatte er es geschafft, jetzt fühlte sie sich richtig elend. Er ließ ihr Messer und Hund und sie haderte hier mit ihrem Schicksal und bedauerte sich. Sie kramte in ihrer Hosentasche, zog das zerkratzte Feuerzeug heraus und drückte es ihm in die Hand.
   »Nur für den Fall, dass es doch etwas später wird. Feuermachen ist ja nun nicht gerade deine Stärke und unser Feuer hier lasse ich schon nicht ausgehen.«
   Er betrachtete sie mit einer Eindringlichkeit, die sie erschreckte. Für den Bruchteil einer Sekunde verlor sie sich in seinen grünen Augen und was sie darin sah, beschleunigte nicht nur ihren Pulsschlag, es machte ihr Angst. Noch nie hatte es jemand geschafft, ihr Herz derart zum Rasen zu bringen.
   »Pass gut darauf auf, es gehörte meinem Vater.«
   Er schwieg eine Weile, rang mit sich und erhob sich schließlich hastig. »Ich bringe es dir zurück. Versprochen, Anna Peters.« Ohne sich noch einmal umzudrehen, verschwand er im Wald.

Abermals legte sie ihre Hand auf Naomis Stirn. Heiß, keine Veränderung. Sie selbst war immer noch völlig erledigt, aber es ging ihr ein wenig besser als gestern. Irgendetwas musste sie tun. Sie konnte doch nicht einfach hier herumsitzen und auf Alexanders Rückkehr warten. Wer weiß, vielleicht fand sie ja doch Holunderbeeren oder irgendwelche anderen Kräuter. Anna griff nach der Feldflasche. Natürlich! Sie schlug sich mit der Hand an die Stirn. Warum war sie nicht vorher auf die Idee gekommen? Die Flasche war aus Aluminium. Sie musste sie lediglich irgendwie über das Feuer hängen und voilà, schon konnte sie Wasser erhitzen. Es waren keine großen Mengen, doch für ein bisschen Tee würde es reichen.
   »Komm, Oskar, lass uns Wasser holen und Kräuter suchen.«
   Ganz allein wollte sie nun doch nicht losziehen und Naomis Fieber würde weder mit noch ohne Oskars Anwesenheit sinken. Der rasselnde Atem war unüberhörbar. Sie war die Einzige, die Naomi helfen konnte.
   Zufrieden trottete Oskar neben ihr her. Seit Alexanders Aufbruch war er nicht einmal von ihrer Seite gewichen. Anna kraulte dem schwarzen Riesen beim Laufen flüchtig den massigen Hals, doch kaum hatten sie den Bach erreicht, gab es für ihn kein Halten mehr. Sie ließ ihn zehn Minuten tollen, dann lief sie an dem plätschernden Gewässer entlang. Gewissenhaft suchte sie das Ufer ab und wanderte hin und wieder ins dunkle Unterholz. Nichts, aber auch gar nichts außer dichtem, sattem Grün. Elender Mist! Langsam ließen ihre Kräfte nach, Schweißperlen rannen ihr in die Augen. Es war wie verhext, warum war sie nur derart erschöpft? Sie gönnte sich eine kurze Pause am Ufer und ließ ihre müden Füße von dem glasklaren Wasser umspülen. Nachdenklich grub sie ihre Finger in Oskars dichtes Fell. Er schüttelte sich ausgiebig und übersäte Anna mit Hunderten von Tropfen. Dann ließ er sich zufrieden an ihrer Seite nieder. Ihre Lider senkten sich. Nur zu gern ließ sie ihre Gedanken von dem gleichmäßigen Plätschern des Baches, dem Zwitschern der Vögel und dem Rauschen des Windes davontragen.
   Etwas ließ sie blinzeln. Ein riesiger blutroter Schatten streifte das gegenüberliegende Ufer, wanderte über eine sonnenüberflutete Lichtung und verlosch. Sie neigte den Kopf zur Seite und hielt die Luft an. Furcht erfasste sie. Langsam richtete sie den Blick nach oben und atmete erleichtert auf. Nichts. Da war nichts. Oder? Was war das? Am Rande der Lichtung sah sie etwas weiß schimmern. Milchige, leicht gelbe Blüten. Sie durchquerte den Bach stelzbeinig. Die Sonne überschüttete die Lichtung geradezu mit Helligkeit und sie hielt schützend die Hand über die Augen. Mit schnellen Schritten lief sie auf den großen Busch zu und inhalierte die Luft regelrecht. Die Blütendolden dufteten schon von Weitem frisch und fruchtig. Nicht zu fassen, Holunderblüten. Wer hätte das gedacht? Es wäre doch gelacht, wenn sie damit das Fieber nicht ein wenig senken konnte. Anna blätterte in Gedanken in dem dicken Kräuterbuch ihrer Mutter. Es gehörte zu den wenigen Kostbarkeiten, die sie aus den Trümmern ihres Elternhauses retten konnte. Wie oft hatte sie darin gelesen, nur um sich Mamas Gesicht ins Gedächtnis zu rufen. Holunderblüten, schweißtreibend, entgiftend … Jedes Jahr waren sie gemeinsam auf die Suche nach eben diesen weißen Blüten gegangen. Liebevoll pflückte sie eine Dolde und betrachtete die feinen, blassen, fünfzähligen Blütenblätter. Sie hatte etwa zehn der aufgeblühten Dolden gepflückt, als ihr ein kleiner Busch ins Auge fiel. Annas Herz tat einen verhaltenen Freudensprung. Noch besser, Salbei. Sie zupfte ein Blatt ab, zerrieb es zwischen Zeigefinger und Daumen und schnupperte selig. Mit dem Sud konnte sie die Wunde auswaschen. Anna sah sich um. Seltsam war es schon, ausgerechnet hier und so früh im Jahr diese Kräuter zu finden. Als ob eine unsichtbare Hand sie hierher geführt hatte. Der rote Schatten vielleicht? Sie fröstelte und nicht zum ersten Mal war sie froh, dass Oskar sie begleitete. Anna pflückte rasch noch einige Salbeiblätter, füllte die Feldflasche und ein weiteres Ollaris-Blatt mit Wasser und durchquerte das kalte Nass ein zweites Mal.

Obwohl sie nur im Schneckentempo vorangekommen war, keuchte sie wie ein erschöpfter Marathonläufer kurz vor der Ziellinie, als sie das Lager erreichte. Ihr Herz pumpte so kräftig, als wollte es jeden Moment aus ihrer Brust springen. Schwer atmend befestigte sie die wassergefüllten Blätter in einem Baum und suchte zwei lange Astgabeln, die sie auf beiden Seiten des Feuers in den Boden rammte. Der Zweig, den sie in die Gabeln über das Feuer schob, passte genau. Na also. Sie hängte die volle Flasche über das knisternde Feuer und lächelte zufrieden vor sich hin. Einige Holunderblüten gab sie gleich mit hinein.
   Nun musste Naomi nur noch trinken, doch alle Versuche sie aufzuwecken, waren bislang fehlgeschlagen und die junge Frau glühte. Anna balancierte das mit Tee gefüllte Ollaris-Blatt vorsichtig zu dem Baum, griff Naomis Hand und drückte zu. Naomi würde trinken.
   »Tut mir leid.«
   Naomi stöhnte, doch sie wachte nicht auf. Na gut, sie konnte noch fester, und dieses Mal klappte es. Kaum hatte sie ihre Augen einen Spalt geöffnet, legte ihr Anna den Kelch an die trockenen Lippen. Wie von selbst schluckte Naomi den warmen Tee und schloss die Augen wieder.
   »Kommt nicht infrage.« Wieder und wieder flößte sie ihr Tee ein und gab sich erst zufrieden, als der Kelch beinahe leer war. Anna trank den letzten Schluck selbst, konnte ja nicht schaden … Nachdem sie den Salbeitee ebenfalls in einen Kelch umgeschüttet und ein wenig Holz nachgelegt hatte, begannen ihre Hände zu zittern. Ausruhen, nur einen Moment. Die Sonne stand inzwischen direkt über ihr. Mittagszeit. Wenn sie ein wenig schlief, würde ihr das Warten auf Alexander, auf Naomis Genesung und auf ihre baldige Rückkehr nach Hause nicht ganz so schwerfallen.

Als Anna aufwachte, dämmerte es. Das Tageslicht war über dem Blätterdach nur noch zu erahnen und im Wald war es stiller geworden. Mit einem Satz war sie auf den Beinen. Sie musste mindestens fünf Stunden geschlafen haben.
   Das Feuer! Gott sei Dank, es glomm noch. Hastig warf Anna einen Haufen trockener Zweige in die Glut, die sofort prasselnd aufflackerten. Sie warf dicke, schwere Äste hinterher, dann sah sie sich um. Oskar rekelte sich zufrieden vor den knisternden Flammen. Hund müsste man sein. Naomi! Schweißperlen glänzten auf ihrer Stirn, ihre Patientin schwitzte. Anna ergriff ihre Hand. Warm, aber nicht mehr heiß. Der Tee hatte gewirkt. Naomi lag ruhig und entspannt auf dem Rücken und atmete langsam und gleichmäßig.
   »Naomi?« Vorsichtig drückte sie die schmale Hand.
   »Hm.«
   Der blonde Schopf drehte sich in ihre Richtung. Gut. Sie war wach und bei Bewusstsein.
   »Ich schwitze.« Ihre Stimme war leise, doch nicht mehr so rau.
   Anna lächelte. »Das ist gut, Naomi. Dein Fieber scheint zu sinken. Hast du Schmerzen?«
   Sie versuchte, sich aufzusetzen. »Meine Schulter …«
   Behutsam half ihr Anna, sich aufzurichten. Naomi schwankte gefährlich hin und her und die fiebergeröteten Wangen verloren schlagartig ihre Farbe.
   »Anna, so heißt du doch, richtig?«
   Anna nickte.
   »Hab ich das geträumt, oder hast du mir ständig ein ziemlich bitteres Getränk eingeflößt?«
   »Ja, das war ich. Scheint zu helfen. Oder etwa nicht?«
   Naomi schmunzelte. »Holunder?«
   »Das hast du erkannt?«
   »Gute Wahl.« Sie legte ihre Hand auf Oskars Rücken und ließ nachdenklich ihren Blick auf Anna ruhen. »Wo ist denn dein Freund?«
   »Hilfe suchen. Erinnerst du dich nicht? Du hast ihm den Weg beschrieben und ihm eine kleine Kette mitgegeben.«
   Naomis Hand glitt zu ihrem Fußgelenk. Niedergeschlagen schüttelte sie den Kopf.
   »Kann ich mir mal deine Schulter ansehen?« Ohne eine Antwort abzuwarten, half Anna ihr aus dem Hemd und entfernte den provisorischen Verband. Die Wunde blutete nicht mehr und schien sich nicht entzündet zu haben. »Ich habe Salbeitee gekocht. Ich würde deine Verletzung gern damit säubern, wenn es dir nichts ausmacht.«
   Naomi warf ihr einen ergebenen Blick zu. »Bitte schön.«
   Anna griff nach dem Kelch und goss den blassgrünen Tee langsam über die verletzte Schulter.
   »Salbei … entzündungshemmend und blutstillend. Du kennst dich aus.« Naomi zwinkerte ihr anerkennend zu. »Ich danke dir. Ich denke, ich habe Glück gehabt.«
   Anna ließ ihr den letzten Tropfen Tee über die Wunde laufen und verband sie erneut. »Ein sauberer Verband wäre weiß Gott besser.« Anna zögerte. »Kannst du mir ein paar Fragen beantworten? Oder möchtest du dich wieder hinlegen?«
   Naomi löste ihren Zopf und strich sich durch ihre dichten blonden Haare. Schließlich band sie sie lose im Nacken zusammen. »Ich stehe dir gern Rede und Antwort. Aber erst, Anna, muss ich versuchen, aufzustehen. Kannst du mir helfen?«
   Anna sah sie entsetzt an. »Ich weiß nicht, Naomi. Muss das sein?«
   Naomi verdrehte die Augen. »Ja, es muss sein. Sprichwörtlich. Ich glaube, wenn ich nicht ganz schnell hinter den Bäumen verschwinde, platze ich. Wie viel Tee hast du eigentlich in mich reingeschüttet?«
   Anna grinste und reichte ihr die Hand, doch als Naomi sich auf sie stützte, begann sie zu zittern. Zweimal glitt ihr Naomi fast aus den Armen, und als sie zurück an ihrer Lagerstelle ankamen, half sie ihr, sich zu setzen und wartete.
   »Gleich geht es mir besser.« Naomi atmete tief durch. »Einen Moment noch.«
   Eine Weile herrschte Schweigen, doch dann rieb sich Naomi über das Gesicht und räusperte sich. »So, Anna, was willst du wissen?«
   Alles, sie wollte alles wissen. Wo sie war, wer hier lebte, was es mit dem Wasser und den Ollaris-Blättern auf sich hatte, wie sie nach Hause kommen und wo Alexander Hilfe finden konnte, welche Bedeutung das Fußkettchen hatte … »Alexander sah ein Licht, als er dich fand. Was war das? Und … gibt es hier Phönixe?«

Kapitel 8
In der Falle

Eine Stunde nach Osten den Bach entlang.
   Immer wieder warf er einen Blick auf das zerkratzte Edelstahlgehäuse seiner Armbanduhr. Sie funktionierte nicht mehr, seit sich der Nebel gelichtet hatte. Heute früh hatte er, Anna in seinen Armen, durch die Baumwipfel den Sonnenaufgang bewundert, und war dann am späten Vormittag losgezogen. Nun stand die Sonne fast senkrecht über ihm. Langsam zweifelte er daran, dass er wirklich in die richtige Richtung lief. Er bewegte sich schnell voran und gönnte sich nur hin und wieder eine kurze Pause, um seinen Durst zu stillen, doch dieser elende Wald nahm einfach kein Ende. Ab und zu sah er Annas Gesicht vor sich, die Angst in ihren Augen. Der Gedanke an sie ließ ihn sein Tempo nochmals verschärfen.
   Hatte Naomi seine Fragen überhaupt verstanden, oder war das Fieber zu hoch gewesen? Was, wenn er nun Stunde um Stunde diesem Bach folgte und der Wald nie ein Ende nahm? Was, wenn die Kreaturen, die ihn in seinen Träumen besuchten, hier wirklich existierten? Immer öfter ertappte er sich bei einem flüchtigen Blick über die Schulter. Nicht zum ersten Mal bedauerte er, Oskar nicht bei sich zu haben. Angestrengt spähte er nach vorn und blinzelte. War das Unterholz dort weniger dicht, das Grün durchlässiger? Aufgeregt fiel er in einen leichten Laufschritt, bis ihn plötzlich etwas blendete. Er kniff die Augen zusammen. Nicht direkt neben, sondern links vor ihm, auf der anderen Seite des schmalen Baches leuchtete etwas. Er hielt den Atem an. Da war das Licht, das ihn in der Nacht zu Naomi geführt hatte, er war ganz sicher. Selbst bei Tageslicht schimmerten in dem kleinen Lichtfleck alle Farben des Regenbogens. Was in aller Welt war das? Er beschleunigte das Tempo nochmals, ignorierte sowohl Seitenstechen als auch den metallischen Geschmack im Mund und lief weiter. Das Licht bewegte sich auf der anderen Uferseite auf den Waldrand zu, schwirrte voraus und so sehr er sich auch bemühte, er konnte den Abstand zwischen sich und dem Schimmern nicht verringern. Alexander stolperte, unfähig den Blick von dem prächtigen Farbenspiel loszureißen. Es schien wie ein Prisma, das das warme Sonnenlicht in die einzelnen Spektralfarben zerlegte.
   Jetzt erinnerte er sich. Natürlich! Er hatte es gesehen, als er hierhergekommen war. Es hatte hinter der weißen Nebelwand geschimmert. Er musste dem Funkeln unbewusst gefolgt sein. Rasch ließ er die letzten Bäume hinter sich und trat aus dem düsteren Schatten des Waldes. Alexander hielt die Luft an. Je näher er kam, umso schwächer wurde das Leuchten, verlosch schließlich ganz und verwandelte sich plötzlich in eine winzige, menschliche Gestalt, die mit transparenten Flügeln vor ihm auf und ab schwirrte. Ein wunderschönes, weibliches Wesen, etwa so groß wie ein Zaunkönig. Alexander streckte langsam seine Hand aus, doch sobald er seinen Arm bewegte, flatterte der Winzling hinter dem Wald nach links davon. Licht umschloss sie, ein buntes Funkeln, und sie verschwand. »Am Waldrand links … kleiner Pfad … laufe so lange, bis Hilfe kommt …« Dieser Leuchtklecks schien ihm tatsächlich den Weg zu weisen. Vor ihm erstreckte sich ein schmaler Feldweg, nicht mit der Landstraße zu vergleichen, die gestern noch hier existierte. Ockerbraun und ausgetreten wand sich der Pfad am Wald entlang. Alexander atmete auf. Sowohl Fußabdrücke als auch Hufspuren waren deutlich auf dem harten Lehm zu erkennen. Zu seiner Rechten lagen duftende Wiesen, die sich sanft an das hüglige Land schmiegten, unterbrochen von einigen Feldern, auf denen sich das zarte Grün der ersten Feldfrüchte ans Tageslicht wagte. Er entdeckte keine Häuser, Siedlungen oder gar Städte, doch hier hatten eindeutig Menschen ihre Spuren hinterlassen. Calliditas entgegen … Was war das, eine Person, ein Ort? Hier gab es weder Schilder noch Wegweiser, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als seinen Weg auf dem ausgetretenen Pfad fortzusetzen.
   Kaum zu glauben, dass es erst April war. Alexander schwitzte mächtig, die Sonne brannte erbarmungslos. Hätte er bloß noch einen Schluck getrunken, bevor er den Wald verlassen hatte. Nun klebten ihm die Zunge am Gaumen und das Hemd am Leib. Wenn er sein Versprechen halten und bei Anbruch der Dunkelheit zurückkehren wollte, musste er bald umkehren. Die Sonne hatte den Zenit längst überschritten. Er spürte die Wärme deutlich in seinem Rücken. Alexander richtete seufzend seinen Blick gen Himmel, als er plötzlich ein dumpfes Trommeln vernahm. Er fuhr herum, kniff die Augen zusammen. In einiger Entfernung sah er zwei Pferde auf ihn zuhalten. Die Reiter, zwei kräftige Männer, trugen wildlederne Hosen, die Naomis ähnelten … und sie waren bewaffnet. Das rhythmische Wippen von Pfeil und Bogen auf ihren Rücken war unübersehbar. Der erste sprang elegant aus dem Sattel, noch bevor sein Pferd zum Stehen kam, und musterte Alexander. Breite Schultern, sonnengegerbtes Gesicht, dunkelbrauner Dreitagebart. Seine schulterlangen braunen Haare wurden im Nacken mit einem schmalen Lederriemen zusammengehalten. Die dunklen Augen blitzten kalt und abschätzend. Einer plötzlichen Eingebung folgend nickte Alexander dem Fremden kurz zu, drehte sich um und setzte seinen Weg fort. Ein eisiges Prickeln rieselte die Wirbelsäule hinunter. Irgendetwas stimmte hier nicht. Wenn er sie ignorierte, würden sie vielleicht an ihm vorbeiziehen und weiterreiten.
   »Warte!«, hörte er eine barsche Stimme hinter sich. Alexander hob resigniert die Schultern. Es war einen Versuch wert gewesen. Langsam wandte er sich um. Der zweite Reiter, ein blonder breitschultriger Riese sprang aus dem Sattel, Pfeil und Bogen in der Hand.
   »Wohin denn so eilig, mein Freund?« Der Bärtige ließ ihn nicht aus den Augen, machte einen Schritt nach vorn und Alexander einen zurück. Nein, sie würden ihm nicht helfen. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.
   »Was denn, so unhöflich?« Die Mundwinkel zogen sich spöttisch nach oben. »Willst du dich nicht wenigstens vorstellen? Es sieht so aus, als hättest du dich verlaufen und könntest unsere Hilfe gebrauchen.«
   »Vielen Dank, aber ich komme schon zurecht.« Alexander war überrascht, wie ruhig und gleichgültig seine Stimme klang. »Und jetzt würde ich meinen Weg gern fortsetzen.« Er drehte sich um und setzte langsam einen Fuß vor den anderen. Das unangenehme Kribbeln hatte seinen Nacken erreicht.
   Alexander spürte den Lufthauch, bevor der Pfeil die Haut seines rechten Oberarms ritzte, um dann einige Meter weiter leicht federnd auf einer Wiese zu landen. Das Geschoss hatte ihn nur gestreift, dennoch brannte sein Arm teuflisch. Instinktiv legte er seine linke Hand auf die Schramme und registrierte gleichzeitig, wie ihm schwindlig wurde. Noch bevor der blonde Hüne ihn einholte, gaben seine Beine nach. Die Wunde schmerzte nicht mehr, im Gegenteil, er konnte den Arm überhaupt nicht mehr spüren. Taub und kalt lag er schlaff an seiner Seite. In Alexanders Kopf rauschte es, der Boden unter seinem Körper hatte sich in Nichts aufgelöst. Er versuchte aufzustehen, doch weder Arme noch Beine gehorchten ihm.
   »Das geht gleich vorbei, mein Freund. Aber du wolltest ja unbedingt weiterziehen und unsere …«, der Bärtige legte eine kunstvolle Pause ein, »… Hilfe nicht annehmen.« Er baute sich über Alexander auf, ein raues Hanfseil in den Händen.
   Alexander kochte, warum zum Teufel konnte er sich nicht rühren? Er biss die Zähne zusammen. Seit den Bombennächten und der ständigen Flucht vor der Wehrmacht versetzte ihn so leicht nichts mehr in Angst und Schrecken. Er hatte bereits den Mund geöffnet, um seinem Bezwinger eine passende Antwort um die Ohren zu schlagen. Doch er war nicht nur unfähig, sich zu bewegen, es wollte ihm nicht einmal gelingen, auch nur ein einziges Wort herauszubringen.
   »Auch das funktioniert gleich wieder. Es dauert nur ein paar Minuten. Genug Zeit für dich, zu lernen, ein wenig höflicher zu sein.« Der Bärtige schlenderte an Alexander vorbei und versetzte ihm einen Tritt in den Magen.
   Alexander keuchte. Ihm wurde schwarz vor Augen.
   »Na, na, wirst du wohl bei uns bleiben.« Er nickte seinem massigen Freund zu, der Alexander unsanft unter die Arme griff, ihn gegen einen Baumstamm am Wegesrand lehnte und ihn festhielt, sodass er nicht zur Seite kippen konnte. Schließlich band er Alexanders Hände mit dem Seil vor der Brust zusammen. Er musterte ihn noch einmal abschätzend und wartete.
   Worauf eigentlich? Mit einem Mal spürte Alexander seinen verletzten Arm wieder, der Schmerz breitete sich rasend schnell wie ein Waldbrand in seinem Körper aus. Alexander zog den Atem zischend durch die Zähne ein. Er brannte. Lichterloh. Was geschah nur mit ihm? Sein Kopf schmerzte, als würde sich eine eiserne Klemme fester und fester um seine Schläfen schrauben. Als er zu platzen drohte, hörte das Brennen plötzlich auf. Alexander sank stöhnend in sich zusammen, doch der blonde Muskelmann ließ ihm keine Zeit zum Atemholen. Grob stellte er ihn auf die Beine, die ihm nun wieder gehorchten, und schubste ihn ungeduldig auf eines der Pferde zu.
   »Ich nehme an, du wirst unsere Hilfe jetzt nicht mehr ausschlagen, mein Freund.«
   Mein Freund … Kalter Spott. Die Stimme des Bärtigen klang überheblich und abfällig. Alexander warf einen resignierten Blick auf seine gefesselten Hände. »Und jetzt?«, fragte er heiser.
   Sein Bezwinger hob spöttisch eine Braue. »Jetzt, mein Freund, machen wir einen kleinen Ausflug. Willst du mir nun deinen Namen nennen?«
   Reden ist Silber, Schweigen ist Gold … Alexander drehte den Kopf zur Seite.
   »Nun gut, du redest schon noch, glaub mir.« Er winkte seinen Gefährten heran, der Alexander festhielt, während er ihn abtastete. Triumphierend zog er Naomis Kette aus Alexanders Hosentasche und ließ sie vor seiner Nase hin- und herpendeln. Die roten Steine glänzten funkelnd in der Sonne. »Deine Kette, mein Freund? Willst du uns gleich sagen, wem sie gehört, oder muss ich erst wieder ungemütlich werden?«
   Alexander schloss ergeben die Augen, dann musste er eben wieder ungemütlich werden. Die Faust flog erneut in seinen Magen. Alexander taumelte, doch der blonde Riese hielt ihn mit eisernem Griff fest.
   »Du redest schon noch.«
   Ein derber Stoß in den Rücken ließ ihn gegen den Pferdehals taumeln. Die gebundenen Hände am Sattelknauf hievte er sich mit einiger Mühe auf den schwarzen Hengst. Der Stoppelbart saß hinter ihm auf, schnalzte mit der Zunge und die Pferde setzten sich trabend in Bewegung. Verdammt! Noch zwei Stunden allenfalls bis zur Dämmerung. Außerdem ritten sie nach Süden, in die falsche Richtung. Er konnte sich doch nicht einfach geschlagen geben. Er hätte vielleicht eher eine Chance, wäre er ebenfalls bewaffnet und nicht gefesselt. Aber so? Alexander rutschte im Sattel hin und her … und hielt die Luft an. Da war es wieder, das bunte Licht. Rechts von ihm im Wald funkelte es. Ob die anderen es auch gesehen hatten? Alexander wagte nicht seinen Kopf zu drehen, doch auch aus den Augenwinkeln sah er es schimmern. Er musste handeln, jetzt!
   »Wirst du wohl aufhören, hier so herumzuhampeln. Wir haben noch eine lange Reise vor uns.«
   Die raue Stimme hinter ihm klang ungeduldig. Jetzt! Mit Schwung ließ er sich aus dem Sattel fallen und landete hart auf dem Boden. Der Aufprall raubte ihm den Atem. Ein stechender Schmerz fuhr ihm in den Oberarm. Und nun?
   »Was zum Teufel … Entweder bist du ungeschickt und dumm, oder gerissen, mein Freund.«
   Alexander rappelte sich mühsam hoch und blickte seinem Gegenüber provozierend in die dunklen Augen.
   »Dumm würde ich sagen.« Und schon flog die Faust wieder auf ihn zu, doch ein drittes Mal ließ er sich nicht überrumpeln. Alexander duckte sich, und der Schlag ging ins Leere. Der Bärtige fluchte leise und stolperte. Doch kaum hatte er sich gefangen, schnellte er erneut auf Alexander zu und stürzte sich auf ihn. Gemeinsam gingen sie zu Boden. Das würde ein kurzer Kampf werden. Gefesselt hatte er nicht die Spur einer Chance. Alexander hielt sich schützend die gebundenen Hände vors Gesicht, doch bevor die kräftige Faust ihr Ziel erreichte, kippte der dazugehörende Körper zur Seite und auch der blonde Riese fiel um wie ein gefällter Baum. Laut fluchend versuchte der Bärtige aufzustehen, als sich ein Schatten aus dem Unterholz löste.
   »Das, Glenn, würde ich nicht versuchen.«
   Alexander verschlug es die Sprache. Er hatte mit allem gerechnet, doch nicht mit diesem zierlichen Wesen, das aus dem Dunkel des Waldes trat. Blonde, kurze Haare umrahmten das hübsche, jungenhafte Gesicht einer schlanken, grazilen Frau. Sie hatte Bogen und Köcher mit Pfeilen geschultert, trug ein grünes kurzärmliges Oberteil, dunkelblaue Leggings und darüber einen kurzen hellbraunen Rock. Alexander schätzte sie auf knapp zwanzig. Die blauen Augen kamen ihm bekannt vor. Einen blitzenden Dolch in der linken Hand kam die schmale Gestalt auf ihn zu. Mit einem Satz war er auf den Beinen. Verflucht, wenn er nur seine Hände gebrauchen könnte. Er wollte es nicht darauf ankommen lassen und abwarten, ob sie Freund oder Feind war. Der Versuch, ihr mit einem gezielten Fußtritt das Messer aus der Hand zu treten, misslang gründlich. Augenblicklich leistete er den beiden verletzten Männern auf dem Boden Gesellschaft. Er verdrehte die Augen, langsam war er es leid. Gab es hier eigentlich niemanden, der ihn nicht angreifen, verletzen oder ihm eine Falle stellen wollte? Silvanubis … Resigniert legte er seine Hände in den Schoß und wartete. Die junge Frau ließ auf zwei Fingern einen kurzen, schrillen Pfiff ertönen, woraufhin ein kräftiges braunes Pferd aus dem Wald trabte, neben ihr stehen blieb und ihr mit den Nüstern sanft in die Seite stieß. Sie murmelte dem Tier etwas ins Ohr und zog einige Seile aus der Satteltasche. Ihr Blick streifte Alexander flüchtig, bevor sie sich neben dem Bärtigen auf den Boden kniete.
   »Okay, Glenn, dann wollen wir mal, bist du so nett?« Sie blickte ihn auffordernd an, doch was immer sie von ihm erwartete, geschah offensichtlich nicht schnell genug. Fast beiläufig stieß sie mit ihrem Knie gegen den Pfeil, der tief in seiner Wade steckte. »Nur für den Fall, dass du mich nicht verstanden hast.« Sie ließ ihre Hand noch einmal über das Pfeilende gleiten. Glenn schloss für einen Moment die Augen. Kleine Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. »Hände hinter den Rücken!«
   Resigniert richtete er sich auf und ließ sich die Hände binden. Der blonde Riese wartete erst gar nicht auf eine Aufforderung. Einen Pfeil im Oberschenkel hatte er seine Pranken bereits hinter sich verschränkt, als sie sich ihm näherte. Wider Willen musste Alexander schmunzeln. Die zierliche Frau hatte die beiden Muskelmänner fest im Griff. Doch sein Lächeln erstarb, als sie sich zu ihm umdrehte, einen Dolch in der Hand.
   Sie deutete auf seine Fesseln. »Darf ich?«
   Alexander bemühte sich, nicht allzu erleichtert Luft zu holen, als sie ihn von dem rauen Seil befreite. Er rieb sich die schmerzenden Handgelenke und versuchte es mit einem schiefen Grinsen. »Danke.«
   Ihr Blick blieb an dem zerrissenen, blutverschmierten Ärmel seines Hemdes hängen. »Bist du verletzt?«
   Alexander schüttelte den Kopf. »Geht schon.«
   Sie nickte. »Keine Ursache. Einen Moment noch.« Sie drehte sich zu den Männern um und kniete sich neben den Bärtigen. »Ihr könnt es einfach nicht lassen, nicht wahr? Was verspricht sie euch eigentlich alles? Ihr könnt doch nicht allen Ernstes glauben, dass sie jeden einzelnen ihrer Helfer für seine Dienste entlohnen wird.« Sie lachte spöttisch. »Du warst einmal ein aufrichtiger Najade, Glenn, ein ausgezeichneter Kämpfer, ich verstehe dich nicht.«
   Glenn strafte sie mit einem eiskalten Blick. »Du hast recht, Erin, das verstehst du nicht.« Er drehte den Kopf zur Seite, für ihn war das Gespräch beendet.
   Erin zuckte mit den Schultern, erhob sich und forderte Alexander mit einem Kopfnicken auf, ihr zu folgen. »Kannst du reiten?«
   Alexander zögerte. Immerhin hatte er eben noch vor Glenn im Sattel gesessen. Das war ihm nicht besonders schwer vorgekommen. »Ich denke schon. Wir müssen uns beeilen. Ich … wir brauchen Hilfe.«
   Erin warf ihm einen mahnenden Blick zu, ergriff wortlos das Zaumzeug der Pferde und führte sie neben sich her. Nach einigen Metern drehte sie sich um und grinste die Zurückgelassenen frech an. »Euch wird schon jemand auflesen.«

Das Rauschen des Baches drang an Alexanders Ohren. »Hier lang.«
   Ohne zu zögern, folgte sie ihm, und kaum waren sie im dichten Grün untergetaucht, band sie die Pferde an Bäumen fest und hielt Alexander ihre schmale Hand entgegen. »Ich heiße Erin.«
   Er schlug ein. »Alexander. Meine Freunde und ich brauchen Hilfe.«
   Sie schmunzelte. »Ach was. Das sagtest du schon. Was immer es ist, ich hoffe, du hast unseren beiden Helden nichts von deinen, euren Problemen erzählt.«
   Ohne zu antworten, griff Alexander in Glenns Satteltasche und zog die goldene Kette mit den roten Steinen heraus. Erins Grinsen verschwand. »Woher hast du das?«, fragte sie tonlos.
   »Das ist eine lange Geschichte. Sie … wir brauchen Hilfe«, wiederholte er.
   »Was ist mit Naomi?«
   Alexander stutzte. Kannte Erin jeden in dieser unfreundlichen Gegend? Nur zu deutlich hatte er das Beben in der Stimme der jungen Frau wahrgenommen. Sie fuhr sich durch die Haare und blickte ihn ängstlich an.
   »Keine Sorge, sie lebt, aber sie ist verletzt. Schwer verletzt, fürchte ich. Es ist nicht weit von hier.«
   Erin faltete ihre Hände, um das Zittern zu verbergen. »Naomi ist meine Schwester. Ich bin auf der Suche nach ihr.« Sie deutete auf ihren Fuß. Dort funkelten ebenfalls kleine, rote Steine an einem goldenen Kettchen. »Unser Vater hat sie uns geschenkt. Naomi muss vermutet oder gehofft haben, dass wir nach ihr suchen.«
   Die Stimme gehorchte ihr nicht mehr und sie ließ sich am Ufer ins Gras sinken. Alexander hockte sich neben sie, schöpfte Wasser aus dem Bach und trank gierig. Es war dunkel im Wald, die Sonne war fast hinter dem Horizont verschwunden und schickte ihre letzten zarten Strahlen ins Unterholz. Die Bäume warfen lange Schatten und tauchten den belaubten Boden in ein warmes Schokoladenbraun. Sie mussten sich beeilen. Für das erste Durchqueren des Waldes hatte er mehr als eine Stunde gebraucht und Alexander war sich nicht sicher, ob er noch einmal solch ein Tempo vorlegen konnte. Er sah zu den Pferden. Das Unterholz war zwar recht dicht, doch am Bach entlang müsste man im Sattel eigentlich rasch vorankommen. »Ich habe versprochen, vor Einbruch der Dunkelheit zurück zu sein.«
   Erin warf einen flüchtigen Blick auf den Waldrand. »Seid ihr eben erst hier angekommen?«
   Hier angekommen. Ja, das war er wohl, wo immer er sich auch befand. »Gestern, falls du das mit eben meinst. Ich … und Anna.« Hatte Alexander eben noch die Sorge um ihre Schwester in Erins Augen gesehen, so wirkte sie jetzt geradezu bestürzt.
   »Glenn weiß das auch, oder zumindest ahnt er es.« Sie schlug sich vor die Stirn. »Sie werden uns folgen. Es wird eine Weile dauern, doch sie werden uns folgen. Verdammt, wir müssen die beiden mitnehmen. Oder töten. Schlimm genug, dass du ihnen über den Weg gelaufen bist. Ich fürchte, du und deine Freundin, ihr seid in Gefahr. In großer Gefahr.«
   Nun verstand er gar nichts mehr. »Aber …«
   Sie drehte sich um, schwang sich auf den Rücken ihres Pferdes, fasste die anderen am Zügel und setzte sich in Bewegung. »Warte hier, Alexander. Es dauert nicht lange. Wir können Glenn und seinen Freund nicht zurücklassen. Ich bin gleich wieder da. Sollte irgendjemand außer mir auftauchen, versteck dich im Unterholz. Dich darf unter gar keinen Umständen jemand sehen. Zumindest niemand von ihnen.«

Kapitel 9
Silvanubis

»Eine Pixie?« Anna schluckte und versuchte nicht zu grinsen. Vergeblich. »Kleine Fee?« Vielleicht waren die Ereignisse der vergangenen Tage einfach zu viel für sie gewesen. So sehr sie sich bemühte, sie konnte das leise Glucksen nicht unterdrücken. »Eine Pixie, natürlich … von wegen Drachen, Greife und sonstige Monster.« Der Versuch, das wieder aufkeimende Kichern hinunterzuschlucken, misslang ihr ein zweites Mal und Naomi sah sie entnervt an.
   »Lass mich wissen, wenn du dich beruhigt hast, Anna.«
   »Entschuldige bitte. Aber ich weiß wirklich nicht, wie oft ich mich nach irgendwelchen Ungetümen umgeschaut habe, seit Alexander fort ist. Und du erzählst mir etwas von Pixies.«
   »Dann lasse ich es eben.« Naomi stöhnte, lehnte sich vorsichtig gegen den Baumstamm und schloss ihre Augen.
   Anna atmete tief durch und stand auf. »Es tut mir leid. Bitte hab ein wenig Geduld mit mir. Ich verspreche dir, ich reiße mich zusammen. Hier, trink noch einen Schluck.« Sie reichte Naomi eines der vollen Blätter. Dankbar nahm die verletzte Frau das Wasser entgegen und Anna legte ihr prüfend die Hand auf die Stirn. Immer noch warm, wenn auch nicht mehr so glühend heiß wie heute Morgen. »Wie fühlst du dich?«
   Naomi verzog ihr Gesicht und versuchte ein Lächeln. »Ging mir schon mal besser. Die Schulter schmerzt, mein Hals fühlt sich wund an und meine Glieder sind bleischwer. Doch vor ein paar Stunden ging es mir schlechter.« Sie musterte sie skeptisch. »Und dir? Du bist immer noch ziemlich blass um die Nase.«
   Naomi hatte recht, sie fühlte sich grässlich. Sie sparte sich eine Antwort, legte ein wenig Holz nach und spähte in das dichte Unterholz. Alexander hatte sein Versprechen nicht gehalten. Seit etwa einer Stunde war es dunkel und er war noch nicht zurück. Entschieden verdrängte sie die Angst und versuchte sich einzureden, dass er jeden Augenblick auftauchen würde. Und wenn nicht? Ihr wurde ganz schlecht bei der Vorstellung, einen weiteren Tag und eine Nacht hier zu verbringen. Naomi ging es zwar ein wenig besser, doch jemand musste sie richtig versorgen. Mit dem Tee war es nicht getan.
   »Also, ich verspreche, ich höre dir jetzt zu.« Anna schob die unbequemen Gedanken beiseite, griff nach einem langen Stock und stocherte im Feuer, bis kleine Funken sprühten. »Pixies also.« In letzter Sekunde schluckte sie ein wiederholtes Glucksen hinunter. Sie grinste schuldbewusst, sah Naomi erwartungsvoll an und wartete auf eine Antwort.
   »Ja, Anna, Pixies. Aber Alexander hat recht, Drachen gibt es hier auch, unter anderem«, fügte sie leise hinzu.
   Anna blieb das Grinsen im Hals stecken. Sie drehte den Kopf und suchte panisch das Unterholz ab. »Hier, in der Nähe?«
   »Schon möglich«, gab Naomi gleichgültig zurück. »Aber keine Sorge, sie greifen nicht grundlos an. Normalerweise nicht.« Naomi schmunzelte. »Also, noch mal von vorn. Das Licht, das Alexander gesehen hat, war vermutlich eine Pixie. Sie sind hervorragende Kundschafter und man sagt, sie erkennen das Böse immer und sofort. Pixies sind sehr scheu und verstecken sich in der Regel vor uns. Doch manchmal gibt es eine Art Freundschaft zwischen Mensch und Fee.«
   Und das sollte sie glauben? »Ist sie deine Freundin?«
   Naomi schüttelte bestimmt den Kopf. »Nein, sie ist plötzlich aufgetaucht. Trotzdem … sie hat mich zu euch geführt oder Alexander zu mir, wer weiß.«
   »Kannst du sie rufen?«
   Naomi lächelte. »Dazu, Anna, sind nur ganz wenige in der Lage. Ich leider nicht. Noch nie ist es mir gelungen, einen richtigen Blick auf sie zu werfen. Ich kann nur das bunte Licht sehen, doch wenn sie jemanden nahe genug an sich heranlassen, erkennt man angeblich ihre wahre Gestalt. Sie sind winzig, etwa so groß wie ein kleiner Vogel, haben eine weibliche Figur und durchsichtige Flügel.«
   Anna sah in den dunklen Wald. Dort war kein Licht, weder eine Fackel noch eine Pixie.
   Naomi war ihrem Blick gefolgt und ergriff ihre Hand. »Er kommt zurück. Bestimmt.«
   »Hoffentlich.«
   »Du hast nach dem Phönix gefragt. Wie kommst du darauf? Hat Alexander dir davon erzählt?«
   Naomis Tonfall hatte sich verändert, Neugier und Ungeduld waren nicht zu überhören. Anna warf den Stock ins Feuer. Zögernd setzte sie sich neben Oskar zurück auf den Waldboden. »Nein, hat er nicht«, antwortete sie vorsichtig. »Und? Gibt es hier welche?«
   »Woher weißt du dann davon?« Naomi löste den schmalen Lederriemen, der die strohblonden Locken zu einem Pferdeschwanz zusammenhielt, sodass sie nun in weichen Wellen über ihren Rücken fielen.
   Anna streichelte Oskars Kopf, der ihr dankbar die Hand leckte. »Ich träume davon. Jede Nacht.«
   Naomi hustete und verschluckte sich prompt. Ihr Gesicht verzog sich zu einer schmerzverzerrten Grimasse und sie presste ihre linke Hand stöhnend auf die verletzte Schulter.
   Erschrocken sprang Anna auf und flößte ihr behutsam Wasser ein. »Geht es wieder?«
   Naomi reichte Anna das leere Blatt. »Es geht schon, Anna. Danke. Und um deine Frage zu beantworten, ja, es gibt hier Phönixe. Einen, um genau zu sein. Der Phönix ist die magischste aller Kreaturen hier in Silvanubis.«

*

Gedämpfter Hufschlag und ein leises Schnauben ließen Alexander hastig im Unterholz verschwinden. Vorsichtig spähte er zwischen den Bäumen hindurch und staunte. Der blonde Riese ritt voran, den Pfeil noch im Oberschenkel, gefolgt von Glenn, der mit grimmiger Miene, einen Pfeil in der Wade, aufrecht im Sattel saß. Die zierliche, junge Frau folgte ihnen erhobenen Hauptes auf ihrem Ross. Leichtfüßig sprang Erin vom Rücken des Pferdes und landete federnd neben ihm auf dem Boden. Sie schlang die Zügel um einen Baum, kramte in einer der Satteltaschen und zog einen etwa faustgroßen, dunklen Stein hervor.
   »Ich weiß, Alexander, du hast es eilig. Glaube mir, ich möchte auch so schnell es geht zu Naomi. Aber wir schaffen es nicht, vor Einbruch der Dunkelheit bei ihnen zu sein. Ohne Fackeln finden wir sie nicht«, flüsterte sie. Erin zog ihren schmalen, am Griff mit Leder umwickelten Dolch hervor.
   Alexander dachte an das kleine Taschenmesser, das er Anna gegeben hatte. So etwas hätte er dabeihaben müssen.
   Ohne ein weiteres Wort sammelte sie dünne Äste und schichtete diese lose aufeinander. Mit gemäßigter Wucht schlug sie mit dem Dolch an der Seite des Feuersteins entlang und augenblicklich sprühten Funken, die auf den Zunder regneten. Es dauerte nicht lange, da glommen die kleinen Äste. Erin kniete davor und pustete vorsichtig bis Flammen aufzüngelten. Bald hatte sie ein munter flackerndes Feuer in Gang gebracht.
   »Respekt, Erin. Da kann ich noch einiges lernen.«
   Sie legte ihren Zeigefinger auf die Lippen und nickte unmerklich in Richtung der Männer. Der blonde Riese löste seinen Blick kaum von der Pfeilwunde und verkrampfte seine Finger hinter dem Rücken. Glenn saß kerzengerade im Sattel und hatte sich offenbar entschieden, sie mit Schweigen und Ignoranz zu strafen, doch auf seiner Stirn glänzten feine Schweißperlen. Fast taten sie ihm leid, doch ein leichtes, unangenehmes Ziehen in seinem rechten Oberarm ließ das Mitleid schnell zusammenschrumpfen. Nicht ohne Bewunderung stellte Alexander fest, dass sie sich trotz gebundener Hände problemlos im Sattel hielten. Überhaupt schien Reiten hier die bevorzugte Fortbewegungsart zu sein. Er war zwar nicht besonders weit gekommen bei seiner kurzen Exkursion, doch Straßen, Autos oder Eisenbahnen schien es nicht zu geben. Es war stiller hier, ruhiger. Die gewohnten Geräusche, das Hupen der vereinzelten Autos, das Bimmeln der Straßenbahn oder das Trällern der Radios, all das existierte nicht. Er hatte das, was er fünfundzwanzig Jahre sein Zuhause, seine Heimat genannt hatte, weit hinter sich gelassen.
   »Alexander! Du meine Güte, hörst du mich eigentlich nicht?« Erins helle Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Sie hatte die Männer auf den Boden befördert, kniete vor dem blonden Riesen und fingerte an dem Pfeil herum. »Ich brauche ein wenig mehr Licht. Hilf mir bitte, die beiden nahe ans Feuer zu ziehen und dann stell dich hinter unseren Helden hier und halt ihn fest.«
   Alexander atmete tief aus und stellte sich seufzend hinter den Gefangenen. Erin hatte sich inzwischen über dem verletzten Bein in Position gebracht und packte den Pfeilschaft. Glenns Freund standen der Schweiß auf der Stirn und die Angst in den Augen. »Fertig?«, fragte sie kalt und warf ihm einen verächtlichen Blick zu. Der Riese nickte ängstlich. Alexander grub seine Hände fest in die Schultern. Mit einem Ruck zog Erin den Pfeil aus dem Oberschenkel und quittierte den Schmerzschrei mit einem abschätzigen Schnauben. Nachdem sie die Wunde mit einem Tuch verbunden hatte, drehte sie sich zu Glenn um, der weder Alexander noch Erin eines Blickes würdigte.
   »Drück sein Bein auf den Boden. Bitte«, fügte sie rasch hinzu, als sie sah, wie Alexanders Stirn sich in Falten legte. Sie ergriff den Schaft und zog. Im Gegensatz zu seinem Freund gab Glenn keinen Laut von sich. Sie versorgte auch diese Verletzung, überzeugte sich, dass sich die Fesseln der Gefangenen nicht gelockert hatten, und nahm Alexander kurz zur Seite. »Ich verspreche dir, sobald ich mich um Naomi gekümmert habe, erkläre ich dir alles.« Ein flüchtiger Schatten huschte über ihr feines Gesicht. »Doch jetzt ist es wichtig, dass die beiden so wenig wie möglich von dir und Anna erfahren. Ich werde ihnen die Augen verbinden und sie knebeln. Außer ihnen sollte wirklich niemand von euch wissen. Sonst wird es verdammt schwer, euch in Sicherheit zu bringen.«
   Alexander raufte sich die Haare. »Ich hoffe, du weißt, was du tust, Erin.«
   Sie betrachtete ihn kühl. »Glaube mir, ihr habt Glück gehabt, uns gefunden zu haben.«
   »Tja, da muss ich mich wohl bei dem winzigen leuchtenden Wesen bedanken. Das hat mir nämlich den Weg gewiesen.«
   Erins Augen weiteten sich und ihr Mund öffnete sich erstaunt. »Bitte?«
   »Da war dieses Licht«, flüsterte er. »Es hat mich erst zu Naomi und dann, so scheint es, zu dir geführt. Ich glaube, ich habe es auch schon im Nebel gesehen, bevor wir hier gelandet sind. Als ich endlich nahe genug herangekommen war, konnte ich die kleine, hübsche Gestalt erkennen. Du hättest sie eigentlich auch sehen müssen, sie war ganz in der Nähe am Waldrand, dort, wo du zu uns gestoßen bist.«
   »Da soll mich doch … Eine Pixie, das gibts doch gar nicht.« Erin griff in ihre Satteltasche und zog kopfschüttelnd ein gelbes Oberteil hervor, das sie in mehrere Streifen riss. »So, genug getuschelt, ihr zwei.« Sie drückte erst dem Blonden, dann Glenn einen Knebel in den Mund. »Tja, Glenn, zur falschen Zeit am falschen Ort, würde ich sagen. Wir werden euch jetzt die Hände vor dem Körper zusammenbinden, damit ihr nicht vom Pferd fallt. Außerdem werden wir euch die Augen verbinden.« Glenn gab ein unmutiges Grunzen von sich. »Was sagst du? Tut mir leid, aber das war ein wenig undeutlich. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich dich herausfinden lasse, wohin unsere Reise geht. Schlimm genug, dass ich euch Teufelskerle mit mir rumschleppen muss.« Sie drückte Alexander Pfeil und Bogen in die Hand. »Ich glaube zwar nicht, dass es einer von ihnen wagt, irgendwelche Dummheiten zu machen, während ich sie binde, doch sicher ist sicher. Du hast meine Erlaubnis, zu zielen und zu treffen.«
   Zögernd spannte Alexander den Bogen und richtete ihn auf Glenn, dem Erin zuerst die Fesseln hinter dem Rücken löste, um sie geschickt vor dem Körper wieder zusammenzubinden. Glenn ließ seinen Blick beharrlich auf Alexander ruhen, als wollte er abschätzen, ob er es auf einen Versuch ankommen lassen sollte. Alexander blinzelte. Er verabscheute Gewalt, hatte es nicht fertiggebracht, im Krieg eine Waffe zu führen, war ständig auf der Flucht vor der Wehrmacht gewesen. Seine Hände bebten und seine Schläfen pochten unangenehm. Er atmete tief durch. Das hier war anders, es ging um ihn, um sein Leben, um Erins vielleicht, um Annas und Naomis. Außerdem kämpfte er nicht für eine Idee, sondern für ein Ziel, das er verstand. Verstehen wollte … Das Zittern ließ nach und nun begriff auch Glenn, dass der Pfeil ihn treffen würde.

*

Anna sah sich um, die Nacht hatte das satte Grün in pechschwarze Dunkelheit gehüllt und das Licht des Feuers reichte gerade mal bis zur nächsten Baumreihe. Sie schlang die Arme fest um ihre Knie und rutschte ein wenig näher an die flackernde Wärme. »Und was habe ich mit dem Phönix zu tun?«
   Hörte Naomi sie überhaupt?
   »Und?«
   »Leise.« Naomi legte den rechten Zeigefinger auf die Lippen und spähte angestrengt in den schwarzen Wald, nicht ohne Anna einen mahnenden Blick zuzuwerfen. Jetzt hörte sie es auch, ein Knacken im Unterholz. Eisregen jagte ihren Rücken hinunter. Irgendetwas war dort, näherte sich. Wie von selbst schlossen sich Annas Finger um das kleine Messer. Oskar drängte sich an ihre Seite und grollte dumpf. Sein gesträubtes Nackenfell ließ sie erschaudern. Das Geräusch wurde lauter und der Boden vibrierte leicht. Das war keine Maus oder ein Eichhörnchen. Was sich dort im Dunkeln heranschlich, war groß … Naomi erhob sich mühsam und zog einen brennenden Stock aus dem Feuer. Anna starrte angestrengt in die Finsternis, doch was immer dort war, verschmolz mit dem Schwarz der Nacht. Mit bebenden Händen griff sie ebenfalls nach einem flammenden Ast und wartete. Naomi lehnte an einem Baum, nur mit Mühe hielt sie sich auf den Beinen, die Fackel vor sich her schwenkend. Allmählich löste sich etwas Riesiges, Mächtiges aus dem Dunkel, und Anna stockte der Atem. Größer als ein Bär, kräftig und muskulös trat es in den Schein des Lagerfeuers. Langsam aber zielstrebig schlich ein riesiger Wolf auf sie zu. Sein Fell glänzte silbergrau, die saphirblauen, schrägen Augen funkelten wie tausend winzige Sterne auf nachtschwarzem Wasser. Wenn er nur nicht so fürchterlich groß wäre. Auch Anna wedelte mit der provisorischen Fackel, doch das gewaltige Tier ließ sich davon weder beeindrucken noch abschrecken. Oskars Nackenhaare standen inzwischen senkrecht. Die Beute im Visier näherte sich der graue Riese Schritt für Schritt. Gleich würde er zum Sprung ansetzen. Das Feuer in der einen Hand, das Messer in der anderen … Lächerlich, damit würde sie den Wolf nicht einmal kitzeln. Sie drängte sich näher an Alexanders schwarzen Hund. Wenn Oskar jetzt meinte, sie beschützen zu müssen, dann würde das Monster seine Zähne zeigen. Anna hielt den Atem an, sie zersprang fast vor Angst. Doch der Wolf hatte keine Eile, wusste, er war der Stärkere.
   Nur noch wenige Meter. Der silbergraue Riese legte den Kopf in den Nacken, riss das gewaltige Maul auf und ließ ein markerschütterndes Heulen ertönen. Vor Schreck entglitt ihr die Fackel. Oskars Muskeln zuckten, doch bevor der Hund angreifen konnte, kam von links etwas Helles, Leuchtendes angeflogen. Anna wirbelte herum und traute ihren Augen kaum. Faustgroße Feuerkugeln wuchsen in Naomis Händen. Eine nach der anderen ließ sie geschickt hervorschnellen und schleuderte sie dem Ungetüm entgegen. Konzentriert formte sie Ball um Ball, gleißende Feuerschweife flogen an dem Wolf vorbei und verloschen im Unterholz. Das Heulen verstummte, das Tier duckte sich. Allmählich schwankte Naomi bedenklich, als mit einem Mal das Feuer auch aus dem Dickicht geschossen kam. Mit dem Boden verwachsen, vor Schreck wie gelähmt, beobachtete Anna die fliegenden Flammen mit wachsendem Unglauben. Das Herz hämmerte unangenehm in ihrer Brust. Die Augen des Wolfs leuchteten blutrot auf und er stieß ein weiteres schauriges Heulen aus, bevor er im Unterholz verschwand. Ein leichter Schwefelgeruch hing in der Luft, als die Feuerkugeln verloschen. Naomi lag zusammengerollt auf dem Boden und bebte. Mit einem Satz war Anna bei ihr, endlich fähig, sich aus der Starre zu lösen.
   »Was zum Teufel … Naomi.« Anna sank neben sie und ergriff ihre Hand, als etwas sacht ihre Schulter berührte. Sie fuhr zusammen und sah sich einer Frau mit kurzen blonden Haaren gegenüber, die sie sanft zur Seite schob und sich hinter Naomi kniete. Liebevoll bettete sie den Kopf in ihren Schoß und drehte sich zu Anna um.
   »Ich mache das schon, Anna. Danke.«
   Anna erhob sich schwerfällig. Sie wunderte sich inzwischen über nichts mehr. Nur zu gern ließ sie sich von dieser fremden Frau das Zepter aus der Hand nehmen. Drei Pferde lösten sich aus dem Dunkel der Nacht. »Alexander!« Die Überraschung gab ihr neue Kraft, und mit wenigen Schritten war sie bei ihm, zog ihn aus dem Sattel und umarmte ihn stürmisch. »Du bist wieder da! Hast du den Wolf gesehen? Und die Feuerkugeln, unglaublich! Hast du Hilfe gefunden?«
   Alexander strich ihr flüchtig über die Haare, löste sich ungeschickt von ihr und trat entschieden zurück. Sein Finger legte sich sanft auf ihren Mund.
   »Es ist gut, Alexander. Ich denke, wir können Glenn und seinen Kumpan jetzt von den Augenbinden befreien, nachdem deine Freundin sich so lautstark über unsere Ankunft gefreut hat. Hol sie vom Pferd und verschnüre sie an einem Baum. In Sichtweite, aber nicht so nah, dass sie uns hören können.«
   War er tatsächlich mit Gefangenen zurückgekehrt? Was für ein Problemmagnet.
   »Hier, du hast meine Erlaubnis, zu zielen und zu treffen, wenn sich die beiden auch nur rühren.« Alexander drückte ihr Pfeil und Bogen in die Hand und warf der Frau einen kurzen Blick zu, die ihn schmunzelnd erwiderte. Warum bohrte sich genau in diesem Moment ein unangenehmer Stich in ihre Brust?
   Sie konzentrierte sich darauf, den Pfeil nicht aus Versehen loszischen zu lassen, während Alexander die Männer recht grob aus den Sätteln beförderte. Beide waren am Bein verletzt und humpelten stark. Ohne viel Federlesen verschnürte er sie an dem dünnen Stamm einer jungen Buche und entfernte die Augenbinden. Anna straffte den Rücken und reckte das Kinn, als der Blick des Bärtigen ein wenig zu lang auf ihr ruhte.
   »Komm, Anna.« Alexander ergriff sie am Arm und führte sie zu den Frauen, die sich leise unterhielten. Die Frau mit den kurzen Haaren gab Naomi schluckweise zu trinken und half ihr, sich aufzurichten.
   »Ich bin Erin.« Mit einem Lächeln reichte sie Anna die Hand. »Ich denke, du hast meiner Schwester das Leben gerettet.«
   Anna holte tief Luft und ließ den Blick von Alexander über Naomi zu Erin wandern. »Wenn es recht ist, würde ich jetzt gern wissen, wer die beiden Kerle sind, was es mit dem Wolf auf sich hat, wo wir sind, was für ein komisches Wasser wir trinken und wieso zum Teufel ihr hier mit Feuerkugeln um euch werfen könnt.«
   Anstatt zu antworten, zauberte Erin aus dem schier unerschöpflichen Vorrat an Schätzen, die sich offenbar in den Satteltaschen befanden, ein Brot, etwas Käse, einige getrocknete Beeren sowie eine bauchige Flasche hervor. Mit einem leisen Plopp entfernte sie den Korken und reichte sie Anna. Ein rauchiger Duft entwich dem hölzernen Gefäß und brannte ihr in der Nase. Vorsichtig nippte sie an dem dubiosen Getränk und ließ es langsam durch ihre Kehle rinnen. Flüssiges Feuer! Hustend gab sie Alexander die Flasche, der einen kräftigen Schluck nahm und sie an Naomi weiterreichte. Er verschluckte sich nicht. Ihm schien dieses scharfe Gebräu tatsächlich zu schmecken.
   »Whiskey?«, fragte er und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.
   Erin nickte. »Eigentlich zu schade, doch etwas anderes hatte ich nicht zur Hand, als ich aufgebrochen bin, um mein Schwesterherz zu suchen.« Sie sah Naomi an. »Falls du verletzt sein solltest, wollte ich wenigstens vorbereitet sein und so mussten Papas Vorräte herhalten.« Sie nahm ebenfalls einen kräftigen Schluck, reichte die Flasche ihrer Schwester, die wie Anna zu husten begann und sich unwillkürlich an die verletzte Schulter griff. Erin neigte den Kopf zur Seite und ließ ein leises Seufzen hören. »Dann wollen wir mal, und den guten Schluck hier zweckentfremden. Wärst du so gut, dich umzudrehen, Alexander? Deinen Arm sehe ich mir nachher auch noch an.«
   Alexanders Arm? Anna schielte in seine Richtung. Tatsächlich. An einem Riss am rechten Hemdsärmel klebten die rostbraunen Spuren getrockneten Bluts. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie Erin behutsam Naomis Wunde säuberte. Anna rutschte an Alexanders Seite. »Was ist passiert? Warum sagst du denn nichts? Ist es schlimm?«
   Alexander schüttelte den Kopf und deutete auf die Gefangenen. In leisen Worten berichtete er Anna von den Ereignissen des Tages, als sich Erin auch schon neben ihn kniete.
   »Dann lass mich mal sehen.« Alexander presste die Lippen aufeinander und zog eine finstere Grimasse. Erin schmunzelte. »Was denn, so schüchtern? Dein Hemd musst du schon ausziehen.«
   Widerstrebend streifte er es sich vom Körper und drehte seinen Kopf zur Seite, um auf den länglichen Schnitt äugen zu können. »Ist nicht der Rede wert, Erin. Hab ich doch gesagt.«
   »Das, Alexander, lass bitte mich beurteilen.« Konzentriert untersuchte sie den schmalen Riss, den die Pfeilspitze hinterlassen hatte. Endlich schien sie zufrieden zu sein, entkorkte die Flasche erneut, ließ einige Tropfen auf einen Stoffstreifen fallen und tupfte vorsichtig die Ränder der Verletzung ab. Anna runzelte die Stirn, als Alexander nach Luft schnappte. Ganz so schmerzlos war die Wunde anscheinend doch nicht.
   »Ich glaube, das reicht.« Alexander hatte offenbar genug von Erins Fürsorge und zog entschieden das Hemd über. Schade eigentlich … Blitzschnell verbannte Anna diesen Gedanken aus ihrem Kopf. Was war nur los mit ihr? Es musste an all diesen kleinen und großen Katastrophen liegen, die pausenlos auf sie einstürzten.
   »Wie du meinst, Alexander«, erwiderte Erin mit einem Achselzucken. »Der Schnitt ist zwar nicht besonders tief, doch es war Gift an der Pfeilspitze. Nicht wahr?«
   Alexander nickte zerknirscht.
   »Voraussichtlich wirst du spätestens übermorgen deinen Kratzer vergessen haben. Leider wird Naomi etwas länger mit ihrer Verletzung kämpfen.« Sie sah besorgt zu ihrer Schwester hinüber. »Eine Dolchpalme kam ihr in die Quere. Unfälle wie dieser häufen sich in letzter Zeit«, fügte sie traurig hinzu.
   Anna stutzte und gab einen Seufzer von sich. Anstatt klarer zu sehen, schienen die Dinge immer verworrener zu werden.
   »Keine Sorge, ihr werdet noch genug Zeit haben, euch mit all dem anzufreunden.« Erin machte eine weitläufige Geste. »Zunächst reicht es, zu wissen, dass die Palme ein Gift ausstößt, wenn es ihr gelingt, jemanden mit ihren Blättern zu stechen. Das Gift der Palme ist gefährlich, verursacht hohes Fieber und Bewusstlosigkeit.«
   In was war sie nur hineingeraten? Entweder waren hier alle verrückt oder sie wachte morgen auf und lachte über diesen irrsinnigen Traum.
   »Ich habe übrigens vorhin nicht übertrieben«, fuhr Erin fort. »Du hast Naomi tatsächlich das Leben gerettet. Wäre es dir nicht gelungen, zumindest vorübergehend das Fieber zu senken, dann hätte sie das Bewusstsein nicht wiedererlangt. Leider ist sie noch lange nicht über den Berg. Im Moment geht es ihr zwar verhältnismäßig gut und nichts gegen deine Tees, Anna, aber sie braucht die Hilfe unserer Heiler. Dringend.« Erin warf einen entschuldigenden Blick in Annas Richtung.
   Giftige Pfeile, Dolchpalmen, Wölfe, Pixies, Nebel … in Annas Kopf drehte es sich. Sie stützte sich auf dem belaubten Boden ab, presste die Augen zusammen und spürte die runde Öffnung der kleinen Flasche an ihren Lippen. Das rauchige Aroma des Whiskeys stieg ihr in die Nase.
   »Na, geht es wieder?« Erins helle Stimme zwitscherte über ihr.
   Anna blinzelte und langsam nahmen die Umrisse von Personen und Umgebung wieder an Schärfe zu. Sie würde jetzt keine Minute mehr warten. Irgendjemand musste ihr erklären, was vor sich ging.
   »Du solltest etwas essen, Anna.« Alexander klang besorgt. »Können wir die restlichen Kartoffeln braten?«
   Anna zuckte mit den Schultern. »Du musst nicht fragen.«
   Alexanders linke Augenbraue hob sich und über dem Nasenrücken bildete sich eine kleine Falte. Wortlos griff er in ihren Rucksack und warf die Knollen in die Glut.
   »So, und jetzt möchte ich wissen, was passiert ist und vor allem, wo wir uns befinden.« Anna sah Erin herausfordernd an. Sie waren gute zwei Tage hier, Peter würde außer sich sein vor Sorge, der alte Bauer wartete immer noch auf die Puppe für seine Enkeltochter, während sie ihr gesamtes getauschtes Essen bereits komplett vertilgt hatten. Der Laden wurde nicht geöffnet, und ihre letzte Scheibe Brot zu Hause war inzwischen sicherlich steinhart.
   Erin tauschte einen flüchtigen Blick mit Naomi, die ihr zunickte, und ließ sich an Annas Seite am Feuer nieder. »Also gut. Wenn du mir versprichst, dich zu stärken.«
   Anna verdrehte die Augen, ihre Geduld war am Ende. Ganz im Gegensatz zu Alexander. Mit einem großen Stock stocherte er eifrig im Feuer herum. Seine gesamte Aufmerksamkeit gehörte den Kartoffeln, die er geschickt in der Glut hin und her drehte.
   »Hier iss, die werden dir guttun.« Erin reichte Anna einige getrocknete Beeren.
   Misstrauisch beäugte Anna die dunkelroten verschrumpelten Früchte. Naomis Schwester würde wahrscheinlich so lange schweigen, bis sie wenigstens ein bisschen dieses unappetitlich aussehenden Trockenobstes vertilgt hatte. Sie schob sich eine Beere in den Mund. Was war das? Die Beeren hatten Ähnlichkeit mit Rosinen, doch sie schmeckten anders. Sie kaute genüsslich. Süß und fruchtig ähnelte der Geschmack dem eines überreifen Pfirsichs. Das Schwindelgefühl verschwand und die verloren gegangene Kraft schien langsam, aber stetig zurück in ihren Körper zu strömen. »Sind das Rosinen?«
   Erin seufzte. »Alexander, kannst du dich vielleicht auch zu uns setzen? Ich denke, die Kartoffeln backen von allein und das hier betrifft euch beide.«
   Alexander legte den Stock beiseite und hockte sich neben Oskar den Frauen gegenüber hin.
   »Das sind Violabeeren. Sie stärken den, der durch Magie geschwächt wurde.«
   Gleich würde sie aufwachen. Der Traum wurde immer verworrener. Anna rieb sich das Gesicht.
   »Naomi hat auch schon einige gegessen, denn die Dolchpalme ist eine von den vielen magischen Pflanzen hier. Außerdem meinte meine Schwester, ihre Kräfte unnötig mit dem Werfen von Feuerkugeln verschwenden zu müssen, und das hat sie zusätzlich entkräftet.«
   »Von wegen unnötig.« Anna schnaubte. »Sie hat damit den Wolf verscheucht, oder?«
   »Auch du, Alexander, solltest einige Beeren essen.« Erin nahm unbeirrt den Faden wieder auf. »Dich hat die Reise hierher zwar nicht so arg mitgenommen wie Anna, doch auch an dir ist der Übergang von der alten Welt nach Silvanubis nicht spurlos vorübergegangen. Hab ich recht?«
   Alexander nickte.
   »Wo ihr jetzt seid, das wisst ihr ja schon.«
   Anna brummte. »Ach ja, Erin? Wissen wir das?«
   Alexander schmunzelte, als sein Blick zwischen Anna und Erin hin- und herwanderte.
   »Ihr seid in Silvanubis, Anna. Ab und zu kommen Menschen aus der alten Welt hierher. Die meisten haben eine Ahnung, was sie erwartet, so wie Alexander. Diese Personen kann die Magie nicht so schwächen, weil sie bereits über eine …«, sie suchte nach Worten, »… eine Verbindung verfügen. Und dann gibt es noch die, die mehr oder weniger zufällig hier gelandet sind. So wie du, Anna. Doch Naomi hat mir von deinem Traum erzählt.«
   Alexander fuhr herum. »Du hast auch geträumt?«
   Enttäuschung und Tadel waren unüberhörbar, und er hatte recht. Er hatte ihr vieles anvertraut und sie hatte kaum etwas preisgegeben. »Das war anders«, antwortete sie.
   »Tatsächlich?«
   »Es war anders, Alexander«, wiederholte sie.
   »Wie dem auch sei«, unterbrach Erin sie ungehalten. »Silvanubis’ Bewohner teilen sich das Land mit vielen Lebewesen, die auch euch vertraut und bekannt sind.« Sie warf einen kurzen Blick auf Oskar und grinste. »So wie dieses Monster.«
   Alexander schnalzte mit der Zunge. »Hey, nichts gegen Oskar.«
   Erin lächelte. »Ihr werdet hier jedoch auch andere, magische Kreaturen finden. So wie den Wolf vorhin, ein Fenris, gegen den wir mit Pfeil und Bogen oder Schwertern nichts ausrichten können. Es gibt gute und bösartige Wesen. Pixies oder Einhörner beispielsweise sind sehr scheu und zurückhaltend, aber freundlich und ungefährlich. Dann gibt es kraftvolle, bedrohliche Geschöpfe. Drachen und Greife gehören zu dieser Gruppe. Sie sind temperamentvoll und harmlos, wenn man sie respektiert und nicht reizt. Doch der Fenriswolf greift grundlos an und erfreut sich am Leid seiner Opfer.«
   Anna spähte angestrengt in das dunkle Unterholz.
   »Keine Sorge, Anna, der Fenris ist fort. Zumindest vorläufig. Er wird es heute nicht noch einmal versuchen. Tagsüber versteckt er sich. Er greift nur bei Dunkelheit an, feige und hinterhältig. Doch hätten wir nicht zuerst das Feuer erzeugt, dann hätte er es getan. Er kann nachts Feuer speien, wenn seine Augen …«
   »… rot werden?«, vollendete Anna den angefangenen Satz.
   Erin nickte. »Richtig. Woher weißt du das?«
   »Ich hab es gesehen«, antwortete Anna.
   »Du willst es zwar nicht wahrhaben, Anna, doch auch du gehörst hierher. Ob es dir gefällt oder nicht.« Ein Lächeln umspielte Erins Mundwinkel.
   »Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass ich auch nur eine überflüssige Minute hier in … in Silvanubis verbringe!« Annas Stimme bebte. Sie warf einen flüchtigen Blick in Alexanders Richtung. Niemand konnte darüber bestimmen, wo sie hingehörte.
   »Keiner zwingt dich, hierzubleiben, Anna. Aber urteile nicht zu früh, wer weiß, vielleicht findest du ja noch Gefallen an allem, an uns.« Erin verzog belustigt den Mund.
   Anna öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Entschieden presste sie die Lippen zusammen und blinzelte müde in das Feuer.
   »Das magischste aller Geschöpfe ist der Phönix, der Vogel, von dem du geträumt hast.« Erin hatte sich erhoben und lief vor dem Feuer auf und ab. »Er verfügt über große Kräfte und besondere Fähigkeiten. Auch das werdet ihr später lernen.« Sie warf Anna einen Seitenblick zu. »Oder auch nicht … Außer magischen Kreaturen gibt es aber auch Pflanzen, die Zauber besitzen.«
   »Wie die Dolchpalme?« Nun war sie doch ein wenig neugierig.
   »Wie die Dolchpalme, zum Beispiel.«
   »Wie habt ihr das mit den Feuerkugeln gemacht?« Alexander hatte bislang lediglich zugehört, fasziniert schien er jedes Wort von Erin aufzusaugen.
   »Nun ja, die Bewohner Silvanubis’ haben sich mit der Zeit gewisse Fähigkeiten angeeignet.«
   »So wie Feuerkugelweitwerfen?«, unterbrach Anna sie.
   »Unter anderem«, fuhr Erin ungerührt fort. »Solltet ihr euch entschließen, hierzubleiben, dann werdet auch ihr dazu in der Lage sein. Dem einen fällt es leicht, ein anderer wird sich schwertun, diese Fähigkeiten zu erwerben, aber lernen kann sie jeder. Doch die Anwendung von Magie schwächt. Naomi ist das beste Beispiel dafür. Deshalb, Anna, bist du so erschöpft und wirst es bestimmt eine Weile bleiben. Alexander geht es besser, weil er schon eine gewisse Verbindung zu uns hatte. Doch keine Sorge, ihr werdet eure Kräfte wiedererlangen.«
   »Verbindung«, murmelte Alexander. »Verstehe ich nicht.«
   Erin griff nach der kleinen Flasche und schüttelte sie prüfend. Sie entkorkte sie und trank mit geschlossenen Augen. »Noch jemand?«
   Noch bevor Alexander nickte, reichte Erin ihm die Holzflasche. »Du hast mir gesagt, du hättest die Pixie bereits im Nebel gesehen.«
   Anna schnappte laut nach Luft. »Du hast was?«
   »Ich wusste nicht, dass das wichtig war.« Alexander warf einen Stein ins Feuer, sodass mehrere glühende Funken zischend im Blätterdach verschwanden.
   Erin sah Alexander aufmerksam an. »Du hast dich, bewusst oder unbewusst, von der Fee hinüberführen lassen. Du ahntest, dass die magischen Kreaturen echt sind, und hast akzeptiert, dass es neben deiner Welt noch eine andere gibt. Dass wir existieren. Das ist die Voraussetzung, um von hier nach dort zu gelangen. Doch das allein reicht nicht. Auch ich glaube an deine Welt, aber mir ist es nicht möglich, Silvanubis zu verlassen und dein Zuhause zu besuchen. Zumindest nicht ohne Hilfe. Du besitzt ein besonderes Talent, über das weder ich noch Naomi oder sonst jemand aus meiner Familie verfügt. Was Anna angeht … Der Phönix taucht sicher nicht grundlos in ihren Träumen auf. Doch deine Freundin ist bestimmt noch nicht bereit, sich von einem magischen Wesen führen zu lassen. Wahrscheinlich hofft sie immer noch, dass sie irgendwann aufwacht und der Traum vorüber ist.«
   Anna zuckte mit den Schultern und biss die Zähne zusammen.
   »Ihr hattet Glück«, fuhr Erin fort. »Nicht jedem gelingt das Überschreiten der Grenze zwischen unserer und eurer Welt. Viele überleben es nicht. Und deshalb, Anna, wirst du auch eine Weile bei uns bleiben müssen, denn ein erneuter Grenzübertritt würde dir jetzt nicht gelingen. Du bist zu geschwächt dafür, glaub mir.«
   Annas Magen sackte in die Kniekehlen. »Wie lange?«, brachte sie tonlos hervor.
   »Ich weiß es nicht, Anna. Einige Wochen sicherlich. Es tut mir leid. Wirklich.«
   Wochen! Wenn auch ihre Eltern nicht auf sie warteten, so gab es doch einige, die beginnen würden sich zu sorgen und vielleicht bereits nach ihr suchten. So wie Peter. Wochen … »Und wenn ich es doch versuche?«, fragte sie leise.
   »Das würdest du nicht überleben, Anna«, erwiderte Naomi. Sachlich und glasklar hing die Antwort in der Luft.
   Anna erhob sich langsam und entfernte sich von dem Feuer und ihren Begleitern. Sie lief auf eine mächtige Eiche zu und lehnte sich an den rauen Stamm. Wochen … sie verstand sich nicht. Warum erschreckte sie das so? Sehnte sie sich tatsächlich nach ihrem kleinen Zimmer, dem Sonneneck, den grauen Ruinen, dem Hunger, den Erinnerungen an ihre Eltern? Peter? Nein, das war es nicht. Man hatte ihr die Entscheidung abgenommen. Schon wieder. Diesen verfluchten Krieg, die Bomben, die Zerstörung hatte sie sich nicht ausgesucht. Ebenso wenig, allein in einem Spielzeugladen zu wohnen, zu frieren und zu hungern oder hier mit fremden Menschen in der Wildnis an einem Lagerfeuer zu sitzen. Sie schloss die Augen. Irgendwann hatte sie sich immer mit den Umständen abgefunden. Sie war nicht glücklich, aber zufrieden gewesen. Bis die Unruhe in ihr wuchs, ihr Leben selbst zu gestalten. Und nun … Anna atmete tief durch. Nun würde sie wieder das Beste daraus machen und warten, bis sie kräftig genug war, um zurückzukehren.
   Anna öffnete die Augen und erschrak. Alexander stand neben ihr. Sie hatte ihn nicht kommen hören.
   »Es tut mir so leid, Anna. Ich bringe dich zurück, das verspreche ich dir.« Er legte seine Hand sacht auf ihren Arm, griff nach ihrer Hand und zog sie hinter sich her. Gemeinsam ließen sie sich vor dem Feuer nieder.
   »Es ist ja nicht deine Schuld. Oder?« Fragend blickte sie Alexander an.
   »Ich befürchte doch.« Naomi versuchte es mit einem aufmunternden Lächeln. »Es war eindeutig Alexander, der den Weg hierher gesucht und Silvanubis gesehen hat. Dass du hier bist, ist ein Wink des Schicksals, sozusagen.« Sie sah Alexander nachdenklich an. »Wie war das genau, das Überschreiten der Grenze?«
   Alexander schüttelte sich. Offensichtlich gefiel ihm die Erinnerung daran ganz und gar nicht. »Nun ja, Überschreiten würde ich das nicht nennen.« Er legte Oskar die Hand auf den Rücken. »Wir waren in diesem Wald unterwegs, als der Nebel kam. Ich habe Oskar an die Leine genommen, weil ich Angst hatte, ihn zu verlieren. Der Nebel wurde undurchdringlich. Wie ein langer Tunnel und es fiel schwer, zu atmen. Ab und zu habe ich das bunte Flimmern gesehen, die Pixie … Dann habe ich Anna gehört, ihr Keuchen. Sie schien kaum noch Luft zu bekommen. Ich habe sie gerufen. Sie konnte mich zwar hören, aber nicht verstehen.«
   Naomi nickte eifrig. »Das mit dem Nebel muss kurz vor der Grenzüberschreitung gewesen sein. Wie gesagt, du hattest eine Verbindung hierher, Alexander, und Anna nicht. Nicht nur, dass ihr allein das Überschreiten der Grenze nicht gelungen wäre, ihr muss es auch viel schwerer gefallen sein, mit dem Nebel fertig zu werden. Mich wundert nicht, dass sie dich nicht verstehen konnte. Und dann?«
   »Dann«, fuhr Alexander fort, »ist mir Anna in die Arme gefallen.«
   »Tja, was soll ich sagen … Hättest du sie nicht aufgefangen, wäre sie zurückgeblieben. Der Nebel hätte sich gelichtet, und sie wäre nach einer Weile wieder zu sich gekommen. Anna hätte sich wahrscheinlich nicht einmal erinnert.«
   Anna fuhr zusammen.
   »Alexander, du kannst jeden mitnehmen. Anna lag in deinen Armen und Oskar hattest du an der Leine.«
   »Aber Oskar war verschwunden, als sich der Nebel gelichtet hatte.« Alexanders Hand lag immer noch auf dem Rücken seines Hundes, als wollte er sichergehen, dass er sich nicht ein zweites Mal in Luft auflöste.
   Naomi schmunzelte. »Das hat sicher nichts mit Magie zu tun. Ich befürchte, er ist dir einfach weggelaufen.«
   Alexander fuhr sich verlegen durch die schwarzen Haare, schielte in Annas Richtung. »Ja, das hat er so an sich.«
   In Annas Kopf arbeitete es. Jetzt verstand sie, glaubte sie jedenfalls. »Deshalb der Name?«
   Erin stieß ihrer Schwester in die Seite, die scharf Luft einzog und dann wissend grinste. »Tut mir leid, Schwesterherz. Du kannst schon wieder so munter Fragen beantworten, dass ich für einen Moment deine Verletzung ganz vergessen habe.«
   »Schon gut. Nicht dumm, unsere aufmüpfige Freundin hier. Ja, Anna, daher der Name. Du scheinst aufgepasst zu haben in der Schule.«
   Anna zuckte mit den Schultern. Sie interessierte sich für die lateinischen Namen der Pflanzen, die sie liebte und da war das ein oder andere eben hängen geblieben. »Silva bedeutet Wald und nubis … Nebel?«
   »Fast. Ganz stimmen die Namen mit dem Latein, wie du es kennst, nicht überein«, erklärte Erin. »Es kommt von nubes …«
   »Wolke?«, fragte Anna.
   »Stimmt, immer wenn die Wolken sich in den Wald senken und ganz dicht werden, ist das ein Zeichen für ein besonderes Ereignis, außerordentlich starke Magie oder eben einen Übertritt.«
   Anna kämpfte die Panik nieder. »Das heißt, ich muss wieder durch diesen Nebel, um nach Hause zurückzukehren?«
   »Ich befürchte schon.«
   »Genau hier?«
   Erin überlegte. »Das weiß ich leider nicht. Aber ich bin sicher, Papa weiß da bestens Bescheid.«
   Anna griff nach einem der gefüllten Blätter und trank. »Ollaris … Topf, nicht wahr?«
   Naomi nickte. »Richtig.«
   Anna hängte das grüne Gefäß zurück an den Ast. »Ich glaube, die gibt es nur hier, diese Blätter. Warum schmeckt das Wasser eigentlich so viel besser?«
   Nun leuchteten Erins Augen. »Ich habe gehört, dass alle, die von drüben kommen, diese Frage stellen. Leider habe ich keinen Vergleich. Man sagt, dass dort, wo ihr herkommt, das Wasser normalerweise nicht einfach aus dem Bach getrunken werden kann. Stimmt das?«
   Alexander nickte nachdenklich und grinste matt. »Es ist eben nicht so … sauber dort.«
   Anna blickte Alexander aufmerksam an, der offenbar nach Worten suchte. Wie konnte man den Schwestern eine Welt beschreiben, die so ganz anders war? Wie Schmutz und Abfall, Trümmer und Ruinen erklären? Anna unterdrückte ein Seufzen. Es half alles nichts, sie konnte grübeln, sich aufregen, Alexander die Schuld geben, wütend oder traurig sein, aber an der Situation konnte sie nichts, rein gar nichts ändern. »Wann brechen wir auf?« Ungeduldig trommelte sie auf den weichen Waldboden.
   Alexander kommentierte ihren Sinneswandel mit einem Kopfschütteln.
   »Morgen früh, Anna. Wir müssen hier fort. Und zwar schnell.« Naomi nickte zu den beiden Männern hinüber, die sicher verschnürt weit genug entfernt saßen, sodass sie ihre Unterhaltung nicht verfolgen konnten. »Wenn meine Schwester dich nicht befreit hätte, Alexander, dann sähe es jetzt schlecht für dich aus, befürchte ich. Und für uns auch«, fügte sie leise hinzu.
   Anna stöhnte. Was kam jetzt noch? Nahmen die Überraschungen denn gar kein Ende?
   »Wo fange ich am besten an?« Naomi hielt einen Moment inne. »Wir leben mehr oder weniger friedlich miteinander, haben gelernt, die besonderen Kreaturen zu akzeptieren und mit der Magie besonnen umzugehen. Ab und zu allerdings gibt es den einen oder anderen, dem das nicht reicht, der versucht, Reichtümer anzusammeln, und der nach Macht giert.«
   Sie griff nach der halb vollen Whiskeyflasche, nahm einen ordentlichen Schluck, dieses Mal ohne zu husten, und kehrte zum Thema zurück. »Vor vielen Jahren lebte, nicht weit von diesem Wald entfernt, ein außerordentlich begabter Magier. Er wohnte in einem kleinen Haus mit seiner Frau, die ihn verehrte und liebte. Er verstand sich auf die Zauberkunst wie kein anderer. Sein ganzer Stolz waren seine zwei Kinder, Zwillinge, ein Junge und ein Mädchen. Es heißt, die beiden waren unzertrennlich. Nie wurde der eine ohne den anderen gesehen. Sie hatten kaum Freunde, aber sie suchten auch keine, zogen die gegenseitige Gesellschaft vor. Man sagt außerdem, dass sie das Talent ihres Vaters geerbt hatten. Stundenlang konnten sie sich mit Magie und Zauberei beschäftigen, waren befreundet mit Drachen, Pixies und allen möglichen magischen Gestalten. Dann wurden Gerüchte laut, dass das Mädchen begann, eine dunkle Seite zu entwickeln. Sie nutzte Geschöpfe aus, misshandelte sie und fing an, sich für gefährliche, giftige Pflanzen zu interessieren. Ihr Bruder soll immer wieder versucht haben, sie auf den richtigen Weg zu bringen. Vergeblich. Regelrecht besessen schien sie von der Idee, immer gefährlichere Tinkturen zu brauen, immer riskantere dunkle Magie auszutesten. Und sie brauchte Versuchsobjekte. Bald gab sie sich nicht mehr mit Pflanzen zufrieden. Sie probierte ihre Künste erst an gewöhnlichen Tieren aus, Eichhörnchen, Mäusen, schließlich Katzen, Hunden und Pferden. Aber irgendwann war ihr auch das nicht mehr genug, und nun mussten die magischen Kreaturen herhalten. Es kam, wie es kommen musste. Eines ihrer Experimente ging schief. Genaue Einzelheiten sind mir nicht bekannt, doch angeblich hat sie an einem kleinen Drachen geübt und das Experiment ist missglückt. Das Drachenjunge starb.« Naomi hielt inne, das Sprechen schien ihr Schwierigkeiten zu bereiten. Dankbar trank sie das Wasser, das Erin ihr reichte.
   »Ruh dich ein wenig aus, Naomi. Ich kann genauso gut weitererzählen.« Erin griff nach ihrer Hand, drückte sie kurz und fuhr fort. »Diese Wesen sind uns, selbst wenn wir Magie anwenden, an Kraft und Geschicklichkeit überlegen, doch einen wütenden, zornigen Drachen abzuwehren, das ist so gut wie unmöglich. Die Mutter des Drachen hat sich fürchterlich gerächt. Das Mädchen musste mit ansehen, wie ihre Eltern grausam zerrissen wurden. Auch ihr Bruder blieb nicht verschont. Der kaum den Kinderschuhen entwachsene Junge hatte, ebenso wie das Drachenjunge zuvor, keine Chance. Seine Schwester versteckte sich und überlebte. Obwohl die Menschen ahnten, dass sie den Tod ihrer Familie verschuldet hatte, wollten sich einige gute Seelen ihrer annehmen. Doch das Mädchen, damals zwölf Jahre alt, wollte bei niemandem wohnen. Es hat nicht mehr gesprochen, sich abgesondert und ist schließlich verschwunden. Vor drei Jahren ist Kyra, inzwischen vierundzwanzig, wieder aufgetaucht. Seitdem ist in Silvanubis nichts mehr, wie es war. Wo immer sie in Erscheinung tritt, verbreitet sie Angst und Schrecken. Und sie hat die Magie in dieser Zeit nicht verlernt, im Gegenteil, es gibt wohl kaum einen, der es mit ihr aufnehmen kann. Und jetzt kommt die Stelle, die euch betrifft.« Erin sah von Anna zu Alexander. »Kyra ist fasziniert von der dunklen Seite der Magie und noch immer voller Zorn und Hass. Sie gibt Silvanubis die Schuld am Tod ihrer Eltern und ihres Bruders. Seit sie wieder aufgetaucht ist, hat sie nur ein Ziel vor Augen, nämlich das Leben, so wie wir es kennen und lieben, zu zerstören. Sie will alleinige Herrscherin über die wunderbaren Geschöpfe, alle Pflanzen und die Magie sein. Und dazu benötigt sie, unter anderem, einen von euch.«
   Anna schluckte. Das wurde ja immer besser.
   »Sie benötigt einen Neuankömmling, jemanden, der noch keine neunzig Tage hier ist und aus der alten Welt kommt. Außerdem eine besondere Pflanze, die Silberblüte, und sie braucht den Phönix. Diese drei … Elemente sind das Kostbarste, was Silvanubis besitzt. Wenn es ihr gelingt, diese drei notwendigen Teile gleichzeitig zu zerstören, wird jede Kreatur ihre Magie verlieren und ihr gehorchen müssen. Alle Pflanzen werden ihre magischen Kräfte einbüßen und niemand wird jemals mehr in der Lage sein, Silvanubis zu erreichen oder zu verlassen. Auch uns wird es nicht mehr möglich sein, die magische Kunst auszuüben.«
   Na prima! In Annas Kopf kreiste es gefährlich. Alexander hatte sich ja einen wunderbaren Zeitpunkt für seine Reise ausgesucht. Anna sah zu ihm und er blickte betrübt zu Boden.
   Für einen Moment hob er den Kopf und ihre Blicke trafen sich. In seinen Augen konnte sie deutlich Es tut mir furchtbar leid lesen. Sie räusperte sich und sah zu den Gefangenen hinüber. »Sind die beiden Kyras Freunde?«
   Erin seufzte. »Genau so ist es. Ich denke, Glenn und sein Freund waren mit Alexander auf dem Weg zu ihr.«
   Anna straffte die Schultern und holte tief Luft. »Also dann, morgen früh. Wir sollten uns ein wenig ausruhen.«
   Erin nickte. »Ja, schlaft ein bisschen. Sobald es hell wird, geht es los. Wenn wir früh genug aufbrechen, erreichen wir Calliditas noch vor Anbruch der Dunkelheit.«
   »Erreichen wir wen?« Anna rieb sich die Augen. Da war es wieder, dieses Wort.
   »Was, nicht wen. Calliditas«, antwortete Naomi, »ist der Ort, wo wir leben. Eine Niederlassung unseres Volkes, der Najaden.«
   Kaum hatte sie begonnen die Dinge ein wenig klarer zu sehen, da schmissen die Schwestern schon wieder mit fremd klingenden Wörtern um sich.
   »Lass es gut sein, Anna. Du wirst genug Zeit haben, Fragen zu stellen und alles zu verstehen, wenn wir zu Hause angekommen sind.« Erin stand auf und warf die letzten gesammelten Äste in die Glut.
   »Zu Hause …«, murmelte Anna, erhob sich und lief auf den provisorischen Blätterunterschlupf zu. Im Vorbeigehen streifte sie Alexanders hinunterhängende Schulter. »Es ist nicht deine Schuld«, raunte sie ihm zu. »Du konntest mich ja schlecht fallen lassen, oder?«

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