Arepo steht kurz vor der Revolution! Um zu verhindern, dass der diktatorische Kanzler Willms sich der gesamten Geisterwelt bemächtigt und damit das Gleichgewicht der Welten unwiderruflich zerstört, geht Merl das Risiko ein und begibt sich über den Geisterpfad, der sie überall hinführen kann – selbst in Jasrazens Zentrum, wo der Kanzler sie bereits erwartet. Doch Merl lässt sich nicht so leicht einschüchtern. Während sie versucht, ihre Familie und Prio aus Jasrazens Fängen zu befreien, entbrennt ein Krieg zwischen Geistern und Menschen, aus dem sich niemand mehr heraushalten kann. Und plötzlich muss sich Merl, als medial Begabte, die Frage stellen, auf wessen Seite sie eigentlich steht.

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ISBN: 978-9963-53-573-6

Seiten: 220

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Claudia Romes

Claudia Romes
Claudia Romes wurde 1984 in Bonn geboren. Die gelernte Krankenschwester lebt heute mit ihrer Familie auf dem Land. Märchen und Legenden begleiten sie seit ihrer Kindheit. Im Alter von neun Jahren begann sie, ihre eigenen Geschichten zu erzählen. Während ihrer Elternzeit entdeckte sie ihre alte Leidenschaft wieder: das Schreiben. Seit 2012 veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Lyrik und Romane. Veröffentlichte Romane: - Jacks Briefe (2012) - Est Electio (2013) - Cor de Rosas Tochter (2014) - Verdandi-Kein einziges Jahr (2014) - Pulsierendes Herz-Geisterkammer (Januar 2016 im bookhouse Verlag) - Pulsierendes Herz-Geisterpfad (erscheint Januar 2017 im bookshouse Verlag)

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Leseprobe

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Prolog

Der Abend war angebrochen. Vor den vergitterten Fenstern der Universität wechselte das Licht von grauweiß auf blauschwarz. Ein weiterer Tag ging zu Ende und Walter kroch durch ein Dickicht aus Metallrohren und Aluminiumkabeln. In den letzten sechs Monaten hatte es sich fast selbstständig um seinen Labortisch ausgeweitet. Es war zu einem Ausmaß herangewachsen, der einen Großteil des Raumes für sich einnahm.
   Erst nachdem Walter vor den mit einer blasslilafarbenen Flüssigkeit gefüllten Flakons angekommen war, machte er seinen Rücken wieder gerade. Er stemmte die Hände in die Hüften und nickte anerkennend. »Gut, gut«, sagte er und schenkte Charles, seinem jungen Laborassistenten einen zufriedenen Blick. »Ist alles vorbereitet?« Walter schob seine allzu locker sitzende Brille die Nase hinauf.
   »Wir sind startklar, Professor Tibbits«, antwortete Charles Davur mit leicht zittriger Stimme.
   Wieder nickte Walter und sein Assistent gab den drei Männern und zwei Frauen, die hinter einer Glasscheibe warteten, ein Handzeichen. Der Mann, der den Schalter umlegte, war groß und hatte kurz geschnittenes, blondes Haar. Er tat es ohne jedwede Regung und auch die Frauen und Männer neben ihm schauten mit ausdruckslosen Mienen zu, wie das toxische Gas in den Glaskasten mit dem schreienden Kalb drang. Es umschloss das Tier solange, bis dieses nicht mehr zu sehen war. Ein dumpfes Geräusch folgte. Es ließ die Zusehenden wissen, dass das Gas die Atemwege des Kalbes erreicht und seine tödliche Wirkung entfaltet hatte. Die Lüftungsanlage saugte anschließend den giftigen Nebel aus dem Kasten. Das tote Kalb lag auf der Seite, die Augen hatte es einen Spalt geöffnet. Walter eilte zum Leerraum – eine von ihm entwickelte Röhre, die mit einem Gasgemisch gefüllt war, das aus verdunstetem Blut lebender Menschen gefiltert wurde. Gespannt sah Walter ins Innere der Röhre. »Es funktioniert!« Für den Bruchteil einer Sekunde zeigte sich das fahle Abbild des Kalbes im Inneren der Röhre, dessen Körper sich unweit davon im gläsernen Kasten befand. Doch so plötzlich, wie es sich gezeigt hatte, war es auch wieder verschwunden. Ernüchtert rieb sich Walter den Schweiß von der Stirn.
   Charles trat neben ihn und stieß einen enttäuschten Seufzer aus.
   »Wir sind nah dran …, wir sind so nah dran, dass ich den Erfolg bereits schmecken kann.« Walter klopfte seinem Assistenten auf die Schulter.
   »Ich weiß, beim nächsten Mal wird die Seele in der Kammer verbleiben.«
   Walter wusste Charles’ Ehrgeiz zu schätzen. Er erinnerte ihn an sich selbst in jungen Jahren. Zu einer Zeit, in der er als aufstrebender Wissenschaftler glaubte, die Welt verbessern zu können. »Gute Arbeit. Ich danke euch allen. Das war ein Erfolg, wenn auch ein kleiner«, lobte Walter und schnaufte müde. »Wir werden für heute Schluss machen. Geht nach Hause. Du auch, Charles. Deine Familie wartet schon viel zu lange auf dich.«
   Charles betrachtete Walter mit einem schiefen Lächeln. »Das Gleiche gilt aber auch für Sie, Professor!«
   Walter nickte leicht und fuhr sich über den grauen Bart, als wollte er einer Erwiderung ausweichen. Er wünschte sich, nach einem arbeitsreichen Tag nach Hause gehen zu können wie jeder andere auch, aber sein Gewissen hielt ihn davon ab. Sobald er daran dachte, heimzukehren, kam ihm sofort in den Sinn, in welche Gefahr er seine Familie bringen würde, sollte er es nicht schaffen, den Kanzler mit seiner Arbeit zufriedenzustellen. In den vergangenen Jahren war der Hochkanzler immer unberechenbarer geworden. Niemand wusste, auf wen er es als Nächstes abgesehen haben würde. Insgeheim war Walter der Ansicht, dass es längst an der Zeit war, dass der Kanzler sein Amt niederlegte oder anders ausgedrückt: dass man ihn durch jemand anderen ersetzte. Jemanden, der bei klarem Verstand war und der nicht von falschem Ehrgeiz geleitet wurde. Walter fühlte sich ausgelaugt. Er wusste nicht, ob er es schaffen würde, einen Kontakt zur Geisterwelt herzustellen, so wie es Abraham Willms von ihm verlangte. In Wahrheit zweifelte er sogar daran, ob es überhaupt möglich war, seine Theorie in die Praxis umzusetzen. Und manchmal überkam ihn das Gefühl, als wäre das, was er versuchte, falsch, als sollte er besser einen anderen Weg einschlagen und damit aufhören, zu versuchen ein Tor ins Jasra, in die Welt der Toten, zu finden. Wehmütig sah er seinen Mitarbeitern dabei zu, wie einer nach dem anderen seine Sachen packte und das Labor verließ.
   Charles verharrte bei ihm. »Sie werden auch gleich gehen, oder?«, hörte er vorsichtig nach.
   Walter betrachtete seinen Assistenten eine Weile. »Natürlich, Charles.« Rasch wandte er daraufhin seinen Blick ab, damit Charles ihn nicht durchschaute.

Charles kannte den Professor gut genug, um zu wissen, dass seine Antwort nicht der Wahrheit entsprochen hatte. Er nahm sie ihm nicht ab, dennoch nickte er zögernd und stieg in den Aufzug. Er wusste, dass der Professor alle in den wohlverdienten Feierabend entließ, nicht aber sich selbst. Das ging nun bereits seit vier Wochen so. Tibbits würde eine weitere Nacht durcharbeiten, weil er Brodiaks Frist einhalten musste. Einen weiteren Aufschub der vom Hochkanzler Willms geforderten Ergebnisse würde er ihm nicht geben.
   Das Willms ihn für die Forschungen am Jasra beauftragt hatte, lag ein halbes Jahr zurück. Damals war Tibbits der einzige Wissenschaftler gewesen, der es für möglich hielt, eine Verbindung zwischen der Welt der Toten und der Lebenden herzustellen. Niemand sonst traute sich zu, den Anforderungen der Legalation gewachsen zu sein. Tibbits wurde das Zentrallabor in der Frankfurter Universität zugewiesen. Dazu gehörte auch ein Team von sechs Wissenschaftlern, die sich bereit erklärten, Tibbits’ Hypothese über den Zugang zum Jasra zu folgen. Charles arbeitete bereits seit fünf Jahren für den Professor für Physik und parlamentarischer Wissenschaften. In dieser Zeit hatten sie viele Entdeckungen gemacht und Charles sah zu Tibbits auf. Er bewunderte ihn. Nicht nur für dessen visionäre Ideen, sondern auch für den Großmut und der Verantwortung seiner Familie gegenüber.
   »Gute Nacht, Professor. Bis morgen früh.« An diesem Abend verabschiedete sich Charles mit einem unguten Bauchgefühl von seinem Vorgesetzten. In den vergangenen Tagen hatte Tibbits mehr und mehr abgeschlagen gewirkt. Hinzu kam eine Anspannung, die seine Konzentration zu mindern schien. Charles hoffte insgeheim darauf, dass Tibbits endlich Vernunft annahm und sich ein wenig Schlaf gönnte. Seiner Meinung nach waren sie ohnehin noch weit davon entfernt, einen Zugang zum Jasra zu finden, aber das sagte er Tibbits nicht. Schließlich war er der Professor und Charles vertraute ihm, denn er war der Beste in seinem Fach. Wenn es jemandem jemals gelingen sollte, die Seelen der Verstorbenen einzufangen, dann ihm. Tibbits war anfangs so sehr von seinem Erfolg überzeugt, dass er sich auf eine Zusammenarbeit mit dem Kanzler eingelassen hatte. Und das sollte etwas heißen. Niemand, der nicht felsenfest glaubte, den Kanzler zufriedenstellen zu können, hätte das in einer Zeit wie dieser getan. Tibbits war einen Vertrag mit dem Regime eingegangen. Ein Knebelvertrag, der ihm im Erfolgsfall Ruhm und Reichtum auf Lebenszeit einbringen würde. Sollte er es innerhalb eines Jahres jedoch nicht geschafft haben, Jasrazen zu dem zu machen, was sich der Kanzler vorstellte, so würde er mit seinem Leben dafür bezahlen – denn Hochkanzler Willms konnte es nicht leiden, enttäuscht zu werden. Und in einer Welt, die durch eine Naturkatastrophe ein Drittel der Bevölkerung verloren hatte, war ein weiteres Menschenleben von geringer Bedeutung.

Walter war allein. Allein mit dem toten Kalb. Dessen Leben so rasch aus ihm herausgehuscht war und dessen Seele noch viel schneller diese Welt verlassen hatte. Viel zu schnell, dachte er, während er das tote Tier betrachtete. Zu schnell, um es wirklich zu registrieren.
   Die Stille im Labor war fast unerträglich. Er ließ seinen Kopf auf den Schreibtisch sinken. Nur für einen Moment genoss er die Einsamkeit und saugte die viel zu kurze Erholung in sich ein.
   »Blut bedeutet Leben. Leben bedeutet Energie«, wiederholte er, wie so oft, die Anfänge seiner Formel. Der Druck, unter dem er stand, war entsetzlich. Schon immer hatte er sich mehr als einen Abenteurer, einen Durchbrecher physikalischer Gesetze gesehen. Unter einem solchen Hochdruck eine Entdeckung zu machen, widersetzte sich für ihn jeglicher Logik. Er legte die Stirn auf seinem aufgeschlagenen Notizbuch ab und betrachtete sich seine Aufzeichnungen aus den Augenwinkeln. »Reinste Energie, reinstes Leben … was habe ich übersehen?«
   Er rappelte sich auf, ging um seinen Schreibtisch herum und ordnete seine Aufzeichnungen, die er auf altmodische Art und Weise immer noch auf Papier festhielt. Ungeduldig kramte er in den Stapeln nach einer Formel, die er einst geträumt hatte. Es war die Formel, auf die sich alle seine bisherigen Forschungsergebnisse stützten. Noch immer hatte er keine Ahnung, wie er überhaupt auf diese Zahlen gekommen war. Es war einer dieser überaus realistischen Träume gewesen, einer von der Sorte, bei der man nicht weiß, ob man schlief oder wach war. Es war ein Traum, der ihn nicht mehr losließ, bis er die Informationen aufgeschrieben hatte, die aus ihm hervorgingen. Walter wollte glauben, dass ihn dieser Traum nicht zufällig ereilt hatte. Es war seine Bestimmung, die Formel aufzuschreiben, mit der alles seinen Anfang fand. Sie war der Bauplan für die Geisterkammern. Eine Art Wegweiser für die Lebenden ins Reich der Toten. Er war sich sicher, dass ein Erfolg bedeuten würde, dass die Grenzen zwischen beiden Welten durchbrochen werden konnten. Die Vorstellung, dass die Lebenden vom Wissen und der Erfahrung der Verstorbenen profitieren könnten, motivierte ihn. Vielleicht war dies der Anbeginn für eine neue, eine bessere Zeit, dachte er und deshalb wollte er den Kontakt herstellen. Nicht, weil der Hochkanzler danach verlangte, sondern damit die Menschen einen Grund zur Hoffnung hatten. Jeder würde sich mit geliebten Personen austauschen können, der Tod wäre nicht gleichbedeutend mit dem Ende. Er wollte den Beweis dafür für alle zugänglich und für jeden sichtbar machen, weil er fest davon überzeugt war, dass er damit die Menschheit von einer Urangst befreite: dem unausweichlichen und alles beendenden Tod.
   Endlich hatte er das Papier mit der ersten Formel gefunden. Mit dem Blatt in der Hand ging er zur gläsernen Kammer und kontrollierte das Bedienfeld. Gedanklich ging er nochmals den letzten Versuch durch. Er überprüfte erneut seine Berechnungen, dann löste er die untere Abdeckung des Bedienfeldes, riss eine Kabeldose heraus und vernetzte deren Inhalt neu. Anschließend verstaute er alles wieder sorgfältig. Er positionierte das Papier neben die Maschine und legte seinen Finger auf die Nadel, die sich gerade aus der Mitte des Bedienfeldes hochschob. Zögernd drückte er seinen Finger auf die Spitze, bis sie seine Haut durchdrang, das Blut herausquoll und das Innere der Glasröhre von Blitzen durchzogen wurde. Entschlossen öffnete er die Tür der Maschine und stellte sich hinein. Plötzlich klingelte sein Handy. Er fuhr zusammen, kramte es aus der Tasche und las auf dem Display den Namen seiner Tochter. Heute war ihr sechster Geburtstag und eigentlich hatte er ihr versprochen, längst Zuhause zu sein.
   Unwillkürlich stieg der Wunsch in ihm auf, nun an ihrem Bett zu sitzen, um ihr wenigstens noch einen Gutenachtkuss geben zu können. Auf einmal begann die Maschine, um ihn herum zu vibrieren. Eine eisige Kälte durchfuhr ihn und er hatte das Gefühl, fortgezogen zu werden. Ihm wurde schwindlig und er schloss die Augen. Sein ganzer Körper fühlte sich an, als würde er weggespült werden. Von einer riesigen Welle, die ihm den Boden unter den Füßen fortriss. Unwillkürlich hielt er den Atem an. Er holte erst wieder Luft, nachdem die Kälte einer angenehmen Wärme gewichen war und er die Kontrolle über sich wiederhatte.
   Blinzelnd schaute er sich um. Was war geschehen? Erstaunt fasste er sich an die Stirn. Walter nahm die vertrauten Gerüche seines Hauses in sich auf, sah die Umgebung vor sich, nach der er sich gerade eben noch gesehnt hatte, die ihm aber für diese Nacht unerreichbar schien. Eines stand fest: Er war nicht länger in seinem Universitätslabor. Der Raum war dunkel. Er hörte das rhythmische Ticken der alten Uhr in seinem Wohnzimmer, darunter vernahm er ein zartes Schluchzen. Er ging in die Richtung, aus der es kam, und fand seine kleine Tochter in einer Ecke des Zimmers sitzend. Sie kauerte auf dem Boden, die Beine fest angezogen. Das Gesicht zwischen ihren Knien vergraben. In der kleinen Hand hielt sie immer noch das Telefon. Er konnte sich nicht erklären, warum er plötzlich hier war, doch der Anblick seines weinenden Kindes veranlasste ihn dazu, die Antwortsuche auf später zu verschieben. Sie sollte ihn jetzt nicht fesseln. Vorsichtig legte er seiner Tochter die Hand auf den Schopf. »Warum weinst du, meine Kleine?«, fragte er leise.
   Langsam hob Sensa den Kopf und schaute ihn verwundert an. Ihre großen Augen glitzerten im fahlen Licht. »Wie bist du so schnell hergekommen, Papa?« Sie konnte es scheinbar einfach nicht glauben.
   »Ich weiß es selbst nicht genau«, antwortete er.
   »Ich habe mir so gewünscht, dass du kommst.«
   »Und ich habe dich wohl gehört. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, mein Engel! Dein Geschenk habe ich leider vergessen.« Er grinste leicht.
   »Hauptsache ist, dass du hier bist«, sagte das Mädchen freudig. Sie begann, über das ganze Gesicht zu strahlen. Glücklich fiel sie ihm um den Hals und er drückte sie an sich, als wäre er eine Ewigkeit von ihr getrennt gewesen.

Kapitel eins
An einem anderen Ort

Ich hatte mich nie gefragt, wie es sich wohl anfühlte, tot zu sein. Obwohl der Tod uns in diesen Zeiten alle beschäftigte, weil mit ihm nicht das Leid des Lebens vorüber war, hatte ich mir nie vorstellen wollen, wie es war, wie Prio zu sein – und das machte ich mir nun zum Vorwurf. Hatte ich ihm je das Gefühl gegeben, ihn wirklich zu verstehen? Seit Jasrazen ihn mir entrissen hatte, machte ich mir darüber Gedanken, ob ich seine Gefangennahme irgendwie hätte abwenden können. Immer wieder ging ich unsere letzten gemeinsamen Stunden durch. Sie waren so friedlich und so voller Hoffnung gewesen. Und plötzlich, von einem auf den anderen Moment, war das alles vorbei.
   Ich atmete schwer. Mir schwirrte der Kopf. Warum konnte ich diesen Moment nicht loslassen? Ich konnte nichts mehr daran ändern, dass Prio fort war, aber ich konnte verhindern, dass Jasrazen ihn für alle Zeiten auslöschte, indem sie ihm dem Masrion, dem Seelen auflösenden Fluss, übergaben.
   Im Moment trennten uns eintausend Kilometer voneinander. Ein Schutzschild, errichtet von Geistern bewahrte Winora, Kayn und mich davor, von Jasrazen gefunden zu werden. Niemand konnte sagen, wie lange das noch so sein würde. In den vergangenen drei Tagen hatte Hochkanzler Willms seine Anstrengungen verdoppelt. Von den Geistern, die durch Winoras Pfad vor Jasrazen geschützt waren, wussten wir, dass Willms mit Blut von medial Begabten weiterhin herumexperimentierte. Er war wohl kurz davor, die beiden Linien zu trennen. Sirrahs und Mirrahs. Die beiden Brüder, die einst aus dem All zu uns auf die Erde kamen. Mit ihnen nahm alles Leben auf der Welt seinen Anfang. Ihre Linien bildeten den Ursprung der medialen Begabung. Ich entstammte der Sirrah-Linie, die auch als reine Linie bezeichnet wird. Mirrahs Nachfahren hingegen sagte man einen Hang zur Eigennützigkeit nach, unter anderem, weil ein Wissenschaftler dazugehörte, der sein Blut zu Forschungszwecken einsetzte und als Endprodukt die Geisterkammern erschuf. Ein fehlgeleitetes Experiment, das dazu führte, dass eine ganze Gesellschaft Angst hatte zu sterben, weil jede Seele in den Kammern festgehalten wurde und Jasrazen über sie richtete. Niemand konnte sterben, ohne sich Jasrazens Methode zu entziehen. Auf jeden von uns wartete ein ruheloses Dasein.
   Ich musste Jasrazen aufhalten. Die Kammern mussten zerstört werden und alles, was zu ihnen gehörte, ein für alle Mal vernichtet. In den wenigen Momenten, die ich allein für mich in Kayns Haus war, schickte ich meine Gedanken zu Prio. Obwohl er weit weg von mir war, konnte ich ihn immer noch fühlen. Solange ich mich vergewissern konnte, dass es ihm gut ging, ging es auch mir gut. Es spornte mich an, weiterzumachen. Ich musste genau wie Winora einen eigenen Geisterpfad erschaffen. Auf ihm würde ich Prio zurückführen, raus aus dem Paranoctum, dem gläsernen Gefängnis der Seelen, im Zentrum von Jasrazen. Ich würde Prio befreien und auch meine Mutter aus der Kammer retten. Der Gedanke, dass auch sie nicht mehr am Leben war, schmerzte mich unheimlich. Wie sehr wünschte ich sie mir an meiner Seite. Winora hatte es mir möglichst schonend beigebracht. Ihr Tod auf den Kolonien würde nicht umsonst gewesen sein. Sollte es uns tatsächlich gelingen, sie und meine Großmutter hier bei uns zu vereinen, wären wir ein unschlagbares Team.
   Auf einmal ergab alles einen Sinn. Dinge, über die ich mir zuvor überhaupt keine Gedanken gemacht hatte, fügten sich nun zu einem großen Puzzle zusammen. Natürlich war meine Mutter auch eine medial Begabte und deshalb hatte sie ihre Schwester, die vor vielen Jahren den Freitod gewählt hatte, über ihren Geisterpfad ins Licht geführt. Was für eine Frau! Ich war stolz auf sie, stolz darauf, ihre Tochter zu sein, und ich wollte sein wie sie. Ich würde es schaffen. Ich war nah dran.

Über mir ein verschwommenes Sternenzelt. Ringsherum glitzernder Staub, frei rotierend. Ich kniff die Augen zusammen und schickte ihn noch einmal hinauf. Meinen Gedanken an den Weg durch die Unendlichkeit. Meinen eisernen Willen, ihn zu finden. Endlich. Ich war mir nicht sicher, ob ich schon bereit dafür war, ihn vor mir zu sehen – den Weg der Seelen. Meinen Geisterpfad, auf dem die Toten reisen konnten, ohne in Jasrazens Kammern gefangen zu werden.
   Ein unverkennbares Bellen riss mich aus meiner Konzentration. Jackson saß direkt vor meinen Füßen und schaute zu mir auf. Das zottlige Fell zeigte nur ein Auge, das erwartungsvoll auf mich gerichtet war. Ich beugte mich zu ihm hinunter und strich ihm über den Kopf. »Wenn du immer so viel Krach machst, wird das nie was mit mir.«
   Er bellte dreimal.
   »Suchst du schon wieder nach Ausreden?« Mit einem schiefen Lächeln trat Kayn an mich heran.
   »Ich brauche eben Ruhe, um mich zu konzentrieren.«
   »Ruhe«, wiederholte Kayn spöttisch und umkreiste mich dabei, als wäre ich ein Maibaum. »Denkst du vielleicht, die Geister würden solange auf dich warten, bis du endlich Ruhe hast? So funktioniert das nicht, Merl!«
   Ich schnaubte. »Ja, ja, hast du mir schon mal gesagt.«
   Er nickte lang anhaltend. »Das hab ich. Du musst versuchen, alles um dich herum auszublenden, sonst kann es nicht klappen. Anders wirst du deinen Weg zu den Geistern nie finden.«
   Ich ließ die Schultern hängen. »Ich weiß einfach nicht, wie ich das anstellen soll. Manchmal bin ich so nah dran, er ist mir zum Greifen nah, das weiß ich, aber dann verliere ich ihn wieder.«
   Kayn runzelte die Stirn und ging einen Schritt auf mich zu. »Merl, wovon sprechen wir hier?«
   »Ich weiß nicht, was du meinst«, stellte ich mich dumm. In Wahrheit wusste ich genau, worauf er hinauswollte, doch auch das Thema hatten wir eigentlich schon durchgekaut. Es fiel mir nur schwer, es dabei zu belassen.
   »Du sollst damit aufhören, dich auf Prio zu fixieren. Er lenkt dich ab. Wenn dein Herz immerzu nach ihm sucht, fehlt dir die nötige Kraft, um deinen Geisterpfad zu finden.«
   Verdrossen senkte ich den Blick zum Boden. Ich wusste, dass Kayn recht hatte. Wir hatten das alles schon mehr als einmal besprochen, auch Winora hatte mir erklärt, dass ich Prio zu viel Platz einräumte. Um nicht zu sagen, dass sich meine gesamten Gedanken an ihn richteten. Er versperrte mir jegliche Sicht auf andere Geister.
   »Ich will doch nur sicher sein, dass er noch da ist. Das Jasrazen seine Seele noch nicht aufgelöst hat.«
   »Das verstehe ich.« Kayn legte mir die Hand auf die Schulter und sah mich eindringlich an. »Ich weiß, wie sehr du um ihn besorgt bist, aber glaub mir bitte, wenn ich dir sage, dass sein Vater das nicht machen wird.«
   »Wie kannst du dir da so sicher sein?«
   Er ließ seinen Blick umherschweifen und seufzte tief. »Ich weiß es einfach.«
   »Das ist nicht sehr beruhigend.«
   Kayn schaute mir ins Gesicht. Erst jetzt fielen mir seine großen braunen Augen auf. Ein dichter dunkler Wimpernkranz rahmte sie ein.
   »Du solltest wirklich anfangen, mir zu vertrauen«, sagte er und lächelte ein wenig. »Ich will dir nicht vorschreiben, was du tun sollst, ich will dich nicht kritisieren, aber ich weiß, aus eigener Erfahrung, dass meine Mutter eben manchmal recht hat.« Er wandte seinen Blick ab und lachte auf. »Oder sagen wir besser, meistens. Sie sagt, dass du aufhören musst, nur an ihn zu denken. Du sollst dich auf die Gesamtheit konzentrieren und nicht nur auf ihn. So wie du es im Jasra getan hast, als du auf der Blumenwiese warst.«
   Ich schnaubte verdrossen. Behutsam führte er seine Hand an mein Kinn, um mich dazu zu bringen, ihn anzusehen. Fast wie es Prio immer getan hatte. »Hey.« Kayns Hand war warm, sein Griff fest. »Ich weiß nicht, wie es ist, jemanden so zu lieben, wie ihr euch liebt, du und Prio. Deshalb weiß ich nicht, was in einem vorgeht, wenn derjenige in Gefangenschaft ist, aber eines weiß ich sicher: Du wirst nicht aufgeben und du wirst ihn da rausholen.« Langsam ließ er seine Hand sinken. »Ich sehe etwas in dir, Merl. Du bist stärker und mutiger, als du denkst. Nicht umsonst setzen die Geister auf dich. Sie haben längst erkannt, was in dir steckt.«
   »Das sagst du so einfach.«
   »Nichts ist einfach. Weder das Leben noch der Tod, und erst recht nicht das, was uns bewegt. Solange wir leben, müssen wir immer irgendwelche Lösungen für Probleme finden. Und am Anfang scheint das immer unmöglich zu sein. Entscheidend ist nur, dass wir es trotzdem versuchen. Also auf geht’s. Versuche es noch einmal.«
   »Hast du eine Ahnung, wie schwierig das ist?« Ich ließ mich rücklings auf die Couch fallen und vergrub das Gesicht hinter meinen Händen. Mein Kopf schmerzte, meine Augen brannten. »Irgendwas mache ich verkehrt.«
   Kayn schnaubte. »Das Problem ist auch: Du strengst dich zu sehr an … also, deinen Körper. Du musst endlich verstehen, dass er dich nur blockiert. Versuche dein Innerstes von ihm zu lösen und lass dich von deinem astralen Ich leiten.«
   Ich lugte durch meine gespreizten Finger. »Und wie soll ich das machen?«
   »Wie denkst du, machen es denn die Geister?«
   »Keine Ahnung! Ich bin ja schließlich keiner.« Allmählich wurde ich wütend. Wie stellte er sich das eigentlich vor? Vielleicht war ich einfach nicht so begabt wie er oder seine Mutter. Jackson kuschelte sich an meine Beine, als wollte er mir Mut zusprechen.
   »Siehst du, sobald dir nicht bewusst ist, was du siehst, was du wahrnimmst, kannst du es.« Kayn stand nun direkt vor mir. Die Hände in den Hosentaschen sah er auf Jackson herunter, der ihn mit heraushängender Zunge betrachtete. »Ich sage dir, er weiß, was ich meine.« Er beugte sich hinunter und Jackson kam fröhlich auf ihn zu gelaufen.
   »Wenigstens einer«, murmelte ich.
   Kayn schnaufte genervt. »Also, du kannst echt ziemlich pessimistisch sein, weißt du das?«
   Ich zuckte die Schultern und machte eine beleidigte Schnute.
   »Und außerdem finde ich, dass du wesentlich mehr lernen könntest, wenn du dich nicht immer so hängen lassen würdest.«
   Mein Kopf fuhr herum. Was fiel ihm eigentlich ein? »Hängen lassen?«
   Er nickte mit hochgezogenen Augenbrauen. »Wahrscheinlich ist es längst an der Zeit gewesen, dass dir das mal jemand offen und ehrlich sagt. Seit Prio fort ist, sitzt du tagtäglich hier rum und starrst Luftlöcher. Das kann ja keiner mitansehen! Du bist nicht konzentriert bei der Sache. Du nimmst nichts an, was ich dir beibringen will. Ich denke, es wäre das Beste, wenn wir uns alle mit Jasrazens Größenwahn abfinden. Wenn du wirklich die letzte Hoffnung für die Geister sein solltest, würden wir alle gut daran tun, besser direkt aufzugeben.«
   Unfassbar, was er da sagte. Was nahm er sich nur heraus? Wut kletterte meine Kehle hinauf. Am liebsten hätte ich ausgeholt und ihm ordentlich eine verpasst. Das hätte er verdient. Stattdessen schluckte ich meinen Zorn hinunter und stimmte meinen Ton so ruhig wie nur möglich. »Es ist wohl besser, wenn deine Mutter von jetzt an wieder mein Training übernimmt.«
   »Sie ist nicht da, wie du weißt.«
   »Dann werden wir wohl warten müssen, bis sie zurückkehrt.«
   Er machte einen Schritt auf mich zu. Nun stand er direkt vor mir, sodass ich aufsehen musste, um ihn anzusehen. Mit verschränkten Armen vor der Brust blickte ich ihm fordernd ins Gesicht. Er erwiderte meinen Blick. Eine Ader zeichnete sich an seiner Stirn ab. Ich hatte ihn aufgeregt, mal wieder.
   »Uns läuft aber die Zeit davon«, sagte er scharf. »Ich weiß nicht, wann meine Mutter wiederkommt. Eine Reise auf dem Geisterpfad kann Stunden, Tage, aber auch Monate dauern.«
   »Monate?«, fragte ich erschrocken.
   »Unter Umständen, ja.« Sein Ton klang nun wieder freundlicher. Er setzte sich neben mich und seufzte. »Ich weiß, dass es für dich nicht einfach war in der letzten Zeit, aber du musst die Emotionen kontrollieren, die dich gefangen halten. Du musst den Weg in dein Unterbewusstsein finden, damit du meiner Mutter auf dem Pfad folgen und Prio und deine Mutter retten kannst.«
   Ich nickte knapp. »Du hast ja recht. Es tut mir leid, dass ich manchmal so stur bin.«
   »Manchmal ist gut«, murmelte er.
   Ich ließ die Arme sinken und schaute ihn reuig an.
   »Entschuldigung angenommen«, sagte er und stemmte die Hände tatkräftig in die Hüften. »Machen wir weiter?«
   Verlegen schaute ich auf meine Turnschuhe. »Wir streiten uns doch nur wieder.« Ich musste lachen, nachdem ich das gesagt hatte.
   Kayn stieg mit ein. »Tja, das ist bei uns nun einmal so. Wir sind sehr verschieden und deshalb haben wir oft unterschiedliche Ansichten. Aber macht es das nicht gerade so spannend … und meinen Unterricht?« Er stieß mich leicht mit dem Ellenbogen in die Seite.
   Ich lächelte ein wenig, dann wurde mein Blick leer und ich dachte daran, wie es sich anfühlte, wortlos verstanden zu werden. »Zwischen mir und Prio gab es nie wirklich Streit«, hauchte ich.
   Ich spürte Kayns Blick auf mir.
   »Nun, das liegt halt daran, dass ihr euch so ähnlich seid. Wobei er weniger stur ist als du.«
   Wir tauschten ein einvernehmliches Lächeln aus.
   »Eure Verbindung ist besonders, zweifellos.«
   Es hörte sich melancholisch an, so wie Kayn das sagte. Mit festem Blick schaute ich ihn an. Ich wollte ihm etwas darauf erwidern, aber in dem Moment fehlten mir einfach die richtigen Worte. Wir saßen uns direkt gegenüber und er blickte mir tief in die Augen.
   »Was fühlst du?«, fragte er.
   Ich horchte tief in mich hinein. Das, was ich hörte, bereitete mir eine Heidenangst. »Schmerz, Liebe, Trauer, Wut.«
   Er legte mir seine Hand auf die Schulter, immer noch war sein Blick auf mich gerichtet. Ich konnte mich in seinen Augen spiegeln.
   »Atme tief ein und aus«, sagte er. »Und jetzt löst du dich, mit jedem Ausatmen von einem der Gefühle.«
   Ich atmete ein und ließ den Schmerz gehen. Ich atmete wieder und löste mein Herz von der Liebe. Ich wusste, sie war nicht wirklich fort, ich hatte sie nur in einen anderen Raum geschickt, um meinem Unterbewusstsein Platz zu schaffen. Nachdem ich auch die Trauer und die Wut beiseitegeschoben hatte, spürte ich, dass meine Seele befreiter war. Ich schloss die Augen, und als ich sie wieder öffnete, befand ich mich an einem fremden Ort. Vor mir standen Geister. Sie alle blickten mich an. Geduldig und erwartungsvoll.
   »Hallo«, rief ich.
   Sofort wurde mein knapper Gruß als Echo zu mir zurückgeschickt. Es war meine Stimme gewesen. Die Geister schwiegen, sie standen einfach nur da und sahen mich an. Im nächsten Moment hatte ich das Gefühl, nach hinten gezogen zu werden. Meine Augen schlossen und öffneten sich erneut. Ich hustete, als hätte mir jemand die Kehle zugehalten. Ich fühlte mich wie ausgesaugt. Leer und kraftlos. Jetzt, da ich wieder in der gewohnten Umgebung war, suchte ich erneut Kayns Blick.
   Er lächelte ein bisschen. »Was war das?«, fragte er verblüfft und neugierig zugleich.
   Ich schüttelte den Kopf. »Ich habe nicht die geringste Ahnung. Plötzlich war ich ganz woanders. Da waren überall Seelen. Sie haben mich angestarrt.«
   »Hattest du Angst?«
   Ich zuckte die Schultern. »Nein«, hauchte ich kurz darauf.
   Kayn seufzte und schaute mich zufrieden an. »Dann warst du wohl schon ganz nah dran.«
   »Woran?«
   »Na, an deinem Pfad. Du hast den Ort gesehen, an dem sich die Geister derer versammeln, die deine Energie spüren. Die schon jetzt auf deinen Pfad gehen wollen. Weg von Jasrazen.« Er nickte anerkennend. »Und das, obwohl du ihn eigentlich noch nicht einmal aktiviert hast.«
   »Woher wissen sie dann, dass es ihn gibt?«
   »Weil er schon angelegt ist. Er ist wie die Lichtung in einem dunklen Wald, wie ein Wasserlauf ohne Regen.«
   Ich konnte ihm nicht folgen. »Wie meinst du das?«
   Kayn kratzte sich an der Stirn. »Na, woher weiß das Wasser, in welche Richtung es sich bewegt? Es folgt dem ersten Tropfen, der wiederum folgt einer Reihe von Vertiefungen auf dem Boden. Geister, die bereits den Weg zu dir gefunden haben, haben ihre Spuren hinterlassen. Sie leuchten. Jetzt musst du deinen Pfad entlanggehen und die Seelen führen, die davor warten. Erst wenn du das getan hast, wird er endgültig aktiviert sein. Die Seelen werden dann von allein den Weg zu ihrem auserwählten Medium finden. Den Weg zu dir.«
   »Das klingt unglaublich kompliziert«, grummelte ich.
   »Es lässt sich aber nicht einfacher erklären.«
   Ich rollte mit den Augen. »Na schön. Versuchen wir es noch einmal.«
   Kayn klatschte in die Hände. »Genauso gefällt mir das. Sei ehrgeizig. Das kriegen wir heute noch besser hin.«
   »Ich nehm dich beim Wort«, scherzte ich. Wieder schloss ich meine Augen.
   »Ach«, unterbrach mich Kayn. »Und verkrampf dich nicht wieder so. Ich bekomme allein vom Zusehen Muskelkater. Das raubt dir nur unnötige Energie. Entspann dich einfach, okay?«
   Ich prustete. »Du hast gut reden!«
   »Ich hab die Regeln nicht gemacht.«
   Kurz funkelte ich ihn an, bevor ich meine Lider schloss. Es war kein Hass zwischen uns, kein Streit, es war eher so etwas wie … Ich musste eine Zeit lang nach der richtigen Bezeichnung suchen, Freundschaft, tönte es aus meinem tiefsten Innern. Mir wurde warm ums Herz. Es war schön, einen Freund zu haben. Mir wurde bewusst, dass ich ihm vertraute. Nach fast zwei Wochen, die ich nun mit ihm und seiner Mutter Winora verbracht hatte, konnte ich wahrhaft sagen, Freunde gewonnen zu haben. Ich fühlte mich nicht länger allein. Es war schön, zu wissen, dass ich Menschen wie mich, medial Begabte, an meiner Seite hatte. Sie litten mit mir. Sie kämpften mit mir und sie würden mit mir Jasrazen besiegen. Einen tiefen Atemzug später war ich wieder genau da, wo ich eben bereits gewesen war. Die Geister sahen mich an. Eine alte Frau zeigte hinter mich und ich wandte mich langsam um. Da war er: der Geisterpfad. Er war schmal und machte eine Kurve. Nebel umgab ihn zu allen Seiten, aber er war nicht dunkel. Im Gegenteil. Der Nebel schien viel mehr eine Art pures Licht zu sein, das den grauen Weg kennzeichnete. Ich setzte mich in Bewegung. Vorsichtig ging ich darauf zu. Ich blickte mich nach den Geistern um, weil ich ihnen sagen wollte, dass sie mir folgen sollen. In dem Augenblick jedoch, als ich den ersten Fuß auf den Pfad stellen wollte, wurde es stockfinster. Es war, als hätte jemand einfach das Licht ausgeknipst. Auf einmal hörte ich Winoras vertraute Stimme ganz in meiner Nähe und wusste, dass ich nicht länger an meinem Geisterpfad war. Ohne das ich es wollte, war ich zurückgekehrt. Erleichtert und stolz ihn endlich gefunden zu haben – den Weg der Seelen. Jetzt musste es mir nur noch gelingen, ihn zu halten.

Kapitel zwei
Die Gleichgültigen

Seit Prios Verschwinden waren nun bereits mehr als zwei Wochen vergangen. Wochen, in denen ich nachts schlaflos dalag, weil ich mich fragte, was Prio gerade tat und ob es ihm gut ging. Die Tage hatte ich damit zugebracht, von Kayn zu lernen, wie ich meine Kräfte steuerte und sie endlich zu der Größe formte, damit sie mir den Weg für die Geister zeigten. Innerhalb kurzer Zeit sollte ich das lernen, wozu Winora, meine Mutter und Großmutter, die alle mächtige Begabte waren, Jahrzehnte gebraucht hatten. Es gab Phasen, da fühlte ich mich so unfähig, innerlich leer, dass ich regelrecht verzweifelte. Dann jedoch spürte ich die Kraft der Sterne in mir und es ging mir besser, je weiter ich in dem Bestreben kam, meine Fähigkeiten endlich zu kontrollieren.
   »Was macht das Training?« Winora saß mir gegenüber am Frühstückstisch und schaute mich neugierig an. Sie war gerade erst von ihrem Pfad zurückgekehrt und sah erschöpft aus.
   »Ich komme voran«, antwortete ich knapp und wandte den Blick ab. Verstohlen löffelte ich meinen Brei aus Haferkleie und Milchpulver.
   »Kayn hat mir erzählt, dass du ihn gefunden hast.«
   »Ihn?« Mit hochgezogenen Augenbrauen sah ich zu ihr auf.
   Sie lächelte ein wenig. »Na, deinen Geisterpfad!«
   Mir entfuhr ein tiefer Seufzer. »Das hat er gesagt?« Ich warf Kayn, der neben seiner Mutter saß, einen übel nehmenden Blick zu. Regungslos betrachtete er mich. Unmerklich schüttelte ich den Kopf. Während sich Winora Wasser nachschenkte, formten meine Lippen die Worte Stimmt doch gar nicht, aber Kayn schien sich nicht daran zu stören. Sein Gesicht blieb ausdruckslos.
   »Was habt ihr zwei für heute geplant?«, fragte Winora, nachdem sie einen großen Schluck getrunken hatte.
   Abwechselnd sah sie zu ihrem Sohn und zu mir. Ich zuckte ahnungslos mit den Schultern. Winoras Blick blieb forsch auf Kayn haften. Dieser lehnte sich räuspernd im Stuhl zurück.
   »Ich denke, es wäre vielleicht Zeit für eine kleine Reise.«
   Winora nahm einen tiefen Atemzug, dann lächelte sie. »Was für eine ausgezeichnete Idee! Ihr könnt ein wenig Abwechslung gebrauchen. Aber seid vorsichtig. Die Geister haben ihre Welt fürs Erste vor Jasrazen abgesichert, aber niemand weiß, was sich der Kanzler und seine korrupten Wissenschaftler als Nächstes einfallen lassen werden. Sobald ihr irgendeine Auffälligkeit wahrnehmt, müsst ihr zurückkommen. Das müsst ihr mir versprechen!«
   Kayn nickte. »Natürlich!«
   Winora schaute mich an. Sie wollte auch von mir wissen, ob ich ihre Warnung ernst genug nahm.
   »Versprochen«, sagte ich schließlich.
   Sie schien beruhigt. Bei dem Gedanken, wieder ins Jasra zurückzukehren, überkamen mich gemischte Gefühle. Einerseits freute ich mich darauf, diese wundersame Welt wieder zu betreten. Ich erinnerte mich daran, wie unbeschwert ich mich beim letzten Mal gefühlt hatte. Bis zu dem Punkt, an dem sich Jasrazen gewaltsam Zugriff auf die Geisterwelt genommen hatte und Prio einfach daraus entführte. Ich befürchtete, dass mich der Aufenthalt daran erinnern könnte, wie Prio meine Hand losließ, um mich zu retten. Noch immer wollte ich nicht verstehen, wieso er das getan hatte, und war deswegen zwischen Dankbarkeit und Schuldgefühlen hin- und hergerissen.
   »Wenn ihr auf deinen Vater trefft«, sagte Winora an Kayn gewandt, »sagt ihm bitte, dass ich ihn nochmals sprechen muss. Er ist im Jasra, um Seelen für unseren Aufstand zu rekrutieren. Doch die Geister, die in der Geisterwelt sind, verlassen sie meist nur ungern – selbst wenn wir ihnen einen Weg in die Welt der Lebenden weisen.«
   »Warum ist das so?«, hakte ich nach.
   »Sie fürchten sich.« Winora zuckte die Schultern. »Andere wissen, dass sie nicht mehr hierher gehören und wieder andere wollen es auch gar nicht mehr. Sie haben mit den Lebenden abgeschlossen und sind der Ansicht, dass sie unsere Kämpfe nichts mehr angehen.«
   »Hierbei geht es doch nicht nur um uns. Wurde ihnen das denn noch nicht gesagt?«
   Winora lehnte sich zu mir vor und lächelte leicht. »Deswegen ist mein Mann gerade dort. Um mit ihnen über die Gefahr zu sprechen, die uns allen droht.«
   »Trotzdem werden sich viele entscheiden, im Jasra zu bleiben«, warf Kayn ein.
   »Und das ist ihr gutes Recht«, entgegnete Winora. »Es werden auch nicht alle verstehen. Es gibt Geister, denen wäre es sogar egal, wenn beide Welten untergehen.«
   »Du hättest es ihm ausreden sollen«, sagte Kayn und prustete laut.
   »Ihm was ausreden?« Ich runzelte die Stirn.
   Winora seufzte und blickte ihren Sohn von der Seite an. »Du verstehst das einfach noch nicht. Dein Vater und ich kennen die Wandlungen der Geister. Oftmals besinnen sich sogar die Gleichgültigen und dein Vater hat eine enorme Überzeugungskraft.«
   Kayn schnaufte verdrossen. »Die Gleichgültigen sind nicht zu bekehren. Sie leben in ihrer grauen Welt, alles, was sie beschäftigt, sind ihre eigenen Schuldgefühle. Sie denken nur an sich selbst.«
   »Das ist nicht wahr, Kayn«, fuhr ihn seine Mutter an.
   »Wer sind die Gleichgültigen?«, fragte ich vorsichtig.
   Winora schaute mich an, als überlegte sie noch, wie sie es mir am besten erklärte. »Diesen Namen tragen Geister, die überzeugt sind, zu Lebzeiten etwas Schlimmes getan zu haben. Sie leben alle an einem bestimmten Ort im Jasra – in der Stadt aus Stein. Niemand hat sie dazu verbannt, außer sie selbst. Es ist schwer, einen von ihnen dazu zu bringen, sich zu befreien, aber nur sie allein können es. Es sind hauptsächlich Selbstmörder, aber auch Seelen, die glauben, sie hätten Schuld am Tod anderer, ohne wirklich schuldig zu sein. Sie sind Gefangene ihrer Selbst. Traurige Gestalten, doch auch zu ihnen hat Kaja einen guten Draht. Wenn es jemand schafft, die Gleichgültigen zu überzeugen, dann er.«
   »Wir können uns nicht darauf verlassen«, erklärte Kayn. »Wir müssen eher auf die Unterstützung der anderen Seelen hoffen.«
   »Dein Vater und ich glauben, dass sich der ein oder andere Gleichgültige berufen sieht, die Schuld, die er sich zu Lebzeiten selbst auferlegt hat, wiedergutzumachen, indem er unserer Sache hilft.«
   Kayn hob die Augenbrauen.
   »Ich finde, es ist eine gute Idee«, sagte ich und legte bestärkend meine Hand über Winoras.
   Sie lächelte dankbar. »Ich wusste, du würdest es verstehen.«

In einem der Schlafzimmer im Obergeschoss des Hauses verbarg sich ein großer, runder Spiegel. Er hatte starke Ähnlichkeit mit dem, der in Winoras Haus gewesen war, und ich brauchte nicht erst danach zu fragen, ob sie den gleichen Zweck erfüllten. Als wir darauf zugingen, verfärbte sich das Glas blau. Die Oberfläche des Spiegels verschwamm und wir konnten einfach hindurchgleiten, als wäre es nichts als Wasser. Auf der anderen Seite lauschte ich dem Widerhall meines Atems.
   Es war so eiskalt, dass sich eine weiße Wolke vor meinem Gesicht bildete. Unwillkürlich griff ich danach und wirbelte meine Atemluft auf. »Warum ist es so kalt?«
   Kayn stand neben mir und blickte sich ratlos um. »Wir werden geprüft. Hör in dich hinein. Wovor fürchtest du dich?« Er ging voran. Ein schmaler Gang führte uns zu einer Brücke, darunter floss ein silberner Fluss. Kayn lehnte sich über das Geländer, dann sah er mich an. »Ist wohl eher deine Angst.«
   Auch ich schaute nun auf das schimmernde Gewässer unter uns. Im nächsten Moment schreckte ich zurück, denn der Fluss trug leblose Menschen mit sich. Gesichter tauchten auf, darunter auch das von Prio. Ich zuckte zusammen, als ich ihn erkannte.
   »Es sind nur die Schatten deiner Ängste.« Kayn legte tröstend die Hand auf meinen Rücken. »Du kannst sie steuern.«
   Ich atmete tief durch und wandte meinen Blick von den gespenstischen Bildern unter uns ab. Wir gingen weiter. Vor uns lag nun eine dichte Nebelwand. Langsam ließen sich Umrisse von Menschen erkennen. Einer von ihnen trat aus dem Nebel. Es war eine wunderschöne Frau mit langem wallenden Haar. Sie trug ein knappes rotes Kleid.
   »Das muss zu dir gehören«, urteilte ich mit runzelnder Stirn. »Du hast also Angst vor schönen Frauen?« Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen.
   Kayn schenkte mir einen missmutigen Blick. In dem Moment, in dem er sich wieder zu der Frauengestalt drehte, verwandelte sie sich in mich. Sofort erstarb mein Lachen und ich hielt inne. Mein Double wandte sich dem Nebel zu, aus dem es gekommen war, und verschwand darin.
   »Was hat das zu bedeuten?«, fragte ich.
   Kayn schüttelte mit dem Kopf. »Das hat nichts zu bedeuten.«
   Er ging wieder vor und wedelte mit beiden Händen. Der Nebel verflüchtigte sich, genauso wie es unsere Ängste getan hatten. Vor uns lag eine grüne Wiese, darüber ein strahlend blauer Himmel. So hatte ich das Jasra in Erinnerung. Ich warf die Hände in die Luft und lief darauf zu. Die Wiese sah anders aus als bei meinem letzten Besuch. Suchend wandte ich mich nach den hübschen lilafarbenen Blumen um, die auf der anderen Wiese gewachsen waren.
   »Du wirst sie hier nicht finden«, sagte Kayn, der genau zu wissen schien, wonach ich Ausschau hielt. »Hier gibt es keine Blumen, oder besser gesagt, noch nicht. Es ist nicht dein Ort der Seelen, es ist nämlich meiner.« Er lächelte stolz. »Auch ziemlich schön hier, meinst du nicht?«
   Ich nickte. »Auf jeden Fall! Aber diese Wiese sieht meiner so ähnlich. Fast hätte ich gedacht, sie wäre es.« Ich ließ mich ins Gras fallen, legte den Kopf auf der Wiese ab und schaute ins unverkennbare Blau eines Himmels, das es in der Welt der Lebenden so schon lange nicht mehr gab. Kayn sank neben mir zu Boden. Auch er legte sich hin und schaute mit mir hinauf.
   »Es ist einfach wunderschön hier.«
   »Wie bei dir.«
   »Warum ist das so? Ich meine, wer bestimmt, wie die Orte der Seelen aussehen?«
   Kayn setzte sich auf. Er legte vorsichtig eine Hand auf mein Herz. Während seiner Berührung, die so unerwartet und doch irgendwie angenehm war, hielt ich den Atem an. »Der Ort liegt hier drin verborgen. Im Herzen eines jeden Menschen.«
   Kayn blickte mir tief in die Augen. Bei seinen Worten wurde mir ganz warm.
   »Es ist ein Abbild der Schönheit und Sehnsucht, die ein Mensch in sich trägt«, fügte er hinzu und ein sanftes Lächeln umspielte seinen Mund. Zögernd nahm er die Hand wieder fort und führte sie hinter seinen Rücken.
   »Dann sind wir ungefähr gleich schön?«, fragte ich scherzhaft und kicherte unter vorgehaltener Hand.
   Er schnaufte. »So kann man sagen. Wobei ich ja eigentlich der attraktivere von uns beiden bin.« Er grinste schelmisch.
   »Ach ja? Es ist noch nicht lange her, da hast du selbst behauptet, wir wären sehr unterschiedlich. Hast du das damit gemeint?« Ich stieß ihn leicht in die Seite.
   Sein Grinsen wurde breiter, dann zuckte er die Achseln. »Keine Ahnung, warum ich das gesagt habe.«
   Eine Weile sahen wir schweigend dabei zu, wie der laue Wind sanft die Grashalme um uns herum bog.
   »Wo ist sie, die Stadt aus Stein?«, durchbrach ich die Stille.
   Kayn schluckte, bevor er in die Richtung blickte, aus der der Wind blies. »Er ist weit weg von hier. Fast unerreichbar, möchte ich sagen. Die wenigsten wissen, wie man dorthin kommt.«
   »Und dein Vater gehört dazu?«
   Er nickte. »Er versucht immer wieder Gleichgültige dazu zu bringen, ihm zu folgen, damit meine Mutter sie ins Licht führen kann.«
   »Deine Mutter war noch nie in der Stadt aus Stein?«
   »Nein. Menschen wie uns ist es verboten, dorthin zu gehen. Es wäre zu gefährlich für uns. Es heißt, dass uns dort schnell die Hoffnungslosigkeit überkommt. Da man uns medial Begabten Empathie nachsagt, ist es ansteckend für uns und wir würden Gefahr laufen, für immer dort gefangen zu sein.«
   Der Wind frischte auf, und ich verwarf meine Gedanken über die Gleichgültigen. Ich stemmte mich auf die Beine und sah dabei zu, wie eine große rote Blume aus der Wiese wuchs. Ihre Blütenblätter breiteten sich aus, als würde sie die Wärme und das Licht der Sonne genießen. Ich ging auf sie zu, um sie näher zu betrachten. Kayn folgte mir.
   »Sie ist so besonders«, lobte ich. »Was ist das für eine Blume?« Im Innern der roten Blüte stand das Wasser wie frischer Morgentau. Es glitzerte geheimnisvoll. Als ich noch näher herantrat, spiegelte ich mich auf der glatten Oberfläche. Doch das Wasser zeigte weder den Himmel über mir noch Kayn, der an meiner Seite stand – nur mich. »Komisch«, hauchte ich.
   Kayn seufzte laut. »Wir sollten gehen. Es wird Regen geben.«
   Ich drehte mich zu ihm um und lachte auf. »Das hier ist dein Ort der Seelen. Wenn es regnet, dann nur, wenn du es willst.«
   Er sah mich an und legte den Kopf schief. Im nächsten Augenblick zogen dunkle Wolken auf und feine Tropfen fielen auf uns herab.
   »Du bist so ein Spielverderber«, sagte ich.
   »Es ist längst Zeit zu gehen.« Er machte sich auf den Weg zum Tor, das unweit vor uns in der Luft hing und seine wellenförmige Oberfläche bläulich schimmernd vor sich trug.
   »Ladies first.« Kayn machte eine einladende Handbewegung und ich ging hindurch.
   Irgendetwas war anders. Dieses Mal führte mich der Spiegel nicht zurück in meine Welt. Ich fühlte, wie mich etwas zurückhielt und mich an einen geheimnisvollen Ort, zwischen beiden Welten, brachte.

Kapitel drei
Ein hoher Preis

Ich schlug die Augen auf. Um mich herum nichts als Stille. Eine friedliche Stille. Eine, die ich schon viel zu lange nicht mehr empfunden hatte. Ich setzte mich auf und ließ den Blick durch den kleinen Raum schweifen, in dem ich mich befand. Kahle Wände umgaben mich. Als ich in der Ecke vor dem Fenster angekommen war, zuckte ich zusammen. Mein Herz setzte einen Schlag aus, denn dort saß Prio. Seine Augen waren sehnsüchtig auf den dichten Wald gerichtet, der außerhalb dieser Mauern lag. Ich wollte auf ihn zu gehen. Ihn stürmisch begrüßen, weil ich ihn mehr als alles andere auf der Welt vermisst hatte. Dann jedoch hielt ich inne. Ich zögerte, weil mein Herz mir auf einmal eine ganz andere Botschaft vermittelte. Ich sah aufmerksam an ihm hinunter, während er seinen Blick nicht vom Fenster abwandte. Dann wusste ich es plötzlich. Die Gewissheit überkam mich mit einem Schlag. Das da vor mir war nicht Prio. Es war jemand anderes – etwas anderes. Und es hatte mich hierher gebracht. Langsam drehte es mir seinen Kopf zu und sah mich an. »Du bist weit gekommen, Kind der Sterne.« Die Stimme klang rau, aber freundlich.
   »Wer bist du?«
   »Am Anfang haben wir nicht damit gerechnet, dass du es so weit schaffen würdest. Wir sind auch nicht allwissend. Auch wir machen Fehler, genau wie ihr Menschen«, fuhr die Gestalt fort, ohne auf meine Frage einzugehen.
   Ich runzelte die Stirn. »Wer seid ihr?«, fragte ich wieder, diesmal energischer.
   Die Gestalt erhob sich aus ihrem Sitz und kam auf mich zu. »Es ist an der Zeit, dass wir zusammenarbeiten. Sie werden nicht aufgeben und weiter versuchen, unsere Welt für sich zu gewinnen. Sie tun es bereits viel zu lange. Um unser beider Welten zu retten, sollten wir aufhören, uns zu misstrauen. Wir müssen aufhören, Angst voreinander zu haben.«
   Nun wusste ich, mit wem ich es zu tun hatte. Vor mir stand ein Kelder, in Gestalt von Prio. Und er schien genau zu wissen, was ich dachte. Ich erkannte es an seinem Blick. Er war unnatürlich und unheimlich. Es war, als würde er mich durchdringen. Warum ich, warum suchten die Kelder ausgerechnet mich heim?, schoss es mir durch den Kopf.
   »Wir haben dich auserwählt, Kind der Sterne«, antwortete er auf meine unausgesprochene Frage.
   »Und darum empfinde ich in deiner Gegenwart keine Schmerzen mehr? Ich dachte immer, dass die Menschen die Begegnung mit euch mit Schmerzen bezahlen müssten.«
   Er schüttelte leicht den Kopf. »Oh, du nicht mehr. Bei dir sind wir von diesem alten Muster abgewichen.«
   »Warum?«
   »Weil wir keinen Nutzen von einem Menschen haben, der Qualen erleidet, der vielleicht daran zerbricht oder sogar stirbt.«
   Ich begann zu verstehen. Also hatte mich die Geisterpolizei zuvor bewusst leiden lassen – damals während meiner ersten Begegnung mit ihnen in Ankorra, als ich ihre Spur aufgenommen hatte. Ich blickte ihn, diesen Kelder, nachdenklich an. Fast hätte ich in ihm meinen Prio gesehen, doch er war es nicht. Mein Herz erkannte ihn nicht als meinen Seelenverwandten wieder. Bei dieser Erkenntnis seufzte ich traurig. Der Kelder kam näher, während er meinen Blick erwiderte.
   »Ich habe diesen Körper gewählt, weil du ihn gern siehst. Du hast Vertrauen zu ihm, obwohl er längst nur noch ein Abbild aus der Vergangenheit ist, aus einer völlig anderen Zeit. Wir werden euch Menschen nie verstehen.« Er schüttelte verständnislos den Kopf. »Aber ihr Sternenkinder seid anders. Unter anderem bin ich gekommen, um auch dich daran zu erinnern, wer du bist. Ihr medial Begabten habt eine Verantwortung gegenüber dem menschlichen Volk sowie auch dem Jasra gegenüber. Eure Existenz ist vorherbestimmt gewesen. Sie gehört nicht nur euch allein. Ihr seid so eng mit dem Schicksal verwoben wie die Fäden eines Teppichs. Und wenn es das Schicksal für notwendig hält, verlängert es einen Faden oder aber verbindet zwei miteinander, auf das sie zu einem werden.«
   Prios Bild tanzte vor meinem inneren Auge. Hatte er gerade von ihm und mir gesprochen? Von der Liebe, die den Tod besiegt und damit Jasrazen schlagen kann? Er sah aufmerksam an mir hinauf und seine Augen nahmen ein unnatürliches Blau an – das Blau der Kelder.
   »Gräme dich nicht, Sternenkind. Es ist nur menschlich von dir, dass du deine Emotionen als wichtig empfindest. Das sollst du auch. Schließlich bist du, genau genommen, ein Mensch.« Er streckte seine Hand nach mir aus und seine Fingerspitzen berührten leicht mein Haar, das mir locker über der Schulter lag. Sein Blick war fasziniert auf mich gerichtet, als sehnte sich ein Teil von ihm danach, wie ich zu sein.
   »Dein Herz schlägt, es pumpt warmes Blut durch deinen Körper und du atmest Luft ein. Du bist so voller Leben.« Ruckartig löste er sich von mir und wandte mir den Rücken zu. »Emotionen sind das Einzige, das die Menschen berührt. Sie können sie zur Umkehr bewegen. Sie sind das Einzige, das die Menschen zu einer hoffnungsvollen Spezies macht. Sie alle können lernen, so wie es Sirrah getan hat. Es war sein Geschenk an die Menschheit. Eigentlich schade, dass er ihnen seine Erfahrung nicht gleich mitgeliefert hat. Denn er selbst konnte auch nur lernen, indem er zunächst den falschen Weg einschlug.«
   »Aber er hat es eingesehen«, wandte ich ein. »Er hat seinen Fehler wiedergutgemacht.«
   Der Kelder schaute mich regungslos an. »Gutmachen.« Er seufzte übertrieben. »Etwas wiedergutzumachen, setzt eine Sache voraus: Vergebung. Wenn die andere Seite nicht verzeihen kann, ist auch keine Wiedergutmachung möglich. Es ist die zweite Chance, die einen Neuanfang erst möglich macht. Aber das ist nicht euer Part, nicht der der Sternenkinder. Dieses Mal nicht.«
   »Wessen ist es dann? Wofür sind wir dann hier?«
   »Jemand anderes ist nun am Zug.«
   Ich runzelte die Stirn. »Was soll das heißen?
   Der Kelder ging darauf nicht mehr ein. »Ihr seid geboren, um die Menschen auf den richtigen Weg zu führen. Um ihre Entwicklung voranzutreiben. Die gute als auch die weniger gute. Die Menschen sollen aus ihren Jahren lernen, sie sollen aus ihren Leben lernen.«
   »Wozu das alles?«, brach es aus mir heraus.
   Er schaute mich an, als läge die Antwort ganz klar vor mir. »Damit ihr versteht.«
   Ich schlug die Augen nieder. »Ich weiß nicht, was das bedeuten soll.«
   »Eines Tages wirst du es wissen.«
   Langsam sah ich zu ihm auf. Hatte er mir gerade Hoffnung darauf gemacht, dass in der Zukunft alle Fragen beantwortet wären?
   Er legte den Kopf schief, dabei blinzelte er nicht ein einziges Mal. »Mit jedem Leben erhaltet ihr ein Geschenk. Es ist das Geschenk der Einsicht. Alles, was euch zu Lebzeiten beschäftigt hat, wird euch auf einmal klar.«
   »Dann verstehe ich nicht, warum wir von Leben zu Leben immer wieder dieselben Fehler machen.«
   »Das Geschenk ist nur von kurzer Dauer. Es endet, sobald ihr ein neues Leben beginnt.«
   »Wo liegt da der Sinn?«
   »Sinn? Welchen Sinn könnte der fortwährende Kreislauf des Lebens wohl haben?«
   Ich zuckte die Schultern.
   »Eine ganze Spezies lernt nicht innerhalb eines Jahrhunderts das Fliegen. Jeder Einzelne ist dabei gefragt.«
   »Wie alt seid ihr, Kelder?« Ich wusste nicht, weshalb ich ihn das gefragt hatte, aber nun brannte ich auf seine Antwort.
   Der Kelder ging einige Schritte im Zimmer. »Oh, wir sind schon sehr, sehr alt«, raunte er. »Seit Menschengedenken wandeln wir im Jasra und hüten unsere Geheimnisse wie einen Schatz.«
   »Und jetzt wurden sie euch genommen.«
   »Jetzt«, wiederholte der Kelder und schnaubte. Drohend hob er seinen Zeigefinger und preschte auf mich zu.
   Ich drängte mich schützend gegen die Wand hinter mir. Kurz vor mir machte er halt.
   »Es war einer von euch, der das Gleichgewicht der Welten in Gefahr gebracht hat. Ein Sternenkind, auserkoren, die Kraft der Sterne zu wahren und nur Gutes damit zu vollbringen. Ja, … er musste einen hohen Preis dafür bezahlen. Den höchsten.« Der Kelder wandte sich von mir ab. Auf einmal wirkte er nachdenklich.
   »Aber du sagtest, dass es eine Möglichkeit gibt, alles wieder in Ordnung zu bringen, wenn wir uns nur zusammentun. Das möchte ich. Ich möchte alles machen, das uns hilft, Jasrazen zu besiegen.«
   Der Kelder blickte mir nun ins Gesicht. »Und du wirst standhaft bleiben, ganz egal, was wir von dir verlangen?«
   Ich nickte haltlos. »Versprochen.«
   Er reichte mir seine Hand und ich schlug ein. Er lachte ein lebloses Lachen, das mir eine Gänsehaut bereitete.
   »Ich nehme dich beim Wort«, sagte er kühl.
   Mein Versprechen war besiegelt und ich fiel zurück. Ein tiefer Schlaf holte mich ein und gab mich kurz darauf wieder frei.

Ich lag auf der Couch in Kayns Wohnzimmer. Grimaldi, sein eigensinniger Kater, hatte es sich auf meinem Bauch bequem gemacht. Die Augen zu Schlitzen verkleinert sah er mich an. Ich hörte Winoras Lachen, es klang unbeschwert und fröhlich, irgendwie unpassend in unserer jetzigen Situation. Langsam rappelte ich mich auf. Grimaldi bewegte sich kein Stück. Völlig unbeeindruckt rutschte er von meinem Bauch auf meine Knie und schnurrte dabei lautstark. Kayn kam auf mich zu. »Du bist wach. Das nenn ich timing.« Er hielt mir einen Becher mit dampfender Flüssigkeit darin hin.
   »Was ist das?« Ich nahm den Becher in die Hand und roch erst einmal am Inhalt. Erstaunt hob ich die Augenbrauen.
   Kayn nickte stolz. »Das ist bester Kakao! Den kannst du gebrauchen. Du warst ja völlig weggetreten.«
   »Ja, ich war irgendwie gerade ganz woanders.«
   »Das hab ich gemerkt. Du kamst schon benommen aus dem Jasra, da habe ich dich zur Couch gebracht. Was ist passiert?« Er betrachtete mich mit sorgenvoller Miene.
   Ich massierte meine Schläfen wie nach einem Migräneanfall. »Ich glaube, ich bin noch gar nicht so lange wieder hier.«
   Kayn runzelte die Stirn. »Wie meinst du das?«
   »Ach, nicht so wichtig«, tat ich mein Erlebnis mit dem Kelder ab. »Woher hast du den Kakao?«
   »Aus dem Zentrum. Ein, ja, wie soll ich sagen, guter Freund, hat ihn mir besorgt.«
   »Du meinst, ein Geist?«
   Er zuckte die Schultern. »Wenn du es so sagen willst. Ja, es war ein Geist.«
   »Können die so etwas?« Ich war völlig perplex.
   »Ich hab’s mit drei Geistern trainiert. Gestern Nacht hat es einer geschafft. In Jasrazens Zentrum reinzukommen, war leicht, nur raus … ähm, ja, da hatte er ein paar Schwierigkeiten. Die sind mittlerweile ziemlich auf der Hut dort.«
   »Ich hatte keine Ahnung, dass deine Geister neuerdings auch Dinge klauen.«
   »Hey, so was darfst du nicht sagen. Das hat jawohl nichts mit stehlen zu tun, wenn die eine Hälfte der Bevölkerung alles hat, während alle anderen hungern. Ich nenne das eine gerechte Verteilung. Wie bei Robin Hood.«
   »Na ja, solange du die neue Fähigkeit nicht nur für dich selbst nutzt …«
   »Das ist doch Sinn und Zweck dabei. Meine Geister gehen da rein, schnappen sich die Lebensmittel und legen sie dann in den Proletarierhäusern ab.«
   »Keine schlechte Grundidee, aber ist das nicht sehr gefährlich?«
   Kayn prustete. »Ist es.«
   »Und genau deswegen wird er damit auch wieder aufhören«, schaltete sich Winora ein, die gerade das Zimmer betreten hatte. »So mächtig, wie Jasrazen jetzt ist, wäre es Wahnsinn, mit diesem Robin-Hood-Getue weiterzumachen. Sie könnten deine Geister jederzeit gefangen nehmen und unseren Pfad anzapfen. Ich hörte, dass sie bereits Erfolg damit hatten.«
   »Dann ist es also wahr?« Kayn machte ein besorgtes Gesicht.
   »Ich fürchte ja. Wir alle sind in großer Gefahr.«
   Kaja tauchte plötzlich neben seiner Frau auf. Alle Blicke richteten sich auf ihn.
   Winora ging auf ihn zu, erleichtert, ihn wieder wohlbehalten bei sich zu haben. »Warst du erfolgreich im Jasra?«
   »Es werden sich uns einige Geister aus dem Jasra anschließen.«
   »Das ist ja wunderbar«, sagte Winora und küsste ihren Mann auf die Wange.
   »Sind auch Gleichgültige darunter?«, fragte ich.
   Einen Moment betrachtete Kaja mich, als fragte er sich, woher ich von den Gleichgültigen wusste, dann seufzte er tief und legte die Stirn in Falten. »Leider nicht. Mir fehlte die Zeit mit ihnen, aber ich bin sicher, es wird auch ohne sie gehen.«
   Winora tätschelte liebevoll seinen Arm. »Du hast dein Bestes versucht.«
   »Ja«, raunte Kaja. »Als ich im Jasra war, ist mir etwas zu Ohren gekommen. Ich glaube, Merl hat uns etwas zu sagen.«
   Ich nippte gerade an meiner heißen Schokolade, als ich die mich ernst anschauenden Gesichter bemerkte. Langsam ließ ich die Tasse in meinen Schoß sinken. »Was ist los?«
   »Der Hohe Rat der Kelder hat beschlossen, sich unserem Kampf gegen Jasrazen anzuschließen.«
   Sofort schoss mir mein Traum ins Gedächtnis, der Traum, der keiner war. Hatte mich deshalb ein Kelder aufgesucht? Ich schmunzelte. »Das ist doch gut, oder nicht?« Forsch schaute ich von einem zum anderen.
   »Es heißt, sie haben bereits Kontakt mit dir aufgenommen.«
   Ich nahm einen tiefen Atemzug und dachte nach. Ich erinnerte mich an alles, was mir der Kelder gesagt hatte. Dass sie sich unserem Kampf gegen den Kanzler anschließen wollen, hatte er allerdings nicht erwähnt. Hatte ich seine Botschaften vielleicht nicht richtig verstanden? Auch wenn mir die Begegnung mit dem Kelder immer noch wie ein Traum vorkam, war sie wirklich geschehen. Der Kelder war mir in Gestalt von Prio erschienen und ich hatte ihm mein Wort gegeben, alles zu tun, was sie von mir verlangten, um Jasrazen aufzuhalten.
   »Sie haben Kontakt zu mir aufgenommen, ja …« Ich hielt mir die Stirn, weil mir der intensive Gedanke an die Begegnung mit dem Kelder Kopfschmerzen bereitete. Alles, was ich glasklar wusste, alles, was mich gerade beschäftigte, war das Versprechen, das ich ihm gegeben hatte. Jetzt war ich mir nicht mehr sicher, was es für mich bedeuten würde, alles zu tun.

Kapitel vier
Una

»Ich war so nah dran«, jauchzte ich und rieb mir die Augen. Sie fühlten sich immer noch an, als wäre ich gerade aus dem Schlaf erwacht. Ich war von meinem Pfad zurückgekehrt. Einen Fuß hatte ich bereits daraufgesetzt, als mich das Gefühl überkam, dass ich noch etwas Wichtiges zu erledigen hätte. Ich blinzelte in den Raum, der nur vom Schein einiger Kerzen auf dem Tisch vor mir erhellt war. Als ich mich umsah, sah ich Winora mit Kayn sprechen. Beide machten besorgte Gesichter. Erst, nachdem ich mich lautstark geräuspert hatte, nahmen sie mich wahr. Dennoch wanderte Winoras Blick nur langsam zu mir.
   »Ist irgendetwas?«, fragte ich.
   Kayn ließ die Schultern hängen, sah zu seiner Mutter, dann wieder zu mir. So ernst hatte ich ihn noch nie erlebt. Er kam auf mich zu. »Merl, ich denke, du solltest dich lieber hinsetzen.«
   Sein Blick versprach nichts Gutes. Na, bravo, dachte ich, von Schreckensnachrichten hatte ich wirklich genug. Gedanklich ging ich alle Möglichkeiten durch. Bitte nicht mein Vater! Schließlich war er mein einziger noch lebender Elternteil. Gleich darauf dachte ich an meine Mutter. Hatte Jasrazen etwa herausgefunden, wer sie war?
   Wie in Zeitlupe sank ich auf das Sofa und Kayn setzte sich neben mich. Er wandte sich mir zu und sah mir tief in die Augen. Mein Herz stand still und mir stockte der Atem.
   »Es ist doch nichts mit Prio, oder?« Um ein Haar wäre mir diese Frage im Hals stecken geblieben. Ich hatte keine Ahnung, warum ich erst zum Schluss daran dachte, dass Kayns und Winoras Sorge mit ihm zu tun haben könnte.
   Kayn seufzte schwerfällig. »Es ist nichts mit Prio«, sagte er endlich, und ich atmete auf. »Und auch von deinen Eltern haben wir keine Neuigkeiten.«
   Mein Blick suchte Winora, die wie angewurzelt im Raum stand und mich derart traurig betrachtete, dass ich mich kein bisschen besser fühlte. »Worum geht es dann?«, wollte ich wissen.
   Kayn sah beschämt an mir hinunter. »Wir hatten uns das anders vorgestellt.«
   »Was denn? Wovon redest du?«
   Kayn seufzte, er schien keine Worte zu finden.
   Winora machte einen Schritt auf mich zu. »Wir waren der festen Überzeugung, dass sich deine Großmutter schnell daran gewöhnen würde, ein Geist zu sein. Schneller als alle gewöhnlichen Menschen es tun.«
   »Das heißt …, sie ist nun frei?« Freudig sprang ich auf, aber Winoras und Kayns Verhalten waren so ernüchternd, dass ich mich sogleich wieder setzte. »Warum glaube ich, dass es da ein großes Aber gibt?«
   Winora faltete die Hände vor dem Bauch und legte den Kopf schief. »Vermutlich haben wir die Konsequenzen der vielen Jahre, in denen die Maschinen sie am Leben hielten, nicht richtig eingeschätzt. Sie hat einiges zu verarbeiten. Wir wissen noch nicht, wann sie sich wieder daran erinnern wird, wer sie ist und wer wir sind.«
   »Aber sie wird sich erinnern«, sagte ich, ohne zu zögern. »Bei Prio war es ähnlich.«
   Winora schüttelte den Kopf. »Du kannst deine Großmutter nicht mit Prio vergleichen. Sie ist anders. Sie war eine mächtige medial Begabte und sie ist ein mächtiger Geist.«
   »Nur leider nutzt uns das nichts, wenn sie nicht weiß, wer wir alle sind und wer sie ist«, fügte Kayn hinzu.
   Ich schaute Winora an. Fragend, hoffend darauf, dass sie die Aussage ihres Sohnes entschärfen würde, aber sie blieb still. Ich wollte die Hoffnung nicht aufgeben. »Wir können sie doch an alles heranführen. Ich meine, es muss doch möglich sein, ihr auf die Sprünge zu helfen, wenn auch langsam.«
   Winora schüttelte den Kopf. »Das ist nicht so einfach.«
   »Vielleicht erinnert sie sich an mich? Das könnte doch sein.«
   »Wir können nur hoffen, dass sie dich erkennt, wenn auch nicht sofort. Ich befürchte, anders werden wir keinen Zugang zu ihr finden.«
   Winora bedachte ihren Sohn mit einem bitteren Blick. Es lag so viel Verzweiflung darin, dass mir schwer zumute wurde.
   »Was geschieht, wenn nicht?«
   Kayns Stirn bildete eine sorgenvolle Linie. »Ich fürchte, dann wird sie uns nicht helfen«, sagte Kayn.
   Winora nickte. »Sie wird ins Licht gehen, ohne sich auch nur ein einziges Mal nach uns umzusehen.«
   »Das ist doch nicht wahr. Großmutter Una würde niemandem ihre Hilfe verwehren. Wir müssen ihr nur sagen, worum es geht, dann wird sie uns auch helfen, selbst wenn sie niemanden mehr erkennt.«
   »Es tut mir leid, Merl, aber da muss ich dir widersprechen.« Winora machte einen weiteren Schritt auf mich zu, schließlich setzte sie sich neben mich auf das Sofa. »Ich habe dir bereits erzählt, dass deine Großmutter schon sehr viele Leben gelebt hat. Genau aus diesem Grund ist sie nicht auf die Erlebnisse aus nur einem davon fixiert. Jetzt, da sie von Jasrazens Maschinen befreit wurde, lechzt ihre Seele nach der Freiheit, danach, endlich ins Licht gehen zu können. Jasrazens lebenserhaltende Maßnahmen haben sie wütend werden lassen. Im Moment ist sie nicht die Una, die wir kennen, die wir zu sehen hofften.«
   Ich schlug die Hände vors Gesicht. Das konnte nicht wahr sein! Besinnungslos starrte ich ins Leere. »Was sollen wir jetzt machen?«
   Winora legte mir die Hand auf den Rücken und drehte mütterlich mein Haar zu einem Zopf. »Wir können nichts anderes tun als warten. Warten und darauf hoffen, dass sie sich erinnert. An das Leben, das sie mit dir verbracht hat.«
   Ich nickte. »Wann werde ich sie sehen?«, fragte ich, ohne Winora anzuschauen.
   »Komm mit«, antwortete sie. »Wir sollten keine Zeit verlieren.«
   Sie stand auf. Kayn und ich folgten ihr in den überdachten Innenhof. Hinter einer unscheinbaren Schiebetür saß Großmutter Una an einem kleinen, runden Tisch. Mit der flachen Hand strich sie über die ausgefranste Tischdecke, ohne sich zu wundern, warum sich der Stoff unter ihrer Berührung nicht legte. Sie blickte nicht auf, als ich an sie herantrat.
   »Sei achtsam«, mahnte mich Kayn. »Wir können froh sein, dass sie überhaupt noch hier ist. Sie kann jederzeit verschwinden. Es liegt an ihr.«
   »Du schaffst das schon!« Winora nickte mir aufmunternd zu. »Wir lassen euch mal allein«. Zusammen mit Kayn ging sie ins Haus zurück.
   »Großmutter?« Ich setzte mich ihr gegenüber auf den Stuhl und schaute ihr dabei zu, wie sie versuchte, die bunten Holzperlen, die in einer Porzellanschale auf dem Tisch standen, auf eine Kette zu fädeln. Ich kannte diese Perlen aus Winoras Haus. Dort waren sie überall gewesen. Im wenigen Licht, das durch die dichte Wolkendecke drang, glitzerten sie wie funkelnde Kristalle. Die Perlen erinnerten mich an die schimmernde Oberfläche der Spiegel, die uns als Pforte ins Jasra dienten. Als ich sie mir so betrachtete, hatte ich keine Zweifel, dass dies der Ursprungsort der bunten Holzperlen war. Und vielleicht waren sie in dem Moment der einzige Grund, weshalb Großmutter noch hier war. Sie war so vertieft ins Auffädeln, dass sie mich zuerst überhaupt nicht wahrnahm. Unbeholfen wie ein Kleinkind packte sie die feinen Perlen, von denen die meisten über den Tisch rollten und kurz vor ihrem Aufprall auf dem Boden wie Seifenblasen zerplatzten. In der alten Frau, die nun vor mir saß, konnte ich nicht die starke Persönlichkeit sehen, die meine Großmutter zu Lebzeiten gewesen war. Sie wirkte leer und ich wusste, dass ich diese Leere so schnell wie möglich füllen musste. Ich musste sie dazu bringen, mich zu erkennen, und das sie den Umstand ihres Todes begriff. Noch hatte ich keine Ahnung, wie ich dies am besten anstellen sollte. Ich kam näher an sie heran und tastete mich langsam zu ihr vor.
   »Was für wunderschöne Perlen«, sagte ich.
   Wie in Zeitlupe nickte sie. »Ja, sie sind wunderschön, aber irgendetwas stimmt mit ihnen nicht. Ich kann sie nicht richtig greifen. Vielleicht bin ich einfach zu ungeschickt.«
   »Du bist nicht ungeschickt«, erwiderte ich.
   Langsam sah sie mir ins Gesicht. Glücklos sah sie mich an. Ihr entfuhr ein »Hm«. Sie machte eine gleichgültige Handbewegung. »Was ist es dann? Was stimmt denn hier nicht? Und wer bist du überhaupt?«
   »Wir kennen uns schon lange.«
   Sie betrachtete mich aufmerksam. »Ist das wahr?«
   »Ja.«
   Sie machte schmale Augen. »Nun, ein wenig kommst du mir bekannt vor.«
   Ich ließ einen erleichterten Seufzer hören und wähnte mich auf dem richtigen Weg. Sie begann, sich zu erinnern. Jetzt hieß es, weiterhin Fingerspitzengefühl zu beweisen. Ich wollte sie auf keinen Fall überfordern oder sogar herausfordern. Meine Großmutter war eine mächtige medial Begabte, somit besaß auch ihr Geist große Kräfte. Kräfte, die sie nicht einschätzen konnte, weil sie nicht einmal wusste, dass sie da waren.
   Plötzlich richtete sich Großmutter im Stuhl auf und schaute an mir vorbei zur Tür. Ich blickte über die Schulter. Kayn und Winora beobachteten uns. Wahrscheinlich hatten sie wissen wollen, ob ich es schaffte, meine Großmutter aus der Vergessenheit zu befreien.
   Wortlos schüttelte ich den Kopf. Meine Lippen formten die Worte Lasst uns allein. Sogleich verschwanden beide von der Tür.
   »Du bist wie sie?«
   »Ja«, hauchte ich, obwohl ich mir nicht sicher war, worauf sie hinauswollte. »Erinnerst du dich an mich?«
   Sie schaute mich eindringlich an, als suchte sie in meinem Gesicht nach etwas Vertrautem, dann senkte sie den Kopf. »Ich glaube, ich habe dich nur mit jemandem verwechselt. Ich kenne dich nicht.«
   Mutlosigkeit umfing mich. Ungewollt drangen Tränen in meine Augen. »Doch das tust du«, säuselte ich. »Ich bin es, deine Merl.« Energisch suchte ich ihren Blick.
   Kurz schaute sie auf, verstört und fahrig sahen mich ihre Augen an. »Ich weiß nicht, wer du bist, Kind. Lasst mich in Frieden, alle.«
   »Wir brauchen deine Hilfe, Una. Die Welt, wie wir sie kennen, ist in großer Gefahr. Jasra ist dabei, zerstört zu werden.«
   »Jasra? Was habe ich mit dem Jasra zu tun?«
   Ich nahm einen tiefen Atemzug. Die Tatsache, dass ihr das Jasra etwas sagte, bedeutete, dass ihre Erinnerungen wiederkehrten, davon war ich überzeugt. Behutsam legte ich meine Hand auf ihre, doch sie zog ihre beiseite. Zuvor sah ich noch die Einstichstellen, die ihr die Pflegekräfte von Jasrazen im Krankenhaus zugefügt hatten. Sie sahen aus, als wären sie in ihre Haut eingebrannt. Aber warum? Jetzt, wo sie tot war, müssten die Verletzungen ihres irdischen Körpers verschwunden sein.
   »Was haben sie dir nur angetan?«, fragte ich mitleidsvoll.
   Großmutter Una rieb sich mit der Hand über den Unterarm, als schämte sie sich für ihre Male. Noch immer trug sie das hellblaue Nachthemd des Hospitals mit dem Emblem von Jasrazen auf der Brust.
   Ich versuchte es erneut, ging vor ihr in die Hocke und legte meine Hand auf ihre nun ineinander gefalteten Hände. »Ich weiß, wer das getan hat. Und es tut mir unendlich leid. Es muss schrecklich gewesen sein, aber jetzt musst du mir zuhören. Du musst mir glauben, dass es vorbei ist. Du bist in Sicherheit.«
   Sie sah mich an und ihre Augen glitzerten von den Tränen, die sich sogleich aus ihnen drängten. Eine Weile blieb es still im Innenhof von Kayns Haus. Großmutter Una und ich betrachteten einander, als würden wir uns ganz neu finden.
   »Geh nicht fort«, flehte ich sie an, als ihre Gestalt im fahlen Licht zu flackern begann. »Bleib bei mir. Bitte geh nicht. Lass mich nicht allein, Großmutter!«

Kapitel fünf
Prio

»Ich habe doch nichts getan. Ich bin unschuldig!«
   Das Flehen des Mannes namens Defu, der neben ihm eingesperrt war, hörte Prio bereits seit Stunden. Nicht ein Wort hatte Prio gesagt, seitdem er eingesperrt worden war, als wäre er ein Krimineller. Nicht eine Frage oder eine Bitte hatte er an die Wachmänner gerichtet, die Jasrazens Gefängnis, das sogenannte Paranoctum, sicherten. Dabei hatte er sofort gewusst, wohin ihn der unbarmherzige Sog, der so plötzlich über Merl und ihm im Jasra aufgetaucht war, bringen würde. Das Paranoctum war ein grauenvoller Ort. Tausende Zellen reihten sich, über mehrere Etagen, aneinander. Sie alle waren durch ein undurchdringbares Glas voneinander getrennt. Die Insassen, die meisten davon Geister, denen Jasrazen eine Straftat vorwarf, konnten einander hören und sehen, während die Wachmänner von der ohrenbetäubenden Geräuschkulisse innerhalb der gläsernen Zellen abgeschirmt waren. Die unterste Zellenreihe beherbergte die Lebenden. Verräter des Staates, Rebellen, die sich gegen den Kanzler gestellt hatten. Die meisten von ihnen waren nur aufgrund eines Verdachts eingesperrt worden. Der Hochkanzler war an einem Punkt seiner Macht angekommen, an dem er jedem misstraute.
   Prio hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Seitdem er eingesperrt worden war, wurde er vom Wehklagen, Rufen, Jammern und Weinen der Mithäftlinge beschallt. Im Gegensatz zu ihnen saß er still und regungslos gegen die Wand gelehnt da, wartend auf seine Vernehmung. Als das rötliche Gasgemisch in seine Zelle eingelassen wurde, blickte er auf. Langsam stemmte er sich auf die Beine und machte einen Schritt auf die Tür zu. Forschend legte er die Hand auf das Glas. Ein Abdruck signalisierte, dass das Gas seine Wirkung entfaltet hatte. Prios Gestalt war durch das Gemisch verfestigt worden. Dieses künstliche Leben würde einige Stunden andauern, bis sich die Wirkung des roten Gases verflüchtigte. Zwei Wachmänner in Militärkluft entriegelten stumm das Schloss.
   »Leg ein gutes Wort für mich ein Kumpel, ja?« Devu presste das Gesicht an die Glaswand, die seine von Prios Zelle trennte. Prio schenkte ihm einen knappen Blick und seufzte.
   »Komm schon. Bitte … Bitte sag ihnen, dass ich nichts verbrochen habe. Würdest du das tun?« Devu klang von einer Todesangst getrieben, dass es angesichts der Tatsache, dass er ein Geist war, fast lächerlich war. Doch Prio wusste, dass es seinem Mithäftling nicht um das irdische Sterben ging, sondern darum, dem Seelen auflösenden Fluss zu entkommen.
   Prio schluckte schwerfällig, dann nickte er und Devu lächelte erleichtert. Es hätte nichts gebracht, ihm zu erklären, dass Jasrazen nicht auf ihn hören würde. Es hätte ihn nur noch hoffnungsloser werden lassen und nach allem, was Prio von Defu mitbekommen hatte, war ohnehin nicht mehr viel Zuversicht in ihm. Bevor die Wachmänner die Glastür öffneten, trat ein Mann zwischen sie. Er trug seinen langen weißen Zopf über der rechten Schulter, während das restliche Haar kurz geschnitten war. Die blauen Augen blickten Prio voll Verbitterung an. Er richtete keinen Gruß an ihn, nicht auch nur ein einziges Wort. Prio hatte ihn bereits erwartet. Eine Weile standen sie sich schweigend gegenüber, dann drehte sich der Mann um und die Tür schob sich zur Seite. Die Wachmänner legten Prio Handschellen an und führten ihn an den Zellen vorbei, hinter dem Mann her, den Prio einst Vater nannte. Jetzt war er für ihn nichts als ein Fremder. Ein gefährlicher Fremder, dessen Überzeugungen ihn das Leben gekostet hatten. Einer der Wachmänner schob Prio durch eine rote Tür, die er gleich darauf hinter ihm verschloss. Er vernahm das Klirren von Gläsern und wie sie jemand füllte.
   »Ich nehme an, du verzichtest auf einen Drink?«, sagte sein Vater mit ernster Stimme.
   Prio hörte nicht die Frage heraus, sondern eher die Aussage, dass sein Vater wusste, dass Geister ohnehin nichts zu sich nahmen. Es war eine Anspielung darauf, was Prio war, und darauf, was er nie mehr sein würde. Er wandte sich nach der Stimme seines Vaters um. Dieser stand neben einem übergroßen Schreibtisch und stellte gerade eine Flasche gereiften Whiskey auf ein Tablett. Anschließend führte er eines der beiden, bis zum Rand gefüllten Gläser an seine Lippen und trank es in einem Zug leer. Dabei starrte er unverwandt auf seinen Sohn, als könnte er immer noch nicht glauben, ihn zu sehen.
   »Stimmt es, was man sagt?«
   Prio runzelte die Stirn.
   »Eure kognitiven Fähigkeiten leiden unter dem Geisterdasein?« Sein Vater lächelte finster.
   Mit der Frage wollte er Prio herausfordern, daran hatte er keine Zweifel. Auch nach mehr als dreißig Jahren hatte sich sein Vater kein Stück geändert. Nach wie vor scheute er keine Konfrontationen und schreckte auch nicht davor zurück, sein Gegenüber zu beleidigen, nur um eine Reaktion zu erzwingen. Ein wenig enttäuschte Prio dieser Mangel an Entwicklung, aber er ließ sich nicht davon provozieren. Im Gegensatz zu seinem Vater hatte er selbst im Jasra noch aus seinen Fehlern und vom Verhalten der Menschen gelernt, die er von dort aus beobachtet hatte. Es kümmerte ihn nicht, dass die Fähigkeit, aus Konflikten zu lernen, gänzlich an seinem Vater vorbeizugehen, schien. Jetzt nicht mehr. »Eine dreiste Lüge«, antwortete Prio ihm schließlich und sein Vater betrachtete ihn überrascht.
   »Dabei verhält es sich wie mit deiner überschätzten Ansicht über die Kontrolle des Jasra. Es ist ein Irrglaube.«
   Sein Vater horchte auf. »So?« Er trank nun auch das zweite Glas leer und schenkte sich nach, ohne den Blick abzuwenden. »Es stört dich nicht, wenn ich den ein oder anderen Whiskey für dich mittrinke?«
   »Tu dir keinen Zwang an.«
   »Du behauptest also, dass euch Geistern keine Erinnerungen fehlen, nachdem ihr in den Kammern wart?« Er blickte Prio aufmerksam an, während er eines der Gläser fest umklammert hielt.
   »Ja.« Prio schnaufte. Er war angespannt. Die künstliche Form, die das Gasgemisch seinem Körper gegeben hatte, fühlte sich an wie eine zentimeterdicke Erdschicht. Es beschwerte ihn. »Wir sind immer noch dieselben wie vorher.«
   »Tatsächlich?« Diese Frage klang hart und sarkastisch. »Dann möchte ich mal wissen, wieso eure Herzen nicht mehr schlagen, warum ihr so kalt seid wie Stein und ihr weder Feuer noch Eis auf euch spürt. Ihr braucht nicht zu essen oder zu trinken, ihr schlaft nicht. Könnt durch Wände gehen, euch überall bewegen. Aber ihr seid immer noch dieselben, richtig?« Er trat an Prio heran, berührte ihn zaghaft und seine Hand traf auf Widerstand. »Erstaunlich, dieses Gas«, raunte er und wandte sich von Prio ab. »Beinahe könnte ich glauben, du wärst echt.« Er nahm hinter seinem Schreibtisch Platz und faltete die Hände vor sich.
   »Ich bin echt«, stellte Prio klar.
   Sein Vater betrachtete ihn teilnahmslos. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte Prio, in seinem Gesicht eine Regung zu erkennen – so etwas wie Zweifel an seiner Ansicht darüber, dass es nicht sein Sohn war, den er vor sich hatte.
   »Warum tust du nur so, als wäre ich dir egal?«, fuhr es aus Prio heraus.
   Sein Vater starrte ihn verwundert an. Seine Miene verriet, wie unentschlossen er war, etwas darauf zu erwidern.
   »Es ist nicht zu spät, noch umzukehren. Vater, ich bitte dich!«
   Bei dem Wort ‚Vater‘ war der Kanzler unmerklich zusammengezuckt.
   »Du kannst nicht über die Geisterwelt bestimmen. Niemand kann das. Niemand darf das. Es übersteigt das, was die Menschheit wissen sollte. Das allein müsste Grund genug sein, damit aufzuhören.« Prio senkte den Blick. »Die Menschen verstehen noch nicht, weshalb es die Seelen gibt. Sie sind noch nicht so weit.«
   Sein Vater räusperte sich. »Und dennoch hat unser Verständnis ausgereicht, um dich wieder einzufangen, nachdem du einmal entwischt bist.«
   Prio ließ die Schultern hängen. Der Umbruch, den er soeben in seinem Vater zu sehen glaubte, verschwand mit einem Mal.
   »Du konntest nur aus der Geisterkammer entkommen mithilfe dieses Mädchens, aber auch sie konnte dich jetzt nicht mehr beschützen. Also überdenke noch mal deine Meinung darüber, wer in Wahrheit nichts von den Seelen versteht. Ich finde, es sieht ganz danach aus, als wären wir Menschen auf der Gewinnerseite. Wie ironisch, findest du nicht auch?«
   Die überhebliche Art seines Vaters hatte Prio schon früher verabscheut. Er war überzeugt, immer zu gewinnen, selbst wenn er eigentlich längst verloren hatte. Prio biss die Zähne zusammen. Er hasste diesen Mann dafür, so stur zu sein, dafür, keine Verantwortung übernehmen zu wollen und dafür, dass er es geschafft hatte, ihn von Merl zu trennen. »Vater, ich bitte dich. Noch ist es nicht zu spät, einen anderen Kurs einzuschlagen. Du musst damit aufhören, ins Jasra einzugreifen. Es wird darunter zerbrechen.«
   Der Kanzler schaute Prio durchdringend an. Erneut dachte Prio kurz, in seinen Augen so etwas wie Fürsorge oder Liebe zu für ihn zu erkennen. Darauf folgte jedoch die eisige Starre, die jedermann vom Hochkanzler gewohnt war.
   Sein Gesicht verzerrte sich zu einer hämischen Grimasse. »Du wagst es, mich Vater zu nennen? Nach allem, was du getan hast?« Aufgebracht erhob er sich aus dem Sitz, ging um den Schreibtisch herum, legte die Hände darauf und stützte sich ab. »Du bist nicht mehr mein Sohn«, brüllte er, so laut, dass Prio zusammenzuckte. Dann sank er wieder in den schwarzen Lehnstuhl. Das Gesicht hatte er von Prio abgewandt. Sein Blick schien fahrig, als suchte er an irgendeinem Punkt im Raum Halt, nur nicht an seinem Sohn.
   Prio spürte seine innere Zerrissenheit. Er hatte sich nicht in ihm getäuscht, es steckte noch Gutes in seinem Vater und daran wollte er festhalten. Er würde nicht aufgeben, daran zu glauben, ihn wieder auf den richtigen Weg zu bringen. »Ganz egal, was geschehen ist …« Prios Stimme klang wieder beherrschter. Mutig näherte er sich seinem Vater und lehnte sich zu ihm vor. »Ich bin immer noch dein Sohn und ich werde es immer sein.«
   Willms blickte ins Leere. »Mein Sohn«, er nahm einen tiefen, zittrigen Atemzug, »das warst du einmal.«
   Prio versteinerte augenblicklich. Er konnte einfach nicht glauben, was er da hörte. Er rang um Fassung. Wie gut, dass Merl nicht hier war und fühlte, wie ihm die Worte seines Vaters das Herz zerrissen. Er schluckte einen Kloß hinunter, der sich in seinem Hals festgesetzt hatte. »Jetzt, da ich nicht mehr dein Sohn bin … was hast du nun mit mir vor? Wirst du mich dem Masrion übergeben?« Er wollte gleichgültig klingen, aber sein wehmütiger Tonfall verriet ihn.
   Seinen Vater schien das nicht zu irritieren. Er lächelte boshaft. »Wie kommst du auf die absurde Idee?«
   Prio senkte den Blick.
   Sein Vater schüttelte den Kopf. »Unfassbar. Wieder siehst du nur dich. Weißt du, das war schon früher dein Problem.«
   »Mein Problem?« Allmählich wich Prios Traurigkeit. Aus ihr wurde Wut.
   Sein Vater nickte belehrend. Jetzt war sich Prio felsenfest sicher: Er hatte unwiderruflich den Verstand verloren. Er schien wirklich zu glauben, dass nicht er der Böse, nicht er der Egoist war, sondern alle anderen. Ganz vorn an sah er seinen eigenen Sohn. Ihm war nicht mehr zu helfen, und damit war auch er selbst verloren. Bis zuletzt hatte er die Hoffnung nicht aufgeben wollen, seinen Vater zur Einsicht zu bringen. Er hatte ihn davon überzeugen wollen, mit seiner Jasrapolitik aufzuhören und die Geister in Frieden zu lassen, aber nun musste er sich eingestehen, dass es keinen Sinn hatte. Prio ahnte Schreckliches.
   »Um wen geht es hier in Wirklichkeit?«
   Sein Vater sah ihn durchdringend an. »Ist das eigentlich dein Ernst? Hast du wirklich keine Vorstellung, um wen es gehen könnte?«
   Prio hatte eine Ahnung, aber er wollte es aus dem Mund seines Vaters hören. Dieser lehnte sich vor, zwirbelte seinen Zopf und grinste vielsagend. Allmählich bekam Prio es mit der Angst zu tun.
   »Du bist nur aus einem einzigen Grund hier. Es ist derselbe Grund, der dich überhaupt erst in unsere Welt zurückgebracht hat.«
   »Merl«, flüsterte Prio und machte einen erschrockenen Schritt zurück.
   Willms nickte. »O ja. Sie zeigt uns eine völlig neue Dimension von der Kraft des Ektoplasmas. Wir haben unsäglich viele Begabte gesehen und deren Blut analysiert. Auf eine sind wir zufällig gestoßen. Ihr Blut war … sagen wir mal: anders. Anders als alles, was wir bis dahin untersucht hatten. Die Blutkörperchen wiesen eine außergewöhnlich hohe Konzentration an Ektoplasma auf. So hoch, dass ein winziger Tropfen ausgereicht hätte, um die Geisterkammer einer ganzen Einrichtung mit Energie zu versorgen. Nur leider hatte diese Person einen unschönen Makel. Sie war fast tot. Was zur Folge hatte, dass sich ihre Seele nicht mehr nur in ihrem Körper aufhielt. Das Ektoplasma war also verstreut an unzähligen Orten. Also haben wir versucht, sie am Leben zu erhalten, in der Hoffnung, sie würde irgendwann das Bewusstsein wiedererlangen. Aber das erforderte viel Geduld. Zu viel.« Er seufzte bedauernd. »Letztendlich haben wir jedoch jemanden gefunden, der genauso ist wie sie. Eine nahe Verwandte. Es war eher ein Zufall, der sie miteinander in Verbindung brachte, aber nun wissen wir es sicher. Und jetzt, da wir uns sicher sind, ist es von keiner Bedeutung mehr, dass unsere erste Probandin zwischenzeitlich verstorben ist. Natürlich ist es merkwürdig gewesen: Auf einmal haben unsere lebenserhaltenen Maschinen versagt. Als wüssten wir nicht, dass solche wie du dahinterstecken.« Er blickte seinen Sohn finster an. »Jetzt haben wir ja noch einen viel größeren Fisch an der Angel. Wo wir wieder bei der guten alten Ironie wären, was?«
   »Ich habe keine Ahnung, was du meinst.«
   »Ach, wirklich nicht? Nun, vielleicht wurdest du nicht in alle Pläne miteinbezogen. Du darfst ihr aber keinen Vorwurf machen. Sie weiß es eben noch nicht besser. Sie ist zu jung und unerfahren, um nicht zu sagen unausgebildet.«
   »Was hast du vor?«, fuhr es aus Prio heraus.
   »Was ich vorhabe?« Sein Vater lachte auf. »Na, das ist doch offensichtlich.« Er seufzte überschwänglich. »Ich werde warten, bis deine kleine Merl herkommt, um dich zu retten. Und das wird sie zweifellos tun. Wir werden ihr einen glorreichen Empfang bereiten, so wie es sich geziemt, wenn eine solche Geheimwaffe freiwillig zu einem kommt. Für ihre Ankunft ist bereits alles vorbereitet.«
   Prio ballte die Fäuste. »Du wirst sie in Ruhe lassen!«
   Wieder lachte sein Vater auf. »Unter all den medial Begabten ist sie etwas Besonderes. Weißt du, es ist schon verrückt … Da macht man sich die Mühe, die ganzen kleinen Silberklumpen einzuschmelzen und dann fällt einem der riesige Goldbarren einfach in die Hände.«
   »Was ist nur aus dir geworden, Vater?«, fragte Prio entsetzt.
   Die Miene seines Vaters verdunkelte sich. »Aus mir? Du willst wissen, was aus mir geworden ist? Schau dich doch an! Was bitte ist denn aus dir geworden, mein Sohn?« Die beiden letzten Worte hatte er besonders hart betont. Er schluckte hörbar. »Genug für heute.«
   Prio hörte, wie die Tür aufging und jemand hereinkam. Zögernd drehte er sich zu dem Wachmann um, der sich bedrohlich hinter ihm positionierte. »Leb wohl, mein Sohn«, hauchte der Kanzler, dann machte er eine wegwerfende Handbewegung und wandte sich von Prio ab. »Schafft ihn hier raus.«

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