Nach einer Naturkatastrophe wird die Erde vom Kleinstaat Arepo regiert. Das Ziel – kein Schuldiger darf unbestraft davonkommen, auch nicht nach dem Tod. Alle Seelen werden in Geisterkammern festgehalten, in denen über deren Leben gerichtet wird. Allein Jasrazen, die staatliche Einrichtung für Geisterüberwachung, entscheidet, ob die Seelen ins Licht übergehen dürfen oder nicht. Als Merl dort ein Praktikum macht und dem Geist Prio Willms zur Flucht verhilft, ahnt sie nicht, dass sie damit einen Krieg auslösen wird. Denn Prio ist kein Geringerer als der verloren geglaubte Sohn des regierenden Hochkanzlers. Da sie ihn auch außerhalb der Geisterkammer sehen kann, besitzt sie eine seltene Medialgabe, auf die Jasrazen ein hohes Kopfgeld ausgesetzt hat. Prio und Merl fliehen gemeinsam vor dem Regime zu Winora, die ihnen als Einzige möglicherweise ihre Fragen beantworten kann. Wieso pulsiert Prios Herz in Merls und welche Hoffnungen setzen die Geister in sie?

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Seiten: 291

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Claudia Romes

Claudia Romes
Claudia Romes wurde 1984 in Bonn geboren. Die gelernte Krankenschwester lebt heute mit ihrer Familie auf dem Land. Märchen und Legenden begleiten sie seit ihrer Kindheit. Im Alter von neun Jahren begann sie, ihre eigenen Geschichten zu erzählen. Während ihrer Elternzeit entdeckte sie ihre alte Leidenschaft wieder: das Schreiben. Seit 2012 veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Lyrik und Romane. Veröffentlichte Romane: - Jacks Briefe (2012) - Est Electio (2013) - Cor de Rosas Tochter (2014) - Verdandi-Kein einziges Jahr (2014) - Pulsierendes Herz-Geisterkammer (Januar 2016 im bookhouse Verlag) - Pulsierendes Herz-Geisterpfad (erscheint Januar 2017 im bookshouse Verlag)

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Leseprobe

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Prolog

Was geschieht, wenn die Mysterien unserer Welt ihre Schleier lüften und es uns in einem nächsten Schritt sogar gelingt, sie uns zu eigen zu machen?

Seit Anbeginn der Zeit sind es die Menschen, die danach streben, alles zu kontrollieren. Die Rätsel zu lösen und endlich die Geheimnisse zu entschlüsseln, die sie seit Generationen beschäftigen. Ein Ziel, das alles Vorherige in den Schatten stellen würde: das gesamte Wissen, um die Phänomene und all ihre Bestandteile verstehen und dadurch die Fähigkeit zu erlangen, sie inszenieren zu können. Denn nur, was bis ins kleinste Detail beherrscht wird, lässt sich nach dem Willen steuern.


Im Jahr 2200 veränderte sich die Erde infolge des Klimawandels drastisch. Die Meere dehnten sich aus und überspülten einen Großteil des Festlandes. Was von den einst bekannten Nationen übrig blieb, waren vereinzelte Inselgruppen, die Kolonien genannt wurden. Auf ihnen hatten sich kleine Menschenansammlungen mit schlechten Lebensbedingungen zusammengerottet. Der größte noch bestehende Erdteil hieß Arepo. Er allein genoss noch die Vorzüge der technischen Evolution, weil er als einziger weitestgehend von der Katastrophe verschont geblieben war. Arepo jedoch wurde von einer Partei angeführt, die alles daran setzte, auch zukünftig die uneingeschränkte Weltmacht zu sein, indem sie nicht nur den Fortschritt der Inselgruppen unterdrückte, sondern auch den freien Willen aller. Außerdem unterteilte sie die Bürger in zwei Gruppen: Arm und Reich. Die Patrizier waren die herrschende Schicht und die Proletarier das untergeordnete Volk zweiter Klasse, das ausgebeutet wurde und gezwungen war, am gesellschaftlichen Rand zu leben. Arepos führende Partei kannte keine Grenzen. So geschah es, dass sie im Namen der Wissenschaft irgendwann an den Rand dessen trieb, was die Menschheit lange Zeit als irrational bezeichnet hatte. Plötzlich war das Übersinnliche ein fester Bestandteil der Physik geworden. Etwas, das sich erklären und lenken ließ. Für die Bevölkerung von Arepo, dem Kleinstaat zwischen den Meeren, bedeutete jene Entdeckung Zwiespalt. Während sich die Elitation für ein schnelles Wachstum der Zentren einsetzte, kämpfte die Opposition vergeblich dafür, sie alle zu schließen und damit die Folgen dieses wissenschaftlichen Durchbruchs zu mildern. Für sie verletzte er das wichtigste Grundrecht überhaupt. Ein Recht, das jedem Lebewesen gleichermaßen von Geburt an gegeben worden ist. Aber weil der Kreislauf des Lebens so selbstverständlich schien, hatte sich niemand je die Mühe gemacht, seine Unantastbarkeit schriftlich festzulegen. Eine Tatsache, die der Elitation dazu diente, ihre schrecklichen Prozesse unbeirrt fortzuführen und die Forschung von Jasrazen weiter voranzutreiben, um schon bald die Grenzen der Zeit überwinden und längst vergessene Seelen vor ihren Richter bringen zu können.

Für wen lohnt es sich, zu sterben? Wenn wir die Wahl hätten zwischen einem frühen Tod und der Unsterblichkeit, was würden wir wählen?



Kapitel 1

Ich hatte mich nie mit dem Freitod beschäftigt. Die totale Ausweglosigkeit schien für mich immer nur ein weitläufiger Begriff gewesen zu sein. Etwas, dem ich trotzen wollte, das mich niemals erreichen oder betreffen würde. Meine Tante hatte sich aus Einsamkeit das Leben genommen. Ihr Mann war kurz zuvor an einem Herzinfarkt gestorben und alles, was sie wollte, war, ihm zu folgen. Eine Entscheidung, die ich akzeptierte, der ich all das Verständnis entgegenbrachte, das ich, mit meinen damals dreizehn Jahren, nach einer solchen Tragödie aufbringen konnte.
   »Unendlich traurig«, sagte ich gleich, nachdem wir sie leblos in ihrem Bett aufgefunden hatten, an meine Mutter gerichtet.
   Sie nickte nur, dann betrachtete sie ihre tote Schwester voll Bedauern. »Warum hast du das gemacht?«, fragte sie mit einbrechender Stimme vorwurfsvoll, während sie sich vor das Bett auf die Knie sinken ließ. Verzweifelt ergriff sie die kalte Hand und küsste meine Tante schließlich mit tränenbenetzten Augen auf die Stirn. Ich hatte zu meiner Mutter aufgeblickt, weil sie in diesem Moment unsagbar tapfer gewesen war. Es kam mir vor, als hätte sie versucht, ihre Schwester zu verstehen. Dass es ihr gelungen war, sich damit abzufinden und gleichwohl abzuschließen, da sie mit dem Wissen darum, dass ihre Schwester im Tod das gefunden hatte, was sie wollte, leben konnte. Die Andeutung eines Lächelns hatte die Lippen der Verstorbenen umspielt, sodass es auch mir gelang, ihr den Tod zu gönnen, sie gehen zu lassen und zu diesem Zeitpunkt, den sie gewählt hatte, Abschied von ihr zu nehmen. Dennoch hatte mich die Stärke meiner Mutter verblüfft. Schließlich hatte die Frau, mit der sie aufgewachsen war, mit der sie so vieles geteilt hatte, ihr Ableben selbst in die Hand genommen. Unwillkürlich stieg dabei die Frage in mir auf: Wie hoffnungslos musste jemand sein, um einen solchen Schritt zu wagen?

Kapitel 2
Zurückhaltung

»Hast du die Schlagzeilen gelesen?« Fian drückte mir den Zeitungsreader in die Hand, als ich gerade vom Stuhl aufstehen wollte. Seufzend wendete ich das silbergraue Stück mit dem digitalen Druck so lange, bis mir die Titelstory ins Auge sprang. Wieder einmal war dieses eine Thema der Aufmacher. Ich hielt zittrig den Atem an, bevor ich zu lesen begann. Es war, als würde die Presse über nichts anderes mehr berichten. Jeden Tag wurden wir von neuen Nachrichten eingeholt, in denen die Regierung bekannt gab, dass sie die Bürgerrechte noch enger schnürte.


   Suizide bald ausgerottet. Hochkanzler Willms verspricht noch härteren Arrest für Widerständler


»Siehst du.« Fian nickte euphorisch. »Ich habe doch gesagt, dass die sie drankriegen. Jeden Einzelnen.«
   »Jeden Einzelnen drankriegen«, wiederholte ich den stupiden Satzbau meines Cousins. »Du hörst dich schon genauso an wie diese korrupten Politiker. Es ist nicht so, als würde es hier um Verbrecher gehen. Das sind normale Menschen. Menschen, die nicht mehr weiterwissen, für die das Leben keinen Sinn mehr macht.«
   Fian hatte die Hände in die Hüften gestemmt und sah mich belehrend an, fest davon überzeugt, dass er im Recht und ich im Unrecht war. »Sein Leben zu beenden ist ein Verbrechen, Merl. Zu viele Menschen auf der Welt müssen sterben, obwohl sie leben wollen. Sie werden nicht vor die Wahl gestellt. Denk doch nur einmal an die vielen Opfer, die die Katastrophe immer noch nach sich zieht. Meinst du etwa, die werden gefragt, ob sie verhungern oder an der Cholera zugrunde gehen wollen? Denkst du nicht, sie würden sich lieber ein langes und gesundes Leben wünschen? Niemand sollte das Recht haben, den Zeitpunkt seines Todes zu bestimmen, das galt auch schon früher als eine Sünde! Vor Hunderten von Jahren, zur Zeit der Religionen … die Bibel erzählte davon. Hältst du es nicht auch für möglich, dass die Menschen mit ihrem Glauben gar nicht so danebenlagen und die rote Flut eine Strafe von diesem Gott war, den die Leute früher angebetet hatten?«
   »Die rote Flut?«, fragte ich angeführt von einem tiefen Seufzer, weil mir bei dem Namen, den die Leute der Katastrophe aufgrund ihrer Tragweite gegeben hatten, immer ein kalter Schauder über den Rücken lief. Das Rot war sinnbildlich für den Tod von Millionen von Menschen gemeint und die Flut, bezeichnete nicht nur das Meer, dass die Erde für sich eingenommen hatte, sondern die stetig nachhallende Welle des Sterbens, die besonders die Kolonien betraf. Ich entgegnete ihm nichts, sondern strich mir schweigend die Haarlocke hinter das Ohr, die sich zum wiederholten Mal vor mein Blickfeld gedrängt hatte. Ich hasste mein Haar, es hatte einen unbändigen Willen. Den braunroten Krauskopf hatte mir meine Mutter vererbt; und dies hatte sie getan, ohne mich vorher zu fragen. Natürlich war mir klar, dass es bei so etwas kein Mitspracherecht gab. Aber wenn ich eines gehabt hätte, dann hätte ich mich vermutlich dagegen entschieden und lieber das dünne weißblonde Haar meines Vaters gewählt. Auch wenn sich bei ihm mittlerweile eine Halbglatze andeutete, was heutzutage aber kein Problem mehr darstellte. Schließlich gab es Haartransplantationen und in einer Zeit wie der unseren, waren sie durchaus erschwinglich geworden. Ich drehte mein Haar zu einem Zopf und sah meinem Cousin dabei zu, wie er den Reader, den ich auf dem Tisch abgelegt hatte, zu sich zog und wie wild auf dem Touchmonitor herumtippte.
   »Schneid die doch ab«, sagte er, ohne mich dabei anzugucken.
   »Nein«, erwiderte ich entschlossen. Auch wenn sie mich manchmal störten und kein Haargummi dem enormen Volumen, das ich auf dem Kopf trug, standhielt.
   »Kein Mensch hat heutzutage noch solche Haare wie du! Schön ist das nicht«, sagte Fian und machte ein angewidertes Gesicht.
   »Na und?«, sagte ich und lachte hochnäsig. »Dann bin ich halt etwas Besonderes.« Zugegebenermaßen, er hatte recht. Egal, ob junges Mädchen oder Frau, ganz Arepo trug das Haar kurz. Ich war eine Rarität geworden. Vielleicht zog ich deshalb die Blicke der Menschen auf mich, sobald ich aus dem Haus trat. Eine Mähne wie meine brachte manches Problem mit sich. Außer den Leuten, die mich auf der Straße angafften, manche schüttelten sogar verständnislos mit dem Kopf, weil ich, anders als sie, meine Frisur nicht der Mode anpasste und das war längst nicht das Einzige. Ich hielt nichts davon, mit dem Strom zu schwimmen, nur weil jemand irgendeine Richtung vorgab. Niemand konnte wissen, wo sie einen letztlich hinbrachte. Also zögerte ich und entschied mich jedes Mal im Zweifelsfall lieber meine eigenen Wege zu gehen, selbst wenn das bedeutete, dass ich erst einmal allein unterwegs sein würde.
   »Binde sie endlich zusammen«, grummelte Fian. »Weißt du eigentlich, wie unhygienisch das ist? Deine Haare sind überall, und alles Mögliche kann sich drin verheddern.«
   »Jetzt übertreibst du aber.« Ich teilte drei gleich große Strähnen, die ich zu einem Zopf flocht. Auf diese Weise würde mein Haar zumindest eine Zeit lang zusammenbleiben. Obwohl ich es viel lieber offen trug. Nicht nur, weil ich mir auf diese Weise besser gefiel, auch mein Haar hasste es, eingepfercht zu sein. Es wehrte sich jedes Mal vehement gegen die Haargummis. Dabei spielte es keine Rolle, wie stabil diese auf ihrer Verpackung angepriesen wurden, sie platzten alle, sobald ich damit einen Zopf gemacht hatte; und nicht selten flogen sie dabei meinen Mitmenschen um die Ohren. Verbissen prustete ich vor mich hin und ließ Fian dabei nicht aus den Augen. Immerhin kannte er noch ein anderes Thema. Eines das weniger umstritten und ernst war, als Jasrazen. Traurig, dass er die wahnsinnige Meinung der Bürger teilte, die Jasrazen für etwas Volksnahes hielten. Wie gern hätte ich etwas zu ihm gesagt. Irgendetwas, das ihn an seiner Meinung, über den ganzen Stolz des Regimes in diesen Tagen, zweifeln ließ. Natürlich fand auch ich es schlimm, dass viele Menschen gestorben waren und noch unter den Folgen der Katastrophe leiden mussten, trotzdem war ich der Meinung, dass es nicht dasselbe war. Die Kolonien brauchten unsere Hilfe. Ihre Lebensbedingungen mussten sich verbessern. Dafür musste Arepo die seinen mit ihnen teilen. Das tat der Staat, meiner Ansicht nach, nicht ausreichend, weil er entweder zu beschäftigt mit Jasrazen war, oder aber es lag ihm einfach nichts daran, den Kolonien auf die Beine zu helfen. Ja, vielleicht war Arepo von Jasrazen besessen. Fanatisch, so nannte ich es vornehmlich, denn für mich setzte die Regierung die Prioritäten vollkommen falsch und wehe dem, der gegen sie die Stimme erhob: Der wurde sofort im Keim erstickt. Was mich dabei wirklich zutiefst bestürzte, war die Tatsache, dass eben solche Entwicklungen nicht zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte auftauchten, und sie alle fanden niemals ein gutes Ende. Unmerklich öffnete ich meinen Mund, um die Worte, die mir so dringlich auf der Zunge brannten, hinauszulassen, in der Hoffnung, Fian, wenn auch nur ein bisschen, bekehren zu können, dann jedoch schluckte ich sie einfach hinunter. Ich blieb stumm, denn ich erkannte in diesem Moment, dass es nichts gebracht hätte, ihn ein weiteres Mal darüber aufzuklären, dass die Medizin in der Vergangenheit nicht nur Fehler begangen hatte. Dass nach wie vor gewisse Geschehnisse durchaus einer kranken Seele zugesprochen werden mussten und auch zahlreiche Selbstmorde darauf zurückzuführen waren. Natürlich war die Forschung in den vergangenen Jahrhunderten deutlich genauer geworden. Undenkbar, dass noch bis vor einhundert Jahren der Krebs als Haupttodesursache galt. Heute war es selbstverständlich, jedes neugeborene Baby dem Gen-Screening auszusetzen, das präzise Aufschluss darüber gab, für welche Erkrankungen eine Veranlagung bestand. Die sofort vorsorglich behandelt wurden. Zweifellos war die Entdeckung des Jasra, die auch als die Geisterwelt bekannt ist, der größte Triumph der vergangenen Jahrzehnte und auch ich musste zugeben, dass ich zu Anfang fasziniert davon war. Nach vielen Jahren der Forschung war es den Menschen gelungen, Seelen aus dem Jasra zu extrahieren. Geister waren auf einmal Sinn und Zweck der Wissenschaft. Nach dem zunächst zufriedenstellenden Erfolg wuchs der Ehrgeiz der Forscher sowie das Ziel, Jasra, und damit den Tod, zu kontrollieren. So entstand die Idee, Menschen, nachdem sie gestorben waren, für ihre Taten innerhalb eines Lebens verantwortlich zu machen. Es konnte also niemand mehr einfach sterben, um seine Ruhe zu finden. Sobald jemand gestorben war, wurden seine Lebensdaten gewälzt und katalogisiert, um in einem Netzwerk von unendlichem Ausmaß gespeichert zu werden.
   Seit Abraham Willms das Amt des Hochkanzlers innehatte, strebte er nach einem vollkommenen Gesetzbuch, in dem der Suizid als unentschuldbare Straftat geahndet wurde. Viele waren der Meinung, dass er insgeheim nur daran interessiert war, seinen Sohn zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen. Dieser hatte vor mehr als dreißig Jahren den Freitod gewählt. Willms war seither ein verbitterter Mann, der nicht aufhören konnte, nach einem Schuldigen für den Verlust seines Sohnes zu suchen. Den Wissenschaftlern jedoch war es bislang nicht gelungen, Geister aus der Vergangenheit vor dem Jahr 2250 zu finden. Das zu ändern, stellte ein weiteres prägnantes Bestreben der Regierung dar, insbesondere weil es Willms die Möglichkeit offenbaren würde, an sein verloren geglaubtes Kind heranzukommen. Niemand wusste, wo sich jene Geister aufhielten oder ob sie überhaupt noch in Reichweite waren, um in den Kammern sichtbar zu werden. Und niemand hatte eine Vorstellung davon, was sie von den anderen unterschied.
   Obwohl ich einer der Wenigen war, die sich außerstande fühlten, diese überirdische Kontrolle gutzuheißen, hatte ich mich freiwillig für ein Praktikum bei Jasrazen, der regierungseigenen Einrichtung der Geisterüberwachung, gemeldet. Ich stand kurz vorm Schulabschluss und hoffte auf einen Studienplatz für führende mentale Wissenschaften an der Universität Franken. Ein Einblick in die Regierungsgeschäfte würde sich in meiner Vita sicherlich gut machen, und ich konnte Informationen für die Opposition sammeln, der Partei, die im Untergrund gegen Jasrazen agierte. Ich ließ alles auf mich zukommen.
   Bereits am ersten Tag wurde ich mit den Gerätschaften vertraut gemacht und durfte dabei zusehen, wie die Menschen kurz nach ihrem Tod in den sogenannten Geisterkammern landeten. So bezeichneten die Jasrazen-Mitarbeiter die riesigen, mit einem Nebellicht gefüllten, Glasröhren, in denen die Seelen Verstorbener durch metaphysische Einwirkung in die Raum-Zeit hineintransferiert wurden. Woraus das geheimnisvolle und unentbehrliche Nebellicht genau gewonnen wurde, wussten nur wenige. Gerüchten zufolge wurde es aus dem Blut von Präkognitiven gefiltert – eine schauerliche Vorstellung. Medial begabten Menschen, die das Zweite Gesicht besaßen und damit eine angeborene Verbindung zum Jasra hatten. Ein solches Medium war der Regierung ein Vermögen wert. Es gab vereinzelte Berichte über Kinder, die aus den Kolonien an Jasrazen verkauft wurden. Wobei nicht bekannt war, ob nach der Filterung des Blutes ein Weiterleben überhaupt möglich war oder ob es den Tod herbeiführte. Der Nutzen von Jasrazen an einem Medium war das Einzige, was an die Öffentlichkeit gedrungen war. So wie ich die Regierung einschätzte, bedeutete ihnen ein Leben überhaupt nichts, weshalb ich mit Schrecken an die dachte, die zum Vorteil für sie sterben mussten.
   Insgesamt gab es mittlerweile in Germania, so wurde der südwestliche Teil Arepos genannt, sechzehn Einrichtungen der Geisterüberwachung. Nach der Roten Flut lebte dort noch ungefähr ein Drittel der Bevölkerung. Jede dieser Einrichtungen unterhielt drei Kammern und umfasste eine Reichweite von einhundert Kilometern, die gleichzeitig das Einzugsgebiet darstellte. Das bedeutete im Klartext, dass die Seelen der Menschen, die, vom hiesigen Standpunkt aus, innerhalb von einhundert Kilometern gestorben waren, automatisch in der Einrichtung landeten, in der ich mein Praktikum machte.
   Eine Tatsache, die mich insgeheim hoffen ließ, dass mir keiner von ihnen bekannt vorkam. Jasrazen war so erfolgreich, dass man in den vergangenen fünf Jahren den ganzen Staat damit abgedeckt hatte. Niemand konnte sterben, ohne dass es sofort gesehen wurde. Ohne, dass es für Aufsehen sorgte. Was so mancher Seele überhaupt nicht gefiel. Wildfremde Leute starrten ihnen von der anderen Seite der Glaskammer entgegen und ein Bewegungsmelder beleuchtete sie von dort aus, mit ultraviolettem Licht, das mit einem Scanner verbunden war, um schnellstmöglich ihre Identität zu bestimmen. Im Normalfall stellte sie der Computer tatsächlich sekundenschnell fest. Das Ausweisfoto der Person flimmerte über den Köpfen der Jasrazen-Angestellten als Hologramm in Übergröße, und gleich darauf erschien die Unterschrift der Seele sowie diese nochmals in deutlich lesbaren Druckbuchstaben darunter. Eine elektronische Stimme las den Namen vor, bevor die Seele überhaupt begriffen hatte, wo sie war. Oftmals realisierte sie erst in diesem Augenblick ihren eigentlichen Zustand: den des Todes. Etwas, das für viele ein traumatisches Erlebnis darstellte. Rücksichtnahme jedoch konnten sie nicht erwarten, genauso wenig wie das Recht auf einen fairen Umgang. Diese Dinge waren einzig den Lebenden vorbehalten. Für die Toten gab es noch nichts Vergleichbares. Nichts, das ihre Rechte sicherte. Seit klar war, dass die Seelen unter Jasrazens Kontrollen und Verfahren litten, wurden die Stimmen in der Bevölkerung, insbesondere unter den Anhängern der Oppositionspartei, für Rechte der Geister laut. Seitdem arbeitete das Kabinett angeblich an einer Gesetzesvorlage. Dadurch sollte sich die Situation Verstorbener verbessern. Zehn Jahre warteten die Menschen nun bereits auf die Fertigstellung. Zehn Jahre, in denen jeder mit der Angst leben musste, zu sterben, bevor jene Gesetze festgeschrieben standen. Und so prägte die Furcht nach dem Tod, von Jasrazen gefangen gehalten zu werden, eine Gesellschaft.
   Man hatte mich Ingale zugeteilt. Einer dunkelhäutigen, frustrierten Teamleiterin, die nach Zigaretten stank, als hätte sie in der Asche von Hunderten von Rauchern gebadet. Unmerklich rümpfte ich regelmäßig die Nase, wenn sie mir zu nahe kam, und hielt die Luft so lange an, wie es ging.
   Es dauerte nicht lange, bis ich erkannte, wie sehr sie ihren Job hasste. Ihre Arbeitshaltung wies weder Gewissenhaftigkeit noch die geringste Motivation auf. Sie zählte die Stunden, die sie tagtäglich vor Kammer eins verbringen musste, wie ein Gefängnisinsasse die Tage bis zu seiner Freilassung. Anders als ein solcher jedoch strich sie die Tage nicht an der Zellenwand, sondern in ihrem kleinen, pinkfarbenen Taschenkalender durch, den sie danach jedes Mal wieder sorgfältig in ihrer Brusttasche verstaute. Obwohl ich wissentlich einer von wenigen war, die gegen das Convictions-Konzept waren, das den Freitod als ein Verbrechen am Leben bezeichnete, war es enttäuschend für mich, festzustellen, dass Ingale nur ab und zu einen Blick in die Kammer warf. Nur gelegentlich befasste sie sich mit den teils verwirrten Seelen darin. Die meiste Zeit widmete sie sich ihren ausgedehnten Zigarettenpausen, was mich währenddessen völlig unvorbereitet zu dem Menschen werden ließ, der als Einziger die Ankunft der neuen Seelen bezeugen konnte. Glücklicherweise wies unser Bezirk momentan keine recht große Anzahl an Sterbefällen auf. Außerdem gab es neben der Kammer, der ich zugeteilt war, noch zwei weitere in dieser Einrichtung. Ich hatte mir also wenig Gedanken darüber gemacht, was ich zu tun haben würde, sollte während Ingales Pause tatsächlich eine Seele vor mir in der Kammer erscheinen.
   Nach der ersten Woche hatte sich meine Abneigung gegen Jasrazen nur noch verstärkt. Alle, die hier arbeiteten, hatten die Gefühlskälte eines Kieselsteins. Niemand schien sich wirklich für die Seelen zu interessieren. Beinahe hatte es den Anschein, als betrachteten sie die Geister als wertlose Objekte. Manchmal musste ich mich regelrecht dazu zwingen, den Mund zu halten, um nicht gegen das Unrecht zu sprechen, das hier tagtäglich geschah. Für mich war es absolut unverständlich, wie es alle so mühelos schafften, den Umstand, sich irgendwann selbst in einer Geisterkammer wiederzufinden, auszublenden. Sie kamen mir vor wie Maschinen, nicht aber wie Menschen. Egal, wie sehr mich das Verhalten von Jasrazen auch schockierte, ich wollte durchhalten, um die Opposition mit klaren Fakten unterstützen zu können. Tatbestände, die sie gegen Jasrazen verwenden konnten. Ich spielte mit dem Gedanken mich nach meinem Studium aktiv in der Partei zu engagieren, um teilzuhaben am Geschehen in unserem Land. Ich wollte die Möglichkeit haben, die Dinge ändern zu können, die offensichtlich falsch liefen und nicht einer dieser Menschen werden, die, obwohl sie wussten, dass etwas unmoralisch war, nichts dagegen taten. In diesen Zeiten waren die meisten Bürger der Ansicht, dass es klug wäre, sich aus der Politik herauszuhalten. Sie nannten Jasrazen etwas, dass sie nicht ändern konnten, und verdrängten dabei, welch gefährlich große Rolle es bereits in unserem Staat spielte. Wie sehr es uns alle kontrollierte und wie wir unbewusst unser Leben danach richteten. Ich war überrascht, wie leicht es mir gemacht wurde, meine Beweise gegen Jasrazen zu sammeln. Angesichts der Sicherheitsvorkehrungen, die einen Beamten, Bewegungslaser rund um die Kammern und sogenannte Rothummeln beinhalteten, hatte ich es mir schwieriger vorgestellt. Rothummeln waren faustgroße, fliegende Spione, die regelmäßig Jasrazens Räume in Augenschein nahmen. Bis auf ihre lästigen roten Augen, die jede Auffälligkeit aufzeichneten, waren sie irgendwie sogar niedlich anzusehen. Jedoch kamen selbst sie nicht einmal in meine Nähe. Vermutlich hatte ich einfach ein vertrauenswürdiges Äußeres, oder es lag an der Tatsache, dass meine Tante Esra die Einrichtung oberhalb der Elbe leitete und ihre Hand für mich ins Feuer legte.

Kapitel 3
Plötzlich kriminell

Zwei Wochen lagen hinter mir und ich fühlte mich mehr als ausgeruht. Viele Seelen hatte ich bisher nicht gesehen. Entweder starb in letzter Zeit einfach niemand mehr oder die beiden anderen Kammern waren beliebter bei den Verstorbenen als unsere. Gedankenverloren goss ich einen guten Schuss Milch in meine Tasse und rührte sie mit dem blauen Plastiklöffel in den Kaffee hinein, der sich gleich darauf in ein zartes Hellbraun verfärbte. Hin und wieder zog ich den Löffel ein Stück heraus und beobachtete, wie sich der von mir erschaffene Strudel gegen das starre Plastik drückte, als wäre es eine winzige Insel irgendwo mitten im Meer. Das Bild erinnerte mich an die Kolonien, und ich musste unwillkürlich an das Leben auf den Inseln denken. Was Mutter wohl gerade dort tat? Ob Vater ihr auch wirklich von meinem Praktikum berichtet hatte? Es passte überhaupt nicht zu ihr, sich so lange nicht bei mir zu melden. Aber ich dachte, dass sie dort als Ärztin im Moment sicher zu beschäftigt dafür war. Sie würde sich melden, sobald ihre Zeit es erlaubte. Mittlerweile hatte ich eine solche Fülle an Informationen über Jasrazen, dass ich mir sicher war, dass die Opposition überaus zufrieden damit sein würde. Ich hatte Engagement bewiesen. Was die beste Voraussetzung dafür war, in ihre Reihen aufgenommen zu werden. Nach vierzehn Tagen musste ich zugeben, dass mich Jasrazen überrascht hatte. Gegen anfängliche Vermutungen hatte es die Einrichtung tatsächlich geschafft, neben der Wut, die sie in mir auslöste, noch eine andere Emotion zu bewirken: Langeweile. Ständig ertappte ich mich dabei, wie ich ungeduldig auf die Uhr stierte. An diesem Tag war ich ungemein müde, denn ich hatte die halbe Nacht damit verbracht, die Beweise zu ordnen, die ich bisher hatte. Schon in drei Tagen war ich mit Frem, dem Jugendführer der Opposition, zum Austausch verabredet und wollte unbedingt einen guten Eindruck machen. Nur, wenn ich es schaffen würde, ihn zu überzeugen, dass ich mit Leib und Seele für die Partei einstehen würde und zudem vertrauensvoll war, würde er mich beim Ausschuss empfehlen. Es war nicht ungefährlich, für die Opposition zu sein. Immer wieder verschwanden Parteimitglieder unter mysteriösen Umständen, weshalb ich bei meinem Eintritt den Schwur zu leisten hatte, keine Namen aus den Reihen preiszugeben, auch nicht unter Folter. Ein Instrument, das die Elitation nach wie vor anwandte, um an Informationen zu gelangen.
   Mühevoll hielt ich die Augen geöffnet. Der dritte Kaffee, und ich spürte nichts weiter als ein leichtes Ziehen in der Magengegend. »Heute wird früh ins Bett gegangen«, sagte ich zu mir und gähnte lauthals. Es war einer dieser Momente, die ich allein vor der Kammer zubrachte, und ich wippte auf meinem Drehstuhl gleichmäßig hin und her, um mich wachzuhalten. Nachdem ich die Tasse auf den Stapel mit digitalen Readern vor mir abgestellt hatte, legte ich die Füße auf den Schreibtisch, um mich ein wenig auszuruhen. Auch wenn ich noch so dagegen anzukämpfen versuchte: Ingales Pause musste ich nutzen, um meine Kräfte zu sammeln. Ruhe konnte ich jedoch keine finden. Immerzu musste ich an etwas denken. Das bisschen Schlaf, das ich in der vergangenen Nacht fand, war gefüllt gewesen mit diesem schrecklichen Traum, der mich bereits zum wiederholten Mal heimgesucht hatte. Er machte es mir schier unmöglich, einfach abzuschalten. Jedes Mal, wenn ich vor Erschöpfung meine Lider schließen wollte, schreckte ich sofort wieder hoch, weil blasse Hände mich packten und die Berührung der eiskalten Haut mich erzittern ließ. Diese unmenschlich erscheinenden Hände zogen an meinen Armen, rüttelten an mir, so lange, bis ich mich rührte, bis sie mich vorwärtsbewegten und ich den Boden unter den Füßen verlor. Das, was mich an diesem Albtraum jedoch am meisten ängstigte, war die Tatsache, dass ich die Hände niemandem zuordnen konnte, weil die eigentliche Person im Dunkeln blieb. Müde seufzte ich und kuschelte das Gesicht in meine Locken. Völlig unverhofft döste ich ein. Es tat gut, die Stille für mich zu nutzen, und ich vergrub die Nase nur noch tiefer in mein Haar, das nach Maiglöckchen duftete. Ich schrieb das dem Shampoo zu, das mir meine Mutter aus der italienischen Kolonie geschickt hatte, und stellte mir vor, wie sie gerade mit der Familie, bei der sie wohnte, Tee trank. Dort, an der sizilianischen Küste, wo sich ein fast wolkenloser Himmel im klaren Ozean spiegelt und die warme Luft einen wie ein seidener Schleier umhüllt. Wie gern wäre ich bei ihr gewesen. Viel zu lange war es her, dass ich sie besucht hatte. Die Gedanken an sie verschmolzen schließlich mit einem Traum. Ein schöner Traum. Endlich noch mal. Darin spazierte ich durch den weißen Sand, der funkelnd unter mir lag. Die wärmenden Sonnenstrahlen spürte ich auf meiner Haut, und ich reckte ihnen genießerisch meinen Kopf entgegen. Hier wollte ich bleiben. Weit weg von all den Sorgen des Alltags, fort von Zuhause. Ich sog die frische Luft tief ein. Urplötzlich jedoch veränderte sich das sanfte Licht. Die Sonnenstrahlen wurden dunkler und verloren all ihre wärmende Wirkung. Sie verwandelten sich in ein lilafarbenes Geflimmer, das mich auf eine äußerst irreführende Art und Weise blendete. Schützend hielt ich mir die Hand vor das Gesicht, als ich langsam aber sicher den Strand verließ. Auch das Rauschen des Meeres hatte ich nicht länger in den Ohren, denn es war etwas völlig anderem gewichen. Eine bedrängende Sirene, die meinen, gerade eben noch langsamen Herzschlag anschnellen ließ, als wäre ich gerade auf der Ziellinie eines Marathons angekommen. Vorsichtig blinzelte ich in den Raum, dann hörte ich eine zunächst verschwommen klingende Stimme.
   »Prio Willms«, wiederholte sie, nun bereits zum zweiten Mal. Endlich war ich wach.
   »Warte auf Bestätigung«, sagte die Stimme im gleichen tristen Tonfall.
   Ich benötigte einen Augenblick, um zu realisieren, was gerade geschehen war, dann sprang ich hastig auf und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf das Hologramm, dass mir ein farbiges Passfoto zeigte. Suchend blickte ich mich nach Ingale um, doch sie war immer noch nicht da. Und so stand ich allein dem Geist eines jungen Mannes gegenüber, der mir überaus verunsichert entgegensah.
   »Warte auf Bestätigung«, sprach die metallene Stimme erneut, doch ich nahm sie nur am Rande wahr. Langsam näherte ich mich der Glasröhre. So echt sah der Mann in ihr aus, lebendig und makellos. Das blonde Haar kräuselte sich an seinen Ohren, die stahlblauen Augen, mit denen er mich unverwandt anschaute, erinnerten mich an das klare Meer, an dessen Strand ich noch bis vor wenigen Minuten entlangspaziert war. Er ging einen Schritt auf das Glas zu und legte seine Hand auf die Scheibe, als wollte er testen, was uns voneinander trennte. Mit den Augen verfolgte er die Bewegung seiner Hand, die sich vorsichtig einige Zentimeter zur Seite tastete. Obwohl ich wusste, dass die Materie, mit der die Glasröhre gefüllt war, Geister zu festen Körpern werden ließ, sie also sichtbar machte, und dass sie dadurch, anstatt durch Dinge hindurch, diese anfassen konnten, war ich verwundert. Mein Verstand sagte mir zwar, warum er sich äußerlich nicht von mir unterschied, aber es wollte ihm einfach nicht ausreichen, um es wirklich zu akzeptieren. Das, was ich sah, war dermaßen echt, dass ich es als nichts anderes annehmen wollte. Die traurige Miene des jungen Mannes mitanzusehen, als er merkte, dass er gefangen war, schmerzte. Beinahe fühlte es sich für mich so an, als wäre ich selbst in der Kammer eingesperrt. Fassungslos klopfte er immer wieder gegen die Scheibe, doch auf meiner Seite kam nicht einmal ein leises Pochen davon an. Wieder sah er zu mir, fragend, suchend nach einer Antwort darauf, warum er eingeschlossen war und welche Rolle ich dabei spielte. Ich rannte zum Überwachungsmonitor und drückte auf den leuchtend grünen Knopf vor mir, so wie es Ingale getan hatte, wenn ein Geist in der Kammer erschienen war. Damit rief ich seine Daten auf. Wieder ertönte die elektronische Stimme.
   »Prio Willms. Sohn von Olivia Mentori und Abraham Willms. Gestorben am 17. Januar 2240 durch Suizid.«
   »Das ist unmöglich«, flüsterte ich hinter vorgehaltener Hand, als wollte ich auf keinen Fall, dass er mich hörte, wobei dies ohnehin ausgeschlossen gewesen wäre. Er war in einer schallschutzsicheren Kammer. Nichts konnte ungewollt von außen zu ihm dringen. Nachdem ich seine Daten nochmals überprüft hatte, staunte ich nicht schlecht. Es war unfassbar! Wie war das nur möglich? Ich konnte nicht glauben, wen ich da vor mir hatte. Natürlich wusste ich, wer er war. Jeder in Arepo wusste das. Prio Willms, der verloren geglaubte Sohn des Staatschefs! Es war kein Geheimnis, dass der Kanzler seit den ersten Jasrazenversuchen hoffte, dass eines Tages sein Sohn unter den Geistern sein würde. Milliardenschwere Steuergelder steckten bereits in diesem Streben. Dem Versuch, Geister aus einer früheren Zeit herbeizurufen.
   Die Medien berichteten ständig über den verzweifelten Vater, über seine unerschütterliche Suche, die unbändige Hoffnung, die Abraham Willms niemals verlieren würde. Aber auch davon, dass er ihn finden wollte, um auch ihn für die Art und Weise seines Ablebens zu bestrafen. Er wollte somit demonstrieren, dass auch ein noch so enger Verwandtschaftsgrad jenes Verbrechen nicht entschuldigte und jeder, egal, welchen Standes, von einer Strafverfolgung betroffen war. Vor einigen Jahren hatte ich eine Reportage über den Selbstmord Prio Willms’ im Fernsehen gesehen. Darin wurde sein freiwilliger Tod als recht zweifelhaft beschrieben. Berichtet wurde über das Verhältnis zu seinem Vater, und dass es nicht immer positiv gewesen war. Am Ende musste man sich die Frage stellen, ob es sich in Prios Fall überhaupt um Selbstmord gehandelt hatte. Die Reporter hatten tief in der Geschichte der ruhmreichen Familie Willms gegraben. Zu tief, für einen wichtigen Mann wie den Kanzler. Sie hatten, durch enge Freunde Prios, die in der Angelegenheit als Zeugen ausgesagt hatten, Beweise für einen letzten Vater-Sohn-Streit gefunden. Darin ging es um Prios Einsatz für ein mittelloses Mädchen aus der Proletarierschicht. Dass sich die Patrizier mit der Arbeiterklasse einließen, war etwas, das schon vor tausend Jahren undenkbar gewesen und mit Problemen behaftet war. Eine solche Verbindung konnte und wollte der Kanzler nicht dulden, weshalb er Prios Beziehung zu diesem Mädchen unterband, und er bestrafte jegliche Widersetzung hart. Als er jedoch merkte, dass Prio in dieser Sache seinen eigenen Kopf hatte und sich nicht durch seinen Vater von Mena abbringen lassen wollte, setzte der Kanzler seine Späher ein. Sie sollten das Mädchen einschüchtern und verfolgten sie auf dem Weg in die Weberei. Mena rannte um ihr Leben, in Todesangst getrieben setzte sie einen Hilferuf mit ihrer Hologrammuhr ab, die ihr Prio geschenkt hatte und dieser reagierte sofort. Augenblicklich kam er, mittels dem Teleporter seines Vaters und nahm sie schützend in seine Arme. Kanzler Willms besaß die einzige Teleportationsmaschine, ein Vorläufer der Kammern, entwickelt innerhalb der Jasrastudien. Die einzige und die letzte Apparatur ihrer Art wurde sie doch nach dem Unglück von Willms persönlich zerstört. Er hatte Prio verboten, sie jemals zu benutzen und dennoch hatte er es getan und es hatte ihn das Leben gekostet.
   »Diese verfluchte Maschine«, soll Prios Mutter geschrien haben, als sie erfahren hatte, was passiert war. In dem Moment nämlich, als Prio Mena erreicht hatte, befand sie sich bereits im freien Fall. Gemeinsam stürzten sie also vom Dach des Penhelions, des größten Gebäudes der Außenwehr der Elitation und überlebten den Aufprall auf dem Pflaster nicht. Alles war so schnell gegangen, dass Prio keine Möglichkeit mehr gehabt hatte, sie zu verlassen. Theoretisch. Auch praktisch hätten seine Chancen schlecht gestanden, denn teleportieren, wenn es auch die schnellste Möglichkeit war, sich fortzubewegen, brauchte dennoch seine Zeit. Sein und Menas Fall hingegen geschah binnen weniger Sekunden. Vermutlich war er auf dem Boden aufgekommen, bevor er überhaupt wissen konnte, was gerade geschehen war. Die Hypothese, die im Allgemeinen, insbesondere in Regierungskreisen, angefochten wurde, war jene: Konnte in Prios Situation überhaupt von einem Selbstmord gesprochen werden oder war es einfach die Schuld der Späher, die Schuld seines Vaters gewesen, dass Prio und auch Mena zu Tode gekommen waren? Und noch etwas gab zu denken: Menas Leiche verschwand aus unerfindlichen Gründen vom Unfallort. Sie wurde niemals beigesetzt. Nachdem der Film auf einem freien Kanal der Opposition ein einziges Mal ausgestrahlt worden war, wurde die Reportage aus dem Verkehr gezogen. Zu spät für die Menschen, die sich bereits ihr Bild gemacht hatten. Sicherlich hatte der Bericht viele ins Grübeln gebracht. Die Regierungsbosse, davon selbstredend ganz oben in der Liste Abraham Willms, warfen den Reportern Hochverrat vor und ließen sie einkerkern. Niemand konnte sagen, ob sie überhaupt noch lebten. Ich weiß nicht, warum gerade ich jene Reportage gesehen und was es mit meinem Praktikum bei Jasrazen gemein hatte, aber vielleicht sollte es genau so kommen. Womöglich sollte ich an diesem Tag hier stehen. Vor Prio Willms, dem Jungen, der für Mena starb. Ich fragte mich, ob dieses Mädchen seine Freundin war. Waren die beiden ineinander verliebt? Wie romantisch war die Vorstellung für mich, dass er sein Leben für die Liebe hingegeben hatte. Dieses Bild ließ ihn für mich in einem angenehmen Licht erscheinen. Er war ein Held! Wie ich ihn so betrachtete, empfand ich aber auch unendliches Mitleid mit ihm, weil ich an seine Geschichte dachte, daran wie sie geendet hatte. An diese unglückliche Liebe, den schrecklich intoleranten Vater und diesen unnötigen Tod. Ich dachte daran, dass Prio nach all den Jahren, in denen er es scheinbar geschafft hatte, sich vor dem gierigen Blick Jasrazens zu verbergen, nun doch in ihrer Falle gelandet war. Unwillkürlich fragte ich mich: Was kann ich tun, um ihm zu helfen? Was machen, damit er unentdeckt bleibt? Zumindest für eine Zeit lang.
   Ich erinnerte mich an das Synkopen Extrakt, das mir Ingale an meinem ersten Tag erklärt hatte. Auch wenn ich es nie eingesetzt hatte, waren mir ihre Worte immer noch gut im Gedächtnis. »Müssen wir einmal einen Geist über eine weitere Strecke transferieren, was nur äußerst selten vorkommt, so lassen wir den Inhalt dieses Fläschchens in die Kammer«, sagte sie. »Das rote Gas vermischt sich mit der Materie und bildet eine Einheit, die es dem Geist ermöglicht, auch außerhalb der Glasröhre in unserer Weltenebene zu existieren. Es verleiht ihm, mit einer zeitlichen Begrenzung von vierundzwanzig Stunden, bis auf einen funktionierenden Kreislauf, alles, was einen lebendigen Menschen ausmacht.«
   Zwar hatte ich nie sehen können, wie die Anwendung des Extraktes tatsächlich vorgenommen wurde, aber die Zeit drängte. Wenn ich Prio wirklich helfen wollte, musste ich handeln, ehe Ingale zurückkam. Ich nahm also eine der Flaschen aus dem Regal über dem Monitor, schloss sie an das Verbindungsstück zur Kammer an und öffnete das seitlich daran angebrachte Ventil. Ein lautes Zischen entstand und das rote Gas strömte in die Röhre. Es umhüllte Prio, sodass er einen Moment lang völlig davon umschlossen war, und als sich der Nebel lichtete, atmete er tief aus. Ich blickte mich um, dann schob ich vorsichtig den Riegel der Sicherheitstür beiseite.
   »Kammer entsichert«, kommentierte die elektronische Stimme und ich zuckte zusammen. Wie ich sie doch hasste! Aufgeregt öffnete ich danach die gläserne Tür und wartete, bis Prio aus der Kammer getreten war. Als wäre er nie zuvor in dieser Welt gewesen, machte er achtsam den ersten Schritt aus der Kammer hinaus. Es dampfte bei jeder seiner Bewegungen. Ein bisschen kam er mir vor, wie eine Entdeckung aus uralter Zeit und irgendwie war er das ja auch. Ein Relikt, ein Stück bildlich gewordene Vergangenheit. Auch, wenn er eigentlich kein Leben mehr in sich trug, wirkte er so wahr und unverfälscht, dass ich mich augenblicklich in sein Dasein verliebte, noch bevor er überhaupt ein Wort mit mir gesprochen hatte.
   Er lächelte verhalten, während er sich das Haar hinter sein Ohr steckte. »Wo bin ich denn hier?«, fragte er und der Klang seiner sanften Stimme ließ mich schlucken. Sie passte perfekt zu seinem Äußeren, und ich spürte, wie sich meine Wangen erhitzten und sich somit tomatenrot verfärbten. Ich hatte mich immer schon darüber geärgert, wie schnell es mir jeder ansehen konnte, wenn mir ein Junge gefiel. Prio blieb indes völlig geduldig und ruhig.
   »Ganz schön gewöhnungsbedürftig da drin«, sagte er und deutete auf das Innere der Kammer. »Wofür ist denn das gebaut worden?«
   Sorgfältig schloss ich die gläserne Tür, schmunzelte und räusperte mich kurz darauf, um von seiner Frage abzulenken, aber sein Blick blieb forsch auf mich gerichtet. Ehrlich gesagt wusste ich nicht wirklich, was ich nun mit ihm anfangen sollte. Jetzt, da er vor mir stand und kein sichtbarer oder zu erfühlender Unterschied zwischen uns bestand. Ich hatte meine Sprache verloren. Wieder räusperte ich mich energisch, doch es half nichts. Kein Ton wollte mir über die Lippen kommen.
   »Ich würde gern mit meinem Vater sprechen«, sagte er ein wenig verunsichert, als ich ihm immer noch nicht geantwortet hatte. Nachdenklich stierte er zur Decke. »Zwar kann ich mich nicht mehr genau an alles erinnern, aber ich glaube, das letzte Mal, als ich ihn sah, haben wir uns furchtbar gestritten. Ich weiß nur nicht mehr weswegen.« Grüblerisch umfasste er sein Kinn und lachte leise. »Schon komisch, oder?«
   Mir stockte der Atem. War es möglich, dass er sich an nichts mehr erinnerte, was zu seinem Tod geführt hatte? Vielmehr jedoch erschütterte es mich, dass er allem Anschein nach nicht wusste, dass er überhaupt tot war. Widerwillig blickte ich mich um. Ich wollte ihn nicht so anstarren, wie ich es tat. Es war, als würde eine Faszination von ihm ausgehen, der ich mich nicht widersetzen konnte.
   »Sprechen wir dieselbe Sprache?« Er musterte mich aufmerksam. »Do you speak English? Parlez-vous français?«
   Doch ich brachte kein Wort heraus. Was sollte ich ihm sagen? In einer solchen Situation war es besonders wichtig, mit den richtigen Worten zu beginnen. Die wollten mir aber nicht einfallen.
   »Kannst du sprechen?«, fragte er und lächelte sanft. Seine Augen strahlten mich an.
   Ich wusste, dass er mich durchschaut hatte. Meine Wangen waren so heiß, als drohten sie, Feuer zu fangen. Rasch wandte ich meinen Blick von ihm ab, doch ich hielt es nicht lange aus. Ständig hatte ich das Bedürfnis ihn zu betrachten, es war schon fast zwanghaft. Stundenlang hätte ich ihm gegenüberstehen und ihn ansehen können. Ich war im Begriff, mich zu verlieren und merkte, wie alles um mich herum begann, irrelevant zu werden.
   Hätte mich jemand gekniffen, damit ich aus meiner Träumerei aufwachte, ich wäre ihm sehr dankbar gewesen. Kein Kneifen, sondern sich beunruhigend schnell nähernde Schritte auf dem Flur waren es, die mir halfen, wieder klarer im Kopf zu werden. Die plötzlich aufkommende Angst davor, erwischt zu werden, gab mir meine Konzentration zurück. Gepaart mit einem ordentlichen Adrenalinschub, fühlte ich mich wieder Herr der Lage. »Du musst hier auf der Stelle verschwinden. Es darf dich niemand sehen.« Schnell fasste ich Prio am Arm und schob ihn durch den Seitenflügel in den Waschraum. »Warte hier, bis ich dich hole. Und bitte sei leise. Lass dich nicht erwischen.«
   Er machte ein ratloses Gesicht, als ich ihm die Tür vor der Nase zumachte. Wie gern hätte ich ihm erklärt, warum ich das alles von ihm verlangte. Ich hatte mich ihm nicht einmal vorgestellt. Vermutlich dachte er, ich sei verrückt. Nun, gut möglich, dass er damit sogar recht hatte. Ich konnte nur hoffen, dass er einer unbekannten Verrückten vertrauen würde und vorerst dort blieb, wo er war. Vermutlich würde er im Waschraum erst einmal vergeblich nach seinem Spiegelbild suchen, das er in dieser Welt nicht finden würde. Nicht mehr, denn sein Abbild war für immer im Jasra, seitdem er diese Welt verlassen hatte. Ich merkte schon, sollte er tatsächlich warten, bis ich ihn holen würde, so gäbe es für mich einiges zu erklären.
   »Da bist du ja.« Ingale stopfte sich einen mit weißer Glasur überzogenen Donut in den Mund, während sie in ihrem roten Drehstuhl Platz nahm. »Irgendwas passiert, während ich weg war?«
   »Nein, nein«, stotterte ich und mein Blick glitt unabsichtlich prüfend zur geschlossenen Tür zum Waschraum. »Alles absolut ruhig gewesen.«
   Sie grinste zufrieden und wusch sich mit dem Ärmel die Krümel vom Mund. »Also irgendwie wirkst du angespannt. Ist wirklich alles in Ordnung?«
   »Ja, ja.« Ich nickte, stockte dann jedoch, als ich bemerkte, dass ich vergessen hatte, den Monitor auf null zu stellen. Zugegebenermaßen war Prios Hologramm verschwunden. Auf dem Überwachungsmonitor jedoch blinkte immer noch sein Bild. Ich hoffte, dass Ingale es nicht bemerken würde. Ich musste sie dazu bewegen, aufzustehen. Auf keinen Fall dürfte sie sich zu dem Monitor umdrehen. Ich merkte, wie mir vor Anspannung die Schweißperlen die Schläfen hinunterliefen. Warum war es nur so schrecklich heiß hier drin? Ich prustete und strich mir die Locken hinter die Ohren.
   »Ehrlich gesagt … mir geht es nicht sonderlich gut«, log ich schnell und tat, als müsste ich mich am Schreibtisch abstützen, dabei bedeckte ich geschickt den Monitor mit dem Oberkörper.
   »Du siehst auch verdammt schlecht aus!« Ingale beäugte mich übertrieben sorgenvoll. »Nicht, dass es etwas Ansteckendes ist? Glaube, du solltest besser nach Hause gehen. Kann mir hier keine Fehlzeiten erlauben. Hab gehört, die wollen demnächst paar Stellen abbauen.«
   Ein wenig lachte ich in mich hinein, als ich die Sorge wegen der Fehlzeiten, gerade von ihr, hörte. Das, von jemandem, der mehr Stunden mit seinen Zigaretten verbrachte, als mit den armen, hilflosen Geistern, für die sie eigentlich zuständig war, war wirklich lächerlich. Zu meiner Erleichterung rollte sie mit dem Drehstuhl von mir weg, aus Angst ich könnte sie mit irgendeiner tropischen Krankheit infizieren. Die Monitore interessierten sie überhaupt nicht mehr.
   »Obwohl: jetzt, wo du es sagst.« Geschauspielert hielt sie sich den Bauch. »Mir ist irgendwie auch nicht gut.«
   Ich warf einen Blick auf die leere Donut Schachtel, die sie auf dem Tisch abgestellt hatte, und hob unmerklich die Brauen. »Ja, ich denke, wir sollten besser für heute Schluss machen. Es ist eine ganz fiese Magen- und Darmgrippe im Umlauf.«
   »Ach wirklich?« Sie verzog das Gesicht.
   Ich nickte betroffen.
   »Bestimmt wieder so ein Virus, der von den Kolonien eingeschleppt wurde. Du hast vermutlich recht. Bevor wir hier eine Epidemie auslösen, sollten wir uns lieber erst einmal zu Hause auskurieren. Ich sage Bensen von Kammer zwei Bescheid, dass wir eins für heute schließen, er soll ein Auge auf unsere Kammer haben. Bin gleich wieder da.«
   Flink huschte sie hinaus. Mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen, als ich endlich die Escapetaste drücken und Prios Erscheinen bei Jasrazen damit erst einmal ungeschehen machen konnte. Ich hatte keine Ahnung, wie viel Zeit ich damit gewonnen hatte, aber ich dachte, es würde schon genug sein, um ihn hier hinausschaffen zu können.

Kapitel 4
Im falschen Film

Zittrig wartete ich, bis Ingale vom Parkplatz gefahren war und die Sicherheitsbeamten ihre Runde an unserer Kammer vorbei abgeschlossen hatten, bis ich mich mit Prio hinaustraute. Da sein Tod eine so lange Zeit zurücklag, hegte ich keine Zweifel daran, dass hier jedem sein Gesicht, wenn auch nicht sein Name, vollkommen unbekannt war. Und sollte mich irgendjemand nach ihm fragen, beschloss ich, ihn als einen der neuen Praktikanten auszugeben. Es war nicht ungewöhnlich, dass ich die Neuen einwies, also fühlte ich mich damit weitestgehend in Sicherheit. Eilig huschten wir über den Parkplatz. Ich bemerkte seine skeptischen Blicke, die er zunächst über das Gelände, dann zu mir und dem blinkenden Schlüssel in meiner Hand streifen ließ.
   »Ich erkläre dir alles bei mir zu Hause. Da können wir in Ruhe darüber reden«, sagte ich, während ich ihn zum Weitergehen anhielt. »Wir müssen uns ein wenig beeilen.« Ich drückte erneut auf meinen Schlüssel, der sogleich grün leuchtete. Gleichzeitig öffneten sich Fahrer- und Beifahrertür. Geräuschlos schoben sie sich beiseite, sodass wir einsteigen konnten. Ich war stolz auf meinen Vendamera 206, mit H2O-betriebenem Elektromotor, der sanft wie ein Kätzchen schnurrte, sobald ich den gelben Schlüsselknopf betätigt hatte.
   Die Türen schlossen sich und Prio sah mich bewundernd an. »Nicht schlecht, die Karre«, gestand er und lächelte anerkennend.
   Ich nickte und spürte, wie meine Wangen erneut heiß wurden. Schnell schluckte ich meine Aufregung hinunter, die ich zum wiederholten Mal seinetwegen verspürte, nur weil er mich angesehen hatte. Verbissen räusperte ich mich, um sie zu vertreiben und lehnte mich ein kleines Stückchen im Sitz vor. »Nach Hause«, gab ich dem Bordcomputer schließlich den Zielort an und mein Vendamera setzte sich in Bewegung.
   »Der ist echt spitze. Dein Vater muss viel Einfluss haben, wenn er dir ein solches Gefährt ermöglichen kann.«
   Ich schaltete komplett auf Autopilot um und legte unmerklich die Stirn in Falten, während ich Prio dabei zusah, wie er mit seiner Hand bewundernd über die glänzende Faserverkleidung der Innentür strich. Mir wollte einfach keine passende Erwiderung auf seine Feststellung einfallen. Nichts, was ihn nicht, aufgrund seiner Überzeugung, dass keine dreißig Jahre seit seinem Tod vergangen waren, verstört hätte. »Nicht sonderlich viel Einfluss«, brachte ich schließlich hervor und gab ihm einen Augenblick lang Zeit, meine Antwort auf sich wirken zu lassen.
   »Das kann ich mir nicht vorstellen. Mein Vater ist sehr wohlhabend, aber ich fahre einen Camero 704.«
   »Das ist auch ein recht gutes Auto«, setzte ich an, und das war nicht einmal gelogen. Vor drei Jahrzehnten war es das Beste, das der Markt zu bieten hatte.
   »Ach was, der hier lässt meinen ganz schön alt aussehen«, fiel er mir ins Wort, als ich weiter ausholen wollte, um ihm nicht versehentlich vorzeitig das Gefühl zu geben, dass etwas nicht stimmte.
   Ich zog eine Schnute. Mit der Formulierung traf er direkt ins Schwarze. Vor dreißig Jahren war ein Camero 704 das Gefährt schlechthin gewesen und meins kam nur gute zehn Jahre später auf den Markt. Also war es genau genommen schon ein aus der Mode gekommenes Stück Altmetall, aber das sagte ich ihm nicht. Er hätte es mir sowieso nicht geglaubt.
   Glücklicherweise war Vater am Morgen zu seiner dreitägigen Reise nach Bern aufgebrochen, wo er einen Vortrag über die Öffentlichkeitsarbeit bei Jasrazen leitete. Als deren Pressesprecher war er häufig unterwegs. Ich war es also gewohnt, das Haus für mich zu haben und erwartete ihn nicht vor Samstag zurück. Bis dahin hoffte ich, eine Idee zu haben, was ich mit Prio machen würde, sofern er überhaupt noch da war. Nachdem ich ihn mit zu mir nach Hause genommen hatte und er sich gelassen auf unser Sofa im Wohnzimmer niederließ, überkam mich ein schreckliches Gefühl. Mein Herz explodierte förmlich und das von einer auf die andere Sekunde. Ohne, dass ich es wollte, setzten sich plötzlich die Gedanken daran in meinem Kopf fest, welche Konsequenzen mein Handeln für mich und meine Familie haben würde. Nicht nur, dass ich vorsätzlich das Erscheinen einer Seele in der Kammer nicht gemeldet hatte, ich hatte jene Seele verbotenerweise gefestigt. Mit Abstand die Schlimmste meiner Taten der vergangenen Stunden aber war: Ich hatte sie mit zu mir nach Hause genommen und das, obwohl es sich dabei auch noch um den verloren geglaubten Sohn des Kanzlers handelte. Als ich mir der Schwere meiner Verbrechen bewusst wurde, schluckte ich erst einmal den hartnäckigen Kloß hinunter, der sich dabei in meinem Hals festgesetzt hatte.
   »Du wohnst wirklich schön«, sagte Prio, nachdem er sich die Räumlichkeit eingehend betrachtet hatte. »So modern!« Er lächelte beifällig. Wieder musste ich mich bei seiner freundlich gemeinten Beurteilung zusammenreißen. Wenn ich eines mit ziemlicher Sicherheit wusste, war es, dass hier nicht das Geringste modern war. Vater war ein echter Geizkragen, was neue Anschaffungen im Haushalt betraf. Das letzte Mal, dass etwas bei uns verändert wurde, war, bevor Mutter in die Kolonien ging, um dort beim Wiederaufbau zu helfen. Prio streckte sich auf dem Sofa aus, dabei traf seine Hand versehentlich die Schaltung unseres holografischen Fernsehers, der sogleich lautstark vor seiner Nase aufflimmerte.
   »Wow«, stieß er hervor. »Die Bildqualität ist fantastisch!«
   In den vergangenen Jahren hatten die Menschen ihre Lust an gewöhnlichen Spielfilmen oder Serien verloren. In einer Zeit, da sie bereits alles kannten, wurde das Programm von einer Reihe in Echtzeit gedrehten Episoden dominiert, die sich mit allen nur möglichen Themen beschäftigten. Nur das, was wirklich live geschah, konnte die Zuschauer noch begeistern. Infolgedessen hatte sich ein völlig neuer Berufszweig gebildet. Die Schauspieler legten dabei jedwede Privatsphäre ab und ließen sich bei allem, was sie taten, von der Kamera begleiten, und die Zuschauer warteten gespannt auf den Überraschungseffekt. So kam es, dass ein Krimi umso mehr Gänsehaut auslöste, weil jeder echte Morde, ob aus Notwehr oder Habgier direkt vor sich, mitverfolgen konnte und das sechsdimensional. Für mich war das ein Grund, weshalb ich den Fernseher so gut wie nie einschaltete, weil es mir grässliche Albträume bescherte, mit denen ich ohnehin schon immer zu kämpfen hatte. Seit ich ein kleines Mädchen gewesen war, schreckte ich regelmäßig aus dem Schlaf hoch und suchte angestrengt nach der Gewissheit, endlich aufgewacht zu sein. Meine Träume waren angefüllt mit den unterschiedlichsten Vorgängen. Verschollene Flugzeuge, um Hilfe bettelnde Kinder und oftmals endeten sie mit meinem freien Fall. Was hatten sie zu bedeuten? Vater hatte immer gesagt, es wären nur die simplen Verarbeitungsprozesse meines Gehirns. Es würde lernen, während der Rest von mir schlief. Mutter hatte mich jedes Mal in den Arm genommen, wenn ich weinend erwacht war. Sie hatte sich an mein Bett gesetzt und mich in ihren Armen geschaukelt. Damit vergingen die bösen Nachwirkungen der Träume rasch, und es ging mir besser. Sie wusste genau, was mir gut tat, was ich brauchte, und nur sie konnte mir dieses endlose Gefühl der Geborgenheit vermitteln. Ich vermisste sie mit jedem Tag mehr und hoffte, sie würde schon bald wieder nach Hause zurückkehren. Mir fehlten ihre Stimme, ihr weiser Rat und ihre Nähe. Es war schlimm für mich, zu wissen, dass ich sie in der Kolonie nicht erreichen konnte, weil seit der Katastrophe keine Satellitenverbindungen mehr dorthin hergestellt werden konnten. Außer innerhalb unseres Staates, auf den sich die gesamte Wunderwelt der Technik und der Wissenschaft noch beschränkte, was ich bedauerlich fand. Angeblich war die Erde noch immer zu geschwächt, als dass sich unsere Ressourcen mit den anderen Inseln teilen ließen. Ich aber war der Meinung, dass es unsere Regierung überhaupt nicht anders wollte, denn nur wenn sie die restliche Welt kleinhielten, konnten sie ihre Macht auf sie ausüben. Sie kontrollieren und über alles bestimmen, was deren Entwicklung betraf.
   Der Fernseher strahlte die bunten Bilder aus, und Prio verfolgte sie vertieft. Zu allem Überfluss wurde gerade ein Bericht über Jasrazen gezeigt, auch Kanzler Willms wurde darin erwähnt, weshalb sich Prio auf dem Sofa hellhörig aufrichtete. Ich merkte seine Verwirrung, als ein Foto seines Vaters eingeblendet wurde. Sicher hatte er sich in drei Jahrzehnten ziemlich verändert.
   »Ausschalten!«, sagte ich laut und spurtete schnell aus der Küchenecke zu ihm. Die Bedienung über die Stimmerkennung nutzte ich eher selten, weshalb ich froh war, zu sehen, dass sie dennoch einwandfrei funktionierte. Die Bilder zogen sich augenblicklich in sich zusammen und nach einem leisen Summen waren sie gänzlich verschwunden.
   Nun betrachtete Prio mich missmutig. »Ich hätte das eigentlich gern noch gesehen.«
   Ich schluckte schwerfällig. »Ich aber nicht«, erwiderte ich, weil es das Erste war, das mir in den Sinn kam, auch wenn es etwas exzentrisch klang.
   Er schmunzelte, nahm es dann aber so hin. »Du bist wirklich ein seltsames Mädchen«, bemerkte er nach kurzer Zeit und musterte mich eindringlich.
   Verwundert über seine Bemerkung legte ich den Kopf schräg und stemmte beide Hände in die Hüfte. »Ich und seltsam?« Zunächst wusste ich nicht, ob er mich damit verärgert oder gelobt hatte, dann jedoch schnaufte ich grinsend aus. Denn, wenn ich ehrlich sein sollte, hatte er nicht unrecht damit, dass ich seltsam war. Wer sonst würde eine Seele aus der Geisterkammer mit nach Hause nehmen und damit eben einmal Hochverrat begehen? Ich kam zu dem Schluss, dass seltsam sogar noch untertrieben war. Verrückt war eine Beschreibung, die wesentlich besser auf mich gepasst hätte. Er musterte mich, als wartete er auf irgendeine Anmerkung oder eine Rechtfertigung, aber ich schwieg. In diesem Moment fühlte ich mich ratloser denn je. Ich kam mir vor, als hätten mich das Geschehen und all meine Taten der vergangenen Stunden in eine Sackgasse geführt. Ein einfacher Ausweg war es, wonach ich Ausschau gehalten hatte. Zunächst hatte ich ihn immer weiter hinausgeschoben, da ich ahnte, dass er sich nicht allzu leicht finden lassen würde. Nun sah ich mich am Ende des Ganges angekommen, aus dem keine rettende Tür herausführte.
   Ich schluckte schwer, als Prio resigniert seinen Blick von mir abwandte und ich allmählich begriff, dass er nicht halb so weit von der Wahrheit über sich entfernt war, als ich gedacht hatte. Ich war mir sicher, dass er es tief im Innern spürte. Vielleicht wusste er es bereits längst und ich allein war diejenige, die diesen gegebenen Umstand mit allen Mitteln in den Hintergrund drängte.
   Er schüttelte sich ein wenig, dann sah er seltsam verträumt aus dem Fenster, dort wo sich der Himmel weiter verdunkelt hatte. »Das alles hier kommt mir vor wie in einem sonderbaren Traum«, wisperte er, mehr nur zu sich selbst.
   Ich seufzte schwerfällig bei seinen Worten und das Grau dieses merkwürdigen Tages verstärkte meine Wehmut, die ich wegen Prio empfand. Für mich verkörperte er all die Seelen, über die Jasrazen nur allzu gnadenlos richtete. Sein Blick schweifte sehnsüchtig in die Ferne, und auch ich blickte aus dem Fenster. Dort, wo zunächst vereinzelte Tropfen die Scheibe benetzten, sich aber rasch mehrten und zu einem prasselnden Regenfall wurden.
   »Gibt es sie noch? Die Wetteruhr?«
   Ich merkte, wie sich bei seiner Frage ganz langsam mein Kopf neigte und ich einen tiefen Atemzug nahm. Ich kam mir dumm vor, weil ich ernsthaft geglaubt hatte, er wüsste nicht, dass etwas nicht stimmte. Ich ging zum Fenster, legte meine Hand auf das Display und rief damit die unterschiedlichen Bilder auf.
   »Den Frühling hatte ich immer am liebsten«, sagte Prio, als ich alle Varianten einmal vorgeführt hatte. »Dieses Glück, die Kälte abschütteln und vorfreudig die wärmenden Sonnenstrahlen genießen zu können. Für mich bedeutete diese Jahreszeit ein Neubeginn. Alles blühte auf und die Luft war erfüllt vom Leben.«
   Ich lächelte leicht, weil er die Vorzüge des Frühlings nicht hätte treffender beschreiben können, dann stellte ich diesen auf der Wetteruhr ein und wir ließen den tristen Regen vor unserer Tür. Zaghaft setzte ich mich neben ihn auf das Sofa. Gemeinsam schauten wir zum Fenster, wo nun ein strahlend schöner Frühlingstag zu sehen war. Ich wusste, er war nicht echt, und Prio wusste, er war nicht echt, aber was machte das schon? Wir lauschten dem Gezwitscher der Singvögel und beobachteten, wie die bunten Krokusse aus der Wiese sprossen.
   »Hast du ihn noch erlebt, den richtigen Frühling?«, fragte ich leise.
   Sogleich begannen seine Augen zu funkeln. »Ich war ungefähr drei Jahre alt, als er zum allerletzten Mal die Erde besucht hat. Sicherlich war er da schon kälter als normalerweise, aber dennoch habe ich sie gesehen, die jungen grünen Knospen, die rosafarbenen Apfelblüten und noch heute habe ich den Duft vom frischen Gras in der Nase.« Schwärmend verlor er sich in dem Anblick des künstlichen Frühlings.
   Ich war gerührt von seinen Worten. Die Art und Weise, wie er diese Jahreszeit beschrieb, gefiel mir. Es war ihm gelungen, sie durch einfache Erklärungen vor meinem geistigen Auge lebendig werden zu lassen, und seine angenehme Stimme hatte jene Bilder nur noch farbenprächtiger gestaltet. Ich wollte mich am liebsten zurücklehnen, ihn noch all die anderen schönen Dinge beschreiben lassen, die einst die Vorzüge unserer Erde gewesen waren. Es war noch nicht lange her, dass uns die letzten Abläufe, die die Natur uns bot, verlassen hatten. Durch unsere eigene Schuld war die Erde nicht mehr die, die sie einst war und Jahreszeiten, wie die Welt sie früher gesehen hatte, gehörten nun endgültig der Vergangenheit an. Traurig, zu sehen, welche grässliche Macht von uns Menschen ausging.
   Ich wollte mich fallen lassen und alles um mich herum vergessen. Jene Wirkung hatte Prio auf mich. Er war jemand, der die Gabe besaß, anderen die Augen zu öffnen, jemand auf den die Menschen hören würden. Zumindest war ich mir sicher, dass sie dies getan hatten, als er noch lebte. Eine Fähigkeit, die er mit seinem Vater gemein hatte. Wahrscheinlich hatte er diese Führungsqualitäten von ihm geerbt, mit dem feinen Unterschied, dass beide sie für unterschiedliche Zwecke genutzt hatten. Ich merkte schnell, dass Prio nicht wie sein Vater war. Er wirkte weder herrschsüchtig noch gnadenlos auf mich. Nichts dergleichen. Im Gegenteil. Er hatte etwas außerordentlich Sanftes, Aufopferndes an sich, das wiederum machte ihn sehr liebenswert. Er gehörte nicht zu den Leuten, die sich an anderen bereicherten. Woher ich das nach so kurzer Zeit wusste? Mein Gefühl verriet es mir. Ich spürte eine innere Verbindung zu ihm, die intensiver wurde, je näher ich ihm kam. Ich hatte von den Schwingungen gehört, die von den Seelen ausgestrahlt wurden und die sich auf ihr Umfeld auswirkten. Jenes Phänomen ging noch auf die Zeit zurück, bevor es der Wissenschaft gelungen war, Geister sichtbar werden zu lassen, also vor Jasrazen. Als ich ein kleines Mädchen war, konnte ich diese Schwingungen manchmal fühlen. Es kam vor, dass ich fröstelte, obwohl es warm war und dass ich als Einzige Dinge hören und sehen konnte. Dinge, die nicht immer schön waren, wie zum Beispiel grauenhafte Schreie, die aus dem Nichts kamen oder ein Mensch, der plötzlich vor mir auftauchte und in Flammen aufging. Manchmal hatte ich panische Angst vor diesen Erlebnissen und diesen Fremden, die mich nicht in Ruhe lassen wollten. Vater hatte damals gemeint, dass es fast allen Kindern so ginge, und hatte es als eine vorübergehende Entwicklungsphase abgetan. Mutter aber wollte so manches Mal mehr ausschweifen, mir mehr erzählen über diese merkwürdigen Ereignisse, die mir passierten. Sie hatte immer damit begonnen, dass ich eben etwas Besonderes wäre. Vater jedoch hatte sie genauso schnell wieder unterbrochen, nie hatte er sie wirklich ausreden lassen, was mich zu dieser Zeit irritiert hatte und es bis heute tat. Es war beinahe so, als hätte er es ihr strengstens verboten, je ein Wort darüber zu verlieren. Mutter jedoch war schlau. Sie wusste, wie wichtig es für mich war, die Wahrheit zu erfahren. Die Frage, die mich ständig beschäftige – sie wollte sie mir beantworten.
   »Vergiss nie, dass du etwas Besonderes bist, Merl«, teilte sie mir jede Nacht beim Zubettgehen mit.
   Es blieb bei dieser einen Erklärung, in die ich so manches hineininterpretierte. Für mich bedeutete besonders, dass es nichts Schlechtes war, so zu sein wie ich. Ich bildete mir ein, dass die Fremden deshalb zu mir kamen, weil sie wollten, dass ich ihr Freund war. Dieser Gedanke beruhigte mich, und er nahm mir meine Angst. Wenn sie auch nie ganz verschwunden war und ich mich zwingen musste, sie mir nicht anmerken zu lassen, wenn wieder ein unheimliches Erlebnis auf mich lauerte. Ich war etwas Besonderes, das hatte Mutter gesagt, und ich glaubte ihr. Auf diese Weise gelang es mir einzuschlafen, selbst wenn ich am Tag noch so schreckliche Dinge gesehen oder gehört hatte. Irgendwie war es schon verrückt. Solange mich keine Fremden heimsuchten, die niemand außer mir sehen konnte, wollte ich gern Vater glauben und daran festhalten, dass es jedem Kind so ging wie mir. Ängstigte mich jedoch einer dieser Unbekannten zu Tode, hielt ich an Mutters liebevollem Satz fest und versuchte, so schwer es auch oft fiel, etwas Gutes darin zu sehen, anders zu sein. Vielleicht hatte Vater ja recht mit seiner simplen Erklärung gehabt, vielleicht auch nicht. Insgeheim wusste ich aber eigentlich immer, dass etwas anderes dahintersteckte, etwas, das nicht jeder hatte. Auch über die Unbekannten, die zu mir kamen, wusste ich besser Bescheid, als ich zugeben wollte. Aber ich wollte nicht sagen, wer sie in Wirklichkeit waren. Ich dachte, sobald ich ausgesprochen hätte, dass mich die Toten besuchten, würde ich nie wieder ruhig schlafen können. Erst dann wäre es für mich Wirklichkeit geworden. Nun wurde mir klar, dass ich mir bis zum heutigen Tag überhaupt keine Gedanken mehr darüber gemacht hatte, was mich damals beschäftigte. Jetzt allerdings hatten sich die Verhältnisse geändert. Durch Jasrazen hatten Geister eine neue Bedeutung bekommen. Nun saß ich neben einem solchen, und er war so reizvoll für mich, dass ich nichts dagegen tun konnte, als ihn ständig verstohlen von der Seite anzusehen. War es, weil er mich aufgrund seines Daseins faszinierte oder weil er für ein Gespenst schlichtweg hervorragend aussah?
   »Warum bin ich hier?«, fragte Prio.
   Für mich kam diese Frage immer noch viel zu schnell. Ich beschloss, mich erst einmal weiterhin dumm zu stellen. »Na ja, weil ich dich hergebracht habe.« Kurz hielt ich inne. Hatte ich nicht etwas Entscheidendes vergessen? »Es tut mir leid. Ich bin unmöglich.« Ich drehte mich zu ihm und reichte ihm die Hand. »Ich bin Merl Gustafo.«
   Stirnrunzelnd sah er auf meine hingehaltene Hand und wandte sich dann wieder dem Fenster zu. »Woraus hast du mich da eben befreit? War das eine Art Gefängnis?«
   Ich seufzte bitterlich und ließ meine Schultern hängen. »Ja.« Es war so widerwillig über meine Lippen gekommen, dass ich hoffte, er hätte es nicht gehört.
   Verständnislos schüttelte er mit dem Kopf. »Aber ich habe doch nichts verbrochen! Warum sollte die Polizei mich einsperren?« Er rümpfte die Nase und schien dabei angestrengt in seinem Gedächtnis zu graben. Seine Augen wanderten durch den Raum, während er abgemüht überlegte.
   »Du hast nichts verbrochen«, beruhigte ich ihn erst einmal mit sanfter Stimme. »Nichts hast du getan, dessen du dich verantworten müsstest. Mach dir deswegen keine Sorgen.«
   Forschend zog er die Augenbrauen hoch. »Du sagst das so komisch!« Er blickte mir unverwandt ins Gesicht.
   »Die Welt hat sich verändert, Prio.«
   »Was soll das heißen?« Er sah mich derart durchdringend an, als wartete er immer noch auf eine entwarnende Erklärung. Hatte er die nicht schon längst vor sich? Auch wenn sie alles andere als ermutigend war? Wie genau musste ich noch werden? Ich wollte nicht diejenige sein, die ihm die ganze Wahrheit sagte. Die ihm mitteilte, dass er seit über dreißig Jahren tot war, dass in dem Gefängnis, wie er es nannte, keine normalen Gefangenen gehalten wurden, sondern die Seelen verstorbener Menschen. Denen nach ihrem Ableben der Prozess gemacht wurde, und dass er einer dieser armen Geister war, die eine besonders harte Strafe zu erwarten hatten, weil er den Freitod gewählt hatte. Nein, das alles wollte ich ihm ersparen, aber im Moment war ich die Einzige, die von ihm wusste. Nur von mir würde er die tatsächlichen Gegebenheiten erfahren können. In diesem Augenblick fühlte ich mich unsagbar allein, als würde über mir die Kuppel eines riesigen Gebäudes in sich zusammenfallen, ohne dass ich auch nur den geringsten Versuch unternehmen konnte, mich in Sicherheit zu bringen. Was hatte ich ihm angetan? Erschüttert sah ich an ihm hinunter. An seinem Körper, der bereits zu flackern begonnen hatte, zeichnete sich seine Anspannung ab. Die Hände hatte er zu Fäusten geballt und diese fest auf seinen Knien abgelegt. In seinem Innern wusste er, was ihn nun erwartete, denn das ahnte er bereits viel länger, als mir lieb war und trotzdem trug er die winzige Hoffnung in sich, dass er falsch liegen würde. Dass es für alles hier eine sinnvolle Erklärung gab, die ihn aufatmen lassen konnte. Genauso ging es ihm. Ich konnte es spüren, und es fühlte sich seltsam und gleichzeitig gut an. Dennoch war es unnormal. Wie konnte ich mir so sicher sein, dass ich recht hatte? Schließlich konnte ich genaugenommen überhaupt nicht wissen, was in ihm vorging. Ich schluckte einen grässlichen Kloß hinunter, der sich hartnäckig in meinem Hals festgesetzt hatte. Immer und immer wieder, so lange, bis ich endlich meine Stimme wiedergefunden hatte. »Deine Erinnerungen an damals … sie sind schon viel älter, als du denkst.«
   Er betrachtete mich überaus misstrauisch, dann lachte er auf, als hätte ich ihm soeben den schlechtesten Witz aller Zeiten erzählt. »Das ist ein Scherz!« Er lächelte sanft und zwei hübsche Grübchen brannten sich dabei in seine Wangen.
   »Ich wünschte, es wäre so«, hauchte ich und meine Stimme war so leise, dass ich sie selbst kaum hörte. »Genau genommen liegt all das, woran du dich als Letztes erinnerst, ganze dreißig Jahre zurück.« Erschwert atmete ich aus, als ich es endlich gesagt hatte. Das, was die niedlichen Grübchen in Windeseile vertrieb und sie durch eine Sorgenfalte zwischen seinen Augen ersetzte.
   Ungläubig schüttelte er den Kopf. »Das ist lächerlich. Sieh mich doch an! Sehe ich etwa aus wie jemand, der fast fünfzig ist?«
   Unwillkürlich kam ich seiner Aufforderung nach, sah ihn an und verneinte. »Natürlich nicht, aber das lässt sich auch leicht erklären!«
   »Und wie?«
   »Nun ja, du bist immer noch siebzehn, weil …«
   »Weil?«
   Er schaute mich derart auffordernd an, dass es mir beinahe die Stimme verschlug. Ich wollte es laut und einfach freiheraus sagen, aber ich ahnte, dass mir die niederschmetternde Wahrheit erneut meine Stimme rauben würde. »Nun ja«, sagte ich und schluckte matt, »weil dein Leben mit siebzehn zu Ende ging.«
   Augenblicklich versteinerten seine Gesichtszüge und er versank in der Lehne. »Dann ist es also wahr«, flüsterte er und klang erschüttert und erleichtert gleichzeitig. Er hatte es also tatsächlich die ganze Zeit über geahnt.
   »Ja«, bestätigte ich noch einmal. »Du bist ein Geist.«
   Was folgte, war eine merkwürdige Stille. Fast war es so, als wäre die Zeit stehen geblieben, damit wir die Nachdenklichkeit dieses Augenblicks beibehalten und seine Tragweite erkennen konnten. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit, in der wir ruhig nebeneinandersaßen.
   »Warum bin ich hier und wieso kannst du mich sehen?«, durchbrach Prio ganz langsam mit gefestigter Stimme die Stille.
   »Ich sagte bereits, dass die Welt sich verändert hat. Sie ist fortschrittlicher geworden.«
   »Fortschrittlicher?«, hakte er nach.
   Ich nickte stumm.
   »Das heißt, dass alle nun Tote sehen können?«
   Wie in Zeitlupe schüttelte ich den Kopf. »Das ist so nicht ganz richtig.« Er sah vollkommen verwirrt aus, und ich überlegte krampfhaft, wie ich ihm am besten erklärte, was wirklich bei Jasrazen vor sich ging. »Weißt du, die Forschungen an Jasra? Vielleicht erinnerst du dich noch daran? Sie standen ganz am Anfang, als du gestorben bist.«
   Schweigend nickte er.
   »Den Wissenschaftlern ist der Durchbruch gelungen. Sie haben es geschafft, die Verbindung ins Jasra herzustellen«, sagte ich und gab ihm einen Augenblick, um mir zu folgen. Als ich mir sicher war, dass er bis dahin alles verstanden hatte, fuhr ich fort. »Daraufhin wurde die Forschung nur noch weiter ausgebaut und es entstand schließlich Jasrazen, das von deinem Vater geleitet wird.«
   »Ist das der Ort, an dem wir uns begegnet sind?«, fragte er vorsichtig.
   Ich nickte. »Ja. Nach dem Tod eines Menschen, bevor dieser ins Jasra übergeht, landet die Seele bei Jasrazen, in einer Art Verschluss. Die Arbeiter dort nennen sie die Geisterkammern. In einer solchen warst auch du.«
   Kritisch zog er eine Augenbraue zur Stirn. »Und wofür genau sind diese Kammern da? Das verstehe ich nicht. Was verspricht sich Jasrazen davon, die Geister dort einzufangen?«
   Auf jene Fragen hatte ich mit Schrecken gewartet, weil der Zweck der Kammern so grausam war, dass ich diesen überhaupt nicht in Worte fassen konnte und es auch nicht wollte. Nicht hier, nicht vor ihm. Mir war, als würde meine Stimmung mit der seinen fallen und auf einmal spürte ich die Mutlosigkeit und Sorge, die er ausstrahlte, so deutlich in mir, als wären wir ein und dieselbe Person.
   Ich fühlte, wie sehr es ihn nach Antworten verlangte, und sah es in seinem Blick, der so starr auf mich gerichtet war, als wäre ich allein für die Rote Flut verantwortlich. Wieder hatte er eine Ahnung, ich konnte es in seinen Augen lesen. Dennoch ging mir die Wahrheit nicht leicht von den Lippen. »In ihnen werden die Geister eingefangen, die auf dem Weg ins Jasra sind.«
   Lautlos sank Prio noch weiter in sich hinein. Bevor er den Kopf hängen ließ, erkannte ich in seinem Gesicht, wie tief der Schock bei ihm saß. Seine Augen sahen gleichzeitig leer und entsetzt aus. Mein Mund war auf einmal unglaublich trocken. Ich wollte Luft holen, aber mein Atem war wie eingefroren. Es war ein schreckliches Gefühl – als ob ich im Begriff wäre, zu ersticken. Ich sah wieder zu Prio und merkte, dass es ihm genauso ging. Ich wollte aufspringen, um mich aus dieser grässlichen Starre zu befreien, doch ich konnte mich nicht bewegen. »Was ist das?«, fragte ich mit flatternder Stimme und rang nach Luft. Wie in Zeitlupe hob Prio den Kopf und musterte mich eindringlich.
   »Schon gut«, sagte er mit sanfter Stimme und legte mir beruhigend die Hand auf die Schulter. Sofort ließ das beklemmende Gefühl in mir nach und kurz darauf waren die Symptome, die mich gequält hatten, verschwunden.
   »Ich habe die Pläne für die Kammern mal bei meinem Vater auf dem Schreibtisch gesehen. Dann hat er es also tatsächlich geschafft.« Versteinert hatte er den letzten Satz gesagt, als hätte er damals schon von der Wirkungskraft der Idee seines Vaters gewusst. »Danke, dass du mich da rausgeholt hast.« Nun klang Prio überraschend gefasst. »Ich denke mal, dass du deswegen noch Ärger bekommen wirst. Hab ich recht?«
   Langsam streifte ich seinen Blick, der immer noch eindringlich auf mich gerichtet war. »Wahrscheinlich werde ich das«, sagte ich und seufzte. Es war seltsam, diese Angst in der eigenen Stimme herauszuhören.
   »Warum hast du es dann getan?«, fragte er gerade heraus und schaute zum Fenster, vor dem nun die rosafarbenen Blütenblätter des Apfelbaumes regneten.
   »Kurzschlussreaktion«, antwortete ich ihm knapp und er nickte fast unmerklich. »Ich bin also tot«, sagte er wie beiläufig, aber ich wusste, wie schwer diese Tatsache auf ihm lastete, denn ich spürte es in jenem Moment, als wäre ich es auch. Langsam fragte ich mich, was mit mir nicht stimmte. Vielleicht hatte die unmittelbare Nähe zu Geistern eine solche Wirkung auf Menschen, und womöglich war es deswegen auch verboten, ihnen bei Jasrazen zu nahe zu kommen, geschweige denn sie zu entführen. Im Affekt setzte ich mich weiter von ihm weg.
   »Wie jetzt?«, grunzte er. »Auf einmal hast du Angst vor mir?« Er grinste dabei ein bisschen, aber es erstarb, sobald ich meinen Blick beschämt von ihm abwandte, als hätte ich seinen, aus Spaß geäußerten Verdacht, damit bestätigt. Wieder füllte ein mulmiges Gefühl meine Magengrube. Das konnte nicht sein. Es musste etwas mit ihm zu tun haben!
   »Was machst du mit mir?« Ruckartig sprang ich auf und hielt mir schützend die Hände vor den Körper. »Komm mir nicht mehr zu nahe.«
   »Was ist denn los?«, fragte er völlig perplex, dabei erhob er sich aus dem Sitz und machte einen Schritt auf mich zu.
   Ein paar Sekunden lang verharrte ich, verwundert darüber, dass das mulmige Gefühl soeben der blanken Ratlosigkeit gewichen war. »Das kommt nicht von mir«, murmelte ich vor mich hin. Allmählich begann ich zu verstehen, dass ich all seine Empfindungen teilte, als wären es meine eigenen. Wir mussten auf irgendeine Art und Weise miteinander verbunden sein. »Ist das möglich?« Mir unsicher, an wen ich diese Frage überhaupt gerichtet hatte, starrte ich ins Leere, in der Hoffnung tief in meinem Innern entweder ein Ja oder Nein herauszuhören.
   »Wenn du damit meinst, dass du all das körperlich fühlst, was ich empfinde … wieso sollte das nicht möglich sein? Ich meine, in Anbetracht dessen, dass ich hier bin, obwohl mein Leben längst zu Ende ist. Was sollte dann noch ausgeschlossen sein?«
   Unverwandt sah ich ihn an. Was ging nur in ihm vor? Einmal mehr bewunderte ich seinen starken Charakter. Wie er all das aufnahm, war einfach nur bemerkenswert. Ich glaubte nicht daran, dass ich in einer solchen Situation eine ähnliche Stärke aufbringen könnte. Erwidern konnte ich seiner Mutmaßung nichts. Zu sehr war ich damit beschäftigt, mich zu fragen, was es für mich bedeuten würde, wenn er tatsächlich recht hatte und es eine solche Verbindung zwischen uns gab. Woher kam sie und wollte ich sie überhaupt? War ich, abgesehen davon, fernerhin dazu in der Lage, alles aushalten zu können, was in ihm vorging? Zu diesem Zeitpunkt fand ich noch keine Antwort darauf, aber ich war sicher, dass ich sie irgendwann finden würde.
   Ein bisschen verwundert war ich schon, dass Prio bisher nicht allzu viel über seinen Vater hatte wissen wollen. Aber ich dachte mir, dass er dafür sicherlich seine Gründe hatte und zu gegebener Zeit wieder das Gespräch auf ihn lenken würde. Zugegeben, ich war deswegen nicht enttäuscht. Um ehrlich zu sein, hätte ich meine Meinung über seinen Vater wahrscheinlich nicht lange für mich behalten können und schnell all die schrecklichen Details über ihn vor seinem Sohn auf den Tisch gelegt. Ich hätte gesagt, dass ich eigentlich der gegnerischen Partei die Treue halte und nur, um dieser beim Sturz seines Vaters zu helfen, überhaupt bei Jasrazen gewesen war.
   Auch wenn ich darauf brannte, von Prio zu erfahren, was vor seinem Tod wirklich passiert war, wartete ich geduldig ab, bis er das Thema zuerst anschlagen würde. Für heute hatte er genug erfahren. Es waren so viele Dinge, die jemanden aus der Fassung bringen konnten. Ich hoffte, dass er sie auch wirklich alle richtig begriffen hatte und nicht einer dieser Menschen war, die das verdrängten, was für die Psyche nur allzu schlecht anzunehmen war. Konnten Geister überhaupt verdrängen oder gar einen Nervenzusammenbruch haben? Ich hatte nicht die geringste Ahnung. Bei diesen Gedankengängen schluckte ich schwerfällig, weil mir gleich darauf klar wurde, dass ich, im Falle eines Falles, diejenige war, die die körperlichen Folgen seiner Psychose abbekommen würde. Er hatte mich also in der Hand. Es fühlte sich an wie zusammen im Käfig mit dem Löwen, aber gleichzeitig kam ich mir, seitdem ich ihm nahe war, erfüllter vor denn je. Es war, als wären wir zwei Magnete, die sich gegenseitig anzogen und gemeinsam zu einem großen verschmolzen.

Kapitel 5
Seltsame Verbundenheit

Der Abend war so schnell herangebrochen, dass ich es nicht einmal bemerkt hatte. Alles, was ich sah, war, wie Prios Gestalt immer mehr verschwamm. Die Wirkung des Extraktes schlich schneller aus, als ich gedacht hatte. Seine Arme und Beine sowie auch seine linke Gesichtshälfte waren komplett durchsichtig, während der Rest vor sich hin flackerte, wie eine defekte Lichtquelle. Merkwürdig war, dass ich dennoch alles an ihm deutlich erkennen konnte, und ich wartete gespannt darauf, ob dies so bleiben würde. Auch bei dem künstlich erschaffenen Frühling am Fenster dämmerte es. Abermals fand ich es bewegend, wie sich die ausgewählte Jahreszeit automatisch anpasste und ich ließ meine Augen auf diesem harmonischen Abbild eines Frühlingsabends ruhen. Es stimmte mich traurig, dass es nur nachgebildet war. Wie gern wäre ich einfach hinausgelaufen, hätte die kühle Luft tief in mich eingesogen, während mich das Gras unter meinen nackten Füßen gekitzelt hätte. Satte Wiesen, Weiden, auf denen Pferde und Kühe grasten, das alles gab es schon lange nicht mehr in Arepo. Das Vieh war seit dem Wandel der Erde überaus rar geworden. Fleisch konnten sich nur die wohlhabendsten Patrizier leisten. Während die restliche Bevölkerung gezwungen war, sich überwiegend von synthetischen Lebensmitteln zu ernähren, denn auch die Pflanzenwelt war nicht mehr dieselbe. Alles, was es an Obst und Gemüsesorten gab, wurde in riesigen Treibhäusern gezüchtet und auch diese Erzeugnisse waren für die normalen Bürger unbezahlbar. Besonders tragisch fand ich, dass die meisten Tiere die Klimaveränderung nicht überlebt hatten. Viele waren schon vorher ausgestorben. Haustiere gab es überhaupt keine mehr. Längst hatten kleine Roboter deren Platz in den Familien eingenommen. Petap wurden die hässlichen, runden Dinger genannt, die neben dem Apportieren auch den Haushalt ordneten, ohne jemals dabei fressen oder aus dem Haus gelassen werden zu müssen. Die lästigen Spaziergänge, das Kläffen und Beißen hatten ein Ende, nachdem vor einhundert Jahren der letzte Hund und vor ungefähr fünfzig Jahren schließlich auch die letzte Katze starb. Obwohl ich nie ein Haustier besessen hatte, fand ich es schade, dass ich nie die Möglichkeit dazu haben würde. Ich liebte die alten noch gebundenen Bücher, die auf unserem Dachboden lagerten, denn sie berichteten unter anderem auch von Haustieren und das äußerst positiv. Ich stellte mir vor, dass sie den Menschen viel Liebe geschenkt hatten, ohne dafür eine Gegenleistung zu fordern. Einige Bücher erzählten von dem besten Freund des Menschen und allesamt berichteten davon, dass es keinen treueren gab. Wie gern hätte ich auch einmal einen richtigen Hund kennengelernt oder eine Katze gestreichelt, wobei diesen nachgesagt wurde, dass sie ihren eigenen Kopf gehabt hatten und deshalb nur das taten, was ihnen gerade in den Sinn gekommen war – ganz anders als Hunde. Früher hatte ich oft von einem kleinen weißen Hund geträumt, mit dem ich Nacht für Nacht alles geteilt hatte. Er war mir überallhin gefolgt. Sein weiches, zotteliges Fell hing ihm ständig in den Augen, sodass er sich häufig geschüttelt hatte, um etwas sehen zu können. Sein Name war Jackson gewesen, und für mich hatte er damals wirklich existiert. Irgendwann wurde ich älter und er hatte aufgehört, in meinen Träumen zu sein. Manchmal fehlte er mir heute noch.
   Auch andere Geschichten aus den Büchern zogen mich in ihren Bann. Ich schätzte das Gefühl, wenn ich ein Buch in den Händen hielt, über den festen Einband strich und es endlich aufschlug. Der leicht muffige Geruch stieg mir dann in die Nase wie ein Stück der alten Geschichte selbst. Die Vergangenheit war in die gelblichen Seiten gebannt, weil es schon so lange her war, das jemand dieses Buch geschrieben hatte und es in ein Geschäft gekommen war, um gekauft zu werden. Viele Ereignisse hätte jedes einzelne der Bücher zu erzählen, da es schon Vieles gesehen und Menschen kennengelernt hatte, die es genau wie ich in ihren Händen hielten und vielleicht auch den Duft seiner Seiten zu schätzen wussten. Schon lange gab es keine Druckereien mehr, die aus echtem Papier bestehende Romane oder Zeitschriften herstellten. Auch das fand ich schade.
   Prio räusperte sich energisch, und ich hörte damit auf, das Fenster anzustarren.
   »Wie soll es weitergehen?« Mit großen Augen blickte er mich an, als wäre ich eine allwissende Seherin. Seufzend vergrub ich das Gesicht zwischen meinen Händen und setzte mich wieder neben ihn auf das Sofa. Erst jetzt hatte ich gemerkt, dass er wieder ruhig dort saß, wo er zuvor bereits einmal gesessen hatte. War ich zu vertieft in meine Gedanken gewesen, um mitzubekommen, wie er sich bewegt hatte? Mich überraschte nichts mehr. Seine Frage war berechtigt. Auch wenn ich sie mir unbewusst bereits die ganze Zeit über gestellt hatte, war er derjenige gewesen, der sie in Worte fasste. Irgendwie hatte ich aber das starke Bedürfnis gehabt, sie zu stellen, um die lästige Pflicht der Antwortfindung auf ihn abwälzen zu können. Mir war klar, dass ich es nicht wusste. Ich hatte keine Ahnung, wie es nun weitergehen sollte. Deshalb hielt ich es für das Beste, darüber zu schlafen. Schlaf war immer eine Lösung für mich gewesen, denn am nächsten Morgen sah ich die Dinge grundsätzlich klarer, und ich war sicher, dass es auch diesmal so sein würde. Wenn nicht hatte es sich womöglich morgen früh von selbst erledigt, weil die Extraktwirkung nicht mehr da und er folglich unsichtbar sein würde. Möglicherweise würde er wieder als Geist umherschweifen, und wenn er Pech hatte, ein zweites Mal in Jasrazens Kammern landen. Wenn es wirklich so kommen sollte, würde ich ohnehin nichts daran ändern können. Mein Problem mit dem Gesetz wäre damit auf jeden Fall gelöst, ohne dass auch nur irgendjemand davon etwas mitbekommen konnte, dass ich einen Geist befreit hatte. »Ich denke, wir sollten es für heute so belassen, wie es ist. Morgen fällt uns sicher etwas ein.« Zögernd wandte ich mich Prio zu. Ich biss mir auf die Unterlippe, weil ich mir eigentlich nicht mehr sicher war, ob es eine gute Idee war, ihn zu vertrösten. War ich etwa gerade im Begriff, etwas aufzuschieben, weil es auf diese Weise für mich einfacher war? Er nickte leicht, während er angestrengt in meinem Gesicht las. Gleich darauf entspannten sich seine Züge, und ich wusste in diesem Augenblick, dass er mir vertraute. Er glaubte selbstverständlich daran, dass es für ihn ein Morgen gab, weil ich es ihm sagte. Mein Herz machte einen schuldbewussten Aussetzer, aber ich wusste, dass ich allein heute keine Lösung mehr finden würde, selbst wenn ich die Nacht durchmachte. Ich spielte mit dem Gedanken, Vater anzurufen, aber sollte ich das wirklich tun? Er würde wütend werden und seine Reise sofort abbrechen. Nein, das wäre keine gute Idee. Unmerklich schüttelte ich meinen Kopf, denn diese Möglichkeit schied aus, auch, weil ich ihn da nicht mit reinziehen wollte. Ich war es allein gewesen, die den Geist von Prio Willms aus der Kammer gelassen hatte, und nun saß er neben mir auf dem Sofa in unserem Wohnzimmer. Ich hatte mir diese skurrile Lage selbst zuzuschreiben, und deshalb war es nur an mir, einen Ausweg zu finden. Ich würde Prio nicht ausliefern, mich nicht stellen. Was mich erwarten würde, konnte ich mir vage ausmalen, es wäre sicherlich keine geringe Strafe. Gut möglich, dass man mich des Hochverrats bezichtigte und damit wäre meine Zukunft festgeschrieben. Ich hatte also nichts mehr zu verlieren, weil ich meine Freiheit bereits aufgegeben hatte, als ich Prio aus der Kammer ließ. Mit meiner Tat hatte ich gleichzeitig meine wahren Wertvorstellungen ausgedrückt. Ich hatte gegen das Regime agiert und mich offen zu der Opposition bekannt. Als ich mir das sagte, wusste ich plötzlich, was ich zu tun hatte. Sofort schickte ich Frem eine Mail, in der ich ihn bat, zu mir nach Hause zu kommen. Es sei sehr wichtig, hatte ich erwähnt, aber nicht, worum es ging. Mir wollte niemand einfallen, dem ich meine Situation sonst anvertrauen konnte. Für eine Weile dachte ich darüber nach, es Fian zu erzählen, aber dann erinnerte ich mich an meine unzähligen Versuche, ihn von der Gefahr, die von Jasrazen ausging, zu überzeugen und ich musste mir eingestehen, dass sie bisher alle gescheitert waren. Auch wenn wir uns ansonsten immer gut verstanden hatten und eine innige freundschaftliche Beziehung zueinander führten, weil wir unsere Kindheit miteinander geteilt hatten, so war es doch dieser eine Punkt, der uns maßgeblich voneinander unterschied. Er glaubte, dass alles, was Jasrazen tat, richtig war und ich eben nicht. Aus diesem Grund konnte ich ihm in dieser einen Sache nicht vertrauen. Er würde sich auf die falsche Seite schlagen und deshalb musste ich ihn als Freund ausklammern, selbst wenn er nur zwei Straßen entfernt wohnte und ich mir in dieser Stunde nichts sehnlicher wünschte, als jemanden an meiner Seite zu haben, der mich unterstützte. Von Fian war kein Beistand zu erwarten. Einsehen zu müssen, dass ich, obwohl man sich so nah stand, wie wir es eigentlich taten, nicht in der Lage war, Fian in Bezug auf Jasrazen die Augen zu öffnen, war alles andere als leicht. In dieser Hinsicht kam ich mir ungemein hilflos vor. Ich konnte seine Ignoranz einfach nicht nachvollziehen. Bei Fian lief ich gegen eine Mauer. Niemand außer Frem würde verstehen, warum ich diesen Geist befreit hatte, und nur er würde mir sagen können, welche realistischen Optionen ich nun hatte. Ich hoffte, dass er sich schnellstmöglich melden würde.
   Prio hatte mir zugesehen, wie ich Frem die Nachricht übermittelt hatte. Er hatte dabei völlig ungerührt neben mir gesessen und auf mein Daumen großes Handy geschaut, das mir mit einem blau aufblinkenden Leuchten und einem hohen Summton signalisierte, dass die Email seinen Empfänger erreicht hatte. Prio hatte mich nicht danach gefragt, was es mit dem kleinen Gerät, das ich danach immer noch eine recht lange Zeit aus Nervosität in meinen Händen hin und her drehte, auf sich hatte. Er hatte es lediglich mit seinem hinnehmenden Blick betrachtet, den er kurz auf alles schweifen ließ, das nicht aus seiner Zeit stammte. Ich konnte mir irgendwie nicht vorstellen, dass er sich wirklich bei all diesen Dingen fragte, welchen Zweck sie erfüllten. Womöglich wusste er es. Zumindest in den meisten Fällen.
   »Ich vermute, du möchtest nun doch nicht darüber schlafen!« Er sah mich an und schaute dann vielmehr durch mich hindurch. Als hätte er es nicht gesagt, um mich an seiner Feststellung teilhaben zu lassen, sondern in erster Linie sich selbst, weil ich es ihm eben nicht mitgeteilt hatte.
   Wieder überkam mich das Gefühl, dass ich ihn nicht gut genug behandelte, dass er sich von mir nicht ernst genommen fühlte. Es belastete mich, als läge ein tonnenschwerer Stein auf meinem Brustkorb. Wie konnte ich ihm nur klar machen, dass es nicht so war? Dass er mir schon jetzt, nach dieser kurzen Zeit, die wir miteinander teilten, viel bedeutete. Zu viel, wie ich zu meinem Erstaunen feststellen musste. War es, weil ich mich, nach allem was ich getan hatte, für ihn verantwortlich fühlte oder klammerte ich mich einfach nur verzweifelt an sein Schicksal, weil es im Gegensatz zu meinem bereits verankert war? Sein Leben war vorüber und ganz ehrlich, was konnte er denn schon noch daran ändern? Nichts! Dennoch traf mich die Gewissheit darüber, dass seine Seele nach Jasrazens Convictionsgesetz dem Masrion übergeben werden würde, wie eine Ohrfeige. Ich stellte mir vor, wie ich mich fühlen würde, würde er für alle Zeiten einfach ausgelöscht werden. Bei dieser Vorstellung wurde mir unwohl, mir stockte der Atem. Übelkeit überkam mich und schließlich konnte ich überhaupt nicht mehr atmen. In diesem Moment wusste ich, dass ich mich irrte. Seine Bestimmung, welche auch immer das sein sollte, hatte er noch nicht erfüllt. Das was mich an Strafe erwartete, war nichts im Vergleich zu dem, was auf Prio zukommen würde, wenn Jasrazen ihn in die Finger bekäme.
   Es war nun auch in unserem Wohnzimmer so dunkel, dass ich aus Gewohnheit das Licht einschaltete. Prio zuckte sogleich merklich zusammen. »Was hast du?«, fragte ich besorgt.
   »Das Licht«, sagte er und hielt sich schützend die Hände vor die Augen. »Es ist künstlich, es ist zu grell für mich, ich weiß nicht, wieso, aber ich halte es kaum aus. Es tut weh.«
   Ich nickte und schaltete es sofort mit einem Schmunzeln aus. Stattdessen entzündete ich die Kerzen in Großmutters dreiarmigem Silberleuchter. Dann setzte ich mich wieder zu ihm. »Ist das Licht nun in Ordnung?«
   »Ja«, antwortete er mit leiser Stimme, als wäre er nach wie vor damit beschäftigt zu ergründen, warum das künstliche Licht für ihn unerträglich war.
   »Mir ist jemand eingefallen, der uns vielleicht helfen kann«, sagte ich, um ihn abzulenken. In diesem Augenblick klingelte es bereits an der Tür. Draußen hörte ich den Donner grölen, was diesem Abend die unheimliche Atmosphäre eines Horrorfilms vermittelte. Zaghaft stand ich vom Sofa auf, zupfte mir meinen roten Wollpullover zurecht, indem ich ihn über meine Hüften zog und ging zur Tür. Bevor ich sie jedoch öffnete, sah ich zu Prio, der mir sogleich einen bestärkenden Blick schenkte. Woher wusste er denn, dass nicht die Gendarmerie von Arepo da war, um uns abzuholen? Um ihn mitzunehmen und seine Seele für alle Zeit auszulöschen?
   Meine Hand zitterte deutlich, als ich die Klinke berührte, das Schloss entsicherte und langsam die Tür öffnete. Ein grässliches Unwetter tobte, wie fast täglich. Platzregen und Sturm teilten sich den Abend mit dem ohrenbetäubenden Gewitter, dessen zischende Blitze den Himmel erleuchteten. Vor mir stand eine schwarze Gestalt, der Regen perlte auf deren ledernem Hut ab und tropfte von dort aus auf den Boden. Erst, als die Gestalt ihren Kopf hob, sah ich, dass es Frem war. Ich konnte überhaupt nicht sagen, wie erleichtert ich darüber war, ihn zu sehen. Sein Haar schüttelnd nahm er den Hut ab und klemmte ihn sich unter den Arm, während ich ihn hineinführte und rasch die Tür hinter ihm schloss.
   »Schön, dass du da bist«, sagte ich und ich meinte es aus ganzem Herzen.
   Frem jedoch wirkte etwas fahrig. »Oh, ja, ja. War kein Ding, ich war sowieso in der Gegend. Hast du … hast du die Unterlagen über Jasrazen alle zusammen? Ich meine, wir könnten natürlich auch alles übermorgen besprechen, da waren wir ja ohnehin verabredet. Es sei denn, du möchtest …«
   »Ja, könnten wir«, fiel ich ihm ins Wort.
   Abrupt stockte er. Nun ahnte er bereits, dass ich ihn wegen etwas anderem hergebeten hatte. »Merl«, begann er mit einem äußerst anrüchigen Ton, »was ist passiert?« Es war, als befürchtete er das Schlimmste. »Hast du etwas Schreckliches über die Einrichtung herausgefunden? Details über den Verbleib der medial Begabten? Sterben sie wirklich alle nach der Filterung?«
   Zunächst machte ich keine Anstalten, ihm zu widersprechen.
   »Es ist schlimmer, als wir gedacht hatten, hab ich recht?«
   Immer noch sagte ich nichts dazu. Irgendwie wollte es mir nicht über die Lippen kommen, weshalb ich ihn um diese Uhrzeit unbedingt sprechen musste. Er beäugte mich unterdessen kritisch und seufzte laut. »Hör mal, Merl, niemand macht es dir zum Vorwurf, wenn du es dir anders überlegt hast. Es ist nicht verwerflich und erst recht nicht für jemanden wie dich. Deine Familie lebt von Jasrazen. Dein Vater ist ihr Pressesprecher und deine Tante leitet eine Einrichtung. Ich habe mir schon gedacht, dass du es nicht schaffen würdest bis zum Schluss, mit uns zu gehen und jeder weiß, dass es nicht ungefährlich ist, bei uns zu sein. Es verschwinden immer wieder Leute, die für unsere Sache sind, sie werden einfach aus dem Verkehr gezogen, tauchen nie wieder auf. Ich kann dich verstehen. Du musst das nicht tun.«
   Aufmerksam hatte ich ihm zugehört. Ein wenig frustrierte es mich, zu hören, dass er von Anfang an nicht sonderlich viel Vertrauen in mich gesetzt hatte und der Fall für ihn klar war: Ich wollte aufgeben. Aber so war es nicht und ich konnte es nicht erwarten, ihm zu zeigen, wie falsch er doch lag. »Frem«, sagte ich mit ruhiger Stimme. »Ich werfe nicht das Handtuch. Ganz im Gegenteil.«
   Sofort wurde er hellhörig. »Was ist es dann? Hast du etwa einen Beweis gefunden, der nicht warten kann?«
   Ich nickte geständig.
   Frems Augen wurden groß. »Wo ist er? Ich will ihn sehen.«
   Worte hätten die außergewöhnliche Bedeutung meines Beleges nicht darstellen können, also hob ich meine Hand und zeigte mit dem Finger auf Prio, der völlig gelassen im Halbschatten auf unserem Sofa saß. Seine Gestalt war, seit ich aufgestanden und zur Tür gegangen war, wieder ein wenig verblasst, aber noch war er für jeden gut erkennbar, selbst wenn die linke Körperhälfte durchsichtig war.
   Frem machte einen erschrockenen Sprung rückwärts und stieß dabei gegen den Garderobenständer, der sogleich mit einem Gepolter umfiel, als beschränkte sich das Gewitter nicht länger nur auf außerhalb des Hauses. Mit starrem Blick fixierte er Prio, den Mund vor Staunen geöffnet, und richtete den, nun leeren, Garderobenständer. Kopfschüttelnd hob ich Jacke für Jacke vom Boden auf und legte mir diese zunächst ordentlich auf meinem Unterarm zurecht.
   »Was … was?«, stammelte er, während er vor Schrecken ein weiteres Mal gegen die Garderobe kam und diese zum Wanken brachte. Ich stoppte das Wanken und hing die Jacken auf, als würde ich damit wertvolle Zeit gewinnen, um mir die Erklärung im Mund zurechtzulegen, auf die Frem dringlich wartete. Während er verweilte, und dies tat er vollkommen regungslos, starrte er fortwährend auf Prio.
   »Ich brauche …«, ein Blick auf Prio und schnell korrigierte ich meine Wortwahl, »wir brauchen deine Hilfe.«
   Nur langsam konnte Frem seinen Blick von dem Geist lösen. »Was soll das heißen? Was ist das hier? Was hast du getan, Merl?«
   Ich holte einen tiefen Atemzug. Ihm zu erklären, was sich an diesem merkwürdigen Tag zugetragen hatte, fiel mir schwer. Zum einen, weil ich es immer noch nicht glauben konnte. Zum anderen, weil ich mir, sobald ich es aussprach, wieder der drängenden Tatsache ins Auge sehen musste, dass mich kein geringer Ärger mit Jasrazen und damit mit ganz Arepo erwartete. Ich konnte nicht glauben, dass sich mein Leben, das heute Morgen noch völlig normal gewesen war, nun derart verändert haben sollte. Mir ging es nicht gut, um es genau zu sagen, ich hatte schreckliche Angst. Obwohl ich wusste, dass ich das Richtige getan hatte, indem ich Prio befreite.
   »Du warst doch heute bei Jasrazen, oder nicht?«, fragte Frem, nachdem ich immer noch keinen Ton herausgebracht hatte.
   Ich nickte nur stumm.
   »Und? Merl? Hat das etwas mit dem Geist zu tun?« Er klang ein wenig, als wäre er mein Vater, der mir nach einem meiner Kindheitsstreiche auf die Schliche gekommen war.
   »Was, wenn ich dir sagte, dass es sich bei ihm tatsächlich um einen der Jasrazengeister handelt? Wenn ich dir sagte, dass ich ihn aus der Kammer befreit habe, weil ich nicht anders konnte? Und dass ich deshalb nicht anders konnte, weil er einer der Convictionsgefangenen ist?«
   Frem schüttelte, beinahe in Zeitlupe, seinen Kopf. »Was hast du getan?« Fassungslos starrte er abwechselnd mich und Prio an. »Ich kann dir … Ich kann euch nicht helfen. Niemand könnte das. Weißt du denn nicht, dass es Hochverrat ist, einen Geist aus der Kammer zu befreien? Welche Strafe auf dich wartet, kannst du dir ja sicher denken!«
   »Welche?« Ich wusste es nicht, denn mit den Strafakten kannte ich mich nicht sonderlich aus, aber ich hatte eine schreckliche Vermutung.
   »Gift«, sagte Frem in einem todtraurigen Ton. »Und ich befürchte, dass dich davor niemand bewahren kann, weder dein Vater noch deine Tante.«

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