Als die Wuppertaler Studentin Jenny ein Skelett in einem Holzsarg findet, beginnt ein Albtraum: Sie wird von einer Geistererscheinung heimgesucht, die zu real ist, um sie als Traum abtun zu können. Ein mysteriöser Mann namens Gero entführt sie nach Rügen – ins Jahr 2062. In der Zukunft ist der letzte Kampf der Menschheit angebrochen. Die Überlebenden stellen sich gegen die Flammenwächter, eine neu entwickelte menschliche Spezies mit paranormalen Fähigkeiten. Jenny erkennt, dass der attraktive Gero sie für seine Zwecke missbraucht, doch kann sie sich noch länger seiner Faszination entziehen? Jennys Freunde Tom und Cara überwinden die Zeitbarriere, um sie zu retten – aber Jenny ist inzwischen zu einer Flammenwächterin geworden, und der Krieg ist in vollem Gange …

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ISBN: 978-9963-53-307-7

Seiten: 288

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Anke Höhl-Kayser

Anke Höhl-Kayser
Anke Höhl-Kayser ist nicht nur 1962 in Wuppertal geboren, sondern lebt auch gern dort. Studiert hat sie trotzdem an der Ruhr-Universität Bochum, und zwar Literaturwissenschaften. Im Jahr 2009 machte sie wahr, was ihre beiden Kinder und ihr Mann schon lange befürchtet hatten, und ist seitdem als Autorin und freie Lektorin tätig. Sie schreibt Fantasy und SF für alle Altersstufen, Kurzgeschichten und Lyrik. Inzwischen hat sie zehn Bücher veröffentlicht (darunter eine heitere Hommage an Wuppertal, gemeinsam mit Torsten Buchheit und Annette Hillringhaus), und ihre Kurzgeschichten und Gedichte sind in zahlreichen Anthologien erschienen, einige davon mit Preisen ausgezeichnet. Im Dezember 2015 gewann ihre Kurzgeschichte „Seelenfeuer“ den Drachenstern-Fantastikpreis.

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Leseprobe

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Kapitel 1
25. August 2016

Der schwere Körper des Hundes pendelte zwischen ihnen.
   Jennys Arme zitterten, ihre Schulterblätter schmerzten, sie hatte das Gefühl, ihre Gelenke würden auseinandergerissen.
   Um sich abzulenken, ließ sie den Blick über die Stadt zu ihren Füßen schweifen. Der Wuppertaler Stadtteil Barmen breitete sich in der Morgendämmerung unter ihnen aus. Jenny sah vereinzelte Lichter. Das Waldgebiet auf der Hardt erhob sich wie ein samtener Saum, das Klinikum war trotz der Uhrzeit hell beleuchtet. Das Schwebebahngerüst wand sich wie ein dunkler Lindwurm durch das Tal.
   Der Schmerz riss sie aus ihren Betrachtungen.
   Niemals war Keno so schwer gewesen wie jetzt, nicht einmal zum Schluss, als er ohne Hilfe nicht mehr auf die Ladefläche des Kombi springen konnte.
   Sie fühlte eine Träne die Wange hinunterrollen. Wann würde das aufhören? Sie hatte geglaubt, in der vergangenen Nacht genug für eine halbe Ewigkeit geweint zu haben. Keno hatte sie fünfzehn Jahre ihres Lebens begleitet, ein biblisches Alter für einen Berner Sennenhund, von tollpatschigen Welpenbeinen an, als Jenny zehn Jahre alt gewesen war. Er war weit mehr als ein Spielkamerad, er war ihr engster Vertrauter, ein pelziger Bruder gewesen.
   Er hatte ihr stets ernst und aufmerksam zugehört, wenn sie von Erfolgen und Misserfolgen berichtete, von Kummer und Glück. An ihm konnte sie erkennen, ob ein neuer Mensch in ihrem Leben gut für sie war oder nicht: Wen er bewedelte und freudig willkommen hieß, der würde sie in Zukunft nicht enttäuschen. Von denen, die er misstrauisch beäugte, ließ sie später, klug geworden, die Finger.
   Als sie Tom vor sechs Jahren kennengelernt hatte, war Keno aus dem Häuschen gewesen. Vielleicht interpretierte Jenny ja zu viel in Kenos Gedankenwelt, aber manchmal hatte sie den Eindruck, der Hund wäre enttäuscht, dass aus der engen Freundschaft nicht mehr wurde.
   Und nun war Keno tot.
   Fort, irgendwo hingegangen, wohin Jenny ihm nicht folgen konnte – wo er vielleicht auf sie wartete, wo sie ihn eines Tages finden würde, aber noch nicht. Jetzt musste sie ohne ihn sein, für den Rest ihres Lebens, und der Gedanke war groß und schwer wie ein Felsbrocken in ihrem Herzen.
   »Süße, es ist alles gut«, brachte Tom schwer atmend hervor.
   Anscheinend weinte sie schon wieder, ohne dass es ihr bewusst war. Jenny war so froh, dass Tom da war. Er hatte ganz selbstverständlich seine Hilfe angeboten, und als er ihr beim Nachhausekommen die Wohnungstür öffnete, groß und breitschultrig und mit feucht schimmernden dunkelbraunen Augen, hatte sie nicht anders gekonnt, als sich in seine Arme zu werfen. Seine Fürsorge umhüllte sie wie ein wärmender Mantel. Wer immer sagte, eine reine Freundschaft zwischen Männern und Frauen sei unmöglich, der kannte sie und Tom nicht. Jenny hatte keine beste Freundin, sondern einen besten Freund. Sie hatten in dieser Zeit beide zwei Partnerschaften gehabt, die zerbrochen waren, aber ihrer gegenseitigen Zuneigung konnte nichts etwas anhaben. Als Konsequenz waren sie vor zwei Jahren in eine gemeinsame WG mit zwei weiteren Kommilitonen gezogen, in eine Jugendstilvilla in Unterbarmen.
   »Es gibt nichts Gutes, außer, dass du hier bist.« Jenny schniefte. »Ich wüsste nicht, wie ich das ohne dich schaffen sollte.« Ihre Muskeln schrien nach einer Pause, aber sie würde Keno hier nicht in den Matsch legen, und wenn sie sich die Gelenke auskugelte.
   »Wir sind fast da«, murmelte Tom und zog die Decke, in der der tote Hund lag, ein Stück nach oben, sodass sie Jenny beinah aus der schweißnassen Hand rutschte.
   Jenny richtete den Blick von Kenos starrem Körper auf ihre Umgebung. Tom hatte recht, sie waren beinah ganz oben. Wuppertal war die grünste Großstadt Deutschlands. Jenny kannte jeden einzelnen der Wälder in der Stadt und der näheren Umgebung. Sie verband mit ihnen Erinnerungen an endlose Spaziergänge mit Keno, zu jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter. Der Kothener Busch, in dem Keno nun seine letzte Ruhe finden würde, war ihr der liebste, mit seinen samtig bewaldeten Hängen, dem Bachlauf und den steilen Anstiegen.
   Sie konnte sich nicht vorstellen, wie es sein würde, die Wege ohne Keno zu gehen.
   Vor ihnen mündete der Waldweg in jenes Stück zwischen Ilexsträuchern und niedrigen Tannen, wo der frische Erdrutsch lag. Der richtige Ort, um Keno zu beerdigen. Jenny wusste, dass es verboten war, Hunde einfach im Wald zu begraben, aber ihr war von Anfang an klar gewesen, dass sie ihren Freund nicht in einem jener anonymen Leichensäcke beim Tierarzt lassen wollte und für das Tierkrematorium fehlte ihr einfach das Geld. Diese Stelle hier hatte Keno vor ein paar Wochen noch selbst entdeckt: ein nach einem Gewitter abgebrochener Hang mit lockerer Erde, die fortzuschaufeln eine Kleinigkeit sein würde. Als Jenny ihm dorthin gefolgt war, hatte sie das Gefühl, als hätte er sich in diesem Moment sein Grab ausgesucht.
   Tom drehte sich mit dem Rücken zu den Sträuchern um und bahnte sich einen Weg durch die stachligen Blätter. Jenny atmete tief gegen den Schmerz an. Die Erschöpfung ließ sie schwanken, es war pure Willenskraft, die sie dazu brachte, sich durch das Gebüsch hindurchzuarbeiten.
   Vor ihnen lag der Erdrutsch, bestehend aus Wurzeln, Geröll und Erde, und zu ihrer Linken türmte sich der Hang. An seinem Fuß war der Platz, an dem Keno seine letzte Ruhestätte finden sollte.
   Tom nickte ihr zu, sie ließen langsam die Decke zu Boden sinken. Jenny stöhnte vor Schmerz, als sie sich mühsam wieder aufrichtete. Ihre Muskeln standen in Flammen, ihre Beine zitterten. Tom reichte ihr die Wasserflasche, sie trank ein paar Schlucke, aber der Kloß im Hals ließ sie innehalten.
   Ihr Blick fiel auf den Berner Sennenhund. Er lag so friedlich da, als ob er schliefe, die Augen geschlossen, die Pfoten gekreuzt. Erneut schossen ihr Tränen in die Augen, ausgelöst von Trauer und körperlicher Erschöpfung.
   Tom ließ den Rucksack vom Rücken gleiten und holte die beiden Klappspaten heraus. Er ließ sie klackend im Gelenk einrasten und warf Jenny einen davon zu. Dann machte er sich wortlos an die Arbeit.
   Wie erwartet war die Erde weich, aber auch durchsetzt mit Wurzeln und Steinen. Jennys schmerzende Muskeln protestierten, wenn sie bei jedem Spatenstich auf Widerstand stieß. Sie ignorierte sie, so gut sie konnte. Ein Blick zum Himmel zeigte ihr, dass die Zeit des Zwielichts vorüberging, der Vollmond hatte einen grauen Schimmer. Der Morgen brach an. Bald waren die ersten Jogger unterwegs. Wenn jemand sie sah, würde das Ordnungsamt schneller zur Stelle sein, als sie ihr Werk vollendet hatten.
   Trotz der Kühle lief ihr der Schweiß in Bächen über das Gesicht, floss ihr in den Nacken, zwischen die Brüste, ließ ihr Sweatshirt innerhalb von Augenblicken klamm werden.
   So kalt wie Keno, schoss es ihr durch den Kopf.
   Tom grub effizienter als sie, er hatte schon ein beachtliches Loch ausgehoben.
   Ich bin keine große Hilfe, dachte Jenny und gab sich Mühe, ihre Erschöpfung zu überwinden.
   Auf einmal machte ihr Spaten ein hässliches Geräusch. Sie war auf irgendetwas gestoßen, was weder ein Stein noch eine Wurzel war. Metall?
   Tom schaute interessiert auf. »Was war das denn?«, fragte er.
   »Keine Ahnung.« Jenny stieß noch einmal zu. Wieder dieses Geräusch. Metall, eindeutig.
   Tom ließ seinen Spaten fallen und kramte im Rucksack, dann richtete er den Strahl der Taschenlampe in das Loch.
   Jenny sah eine rotrostige Reflexion, einen Beschlag, darunter schwarzmodriges Holz.
   »Eine Kiste«, sagte Tom atemlos. »Halt mal.« Er gab ihr die MagLite und grub um die Kiste herum. »Eine Schatzkiste«, flüsterte er verschwörerisch.
   Jenny verspürte den gewohnten Lachreiz – wie immer, wenn er dieses Gesicht machte –, bis ihr Keno wieder einfiel.
   Tom arbeitete die Konturen der verwitterten Kiste heraus, ging dabei behutsam und geschickt vor. Aber je mehr Jenny sah, desto unbehaglicher wurde ihr zumute. Die feinen Härchen auf ihren Armen richteten sich auf. Das war keine Schatzkiste. Als sie sie herausgehoben hatten, sah sie es genau: Die Kiste war länglich und schmal. Groß genug, um einen Menschen darin in die Erde zu senken.
   »Sieht aus wie ein Sarg«, sagte Tom im selben Augenblick.
   Jennys Zähne schlugen aufeinander.
   Tom sah sie ernst an, der Humor war ihm anscheinend vergangen. »Wir müssen ihn aufmachen«, erklärte er.
   Jenny schauderte. »Auf keinen Fall.«
   Aber Tom hatte schon den Spaten in den Spalt geschoben, der den Deckel vom Rest der Kiste trennte. Mit einem Knirschen verbreiterte er ihn, dann drehte er den Spaten hin und her, und die alten Beschläge gaben mit einem trockenen Geräusch nach wie brechende Knochen.
   Der Deckel flog hinunter. Zuerst dachte Jenny, in der Kiste wäre nichts weiter als Erde, aber sie hatte sich geirrt. Es war keine Erde, sondern ein braunes Tuch, gebreitet über einen Inhalt, den sie um nichts auf der Welt sehen wollte.
   Tom stocherte mit dem Spaten danach und schob das Tuch zur Seite. Stück für Stück. Eine ockerfarbene Kugel kam zum Vorschein – mit schwarzen Löchern darin. Jenny schrie auf und presste sich die Hand vor den Mund. Ein Totenschädel.
   Sie starrten auf das, was die Erde preisgegeben hatte, nahmen die Einzelheiten in sich auf.
   »Das sieht so aus, als wäre es nicht beim Verwesen passiert, oder?«, murmelte Tom schließlich und deutete auf eine Deformation in der knöchernen Kugel.
   Jenny würgte. Und dann packte sie auf einmal dieses schwebende Gefühl, als ob ihre Füße den Kontakt zum Boden verloren hätten. Vor ihrem inneren Auge spulte eine Art Super-8-Film ab, zitternd und verblasst. Sie sah eine kleine Gestalt in viel zu weiten Kleidern. Ein porzellanweißes Gesicht mit aufgerissenem Mund. Eiserne Schrauben auf zarten Gelenken. Zwischen schwarzlockigem Haar Rinnsale von Blut unter einer Kopfpresse. Lederbänder an Armen und Beinen. Sie hörte das Schnauben von Pferden, die diese Bänder straff zogen. Die Augen lagen tief im Schatten, aber sie konnte den flehenden Ausdruck spüren. »Ein Kind«, flüsterte sie. »Ein Junge. Man hat ihn gefoltert, mit Fußschrauben und Kopfpresse. Anschließend hat man ihn gevierteilt. Er war höchstens zehn Jahre alt.«
   Dann drehte sie sich um und erbrach sich ins Gras.

Kapitel 2

Absolute Dunkelheit. Nirgendwo ein Schimmer von Licht. Kalt. Sie begann zu frieren, erschrak beim Geräusch ihrer klappernden Zähne. Sie versuchte, die Finsternis wegzublinzeln, aber vielleicht war sie ja nicht vor, sondern in ihren Augen?
   Ein Schluchzen entfuhr ihr.
   Sie erschrak vor dem Klang ihrer eigenen Stimme. Vor dem Nachhall, vor der Körperlosigkeit. Sie streckte die rechte Hand aus. Etwas Glitschiges, kalt, wie mit Schmierseife überzogen. Ein scharfer, bekannter Geruch. Schimmel. Eine Struktur, Maserung. Holz. Überall Holz um sie herum. Eng. Zu eng, viel zu eng.
   Eine Kiste.
   Ein Sarg.
   Sie kämpfte mit der Panik. Der Schimmelgestank wollte sich nicht atmen lassen. Ein Schrei bahnte sich den Weg, sie biss wimmernd Stücke von der Luft ab, versuchte, sie in ihre Lungen zu pressen. Sirren näherte sich, eine bevorstehende Ohnmacht.
   Bunte Punkte flackerten auf, Bilder zogen vor ihren Augen vorbei. Zertrümmerte Knochen. Ein zerborstener Schädel. Der verstümmelte Körper des Kindes.
   Die Geräusche, die sie machte, ihr Japsen und Luftschnappen, wurden leiser. Das Summen auf den Ohren allumfassend.
   Dann war da in ihren Augenwinkeln ein Flackern. Ein gelbbläuliches Licht wie von einer Flamme.
   »Atme.« Eine Stimme. Tief. Dunkel vibrierend, wie das Schnurren einer Raubkatze.
   Beängstigend.
   Faszinierend.
   Das Licht wurde heller, vertrieb das Summen und die bunten Punkte. Mit einem Heulen sog sie Luft in ihre Lungen, das Einatmen war ein gellender Schrei.
   »Atme.«
   Sie sah ein Gesicht, es schwebte körperlos vor ihr, einzig angestrahlt von der Flamme.
   Durchscheinende Haut, verschwimmende Konturen, Augen wie schwarze Höhlen. Schräge, geschlitzte Nasenlöcher. Bläuliche Lippen. Ein Wesen wie aus einem Geisterfilm. »Deine Reise beginnt hier.«
   Sie konzentrierte sich auf die dunkle Stimme, auf dieses gefährliche, faszinierende Timbre. Es hallte in ihrem Kopf nach, sog ihre Gedanken in einen Strudel. Sie fühlte etwas Kaltes, Knöchernes in ihrer Hand.
   »Weißt du, was das bedeutet?«
   Sie wusste es nicht, hatte nicht die leiseste Ahnung, und sie schrie, bis ihre Stimme versagte.
   Eine kalte Hand legte sich auf ihren Unterleib. Sie schien durch die Haut zu dringen, sie aufzubrechen. Der Schmerz war unerträglich. Sie schrie wieder.
   »Die Transformation. Jetzt. Atme.«
   Sie gehorchte. Ihr Wille war gebrochen.

*

Sonnenlicht kitzelte Jennys Augenlider. Es bahnte sich seinen Weg bis in ihr Bewusstsein, erhellte die dort herrschende Dunkelheit. Eine absolute Dunkelheit und das Echo eines Schreis. Ein warnendes Pochen im Unterleib.
   Sie war nass geschwitzt, ihr Haar klebte ihr an der Stirn, die Bettdecke fühlte sich klamm an. Ihr Mund war trocken, sie hatte schrecklichen Durst.
   Hatte sie einen Albtraum gehabt? Jenny konnte sich nicht daran erinnern. Sie lag da, hörte dem abebbenden Stakkato ihres Herzschlags zu und versuchte, sich in die Angst hineinzuversetzen und damit eine Erinnerung heraufzubeschwören. Es bereitete ihr Panik.
   Jenny sah ins Sonnenlicht. Die Dunkelheit war beinah fort.
   Sie roch den Duft nach frisch aufgebrühtem Kaffee und warmen Brötchen. Geschirr klapperte in der Küche, Tom räumte die Spülmaschine aus. Verblüffend, dass er, der Langschläfer, schon wach war. Was mochte ihn aus dem Bett getrieben haben? Sein Seminar begann doch heute erst am Nachmittag. Und Küchendienst hatte eigentlich sie.
   Sie musste unbedingt etwas trinken.
   Ein kalter Hauch berührte ihren Nacken, ließ sie erschaudern. Sie drehte sich um, obwohl sie wusste, dass da niemand war.
   Da bewegte sich etwas im hintersten Winkel ihres Gedächtnisses, etwas, das leise atmete, sich still verhielt, damit sie es nicht bemerkte. Etwas, von dem sie unter keinen Umständen wollte, dass es hervorkam. Sie bekam für einen Augenblick keine Luft und erinnerte sich an Dunkelheit und Enge …
   Sie konzentrierte sich auf den Kaffeeduft, auf die tastenden Lichtfinger der Sonne, in deren Kern Staubkörnchen tanzten. Auf ihren Durst, der sehr real war. Sie atmete langsam und bewusst das Gefühl der Angst weg. Eine Sekunde lang war da der Gedanke an die kommende Nacht, was sein würde, wenn die Dunkelheit wiederkam. Sie schob ihn energisch beiseite, ebenso wie die Bettdecke. Jenny streckte die Füße aus, tastete nach den Schlappen. Sie trat auf etwas. Es war klein, hart und länglich und versetzte sie wieder mitten in ihren Traum. Ein kleiner Zweig, redete sie sich ein. Den habe ich gestern im Jeansaufschlag mit hereingetragen. Ohne hinzusehen, griff sie nach einem Papiertaschentuch, nahm den Gegenstand damit auf und warf ihn in die Toilette. Sie spülte zweimal ab.
   Auf dem Nachttisch stand eine volle Literflasche Wasser, sie trank sie in einem Zug halb leer.
   »Frühstück ist fertig«, rief Tom. Er hatte sie gehört.
   Jenny lachte, und sie fand, es klang fast normal. »Super, danke. Ich bin schon unterwegs.«
   Die Küche wirkte so leer. Erst auf den zweiten Blick begriff sie, dass das an Kenos Fehlen lag. Niemand, der den Esstisch belauerte und auf sein morgendliches Leberwurstbrot wartete. Tränen begannen hinter Jennys Augenlidern zu brennen, ließen ihren Hals eng werden.
   Tom stand mit dem Rücken zu ihr, den Pfannenwender in der Hand. Er drehte sich nicht um. Irgendetwas störte sie an ihm, etwas war anders.
   »Ich mache Rührei und Speck«, verkündete er.
   Seine Stimme klang angespannt. Sie hatte recht gehabt. »Dann solltest du besser mal umrühren«, empfahl Jenny angesichts des brenzligen Geruchs. Das Brennen in den Augen ließ nach. Tom rührte eifrig um, wobei sich große Brocken des Rühreis auf der Herdplatte verteilten. Jenny hätte so gern gelacht – Tom konnte einfach nicht kochen, trotz etlicher Kurse, die sie gemeinsam besucht hatten. Aber irgendwie war heute kein Tag für Späße. Eine Atmosphäre, zum Schneiden dick, hing über ihnen. »Danke, dass du den Küchendienst übernommen hast.«
   Tom drehte sich endlich zu ihr um. Sein Lächeln war angestrengt, und es erlosch sofort. »Wie siehst du denn aus?«
   Das klang überhaupt nicht nach Tom. Er war normalerweise sensibel und wählte seine Worte so, dass er sie nicht verletzte. Solch einen Satz in diesem Tonfall hatte sie von ihm noch nie gehört.
   Wenn er sie so ansah und das sagte, musste sie vom Schlimmsten ausgehen.
   Jenny stürzte ins Bad. Das Licht über dem Spiegel enthüllte eine scheußliche Wahrheit. Sie war bleich, beinah wachsweiß im Gesicht. Die dunkelblonden lockigen Haare waren fast schwarz vor Schweiß und klebten an ihrem Kopf. Ihre Unterlippe war aufgeplatzt und blutverkrustet. Und ihre Augen! Die tiefschwarzen Ringe darunter waren noch nicht mal das Schlimmste. Das Weiße in den Augen war tiefrot, das helle Grau ihrer Iriden leuchtete dagegen an wie Scheinwerfer. So verfärbte Augen hatte Jenny bis jetzt nur einmal gesehen: bei Marie, einer guten Freundin, nachdem sie ihr erstes Kind zur Welt gebracht hatte. Eine Geburt war ein extremes körperliches Ereignis. Was war mit ihr geschehen, dass sie so aussah?
   Eine Hand legte sich auf Jennys Schulter. Sie stieß einen Schrei aus und sah in Toms fassungsloses Gesicht.
   »Was ist bloß los?«, wollte er wissen. Angesichts der hohen Reizschwelle, die ihn normalerweise auszeichnete, wirkte er extrem beunruhigt.
   Keno, das ist wegen Keno, weil ich so geweint habe.
   Du weißt es besser, hörte sie eine Stimme in ihrem Kopf.
   Jenny spürte eine Welle aus Zorn in sich aufsteigen, die sich gegen Tom richtete. »Lass mich in Ruhe«, fauchte sie ihn an. Sie sah den entsetzten Ausdruck auf seinem Gesicht, der Zorn ebbte ab, sie schlug die Hände vor den Mund. »O Tom, es tut mir leid. Ich habe keine Ahnung, was in mich gefahren ist.«
   Sie ging zwei Schritte auf ihn zu, wollte ihm die Hand auf die Schulter legen, er wich zuerst zurück, dann blieb er stehen und ließ die Berührung zu. Aber es war wieder anders als sonst. Da war eine Distanz, die Jenny nicht kannte. Tom zog sich von ihr zurück.
   »Was hab ich dir getan, Jenny?«, fragte er.
   Jenny spürte, wie sich sein Körper versteifte. Sie hatte nie gewusst, dass ihr seine Nähe so wichtig war, doch es fühlte sich furchtbar an, wie er sie zurückwies. »Du hast mir überhaupt nichts getan«, murmelte sie gegen seine Brust. »Es ist nur wegen Keno, weißt du. Das hat mich mehr mitgenommen, als ich für möglich gehalten hätte«, brachte sie die Worte hervor, die nicht über ihre Lippen wollten.
   Tom verzog das Gesicht.
   Die Erinnerung an den gestrigen Tag holte Jenny ein, die Bilder strömten wie eine Sturzflut. Wie Eiswasser kam die Erkenntnis, dass diese Erinnerungen abrupt endeten: mit dem Öffnen der Holzkiste und dem Betrachten des Skeletts. Danach nichts mehr.
   Was hatten sie mit dem Sarg gemacht?
   Hatten sie Keno beerdigt?
   Jenny wusste es nicht. Angst kroch auf zitternden Spinnenbeinen ihr Rückgrat herauf, nistete sich in ihrem Gehirn ein.
   Sie suchte die Beruhigung, die sie in Toms Augen stets fand, seine sanfte Ausstrahlung. Sie hatten sich kurz nach Jennys Abitur auf einer Party kennengelernt, weil sie aus Langeweile frühzeitig gehen wollten. Bereits auf dem kurzen Weg das Treppenhaus hinunter hatten sie entschieden, gemeinsam noch etwas essen zu gehen. Das war der Beginn der engsten Freundschaft gewesen, die Jenny bisher in ihrem Leben erfahren hatte. Tom war meistens lustig, aber er konnte auch maulfaul und manchmal ein wenig brummig sein. Das passte zu ihm: Er war riesig, eins neunzig, neigte zu Körperfülle, hatte dunkles, wuschliges Haar, einen Vollbart und den schmelzenden Blick eines Cockerspaniels. Tom war nicht wirklich gut aussehend. Er wirkte zu harmlos und zu ungelenk, die hundertzwanzig Kilogramm auf der Waage zeigten, dass er Sport lieber auf der Couch sitzend im Fernsehen verfolgte. Aber das störte Jenny überhaupt nicht. Er war für sie kein potenzieller Partner, sondern ihr Bär, gemütlich und kuschlig, zum Anlehnen und Trost spenden.
   Doch Tom hatte heute nicht vor, sie zu trösten. Er wich ihrem prüfenden Blick aus und schnupperte. »Ich glaube, ich muss das Rührei jetzt mal wenden«, erklärte er und eilte in die Küche.
   Jenny wusste, sie musste ihn nach Keno fragen, sie musste wissen, was geschehen war, aber sie wusste auch, er würde sie für verrückt halten.
   Sie aßen schweigend. Das Rührei war dunkelbraun und schmeckte verbrannt, aber Jenny machte keinen ihrer üblichen Späße. Und Tom verlor kein Wort darüber, dass sie ihn nicht wie sonst mit seinen mangelnden Kochkünsten aufzog. Es war drückend still im Raum. Tom hielt den Blick starr auf den Teller gerichtet.
   »Jenny, das war echt schräg …«
   »Haben wir gestern …?«
   Sie sprachen gleichzeitig und zuckten synchron zusammen. Die Worte waren in die Stille geknallt wie das Schnalzen einer Peitsche.
   Jenny versuchte, ihren Atem zu beruhigen. »Du zuerst, Tom.«
   Er sah sie mit zusammengekniffenen Augen an. »Du hast echt Ahnung, weißt du das? Ich hab gestaunt, was du gestern alles an dem Skelett erkannt hast. Vielleicht hättest du doch besser Mittelalterarchäologie studieren sollen?«
   Jenny hatte das sichere Gefühl, dass er etwas ganz anderes hatte sagen wollen, etwas, das mit dem gestrigen Tag zusammenhing. Sie zuckte zusammen. Seine Bewunderung war ihr unangenehm.
   Sie war fasziniert von allem, was mit dem Mittelalter zusammenhing, aber sie konnte Tom nicht sagen, dass das, was sie gestern gesehen hatte – nicht auf ihr Hobby oder ihre Kenntnisse in menschlicher Anatomie zurückzuführen war.
   Tom schob den Teller mit dem verbrannten Rührei beiseite.
   »Kopfpresse«, wiederholte er ihre Aufzählung von gestern, »Fußschraube. Gevierteilt. Das ist eine Menge an Quälerei. Für ein zehnjähriges Kind, meine ich. Und du konntest auch sehen, dass es ein Junge war. Ich glaube, das ist wirklich beachtlich. Woher weißt du das so genau?«
   Jenny begann zu stottern. Der Junge, sein gequältes Gesicht unter den blutigen Locken … Was sollte Tom denken?
   »Ich – äh, nein, selbst wenn man Experte ist, kann man das erst bei Erwachsenen erkennen«, stammelte sie. »Ich – ich habe einfach geraten. Es ist wahrscheinlicher, denke ich.«
   »Ist das normal im Mittelalter?«, wollte Tom überrascht wissen. »Dass Kindern so was angetan wurde?«
   Da war eine Stimme in Jennys Kopf. »Es kommt immer auf den Grund an.« Sie begann zu zittern und schlang die Arme um ihren Körper.
   Ein Funke der üblichen Besorgnis flackerte in Toms Augen auf. Er schob den Stuhl zurück und holte ihr ihre Strickjacke. Sie nahm sie und lächelte ihn an, aber ihre Gesichtsmuskulatur fühlte sich an wie eingefroren.
   »Na ja«, sagte sie langsam. »In jeder Zeit werden Menschen von anderen gequält, nicht nur im Mittelalter. Wie man sich gegenseitig wehtun kann, damit kennt sich unsere Spezies von jeher aus.« Sie atmete tief durch und versuchte, das Schaudern zu unterdrücken. »Vierteilen ist keine Foltermethode, es ist eine Hinrichtungsstrafe. Soviel ich weiß, war das Vierteilen in Deutschland überhaupt nicht besonders gebräuchlich.«
   »Und warum hat man all das mit ihm gemacht?«, fragte Tom beeindruckt.
   Die Kälte war wieder da, wie eine tote Hand auf ihrer Wirbelsäule, die langsam zum Nacken emporkroch.
   »Er muss etwas ganz Schlimmes getan haben«, murmelte sie.
   »Also, die Zehnjährigen, die ich kenne, die machen vielleicht Mutproben und klauen Kaugummi im Supermarkt oder reißen einer Spinne die Beine aus. Aber das wird es wohl nicht gewesen sein, oder?«
   »Nein«, antwortete Jenny zitternd. »Ganz sicher nicht. Die Leute müssen Angst vor ihm gehabt haben – panische Angst.«

Kapitel 3

der rauchige Geschmack des verbrannten Rühreis wollte nicht von Jennys Zunge weichen, auch nicht nach der vierten Tasse Kaffee.
   Tom räumte den Tisch ab, kippte die übrig gebliebenen Ergebnisse seines Kochversuchs kommentarlos in den Mülleimer. Sie sah seinen Blick zum Tisch – er vermisste Keno. Keno hatte sich über Toms Kochkünste nie beklagt und seine Portion mit Begeisterung gefressen.
   »Tom?« Ihre Stimme war brüchig.
   Er hielt inne, sah sie an und schaute dann schnell wieder auf den kalt gewordenen Inhalt der Pfanne.
   Jenny nahm sich vor, gleich etwas Schminke aufzulegen. »Was ist gestern passiert, nachdem wir den Sarg gefunden haben?«, wollte sie leise wissen.
   Jetzt richtete er sich zu voller Größe auf. Die Pfanne sank auf die Spüle. »Was ist bloß los mit dir?«, fragte er rau.
   Jenny spürte erneut Tränen in den Augen brennen. Sie zuckte stumm die Schultern.
   »Du solltest zum Arzt gehen«, sagte Tom trocken und begann die Pfanne zu spülen.
   »Tom!« Jenny schrie fast. »Bitte.«
   Er drehte sich immer noch nicht zu ihr um. Goss das Spülmittel viel zu reichlich in die Pfanne. Das heiße Wasser ließ den Schaum bis zum Rand der Spüle hochsteigen. »Was willst du?« Er hörte sich ungewöhnlich aggressiv an. »Was soll passiert sein? Wir haben Keno beerdigt, Himmelherrgott, so wie wir es geplant hatten. Und aus.«
   Er konnte ihr nicht in die Augen schauen. Jenny wusste, dass er log. Es machte ihr Angst. Sie stand schweigend auf und ging ins Bad. Mechanisch holte sie ihre Schminktasche aus dem Spiegelschrank, kramte nach dem Make-up, dem Lidschatten und dem Kajal. Die Routine dieser Bewegungen ließ sie ruhiger werden. Sie musste dabei nicht nachdenken. Erst das Brennen des Kajals in ihren geröteten Augen brachte sie in die Realität zurück.
   Jenny betrachtete ihr Spiegelbild. Jetzt sah sie aus wie eine Gothic Queen. Sie hatte grauen Lidschatten und schwarze Lidstriche aufgetragen. Das Make-up war eindeutig zu hell für ihren Teint. Der Lippenstift hatte auf ihren Lippen die Farbe frischen Blutes. Die Kombination mit den roten Augen ließ sie an die Rocky Horror Picture Show denken.
   Die Konturen verschwammen. Ihr wurde kalt. Sie drehte sich um, obwohl sie wusste, dass niemand hinter ihr stand. Als sie wieder in den Spiegel schaute, war da auf einmal ein zweites Gesicht, gleich hinter ihrem, nur für den Bruchteil einer Sekunde. Ein durchscheinendes Gesicht mit bläulichen Lippen und schwarzen Augen wie Höhlen.
   Jenny ließ die Schminktasche fallen und schrie nach Tom.

Sie konnte sich nicht auf das Buch konzentrieren. Im Hintergrund lief eine Fernsehserie. Tom sah meist fern, wenn sie las. Diesmal jedoch blätterte sie die Seiten einfach um, ohne etwas vom Inhalt mitzubekommen.
   Sie versuchte, sich einzureden, dass der Grund für ihre innere Unruhe Keno war. Den ganzen Tag hatte sie auf die Uhr geschaut und festgestellt, dass ihr innerer Wecker sie präzise an Kenos Tagesablauf erinnerte: Futterzeiten, Spaziergänge, Fellpflege.
   Das alles hinterließ eine so große Leere, dass Jenny fast darin versank. Aber das war nicht die wirkliche Ursache für ihre Nervosität.
   Sie vermied den Blick in den Spiegel, obwohl sie gern nachgeschaut hätte, ob sich das Weiß ihrer Augen allmählich wieder normalisierte. Sie vermied es, mit Tom zu sprechen, obwohl es sie quälte, nicht zu wissen, was gestern geschehen war. Und sie hatte Panik vor dem Alleinsein in ihrem Zimmer, vor allem vor dem Schlaf. Sie war todmüde, es war nach elf, Tom gähnte immer wieder herzhaft und sah auf die Uhr. Die Signale, die er aussandte, waren eindeutig: Er wollte ins Bett und wartete darauf, dass sie wie immer als Erste ins Bad ging. Jenny versuchte verzweifelt, das Unvermeidliche hinauszuzögern, indem sie aufstand und begann, in ihrem Zimmer das Bett neu zu beziehen.
   »Entschuldige, Jenny. Ich muss morgen wieder zur Uni, um neun ist Vorlesung. Kann ich jetzt ins Bad?«
   Sie hatte gewusst, dass er das sagen würde. Warum klang Toms Stimme so quenglig? »Ach, so spät ist es doch noch nicht. Schau mal, das Bettzeug ist so schmutzig – Keno ist noch mit dreckigen Pfoten ins Bett gestiegen. Bitte, kannst du mir mal eben helfen?«
   »Dreckige Pfoten? Die haben dich doch vorher auch nie gestört.« Tom war eindeutig genervt. »Komm schon, Jenny, lass den Mist, geh endlich ins Bad. Ich muss schlafen.«
   Jenny spürte Verzweiflung in sich aufsteigen. Es half nichts, sie musste ihm reinen Wein einschenken. »Ich habe Angst, allein in meinem Zimmer«, sagte sie kleinlaut.
   Er sah sie lange an, sie konnte seinen Blick nicht deuten. Nie zuvor hatte so eine ungemütliche Stimmung zwischen ihnen geherrscht. Einen Augenblick lang hatte Jenny das Gefühl, nicht nur Keno, sondern auch Tom verloren zu haben.
   Dann stand er auf und ging ins Badezimmer.
   Sie ließ sich aufs Bett fallen. Die Tränen liefen einfach so. Was war bloß passiert? Sie hatten sich nie gestritten. Tom war geduldig und warmherzig, er pflegte, ihr den Willen zu lassen, statt mit ihr zu diskutieren. Das alles lag nicht mehr als vierundzwanzig Stunden zurück, und nun war da diese Wand zwischen ihnen, die Jenny unbedingt niederreißen musste, weil sie Tom brauchte – wie niemals zuvor.
   Der Kummer ließ sie die Angst vor der Nacht vergessen. Sie bezog das Bett fertig und klopfte an seine Zimmertür. Tom lag im T-Shirt auf dem Bett, nur in die Wolldecke eingewickelt. Er hielt die Augen fest geschlossen. Jenny sagte zweimal seinen Namen, aber er zuckte nicht mit der Wimper.
   »Tom, bitte, ich weiß, dass du nicht schläfst«, sagte sie und fühlte sich unendlich müde. »Lass uns reden, okay?«
   Anstelle einer Antwort drehte er ihr den Rücken zu.
   Jennys Hals war wieder wie zugeschnürt, und schon kullerten die ersten Tränen über die Wangen. Sie wischte sie ärgerlich weg, während sie ins Schlafzimmer zurückging. Was für ein Blödsinn, sie war nie eine Heulsuse gewesen. Kenos Tod hatte sie so aus der Bahn geworfen. Sie musste nur einmal drüber schlafen, und morgen war alles wieder okay. Jenny ging in ihr Zimmer und legte sich hin, dachte an Keno und an Tom, riss jedes Mal die Augen wieder auf, wenn sie sich zu schließen drohten. Was hätte sie darum gegeben, Keno am Fußende bei sich zu haben. Seine Wärme zu spüren, seine ruhigen Atemzüge. Sie fühlte sich nach dem Streit so einsam. Aber sie kannte Tom: Er war nicht nachtragend. Jennys Atem beruhigte sich allmählich. Morgen würde alles wieder gut sein. Morgen würde sie sich wieder ganz normal fühlen.

*

Dunkelheit. Enge, Druck auf ihrer Brust.
   »Atme.«
   Die Stimme.
   Keuchend sog sie die Luft in die Lungen. Sie schmeckte Schimmel und Fäulnis auf der Zunge. Um sie herum waren modrige Holzwände. Sie wimmerte, Tränen liefen heiß über ihre Wangen.
   Ein Licht flackerte auf, eine Flamme. Zur Spitze hin gelb, nach unten blau.
   »Der zweite Schritt. Du hast einen weiten Weg vor dir. Vergiss das Atmen nicht.«
   Eine Berührung in ihrem Gesicht, eiskalte Finger, die über ihre Wangen strichen, ihre Tränen zu einem nassen Film auf der Haut verrieben. Sie verdrehte die Augen im Versuch, das Gespenstergesicht nicht anschauen zu müssen. Etwas schloss sich um ihr Kinn wie ein Schraubstock. Eine Hand? Etwas anderes?
   »Sieh mich an.«
   Augen in einem durchscheinenden Gesicht, schwarz wie Löcher in einem Leichentuch. Weiße Haut, nah an ihrer. Bläuliche Lippen berührten ihr Gesicht. Sie hatte keine Luft mehr, um zu schreien.
   »Der zweite Schritt.«
   Sie war der Geistererscheinung so nah, sie hätte ihren Atem auf der Haut spüren müssen. Aber da war nichts. Nur die Kälte.
   Sie unterdrückte den Würgereiz.
   Als Kind hatte sie eine überraschende Erfahrung gemacht: Schlimme Dinge schienen endlos, aber das waren sie nicht, wenn man die Zeit vergehen spürte. Seitdem zählte sie immer. Im Sekundentakt. Das relativierte den Schrecken. Alles war viel kürzer, als man glaubte.
   Die Grundschullehrerin, die sie vor versammelter Klasse wegen Popelns lächerlich machte: fünfundvierzig Sekunden. Der Wutausbruch und die Ohrfeige ihrer Mutter, weil sie den Schlüssel innen stecken gelassen und die Tür zugezogen hatte: siebenundsiebzig Sekunden. Magnus und seine Idioten, die ihr im Stadtpark auflauerten und ihr im Gebüsch die Hose hinunterzogen: hundertvierundzwanzig Sekunden.
   Alles endete immer. Es gab keine Ausnahme von der Regel. Wenn man sich das bewusst machte, verstand man: Die Ewigkeit existierte nur im eigenen Kopf. Man brauchte nichts weiter als Geduld, um dagegen anzuzählen. Je mehr man sich aufs Zählen konzentrierte, desto schneller war es vorbei.
   »… zehn … elf … zwölf …«
   Die blauen Lippen auf ihren. Sie versuchte zu schreien, zappelte, stieß sich den Kopf, riss sich Splitter in die Hände. Stille war die Antwort.
   Ruhig. Ruhig bleiben. Weiterzählen. »… vierzig … einundvierzig … zweiundvierzig …«
   Die Lippen waren fort. Ihr wurde schwindlig. Alles um sie herum drehte sich. Es fühlte sich an wie auf einer Achterbahn. Die Rotation presste sie gegen die schimmligen Holzwände der Kiste. Immer schneller. Immer mehr. War das wirklich Schwindel oder bewegte sie sich? Eine leichenkalte Hand auf ihrer Stirn, als sie sich schließlich doch übergab.
   Unter Schluchzen zählte sie, immer weiter, in der Hoffnung, dass es enden würde.
   »… hunderteinundneuzig, hundertzweiundneunzig, hundertdreiundneunzig …«
   Der Boden unter ihrem Körper vibrierte wie bei einem startenden Flugzeug. Hinter ihren geschlossenen Lidern pulsierten Lichter in Neonfarben, flackerten mit gezackten Rändern. Sie fühlte sich nähernde Kopfschmerzen. Sie hatte schon ein paarmal eine Migräne gehabt, aber das, was da auf sie zukam, war so gewaltig wie ein Tsunami, der sie überrollte und sie aufschreien ließ.
   Für einen Moment hatte sie den Faden verloren. Die Schmerzwoge brandete über sie hinweg, ebbte ein wenig ab.
   Sie zählte weiter. Weiter. Immer weiter. »… zweihundertsechsundneunzig … zweihundertsiebenundneunzig … zweihundertachtundneunzig …« Und dann war da dieser Gedanke zwischen dem Schmerz. Was, wenn das hier nicht aufhörte? »… bitte lass es aufhören … dreihundertsechsundsechzig … dreihundertsiebenundsechzig …«
   Die einzige Konstante in all dem Chaos war die tote Hand an ihrer Stirn. Wenn es eine Hand war.
   Das Ding musste weg. Unbedingt. Sie ballte die Hände zu Fäusten, stieß nach ihrem Gegenüber, aber da war nichts, nur das modernde Holz um sie herum und die Dunkelheit vor ihren Augen. Die Berührung verblasste. Die gelbblaue Flamme erlosch, sie war allein. Panik schlug über ihr zusammen, sie schrie und schrie …
   »Eintausendsechshundertzweiundsiebzig …« Die Dunkelheit wurde fest, ballte sich um sie herum zusammen, umschlang sie wie eine Faust. Gleich würde sie sie zerquetschen. Sie strampelte, weinte, keuchte dagegen an und hörte nicht auf zu zählen. »Fünftausendneunhundertdreizehn …«
   Der Gedanke in ihrem Kopf war hässlich und so knöchern wie ein Totenschädel: Es würde nicht aufhören. Diesmal nicht. Ihre Tränen flossen durch ihren aufgerissenen Mund auf die Zunge, erinnerten sie daran, dass sie Durst hatte. Furchtbaren Durst. Ihr fiel ein: Es gab Dinge wie Trinken und Essen, Licht, Wärme, Gesellschaft anderer Menschen, Tom, Keno, Normalität. Aber nicht mehr für sie.
   Einen Moment lang überlegte sie, ob sie aufhören sollte, zu zählen, aber das machte ihr noch mehr Angst.
   Weiter. Immer weiter. »Zweiundzwanzigtausenddreizehn … Neunzehntausendfünfhundertdreißig.«
   Die Angst stieg mit galliger Übelkeit in ihrem Hals auf.
   Sie zählte rückwärts.
   Das konnte nicht sein.
   Sie versuchte, sich zu konzentrieren, arbeitete sich durch das Dickicht aus Kopfschmerzen und Panik. »Neunzehntausendvierhundertvierundachtzig.«
   Sie zählte rückwärts, hatte keine Ahnung, warum. Jenny versuchte, wieder aufwärts zu zählen, aber es funktionierte nicht. Die Zahlen kamen ganz automatisch über ihre Lippen.
   Die Panik hatte eine Zeit lang stillgehalten, nun warf sie sich über sie wie ein röhrendes Raubtier.
   Was, wenn sie bei Null ankam?
   Sie versuchte, den Rhythmus der Zahlen zu verlangsamen. Erfolglos. Es kam ihr vor, als würden die Wörter immer schneller über ihre Lippen dringen. Die Zeit raste vorbei, hinterließ bunte Schleier hinter ihren geschlossenen Lidern.
   Unter hundert!
   Ihr Herz hämmerte in ihrer Kehle.
   Ein heller, reiner Glockenton erklang, der lange in der Luft stehen blieb und nur allmählich verebbte. Die bunten Schleier wichen dem blaugelben Licht einer Flamme.
   »Eins. Null.«
   Jenny merkte, dass sie aufrecht stand. Wind kühlte ihre heißen, nassen Wangen, sie schmeckte Salzluft in der Brise. Mildes Licht traf ihre geschlossenen Lider. Sie öffnete die Augen.
   Ein riesiger Vollmond beherrschte den Himmel. Sein weißes Licht fiel taghell über eine Aussichtsplattform. Die Steinplatten, auf denen Jenny stand, waren teils zerbrochen, teils aufgeworfen, und das Geländer rostete. Um sie herum befand sich ein dichter Buchenwald, zu ihren Füßen ging es schwindelerregend senkrecht in die Tiefe: ein gewaltiges weißes Kliff. Weit unten schlug das mondlichtgetränkte Meer emsige, kleine Wogen gegen den Strand, es schimmerte in Kliffnähe türkisblau und verfärbte sich bleiern gen Horizont. Der Duft einer späten Sommernacht lag in der Luft.
   »Du.«
   Diese dunkle Stimme wie das Schnurren einer Raubkatze.
   Jenny fuhr herum. Sie sah etwas anderes als das, was sie erwartete. Sie hatte den Mann nicht kommen hören – oder stand er die ganze Zeit schon da?
   Er war groß, größer noch als Tom, und sehr schlank. Er mochte Mitte dreißig sein. Ganz in Weiß gekleidet: eine weite Hose und ein fließendes langes Hemd, das sie an eine indische Kurta erinnerte. Ein Schopf schwarzer wilder Locken ergoss sich in seine Stirn. Die Haut war weiß und unbehaart. Seine hohen Wangenknochen und eine quer verlaufende Falte über der Nasenwurzel verliehen ihm ein ungewöhnliches, aufsässiges Aussehen. Die Lippen waren füllig und ein wenig aufgeworfen wie bei einem süßen schmollenden Baby. Seine Augen waren das Seltsamste an ihm: Sie hatten die Farbe des Mondes, leuchtend silbergrau, mit dunkelgrauen Flecken wie Mondkrater um die stecknadelkopfgroßen Pupillen. Er sah sie mit diesen Mondaugen so intensiv an, als wollte er ihre Gedanken lesen. Sie konnte nicht mehr wegsehen, ihr Puls beschleunigte sich.
   »Rette mich«, sagte er, »und du rettest die Menschheit.«
   »Wer bist du?«, brachte Jenny hervor. »Wo bin ich hier?« Ihr Mund war wieder staubtrocken.
   »Diesen Ort nennt man den Königsstuhl«, antwortete der Mann leise, ohne auf ihre erste Frage einzugehen. »Ich habe eine Zeit lang gedacht, du schaffst es nicht. Es war so ein weiter Weg.«
   In seinen Mondaugen war Erleichterung zu erkennen. Sie fühlte: Er hatte Angst um sie ausgestanden. Der Anblick bewegte Jenny auf seltsame Weise. Er streckte die Hand nach ihr aus und wirkte so hoffnungsvoll. Als er sie berührte, ging ein Gefühl wie ein Stromstoß durch ihren Körper, ließ ihr Herz einen Schlag aussetzen, bevor es explosionsgleich wieder startete.
   »Rette mich, und du rettest die Menschheit.«
   Dann war alles fort, und Jenny saß hoch aufgerichtet in ihrem Bett, während ihr das Licht der Straßenbeleuchtung in die Augen schien.
   Tom stand in der offenen Zimmertür, mit ehrlicher Besorgnis in der Miene. »Was ist los, Süße? Oh, deine Augen!«
   Jenny ließ sich schwer atmend zurück ins Kissen fallen. Sie hätte ihm gern gesagt, was los war, aber sie hatte keine Ahnung. Der Druck in ihrem Schädel vermittelte ihr eine ziemlich gute Vorstellung davon, wie sie diesmal ausschaute. Es war ihr egal. Sie sah immer noch das Gesicht des Mannes, seinen Blick aus den unglaublichen Augen. Seinen Mund. Wie würden sich seine Lippen auf ihren anfühlen? Warm und weich und süß und – Warum denke ich so was?, fragte sie sich in Panik. Sie schüttelte sich und versuchte verzweifelt, die Erinnerung daran und das Kribbeln im Bauch loszuwerden. »Schlecht geträumt«, murmelte sie. Sie hatte das Gefühl, zu verdursten, griff nach der Wasserflasche auf dem Nachttisch und trank sie leer.
   Tom zögerte, dann schien sein Gluckeninstinkt zu erwachen. Er verschwand in der Diele und kam mit einer frischen Wasserflasche und Augentropfen zurück.
   »Leg dich hin, ich gebe dir die Tropfen. Es tut mir leid, dass ich eben so blöd war«, sagte er und legte sich neben sie aufs Bett. »Aber jetzt bin ich ja da.«
   Die Tränen kamen wie eine Sturzflut und ließen sich nicht zurückhalten. Jenny krümmte sich an Toms Schulter und konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Einen Moment lang glaubte sie, nun würde alles gut werden, aber dann spürte sie, wie sich Toms Körper wieder versteifte.
   »Nun mach mal halblang«, sagte er in dem vergeblichen Versuch, seinen früheren Humor aufleben zu lassen. »Ich schwimme ja hier gleich weg.«
   Jenny bemühte sich angestrengt, durchzuatmen und den Tränenstrom zu ersticken. Sie begriff nicht, was Tom so verändert hatte. Und dann kam die Erkenntnis, schmerzhaft wie ein Stromschlag: Etwas war während Kenos Beerdigung geschehen. Und das war nicht nur der Grund für ihren Zustand, sondern auch für Toms Verhalten.
   Sie musste herausfinden, was das war.

Kapitel 4

jenny klappte den Deckel des Laptops auf. Sie fühlte sich wie zerschlagen, obwohl sie den Rest der Nacht traumlos und tief geschlafen hatte. Sie trank flaschenweise Mineralwasser, aber der Durst wollte nicht weichen.
   Tom hatte nicht übertrieben, ihre blutunterlaufenen Augen sahen richtig schlimm aus, deshalb hatte sie sich entschieden, nicht zur Uni zu fahren. Auch den Gedanken an einen Arztbesuch hatte sie verworfen. Was sollte sie sagen? Dass ihr Hund gestorben war? Dass sie einen schlimmen Traum gehabt hatte und deshalb so aussah? Welcher Arzt würde sie daraufhin ernst nehmen? Vielleicht ging es ihr morgen wieder besser.
   Tom war schon fort gewesen, als sie aufstand. Er hatte sie offenbar nicht stören wollen, hatte nicht einmal die Wasserpfütze eines umgekippten Glases aufgewischt. Es gab keinen Keno mehr, der sie weckte, und die Digitaluhr auf dem Nachttisch war verschwunden. Nun war es nach zehn Uhr, eine ungewöhnliche Zeit für sie als Frühaufsteherin.
   Sie schob die Wasserflasche und den Kaffeebecher beiseite und griff nach der Maus. Google blendete irgendeine Animation ein, als sie Königsstuhl eingab. Der Suchvorgang dauerte nur wenige Augenblicke. Dann las sie: »Königsstuhl (Rügen) – Wikipedia«.
   Jenny riss ungläubig die Augen auf. Die Bilder ließen keinen Zweifel aufkommen. Dort hatte sie gestanden. Auch wenn die Aussichtsplattform in ihrem Traum in deutlich schlechterem Zustand gewesen war. Jenny begriff es nicht. Sie kannte Rügen doch überhaupt nicht. Es lag fast siebenhundert Kilometer entfernt, sie war niemals dort gewesen. Wie war es möglich, dass sie so detailliert davon geträumt hatte? Konnte es sein, dass sie irgendwann mal eine Fernsehsendung darüber gesehen hatte und sich nur nicht mehr daran erinnerte? Immerhin war der Kreidefelsen Königsstuhl die Rügener Sehenswürdigkeit schlechthin, und es gab dazu sogar ein Gemälde von Caspar David Friedrich. Vermutlich war es schwierig, diesen Informationen nicht irgendwann im Laufe des Lebens zu begegnen. Für diese Theorie sprachen der verrostete Zustand des Geländers und die aufgebrochenen Steinplatten in ihrem Traum. Sie hatte sich wahrscheinlich unterbewusst an eine vergangene Aufnahme erinnert, vielleicht an etwas kurz nach dem Mauerfall, und die aktuellen Fotos zeigten den Zustand nach der Renovierung.
   Den ganzen Vormittag über beschäftigte sie sich mit der Insel, sah sich Bilder über Rügen auf Google und Urlaubsvideos auf YouTube an. Alles war fremd und trotzdem merkwürdig vertraut. Als sie ein Foto des Großsteingräberfeldes bei Lancken-Granitz sah, blieb ihr die Luft weg. Die riesigen, verwitterten Hünengräber, unter Baumgruppen auf einem weiten Feld verteilt, ließen ihren Puls in die Höhe schnellen und jagten ihr Gänsehaut über den Körper. Am Mittag hielt sie es nicht mehr aus. Sie rief ihre Mutter an und fragte, ob sie vielleicht als Kind auf Rügen gewesen war.
   »Nein, das waren wir nie«, lautete die überraschte Antwort. »Dein Vater wollte ja immer mal hin, aber irgendwie hat es nicht geklappt. Mich reizt die Ostsee nicht so sehr. Aber für deinen Vater ist es natürlich etwas Besonderes.«
   »Warum?«, wollte Jenny mit klopfendem Herzen wissen.
   Mutter seufzte. »Daran erinnerst du dich also nicht mehr«, sagte sie und Jenny konnte förmlich hören, wie sie schmunzelte. »Dein Vater hat doch eine Zeit lang Ahnenforschung betrieben, als du noch klein warst. Dabei glaubt er, herausgefunden zu haben, dass seine Familie im Mittelalter auf Rügen gelebt hat. Damit hättest du also rüganische Wurzeln.«
   Jenny fiel beinah das Handy aus der Hand. Ihr wurde heiß und kalt, und ein plötzlich aufgetretener Schwindel ließ das Zimmer vor ihren Augen schwanken. Sie bedankte sich mühsam und hoffte, dass Mutter ihren Zustand nicht bemerkt hatte.
   Rüganische Wurzeln.
   Schweißperlen traten ihr auf die Stirn, und ihre Hände zitterten unkontrolliert. Sie verstand sich selbst nicht. Warum machte ihr das solche Angst? Nur wegen eines einzigen Traums, in dem sie bei Vollmond auf dem Königsstuhl gestanden hatte?
   Es klingelte. Das konnte nur Tom sein, warum benutzte er nicht seinen Schlüssel? Jenny sprang auf. Sie riss die Tür auf und hielt inne, als sie seine eisige Miene sah.
   »Was ist los?«, fragte er.
   Jenny starrte ihn an. Nichts war gut geworden. »Alles okay«, sagte sie nur.
   »Ich hab uns ne Tiefkühlpizza aus dem Supermarkt mitgebracht. Dachte, das krieg ich wohl noch hin. Ich muss ja die Sache mit dem Rührei wiedergutmachen.« Das Grinsen erreichte seine Augen nicht.
   Jenny folgte ihm in die Küche und war sich sicher, dass auch er reden wollte. Sie sah ihm zu, wie er die Backbleche mit Antihaftpapier auslegte und den Herd vorheizte. Hoffte, dass er etwas sagen würde. Er hatte nicht viel Zeit, denn das Nachmittagsseminar begann um vierzehn Uhr.
   Aber Tom sagte nichts. Er nahm Geschirr, Gläser und Besteck aus dem Schrank, deckte den Tisch und schwieg.
   Der Ärger verscheuchte Angst und Unsicherheit. »Jetzt würde ich dich gern fragen, was los ist«, sagte Jenny trocken.
   Tom sah auf. Der Blick aus seinen braunen Augen hatte nichts Cockerspanielartiges mehr. »Das möchtest du nicht wissen.«
   »Aber darauf kannst du wetten, dass ich das wissen möchte. Tom, es wird Zeit, dass wir miteinander sprechen, findest du nicht?«
   Wortlos ging er zum Mülleimer und hob den Deckel. »Bitte schön.«
   Sie trat an ihm vorbei und schaute in den Eimer. Dort sah sie den Digitalwecker aus dem Schlafzimmer, er war zersplittert. Die Rückseite war aufgebrochen und gab den Blick auf die verkabelten Eingeweide frei. Jenny verstand nicht das Geringste. Sie sah Tom fragend an.
   »Tu doch nicht so«, sagte er und klappte den Deckel zu. Dann ging er an ihr vorbei und prüfte die Temperatur vom Backofen.
   Jenny begann zu frieren.
   »Tom, ich habe wirklich keine Ahnung«, flüsterte sie. »Bitte sag mir doch, was mit dem Wecker passiert ist. Ich habe mich schon gewundert, dass ich heute Morgen nicht wach geworden bin.«
   »Du könntest dich eher wundern, dass ich wieder hier bin«, erwiderte Tom, ohne sie anzusehen.
   Jenny presste die Hände an die Schläfen. Da war nichts, nicht die geringste Erinnerung an die Nacht nach ihrem Traum.
   Endlich drehte er sich zu ihr um. Sein Blick war nicht länger eisig, eher verzweifelt. »Jenny, ich glaube, du solltest einen Psychotherapeuten aufsuchen«, sagte er ernst.
   Jenny versuchte, ruhig zu bleiben. Sie verkrampfte die Hände hinter dem Rücken, damit er nicht sah, wie sie zitterten. »Ich erinnere mich an nichts«, erklärte sie tonlos. »Vielleicht sagst du mir wenigstens, was passiert ist. Gib mir eine Chance, Tom.«
   Er zögerte. »Es war nicht lange nach deinem Albtraum«, sagte er und seine Stimme bebte. »Ich habe gewartet, bis du eingeschlafen warst, und dann wollte ich wieder in mein Zimmer rübergehen. Da merkte ich auf einmal, dass du mich angestarrt hast. Diese Augen. Jenny, deine Augen machen mir Angst. Als ob sich etwas Schlimmes dahinter verbergen würde.« Er stockte.
   Jenny konnte kaum atmen.
   Dann zog er den Ärmel seines Sweatshirts hoch und zeigte ihr wortlos seinen linken Arm. Vier dicht nebeneinanderliegende Striemen gingen von der Ellenbeuge bis zum Knöchel hinunter. Sie waren tief ins Fleisch gegangen und kaum verkrustet. An den Rändern verfärbte sich die Wunde bereits blau.
   Jenny brauchte einen Augenblick, bis sie verstand, was er ihr damit sagen wollte. »Das war ich nicht«, brachte sie hervor.
   Tom rollte den Ärmel mit einem resignierten Seufzen wieder nach unten. »Doch«, sagte er. »Doch, Jenny, das warst du. Du warst außer dir. Den Wecker hast du auf dem Boden zerschmettert. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Ich konnte dich nicht festhalten, du warst stärker als ich. Ich weiß, das klingt lächerlich, aber es war so. Und es war ja nicht das erste –« Er unterbrach sich abrupt und biss sich auf die Unterlippe.
   Einen Moment lang versuchte sich Jenny einzureden, Tom würde einen Spaß mit ihr machen. Aber das funktionierte nicht. Was auch immer geschehen war: Tom glaubte, was er erzählte. Und es war ja nicht das erste – Mal? War es das, was er hatte sagen wollen? »Ich soll dich gekratzt und den Wecker kaputt gemacht haben? Und das alles, ohne mich im Geringsten daran zu erinnern?«
   Toms Blick wurde wieder frostig. »Genau das hast du getan«, antwortete er. »Aber ob du dich tatsächlich nicht daran erinnerst, das wirst du besser wissen als ich.« Er ging aus dem Raum und kam nach einem Augenblick mit einem kleinen, in Toilettenpapier eingewickelten Gegenstand zurück.
   »Du hast mir schließlich auch nicht erzählt, dass du dir ein Souvenir mitgebracht hast«, sagte er sarkastisch.
   Er wickelte das Papier langsam ab.
   Jenny wusste schon, was es war, bevor sie die knöchernen Strukturen sah. Sie schrie auf. »Wo hast du das gefunden?«
   »Im Bad, unter dem Spülkasten«, antwortete Tom, immer noch zynisch. »Reiner Zufall, dass ich es gesehen habe.«
   Jenny zitterte unkontrolliert. Es war kein Zweig gewesen, auf den sie getreten und den sie in der Toilette hinuntergespült hatte. Es war ein Fingerknochen von dem Skelett aus dem Sarg, und sie hatte keine Ahnung, wie er unter den Spülkasten gelangen konnte. Sie hatte Mühe, den Brechreiz zu unterdrücken. Und sie wusste, dass es noch schlimmer kommen würde. »Wolltest du nicht eben sagen: Es war ja auch nicht das erste Mal?«, murmelte sie. »Was meinst du damit?«
   Toms Geduld war erschöpft, sie sah es an seinen heruntergezogenen Mundwinkeln. Er drehte sich um und starrte auf die Pizzen im Herd. Was war nur mit ihrem Tom passiert?
   »Bitte, ich muss wissen, was bei Kenos Beerdigung geschehen ist«, flehte sie.
   Tom schwieg. Er kehrte ihr weiterhin demonstrativ den Rücken zu.
   Jenny schwitzte vor Angst. Ihre Welt war auf den Kopf gestellt, und sie fürchtete sich ebenso vor den Antworten auf ihre Fragen wie vor dem Nichtwissen.
   Sie lief nach draußen in die Diele und zog sich ihre Trekkingschuhe an. Wenn Tom nicht antwortete, würde ihr vielleicht ein Besuch an Kenos Grab weiterhelfen.
   Sie rannte durch den Wald. Steil bergan. Aus dem Tal trug der Wind das rollende Geräusch der Schwebebahnen herauf, es wurde immer mehr von ihrem Keuchen übertönt. Sie, die beim letzten Cronenberger Marathon unter den ersten dreißig Läufern gewesen war, kam nach zweihundert Metern schon so außer Atem, dass ihre Lungen brannten. Sie wurde langsamer, schließlich musste sie stehen bleiben. Das Seitenstechen war kaum zu ertragen. Was war nur mit ihr los?
   Jogger, Nordic Walker und Mountainbiker waren unterwegs, überholten sie mit mitleidigen Blicken. Was mochten die denken? So jung und schon so kaputt? Sie bemühte sich, sie nicht anzusehen. Sie hatte Angst vor den Reaktionen auf ihre roten Augen.
   Jenny zwang sich, weiterzulaufen. Sie war entschlossen, ihren rebellierenden Körper zu ignorieren. Aufgeben war nicht ihr Ding. Das hatte sie nie getan.
   Nach Luft schnappend erreichte sie die Stelle, wo sie Keno abgelegt hatten. Der Erdrutsch sah verändert aus, die Erde wirkte aufgewühlt, aber nicht so, als hätte man hier einen Hund begraben. Viel eher wie ein Kampfschauplatz. Fuß- und Handabdrücke, tief eingegraben, dazwischen Furchen wie von ausrutschenden Absätzen.
   Einen Moment lang hatte sie Angst, Kenos toten Körper vorzufinden, aber weder der Hund noch der Sarg oder die Überreste des Kindes waren zu sehen.
   Im Gebüsch lag die Decke, in der sie Keno transportiert hatten, sie war schmutzig und zerrissen. Daneben die leere Literflasche Evian.
   Jennys Nackenhaare stellten sich auf. Sie bekam eine Gänsehaut und schaute sich die Spuren genauer an. Bei einem Abdruck erkannte sie das Profil ihres Trekkingschuhs. Kein Zweifel möglich, sie hatte den Schuh damals nach dieser Sohle mit der eingeprägten Hundepfote ausgesucht. Und da war noch ein Abdruck – wer hatte schon so große Füße, außer Tom?
   Was war hier geschehen, nachdem sie Keno beerdigt hatten?
   Jenny machte einen Schritt über die Spuren auf den Erdrutsch zu. Das Grab, das sie ausgehoben hatten, war wieder mit Erde bedeckt. Unter den losen Krumen sah sie den Stiel eines der Klappspaten hervorragen. Der Plastikgriff war gesplittert. Sie zog daran und stolperte rückwärts: Der Spaten war zerbrochen. Sie hielt die zerkratzten und verbeulten Überreste in der Hand.
   Bilder blendeten sich ein, eine viel zu schnell abgespielte Diashow. Der Hintergrund war rotbraun wie geronnenes Blut. Tom, mit weit aufgerissenen Augen, er ließ seinen Spaten fallen und hob abwehrend die Hände. Er wich zurück, der zweite Klappspaten wurde vor seinen Füßen zerschlagen. Sie sah zusammengekrampfte Finger um den Griff, erkannte sie als die ihren, aber erst auf den zweiten Blick, an ihrem Silberring mit den ägyptischen Hieroglyphen, den ihr Tom nach dem Besuch der Tutanchamun-Ausstellung in Köln geschenkt hatte. Die Hände wirkten wie Klauen, als sie sich um Toms Oberarme schlossen. Das Entsetzen auf Toms Gesicht ließ Jennys Herz rasen. Dann ein Zoom, ganz nahe an Toms Augen heran, und die Spiegelung wurde immer deutlicher. Jenny schrie auf. Die Fratze, die ihr dort entgegenblickte, war das Gesicht einer Irren, mit roten Augen, gebleckten Zähnen und einem geifernden, zu wahnsinnigem Grinsen verzerrten Mund. Sie erkannte sich nicht wieder.

Jenny konnte sich nur noch schemenhaft daran erinnern, wie sie nach Hause gekommen war. Sie fand sich auf der Couch sitzend wieder, die Rotweinflasche in der Hand, aus der sie immer wieder tiefe Schlucke nahm. Der Alkohol ergoss sich wie flüssiges Feuer in ihren revoltierenden Magen, ihr wurde übel davon, aber ihr war nichts Besseres eingefallen, um wieder ruhig zu werden. Vater hatte immer Cognac getrunken, wenn er aufgeregt war, doch etwas Stärkeres als Rotwein hatte Jenny nicht im Haus.
   Toms Nachmittagsseminar war noch nicht zu Ende, er würde frühestens in anderthalb Stunden hier sein.
   Der Raum schwankte vor Jennys Augen.
   Was war mit ihr passiert? Sie stellte sich diese Frage wieder und wieder, aber es gab keine Antwort darauf. Tom hätte eine Antwort gehabt. Inzwischen verstand sie allerdings, dass er sie ihr nicht geben wollte.
   Sie konnte sich bestens in seine Lage hineinversetzen. Wenn er bei Kenos Beerdigung so ausgerastet wäre – und noch einmal danach, hätte sie auch nicht mehr mit ihm reden wollen. Sie konnte die Tiefe ihrer Freundschaft an der Tatsache ermessen, dass er immer noch für sie da war. Jeder ihrer Partner wäre vermutlich gerannt, so weit ihn die Füße trugen. So war Tom eben nicht. Tom war ihr bester Freund, er hatte sie nie im Stich gelassen – und tat es nicht einmal jetzt. Doch die Grenze des für ihn Erträglichen war überschritten, und irgendwann würde er aus ihrem Leben verschwinden.
   Jenny atmete tief durch und straffte die Schultern.
   Das durfte nicht sein. Sie wollte Tom nicht verlieren. Sie wusste nicht, was hier geschah, aber sie brauchte ihn an ihrer Seite.
   Als sich der Schlüssel im Schloss drehte, hatte sie eine dreiviertel Flasche Rotwein intus. Ihr war heiß, und beim Aufstehen schwankte das Zimmer vor ihren Augen. Sie stellte die Flasche auf den Tisch und hangelte sich an der Rückenlehne der Couch entlang zur Wohnzimmertür. »Hi«, sagte sie und versuchte, Tom so strahlend wie möglich anzulächeln.
   Im nächsten Moment wusste sie, dass sie alles falsch gemacht hatte.
   Er starrte sie an, erst ungläubig, dann mit versteinerter Miene. »Was kommt denn eigentlich noch?«, fragte er tonlos. »Du hast mir heute Mittag so leidgetan. Ich konnte einfach nicht verstehen, was los ist. Die ganze Zeit im Seminar habe ich an dich gedacht. Und jetzt bist du voll bis Oberkante Unterkiefer. Sag mal, Jenny, bist du noch ganz dicht?«
   Die Erkenntnis schlug über ihr zusammen wie eine hohe Meereswelle. Sie hatte die Freundschaft retten wollen und deshalb versucht, sich mit dem Rotwein zu entspannen. Das war ihr wie die Idee des Jahrhunderts vorgekommen.
   Und nun hatte sie es noch schlimmer gemacht. Sie konnte sich selbst durch Toms Augen sehen: Mit dem verunstalteten Gesicht und den blutunterlaufenen Augen, und auch noch betrunken.
   Sie taumelte ein paar Schritte zurück und ließ sich auf die Couch fallen. Das Weinen kam heftig, der Schmerz krallte sich mit Klauen in ihr Herz. Sie schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte trostlos in sich hinein.
   Auf einmal spürte sie Toms Hände auf ihren Schultern. Er setzte sich neben sie und legte schweigend den Arm um sie. Seine Wärme ließ Jennys gefrorenes Inneres auftauen. Nun flossen die Tränen noch heftiger als zuvor, aber die Trostlosigkeit war einer leisen Hoffnung gewichen.
   »Bitte, Tom«, schluchzte sie, »bitte erzähl mir, was bei Kenos Beerdigung passiert ist. Ich war eben im Wald und habe die Kampfspuren gesehen, und ich hatte auf einmal schreckliche Bilder vor Augen. War ich das wirklich?«
   Tom seufzte tief und erschauderte. »Ganz ehrlich?«, fragte er leise. »Ich weiß es nicht, ob du das warst. – Weil es immer heller wurde und wir Angst hatten, entdeckt zu werden, haben wir den Sarg und das Skelett liegen lassen und das Grab für Keno fertig ausgehoben. Wir haben ihn hineingelegt, und alles schien normal. Du warst traurig, als wir das Loch zugeschüttet haben, hast die Rose, die du extra dafür gepflückt hattest, auf den Hügel gelegt. Ich habe die Decke zusammengefaltet und wollte die Klappspaten einpacken, da standest du auf einmal neben mir, aber du hast überhaupt nicht mehr ausgesehen wie du selbst. Du warst richtiggehend tobsüchtig. Deine Augen waren ganz rot, und deine Lippen bluteten, weil du dir immer draufgebissen hast. Du hast gespuckt und gekratzt und mit dem Spaten nach mir geschlagen, und als ich dir ausgewichen bin, hast du das Ding einfach auseinandergebogen und zerbrochen. Ich glaube nicht, dass ich diese Kraft hätte, es war unfassbar.«
   Jenny bekam Schüttelfrost. Tom drückte sie enger an sich.
   »Und dann?«, wollte sie wissen. Die Anspannung legte sich wie ein Strick um ihre Kehle.
   Tom zögerte einen Augenblick. »Es war auf einmal vorbei. Ich habe keine Ahnung, warum. Du hast geschrien wie am Spieß und bist einfach umgekippt. Und als du die Augen aufgeschlagen hast, sahst du wieder aus wie immer, nur total sediert. Ich habe also die Spaten liegen lassen, dich nach Hause geschleppt und ins Bett verfrachtet.«
   Er schob sie ein Stück von sich weg und legte ihr den Finger unters Kinn, um ihren Kopf anzuheben. Er sah ihr lange in die Augen. Irgendwann begann er zu lächeln. Jenny schmolz dahin, die Tränen versiegten, als sie seine gehobenen Mundwinkel sah. Die Lippen des Mannes mit den Mondaugen fielen ihr wieder ein, sie musste sich zwingen, sich auf Tom zu konzentrieren.
   »Ich habe keine Ahnung, was mit dir passiert ist«, murmelte er, »aber wenn ich dich jetzt ansehe, dann bist du das, ganz eindeutig. Du hast einfach so sehr an Keno gehangen. Bitte, Jenny, lass uns einen Therapeuten für dich finden. Ich habe Angst vor den Nächten, aber ich werde bei dir bleiben. Versprochen.«
   Jenny war so dankbar, so glücklich, ihr Herz floss über vor Zuneigung zu Tom. Alles würde gut werden, sie wusste es genau. Tom hatte recht, sie würde jetzt sofort in der Umgebung nach Psychotherapeuten googeln.
   Die grauen leuchtenden Augen, die sich plötzlich in ihr Bewusstsein schoben, verdrängte sie augenblicklich. Sie wollte nicht an ihn denken, während sie Tom so ansah. Es kam ihr fast wie ein Betrug vor.
   All das musste an Keno liegen, das war die einzige Erklärung. Sie hatte noch nie so sehr getrauert.
   Jenny fühlte sich zum ersten Mal seit Kenos Tod wieder froh. Beim Abendessen alberten sie und Tom herum, als wäre nichts geschehen. Wenn Tom da war, konnte ihr nichts passieren. Er hielt sie die ganze Zeit über fest und streichelte beruhigend ihre Hand.
   »Wenn du willst, lege ich mich neben dich und passe auf dich auf, während du schläfst«, flüsterte er.
   Jenny nickte. Als sie nebeneinander im Bett lagen, schloss sie die Augen und seufzte zufrieden. Aber das weiße Gesicht des Mannes schlich sich in ihre ersten Träume. Auf einmal spürte sie, wie er sie küsste, die Wärme seiner Lippen auf ihren, das Feuer, das durch ihre Adern schoss. Seine Haut duftete wie ein Kiefernwald in der Abendkühle, würzig und erdig. Jenny keuchte auf und riss sich ins Wachsein zurück. Sie nahm die Wasserflasche vom Nachttisch und trank einen großen Schluck. Sie war hellwach. Sie lauschte dem Schweigen der Nacht, während all ihre Gedanken stets wieder zu ihm und seinen Mondaugen zurückkehrten.

Kapitel 5

jenny wachte von ihrem eigenen Schrei auf. Sie hatte nicht bemerkt, dass sie eingeschlafen war. Tom saß senkrecht neben ihr im Bett und betrachtete sie mit aufgerissenen Augen.
   Seine Miene entspannte sich, als sie nach seiner Hand griff. »Hast du wieder einen Albtraum gehabt?«, fragte er.
   »Was ist mit dem Sarg geschehen?«, flüsterte Jenny atemlos. »Haben wir ihn wieder eingegraben? Ich habe keine Spur davon gesehen, als ich an Kenos Grab war.« Ihr Herz raste. Sie wusste selbst nicht, warum, aber sie hatte fürchterliche Angst, dass das Skelett noch oberhalb der Erde war.
   Tom sah sie ernst an. »Ich habe ihn jedenfalls nicht eingegraben. Nachdem du so ausgerastet warst, war der Sarg meine geringste Sorge. Und als du dich wieder beruhigt hattest, war es keine leichte Aufgabe, dich nach Hause zu bringen, in deinem Zustand.«
   Sie hörte das Beben in seiner Stimme. Übelkeit erfasste Jenny mit voller Wucht, und sie stürzte ins Bad, wo sie sich würgend übergab. In ihrem Kopf kreiste das Bild der hölzernen Kiste mit den schrecklich zugerichteten Knochen.
   Tom war hinter ihr im Türrahmen erschienen.
   Sie sah sein Gesicht im Spiegel – es zeigte eine Mischung aus Besorgnis und Entsetzen. »Das muss wieder unter die Erde«, flüsterte sie. »Es muss wieder unter die Erde. Sofort. Wo hast du den verdammten Fingerknochen hingelegt?«
   »Das meinst du nicht ernst, oder?«, fragte er mit zusammengepressten Lippen. »Du glaubst doch nicht, dass ich mit dir mitten in der Nacht in den Wald gehe und diesen Sarg wieder eingrabe? Das letzte Erlebnis dort hat mir absolut gereicht.«
   Jenny hing schwer atmend über der Toilette. Nach und nach beruhigte sich ihr Magen wieder. Der widerliche Geschmack nach saurem Alkohol im Mund blieb jedoch.
   Sie hatte keine Erklärung für ihre Angst, aber sie wusste, sie würde erst wieder Frieden finden, wenn sie das mit dem Sarg erledigt hatte. Sie rannte durch die Wohnung auf der Suche nach dem Knochen.
   »Du bist verrückt«, murmelte Tom. »Lass gut sein, der Finger ist hier nicht mehr im Haus. Den habe ich auf dem Weg zur Uni in den Müllcontainer geworfen.«
   Jenny zog sich wortlos an, holte die MagLite aus dem Schrank und packte einen Rucksack. Sie hatte noch ein paar Gartenutensilien im Dielenschrank, die waren zwar nicht so tauglich wie die Klappspaten, aber sie würden reichen. Das redete sie sich jedenfalls ein. Sie musste dorthin, sie hatte keine Angst vor der Dunkelheit oder dem Weg durch den Wald.
   »Für mich sieht das aus wie eine Neurose«, dozierte Tom. »Eine Zwangsneurose. Ich weiß nicht, wie oft ich es schon gesagt habe, Jenny, aber du brauchst einen Therapeuten.«
   Jenny verdrehte die Augen. Toms erste Freundin hatte an einer Borderline-Störung gelitten, und seitdem glaubte Tom, jede kleine Verstimmung wäre sofort ein Fall für eine Therapie.
   Der Vorhang vor dem Fenster wurde vom Wind ein Stück zur Seite geweht. Ein Strahl Mondlicht traf Jenny ins Auge.
   Dieser Idiot! Tom ist wirklich ein Idiot, warum kann er nicht den Mund halten?
   Auf einmal war alles in ein rotbraunes Licht getaucht. Jenny hörte das Blut in ihren Ohren rauschen. Glühende Wut pulsierte mit jedem Herzschlag durch ihren Körper, es fühlte sich an, als würde Lava durch ihre Adern fließen.
   Sie spürte nicht, dass sie ging, sie sah nur, wie sie sich auf den Mann vor ihr zubewegte. Er hob abwehrend die Hände, nackte Panik im Gesicht. Das berührte sie nicht im Geringsten. Sie sah ihre Klauen, die sich um die Gartenhacke gekrallt hatten, und wie sie zum Schlag gegen ihn ausholte.
   Er öffnete den Mund, vielleicht sagte er etwas, aber sie hörte nichts, das Blut in ihren Adern floss zu laut.
   Jetzt würde er bekommen, was er verdiente. Endlich.
   Sie holte mit der Hacke aus, gegen sein Gesicht, verwandelte seine rechte Wange in ein Feld mit roten Furchen. Wieder öffnete er den Mund, wich gegen die Tür zurück, sie setzte nach, holte erneut aus.
   Der Mann hatte auf einmal ein massives, langes silbern glänzendes Ding in der Hand. Er wehrte damit ihren Schlag ab. Die Hacke krachte mit einem hässlichen Geräusch auf das Metall. Der Mann rutschte aus, das Metallgehäuse fiel ihm aus der Hand, prallte mit einem dumpfen Plopp auf eine Flasche mit Wasser, die geöffnet auf dem Nachttisch stand. Die Flasche fiel um, ihr Inhalt ergoss sich über ihre Hose und ihre Schuhe. Es fühlte sich an wie flüssiges Feuer. Sie kreischte auf, versuchte, es wegzuwischen, aber nun war es auch an ihren Händen. Ihr gellendes Schreien war lauter als das Blut in ihrem Körper. Sie konnte nicht mehr aufhören, das weiße Feuer brannte ihr die Seele aus dem Leib, löste sie auf, ließ sie in barmherziger Schwärze versinken.

Die Stille um sie herum flüsterte, als Jenny die Augen aufschlug. Da war kein tröstliches Vergessen, kein wärmendes Nichtwissen, sondern Erinnerung wie Eiswasser in ihrem Bewusstsein. Sie wusste, was sie getan hatte.
   Sie lag auf dem Bett, nach wie vor angezogen. Ihr war so kalt, dass sie zitterte. Sie zog die Decke über ihren Körper, aber es half nicht.
   Die Sonne schien gedämpft durch die Vorhänge. Sie schmerzte dennoch in ihren Augen.
   Ihr Blick fiel auf die Flasche Evian, die in einer nassen Lache neben ihrem Bett lag.
   Was war mit diesem Wasser? Es hatte sie verbrannt, es hatte sie aus dem Zustand herausgeholt. Sie hob die Flasche vom Boden auf, roch an der Öffnung. Ein Bodensatz war noch darin. Sie musste es wissen. Sie setzte die Flasche an den Mund und trank die letzten Schlucke, wartete. Nichts passierte.
   Jenny stand auf und ging ins Bad. Der Erste-Hilfe-Kasten stand offen auf dem heruntergeklappten Toilettendeckel, überall lagen blutige Mulltücher und Pflasterstreifen herum. Tom hatte sich verarztet.
   Nun würde er fort sein. Sie empfand nichts bei dem Gedanken. Sie war bereits so tief unten, es gab keinen Raum mehr für Trauer oder Furcht.
   Jenny schaute sich im Spiegel an. Die Augen waren noch stärker gerötet, es schien ihr, als würden sie leuchten. Ihre Lippen waren rohes Fleisch, Blutkrusten erstreckten sich um den ganzen Mund wie bei einem Vampir nach seiner Mahlzeit. Es sah grässlich aus. Das wunderte sie nicht, sie hatte ja in diesem Kopf gesteckt, durch diese blutunterlaufenen Augen gesehen. Die tiefschwarzen Schatten unter dem Lid, die zerstörten Lippen – es war kaum noch ihr Gesicht, das ihr da aus dem Spiegel entgegenblickte.
   Sie drehte automatisch den Hahn auf und goss sich mehrere Handvoll Wasser über den Kopf. Die Kälte ließ die Betäubung ein Stück weit weichen und machte dem Grauen Platz. Sie bearbeitete die Blutkrusten um den Mund, bis sie verschwunden waren.
   Währenddessen immer wieder die eine Frage.
   Was geschieht mit mir?
   Sie stolperte in die Küche und blieb wie angewurzelt stehen.
   Tom saß am Küchentisch, mit einem großen Pflaster auf der Wange. Er sah übernächtigt aus. Seine braunen Augen musterten sie eindringlich, dann stieß er langsam den angehaltenen Atem wieder aus.
   »Du bist noch da«, war alles, was Jenny hervorbrachte.
   »Ich wundere mich auch«, sagte Tom sachlich. Er ging zur Kaffeemaschine und füllte eine große Tasse. »Ich dachte mir, das könntest du jetzt vertragen,«
   Jenny spürte schon wieder die Tränen in ihren Augen brennen. Sie drängte sie zurück. Nein, diesmal würde sie nicht losheulen. Sie hatte definitiv keine Berechtigung dazu. Er war zu gut, um wahr zu sein.
   Sie nahm die Tasse, schloss die Hände um das brühheiße Gefäß, es tat weh und brachte mehr Erinnerungen an die vergangene Nacht. Sie nahm einen Schluck, ihre Lippen explodierten in einer Schmerzwelle, sie verbrannte sich die Zunge, zerbiss den Schrei.
   »Ich habe an der Uni angerufen, ich fahre fürs Erste nicht zu den Seminaren«, erklärte Tom in einem beiläufigen Tonfall, als wäre nichts gewesen.
   Jenny trank noch einen Schluck Kaffee und würgte an ihren Tränen.
   »Dann gehen wir heute mal in den Wald«, fuhr Tom verbissen fort.
   Jenny konnte ein leises Schluchzen nicht mehr unterdrücken. »Danke«, flüsterte sie.
   Tom beugte sich über den Tisch zu ihr herüber. »Ich lass dich nicht im Stich«, erklärte er mit zusammengepresstem Kiefer. »Alles klar?«
   »Alles klar«, murmelte Jenny und wischte sich das Gesicht mit dem Ärmel des Sweatshirts ab.

Später stand sie unter der Dusche, ließ das dampfend heiße Wasser auf ihren Körper prasseln und stellte sich dem Schmerz der Erinnerung.
   Und diesem Moment.
   Sie hatte sich immer für die Stärkere gehalten. Sie gestand sich ein, dass Tom bei ihr in der Kategorie »Weichei« rangiert hatte. Und nun tat Tom etwas, was sie ihm nicht zugetraut hatte. Etwas, wozu sie vielleicht in entsprechender Situation nicht fähig gewesen wäre.
   Sie war nicht allein. Sie wusste nicht, womit sie verdient hatte, dass er das für sie tat, aber sie war entschlossen, dieses Geschenk des Schicksals anzunehmen.
   Jenny hob das Gesicht in den Duschstrahl. Ihre Tränen vermischten sich mit dem heißen Wasser.
   Und dann war der Moment vorbei, und die Angst kam zurück.
   Dieser Zustand – er würde sich wiederholen, das war ihr klar. Seit Kenos Tod war er jede Nacht aufgetreten.
   Was, wenn sie Tom ernsthaft verletzte?
   Die Sorge um Tom wurde einfach beiseitegeschoben. Ohne jede Vorwarnung drängte sich das Gesicht mit den Mondaugen in ihre Gedanken. Ihre Angst wandelte sich in Wut. Was hatte er hier zu suchen, warum konnte sie ihn nicht aus ihrem Kopf verbannen? Warum hatte er so eine Wirkung auf sie? Sie fühlte sich ebenso von ihm abgestoßen wie angezogen, geängstigt wie fasziniert. Sie wollte keinen Gedanken mehr an ihn verschwenden und tat es trotzdem andauernd. Ob es so war, wenn man Drogen nahm?
   Nicht, dass Jenny damit viel Erfahrung gehabt hätte. Sie hatte kurz vor dem Abi einmal mit ihrer damaligen besten Freundin Cara auf einer Party einen Joint geraucht, und der hatte nicht die geringste Wirkung auf sie gehabt. Cara kannte sich in dem Metier besser aus und hatte ihr viel von abgehobenen Zuständen berichtet. Sie nannte das »Erfahrungen mit Bewusstseinserweiterung sammeln«, sie stand auf solche Dinge.
   Jennys Gefühle passten zu Caras Berichten. Normal waren ihre Empfindungen sicherlich nicht. Sie versuchte es mit rationalem Denken: Würde der Mann mit den Mondaugen auch so handeln wie Tom? Wohl kaum. Tom setzte gerade die Messlatte für jeden zukünftigen Partner in schwindelnde Höhen.
   »Verschwinde endlich aus meinem Kopf«, murmelte sie und ballte die Hände zu Fäusten. »Ich will das nicht.«
   Sie drehte das Wasser mit einem Ruck kalt, ertrug den wie Eisregen auf sie niederprasselnden Strahl aus dem Duschkopf geschlagene fünf Minuten lang ohne einen Laut. Dann stellte sie die Dusche aus, trocknete sich ab und ging in die Küche. Die Wärme des Zimmers brannte auf ihrer Haut. Tom saß am Tisch, seinen Laptop vor sich und machte sich auf einem Schreibblock Notizen.
   Er drehte sich halb zu ihr um, als sie neben ihn trat, und deutete auf den Bildschirm. Er hatte eine Homepage gegoogelt, die sich mit Spuk befasste. Dort gab es einen Artikel über die Bekämpfung von Geistern. Jenny las ein paar Zeilen, sie konnte es nicht glauben. Tief in ihr drin war ein fremdes Gefühl wie ein Gelächter, das nicht das ihre war. Ihr wurde kalt, sie tastete danach, es zog sich zurück, bis es außer Reichweite war und sie glauben konnte, sie hätte es sich nur eingebildet.
   »Lies ruhig weiter, da steht, wie wir vorgehen müssen«, erklärte Tom.
   Jenny starrte ihn an. Sie konnte das nicht fassen. Es schien ihm ernst zu sein. »Echt jetzt?«, fragte sie. »Glaubst du wirklich, das stimmt, was die da schreiben? Ich meine – bis jetzt haben wir uns doch über solche Dinge immer lustig gemacht. Ghostbusters und so, du weißt schon.«
   »Genau, bis zu dem Moment, als du dich in einen Dämon mit roten Augen verwandelt hast und mit Klappspaten und Hacke auf mich losgegangen bist«, erwiderte Tom trocken. »Seitdem finde ich es nicht mehr besonders witzig.« Er fuhr den Computer herunter. »Da steht, dass man die Knochen eines Geistes verbrennen soll. Ja, ich weiß, wie das klingt, und, ganz ehrlich: Nein, ich glaube nicht daran, aber ich denke, jede Idee, dieses Mistding loszuwerden, ist einen Versuch wert. Ich war schon im Supermarkt, als du noch schliefst, und habe Brennspiritus und ein paar Stabfeuerzeuge besorgt. Wir gehen in den Wald und machen eine kleine Grillparty.«
   Noch vor ein paar Tagen hätte Jenny über solch einen Vorschlag Witze gerissen. Aber ihre Hoffnung war eine gewaltige Triebfeder, und sie verstand, dass einen dieses Gefühl veranlassen konnte, verrückte Dinge zu tun. Sie wollte unbedingt, dass Tom recht hatte, und je mehr sie darüber nachdachte, desto weniger bizarr erschien ihr das Ganze. »Man wird uns sehen«, gab sie zu bedenken. »Lass uns warten, bis es dämmert und weniger Leute im Wald sind. So gegen acht.«
   Tom sah sie lange an, dann nickte er. »Okay, machen wir es so«, sagte er.

Erst Ende August, und der Sommer schien vorbei. Die Nächte wurden kalt, und eine Wolkendecke verhüllte die Wuppertaler Höhen. Der Geruch des Holzbrandes von Kaminfeuern ließ Jenny bereits den Herbst ahnen.
   Zwielicht breitete sich aus, während sie schweigend neben Tom den steil ansteigenden Waldweg durch den Kothener Busch ging. Wieder schaute sie auf Barmen hinunter. Es sah gemütlich aus, in den Häusern brannten bereits die ersten Lichter. Der Anblick hätte beruhigend wirken können, tat es aber nicht. Jennys Herz schlug schmerzhaft gegen ihre Rippen. Was sie hier vorhatten, war so lächerlich. Ein lächerliches Ritual …, das ihr eine Höllenangst einjagte.
   Und immer noch irgendwo tief in ihr drinnen diese dunkle Stimme, spöttisch.
   Glaubst du wirklich, dass das helfen wird?
   Genauso wenig, wie die kalte Dusche geholfen hatte? Jenny kämpfte die Wut nieder, atmete tief durch.
   Ich will das nicht. Du wirst schon sehen.
   Schließlich stand sie zum dritten Mal an Kenos Grab. Das Licht der MagLite ergoss sich über die dunkle Erde, zitterte wie der Zeigefinger einer ängstlichen Hand über den Untergrund.
   Tom leuchtete erst willkürlich, dann immer systematischer. »Hier haben wir Keno beerdigt«, sagte er nach einer Weile. »Schau, da ist die Wasserflasche, sie war umgefallen und ausgelaufen. Deine Hosenbeine waren ganz nass davon. Und da ist die Rose.«
   Das Wasser war also ausgelaufen, hatte ihre Hosenbeine durchtränkt. Tom hatte berichtet, sie habe bei ihrer Verwandlung plötzlich geschrien und sei zusammengebrochen. Hatte das Wasser bereits damals ihren Zustand beendet, genau wie vergangene Nacht? Die Wasserpfütze neben ihrem Bett fiel ihr ein, damals, als sie den Wecker zerschmettert hatte. Es hatte immer mit Wasser zu tun.
   Jenny bückte sich und grub die Rose aus der Erde. Verwelkte Blumen machten sie traurig. Die Schönheit der Rose hatte Kenos Tod freundlicher aussehen lassen sollen, aber nun war sie nicht mehr schön. Jenny warf sie wütend ins Gebüsch. Sie wollte endlich diese verdammten Knochen finden, damit Schluss war mit dem ganzen Theater.
   Sie war sicher, dass sie an dieser Stelle den Sarg gefunden hatten. Die Erde war locker und aufgewühlt. Vielleicht war sie vom Wind wieder darübergeweht worden. Jenny begann, mit bloßen Händen zu buddeln, ihre kleine Taschenlampe im Mund, die einen unsteten blauweißen Lichtkegel warf.
   Die Stille kam nicht plötzlich. Jenny wusste nicht, wann sie zum letzten Mal Toms Schnaufen und Schimpfen gehört hatte, aber es musste schon eine Weile her sein. Sie hatte es unbewusst gemerkt. Jenny drehte sich um – alles war dunkel. Das Zwielicht war einer allumfassenden Schwärze gewichen.
   Auch ihre Taschenlampe war erloschen.
   Entsetzen kroch ihre Wirbelsäule hinauf, griff ihr in den Nacken, ließ sie aufkeuchen.
   Im selben Moment wurden ihre Handgelenke umfasst. Eiskalte Finger schlangen sich darum, zogen sie nach unten. Jenny schrie auf, versuchte vergeblich, sich zu befreien. Sie brüllte Toms Namen, aber die Schwärze verschluckte den Ton. Das Schweigen war ultimativ.
   Etwas zog sie hinein in die Erde oder sich selbst heraus. In dem Maß, in dem sich ihr Gesicht dem Grab näherte, kollerten die Krumen beiseite und gaben etwas frei, das Jenny auf keinen Fall sehen wollte.
   Das Gesicht, das aus der Erde kam, kannte sie bereits, und dennoch brannte es sich unauslöschlich auf ihrer Netzhaut ein. Gespenstisch, durchscheinend, die Augen wie schwarze Löcher. Im Gegensatz zu den verschwimmenden Konturen stand die Feste des Griffs um Jennys Handgelenke. Sie wurde immer näher herangezogen.
   »Bald wirst du bei mir sein«, flüsterte eine tiefe Stimme in ihrem Kopf. Das dunkle Timbre war wie das Schnurren eines Tigers, verlockend und gefährlich zugleich. »Wir sind eins.«
   Jenny wurde weiter hinuntergezogen, und die bläulichen Lippen legten sich auf ihre.
   Die Kälte bohrte sich in ihr Gehirn, und sie strampelte und schrie wie von Sinnen. Als sie Hände auf ihren Schultern spürte, warf sie sich herum, schlug und kratzte danach, bis sie völlig erschöpft auf der feuchten Erde zusammenbrach.
   Irgendwann erkannte sie Tom, die Taschenlampe steckte in seinem Gürtel, er hielt seine Hände abwehrend vor sich gestreckt.
   »Ich bin es, Jenny, verdammt noch mal, komm zu dir.«
   Konvulsivische Schluchzer schüttelten sie, der Gedanke an die kalten Lippen ließ ihren Magen revoltieren. Tom hielt ihr eine Wasserflasche hin, sie trank gierig, um das Gefühl loszuwerden.
   »Was war jetzt wieder?«, fragte er. Sie konnte einen entnervten Unterton heraushören. »Du hast in der Erde gekniet und auf einmal herumgeschrien wie angestochen, ich bin nur froh, dass dich anscheinend niemand gehört hat. Es war so, als ob du in einer fremden Welt gewesen wärst. Du hast mich angesehen, aber ich wusste genau, du siehst etwas anderes.«
   »Hast du die Knochen gefunden?«, flüsterte Jenny.
   Er schüttelte den Kopf. »Weder die Knochen noch den Sarg. Ich habe alles abgeleuchtet. Vielleicht müssen wir morgen im Hellen noch mal wiederkommen.«
   »Nein, keine Chance«, wisperte Jenny. »Sie sind weg.«
   Tom sah nicht so aus, als ob er das akzeptieren wollte. »Das kannst du doch nicht wissen, bevor wir nicht richtig gesucht haben. Wir könnten dort graben, wo du angefangen hast.«
   »Nein. Nein«, schrie Jenny. Sie kam taumelnd auf die Füße.
   Tom fing sie auf. Er sah sie fragend an. Im Licht der Taschenlampe wirkten seine Augen golden. »Was hast du eben gesehen, Süße?«, fragte er.
   Jenny biss sich auf die Unterlippe. Es tat höllisch weh. Die kaum verheilten Krusten rissen auf, und sie schmeckte Blut. Sie durfte es ihm nicht sagen. Das würde alles nur noch schlimmer machen. Es war da. Das Dunkle, das mit dieser gefährlichen Stimme sprach, lauerte irgendwo in ihrem Hinterkopf und wartete nur darauf, wieder hervorzukommen. Je weniger sie daran dachte, desto leichter war es, sich einzureden, es wäre nicht da.
   Tom zog resigniert die Augenbrauen in die Höhe. »Dann war das wohl ein Satz mit X«, sagte er in einem vergeblichen Versuch, seinen üblichen Humor wieder aufleben zu lassen. »Tja, ich denke, wir müssen auf die Variante mit dem Psychotherapeuten umsteigen.«
   Jenny nickte wortlos.

Weit nach Mitternacht saßen sie nebeneinander auf der Couch, vor dem laufenden Fernseher, auf dessen Bildschirm keiner von ihnen schaute. Jenny hatte nach Psychotherapeuten gegoogelt und sich gefragt, wer ihr ihre Geschichte glauben könnte. Und dann war ihr etwas eingefallen. Cara. Die Cara mit den bewusstseinserweiternden Erfahrungen.
   »Erinnerst du dich an meine beste Freundin Cara?«, fragte sie. »Wir haben gemeinsam Abi gemacht. Du hast sie noch kennengelernt, bevor sie nach Berlin gezogen ist. Sie studiert Psychologie.«
   Tom sah Jenny abwartend an. »Ja, und?«, fragte er.
   Jenny atmete langsam aus. »Cara hat mir vor ein paar Tagen eine Mail geschrieben«, fuhr sie fort. »Sie ist wieder hier, weil ihr Vater im Krankenhaus liegt. Ich werde ihr antworten und sie fragen, ob sie mich besuchen kommt. Ich habe das Gefühl, dass ich ihr alles erzählen kann – und vielleicht glaubt sie mir sogar.«
   »Eine Psychologiestudentin«, wiederholte Tom langsam. »Ich erinnere mich an den Namen. Okay, es kann ja nicht schaden. Wenn sie nicht antwortet oder nicht helfen kann, kannst du es immer noch mit einem niedergelassenen Arzt versuchen.«
   Jenny seufzte tief. Das war eine wirklich gute Idee. Ihre Freundschaft mit Cara war eng gewesen, sie hatten damals all ihre Probleme miteinander besprochen. Nach dem Abi hatten sie sich mehr oder weniger aus den Augen verloren. Sie waren auf Facebook weiterhin miteinander befreundet gewesen, Cara hatte sich noch ein paar Mal gemeldet, aber Jenny hatte immer seltener darauf reagiert. Sie hoffte, dass sich Cara an die guten Zeiten erinnerte, und dass sie trotz der Trennung und der zeitlichen Distanz wieder an der Stelle würden anknüpfen können, wo sie damals geendet hatten.

Kapitel 6

sie stand auf dem weißen Kliff über dem Abgrund. Das Mondlicht war so grell, dass es blendete. Das türkisblaue Meer schob seine Wellen sacht gegen den schmalen Strandabschnitt. Möwen flogen kreischend auf. Ihr wurde schwindlig, sie hatte Angst, hinunterzufallen.
   Eine Hand griff nach ihrer, hielt sie, zog sie vom Kliff fort. Sie spürte sie genau: eine Männerhand, schmal und warm, mit langen Fingern.
   Dann war die Hand fort. Der Mann stand ihr gegenüber.
   »Kommst du?«, wollte er wissen.
   Ihr Herz hämmerte wieder. Woher kam diese Sehnsucht, wenn sie ihn ansah, warum wurden ihre Knie so weich, wenn sie sich vorstellte, wie er sie in den Armen hielt? Die Erklärung für all das war er. Sein Gesicht, der Ausdruck in seinen Augen, seine Gestalt. Hatte sie je ein perfekteres Wesen getroffen, jemanden, der sie im Innersten so berührte? Sie konnte sich nicht erinnern. Es spielte auch keine Rolle. Wichtig war ihr nur, wie er empfand. Ging es ihm genauso wie ihr? Was, wenn er sie abweisen würde?
   Würdest du das tun – mich zurückweisen?
   Er erwiderte ihren Blick, als wisse er genau, was in ihr vorging, und das Leuchten in seinen Augen war Antwort genug. Fürs Erste, denn nach diesem Blick war sie süchtig. Sie musste sich versichern, dass sie sich nicht täuschte. Dass die Angst nicht wieder die Oberhand gewann. Wenn sie ihn ansah, gab es keine Zweifel.
   Irgendwo fern in einem anderen Leben hatte sie nie an Liebe auf den ersten Blick geglaubt. Und nun versank sie in seinen Mondaugen und musste sich beherrschen, sich ihm nicht an den Hals zu werfen.
   Er hielt ihre Hand, die Berührung verursachte heftiges Kribbeln in ihrem Magen. Sie sah blaue Funken, materialisierte Energie zwischen ihren Fingern. Das gab ihr eine Vorstellung davon, wie es in ihrem Herzen zuging.
   Sie folgte ihm durch den Wald, die Birken standen dicht an dicht, Mondlicht flitterte durch das smaragdene Grün. Sie starrte seine schlanke Silhouette an, die langen Beine, die schmalen Hüften, ihre Gedanken rasten und ihr Mund wurde trocken.
   Und trotzdem mischten sich immer wieder ängstliche Gedanken in das emotionale Feuerwerk. Was will er mit mir tun? Sie hätte gern Sicherheit gehabt, dass es nichts Furchtbares war.
   Er sah sie an, und sein Blick flutete ihr Innerstes mit Wärme. Alles andere war plötzlich unwichtig. Jenny verwob die Finger mit seinen, und er lächelte auf sie herunter. Sie hielt seinen Blick fest, stolperte, er fing sie auf. Immer noch lächelnd. Seine Lippen. Sie verlor den Verstand. Sie musste wissen, wie sich seine Lippen anfühlten.
   Sie gingen schweigend. Es war schwül, sie spürte Schweißtropfen auf ihrer Haut. Auf einmal merkte sie, dass sie furchtbaren Durst hatte. Der Mann schien das zu wissen. Er blieb stehen und zog ein Ledergefäß vom Gürtel, das er ihr reichte. Sie nahm es, ohne zu zögern. Das Wasser daraus schmeckte unangenehm bitter, aber es löschte den Durst. Zum ersten Mal seit Tagen ließ dieses Durstgefühl nach. Sie konnte trotzdem nicht mehr aufhören, davon zu trinken. Er lächelte, während sie die kühle Flüssigkeit in gierigen Schlucken die Kehle hinunterrinnen ließ.
   »Was ist?«, fragte sie ihn.
   Er lächelte weiter, seine Mondaugen leuchteten, und er streckte den Zeigefinger aus, verstrich einen Wassertropfen über ihrer Oberlippe. Die Berührung seines Fingers war beinah so, als würde er sie küssen. »Nichts«, antwortete er. »Überhaupt nichts.«
   Sie glaubte ihm kein Wort, aber das war egal. Sie trank weiter. Der Durst wollte besiegt werden, und dieses Wasser war genau das Richtige dafür. Es war exakt temperiert, und an den Beigeschmack konnte man sich gewöhnen. Aber das, was sie wirklich wollte, war die Art und Weise, wie er ihr immer wieder Tropfen von den Lippen wischte.
   Sie hielt ihm das Gefäß erst hin, als sie es komplett leer getrunken hatte. Mit Bedauern sah sie, wie er den Beutel an seinem Gürtel befestigte. Wieder schien er zu wissen, was sie dachte, und fuhr ein letztes Mal mit dem Zeigefinger die Kontur ihrer Lippen nach. Sie seufzte leise, als er sich abwandte. Er ging ein paar Schritte, dann bog er ins Unterholz ab. Sie folgte ihm: Vor ihr erstreckte sich ein dunkler, beinah kreisrunder Moorsee, an den Rändern mit Schilf bewachsen. Im ersten Moment glaubte sie, in seiner Mitte ein Leuchten zu sehen.
   Er trat an eine nur wenig morastige Stelle und füllte das Trinkgefäß wieder auf.
   »Habe ich von diesem Wasser getrunken?«, fragte sie entsetzt.
   Er nickte. »Der Schwarze See«, antwortete er und lächelte wieder, geheimnisvoll. »Dieses Wasser ist getränkt vom Mondlicht. Du hast den Durst gespürt, nicht wahr? Die ganze Zeit. Du musstest immer trinken, aber es half nicht. Denn nur das Wasser des Schwarzen Sees kann diesen speziellen Durst löschen: den Durst nach Veränderung.«
   Angst kroch ihre Wirbelsäule empor. »Was bewirkt es?«, fragte sie so beiläufig wie möglich.
   Der Mann drehte sich zu ihr um. Er lächelte immer noch, aber es hatte nicht mehr dieselbe Wirkung auf sie. Erneut empfand sie Furcht.
   »Es bringt dich mir näher.«
   Ich will das nicht, pulsierte es im Rhythmus ihres Herzschlags in ihr. Die Welt schwankte. Sie schlug die Hände vor den Mund, um den Brechreiz zu unterdrücken. Die Farben um sie herum intensivierten sich. Das Grün wurde grell leuchtend wie Neon, die Oberfläche des Sees war wie ein schwarzes Loch, in der Mitte brannte eine Flamme, nach oben gelb, zum Grund hin bläulich.
   Dann war da wieder seine Hand, die ihre umfasste, und das Gefühl der Beklemmung wich.
   »Du musst keine Angst haben«, sagte der Mann tröstend. »Du kannst mir vertrauen.«
   Sie war sich nicht sicher.

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