Schweren Herzens hat Anna Silvanubis verlassen und sich von Magie und den neuen Freunden getrennt. Der Nachkriegsalltag holt sie rasch ein, und so fiebert sie dem Tag entgegen, an dem die magische Frist abläuft, und Kyra, die junge, machtgierige Magierin, sie nicht mehr für ihre Zwecke missbrauchen kann.
Doch der Phönix verbindet sie immer noch mit der geheimnisvollen Parallelwelt und mit Alexander, der dringend ihre Hilfe braucht. Als sie dies erfährt, kennt Anna kein Halten. Ohne zu zögern, setzt sie alles auf eine Karte und riskiert ihr Leben, um seines zu retten.

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ISBN: 978-9963-52-220-0

Seiten: 317

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Kirsten Greco

Kirsten Greco
Kirsten Greco wurde 1965 in Iserlohn geboren und ist in Hagen aufgewachsen. Nach dem Abitur studierte sie Germanistik und Sportwissenschaft in Bonn, schloss dann noch eine Ausbildung als Bankkauffrau und Fremdsprachenkorrespondentin an. Fremde Länder und Kulturen haben sie schon immer fasziniert und so hat sie zunächst  in Brügge, Belgien gearbeitet und dann Australien mit dem Rucksack bereist. 1999 ist sie gemeinsam mit ihrem Mann nach Michigan in die USA gezogen, wo sie bis heute mit ihrer Familie und zwei Hunden lebt.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Munter flatterte die kleine Gestalt vor ihm durch den Nebel. Jedes Mal, wenn er es schaffte, sich ihr auf Armlänge zu nähern, lösten sich die Regenbogenfarben auf und sie nahm ihre menschliche Gestalt an. Ein winziges weibliches Wesen mit langen nussbraunen Haaren und schillernden Flügeln, die so schnell schlugen, dass sie zu einem schwachen Schimmer verwischten. Sie hätte bequem auf seiner Handfläche Platz. Ihr schien der dichte weiße Schleier nichts auszumachen und sie hatte es eilig. Der Abstand vergrößerte sich, die Flügel schimmerten und die Gestalt wurde vom Licht verschluckt, bis ein Regenbogen den Nebel verzauberte. Alexander beeilte sich, ihr zu folgen und umfasste Annas schmale Hand ein wenig fester. Sie keuchte inzwischen bei jedem Schritt. War es wirklich richtig gewesen, Anna erneut durch die Passage zu schleusen? Er sah sich um. Die Umrisse des Waldes lösten sich auf und sie kamen nur noch quälend langsam voran. Das seichte Wasser des Sees umspülte ihre Füße.
   Unangenehm, beklemmend, doch nicht wirklich bedrohlich drückte die weiße Wolke auf seine Lunge. Anna würgte, hustete. Er musste sich mächtig ins Zeug legen, um sie hinter sich herzuziehen. Freiwillig schien sie keinen Schritt weitergehen zu wollen. Ihre Hand krallte sich in seine.
   »Ich bin bei dir. Hab keine Angst«, flüsterte er.
   Schritt für Schritt tasteten sich die drei vorwärts. Er wusste, Edmund hielt ihre andere Hand, und auch er schien sie hinter sich herzuzerren. Wem er wohl folgte? Sein Freund konnte die Passage, genau wie er, allein durchschreiten. Auch Edmund folgte einer magischen Kreatur, die ihn von hier nach dort führte. Doch so sehr sich Alexander auch anstrengte, außer dem winzigen, auf und ab flatternden Wesen sah er nichts, absolut gar nichts. Wer auch immer Edmund den Weg wies, er blieb für jeden anderen unsichtbar. So wie seine Pixie. Anna hingegen musste den Weg ohne Hilfe schaffen, sie ließ sich von keiner Kreatur Silvanubis’ führen. Noch nicht. Für sie barg der Grenzübertritt Gefahren, mit denen die Männer nicht zu kämpfen hatten. Wenn sie der Nebel auf dem Weg hinüber nicht erstickte, würde sie nach dem Durchschreiten lange Zeit brauchen, um wieder zu Kräften zu kommen.
   Alexander blinzelte. Die milchige Wolke verschluckte jeden, der sich durch den Nebeltunnel wagte, der Silvanubis mit der alten Welt verband. Wie weit mussten sie noch in den See hineinwaten, bis sie die Passage endlich durchschritten hatten?
   Anna schnaufte und schien die Füße in den Boden zu stemmen. Sie durfte jetzt nicht stehen bleiben. Alexander verstärkte den Druck seiner Hand und biss die Zähne zusammen. Das Wasser schwappte inzwischen über seine Knie. Sie mussten verrückt sein, die Passage ausgerechnet im Sappirus See zu durchschreiten. Wie eine dicke Daunendecke lag der Nebel auf dem See, hüllte sie ein. Er spürte die Algen zwischen seinen Füßen, als Anna mit einem Mal zusammensackte. Nur mit äußerster Anstrengung schien es ihr zu gelingen, sich noch einmal hochzustemmen.
   Die Wolke umhüllte sie nun völlig, als würde Silvanubis die Reisenden nicht hergeben oder die alte Welt sie nicht in Empfang nehmen wollen. Konzentriert setzte Alexander einen Fuß vor den anderen, drückte Annas Hand an seine Brust, als es plötzlich nicht mehr weiterging. Was war das? Etwas schlug gegen sein linkes Fußgelenk, umschloss rasend schnell seinen Unterschenkel, doch der Nebel war so dicht, dass er weder Wasser noch Füße sehen konnte. Nun war es Anna, die ihn weiterzog. Wo nahm sie nur diese Kraft her, und was zum Teufel hielt ihn fest? Mit jedem Schritt, den er nach vorn tat, legte es sich fester um seinen Knöchel und schnitt in seinen Unterschenkel. Alexander zog scharf Luft ein. Unmöglich, er kam einfach nicht weiter. Annas Hand hielt verbissen an seiner fest, zog ungeduldig. Vergeblich. Alexander gelang es nicht, auch nur einen Schritt weiterzugehen. Lass los, Anna. Du musst hinüber. Er öffnete seine Hand, Annas Fingerspitzen streiften ihn, bevor er stürzte. Das Wasser lief ihm in Mund und Ohren. Urplötzlich schnellte er zurück, wurde über den sandigen Boden des Sees ans Ufer und schließlich über den feuchten Waldboden gezogen.
   Er fiel … hinunter. Der Aufprall raubte ihm den Atem. Dunkelheit. Benommen blieb er auf dem Rücken liegen. Über ihm schlossen sich Farne und Äste zu einem dichten Vorhang. Im Halbdunkel richtete er sich vorsichtig auf. Der Nebel war verschwunden, die Pixie ebenfalls und er wusste, nach Anna oder Edmund musste er erst gar nicht Ausschau halten. Sie waren fort. Weit fort. Seine Hände glitten fieberhaft zu seinem linken Fußgelenk. Was war das nur, was sich so fest um seinen Knöchel legte? Der Schmerz trieb ihm die Tränen in die Augen. Er wischte sich durchs Gesicht. Ein Seil? Verblüfft betrachtete er die grüne fingerdicke Pflanze: Eine Schlinge, an der scharf gezackte Blätter rankten. Sie wand sich um Knöchel und Unterschenkel, drückte gegen seine Muskeln, schnitt ihm ins Fleisch. Er griff nach einem Blatt, zog, riss … Irgendwie musste er dieses elende Grünzeug doch loswerden. Mit beiden Händen zerrte er kraftvoll und stöhnte auf. Alexander biss sich auf die Unterlippe. Je fester er zog, desto enger legte sich die grüne Fessel um den verletzten Knöchel. Kleine Schweißperlen traten auf Alexanders Stirn, sein Bein brannte wie Feuer. Langsam schob er das nasse Hosenbein hoch und erschrak. Ein dünnes dunkelrotes Rinnsal lief seinen Unterschenkel hinunter und tropfte in den linken Schuh. Entlang der grünen Ranke war sein Bein deutlich angeschwollen. Ob Noah und Erin noch in der Nähe waren?
   »Hallo? Noah? Erin?«
   Keine Antwort. Ein wenig lauter vielleicht?
   »Hallo! Hilfe!«
   Nichts. Sie waren fort oder hörten ihn nicht. Alexander presste die Augen zusammen, strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht, atmete tief durch und sah sich um. Ihm fiel der Abend ein, an dem er sich mit Anna in dem winzigen Gewölbe unter Noahs Haus versteckt hatte. Nur dass es dort eine Leiter gegeben hatte, über die sie nach oben gelangen konnten. Hier gab es keine Leiter, keine Treppe. Seine Finger glitten über die kalten, moderigen Lehmwände. Glatt und feucht. An ihnen würde er niemals die drei Meter – so weit schien er in etwa gefallen zu sein – nach oben klettern können. Alexander spähte hinauf und lauschte. Nun, da der Nebel verschwunden war, erwachte der Wald wieder zum Leben, vertrieb die totale Stille, die der weiße Schleier mit sich gebracht hatte. Blätter rauschten, Vögel zwitscherten, Äste knackten. Schwache Sonnenstrahlen schoben sich durch das dichte Gestrüpp, durch das er eben hindurchgefallen war. Ein grünes Dach über einem winzigen Verlies.
   Er verfolgte den Verlauf der Ranke. Der grüne Stiel schlängelte sich über den Boden, verschwand unter dem Laub, das der Wind in einer Ecke der Grube zusammengeweht hatte. Offensichtlich gelang es ihm nicht, sie von seinem Fuß zu entfernen, ohne sich noch mehr zu verletzen. Vielleicht, wenn er sie aus dem Boden riss, die Wurzel herauszog. Alexander robbte über den harten lehmigen Boden, die grüne Fessel hinter sich herziehend. Jede Bewegung jagte glühende Wellen durch seinen Fuß. Noch ein kleines Stück, dann hatte er es geschafft. Schwer atmend richtete er sich auf und lehnte sich an die kalte Wand. Die dunkelgrüne Pflanze hatte ihren Griff nicht gelockert, im Gegenteil, die Schlinge schnitt tiefer und tiefer in seinen Unterschenkel. Er fegte das Laub zur Seite. Hier war sie also im Boden verankert. Vielleicht konnte er sie einfach abreißen. Was war das nur für ein Teufelszeug? Er musste sich von der Fessel befreien, und zwar schnell. Nicht nur, dass der Schmerz ihm den Atem raubte, alarmiert registrierte er außerdem, wie die letzten Kraftreserven seinen Körper verließen. Mit zittrigen Händen stützte er sich auf dem feuchtkalten Boden ab und für einen Moment musste er an Naomi denken. Sie war ebenfalls durch eine Pflanze verletzt worden, hatte sich bis heute nicht richtig davon erholt. Kyra hatte sie gepflanzt, um ungebetene Gäste auf Abstand zu halten. Wieder sah er sich um. Nun gesellte sich Furcht zu den Schmerzen. Nur nicht durchdrehen, Kumpel, mahnte er sich. Niemand war zu sehen, weder Noah noch Erin und auch nicht Kyra. Vielleicht aber hockte die Magierin irgendwo im Unterholz und beobachtete hämisch seine verzweifelten Versuche, die Fessel abzustreifen. Wahrscheinlich wartete sie nur darauf, dass er aufgab oder das Bewusstsein verlor. Dann musste sie ihn nur noch einsammeln und die zwei anderen Puzzleteile hinzufügen, die sie benötigte, um ihren teuflischen Plan Realität werden zu lassen. Alexander presste seine Augen fest aufeinander, um das zunehmend stärker werdende Schwindelgefühl zu vertreiben. Wenn nur Oskar hier wäre, doch sein zottliger vierbeiniger Freund war bei Nico geblieben. Wozu hätte er ihn auch mitnehmen sollen? Er hatte fest vorgehabt, nur so lange zu bleiben, bis die magische Frist abgelaufen war. Danach waren Anna und er für Kyra wertlos.
   Ausgerechnet jetzt musste er sich in dieser verfluchten Pflanze verfangen. Wieder mahnte er sich zur Ruhe. Wahrscheinlich war es nicht mehr als ein dummer, zugegebenermaßen unglücklicher Zufall, dass er in diesem elenden Gesträuch hängen geblieben war. Wahrscheinlich war Anna froh, ihn los zu sein. Anna …
   Alexander stöhnte und griff schließlich entschlossen nach dem fingerdicken Stiel, ließ ihn kurz durch seine Hände gleiten. Die Schlinge war nicht glatt, hatte winzige Härchen, Dornen, Widerhaken … außerdem war sie elastisch. Wie ein Gummiband musste sie sich erst gedehnt, ihn aus dem Wasser gezerrt und dann wieder zusammengezogen haben. Durchbrechen konnte man sie sicherlich nicht, also musste er sie aus dem Boden reißen, entwurzeln oder vielleicht durchschneiden. Alexander atmete auf. Natürlich! Er hatte sich nicht von seinem kleinen Messer getrennt, das er mit hierher gebracht hatte, und trug es immer noch bei sich. Langsam ließ er seine Hand in die Hosentasche gleiten und zog es hervor. Entschlossen griff er zu, legte die silberne Klinge an den Stiel, schnitt und schrie auf. Das Messer entglitt seinen Händen, die Ranke war nicht einmal angeritzt, und doch schnitt sie ihm wie ein Stahlseil immer fester in sein Bein. Er spürte, wie etwas pulsierend in sein Bein gepumpt wurde. Gift? Ihm wurde übel, benommen schloss er die Augen.

Nur zu gut kannte er das Gefühl, neben sich zu stehen und sich beim Hinweggleiten in den wohligen Dämmerzustand zuzusehen. Manchmal wachte er auf, seinen Fuß spürte er nicht mehr. Er fieberte. Wenn sein Verstand es schaffte, sich für winzige Momente aus der Dunkelheit zu lösen, dann rief er. Nach Noah, nach Erin und schließlich nach Anna. Doch niemand hörte ihn, niemand kam ihm zu Hilfe. Noch einmal war es ihm gelungen aufzustehen, dann war er zusammengebrochen. Langsam wurde es dunkel, die Äste über ihm warfen schwebende Schatten, die um ihn herumtanzten und schließlich ganz verschwanden. Es war finster … und kalt. Alexander fror, doch irgendwann störte ihn auch die Kälte nicht mehr. Dunkelheit umhüllte ihn, bis er es sich schließlich nicht mehr erlaubte, sich ans Licht zu wagen.
   Alexander rang nach Atem. Er wusste, er konnte sich von dem Schmerz lösen, darin hatte er Erfahrung. Das würde er noch nicht verlernt haben. Nur so hatte er die stundenlangen Verhöre überstehen und durchhalten können, ohne zu brechen. Der Gestapomann grinste ihm ins Gesicht, holte aus und schlug zu. Wieder und wieder. Er schaffte das, den Schmerz abschalten … an sein Herz kam er nicht ran, seine Seele kriegte er nicht. Einfach wieder in die Dunkelheit zurückkehren.
   Er blinzelte. Es war immer noch finster, doch hier und da erhellten blasse Lichttupfen die Nacht. Alexander presste die Augen fest aufeinander. Er war nicht mehr in dem Verlies. Seine Hände glitten tastend über den Boden. Laub. Vielleicht träumte er? Nein, dafür schmerzte sein Bein zu sehr. Brutale, echte Schmerzen. Langsam drangen die Stimmen zu ihm durch.
   »Na also.« Eine weibliche Stimme, hell und spöttisch. »Da bist du ja wieder. Ich dachte schon, ich wäre zu spät gekommen.«
   Alexander schluckte und hoffte, er täuschte sich. Er stöhnte auf, der Schmerz raubte ihm den Atem.
   »Über deine Freundin hätte ich mich zwar mehr gefreut«, fuhr sein Gegenüber ungerührt fort. »Doch ich will mich nicht beklagen, Alexander. So ist doch dein Name?«
   Er hatte sich nicht getäuscht. Sie hatte ihn gefunden.
   »Keine Sorge, du erfüllst den Zweck genauso gut. Doch jetzt halt still, damit ich endlich den Rest des Fesseldorns entfernen kann.«
   Alexander knirschte mit den Zähnen … Fesseldorn, welch ein simpler, passender Name. Er blickte an seinem Bein hinunter und fröstelte. Die Stelle, an der sich das grüne Teufelszeug um Unterschenkel und Knöchel gewunden hatte, war eine einzige tiefe Schnittwunde. Nur mit Mühe gelang es ihm, die Übelkeit hinunterzuwürgen. Wie tief die Ranke geschnitten hatte, konnte er nicht erkennen. Alexander zog scharf Luft ein. Jemand hatte es geschafft, die Fessel unterhalb seines Fußes zu durchtrennen, doch die nun welken Blätter wanden sich immer noch eng um seinen Unterschenkel. Der Druck hatte nachgelassen, doch hatte er eben noch seinen Fuß nicht mehr spüren können, so schienen sich nun siedend heiße Wogen darüber zu ergießen.
   Kyra betrachtete ihn spöttisch und grinste hämisch. Nur zu gut erinnerte er sich an das erste Zusammentreffen mit der jungen Magierin. Erhaben hatte sie auf dem Fenriswolf gethront. Doch erst jetzt gelang es ihm, mehr als einen flüchtigen Blick auf sie zu werfen. Ihre flammend roten Haare ergossen sich in lodernden Wellen über ihren schmalen Rücken. Sie war zierlich und schlank. Ihre Gestalt erinnerte Alexander an Erin. Doch dass eine grazile Figur täuschen konnte, hatte ihm Noahs Schwester bereits am ersten Tag ihres Zusammentreffens bewiesen und so zweifelte er keinen Moment an der Kraft und Stärke der Magierin. Sie war nicht nur hübsch, Kyra war schön, beinah vollkommen. Hätten nicht ihre Augen sie verraten, stahlblau und eiskalt machten sie das perfekte Bild zunichte.
   »Sieht nicht gut aus, Alexander, ich weiß. Doch keine Bange, das überlebst du. Dafür sorge ich persönlich. Denn im Moment bist du lebend nützlicher als tot.«
   Sie trat einen Schritt näher, schloss die Augen und streckte ihre Hand aus. Alexander hielt die Luft an und bereitete sich auf neue Qualen vor. Doch zu seiner Überraschung richtete sie lediglich ihren Zeigefinger auf die gelblichen Pflanzenreste und sendete einen schwach leuchtenden Lichtstrahl auf die Blätter. Alexander traute seinen Augen nicht. Der matte Strahl schien von ihrem Zeigefinger auszugehen und mit einer drehenden Handbewegung ließ sie ihn die Blätter umkreisen. Spielend schob sich das Licht zwischen den Ranken hindurch, und als der Strahl Alexanders Bein ganz umschlossen hatte, zerfielen die Blätter und die Schlingpflanze zu Staub. Für einen Moment vergaß er seinen Schmerz und staunte. So war das also mit der Magie! Er hatte eine Pixie und den Phönix sowie den Fenris, Zwerge und Drachen gesehen, doch so etwas … Fast bewunderte er die schlanke Frau. Aber eben nur fast. Kaum war er von seiner Fußfessel befreit, winkte Kyra zwei finstere Gestalten herbei, die ihm unsanft die Hände auf den Rücken drehten und festbanden. Alexanders Staunen löste sich problemlos in Wut und Verachtung auf.
   »Ist nicht nötig, Kyra«, flüsterte er, erschrocken, wie sehr ihn das Sprechen anstrengte. »Ich glaube nicht, dass ich dir weglaufen kann«, brachte er erschöpft hervor. Er war sich sicher, dass ihn weder das linke noch das rechte Bein tragen würde. Seine Kraft war verschwunden, alle Reserven erschöpft. Die Magierin betrachtete ihn kühl.
   »Das bezweifle ich ebenfalls, Alexander. Doch sicher ist sicher, und ich bin geschmeichelt, dass du meinen Namen kennst. Mein Ruf scheint mir vorauszueilen.«
   Sie nickte den beiden Männern zu, die Alexander ruppig unter die Arme griffen und ihn gegen einen hüfthohen Stein lehnten. Gleich … bald würde er erneut das Bewusstsein verlieren, in seinem Kopf drehte es sich, ihm war furchtbar schlecht.
   »Mach es dir nur gemütlich, Alexander«, spottete Kyra. »Wir schlagen hier für heute Nacht unser Lager auf.«
   Sie versicherte sich, dass seine Fesseln fest genug gebunden waren, drehte sich um und streifte dabei flüchtig sein verletztes Bein. Den Schmerz ausschalten, er konnte das. Alexander keuchte, kalter Schweiß rann in Strömen seine Schläfen hinunter. Er würde ihr nicht den Gefallen tun, Schwäche zu zeigen. Nicht jetzt. Niemals. Die Gedanken auf etwas Angenehmes, Gutes lenken, etwas, das ihn von dem pulsierenden Schmerz in seinem Bein ablenken würde … Alexander schloss die Augen und wartete auf ein Bild, eine Empfindung. Irgendetwas.
   Triumphierend holte er Luft, er konnte es noch. Ein Gesicht tauchte vor ihm auf, umrahmt von hellbraunen schulterlangen Locken. Bernsteinfarbene unschuldige Augen. Anna. Sie lächelte, strich ihm über die Wangen. Alexanders keuchender Atem verlangsamte sich. Ihm wurde warm, die Kälte wich aus seinem Körper, das Pochen in seinem Bein verschwand. Er legte seine Hände um ihr Gesicht, fuhr ihr sacht durch die Haare. Anna lächelte immer noch, nickte ihm zu und küsste ihn. Sanft erwiderte er ihren Kuss und ließ sich forttreiben.

Kapitel 1
Hoffnung

Anna legte den Finger auf den Mund, als sie den beiden Männern die Tür öffnete.
   »Pst, Erin schläft nebenan. Nun kommt schon. Es ist noch dünner Kaffee übrig von heute Nacht, den trinken wir hier im Laden, dann kann sie noch eine Weile ruhen.«
   Anna war todmüde, aber mit sich selbst im Reinen und unbeschwert wie lange nicht mehr. Peter musterte sie prüfend und Anna spürte, wie auch Edmunds besorgter Blick sie streifte.
   »Alles in Ordnung, Kleines? Du hast geweint …«
   Anna rieb sich durchs Gesicht. Natürlich war Peter das nicht entgangen. Ihre Augen brannten immer noch, die Lider fühlten sich bleischwer an, und als sie das letzte Mal in den Spiegel geschaut hatte, zierten dicke rote Flecken ihr Gesicht. Wahrscheinlich waren ihre Augen gerötet, was aber auch durchaus daran liegen konnte, dass sie in dieser Nacht so gut wie gar nicht geschlafen hatte. Anna lächelte schwach.
   »Es geht mir gut, Peter. Wirklich. Setzt euch doch erst mal.«
   Sie winkte die beiden an den niedrigen Kindertisch in der hinteren Ecke des Sonnenecks, an dem eine Handvoll Kinderstühlchen lehnten, und griff nach der Kaffeekanne.
   »Da soll ich sitzen, Anna?« Edmund runzelte die Stirn, doch Anna drückte ihn grinsend auf einen der winzigen Stühle.
   »Keine Sorge, Ed. So schwer bist du nun auch wieder nicht.«
   Der große Okeanid beäugte die Stühlchen skeptisch und faltete die Hände ergeben im Schoß, offenbar davon überzeugt, dass die Holzbeinchen jeden Moment unter ihm einknicken würden. Anna wartete, bis sich auch Peter setzte, und schenkte dann ein. Lächerlich, der Kaffee könnte jederzeit als Kamillentee durchgehen … Müde setzte sie sich an die Kopfseite des Tischchens.
   »Nun?« Peter sah sie mit hochgezogenen Brauen an.
   »Wir haben etwas gefunden heute Nacht.« Langsam zog Anna den Brief aus ihrer Hosentasche, entfaltete ihn und legte ihn wortlos auf den Tisch. Die Tinte war an mehreren Stellen verschwommen, Beweis für Peters Annahme …

Liebste Anna,

wir wünschen dir zu deinem achtzehnten Geburtstag alles Gute. Nun bist du also erwachsen. Und was für ein wunderbarer Mensch du geworden bist. Wir sind so stolz auf dich. Wir haben lange überlegt, was für ein Geschenk wir dir machen können, das dir zeigt, wie viel Freude du uns jeden Tag bereitest. (Du weißt, das Geld ist ein wenig knapp im Augenblick …) Dann ist uns das Medaillon deiner Großmutter eingefallen. Es gehört zu den wenigen Kostbarkeiten, die wir noch besitzen und nicht hergeben und zu Geld machen wollen. Öffne es, mein Kind, es wird dir gefallen. Öffne es mit dem Wissen, dass wir dich in unserem Herzen tragen. Egal, wo du bist, wo immer das Leben dich hinträgt, wir sind bei dir.

In Liebe,
Mama und Papa


»Endlich habe ich ihn verstanden«, begann Anna, als keiner der Männer das Wort ergreifen wollte. Edmund sah sie verwirrt an. »Den Phönix. Er hat mich zu ihnen geführt.«
   Peters Gesicht war aschfahl geworden und Anna legte sacht ihre Hand auf seine Schulter.
   »Ich habe wieder geträumt, Peter. Der Phönix. Warum habe ich das nicht längst verstanden? Er hat mich zu ihnen geführt«, wiederholte sie leise. »Wir haben die ganze Nacht gesucht. Ich war mir plötzlich absolut sicher. Etwas befand sich im Sonneneck, direkt unter meiner Nase. Erin hat den Brief unter Papas Geldschatulle gefunden, mit Wachs festgeklebt. Ich sollte ihn an meinem achtzehnten Geburtstag bekommen. Vier Jahre lang bin ich daran vorbeigelaufen.«
   Anna rieb sich entschieden die Augen, sie hatte genug Tränen vergossen. Kopfschüttelnd schielte sie zu der hölzernen Schatulle, die zur Ladenkasse umfunktioniert worden war und auf der Theke stand. Schließlich zog sie die silberne Kette mit dem Bernsteinmedaillon unter ihrem Hemd hervor, streifte es über den Kopf und öffnete den Verschluss. Ihre Hände bebten, als sie es wortlos neben den Brief legte. Nun war es um die Fassung des alten Mannes geschehen. Er schluchzte laut auf und vergrub sein Gesicht in den Händen.
   »Es ist gut«, entschied Anna, »es ist wirklich gut. Bitte, Peter, beruhige dich. Sie würden nicht wollen, dass wir hier herumsitzen und Trübsal blasen.« Anna hielt inne und drückte Peters Hand. »Endlich habe ich verstanden. Peter, sie sind bei mir, bei uns. Egal, wo wir sind oder was wir tun. Sie sind immer hier gewesen. Es geht mir gut.« Anna atmete tief durch. »Zum ersten Mal seit sehr, sehr langer Zeit fühle ich mich frei. Sie haben mir geschenkt, was ich am dringendsten brauchte. Sie haben mir Frieden gegeben. Frieden und Freiheit. Und der Phönix hat mich zu ihnen geführt.«
   Peter schniefte noch einmal laut, wischte sich mit dem Ärmel seines abgetragenen blassblauen Hemds durchs Gesicht und versuchte es mit einem Lächeln.
   »Was für ein Glück, dass Erin mitgekommen ist, nicht wahr, Kleines?«
   Anna nickte gedankenverloren. Sie hatte Erin viel, sehr viel zu verdanken. Nicht nur, dass ihre Freundin Brief und Amulett gefunden hatte. Nun würde es ihr nicht mehr schwerfallen, dem Sonneneck den Rücken zu kehren. Sie musste nicht hier sein, um ihnen nah zu sein. Frieden, Ruhe. Endlich. Nun konnten die Wunden verheilen.
   »Ja, Onkel Schubert, da hast du wohl recht. Nicht wahr, Edmund?« Den kleinen Seitenhieb konnte sie sich nicht verkneifen. Wie oft hatte er Erin vorgeworfen, dass sie sich an seiner Seite durch die Passage gemogelt hatte. Naomis Freund rutschte unruhig auf dem Stühlchen hin und her und nippte an seiner Tasse.
   »Wollt ihr … ähm … wollt ihr ein wenig allein sein?« Er blickte flüchtig auf die Kette, die nun wieder um Annas Hals hing. »Ich störe nur.«
   Anna lachte. »Kommt nicht infrage, Ed. Du willst mich doch nicht mit diesem Chaos hier alleinlassen?«
   Verstohlen sah sie zu den leeren Regalen hinüber. Viel hatten sie nicht mehr geschafft letzte Nacht. Anna hatte eine Weile gebraucht, ihre Gedanken zu ordnen, den Blick lange zwischen Kette und Brief hin und her schweifen lassen. Schließlich war sie Erin gefolgt, um ihr aufräumen zu helfen, nur um diese zusammengerollt und tief schlafend auf dem Fußboden zwischen Holzautos und Stoffpuppen aufzufinden. Mit einiger Mühe war es ihr schließlich gelungen, sie in ihr eigenes Bett zu manövrieren. Sie selbst hatte darauf verzichtet, sich noch einmal hinzulegen, hatte erst gar nicht versucht, wieder einzuschlafen. Sie wusste, in dieser Nacht würde ihr das nicht mehr gelingen.
   »Außerdem müssen wir langsam anfangen zu planen, wenn wir in ein paar Wochen zurückkehren wollen. Und Ed, du störst nie«, fügte sie leise hinzu und drückte seine Hand, als der kräftige Mann verlegen den Blick senkte.
   »Ein wenig Zeit haben wir schon noch, bis wir heimkehren können, Anna. Ein paar Wochen müssen wir hier noch ausharren, bis du vor Kyra sicher bist. Aber ich bin froh, dass du dich endlich entschieden hast«, gab er zurück.
   Anna nickte nachdenklich. Neunzig Tage hatte die Magierin Zeit, um sie für ihre Zwecke zu missbrauchen. Etwa ein Drittel der Frist war bereits verstrichen. Über einen Monat war es her, dass sie Silvanubis erreicht und schließlich wieder verlassen hatte. Neunzig Tage … so lange schwebte jeder Neuankömmling, der Silvanubis durch die nebelverschleierten Passagen erreichte, in Gefahr. Gelang es Kyra, sie zu ergreifen und sich gleichzeitig in den Besitz einer magischen Pflanze, der Silberblüte, und des Phönixes zu bringen, dann würde in ihrem wunderschönen zukünftigen Zuhause nichts mehr so sein, wie es war. Sobald die Magierin diese drei Teile zerstörte, würde jede Kreatur und jede magische Pflanze Silvanubis’ ihre Magie verlieren. Niemand wäre mehr in der Lage, Silvanubis zu erreichen oder zu verlassen. Die Passagen, die die alte Welt mit Silvanubis verbanden, würden sich für immer schließen.
   »Entschieden habe ich mich eigentlich schon lange. Und Alexander wusste das.«
   Anna seufzte. Alexander … es verging nicht ein Tag, an dem sie sich keine Sorgen machte. Edmund erhob sich mühsam von dem Kinderstuhl, begann die Holzautos einzusammeln und zurück in die Regale zu stellen. Plötzlich hielt er inne und sah Anna an. »Sollen wir unseren Ausflug lieber verschieben?«
   Anna hätte sich gern noch ein wenig vor der unangenehmen Aufgabe gedrückt, aber sie waren nun schon über eine Woche hier, und länger ließ sich der Besuch wirklich nicht aufschieben.
   »Natürlich nicht, Edmund. Aber erst wird gefrühstückt.«
   Peter blickte sie skeptisch an und kniff ein Auge zu. »Werdet ihr den Weg zur Schreinerei ohne mich finden?«
   Edmund zuckte mit den Schultern, doch Anna nickte. Natürlich würde sie den Weg finden. Bereits in Silvanubis hatte sie sich vorgestellt, wo genau Alexander aufgewachsen war. Sie konnte immer noch nicht glauben, dass sie einander noch nie über den Weg gelaufen waren. Die Schreinerei lag ein wenig abseits, fernab von der Geschäftigkeit der kleinen Stadt, nördlich des Wäldchens, wo sie sich vor einer gefühlten Ewigkeit das erste Mal getroffen hatten. Sie wusste genau, wo sie die Werkstatt und seine Mutter finden würde.
   »Keine Sorge, Peter, ich denke, ich weiß, wo es langgeht.«
   »Das, meine liebe Anna, habe ich noch nie bezweifelt. Und es sieht so aus, dass du dabei bist, den Rest des Weges ebenfalls klar vor dir zu sehen.«
   Anna hob eine Braue und spitzte den Mund. Wie üblich traf Peter den Nagel auf den Kopf. Er kannte sie einfach viel zu gut. Grinsend verkniff sie sich eine Antwort und beließ es bei einem knappen Schulterzucken.

Der warme Maiwind wehte ihr süßlich um die Nase. Es war später Vormittag und sie würden eine gute Stunde unterwegs sein, selbst wenn Anna auf dem Fahrrad fuhr und Edmund zügig neben ihr herlief. Anna sah sich um, die Ruinen waren noch nicht verschwunden, sahen immer noch genauso grau aus wie die Häuser, die noch standen. Doch etwas hatte sich verändert, fühlte sich anders an. War es das sanfte Versprechen des nahenden Sommers, das Vogelgezwitscher, der betörende Duft der erwachenden Natur? Sie hatte Edmund völlig vergessen, trat langsamer in die Pedale und blieb dann stehen. Hoffnung? Ihr Blick glitt an den zerfallenen Mauern vorbei und sie stutzte. Eine kleine rosarote Blume schob sich durch einen Mauerritz, entfaltete ihre Blüten und lachte sie an. Vorsichtig strich Anna über die winzigen Blättchen. Ihre Augen wanderten suchend über die Steinwand, und tatsächlich, mindestens zwanzig weitere Blüten betupften die zerbröckelte Fassade. So etwas hatte es im vergangenen Frühling nicht gegeben. Oder doch? Etwas war plötzlich neu. Hoffnung, Zuversicht, Möglichkeiten.
   »Manchmal hinterlassen die kleinsten Dinge den größten Eindruck.«
   Anna fuhr herum. Edmund! Ein warmes, lautloses Lachen umspielte seinen Mund. Er verstand sie.
   »Stimmt, Edmund. Und jetzt geht’s weiter. Kannst du noch einen Schritt zulegen? Alexanders Mutter hat lang genug auf eine Nachricht gewartet.«

Zum dritten Mal hob Anna die Hand, um an die braune Holztür zu klopfen und erneut verließ sie der Mut. Verzagt nahm sie den Arm herunter und sah sich Hilfe suchend nach Edmund um, der ihr nochmals aufmunternd zunickte. Wieder versuchte sie, die Hand gegen das Holz fallen zu lassen und schaffte es nicht. Edmund schüttelte den Kopf und schob Anna entschlossen zur Seite. Das Hämmern seiner starken Faust echote wie Donner in ihren Ohren und sie zuckte unwillkürlich zusammen. Stille. Niemand öffnete die Tür. Anna zog Edmund am Ärmel und atmete auf. Na also, niemand war zu Hause.
   »Dann kommen wir eben ein anderes Mal zurück.«
   Schon wollte sie sich auf ihr Fahrrad schwingen, als Edmund sie bei der Hand nahm und hinter sich herzog. Er schien offenbar anderer Meinung zu sein.
   »Kommt nicht infrage, Anna. Wir warten hier so lange, bis wir jemanden gefunden haben. Wahrscheinlich sind sie in der Werkstatt.«
   Und tatsächlich, nun hörte sie auch die summenden Geräusche einer Säge, begleitet von dem hellen Zwitschern einiger Spatzen, die sich in einer der Kiefern, die hinter dem Haus aufragten, versammelt hatten. Anna atmete tief durch und folgte Edmund. Gemeinsam umrundeten sie das Haus und standen nun vor dem großen Tor der Schreinerei.
   »Hallo?«
   Sein tiefer Bass ließ Anna erneut zusammenschrecken. Das Summen der Maschinen verstummte und die schwere Eisentür wurde mit einem Quietschen zur Seite geschoben. Eine große, junge Frau, bekleidet mit einer schlichten grauen Leinenhose und einem unscheinbaren beigefarbenen Hemd, einen Hobel in der Hand und mit Sägespänen übersät, kam zum Vorschein. Unter ihrem blau geblümten Kopftuch kringelten sich einige schwarze Locken hervor und ein Paar smaragdgrüne Augen funkelte ihnen entgegen.
   »Ja, bitte?«
   Die Ähnlichkeit war verblüffend und Anna schluckte. Ihr Hals war mit einem Mal fürchterlich trocken. Sie räusperte sich. Ohne ein Wort zustande zu bringen, streckte sie der jungen Frau ihre Hand entgegen. Der feste Händedruck überraschte sie nicht im Geringsten, Alexanders Hände besaßen ebenfalls Kraft. Anna hüstelte verlegen und meinte, etwas von Alexanders spöttischem Humor in den Augen seiner Schwester zu erkennen.
   »Ja, bitte?«, wiederholte diese und ließ einen prüfenden Blick über Annas Gesicht gleiten.
   »Ich bin Anna … Peters.«
   Mit Mühe krächzte sie die Begrüßung hervor, schalt sich wortlos einen Feigling und drückte ihren Rücken durch.
   »Ich … ähm … ich bin eine Freundin Ihres … deines Bruders. Alexander.«
   Der Hobel fiel zu Boden und die Farbe wich aus dem hübschen Gesicht. Mit einem Satz war Edmund an der Seite der jungen Frau und griff ihr helfend unter die Arme.
   »Mama!« Der Klang der Stimme hätte Tote zum Leben erwecken können, ängstlich und drängend.
   Unglaublich, wie können sich Menschen nur so ähnlich sehen? Sie hätte die Frau, die ihnen mit ausladenden Schritten entgegenlief, jederzeit als Alexanders Mutter erkannt. Und als Mutter ihrer Tochter. Ein fast identisches Abbild, nur etwa dreißig Jahre älter und vielleicht einen Kopf kleiner. Das grüne baumwollene Hemd, bis zum Ellbogen hochgekrempelt, hing salopp über der braunen Arbeitshose. In einer Hand hielt die kräftige Frau eine Zange, mit der anderen wischte sie sich eine widerspenstige schwarzgraue Haarsträhne aus den Augen, die ihre Tochter besorgt fixierten. Die Besucher ignorierend, schob sie Edmund zur Seite und half der jungen Frau zur Bank, die neben dem schweren Tor der Schreinerei stand.
   »Setz dich, Lisa. Um Gottes willen, du bist ja kreidebleich. Geht es dir nicht gut?«
   Lisa schüttelte den Kopf und deutete zu Anna.
   »Sie kennt Alex.«
   Ohne Anna aus den Augen zu lassen, ließ sich die alte Frau neben ihre Tochter auf die Bank sinken und faltete die Hände im Schoß. Unzählige Male hatte Anna diese Geste bei Alexander beobachtet. Jedes Mal, wenn er in Gedanken war, setzte er sich genauso hin, faltete seine Hände … für einen Moment bereute Anna ihren Besuch hier. Die Anwesenheit dieser zwei Frauen bohrte sich wie ein stumpfes Messer irgendwo in der Herzgegend in ihre Brust, führte ihr unmissverständlich vor Augen, was sie bislang so hervorragend verdrängt hatte. Sie vermisste Alexander. Er fehlte ihr. Sehr. Sie stieß die angehaltene Luft aus und zwang sich zu einem zittrigen Lächeln. Sie durfte den beiden auf gar keinen Fall Angst machen. Alles, nur das nicht.
   »Wo ist Alex? Wie geht es ihm?«
   Der Tonfall seiner Mutter klang eher neugierig als bang oder gar ängstlich.
   »Er …« Anna räusperte sich und fuhr dann mit sicherer Stimme fort. »Alexander ist noch drüben. Wir sind gemeinsam dort gewesen. Sobald er kann, kommt er ganz bestimmt selbst hierher. Wenn es Ihnen recht ist, erzähle ich gern alles, was ich weiß.«
   Fast alles. Anna hielt Alexanders Mutter ihre Hand entgegen, die nach kurzem Zögern einschlug.
   »Ich bin Anna Peters und das ist Edmund.« Anna hielt inne. Zum ersten Mal fiel ihr auf, dass sich in Silvanubis alle nur mit dem Vornamen angesprochen hatten. Nachnamen – existierten die da überhaupt? Verflucht, sie wusste so wenig von dem Leben dort. Edmund trat an ihre Seite und schmunzelte.
   »Edmund de Fortitudo. Auch ich bin ein Freund Ihres Sohnes und richte Ihnen Alexanders Grüße aus.«
   Anna rang nach Luft. Das war glatt gelogen. Beunruhigend, wie leicht Edmund diese Lüge über die Lippen ging. Sie hatten lange darüber nachgedacht und beratschlagt, was genau sie Alexanders Familie berichten wollten. Schließlich waren sie übereingekommen, weder Kyra noch Alexanders mysteriöses Verschwinden zu erwähnen. De Fortitudo … Unfreiwillig musste Anna schmunzeln. Was für ein Name! Wahrscheinlich hatte auch er seinen Ursprung in der lateinischen Sprache. Fortitudo … Anna grübelte, bedeutete das nicht Mut oder Tapferkeit?
   »Wo bleibt denn nur mein gutes Benehmen? Lisa, genug geschuftet für heute.« Alexanders Mutter riss sie aus ihren Gedanken und schüttelte auch Edmund die Hand.
   »Eva Bach. Schön, dass ihr mir von meinem Jungen berichten wollt. Kommt, lasst uns hineingehen. Im Stehen lässt es sich so furchtbar schlecht plaudern.«
   Sie ergriff Annas Hand und zog sie hinter sich her.
   »Seid ihr weit gelaufen?« Eva deutete auf das Fahrrad neben der Eingangstür. »Geradelt? Kommt ihr direkt von … von … daher? Ihr habt doch sicher Durst oder Hunger.«
   Anna winkte ab. Sie wusste, wie knapp die Vorräte überall waren.
   »Eine knappe Stunde, Frau Bach. Von der anderen Ortsseite und nein«, sie schüttelte den Kopf, als sie sah, dass Alexanders Mutter im Haus angekommen, direkt in einem Schrank kramte, »das ist nicht nötig. Wir haben keinen Hunger.« Sie warf einen warnenden Blick in Edmunds Richtung, denn er war eigentlich immer hungrig.
   »Einen Tee vielleicht? Die Kräuter in meinem Garten kann ich gar nicht alle aufbrauchen, selbst wenn wir jeden Tag Gäste hätten und pausenlos Teepartys geben würden. Wie wär’s? Ein leckerer Pfefferminztee vielleicht?«
   Anna sah Edmund an und grinste. Eva Bach machte doch glatt Bridgets Energie und Vitalität Konkurrenz!
   »Und bitte, ich bin Eva. Alexanders Freunde nennen mich auch so. So alt bin ich nun auch wieder nicht.« Die muntere Frau wies auf fünf Holzstühle, die sich um einen großen, runden Tisch reihten.
   Anna spürte einen schwachen Stich im Magen. Fünf Stühle. Nur noch zwei davon wurden regelmäßig benutzt.
   »Setzt euch doch bitte.«
   Mit einem leisen Seufzer ließ sich Anna auf einem Stuhl nieder. Der Ausflug hierher hatte sie mehr angestrengt, als sie erwartet hatte. Ob sie das Durchschreiten der Passagen jemals so gut verkraften würde wie Edmund? Sie sah sich um. Das Zimmer war spärlich eingerichtet wie so viele Wohnungen im Moment. Außer Tisch und Stühlen standen ein großes Regal sowie ein riesiger, kunstvoll angefertigter Holzschrank in der Wohnstube. Jemand hatte ihn liebevoll mit Schnitzereien verziert, ein kompliziertes Blumenmuster umrahmte die breiten Türen. Eva war Annas Blick gefolgt und lächelte.
   »Gefällt er dir? Den hat Alexander gebaut. Kurz bevor er … fortgegangen ist.«
   »Er ist wunderschön. Der Schrank, meine ich«, stotterte sie. Du meine Güte, Anna, reiß dich zusammen! Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, wie Edmund die Lippen fest aufeinanderpresste, doch seine Augen verrieten, dass es ihm nur mit Mühe gelang, sich ein Lachen zu verkneifen. Alexanders Mutter zog eine Augenbraue hoch und schmunzelte.
   »Ja, das ist er. Der Schrank.«
   Anna hätte sich ohrfeigen können. Sie spürte genau, wie sie errötete. Es blieb eine kleine Ewigkeit still, bis sich Lisa zu ihnen setzte, nicht ohne vorher vier Tassen und eine dampfende Kanne auf den Tisch gestellt zu haben. Eva schenkte ihnen mit sicherer Hand ein und nickte Anna zu.
   »So, mein Kind, nun erzähl bitte. Wie geht es meinem Sohn?«
   Anna atmete tief durch. Nur zu deutlich sah sie Alexanders funkelnde Augen vor sich, sein verschmitztes Grinsen, seine schlanken, kräftigen Finger, die der Gitarre so wunderbare Töne entlockten, sein Mund … entschieden kniff sie die Augen zusammen und sein Gesicht verschwand. Sie wollte objektiv und möglichst heiter von ihm erzählen.
   »Ich habe Alexander am Tag des Übertritts getroffen. Er war mit seinem Hund im Wald spazieren und ich … ich war zum Hamstern unterwegs.«
   Der Nebel tauchte vor ihren Augen auf. Davon würde sie nicht berichten, auch nicht von der Schwäche, die der Grenzübertritt zur Folge gehabt hatte.
   »Oskar«, unterbrach Lisa ihre Gedanken. »Ist er bei Alex?«
   »Er weicht nicht von seiner Seite, obwohl er drüben einen weiteren Freund gefunden hat.« Das stimmte, noch hatte sie nicht gelogen. Ob Oskar jetzt bei ihm war?
   »Das stimmt, Oskar liebt sein Herrchen abgöttisch.« Lisa nickte eifrig und deutete auf den Wassernapf auf dem Boden neben dem Schrank. Anna spürte einen weiteren unangenehmen Druck im Bauch, der Wassernapf war leer.
   »Nachdem wir drüben ankamen«, fuhr sie fort, »haben wir Edmunds Freundin Naomi getroffen, die uns mit zu ihrem Heim genommen hat.« Direkt gelogen hatte sie immer noch nicht. Sehr gut. »Naomis Familie hat uns herzlich aufgenommen und uns ein wenig von ihrer Welt, von Silvanubis, gezeigt.«
   Was konnte sie noch erzählen, ohne Eva und Lisa zu sehr zu beunruhigen? Das hier war noch viel schwerer, als sie angenommen hatte. Hilfe suchend sah sich Anna nach Edmund um. Dieser nickte ihr aufmunternd zu, wendete den Blick von Alexanders Schwester auf deren Mutter und fuhr durch seine langen dunkelbraunen Haare. Dann leerte er seine Tasse und nahm den Faden auf.
   »Alexander fühlt sich bei uns schon fast wie zu Hause.«
   Eva runzelte die Stirn.
   »Obwohl er viel von hier erzählt hat«, beeilte sich Edmund hinzuzufügen. »Er wird euch alles genau berichten, wenn er zurückkommt.«
   In Evas Kopf schien es zu arbeiten. Auch diesen Gesichtsausdruck, die gehobenen Augenbrauen, kannte Anna nur zu gut. Alexanders Mutter hatte bereits den Mund geöffnet, doch Edmund kam ihr zuvor.
   »Er wäre gern selbst hier vorbeigekommen, heute, meine ich.« Anna senkte den Kopf, nun kam Edmund um eine Lüge nicht mehr herum. »Doch Anna konnte nicht warten. Sie hatte hier wichtige Dinge zu regeln … Wir mussten uns beeilen.«
   Das schlug dem Fass doch glatt den Boden aus. Heftig trat Anna unter dem Tisch gegen sein Schienbein und der Okeanid zuckte merklich zusammen. Wie konnte er es wagen, sie vorzuschieben! Eva sah sie argwöhnisch von der Seite an, doch wieder kam Edmund ihr zuvor.
   »Und Alexander hatte drüben noch etwas zu erledigen. Ich bin mir sicher, es wird nicht mehr lange dauern und er steht hier vor der Tür.«
   Glatt gelogen. Sie wussten nicht einmal, wo sich Alexander genau befand, ob ihm etwas zugestoßen war, ob er überhaupt noch lebte. Egal, ihr blieb nichts anderes übrig. Sie musste das Spiel jetzt mitspielen, ob sie wollte oder nicht.
   »Was musste er denn noch erledigen, was ihn daran hindern konnte, uns zu besuchen?«
   Eva Bach war nicht auf den Kopf gefallen. Das geschah ihm recht. Anna war gespannt, wie sich Edmund da herauswinden wollte. Evas wachsamer Blick wanderte beständig zwischen ihnen hin und her. Doch Edmund hatte offenbar den Ball an sie zurückgegeben. Anna holte tief Luft. Sie konnte das. Sie konnte Edmunds Spiel mitspielen.
   »Er … ähm«, Anna rieb sich durch ihr Gesicht. Jetzt nimm dich zusammen, verdammt noch mal. Diese Mutter hatte ein wenig Ruhe verdient. »Er musste noch jemandem helfen.« Hoffentlich nicht dem Falschen, fügte sie in Gedanken hinzu.
   »Helfen?« Das genügte Alexanders Mutter nicht.
   »Ja, er … er hat … eine besondere Verbindung zu den magischen Kreaturen dort. Ein Freund brauchte seine Hilfe beim … beim Aufspüren von Pixies.«
   Himmel! Sie redete sich noch um Kopf und Kragen. Aufspüren von Pixies … wirklich? Doch zu ihrer Überraschung schien sich Eva genauso damit zufriedenzugeben wie Alexanders Schwester.
   »Noch etwas Tee?«
   Anna blickte in ihre leere Tasse. Eva hatte recht gehabt, der Pfefferminztee war köstlich.
   »Ja, gern«, antwortete sie. Lisa griff nach der weißen Kanne und schenkte Anna eine volle Tasse des dampfenden Getränks nach.
   »Danke«, stammelte Anna. »Du siehst ihm sehr ähnlich.«
   Lisas Lächeln war zurückhaltend. »Das hören wir immer wieder, nicht wahr, Mama?«
   Eva nickte. »Ja, alle meine Kinder sind irgendwie nach mir geschlagen, befürchte ich.«
   Was zum Teufel sollte sie darauf antworten?
   »Pixies. Hm.« Lisa runzelte die Stirn. »Und Alexander gefällt es dort? In … Silvanubis?«, fragte sie leichthin.
   Anna bohrte die Zeigefinger in ihre Schläfen. Die beiden Frauen glaubten ihr kein Wort. Edmund, konnte er ihr nicht ein wenig helfen? Wozu war er sonst mitgekommen? Ein weiterer gezielter Fußtritt unter dem Tisch und Edmund schob seinen Stuhl zur Seite und erhob sich. Er nickte Anna zu und griff in seine Hosentasche. Edmund trug eine von Peters verschlissenen Stoffhosen sowie ein nicht mehr ganz weißes Leinenhemd, das ein wenig zu eng war und dadurch seine muskulöse, kräftige Statur noch hervorhob. Langsam zog er einen zusammengefalteten Zettel aus seiner Tasche, glättete ihn und schob ihn Eva über den Tisch entgegen. Anna runzelte die Stirn. Was war das? Was hatte Edmund da bei sich gehabt? Zögernd griff Eva nach dem zerknitterten Stück Papier. Zu gern hätte Anna es selbst genommen. Einige wenige Zeilen waren darauf geschrieben, so viel konnte sie erkennen. Von Alexander? Wieso hatte Edmund eine Nachricht von Alexander und warum hatte er ihr das verschwiegen? Es dauerte nicht lange und der Zettel wanderte von Mutter zu Tochter. Auch Lisa überflog die wenigen Zeilen in Windeseile, faltete den Zettel zusammen und sah Anna an. Okay, nun wussten alle, außer ihr, was auf dem Stück Papier stand. Sie streckte auffordernd ihre Hand aus.
   »Darf ich?« Anna schleuderte einen vernichtenden Blick in Edmunds Richtung. Lisa lächelte und schob ihr die Nachricht entgegen. Die Worte waren hingekritzelt, anscheinend in großer Eile geschrieben worden. Wann und wo?

Liebe Mama, liebes Schwesterherz!

Die Drachen sind echt. Es ist wunderschön hier. Ich würde euch gern alles selbst zeigen. Habt noch ein wenig Geduld, ich hole euch bald. Bin glücklich, habe sie gefunden …

Alex


Verstohlen wischte sich Eva durchs Gesicht und auch Lisas Augen glänzten verdächtig. Anna reichte Eva den Zettel. Na warte, Edmund …
   »Alexander ist glücklich dort. Ich … wir werden noch ein wenig hier bleiben. Wie Edmund schon erwähnt hat, habe ich noch einiges zu regeln, doch früher oder später werden wir zurückkehren. Sollte Alexander bis dahin noch nicht hier angekommen sein, so nehmen wir euch gern mit.«
   Anna sah durchs Fenster. Die Sonne stand hoch am Himmel. Sie hatte genug gesagt. Sie konnte das nicht länger, wollte nicht mehr lügen. Außerdem erinnerte hier alles, aber auch wirklich alles, an Alexander. In ihrem Kopf pochte es unangenehm. Hastig erhob sie sich.
   »Ich verspreche, ich sage Bescheid, bevor wir … ähm … zurückkehren. Kommt mich doch mal besuchen. Kennt ihr das Sonneneck?«
   Eva schenkte Anna ein flüchtiges Lächeln, als sie ihr die Haustür öffnete. »Ich denke, ich kann euch nicht zu einer weiteren Tasse Tee überreden?«
   Anna deutete ein Kopfschütteln an. Das Lächeln war Tarnung, Evas Augen verrieten sie, als sie Annas Hand ergriff und sie zur Tür hinauszog. Noch bevor Edmund und Lisa folgen konnten, hatte sie Anna zur Seite genommen und sah sie ernst an.
   »Und jetzt möchte ich gern die Wahrheit wissen. Wie geht es ihm wirklich, mein Kind?«
   Anna schluckte und sah sich um, doch Edmund war in ein angeregtes Gespräch mit Lisa verwickelt. Sie hatte es gewusst, Alexanders Mutter ließ sich nichts vormachen.
   »Ihm gefällt es dort«, antwortete sie ausweichend und versuchte, sich von ihrem Griff zu lösen. Doch so einfach konnte sie die energische Frau nicht abschütteln.
   »Die Wahrheit bitte, Anna. Genug. Es reicht. Glaub mir, was auch immer Alexander zugestoßen ist … nichts ist schlimmer als die Ungewissheit.«
   Das Pochen hinter Annas Schläfen war zu einem heftigen Hämmern angewachsen. Genau das war das Problem, sie wusste es nicht. Resigniert zuckte sie mit den Schultern. »Also gut.« Anna gab sich geschlagen und bemühte sich, so ruhig wie möglich zu sprechen. »Du hast recht, Eva, ich kann nicht genau sagen, ob es ihm gut geht oder wo er sich gerade befindet. Wir haben ihn verloren bei … bei unserer Reise hierher. Er war plötzlich nicht mehr da.«
   Die Kopfschmerzen wurden schlimmer, egal, sie würde Alexanders Mutter nicht von Kyra berichten!
   »Was ich aber mit Sicherheit weiß, er war … ist wirklich glücklich dort. Er wollte es euch selbst sagen, auch dass er nicht hierbleiben will. Irgendetwas muss ihn daran gehindert haben, den Weg zurückzufinden, doch ich bin sicher, er wird uns folgen, sobald er kann.«
   Unsicher sah sie Eva von der Seite an. Ob ihr das reichte?
   »Es … es ist schön dort, Eva«, fuhr sie zögernd fort. »Wunderschön, verwirrend und bunt. Alexander hat recht, die Drachen sind echt, und nicht nur sie. Es ist keine Traumwelt. Silvanubis existiert … genauso wie …«, Anna suchte nach Worten und fuhr mit einer weitläufigen Handbewegung fort, »… wie das hier. Es ist echt und für manche öffnet sich ein Weg von hier nach dort.«
   Alexanders Mutter sah ihr fest in die Augen und griff nach ihren Händen. Die Spur eines Lächelns kehrte in das resolute Gesicht zurück.
   »Ich danke dir, Anna, dass du gekommen bist. Ich weiß, es war sicher nicht einfach für dich. Außerdem habe ich gelernt, geduldig zu sein und zu warten. Du hättest uns nicht besuchen müssen. Solltest du aber trotzdem noch etwas erfahren oder dir etwas Wichtiges entfallen sein, dann weißt du, wo du mich finden kannst. Ich werde übrigens auf dein Angebot zurückkommen und dich in deinem Spielzeugladen besuchen. Doch ich erwarte auch von dir, dass du mir Bescheid gibst, wenn du uns wieder verlässt. Ob ich mitkomme … ich weiß es nicht. Vielleicht warte ich lieber auf Alexanders Besuch, wann immer das sein mag.« Sie sah sich um und deutete auf die Schreinerei. »Ich weiß nicht, ob du das verstehen kannst, aber es gefällt mir hier. Ich glaube nicht, dass ich das aufgeben möchte. Ich hatte genügend Zeit, dem allen hier den Rücken zu kehren, und ich habe es nicht getan.« Sie schob Anna das alte Fahrrad entgegen und grinste. »Du hast das nicht verstanden, nicht wahr?«
   Anna runzelte die Stirn. Sie hatte was nicht verstanden?
   »Alexanders Nachricht. Bin glücklich, habe sie gefunden … Das bist du!«
   Anna kroch zum x-ten Mal die Röte in die Wangen.
   »Blödsinn«, murmelte sie ärgerlich. »Wer weiß, was er gesucht und gefunden hat.«
   »Ich weiß es, Anna. Und nun seht zu, dass ihr nach Hause kommt.«
   Lächelnd drückte sie Anna den Lenker in die Hand.

Kapitel 2
Phönix

Einmal noch drehte sich Anna um, und sah wie Mutter und Tochter ihr hinterherwinkten, dann trat sie in die Pedale. Ihre Hände hielten den Lenker so fest umklammert, dass die Knöchel weiß hervortraten. Sie war so wütend, dass das Herz ihr bis zum Hals schlug. Sie legte noch an Tempo zu, sodass sich Edmund mächtig ins Zeug legen musste, um im Laufschritt neben ihr mitzuhalten. Allmählich begann er zu keuchen. Das geschah ihm ganz recht. Wie kam er nur dazu, Alexanders Nachricht für sich zu behalten? Anna stellte mit Genugtuung fest, dass Edmund zurückfiel. Warum hatte Alexander nicht ihr den Zettel zugesteckt? Zumal es um sie ging, gewissermaßen … Nicht einmal der warme Maiwind, der ihr durch die Haare wehte, konnte sie besänftigen. Ihre Beine schmerzten von der ungewohnten Bewegung, aber um nichts in der Welt würde sie jetzt stehen bleiben. Edmund würde den Weg zurück sicher auch ohne sie finden.
   Der Hinterreifen rutschte weg, als das Fahrrad ruckartig zum Stillstand kam. Beinah wäre sie gestürzt. Sie fuhr herum und war nicht überrascht zu sehen, dass Edmund das Fahrrad mit beiden Händen am Gepäckträger festhielt.
   »Alexander hat mich darum gebeten«, schnaufte er. »Ich habe die Nachricht nicht gelesen, Anna!« Keuchend stützte er sich auf das Fahrrad. »Verflucht noch mal! Das ging weder mich noch dich etwas an. Alexander hat mir den Zettel am Morgen unseres Aufbruchs in die Hand gedrückt und auf dem zusammengefalteten Stück Papier stand der Name seiner Mutter, nicht meiner und auch nicht deiner.«
   Anna schnaubte. »Aber …«
   »Kein Aber, Anna! Es tut mir leid, dass ich dir nicht davon erzählt habe, aber es ging dich nichts an, auch wenn es schließlich doch dich betraf.« Er griente schwer atmend.
   Sie schob ihn schweigend zur Seite und trat erneut in die Pedale, langsamer dieses Mal. Das Radfahren strengte sie mehr an, als sie erwartet hatte. Edmund hielt nun ohne Schwierigkeiten mit ihr mit. Ohne ein weiteres Wort zu wechseln, setzten sie ihren Rückweg fort.
   Die Hälfte des Weges hatten sie bereits zurückgelegt, als zu ihrer Linken das kleine Wäldchen, das die Geheimnisse beider Welten sicher in sich verbarg, auftauchte. Ob sie wohl jemals in der Lage sein würde, die Passage selbst zu finden? Ob auch sie irgendwann von einer magischen Kreatur hinübergeführt würde? Für sie sah der Wald eben überall wie Wald aus. Trotzdem konnte Anna den Blick nur schwer von dem saftigen Grün lösen. Halt, was war das? Grün, mit einem roten Schimmer. Ihr stockte der Atem und sie kam so abrupt zum Stehen, dass Edmund ins Stolpern geriet.
   »Hoppla, Anna. Was ist denn jetzt schon wieder los? Ich hab dir doch gesagt, dass es mir leidtut.«
   Der Lenker entglitt ihren Händen, achtlos ließ Anna das Fahrrad zu Boden fallen. Mit einer Hand griff sie nach Edmunds Arm und mit der anderen deutete sie ihm zu schweigen, indem sie den Zeigefinger auf ihre Lippen legte. Gebannt starrte sie in das dunkle Grün. Edmund folgte ihrem Blick und runzelte die Stirn.
   »Was ist denn, Anna?«, flüsterte er.
   Anna hielt immer noch Edmunds Ärmel fest. Dort zwischen den Bäumen, sie sah es genau, flog etwas Rotes auf und ab. Leuchtend rot, feuerrot. Groß, riesig groß. Das musste Edmund einfach sehen!
   »Da, Edmund. Ist das der Phönix?« Ungeduldig schüttelte sie seinen Arm und deutete auf den roten Schatten, der zwischen den Bäumen auf- und abzufliegen schien. »Komm, der ist doch nun wirklich nicht zu übersehen!«
   Hastig sah sich Anna um. Einige Fußgänger teilten sich die Straße entlang des Waldes mit ihnen, warfen einen flüchtigen Blick auf Anna und Edmund und setzten dann kopfschüttelnd ihren Weg fort. Da, sie sah ihn ganz genau! Das gab es doch gar nicht. Erst einmal zuvor hatte sie den gewaltigen Vogel außerhalb ihrer Träume gesehen. Unwillkürlich blickte sie auf die rötliche Narbe in ihrer Hand. In Silvanubis war sie nicht die Einzige gewesen, die den Phönix gesehen hatte. Doch hier schien Edmund keine Notiz von ihm zu nehmen, und auch die Spaziergänger, die an ihr vorbeiliefen, schenkten dem scharlachroten Riesen, der sich inzwischen majestätisch auf einer Baumkrone niedergelassen hatte, keine Beachtung. Erhaben faltete er die Flügel an seinen kraftvollen Körper und wartete. Auf was eigentlich?
   »Anna. Anna!«
   Edmund hatte sich von ihr gelöst und stellte sich zwischen sie und das dunkle Grün. Ihr war schlecht und die Beine wollten unter ihr nachgeben.
   »Anna, beruhige dich.« Edmund schob seine Hand unter ihren Ellbogen. »Die Leute gucken schon. Nur du kannst ihn sehen. Ein Stück in den Wald hinein müssten wir zwar schon, um die Passage zu erreichen, aber vermutlich will der Phönix dir deutlich vor Augen führen, dass er nun bereit ist, dich hinüberzuführen … weil er weiß, dass du bereit bist, ihm zu folgen.« Er hielt inne und strahlte. »Natürlich … das Medaillon und der Brief deiner Eltern. Du hast heute Morgen selbst gesagt, dass du endlich frei bist. Irgendetwas muss bei unserem Besuch bei Alex’ Mutter passiert sein, das den entscheidenden Ausschlag gegeben hat.« Er legte die Hand auf ihre Schulter und nickte zum Wald hinüber. »Ich sehe das Einhorn, das mich hierher gebracht hat, auch in der Nähe von Passagen. Aber nicht von hier, es wartet am Eingang der Passage, um mich, wenn ich es brauche, hinüberzubegleiten. Und das kannst du dann nicht sehen.«
   Anna wurde schwindlig und sie hielt sich eilig an Edmund fest.
   »Wusste ich es doch.« Edmund strahlte immer noch über beide Ohren. »Na siehst du, Anna. Jetzt brauchst du mich nicht mehr, um zurückzukehren. Alles in Ordnung? Du bist ein bisschen blass um die Nase.«
   Anna sah ihn verwirrt an und schüttelte den Kopf. »Mir ist schwindlig.«
   Edmund hob das Fahrrad auf, half ihr in den Sattel und schob sie langsam, aber bestimmt weiter. »Das ist die Magie, Anna. Du weißt doch, die geht an keinem spurlos vorüber, an Neulingen ganz besonders nicht. Wir sollten den Wald, die Passage, hinter uns lassen, dann geht es dir ganz schnell wieder besser.«
   Anna nickte stumm. Und tatsächlich, mit jedem Schritt, den sie zwischen sich und das Wäldchen brachte, nahm das Schwindelgefühl ab, bis es schließlich ganz verschwand. Zurück blieb ein Gefühl der Schwäche.
   »Bleib sitzen, Anna. Ich schiebe dich.«
   Zittrig strich sie sich die Haare aus der Stirn und schloss die Augen. Sie musste nachdenken, und zwar gründlich. So war das also für Alexander gewesen. Er hatte ihr erzählt, dass er zunächst von magischen Kreaturen und Fabelwesen geträumt hatte, schließlich aber meinte, diese auch hier zu sehen, besonders in dem kleinen Wäldchen. Als er hier verschwunden und drüben angekommen war, musste er instinktiv der winzigen Gestalt, der Pixie, gefolgt sein. Die anderen Wesen, die sich anscheinend vor den Passagen tummelten, waren für ihn unsichtbar geblieben.
   So einfach war das also? Warum hatte sie es dann vorher nicht geschafft? Was hatte Richard zu ihr gesagt? Alexander hatte es geschafft, weil er Silvanubis eine Chance gegeben hatte … weil er daran geglaubt hatte. Konnte sie nun den Phönix sehen, weil sie jetzt die Existenz Silvanubis’ mitsamt seinen Kreaturen akzeptierte? Was war nur geschehen zwischen heute Morgen und jetzt? Vor ein paar Stunden erst waren sie ebenfalls an dem Wäldchen vorbeigekommen und Anna hatte nichts außer dem grünen Unterholz entdecken können. Annas Augen flogen auf. Natürlich, das war der Unterschied! Sie hatte Eva Bach zwar nicht alles erzählt, was sich in den vergangenen Wochen ereignet hatte, doch sie berichtete zum ersten Mal jemandem von Silvanubis, der es nicht mit eigenen Augen gesehen hatte. Sie erzählte davon, ohne es infrage zu stellen. Es ist keine Traumwelt. Silvanubis existiert. Sie hatte es gesagt und gemeint. Es war echt. Vielleicht war es wirklich so einfach. Wenn der Vogel jetzt hier war, dann …? Anna schnappte nach Luft.
   »Wenn der Phönix jetzt hier ist, Ed, dann … dann kann Kyra ihn doch gar nicht bekommen! Es sei denn …«, Anna trat rückwärts in die Pedale und das Fahrrad blieb abrupt stehen. An diese Möglichkeit hatte sie noch nicht einmal gedacht. »Es sei denn, sie kommt hierher. Vielleicht wartet sie im Sonneneck bereits auf mich.«
   Edmund legte ihr sanft die Hand auf die Schulter.
   »Ich sehe, du denkst mit, Anna. Aber du kannst dich beruhigen. Erstens ist, was du eben gesehen hast, nicht tatsächlich der Phönix gewesen. Es stimmt, er wartet auf dich an der Passage, an jeder Passage. Doch es ist sein Schatten, ein Spiegelbild sozusagen. Er ist ebenso wie das Einhorn oder Alexanders Pixie nach wie vor in Silvanubis. Wenn du die Passage betrittst, ist er bei dir, richtig bei dir, meine ich, doch sobald du sie durchschritten hast, ist er fort, aber bereit, dich jederzeit wieder zu begleiten.«
   Anna rieb sich durchs Gesicht, die Kopfschmerzen waren wieder da. Wie sollte sie das jemals alles begreifen?
   »Was Kyra betrifft, natürlich könnte sie die Passage durchschreiten. Selbst, wenn sie es nicht allein schaffen kann, so weiß sie doch, wie sie hinübergelangen könnte. Sich jemanden zu besorgen, der ihr dabei hilft, ist nicht besonders schwer.« Edmund legte eine Pause ein und schnaubte verächtlich. »Doch um ihren Plan auszuführen, muss sie eben die drei …« Er hielt erneut inne und blickte verlegen zu Boden. »… die drei Objekte drüben in ihre Gewalt bringen. In Silvanubis. Und vergiss den Nebel nicht. Sollte sie tatsächlich jemanden finden, der ihr den Grenzübertritt ermöglicht, dann ist sie erst mal für eine ganze Weile außer Gefecht gesetzt. Also, Anna, freu dich einfach, dass du jetzt jederzeit allein zurückkehren kannst.«
   Anna atmete tief durch. Es sah ganz so aus, als gehörte sie nun tatsächlich zum Kreis derer, die die Passagen durchschreiten konnten. Ohne Hilfe. Wobei sie hier vor der Magierin in Sicherheit war.
   »Aber Alexander ist drüben«, antwortete sie leise, biss sich auf die Lippe und schluckte die Tränen hinunter. Sie fühlte sich müde, ausgelaugt und ihr Kopf schien nicht mehr groß genug zu sein für die Fülle an Informationen, die er heute verarbeiten musste. Anna strich sich eine lose Haarsträhne hinters Ohr, bevor sie den Rücken durchstreckte und tief ausatmete.
   »Edmund de Fortitudo also?« Anna schielte zu dem athletischen Okeaniden hinüber. »De Fortitudo. Hört sich an wie ein altes Adelsgeschlecht. Ich wusste nicht, dass es so etwas wie Nachnamen gibt in Silvanubis.«
   Edmund schmunzelte und schob das Fahrrad an. »Es gibt noch vieles, was du nicht weißt, Anna. Natürlich haben alle Nachnamen. Erin Sapiens zum Beispiel. Wie dir bekannt ist, haben viele Ausdrücke in Silvanubis einen lateinischen Ursprung. Fortitudo bedeutet Stärke oder Tapferkeit.«
   Anna grinste schwach und betrachtete den großen, starken Mann an ihrer Seite. Das passte.
   »Und Sapiens? Weise?« Das Grinsen wurde breiter. »Ich weiß nicht so recht. Vielleicht sollte man Erin hin und wieder an die Bedeutung ihres Nachnamens erinnern.«
   Edmund blieb stehen und lachte laut auf.
   »Wo du recht hast, Anna … Die meisten Familien stammen aus uralten Geschlechtern Silvanubis’. Irgendwann einmal hat jemand ihren Namen gewählt, weil er eine besondere Bedeutung hat. Wenn allerdings jemand so wie du oder Alexander sich entscheidet, in Silvanubis zu bleiben, dann wird der alte Nachname abgelegt. In der Regel sucht jemand den Namen für die Neuankömmlinge aus.«
   Anna runzelte die Stirn. Vielleicht hätte sie doch nicht fragen sollen. Zu viele Informationen. Sie rieb sich die Schläfen. »Wenn die Nachnamen eine besondere Bedeutung haben, Edmund, ist das bei Orten genauso? Calliditas — ein merkwürdiger Name für eine Stadt.«
   Edmund nickte. »Allerdings passend für das Volk der Najaden. Calliditas bedeutet Schlauheit. Dort, wo ich herkomme, gibt es auch einen solchen Ort. Robur.« Edmund hielt inne und seufzte.
   »Fehlt es dir?«, fragte Anna leise.
   Edmund senkte kurz den Blick und schüttelte den Kopf. »Ein bisschen vielleicht …« Er räusperte sich und fuhr entschieden fort. »Robur passt ebenfalls zu seinen Bewohnern, den Okeaniden. Es bedeutet Kraft oder Stärke.«
   »Edmund de Fortitudo aus Robur.« Annas Mundwinkel zuckten. »Na, wenn ich da nicht gut aufgehoben bin.«
   Irgendetwas Unverständliches brummend schob Edmund das Fahrrad weiter.

Schon von Weitem waren die Stimmen zu hören, hell, klar und fröhlich. Die Tür zum Sonneneck stand weit offen und vor dem Laden herrschte reges Treiben. Anna traute ihren Augen nicht. Wo in aller Welt kamen nur all die Kinder her? Kaum verließen ein paar kleine Gestalten den Laden, da schoben sich auch schon die nächsten hinein. Was zum Teufel hatten Erin und Peter angerichtet? Verschleuderten sie Spiele, Bauklötze und Puppen? Gab es hier irgendetwas umsonst? Anna schob das Fahrrad hastig durch die offene Tür, lehnte es an die Wand hinter der Ladentheke und sah sich um. Geordnetes Chaos … Kinder jeden Alters, vom Krabbelkind bis zum schlaksigen Teenager, spielten mehr oder minder einträchtig miteinander. In einer Ecke schien ein Autorennen stattzufinden. Die kleinen Holzautos rasten über den rauen Fußboden und ein schmächtiger vierjähriger Junge mit haselnussbraunen Haaren schwang ein nicht mehr ganz sauberes Taschentuch, als die Autos die imaginäre Ziellinie überquerten. Mit ernster Miene verfolgte er angestrengt den Rennverlauf und Anna konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. In einer anderen Ecke hatte eine Gruppe Mädchen aus Tüchern und Laken, die Anna verdächtig an ihre eigenen Tischdecken und Vorhänge erinnerten, ein Zelt gebaut, in dem mehrere Stoffpuppen gerade ein Mittagsschläfchen hielten. In unregelmäßigen Abständen waren die anderen jungen Gäste in Gruppen über den Boden verstreut, in Brettspiele vertieft oder hielten Spielkarten in den Händen. Und mittendrin hockten Erin und Peter. Auf Erins Schoß saß ein kleiner Rotschopf, vielleicht drei Jahre alt, den Daumen schläfrig im Mund, während Erin Bauklötze um sich herum aufgebaut hatte, mit einem winzigen Stoffhasen darüberhüpfte und leise Geschichten erzählte. Anna verspürte einen flüchtigen, dumpfen Druck in der Magengegend. Abend für Abend hatte ihre Mutter, oft über flackerndem Kerzenlicht, kleine Figuren genäht, hatte jeden Stofffetzen, der nicht mehr gebraucht wurde, für ihre Projekte genutzt. Der rote Schopf nickte immer wieder nach vorn. Noch sträubte sich der zierliche Junge, doch bald würde der Schlaf über seine Willenskraft siegen. Nur mit Mühe gelang es Anna, ihren Blick von diesem friedvollen Bild zu lösen. Zwischen zwei etwa zehnjährigen Mädchen saß Peter im Schneidersitz, den Kopf über ein Brettspiel gebeugt. Das Sonneneck besaß nur eine Handvoll Spiele, die ihr Vater ebenfalls selbst hergestellt hatte. Die kleinen grob geschnitzten Holzpüppchen hüpften über das Spielfeld und eines der Mädchen klatschte gerade entzückt in die Hände. An der Wand nebeneinander aufgereiht entdeckte Anna schließlich einige Erwachsene, mehr Frauen als Männer, vermutlich die Eltern der kleinen Geschöpfe. Was hatte sich nur alles ereignet in ihrer Abwesenheit? Es war jetzt früher Nachmittag, länger als sechs Stunden waren sie sicher nicht fort gewesen.
   Es würde Stunden dauern, bis sie auch nur ansatzweise Ordnung geschafft und alles an Ort und Stelle sortiert hatten. Anna schüttelte schmunzelnd den Kopf, als sich Edmund grinsend an Peters Seite auf dem Boden niederließ. Wie lange war es her, dass sie so viel Lachen gehört, so viel Freude gesehen, so viel Unbekümmertheit erlebt hatte? Zum Teufel mit der Unordnung. Sie umrundete den Tresen und setzte sich leise an Erins Seite. Dem kleinen Jungen auf ihrem Schoß fielen trotz der Geräuschkulisse letztendlich die Augen zu und Anna staunte wieder. Erin sprach mit sanfter Stimme, ließ sich weder von dem um sie herum kreisenden Autorennen noch von Annas Anwesenheit ablenken.
   »… und der kleine Hase war nach seiner langen Reise und den vielen Abenteuern furchtbar müde«, hörte Anna ihre Freundin leise flüstern, »und kehrte zufrieden nach Hause zurück.«
   Erin beugte sich vorsichtig über ihren kleinen Schützling, der inzwischen gleichmäßig ein- und ausatmete und entspannt in ihren Armen lag. Dann warf sie Anna einen verschmitzten Blick zu und fuhr fort, »… wo er zwei ganze Tage und Nächte schlief, ohne auch nur einmal aufzuwachen.«
   »Sehr komisch, Erin«, flüsterte Anna. Die zwei verschlafenen Tage und Nächte nach ihrer Ankunft in Silvanubis hatte sie sich bis heute nicht ins Gedächtnis zurückrufen können. Behutsam nahm sie ihr den kleinen, schlaffen Körper aus den Armen und sah sich suchend um. Aus dem Pulk der Eltern löste sich schließlich eine junge Frau, kaum älter als fünfundzwanzig Jahre, und wischte sich verstohlen Tränen aus den Augen. Leise lächelnd nahm sie das schlafende Kind entgegen und wandte sich an Erin, die dem kleinen Jungen die verschwitzten Haare aus dem Gesicht strich.
   »Das hat er gebraucht. Ich danke Ihnen.« Sie hielt inne und sah Erin gedankenverloren an. »Er war lange nicht mehr so in ein Spiel vertieft. Man meint immer, die Kinder stecken das schon weg.« Sie nickte durch die offene Tür nach draußen. »Und wahrscheinlich tun sie das auch. Aber so …«, sie ließ ihren Blick über die muntere Runde gleiten, »… so müsste es sein. Das haben sie verdient.«
   Mit ihrer freien Hand wischte sich die junge Frau nochmals durchs Gesicht und küsste ihren Sohn sanft auf die Stirn.
   »Das hat er gebraucht«, wiederholte sie, »und ich auch.« Langsam verließ sie den Laden, den schlafenden Jungen im Arm.

Es war bereits dunkel, als die Tür hinter dem letzten Besucher ins Schloss fiel. Rasch drehte Anna den Schlüssel herum, zog die Vorhänge zu und knipste das Licht an. Gott sei Dank, noch keine Stromsperre. Dieses Durcheinander bei Kerzenlicht zu bewältigen, würde beinah unmöglich sein. Sie krempelte sich die Ärmel hoch und machte sich an die Arbeit. Als sie merkte, dass sie die Einzige war, die aufräumte, richtete sie sich auf und blickte in drei strahlende Augenpaare.
   »Na, Anna, was sagst du jetzt?« Es war Peter, der das Wort ergriff. »Das hast du Erin zu verdanken.«
   Anna verdrehte schmunzelnd die Augen. Natürlich, wem auch sonst.
   »Nun sag schon, haben wir das nicht ganz wunderbar hinbekommen?« Mit stolzgeschwellter Brust betrachtete er das heillose Durcheinander. »Warum nur ist uns das nicht schon viel früher eingefallen? Hast du gesehen, wie sie sich gefreut haben? Wie unbeschwert sie gespielt haben?«
   Anna sah sich um. Als hätte ein Wirbelsturm durch das kleine Geschäft gefegt. Und doch, sie hatte es auch gesehen, Ausgelassenheit und Freude in blitzenden Augen. Wenn das ihr Vater erlebt hätte. Anna schluckte und räusperte sich.
   »Vielleicht räumen wir erst mal auf, dann sehen wir nach, was noch zu essen im Schrank ist, und anschließend könnt ihr erzählen, wie es …«, ihr fehlten die Worte, »… wie es hierzu gekommen ist.«
   Nicht einmal eine halbe Stunde dauerte es und der Laden sah so aus, als hätte der Sturm das Sonneneck nie erreicht. Zufrieden lehnte sie sich mit verschränkten Armen gegen die Ladentheke.
   »Und jetzt habe ich Hunger!« Anna schaltete das Licht aus und lief mit den anderen durch den schmalen Gang zu ihrem Zimmer.
   Peter verzog das Gesicht. »Viel ist nicht mehr da, Anna. Ein paar trockene Scheiben Brot und ein wenig Gemüseeintopf von gestern. Morgen besorge ich etwas Fleisch. Und wenn ich den ganzen Tag unterwegs bin.«
   Anna legte die Hand auf seinen Arm. »Ist schon gut, Peter. Ich habe schließlich immer noch das Besteck meiner Eltern.«
   Sie stellte den Eintopf auf den Ofen. Besonders schwer war der Topf wirklich nicht, viel konnte nicht mehr drin sein. Die Vorräte, mit denen Peter ihre Regale vor ihrer Rückkehr so großzügig gefüllt hatte, waren längst aufgebraucht. Er hatte schließlich nicht damit gerechnet, dass sie statt zwei, vier Personen satt machen mussten. Haferflocken … Sie hatten noch Haferflocken, da war sie ganz sicher. Anna kramte in der alten Kommode, in der sie ihre spärlichen Lebensmittelvorräte aufbewahrte. Triumphierend zog sie eine kleine Tüte hervor.
   »Na also. Wenn du morgen hamstern gehst, Peter, schütte ich jetzt die restlichen Haferflocken in diesen wunderbaren Eintopf. Heute soll keiner Hunger haben. Nicht heute.«
   »Wunderbarer Eintopf …« Erin verzog das Gesicht und gähnte laut, bevor der blonde Schopf ebenso nach vorn nickte wie der rote des kleinen Jungen, der vorhin auf ihrem Schoß eingeschlafen war. Der Schlaf holte sich sein nächstes Opfer und Erins Kopf ruhte auf ihre Hände gebettet auf der Tischkante.
   »Das war wohl doch ein wenig zu viel für unsere wackere Najadin.« Sanft berührte Anna ihre Freundin an der Schulter und der Kopf fuhr ruckartig in die Höhe.
   »Was? Hab nur kurz die Augen zugemacht«, erklärte sie verwirrt.
   Anna lachte. »Warte wenigstens, bis du etwas gegessen hast, Erin. Ein paar Minuten noch, das schaffst du schon.«
   Erin erhob sich schwerfällig, nahm Anna den Löffel und die Tüte aus der Hand und schob sie zur Seite.
   »Dann lass mich das machen. Wenn ich noch länger am Tisch sitze und warte, schlafe ich garantiert ein.«
   Anna schmunzelte und richtete ihren Blick auf Peter, der sich ebenfalls einen Stuhl an den kleinen Tisch gezogen hatte. »Na los, Peter, erzähl schon. Wie habt ihr zwei das hinbekommen?«
   Peter rieb sich verlegen den Arm und blickte durchs Fenster. Die Nacht hatte Einzug gehalten. »Es war Erins Idee. Als ihr fort wart, haben wir noch ein wenig Radio gehört, dann Karten gespielt und uns unterhalten. Als Erin schließlich lustlos in ‚Robinson Crusoe‘ blätterte, ihr Blick aber immer wieder sehnsüchtig durch das offene Fenster wanderte, habe ich mir zwei Stühle geschnappt und sie vor die Ladentür gestellt. Erin ist mir mit einem Kartensatz gefolgt und dann haben wir eben draußen Karten gespielt.« Er warf einen kurzen Blick auf Erin, die den Kochlöffel schwingend nickte.
   »Sie ist ihr ähnlich.« Peter versuchte, seiner Stimme einen möglichst beiläufigen Tonfall zu geben, doch Anna kannte ihren alten Freund schon zu lange. Seine zitternden Hände verrieten ihn.
   »Hast du Erin …«, Anna holte Luft, »hast du ihr von Ella erzählt?«
   Peter schloss die Augen und nickte. Anna griff nach seiner Hand und drückte sie kurz. Ella. Ob er täglich an seine verstorbene Frau dachte? Er hatte Silvanubis vor vielen Jahren am Tag ihres Todes verlassen und war seitdem nicht zurückgekehrt.
   »Wir haben viel Zeit gehabt heute«, antwortete er leise. Erin legte den Kochlöffel zur Seite und trat an seine Seite. »Das kann man wohl sagen, Peter. Und viel Spaß.«
   Peter öffnete die Augen und lächelte. »Das hatten wir. Es hat nicht lange gedauert und wir haben Gesellschaft bekommen. Der kleine Rotschopf, der schließlich auf Erins Schoß eingeschlafen ist, war unser erster Gast. Als wir irgendwann die Straße blockierten, hat Erin alle in den Laden gescheucht.« Er warf Anna einen entschuldigenden Blick zu. »Ich weiß, es ist ein wenig unordentlich geworden und ich glaube, wir haben nicht ein einziges Spielzeug verkauft, aber …«
   Annas Mundwinkel zuckten. »Aber darauf kam es nicht an«, unterbrach sie ihn. »Erstens verkaufe ich schon lange nicht mehr sonderlich viel und zweitens war das …«, Anna hielt inne und dachte nach. »Es war unbezahlbar. Wie sehr hätte Papa das gefallen«, fügte sie gedämpft hinzu.
   Peter stand auf und schloss das Fenster. Es war heute zwar angenehm warm gewesen, doch abends kühlte es sich immer noch merklich ab. Er griff nach dem zerkratzten Wasserkessel, setzte ihn neben den Kochtopf auf den Ofen und ließ sich dann erneut zwischen Anna und Edmund nieder.
   »Es hätte ihm wirklich sehr gefallen. Er hätte lange davon gezehrt.« Peter schien erneut in Gedanken zu versinken. »Ein bisschen Tee haben wir noch«, fuhr er seufzend fort. »Und jetzt erzählt ihr. Habt ihr Alexanders Familie gefunden?«
   Anna lächelte vor sich hin. »… den Phönix auch.«

Kapitel 3
Einblicke

Geistesabwesend schüttete Anna kochendes Wasser auf den provisorischen Filter. Ein verbeulter Aluminiumbecher, in den Peter kurzerhand ein paar Löcher hineingehämmert hatte. Gestern hatte er stolz eine winzige Tüte Kaffeepulver mitgebracht, gerade genug für zwei Kannen. Anna hatte schlecht geschlafen letzte Nacht. Seitdem sie das Amulett und den Brief ihrer Eltern gefunden hatte, besuchte der Phönix sie nicht mehr in ihren Träumen. Trotzdem hatte sie keine Ruhe gefunden. Immer wieder war sie aufgewacht, hatte im Kopf die Tage überschlagen, die seit ihrem ersten Grenzübertritt nach Silvanubis vergangen waren. Seit diesem Zeitpunkt konnte Kyra sie genau neunzig Tage lang für ihre Zwecke missbrauchen. Noch fünf Wochen und sie konnten zurückkehren. Heimkehren? Die längste Zeit, in der Kyra eine Gefahr für sie bedeutete, war vorüber.
   Sie war jetzt gut vier Wochen wieder zu Hause, Erin hatte sich einigermaßen erholt, sie selbst fühlte sich kräftig und ausgeruht, wenn auch ständig hungrig. Daran hatte sich nichts, aber auch gar nichts geändert. Die Lebensmittelbeschaffung bestimmte nach wie vor jede Sekunde des Alltags und inzwischen hatte sich in der kleinen Vierergemeinschaft so etwas wie ein Rhythmus eingespielt. Jemand brach früh morgens auf, um mit den Lebensmittelkarten irgendwo anzustehen. Ab und zu gingen sie zu zweit hamstern, denn Annas und Peters Karten machten nicht einmal die eigentlichen Besitzer, geschweige denn zwei weitere hungrige Menschen satt. Anna besuchte mindestens zweimal die Woche Eva Bach, half ihr in dem kleinen Gemüsegarten und brachte abends die ein oder andere Überraschung mit, mal Kräuter für Tee oder Salat und hin und wieder ein Glas Marmelade. Peter und Edmund steckten immer häufiger die Köpfe zusammen und waren in Gespräche verwickelt, die sie offensichtlich nicht mit den Frauen teilen wollten. Ab und zu schnappte sie Wörter auf wie Pixie, Drachen oder Violabeeren, doch sobald sie sich zu ihnen gesellte, verstummten die beiden und warteten so unübersehbar darauf, dass sie wieder verschwand, dass Anna es inzwischen vorzog, sie sich selbst zu überlassen.
   Obwohl sie auf ihrem Weg zu Alexanders Mutter stets an dem Wäldchen entlangradelte, hatte sie es bislang sorgfältig vermieden, dem dunklen Grün zu nahe zu kommen. Den Phönix nahm sie jedes Mal aus den Augenwinkeln wahr und ihr Herz schlug dann immer ein wenig schneller, doch sie hielt nicht an, im Gegenteil. Ihre Füße schienen sich selbstständig zu machen, sobald der Wald in Sicht kam. Kräftig trat sie in die Pedale, und erst, wenn sie Wald und Vogel hinter sich gelassen hatte, gelang es ihr, das Tempo wieder zu verlangsamen.
   Draußen dämmerte es. Endlich. Ihre Hand schloss sich um das Amulett mit den winzigen Bildern ihrer Eltern. Anna seufzte, so ging das nicht weiter. Alexander … auch an ihn hatte sie heute Nacht denken müssen. So wie jede Nacht. Ich glaube, du wüsstest, wenn es ihm richtig schlecht gehen würde, hatte Peter gesagt. Sie wusste es aber nicht. Noch nicht. Unsicher schielte sie auf die blasse längliche Narbe, die die Phönixfeder hinterlassen hatte, als sie sie vor einer gefühlten Ewigkeit empfangen hatte. Die Verbindung wächst mit der Zeit. Es wird immer leichter werden, dich von dem Phönix führen zu lassen. Durch die Passage oder zu Menschen, die deine Hilfe benötigen. Wenn es Alexander richtig schlecht geht, dann weißt du es. Peter würde wohl wissen, wovon er sprach. Schließlich war sie nicht die Einzige, dem der Phönix eine seiner kostbaren Federn geschenkt hatte. Auch Peter war ein Federträger. Die längliche Narbe auf seinem Unterarm war Beweis dafür.
   Der letzte Tropfen Wasser bahnte sich den Weg durch das Kaffeepulver, die Kanne war voll. Die süße Sommerluft, die durch das halb geöffnete Fenster strömte, mischte sich mit dem Kaffeeduft. Während Anna den rosaroten Himmel bewunderte, tastete sie nach dem Filter. Ein dumpfes Geräusch und braunes matschiges Kaffeemehl spritzte über den Boden.
   »Verdammt noch mal«, entfuhr es ihr und Erin saß senkrecht im Bett.
   »Guten Morgen«, murmelte sie verschlafen. Sie rieb sich die Augen und blinzelte müde in Annas Richtung. »Schon ausgeschlafen?« Erin fuhr sich durch die kurzen, strubbligen Haare, stemmte sich müde von der schmalen Matratze hoch, schob diese unter Annas Bett und ließ sich auf der Kante nieder. »Viel zu früh«, brummte sie. »Hast du schlecht geschlafen?«
   Anna nickte in Richtung Bett. »Tut mir leid, Erin. Ich wollte dich nicht wecken. Leg dich noch mal hin. Ich bin auch ganz leise. Versprochen.«
   Erin schnupperte und grinste. »Kommt nicht infrage, Anna, sonst ist, wenn ich aufwache, der Kaffee weg.«
   Nun schmunzelte Anna. »Keine Sorge, Erin. Ich hätte euch schon genug übrig gelassen. Aber wenn du magst, würde ich mich über deine Gesellschaft freuen.«
   Zwischen den Frauen hatte sich in den vergangenen Wochen eine besondere Freundschaft entwickelt. Anna musste zugeben, dass sie eine ganze Menge Wesenszüge teilten. Spontaneität, die an Unüberlegtheit grenzte, Lebensfreude, die nicht so leicht zu erschüttern war und eine gute Portion Starrsinn. Anna fand dies umso erstaunlicher, da sich ihrer und Erins Lebensweg nun wirklich nicht ähnelten. Und sie begann zu verstehen, warum Peter seit dem Tod ihrer Eltern nicht von ihrer Seite gewichen war. Es war mehr als Pflichtgefühl gewesen. Sie ist ihr ähnlich, hatte er gesagt. Erin erinnerte ihn an Ella, seine verstorbene Frau. Und wenn Erin ihr ähnlich war … Anna hielt ihrer Freundin eine Tasse vor die Nase und schenkte ein.
   »Ich habe nicht nur schlecht geschlafen, Erin, ich glaube, ich habe gar kein Auge zubekommen. Bald ist die Frist abgelaufen. Nicht mehr lange und wir können zurück.« Sie schielte auf den handgeschriebenen Kalender, den sie an die Wand genagelt hatte. Jeden Morgen strich sie einen weiteren Tag ab. »Eigentlich könntest du mit Edmund schon jetzt zurückgehen. So wie es aussieht, brauche ich seine Hilfe wohl nicht mehr.« Erin hatte bereits den Mund geöffnet, um Anna zu widersprechen. »Ich weiß, ich weiß«, fuhr sie lächelnd fort, »Edmund besteht darauf, mich höchstpersönlich zurückzubringen. Und du kannst schließlich nicht ohne uns nach Hause.«
   Erin trank einen Schluck des pechschwarzen Gebräus und nickte zustimmend. »Du hast recht, Anna. Ich kann nicht allein zurück. Aber um nichts in der Welt würde Edmund dich zurücklassen. Ebenso wie Peter übrigens. Ich stecke hier also fest.« Besonders viel auszumachen schien der jungen Najadin das nicht. Genussvoll nippte sie an dem heißen Kaffee. »Ed muss wirklich argen Respekt vor meinen Eltern haben. Besonders vor Mama wahrscheinlich. Er lässt dich nicht einen Moment aus den Augen. Ein Wunder eigentlich, dass er sich nicht doch hier einquartiert hat.«
   »Falls ich zurückgehen sollte«, fuhr Anna zögernd fort.
   Erin stellte die Tasse auf den Tisch, zog eine Braue hoch und sah ihre Freundin überrascht an. »Was soll das heißen, Anna? Falls … Ich dachte, du hättest dich längst entschieden.«
   Anna holte tief Luft und zog das Amulett hervor, das sie unter ihrem Hemd um den Hals trug. »Eigentlich habe ich das auch. Ich freue mich sogar ein bisschen. Aber …« Sie sah sich um, ihr Blick blieb an den spärlich bestückten Regalen hängen. »Ich kann doch nicht alles einfach zurücklassen und so tun, als ob es …« Anna geriet ins Stocken. »… als ob es alles hier nie gegeben hätte.« Sie strich sich nachdenklich eine hellbraune Locke hinter das Ohr. Es war zum Verzweifeln. »Was soll denn nur aus dem Sonneneck werden, wenn ich nicht mehr da bin? Peter will ich das nun wirklich nicht aufhalsen. Außerdem habe ich so ein Gefühl, dass er mich nicht allein ziehen lassen wird. Es ist wirklich zum Verrücktwerden. Ich meine, ich weiß genau, dass ich drüben glücklich sein kann … war. Ach zum Teufel, glücklich werde, was auch immer, aber warum verflucht noch mal fühlt sich das dann nicht besser … richtig an? Ich kann doch dem Sonneneck nicht einfach so den Rücken kehren und hier alles verstauben lassen.«
   Erin ergriff Annas Hand und nickte zu der Tür hinüber, die Annas Zimmer von dem Laden trennte. »Ich habe sie nicht gekannt, aber ich habe dich oft mit Peter über sie reden hören. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das möchten.«
   Anna entzog sich Erin und versteifte sich. »Das stimmt, Erin, du hast sie nicht gekannt.« Anna stand auf und ging wortlos im Zimmer auf und ab. Na wunderbar, nun hatte sie auch noch Kopfschmerzen. Warum nur konnte sie keinen klaren Gedanken fassen? So kam sie nicht weiter und außerdem hatte sie ihrer Freundin eben unrecht getan. Schließlich blieb sie stehen und sah Erin an, die schuldbewusst auf ihrer Bettkante saß.
   »Es tut mir leid, Anna«, begann diese, »ich wollte nicht …«
   Anna setzte sich neben sie und ergriff ihre Hand. »Entschuldige bitte, ich hätte dich nicht so anfahren sollen. Aber es ist wirklich zum Wahnsinnigwerden. Ich muss endlich eine Lösung finden. Und Alexander … Wenn es ihm gut ginge, wäre er längst hier gelandet.«
   Erin zupfte geistesabwesend an ihren kurzen blonden Haaren. »Das bist du doch schon tausend Mal mit Peter durchgegangen. Du wirst wissen, wann er dich braucht. Du hast die Phönixfeder erhalten. Du wirst immer wissen, wenn einer deiner Freunde in Not ist. Warst du eigentlich schon mal in dem Wäldchen, seit wir hier gelandet sind?«, fragte sie unvermittelt.
   Anna zuckte zusammen und schüttelte den Kopf. Nein, seitdem sie zurückgekommen waren und insbesondere seit sie den Phönix am Waldesrand entdeckt hatte, machte sie einen weiten Bogen darum. Ihr reichte es schon, dass ihr Weg sie daran vorbeiführte, wenn sie Eva besuchte.
   »Vielleicht sollten wir einen Ausflug machen, Anna. Wir könnten Bauer Carlson besuchen.«
   Anna blinzelte. Der Besuch bei dem alten Bauern war längst überfällig. Sie hatte sich damit begnügt, dass Peter die Spielsachen vorbeigebracht und damit ihre Schuld beglichen hatte. Aber eigentlich war sie ihm mehr als das schuldig. »Was ist, wenn ich aus Versehen die Passage betrete, Erin?« Anna schluckte, das konnte sie nicht aufs Spiel setzen.
   Erin lachte unbekümmert. »Anna, wenn ich mich recht erinnere, haben wir auch das x-mal mit Edmund und Peter durchgekaut. Beide haben dir außerdem angeboten, dich zu begleiten, damit du dich selbst davon überzeugen kannst. Du wirst die Passage genau erkennen können, haben sie gesagt. Oder glaubst du ihnen etwa nicht?«
   Anna stöhnte. Doch, sie glaubte ihnen. Weder Peter noch Edmund würden sie unnötig in Gefahr bringen, da war sie sich sicher. Sie wusste zwar nicht, inwiefern ihr ein Spaziergang durch den Wald Klarheit verschaffen sollte, aber bitte schön. Irgendwann musste sie es sowieso wagen. Wenn sie ehrlich war, fehlte ihr die grüne Oase fürchterlich. Und ein Feigling war sie nicht. »Also gut, Erin. Besser, als hier herumzusitzen, ist es allemal. Ich nehme das Besteck mit. Wer weiß, vielleicht haben wir ja Glück.« Sie griff nach dem kleinen Holzkästchen, in das Peter das Besteck zurückgelegt hatte, und legte es vor Erin auf den Tisch. »Ich befürchte, den Kasten müssen wir so tragen, der Rucksack ist noch … drüben.«

Der scharlachrote Vogel saß in der Baumkrone, den Kopf gedreht, sodass der Schnabel fast vollständig im aufgeplusterten Gefieder verschwand. Mit bebenden Fingern griff Anna nach Erins Hand. Plötzlich bewegte sich der Phönix, hob den Kopf und breitete seine gewaltigen Flügel aus. Feuerrot leuchtete die Unterseite der Schwingen und mit einem einzigen Flügelschlag stieg er majestätisch im Aufwind, drehte zwei Runden über den Bäumen und tauchte dann ins dichte Grün. Kaum zu glauben. Noch war er nicht wirklich da. Ein Schatten. Nur ein Spiegelbild. Der echte Phönix würde sie in der Passage begrüßen.
   »Er ist da, nicht wahr?« Erin blickte angestrengt in das Unterholz, doch was auch immer Anna erschreckt hatte, blieb für sie unsichtbar. Anna nickte und umklammerte die schmale Hand ihrer Freundin. »Schließ die Augen, Anna. Keine Angst, ich führe dich. Vertrau mir.«
   Jemandem vertrauen … sich selbst, damit hatte sie kein Problem. Ihre Füße schienen mit der staubigen Straße verwachsen zu sein. Langsam senkten sich ihre Lider und der rechte Fuß löste sich vom Boden. Schritt für Schritt ließ sie sich führen, bis Blätter unter den Sohlen knisterten. Sie blinzelte und atmete tief durch. Wie sehr hatten ihr der würzige Geruch, das Rauschen der Blätter und das komplizierte Muster aus Licht und Schatten gefehlt. Sie öffnete die Hand, ließ los und sah sich um. Vor ihr flog der gewaltige rote Schatten auf und ab. Anna lächelte, Peter hatte recht behalten, sie würde die Passage nicht versehentlich betreten.
   »Danke, Erin. Vertraust du auch mir?« Erin grinste und nickte. »Dann folge mir.«
   Näher an die Passage, näher an den Vogel, dieses Rätsel würde sie ein für alle Mal lösen. Tief führte sie der rote Schatten in den Wald hinein, fort von dem schmalen Pfad, der die Stadt mit der Landstraße verband und sie später zu Bauer Carlson führen würde. Von Nebel keine Spur, noch nicht.
   Immer tiefer tauchten die Frauen in das dunkler werdende Grün, der Phönix wies Anna den Weg. Plötzlich schien es kälter zu werden. Erin blieb stehen und deutete zitternd auf den Boden. Dünner weißer Nebel umspülte ihre Füße. Instinktiv trat Anna einen Schritt zurück, während Erin einen gewaltigen Satz nach hinten machte. Da! Der Phönix saß auf einem Baum unmittelbar vor ihr und Anna hielt den Atem an. Da war sie, die Passage, nicht mehr als drei Armlängen entfernt. So sah das also aus …, der weiße Nebelschleier schmiegte sich an die Wände eines gläserner Tunnels, der sich schnurgerade in das Unterholz schob und sich im endlosen Grün verlor. Am Anfang des Tunnels sah man links und rechts noch Büsche und Bäume, doch weiter hinten war der Nebel dichter, sank schwerelos von den durchsichtigen Wänden, bis das weiße Nichts zu einem einzigen Punkt verschmolz. Nur wenige Schritte trennten sie von … dort. Anna drehte sich um, ob Erin das auch sehen konnte? Ihre Freundin hatte noch mehr Abstand zwischen sich und den Nebel gebracht und lehnte blass am rauen Stamm einer großen Buche. Die Angst war verschwunden, im Gegenteil, nun musste sich Anna ermahnen, nicht einen weiteren Schritt nach vorn zu machen. Sie streckte ihre Hand aus, versuchte die gläserne Wand zu berühren.
   »Anna.« Erins Stimme war angsterfüllt, geradezu panisch. »Anna, nicht weiter. Bitte. Anna!«
   Widerstrebend drehte sich Anna um und kehrte der Passage den Rücken zu. Die eisige Hand ihrer Freundin zerrte sie fort … fort von dem Reiz des Ungewissen, von der Passage, von Silvanubis. Erst, als sie den schmalen Pfad, auf dem sie Oskar und Alexander das erste Mal begegnet war, erreicht hatten, blieb Erin schwer atmend stehen. Anna drehte sich um, der rote Schatten flog wieder auf und ab, der Nebel war verschwunden, die Passage auch.
   »Frag mich noch mal, ob ich dir vertraue, Anna. Hast du ganz und gar den Verstand verloren?« Erin blitzte sie wutentbrannt an. »Wolltest du alles, was wir riskiert haben, mit ein paar Schritten zunichtemachen? Wolltest du mich hier allein zurücklassen?« Ihr Gesicht war purpurrot, so wie die Schwingen des Phönixes und Anna biss sich schuldbewusst auf die Lippe.
   »Tut mir leid, Erin. Das war … unglaublich. Hast du das gesehen?« Anna drehte sich nochmals um, doch außer dem riesigen roten Schatten war von dem gläsernen Tunnel nichts mehr zu sehen.
   Erin zitterte vor Wut. »Ich habe den Nebel gesehen. Das reicht mir.«
   »Zumindest weiß ich jetzt, dass ich nicht aus Versehen eine Passage betreten kann.« Anna setzte sich neben ihre Freundin, die sich auf einem umgefallenen Baumstamm niedergelassen hatte, die Hände auf ihre Knie gestützt. Offensichtlich war Erin noch lange nicht milde gestimmt.
   »Es tut mir wirklich leid, Erin. Aber ich glaube, ich hatte alles unter Kontrolle. Ich wäre nicht jetzt, nicht ohne euch losgegangen. Wirklich nicht.« Mit einer versöhnlichen Geste hielt sie Erin die Feldflasche entgegen, die sie, bevor sie losgezogen waren, bis zum Rand mit Wasser gefüllt und um ihren Hals gehängt hatte. »Hier, trink einen Schluck. Du bist kreidebleich. Sollen wir umkehren?«
   Widerstrebend nahm Erin die Flasche entgegen, trank und reichte sie zurück. Ihre grimmige Miene entspannte sich ein wenig. »Also gut, Anna.« Sie lächelte schwach. »Natürlich kehren wir nicht um. Wie weit ist es denn noch bis zu dem alten Bauern?«
   Erleichtert erhob sich Anna und hielt Erin die Hand entgegen, die einschlug und sich dankbar hochziehen ließ. »Ein Stückchen noch durch den Wald und dann eine halbe Stunde die Landstraße entlang.«

Es dauerte über eine Stunde, bis sie schließlich vor Bauer Carlsons Hof standen, und Anna fragte sich nicht zum ersten Mal, ob es nicht ein wenig verfrüht gewesen war, Erin dem langen Fußmarsch auszusetzen. Dreimal mussten sie anhalten und Pausen einlegen, nachdem sie den Wald hinter sich gelassen hatten.
   Anna ließ einen flüchtigen Blick über ihre Freundin gleiten, Schweißperlen glänzten auf Erins Stirn. »Alles in Ordnung? Du schnaufst ganz schön.«
   »Wie lange noch, bis ich wieder fit bin, Anna?«
   Anna legte ihr aufmunternd die Hand auf die Schulter. »Du bist doch schon fast wieder ganz hergestellt. Der Weg hierher ist wirklich ein wenig weit.«
   Erin zog ihre Stirn in Falten. »Du musst mir wirklich nichts vormachen. Ich weiß selbst, dass ich noch lange nicht wieder so kräftig bin, wie … wie früher eben.«
   Sie tat ihr leid. Erin beschwerte sich selten, besonders nicht in Edmunds Gegenwart, doch Anna wusste genau, wie schwer es ihr fiel, geduldig zu sein und darauf zu warten, dass ihre Kräfte zurückkehrten. Wenn sie ehrlich war, hatte sie selbst sich wesentlich schneller erholt.
   »Aber fast, Erin. Denk nur mal daran, wie es dir ging, als du hier angekommen bist.«
   Erin öffnete den Mund, schien bereits eine passende Antwort parat zu haben.
   »Die Dame aus dem Sonneneck. Na, das ist aber eine Überraschung.«
   Erin fuhr herum und Anna ließ vor lauter Schreck das Besteck fallen, das aus dem kleinen Holzkästchen sprang und klirrend über den Schotterboden rollte.
   »Was denn, mein Kind, willst du mir schon wieder deine Gabeln anbieten?«
   Anna lachte, sie freute sich, den alten Carlson wiederzusehen. Die grauen Augen funkelten, als er sich bückte und das Besteck aufsammelte. Mit einem Sprung war Anna an seiner Seite. »Nein, eigentlich war es dieses Mal nicht für Sie gedacht.« Sanft schob sie ihn zur Seite. »Bitte, ich mache das schon.«
   Grinsend hielt der alte Mann ihr zwei Gabeln entgegen und ließ Anna den Rest einsammeln. Verlegen packte sie das silberne Besteck zurück in den kleinen Holzkasten und drückte ihn Erin in die Hand. Schließlich hielt sie dem Bauern die Hand entgegen, der ihre Rechte freudig ergriff und sie herzlich drückte. »Vielen Dank für die Puppe und das Holzauto. Louise und Max haben sich riesig gefreut. Ich hatte mir schon Sorgen um dich gemacht, Fräuleinchen, doch dann ist dein Freund hier gewesen und wir haben Besteck gegen Spielzeug getauscht. Geht es dir denn wieder besser?«
   Für einen Moment sah Anna den alten Mann fragend an. Verdammt, sie hatte es versäumt, Peter zu fragen, was genau er ihm erzählt hatte. »Natürlich«, antwortete sie zögernd, »bin so gut wie neu.«
   »Siehst auch gut aus, mein Kind.« Er betrachtete forschend ihr rechtes Bein. »Du humpelst auch gar nicht mehr.«
   Anna stieg Hitze ins Gesicht. Was für eine Geschichte hatte Peter ihm nur aufgetischt? Demonstrativ drehte sie ihr Bein hin und her. »Wie gesagt, wie neu.«
   Damit war dem Thema offensichtlich Genüge getan, denn Bauer Carlsons wache Augen musterten nun Erin neugierig. »Deine Freundin hingegen ist schon ein wenig blass um die Nase.«
   Anna hüstelte betreten. »Sommergrippe. Erin ist noch ein wenig schlapp, aber schon fast wieder die Alte. Nicht wahr, Erin?« Anna stieß ihrer Freundin in die Seite.
   Erin stellte das Holzkästchen vorsichtig auf den Boden und reichte dem Bauern ebenfalls die Hand. »Bin fast schon wieder ganz gesund. So eine blöde Grippe aber auch …«
   Bauer Carlson runzelte die Stirn, so ganz überzeugt schien er nicht. »Und womit kann ich heute dienen, meine Damen?«
   Anna hätte sich ohrfeigen können, sie waren einfach aufgebrochen, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, was genau sie eigentlich hier wollten.
   »Wir wollten Sie oder vielmehr Max und Louise für morgen zum Spielen einladen«, antwortete sie spontan. Anna biss sich auf die Lippen, etwas Besseres war ihr nicht eingefallen. Obwohl … eigentlich gar keine schlechte Idee. »Einmal die Woche ungefähr treffen sich etwa ein Dutzend Kinder bei mir im Laden zum Spielen«, fuhr sie schließlich fort. »Ich habe gedacht, vielleicht hätten Ihre Enkel auch Lust einmal vorbeizuschauen.«
   Die kleinen Perlenaugen funkelten zwischen tausend winzigen Fältchen. »Schade, dass sie gerade nicht da sind. Wärst du später vorbeigekommen, mein Kind, hätte ich sie dir vorgestellt. Sie sind in der Schule. Aber morgen, nach Schulschluss, kommen wir gern vorbei.« Fast unmerklich streifte sein Blick Erin, die auffällig schweigsam neben Anna stand. »Bin sofort wieder da.« Und schon war er im Haus verschwunden. Es dauerte nicht lange, da stand er, einen dunkelblauen Rucksack in den Händen, erneut vor ihnen. Zögernd nahm Anna ihm die schwere Last ab.
   »Bitte, deshalb sind wir nicht hier.«
   Der alte Mann lächelte gutmütig. »Ich weiß, mein Kind. Aber wenn du morgen auf meine beiden kleinen Nervensägen aufpasst, kann ich doch nicht mit leeren Händen kommen. Im Grunde genommen, tut ihr mir einen Gefallen, dann muss ich das wenigstens nicht selbst tragen. Ist sowieso nicht viel, ein paar Kartoffeln, ein paar Möhren und etwas vom dicken Hintern unserer Sau, Gott hab sie selig.« Er kicherte verschmitzt und half Anna, den Rucksack zu schultern. »Außerdem habe ich eine Flasche Pfefferminzlikör eingepackt, Geheimrezept meiner Frau. Das Besteck kannst du gleich mit einpacken. Das brauchst du heute nicht mehr zu tauschen. Ich befürchte, das Tragen wird deine Aufgabe sein. Wenn ich mir deine Freundin so ansehe, bin ich nicht einmal sicher, ob sie es von hier bis zum Wäldchen, geschweige denn bis zu euch nach Hause schafft.«
   Als hätte sie nur auf das Stichwort gewartet, sank Erin, wenn auch recht elegant, zu Boden. Die Beine hatten ihr kurzerhand den Dienst quittiert. Erschreckt machte der alte Mann einen Schritt auf die junge Frau zu, doch die Ohnmacht war nur von kurzer Dauer. Erin schlug betreten ihre Augen auf, stützte sich auf die Ellbogen und hielt Anna entnervt ihre Hand entgegen.
   »Ähm, da ist mir doch ein wenig schwindlig geworden. Hilfst du mir bitte mal auf, Anna?«
   Anna blickte mit besorgter Miene auf Erin hinab, das hatte gerade noch gefehlt.
   »Kommt nicht infrage«, meldete sich der alte Mann entschieden zu Wort. »Du bleibst da mal schön sitzen, Fräuleinchen. Einen Moment, bin gleich wieder da.«
   Nun verschwand er im Stall, schnauzte ein paar Kommandos und erschien nach einigen Minuten, einen riesigen pechschwarzen Kaltbluthengst hinter sich herführend, erneut im Hof.
   »Das ist Egon«, verkündete er stolz. Anna traute ihren Augen nicht, doch ihre Mundwinkel zuckten. Der schmächtige alte Mann mit dem schneeweißen Bart führte den schwarzen Koloss hinter sich her, als würde er mit einem Dackel Gassi gehen. »Und Egon«, fuhr er an Anna gerichtet fort, »wird deine Freundin zumindest bis zum Wald tragen.«
   Annas Protest half ebenso wenig wie Erins Versicherung, ihr ginge es bereits wieder blendend. Bauer Carlson bestand darauf, sie bis zum Waldesrand zu begleiten.
   »Von dort aus müsst ihr allein zurechtkommen und Egon bringt mich zurück«, fügte er augenzwinkernd hinzu. »Meinst du, du kannst da hochklettern?« Zweifelnd betrachtete er Erin, die inzwischen wieder, immer noch recht blass um die Nase, neben Anna stand. Ruhig und gelassen führte er das massige Pferd an einen Holzzaun und winkte Erin zu sich. »Wenn du den Zaun zu Hilfe nimmst, schaffst du es vielleicht.«
   Der Zweifel in seiner Stimme war nicht zu überhören. Doch in Erins Augen blitzte es, natürlich konnte sie da hochklettern. Anna war das Funkeln nicht entgangen, und noch bevor Erin ihre Freude über den bevorstehenden Ritt kundtun konnte, schubste sie ihre Freundin in Richtung Zaun und lächelte Bauer Carlson dankbar an.
   »Ich denke schon, dass sie das schafft. Vielen Dank. Jetzt sollte der Rückweg wirklich kein Problem mehr sein.«
   Wie erwartet, hatte sich Erin inzwischen gekonnt auf Egons breiten Rücken geschwungen.
   »Na, das ging aber flott.« Staunend nahm der alte Mann die Zügel in die Hand und Egon folgte ihm bereitwillig.
   Viel wurde nicht gesprochen. Egons Hufe klapperten auf dem Straßenpflaster, das einzige Geräusch, das sie auf dem Weg zum Wald begleitete. Bauer Carlson hatte offenbar entschieden, dass alles Wichtige geklärt wäre, und ging zügigen Schrittes die Landstraße entlang. Erin thronte so elegant und selbstverständlich auf dem Rücken des mächtigen Kaltblutes, dass sich der alte Bauer mehr als einmal überrascht umdrehte und die Stirn runzelte. Annas Freundin genoss den Ausritt in vollen Zügen. Ihre blassen Wangen waren von einer feinen Röte überzogen und ihre Augen strahlten. Als das satte Grün des Waldes vor ihnen auftauchte, schnalzte der Bauer mit der Zunge und Egon blieb gehorsam vor dem dichten Unterholz stehen.
   »Du hast Talent, Fräuleinchen.« Bewundernd blickte er Erin an, die immer noch wie eine Amazone kerzengerade auf dem massigen, schwarz glänzenden Rücken saß. »Als ob du schon dein ganzes Leben auf dem Rücken der Pferde verbracht hättest.«
   »Ja, nicht wahr …« Eilig zog Anna an Erins Fuß, was ihr einen strafenden Blick von oben einbrachte. Doch schließlich rutschte Erin gekonnt, und offenbar schweren Herzens, von Egons Rücken, klopfte dem Riesen seinen muskulösen Hals und drückte Bauer Carlson die Hand.
   »Vielen Dank, Herr Carlson. Ich fühle mich schon wesentlich besser. Das hat Spaß gemacht.«
   Ein freudiges Lächeln huschte über das Gesicht des Mannes. »Du kannst mich gern noch einmal besuchen, wenn du möchtest. Aber erst mal musst du ein wenig zu Kräften kommen, Mädel.«
   Er drehte sich um und wandte sich an Anna. »Hilf doch einem alten Mann bitte mal beim Aufsteigen, mein Kind.«
   Anna warf ihm einen fragenden Blick zu.
   »Räuberleiter«, raunte er ihr zu. Anna nickte grinsend. Sie verschränkte ihre Hände ineinander und stellte sich an Egons Seite.
   »Bitte schön.«
   Mit Schwung beförderte sie den alten Mann nach oben und stellte überrascht fest, wie leicht er war und wie gekonnt er auf dem Rücken des Pferdes landete. Egon war etliche Nummern zu groß für den weißhaarigen Bauern und doch stand außer Frage, wer von dem ungleichen Paar das Sagen hatte. Ein leichter Druck mit den dürren Schenkeln genügte und Egon setzte sich gemächlich in Bewegung. Der Alte drehte sich noch einmal um und winkte fröhlich.
   »Vielen Dank für den Besuch und die Einladung. Max und Louise werden sich riesig freuen.«
   Er ließ Egon in einen flotten Trab fallen und verschwand.

Anna hatte Erin auf jeden Fall zu viel zugemutet. Mit Ach und Krach erreichten sie das Sonneneck. Edmund stand in der Tür und wartete. Ein Blick genügte und er machte einen schnellen Schritt auf Erin zu, hob sie wortlos hoch und trug sie durch den Laden in Annas kleines Reich. Er ließ sie nicht gerade sanft auf das Bett fallen und drehte sich wütend um.
   »Wenn ihr euch das nächste Mal verdrückt, ohne uns zu sagen, wo wir euch finden können, drehe ich euch den Hals um.«
   Seine Stimme bebte vor Zorn, er war außer sich. Peter saß mit verschränkten Armen am Tisch und bedachte sie ebenfalls mit einem vorwurfsvollen Blick. Anna reckte ihr Kinn. Du meine Güte, sie waren sicher nicht länger als vier Stunden unterwegs gewesen.
   »Ich habe die Passage gesehen«, antwortete sie trotzig, die vorwurfsvollen Blicke der beiden Männer ignorierend, »und morgen kommen ein paar Kinder zum Spielen! Und«, sie ließ den Rucksack auf den Tisch fallen, »heute hat keiner Hunger!« Sie setzte sich auf den Bettrand und warf einen kurzen Blick auf Erin. Sie schlief tief und fest. »Ed, ich habe eine Bitte. Kannst du Eva und Lisa für morgen einladen?«
   Edmund schnaubte. »Erst verschwindet ihr stundenlang und dann soll ich für dich noch einen Botengang erledigen? Anna, du hast Nerven.«
   Anna stand auf und legte ihre Hand beruhigend auf Edmunds Arm. Nicht nur der köstlichen Kostbarkeiten wegen war der Ausflug ein Erfolg gewesen. Sie würde das Sonneneck nicht einfach so zurücklassen. Warum war sie nicht schon längst auf die Idee gekommen?
   »Bitte Ed, es ist wichtig. Wenn du das Rad nimmst, bist du in gut einer Stunde wieder da. Bis dahin zaubere ich etwas Leckeres zu essen und dann erzähle ich euch alles.« Anna kramte in dem dunkelblauen Rucksack und zog triumphierend die Flasche Pfefferminzlikör heraus. »Du bekommst auch einen extra Schluck. Mit besten Empfehlungen von Bauer Carlsons Frau.« Peter runzelte die Stirn und schnalzte kopfschüttelnd mit der Zunge. »Sie sollen am frühen Nachmittag vorbeikommen.« Anna stellte sich direkt vor den jungen Okeaniden und sah ihn demutsvoll an. »Bitte, Ed!«
   Edmund drehte sich wortlos um und verschwand. Anna hörte, wie er das Fahrrad nach draußen schob. Vor ihrem Fenster hielt er an, sein Zorn schien langsam zu verrauchen.
   »Das nächste Mal, Anna, sagt ihr Bescheid. Ich habe Bridget und Richard mein Wort gegeben.«
   »Versprochen«, murmelte sie nun doch ein wenig zerknirscht.
   Edmund konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Das kann Naomi auch besonders gut. Warum kann man euch Frauen eigentlich nie lange böse sein?«

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