Freiheit! Endlich ist es Fyn gelungen, sich von seiner Vergangenheit loszusagen und aus seiner Heimatstadt zu fliehen, in der man ihn für tot hält. Er kann sein Gesicht dort nicht mehr zeigen, denn man lastet ihm einen Mord an. Gemeinsam mit der kessen Menschenfrau Ylenia durchquert er die legendäre Dunkelheit, eine Wand aus schwarzer Magie, die sein Land vom unerforschten Norden trennt. Doch was ihn erwartet, sprengt seine Vorstellungskraft. Fyn muss schmerzlich erfahren, dass er nicht der Einzige ist, der Rachegedanken gegen sein Volk hegt. In einem fremden Land, inmitten eines absonderlichen Volks, absolviert er eine Ausbildung zum Schwarzmagier und mausert sich zur tödlichen Waffe. Gemeinsam mit Ylenia und seinen neuen Verbündeten zieht er aus, Calanien in den Untergang zu stürzen. Als Fyn erkennt, dass er einem folgenschweren Irrtum aufgesessen ist, ist es für eine Umkehr bereits zu spät …

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ISBN: 978-9963-52-277-4

Seiten: 403

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Nadine Kühnemann

Nadine Kühnemann
Nadine Kühnemann wurde am 21.02.1983 in Dinslaken am Niederrhein geboren. Nach dem Abitur studierte sie Biologie in Düsseldorf und Bochum und arbeitet heute als Laborantin im Fachbereich der Transfusionsmedizin. Sie ist verheiratet und lebt bis heute in ihrer Geburtsstadt. Schon immer begeisterte sie sich für fantastische Welten. Im Herbst 2011 veröffentlichte sie zwei Romane, die zeitgleich im Aavaa Verlag Berlin erschienen sind. Dabei handelt es sich um den düster-romantischen Fantasyroman „Lichtfänger – Die Auserwählte“ und dessen Fortsetzung „Lichtfänger – Bruderkrieg“. Weitere Projekte sind in Vorbereitung.

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Leseprobe

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Kapitel 1
Neue Ufer

Meine Hände schmerzen, die Linien auf dem Pergament verlaufen unter meinen verkrampften Fingern zu unförmigen Klecksen. Manchmal frage ich mich, weshalb ich die Worte überhaupt einem Stück Papier anvertraue, das aller Wahrscheinlichkeit nach niemals einen Leser finden wird. In dem Land, in dem ich heute lebe, ist niemand des Lesens oder Schreibens mächtig. Vermutlich wird das Manuskript zu Staub zerfallen sein, noch ehe meine Gebeine dasselbe Schicksal ereilt. Und dennoch, ein Mann braucht eine Aufgabe. Ich beschäftige meine Hände, um mich abzulenken. Die Konzentration hilft mir, meine Schmerzen und die drängende Sucht zu vergessen, der viele in dieser gottverlassenen Stadt erlegen sind. Ich versinke in meiner Arbeit und vergesse darüber hinaus die quälende Realität. Während ich meine Vergangenheit aufarbeite, sehe ich mich mit mir selbst konfrontiert, und ich bin ein ums andere Mal überrascht, an wie viele Einzelheiten ich mich noch erinnere. Mit Bitterkeit blicke ich auf das, was meine Erfahrungen aus mir gemacht haben. Dennoch ist längst nicht jede Erinnerung schmerzlich. Ich habe auch Freude, Kameradschaft und Liebe erlebt.
   Ylenia war für mich das Kostbarste, das es auf der Welt gab. Schon allein, dass ich mich einer Frau anvertraute, mit ihr Bett und Sorgen teilte, machte sie für mich zu etwas Besonderem. Ich bin seit jeher ein Einzelgänger gewesen, ein Sonderling, dessen Gesellschaft man mied. Ich bin unter Männern aufgewachsen, es hatte in meinem Leben nie Frauen gegeben, von denen ich Zärtlichkeit erfuhr – keine Tanten, Großmütter, Schwestern, geschweige denn eine Mutter. Es gab nur Ylenia. Ein Blick aus ihren Augen genügte, um mich sprachlos zu machen. Auch meine Magie bewahrte mich nicht vor der beschämten Befangenheit, die mich bei einer Berührung ihrer Hand überkam.
   Zugegeben, sie entsprach nicht dem, was ich mir gemeinhin unter einer Dame vorstellte. Ihre Zunge saß locker, ihr Wesen war fordernd und einnehmend. Sie war eine Menschenfrau, und von daher hätte eine Liebesbeziehung nie infrage kommen dürfen. Weshalb eigentlich nicht? Heute lache ich über meine damaligen verstaubten Moralvorstellungen.
   Ylenia schien mir gegenüber zunächst ebenso wenig zu empfinden wie ich für sie, doch nachdem wir mehrere Wochen niemanden als einander zur Gesellschaft hatten, wandelten sich unsere Gefühle. Sie hatte mich gleich zwei Mal aus einem Kerker befreit. Nun, genau genommen hatte sie mich sogar aus der Graberde geschaufelt – ein schrecklicher Gedanke! Grausige Erlebnisse, Wochen voller Entbehrungen und eine Welt, in der es für uns keinen Platz zu geben schien, schweißten uns schließlich zusammen. Nachdem man mich des Mordes am calanischen König angeklagt und für schuldig erklärt hatte, »starb« ich einsam in meiner Zelle. Ich denke, nur die wenigsten können von sich behaupten, für tot erklärt worden und anschließend wiederauferstanden zu sein. Eine seltsame Erfahrung.
   Ylenia hatte mich mit einem starken Schlafmittel betäubt, mich aus dem Sarg befreit und aus dem Reich der Toten zurückgeholt. Die logische Konsequenz: Flucht. Ich konnte mein Gesicht nirgends mehr zeigen, also zogen wir gemeinsam mit Arc, meinem besten Freund und seines Zeichens Halbroboter, nach Norden. Rachedurst brannte in mir heiß wie eine schwärende Wunde, doch vorerst gedachte ich, möglichst großen Abstand zwischen mich und den Perlenturm, der Heimat der Weißen Liga, zu bringen.
   So erreichten wir letztlich die Dunkelheit, jene schwarze Wand, die die Grenze Calaniens bildete und um die sich Mythen und Geschichten rankten, deren Wahrheitsgehalt ich bis dahin nicht zu erforschen gedachte. Man erzählte sich, dass jemand, der einmal hineingeriet, von allein nicht wieder herausfinden würde und dazu verdammt sei, in völliger Finsternis zu sterben. Nun, jedenfalls kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass diese Schauermärchen nicht der Wahrheit entsprechen. Zwar ist die Dunkelheit beileibe kein Ort, an den man eine hübsche Frau zu einem Spaziergang ausführt, dennoch haben wir es geschafft, die andere Seite zu erreichen. Das Nächste, an das ich mich erinnere, ist der Anblick einer öden Gesteinswüste. Ich hielt Ylenia in meinen Armen, nur knapp waren wir dem Tod entkommen. Unsere Vorräte gingen zur Neige, und tief in meinem Inneren ärgerte ich mich, überhaupt einen Fuß in die Dunkelheit gesetzt zu haben. Dabei kann ich mir nicht einmal einen Vorwurf machen, denn Norrizz, mein unsichtbarer Begleiter, hatte mich dazu gezwungen. Er war ein Geist, dessen Herkunft ich mir nicht erklären konnte. Seit meiner Kindheit schon machte er mir das Leben zur Hölle und bemächtigte sich dann und wann meines Körpers, um mir seinen Willen aufzuzwingen.
   Jedenfalls war ich froh, überhaupt noch einmal Tageslicht sehen zu dürfen. Der Moment, als Ylenia ihren Kopf an meine Schulter presste, bitterlich weinend, hat sich in aller Deutlichkeit in mein Gedächtnis gebrannt. Der Duft ihrer Haare, die Wärme ihres Körpers, die Berührung ihrer kleinen Finger, die sich in mein verschwitztes Hemd krallten – für jeden anderen mag es sich wie die Aufzählung belangloser Kleinigkeiten anhören, für mich bedeuteten sie zu diesem Zeitpunkt die Welt. Ich wollte den Augenblick für immer festhalten und traute mich beinahe nicht, einen anderen Gedanken als diesen zuzulassen, und dennoch wusste ich, dass er mir wie Sand zwischen den Fingern zerrinnen würde.
   »Wir haben es geschafft«, schluchzte Ylenia und löste ihr Gesicht von meiner Schulter. »Wir sind auf der anderen Seite.« Sie zog die Nase geräuschvoll hoch, ihre Augen waren rot und verheult.
   Ich strich ihr eine knotige Strähne aus der Stirn. »Ja«, hauchte ich. Mein Blick wanderte zu Arc, meinem treuen Gefährten. Er stand in einigem Abstand neben uns und betrachtete die Umgebung. In seinen Augen lag ein seltsamer Ausdruck, der zugleich von Schwermut und Erleichterung zeugte. Er beachtete mich nicht, sondern richtete seine Aufmerksamkeit voll und ganz auf die schroffen roten Steine um uns herum. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich mich fern meiner Heimat befand und dass mich eine furchterregende schwarze Wand davon trennte. Mir graute vor dem Rückweg. Noch einmal über Tage hinweg diese bedrückende Schwärze ertragen zu müssen, bereitete mir tiefes Unbehagen.
   Ich ließ meinen Blick über die amorphen Felsformationen wandern. Nirgends erkannte ich ein Zeichen von Besiedlung, alles schien tot und mit rotem Staub bedeckt zu sein. Sogar die Sonne, die hoch über uns am Himmel stand, wirkte surreal und unecht. Sie verbreitete ein rötliches Licht, das in meinen Augen schmerzte. Jäh packte mich Angst, doch zugleich regte sich Stolz in mir. Ich hatte als erster Alve die Dunkelheit durchquert. Vielleicht sah ich etwas, das noch keine Augen vor mir erblickt hatten. Doch dieser Gedanke zog unweigerlich einen anderen nach sich: War ich wirklich der Erste? Irgendjemand musste diesen seltsamen Kompass, mit dessen Hilfe Ylenia uns auf die andere Seite gebracht hatte, schließlich zu irgendeinem Zweck gefertigt haben. Die Neugier eines Wissenschaftlers trieb mich, Ylenia darum zu bitten, ihn mir ansehen zu dürfen, doch sie schüttelte nur den Kopf und warf mir einen Blick zu, der mir sagte, dass alles Betteln vergebens sein würde. Sie rappelte sich auf und klopfte sich Staub aus dem Kleid. Mit einem Mal wirkte sie wieder gefasst.
   »Ich werde dir den Kompass nicht geben.«
   Ein Hauch von Verärgerung streifte mich. Immerhin hatte Ylenia mich überhaupt erst in diese missliche Lage gebracht. Sie hatte mir erzählt, jemand, der auf der anderen Seite der Dunkelheit lebe, hätte ihr gezeigt, wie der Kompass zu benutzen sei. Jäh erinnerte ich mich wieder an den altbekannten Zorn, den ihr Vertrauensbruch in mir erweckt hatte, bevor wir in der Finsternis beinahe ums Leben gekommen waren. Ylenia hatte den schönen Moment unserer innigen Zweisamkeit zerstört, indem sie mich wieder darauf gebracht hatte. Mit einem Schnauben stand ich auf, legte den Kopf in den Nacken und verschränkte die Arme vor der Brust. Ich war gewillt, ihr zu verzeihen, doch was sie uns angetan hatte, war ungeheuerlich. Ich konnte nicht einfach darüber hinwegsehen.
   Ich betrachtete den Himmel. Das Licht war seltsam trüb, als fiele es durch einen Filter. An heißen Sommertagen, wenn über Elvar eine dichte Dunstglocke aus Smog hing, war das Licht von ähnlicher Natur.
   Die Sicht war schlecht, nach etwa hundert Yards verloren sich die Konturen in einem rötlichen Nebel. Alles, was sich in meinem Blickfeld befand, waren seltsam geformte Steine unterschiedlicher Größe, sonst nichts.
   »Wir sollten zurückgehen, wenn es mir auch nicht behagt, den Gefahren in der Dunkelheit noch einmal begegnen zu müssen.« Ich trat gegen einen der amorphen Brocken. Er prallte gegen einen Felsen und zersplitterte in tausend Teile. »Ich schlage vor, wir rasten eine Weile, verspeisen den Rest unseres Proviants und machen uns auf den Rückweg. Wenn wir Glück haben, kommen wir hindurch, ehe wir verhungert sind.«
   Ylenia warf mir einen Blick zu, als zweifelte sie an meinem Verstand. Die zartrote Farbe, die in ihre Wangen stieg, verriet mir, dass das Nächste, das sie sagen würde, von Zorn getränkt wäre. Vorbei die Zuneigung, die wir noch vor wenigen Minuten füreinander empfunden hatten. Die Realität hatte uns eingeholt.
   »Zurückgehen? Fyn, hast du mir eigentlich zugehört? Ich bin nicht zum Spaß hergekommen!« Ihre Stimme hallte von den Felsen wider. »Wir werden jetzt etwas essen, die letzten Tropfen aus unseren Wasserflaschen saugen und dann weitergehen. Ich habe etwas versprochen, sowohl dir als auch Ozzare, hast du das schon wieder vergessen?«
   Ozzare? Aha. Ein altalvischer Vorname, ebenso wie meiner. »Ist das der Typ, mit dem du jenseits der Dunkelheit gesprochen haben willst? Der dir von dem Kompass erzählt hat?«
   »Ja.« Sie presste das Wort zwischen ihren geschlossenen Zähnen hervor und ballte die Hände neben dem Körper zu Fäusten. Sie gefiel mir nicht, wenn sie sich so verhielt, und ihre ständigen Stimmungsschwankungen brachten mich an den Rand des Wahnsinns.
   Ich vertagte meine Sorgen auf einen späteren Zeitpunkt, denn zumindest der erste Teil ihres Plans sagte mir zu. Essen. Trinken. Mein Verstand arbeitete ohnehin nicht mehr zuverlässig, weil ich nur noch an diese beiden elementaren Dinge des Lebens denken konnte.
   Nachdem wir die letzten harten Kanten Brot und zwei mehlige Äpfel aus unseren Gepäckstücken zutage gefördert und in Rekordzeit verschlungen hatten, war Ylenia wieder ein wenig versöhnlicher gestimmt. »Wir gehen nach Osten, dem Licht der Sonne entgegen«, sagte sie, wobei sie beinahe aufgeregt klang. »Das hat Ozzare mir so gesagt.«
   »Wer zum Henker ist dieser Ozzare?« Jetzt war ich es, der die Hände zu Fäusten ballte. Ich gebe es nicht gern zu, aber in diesem Moment war ich den Tränen nahe. Ich glaubte ohnehin nicht, dass ich noch einmal einen dreitägigen Marsch durch die Dunkelheit überleben würde, und noch weniger wollte ich in dieser Gesteinswüste verrecken, nur weil Ylenia unbedingt ihren Willen durchsetzen musste. Die Ausweglosigkeit stimmte mich verdrießlich, was einer Untertreibung gleichkam. Ich hasste es, wenn ich die Zügel aus der Hand geben musste. Ylenia hatte den Kompass und wusste als Einzige, wie man ihn deutete. Was blieb mir anderes übrig, als mich ihr anzuschließen? Sterben würde ich ohnehin. Unsere Vorräte waren zur Neige gegangen, außerdem hatte Norrizz mir mit dem Tod gedroht, sollte ich nicht tun, was Ylenia verlangte. Zusammengenommen drei äußerst überzeugende Argumente. Als sich Arc auch noch einmischte und behauptete, er spüre eine Magie, die lange vergessene Erinnerungen in ihm wecke, musste ich wohl oder übel kapitulieren. Nicht einmal mein Technoid stand auf meiner Seite. Ich stampfte mit dem Fuß auf wie ein trotziges Kind und verschränkte die Arme vor der Brust.
   »Du wirst nicht sterben. Und bald wirst du Antworten erhalten.« Ylenias Ton war beinahe verständnisvoll. »Ozzare lebt in einer Stadt östlich von hier. Er wird uns sicherlich seine Gastfreundschaft erweisen. Also komm.«
   Zähneknirschend musste ich ihr recht geben. Sie bemerkte meine innere Zerrissenheit und hauchte mir einen Kuss auf die Wange. Sie war ein Biest. Sie wusste ganz genau, wie sie sich verhalten musste, um meinen Widerstand zu brechen. Als wir die Dunkelheit verlassen hatten und dem Tod knapp entronnen waren, hatte ich vielleicht für einen kurzen Augenblick auf die wahre, verletzliche Ylenia gesehen. Doch der Moment war verstrichen. Sie hatte ihre alte, unnahbare Fassade wieder übergestreift wie ein Kleidungsstück. Manchmal hatte ich das Gefühl, mit einer Marionette befreundet zu sein, ohne denjenigen zu kennen, der ihre Fäden zieht. Mich ärgerte am meisten, dass ich ihr hoffnungslos erlegen war. Frauen brachten nur Unglück. Allmählich verstand ich, weshalb Breanor immer versucht hatte, mich von ihnen fernzuhalten.
   Nachdem ich eine Weile mit mir gerungen hatte, gab ich Arc widerwillig den Befehl, uns mit unserem Gepäck zu folgen. Sollte sie ihren Willen doch bekommen! Unglaublich, auf was ich mich da einließ! Und das nicht nur, weil Norrizz mich erpresste, sondern tatsächlich auch deshalb, weil ich Ylenia liebte … Ich war ein Schwächling.
   Wir wanderten einer blutroten Sonne entgegen, die in ewiger Mittagsstunde über diesem Land zu stehen schien. Ihr Licht tauchte die Gegend in ein unwirkliches Zwielicht. Meine Füße schmerzten in den Schuhen, die mir nicht einmal gehörten. Unter dem albernen Hut, zu dem Ylenia mich verdammt hatte, um meine alvischen Ohren zu verbergen, schwitzte ich. Es war zu warm für einen Ort, der sich so weit im Norden befand. Die Luft war trocken und die Temperatur erinnerte mich an einen Tag im Hochsommer in Elvar. Tiefe Risse zogen sich durch den ausgedörrten Boden. Einige waren so breit, dass wir sie mit Anlauf überspringen mussten. Unsere Schritte wirbelten rötlichen Staub auf, der in den Augen brannte. Die Vegetation, sofern man sie so bezeichnen konnte, war wie alles in dieser Landschaft missgestaltet. Scharfkantige Grashalme streckten hier und dort ihre Köpfe aus den Spalten im Boden. Die restliche Flora bestand aus stachelbewehrten Kakteen und niedrigem Gesträuch mit derben Blättern. Es ging bergab und bald erreichten wir eine Rinne, die vermutlich ein ausgetrocknetes Bachbett kennzeichnete. Ich fragte mich, wann sie zuletzt Wasser geführt haben mochte und entschied, dass dieser Tag lange in der Vergangenheit liegen musste. Vor Durst klebte mir meine Zunge am Gaumen. Ich stieß einen Laut des Missmuts aus, den Ylenia jedoch ignorierte. Sie starrte verbissen nach vorn, ihre Augen leuchteten. Sie schien völlig in ihre Gedanken versunken zu sein. Was plante dieses Weib bloß? Weshalb hatte sie mich hierher geschleift und wer zum Henker war dieser Ozzare?
   Schweißperlen glitzerten auf Ylenias Stirn, ihr Kleid war am Saum zerschlissen. Da ich wusste, wie sehr sie hübsche Kleider und den ganzen weibischen Schnickschnack liebte, drängte sich mir wieder einmal die Frage auf, was sie bewogen hatte, diese Strapazen auf sich zu nehmen. Etwas in ihrem Blick verriet mir jedoch, dass sie mir keine Antwort darauf geben würde.
   Auf der anderen Seite des Bachbetts ging es einen steinigen Hang hinauf. Oben angekommen erkannte ich, dass wir uns auf einem Hügel befanden, der zu einer Kette von Erhebungen gehörte, die wie Perlen auf einer Schnur das Land durchzogen. Sie zeigten alle dasselbe schroffe Gebein aus Fels und Sand. Am nächsten Hang entdeckte ich einen Pfad, den nackte Füße ausgetreten hatten. Ein flaues Gefühl durchzuckte mich. Es gab Leben in dieser seltsamen Welt jenseits der Dunkelheit. Obwohl jede Faser meines Körpers danach schrie, auf dem Absatz kehrtzumachen, setzte ich weiter einen Fuß vor den anderen. Ich konnte nicht einmal sagen, ob es Tag oder Nacht war, denn die Sonne schien ihre Position am Himmel nicht zu ändern.
   Als wir einen weiteren Hügel erklommen hatten, wäre ich beinahe rückwärts wieder hinuntergerutscht, so sehr erschreckte ich mich vor dem, was ich auf der Kuppe der nächsten Erhebung erblickte. Zwar war die Sicht noch immer schlecht, doch ich erkannte eindeutig die Silhouette einer Gestalt, die dort oben stand und in unsere Richtung blickte. Auch Ylenia zuckte unmerklich zusammen, setzte sich dann jedoch wieder in Bewegung, schneller als zuvor. Weil es mir zur Gewohnheit geworden war, wann immer ich einem Fremden begegnete, zog ich meinen Hut tiefer über die Ohren. Allmählich begann ich zu realisieren, dass Ylenia tatsächlich mit der festen Absicht hergekommen war, jemanden auf der anderen Seite der Dunkelheit zu treffen. Hatte ich es anfangs als das dumme Märchen einer nach Aufmerksamkeit dürstenden Göre abgetan, musste ich mir nun eingestehen, dass in der Geschichte anscheinend mehr Wahrheit steckte, als ich gedacht hatte.
   »Du kannst den Hut ruhig abnehmen. Er ist einer von deiner Sorte«, sagte Ylenia mit einem Grinsen im Gesicht.
   Ein Alve? Ich verengte meine Augen zu Schlitzen und spähte angestrengt nach vorn. Mit jedem Schritt offenbarten sich mir mehr Details der Person, die dort auf dem Hügel stand und auf uns zu warten schien. Es war ein Mann. Er war groß, größer noch als ich, und sehr hager. Sein langes schwarzes Haar hing ihm bis über die Schultern. Seine Haut war abnorm blass, ebenso wie meine. Mein Herz hämmerte wie eine Trommel hinter meinen Rippen. Konnte es außer mir tatsächlich noch einen schwarzhaarigen Alven geben?
   Als wir den Gipfel fast erreicht hatten, trafen sich unsere Blicke. Ich erschauderte. Die Augen des Mannes waren blassgrau und fixierten mich ausdruckslos. Er trug einen ledernen Brustpanzer. An seinem Gürtel baumelte ein geschwungener Säbel, der breiter war als meine Hand. Wir blieben eine Manneslänge vor ihm stehen, rangen nach Luft und wischten uns den Schweiß von der Stirn. Der Fremde hatte sich indes überhaupt nicht gerührt. Nur seine Augen bewegten sich und zuckten zwischen Ylenia, mir und Arc hin und her. Auf dem Technoiden ruhte sein Blick besonders lang. Mir fiel sein eingefallenes und von Narben übersätes Gesicht auf. Ebenso entstellt waren seine Arme, die nackt aus der Panzerung hervorragten. Obwohl ich deutlich Ylenias Unbehagen spürte, rang sie sich ein Lächeln ab und streckte dem Mann zum Gruß ihre Hand entgegen, doch dieser machte keine Anstalten, danach zu greifen. Er hob nur unmerklich die Augenbrauen. Peinlich berührt zog Ylenia ihre Hand wieder weg. Ich fühlte mich wie in einem schlechten Traum. Was ging hier vor sich? Weshalb stolperte ich seit Monaten von einer Ungewissheit in die nächste? Beinahe erwartete ich, jeden Moment in meinem Bett im Perlenturm zu erwachen.
   »Ich bin Ylenia.« Sie bemühte sich um eine feste Stimme, doch ich merkte ihr an, wie verunsichert sie war.
   »Ozzare hat von dir gesprochen«, antwortete der Fremde. »Ihr seid tatsächlich gekommen. Ich hatte es nicht glauben wollen.«
   Ich stutzte ob der Sprache, derer der Kerl sich bediente – Alvisch, jene alte Sprache, die in Calanien niemand mehr verwendete. Ylenias irritierter Blick ließ darauf schließen, dass sie kein Wort verstanden hatte. Ich übersetzte für sie.
   »Ozzare hat meine Sprache gesprochen, weshalb kann er es nicht?« Die Verwirrung war Ylenia ins Gesicht geschrieben.
   »Was sagt die Menschenfrau?«, verlangte der schlaksige Kerl im Gegenzug zu wissen. Auch für ihn spielte ich den Dolmetscher, obwohl mein Alvisch nicht perfekt war. Auf der Akademie hatte ich dieses Fach gehasst, doch jetzt war ich froh, mich wenigstens verständigen zu können.
   »Magie ist in der Lage, die Barrieren einer fremden Sprache zu überwinden«, sagte der Mann. »Ozzare stehen andere Mittel zur Verfügung als mir. Mein Name ist Ezaross, ich bringe euch zu meiner Sippe. Ozzare hat es befohlen.«
   »Was hat er gesagt?« Ylenia klang zugleich ungeduldig und verärgert. Ich machte eine wegwerfende Handbewegung. Mir war nicht danach, jeden einzelnen Satz für sie zu übersetzen. Generell hatte ich die Nase voll von diesem Irrsinn, in den Ylenia uns manövriert hatte.
   »Kommt mit«, sagte Ezaross. Er wandte sich um und lief den Hang hinunter. Zögernd folgten wir ihm.
   »Wer ist das und was soll das Affentheater?«, flüsterte ich Ylenia zu, obwohl ich mir wenig Hoffnung machte, eine Antwort zu erhalten.
   Sie biss sich auf die Unterlippe und für einen kurzen Moment schimmerte ein verunsichertes Mädchen hinter ihrer Fassade hervor. Die verletzliche Ylenia war mir bedeutend lieber als das berechnende Biest, das sie zumeist verkörperte.
   »Ich habe nicht die geringste Ahnung, wer er ist«, sagte sie. »Aber er kennt Ozzare. Er wird uns vielleicht zu ihm bringen. Ich werde dir bald alles erklären.« Es waren die letzten Worte, die für einen langen Zeitraum gesprochen wurden.
   Ezaross führte uns noch eine Weile an der Dunkelheit entlang über eine Reihe von Erhebungen, bis er nach links abbog und wir einem Pfad folgten, der anscheinend oft benutzt wurde. Erst jetzt erkannte ich, dass wir uns auf eine Stadt – oder was immer dieses imposante Sammelsurium an Mauern und Türmen darstellte – zubewegten. Sie wirkte in der völligen Einsamkeit der Gesteinwüste, die sie umgab, vollkommen fehl am Platz. Sie passte nicht in die Landschaft. Wie ein Fremdkörper, den jemand hier vergessen hatte. Über ihren Dächern hing eine graue Decke aus dichtem Rauch. Übelkeit stieg in mir auf. Die Alarmglocken in meinem Kopf schrillten so laut, dass mir die Ohren sausten.
   Ezaross steuerte zielstrebig auf ein Portal zwischen zwei hohen Säulen zu. Sie bestanden aus demselben roten Gestein wie die Landschaft. Ihre Oberfläche war nur grob behauen, mit wenig Liebe zum Detail.
   Wir durchschritten das gewaltige Tor, das niemand zu bewachen schien. Dahinter tauchten wir in eine etwa zehn Yards breite und nicht asphaltierte Straße ein. Zu beiden Seiten reihten sich Häuser aneinander, viele von ihnen verfallen oder wenig mehr als eine Ruine. Nicht zwei von ihnen glichen einander. Manche sahen aus wie ein wahllos aufgestapelter Haufen Steine, andere gruben sich halb in die Erde und wieder andere waren von kreisrundem Grundriss. Es schien, als hätten die Erbauer keinen Wert darauf gelegt, ein einheitliches Stadtbild zu erschaffen. Ein Schauder lief mir den Rücken hinunter. Ich hasste Chaos und Unordnung seit jeher, eine Angewohnheit, die Breanor mir mit seinen ständigen Forderungen nach Perfektion anerzogen hatte. Noch immer vermochte ich mich nicht vollständig aus diesen Fesseln zu befreien.
   Ich konnte nicht erkennen, wie weit die breite Hauptstraße noch geradeaus führte, denn ihr Ende verlor sich in Smog und Nebel. Ein vielfältiger Gestank schlug mir entgegen, meine Knie zitterten und meine Beine drohten, unter mir einzuknicken. Arc ging neben mir. Mit neugierigen Blicken bestaunte er unsere Umgebung, schien jedoch keinesfalls verängstigt zu sein. Vielleicht war es die Ruhe, die er ausstrahlte, die mich veranlasste, einen Fuß vor den anderen zu setzen und die Todesangst zu unterdrücken. Nirgendwo sah ich einen anderen Alven, nicht einmal eine Ratte ließ sich blicken. Dennoch hatte ich das Gefühl, aus den dunklen Fensterlöchern beobachtet zu werden.
   Direkt hinter uns ertönte ein Surren, dann ein Knattern, das in der Stille der Umgebung wie ein Peitschenhieb durch die Luft schnitt. Das Geräusch wurde lauter. Ruckartig wandte ich mich um und richtete den Blick nach oben. Etwas tauchte über unseren Köpfen auf, warf seinen Schatten über uns und entfernte sich dann mit hoher Geschwindigkeit, bis es im dichten Rauch verschwand. Ich hatte nur einen kurzen Moment lang Zeit gehabt, einen Blick darauf zu werfen. Die Länge des fliegenden Ungetüms überstieg die eines erwachsenen Mannes um etwa das Dreifache, seine Form war dreieckig gewesen, vorn spitz. Soweit ich es hatte erkennen können, bestand es aus Metall. Ylenia schnappte neben mir geräuschvoll nach Luft. Sie fasste sich mit der Hand an die Brust. Arc zeigte keine Anzeichen eines tiefer sitzenden Schreckens. Ein seltsames Lächeln umspielte seine Züge, als erinnerte er sich an etwas, das er vergessen geglaubt hatte.
   Als Ezaross unsere Paralyse bemerkte, wandte er sich über die Schulter hinweg zu mir um. »Hab keine Angst, das ist unser Azzrion«, sagte er mit ausdrucksloser Miene. »Bislang das Einzige seiner Art. Ozzare hat es in seinen Werkstätten fertigen lassen.« Mit diesen Worten drehte er sich wieder um und ging weiter. Zögerlich folgten wir ihm. Werkstätten? Sollte es sich um ein fliegendes Automobil handeln? Allmählich schwante mir, dass die Welt jenseits der Dunkelheit keinesfalls von primitiven Eingeborenen bewohnt wurde. Ich war mir noch nicht sicher, ob mich diese Tatsache mit Euphorie oder Angst erfüllen sollte.
   Wir gingen noch eine Weile weiter die große Straße entlang, ehe Ezaross in eine schmalere Seitengasse einbog. Noch immer waren wir niemandem begegnet, doch ich sah deutlich Schatten zwischen den Mauern umherhuschen. Ezaross führte uns noch um mehrere Ecken herum durch ein Labyrinth aus heruntergekommenen Behausungen. Irgendwann verbreiterte sich der Weg wieder und wir steuerten auf eine Mauer zu, die etwas zu umgeben schien, das mindestens hundert Yards breit war. Sie war zu hoch, um darüber hinwegzusehen.
   Ezaross führte uns zu einem verschlossenen Tor. Es bestand aus aneinandergenieteten Metallplatten und wirkte wenig einladend. Mächtige Zahnräder ragten rechts und links daneben aus der Wand, oberhalb verlief eine armdicke Kette. Mein Verdacht erhärtete sich, dass diese seltsame Stadt von einer technisch hoch entwickelten Zivilisation erbaut wurde, die jedoch wenig Sinn für den Häuserbau zu haben schien. Ezaross zog ein fingergroßes metallenes Etwas aus der Tasche seines Gewandes und betätigte einen Knopf darauf. Das Tor setzte sich quietschend und knarrend in Bewegung. Eine externe Steuereinheit? Eine Fernbedienung? Ich hatte von der neuartigen Funktechnik gehört, an der Breanor gearbeitet hatte. Hier schien sie bereits zum Einsatz zu kommen. Unglaublich! Über mein Erstaunen hinweg vergaß ich beinahe meinen Hunger, den Durst und die Angst.
   Das Tor schwang mit einem ohrenbetäubenden Donnern zur Seite und gab den Weg ins Innere des ummauerten Bereichs frei. Was mochte sich dahinter befinden? Mein Blick glitt zu Ylenia, die mittlerweile kreidebleich geworden war. Ich glaubte nicht, dass sie ansatzweise wusste, was man mit uns zu tun gedachte. Vermutlich war ihr die ganze Geschichte heillos über den Kopf gewachsen. Sie hatte irgendeinen verqueren Weg gefunden, mit einem Wesen jenseits der Dunkelheit zu kommunizieren, aber ob es sich dabei womöglich um einen gefährlichen Menschenfresser handelte, schien ihr niemals durch den Kopf gegangen zu sein. Mir hingegen schon … Was mochte dieser Ozzare ihr bloß versprochen haben? Ylenia war eine intelligente Frau, die auf ihrer Meinung beharrte und sich nicht von ihrem Weg abbringen ließ. Es musste ein gewaltiges Versprechen gewesen sein, das sie dazu getrieben hatte, sich Hals über Kopf ins Unbekannte zu stürzen.
   Ezaross wies uns mit einer Handbewegung an, ihm zu folgen. Gemeinsam tauchten wir in die Welt hinter der Mauer ein. Mannigfaltige Sinneseindrücke drohten, mich zu erschlagen. Der Gegensatz zu den Siedlungen außerhalb der befestigten Anlage hätte größer kaum sein können. Hatten vorher lediglich unsere Schritte als einzige Geräusche von den Wänden widergehallt, war das Innere des Forts hingegen von blühendem Leben erfüllt. Wir befanden uns auf einem großen Platz, den längs der Mauer eine Vielzahl von niedrigen Gebäuden säumte. Sie bestanden aus einer seltsamen Mixtur verschiedener Materialien, vorwiegend jedoch Metall. Nicht wenige wirkten auf mich wie gigantische Roboter, gespickt mit Zahnrädern, Kesseln, Motoren und allerhand Maschinen, die mir gänzlich unbekannt vorkamen. Aus ihren Eingeweiden traten Dampf- und Rauchschwaden aus, die sich in den Himmel schraubten und das rötliche Licht der Sonne in einen gräulichen Nebel tauchten. Es war eine wundersame Welt, die von futuristischen Maschinen und fremd anmutender Architektur beherrscht wurde. Allmählich begriff ich, dass es sich um Fabriken und Arbeitsstätten handelte, wohingegen die Häuser, die ich zuvor gesehen hatte, anscheinend die Behausungen darstellten.
   Obwohl ich wusste, dass ich Angst oder Unbehagen hätte verspüren sollen, verschlug es mir die Sprache. Es juckte mich in den Fingern, all diese Wunder zu untersuchen und ihnen auf den Grund zu gehen.
   Neben den Gebäuden gab es natürlich auch Bewohner, die meine Aufmerksamkeit nicht minder erregten. Sie alle waren alvischen Bluts, und dennoch sahen sie völlig anders aus als meine Artgenossen aus Calanien. Sie trugen kaum Kleidung am Leib, was mich bei den heißen Temperaturen nicht weiter verwunderte. Die meisten ließen es auf einer kurzen Lederhose beruhen, ihre Oberkörper waren nackt. Sogar die der Frauen, was mich extrem beschämte. Ich versuchte, ihnen nicht allzu offensichtlich auf den Busen zu starren. Doch nicht alle gaben sich derart freizügig, manche trugen bodenlange Gewänder oder sogar feste Lederrüstungen. Ich fragte mich, ob es mit ihrem Stand oder Beruf zu tun hatte, oder ob es sich womöglich um ein Statussymbol handelte. Doch etwas war ihnen allen gemein: Sie waren abnorm blass, ihre Augen lagen tief in den Höhlen. Einige starrten uns hinterher, aber niemand hielt uns auf oder sprach ein Wort zu uns. Die durchweg pechschwarzen Haare dieser Alven baumelten ihnen in langen Zöpfen um die Hüften. In ihren Gesichtern las ich Unmut, Verzweiflung oder Trauer. Die Stimmung war alles andere als ausgelassen.
   Wir näherten uns der Mitte des Platzes. Ezaross wies uns an, auf dem Boden Platz zu nehmen. Ylenia warf mir einen verängstigten Blick zu. Sie sagte nichts, aber ich las die Fragen in ihren Augen. Arc, der immer noch unser Gepäck schleppte, ließ sich mit einem Ächzen neben mir fallen. Ich bemerkte, dass viele der Alven um uns herum den Technoiden anstarrten, als hätten sie einen Geist gesehen, dabei war diese Stadt doch mit weitaus mehr technischen Finessen gespickt als einem einfachen Halbroboter.
   Ezaross stieß einen langgezogenen Pfiff aus, woraufhin sich einige der Alven zu uns gesellten und sich um uns herum auf den nackten Steinboden setzten. Hatte man uns bereits erwartet?
   Ich wandte den Kopf, als sich ein Mann in der Menge erhob, zu uns herüberkam und neben Ezaross Platz nahm. Er trug eine lederne Rüstung, die beim Sitzen fürchterlich unbequem anmutete. Er warf Ylenia und mir abwechselnd einen musternden Blick zu, ehe er sich räusperte und dazu ansetzte, etwas zu sagen. Stille senkte sich über den Platz, einzig unterbrochen durch das Rattern und Rauschen der Maschinen.
   »Mein Name ist Lizzrin«, sagte der gepanzerte Alve, der nun zwischen Ylenia und mir saß. Ich hätte ihn am liebsten mit offenem Mund angestarrt, war jedoch zu gut erzogen, um mich der Versuchung hinzugeben. Er war das, was man in Elvar gemeinhin als hässlich bezeichnet hätte: fahle Haut, eingefallene Wangen, von Narben übersäte Unterarme. Niemand in dieser sonderbaren Stadt war eine Schönheit, aber dieser Alve machte seiner Rasse Schande. Alven galten als gut aussehend, weshalb ein Durchschnittstyp wie ich in Elvar schon eine Rarität gewesen war.
   »Ich bin Sippensprecher«, fuhr er fort. Sein Alvisch war gefärbt von einem sonderbaren Akzent, was mir das Verständnis seiner Worte nicht gerade erleichterte. Ylenia hingegen hielt den Kopf gesenkt und saß zusammengekauert neben mir, die Knie unter das Kinn gezogen. Sie vermittelte nicht den Eindruck, Interesse an dieser Diskussion zu hegen. Mir wäre es an ihrer Stelle wohl ebenso ergangen, wenn ich kein Wort verstanden hätte. Ein Hauch von Mitleid streifte mich, bis ich mir wieder in Erinnerung rief, dass wir uns ihretwegen überhaupt erst in dieser Situation befanden. Ich zwang mich, Lizzrin in die blassgrauen Augen zu sehen und meine Emotionen in den Hintergrund zu drängen.
   »Im Namen Ozzares bedanke ich mich bei euch, dass ihr gekommen seid.« Bei der Erwähnung von Ozzares Namen hob Ylenia kurz den Blick, vergrub ihr Gesicht dann jedoch wieder zwischen den Knien. Lizzrin hob die Hand und winkte jemandem zu, woraufhin ein Mann zu uns herüberkam. Er trug ein langes, fließendes Gewand, das bis zu seinen Knöcheln reichte. Als er sich näherte, erkannte ich, dass es aus Leder- und Fellstücken bestand. Um seinen Hals hingen zahlreiche Ketten und um seine Handgelenke wickelten sich Lederbänder in unterschiedlichen Farben. Sein Gesicht war ebenso blass wie das der anderen Alven. Seine Augen verengten sich, als er mich prüfend ansah. Mir lief ein Schauder über den Rücken. Er ließ sich neben Ylenia nieder und setzte sich auf seine Fersen. Dann legte er ihr eine seiner knochigen Hände auf die Schulter. Ylenia zuckte zusammen, ihr Kopf schnellte nach oben. Die wenige Farbe, die ihre Wangen bis dahin noch gefärbt hatte, wich aus ihrem Gesicht. Sie warf mir einen verängstigten Blick zu.
   »Das ist Iovizz«, sagte Lizzrin. »Er ist unser Sippenmagier. Er wird dafür sorgen, dass die seltsame Frau mich versteht.«
   Ylenias Kopf fuhr ruckartig herum. Sie starrte Lizzrin an, als hätte sie einen Geist gesehen. Ihr Mund stand ein wenig offen, ihre Miene wirkte wie versteinert.
   »Verstehst du mich?«, fragte Lizzrin an Ylenia gewandt. Eine hauchzarte Bewegung ihres Kopfes, die man mit einiger Fantasie als Nicken hätte deuten können, schien Lizzrin als Antwort zu genügen, denn er wandte sich wieder mir zu. Er sah mich eine Weile lang schweigend an. Die Stille um uns herum verunsicherte mich, ich begann zu schwitzen. Ich warf Arc einen flüchtigen Seitenblick zu, doch der Technoid verfolgte die Szene recht teilnahmslos. Ich hätte schwören können, sogar ein leichtes Lächeln auf seinen Lippen gesehen zu haben.
   »Der verräterische Südling hat es also tatsächlich gewagt, sich an unserem Blut zu vergehen«, sagte Lizzrin zu mir, und mit einem Mal wich ein wenig der Freundlichkeit aus seiner Stimme. Er war ein Mann, mit dem man es sich besser nicht verscherzte, denn ich verspürte plötzlich den Drang, der Situation zu entfliehen. Ich wunderte mich über den plötzlichen Themenwechsel, wagte aber nicht zu fragen, von wem er sprach. Vielleicht war er verrückt? Ich sah mich unauffällig um. Gab es Fluchtmöglichkeiten? Deutete irgendetwas darauf hin, dass wir in die Fänge von Kannibalen geraten waren? Mir rauschte das Blut in den Ohren.
   Lizzrin stieß ein tiefes Knurren aus und ballte die Hände zu Fäusten. »Der Widerling aus dem Süden hat uns einen Gruß gesendet. Er schickt uns diesen Bastard, um uns zu verspotten.« Er wandte sich an Ylenia. »Oder war es deine Idee, ihn herzubringen? Willst du uns damit die Überlegenheit der Südlinge demonstrieren?«
   Ylenias Stimme zitterte, als sie sprach. »Ich habe keine Ahnung, was Sie meinen.«
   Ein Schreck durchfuhr mich, denn sie formulierte ihre Worte in alvischer Sprache. Die Magie von Iovizz schien ihre Wirkung nicht zu verfehlen. Als er meine Verwirrung bemerkte, umspielte ein hämisches Lächeln seine Züge. Er hatte eine unsympathische Art, auf andere hinabzublicken. Sogleich machte sich ein Gefühl der Abneigung gegen ihn in mir breit. Meine Aversion gegen Magier schien sich bis über die Grenzen Calaniens hinaus zu erstrecken. Manche Dinge änderten sich anscheinend nie.
   »Du willst mir also weismachen, du wüsstest nicht, wer er ist?« Lizzrin zeigte mit dem Finger auf mich, eine Geste, die von schlechter Erziehung zeugte. Vielleicht galten in diesem Land auch einfach andere Benimmregeln. Ohnehin erschien mir hier alles unwirklich und fremd.
   Ylenia schüttelte den Kopf. »Ich habe ihn mitgebracht, weil Ozzare es von mir verlangt hat. Außerdem wäre ich ohne ihn niemals an den Technoiden herangekommen. Er folgt ihm auf Schritt und Tritt.«
   Ich hörte die Worte zwar, doch sickerte ihre Bedeutung nur sehr langsam in meinen Verstand. Was hatte Arc damit zu tun? Eine böse Vorahnung braute sich in mir zusammen wie ein Gewitter.
   »Dann weißt du also nichts vom Verrat des Südalven, der Cazzia entführt hat?« Lizzrins Lippen wurden schmal, ebenso seine Augen. Er bot einen wirklich furchterregenden Anblick.
   Ylenias Gesichtsausdruck sprach Bände. Ich glaubte ihr ihre Unwissenheit. Sie sagte nichts, sondern starrte Lizzrin nur wie versteinert an. Ezaross, der schräg hinter ihm saß, legte ihm seine Hand auf den Arm und flüsterte ihm etwas zu, das ich nicht verstehen konnte. Daraufhin schnaubte Lizzrin einmal, doch seine Miene entspannte sich etwas. Er wandte sich wieder an mich. »Bist du gekommen, um uns zu verspotten oder um die Ehre deiner Mutter reinzuwaschen? Antworte, Mischling!«
   Mischling? Hatte er mich Mischling genannt? Oder war meine Vokabelkenntnis fehlerhaft? Ich schüttelte meine Verwirrung ab und versuchte, ihm zu antworten, doch viel mehr als Gestammel wollte meine Lippen nicht verlassen. »Ich … Also …«
   »Bist du schwachsinnig?« Lizzrin richtete sich ein wenig auf. Ich befürchtete, er wollte mich anfallen, doch auf einen Wink von Ezaross hin ließ er sich wieder auf den Boden sinken.
   »Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen«, brachte ich zustande.
   »Er hat dich nicht über deine Herkunft aufgeklärt?«
   »Wer?«
   »Der Südalve, dem ich vorwerfe, dein Erzeuger zu sein. Er ist vor über zwanzig Jahren mithilfe des Kompasses hergekommen, hat Cazzia entführt, sie in den Süden verschleppt und aller Wahrscheinlichkeit nach auch noch vergewaltigt.« Ich sah, wie eine Ader auf Lizzrins Stirn pulsierte. Unwillkürlich spannte ich die Muskeln an, damit ich bereit war, zur Seite zu springen, falls er mich attackieren sollte.
   »Ich kenne meine leiblichen Eltern nicht«, sagte ich wahrheitsgemäß, aber so allmählich dämmerte mir, worauf Lizzrin hinauswollte. Es war, als hätte ich ein lange verloren geglaubtes Puzzleteil wiedergefunden. Es ergab plötzlich alles einen Sinn.
   »Dein Unwissen ist eine Tragödie«, knurrte er durch seine zusammengepressten Zähne hindurch. »Aber dein Auftauchen ist ein Geschenk Sinjars, du hast nach Hause gefunden.«
   Sinjar? Die Bevölkerung jenseits der Dunkelheit glaubte zumindest an denselben Gott wie die Calanier. Wenigstens eine Sache, die mir vertraut vorkam. Ein schwacher Trost.
   Lizzrin holte einmal tief Luft und stieß sie als Seufzer wieder aus. »Ein blondhaariger Alve ist vor zwei Jahrzehnten nach Corghazhar gekommen. Er war in Besitz eines Kompasses, mit dessen Hilfe man die Dunkelheit überwinden konnte. Das Ding wurde uns bereits vor vielen Jahrhunderten von einer Gruppe Abtrünniger gestohlen, die nach Süden gewandert war und dort vermutlich eine neue Population von Alven gegründet hat. Der blonde Fremde, ein Nachfahre dieser Abtrünnigen, erzählte uns, er komme in Frieden. Er sagte, er sei ein Wissenschaftler aus Calanien und wolle unsere Welt erforschen. Er verlangte sogar, die Große Maschine zu sehen! Obwohl er ein Südalve war und nicht unter dem Bann der Maschine zu stehen schien, war es ihm dennoch unmöglich, sich Azzvid zu nähern. Die Maschine hat sich dem Auge des Südalven stets entzogen, war unsichtbar für ihn. Doch der Fremde hegte reges Interesse an unseren Studien über Azzvid, hat sich Zeichnungen und Pläne angesehen, immer wieder. Der Südalve hat lange bei uns gelebt, ehe er uns betrogen hat. Er hat Cazzia mitgenommen …« Lizzrins Gesicht nahm den Ausdruck eines Mannes an, der sich an eine schmerzvolle Vergangenheit erinnerte. Azzvid? War das der Name einer Maschine? Und was hatte das alles zu bedeuten?
   »Dem Verräter konnte die Flucht nur deshalb gelingen, weil er eine Waffe erfunden hatte, die gegen die Magie meines Volkes wirkt«, fuhr Lizzrin fort. »Eine entsetzliche weiße Kugel. Er hat außerdem den Technoiden gestohlen.«
   Eine weiße Kugel? Mir schoss die Demoveruskugel von Breanor in den Kopf, die mich vor Jahren beinahe getötet hätte. Es erfüllte mich mit Grauen, dass mir die Schilderungen des Sippenführers so entsetzlich bekannt vorkamen. Ich wollte den Mund öffnen, um etwas zu sagen, doch in diesem Moment kam ein anderer Alve heran und lenkte meine Aufmerksamkeit auf sich. Er trug ein Tablett, das er vor Ylenia und mich auf den Boden stellte. Darauf standen zwei steinerne Trinkgefäße, außerdem zwei faustgroße Stücke Gebäck, die mich an Schokoladenkuchen erinnerten. Erst jetzt wurde mir wieder bewusst, wie hungrig und durstig ich war. Auch Ylenia starrte mit gebanntem Blick auf das Tablett. Lizzrin wies uns mit einer Geste an, uns zu bedienen. Obwohl ich immer noch von Angst erfüllt war und sich überschlagende Gedanken in meinem Hirn Polka tanzten, griff ich beherzt zu. Ich stürzte die scharf schmeckende, lauwarme Flüssigkeit in einem Zug hinunter, auch das seltsame Gebäckstück, das nach fremdartigen Gewürzen schmeckte, überlebte nicht länger als ein paar Sekunden. Unterdessen hatte Lizzrin geschwiegen und gewartet, bis wir unsere Mahlzeit eingenommen hatten. Mich streifte der Gedanke, ob es wohl vergiftet gewesen sein konnte, doch für den Moment fühlte ich mich besser, mehr zählte nicht.
   Als einer der Alven das Tablett wieder abräumte, ergriff Lizzrin erneut das Wort. Ich wünschte mir, er würde schweigen, für den heutigen Tag hatte ich eindeutig schon zu viele Denkanstöße erhalten.
   »Wo bist du aufgewachsen?«, fragte er. Ich wagte nicht, ihm die Antwort zu verweigern, denn seine Erscheinung schüchterte mich noch immer ein.
   »Im Palast des Königs von Calanien.« Ich fühlte mich wie ein kleines Kind, dessen Eltern ihm unangenehme Fragen stellten, weil es etwas ausgefressen hatte.
   »Wer hat dich aufgezogen?«
   »Breanor, ein Mitglied der Weißen Liga des Königs.«
   Ich vernahm ein Raunen, das durch die Menge ging. Erst jetzt wurde ich mir der Anwesenheit der zahlreichen anderen Alven wieder gewahr, denn sie hatten die ganze Zeit über geschwiegen und sich nicht gerührt.
   Lizzrins Gesicht verzog sich zu einer Grimasse des Zorns. »Ich wusste es. Das war der Name des blonden Verräters.« Er presste die Worte nur sehr leise hervor, doch ich hatte ihn deutlich verstanden.
   Ylenia war kreidebleich geworden und machte den Eindruck, als müsste sie sich jeden Moment übergeben. Mir erging es nicht viel besser. Breanor war hier gewesen? Mein Verstand raste und versuchte verzweifelt, Lizzrins Worte zu sortieren. War es tatsächlich möglich, dass Breanor eine Alvenfrau aus dem Norden entführt und vergewaltigt hatte? War ich das Produkt dieser grausamen Tat? Das Essen, das ich nur Minuten zuvor zu mir genommen hatte, machte Anstalten, sich seinen Weg hinaus zu bahnen. Nur mit Mühe unterdrückte ich den Brechreiz. Dieser Vorwurf war so ungeheuerlich, dass ich mich weigerte, Lizzrins Worten Glauben zu schenken.
   Breanor verkörperte Anstand und Disziplin, es war unmöglich, dass ich das Kind dieser entführten Cazzia war. Niemals! Das würde bedeuten, dass ich sein leiblicher Sohn war, obwohl er stets betont hatte, mich auf der Türschwelle gefunden zu haben. Warum hätte er mich all die Jahre über belügen sollen? Und was war mit meiner leiblichen Mutter geschehen, nachdem sie mich zur Welt gebracht hatte? Über die verschiedenen Optionen wollte ich nicht nachdenken.
   »Es sieht dem Verräter ähnlich, dir deine Herkunft vorzuenthalten«, sagte Lizzrin. »Aber jetzt bist du wieder unter deinesgleichen.« Er nickte mir zu, bevor er sich wieder an Ylenia wandte. »Ozzare wird erfreut sein, dass du gekommen bist und den Technoiden zusammen mit der geheimen Kopie des Kompasses zurückgebracht hast. Ich bin mir sicher, du wirst den Lohn erhalten, den er dir versprochen hat.«
   »Lohn?« Das Wort war heraus, ehe es in meinem Verstand angekommen war. Mir schwirrte der Kopf. Ich wusste noch immer nicht, wer dieser Ozzare war, was er mit Ylenia zu tun hatte und weshalb wir überhaupt hier waren.
   Ylenia sah mich an, in ihrem Blick lag ernstes Bedauern. Die Trauer, die ich darin las, versetzte mir einen Stich. »Ich habe Ozzare den Technoiden, den zweiten darin versteckten Kompass und dich gebracht. Er verspricht mir dafür eine Armee«, sagte sie leise und senkte den Blick.
   »Wozu brauchst du eine Armee? Und wer ist dieser Ozzare?« Ich zwang mich, mit den Gedanken in der Realität zu bleiben und das Gefühlschaos in den Hintergrund zu drängen.
   »Ozzare ist unser Oberster«, sagte Lizzrin. »Er herrscht über Corghazhar. Er hat mit ihr eine Vereinbarung getroffen, aber über die Bedingungen weiß ich nichts. Auch hat er nie verraten, auf welche Weise er mit der Frau aus dem Süden in Kontakt treten konnte. Er wusste aber von eurer heutigen Ankunft und hat Ezaross geschickt, um euch abzuholen.«
   Ylenia seufzte und strich sich eine dunkelbraune Locke aus dem Gesicht. Sie erweckte den Eindruck eines geprügelten Hundes. »Fyn, ich muss dir etwas sagen.«
   Mein Herz begann, in einem wilden Rhythmus gegen meine Rippen zu hämmern. Was konnte jetzt noch schlimmer werden als das, was ich bereits erfahren hatte? Ich atmete einmal tief durch.
   »Mein richtiger Name ist Ylenia Claight, nicht Ylenia Harron«, sagte sie. Ich benötigte einige Sekunden, um in meinen Erinnerungen zu graben. Claight? Der Name sagte mir etwas, doch ich wusste ihn nicht einzuordnen …
   »Ich bin die wahre Thronfolgerin, die Nachfahrin der alten Menschenkönige«, half sie mir auf die Sprünge. »Die Alven, die vor vielen Hundert Jahren nach Calanien gekommen waren, haben die Menschen brutal unterworfen, meine Ahnen vom Thron gedrängt und uns Menschen an den Rand der Bedeutungslosigkeit getrieben. Dieser Krieg hat nur meinetwegen stattgefunden. Ich bin diejenige, über die du Gerüchte gehört hast.« Ylenia zog geräuschvoll die Nase hoch und schniefte. Selbst wenn ich gewollt hätte, ich wäre nicht in der Lage gewesen, etwas auf ihre Worte zu erwidern. Hatte ich gerade noch behauptet, es konnte nicht mehr schlimmer werden? O doch, es konnte …
   »Als unser erster Anschlag auf den Palast misslungen war, haben Lord Awbreed von Denfolk und ich diesen Krieg angezettelt, weil wir geglaubt hatten, ihn gewinnen zu können«, fuhr Ylenia fort. Sie wirkte mit einem Mal fremd auf mich. »Leider haben wir uns gewaltig geirrt. Es war ein Wink des Schicksals, dass ich zufällig an eine Methode geraten bin, mit dem Volk der Schattenalven zu kommunizieren. Sie versprachen mir eine große Armee. Eine Armee, die die Alven des Südens überrennen wird.«
   Lizzrin räusperte sich und riss das Wort wieder an sich. Doch ich starrte weiterhin nur Ylenia an, die den Blick von mir abwandte und den Kopf gesenkt hielt.
   »Vor Jahrhunderten haben unsere Vorfahren bereits den Kompass gestohlen, als sie ein neues Alvenreich im Süden gründeten. Unserer Möglichkeit beraubt, ihnen zu folgen, sinnen wir seitdem auf Rache. Als Breanor viele Generationen später mit dem Kompass zurückkehrte, waren wir erleichtert. Wir fertigten eine geheime Kopie davon an, die wir im Arm des Technoiden versteckten, doch der Südling hat Arc ebenfalls entführt, ohne zu wissen, welche Geheimnisse er barg.« Der Sippenführer der »Schattenalven«, wie Ylenia sie bezeichnet hatte, machte eine Pause und seufzte. »Wir profitieren alle von dem Handel. Miss Claight wird mit unserer Hilfe ihren Thron wiedererlangen und wir werden Rache an jenen üben, die uns damals den Rücken gekehrt haben.«
   Ich überging seine Worte, wollte nichts mehr davon hören. »Ylenia …« Meine Stimme klang seltsam dünn und mir stiegen Tränen in die Augen. »Das kann ich einfach nicht glauben. Sag mir, dass du dir das nur ausgedacht hast.«
   »Nein, Fyn. Es tut mir von Herzen leid, dass ich dich für diesen Handel benutzt habe, denn ich habe dich wirklich geliebt.« Ein Schluchzen schüttelte sie. »Unser erster Versuch, den König zu stürzen, misslang. Yeshard, den ihr von der Liga den »Bastard« nennt, ist ein Spitzel Lord Awbreeds. Er hatte die Vasen mit den Sprengsätzen im Flur des Palastes postiert. Leider errangen wir keinen Sieg, doch es gab kein Zurück mehr. Als ich dich aus dem Kerker von Denfolk befreite, warst du für mich nur ein Werkzeug. Die ganze Burg wusste von der arrangierten Flucht. Meine Männer hatten während des ersten Anschlags gesehen, wie du Castios mithilfe von Arc gerettet hast. Er gehorcht nur dir. Von diesem Moment an war uns klar, dass wir dich benötigen, um den Technoiden zu entwenden. Ich musste dich aus dem Kerker befreien und mit dir nach Elvar zurückkehren, es gab keinen anderen Weg. Du solltest glauben, dass ich eine vernachlässigte Zofe auf der Suche nach Arbeit war. Dann solltest du dafür sorgen, dass Arc uns folgt.«
   »Soll das bedeuten, das war alles geplant? Auch Castios’ Tod und meine Verurteilung?«
   Ylenias Kopfnicken traf mich wie ein Pistolenschuss. Sie hatte mich hintergangen. Mich eiskalt benutzt, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Meine Eingeweide zogen sich zusammen. In diesem Moment wünschte ich mir, zu sterben. Wie hatte ich so dumm sein können? Heißer Zorn stieg in mir auf.
   »Ich war es, die dir die Droge in deinen Werkzeugkoffer geschmuggelt hat«, sagte sie. Ich merkte deutlich, dass ihr die Worte nur schwer über die Lippen kamen. Am liebsten hätte ich ihr ins Gesicht geschlagen, doch ich war innerlich so verletzt, dass ich nicht einmal mehr in der Lage war, einen Arm zu heben. Meine Gliedmaßen fühlten sich an, als gehörten sie nicht länger zu mir. Um uns herum herrschte Stille, die Zeit schien stehen geblieben zu sein.
   »Ich habe meine Zeit im Palast dazu benutzt, die genauen Abläufe zu studieren. Wann nimmt der König seine Speisen ein? Wann ist Wachablöse? Wann ist er unbewacht? Dann habe ich Castios vergiftet und mit dem Gurt deiner Armbrust bearbeitet, woraufhin die Spuren zu dir führten. Dir habe ich die Droge verabreicht, damit niemand an deiner Schuld zweifelt. Ich wusste, dass deine Loyalität gegenüber der Liga zu groß war, als dass du mir mit Arc freiwillig gefolgt wärest. Ich musste erst deinen Hass gegen sie schüren und dann deinen Tod vortäuschen. Es gab keinen anderen Weg.«
   Ich spürte, wie sich eine Ohnmacht ankündigte, doch es gelang mir irgendwie, sie abzuschütteln. Mir fehlen die Worte, um zu beschreiben, wie ich mich in diesem Moment fühlte. Benutzt. Missbraucht. Verraten. Von allen. Von Breanor, von Ylenia, von meinem Volk. Gleichzeitig kam ich mir wie ein Volltrottel vor. Ein dämlicher Narr, der all diese Dinge erduldet und nicht einmal Verdacht geschöpft hatte! Ich ging die Fakten gedanklich noch einmal durch: Ylenia hatte einen Weg gefunden, mit dem Obersten der Schattenalven zu kommunizieren. Er hatte von ihr verlangt, Arc, mich und den Kompass hierher zu bringen, damit sich sein Volk an den Alven des Südens für einen jahrhundertealten Verrat sowie Cazzias Entführung rächen konnte. Gleichzeitig bekäme Ylenia endlich ihre Armee, mit der es ihr gelingen würde, den Thron zu besteigen. Der erste Anschlag der Nordmänner auf den König anlässlich seiner Geburtstagsfeierlichkeiten war misslungen, doch Ylenia hatte dadurch erfahren, dass Arc auf mich fixiert war. Um ihren perfiden Plan in die Tat umzusetzen, hatte sie mich aus den Kerkern von Denfolk befreit. Weshalb hatte ich nie Verdacht geschöpft? Wir waren damals mehr oder weniger problemlos durch das Tor geritten. Niemand war uns gefolgt oder hatte versucht, uns aufzuhalten. Wie naiv ich gewesen war! In den folgenden Monaten hatte sich Ylenia mein Vertrauen erschlichen, den König ermordet und anschließend meinen Tod vorgetäuscht, damit ich ihr mit Arc in den Norden folgte.
   Unbändiger Hass stieg in mir auf. Wie von einer fremden Macht gelenkt, sprang ich auf. Ich weiß nicht, ob ich es tatsächlich getan hätte, wenn ich dazu gekommen wäre, doch in diesem Moment folgte ich einem Impuls, Ylenia an die Kehle zu springen. Sie hatte mich benutzt. Doch ich erreichte sie nicht, denn mehrere Alven zerrten an meiner Kleidung und drückten mich zu Boden. Die Details entziehen sich meiner Erinnerung. In meinem Kopf hallt Lizzrins Stimme nach: Bringt ihn fort. Und schafft den Technoiden zu Ozzare. Was unmittelbar danach geschah, weiß ich nicht mehr. Es war der schwärzeste Tag meines bisherigen Lebens.

Kapitel 2
Magie und Maschinen

Mit einem grazilen Satz sprang ich von dem mannshohen Berg aus Schrauben und Zahnrädern hinunter und landete weich und federnd wie eine Katze auf den Füßen. Es war an der Zeit zu gehen, obwohl Zeit in dieser seltsamen Supermetropole keinerlei Bedeutung hatte. Es wurde niemals dunkel. Die blutrote Sonne schien die Dunkelheit, die sich ganz in der Nähe wie eine bedrohliche schwarze Mauer über Corghazhar erhob, verspotten zu wollen, indem sie es niemals Nacht werden ließ. Niemand besaß eine Uhr, und das, obwohl die Schattenalven über die seltsamsten Technologien verfügten, die ich mir in meinen kühnsten Träumen hätte ausmalen können.
   Ich wandte mich von dem Berg aus Metallschrott ab und machte mich auf den Rückweg. Wie schon damals in Elvar genoss ich die Einsamkeit, und jene Momente waren an einem Ort wie Corghazhar von größter Seltenheit. Ich hatte mich sehr gefreut, als ich feststellte, dass es vor den Toren der Stadt einen Schrottplatz gab. Zwar weckte er alte Erinnerungen in mir, doch ich suhlte mich ohnehin seit Wochen in Selbstmitleid. Immerhin hatte ich mich psychisch mittlerweile so weit erholt, dass ich das Haus verlassen konnte. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass die Schattenalven mich schlecht behandelten. Es war nur eine vollkommen andere Art der Behandlung, als ich gewohnt war. Der Zusammenhalt innerhalb der Sippe war groß, das musste er auch sein, wenn sie überleben wollten. Er stieß jedoch recht schnell an seine Grenzen, wenn es darum ging, sich um das psychische Wohlbefinden seiner Artgenossen zu kümmern. Das interessierte hier nämlich niemanden, und so lebte ich mehr als zwei Wochen lang in einem ihrer Häuser, ohne es je zu verlassen, außer mich plagte ein dringendes Bedürfnis. Sie kleideten mich in die einfachen Gewänder ihrer Art, doch das hatte wenig dazu beigetragen, dass ich mich heimisch fühlte. Ich vergrub mich förmlich, lebte wie in Trance. Es machte mich beinahe wahnsinnig, dass es keine Uhren gab. Ich war es gewohnt, meinen Tag nach der Zeit auszurichten, doch hier war es unmöglich, ein Gefühl dafür zu entwickeln. Immerzu herrschte dasselbe rötliche Zwielicht, das wie durch einen Filter durch die dichte Smogdecke fiel. Für jemanden wie mich, der sein Leben lang mit Kontrollzwängen zu kämpfen gehabt hatte, glich es einer Folter.
   Alles in dieser Stadt lebte und bewegte sich, für jeden Handgriff hatten die Schattenalven eine Maschine entwickelt. Doch für derlei Wunder hatte ich zunächst keinerlei Augen. Ich lag oft stundenlang wach, grübelte und bemitleidete mich selbst. Ylenia und Arc hatte ich seit dem Tag unserer Ankunft nicht wiedergesehen. Schon bald verblasste die Erinnerung daran wie ein schlechter Traum, wie Sand, der einem durch die Finger rann.
   Ich schob meine Emotionen beiseite, was mir nur teilweise gelang. Zwar hatte ich mich mittlerweile damit abgefunden, verraten und missbraucht worden zu sein, aber an die Stelle der Enttäuschung trat ein beinahe fanatischer Hass. In meiner schwarzen Seele brodelte es. Ich hasste meinen Vater, ich verfluchte ihn und schwor bittere Rache. Schlimmer jedoch war das Gefühl, die Frau verloren zu haben, die ich liebte. Es war, als wäre Ylenia gestorben, und in gewisser Hinsicht war sie das auch. Ich würde sie nie wieder als die betrachten können, die sie einst für mich gewesen war. Sie hatte alles zerstört. Meine enttäuschte Liebe verwandelte sich auch ihr gegenüber in Abneigung und Wut. Niemals zuvor hatten meine Unterarme so zerschunden ausgesehen … Man hätte mir Messer und scharfkantige Steine wegnehmen müssen. Zumindest empfand ich die Entwicklung in Calanien und den drohenden Untergang des Königshauses nach einer Weile als weniger dramatisch. Ja, Ylenia plante einen Aufmarsch gegen meine Artgenossen aus dem Süden. Aber hey – was war eigentlich so schlimm daran? Schuldete ich ihnen meine Loyalität? War dies nicht eine wunderbare Gelegenheit, Rache zu üben für das, was sie mir angetan hatten? Ylenia hatte mir Vergeltung versprochen, und die würde ich bekommen, sollte ich mich ihrer Armee anschließen. Auch Norrizz bestärkte mich in diesem Gedanken. Er tauchte seit meiner Ankunft in Corghazhar wieder häufiger auf. Das war leider schon immer so gewesen, wenn es mir psychisch schlecht ging. Wenn ich in meinem Bett lag, malten wir uns aus, wie wir Breanor, Myrius und Galren – die wir zur Zielscheibe unserer Wut erklärten – vierteilten und verbrannten. So hatte ich irgendwann begonnen, mein Leben wieder aufzunehmen, das Haus zu verlassen und mich in die fremdartige Gesellschaft der Schattenalven einzufügen. Es gab für mich nur einen Grund, weshalb ich überhaupt noch atmete: Rache. Am liebsten hätte ich mich auch an Ylenia gerächt, dafür, dass sie mein Herz gebrochen hatte. Doch Ylenia war ein wichtiger Bestandteil unseres Feldzugs, also musste ich meine Mordgedanken auf einen späteren Zeitpunkt vertagen.
   Auf dem Rückweg vom Schrottplatz durchschritt ich das hohe Tor zur Stadt und tauchte in das Labyrinth aus Häusern und Ruinen ein. Einen Großteil des Tages verbrachten die Schattenalven hinter den Mauern, die das Herz der Metropole schützten. Dort tobte das Leben, dort ging man einer Arbeit nach. Geschlafen wurde in den Randbezirken, in den dreckigen Gossen und zerfallenen Gebäuden, die einen krassen Gegensatz zur sterilen und technischen Welt im Herzen Corghazhars darstellten. Ich ekelte mich vor den Siedlungen, weil es dort stank und niemand sich bemüßigt fühlte, seinen Müll zu entsorgen. Es gab mehrere Sippen, die alle ihre eigenen abgetrennten Viertel bewohnten. Diebstahl und sogar Mord waren keine Seltenheit. Verbrechen ahndete man nicht oder zumindest nur halbherzig. Ich hatte sogar den Eindruck, dass Kriminalität nicht nur geduldet wurde, sondern sogar als Maß dafür galt, wie geschickt und ehrwürdig ein Alve war. Wer sich betrügen und bestehlen ließ, erntete abfällige Blicke. Ein ständiger Wettkampf. Nicht selten wechselten Dinge stündlich den Besitzer. Als ausgebildetes Mitglied der Weißen Liga war ich darauf abgerichtet, Verbrechen zu bekämpfen. Hier musste ich sie nicht nur stillschweigend dulden, ich musste ihnen sogar frönen, wenn ich verhindern wollte, dass man mich auslachte oder verprügelte.
   Ich zog meine Kapuze tiefer ins Gesicht und bewegte mich schnellen Schrittes durch die verwinkelten Straßen. Mittlerweile ging ich wie selbstverständlich ein und aus, auch hatte das Interesse der Alven an mir als »Neuling« deutlich nachgelassen. Niemand starrte mich mehr an, wenn ich durch die Straßen lief, und am Tor zum großen Platz ließ man mich ungehindert passieren. Ich fragte mich, weshalb die Schattenalven ihre Maschinen und Fabriken überhaupt durch hohe Mauern schützten, kam jedoch irgendwann dahinter, dass längst nicht jedem von ihnen Zugang zur Stadtmitte gewährt wurde. Anscheinend musste man einen gewissen Status erreichen, um dort arbeiten zu dürfen. Was man dafür tun musste, wusste ich nicht. Es interessierte mich auch nicht, solange ich zu essen und zu trinken bekam und nicht auf das Stehlen angewiesen war. Ich hinterfragte nicht einmal, wer mir jeden Morgen Lebensmittel in meine kleine Hütte brachte und weshalb. Ich war noch immer viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt, um diesen Dingen auf den Grund zu gehen.
   An den Anblick der seltsamen Fahrzeuge und Maschinen hatte ich mich längst gewöhnt. Manchmal juckte es mich in den Fingern, sie zu zerlegen und zu untersuchen, doch ich verbot mir meine Neugier. Sie war Teil meines alten Ichs als Wissenschaftler und damit Vergangenheit.
   Ich betrat mein Haus, sofern das Gebäude diesen Begriff überhaupt verdiente. Es bestand aus aufgeschichteten Steinen, war windschief und bereitete meinem Sinn für Statik schlaflose Nächte. Holz war den Schattenalven ein unbekannter Baustoff, obwohl einige verkrüppelte Bäume in der Umgebung der Stadt wuchsen. Sogar die Möbel bestanden aus Metall oder Stein, denn beides gab es dank der zahlreichen Minen, Steinbrüche und Hochöfen im Überfluss. Jedenfalls war ich froh, dass sie mir überhaupt einen Geräteschuppen ausgeräumt und möbliert hatten, wo Nächstenliebe unter den Schattenalven doch eher eine selten anzutreffende Eigenschaft war. Manchmal streifte mich flüchtig der Gedanke, was aus Ylenia geworden war, doch häufiger dachte ich an Arc. Ob es ihm gut erging? Wenn es stimmte, dass Arc eine Erfindung der Schattenalven war und man ihn vor Jahrzehnten gewaltsam entwendet hatte, war zumindest einer von uns nach Hause zurückgekehrt. Der Gedanke beruhigte mich ein wenig.
   Ich schloss die Tür hinter mir, lockerte den Gürtel meines bodenlangen Gewandes und entzündete die Gaslampe, die über meinem Tisch baumelte. Als ihr Licht die Dunkelheit in meinem bescheidenen Heim vertrieben hatte, machte ich vor Schreck einen Satz nach hinten. Beinahe wäre ich mit dem Kopf gegen die Tür geprallt, denn auf dem Stuhl in der Ecke des Raumes saß eine Person. Es gab kein Türschloss, ich besaß ohnehin nichts, das es sich zu stehlen lohnte. Umso erstaunter war ich, dass sich dennoch jemand zu mir verirrt hatte. Als mein Herz wieder in einem regelmäßigen Rhythmus schlug und die Nebenwirkungen des Schrecks nachließen, sah ich mir den Mann genauer an, der dort gemütlich auf meinem Stuhl Platz genommen hatte.
   »Wer bist du und was machst du hier?« Ich bemühte mich um einen festen Ton, wie es bei den Schattenalven üblich war, doch ich klang nicht halb so selbstsicher wie beabsichtigt.
   Der Mann blieb ungerührt, aber seine kalten Augen fixierten mich mit festem Blick. Zunächst antwortete er mir nicht, und ich dachte schon, er wäre ein verirrter Verrückter.
   »Ich bin jemand, dem dein Überleben am Herzen liegt«, erklang es jedoch dann aus seiner Richtung. Seine schneidende Stimme jagte mir einen Schauder über den Rücken, unwillkürlich begann ich zu schwitzen. Ich tat einen Schritt zurück, bis ich mit dem Rücken an die Tür stieß. Eine peinliche Stille breitete sich zwischen uns aus.
   »Und was willst du hier?«, wagte ich schließlich zu fragen. Ich hatte gelernt, dass man sich unter Schattenalven duzte, dennoch erschien es mir auch nach Wochen noch ungewöhnlich, einen Fremden so anzusprechen.
   »Man hat mir nahegelegt, dich einmal anzusehen.« Er musterte mich von oben bis unten. Ich nahm mir die Zeit, mein Gegenüber ebenfalls genauer zu betrachten. Er trug eine lange dunkle Kutte, die bis über seine Knöchel reichte, darüber einen kunstvoll gefertigten Brustpanzer. Seine Unterarme zierten stachelbewehrte Armschoner, um den Hals trug er zahlreiche Ketten mit Anhängern aus Knochen. Er war weitaus prachtvoller gewandet als der Durchschnitt der Bevölkerung, was entweder auf großes Diebesgeschick oder anderweitig erwirtschafteten Wohlstand schließen ließ. Anhand seiner Kleidung erkannte ich, dass es sich um einen Magier handeln musste, doch es war nicht Iovizz. Ich hatte bislang nicht gewusst, dass es mehr als einen Magier in Corghazhar gab. Man hatte mir erklärt, das Talent zur Magie sei hier nicht sehr verbreitet. Wer war er? Ich hatte ihn nie zuvor gesehen.
   »Man hat mir nicht zu viel versprochen«, sagte er nach einer eingehenden Musterung. Er erhob sich vom Stuhl und trat einen Schritt auf mich zu. Er war größer als ich. In Elvar hatte es wenige Alven gegeben, die mich überragten. Erst jetzt bemerkte ich den langen schwarzen Zopf, der ihm bis fast zur Hüfte reichte. Sein Alter war schwer zu schätzen, weil die Schattenalven ohnehin alle älter aussahen, als sie waren – blass, kränklich und von Narben übersät.
   »Mein Name ist Ilazhar«, sagte er, jedoch ohne mir zum Gruß die Hand zu geben oder auch nur mit dem Kopf zu nicken. Dies war nicht Brauch in dieser Stadt. »Ich komme aus dem Kessel.«
   Als Kessel bezeichnete man den Palast des Obersten, das wusste ich bereits. Die Form des Gebäudes hatte ihm diesen Namen gegeben. Es handelte sich um einen imposanten glockenförmigen Bau, der etwas außerhalb von Corghazhar auf einem Hügel thronte. Mittlerweile hatte ich erfahren, dass Ozzare hier so etwas wie ein König war, jedoch nur so lange, bis es jemandem gelang, ihn zu töten und seinen Platz einzunehmen. So war es Sitte, Blutlinien interessierten hier niemanden. Wer jetzt glaubte, ein König, der nur über eine einzige Stadt herrscht, wäre ein armseliger Monarch und nicht mehr als ein Bürgermeister, der irrte gewaltig, denn Corghazhar war eine Supermetropole und die einzige Stadt nördlich der Dunkelheit.
   »Als Ozzare erfahren hat, dass du wohlbehalten angekommen bist, bat er mich, dich einer Prüfung zu unterziehen und dich bei Gefallen zu unterweisen«, riss Ilazhar mich aus meinen Gedanken. Während er sprach, bemerkte ich seine rötlich verfärbten Zähne. Ich hatte dieses Phänomen schon bei anderen Schattenalven beobachtet, konnte mir jedoch keinen Reim darauf machen. In seine Betrachtung versunken, bekam ich kaum mit, was er soeben gesagt hatte. Erst nach einer längeren Pause entsann ich mich unserer Unterhaltung.
   »Weshalb sollte mich jemand unterweisen wollen? Und worin?« Ich warf ihm einen skeptischen Blick zu. Er war mir nicht geheuer und ich gab mir keine Mühe, diesen Umstand zu verbergen. Ich wollte in nichts unterwiesen werden, nie wieder. Die Zeiten, in denen andere über mein Leben bestimmt hatten, waren vorüber.
   »Du denkst, du könntest dich hier in süßem Nichtstun verkriechen?« Ilazhars Haltung und die Art, wie er seine Worte betonte, zeugten von Selbstverliebtheit und einem miesen Charakter. Aber vermutlich war sein Gehabe nach Art der Schattenalven bloß ein Indiz für einen ehrwürdigen Status. »Glaubst du, die Sippe könnte es sich erlauben, jemanden durchzufüttern, der nichts zum Gemeinwohl beiträgt? Wir haben dir Zeit gegeben, dich einzuleben, aber das wird nicht ewig so weitergehen. Das Fleisch, das du gegessen hast, kam von Ozzare, es war ein Geschenk. Aber er verlangt etwas dafür.«
   Von dieser Seite hatte ich die Angelegenheit noch nicht betrachtet. Ich hatte mich über einen langen Zeitraum hinweg in Gram und Selbstmitleid verkrochen und wie selbstverständlich von ihren Vorräten gelebt.
   »Das Leben innerhalb der Gruppe ist hart und von Entbehrungen gekennzeichnet«, fuhr Ilazhar fort. »Auch wenn du nicht unter dem Bann Azzvids – der Großen Maschine – zu stehen scheinst, wird es für dich nicht einfach werden. Die Sitten sind rau und auf Rücksicht darfst du nicht hoffen.« Ich verstand das Gerede von einer Maschine noch immer nicht, und bislang hatte ich mich nicht getraut, jemanden danach zu fragen. Auch diesmal nicht.
   Ilazhar griff in die Tasche seines bodenlangen Gewands, förderte ein in Stoff eingeschlagenes Päckchen zutage und wickelte es auseinander. Dann nahm er eine Handvoll von seinem pulvrigen Inhalt heraus und steckte es sich in den Mund. Er kaute. Ich sah, wie sich rote Flüssigkeit auf seinen Lippen verteilte. Der Anblick ekelte und faszinierte mich gleichermaßen. Ilazhar ließ das Päckchen wieder in seine Tasche gleiten. »Du solltest sehr froh sein, dass ich dir die Chance gebe, dein Ansehen zu erhöhen. Nicht jeder genießt das Privileg, vom Schattenmagier Ozzares unterwiesen zu werden. Bete dafür, dass du meinen Anforderungen genügst.«
   »Wärest du so freundlich, mir zu erklären, was du mit mir vorhast?« Vorsichtig tastete ich hinter meinem Rücken nach der Türklinke. Schlimm genug, dass ein Fremder in meine Privatsphäre eingedrungen war, aber in meinem eigenen Haus bedroht zu werden, erweckte in mir endgültig den Wunsch, schnellstmöglich das Weite zu suchen.
   Zunächst sah es so aus, als wollte Ilazhar mir antworten, doch als er bemerkte, dass ich hinter meinem Rücken an der Wand entlangtastete, verzog sich seine Miene jäh zu einer zornigen Grimasse. Er riss eine seiner knochigen Hände nach oben. Im ersten Moment dachte ich, er wollte mich schlagen, doch dann spürte ich, wie die Luft um mich herum zu knistern und zu brennen begann. Ilazhars Hand leuchtete rot auf, ehe mir ein Schmerz in den Leib fuhr, der mich an den Rand einer Ohnmacht trieb. Es war, als hätte mir jemand ein glühendes Eisen mit aller Kraft in den Bauch gerammt. Ich fiel auf die Knie, ein Schrei entfuhr meiner Kehle. Jede Faser meines Körpers schien in Flammen aufzugehen. Ich schickte ein Stoßgebet zum heiligen Sinjar, dass er mich mit dem Tod erlösen möge. Meine Gedanken verloren beängstigend an Kontur, ich war nicht einmal in der Lage zu begreifen, was mit mir geschah. In mir war nichts als Schmerz, ich selbst wurde zum Schmerz. Mein Dasein schmolz auf diese einzige Empfindung zusammen. Keine Folter der Welt konnte derart grausam sein wie das, was Ilazhar mir antat.
   Nur sehr langsam lichtete sich der Nebel um meinen Verstand. Als sich die Pein endlich auf ein erträgliches Maß reduziert hatte, bemerkte ich, dass ich seitlich auf dem Boden lag, das lange Gewand klebte mir schweißnass am Körper. Mir war speiübel und ich kämpfte darum, mir ein wenig meiner Würde zu bewahren. Als ich die Augen öffnete, sah ich Ilazhar vor mir stehen. Ich hob den Kopf und fing seinen Blick auf, mehr als zwei Yards über mir. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen.
   »Steh auf«, fuhr er mich harsch an. Als ich nicht reagierte, packte er mich am Kragen und zog mich auf die Beine. Er war stärker, als ich es ihm zugetraut hätte. Wankend taumelte ich nach hinten, bis ich mit dem Rücken wieder gegen die Tür stieß. Ich lehnte mich dagegen und betete, dass meine Beine mich tragen würden.
   »Verteidige dich gefälligst. Ich weiß, dass du es kannst.« Mit diesen Worten riss er erneut seine Hand nach oben und wieder zuckte ein roter Blitz vor meinen Augen auf. Panik durchschoss mich wie eine Revolverkugel und veranlasste mich, ebenfalls die Arme hochzureißen und sie schützend vor meinen Körper zu halten. Ich war mir durchaus bewusst, dass diese Abwehrhaltung gegen Magie nichts auszurichten vermochte, doch es waren eher meine Instinkte als mein Verstand, die mich dazu veranlasst hatten. Erneut erwartete ich den Schmerz, der so viel schlimmer war als jener, mit dem mich Myrius seinerzeit drangsaliert hatte. Flüchtig streifte mich der Gedanke, dass Myrius entweder ein schlechter Magier war oder er mich absichtlich geschont hatte. Seine blauen Magieblitze waren ein Fliegenschiss gegen Ilazhars Misshandlungen gewesen.
   In Erwartung des Schmerzes schrie ich erneut auf, doch dieses Mal wollte er sich nicht einstellen. Ich öffnete vorsichtig die Augen, die ich zuvor fest zugekniffen hatte, doch außer einem rötlichen Schein, der mich wie ein Schild umgab, sah ich nichts. Erst, als ich die Hände langsam sinken ließ, löste sich auch der Nebel auf. Mein Gesichtsausdruck muss Bände gesprochen haben, denn Ilazhar betrachtete mich zunächst mit ernster Miene, ehe er in Gelächter ausbrach, das mir durch Mark und Bein fuhr.
   »Ich wusste, dass du Talent hast«, sagte er. »Man muss dich bloß zwingen. Du magst ein Mischling sein, aber du hast unsere Form der Magie von Cazzia geerbt, nicht die des Calaniers.«
   »Was? Wie?« Ich hatte die ernste Absicht, einen kompletten Satz zu bilden, aber mein Gehirn war dazu nicht in der Lage.
   Über Ilazhars Züge huschte ein Ausdruck von Stolz und Genugtuung. »Du bist noch gänzlich ungeübt, und bis du die Magie auch ohne Angst und Schmerzen abrufen kannst, wird es ein langer und harter Weg für dich sein. Wenn du jedoch willens bist, ihn zu gehen, verspreche ich dir eine wunderbare Zukunft.«
   »Weshalb hast du das getan?« In mir brodelte Zorn. Er hatte mich gefoltert und besaß nun die Dreistigkeit, über mich zu lachen. Ich wollte nichts über meine Zukunft hören, ich wollte ihm lediglich ins Gesicht schlagen. Nur mit Mühe schaffte ich es, mich zurückzuhalten, und dies auch nur, weil ich einen erneuten Angriff seinerseits befürchtete.
   »Fynrizz, ich denke, du bist ein wirklich talentierter Magieschüler«, sagte Ilazhar. Sein Tonfall war der eines Lehrers, der ebenso stolz auf sich selbst wie auf seinen Schützling war. »Man hat mir nicht zu viel versprochen«, wiederholte er. »Du hast es schon nach einem Versuch geschafft, eine Schutzbarriere um dich herum aufzubauen. Ich hatte mit mindestens drei oder vier Attacken gerechnet, ehe es dir ansatzweise gelingen würde, meine Angriffe abzuwehren.«
   »Man hat mir immer gesagt, ich sei der magisch untalentierteste Alve, den die Welt je gesehen hat«, sagte ich und gab mir keine Mühe, den Hohn in meiner Stimme zu verbergen. Noch immer zitterte und schwitzte ich am ganzen Leib. Ich ließ mich langsam an der Wand entlang auf den Boden gleiten und blieb dort sitzen. Schlimm genug, dass Ilazhar dies mit ansehen musste. Ich schämte mich bis auf die Knochen.
   »Ja, nach Art der Calanier mag das vielleicht sogar stimmen«, sagte der Schattenmagier. »Aber für uns gelten andere Regeln, unsere Magie funktioniert nicht wie die ihre. Seit sich unser Volk vor vielen Hundert Jahren in die Nord- und Südalven gespalten hat, scheint sich einiges geändert zu haben. Und damit meine ich nicht nur deine seltsame Art, unsere Sprache zu sprechen. Mal ehrlich: Wer hat diesen grausigen Dialekt erfunden?«
   Ich sah ihn nur mit geweiteten Augen an, gab jedoch keine Antwort.
   »Wie dem auch sei, hier in Corghazhar wird Magie aus Leid heraus geboren, nicht aus guten Gefühlen«, fuhr er fort. Er sah zu mir herab und schien sich nicht im Geringsten daran zu stören, dass ich auf dem Boden kauerte und mit meinem rebellierenden Magen kämpfte. »Du hast sehr schnell gelernt, die Magie abzurufen. Angst und Schmerz sind der beste Lehrer für jemanden wie dich. Du weißt sicherlich, dass es nur sehr wenige Magier unter den Schattenalven gibt. Unsere Magie ist komplex, schwierig zu beherrschen und äußerst undankbar. Sie verlangt uns unsere ganze Kraft ab. Die Ausbildung ist mörderisch, man muss einige Narben und sehr viel Schmerz in Kauf nehmen. Hast du niemals bemerkt, dass du anders bist als die Südalven? Dass du andere Talente hast als sie? Dass deine Magie anders funktioniert?«
   Eigentlich wollte ich mich nicht weiter mit ihm unterhalten, aber mein Respekt ihm gegenüber war in den vergangenen Minuten gehörig gewachsen. Aus reiner Angst, er könnte mich erneut mit Schmerzen bombardieren, antwortete ich ihm. »Ich kann Leichen dazu bewegen, sich meinem Willen zu unterwerfen«, sagte ich. »Sie stehen auf und laufen durch die Gegend, wenn ich es will. Das ist die einzige Form von Magie, die ich auch in Calanien schon beherrscht habe.«
   Ilazhars Augen weiteten sich. Er klatschte in die Hände, sodass seine zahlreichen Armreifen klirrten und klapperten. »Das übertrifft meine Erwartungen sogar noch. Nekromantie? Das ist eine Gabe, die nur alle paar Generationen einmal auftritt, das konnte nicht einmal Cazzia. Das ist unglaublich! Fynrizz, ich mache aus dir einen Schattenmagier des Obersten. Gemeinsam können wir dafür sorgen, dass der Kessel niemals fallen wird. Du wirst seinen Luxus kosten und Bewunderung genießen, von der du bislang nur geträumt hast.«
   Hatte ich je davon geträumt? Ich schluckte den Kommentar hinunter. Ich wollte den Mund öffnen, um ihm zu sagen, dass ich nicht bereit war, die Ausbildung in Kauf zu nehmen, doch noch ehe die Worte heraus waren, hatte Ilazhar mich abermals am Kragen gepackt und auf die Beine gezogen. Er bugsierte mich auf meinen Stuhl, machte mit einer schwungvollen Drehung kehrt und öffnete die Tür. Dann wandte er sich noch einmal zu mir um. »Morgen nach der Hauptmahlzeit kommst du zum großen Tor«, sagte er in befehlsgewohntem Ton, der keinen Widerspruch duldete. »Wir beginnen umgehend mit deiner Ausbildung.«
   Dann fiel die Tür hinter ihm ins Schloss und ich war wieder allein.

Es hatte zuvor schon Phasen in meinem Leben gegeben, in denen ich mich für eine Sache völlig verausgabt hatte. Ich hatte mir ein Ziel gesteckt und so manche Unannehmlichkeit dafür in Kauf genommen. Meist waren es Forschungsprojekte gewesen, aber auch meine Zeit an der Akademie des Königs zählte ich zu diesen Etappen. Ich hatte ausnahmslos die Erfahrung gemacht, dass ich nach Erreichen meines Ziels weder ein besserer Alve geworden war noch dass der Stolz besonders lange angehalten hatte. Dennoch hatte ich mich immer und immer wieder auf neue Ziele eingelassen. Ist das Leben nicht einzig darauf ausgerichtet, Hügel um Hügel zu erklimmen und doch nirgends anzukommen? Ich bin durchaus versucht, in philosophisches Geschwafel über den Sinn und Zweck unseres Daseins abzudriften, doch bin ich mir sicher, zu keinem befriedigenden Schluss zu kommen.
   Jedenfalls hätte man die folgenden Wochen meines Lebens in Corghazhar zweifellos als ein weiteres Kapitel von »Unsinnig, aber man tut es trotzdem« bezeichnen können. Aus einem mir bis heute unbekannten Grund hatte Ilazhar es geschafft, ein Feuer in mir zu entfachen. Ich verspürte wieder das Gefühl, etwas leisten und erreichen zu können. Dabei hielt er sich mit Lob beinahe ebenso zurück wie einst Breanor. Er war ein strenger Lehrer, unnachgiebig und fordernd. Er verlangte meinem Körper und meinem Geist alles ab, was ich zu ertragen imstande war. Ich kann mich an keinen schmerzvolleren Lebensabschnitt erinnern, und das meine ich wörtlich. Gleich am ersten Tag verlangte er von mir, Energie aus meinem Inneren heraus nach außen zu kehren und sie wie eine Schusswaffe einzusetzen. Doch mir gelang es nur, wenn Ilazhar meinen Rücken mit einem glühenden Messer drangsalierte. Im Nu war ich ein von Narben gezeichneter Mann, doch unter den Schattenalven erntete ich dafür nur Bewunderung. Nur sehr langsam lernte ich, die Magie auch ohne Angst und Schmerz zu wirken, sie aus mir selbst heraus abzurufen. Ich kann nicht beschreiben, wie der Prozess vonstattenging, denn es war anders als das Erlernen profaner Fähigkeiten wie Lesen oder Schreiben. Ich hatte mir oft die Frage gestellt, weshalb ich mir die Plackerei überhaupt antat, doch der körperliche Schmerz schien ein wirksames Mittel gegen ein gebrochenes Herz und eine zersplitterte Seele zu sein. Ich stürzte mich fanatisch in meine Ausbildung, weil sie mir das Gefühl gab, zu leben. Schon früher hatte ich mir mit Messern oder anderen Gegenständen, derer ich habhaft werden konnte, in die Unterarme geschnitten und den süßen Schmerz genossen, der von meinen Problemen ablenkte. Vielleicht habe ich schon damals gespürt, dass er mir guttat und zu meiner Bestimmung gehörte. Ich quälte und verletzte mich selbst, doch es fühlte sich richtig an. Unter den Alven sprach es sich natürlich schnell herum, dass mir magisches Blut innewohnte und ich von Ozzares Schattenmagier persönlich ausgebildet wurde. Sie platzten beinahe vor Stolz, neben Iovizz nun einen zweiten Magier in ihrer Mitte zu haben. Ilazhar zählte nicht zur Sippe, denn er gehörte zu Ozzares Hofstaat. Plötzlich sah mich niemand mehr mit abfälligen Blicken an. Vielleicht trug auch dieser Umstand dazu bei, dass ich die Schmerzen meiner Ausbildung geduldig ertrug. Norrizz war mir seit Beginn des Unterrichts noch zwei Mal erschienen, doch beide Male hatte er sich ruhig verhalten, mich stumm beobachtet und mir mein Leben ausnahmsweise nicht zur Hölle gemacht. Mir war aufgefallen, dass er kränklicher aussah als sonst. Wie allen Schattenalven schien ihm Corghazhar nicht zu bekommen. Seine Haut war weiß, seine Augen glanzlos. Er hatte mich dazu getrieben, Ylenia hierher zu folgen, jetzt musste er mit den Konsequenzen leben. Ich sorgte mich nicht um ihn. Im Gegenteil, ich wäre durchaus froh gewesen, wenn der Quälgeist endlich krepiert wäre. Überhaupt hatte sich eine glühende Wut gegen alles und jeden, der mich an meine Vergangenheit erinnerte, in mir aufgebaut. Ich spürte, wie Ilazhars ruppige Behandlung eine Veränderung in mir bewirkte. Ein Teil meines Bewusstseins warnte mich davor, doch schnell brachte ich die weinerlichen Stimmen in meinem Kopf zum Schweigen. Ich stumpfte ab, wurde hart und unnachgiebig. Ich fürchtete weder Schmerz noch Tod. Wenn ich an meine Zeit in den Kerkern von Denfolk und Elvar zurückdachte, in der ich gejammert, geweint und mich selbst bemitleidet hatte, empfand ich nichts als Scham. Die Übungen, die mein Lehrer mir auftrug, weckten eine Energie in mir, die ich kaum noch zu beherrschen vermochte. Vornehmlich waren es schlechte Gefühle wie Hass, Wut, Rachegedanken und der Wunsch, zu töten. Es waren die Gefühle, die ein Magier der Schattenalven mobilisieren musste, wenn er erfolgreich sein wollte. Vor meinem geistigen Auge stellte ich mir das Gesicht von Myrius vor, wie er auf dem Thron Calaniens saß, wenn ich einen Energieball abfeuerte. Ich malte mir aus, wie ich ihm jeden Finger einzeln brechen würde. Myrius hatte immer behauptet, in mir wohne keine Magie. Er sollte meine Antwort darauf zu spüren bekommen. Eines Tages würde ich ihn töten, im Duell Magier gegen Magier. Auch mein Vater, der mir das Herz gebrochen, mich jahrzehntelang angelogen und für seine Zwecke missbraucht hatte, taugte hervorragend als gedankliche Zielscheibe. Er hatte meine Mutter entführt, sie vergewaltigt und mich zu einer Existenz verdammt, die mit einem glücklichen Leben nicht viel gemein hatte. Der Hass gegen mein eigenes Volk veranlasste mich, ein herausragender Magier zu werden. Ich ertrug Schmerz und Leid, lernte mit der Zeit, die reine Vorstellung daran in Energie umzuwandeln und gab nicht einmal auf, wenn Ilazhar mich im Duell besiegte. Wie hatte Myrius je glauben können, es gäbe einen anderen Weg, einen Magier zu formen als den, den Ilazhar mich lehrte? Natürlich war ich zu keinem blind mordenden Monster geworden. Ich war immer noch Fyn, der sich für Technik begeisterte und oftmals an sich zweifelte. Dennoch hatte ich mich verändert, ich dachte nicht mehr häufig darüber nach, was andere von mir dachten oder wie ich es ihnen recht machen konnte. Ich rückte mich selbst ins Zentrum meines Interesses. Manche würden behaupten, ich sei überheblich geworden, doch mein neu gewonnenes Selbstbewusstsein kam überwiegend nur während der Trainingseinheiten zum Vorschein. Während meines Alltags innerhalb meiner Sippe hielt ich mich mit Zauberei zurück, und dann war ich wieder Fyn, der Bastard, der mit der Masse schwamm. Natürlich habe ich während meiner Zeit in Corghazhar nicht nur gelitten, es gab auch schöne Erlebnisse, die mich meine Seelenpein beinahe vergessen ließen. Die regelmäßigen Sippentreffen auf dem großen Platz im Stadtzentrum zählten gewiss dazu. Die Oberschicht der nordalvischen Bevölkerung veranstaltete des Öfteren gesellige Zusammenkünfte, während derer man plauderte, über offener Flamme ein Wüstenschwein briet und versuchte, sich bestmöglich vom harten Alltag in der Stadt abzulenken. Obwohl die Schattenalven über eine Reihe wundersamer Maschinen verfügten, die ihnen die Arbeit erleichterten – unter anderem eine Fabrik, in der Kleidung gewaschen wurde – würde ich das Leben in Corghazhar dennoch als beschwerlich bezeichnen. Auf den kargen Feldern in der Umgebung gediehen nur wenige Nutzpflanzen, was eine enorme Warenverknappung mit sich brachte. Diebstahl, räuberische Erpressung und sogar Mord gehörten zum Alltag und sogar – wie ich bereits erwähnte – zum guten Ton. Im Übrigen schien beinahe jeder Einwohner an Depressionen und seltsamen Krankheiten zu leiden, die sie immer wieder mit Azzvid, der Großen Maschine, in Verbindung brachten. Da darüber nur hinter vorgehaltener Hand und mit schamerfüllten Gesichtern gesprochen wurde, fragte ich nicht nach. Ich nahm mir jedoch vor, Ilazhar eines Tages darauf anzusprechen.
   Während meiner Ausbildung zum Schattenmagier dachte ich nur sehr selten an Ylenia, und wenn, dann überschwemmte mich ein Potpourri aus Gefühlen. Ein gebrochenes Herz kittet sich nicht selten mit Wut und Hass, da bildete ich keine Ausnahme. Ich war unendlich wütend auf Ylenia, zugleich trauerte ich aber auch um sie, als wäre die Frau gestorben, mit der ich einst meine Zukunft verbringen wollte.
   Ylenia lebte nicht in der Stadt, sondern im Kessel bei Ozzare, sofern meine Quellen zuverlässig waren. Ilazhar sprach niemals über die Menschenfrau, dabei war ich mir sicher, dass er ihr im Kessel häufig begegnet sein musste, sollten die Gerüchte stimmen. Falls Ylenia nicht auf wundersame Weise die alvische Sprache gelernt hatte, was ich bezweifelte, würde ein Magier ihre Worte übersetzen müssen. Ilazhar war der einzige Magier im Kessel, also war es nahezu unmöglich, dass er Ylenia nicht kannte. Er hatte mich nie in den Palast des Obersten mitgenommen, und ich hatte auch nie darum gebeten. Wir sprachen nicht über Ozzares Pläne, eine Armee nach Calanien zu schicken, damit Ylenia ihren Thron erobern konnte. Ich war froh, dass mir die Begegnung mit ihr erspart blieb. Meine Reaktion, sollte ich sie allein antreffen, wollte ich mir lieber nicht ausmalen. Ich war wütend auf sie, weil sie mich belogen hatte. Gleichzeitig wünschte ich mir, sie würde ihre Rachepläne am südalvischen Volk in die Tat umsetzen, weil es auch mein größter Wunsch war, Myrius und seine Liga zu vernichten. Zumindest in diesem Punkt waren unsere Pläne deckungsgleich. Ich hatte Ylenia geliebt, es machte keinen Sinn, dies zu leugnen. Dennoch konnte ich ihr nicht verzeihen. Meine Haltung ihr gegenüber lässt sich am ehesten mit dem Wort kompliziert beschreiben. Es war definitiv das Beste für meinen Seelenfrieden, dass Ilazhar mich nicht mit in den Kessel nahm. Vielleicht teilte er in diesem Punkt meine Meinung und sprach deshalb nie über Ylenia.
   Wen ich jedoch sehr vermisste, war Arc. Nach meinem Kenntnisstand lebte er ebenfalls im Kessel bei Ozzare und seinen Lakaien, denn angeblich war dies der Ort, an dem der Technoid einst erschaffen wurde. Ich fragte mich, ob er mich bereits vergessen hatte.
   So tröpfelten die Tage meiner Ausbildung als Kampfmagier dahin, einer nach dem anderen. In Corghazhar war es schwierig, Zeit anhand wiederkehrender Ereignisse zu messen. Es gab keine Jahreszeiten, nicht einmal Tageszeiten. Es war immer gleich hell und das Wetter änderte sich nie. Einmal am Tag regnete es. Dies war die einzige Möglichkeit für mich, überhaupt an irgendetwas festzumachen, dass ein Tag vergangen war. Abgesehen von den regelmäßigen Mahlzeiten natürlich. Anfangs hatte ich in die steinerne Wand neben meinem Bett Striche gekratzt, wenn ein Tag vergangen war. Irgendwann ließ ich auch dieses Ritual einschlafen. Die Schattenalven lebten nach anderen Maßstäben, niemand zählte die Jahre seines Lebens, niemand interessierte sich für den Fluss der Zeit. Der Alltag war hart, jeden Tag musste gejagt, gekocht und an den Maschinen gearbeitet werden. Mehr zählte nicht. Eine herrlich pragmatische Art zu leben.
   Gegen Ende meiner Ausbildung erwartete mich eine besondere Prüfung. Der Tag ist mir in der Einförmigkeit der vergangenen Wochen besonders deutlich im Gedächtnis geblieben, weil er meine Sicht auf die Dinge nachhaltig beeinflusste. Ilazhar und ich hatten die hohen Mauern Corghazhars verlassen und wanderten zwischen den roten Felsformationen des Umlandes umher. Wir passierten eine Schlucht, zu deren beider Seiten nackte Steinwände senkrecht emporragten. Das schummrige rote Licht, das den gesamten Landstrich jenseits der Dunkelheit in einen Ort verwandelte, der einem Albtraum hätte entsprungen sein können, warf groteske Schatten an die Wände. Es war beinahe vollständig dunkel, doch als sich die Schlucht auf der anderen Seite jäh verbreiterte, wurde es heller. Wir fanden uns in einem kleinen Wald wieder, sofern man die lichte Ansammlung verkrüppelter Bäume als solchen bezeichnen konnte. Noch immer gemahnten mich das Zwielicht und der seltsam dunkelrote Himmel an einen Gewittertag in Elvar, wenn die Smogwolken besonders tief hingen. Im Grunde wunderte es mich nicht, dass die Schattenalven blass wie Gespenster waren und unter Depressionen litten. Nichts, das ich in den vergangenen Wochen in oder um Corghazhar zu Gesicht bekommen hatte, konnte man als schön, geschweige denn als Augenweide bezeichnen. Eine lebensfeindliche Umgebung, gepaart mit einem rötlichen Weltuntergangslicht vermochte es schon, einem gehörig den Tag zu vermiesen.
   »Weshalb hast du mich hierher gebracht?«, fragte ich, während ich die Hände in die Hüften stemmte und die Umgebung betrachtete. Ich japste nach Luft und unter meinem Gewand schwitzte ich unangenehm. Meine körperliche Verfassung war zwar exzellent, doch waren wir mehrere Meilen weit marschiert. Die hohen Temperaturen forderten ein Höchstmaß an Ausdauer und Stärke.
   »Ich wandere häufig durch diese Gegend, wenn die Enge des Kessels meine Gedanken einschnürt. Vor einer Weile bin ich auf etwas gestoßen, das sich hervorragend für deine nächste Aufgabe eignet.« Ilazhar warf mir einen ernsten Blick aus seinen kalten, schmalen Augen zu. Hatte er mir anfangs noch Angst eingejagt, beruhte unser Verhältnis mittlerweile auf gegenseitigem Respekt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Auch die Ankündigung einer neuen Herausforderung trieb mir nicht mehr allzu sehr den Angstschweiß auf die Stirn, weil Ilazhars erbarmungslose Lehrmethoden dazu geführt hatten, dass ich in Rekordgeschwindigkeit die Lektionen beherrschte. Schmerz und psychischer Druck waren anscheinend keine schlechteren Lehrmeister als Nachsicht und Geduld. Sehr zu meiner Erleichterung waren die Übungen mit der Zeit erträglicher geworden, denn alvische Schwarzmagie war glücklicherweise nicht unabdingbar mit Schmerz verknüpft. Ein erfahrener Magier war in der Lage, die nötigen negativen Energien aus sich selbst heraus abzurufen, ohne die körperliche Pein zu ertragen, die ein Anfänger benötigte.
   Ich fragte nicht, welche Art von Aufgabe er für mich bereithielt, sondern nickte nur stumm. Ilazhar beantwortete nur ungern Fragen, und Neugier konnte er auf den Tod nicht ausstehen. Er war von Natur aus bereits kein angenehmer Geselle, schlecht gelaunt neigte er jedoch zu überflüssigen Gemeinheiten.
   Wir entfernten uns vom Ausgang der Schlucht und tauchten tiefer in den kleinen Wald ein. Die Bäume waren verkrüppelt und nur dünn belaubt. Sie hatten mit ihren missgestalteten Wurzeln im Sand zwischen den Gesteinsbrocken Halt gefunden, jedoch schien der Boden nicht sonderlich nährstoffreich zu sein. Eine calanische Pflanze wäre nach kurzer Zeit eingegangen, aber die seltsame Flora und Fauna dieser Welt war aus anderem Holz geschnitzt. Egal, ob Pflanze, Tier oder Alve, jeder kämpfte nördlich der Dunkelheit um sein nacktes Überleben.
   Das Gelände wurde abschüssig und schon bald rutschten wir einen kleinen Hang hinunter und rissen eine Vielzahl loser Steine mit uns. Anhand der Spuren, die im sandigen Boden gut zu erkennen waren, wurde dieser Pfad des Öfteren frequentiert. Schon von Weitem erkannte ich, worauf unser Ausflug hinauslaufen würde. Zwischen zwei Gesteinsbrocken, ein jeder etwa so groß wie ein Kopf, klemmte ein Fellbündel von der Größe einer Katze. Als ich mich näherte, erkannte ich, dass der Körper des verendeten Tieres nur noch teilweise mit schwarzen Haaren bedeckt war. Der bedeutend größere Teil befand sich in einem fortgeschrittenen Verwesungsstadium, an den Beinen sah man bereits deutlich die hellen Knochen hervorblitzen. Ein widerlicher Gestank, der mir mein Frühstück beinahe zurück in den Hals trieb, schlug mir entgegen. Es war nicht die erste Leiche, der ich begegnete und der ich Leben einhauchte, doch nie zuvor hatte sich der Körper meiner Versuchsobjekte in einem derart desolaten Zustand befunden. Ich konnte nicht einmal erkennen, um welche Art von Tier es sich handelte. Ich hatte bereits gelernt, dass die Tiere und Pflanzen hier im Norden anders waren als die in Calanien. Neue Arten, die jeden Wissenschaftler begeistert hätten, begegneten einem hier beinahe täglich. Ich entschied, dass es sich bei dem Wesen um eine Mischung aus Katze und Ziege handelte, denn anstelle von fünfgliedrigen Füßen zierten Hufe die Enden seiner Beine.
   »Starr nicht wie ein Schwachkopf auf den Sandbock«, fuhr Ilazhar mich an, sodass ich vor Schreck zusammenfuhr. »Du stellst dich an, als hättest du noch nie ein totes Tier gesehen. Lass ihn laufen, den Hang hinauf und auf die Schlucht zu.«
   »Den Hang hinauf?« Mir war bewusst, dass ich nicht nur starrte wie ein Schwachkopf, sondern auch dumme Fragen stellte, doch meine Zunge war schneller als der Verstand.
   »Bist du taub?« Ilazhar hob eine Hand, und in Erwartung eines schmerzhaften magischen Schlags zog ich meine Schutzwehren zusammen, doch Ilazhar nahm die Arme wieder herunter. Er bleckte seine roten Zähne und warf mir einen tadelnden Blick zu. »Verschwende deine Kräfte nicht für diesen Mist, sondern lass den Sandbock endlich laufen.«
   »Aber wenn er den Hang hinauflaufen soll, kann ich ihn nicht mehr sehen und folglich die Verbindung nicht aufrechterhalten.« Ich schämte mich für meine Unzulänglichkeit. Wie schon damals, als Breanor mich getadelt hatte, fühlte ich mich wie ein wertloser Verbraucher von kostbarer Atemluft. Ich hasste es, wenn ich zugeben musste, etwas nicht zu können.
   »Mach dich nicht lächerlich. Du musst dich mehr konzentrieren, dann kannst du sogar ein Skelett dazu bewegen, dir die Füße zu lecken. Notwendiger Blickkontakt zeugt von mangelndem Verständnis für dein Handwerk.«
   Mir lag ein bissiger Kommentar auf der Zunge. Ilazhar selbst besaß nicht die Gabe der Nekromantie, erdreistete sich aber, zu entscheiden, was ich können musste und was nicht. Ich schluckte meinen Unmut hinunter. Niemals hätte ich mich getraut, gegen meinen Mentor aufzubegehren.
   Ich versuchte es zunächst mit der bewährten Methode, mit der ich als Kind schon wie selbstverständlich tote Tiere wiederbelebt hatte. Dazu streckte ich meine Hand aus und zeigte auf die Leiche, woraufhin ich das altbekannte Kribbeln in meinem Inneren spürte. Doch mehr als ein Zucken im linken Vorderhuf des Bocks brachte ich nicht zustande. Ein Schwall heißen Bluts stieg mir in die Wangen. Wie peinlich! Ich verstärkte meine Bemühungen. Ich wollte mit allen Mitteln verhindern, dass Ilazhar wieder auf härtere Methoden zurückgriff, mich schlug oder meine Haut verbrannte. Mein Blick zuckte zur Seite, doch der Schattenmagier stand ungerührt und mit düsterer Miene neben mir und machte keine Anstalten, mich quälen zu wollen. Ich war ihm dankbar dafür. Er fixierte mich mit finsterem Blick, seine hochgewachsene, schlanke Gestalt in der dunklen, mit Stacheln bewehrten Kutte war auch in völliger Regungslosigkeit eine eindrucksvolle Erscheinung. Vielleicht genoss er meine offensichtliche Unsicherheit und meine Angst vor dem Versagen, vielleicht gehörte es zu seinen Lehrmethoden. Nicht nur Schmerzen, auch Angst vermochte die Kräfte eines Schattenmagiers zu verstärken. Ich versuchte nicht, sie zu unterdrücken und ließ sie mich umspülen wie eiskaltes Wasser. Es gehörte zu den Geheimnissen der schwarzen Magie, dass negative Gefühle nicht unterdrückt werden durften. Es kostete Überwindung, sich da hineinzusteigern, es förmlich zu genießen und auszukosten, doch anders funktionierte die dunkle Form der Magie nicht.
   Nach mehreren Anläufen, während derer Ilazhar beharrlich geschwiegen hatte, gelang es mir schließlich, dem Sandbock künstliches Leben einzuhauchen. Schwerfällig erhob er sich vom Boden. Erst jetzt offenbarte sich mir das volle Ausmaß seiner verwesenden Hässlichkeit. Das Fleisch hing in Fetzen von seinen Knochen herab, in den leeren Augenhöhlen tummelten sich Insekten. Ein derart stark zerfallenes Tier zum Leben zu erwecken, erforderte meine volle Konzentration. Schon bald standen mir Schweißperlen auf der Stirn. Doch noch wesentlich schwieriger gestaltete es sich, den Bock den Hang hinaufklettern zu lassen. Das rutschige Gestein war für seinen taumelnden Gang absolut ungeeignet, zudem wurde die Verbindung zwischen uns immer schwächer, je weiter er sich von mir entfernte. Schon bald fiel das Tier bäuchlings hin und zuckte nur noch mit den Hufen, und das, obwohl es noch nicht einmal aus meinem Blickfeld verschwunden war. Hinter mir vernahm ich Ilazhars zorniges Grummeln, doch auch nach mehreren Versuchen wollte es mir nicht mehr gelingen, den Bock zum Aufstehen zu bewegen. Scheinbar war ich noch immer nicht so weit, solch anspruchsvolle Aufgaben zu bewältigen, was mir Tränen der Wut und der Enttäuschung in die Augen trieb. Mit grimmiger Entschlossenheit versuchte ich es wieder und wieder, brüllte den Bock sogar an, gab ihm Namen, die ich am Hofe des Königs nicht einmal zu denken gewagt hätte. Meine Beine knickten unter mir ein und ich sank auf die Knie. Das Gewand klebte schweißnass auf meiner Haut. Das Bild vor meinen Augen verschwamm und beinahe hätte ich mich in eine Ohnmacht ergeben, wenn mich nicht zwei Hände am Kragen gepackt und geschüttelt hätten.
   »Es reicht, Fynrizz.« Ilazhars Stimme war seltsam tonlos, ich konnte weder Ärger noch Beunruhigung heraushören. »Du bringst dich um. Mit dieser Art von Magie ist nicht zu spaßen. Ich fürchte, wir müssen einen Schritt zurückgehen und deine Konzentration mit anderen Übungen stärken.«
   Ich schüttelte den Kopf, um den Schwindel zu vertreiben. Als die Übelkeit nachließ und sich das Bild wieder schärfte, saß ich mit ausgestreckten Beinen auf meinem Hinterteil, der Oberkörper in sich zusammengesunken. Eine heiße Träne löste sich aus meinem Augenwinkel, rann die Wange hinab und tropfte mir vom Kinn. Ich hasste mich dafür. In diesem Moment brachen Emotionen über mich herein, deren Energie vermutlich gereicht hätte, eine ganze Horde toter Sandböcke zum Tanzen zu bringen. Ich war eine armselige, wertlose Kreatur, gefangen im Körper eines Mischlings, ein Außenseiter, fehlbar und hässlich. Irgendetwas brachte mich dazu, meinem Unmut Luft zu machen.
   »Ich kann das nicht mehr«, sagte ich mit einem heiseren Krächzen. Ich erwartete kein Verständnis von Ilazhar. Doch zu meiner Verwunderung geriet er weder in Rage noch machte er sich über mich lustig.
   »Du hast bereits mehr geleistet als jeder andere Schattenmagier Corghazhars«, sagte er. Er trat einen Schritt vor mich, machte jedoch keine Anstalten, sich zu mir hinunterzubücken. Dazu hätte er sich nie herabgelassen, dennoch wunderte ich mich über seine Nachsichtigkeit. Vorsichtig hob ich den Blick, um in seinem Gesicht ein Anzeichen von Hohn oder Missbilligung zu lesen, doch er sah mich nur ungerührt an.
   »Danke«, erwiderte ich, doch seine Worte spendeten mir keinen Trost, falls dies überhaupt seine Absicht gewesen sein sollte.
   »Glaube nicht, ich würde dich deshalb schonen«, gab Ilazhar zurück. »Sehr gut wird nur der, dem gut nicht gut genug ist. Eine missglückte Übung sollte dich nicht zum Heulen bringen, sondern anspornen.«
   Ich nahm die Anklage in seiner Stimme wahr, doch aus irgendeinem Grund hatten seine Sticheleien dennoch an Schärfe verloren.
   »Ich werde nicht aufgeben«, sagte ich. Natürlich würde ich das nicht. Ich gab niemals auf. Mein krankhafter Perfektionsdrang würde mich schon daran zu hindern wissen. In meinem Inneren spürte ich, dass meine Ticks, die Ilazhar mit seinen Lehrmethoden weiter bestärkte, mir am Ende das Genick brechen würden, doch ich verdrängte meine Bedenken. »Manchmal glaube ich, dass es besser gewesen wäre, wenn ich in Calanien geblieben wäre«, sagte ich stattdessen und bereute die Worte im selben Moment, wie sie heraus waren. Ich bereitete mich auf ein Donnerwetter vor, doch nichts dergleichen geschah. Ilazhars Blick glitt über meine Schulter hinweg zu einem Punkt hinter meinem Rücken. »Ist das auch seine Meinung?« Er deutete mit dem Kinn auf diesen Punkt, und ruckartig wandte ich mich um. An einem der verkrüppelten Bäume lehnte Norrizz, doch seine Körperhaltung zeugte nicht von Lässigkeit, sondern von Schwäche. Beinahe glaubte ich, er würde umfallen, wenn der Baum ihn nicht gestützt hätte. Er wirkte dürr und kränklich, seine Augen hatten jeden Glanz verloren. Ich hatte den Plagegeist beinahe vergessen, denn seit Langem war er mir nicht mehr erschienen.
   Ich drehte mich zurück zu Ilazhar. »Du kannst ihn sehen?« Meine Stimme überschlug sich, so sehr schockierte mich diese Tatsache.
   Er nickte. »Jeder halbwegs fähige Magier könnte das.«
   Mir blieb vor Erstaunen der Mund offen stehen. Ich war froh, dass ich noch immer auf dem Boden saß, denn vermutlich wären mir die Beine weggeknickt, hätte ich gestanden.
   »Er ist dir schon oft erschienen, oder? Fragst du ihn nach seiner Meinung?«
   »Seit meinen Kindertagen mischt er sich in mein Leben ein. Er ist immer in solchen Augenblicken aufgetaucht, in denen es mir schlecht ging.«
   »Dann ist er dir ein Trost?«
   »Wohl kaum.« Ich vernahm Norrizz’ spöttisches Schnauben hinter mir. »Er macht mir das Leben zur Hölle. Er ist der Grund, weshalb ich überhaupt hier bin. Ich wäre Ylenia wohl nicht freiwillig durch die Dunkelheit gefolgt, egal, wie viel sie mir bedeutet hat.« Ich vermochte es nicht, die Bitterkeit in meiner Stimme zu verbergen.
   »Er ist dir deshalb in diesen Momenten erschienen, weil deine negativen Gefühle ihm eine körperliche Gestalt gegeben haben. Es ist dieselbe Art von Magie, mit der du auch die anderen Zauber vollführst.«
   »Norrizz ist ein Produkt meiner Magie? Er hat sich ziemlich echt angefühlt, wenn ich ehrlich sein soll. Er kann sich sogar meines Körpers bemächtigen.« Ich spürte, wie erneut Ärger in mir aufzusteigen drohte.
   »Norrizz nennst du ihn?« Ein amüsiertes Lächeln huschte über Ilazhars Züge.
   »Ich wäre froh, wenn er verschwinden würde«, knurrte ich.
   Der Schattenmagier schüttelte vehement den Kopf. »Du hast ihn zu stark werden lassen. Und ich muss dir meine ehrliche Bewunderung dafür aussprechen.« Wieder stand mein Mund offen. Ein Kompliment von Ilazhar?
   »Ich habe davon gehört, dass es möglich sein soll, seine Seele zu spalten«, sagte er. »Niemals habe ich es mit eigenen Augen gesehen. Es ist die Königsklasse der schwarzen Magie. Du sagst, dein Seelensplitter sei in der Lage, in die Realwelt einzugreifen?« Ilazhars Augen leuchteten. Ich hatte nie zuvor erlebt, dass er für irgendetwas Begeisterung zeigte.
   »Leider«, presste ich hervor, »er macht mir das Leben schwer.« Ich drehte mich noch einmal um, aber Norrizz war wieder verschwunden. Erleichterung durchflutete mich, denn ich fühlte mich schlecht dabei, über ihn zu sprechen, während er zuhörte. Es war ein alberner Gedanke, denn es war mir durchaus bewusst, dass Norrizz alles mitbekam, was ich tat und dachte, auch wenn ich ihn nicht sehen konnte.
   »Weißt du eigentlich, dass du mächtiger sein könntest als alle Alven dieser gottverfluchten Welt?«, fragte Ilazhar mit bedeutungsvoll gesenkter Stimme. »Dieser Norrizz ist unverwundbar, eine unschlagbare Waffe in einem Krieg. Du bist in der Lage, ihm eine Gestalt zu geben, obwohl du ihn nicht ansiehst. Du beherrschst den Trick bereits, auch wenn du ihn bislang nicht auf die Nekromantie übertragen konntest. Wenn du dir auch dies eines Tages zu eigen machen könntest, wärest du unbesiegbar. Geister und totes Fleisch würden für dich kämpfen, und kein Schwert könnte ihnen etwas anhaben. Ich bin mir sicher, dass du bald in den Kessel gerufen wirst.«
   Ich war nicht in der Lage, Freude darüber zu empfinden. Es wäre mir bedeutend lieber gewesen, diesen »Trick« nicht zu beherrschen, denn er war mein Fluch und mein Verderben. Einzig die Aussicht, Myrius eines Tages als mächtigster Magier aller Zeiten gegenüberzutreten, entlockte mir ein Lächeln. Ich fragte mich, ob Myrius Norrizz einst auch gesehen hatte. Wenn er ein guter Magier war, musste er ihn bemerkt haben. Myrius hatte mich gehasst, weil er genau wusste, welch magische Meisterleistung mir gelungen war. Er war von Neid zerfressen gewesen. Ein Hauch von Genugtuung streifte mich.
   Ich wollte den Mund öffnen, um etwas zu sagen, doch bevor ein Laut meine Lippen verlassen konnte, ertönte ein ohrenbetäubendes Zischen über unseren Köpfen, das jedes andere Geräusch verschluckte. Ich legte den Kopf in den Nacken und beobachtete, wie eines der dreieckigen Fluggeräte der Schattenalven über mich hinwegflog und auf die Stadt zusteuerte. Die Flugautos versetzten mich nach wie vor in Erstaunen, und meine Neugier war beinahe unerträglich. Ich wünschte mir so sehr, das Gefährt zu untersuchen, doch ich hatte noch keines davon irgendwo parken sehen, um es in Ruhe zu studieren. Ich hatte immer geglaubt, Tesmers Automobil aus Caverny wäre das modernste Fahrzeug, das ein Alve je erfunden hatte, doch in mancherlei Dingen wurde ich eines Besseren belehrt.
   Ilazhar schien meinen paralysierten Gesichtsausdruck bemerkt zu haben. »Ozzare leistet sich so manchen Luxus«, kommentierte er, ohne sich zu dem Auto umzudrehen. Seine Stimme klang emotionslos, doch ich hörte leisen Stolz heraus. »Er und seine Arbeiter können es sich erlauben, Azzvid nahe genug zu kommen, um derartige Maschinen zu bauen.«
   Ich zog die Augenbrauen hoch, wagte jedoch nicht, die Fragen zu stellen, die mir seit Wochen auf der Seele brannten. Das brauchte ich auch gar nicht, denn Ilazhar schien mir anzusehen, was mich bewegte. Seine neu entdeckte Redseligkeit verwirrte mich nicht weniger als ein fliegendes Auto. »Du hast ihn bis heute nicht gesehen, oder?«
   »Nein, ich habe Ozzare bislang nicht kennengelernt«, antwortete ich. Ich hievte meinen Körper vom Boden, stand auf und klopfte mir den roten Staub aus dem Gewand. Meine Tränen waren mittlerweile getrocknet, auch meinen Beinen konnte ich wieder trauen.
   Ilazhar machte eine Geste, als wollte er Fliegen verscheuchen. »Ich rede nicht von Ozzare, Dummkopf! Er verlässt den Kessel nie. Wie willst du ihm begegnet sein?«
   Natürlich wusste ich um die krankhafte Angst des Obersten, jemand könnte ihn töten und seinen Platz einnehmen.
   »Ich rede von Azzvid«, knurrte Ilazhar.
   Statt einer Erwiderung warf ich meinem Lehrer nur einen fragenden Blick zu.
   »Seid ihr Ungläubige, drüben in Calanien?« Seine Augen wurden schmal und er schüttelte brüskiert den Kopf.
   »Nein. Wir huldigen Sinjar, dem Heiligen.«
   Der Schattenmagier atmete hörbar ein und presste die Luft durch die geschlossenen Zähne wieder heraus. »Ein halber Glaube ist kein Glaube. Was ist mit Azzvid, dem Unersättlichen?«
   Ich schüttelte den Kopf.
   »Die Große Maschine? Davon wirst du doch wohl gehört haben, oder? Was erzählt dir unsere Sippe überhaupt von uns? Nichts?« Ilazhars Stimme bebte vor Zorn.
   »Ich habe von dieser Maschine gehört, aber niemand hat sich bemüßigt gefühlt, mir zu erklären, was es damit auf sich hat.«
   »Azzvid manifestiert sich in dieser Maschine, die uns die Rote Energie für unsere Erfindungen liefert. Fluch und Segen zugleich, aber wenn du mich fragst, eher ein Fluch.« Ilazhar wandte sich zum Gehen ab. »Komm mit, ich zeige sie dir.«
   Wir brachten den Rückweg schweigend hinter uns. Ich vermied nach Kräften, in Grübeleien zu verfallen. Natürlich hatte ich die Sippenmitglieder gelegentlich von dieser Maschine reden hören. Zuerst hatte ich geglaubt, dabei handelte es sich um ein Kraftwerk, einen großen Dampfmotor, der für zahlreiche ihrer technischen Finessen die Energie liefert. Irgendwann kam ich auf die Idee, dass die Ssa’ryll, wie sich das Volk der Schattenalven in seiner eigenen Sprache nannte, ihre seltsame Maschine für einen Gott hielten. Ihre Sitten und Gebräuche waren mir ohnehin völlig fremd – weshalb dann nicht auch einer Maschine huldigen?
   Wir durchquerten die Schlucht und die dahinterliegende Gesteinswüste, bis die Stadt Corghazhar vor uns bedrohlich in den grauroten Himmel aufragte. Ein wunderbarer und zugleich schrecklicher Anblick. Wie oft hatte ich in Elvar die Launen des Wetters verflucht? Hier war es jeden Tag gleich. Man vermisst die eigenartigsten Dinge, wenn sie nicht mehr da sind. Arc zum Beispiel … Ich schluckte und rang mit meinen Emotionen. Für heute hatte ich wahrlich genug geheult und gejammert. Ich zwang mich, mit meinen Gedanken in die Realität zurückzukehren.
   Aus Gewohnheit schlug ich den Weg zum großen Tor ein, doch Ilazhar schüttelte nur stumm den Kopf und winkte mich zu sich heran. Wir gingen ein Stück am Stadtrand Corghazhars entlang und bogen auf einen ausgetretenen Pfad ein, der sich zwischen hohen Felsen hindurchschlängelte. Die Haare auf meinen Unterarmen sträubten sich. Ich hatte schon mehrfach die unmittelbare Gegend um die Stadt herum erkundet, doch diesen Pfad hatte ich bislang immer gemieden. Etwas in mir schrie danach, seinem Lauf nicht zu folgen. Es war, als zupfte jemand sacht an meinem Umhang, um mich zurückzuhalten. Ilazhar ging mit erhobenem Haupt und durchgestrecktem Rücken neben mir, er schenkte mir nicht einen einzigen Blick. Bei jedem seiner Schritte klimperten seine zahlreichen Schmuckstücke. Ich kam mir neben ihm wie ein Bettler vor.
   Hinter einer Biegung tat sich jäh ein Krater vor uns auf. Ich malte mir bereits aus, wie ich den steilen Weg je hinunter-, geschweige denn wieder hinaufgelangen sollte, doch Ilazhar blieb stehen und schüttelte den Kopf in einer Weise, die mir zu verstehen gab, dass wir unser Ziel bereits erreicht hatten. Er deutete stumm mit dem Kinn auf eine Stelle am Grund des mehrere Hundert Yards breiten Lochs, vor dem wir standen. In der Mitte des Kraters sah ich etwas, das mich erschrocken einen Schritt zurücktun ließ.
   »Azzvid«, war das einzige Wort, mit dem Ilazhar meinen fragenden Blick kommentierte. Er ließ mir die Zeit, dieses Ungetüm aus der Ferne eingehend zu studieren. Es hatte entfernt Ähnlichkeit mit einem Backofen, allerdings nur, wenn der Betrachter über ein gehöriges Maß an Fantasie verfügte. Ich schätzte die Maschine auf mindestens fünf Yards in der Breite und Länge sowie drei oder vier Yards in der Höhe. Wir standen ein gutes Stück entfernt, sodass ich meine Augen zu Schlitzen verengen musste, um die Details zu erkennen. Ein gewaltiges Rohr ragte senkrecht aus der Mitte heraus, eine Vielzahl von weiteren Rohren und Zahnrädern schmückte das Gehäuse. Ein kompliziertes Geflecht aus allerhand Bauteilen, wobei sich mir deren Funktion nicht erschloss. Ich erkannte, dass etwas in der Maschine rumorte und arbeitete. Hinter einem quadratischen Fenster an der Front glühte es, als befände sich dort ein Kohleofen. Die Maschine machte keineswegs einen freundlichen Eindruck, sofern man diese Bezeichnung für anorganische Dinge überhaupt verwenden kann. Sie ließ mich erschaudern, ließ Angst und Abscheu durch meine Adern fließen. Dennoch brannte ich vor Neugier. Zu gern wäre ich hinabgestiegen und hätte sie mir aus der Nähe angesehen, doch Ilazhars strengem Blick zufolge hätte er mich daran gehindert. Ein Koloss aus Metall, augenscheinlich eine technische Meisterleistung, polterte und ratterte dort unten auf dem Grund des Kraters, aber weit und breit war niemand zu sehen, der die Maschine bediente oder in irgendeiner Form Gebrauch davon machte. Welchen Sinn erfüllte sie? Alles diente einem Zweck!
   Erst jetzt bemerkte ich etwas neben der Maschine, das sich vom rötlichen Gestein abhob. Es sah aus, als hätte jemand einen Holzhaufen aufgeschichtet, doch die Äste waren zu hell, fast weiß. Ich strengte meine Augen weiter an. Als ich einen Schädel am Fuß des Haufens liegen sah, fuhr mir die Erkenntnis wie ein Gewehrschuss in die Glieder. Aufgeschichtete Knochen!
   Ilazhar bemerkte meine Bestürzung und rührte sich. »Was sagst du dazu?« Sein Tonfall war der eines Lehrers.
   Mir wollten keine Worte einfallen, die beschrieben, was ich empfand. Ich war zugleich begeistert, entsetzt, verwirrt und von einer in mir schwelenden Angst erfüllt.
   »Das ist Azzvid, der Unersättliche«, fuhr Ilazhar fort. »Ein grausamer Gott. Du solltest ihn gesehen haben, um mein Volk besser zu verstehen. Ich komme nicht häufig hierher.« Er stieß ein kurzes Knurren aus. »Noch ist die Todessehnsucht in mir nicht groß genug, um den Krater hinabzusteigen.« Er griff in die Tasche seines Gewandes, zog das Päckchen mit der roten krümligen Substanz heraus und steckte sich eine Handvoll davon in den Mund, der sich daraufhin blutrot färbte.
   »Was ist das? Was kaust du ständig?« Ich wusste, dass es Ilazhar nicht ausstehen konnte, wenn sein Schüler ihn mit Fragen löcherte, doch ich hoffte, dass er es mir angesichts der ungewöhnlichen Situation nachsah.
   Der Magier verzog den Mund zu etwas, das einem Grinsen nicht unähnlich war, jedoch nicht von Herzen kam. Er offenbarte seine rot gefärbten Zähne. »Das sind Blutpilze. Ohne die kann ich Azzvids Nähe nicht ertragen. Niemand kann das auf Dauer.« Er hielt mir das Päckchen mit den zerstoßenen Pilzen hin, doch ich schüttelte den Kopf. Ilazhars Augen weiteten sich. »Hörst du denn nicht sein Rufen? Immerzu? Hier in seiner Nähe ist es kaum zu ignorieren.«
   Ich sah ihn fragend an. »Ich fühle mich zwar nicht wohl, aber es ist nicht so dramatisch, dass ich den unbedingten Wunsch verspüre, meine Angst im Drogenrausch zu ersticken.«
   Ilazhar zog die Augenbrauen hoch und bedachte mich mit einem ähnlich entgeisterten Blick, mit dem ich die Maschine angestarrt hatte. »Nicht? Bei Sinjar, du bist ein Glückspilz! Dein verwaschenes Blut erweist sich in diesem Punkt als wahrer Vorteil.« Er warf noch einen kurzen Blick auf die Maschine, schüttelte sich kurz und wandte sich dann ab. »Lass uns gehen.«
   Ich trottete hinter Ilazhar her, der es mit einem Mal ziemlich eilig zu haben schien. Ich musste mich anstrengen, mit ihm mitzuhalten.
   »Weshalb ist es für euch so unerträglich, die Maschine anzusehen?«
   Ich sah einen kurzen Anflug von Missmut über das Gesicht meines Lehrers huschen. »Azzvid ist das Böse schlechthin. Er vergiftet die Luft um uns herum, mit jedem Atemzug saugen wir mehr von seiner Pestwolke in uns hinein.« Er warf mir einen kurzen Seitenblick zu, als wollte er sich vergewissern, dass ich ihm zuhörte. »Azzvid ernährt sich von den Toten, aber nicht von ihrem Fleisch, sondern von ihren gepeinigten Seelen. Ist dir nie aufgefallen, wie niedergeschlagen die Ssa’ryll sind? Azzvid begnügt sich nicht mit gewöhnlichen Toten, o nein, er will, dass sich jemand selbst hinrichtet, denn nur so hat er Zugang zu dessen Seele, die er in Rote Energie umwandelt. Alles hier in Corghazhar wird mit Roter Energie betrieben, sie erfüllt die Atmosphäre. Der Preis für unseren Luxus ist leider der des Todes. Weshalb liegen dort unten Knochen? Früher oder später werden wir alle sterben. So schnell können wir nicht für Nachwuchs sorgen. Sogar die Kinder folgen schon seinem Ruf, nicht wenige der Schädel dort unten sind kaum größer als meine Faust.« Die letzten Worte presste er voll Bitterkeit heraus.
   Wir erreichten das große Tor zur Stadt und tauchten in die Gassen ein. Da unsere Worte nun hörbar von den Wänden widerhallten, senkte Ilazhar die Stimme, als er weitersprach. »Kette jemanden dort unten an und gib ihm ein Messer. Meist hat der arme Schlucker sich innerhalb weniger Stunden zerfleischt, denn so nahe bei Azzvid ist die Todessehnsucht immens. Ich für meinen Teil möchte mein Ende nicht durch Selbstmord erfahren, doch die Realität sieht anders aus. Niemand hier stirbt eines natürlichen Todes. Der Reichtum eines Alven bemisst sich in seinem Vorrat an Blutpilzen, das einzige Mittel, um der Depression eine Weile lang zu entkommen. Ozzares Vorräte sind unerschöpflich, aber er rückt die Pilze nur gegen eine entsprechende Gegenleistung heraus.«
   Ich hatte mich immer schon gefragt, wie die Schattenalven Handel betrieben und weshalb sie ständig Fleisch, Erz und andere Güter in den Kessel brachten, ohne Geld oder andere Waren dafür zu erhalten. Nie hatte ich Münzen oder ein anderes adäquates Zahlungsmittel dafür fließen sehen. Jetzt verstand ich. Ozzare schien ein kluger Geschäftsmann zu sein, der seine Untertanen an der kurzen Leine hielt.
   Als Ilazhar in die Straße zum Kessel einbog und ich mich meinerseits auf den Rückweg zu meiner Hütte machte, dachte ich angestrengt über die Worte des Schattenmagiers nach. Die Ssa’ryll führten ein erbärmliches Leben. Sie vergrößerten Ozzares Reichtum, ackerten und schufteten im wahrsten Sinne des Wortes um ihr Leben. Jäh erschloss sich mir, weshalb alle Schattenalven blass und kränklich aussahen. Sie lechzten nach der Droge, die außerhalb des Kessels ein wertvolles Gut war. Bemitleidenswert! Und das behauptet jemand wie ich, dem Nächstenliebe nie gut zu Gesicht stand. Mein Hass auf die Alven Calaniens wuchs weiter. Breanor, und vor ihm seine Vorfahren, hatten dieses Volk jenseits der Dunkelheit im Stich gelassen. Sie hatten ihnen den Kompass gestohlen, die einzige Methode, um dem Irrsinn zu entfliehen. Und dann hatte Breanor auch noch eine Kopie von dem wertvollen Artefakt zusammen mit Arc entwendet, vermutlich aus Versehen. Folglich war Ylenia in Besitz der Kopie, das Original musste noch immer irgendwo in Calanien existieren, vermutlich bei Breanor.
   Allmählich wuchs der Wunsch in mir, die Schattenalven würden endlich ihre Armee aufstellen und in Calanien einmarschieren, selbst, wenn dies für mich bedeutete, Ylenia auf den Thron zu verhelfen. Es war mir mittlerweile seltsam egal, wer dort König war, obwohl mich der Schmerz über Ylenias Verrat noch immer zu übermannen drohte. Ich wünschte mir Rache an meinem Volk, Rache an meinem Vater. Sonst nichts.

Kapitel 3
Azzvids Fluch

Ilazhar beehrte mich in den folgenden Tagen nicht mit seiner Anwesenheit. Er hatte das seltsame Talent, immer dann aufzutauchen und meine Aufmerksamkeit zu fordern, wenn es mir gerade überhaupt nicht passte. Oft schlich er sich in meine Hütte, sogar wenn ich schlief. Manchmal überraschte er mich im Badehaus, mit nichts als einem Handtuch bekleidet. Sogar auf dem Toilettenhäuschen war ich nicht vor ihm sicher. Er bombardierte mich mit Magieblitzen, wann immer es ihm beliebte, und meine Aufgabe war es, stets auf der Hut zu sein und mich davor zu schützen. Ilazhar beabsichtigte, meine Achtsamkeit zu steigern, dennoch bewirkte er mit seinen ständigen Überraschungsbesuchen, dass ich kaum noch schlief. Ein Glück, dass meine magischen Schutzwehren mittlerweile auch ohne körperlichen Schmerz recht zuverlässig wirkten. Ilazhar genoss als Schattenmagier besondere Rechte. Er verschaffte sich Zutritt zum großen Platz, ohne dass ihn jemand daran gehindert hätte. Es gab absolut keinen Ort, an dem ich mir sicher sein konnte, seinen Attacken entfliehen zu können. Irgendwann kam eine Woche – ich schätzte zumindest, dass es eine Woche war, immerhin zählte ich die Tage längst nicht mehr –, in der Ilazhar sich nicht blicken ließ. Zuerst glaubte ich, es wäre einer seiner Tricks, um mich in Sicherheit zu wiegen. Doch mit jeder Stunde, die verging, wurde die Frage in mir lauter, ob ich den Schattenmagier verärgert haben könnte. Schließlich dachte ich sogar daran, dass ihm etwas zugestoßen war. Die Albträume von der Großen Maschine schwirrten des Nachts wie geflügelte Dämonen um mein Bett. Ich konnte einfach nicht vergessen, was Ilazhar mir über sie erzählt hatte. Es erfüllte mich mit Grauen. Mit keinem anderen Alven konnte ich darüber sprechen. Ich hatte ohnehin den Eindruck, dass die anderen mich seit einiger Zeit mieden. Vielleicht fürchteten sie sich vor mir, immerhin war ich ein Schattenmagier in den letzten Zügen seiner Ausbildung. Lediglich Lizzrin und Ezaross behandelten mich wie zuvor. Sie sahen nie verstört zu Boden, wenn sie mir begegneten. Der Sippenführer hatte mich bislang geschont, was meine Aufgaben innerhalb der Gruppe betraf, weil ich mit meiner Ausbildung wahrlich genug beschäftigt gewesen war. Und so kam es, dass er mich nun aufgrund meiner von Ilazhar aufgezwungenen Arbeitslosigkeit stärker in die Pflicht nahm. Ezaross drückte mir ein mit Roter Energie betriebenes Kettenschwert in die Hand – Schusswaffen waren unter den Ssa’ryll unbekannt – und gab mir mit strengem Blick zu verstehen, dass Nahrung sich nicht von selbst beschaffte. Beinahe wäre ich rot angelaufen, weil es mir bisher selbstverständlich erschienen war, durchgefüttert zu werden. Der Anflug eines schlechten Gewissens nagte an mir, aber nur kurz. Dann besann ich mich wieder auf meine neue Position als Magier, dem man Respekt zu zollen hatte. Hochmut hatte nie zu meinen Eigenschaften gezählt, doch Ilazhars Ausbildung hatte mich nachhaltig verändert. Ein junger Mann ist leicht verführbar, sein Selbstbewusstsein dehnbar wie ein Ballon und seine Überzeugungen noch nicht fest genug in ihm verankert, als dass er gegen Überheblichkeit gefeit gewesen wäre …
   Obwohl es mir nicht behagte, machte ich mich dennoch auf den Weg ins Umland von Corghazhar, wo ich etwas Essbares zu erlegen gedachte. Es war mir eine willkommene Ablenkung. Mit der Waffe in der Hand fühlte ich mich unbesiegbar, obwohl ich mir schwerlich vorstellen konnte, dass jemand mich angegriffen hätte. Meine Position als Magier hatte sich mittlerweile bis in den hintersten Winkel der Stadt herumgesprochen. Man bewunderte mich nicht nur für meinen Stand, sondern auch darum, dass ich als einziger Alve nicht unter dem tödlichen Einfluss Azzvids litt. Ich hörte seinen Ruf schlicht nicht.
   Die Tierwelt jenseits der Dunkelheit war nicht mit der Calaniens vergleichbar. Nicht nur, dass ihre Populationen nur wenige Individuen zählten, auch die Arten waren mir gänzlich unbekannt. Zumeist waren es kleine Säugetiere, zähe Biester, die den widrigen Bedingungen einer trockenen und baumarmen Umgebung trotzten. Am häufigsten begegnete mir eine Art, die sich am ehesten mit einer Ratte vergleichen ließ. Doch es gab auch größeres Getier, die Sandböcke zum Beispiel. Sie lieferten den überwiegenden Anteil an Fleisch. In den flachen Ebenen, einige Meilen vor Corghazhar, gab es ganze Herden dieser kleinen ziegenähnlichen Viecher. Ich beabsichtigte, einen Sandbock zu erlegen, ihn nach Corghazhar zu schleifen und so zumindest meinen guten Willen zu beweisen. Natürlich gab es noch wesentlich größere Tiere, selten zwar, und ich hatte noch keines davon zu Gesicht bekommen, doch Ilazhar hatte mir von Bären und Raubkatzen berichtet.
   Als ich an dem Pfad vorbeikam, der zur Maschine führte, überzog trotz der Hitze eine Gänsehaut meinen Körper. Ich wandte mich ab und beschleunigte meine Schritte.
   Ich stellte mich auf einen langen Marsch zu den Herden der Sandböcke ein, doch schon kurz hinter der Stadt vernahm ich ein Scharren, das aus einer kleinen Gehölzgruppe heraus an meine Ohren drang. Ein Tier? Was auch immer es war, es erregte meine Aufmerksamkeit über Gebühr. Als das Geräusch sich wiederholte, gefolgt von einem leisen Stöhnen, war ich mir sicher, dass es sich nicht um ein Tier handelte. Welcher Alve sollte sich hier draußen in der Einöde ins Gesträuch geschlagen haben? Und zu welchem Zweck? Mich streifte der Gedanke, ob es sich um ein heimliches Liebespaar handeln könnte, doch ich verwarf ihn sogleich. Unter den Schattenalven gab es keine »heimlichen« Liebespaare, diese Denkweise war durch und durch calanisch. Die Ssa’ryll machten keinen Hehl daraus, wenn ihnen jemand vom anderen Geschlecht gefiel. Es gab keine Ehen, keine festen Verbindungen. Sie frönten ihrer Natur, wie es ihnen passte. Sie lebten nicht in Familien, sondern zogen ihre Kinder gemeinsam auf. Auch hatte ihr Nachwuchs zu niemandem ein besonders enges Verhältnis, die Erzeuger kümmerten sich nicht mehr oder weniger als alle anderen – wobei ich erwähnen muss, dass kaum ein Alve seinen Erzeuger überhaupt kannte, denn sie wechselten ihre Partner häufig.
   Jedenfalls schob ich den Gedanken beiseite, dass es sich bei dem Gestöhne um verfängliche Laute handeln könnte. Vorsichtig näherte ich mich der Geräuschquelle. Hinter einem besonders dicken und hässlichen Baum mit unästhetisch gewundenen Ästen entdeckte ich einen am Boden sitzenden Mann, der mit dem Rücken gegen den Stamm lehnte. Er hatte mich noch nicht gesehen, da ich es verstand, mich lautlos von der Seite anzuschleichen. Ich blieb stehen, verborgen in den Schatten. Ich hatte ihn nie zuvor gesehen. Er war nackt und führte keine Waffe mit sich. Sein Anblick erregte Mitleid in mir, obwohl ich gedacht hatte, meine Gefühle weggesperrt zu haben. Doch anscheinend hatte ich sie nicht abgetötet.
   Der Mann bot einen kläglichen Anblick. Kein Schattenalve strotzte vor Gesundheit und Lebensmut, doch diesem Kerl hätte ich nicht einmal mehr zugetraut, allein aufstehen zu können. Seine Haut hatte einen unschönen Grauton, seine Augen jeden Glanz verloren. Er war dünn, als hätte er seit vielen Tagen nichts mehr gegessen. Die strähnigen schwarzen Haare hingen ihm über die Schultern, kahle Stellen ließen seine Kopfhaut hindurchschimmern. Wie gebannt starrte ich ihn an, ohne auf mich aufmerksam zu machen. Es war offensichtlich, dass er Hilfe benötigte, doch ich blieb stumm.
   Erst jetzt bemerkte ich den langen, schmalen Gegenstand in seiner Hand, der metallisch blitzte. Ein Messer? Ich vermochte es nicht zu sagen. Vielleicht war es auch ein Schraubendreher. In einer technisierten Welt wie dieser gab es eine Vielzahl Werkzeuge, die ähnlich aussahen. Während ich mir noch den Kopf darüber zerbrach, schnellte seine Hand in einer blitzartigen Bewegung, die ich ihm nicht zugetraut hätte, hervor. Unwillkürlich wich ich einen Schritt zurück, obwohl sein Hieb offensichtlich nicht mir gegolten hatte. Ein gurgelnder Laut ließ mich verstehen, was der Mann getan hatte. Ein Schwall roten Blutes rann an seinem Oberkörper hinab, sammelte sich in seinem Schoß, floss an seinen Leisten entlang und versickerte schließlich im rötlichen Sand. Sein Körper zuckte und wand sich, der Kopf prallte zurück gegen den Baumstamm. Ich sah noch, wie sich seine Augen verdrehten und ein undeutbares Lächeln über seine Züge huschte, ehe er regungslos verharrte. Aus seinem Hals ragte der Griff des Gegenstandes, mit dem er sich selbst getötet hatte. Noch einige wenige Stöße Blut sprudelten im Takt seines sich verlangsamenden Herzschlags aus der Wunde, ehe der Strom versiegte. Ich war so schockiert von diesem Anblick, dass ich mich mit dummen Fragen ablenkte. Sollte ich seinen Körper hier einfach liegen lassen? Die Schattenalven kannten keine Beerdigungszeremonien, sie verbrannten die Leiber ihrer Toten auch nicht nach Art der Südalven. Meist brachten sie die Leichen zu irgendeinem entlegenen Winkel der Gesteinswüste um Corghazhar, legten sie dort ab und kümmerten sich nicht weiter darum.
   Ich beschloss, den erfolgreichen Selbstmörder nicht anzurühren. Doch kaum hatte ich mir diese Frage beantwortet, drängte sich wieder das Entsetzen in den Vordergrund meiner Aufmerksamkeit. Ich wollte den Blick von ihm abwenden, aber es gelang mir kaum. Ich hätte ihn noch aufhalten können, schoss es mir durch den Kopf. Aber sogleich ermahnte ich mich, dass ich ihm damit nicht geholfen hätte. Der Einfluss der Großen Maschine war immens, Azzvid zupfte und nagte an den Schattenalven, fraß sich in sie hinein wie Säure, bis sie ihm freiwillig ihre Seele gaben. Nachdem Ilazhar mich in dieses Geheimnis eingeweiht hatte, sprach ich Ezaross einmal beim Mittagsmahl darauf an, aber er hatte mir nur einen zutiefst tadelnden Blick zugeworfen und nichts erwidert. Mir schien, dass die Ssa’ryll nicht gern über ihr Schicksal sprachen. Seitdem hatte ich das Thema nicht mehr angeschnitten, und da sich Ilazhar seit Tagen nicht mehr bei mir blicken ließ, gab es auch niemanden, mit dem ich darüber hätte reden können. Jetzt, wo ich diesen Mann hier sitzen sah, blutüberströmt und abgemagert, schien ich erst zu begreifen, wie dramatisch die Situation für all jene Alven war, die ihre Zeit in der Nähe einer seelenfressenden Maschine verbringen mussten. Sie belieferte die gesamte Stadt mit Roter Energie, doch zu welchem Preis? Sie war Fluch und Segen zugleich. Doch ich musste Ilazhar recht geben: Die Nachteile überwiegten eindeutig.
   Ich wandte mich von der Leiche ab und ging zurück zu dem Pfad, dem ich zuvor gefolgt war. Doch mit einem Mal war mir das Wenige an Motivation, das ich für die Jagd aufgebracht hatte, auch noch abhandengekommen. Eine heiße Welle aus Trotz überspülte mich. Sollte Ezaross mich tadeln, weil ich kein Fleisch mitbrachte! Was konnte er schon dagegen tun? Mich angreifen? Das würde er nicht wagen. Er wusste, wie mächtig ich geworden war. Mir die Mahlzeiten verweigern? Meinetwegen. Askese hatte zu Ilazhars Trainingsmethoden gehört, ebenso wie Schmerz. Ich nahm mir vor, am nächsten Tag jagen zu gehen, ein Tag ohne Nahrung erschien mir keine besonders hohe Strafe.
   Ich machte auf dem Absatz kehrt und ging zurück Richtung Stadt. Doch anstatt auf das große Tor zuzusteuern, kamen meine Beine wie von Marionettenfäden gezogen vom Weg ab, und ehe ich mich versah, befand ich mich auf dem Pfad zur Maschine. Es war nicht einmal eine bewusste Entscheidung gewesen, doch irgendetwas hatte mich angezogen wie ein Magnet. Obwohl mir der Gedanke, dem eisernen Koloss allein gegenüberzustehen, einen Schauder nach dem nächsten über den Rücken jagte, setzte ich dennoch einen Fuß vor den anderen, bis ich den Rand des Kraters erreichte, auf dessen Grund Azzvid rumpelte und ratterte. Es war dasselbe Phänomen, wie wenn man einen Schwerverwundeten anstarrte. Man war schockiert, konnte aber nicht wegsehen. Schreckliche Eigenschaft.
   Ich blieb stehen und sah hinab in den Krater. Das monotone Gerumpel der Maschine und der rötliche Schein, der hinter der Ofenklappe flackerte, beruhigten mich auf eine seltsame Art und Weise. Diese Maschine hatte etwas Beständiges an sich, sie war vermutlich älter als alles Leben auf dieser Welt. Sie faszinierte mich bis ins Mark, und sehr zu meinem Leidwesen musste ich zugeben, dass ich meine alten Vorlieben noch nicht vergessen hatte. In den hintersten Winkeln meines Selbst war ich noch immer ein Ingenieur. Mich packte eine unkontrollierbare Neugier. Ich sah mich um, doch außer mir war niemand hier. Wer würde auch freiwillig hierherkommen? Kein Schattenalve hielt es ohne einen gewaltigen Vorrat an Blutpilzen länger als eine Minute in der Nähe Azzvids aus. Keiner außer mir …
   Ich machte mich an den Abstieg in den Krater, als ich urplötzlich eine Hand auf meiner Schulter spürte. Ich stieß einen kurzen Schrei aus, schob den Arm von mir herunter wie eine eklige Spinne und fuhr herum. Ich blickte geradewegs in das blasse und ausgezehrte Gesicht von Norrizz.
   »Was hast du vor?« Er klang teils anklagend, teils flehend.
   »Ich möchte mir die Maschine aus der Nähe ansehen, sonst nichts.« Ich ärgerte mich, dass mir der Plagegeist den Moment des Alleinseins vergällte.
   »Geh nicht.« Jetzt flehte Norrizz mich unverhohlen an, und die Panik in seinen trüben Augen versetzte mir einen Schrecken. Ungeachtet dessen kletterte ich weiter den Abhang hinunter.
   »Nein!«
   Niemals hatte seine Stimme derart verzweifelt geklungen. Er zerrte an meinen Ärmeln, schien aber kaum dazu in der Lage zu sein.
   »Weshalb soll ich mir die Maschine nicht ansehen? Die Gelegenheit ist günstig.« Ich ging noch ein paar Schritte weiter, bis ich die gewaltige Hitze, die Azzvid verströmte, deutlich wahrnahm. Aus der Nähe betrachtet wirkte er noch imposanter. Er verströmte einen Geruch nach Angst, Verzweiflung und Niedergeschlagenheit. Ich nahm ihn wahr, ließ mich davon jedoch nicht beeinflussen. Seine magische Pestwolke, die jeden Schattenalven früher oder später niederstreckte, konnte mir nichts anhaben. Beinahe spürte ich Azzvids Verärgerung. Ich weiß nicht, ob es Zufall war, aber in diesem Moment rumpelte und zischte die Maschine noch lauter als zuvor, als hätte ich sie in ihrer Ehre gekränkt. Hinter mir vernahm ich Norrizz’ herzzerreißendes Gewinsel. Ich drehte mich zu ihm um, sein Anblick schockierte mich. Er kniete mit weit aufgerissenen Augen auf dem Boden und japste nach Luft. Vielleicht war es Einbildung, aber ich hatte das Gefühl, dass seine Gestalt flackerte. Gleichzeitig spürte ich ein Reißen in meinem Inneren, als würde mir jemand ein Körperteil herausschneiden. Mein nackter Überlebensinstinkt trieb mich, einen Schritt auf Norrizz zuzugehen, ihn an den Händen zu packen, auf die Beine zu ziehen und an mich zu drücken. Ich fühlte, wie er mit mir verschmolz, in meinen Körper und Geist drang. Urplötzlich wurde mir übel. Ich taumelte einen Schritt zur Seite und übergab mich neben einem Haufen Knochen. Nackte Angst und der unbedingte Wille, hier und jetzt zu sterben, rissen mich wie eine Flutwelle von den Beinen. Ich wusste, wenn ich nur einen Moment länger hier blieb, würde ich dem Impuls nachgeben und mir selbst die Kehle herausreißen. Der Grund lag auf der Hand: Azzvid konnte mir zwar nichts anhaben, Norrizz hingegen schon. Und da er mein Seelensplitter war, ließ mich sein Ruf nicht ganz so kalt wie erhofft. Ich entfernte mich von der Maschine. Schweiß rann mir das Gesicht und den Rücken hinab. Erst, als ich unter immenser Kraftanstrengung den Hang zum Rand des Kraters hinaufgestiegen war, gönnte ich mir eine Pause. Ich fühlte mich seltsam verändert. Bisher hatte ich nie unter Azzvids Einfluss gelitten, hatte nichts von seiner todbringenden Magie gespürt. Zumindest so lange, bis Norrizz in mich eingedrungen war. Ich hatte für einen Moment aus einem Instinkt heraus unsere Seelen wieder zu einem Ganzen zusammengefügt, mit allen Konsequenzen. Wenn Norrizz gestorben wäre, hätte ich ihn vielleicht begleitet. Ich wusste wenig über die Magie der Seelenspalterei, hatte sie als Kind womöglich unbewusst angewandt. Selbst Ilazhar hatte mich nicht unterrichten können, weil er über diese Gabe nicht verfügte. Ich fragte mich, ob Norrizz jetzt für immer verschwunden sein würde, oder ob er sich lediglich in meinem Inneren verkrochen hatte. Ich fühlte, wie seine Gedanken die meinen infiltrierten. Wir waren stets zwei getrennte Seelen gewesen, ein jeder mit seinem eigenen Charakter und Willen. Mir schwirrte der Kopf.
   Noch lange blieb ich am Kraterrand stehen, ehe ich mich endlich in der Lage fühlte, weiterzugehen. Ich wollte nur noch zurück in meine Hütte, mich auf mein Bett legen und einen ganzen Tag lang schlafen. Ich hätte auf Ilazhar hören und der Maschine keinen Besuch abstatten dürfen. Alles war in Ordnung gewesen, bis Norrizz aufgetaucht war. Mit einem Mal fiel mir die Erkenntnis wie Schuppen von den Augen. Ich war ein Mischling. Das Blut der calanischen Alven hatte sich über die Jahrhunderte gewandelt, was sich nicht nur in der Haarfarbe äußerte. Südalven und Schattenalven gehörten nicht länger zur selben Art, dennoch hatte Breanor es fertiggebracht, mich mit einer Schattenalvin zu zeugen. Vielleicht hatte sich meine Seele bereits am Tag der Zeugung gespalten. Ich war Calanier, Norrizz ein Schattenalve. Deshalb hatte ich bis zu unserer Verschmelzung den dunklen Ruf nicht hören können. Hatte Lizzrin nicht einst zu mir gesagt, Breanor hätte die Maschine überhaupt nicht sehen können? Dass sie sich den Blicken der Calanier entzog? Ich hatte sie dennoch gesehen. Entweder hatte Azzvid mich für einen vollwertigen Ssa’ryll gehalten oder der Teil meiner Seele, der zu Norrizz gehörte, hatte ihn mich sehen lassen.
   Mein Kopf schien unter der Last meiner Grübeleien zu bersten. Hastig steuerte ich auf das große Tor zur Stadt zu. Eine Mütze Schlaf und die Welt würde wieder anders aussehen. Ganz sicher.
   Ich empfand wenig Begeisterung, als ich in den Häuserschluchten Corghazhars beinahe mit jemandem zusammengestoßen wäre, der mir wohlbekannt vorkam. Das hatte mir gerade noch gefehlt! Flüchtig atmete ich den Geruch von Jasmin ein. Ich blickte in große Augen, die erschrocken zu mir aufsahen. Die dunkelbraune Lockenpracht war zu einem Knoten im Nacken gebunden, doch einige vorwitzige Strähnen hatten sich gelöst und fielen Ylenia keck ins Gesicht. Ich blieb wie angewurzelt vor ihr stehen. Ein Stich fuhr mir in die Brust.
   »Kannst du nicht aufpassen?«, keifte ich sie harsch an, um mir meinen Seelenschmerz nicht anmerken zu lassen.
   Sogleich straffte sich Ylenias Rücken, als erinnerte sie sich an ihre Rolle als Heldin, die auszog, um die Menschheit von der Geißel der Unterdrückung zu befreien. Ihr kleiner roter Mund spitzte sich. »Es tut mir leid«, presste sie hervor. »Ich habe dich nicht bemerkt.« Anscheinend wollte sie schnippisch klingen, doch ich hörte einen seltsamen Anflug von Bedauern aus ihrer Stimme heraus.
   Ihr Blick wanderte an mir auf und ab. Ihre zornig zusammengezogenen Augenbrauen entspannten sich. Ich wollte sie grimmig ansehen, aber es gelang mir nicht. Ylenia sah gut aus. Sie hatte ein wenig zugenommen, die Haut war rosig und ihr Kleid sauber und frisch. Ein Gewand, wie es die Alvinnen im Kessel trugen, fein bestickt und aufwändig verarbeitet. Vermutlich war es ihr sehr gut ergangen in den zurückliegenden Wochen. Ich hingegen bot einen weniger erfreulichen Anblick, das verriet mir nicht allein Ylenias betroffener Gesichtsausdruck. Ich hatte eine entbehrungsreiche Zeit hinter mir, geprägt von Askese und Schmerz. Die Ausbildung hatte Spuren hinterlassen.
   »Du siehst schrecklich aus.« Ylenia sprach aus, was ich an ihrer Miene längst abgelesen hatte.
   »Das Leben eines Magieschülers ist kein Zuckerschlecken«, sagte ich in Ermangelung einer besseren Antwort. »Weder in Calanien noch in Corghazhar.«
   Ich hatte immer geglaubt, ich würde sie zerfetzen, sollte sie mir noch einmal über den Weg laufen, doch nun war ich sogar außerstande, ihr einen bösen Blick zuzuwerfen.
   »Ich habe gehört, dass du Fortschritte machst«, sagte sie, und beinahe hätte ich geglaubt, ehrlichen Stolz in ihren Augen aufblitzen zu sehen. Soso, sie war also über den Stand meiner Ausbildung informiert. Natürlich. Immerhin war Ilazhar Ozzares persönlicher Schattenmagier. Falls Ylenia nicht auf wundersame Weise die alvische Sprache gelernt hatte, würde er wohl oder übel ihre Worte übersetzen müssen. Bloß seltsam, dass Ilazhar im Kessel über mich sprach. Ich erwiderte nichts auf Ylenias letzten Kommentar, sondern zwang mich, ihr in die Augen zu sehen.
   Als die Stille zwischen uns peinlich zu werden drohte, zwang sie sich zu einem Lächeln. »Fyn, es tut mir alles wirklich sehr leid.« Es überraschte mich, dass sie es wagte, mir ihr Mitgefühl auszusprechen. Sie hatte mir das Herz herausgerissen! Und überhaupt: Alles war ihre Schuld!
   »Du kannst dir dein Mitleid sparen«, hörte ich mich mit seltsam dünner Stimme sagen. Meine Kehle schnürte sich zu. Ich hoffte, Ylenia würde es darauf beruhen lassen. Es war wie das Herumstochern in einem Geschwür oder das Herunterkratzen von Schorf über einer Wunde. Ich hatte mich längst auf dem Weg der Besserung gewähnt, hatte geglaubt, darüber hinweg zu sein, aber der Anblick ihres kleinen Gesichts und der Duft, der sie umgab, belehrte mich eines Besseren. Plötzlich kamen all die lang verdrängten Erinnerungen wieder an die Oberfläche.
   »Ich kann nachvollziehen, dass du noch immer wütend bist«, riss sie mich aus meinen Gedanken. »Du musst aber auch verstehen, welche Gründe mich dazu getrieben hatten. Es gab keinen anderen Ausweg.«
   Das Schlimmste war, dass ihr Mienenspiel von ehrlichem Bedauern zeugte. Ylenia war eine ausgezeichnete Schauspielerin, doch ich war mir nicht sicher, ob es ihr ausnahmsweise nicht wirklich leidtat.
   »Mich interessiert nicht, welche Gründe du hattest.« Ich machte eine wegwerfende Handbewegung. Noch immer schwirrte mir der Kopf und ich hörte Norrizz in meinem Inneren surren. Ich wollte doch bloß in mein Bett! Das Kettenschwert in meiner Hand erschien mir mit einem Mal fürchterlich schwer.
   »Es wird nicht mehr lange dauern, bis ich mit einer Truppe erneut durch die Dunkelheit reisen werde«, fuhr Ylenia ungeachtet meines offensichtlichen Desinteresses fort. »Wir hatten gehofft, du würdest uns begleiten. Ilazhar hat gesagt, bald würdest du ihm ebenbürtig und damit ein unverzichtbarer Teil unserer Mission sein.«
   Natürlich wollte ich Ylenia unbedingt auf dieser Reise begleiten, doch ich zuckte nur die Achseln, um es ihr nicht zu zeigen. Es ging mir keineswegs um ihren Feldzug, dessen Ausgang mir vollends egal war, sondern einzig um meine persönliche Rache. Ich brannte förmlich darauf, nach Calanien zurückzukehren, auch wenn ich dabei mein Leben riskierte. Seit Wochen schwor ich mir, Breanor für seine Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen. Als Nächstes würde ich mir Myrius vorknöpfen, den selbst ernannten König. Er sollte die Magie spüren, die ich seiner Meinung nach nie besessen hatte. Oft malte ich mir in den schillerndsten Farben aus, wie ich sie alle tötete. Doch das sagte ich Ylenia nicht.
   Stattdessen schoss mir ein Gedanke durch den Kopf wie eine Gewehrkugel. »Wie geht es Arc? Hast du ihn gesehen?« Die Worte sprudelten aus mir heraus, ehe ich nachgedacht hatte.
   Ylenia schenkte mir ein verkniffenes Lächeln. »Ja, ich habe ihn gesehen. Es geht ihm gut. Er ist wieder dort, wo er hingehört. Ozzare war außer sich vor Freude, ihn wiederzuhaben.«
   »Du hast Ozzare gesehen?«
   »Natürlich habe ich das.« Ihr Lächeln wurde breiter. Ich ermahnte mich, Ylenia nicht allzu offensichtlich zu verstehen zu geben, dass ich mich für ihr Leben interessierte. Sollte sie doch weiterhin glauben, dass ich sie hasste. Auch wenn es nicht ganz der Wahrheit entsprach … Ich atmete tief durch, eine Welle der Traurigkeit spülte jäh über mich hinweg. Ich hatte Arc seit Wochen nicht gesehen, vielleicht erinnerte er sich gar nicht mehr an mich. Er war nur eine Maschine und noch dazu in seine Heimat zurückgekehrt. Es schmerzte mich zutiefst, den einzigen Freund verloren zu haben, den ich je mein Eigen genannt hatte. Bevor mir Tränen in die Augen steigen konnten, schüttelte ich meine Gedanken ab.
   »Ich muss jetzt gehen.« Meine Worte klangen gepresst. Ich vermute, Ylenia hatte längst bemerkt, dass ich nicht so unnahbar war, wie ich vorgab.
   Ich setzte mich in Bewegung, hastete an ihr vorbei und vermied es, mich noch einmal umzudrehen. Sicher hätte ich nicht mehr lange mit ihr sprechen können, ohne heulend zusammenzubrechen.
   »Fyn, bitte!«, rief sie mir hinterher. »Du musst mir verzeihen!« Ihre Stimme kippte, und mir brach es das Herz. Tief in meinem Inneren wusste ich, dass Ylenia die ganze Geschichte über den Kopf gewachsen war. Vielleicht hatte sie mich wirklich geliebt. Dennoch konnte ich ihr nicht verzeihen. Ich ging weiter. Sie folgte mir nicht. Völlig aufgelöst machte ich mich auf den Rückweg zu meiner Hütte. In diesem Moment übermannten mich derart viele negative Gefühle, dass ich die dunkle Magie in meinen Fingerspitzen kribbeln spürte. Ich unterdrückte den Drang, jedem Alven, der mir begegnete, den Kopf abzureißen, obwohl es mir sehr schwerfiel.

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